Rüdiger Görner

Europa wagen!

Aufzeichnungen, Interventionen und Bekenntnisse

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4431-5, ISBN online: 978-3-8288-7444-2, https://doi.org/10.5771/9783828874442

Tectum, Baden-Baden
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Te ct um Te ct um Rü di ge r G ör ne r Eu ro pa w ag en ! Rüdiger Görner Europa wagen! Aufzeichnungen, Interventionen und Bekenntnisse Rüdiger Görner Europa wagen! Rüdiger Görner Europa wagen! Aufzeichnungen, Interventionen und Bekenntnisse Tectum Verlag Rüdiger Görner Europa wagen! Aufzeichnungen, Interventionen und Bekenntnisse © Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 ePDF: 978-3-8288-7444-2 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN: 978-3-8288-4431-5 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlag: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes #418030186 von AB Visual Arts | www.shutterstock.com Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliographfische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Europa kann sich nicht in bloßer Selbsterhaltung, sondern nur in einer großen Gefahr oder in einer großen Aufgabe finden. Herbert Lüthy, Schweizer Historiker im Jahre 1957 In: Nach dem Untergang des Abendlandes (Köln 1964), S. 377 VII Inhalt Anstelle einer Hinführung: Europa, ein Gedicht – aus Anlass der „Reisen durch die junge Lyrik Europas“ (2019) von Federico Italiano und Jan Wagner 1 Präambel-Stücke: Europäische Bruchzonen oder: Dissonante Einstimmungen 7 I 21 Europa – eine Idee, ein Recht, eine Pflicht? Notizen auf dem Weg zu einer europäischen Bildungsgesellschaft 23 Brachte uns ‚Bologna‘ Europa näher? – Neue bildungspolitische Herausforderungen 33 Was ist der europäische Hochschulraum? 40 II 49 Das Europäische in Schillers Lyrik 51 Überlegungen zum ‚guten Europäer‘ namens Friedrich Nietzsche 71 „Böhmen am Meer“ und „Dover im Harz“ Über eine paradoxe Kulturtopographie in Europa 92 VIII Den Kontinent neu buchstabieren lernen Europa-Diskurse bei Karl-Markus Gauß, Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas 109 III 133 Wider den faschistoiden Zeitungeist – in Europa und anderswo 135 Belfaster Notizen zu Europa 143 Grenzen als europäische Erfahrung 150 Europa wagen 165 Nachweise 177 1 Anstelle einer Hinführung: Europa, ein Gedicht – aus Anlass der „Reisen durch die junge Lyrik Europas“ (2019) von Federico Italiano und Jan Wagner Nachdem Oskar Loerke mit seinem Gedichtband Silberdistelwald (1934) ein erstes poetisches Zeugnis „innerer Emigration“ im Nationalsozialismus vorgelegt hatte, veröffentlichte er ein Jahr später seinen programmatischen Essay Das alte Wagnis des Gedichts. Gedacht war es als ein Bekenntnis zur poetischen Form und damit zum Ausdruck einer inneren Haltung in Zeiten fortschreitender Barbarisierung, aber auch einer medienbedingten Veränderung unseres Bewusstseins: „Fernschreiber und Fernsprecher beschäftigen gleichsam auch unser inneres Ohr und Auge beständig. […] Das Doppelbewusstsein der Nähe und Ferne hat sich auszuwiegen in unserem Daseinsgefühl.“ Loerke wendet sich dabei gegen das Auseinanderdividieren von „Gedankenlyrik“ und „Stimmungslyrik“ und hält dagegen, dass „die Lyrik das Gefühl aus dem Zufall führen“ müsse. Gefühl habe Gedanke, Gedanke „ganz Gefühl“ zu werden und beide wiederum „ganz Anschauung“. Dabei wehrt er sich gegen die Vorstellung und Forderung, Lyrik müsse um jeden Preis neue Fachterminologien „aus Technik, Ökonomie und Vergnügungsbetrieb“ aufnehmen, um als zeitgemäß gelten zu können. Er befindet: 2 „Jede Muttersprache bedarf zur Akklimatisation der gemeinhin internationalen termini technici einer längeren Frist. Das Tempo des mechanischen Fortschritts und des sprachlichen Lebens ist verschieden.“ Damit meinte 1935 Loerke auch die politische Terminologie, Propagandawörter als Bausteine einer Ideologie, wobei damals gerade das emphatisch nicht- politische Gedicht politisch gemeint sein konnte, und der poetische Blick auf das Europäische, gar die Weltliteratur nicht selten einen Akt von Partisanentum bedeutete. Loerke wagte diese Blicke und damit ein Bekenntnis zum europäischen Kulturerbe, dessen Zukunft sich 1935 freilich ernsthaft zu verdüstern begann. Das Wagnis des Gedichts hielt er dem als stilles, aber für Sehen-Wollende unübersehbares Leuchtzeichen entgegen. Ungezählte Schicksale und gut zwei Generationen später ist zwar das ‚Wagnis des Gedichts‘ im digitalen Zeitalter anderer Art, aber wieder neu verbunden mit dem ‚Wagnis Europa‘. Heute wirkt Europa oft eher wie ein vielstimmiges Zitat aus globalen Verhältnissen, ein afterthought der Kulturgeschichte. Doch dieses in jedem Sinne ‚starke Buch‘ belegt die lyrische Lebendigkeit dieser Kultur als einer permanenten Herausforderung namens Europa. Dieses Buch wagt noch etwas ganz Anderes: Das Übersetzen von Lyrik, und zwar auf eine Art, die im Deutschen das Vielstimmige der poetischen Vorlagen erhalten will. Übersetzt überschreiten Gedichte Grenzen. Auf über fünfhundert Seiten versammelt, von jungen Dichtern diesseits und jenseits der Grenzen der Europäischen Union, bilden diese Gedichte ein poetisches Europa in fünfundvierzig in der von Federico Italiano und Jan Wagner herausgegebenen Anthologie Grand Tour vertretenen Sprachen, von Albanisch bis Bos- 3 nisch, Ladinisch und Maltesisch, von Niederländisch bis zu schottischem Gälisch, Finnisch und Katalanisch (Walisisch blieb auf der Strecke), jeweils ins Deutsche übersetzt, wobei der Eindruck entstehen darf, Deutsch sei hier einmal die poetische lingua franca in Europa und zur Abwechslung einmal nicht (mehr) Englisch. Man staunt immer wieder aufs Neue, wie ungemein anpassungsfähig, variantenreich, ja geschmeidig das Deutsche ist, wenn es sich auf das lyrisch Andere einlässt und es ins Eigene transportiert, ohne ihm seine Andersartigkeit zu nehmen. Man erinnert dann auch Hölderlins und Nietzsches sehnlichsten Wunsch, das Griechische mit dem Deutschen zu verschmelzen, aus Übersetzungen eine neue Sprache zu gewinnen, das Unerhörte sprachlich Wirklichkeit werden zu lassen. Auch das ist Europa. „[…] nein / ich kenne den habsburger mythos nicht“ beteuert ein Ich aus Slowenien wider besseres Wissen. „Begnüg dich nicht mit den Topfgeranien am Fenster“, fordert eine Stimme aus Katalonien und sehnt sich nach „Rosen aus Isfahan“ oder nach den „wilden Linien“ vom Euphrat. Von balkanischen Partisanengedichten vernehmen wir Echos als einem von Wörtern unterbrochenem Schweigen. Vom „Gedächtnis der Formen“ ist in diesen Gedichten die Rede, zu denen auch im Tschechischen des Petr Borkovec „der trockene, kalte Grenzstein“ gehört, der „im wandernden Untergrund“ steckt. Wie verhalten, in politischer Hinsicht, diese Gedichte doch sind. Auf diesen über fünfhundert Seiten finden sich allenfalls eine Handvoll provokativer ‚Engagement‘-Gedichte. Man könnte geradezu von politischer Abstinenz sprechen, die in ihnen zum Ausdruck kommt. Sie halten das Tagesgeschehen 4 auf Abstand, ohne auf Zeitloses gerichtet zu sein. „Ich simuliere mit dem Mund / den Tod des Ertrinkenden“, so heißt es auf Galizisch bei Estevo Creus: „Simulo coa boca / a morte do afogado.“ In einem Gedicht des Russen Sergej Timofejev ruft ein „Mann mit Frau“ zweimal emphatisch „Romantik! Romantik!“, als sei damit etwas erreichbar, ein Liebesbeweis vielleicht, oder der Nachweis einer das individuelle Bewusstsein ebenso wie die nationalen Kulturen überwölbenden Größe. Ein Doppelruf, dessen Ironie freilich nicht überhörbar ist, der etwas beschwören will, einen gefühlten Gedanken oder ein gedachtes Gefühl im Sinne Loerkes. Der Schlüsselsatz in der einleitenden „kurzen Handreichung“ für diese lyrische Reise lautet: „Vielleicht können gerade im Gedicht, diesem keineswegs unzeitgemäßen Sprachkunststück, die gegenwärtigen Ängste, Hoffnungen, Erwartungen, Spannungen Europas wie unter einem Brennglas sichtbar werden, erlaubt das Gedicht doch einen besonders präzisen und erhellenden Blick auf die Gegebenheiten und Gemütslagen im Norden, Süden, Osten und Westen des Kontinents – wobei Genres wie das Liebes- und das Naturgedicht, die Klage und die Ode glücklicherweise immer gepflegt werden und universal sind.“ Gedichte werden nicht nur in bestimmten Landes- oder Regionalsprachen geschrieben; Lyrik ist selbst eine eigenständige Sprache, ein Medium der (Selbst-)Verständigung, ein Anspruch, die Plattitüden der politischen Rhetorik zu unterlaufen oder mit ihnen virtuos zu spielen. Das Gedicht ist Flaschenpost und Partisan, Freund und Fremdkörper in einem, ein erratischer Sprachfels, der irgendwie herausragt aus dem alltäglichen Gebrabbel, ein Bekenntnis zum Anderssagen – quer durch Eu- 5 ropa und weltweit. Auch deswegen kommen die nachfolgenden Texte unseres Buches, kritische Bekenntnisse zu Europa allenthalben, immer wieder auf Lyrisches zu sprechen, auf lyrische Auslotungen von Gefahrenzonen und poetische Geographie. Loerke hatte im eingangs zitierten Essay behauptet, „geographische Überraschungen“ seien inzwischen „nur noch selten“. Wenn sie erfolgen, dann doch in der Literatur, im Gedicht; Böhmen kann dann eben durchaus am Meer liegen und Dover im Harz; dann können Fjorde und Finnischer Meerbusen sich an der adriatischen Küste wiederfinden und die Donau in die Seine münden. 7 Präambel-Stücke: Europäische Bruchzonen oder: Dissonante Einstimmungen Europa, schönste der Fremden, von Zeus nach Kreta entführt. Würde sie heute eine Aufenthaltsgenehmigung irgendwo in der Europäischen Union erhalten? Immerhin findet sie sich auf der Rückseite griechischer Euro-Münzen geprägt – ob verewigt hängt von der Validität des Euro ab. Europa, das sich selbst weiter und weiter entwirft, was Europäer dann wieder verwerfen. Europa beginnt auch mit den Bettelnden auf und unter den Brücken in den Wohlstandszonen, migrierend Gestrandete, für aussätzig Erklärte, die ihre wenigen hingeworfenen Cents bei Einbruch der Dunkelheit noch dunkleren Hintermännern abliefern müssen. Weder die radikale Rechte noch die radikale Linke weiß derzeit, was sie mit Europa anfangen soll. Wusste sie es je? Und was hat Europa mit ihnen vor? Ihre Auswechslung? 8 Der letzte gesamteuropäische Monarch, der polyglotte Kaiser Karl V., sprach Spanisch mit Gott, Italienisch mit Frauen, Französisch mit Männern und Deutsch mit seinem Pferd. Als Tizian ihn porträtierte, stammelte er Latein und soll ganz unmajestätisch verwirrt mehrmals aus dem Bild gelaufen sein. Europäische Identität ist die jeweils verschiedene Art kollektiver Erinnerung, als Anlass verstanden für Extrapolationen in die Zukunft. Eureka! Ich habe es gefunden! Es hätte das Leitwort für Europa sein sollen, für die Europäische Union, aber im Sinne von: Wir werden sie finden! Doch Kalifornien war damit rascher zur Stelle und erklärte Eureka! zu seinem Bundesstaatsmotto nach der dortigen Entdeckung eines spektakulären Goldvorkommens um 1850 im später Sacramento genannten Gefilde des Deutschschweizers John Augustus Sutter. Ursprünglich prägte Archimedes von Syrakrus diesen Ausruf in seinem Badezuber, als er das Prinzip entdeckte, nach dem der statische Auftrieb eines Körpers in einem (flüssigen) Medium genauso groß sei wie die Gewichtskraft des vom Körper verdrängten Mediums. Und Carl Friedrich Gauß gebrauchte den Ausruf 1796, als er entdeckte, dass sich jede positive Zahl als Summe von höchstens drei Dreieckszahlen darstellen lasse: ΕΥΡΗΚΑ! num = Δ + Δ + Δ Eureka ist somit physikalisch, geologisch und mathematisch beglaubigt. Politisch ist der Ausruf noch … unterwegs. Die weitere Architektur der Europäischen Union muss vom Umgang mit Tektonischem ausgehen. 9 Pflichtlektüre für alle Europäer: Franz Kafkas Erzählung Der Bau (1923/24), die er folgerichtig unvollendet beließ. Das Menschentierchen in seiner Mitte, neurotisch besorgt um die Perfektionierung seines labyrinthischen Erdbaus, hat in Wirklichkeit eine immerwährende Baustelle konstruiert. Je globaler sich Europa gegeben hat, je eurozentrischer reagierte es. Europäisches Bewusstsein: Der Rostschutz für das Atomium auf dem Heysel Plateau in Brüssel. Die sprachliche Vielfalt ist die Farbenpalette Europas. Die Schwierigkeit: sich über die Mischungsverhältnisse zu verständigen. Wie oft hat man ihn herbeigesehnt, einen europäischen Patriotismus; den bloßen Gedanken an ihn wieder als unrealistisch verworfen. Gibt es aber Desillusionierendes als den Umstand, dass ein solcher ‚Patriotismus‘ ausgerechnet in der faschistoiden Vereinigung „Patriotischer Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) sein Forum und seine Perversion fand? Es heißt immer wieder: Europa brauche ein ‚Narrativ‘. Europa müsse erzählt werden. Europa habe einen genetischen Code, den es lesbar zu machen gelte, bis zurück zu den biblischen Quellen, die griechisch-römische Substanzen und ihre ‚barbarischen‘ Antikörper. Wovon Europa erzählt? Vom Scheitern imperialer Ideen. Vom Sinn des Entwerfens. Von dem komplex- 10 esten Versuch in der Geschichte, Frieden zwischen Erzfeinden von einst zu wahren und zu sichern. Gustave Moreau schuf 1868 eine mythologische Darstellung, die Europa und den sie entführenden Zeus in inniger Harmonie zeigt – mit eindeutiger Botschaft: Europa lässt sich entführen, ja will sich verführen lassen. Wenn Walter Benjamin recht hat und am Fuße eines jeden Meisterwerks die schiere Barbarei lagert, dann steht zu vermuten, dass sich Europa auch ins Barbarische entführen ließ, das sich göttlich gab. Die Gedenkstätte Auschwitz als neue Hauptstadt der Europäischen Union, fiktiv-authentisch von Walter Hallstein proklamiert: mit dieser Provokation hat Robert Menasse die literarische Öffentlichkeit brüskiert, weil er diese Proklamation als historisch verbrieft ausgegeben hatte. Die Schwäche der Vorstellungskraft liegt eben darin, dass sie Wahrheit mit Lüge gleichsetzt. „Europa ist nicht das Letzte für uns. Wir werden Europäer unter der Bedingung, dass wir eigentlich Mensch werden.“ (Karl Jaspers) Roberto Esposito denkt ‚Europa‘ als einen Bereich, der aus sich heraus heterogene ‚Räume‘ generiert (in: Una filosofia per l’Europe), darin Henri Lefebvre nicht unähnlich. Für Jacques Derrida ist Europa das Werdende schlechthin. Aber: das Werden zu was? Zu Odysseusisten, dauernden Grenzüberschreitern, die dem Fremden begegnen wollen, um durch dieses Begegnen das Fremde als Eigenes und/oder als Eigenwert (an-)zu-erkennen. 11 Europa von seinen Rändern her verstehen (Enzensberger) – zur Abwechslung aus der Perspektive der ein bewusstes Schattendasein führenden britischen Kanalinseln, Inseln der (un-)selig Selbstgerechten, wo Steuerhinterzieher und Geldwäscher sich immer hemmungsloser bereichern und zudem noch ihre bizarren Inselmythen vom (in Wahrheit kollaborationsgetrübten) Widerstand gegen die einstigen Wehrmacht- Besatzer wie kostbare pseudo-tropische Gewächse hegen. Jüngs te statistische Erhebungen weisen übrigens für Jersey Vermögenswerte von im Schnitt nicht vorstellbaren fünf unversteuerten Milliarden Dollar pro Quadratmeile aus. Die Ironie will es, dass Jersey rechtlich ein sogenannter Bailiwick ist, von altfranzösisch ‚bailie‘, also wörtlich: der Sprengel eines Landvogts oder Gerichtsvollziehers. Er wird in Jersey von der Krone als Inselverweser eingesetzt, erfreut sich ansonsten aber völliger Autonomie, die es ihm erlaubt, unbehelligt von allem das soziale Gewissen im Atlantik zu versenken. Ein europäisches Skandalon, das grotesker und anachronistischer nicht denkbar ist. Skandalöser noch, dass nicht wenige der führenden Brexisten diese insularen Niedrigsteueranlageparadiese als Modell für ein künftiges von allen sozialen EU-Auflagen befreites Britannien ansehen. Käme es auf diesen krummen Inseln je zu einer Besteuerung, die den Namen verdient, aus dem Inselvogt müsste dann wohl ein Steuereintreiber oder womöglich tatsächlich ein Gerichtsvollzieher werden. Wer sich international unmöglich machen will, bekennt sich zum Eurozentrismus. Eurasisch zu sein ist eine Spur politisch korrekter, sofern jeglicher neokolonialistischer Beigeschmack fehlt. 12 Asiaeuratisch wäre eine treffliche Umkehrung, die der neuen weltpolitisch-globalen Gewichtung vermutlich eher entspräche. Der europäische Gedanke – einst einte, jetzt entzweit er. So wird aus einer Idee ein Spaltpilz. Doch auch Spaltpilze bilden unterirdisch Myzele. Sich auf die europäische Gesinnung neu besinnen: Was bedeutet das? Endlich wieder den Mut zu haben, sich zu den kulturellen Werten dieses Kontinents zu bekennen. Nein, sie haben zwei Weltkriege und die Shoa nicht verhindert; im Gegenteil, diese Ungeheuerlichkeiten sind aus ihrer Mitte hervorgegangen. Doch nicht einmal sie haben diese europäischen Werte zerstören können. Umgeformt wurden ihre schwer beschädigten Reste in das politisch Kostbarste, was Europa bislang geschaffen hat: die Europäische Union. Noch ihre größten Schwächen sind Stärken verglichen mit dem, was vor ihrer Gründung lag. Und wenn Publizisten wie John R. Gingham bereits einen Nachruf auf sie in Buchform veröffentlichten, und wenn Larry Elliott und Dan Atkinson triumphal verkünden: „Europe didn’t work“ und ihr nur noch Vergangenheit zuzuschreiben gewillt sind, dann haben sie dieser Union nichts, aber auch gar nichts Eigenes an die Seite zu stellen. Schumann, Monnet, Spaak, de Gaspari und Hallstein verfügten über mehr europapolitische Vorstellungskraft und Kreativität als die politischen Denker und Praktiker seit der Aufklärung zusammen genommen. Wie erbärmlich aber, den brexistischen Verrat an der Europäischen Union zum Maßstab für die eigene, nur wieder am Nationalen orientierte Einfallslosigkeit zu erklären. 13 Nein, diese Union sei wieder eine Gemeinschaft von fortwährend politisch Gestaltenden in (kon-)föderalem Raum, sozial bewusst, humanistisch motiviert, von Gerechtigkeitsbewusstsein bestimmt und von kulturellem Ethos durchdrungen. Was gefordert bleibt, sind von diesem gemeinschaftlichen Gestaltungswillen inspirierte europäistische Curricula an den Schulen und anderen Bildungseinrichtungen der Mitgliedsländer. ‚Europa‘, das sind nicht die Anderen, sondern immer Wir. Geboren wurde ich im Jahr der Unterzeichnung der Römischen Verträge, dem Gründungsdokument des modernen Europa; es war das Europa des Kalten Krieges, der jedoch diese Römischen Verträge nicht spürbar affektierte. Es ist ein Dokument der Öffnung; Erweiterung ist in ihm angelegt. In die Wiege gelegt war mir Europa dennoch nicht, auch wenn ich auf der damals privilegierten Seite des Eisernen Vorhangs aufwuchs. Denn Europa bedeutet Arbeit, ein unablässiges Bemühen um Einstellung und Perspektivierungen. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich zum ersten Mal das Wort ‚Europa‘ in mich aufnahm, als wir, meine Eltern und ich, wieder einmal die Europa-Brücke über den Rhein bei Kehl nach Strasbourg querten. Später las ich bei Ingeborg Bachmann, dass alle Brücken einsam seien. Und womöglich ist dem ja so: Wenn das Verbindende geleistet ist, bleibt es verlassen zurück – wie eine sich schließende Muschel am Strand. Aber Europa hatte für mich bald auch einen besonderen Klang. Zuweilen tauchte auf dem Bildschirm unseres Grundig-Stand- 14 geräts im Wohnzimmer ein Sternenkranzzeichen auf, das eine sogenannte Eurovisionssendung ankündigte, untermalt oder überspielt von einer sehr feierlich-getragenen Musik, von der ich erst später hörte, sie sei das Präludium zu Marc-Antoine Charpentiers Te Deum gewesen. Beethovens Schlusschor seiner Neunten hat diese Melodie inzwischen (seit 1985) als offizielle Europa-Hymne verdrängt, aber noch immer fröstelt mich, jagen Schauer über meinen Rücken und durch mich hindurch, wenn ich diese Klänge Charpentiers höre. Sie sind wie ein Aufruf: Europäer wacht auf. Lernt euch bekennen. Streift euren Kleinmut ab. Dieses Präludium zu Charpentiers Te Deum wird immer meine Europa-Fanfare bleiben. Europa, das war in meiner Schwarzwälder Kleinstadt das Schild am Ortseingang mit den beachtlich zahlreichen Namen der europäischen Partnerstädte; Europa, das wurde der Schüleraustausch, der mich erstmals in die Bourgogne-Franche-Comté brachte, nach Autun und Vézlay, das war das Treffen ‚junger Europäer‘ in Bad Marienberg im Westerwald und im westfälischen Rheine mit Ausflügen in die holländische Provinz nach Enschede, in eine der EUREGIO-Zonen. Mein Europa lebte zunächst weniger in den großen Städten, sondern eher in den Provinzen, dort, wo grenzübergreifendes Bewusstsein wirkt, in der Bodenseeregion etwa oder in der regio basiliensis um Basel, Freiburg und Strasbourg, wo ich seit frühester Kindheit die Nähe anderer Länder zu spüren lernte. Europa, es zeigte sich mir im spielerischen Überqueren einstiger Grenzen, die Jahrhunderte lang ihren Blutzoll gefordert hat- 15 ten, aber auch in den Schüleraufsatzwettbewerben des Rates der europäischen Bewegung ebenso wie später in Generationen von Studenten, die dank des Erasmus-Programms nach England kamen und die ich in meinen diversen akademischen Institutionen betreuen durfte; sie gehörten im Schnitt zum Reflektiertesten, was mir an Studenten begegnet ist. Europa, das ist zu einer Lebenswirklichkeit geworden von einer in der Geschichte nie dagewesenen Konkretkeit; zu ihr gehören die Wahlen zum Europaparlament ebenso wie die europäische Gemeinschaftswährung, die Europa-Fahne und der Pass der Europäischen Union. Nötigt man mir die Frage nach der Staatsbürgerschaft ab, schreibe ich seit ich seit Jahrzehnten: Europäische Union (deutscher Abkunft). Mit den Augen den Konturen des europäischen Kontinents auf der Landkarte nachgehen: von der französischen Atlantikküste, den Anrainerregionen des Mittelmeers, dem italienischen Stiefel entlang, der bizarr ausgefransten griechischen Küste bis zum Bosperus, dem Ural, hinauf ins Skandinavische bis in die scharfkantigen Tiefen der Fjorde … da wird der Blick zum Seismographen; er spürt Verwerfungen auf, tastet sich Bruchlinien entlang, schreibt die Konturen der Länder ins Gehirn. Im Englischunterricht, die Lehrerin erteilte auch Geographiestunden, mussten wir den Umriss der britischen Inseln auswendig zeichnen lernen. Das war meine erste Kontaktaufnahme mit diesen Inseln, die mir Bestimmung werden sollten und die sich jetzt selbst, brexistisch geworden, zum Schicksal geworden sind. Damals stellte ich der Lehrerin die Frage, ob zu diesen Umrissen der britischen Inseln auch Gibraltar zähle. Sie lachte hell auf. Was ich damals nicht wusste: ihre Mutter war Spanierin. 16 Wer die innerdeutsche Grenze unter Lebensgefahr überwinden konnte, geriet in den Ruf eines Helden. Wer versucht, als schwarzafrikanischer Flüchtling, die Mittelmeergrenze zur – aus ihrer Sicht – ‚Festung Europa‘ zu überwinden, muss sich Wirtschaftsflüchtling schimpfen lassen. Manche dieser zynisch so bezeichneten Flüchtlinge werden sich eines Tages von Ölkartellen anwerben lassen, um das schwarze Gold, das in großen Mengen vor den Küsten Israels und des Libanon vermutet wird, zu schürfen Die sogenannte ‚operative Zusammenarbeit‘ der europäischen Staaten an ihren Außengrenzen hat ein Codewort: Frontex. „Soundso viele Tote vor Pantelleria angespült, soundso viele Überlebende in Lampedusa interniert“, das ist die traurige alljährliche Statistik, die Europas Humanismus schwer auf die Probe stellt. Keiner, der am Mittelmeer Urlaub macht, bleibt von den Tatsachen verschont, und diese sind mehr als nur Schlechtwetternachrichten. „Es macht keinen Spaß, an Stränden herumzualbern, an denen eben noch Leichen angespült wurden.“ (Durs Grünbein) Das mare nostrum ist nicht unser. Es gehört … den Fischen. Wirtschaftsflüchtling – das kann auch bedeuten: Flucht vor dem Primat des Ökonomismus: vor der Wirtschaft auf der Flucht sein, innerhalb und außerhalb Europas. Schriftsteller und Europa. Von Erasmus bis Novalis, von Ivo Andrić, Vaclav Havel, Imre Kertész bis Ismail Kadaré: sie geben dem Wort seine schicksalhafte Geschichte zurück und perspektivieren es neu. 17 (Kadaré hält übrigens Albanien für Europa in nuce – wie auch die ihrem Land kritischer eingestellte Journalistin, literarische Aktivistin und Übersetzerin von Rilke, Musil und Thomas Bernhard, Jolina Godola; Kadaré argumentiert, dass erst der italienische Faschismus, dann der Kommunismus, schließlich der Islam dieses kleine Kernland balkanischer Europäizität sich selbst entfremdet habe. Oder sind Selbstdeformationen nicht in jeder Kultur angelegt? Ist nicht jede Region in Europa ein Kernland, jedoch gegen regionalistisch-nationalistische Tendenzen nie wirklich gefeit?) Fraglos, Europa braucht seine Schriftsteller, denn es will beim Wort genommen werden und sich wieder und wieder zur Sprache bringen – auch wenn es das nicht geben kann: das europäische Narrativ, es sei denn als erzählter polylingualer Widersinn. Auf manchen Lippen dienten die Bekenntnisse zum europäischen Geist als Kompensation für nationale Frustrationen oder Verhängnisse. Doch kann darin immer wieder auch der Wille keimen, sich dem europäischen Projekt konstruktiv zu widmen. Die Europäische Union kann Antagonismen überwölben und bis zu einem gewissen Grad neutralisieren. Man denke selbst an die Spannungen zwischen Ungarn und Rumänien (vom Vertrag von Trianon herstammend, der seit dem Ende des Ersten Weltkriegs ein ungarisches Trauma darstellt), an die Situation in Nordirland und Katalonien oder die Antagonismen zwischen Flamen und Wallonen. Man hofft auf eine ähnliche Wirkung für den gesamten Balkan und noch immer auf eine Lösung für das geteilte Zypern, die „gefolterte Insel“ (Arnold Sherman). 18 Diese Union bleibt entgegen aller Unkenrufe ein konfliktentschärfender Schirm und gleichzeitig untergründiges wachsendes Fundament, geeignet, paradox gesagt, den Nationalismen und regionalistisch-provinziellen Ethnismen den Boden auf Dauer zu entziehen. Immer diese Frage, was Europa ist. Ob es an seiner Geschichte erstickt und nur deswegen lebt, weil es sich regelmäßig über seine Untaten hinwegtäuscht. Das Konzentrationslager, der Genozid, sie waren europäische Erfindungen, der Humanismus auch, der Buchdruck und die Dampfmaschine. Europa ist bedeutend in seinen krassen Widersprüchen und in seinen immer wieder überraschenden Potenzialen. Scholastik und Dada, Logik und Chaostheorie, die Ideologien und die Symphonik, europäische Erfindungen durchweg. Europäer sein bedeutet, aus diesen grundstürzenden Widersprüchen zu lernen, die Bruchzonen der Bedeutungen zu vermessen, den Bruchlinien nachzugehen, dem inneren Limes entlang. Eingrenzung, Abgrenzung, Ausgrenzung: auch das Grenzbewusstsein ist europäisch. Europäer haben das (blutige) Spiel mit Grenzen exportiert, mit dem Lineal ganze Kontinente aufgeteilt und dabei auch wiederholt sich selbst. Die Geschichte Europas, sie ließe sich als eine Dialektik von Trennungen und Vereinigungen beschreiben. Grenzen schützen, verletzen, legen fest, geben sich unüberwindlich, wecken aber auch die Hoffnung auf Durchlässigkeit. 19 Johann Amos Comenius entwarf vor dem Hintergrund des Grauens und der Verheerung, die der Dreißigjährige Krieg über Europa gebracht hatte, seine Konzeption einer europäischen Allerziehung, genannt Pampaedia. Ihr Ziel war die Befähigung zu friedvoller Konfliktlösung. Dass ein Bildkünstler europäischen Formats, Oskar Kokoschka nämlich, in Comenius eine Leitfigur erkannte, scheint folgerichtig. Denn Comenius war der erste Aufklärer in Europa – wir werden ihn immer aufs Neue nötig haben – bis zuletzt. Beim Karneval mit Totenmasken, Prunksitzung mit Büttenreden auf dem Friedhof. Makaber, sagen die einen; folgerichtig, raunen die anderen – beiden ist dabei europäisch zumute. Während ich hier Gedanken zu Europa, gar ‚meinem‘ Europa, verstreue, quer übers Blatt wie ein Würfelwurf mit Worten, spielt sich das Brexit-Fiasko ab und lässt aus dem Würfelwurf ein Roulette werden, ein russisches à l’anglaise. Es ist das beschämendste Schauspiel, das sich diese britischen Inseln in neuerer Zeit geleistet haben, und illustriert, was geschehen kann, wenn eine Haltung (Verlassen der EU) zum irrationalen Dogma wird. In einer Hinsicht jedoch ist der Brexit logisch: er ist die Wurzel, gezogen aus der Summe der Sonderwege und Sonderregelungen und opting-out-Klauseln, die sich Britannien seit seinem Beitritt zu ‚Europa‘ ausbedungen hat. Wie schwer macht es einem inzwischen dieser Inselstaat, dem Vorurteil vom ‚perfiden Albion‘ zu widerstehen. 20 Die zum Zeitpunkt dieser Notizen weiterhin mehr als denkbare, ja greifbar gewordene Abspaltung Schottlands von England und jene Nordirlands vom noch Vereinigten Königreich und mögliche Vereinigung mit der Republik Irland wäre der Fall eines nationalen Partikularismus, der paradoxerweise die europäische Idee stärken könnte. Denn es grenzt an Widersinn, dass die schottische Nationalpartei pro-europäisch votiert. Das aber deutet auf die im vielfachen Sinne ‚Aufhebung‘ des Nationalen in der Europäischen Union. Gewitzte Spekulanten werden auch am Brexit verdienen. Sie können dann die Quadratmeilen auf den britischen Kanal inseln (siehe oben) weiter vergolden – oder … vollends versilbern. Jeder hat seine Geographie von Europa; der eine sah die Klippen von Dover im Harz (Samuel T. Coleridge), Böhmen am Meer (Ingeborg Bachmann mit William Shakespeare, wovon noch die Rede sein wird im Laufe dieser Seiten …), die Wolga in die Seine münden (Marina Zwetajewa), sieht Partnerstädte sich einander auswechseln und den Reiter über den Bodensee in Ascot gewinnen oder dort zu Tode stürzen. Die Europäische Union ist zum verlässlichsten Garanten des Friedens in Freiheit geworden. Ihre Dynamik hängt vom Grad ihrer Föderalisierung ab, von der Umsetzung des Subsidiaritätsprinzips, am meisten aber: von der Erkenntnis ihrer Bewohner, dass der Eigenwert dieser Union alles übersteigt, was Europa bislang hervorgebracht hat. 21 I 23 Europa – eine Idee, ein Recht, eine Pflicht? Notizen auf dem Weg zu einer europäischen Bildungsgesellschaft In seinen Notizen zu einer in Bern im vorletzten Jahr des Ersten Weltkrieges gehaltenen Rede „Die Idee Europa“ findet sich Hugo von Hofmannsthals Begriff „Gemeinbürgschaft“. Seinen Aufzeichnungen nach zu urteilen, sprach er zudem davon, dass ein „neues europäisches Ich“ im Kommen sei, das ein verändertes Verhältnis zum Sozialen haben müsse, ein soziales Bewusstsein, das zur „Sozialisierung des Staates“ führen werde. Er hoffte auf eine „Realisierung von Tendenzen von 1830“. Das „brüchige Europäertum Nietzsches“ rücke damit in den Vordergrund, wobei er schlicht feststellte: Wir alle seien „mit dem Begriff Europa“ groß geworden.1 Das trifft unverändert zu. Trotz oder wegen der krassen Brüche, die dieses Europa und mit ihm die Welt ihren bislang höllischsten Zerreißproben ausgesetzt hatten. Auch wir sind mit diesem Begriff aufgewachsen, ich: Jahrgang 1957, dem Jahr der Römischen Verträge, der ersten Eurovisionssendungen. 1 In: Hugo von Hofmannsthal, Gesammelte Werke in zehn Einzelbänden. Reden und Aufsätze II (1914–1924). Hrsg. v. Bernd Schoeller in Beratung mit Rudolf Hirsch. Frankfurt am Main 1979, S. 44 u. 52 f. 24 Eurovision, welch’ großes Wort … die Vision Europa: haben wir noch eine solche? Hat Europa eine visionäre Vorstellung von sich selbst? Oder befindet sich Europa als Welt der Vorstellungen nicht beständig auf der Suche nach einem gemeinsamen Willen, dem dann eine dauerhafte politische Form erwachsen könnte? Dieser Wochen in Rom. Vom Flughafen Fumicino in Richtung Trastevere, einer Schnelltrasse entlang, einer schnur geraden Straße, wie sie nur die Römer bauen konnten und nach ihnen Napoleon, Flaggen: auf der einen Seite Nationalflaggen, auf der anderen durchgängig die Europafahne. Gemeinsam ersetzen sie Alleenbäume. In umgekehrter Richtung, vom Arco di Constantino, dem Herz des Forum Romanum, hinauf nach Trastevere sichtete ich eine kümmerliche Europafahne, halb zerschlissen, vernutzter als die baufälligste Ruine. Ruinenstadt Rom. Hier wendet man einiges auf an Mitteln, um Ruinen zu erhalten, andernorts beseitigt man sie, will nicht mehr erinnert werden an das, was sie zu Ruinen werden ließ. Auch dieser Tage, in Dresden, mit Prag eines der diversen ‚Herzen Europas‘: Im Nieselregen über die Augustusbrücke, die bis 1990 nach Georgi Dimitrow benannt war, Nachkriegsministerpräsident Bulgariens und zuvor bis 1943 Stalins Generalsekretär der Komintern, einer transeuropäischen Internationale, die Europa in der Weltrevolution aufheben, sprich: auflösen wollte. Szenenwechsel mit symbolischer Bedeutung: Mit Düsenstrahlern bearbeiteten polnische Straßenarbeiter oder Restaurationsspezialisten die Rußsteine der Brücke; dann und wann neue helle Sandsteinquader, die das trübe Dunkel dieser Brücke auflockern. Ganz nach dem Muster der wiederaufgebauten Frauenkirche. Sandsteinverblendet, so das seltsam klingende 25 Fachwort. Es klingt nach Illusionen, in Sandstein gefasst. Wie steingewordene Zeitsprenkel sehen sie aus, diese hellen Füllstücke. So sichert man europäisches Weltkulturerbe; ein paar Brücken weiter verspielt man es stahlbogen- oder betonbalkenhaft. (Als ich diese Zeilen schreibe, steht in Paris Notre Dame in Flammen. Schon drei Tage später erfolgt der Vorschlag von verantwortlicher Seite, die Brandruine für die Zeit der Restaurierung mit einer Attrappe zu verkleiden, damit man den Touristen und Parisern den verstörenden Anblick des Ruinösen ersparen möchte. Anders Joseph Gandy, der 1830 die Bank von England als Ruine malte. Sie gleicht auf diesem Gemälde einer Ruinenstadt inmitten Londons, eine Art Akropolis des finanziellen Ruins. Es wäre das ikonische Gemälde zur Bankenkrise 2008 gewesen. Man hätte sich diesen Anblick nicht ersparen dürfen.) In Rom und Dresden, erst recht hier in London kommt mir Hofmannsthals Begriff immer wieder in den Sinn: Gemeinbürgschaft. Bürgen für Ruinen und Brücken, damit wir die Brücken nicht wieder ruinieren. Einstehen für das europäische Gemeinwohl – man verbindet diesen zu praktisch-politischem, sozialem Verhalten gewordenen humanitären Gedanken durchaus am ehesten mit der schweizerischen Eidgenossenschaft, anno 1917 ohnedies; und es scheint, als hätte Hofmannsthal gerade diesen Begriff auf seine Berner Zuhörerschaft abgestimmt, ihn auf sie regelrecht eingestellt, denn diese Art des Bürgens gehört ja zum – freilich auch allzu idealisierten – Wesenszug einer durch Schwüre begründeten und beglaubigten ‚Genossenschaft‘ von sich für gleich Haltenden. Auf Europa übertragen läge darin denn eben jene „große Aufgabe“, von der im Motto zu diesen Aufzeichnungen die Rede ist; bezeichnender Weise stammt sie 26 von einem Schweizer, dem Historiker Herbert Lüthy, der damit – etwas mehr als ein Jahrzehnt nach T. S. Eliot – die Frage nach einem gemeinsamen Nenner für Europa stellte. Eliot hatte diese mit dem Hinweis auf die christliche Religion und Ethik beantwortet; Lüthy favorisierte dagegen das Pragmatische, eine definierbare Herausforderung, auf die sich Europäer gemeinsam einlassen sollten, um das zu werden, was sie sind. Ihre Entsprechung sah er in einer Bedrohung von außen (– der Kalte Krieg befand sich in seiner ersten Überhitzungsphase –), wobei heute die Gefahren von innen dominieren und als negative gemeinsame Nenner auf ganz eigene Art herausfordern: Nationalismen, Sozialgefälle, Umgang mit Migranten, Mobilisierung von Vorurteilen. Übrigens hatte Hofmannsthal mitten in sein Redemanuskript den Ausdruck „das Tosen auf London-Bridge“ – sagen wir wiederum: ‚eingesprenkelt‘ – und davor bemerkt: „Die rasende Hast des Austausches, die praktische Abschaffung der Entfernungen.“ Und dann eben: „das Tosen auf London Bridge“. Der Idee Europas eine Geräuschkulisse, zumal eine englische! Was er daraus, aus diesem Symbol des Verbindens, wohl in seiner tatsächlichen Rede gemacht haben wird? Europa dem „Tosen“ aussetzen – seiner „Idee“ mit unartikulierter Kommunikation begegnen, sie im Geräuschnebel, in dem man sein eigenes Wort nicht versteht, aufgehen lassen … Wann immer die europäische Idee sich säkularisierte, gar ideologisierte, verlor sie an Wert. Im Brexismus unserer Tage sollte sie nach dem Willen seiner konzeptionslosen Ideologen (auch das ein Novum!) ihr Waterloo erleben. Es bleibt das Skandalon schlechthin: Beim Referendum über den Verbleib Britanniens in der Europäischen Union stimmten zahllose Wähler 27 über etwas ab, dessen Funktionsweise sie nicht im Entferntesten kannten. Die volonté générale, der eine informierte politische Willensbildung hätte vorausgehen müssen, führte zu einer Volkesstimme, die es nunmehr seit über drei Jahren nur zu schrillen Dissonanzen gebracht hat.2 Europa – fordert zu Bekenntnissen heraus. Aber sie sind anderer Art, als wenn ‚Heimat‘ oder ‚Nation‘ in Rede stehen. Sie haben etwas Überwölbendes oder Verunglimpfendes. Allerorten schießen Regionalismen und Nationalismen aus dem Boden, als verfügten sie über das europäische Gebäude als ihrem Treibhaus. Kann es denn sein, dass Europa in seiner gegenwärtigen Verfassung diese alt-neuen Nationalismen herausgefordert und sogar gefördert hat? Europa: lebt durch seine Verkörperungen, die physische (= politische) Präsenz seiner Werte und Unwerte. Europa, ein Etwas, das sich selbst immer wieder seine Verfassung geben will und muss. Europa, das in A. W. Schlegels Wiener Vorlesungen Über dramatische Kunst und Literatur als ästhetische Größe auflebte, als etwas … Pluralektisches; und das meint, Schlegel arbeitete die innere Vielfältigkeit des Europäischen in und durch seine Literatur heraus und zeigte, wie sie sich in dauerhafte Wechselbeziehungen einbrachte. 2 Vgl. Rüdiger Görner, Brexismus oder: Verortungsversuche im Dazwischen. Heidelberg 2018; Fintan O’Toole, Heroic Failure. Brexit and the Politics of Pain. London 2018; jüngst: James Woodall, Arkadianismus. Brexit – Einstimmen in ein Hurra für das fabelhafte Grossbritannien. In: Lettre International Frühjahr 2019, S. 20–26. 28 Europa ist Entwurf und bereits im Entwurf immer auch ein Vermächtnis für nachfolgende Generationen, bedeutet eine halb vage, halb konkrete Integrationszielvorgabe und bleibt in diesem Stadium wiederum Anfang, aufklärerische Romantik und romantische Sachlichkeit (man denke an Saint-Simons nach- napoleonische Vorstellung einer europäischen Sozialgemeinschaft); so gesehen bleibt Europa das – mit Heraklit leicht abwandelnd gesagt –: Sich-selbst-wieder-und-wieder-Entgegengesetzende. Europa als dialektische Idee – das wäre auch die Summe ihrer intellektuellen Beziehungen und inneren Widersprüche. Mitten im Ersten Weltkrieg liest André Gide einen Artikel von Edmund Gosse über anglo-französische Kulturbeziehungen in der Revue des deux mondes, in dem der englische homme de lettres dafür plädiert, dass sich die europäischen Literaturen erst wieder nationalisieren müssten, um dann erneut europäisch werden zu können. Gide kommentiert lakonisch: „… und so weiter und so weiter“. Denn was bedeutet das? Ein Verharren auf der Illusion, das nationale Bewusstsein würde aus sich heraus eine Art Selbsttranszendierung entstehen lassen, was einem überlebensgefährlichen Fehlschluss gleichkäme. Gide ging jedoch schon davon aus, dass eine „Entnationalisierung“ des europäischen Bewusstseins nicht realistisch, ja nicht einmal wünschenswert sei, wandte er sich doch vehement gegen die von Henri Barbusse 1919 gegründete internationalistische Intellektuellengemeinschaft Clarté, die genau das anstrebte: ein Entpersönlichen der europäischen Völker. Ähnlich setzte auch Ernst Robert Curtius mit seinen Überlegungen zur europäischen Identität an, die er als eine „polyphone Har- 29 monie“ verstand. Er wollte – durchaus mit Gide und unter ausdrücklicher Berufung auf Madame de Staël – dem „abstrakten Kosmopolitismus des 18. Jahrhunderts, der den Menschen entnationalisierte, um ihn zum Weltbürger zu erheben“ die Vorstellung einer europäischen Kultur entgegenhalten, „die nicht Nivellierung, sondern Synthese der verschiedenen National-Kulturen bedeutet.“3 Curtius weiter (1924!): Es komme darauf an, „die nationalen Kultursysteme in ihrer Sonderung zu bejahen, um sie als Harmonie zu begreifen: als ein Drittes gegenüber den Einseitigkeiten des Nationalismus und des Internationalismus. Das ist die organische Art, das geistige Europa zu denken“, die er mit Goethe, Adam Müller und Ranke verband.4 Aber hieß das nicht, dem Nationalen allzu viel Bedeutung beizumessen, zu verkennen oder zu leugnen, dass es eine genuin ‚europäische‘ Dimension im oder neben dem Nationalen gibt, einmal nicht als übergeordnetes Interesse verstanden, sondern als eigenständiges Bewusstsein, das zu Formen der kulturellen, ökonomischen und politischen Verflechtung geführt hat und weiterhin führt sowie aber auch zum Austragen von Antagonismen. Europa als politische Bildungsaufgabe – diese Vorstellung reicht bis in die Frühe Neuzeit zurück, auf Comenius ebenso wie auf William Penns Essay towards the Present and Future Peace of Europe (1693), und zwar durch die Schaffung eines europäischen Parlaments.5 Penn verfolgte nicht die Utopie eines „ewi- 3 Zit. nach: Ernst Robert Curtius, Elemente der Bildung. Hrsg. v. Ernst- Peter Wieckenberg und Barbara Picht. Nachwort von Ernst-Peter Wieckenberg. München 2017, S. 269. 4 Ebd., S. 269 f. 5 http://www.fredsakademiet.dk/library/penn.pdf. 30 gen Friedens“, sondern die Pragmatik auf dem Wege zu einem „künftigen Frieden“ vermittels einer parlamentarischen Struktur gemeinsamen politischen Handelns. Friedenssicherung durch sozialen Ausgleich – eine eher kontinentale Konzeption, die noch in die katholische Soziallehre und das Subsidiaritätsprinzip in Gestalt der päpstlichen Enzyklika Rerum novarum von 1891 Eingang finden sollte. Die britisch-insulare Variante sprach sich als „Friede in Freiheit“ aus und gipfelte im Liberalismusverständnis eines John Stuart Mill, wobei seine Theorie gerade dem Spannungsverhältnis von Nationalität und Kosmopolitismus, Individualität und integrative Kompetenz des Einzelnen Rechnung trägt.6 Die europäische Idee realisiert oder verwirft sich in Teilprozessen. Zu ihnen gehören Entwicklungsschritte hin zu einer europäischen Rechtsordnung und Bildungsgesellschaft. Unter ‚europäischer Rechtsordnung‘ verstehe ich neben der Angleichung der nationalen Rechtssysteme, die durch die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs sich de facto seit Jahrzehnten vollzieht, auch das Recht der Bürger auf das Europäische als einer Gemeinschaftsordnung unter Freien. Es ist ein Recht, das sich die Europäer aufgrund ihrer gemeinsamen Geschichte erworben haben. Zu sichern ist dieses Recht nur dann, wenn sie, die Europäer, durch Bildung ihre Pflicht zum konstruktiven Arbeiten an Europa erkennen. Das wiederum erfordert eine Bildungsgesellschaft in europäischem Maßstab, was wiederum eine Doppelbedeutung beinhaltet und eine sich 6 Dazu grundlegend: Georgios Varouxakis, Mill on Nationality. London 2002. 31 immer weiter bildende Gemeinschaft meint ebenso wie eine Gesellschaft, die ‚Europakunde‘ als integrales Kernfach ihrer Curricula anerkennt und einführt. Dieses Kernfach beinhaltet ökologisch-ökonomische, kulturelle und (struktur-)politische Aspekte, Verständnis für übergeordnete Institutionen und Schärfung des Sinns für europaweite Bildungsplanung. Die Europäische Kommission benötigt daher zwingend einen Bildungsbeauftragten. Frank-Walter Steinmeier ging in einem Interview zum Stand der europäischen Dinge sogar noch einen Schritt weiter: Er sähe einen Europa-Bezug gerne in jedem Schulfach.7 Europa versteht Steinmeier als Diskursfeld, auf dem tragfähige politische Formen entstanden seien. Damit ist auch gemeint, dass durch die Europäische Union ein ganzes Arsenal an wertvollen Strukturen für Konfliktlösungen geschaffen worden ist und bereitsteht, eine konfliktfähige Konsensgemeinschaft, die den Streit nicht nur aushält, sondern als kreatives Potenzial begreift. In diese Richtung zielte auch die Konzeption einer „Europäistik“, wie sie Michael Gehler und Silvio Vietta entwickelt haben; gemeint ist damit die Wahrnehmung Europas von au- ßen und die Art, wie eine solche Außenwahrnehmung auf die innere Verfasstheit Europas und ihr integratives Potenzial wirkt.8 Europa als ein sich immer wieder neu ausrichtendes Bildungsziel, als ein Gegenstand politischen Lernens, das in regionaler Hinsicht von Nordirland bis ins Baskenland und in den Kosovo reichen muss, erweist sich als ein pädagogisches Pro- 7 Interview mit der Süddeutschen Zeitung v. 13./14. April 2019, S. 7. 8 Michael Gehler und Silvio Vietta (Hrsg.), Europa – Europäisierung – Europäistik. Neue wissenschaftliche Ansätze, Methoden und Inhalte. Wien/Weimar/Köln 2009. 32 gramm mit einer langen Tradition, die bis auf Comenius zurück reicht. Unmittelbarer ableitbar ist dieses europäische Bildungsprogramm von Ralf Dahrendorfs bereits 1965 erhobener Forderung nach einem „Bürgerrecht auf Bildung“, das sich auf drei Kernsätze reduziert, die sich ohne Abstriche und Ergänzungen auf die Europäische Union übertragen lassen: 1. Jeder Mensch hat ein Recht auf eine intensive Grundausbildung, die ihn befähigt, von seinen staatsbürgerlichen Rechten und Pflichten wirksamen Gebrauch zu machen. 2. Jeder Mensch hat ein Recht auf eine seiner Leistungsfähigkeit entsprechende weiterführende Ausbildung. 3. Es ist die Pflicht der staatlichen Instanzen, dafür Sorge zu tragen, daß diese Rechte ausgeübt werden können.9 Bereits die Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen aus dem Jahre 1948 enthält das „Recht auf Bildung“, wobei Dahrendorf zum Zeitpunkt seiner Studie die Verhältnisse in der Bundesrepublik Deutschland im Auge hatte, um damit dem „Bildungsnotstand“, den Georg Picht diagnostiziert hatte, zu begegnen und zu verstärkten Anstrengungen im Bereich der bildungspolitischen Infrastruktur aufzurufen. 9 Ralf Dahrendorf, Eine geplante Bildungsrevolution. In: Die Zeit v. 12. November 1965. Nachdruck 12. November 2015, S. 86. Vollständige Dokumentation: www.zeit.de/dahrendorf 33 Brachte uns ‚Bologna‘ Europa näher? – Neue bildungspolitische Herausforderungen Dass Europa gerade an seinen sogenannten Rändern zentral werden kann, dort, wo sich oftmals beziehungsreiche kulturelle Schnittmengen ergeben, ist eine Einsicht, die bekanntlich auf Johann Gottfried Herder zurückgeht und die Hans Magnus Enzensberger in Ach Europa Mitte der 1980er neu thematisiert hat. Die Europäische Union ist nicht identisch mit Europa, sondern die Organisationsform einer politischen Vision; Verwandtes gilt im Prinzip für das Bologna-Abkommen, welches den europäischen Hochschulraum im Zeitalter globaler Verhältnisse zu strukturieren versucht, dabei aber den territorialen Bezugsrahmen der Europäischen Union erheblich überschreitet (mittlerweile handelt es sich um 47 Staaten) und durch die Bologna Follow-Up Group (BFUG) eine konstruktiv-kritische Fortschreibung dieses Abkommens sicherstellen möchte. Unsere kulturellen Systeme haben sich augenscheinlich in viel beschworene Wissensgesellschaften transformiert; wer sich darin auf die Seite des Gefühls schlüge oder „scio me nihil scire“ sagte, müsste zum Häretiker in der formiert-vernetzten Wissenschaftsgesellschaft werden. Was die immer wichtiger werdenden Marketing-Abteilungen der Universitäten im Bologna- Raum angeht, so betonen diese, es gehe dort vornehmlich um Wissensproduktion. Wissen sei demnach Kapital auf der stän- 34 digen Suche nach dem wirkungsmächtigsten Standort, an dem sich dieses Kapital entsprechend investieren und verzinsen lasse. Erstaunlich dabei ist, dass in den Hochglanzbroschüren unserer wissenschaftlichen Institutionen das Wissen kaum noch als Mittel genannt wird, das die Kritikfähigkeit als Teil der kommunikativen Kompetenz steigert. Wer aber ausschließlich Wissen produziert, fördert die Verblendung, eine Einsicht, die zu den wertvollsten der europäischen Aufklärung und der ihr innewohnenden Dialektik gehört. Zum kritischen Wissen zählt auch die Kenntnis der Wissensformen und die Art ihrer Wirkung. Je nach Forschungsdisziplin richtet sich das Wissen auf verschiedene Zeitebenen. Wenn etwa Claus Leggewie einen „Pluralismus der Erinnerungspolitik“ fordert, „den die jeweiligen Zivilgesellschaften mit sich selbst und untereinander ausmachen“ sollen, dann kann sich ein solches Verständnis von Vergangenheit nur bilden, wenn unsere Curricula zwischen Bologna und PISA Wissensinterpretation und die Reflexion der Vielfalt der Wissensformen vorsehen. Nur interpretiertes Wissen, nur Reflektieren des Sinns unseres Lernens sichert verantwortliches Handeln, ein Beziehungsgeflecht, das sich zwischen Platon und Hans Jonas aufspannen lässt. In welchem europäischen Kontext stehen nun diese Entwicklungen? Hier lohnt einmal mehr ein Blick auf Friedrich Nietzsche. Bevor dieser nämlich die Typologie des „guten Europäers“ entwarf – es wird von ihm noch ausführlich die Rede sein –, entwickelte er in fünf Vorlesungen, die er in Basel 1872 gehalten hatte, Gedanken „Über die Zukunft unserer Bildungs-Anstalten“. Ihre Absicht war es zu zeigen, dass geistige Selbstbestimmung sich in der Qualität der Bildungsinstitutionen spiegeln 35 müsse und dass sich in ihnen eine Pädagogik der Freiheit – wir würden heute sagen: der Persönlichkeitsentfaltung – verwirklichen lassen sollte. Der „gute Europäer“, der sich vom Nationalen erfolgreich emanzipiert hat, bringt sich dann seinerseits, so wäre aus Nietzsches Ansatz zu folgern, in die Arbeit solcher Institutionen ein, was deren „Zukunft“ verbürgt. Sollte man Bologna und seine putative Bedeutung für den europäischen Integrationsprozess an dieser Vorgabe messen? Bologna wollte und will den erweiterten europäischen Hochschulraum so einrichten, dass er positiv zur Statik des globalisierten Weltgebäudes beitrage. Realiter und idealiter bedeutete das, die spätmittelalterliche Bausubstanz dieses Hochschulraumes freizulegen, auch wenn Bologna nicht ehrlich genug war, dies so offen auszusprechen. Es ist jedoch ein Phänomen, dass die allerorts wieder diskutierte oder neu eingeführte Liberal Arts-Konzeption – im Grunde eine Renaissance der artes liberales – darstellt. Sie findet wieder zu uns zurück, und zwar auf dem bereichernden Umweg der amerikanischen Erfahrung mit diesem Modell, wo sich bekanntlich bis zum heutigen Tage auch das Humboldtsche Bildungsprinzip am reinsten erhalten hat, zumindest in den dortigen universitären Eliteinstitutionen. Zu fordern ist dabei auch eine Re-Humanisierung der Wissenskulturen, die Förderung von Wissenschaftskommunikation, das Verständlichmachen dessen, was im Labor geschieht, und warum wir im Untergrund von Genf für Unsummen Materiepartikel ins gerade noch Messbare beschleunigen und kollidieren lassen. 36 Plakativer gesagt, Goethes elementare Forderung an den Wissenschaftler bleibt brisanter denn je: wir müssen in der Lage bleiben, meinte er, sprachlich auf fassliche Weise den Sinn des Wissens und seine Mehrwertigkeit zu artikulieren. Forschung muss durch das Wort, den Begriff gedeckt sein. Oder, mit einem abgewandelten Vers Stefan Georges gesagt: wo das Wort gebricht, hört das Ding auf, überprüfbar zu sein. Einen in seiner Bedeutung zunehmenden Anteil an der Wissensproduktion hat die Verknüpfung von Wissen; denn durch sie generiert sich weiteres Wissen. Schon Romano Guardini verwies auf die fortschreitende Technisierung des Wissens, die an die Stelle der Wahrheit als Kern universitären Arbeitens gerückt sei. Folgerichtig spricht man in unseren Tagen vermehrt von einer „Wissenstechnologiegesellschaft“ (Walther Ch. Zimmerli). Dazu gehört die Tertiarisierung, also die Verwandlung der Industriegesellschaften in Dienstleistungs- und Informationsgesellschaften, in der Wissen verwaltet und vermarktet wird. Die Bildungssysteme in Europa haben darauf noch nicht wirklich reagiert, da sie weiterhin die Trennung von Können und Wissen praktizieren, von Kognition und einer regelrechten Wissensperformanz, gespiegelt in einem rein funktional ausgerichteten Prüfungssystem. Was niveauvolle Prüfungen dagegen erbringen sollten, hatte Wilhelm von Humboldt einst so beschrieben, und zwar in einem Gutachten für die Ausrichtung von Staatsexamina: den Aufweis von gesundem Verstand, Einbildungskraft, geistiger Gewandtheit und Sprachfertigkeit. Soviel Humboldt sollten wir uns allemal zumuten wollen, auch und gerade im globalen Medienzeitalter! Übrigens hält Jürgen Mittelstraß Bologna die 37 so genannte „Leonardo-Welt“ entgegen, in der ganz im Sinne Humboldts Wissen und Können vereinigt sind. Bologna bedeutet für das Hochschulwesen eine Abstufung unserer Vorstellung von Wissenskultur: der Bachelor gilt als berufsbefähigend, der Master als wissenschaftsqualifizierend. Theoretisch soll zudem durch die Modularisierung mehr Flexibilität in den Lehrbetrieb eingebracht werden; faktisch aber verändert sich dadurch unser Verständnis von Wissen als einem pluralen Netzwerkangebot, das in Modulen konsumgerecht abgepackt ist. Die ‚universitas‘ mit ihrem vermutlich fiktiv gewordenen Ganzheitsanspruch sieht sich ersetzt durch ein ‚pick-and-choose‘-Verfahren, wobei keinesfalls immer die Kompetenz hinreichend vermittelt wird, Verknüpfungen herzustellen, die wissenschaftlich und intellektuell sinnvoll erscheinen. Das Verdienst von Bologna, es gibt es, liegt hauptsächlich darin, den Mobilitätsanspruch zumindest theoretisch aufrechterhalten und das wechselseitige Anerkennen von Studienleistungen festgeschrieben zu haben. Die Realität erweist sich jedoch als problematischer: Das Modulwesen führt zu einem Studium nach dem Durchlauferhitzer-Verfahren, das kaum noch sinnvolle Zeitrahmen und Anreize für studentische Auslandsaufenthalte bietet. Immerhin unterläuft Bologna die Tendenz der Europäischen Union zur Binnensolidarisierung und Außenabgrenzung, indem es sich auf den regional erweiterungsfähigen Kulturraum Europa bezieht. Bolognas entscheidende Schwäche, andere mögen jedoch gerade dies als Leistung ansehen, besteht meines Erachtens darin, die Wissenskultur zu torpedieren, indem sie die Tendenz zur Formalisierung und Wissensportionie- 38 rung gefördert hat. Hinzu kommt, dass Bologna zu einem krassen Missverhältnis zwischen wissensvernetzender horizontaler Modularisierung und der an den europäischen Hochschulen weitgehend unveränderten vertikalen Fach-und Fakultätsstrukturen geführt hat. Bologna redet dem Wettbewerbs- und Verwertungsanspruch der universitären Wissensproduktion das Wort, gibt aber den Wert des ‚Wissens an sich‘ allzu leichtfertig preis; das schließt die Kenntnis der Zonen des Nicht-Wissens ein, des in der Forschung Scheiterns (eine unersetzliche Erfahrung!) und der Wissensethik. Bologna hat übersehen, die Folgetreffen zum Teil auch, dass Wissen nur ein Teil von Bildung ist. Und eine Bildung, die sich auf Ausbildung beschränkt, hat sich selbst aufgegeben. Hier nun liegt das gravierendste Problem, das Bologna schlicht ignoriert hat: den Zusammenhang von schulischer Wissensgrundlegung und universitärem Arbeiten in der Wechselseitigkeit von Forschen und Lehren. Der Befund fällt entsprechend ernüchternd aus: 1. Bologna hat der Utilitarisierung des Wissenserwerbs im Bildungsprozess enthemmt Vorschub geleistet. 2. Die Konsumentenmentalität wird damit dem Studenten geradezu aufgenötigt. 3. Bildung wird Modulwissen geopfert. Die europäische Bildungslandschaft hat wahrlich mehr verdient als diese bürokratische Flurbereinigung, mehr auch als eine bloße Pluralisierung des Bildungsangebots, nämlich eine niveauvolle Interaktivität und Möglichkeiten, eine wirklichkeitsorientierte Phantasie durch einen anspruchsvollen Bildungsprozess 39 freizusetzen, deren vornehmster Gegenstand lohnender nicht sein kann: das europäische Gesamtbild in weltumspannenden Bezügen aufs Farbigste schillern zu lassen. Bildung – und das bleibt nach Bologna mehr denn je Auftrag – verstehe sich als Synthese von Wissensvermittlung und Wissenskritik, kommunikativer Kompetenz und der einer ‚Éducation sentimentale‘. In der europäischen Bildungsszenerie freilich sollte man tunlichst darauf achten, dass Bildung als Wert nicht weiter bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird und allenfalls noch als Lehnworthülse exportierbar wäre. Die Entwicklung zu einer europäischen Bildungsgemeinschaft bleibt weiterhin Auftrag. 40 Was ist der europäische Hochschulraum? Rhetorisch ist die Frage durchaus nicht mehr; vielleicht war sie es nie: In welchem Sinne kann Britannien nach einem wie auch immer vollzogenem Brexit überhaupt noch zum europäischen Hochschulraum gehören? Denn gerade auch hochschulpolitisch versteht es sich mehr denn je als ein Zwischenland, ein Gebiet zwischen den Kulturen, den transatlantischen, wenn nicht transozeanischen, post-imperialen und – nur sehr bedingt – kontinentaleuropäischen; es ist ein Land, das sich von seinem zur chronischen Selbstüberschätzung neigenden Selbstverständnis her unverdrossen für weltführend hält und im Bereich der Wissenschaft anscheinend nichts als cutting edge research betreibt. Letzteres gibt sich jedoch entschieden zweischneidig. Die einseitige Ausrichtung jeglicher Forschungsaktivität auf ‚impact‘ oder, um das gleichfalls überstrapazierte Wort ‚Nachhaltigkeit‘ zu gebrauchen, führt letztlich zum Abstumpfen des cutting edge in der Forschung. Beinahe auf den Tag genau zehn Jahre nach der Gründung des Europäischen Hochschulverbandes in Salamanca stellt man etwa fest, dass in der britischen Hochschullandschaft die Existenz einer European University Association kaum je Erwähnung findet. Dabei hätte man sich beim damaligen Zusammenschluss der nationalen Hochschulverbände auf das Gründungsdokument des Nachkriegsdiskurses über die „Einheit der europäi- 41 schen Kultur“ berufen können, nämlich T. S. Eliots gleichnamigen Essay aus dem Jahre 1946, dessen vorletzter Abschnitt mir für unsere Diskussion so erheblich erscheint, dass er in extenso zitiert sei: No university ought to be merely a national institution, even if it is supported by the nation. The universities of Europe should have their common ideals, they should have their obligations towards each other. They should be independent of the governments of the countries in which they are situated. They should not be institutions for the training of an efficient bureaucracy, or for equipping scientists to get the better of foreign scientists; they should stand for the preservation of learning, for the pursuit of truth, and in so far as men are capable of it, the attainment of wisdom.10 Eliot beschreibt hier eine Perspektive in Form eines Zielkonflikts, jenen nämlich zwischen staatlicher Finanzierung des Hochschulwesens und dessen essentieller Unabhängigkeit. Als nationale Einrichtungen enthielten sie den Keim zum Übernationalen, so behauptete der kulturpolitisch engagierte Verfasser des Waste Land. Die Instrumentalisierung des Forschungsbetriebes verwarf er, ging aber von ihrer Funktionalisierung als Katalysatoren im Prozeß der europäischen Einigung aus. Dieses Schlußstück in Eliots Versuch, die ‚Einheit‘ der (eventuell aber auch nur in der) europäischen Kultur, ja Kultur überhaupt zu definieren, lebt in der heutigen Diskussion etwa in dem auf, was Jo 10 In: T. S. Eliot, Notes towards the Definition of Culture. London (1948) 1983, S. 123. 42 Ritzen, Rektor der Universität Maastricht die integrative „Kulturdynamik“ nennt, die von den Universitäten ausgehen solle.11 Britannien pflegt dabei den Mythos, Vorreiter in der Internationalisierung der Universitäten zu sein. Nicht nur Zyniker weisen darauf hin, dass dies vor allem auf die Finanzierung der britischen Hochschulen zutrifft, die ohne die zum Teil doppelte bis dreifache Studiengebühren entrichtenden sogenannten overseas students kollabieren müßte. Paradoxerweise erbringt die restriktive Visumspolitik von Whitehall eine ernsthafte Gefährdung dieser internationalisierten Finanzierungsstruktur der britischen Hochschulen, von den inzwischen wachsenden Schwierigkeiten zu schweigen, sie für profilierte Hochschullehrer aus Übersee attraktiv zu erhalten. Eine im Wachsen begriffene Rolle kommt im Wissenschaftsbetrieb inzwischen der Vereinigung Research Councils UK (RCUK) zu; ihr gehören die sieben staatlichen Forschungsförderungsorganisationen an, die sich in ihrer Verteilungspolitik anzugleichen beginnen. Wiederum fällt auf, dass in den meisten mir bekannten Verlautbarungen des RCUK Hinweise auf einen Europäischen Hochschulraum fehlen. Man gibt vor, global zu denken, und übersieht das Nächstliegende. Anders gesagt, um aus britischer Perspektive etwas zum Entwurf oder zur weiteren Ausgestaltung des Europäischen Hochschulraumes beizutragen, gilt es, von der konkreten Erfahrungssituation vor allem in der englischen Universitätslandschaft zu abstrahieren. 11 Vgl. Jo Ritzen, Eine Chance für europäische Universitäten. Würzburg 2011. 43 Es ist mehr als eine Metapher, wenn ich behaupte, dass englischerseits die Bestückung der europäischen Hochschullandschaft mit Pisaleuchttürmen oder schiefen Windrädern bereits als Fortschritt zu werten wäre, wobei der Griff zurück ins Mittelalter und zu den artes liberales mehr eine kontinentaleuropäische Besonderheit darstellen dürfte. Eines der Londoner Colleges zumindest, es nennt sich inzwischen London’s Global University – und ich meine damit nicht die vom Independent on Sunday aufgrund der Subventionsskandale so benannte ‚Libyan School of Economics‘ (für LSE), nein, das University College erwägt die Einführung eines arts foundation programme nach amerikanischem Modell. Die damit verbundene Frage nach der Bedeutung eines Studium generale in einem Medienreizklima ist aufgrund der nicht mehr zu verarbeitenden Informationsüberflutungen fraglos akuter geworden. Die Aktualisierung von Wissens- und Wissenschaftstraditionen kann unter diesen Voraussetzungen zu einer sehr spezifischen Aufgabe der Universitäten werden, wobei eine zur Trennung von Lehre und Forschung führende Ausdifferenzierung der akademisch-wissenschaftlichen Aufgaben problematisch bleibt. In der Praxis prägen fachspezifische Erwägungen diese Ausdifferenzierung, die in der Kernphysik eine andere Bedeutung hat als in der Textkritik. Und doch wäre eine völlige Entkoppelung von Lehr- und Forschungsbetrieb gerade unter dem Vorzeichen einer avancierten Wissenschaftsethik verhängnisvoll. Die Bedeutung des Forschens bleibt ein essentielles gesamtgesellschaftliches Anliegen, das nicht auf bloße Nutzanwendungen reduziert werden kann. Um dies zu illustrieren: die Galaxienforschung, sie ließe sich als, sagen wir, eine Art kosmischer Archäologie 44 verständlich machen, solange sie in der Lage ist, noch zu sagen, worin ihre Anliegen und deren Kontexte bestehen. Vielleicht hilft ja ein interkultureller Verweis auf Shakespeares XIVtes Sonett, das behauptet, wer die Sterne in den Augen des Gegen- übers funkeln sehe und zu deuten wisse, sei bereits ein Astronom. Aber wir wollen die Interkulturalität nicht solchermaßen überfordern, und ich rufe mich denn hiermit wieder zur Ordnung und komme auf einige Thesen zur Architektur des europäischen Hochschulraumes zu sprechen. Komplementarität der Systeme. Darunter wäre die wechselseitig sich ergänzende Vielfalt universitärer Organisationsformen zu verstehen – vom Collegesystem, urbanen oder regionalen Verbunduniversitäten, weiterhin staatliche oder verstärkt private Trägerschaften, Bundesuniversitäten in föderalen Systemen und genuinen EU-Universitäten. Analog dazu bedürfte es eines europäisch agierenden Stifterverbandes für die Wissenschaft sowie einer europäischen Studienstiftung für die Förderung des hochqualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchses in Europa. Beides erscheint unerlässlich für den Aufbau eines wirkungsmächtigen europäischen Hochschulraumes. Staatlich, privat, unternehmensgerecht. Zu den widersinnigen Pikanterien des britischen Hochschulsystems gehört seine Fragmentierung vermittels der Studiengebühren-Politik, die sich in England bekanntlich anders darstellt als in Wales und Schottland, wo die sogenannten home students vorerst keine drastisch erhöhten Studiengebühren entrichten müssen, wohl aber englische Studenten, die dort studieren wollen. Gegenwärtig ist davon auszugehen, dass sich weitere Privatuniversitäten in England gründen werden, die Studienprogramme mit verkürzten 45 Studienzeiten anbieten werden. Tatsache ist jedoch, dass sich in den geisteswissenschaftlichen Fächern die staatlichen Universitäten nun auch de jure teilprivatisieren, da inzwischen das Studienangebot in diesen Bereichen allein vom Einkommen durch Studiengebühren abhängt. Die staatlichen Gemeinwesen innerhalb der EU werden sich mittel- und langfristig in einer Art bildungs-und wissenschaftspolitischer Güterabwägung wiederfinden, wobei es um die Frage geht, was diesen Gemeinwesen, der mehr oder weniger freie Zugang zu den Hochschulen als einem demokratischen Grundwert noch bedeutet. Unternehmensgerechte Verhaltensweisen in der hochschulpolitischen Organisation bis hin in die Gestaltung der Curricula ist dabei für manche Hochschultypen bereits die Norm. Im Bereich der Forschung besteht der Hauptunterschied zwischen konkreten Forschungsaufträgen für die Universitäten durch Unternehmen und einer blue sky-Grundlagenforschung, die sich marktwirtschaftlichen Überlegungen eher entzieht. Der Zielkonflikt zwischen Erwartungsvorgaben für nicht-staatliche Investitionen in den Hochschulbereich und der prinzipiellen Freiheit von Forschung und Lehre bleibt dabei virulent. Genuines Mäzenatentum, also ein zweckungebundenes Sponsoring, erweist sich in der gegenwärtigen Situation als zunehmend illusionär. Fatal ist in dieser Hinsicht eine Drittmittelantragsunkultur, die Forschende mehr und mehr dazu zwingt, detailliert anzugeben, was die zu fördernde Forschung erbringen und welche spezifische und gesamtgesellschaftliche Wirkung sie haben wird. Noch bizarrer ist die inzwischen nicht nur im anglophonen Sprachgebiet grassierende Unart, das Ergebnis von Forschungen zum Bestandteil eines Forschungsantrages zu machen. Die Besessenheit 46 englischer Research Councils mit ‚Impact‘ illustriert die Malaise. Gefordert sind dagegen fächer- oder fakultätsspezifische Wertungskriterien und Entwicklungsstrategien, gerade für Zusammen- oder Widerspiel mit nicht-akademischen Interessenvertretern. Diese fächerspezifischen Kriterien in Forschung und Lehre können durchaus europaweit definiert werden, verbunden mit entsprechenden Förderungsformen, aber auch Interaktionsmodellen zwischen Hochschule und Wirtschaft. Die in der Fachhochschule Münster für die Europäische Kommission unter dem Signum des Wissenschaftsmarketing (Science-to-Business) von Thomas Baaken durchgeführte Studie University-Business Cooperation in Europe scheint dabei – allen Vorbehalten zum Trotz – in die richtige Richtung zu gehen. Es bedarf nämlich detaillierter Kenntnis über den wechselseitigen Bedarf und die jeweiligen realistischen Erwartungshaltungen in den Wissenschaftsdisziplinen und der Wirtschaft, um eine sinnvolle und interessengerechte Weiterentwicklung des Hochschulsektors unter radikal sich verändernden Finanzierungsbedingungen betreiben zu können. Bezeichnend ist freilich, dass Whitehall einmal mehr einschneidende hochschulpolitische Entscheidungen bereits getroffen hat, bevor diese Erkenntnisse vorliegen. Bestünde nicht die verhängnisvolle Tendenz unter anderen Mitgliedsstaaten der EU, grundsätzlich angelsächsische Vorgaben – trotz des Brexit – als Modellfälle zu betrachten, dann bedürfte es dieses Kassandrarufes nicht. Denn es gehört zu den fundamentalen Paradoxa im britisch-kontinentaleuropäischen Verhältnis – und das keineswegs nur in hochschulpolitischen Fragen – dass ausgerechnet jenes Land, das sich europapolitisch geradezu lust- und gelegentlich auch geistvoll selbst marginali- 47 siert, dadurch an exotischer Anziehungskraft gewinnt und sich trügerischer Weise zur Nachahmung empfiehlt. Unser hochschulpolitisches Denken ist inzwischen in einem Ranking-Raster gefangen, dem auf nationaler Ebene eine Exzellenz-Cluster-Kategorisierung entspricht; dergleichen schafft Orientierung, aber auch eine Hierarchisierung, die gesellschaftlich nicht in allen Systemen gleichermaßen verträglich sein kann. Wiederum gilt: die Europäisierung der Centres of Excellence scheint geboten; das European Research Council wäre auch in dieser Hinsicht gefordert. So bedeutsam europäische Forschungsrahmen-Projekte für die Weiterentwicklung der Spitzenforschung auch sind, es fehlt ein Äquivalent für den Aufbau von neuen Forschungsnetzstrukturen innerhalb der EU und ihren Anrainerstaaten. Ein Blick auf die hochschulpolitischen Verhältnisse in den Vereinigten Staaten erbringt nicht unbedingt eine Horizonterweiterung. Hier reicht die Skala von phantasielosen Berichten des britischen Department of Education, das diese Problematik kurioser Weise durch die Spellings Commission abhandeln ließ, über den Ruf nach „accountability“, also Ablegung von Rechenschaft über das, was in den Seminaren mit den Steuergeldern geschieht, bis hin zur recht eindimensionalen Professorenschelte, durch die sich etwa Mark C. Taylor in der New York Times ausgezeichnet hat. Daraus hatte er dann ein Buch unter dem Titel Crisis on Campus (2009) gedrechselt, dessen Tenor lautet: „If Amer ican higher education is to thrive in the 21st century, colleges and universities, like Wall Street and Detroit, must be rigorously regulated and completely restructured.“ Aus traditioneller US-amerikanischer Sicht ist das Wort „rigerously regulated“ eher ein Unwort, das aber in diesem 48 Fall weitgehend akzeptiert wurde. Man besaß nicht einmal die Phantasie, daraus die Forderung nach einer Wiederbelebung der „regulierten Selbstregulierung“, einem für uns heute ausgesprochen wegweisenden liberalen Rechtsprinzip des 19. Jahrhunderts, abzuleiten. Dem American Dream fehlen inzwischen die Träumer, und gerade sie will Martha Nussbaum auf dem Campus der Zukunft heranbilden; so zumindest die Lehre, die sich aus ihrem emphatisch argumentierenden Essay Not for Profit: Why Democracy Needs the Humanities (2010) ziehen lässt. Nussbaum argumentiert als überzeugte Sokratikerin, die auch zu dem einen Beitrag leistet, was wir hier den ‚Hochschulraum‘ nennen, indem sie nämlich die Entwicklungen in den USA und Indien zueinander in Beziehung setzt und die universitätspolitischen Modelle Rabindranath Tagores mit jenen John Deweys vergleicht. In mancher Hinsicht bietet Nussbaum eine Fortschreibung von Deweys in seiner 1916 veröffentlichten Studie Demokratie und Erziehung, wobei sie auf die exzeptionelle Notwendigkeit der Geistes-und Sozialwissenschaften für diesen Prozess einer wechselseitigen Integration von Campus und Demokratie aufmerksam macht. Die Krise der US-amerikanischen Universität, sie schlägt sich allein in den letzten Monaten in Buchveröffentlichungen nieder wie Academically Adrift: Limited Learning on College Campuses (Richard Arum und Josipa Roksa) oder Higher Education? How Colleges Are Wasting Our Money and Failing Our Kids – And what We Can Do About It (Andrew Hacker und Claudia Dreifus). Zu lernen ist daraus, wie mir scheint, dass der europäische Hochschulverbund gut daran täte, sich auf sich selbst zu besinnen, und eigene Energien und Formen aus sich heraus entwickelt. 49 II 51 Das Europäische in Schillers Lyrik Zu einer Zeit, als für einen Schwaben bereits die Kurpfalz und erst recht Thüringen zumindest staatsrechtlich Ausland bedeuteten, musste einem ‚Europa‘ wie ein exotisch-globales Phänomen vorkommen. Aus dieser provinziellen Binnenperspektive war kaum ein prinzipieller Unterschied auszumachen zwischen Kurhessen und Helvetien, einem deutschen Kurfürstentum und dem Königreich Neapel. Allein Frankreich und Britannien, zunehmend das Zarenreich und die sich gegenseitig zu lähmen versuchenden Mächte Preußen und Österreich standen für machtpolitische Größen eigener Art. Publizistischen Initiativen wie etwa Friedrich Justin Bertuchs Journal London und Paris verdankte sich jedoch gegen Ende des 18. Jahrhunderts der Umstand, „dass die aufgeklärten, gebildeten Bürger […] über so etwas wie ein ‚Europabewusstsein‘ verfügten und von einem grundsätzlichen Zusammenhang der europäischen Ereignisse ausgingen.“ Man kann zudem davon ausgehen, dass dieses Bewusstsein Teil eines Bürgerhumanismus wurde, der nicht nur zu Friedrich Schillers Ideenhorizont gehörte, sondern den er maßgeblich mit formte. Schiller, genau in der Mitte des Siebenjährigen Krieges geboren, der sich zu dieser Zeit in einen ersten weltumspannenden Krieg ausgeweitet hatte, sollte später gerade auch im Sinne einer Fundierung bürgerhumanistischer Konzeptionen als Historiker 52 die Zeitläufte ins Gewesene verfolgen, zudem eingedenk seiner früh erworbenen medizinischen und philosophisch-anthropologischen Erkenntnisse. Aus der anfänglichen Marbacher oder Ludwigsburger Sicht dürften jedoch zunächst auch für ihn Gotha und Göteborg, Passau und Paris, Leipzig und London ähnlich weit entfernt gewesen sein. Am nächsten lagen ihm schon bald das antike Rom und Griechenland. Mit deren Göttern war der poetische Verkehr leichter als mit Herzögen. Und für den Sohn eines Apfelexperten schien es selbstverständlich, im Garten des Paris zu spielen und die gefährlich Schönen, Hera, Athene und Aphrodite, sich dazu vorzustellen, Paris, der von seinen Eltern ausgesetzte Bruder Hektors und Kassandras, der unwissentlich den Trojanischen Krieg auslösen wird. Dieser mythische Krieg faszinierte Schiller in Vergils Darstellung; und über Aphrodite wusste er sich auch der Európe (Εὐρώπη) nahe, der von Zeus in Stiergestalt ent- und verführten Schönen; Aphrodite nun sollte nicht nur den auf dem Schlachtfeld bedrohten Paris retten, sondern auch nach Európe einen unbekannten dunklen Kontinent benennen. In einem nachgelassenen Xenion sollte Schiller den mythischen Tityos aufrufen, einen Vergewaltiger, den er über Europa, „das ihm huldigte“, ausgebreitet sah. Verstand Schiller ‚Europa‘ als ein Gebilde, das sich willentlich schänden ließ? Und ist in seiner Lyrik überhaupt ein Europa-Bild oder Europa als ein ‚Begriffsbild‘ erkennbar, das seiner Tendenz zur Allegorisierung – insbesondere der griechischen Götterwelt – entspräche? ‚Europa‘ verstünde sich so als Ort, wo sich kulturelles Bewusstsein mythologisch bildet und überliefert. Hierfür steht exemplarisch Schillers Gedicht Die Götter Griechenlands, aber auch die Auseinandersetzung über diese Dichtung, die Christian Gottfried 53 Körner zu seiner ersten ästhetischen Schrift, die im 6. Heft der Thalia (1789) als Verteidigung des Gedichtes seines Freundes erschien: Über die Freiheit des Dichters bei der Wahl seines Stoffes. Darin vertritt Körner emphatisch die Zweckfreiheit der Kunst, was einschließt, dass sie auch ein Motiv wie ‚Europa‘ nicht vertritt, sondern nur motivisch-allegorisch mit ihm arbeitet. Gehen wir jedoch von der mythischen in die historisch wirkliche Zeit über, zur Eröffnung der Mailänder Scala am 3. August 1778; sie wurde zwei Monate nach Voltaires Tod mit Antonio Salieris Opera seria L’Europa riconosciuta (Die wiedererkannte Europa) gefeiert. Europa habe sich im Siebenjährigen Krieg zerfleischt und vergessen. Es gelte, dass der Kontinent sich selbst wiederfinde. So die Botschaft der Salieri-Oper. Zu dieser Zeit nun beginnen auch fernab in Ludwigsburg Friedrich Schillers lyrische Versuche. Sie gelten unter anderem der Reichsgräfin Franziska von Hohenheim, zu jener Zeit noch offizielle Mätresse des Herzogs Carl Eugen von Württemberg: „Elisische Gefühle drängen/Des Herzens Saiten zu Gesängen/Ein theurer Nahme wekte sie.“ (1, 12) In unmittelbarer Nachbarschaft zu diesem Huldigungsgedicht auf die reichsgräfliche Buhlschaft seines Herzogs steht das furios-erotische fünfundsechzigstrophige Gedicht Der Venuswagen. (Später inspirierte Wolfgang Gurlitt dieses Gedicht übrigens dazu, unter diesem Titel eine dezidiert europäische Buchreihe mit erotischen Originalgraphiken zu gründen, die aber nur zwischen 1919 und 1920 Bestand haben sollte. Die Reihe begann mit einer von Lovis Corinth ausgestatteten Einzelausgabe von Schillers Gedicht.) Zwar tritt in diesem Gedicht Európe nicht wirklich in Erscheinung, aber das Wort ‚Europa‘ fällt in Schillers lyrischem 54 Werk hier zum ersten und für lange Zeit letzten Mal. Es geht um die Frage, wer der „weise Venusrichter“ sei, eine poetische Rätselfrage, die – so das Gedicht – nur ein Dichter beantworten könne, auch aufgrund seiner Rolle als Lenker des Venuswagens. Die Frage ist, wo er wohne: Wo noch kein Europerseegel braußte, Kein Kolumb noch steuerte, noch kein Kortez siegte, kein Pizarro haußte, Wohnt auf einem Eiland – Er allein. (1, 22)12 Diese Insel nun schwimme im „Atlantschen Meere“, eine Art Atlantis, an dessen Stränden tödlich scheitert, wer dort landen will. Europa, das ist der Ausgangspunkt für Welteroberungen, bei denen deutsche Namen nicht vorkommen, nur eingedeutschte. Für Schiller, dessen Ode an die Freude in Beethovens choraler Form zur inoffiziellen Hymne der Europäischen Union geworden ist, war ‚Europa‘ kein zwingender Begriff, kein im eigentlichen Sinne lyrischer Stoff. Bezeichnenderweise kehrt er wieder in Schillers spätem Entwurf [Deutsche Größe – eigentlich: „Deutsche Würde“], und zwar in der Wendung, der Deutsche befinde sich „in der Mitte von Europens Völker[n]“. (21, 433) Eher verstand er ihn als einen kulturellen Raum, eine Latenz- 12 Zit. nach: Schillers Werke. Nationalausgabe. Begründet v. Julius Petersen u. Friedrich Beißner, fortgeführt v. Lieselotte Blumenthal, Benno von Wiese, Norbert Oellers u. Siegfried Seidel. Weimar (seit) 1943. (Soweit nicht anders angegeben, beziehen sich alle Nachweise auf diese Ausgabe: Band- und Seitenzahl im Text.) 55 sphäre, wenn man so will, die ihm aber lyrisch nicht eigens bespielbar erschien. Schiller sah jedoch im kulturellen Pluralismus der deutschen Staaten ein Gegengewicht zur französischen Hegemonie und britischen Kulturanmaßung: „Keine Hauptstadt und kein Hof übte/eine Tyrannei über den deutschen Geschmack. Paris. London./Soviele Länder und Ströme und Sitten, soviele/eigene Triebe und Arten.“ (21, 432) Schiller wirft in diesem Fragment den Briten, die „fest auf [ihrem] Wellenthrone“ stehen, nichts weniger als Kulturgüterraub vor („Gierig nach dem kostbarn greifen/Und auf seiner Insel häufen/Was ein Schiff nur laden kann“. 21, 434) und Frankreich politische Selbstüberhebung. (Im Gedicht „Die Antiken zu Paris“ freilich bezieht er die Franzosen unter Napoleon in den Vorwurf des Raubens von Kulturgütern ausdrücklich ein. (21, 408) Das Deutsche dagegen hält er für eine „sittliche Größe“, die der Kultur innewohne und von „politischen Schicksalen unabhängig“ sei. Es wachse „mitten unter/den gothischen Ruinen einer alten barbarischen Verfassung“. (21, 431) Während des Deutschen politisches Reich wanke, habe sich „das Geistige immer fester und vollkommener/gebildet.“ (ebd.) Daher kann er behaupten: „Das ist nicht des Deutschen Größe/Obzusiegen mit dem Schwert,/In das Geisterreich zu dringen/Vorurtheile zu besiegen […]“, das sei seines „Eifers werth“. (21, 435) Dieses von der Forschung längst genau ausgelotete Fragment kommt jedoch nicht ohne kulturimperialistische Geste aus: „Unsere Sprache wird die Welt/beherrschen.“ (21, 432) Man kann dies euphemistisch „nationalen Universalismus“ nennen oder Weimarer Hybris. Die Grundlage für diesen fraglos anmaßenden Anspruch benannte Schiller mit fol- 56 gender Formel: Man kenne das „jugendlich/griechische und das modern ideelle“ (ebd.) und verstehe sich auf deren Ausdruck. Dabei war seine Vorstellung von der deutschen Kulturmission in der Mitte Europas eher auf Bewahrung angelegt, wie aus der folgenden Stelle des Fragments hervorgeht: Der Deutsche sei „vom Weltgeist“ dazu auserkoren, „zu bewahren was die Zeit“ bringe: „Daher hat er bisher Fremdes sich angeeignet und es in sich bewahrt.“ In ihm seien die „Schätze von Jahrhunderten unverloren“. (21, 433) Der Entstehungskontext dieses vielschichtigen Fragments ist auch deswegen von Interesse für unseren thematischen Ansatz, weil es aus einer europäischen Krisenkonstellation hervorgegangen ist, der Beendigung des zweiten Koalitionskrieges zwischen Frankreich und Österreich durch den Friedensschluss von Lunéville vom 9. Februar 1801. Göschen und Cotta hatten Schiller gebeten, auf dieses Ereignis poetisch zu reagieren. Die in dieser Zeit besonders verbreitete geschichtsphilosophische Frage nach der Möglichkeit eines ‚ewigen Friedens‘ dürfte Schiller zudem gereizt haben. Doch sublimiert sich dieser ‚Reiz‘ in den Schichtungen des poetischen Materials, das er zu diesem Thema aufhäuft. Göschen antwortet er auf dessen Anfrage jedoch abwinkend: „Gerne, lieber Freund, wollte ich Ihren Wunsch erfüllen, wenn ich nicht eine ähnliche Proposition von Cotta schon dreimal abgeschlagen hätte. Auch fürchte ich, werden wir Deutsche eine so schändliche Rolle in diesem Frieden spielen, daß sich die Ode unter den Händen des Poeten in eine Satyre auf das deutsche Reich verwandeln müßte.“ Bekanntlich sollte sein Landsmann, Friedrich Hölderlin, unaufgefordert und in aller Stille diesem Ereignis eine seiner bedeu- 57 tendsten Hymnen widmen (Friedensfeier), die den ersehnten Frieden mit einer neuen Sprache begrüßte, die Hölderlin selbst als „zu wenig konventionell“ für ein allgemeines Verstehen bezeichnete. Hölderlin kam es auf die Sprache an, an deren Entwicklung er – gleichsam in Entsprechung zum geschichtlichen Prozess – arbeiten wollte, auf dass sie als Verständigungsmittel zur Verfügung stehe, wenn „Stille“ kehre, also Frieden einkehre. Das Deutsche, gar die vermeintliche „deutsche Größe“ blieb in Hölderlins Hymne unerwähnt. Es war einzig präsent durch die Dichtung selbst und ihre ästhetische „Größe“. Schiller dagegen sorgte, ja bekümmerte die konkrete politische Situation, in der sich auch nach dem Frieden von Lunéville die deutschen Länder befanden, er nahm sie augenscheinlich als paralysiert wahr. Während Hölderlin vom „Zeitbild“ spricht, „das der große Geist entfaltet“ und das als ein „Zeichen“ wahrgenommen werden könne, ja als eine „Bündnis“-Formel „zwischen ihm und andern Mächten“, ahnt Schiller bereits das Zerbrechen dieser neuen Friedensordnung aufgrund der Antinomie zwischen England und Frankreich. Hölderlin stand zum damaligen Zeitpunkt der Vorstellung vom ordnenden Hegel’schen „Weltgeist“ näher als Schiller, dessen idealistische Gedankenlyrik am Vorhaben, sich an diesem geschichtlichen Ereignis zu erproben, scheiterte, wenn nicht ganz in die Brüche ging. Was Schiller zwischen 1795 und 1799 sich lyrisch erarbeitet hatte, programmatisch vorgebildet zu Beginn dieser Schaffensphase in seinem Gedicht Das Ideal und das Leben, hat man schlüssig umschrieben mit dem Bild von zwei Waagschalen, auf denen sich „der tragische Widerstand gegen das Schicksal, Angst und Schwere des irdischen Daseins“ und „die göttliche Spielfreiheit 58 der Gestalt, die heitere Region der reinen Formen“ in einem dynamischen Gleichgewicht halten; diese Waage konnte die Gewichtungen der politisch wirklichen Welt poetisch nicht länger austarieren. Erst in den späten Geschichtsdramen konnte er diese Antinomien wieder auffangen, sie symbolisch-allegorisch gestalten und ihnen sinnfällige Struktur verleihen – namentlich in Maria Stuart und der Jungfrau von Orléans. Im Vorgriff auf die unsere Ausführungen abschließende Überlegung sei hier bereits die These gewagt, dass Schiller an sein lyrisches Schaffen aus dem Geist der europäischen Historie in den Chören der Braut von Messina noch einmal anzuknüpfen versucht hatte. Von Schillers Kritik am politischen Gebaren Frankreichs und Britanniens zur Zeit des zweiten Koalitionskrieges bleiben jedoch ihre Geistesheroen, Rousseau und Newton, ausgenommen. Seltsam wie ihm an unvermuteter Stelle das Andere, Nicht-Deutsche in den Sinn kommt, so am Anfang seines Gedichts aus dem Musenalmanch für das Jahr 1796 Pegasus in der Dienstbarkeit: „Auf einen Pferdemarkt – vielleicht zu Haymarket,/Wo andre Dinge noch in Waare sich verwandeln,/Bracht’ einst ein hungriger Poet/ Der Musen Roß, es zu verhandeln.“ (1, 230) Auch das gehört in das Register impliziter England-Kritik. Dergleichen kann eben nur auf dem Haymarket zu London geschehen, dass der Dichter das Musenpferd veräußert. Das Ovid’sche „Verwandeln“ bedeutet hier Verhökern. Dieses Betonen des Deutschen als einer sittlichen Qualität schien Schiller stets auch als ein Mittel der Selbstvergewisserung gedient zu haben, womöglich verursacht durch eine Grundangst – wie Odysseus an Ithakas Küste zu erwachen „und jammernd das Vaterland“ nicht zu erkennen, wie Schiller in seinem Gedicht über den Irrfahrer schreibt. (1, 227) 59 Wiederholt weiß Schiller die deutsche Kultur auf der „Spur des Griechen und des Britten“, so in einem Gedicht, das er Goethe aus Anlass seiner Inszenierung von Voltaires Mahomet zugedacht hatte. (21, 404) Keine Illusionen dagegen machte sich Schiller über den Zustand Europas an der Jahrhundertwende 1800. Sein Gedicht Am Antritt des neuen Jahrhunderts sieht abermals Europa aufgeteilt in die beiden kriegerischen Einflusssphären Britannien und Frankreich: „Das Jahrhundert ist im Sturm geschieden,/Und das neue öfnet [sic!] sich dem Mord.“ (21, 362) Schiller sieht einen Kataklysmus am Werk: Und das Band der Länder ist gehoben, Und die alten Formen stürzen ein; Nicht das Weltmeer hemmt des Krieges Toben, Nicht der Nilgott und der alte Rhein. Zwo gewalt’ge Nationen ringen Um der Welt alleinigen Besitz, Aller Länder Freiheit zu verschlingen Schwingen sie den Dreizack und den Blitz. (21, 362) Schiller hatte auf diese unsicheren Verhältnisse im Europa seiner Zeit unter anderem mit einer freien Übersetzung aus dem Zweiten Buch der Aeneas geantwortet, das von der Zerstörung Trojas handelt. Man könnte daher auch von einer freien allegorischen Übertragung reden. Auch Schiller hatte im Akt des Übersetzens offenbar einen Beitrag zur „transculturación“ gesehen, um einen heute gängigen Begriff von Fernando Ortiz zu 60 gebrauchen, ein Zusammenspiel von verschiedenen Sprachen, ohne dass ihre Kulturen konvergierten. Schillers schon früh untersuchtes Interesse an Vergil begründet sich auch aus seiner Neigung, eine Art Querschnitt europäischer Literatur in poetisch bearbeiteter Form vorzustellen. Das begleitet auch sein Bühnenschaffen bis zu seinen späten Bearbeitungen von Macbeth, Der Parasit und Phädra. Auf europäische Kultur bezogen flankierte Schiller diese Ambition mit Dichtungen wie Pompeji und Herkulaneum, dem parodistisch gemeinten Gedicht Shakespeares Schatten und Der Spaziergang. Poetische Einsichten über Geschichte und Kultur vollzogen sich in Schillers Gedichten schon früh, seine eigene These in Die Künstler vorwegnehmend und danach vielfach neu einlösend: „Nur durch das Morgenthor des Schönen/drangst du in der Erkenntniß Land.“ (1, 202) Das Europäische zeigt sich ihm als ein kultureller Geschichtsraum, den er jedoch keineswegs idealisiert, sondern in seiner von Kriegen bedrohten und zerstörten Realität erfasst. Ihre mythologische Vorgabe heißt Troja und seine Zerstörung ist mithin das, was allem – selbst kulturell hoch entwickelten Gesellschaften – drohe. Darüber aber wölbt sich die Hoffnung, die „Sinne Homers“ mögen auch uns „lächeln“. (1, 266) Und eben deswegen setzte er sich mit dessen Welt – meist von Vergil vermittelt – auseinander. Selbst als Schiller in seiner kulturphilosophisch deutbaren Elegie von 1795/96, die für den jungen Hölderlin zum poetischen Modell wurde, Afrika und Arabien aufruft, versagt er sich den Begriff ‚Europa‘ und reduziert ihn wiederum auf das antike Griechenland, auch wenn er es im Heute durchwandert. Fand sich doch schon bei Hofmannswaldau die Pointe: 61 „Und was wir von Athen und von Corinth gelesen/Hieß London und Pariß geringe Flecken seyn.“ Die Elegie setzt umfassend fort, was die Distichen Die Antike. An einen Wanderer aus Norden angedeutet hatten: Gelingt es nicht den „nordischen Fluch“ abzuschütteln, dann umstrahlt uns „Ioniens Sonne umsonst“. (1, 257) Dieser „Norden“ lebt politisch von einem Gebilde, das Schiller als Restbestand des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation und seiner von Samuel von Pufendorf untersuchten Verfassung wahrnahm. Auch wenn er in seinem ironischen Gedicht Die Thaten der Philosophen einmal mehr mokant auf Pufendorf und den Kant-Kritiker Johann Georg Heinrich Feder Bezug nimmt („So lehren vom Katheder/Herr Puffendorf und Feder“, 1, 269), den politischen Inhalt ihrer Lehre zweifelte er nicht an: die Staaten (Deutschlands und Europas) sollten ein „dauernd Band“ knüpfen. Ein mögliches „Band“ konnte für ihn auch ein gemeinsames Projekt sein, etwa der Wiederaufbau Pompejis und Herkulaneums, wie das bereits erwähnte Gedicht gleichen Titels nahelegt. Die Kunde von den Ausgrabungen dieser Stätten römischer Kultur, die von der Vesuv-Lava zerstört und gleichzeitig konserviert worden waren, wurde zu einem europäischen Kulturereignis, von dem auch Schiller durch Johann Jakob Volkmann und Johann Joachim von Winckelmann Kunde hatte. Schillers Elegie gilt inzwischen als das erste archäologische Gedicht deutscher Sprache, da es von „Referenzen auf archäologische Realien lebt“. Nur sollte man dieses Gedicht nicht auf die Verarbeitung des „musealen Verhältnisses der Moderne zur Vergangenheit“ reduzieren. Zwar trifft es zu, dass die Elegie den „Zeichencharakter des historischen Relikts in seiner Ambiguität von räumlicher Nähe und zeitlicher Ferne“ reflektiert, 62 aber Schillers poetische Signale geben den Weg frei zur imaginativen Verlebendigung des archäologisch Gehobenen, das über einen europäischen Kulturereignischarakter verfügt: „O kommt! O seht, das alte Pompeji/Findet sich wieder, aufs neue bauet sich Herkules Stadt.“ (21, 304) Dieses Ereignis bleibt jedoch ästhetischer Natur: Mimen, bildende Künstler, Bacchantinnen sollen aufgeboten werden, um vor dieser ausgegrabenen Theaterkulisse die Geschichte in die Gegenwart zu spielen. Das freilich ist ‚Spiel‘ im Sinne der „ästhetischen Erziehung des Menschen“, das den griechisch-römischen Kulturhintergrund ebenso transzendiert wie Beschreibungsleistungen deutscher Gelehrter der Ausgrabung von Pompeji. Das Deutsche im Europäischen und das Europäische im Deutschen befragt Schiller in seinen Gedichten zu gleichen Teilen, wobei ‚das Deutsche‘ bekanntlich unter zwei Xenien-Vorbehalten steht: „Deutschland? Aber wo liegt es? Ich weiß das Land nicht zu finden,/Wo das gelehrte beginnt, hört das politische auf “ (1, 320) sowie „Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens,/Bildet, ihr könnt es, dafür freyer zu Menschen euch aus.“ (1, 321) Er bedichtet die Hauptflüsse in Deutschland, aber der Blick auf das Andere bleibt skeptisch-ironisch. Zum Rhein fällt ihm ein: „Treu wie dem Schweitzer gebührt, bewach ich Germaniens Grenze,/Aber der Gallier hüpft über den duldenden Strom“ (1, 321) – eine Formel, die er übrigens in dem bereits zitierten Gedicht, das den Erbprinzen von Weimar auf seiner Reise nach Paris begleiten sollte, wiederholen wird. Und mit vergleichendem Blick nähert er sich auch dem Thema ‚Revolutionen‘: „Was das Luthertum war ist jetzt das Franzthum in diesen/Letzten Tagen, es dränget ru- 63 hige Bildung zurück.“ (1, 320) So steht es im Musenalmanach für das Jahr 1797. Ein Jahr zuvor veröffentlichte Schiller eines seiner zahlreichen epigrammatischen Gedichte unter dem Titel Columbus. Das zweite der vier Distichen lautet: „Immer, immer nach West! Dort m u ß die Küste sich zeigen,/Liegt sie doch deutlich und liegt schimmernd vor deinem Verstand.“ (1, 239) Dieses „Muß“ ist mit jenem aus der Ode An die Freude verwandt („Brüder – überm Sternenzelt/Muß ein lieber Vater wohnen“); es suggeriert im Columbus-Gedicht eine Zielgerichtetheit, wogegen es in der Ode die Existenz einer Transzendenz beschwört. Dass sich im „West“ eine Küste zeigen müsse will seinerseits die Erfahrung des Europäischen übersteigen. Sie geht auf im „schweigenden Weltmeer“. In der Figur des Kolumbus symbolisiert sich der Absprung von Europa, den Schiller in seinen geplanten, nur in fragmentarischen Notaten überlieferten Seestücken weiter auszuführen gedachte – ob in Gestalt eines bürgerlichen Rührstücks oder Schauerdramas. Dabei sollte das Schiff zur Bühne werden und die „außereuropäischen Zustände und Sitten“ die Kulisse bilden. „Der sich expatriierende Europäer redet die fremde Erde an“, heißt es im dritten Teil des Seestück-Fragments Das Schiff. So sehr auch Europa und die Neue Welt gegeneinander stehen, letztlich bleibt für den sich in Indien etablierenden Europäer der europäische Kontinent Projektionsfläche seiner Sehnsucht. Vorstellbar ist für Schiller jedoch auch die dramatisch-poetische Figur des zwischen diesen Welten stehenden Seemanns, „der überall und nirgends zu Hause ist und auf dem Meere wohnt“, eine Vorwegnahme des Ancient Mariner, wie ihn Samuel Taylor Coleridge entwerfen sollte. 64 Man hat darauf hingewiesen, dass in Schiller eine Idee Emotionen entzünden konnte. Bekanntlich verhalf Schiller die Lektüre von Reisebeschreibungen zu imaginierten (Selbst-)Entgrenzungen. Es sei gut, schreibt er am 27. November 1788 an Charlotte von Lengefeld, „daß Sie sich Ihr kleines Zimmer durch Reisebeschreibungen recht groß und weit machen. Mir ist es immer ein unaussprechliches Vergnügen, mich in möglichst kleinem körperlichen Raum im Geist auf der großen Erde herumzutummeln.“ ‚Europa‘ ist dabei Ausgangspunkt aber auch der Bereich, zu dem die poetische Imagination zurückkehrt. Idee, Erfahrung und Emotion bildeten bei Schiller eine „unlösliche Einheit“, die sich dem Leser dann zumeist als Pathetik oder Rhetorik zeige. Eine zweite Einheit ergibt sich für den Lyriker Schiller zwischen Mythos und Geschichte, also gerade jene Verbindung, die er als Historiker zu entwirren versuchte. In einer seiner Balladen, Der Graf von Habsburg, vermittelt die von einem Historiker, Aegidius Tschudi (1505–1572) in seinem Chronicon Helveticum (1534–1536) überlieferte Anekdote zwischen Mythos und Historie. Schiller war dieser Quellensachverhalt eine eigene Anmerkung wert. (21, 162) Diese Ballade belegt einmal mehr, dass Schiller das Deutsche im Europäischen immer auch unter den Vorgaben des transnationalen Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation wertet. Er beschwört eine Welt, in der ein „Sänger“, ein Künstler also, ein Herrscherlob vorträgt, in dem die menschlich-soziale Eigenschaft des soeben gewählten Kaisers Rudolf von Habsburg gepriesen wird. Dieser Augenblick darf als kairós des ästhetischen Staates gelten: Künstler und Herrscher begegnen einander auf Augenhöhe. Dieses Mittelalter Schillers ist demnach alles 65 andere als ‚finster‘. Die sieben Kurfürsten vergleicht die Ballade mit den sieben antiken Planeten, „der Sterne Chor“, der „um die Sonne sich stellt“. (21, 276) Sie verkörpern dieses europäisch dimensionierte Reich, wobei Schillers Interesse daran auch in Zusammenhang damit gestanden haben mochte, dass er die Entkörperlichung dieses Reichs in seinem Endstadium miterlebte – gewissermaßen in Analogie zum „entkörpertem Reich der Idee“, dem seine Gedankenlyrik ihre Stimme gegeben hatte. Was der Priester-Dichter als ein ästhetischer Erzieher in dieser Ballade poetisch sanktioniert, ist eine die Geschichte durchwirkende Humanität, die in europäischem Rahmen fruchten soll. Das politisch entwirklichte Heilige Römische Reich hatte sich durch die Liquidierung seiner Überreste durch Napoleon paradoxerweise in die reine Idee des Reichs verwandelt, in dem seine humane Substanz aufgehoben bleiben sollte. Dass sie jedoch nicht in diesem Sinne Idee blieb, sondern zum nationalisierten Mythos wurde, zählt zu jenen tragischen Verhängnissen, zu dessen Ursprüngen auch Schillers Fragment zur „deutschen Würde“ gehörte. Eine vollendete lyrische Dichtung konnte daraus konsequenterweise nicht werden, bedenkt man Schillers klassischen Anspruch. Oder verbirgt sich dahinter nicht eine noch viel größere Dimension – jene nämlich, europäischen Nationen ihr nationales Schicksalsdrama in deutscher Sprache zu schenken? Was Wallenstein den Deutschen sein sollte, wurde den Spaniern ihr Don Carlos, den Briten die Maria Stuart, den Franzosen ihre Jungfrau von Orleans, den Russen ihr Demetrius; im Falle der Schweiz und des Wilhelm Tell traf dies fraglos zu. Und ob die Braut von Messina zum kritischen italienischen Nationaldrama taugt, sei andernorts entschieden. Hier 66 interessiert nur, wie zuvor angesprochen, die Frage nach der auffallenden chorischen Lyrisierung dieses Trauerspiels als einer Fortsetzung von Schillers teils europäisch motivierter Geschichtslyrik mit anderen, eben schicksalsdramatischen Mitteln. Messina, der Schauplatz des Trauerspiels der „feindlichen Brüder“ (10, 5), ist ein – paradox gesprochen – zentraler Randort europäischer Kultur, ein peripherer Mittelpunkt, wo Kulturen aufeinandertreffen, sich überschneiden und eine synkretistische Mischung aus christlichen und heidnischen Elementen bilden, verbunden gar, wie Schiller am Ende seines einleitenden Versuchs Über den Gebrauch des Chors in der Tragödie betont, mit Spuren „maurischen Aberglauben[s]“ (10, 15). Messina – ein polykultureller Ort, ein Schauplatz, „wo diese drey Religionen theils lebendig, theils in Denkmälern fortwirkten und zu den Sinnen sprachen“ (10, 15), wie Schiller weiter ausführt. Und dann der entscheidende Satz: „ich halte es für ein Recht der Poesie, die verschiedenen Religionen als ein kollektives Ganze für die Einbildungskraft zu behandeln, in welchem alles, was einen eignen Charakter trägt, eine eigne Empfindungsweise ausdrückt, seine Stelle findet.“ (10, 15) Schillers letzte ästhetische Abhandlung versucht demnach mehr als nur eine Begründung für die Verwendung des Chores als Mittel der Wiederbelebung der antiken Tragödie zu liefern. Sie behauptet die Poesie als eine Kultur stiftende Qualität und das Lyrische als ein konstitutives Ausdruckselement des Tragischen: „Durch Einführung einer metrischen Sprache ist man indes der poetischen Tragödie schon um einen großen Schritt nähergekommen.“ (10, 10) Denn es gelte, so Schiller, dem „Naturalism in der Kunst offen und ehrlich den Krieg zu erklären“ (10, 11) – mit Hilfe des Ly- 67 risch-Poetischen und damit des Chores als dessen Agent und Garanten der poetischen Freiheit. Messina erweist sich so metonymisch als ein Raum der Phantasie, des Traumes und des „Indifferenzpunkt[es] des Ideellen und Sinnlichen“ (10, 12). Hier soll sich ein Verhängnis vollziehen, aber in Gestalt des poetischen Zusammenwirkens von Ideal und Sinnlichkeit im lyrisch gestimmten Chor. Das große Chorlied im Vierten Aufzug stellt eine Wendung in Schillers lyrischem Dichten dar, indem es mit poetischem Material und Ton zu experimentieren scheint, das gleichermaßen an Sophokles und Hölderlin erinnert wie auch an Goethes Parzenlied, ohne seine dramaturgische Funktion zu verleugnen. Das Chorlied präsentiert sich als dreiteilige Hymne mit fließenden Rhythmus, der Prozessuales symbolisiert, geradezu als Apotheose des Lyrischen vor einer dramatisch-europäischen Kulisse: (I) Durch die Strassen der Städte, Vom Jammer gefolget, Schreitet das Unglück – Lauernd umschleicht es Die Häuser der Menschen, Heute an dieser Pforte pocht es, Morgen an jener, Aber noch keinen hat es verschont. Die unerwünschte Schmerzliche Botschaft Früher oder später 68 Bestellt es an jeder Schwelle, wo ein Lebendiger wohnt. (10, 105) Namenlos gewordene Städte ohne Unterschied sehen sich der „schmerzliche[n] Botschaft“ ausgeliefert; sie kennt keine topographischen oder sozialen Barrieren. Überall erreicht sie die „Schwelle“. Von ihr ist in diesem Trauerspiel wiederholt die Rede; am eindrücklichsten bereits in einer der ersten Szenen, als ein Bote (!) erscheint mit einer scheinbar nicht-schmerzlichen Botschaft, die aber unversehens missbraucht werden kann, wie Don Cesar, der eine der feindlichen Brüder, mit einer ungewöhnlichen Metapher zu sagen weiß: „Nicht Wurzeln auf der Lippe schlägt das Wort,/Das unbedacht dem schnellen Zorn entflohen“ (10, 41). Die Chorhymne nun unterscheidet nicht mehr zwischen zornig und nicht-zornig; sie konstatiert nur das Unabwendbare. (II) Wenn die Blätter fallen In des Jahres Kreise, Wenn zum Grabe wallen Entnervte Greise, Da gehorcht die Natur Ruhig nur Ihrem alten Gesetze, Ihrem ewigen Brauch, Da ist nichts, was den Menschen entsetze! (10, 105) 69 Das Schicksalhafte vollzieht sich mit naturgesetzlicher Konsequenz, offenbar losgelöst von aller Kultur und Individualität. (III) Aber das Ungeheure auch Lerne erwarten im irdischen Leben! Mit gewaltsamer Hand Löset der Mord auch das heiligste Band, In sein stygisches Boot Raffet der Tod Auch der Jugend blühendes Leben! Wenn die Wolken gethürmt den Himmel schwärzen, Wenn dumpftosend der Donner hallt, Da da fühlen sich alle Herzen In des furchtbaren Schicksals Gewalt. Aber auch aus entwölkter Höhe Kann der zündende Donner schlagen, Darum in deinen fröhlichen Tagen Fürchte des Unglücks tückische Nähe. Nicht an die Güter hänge dein Herz, Die das Leben vergänglich zieren, Wer besitzt, der lerne verlieren, Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz. (10, 105 f.) Diese dritte Phase gewinnt ihre Struktur durch die zweimalige „Aber auch“-Wendung, die einen emphatischen Einwand, eine Einschränkung oder eine Wende in der Argumentation bezeichnen kann. Das „Ungeheure“ erinnert an das Chorlied in Sophokles’ Antigone, wobei die bei Schiller apostrophierte 70 „Gewalt“ des Schicksals durch eine menschliche Tat konkretisiert wird. Das zweite „Aber-Auch“ leitet – wie es für Schiller so charakteristisch ist – zu einer aphoristisch-sentenzhaft vorgetragenen Moral über („Wer besitzt, der lerne verlieren,/Wer im Glück ist, der lerne den Schmerz“). Angesichts dieser existentiellen Dimension verblasst die symbolische Bedeutung von Messina als einem antikisch-europäischen Ort kultureller Pluralität. Die Schicksalsmächtigkeit veränderte diese Stadt zu einem Ort des Verhängnisses. Auszuschließen ist nicht, dass Schiller in seinem allegorischen Trauerspiel dies für ein Symbol für das über ganz Europa Verhängte angesehen haben könnte. 71 Überlegungen zum ‚guten Europäer‘ namens Friedrich Nietzsche Wenn wir uns derzeit politisch umschauen, drängt sich die Frage auf: Sind wir im 21. Jahrhundert wirklich angekommen? Oder erleben wir auf kaum absehbare Zeit eine zwar analysierbare, aber aufgrund unserer geschichtlichen Lasten nicht wirklich verständliche Regression, in der das Ressentiment erneut grassiert, und Nationalismen einmal mehr bedenkliche Urstände feiern? Was ist unter diesen Bedingungen ‚Europa‘? Ein eigentümliches Hybrid aus Nostalgie und Utopie, aus Pragmatismus und Idealismus? Europa bleibt weiterhin eine Frage der Sichtweise und des Blickwinkels. Für die einen bedeutet es in Gestalt der europäischen Union eine politisch durchaus definierbare Größe mit beschränkter, kollektiver Handlungsfreiheit; Andere sehen in ihr einen hemmungslos zentralistisch operierenden, sich zunehmend bürokratisierenden Staat der Staaten. Wiederum Andere, meist Außenstehende, nicht der EU Zugehörige, erfahren Europa als ein huit-clos, eine geschlossene Wohlstandszone, die um Abschottung und Besitzstandssicherung bemüht ist. Die au- ßerhalb der EU wachsenden Begehrlichkeiten werden an Intensität weiter zunehmen, vorausgesetzt, die EU kann ihre – trotz aller Probleme und Unwägbarkeiten – unleugbare Attraktivität weiter erhalten. Oder stellt sich ‚Europa‘ inzwischen eher als ein Konglomerat aus Flüchtlingskrise, Integrationsproble- 72 men, Wachstumswahn und Schuldenwirklichkeit dar? Steht sie tatsächlich bevor, die erneute Selbstzersplitterung Europas in anachronistische Nationalismen, die in ihren verfehlten Souveränitätsfiktionen so tun, als könne es noch so etwas wie eine Entglobalisierung unserer Probleme geben, eine Entnetzung unserer wechselseitigen Verflechtungen. Kant hat einst die schlichte Gastfreundschaft, die humane Urgeste also, als elementare Voraussetzung weltbürgerlichen Verhaltens genannt. Für Europa und insbesondere die Europäische Union und ihre Anrainerstaaten wird in dieser Hinsicht ihr Umgang mit der Migration die Dauerherausforderung für ihr kontinentales und globales Selbstverständnis bleiben. Der „gute Europäer“ wird seinen Moralkodex dringend überprüfen müssen, um dieser Herausforderung zu entsprechen. Wer ideologieopportun die Vorstellung einer sozialen ‚Willkommenskultur‘ pauschal verhöhnt, verrät den Sinn der Humanität. Und wer Humanität nur noch polemisch mit „Gedusel“ assoziiert, hat schwerlich verstanden, was die Stunde geschlagen hat. Referenden und Wahlen werden derzeit freilich quer durch Europa gewonnen, indem schamlos gegen Migranten rhetorisch und damit sprachtätlich zu Felde gezogen wird. Der Stand der europäischen Dinge, die gegenwärtige Lage Europas fordert von uns allen ein neuerliches Überdenken dessen, was Souveränität und Abhängigkeit bedeuten, Toleranz und politische Entschiedenheit, prozessuale Entscheidungsfindung sowie die Bedeutung und angemessene Funktionsweise einer transnationalen Solidargemeinschaft. Übersehen wird dabei nur allzu oft, dass Europa seit 1952 beziehungsweise 1957 Strukturen herausgebildet hat, die in seiner Geschichte einzigartig sind und 73 politische Kulturwerte an sich darstellen. Es bedarf daher keiner Neuerfindung des Rades, wohl aber eines neuen Vermessens und Ortens der zu befahrenden Wegstrecken. Europa besteht immer auch aus den in den jeweiligen Erinnerungskulturen wurzelnden Zukunftsentwürfen, ein Erinnern, das nicht selten als Geschichtslastigkeit des europäischen Bewusstseins empfunden, ja denunziert wird. Wieder und wieder ergibt sich aus diesem kollektiven und individuellen Erinnern die Frage, ob wir verantworten können zu sein, was wir werden, themengerechter gefragt: Wie wir das, was aus uns Europäern und unserer europäischen Verfasstheit in politischer und kultureller Hinsicht werden soll, verantwortlich beeinflussen oder mitgestalten können? Überdies gefragt: Für wie lange können wir das ‚sein‘, was wir werden wollen? Was haben wir überhaupt noch in der Hand bei diesen rasanten Entwicklungen, die uns tagtäglich in den europäischen Problemzonen zu überrollen scheinen? Was sichert uns noch in einem Dasein, das sich mehr und mehr auf transitorische Zustände einzustellen hat? Wie illusionär ist sie geworden, die demokratische Partizipation, sei es durch Volksbegehren, Plebiszite, deren verfassungsrechtliche Bedeutung in einem Schlüsselland der europäischen Kultur weiterhin unklar ist; und ich spreche von Britannien. Und doch und vor allem: Das verfassungspolitische Prinzip der parlamentarischen Demokratie in den Mitgliedsstaaten der EU scheint fester verankert denn je. Wie aber ist es mit unseren aktuellen und künftigen politischen Handlungsspielräumen bestellt? Wodurch werden sie determiniert? Was sind das für Zeiten, in denen nicht nur ein emotiver Begriff wie ‚Heimat‘, sondern auch Fragen der ‚Identität‘ 74 und ‚Kultur‘ durch eine sich schamlos radikalisierende Rechte monopolisiert und damit in Verruf gebracht werden können? Dass sich uns heute diese Fragen neu aufdrängen und sie sich gerade mit Blick auf Friedrich Nietzsche, dem artistischen Denker des Ambivalenten, Widersprüchlichen und Instabilen, am trefflichsten stellen lassen, mag Vielen an sich schon zu denken geben. Und damit ist nicht einmal der allzu zweifelhafte bis numinose „Wille zur Macht“ gemeint, sondern in erster Linie Nietzsches nicht minder zweideutiges Bekenntnis zum „guten Europäer“. Seine emphatische Unzeitgemäßheit ist dabei wieder unerwartet zeitgemäß geworden, was sich schon allein darin ausdrückt, dass seine Überlegungen zum „guten Europäer“ vom Bild und Zustand des „Heimatlosen“ ausgehen. Nun hat in jüngster Zeit der in deutschen Landen sogar ministeriell beglaubigte Diskurs über Heimat wieder an Emphase gewonnen, sekundiert von einschlägigen bis problematischen Thesen zur ‚Identität‘, die weniger das Verhältnis zwischen Ich und Selbst kritisch befragen, sondern affirmativ das Identisch-Sein des Individuums mit dem ihm vermeintlich Eigenen, vorgeblich Besitzbaren behaupten. Wie sehr das Fremde, Andere in dieses Eigene spielt, ja sich an ihm und durch dieses zunächst Unverwandte erst wirklich bildet, bleibt bei diesen Thesen unreflektiert. Nun hat es immer etwas Prekäres, dieses Sich-Versichern- Wollen bei sogenannten Geistesgrößen, in deren Gedankenarsenal man stöbert, manchen Staub dabei aufwirbelnd, bis etwas gefunden ist, in dem wir uns oder die Situation unserer Zeit glauben wiedererkennen zu können. Das geschieht meist am Rande der Selbsttäuschung. Denn zum einen gehen 75 wir gemeinhin doch davon aus, dass sich geschichtliche Situationen nicht wiederholen, wohl aber in ähnlicher sprich: vergleichbarer Weise abspielen; zum anderen bedienen wir uns im Gedankenreservoir der Vergangenheit so, als ließen sich ihre Bestandteile zeitlos anwenden – zumindest in Form von probaten Ableitungen. Rückorientierung als Teil einer geistigen Vorwärtsbewegung, diese psychologisch-temporale Dialektik prägt den Europa-Diskurs in besonderem Maße, etwa wenn wir nach dem fragen, was die „Welt von Gestern“ an Zukunftsperspektiven enthält, wie wir mit Novalis und seinem Verständnis von „Christenheit oder Europa“, mit T. S. Eliots Bekenntnis zur „Unity of European Culture“ oder mit Peter Sloterdijks These von der „translatio imperii“, also der Übertragung der mittelalterlichen Reichsidee auf die Struktur der Europäischen Union, dem Geist der Römischen Verträge und seiner Aussagekraft heute beikommen können. Oder hat diese Methode, wenn sie denn eine ist und nicht einfach eine mangelnde politische Vorstellungskraft kaschierende Ablenkung, nicht etwas zu Gezwungenes? Als „ever closer union“ beschreibt die politische Verfasstheit der Europäischen Union bis heute eine konkrete Utopie durchaus im Sinne Ernst Blochs. Sie lebt von ihrer Teileinlösung und partiellem Widerruf, von Beschwörungen in Krisenzeiten und pragmatischen Maßnahmen, oft genug detailverfangen bis zur Selbstkarikatur, dann wieder von elementarer Nützlichkeit, wenn man die Fülle von Problembereichen bedenkt, die in der EU-Kommission tagtäglich zu verhandeln sind. Das Sternenkreisbanner auf tiefblauem Grund, das nun aller Wahrscheinlichkeit nach jenen Stern verlieren wird, der über den britischen 76 Inseln untergeht, spricht es symbolisch aus: Diese Europäische Union ist und bleibt gerade in ihrer Politisierung auch ein transpolitischer Hoffnungsträger mit zirkulären Charakteristiken. Zu ihnen gehören wiederkehrende Fragen wie jene nach Zugehörigkeit, Loyalitäten innerhalb ihrer Strukturen und jener, wie zuträglich der Union ihre weitere Öffnung sei. Gibt es noch ethnisch-kulturelle Distinktionen im Europäischen, und wie bewahrens-, gar verteidigenswert wären sie? Wie ist es bestellt mit Grundwerten der europäischen Aufklärung: der Toleranz und Solidarität im Zeichen der Menschlichkeit?13 Von welchem Freiheitsbegriff gehen wir aus, und wie versuchen wir ihn weiterzuentwickeln? ‚Guter‘ Europäer könnte sein, wer sich diese Fragen stellt und sich ihnen stellt, sofern es sich dabei nicht um Alibis handelt, hinter denen sich regionale und nationale, kulturelle und religiöse Ressentiments schüren. Oder sind wir nicht besser beraten, von einer zunehmend kollektiven Unbehaustheit auszugehen, von der einen zirkulären Erfahrung schlechthin: immer wieder neu nach Orientierung zu suchen. Der Blick auf Nietzsche und sein problemorientiertes Vordenken gilt dabei nicht dem Verlangen, sich bei ihm zu „versichern“, was unsere Überlegungen zu Europa angeht; kein Denken eignet sich weniger als das dezidiert experimentelle Philosophieren Nietzsches für Vergewisserung, gar Absicherung des Eigenen. Nein, der Bezug auf Nietzsche dient hier einer anderen Perspektivierung im europäischen Bewusstsein. Sie ist analog 13 Vgl. Ivan Krastev, After Europe. Philadelphia 2017, S. 43. Krastev spricht in abwandelnder Anlehnung an Samuel Huntingdon von einem „clash of solidarities“. Zum Werteproblem vgl. bes. Silvio Vietta, Europas Werte. Geschichte – Konflikte – Perspektiven. Freiburg / München 2019. 77 zu dem zu verstehen, was Andreas Urs Sommer als die „Praxis der kulturellen Selbstrelativierung“ oder auch „Selbstproblematisierung von Kultur“, in diesem Fall von politischer Kultur bezeichnet hat, die durch die Auseinandersetzung mit Nietzsche „erfinderisch“ mache.14 Der Kern dieser Problematisierung des kulturellen und politischen Selbstverständnisses unter Europäern ergibt sich aus Nietzsches Forderung nach einer radikalen Selbstentfremdung Europas, bevor es sich neu finden kann. Was das im Kontext seines Denkens bedeutet – und was für uns – stehe nachfolgend in Rede. Nietzsche setzte seine ganze intellektuelle Erfahrung, angefangen mit dem Erbe der griechischen Tragödie bis hin zu dem für ihn unlösbar gebliebenen Kulturphänomen Richard Wagner, einem Umwertungsprozess aus; er schloss auch die Umwertung dessen ein, was für ihn ‚europäisch‘ bedeutete. Dabei lässt sich an diesem Umwerten erkennen, was es bedeutet – ein allzu-deutsches Spezifikum – mit ‚Europa‘ das politisch und kulturell Eigene substituieren zu wollen. Es führt zu einer riskanten Bodenlosigkeit, die den Imperativ „lebe gefährlich“ für Daseinsbedingung umsetzt. ‚Europa“ stand für Nietzsche mehr und mehr für einen Bereich der Selbstentwurzelung, eingedenk der mythologischen Urfigur der Entwurzelung, eine kleinasiatische Schönheit namens Europa, die von Zeus, dem übermächtigen Urverwandlungskünstler, ins Europäische, nach Kreta, entführt wurde. Sie, die mythische Europa, ist die erste Zwangsmigrantin dieses Kontinents.15 Sie verbleibt an dessen 14 Andreas Urs Sommer, Was bleibt von Nietzsches Philosophie? Berlin 2018, S. 67 u. 69. 15 Vgl. hierzu u. a. Hinrich C. Seeba, “Das moralische Gewissen Europas“. 78 Peripherie und gibt ihm gleichzeitig ihren Namen. Sie kommt von außen, ist Außenseiterin, wird zur Mutter des Minos, der dem Minotaurus ein Labyrinth erbauen lassen wird, und zur Muhme Ariadnes, der findigen Fadenkünstlerin. Als Fremde begründet Europa eine Dynastie, die dem Kontinent, deren Namensstifterin sie wird, die wirkungsmächtigsten Mythen schenken wird, was bedeutet: Das Außen, die Ränder sind für Europa die entscheidende Zone der Befruchtung. Nietzsche spürte dies nirgends eindrücklicher als in Genua und in seinem imaginierten, philologisch und mytho-psychologisch georteten Griechenland. Die mythische Europa musste erst sich selbst und ihrer ursprünglichen kleinasiatischen Herkunft entfremdet werden, um durch göttlichen Gewaltakt sich geradezu schlagartig europäisiert zu sehen. Für den mythenbewussten Nietzsche nun galt als Wesensmerkmal dieser Selbstentfremdung, wenn nicht gar als ihre Voraussetzung – die Einsicht in das Unbehaustsein und die schonungslose Wahrheit über diesen Zustand. Ihn, diesen Zustand des Unbehausten, zuspitzend, wenn nicht gar radikalisierend, skizzierte er unter dem Stichwort „Wir Heimatlosen“ im Fünften Buch seiner Fröhlichen Wissenschaft das Charakterbild des „guten Europäers“, eben unter den Vorzeichen existentieller Entwurzelung aufgrund des grassierenden „europäischen Nihilismus“.16 Nebst Vorwort und den „Liedern des Prinzen Vogelfrei“ Stefan Zweig und Robert Menasse. In: Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 9 (2018), H. 1, S. 119–136. 16 In: Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden. Hrsg. v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. Bd. 3. München 1988, S.  628–631. (= KSA 3, 628–631). Alle nachfolgenden Nietzsche-Textnachweise beziehen sich auf diese Ausgabe. 79 hatte Nietzsche dieses Fünfte Buch erst in der zweiten Auflage von 1887 aufgenommen. Die Fröhliche Wissenschaft wird er darin, die dezidiert romantische Herkunft dieser Bezeichnung, Friedrich Schlegels Prosa der Sinnlichkeit, Lucinde, verschleiernd, als „Saturnalien des Geistes“ bezeichnen (KSA 3, 345). Dass das Prädikat „der gute Europäer“ von einem Denker stammt, der einen Zustand ‚jenseits von Gut und Böse‘, damit als jenseits der konventionellen Moralität angesiedelt ins Auge fasste, gehört zu jenen Paradoxa, die den Diskurs über Europa über ein Jahrhundert lang geprägt haben. Was aber ist damit gemeint? Ein Aushalten eines Zustands jenseits herkömmlicher Moralvorstellungen. Ein Sich Öffnen gegenüber alternativen Vorstellungsformen dessen, was jenseits des Herkömmlichen möglich erscheint. Nietzsche spricht von der „Heimatlosigkeit“ derjenigen, die erkennen, dass sie in einer „zerbrechlichen zerbrochnen Übergangszeit“ leben. „Das Eis, das heute noch trägt, ist schon sehr dünn geworden: der Thauwind weht, wir selbst, wir Heimatlosen, sind Etwas, das Eis und andre allzu-dünne ‚Realitäten‘ aufbricht […].“ (KSA 3, 629) Nietzsche fordert die schonungslose Demaskierung dieser „Realitäten“, das Durchschauen der Schauspielerei, die er hinter doppelzüngigen Humanitätsbekundungen wähnt, und die Bloßstellung des Nationalismus; Nietzsche spricht von „nationaler Herzenskrätze und Blutvergiftung“, die im Europa seiner Zeit grassiere, wo sich „Volk gegen Volk wie mit Quarantänen abgrenzt, absperrt.“ (KSA 3, 630) Den Heimatlosen könne dergleichen nicht anfechten; denn dazu sei er „zu unbefangen, zu boshaft, zu verwöhnt, auch zu gut ‚unterrichtet‘ zu ‚gereist‘.“ Wir, die Heimatlosen, zögen es „bei Wei- 80 tem vor, auf Bergen zu leben, abseits, ‚unzeitgemäss‘, in vergangnen oder kommenden Jahrhunderten, nur damit wir uns die stille Wuth ersparen, zu der wir uns verurtheilt wüssten als Augenzeugen einer Politik, die den deutschen Geist öde macht, indem sie ihn eitel macht […].“ (KSA 3, 630) Für ‚deutsch‘ lässt sich nahezu jede andere Nationalitätenbezeichnung in Europa um 1887 und danach einsetzen. Beschleicht uns bei solchen Sätzen nicht das ebenso bestimmte wie ungute Gefühl, dass uns Manches davon derzeit wieder einholt? Oder können wir uns doch beruhigter, gelassener verhalten, weil es seit der Montanunion 1952 und den Römischen Verträgen von 1957 eben eine sich stetig weiter institutionalisierende Verflechtung gegeben hat und gibt, die das Einzigartige, in der politischen Ideengeschichte und Praxis Unvergleichliche der Europäischen Union bedingt? Unter diesen „Heimatlosen“ oder geistig obdachlos Gewordenen rekrutierte Nietzsche den „guten Europäer“, vielmehr: er formte aus ihnen einen – freilich in sich widersprüchlichen Typus. Dieser „gute Europäer“ versteht sich als der Kulturerbe Europas, „überhäuft“ und „überreich“, dem Christentum entwachsen. Kaum dass Nietzsche den „guten Europäer“ aufgerufen hat, sieht er ihn auch sogleich zu einem „Wanderer“ werden mit seiner Entwurzelung, seiner Heimatlosigkeit im Gepäck. Der Vorstellung von Europa als einer „Wertegemeinschaft“ widerspricht Nietzsches guter europäischer Wanderer. In dessen Namen befand Nietzsche: „Europa“ dürfe gerade nicht eine „Summe von kommandirenden Werthurteilen“ sein. Gerade von ihnen gelte es sich zu befreien. (KSA 3, 633) Denn Nietzsche sieht in diesen vermeintlichen Werten eine Quelle für Vorur- 81 teile; und sie seien in eine Zone – eben „Jenseits von Gut und Böse“ – zu überführen, weil nur dort, in diesem diesseitigen Jenseits eine „Umwertung“ der Werte und mit ihr verbundener Urteile möglich sei. Nietzsche weiter: „Man muss sich von Vielem losgebunden haben, was gerade uns Europäer von Heute drückt, hemmt, niederhält, schwer macht. Der Mensch eines solchen Jenseits, der die obersten Werthmaasse seiner Zeit selbst in Sicht bekommen will, hat dazu vorerst nöthig, diese Zeit in sich selbst zu ‚überwinden‘ […].“ (KSA 3, 633) Um über Europa angemessen sprechen zu können, sucht Nietzsche die außereuropäische Perspektive, will in sich ein „übereuropäisches Auge“ bilden, eine neue Optik für einen alten Kontinent. So notiert er im Sommer / Herbst 1884: „Ich muß orientalischer denken lernen über Philosophie und Erkenntniß. Morgenländischer Überblick über Europa.“ (KSA 11, 234) Bereits drei Jahre zuvor zeichnete sich diese Tendenz zum eigenen Fremdblick auf Europa ab. Seinem Freund Heinrich Köselitz schreibt er im März 1881: Ich will unter Muselmännern eine gute Zeit leben, und zwar dort, wo ihr Glaube jetzt am strengsten ist: so wird sich wohl mein Urtheil und mein Auge für alles Europäische schärfen. Ich denke, eine solche Berechnung liegt nicht außerhalb meiner Lebensaufgabe. (KSB 6, 68) Es handelt sich hierbei um ein perspektivierendes Denkmuster, das Montesquieu mit seinen Lettres Persanes (1721) eingeführt hatte. Dieser darin zum Ausdruck gebrachte Kulturrelativismus gehörte zum rhetorischen Register der Aufklärung – auch in 82 parodistischer Form, etwa bei Oliver Goldsmith in seiner Satire The Citizen of the World, or, Letters from a Chinese Philosopher (1760). Nietzsche machte sich diese „Welt-Perspektive“ zueigen, ja er fordert von sich, diese regelrecht „einzuüben“ (KSA 12, 222) Notiert finden sich diese Ansätze bei Nietzsche im Umfeld der Thesen zum „europäischen Nihilismus“ von 1887, wobei er einen Kerngedanken herausschält, der gerade einer solchen relativierenden Perspektivierung bedürfte, um entschärft zu werden: das Empfinden „umsonst“ zu arbeiten. Er stellt sich die Aufgabe, zu prüfen, ob dieses Umsonst „der Charakter unseres gegenwärtigen Nihilismus“ sei und gleichzeitig sein „lähmendster Gedanke“. (KSA 12, 213) Und heute? Macht sich erneut unter Europäern eine paralysierende Unsicherheit breit, teilweise unterbrochen von hektischen Aktivitäten der Brüsseler Eliten, gefolgt von fatalistischer Passivität selbst bemühter Europäer, wenn es darum geht, die spätestens nach Maastricht für unmöglich gehaltene Desintegration der Europäischen Union sich tatsächlich vorzustellen? Dass wir heute mehr denn je dem Ideal eines liberalisierten Habsburgs als Modell für die Union nostalgisch nachhängen, belegt, wie Ivan Krastev meint, dass wir nur in der Lage seien, etwas zu schätzen, wenn wir es verloren haben. Noch besteht der Konsens unter Europäern, die Union zu erhalten, indem man sie von innen her umbaut, reformiert. Doch rechtsradikale Kräfte, man nenne sie nun Populisten oder nicht, rufen inzwischen dazu auf, Wahlen zum Europa-Parlament jeweils zu einer einer Völkerabstimmung über die Europäische Union an sich umzufunktionieren. 83 Der Ungeist des Ethnolismus greift um sich in Europa. Leidvolle geschichtliche Erfahrung zeigt, dass selbst und gerade die zahlenmäßig kleinen Ethnien dazu tendieren, sich für autonom, wenn nicht autark zu halten, zur Aus- und Abgrenzung neigen und sich zu Nationalismen auswachsen. Von den baltischen Staaten bis zum Balkan und der iberischen Halbinsel, quer durch Deutschland bis Britannien ziehen sich sichtbare und unsichtbare Grenzen. Italien fürchtet eine Überfremdung von Nordafrika her und antwortet mit einer Rhetorik, die der ‚Hannibal-ante portas‘-Zeit der punischen Kriege entnommen sein könnte. Gleichzeitig vollzieht sich eine Hierarchisierung der Ethnien, die zu Ressentiments unter jenen führen, die sich – mit Nietzsche gesprochen – als die „Schlechtweggekommenen“ (KSA 6, 102) verhalten und oft darauf angewiesen sind, vom – sofern vorhanden – schlechten Gewissen der Privilegierten zu leben. Hier freilich ist die Grenze erreicht, unsere Suche nach dem guten Europäertum mit Nietzsche zu bereichern. Denn seine Götzen-Dämmerung denunziert das Christentum als „Umwerthung aller arischen Werthe“ und redet einer „Reinheit“ das Wort, die ihn die verräterische Bezeichnung „Mischmasch-Menschen“ prägen lässt und als „Tschandala“ (KSA 6, 100) diffamiert. Diese begriffliche Wendung führt uns scheinbar von unserer eigentlichen Thematik, dem Sinn des guten Europäers, weg. Denn im Umfeld Nietzsches ist „Tschandala“ einschlägig besetzt, und zwar durch Richard Wagners buddhistischen Opernentwurf Die Sieger, in dem ein positiv konnotiertes Tschandala- Mädchen nicht durch Liebe erlöst, sondern von der Liebe erlöst 84 werden soll.17 Cosima Wagner berichtet in ihren Tagebüchern, dass Wagner sich zumindest gesprächsweise wieder im Mai 1870 mit dem Problem „Wiedergeburt in der Musik“ beschäftigt hatte – als Vorgriff auf die von ihm dann als Alterswerk geplante Oper.18 Unklar ist, inwiefern Nietzsche von Wagners buddhistischen Opernplänen Kenntnis hatte, aber es fällt hier die betonte Umwertung des Tschandala in einen negativen Ausdruck für Hybrides auf. Es ist das definitiv Nicht-Europäische, das Wagner in seine mythisch-europäische Opernwelt aufnehmen wollte, was Nietzsche hier offenbar in einer späten Reaktion verwirft. Lässt sich hier bei Nietzsche ein latentes Konkurrenzverhältnis zu Wagners scheinbar integrativerem Verständnis von seinem Beitrag zur europäischen Kultur herauslesen? Es hat den Anschein, als würden wir peripherer in Europa, auch gespiegelt in dem Versuch, seine Randzonen zu verstehen anstatt dort nur Zäune zu errichten, um unliebsame Zuwanderer auszugrenzen. Oder dämmert uns, dass wir – global gesehen – als Europäer selbst randständig werden? Wie der „Wanderer“ Nietzsches sehen wir uns dabei verpflichtet, entweder das Angestammte – und sei es nur zeitweise – zu verlassen oder uns mit jenen „Wanderern“ auseinanderzusetzen, die ihrerseits ihren eigenen Bereich aus welchen Gründen auch immer verlassen haben. Nietzsche fordert zudem ein „Überwinden der Zeit“ – und damit auch der eigenen „Zeit-Ungemässheit“. 17 Vgl. Urs App, Richard Wagner und der Buddhismus. Rorschach / Kyoto 2011, S. 229. 18 Cosima Wagner, Die Tagebücher in drei Bänden. Bd 1: 1869–1873. Hrsg. v. Karl-Maria Guth. Berlin 2015, S. 163 (Eintrag v. 1. Mai 1870). 85 (KSA 3, 633) Nicht mehr „unzeitgemäße Betrachtungen“ hat er im Auge, sondern ein Außerhalb-von-der-Zeit-Moral-Stehen, um sie auf diese Weise umso schärfer in den Blick zu bekommen. Paradox gesagt, nach Nietzsche muss der ‚gute Europäer‘ in der Lage sein, Abstand zu sich selbst zu finden, jenseits von sich selbst stehen können, um dadurch in der Lage zu sein, über sich selbst zu verfügen. Dass nun Nietzsche gleichzeitig mit der Überwindung der „Zeit-Ungemässheit“ auch jene der „Romantik“ oder romantischen Restbestände im geistigen Haushalt des Menschen fordert und dies ausgerechnet in einem Buch, das seinen Titel Die fröhliche Wissenschaft der Romantik verdankt, zeugt von seiner Lust an paradoxer Ironie. Oder findet sich ein versteckter Hinweis darauf, dass für ihn das europäische Bewusstsein aus wiederholter Selbstüberwindung bestand, einer Art Selbst negation aus Selbstbehauptungswillen? Was es mit dieser Betonung des Jenseits-von-Sich-selbst- Stehen auf sich haben kann, deutete in Ableitung von Nietzsche Georg Simmel in seinem Text „Die Idee Europas“ an, der seine Sammlung Der Krieg und die geistigen Entscheidungen (1917) beschließt. Darin betont Simmel, das „Europäertum“ stehe „nicht zwischen den Nationen, sondern jenseits ihrer“ und sei daher „mit jedem einzelnen nationalen Leben ohne weiteres verbindbar.“19 Zudem befand er – angesichts der damaligen Weltlage schwerlich überraschend –, Europa habe den „Begriff des ‚guten Europäers‘ verspielt.“20 Das Internationale oder Kosmopo- 19 Georg Simmel, Der Krieg und die geistigen Entscheidungen. Reden und Aufsätze. München und Leipzig 1917, S. 69. 20 Ebd., S. 71. 86 litische bezeichnete Simmel, begriffsskeptisch wie er war, als „wohlklingende Übertäubungen der Entwurzeltheit“, der nur mit einer Selbstvertiefung beizukommen sei.21 Ein Jahr zuvor hatte Simmel in einem in Wien gehaltenen Vortrag das „Zurückbleiben der Vervollkommnung der Personen hinter der der Dinge“ konstatiert und darin den „Selbstwiderspruch der Kultur“ erkannt, eine europaspezifische, inzwischen aber längst weltweite Art der Subjekt-Objekt-Spaltung innerhalb der kulturellen Entwicklung, die zu einer wachsenden „Zusammenhangslosigkeit“, also einer Fragmentierung des Bewusstseins führe.22 Der Mensch bleibt hinter dem zurück, was er durch seinen perfektionierenden Anspruch hervorgebracht hat. Gilt diese Formel nicht auch für das Projekt Europa? Bleiben wir in unserem Bewusstsein nicht gleichfalls hinter dem zurück, was die – zwar nicht vollkommenen, aber einzigartigen – Errungenschaften der Europäischen Union bereits darstellen? Man nehme allein den Entwurf eines Vertrages über eine Verfassung für Europa aus dem Jahr 2004, ein singuläres Dokument in der Geschichte unseres Kontinents23, das nur in der Existenz des Euro als europäischer Einheitswährung ein allen Unkenrufen zum Trotz funktionsfähiges Instrument materieller Integration eine Entsprechung findet. Die Schwächen des Entwurfs sind bekannt und trugen dann auch dazu 21 Ebd. 22 Ebd., S. 48. 23 Abgedruckt u. a. in der regulären Ausgabe der Zeitung: Die Welt v. 9.  Juli 2004, S.  1–15. Vgl. dazu auch die kritischen Kommentare von Roger Köppel, Entfesselte Bürokratie. In: Ebd., S.  1 und von Roland Vaubel, Sieben Einwände. In zentralen Bereichen muss der vorliegende Verfassungstext noch verbessert werden. In: Ebd., S. 16. 87 bei, dass er an Referenden in Frankreich und den Niederlanden scheiterte; doch führte gerade dieses Scheitern zu einer konstruktiven verfassungsrechtlichen Vereinbarung, dem Vertrag von Lissabon (2009) nämlich, der das für die europäische Integration so wesentliche Subsidiaritätsprinzip und damit eine bürgernähere Politik sowie die Autonomie der Europäischen Zentralbank stärkte. Dass wir aber überhaupt Anlass haben, diese Art von Europa- Diskursen führen zu können, hat hundert Jahre nach 1918 und der darauf folgenden faschistischen Verheerung des Kontinents im Grunde immer noch etwas Märchenhaftes. Aber gerade deswegen darf uns der Reformdiskurs über die Weiterentwicklung der Europäischen Union nicht in einen Pessimismus der Schwäche entgleiten. Der „gute Europäer“ bleibt – in Ableitung von Nietzsches ironischer Formel – der kritische, weil geschichtsbewusste Europäer. Eben dadurch begründet sich aber auch die Zukunftsperspektive, die der „gute Europäer“ ebenso darstellt wie eröffnet. Als eine Art Übereuropäer nietzscheanischer Provenienz müsste er einen Zustand fortwährender Öffnung der Union aushalten und gestalten helfen. Bekanntlich ist Nietzsche in der langen Geschichte der Vorstellung vom Übermenschen der einzige, der diesen Typus positiv gewertet hat.24 Der ins Europäische dimensionierte Übermensch Nietzsches ist dabei immer auch Transeuropäer und gleichzeitig ein 24 Vgl. dazu u. a. Manuel Knoll, The Übermensch as Social and Political Task: A Study in the Continuity of Nietzsche’s Political Thought, in: Manuel Knoll/ Barry Stocker (Hg.): Nietzsche as Political Philosopher, Berlin/Boston 2014, S.  239–266; Carsten Schmieder:  Contra culturam: Nietzsche und der Übermensch, in: Andreas Urs Sommer (Hg.), Nietzsche – Philosoph der Kultur(en)? Berlin/ New York 2008, S. 97–102. 88 Mensch, der die Idee der Renaissance immer wieder neu umzusetzen versteht, nämlich die einer beständigen Wiedergeburt von Zeitwirren übergreifendem Bewusstsein aus dem Geist der Kunst. Nietzsches „guter Europäer“ verwirft die koloniale Expansion, weil sie die kulturelle Vielfalt des Globus pervertiert. Im Sommer 1885 entwarf Nietzsche in einem nachgelassenen Fragment sich selbst als „guten Europäer“ im Sinne eines übergreifenden Wertes, wenn er schreibt: Über alle diese nationalen Kriege, neuen „Reiche“ und was sonst noch im Vordergrund steht, sehe ich hinweg: was mich angeht – denn ich sehe es langsam und zögernd sich vorbereiten – das ist das Eine Europa. Bei allen umfänglicheren und tieferen Menschen dieses Jahrhunderts war es die eigentliche Gesammtarbeit ihrer Seele, jene neue Synthesis vorzubereiten und versuchsweise „den Europäer“ der Zukunft vorwegzunehmen: nur in ihren schwächeren Stunden, oder wenn sie alt wurden, fielen sie in die nationale Beschränktheit der „Vaterländer“ zurück –, dann waren sie Patrioten. (KSA 11/583, Nachlaß Juni – Juli 1885, 35 [9]) Bemerkenswert ist hierbei, dass er im „guten Europäer“ seiner Zeit denjenigen ausmacht, der diese Einheit antizipiert und zudem von der ökonomischen Notwendigkeit zur europäischen Einigung ausgeht. „Das Geld allein schon zwingt Europa, irgendwann sich zu Einer Macht zusammen zu ballen.“ (Ebd., S. 584) Zudem erkennt er, dass sich Kolonialreiche wie vor allem England überhoben haben: „Niemand nämlich glaubt mehr daran, daß England selber stark genug sei, seine alte Rolle nur 89 noch fünfzig Jahre fortzuspielen […].“ (ebd.) Der Angloskeptiker Nietzsche versuchte sich in diesem Notat selbst davon zu überzeugen, dass es, wie er schreibt, „Europa wahrscheinlich nöthig“ habe, „sich ernsthaft mit England ‚zu verständigen‘.“ Im Kontext seiner Zeit konnte er sich noch nicht vorstellen, dass es einmal umgekehrt sein könnte und England es noch nötiger haben könnte, sich mit Europa auf neue Weise zu verständigen. Der Feststellung Nietzsches, die auf diese Vermutung folgt, verweigern wir jedoch die Gefolgschaft. Er schreibt nämlich: „Für die Aufgaben der nächsten Jahrhunderte sind die Arten ‚Öffentlichkeit‘ und Parlamentarismus die unzweckmäßigsten Organisationen.“ (ebd.) Zwar erleben wir gerade wieder, was die Manipulation der Öffentlichkeit an politischem Flurschaden anrichten kann und was es bedeutet, wenn der vermeintliche britische Volkswille in einem einzigen grundlos initiierten und unzulänglich vorbereiteten Referendum über eine Schicksalsfrage eines ganzen Staatswesens entscheidet, seit über drei Jahren als Legitimation für eine chaotische Regierungspolitik in Sachen Brexit herhalten muss und von ihr als unkorrigierbares letztes Wort dargestellt worden ist. Aber ‚Europa‘ braucht Öffentlichkeit und sein Parlamentarismus bleibt das probateste Instrument, um diese Union weiter mosaikhaft zu gestalten. Der „gute Europäer“ heute erinnert sich geschichtlicher Zusammenhänge und ihrer künftigen Bedeutung. Wenn Robert Menasse im Hauptstadt-Roman davon spricht, dass es Zusammenhänge gegeben haben müsse, wenn etwas zerfällt,25 dann 25 Robert Menasse, Die Hauptstadt. Roman. Berlin 2017, S. 401. 90 liegt es nahe, an neuartigen Integrationsformen zu arbeiten, die neue Zusammenhänge bewirken, fördern oder abbilden können. Das hat mit jener Renaissance viel gemein, die wir zuvor eine Wiedergeburt eines Zeitwirren übergreifenden Bewusstsein aus dem Geist der Kunst genannt haben. Andere sprechen treffend von einer „Ästhetik der narrativen Integration“,26 bestehend aus den Lebenszusammenhängen von Brüsseler Bürokraten im Falle von Menasses Roman oder von Flucht- und Vertreibungsgeschichten, vom Erzählen über geglückte und gescheiterte Integrationsversuche, das seinerseits – paradox genug – Gemeinschaft stiften kann, wie es einst die Märchen vermochten. Dabei versteht es der „gute Europäer“, solche Narrative spannungsvoll in Beziehung zu setzen zu den politischen Gegebenheiten, den unzweifelhaften institutionellen Errungenschaften dieser Europäischen Union. Der Anspruch dieser Union ist unvergleichlich hoch, und er muss es sein, weil er weiterhin auf Abgründe zu antworten hat, die zum Europäischen seit mythischen Zeiten gehören. Nietzsche vermutete, dass Europa letztlich ein Eliteprojekt sei, eben weil sein Anspruch die Menschen überfordere. Aber es gibt sie nicht, die Menschen, nur den Einzelnen, der sich in einer Gemeinschaft bewegt und sich zu ihr verhält; und er ist bildungsfähig, damit begabt, Zeichen zu deuten. Wenn Nietzsche in seinem letzten am Dreikönigstag 1889 in Turin geschriebenen Brief, gerichtet an den Kulturhistoriker der Renaissance, Jacob Burckhardt, halb reflektiert, halb wahnhaft intuitiv europäische Kontexte aufwirft – von Turin bis Basel, von Moskau bis Rom und Paris und dann im Postscriptum 26 Seeba, a. a. O., S. 133. 91 „Ariadne“ aufruft, dann ist damit wohl nicht nur „Frau Cosima“, also die imaginierte Geliebte, Cosima Wagner, gemeint. Mit diesem Namen scheint in Nietzsches Brief noch einmal sein mythologisches Bewusstsein auf, sein Wissen um die Enkelin der bildschönen Europa, deren im Labyrinth – oder Griechisch methódos – gelegter Faden als Leitfaden das Emblem der Hermeneutik werden sollte. Nietzsche, in diesem Sinne „guter Europäer“ bis zuletzt, hatte mit dem als Namensstichwort belassenen Aufruf „Ariade“, einer Art mythologischem Reflex, das Orientieren im Labyrinth des Ichs und in dem seiner europäischen Kultur gemeint. Nichts ist wertvoller geblieben als dieser Leitfaden zur deutenden Erschließung unseres europäischen Bewusstseins vor globalem Hintergrund. 92 „Böhmen am Meer“ und „Dover im Harz“ Über eine paradoxe Kulturtopographie in Europa Mit der Perspektive des fiktiven amerikanischen Europa-Reportes Timothy Taylor auf Ramstein, Den Haag, Berlin, Helsinki, Bukarest und Prag beendet Enzensberger seine „Wahrnehmungen aus sieben Ländern“ Ach Europa! Dieses Schlusskapitel ist überschrieben mit „Böhmen am Meer“, und Ingeborg Bachmanns Gedicht gleichen Titels fällt am Ende die Hauptrolle zu. Taylor sitzt in einem Taxi und wird von einem Literaturstudenten aus Wien durch Prag chauffiert. Er erzählt ihm, dass er seit zehn Jahren in Prag lebe, weil er zu Asthma neige und die „Seeluft“ dort in Prag bekomme ihm, eine Bemerkung, die Taylor zunächst verblüfft, bis sie sich als Anspielung auf Bachmanns Gedicht herausstellt. Am Ende der Fahrt hatte ihm der Taxifahrer eine gefaltete Photokopie mit Bachmanns Gedicht in die Hand gedrückt mit der Aufforderung, dass er, der amerikanische Journalist, dieses Gedicht auswendig lernen solle, auch wenn er kein Wirt davon verstehen sollte, aber es enthalte eben den „Wahnsinn“ dieses Erdteils namens Europa.27 27 Enzensberger, Ach Europa!, a. a. O., S. 492–500. 93 Es lohnt daher ein genauerer Blick auf diese europäischpoetische Topographie, wobei sich empfiehlt, zuvor etwas weiter auszuholen, um sich auf dieses bedeutsame Gedicht einzustellen. Beginnen wir so: Im Schall und Rauch der Namen entsteht Dichtung. Ausgesprochen hinterlassen Namen Klangnebel. Oder sind es magnetische Resonanzfelder, auf denen sich die Metallspäne der Hinweisschilder, zerrieben von unserer eigenen Orientierungslosigkeit, für einige Zeit neu ausrichten? Unter den Dichtern erfand Fernando Pessoa bekanntlich die meisten Heteronyme für seine Person. In seinen Texten treten sie auf, reden miteinander, zuweilen auch gegeneinander: Ricardo Reis gegen Alberto Caeiro oder zusammen mit Álvaro de Campos. Unter den lusophonischen Dichtern darf Pessoa als englandkundigster gelten, was ihn immerhin zu der leicht verstiegenen Bemerkung führte, Shakespeare sei ein Verhängnis für die Literatur gewesen. Vielleicht aber hatte dies Caeiro, de Campos oder Reis gesagt. Denn wenn man sich Heteronyme zulegt, kann man Meinungen delegieren, ohne sie selbst verantworten zu müssen. Ein Gemälde von Costa Pinheiro zeigt zwei auffallend ähnliche Männer, Rücken an Rücken sitzend, der eine somit vor einem offenen Fenster, der andere von diesem abgewandt. Auf einem kleinen sonst leeren Tisch liegt ein aufgeschlagenes Buch oder gebundenes Notizheft, in dem der dem Fenster zugewandte Mann eine Seite umwendet; denkbar dass der andere, gleichfalls Brillenträger mit Oberlippenbart, Nämliches tut, obgleich dies sich dem Blick des Betrachters entzieht. Die Pointe ist nicht, dass der dem Betrachter zugewandte Mann Pessoa gleicht, sondern dass der Ausblick auf die Meeresküste mit Segelboot, Möwen und Kreidefelsen sich in dessen Brille spiegelt, obwohl er 94 die Szene nicht sehen kann. Noch genauer betrachtet: Es spiegeln sich in den Brillengläsern einzig die Wasserlinie und das Segel, nicht die Küste, nicht die Möwen. Sehen wir die imaginierte Kanalküste Englands oder etwas weißliche Steilküste der westlichen iberischen Halbinsel? Oder sehen wir einfach ins Blaue, denn das Blau der See hat sich auf den Tisch, die Gesichter und den Hals der Männer übertragen? Die beiden mögen Pessoas sein oder einfache Namenlose, eineiige Zwillinge oder K. und Josef K., einmal nicht in Prag, sondern am Meer. Und schon vermuten wir, Shakespeare hatte in The Winter’s Tale doch recht: Böhmen liegt – wenn überhaupt irgendwo – am Meer. Dass diese utopische Formel zum Thema eines der bekanntesten deutschsprachigen Gedichte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden konnte, Ingeborg Bachmanns „Böhmen liegt am Meer“, mag für diejenigen folgerichtig sein, die ab der Poesie ein fruchtbares Verwirrungspotenzial zu schätzen wissen. Ein analoges geopoetisches Fiktionsverhältnis spielte Johannes Urzidil am Beispiel Adalbert Stifters durch. In seinem 1957 verfassten Essay „Stifter aus drei Distanzen“ rückte er seinen böhmischen Landsmann nicht nur in die Nähe von John Fenimore Cooper und Henry David Thoreau – und damit den Böhmerwald an die Wälder in Vermont und um Concord; er gab auch Auskunft über die Entstehung seiner Stifter-Erzählung Der Trauermantel. Die Arbeit an ihr setzte er nach seiner „Flucht aus Prag im englischen Wald und Dorf unter dem von deutschen Bombern schwirrenden Himmel fort.“28 Der Böh- 28 In: Johannes Urzidil, HinterNational. Ein Lesebuch von Klaus Johann und Vera Schneider. Potsdam 2010, S. 187. 95 merwald lag für Urdizil nun plötzlich im Forest of Dean in der Grafschaft Gloucestershire, und der River Severn gleicht der Moldau „unterhalb von Oberplan“.29 Ist auszuschließen, dass Ingeborg Bachmann diesen Essay gekannt hat, der erstmals in der Vierteljahresschrift des Adalbert-Stifter-Institutes in Linz erschien?30 Urzidil betonte, die „allgemeine englische Meeresnähe“ erteile allem einen „besonderen Rhythmus. „Neptun greift mit gischtumschäumter Sturmhand von seinen Salz wogen her in die Wipfel der Wälder, und Flut und Ebbe atmen tief ins Land hinein.“31 Nach dieser neptunischen Sturmhand, so implizierte Urzidil, sehne sich der Böhmerwald; sie tue ihm gut, weil sie ihn entprovinzialisiere. Läge darin auch der Sinnkern dieses Faszinosums, das von Shakespeares Zeile „wenn Böhmen am Meer liegt“ auf deutschsprachige Schriftsteller ausgegangen ist32 – von Franz Fühmanns 29 Ebd., S. 188. 30 6. Jahrgang 1957. Nr. 3–4, S.  87–99. Zweite Fassung in: Literatur und Kritik Nr. 31, 1969, S. 34–47. 31 In: Urzidil, HinterNational, a. a. O., S. 188. 32 Eine weitere Besonderheit ist, dass sich vornehmlich britische Germanisten dieses Thema kritisch angenommen haben – nach Peter Hutchinson, Franz Fühmann’s Böhmen am Meer. A Socialist Version of The Winter’s Tale. In: Modern Language Review 67(1972), S. 579–89; Brigid Haines, Böhmen liegt am Meer, or When Writers Redraw Maps. In: Ian Foster/Juliet Wigmore (Hrsg.), Neighbours and Strangers: Literary and Cultural Relations in Germany, Austria and Central Europe since 1989. Amsterdam 2004, S. 7–25; Walter Schmitz u.s. (Hrsg.), Böhmen liegt am Meer. Literatur im Herzen Europas. Chemnitz 1997; und zuletzt: Dennis Tate, Böhme[n] am Meer, ‚Bohemien mit Heimweh‘. Franz Fühmann’s Competing Identities and his Tribute to Tonio Kröger. In: Nigel Haris and Joanne Sayner (Hrsg.), The Text and its Context. Studies in Modern German Literature and Society. Presented to Ronald Speirs on the Occasion of his 65th birthday. Bern 2008, S. 289–302. 96 gleichnamiger Erzählung von 1962, bis Ingeborg Bachmann, Volker Braun („Böhmen/Am Meer/Von Blut“ im Gedicht „Prag“ von 1968), von Hans Magnus Enzensberger im Schlussteil von „Ach Europa“ (1987), Libuse Monikova in ihrem Essay Prager Fenster (1994) bis W. G. Sebald in Austerlitz (2001), wo der Protagonist auf einer Hochebene Ausschau hält auf das an Böhmen angrenzende Baltische Meer? Was zudem veranlasste die Veranstalter der deutsch-tschechischen Kulturausstellung von 1997 „Böhmen liegt am Meer“ zu ihrem Haupttitel zu küren? War es die Vorstellung von umgekehrten geographischen Verhältnissen, nichts weiter? Oder die politischen Implikationen einer bewusst nachlässig gehandhabten Geographie, wie Volker Brauns Gedicht nahe legt, das den Skandal des Einmarschs der Warschauer Truppen mit logistischer Unterstützung der Nationalen Volksarmee der DDR in den Reformfrühling der Tschechoslowakei dreißig Jahre nach dem Münchener Abkommen geißelt? Böhmen liegt am Meer der Geschichte, dort, wo die Brandung der Zeiten tiefe Spuren hinterlassen hat, und das seit den Zeiten des protestantischen Winterkönigs, Friedrichs V. von der Pfalz, der Böhmen ein verhängnisvolles Jahr lang regierte (1619/20), seit 1612 verheiratet mit Elisabeth Stuart, der Tochter von James I, eine in den kurpfälzischen Landen und zunächst auch in Böhmen beliebten englischen Prinzessin, der sich der Ausbau des Heidelberger Schlosses zu einem Palast verdankt, was ihr kurfürstlicher Gemahl ihr als Brautgeschenk offerierte. Die Trauungsfeierlichkeiten in London hatte übrigens kein Geringerer als Francis Bacon ausgerichtet, als Philosoph und Wissenschaftler Begründer der modernen Empirie und induktiven Methode, streitbarer Parlamentarier (er trat offen für die Hin- 97 richtung von Maria Stuart ein – die Braut, Elisabeth Stuart, wird sich das Ihre gedacht haben, einen solchen Zeremonienmeister zur Seite zu haben) und zeitweise Generalstaatsanwalt der Krone. (Bacon starb dann an seinem eigenen Experiment, an Lungenentzündung nämlich, als er die Haltbarkeit von Fleisch durch Einfrieren erproben wollte.) Friedrich V. trug übrigens seit seiner englischen Hochzeit den Hosenbandorden bei offiziellen Anlässen, so auch bei seiner Krönung zum böhmischen König im Prager Veitsdom. Ist der Kern dieses Faszinosums die Entkernung topographischer Gewissheiten, die Relativierung der räumlichen Verhältnisse, das Wagnis der Entlokalisierung und Aufkündigung von verlässlich geglaubten Identitäten? Böhmen am Meer – das meint einen kulturellen Spielraum, der jedoch politischem Missbrauch ausgeliefert bleibt. Böhmen als Spielball – das ist die traurige Kehrseite dieser Formel seit dem Beginn des Drei- ßigjährigen Krieges. Aber zurück zu Bachmanns in jeder Hinsicht europäischem Gedicht. Erste Entwürfe – insgesamt sind neun bekannt – gehen auf Januar 1964 zurück und stehen in Zusammenhang mit Bachmanns Reise nach Prag. Zudem befinden wir uns im Jahr von Shakespeares vierhundertstem Geburtstag, zu dem Bachmann eingeladen worden war, mit einem Gedicht über den elisabethanischen Barden beizutragen. In ihren Aufzeichnungen dazu heißt es: Man hat mich gefragt und es war natürlich eine große Ehre, aber ich habe abgelehnt, ob ich ein Gedicht schreiben könnte, stellvertretend für die deutsche Literatur, für das Shake- 98 speare-Jahr in Stratford on Avon. Ich habe geschrieben: Nein, das kann ich nicht. Dann ist mir etwas aufgefallen, nur ein einziger Satz von Shakespeare, nämlich ‚Böhmen liegt am Meer […] Für mich ist daraus nicht das geworden, was die Engländer wollten, sondern etwas ganz anderes: es war die Heimkehr.33 Ein erstaunliches Notat, das mit vier Teilsätzen, scheinbar die Sache selbst verklausulierend, rhetorisch Spannung aufbaut, um dann erst (sich selbst) zu sagen, worum es sich handelt: im Shakespeare-Jahr in Stratford-on-Avon mit einem repräsentativen Gedicht in Erscheinung zu treten. Sie gibt sich selbst das Ehrenhafte dieses Antrages zu verstehen, aber auch das Befremdliche des Ansinnens. Erst die paradoxe Wendung bei Shakespeare, das für selbstverständlich erklärte Fremdwerden der herkömmlichen Geographie, man möchte von ihrer Fremdung sprechen, kann in Bachmann die nicht minder paradoxe Erfahrung auslösen, im ihr bis dato unbekannten Prag eine „Heimkehr“ zu erleben. Es handelt sich um eine Heimkehr ins Fremde oder zumindest nur Scheinvertraute. Das, was Bachmann aufgefallen war, dieser eine Shakespeare-Satz, und vor allem das, was sie ihm poetisch abgewinnen würde, setzte eine ihrer Thesen um, die sie in der vierten der Frankfurter Vorlesungen Probleme zeitgenössischer Dichtung (1959/60), sie galt dem „Umgang mit Namen“, hatte anklingen lassen: 33 Zit. nach: Hans Höller (Hrsg.), Ingeborg Bachmann, Letzte, unveröffentlichte Gedichte, Entwürfe und Fassungen. Frankfurt am Main 1998, S. 122 f. 99 […] es gibt Länder, die sich schwerlich finden auf den käuflichen Karten, Orplid und Atlantis, und andere, die gibt es wohl, wie Illyrien, aber Shakespeares Illyrien deckt sich nicht damit; und es gibt natürlich auch Frankreich und England und Italien und wie die Länder alle heißen mögen! Aber suchen wir einmal jenes Frankreich, das wir jetzt meinen, reisen wir – wir werden nicht ankommen, dort waren wir schon immer oder noch nie. Auf dem Zauberatlas ist es eingezeichnet, wahrer, viel wahrer, und es grenzt dort die Newa an die Seine, und über die Seine führt der Pont du Carrousel von Balzac und der Pont Mirabeau von Apollinaire, und die Steine und die Wasser sind aus Worten gemacht.34 Zum Meer gehen um Böhmen zu finden oder wie Coleridge in den Harz um Dover vor sich zu sehen, einen Hafen also, eine Verbindung von zwei legendären Landschaften. Welch’ ein Paradox: eine Topographie des Utopischen, eine graphische Ortsbestimmung des Ortlosen – oder eines trigonometrischen Punktes, auf dem sich alle Orte versammeln. Coleridge hat unter diesen Voraussetzungen, die sich am ehesten als Vermischung von Erkenntnisebenen beschreiben lassen, mit der Lektüre Kants begonnen, mit den großen Programmschriften der Vernunftanalyse und der Erkenntniskritik. Wundert es, dass Coleridge unter diesen extremen geistigen Spannungsverhältnissen zum Opium greifen musste? 34 In: Ingeborg Bachmann, Werke Bd. 4. Hrsg. v. Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster. 2. Aufl. München 2010, S. 239 f. 100 Doch bleiben wir an der böhmischen Meeresküste. Die Entwürfe zu diesem Gedicht Bachmanns zeigen, dass die erste Zeile ursprünglich lautete: „Sind Prager Häuser grün, ist hier für mich ein Haus“35. Die Endfassung liest sich dann so: „Sind hierorts Häuser grün, tret ich noch in ein Haus.“36 Prag wird nicht mehr genannt und das Bedingungsgefüge beinhaltet nur, dass dieses Ich die Existenz von Häusern und damit das Behaustsein-Können akzeptiert. Eine andere Variante ist gewichtiger: Im dritten Entwurf schrieb Bachmann über das Gedicht „vom Merr (sic!), das strittig ist, ein Land das ew (sic!) nicht gibt./von nichts aus Land zu sehen.“37 Im folgenden Entwurf überträgt sie den Hinweis auf das real nicht vorhandene aber im Poetischen auffindbare Land auf den Jubilar aus Stratfordon-Avon mit dem zweideutigen Vermerk: „ein Böhme und Vagant“: „Böhmen liegt am Meer/zum 400. Geburtstag von einem, den es gibt oder (= überschrieben und) nicht gibt.“38 Das Land teilt eines mit dem Einen: Die Zweideutigkeit der Existenz, das Unerklärliche. Im Widmungsvermerk der Sonnets von Shakespeare trägt dieses Unerklärliche einen namenlosen Namen: „the only begetter“. Auch Bachmann nennt keine Namen, kein Du: „Bin ich’s nicht, ist es einer, der ist so gut wie ich.“ In Shakespeares Märchenstück verfügt freilich dieser Eine über einen Namen, nämlich Leontes, dessen Lebensproblem der zentralen Schwierigkeit des künstlerischen Schaffens entspricht, wie Leontes seinem Vertrauten Camillo gesteht, dem 35 Höller, a. a. O., S. 105. 36 Bachmann, Werke, a. a. O., S. 167. 37 Höller, a. a. O., S. 105. 38 Höller, a. a. O., S. 107. 101 Problem nämlich aus Nichts ein Etwas zu schaffen, und überhaupt mit dem Nichts umgehen zu können. Leontes versucht es zunächst auf eine rein rhetorische Art: Is whispering nothing?/Is leaning cheek to cheek? Is meeting noses?/Kisses with inside lip?stopping the acreer/Of laughter with a sigh (a note infallible/Of breaking honesty?) horsing foot on foot?/Sulking in corners? wishing clocks more swift?/Hours, minutes? Noon, midnight? (…) is this nothing?/(…) The covering sky nothing, Bohemia nothing (…) ?39 Was nun Schaffen bedeutet – im Sinne des Leontes und Pygmalions40 in A Midsummer Night’s Dream – zeigen diese Verse: The poet’s eye, in a fine frenzy rolling,/Doth glance from heaven to earth, from earth to heaven,/And as imagination bodies forth/The forms of things unknown, the poet’s 39 William Shakespeare, The Winter’s Tale. Hrsg. v. J. H. P. Pafford. London (Arden Edition) 1982, S. 284 ff. (I, ii). („Ist Flüstern nichts?/Und Wang an Wange schmiegen? Nas an Nase?/Mit inneren Lippen küssen? Durch ‚nen Seufzer/Den Lauf des Lachens hemmen? (sichres Zeichen/ Gebrochner Ehre!) – setzen Fuß auf Fuß/In Winkeln schmollen? Uhren schneller wünschen?/ Die Stunde zur Minut und Tag zur Nacht?/ […] Ist das nichts?/Dann ist die Welt, und was darin ist, nichts,/Des Himmels Wölbung nichts, und Böhmen nichts […].“) 40 Auf diese wichtige Beziehung hat erstmals aufmerksam gemacht: Klaus Reichert, Die Wirklichkeit des Eingebildeten oder Kunst und Trick. Zu Shakespeares Arbeit am Pygmalion-Mythos im Wintermärchen. In: Ders., Der fremde Shakespeare. München/Wien 1998, S. 268–297. 102 pen/Turns them to shapes, and gives to airy nothing/A local habitation and a name.“ (V, i). August Wilhelm Schlegel übersetzt, die Vorlage weiter dramatisierend, „glance“ mit dem, was es nicht bedeutet: „blitzen“: Des Dichters Aug, in schönem Wahnsinn rollend,/Blitzt auf zum Himmel, blitzt zur Erd’ hinab,/Und wie die schwangre Phantasie Gebilde/Von unbekannten Dingen ausgebiert,/ Gestaltet sie des Dichters Kiel, benennt/Das luft’ge Nichts und gibt ihm festen Wohnsitz!41 Bachmanns Gedicht bleibt um Topographien bemüht. Auf das Nichts spielt sie allenfalls nur an in der Wendung „Ich will zugrunde gehen“. Doch korrigiert sie diesen Eindruck sogleich, indem sie – in Gedichten selten genug – dieses Zugrunde- Gehen dreifach definiert im Sinne eines Dreisatzes vom Grunde: „Zugrund – das heißt zum Meer, dort find ich Böhmen wieder.“ Darauf: „Zugrund gerichtet, wach ich ruhig auf.“ Und schließlich – alle Gedanken an ein Nichts zerstreuend: „Von Grund auf weiß ich jetzt, und ich bin unverloren.“ Bachmanns Gedicht schließt jedoch die betont Shakespearsche Möglichkeit ein, dass man durch das Spielen von Rollen eine Heimstatt gewinnt: Kommt her, ihr Böhmen alle, Seefahrer, Hafenhuren (in früheren Fassungen ‚Hafenbraut‘, R. G.) und Schiffe 41 Zit. nach: Ebd., S. 295 (Fußnote 7). 103 unverankert. Wollt ihr nicht böhmisch sein, Illyrer, Veroneser, und Venezianer alle. Spielt die Komödien, die lachen machen Und die zum Weinen sind. In den Frankfurter Vorlesungen zitiert Bachmann aus der zweiten Szene des zweiten Aktes von Hamlet: „Und alles das um nichts!/Um Hekuba!/Was ist ihm Hekuba, was ist er ihr, daß er um sie soll weinen!“ Bachmann fragt mit Hamlet was in der Tat sie, Hekuba oder Alban Bergs Lulu oder Stendhals Julien Sorel oder Trakls Knabe Eli, uns noch bedeuten können. Wofür sind die „Platzhalter“42? Hamlets Frage richtet sich an einen Schauspieler, der um das Schicksal Hekubas, der Frau des trojanischen Königs Priamus, weint, da sie nach dem Fall Trojas zur Sklavin wird, wogegen er, Hamlet, scheinbar gefühlskalt bleibt angesichts des Verbrechens, das an seinem Vater verübt wurde. Bachmanns Gedicht versucht sich am Gegenteil: das Gefühlswarme und Gefühlswahre des Menschlichen über alle Vergeblichkeit und Enttäuschung zu retten, dort, in Böhmen, in Prag, wo die Häuser noch grün sein können, weil dieses unbehauste, zu(m) Grunde gehende Ich eine Wahlheimat gefunden hat. „Ist Liebesmüh in alle Zeit verloren, verlier ich sie hier gern.“ Erich Fried hat in seiner persönlich gehaltenen Deutung dieses Gedichts darauf hingewiesen, das „Liebesmüh“ nicht nur als Anspielung auf Shakespeares Love Labour’s Lost zu verstehen, son- 42 Bachmann, Werke IV, a. a. O., S. 240. 104 dern wörtlich zu nehmen sei.43 Damit meinte er vermutlich: Liebe verlangt etwas, kann Mühe bedeuten, der Liebe Verlangen erfordert Gefühlsarbeit, ob in Prag oder Rom oder in London 1964, wo Bachmann das Gedicht vortrug und Fried ihr den Mit-Exilanten Georg Rapp als Übersetzer an die Seite stellte. So liegt denn Brighton am Vesuv, und die poetische Geographie weiß sich im Lot. Eines grenzt ans andere. Fried hat in seiner Deutung treffend behauptet, dass zwei der entscheidenden Wendungen in Bachmanns Gedicht („Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen“ und „Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land“) besagten, Land und Meer sei „ja auch sie“, die Dichterin, „selbst.“ Sie, Bachmann, genauer: ihr lyrisch gewordenes Ich, fasse „Wort und Meer und Böhmens Küste und sich selbst in ein einziges System der Verbindung und Identifikation (auch mit dem so hoffnungslos wie Böhmen vom Meer Getrennten) zusammen.44 Die Begründung für dieses An-alles-immer-mehr-Grenzen liegt im böhmischen Vagantentum dieses Ichs. An etwas grenzen bedeutet: das Angrenzende nicht vereinnahmen, es in seiner Eigenheit respektieren. Und doch hat der spielerische Umgang mit Topographien etwas Besitzergreifendes: Orte werden verfügbar und lassen sich entlokalisieren. Dieses „noch“ An-ein-Wort-und-andres-Land-Grenzen ebenso wie das „noch“ In-ein-Haus-Treten der ersten Zeile ver- 43 In: Erich Fried, „Ich grenz noch an ein Wort und an ein andres Land“. Über Ingeborg Bachmann – Erinnerungen, einige Anmerkungen zu ihrem Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ und ein Nachruf. 3. Aufl. Berlin 1983, S. 9. 44 Ebd., S. 10. 105 weist dagegen auf einen zeitlich befristeten Zustand, auf „Flüchtigkeit“ wie Fried meinte. Die Zeit grenzt in diesem Fall an den Raum, wobei Bachmann in diesem Gedicht nicht beschreibt sondern poetisch deutet, was sie in Prag „sah und hörte“, eben weil es am Meer liegen und London sein kann ebenso wie Rom und Verona und Venedig. Indem Worte an ein solchermaßen polytopisches, also vielfach verortbares, aber nirgends lokal wirklich aufgehobenes Ich „grenzen“, werden sie ihrerseits polytopisch oder ubiquitär. Als Namen bleiben sie ‚Schall und Rauch‘, was in diesem Fall nicht abwertend gemeint ist, sondern als ein Qualitätsmerkmal gelten darf: Gerade als Schall und Rauch können sie und ihre Sprecherin überall sein und das überall ausdrücken. Das am Meer liegende Böhmen und die Kreidefelsen von Dover im Harzer Mittelgebirge erweist sich demnach weniger als eine utopische Topographie denn als folgerichtige Konsequenz poetischer Geographie als Ausdruck existentieller Mehrwertigkeit. Noch einmal gefragt: Namen, auf der Landkarte etwa, wofür stehen sie? Bachmann betonte, wie gesehen, dass die Landkarten der Literaten und jene der Geographen wenig miteinander gemein haben. Die Ortsbezeichnungen der Dichter sind somit meist Metonymien, sie stehen ein für etwas anderes. William Thackeray führte dies beispielhaft in seinem Roman Vanity Fair (1847) vor, in dem London als vanitas vanitatis in Erscheinung tritt und sich das deutsche Fürstentum Pumpernickel als Ausgeburt eines snobistischen Krähwinkels inmitten Europas präsentiert. Thackeray wiederum hatte diese Idee John Bunyan zu verdanken, der in seiner 1678 veröffentlichten Allegorie The Pilgrim’s Progress, der die Stadt Vanity zum Topos des Überall erklärte: 106 […] they presently saw a Town before them, and the name of that town is Vanity; and the Town there is a Fair kept, called Vanity Fair: it is kept all the year long; […] at this Fair are all such Merchandise sold as Houses, Lands, Trades, Places, Honours, Preferments, Titles, Countries, Kingdoms, Lusts, Pleasures, and Delights of all sorts, as Whores, Bawds, Wives, Husbands, Children, Masters, Servants, Lives, Blood, Bodies, Souls, Silver, Gold, Pearls, Precious Stones, and what not. […] Now, as I said, the way to the Celestial City lies just through this Town where this lusty Fair is kept; and he that will go to the City, and yet not go through this Town, must/ needs go out of the World.45 Dieser Ort kann alles sein; hier vereinen sich alle Paradoxa und stellen sich zur Schau. Thackeray fand wohl auch deswegen an Bunyans Stadt Vanity solchen Gefallen, weil er sie mit Brighton in Verbindung brachte und dieser Regency Frivolität der Stadt am Meereskanal. Er vergleicht Brighton jedoch nicht mit dem deutschen Kleinstaat Pumpernickel, sondern mit Neapel: „Brighton, a clean Naples with genteel lazzaroni … that always look brisk, gay, and gaudy, like a harlequin’s jacket.“46 Was heute die kulturwissenschaftlich ausgerichtete Literaturforschung als ihre Erfindung ausgibt, das Erkunden der Räume in Texten, das Vertexten von Topoi, die poetische Erschließung 45 John Bunyan, The Pilgrim’s Progress. Everyman’s Library. New York, London, Toronto 1954, S. 89–90. 46 Zit. nach: W. M. Thackeray, Vanity Fair. A Novel without a Hero. With an Introduction by Catherine Peters. Everyman’s Library. New York, London, Toronto 1991, S. xiii. 107 von Raumstrukturen, alles das findet sich vorgeprägt in Hans Magnus Enzensbergers fünf Jahre nach Ingeborg Bachmann gehaltenen Frankfurter Vorlesungen (1964/65), namentlich seiner dritten über die „Topologischen Strukturen in der modernen Literatur“. Besonders aussagekräftig für unsere kleine Betrachtung ist Enzensbergers Befund einer „Dialektik von Orientierung und Desorientierung“ im literarischen Wechselspiel von dem, was er die „Realitäts-und Fiktionsräume“ im Erzählen von sogenannten „Vexiertexten“ genannt hat mit einer besonders ausgeprägten labyrinthischen Struktur; seine Beispielautoren waren unter anderem Borges, Robbe-Grillet und Laurence Sterne. Enzensberger spricht dabei von einer „trompe-raison“47, also einer Vernunfttäuschung, die durch diese Art des Schreibens erzeugt werden solle. Es fügt sich – eher symbolisch denn kausal – dass das Jahr von Enzensbergers Poetik-Vorlesungen mit jenem der Entstehung von Bachmanns Gedicht „Böhmen liegt am Meer“ identisch ist. Wie gesehen verräumlichte dieses Gedicht eine paradoxale Beziehung, jene nämlich zwischen einem europäischen Kernland und dem Meer. Bei Bachmann stehen Orientierung und Desorientierung weniger in einem dialektischen Verhältnis, als dass beides sich in ihrem Gedicht verschleift. Die Täuschung unserer kritisch-geographischen Vernunft verbindet sich in „Böhmen liegt am Meer“ mit selbstkritischen Einsichten des lyrischen Ichs, vor allem mit der Bejahung der poetischen Geographie: Shakespeares Böhmen am „strittigen Meer“ bleibt von 47 In: Hans Magnus Enzensberger, Scharmützel und Scholien. Über Literatur. Hrsg.v. Rainer Barbey. Frankfurt am Main 2009, S. 45–64, hier: S. 63. 108 nun an das Land der Wahl. Bachmann legt sogar nahe, es handele sich dabei um eine unverhoffte Gnadenwahl, denn Böhmen selbst sei „an Meer begnadigt“ worden, also befreit von seiner Landumschlossenheit. Avon und Moldau, bei Thackeray Themse und Rhein verbinden sich so zu einem komplexen Geflecht von Leben spendenden Adern, die das Europäische nähren und wie in einen Bewusstseinsstrom münden. So gesehen ist Bachmanns Shakespeare-Gedicht, Thackerays Rheinfahrt auf den Spuren William Turners, ist Coleridges Ausruf Dover liege im Harz nicht nur ein paradoxes Topographicon, sondern ein kulturelles Europa-Manifest. Wir haben es, vielleicht zu unserer eigenen Verwunderung, inzwischen nötiger denn je, dieses poetische Manifest politisch neu zu buchstabieren. 109 Den Kontinent neu buchstabieren lernen Europa-Diskurse bei Karl-Markus Gauß, Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas Führende Europa-Politiker – unter ihnen auch der ehemalige Kommissionspräsident José Manuel Barroso – haben seit geraumer Zeit und mit wachsender Dringlichkeit „a new narrative for Europe“ gefordert, und zwar von den Intellektuellen des Kontinents, um auf diese Weise eine „gemeinschaftsstiftende Vision“ für das Projekt der europäischen Integration anzuregen.48 Vielleicht muss ein solches neues Narrativ damit beginnen, den europäischen Kontinent neu zu buchstabieren, anders als bislang wörtlich zu nehmen. Dazu kann ein entsprechendes Projekt von Karl-Markus Gauß beitragen. Auch wenn das Gauß’sche Erzählen weniger ‚stiften‘ als vielmehr kritisch aufrauhen will, wird man es dennoch vor diesem Horizont einer narrativen Bewusstseinsbildung werten wollen. Barrosos Thesen weisen überraschende Ähnlichkeiten mit Überlegungen auf, die sich im Spannungsfeld zwischen den hier in Rede stehenden Europa-Reflexionen – in welchen Variationen auch 48 Vgl. Norman Ächtler: Was ist ein Narrativ? Begriffsgeschichtliche Überlegungen anlässlich der aktuellen Europa-Debatte, in: KulturPoetik 14 (2014), H. 2, S. 244–268. 110 immer – abzeichnen. Und dieses Grundanliegen heißt schlicht: „to continue to tell the story of Europe […] We have to continue our narrative, continue to write the book of the present and of the future“.49 Diesen Zugang zu europäischem Bewusstsein hat Gauß zu einer eigenständigen Diskursform entwickelt, die ihren eigenen Sinn durch die Anschaulichkeit gewinnt, mit der er lokale Gegebenheiten auffindet oder erfindet, vor allem aber die Menschen der von ihm durch die Literaturen, Recherche und Bereisen erkundeten Regionen in den Blick nimmt. Diese Diskursform sei nachfolgend als ein Drittes zwischen jenen verortet, die im deutschsprachigen Raum maßgeblich durch das so verschiedenartige Nachdenken über Europa von Jürgen Habermas und Hans Magnus Enzensberger geprägt worden sind. Damit eröffnet sich ein Spektrum, dessen Positionen in ihrer Gegensätzlichkeit drei distinkte Zugänge zum Problemkomplex des ‚Europäischen – heute‘ repräsentieren. Gauß hat in seinen Betrachtungen Ruhm am Nachmittag (2012) mit Verweis auf den spanischen Romancier und Essayisten Rafael Chirbes50 auch seine eigene Zugehensweise zu Europa beschrieben und zugleich in einem entscheidenden Punkt präzisiert. Er zitiert aus Chirbes’ Reiseessays Der sesshafte Reisende dessen Bemerkung, es gelte die Dinge von einem Standort aus zu sehen (vgl. RAN, S. 238). Dieser Standort und der 49 Zit. nach: Ebd., S. 260. 50 Vgl. zu Chirbes u. a.: Horst Rien: Biographie und Geschichte als Projekt. Analysen zum Romanwerk von Rafael Chirbes, in: Iberoamericana. Revista dedicada a las lenguas 65 (2007), S. 73–89. 111 damit kulturell bedingte Standpunkt kann Beniarbeig/Alicante sein oder Salzburg, doch gesteht Gauß: Ich empfinde das als gravierende Schwäche dieser Reiseprosa: dass sie ohne Menschen auskommt, auch ohne den Menschen, der der Autor selbst ist, denn dieser macht sich offenbar als reisende Wahrnehmungsmaschine und als wanderndes Bildungsarchiv auf den Weg, nicht als Mensch, den die Dinge manchmal verdrießen, manchmal begeistern mögen und der sich in den vielen Reisen, zu denen er aufbricht, auch auf der einen großen Lebensreise wüsste, die zu bewältigen doch der Zweck alles Schreibens wie Reisens ist. (RAN, S. 239) Die Einstellung zum Menschen ist für Gauß das Primäre, auch und gerade zu denen, die zum Rande der etablierten gesellschaftlichen Kulturen gehören. So wirft er dem sonst bewunderten Sándor Márai vor, seine Verachtung der Roma nie hinterfragt zu haben (vgl. RAN, S. 268 f.). Übrigens zählt in den Betrachtungen von Gauß zu den Kulturen in Europa Britannien zu jenen Randzonen, die er keines Blickes würdigt, sieht man von dem Verweis darauf ab, dass einige Roma bis Belfast gezogen seien und Theodor Kramer im englischen Exil überlebt habe. Diese Nichtbeachtung alles Angelsächsischen im bisherigen Werk des Karl-Markus Gauß fällt solchermaßen auf, dass dies eine eigene, hier freilich nicht zu entwickelnde Betrachtung über sein Verfahren des signifikanten Aussparens wert wäre. Wenden wir uns nun aber in einem ersten Schritt der inhaltlichen Kontextualisierung von Gauß’ europäischem Interesse zu, einem im wört- 112 lichen Sinne Zwischen-den-herkömmlichen- Diskursen-Sein, bevor wir in einem zweiten Schritt sein Diskursverfahren ansatzweise skizzieren, um in einem dritten Schritt uns vor allem seinem Europäischen Alphabet als dem Kern seines Neubuchstabierens des Europäischen zuzuwenden. Exkurshafte Einschübe wollen dabei Gauß’ literaturessayistischer Verfahrensweise veranschaulichend entsprechen. I Viel wagt noch immer oder wieder, wer in Zeiten grassierender Re-Nationalisierung emphatisch ‚Europa‘ sagt. Denn dieser Name rührt weiterhin an Grundsätzliches, an kulturgemeinschaftliche Befindlichkeiten, an das, was eine politische Wirtschafts- und Sozialunion sein kann, rührt also an eine institutionell beglaubigte Realität, die stets auch mit mehr oder weniger konkreten Utopien schwanger gegangen ist.51 Diskurse über das Europäische können Plädoyers für eine konstitutionelle „transnationale Demokratie“ beinhalten, wie das Beispiel von Jürgen Habermas belegt;52 sie können wie bei Hans Magnus Enzensberger mit dem seufzend-fassungslosen „Ach“ der Kleist’schen Alkmene versehen sein, das „Achtung, Europa“ Thomas Manns ironisch verkürzend, und die angebli- 51 Gegen diese Art von Utopismus im europäischen Diskurs polemisierte Karl Heinz Bohrer: Vergesst die Utopie!, in: DIE ZEIT, 10.7.2014. Vgl. die Entgegnung darauf von Paul Michael Lützeler: Europa ist eine uralte Tatsache. Für Europa-Skeptizismus gibt es keinen Grund!, in: DIE ZEIT, 31.7.2014. 52 Jürgen Habermas: Zur Verfassung Europas. Ein Essay. 4. Aufl. Berlin 2012. 113 che „Entmündigung“ der Unionisten wie alles dessen, was auf diesem Kontinent (noch) nicht zu ihr gehört, durch das vermeintlich „sanfte Monster Brüssel“ konstatieren und beklagen53; oder sie können Zeugnisse beharrlicher Recherche in den sozial bedrohten Randzonen Europas einschließen, ethnologische Studien über Verhalten und Sprache der „sterbenden Europäer“, das Aufspüren der Gründe für die „Vernichtung“ des mitteleuropäischen Denkens, wie das Verfahren von Gauß belegt (VM, STE). Alle drei Ansätze haben auf ihre Weise Schule gemacht. In ihrem weiteren Umfeld wären etwa Karl Schlögel zu nennen (Grenzland Europa54), der neue Narrative für europäische Diskurse fordert, Stephan Wackwitz (Die vergessene Mitte der Welt55), der in der Spannung von uralten Kulturen und atemberaubendem Zivilisationsschub in Georgien, Armenien und Aserbaidschan eine Nagelprobe für das sieht, was man europäische Identität nennt, und Robert Menasse, der in seinem Essay Der europäische Landbote mit neu gewonnenem Verständnis für die Brüsseler Institutionen und in radikaler Umkehrung seiner früheren EU-kritischen Position die Utopie einer „freien Assoziation von Regionen“ im Sinne einer postnational „gelebten demokratischen Subsidiarität“ zu entwerfen versucht hat.56 Ge- 53 Hans Magnus Enzensberger: Ach, Europa. Wahrnehmungen aus sieben Ländern. Frankfurt a. M. 1987; ders.: Sanftes Monster Brüssel oder die Entmündigung Europas. 10. Aufl. Berlin 2012. 54 Karl Schlögel: Grenzland Europa. Unterwegs auf einem neuen Kontinent. München 2013. 55 Stephan Wackwitz: Die vergessene Mitte der Welt. Unterwegs zwischen Tiflis, Baku, Eriwan. Frankfurt a. M. 2014. 56 Robert Menasse: Der europäische Landbote. Die Wut der Bürger und 114 meinsam ist diesen Ansätzen das Wort „unterwegs“, das Phänomen der Bewegung, sei sie reisend oder durch eine bestimmte Art des Wahrnehmens verursacht. Und „unterwegs“ deutet auch den offenen Projektcharakter dessen an, was als Europäische Union politische Rechtsgestalt gewonnen hat. Kulturkritisch sinnstiftend wirkt in diesen Entwürfen und Versuchen, Polemiken und Apologien die ethnopsychologische und kulturanthropologische Vorgehensweise von Gauß, mehr noch: sein Interesse am Re-Buchstabieren der Diskurse über Europa aus der Perspektive eben dieses seines Vorgehens – und das beinhaltet den Appell, an der Buchstabengenauigkeit unseres Sprechens über das Europäische zu arbeiten. Seine einschlägigen Befunde mündeten in ein Schlüsselwerk einer solchermaßen kulturpolitischen Betrachtungsart, sein Europäisches Alphabet von 1997 (EUA). Was er in diesem bedeutenden Großessay unter anderem herausgearbeitet hat, ist das Ambivalente in der Terminologie der Europa-Diskurse. Sein Verfahren erinnert an die poetische Maxime von Octavio Paz: „Die Welt sehen, das heißt: sie buchstabieren“ („Ver al mundo es deletrearlo“.57) Im Einführen von ‚neuen Buchstaben‘ sollte übrigens Novalis, der Semiotiker unter den frühen Romantikern, ein Chader Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss. Wien 2012. Vgl. dazu Antje Büssgen: Der Europa-Diskurs von Intellektuellen in Zeiten der Krise. Zu Robert Menasses und Hans Magnus Enzensbergers Europa-Essays der Jahre 2010–1012, in: Peter Hanenberg (Hg.): Der literarische Europa-Diskurs. Festschrift für Paul Michael Lützeler. Würzburg 2012, S. 193–215. 57 Octavio Paz: Suche nach einer Mitte. Die großen Gedichte. Spanisch und Deutsch. Übers. v. Fritz Vogelsang. Nachwort v. Pere Gimferrer. Frankfurt a. M. 1980, S. 126 f. 115 rakteristikum im intellektuellen Verfahren unter Europäern erkennen. Die heute gängigen Akronyme im Brüsseler Eurospeak scheinen freilich diese Vorgehensweise bis ins Parodistische zu bestätigen. Analytisch-kritisch verstanden gehört diese Art Semiotik, die sich an den Buchstaben eines Begriffs orientiert, zum Projekt der Aufklärung. Diese Buchstaben verdanken sich keiner Verbalinspiration und dienen auch nicht als Vorlage für Auszierungen in der Buchmalerei; sie bezeichnen vielmehr Wegweiser für diskursive Richtungen, die einzuschlagen wären, wollten wir uns denn annähernd erschöpfend über die sprachlichen Grundlagen unserer Verständigung über das Europäische kundig machen. Die Art, wie Gauß die Ränder Europas literarisch erkundete, auch jene Zonen, die er selbst, auf ernste Weise scherzend, mit Albert Ehrenstein „Barbaropa“ genannt hat (TIB), verfügt über Herder’sche Züge. Das Buch der Ränder etwa – für Prosa und Lyrik – darf heute als eine Pionierleistung angesehen werden in dem Bemühen, unbekannte oder verkannte Literatur aus Mittel- und Südosteuropa vorzustellen. Um hierfür nur ein Beispiel zu nennen: Zusammen mit Ludwig Hartinger hat Gauß wie vor ihnen niemand im deutschsprachigen Gebiet die poetische Fruchtbarkeit des slowenischen Karst unter Beweis gestellt. Darin spätmoderne Entsprechungen zu Leistungen einer sich bis zu Johann Gottfried Herder zurückführenden Kulturethnologie zu sehen, liegt nahe. 116 II (Exkurs I) Damit bewegen wir uns in Richtung eines klassischen Terrains, das den Bodensatz für die Realität einer Konzeption von Weltliteratur bietet, die bereits Goethe dazu veranlasst hatte, z. B. die serbische Lyrik in diesem Sinne zu werten. Ein Goethe- Zitat der ganz anderen Art freilich scheint hier angebracht, und zwar aus der zweiten der Römischen Elegien: Wiederholet, politisch und zwecklos, jegliche Meinung, Die den Wandrer mit Wut über Europa verfolgt. Der Pentameter erzwingt zwischen „Wut“ und „über Europa“ eine Pause und verhindert, in diesem Distichon eine Sanktionierung des europäischen Wutbürgers avant la lettre zu sehen. Es geht an dieser Stelle aber um das, was den Wanderer damals über ganz Europa verfolgt hatte, und das mit Wut – ein feiner Unterschied –, nämlich: So verfolgte das Liedchen „Malbrough“ den reisenden Briten Einst von Paris nach Livorn, dann von Livorn nach Rom, Weiter nach Napel hinunter; und wär’ er nach Smyrna gesegelt, Malbrough! empfing ihn auch dort, Malbrough! im Hafen das Lied.58 58 Johann Wolfgang von Goethe: Werke. Hamburger Ausgabe. Bd. 1: Gedichte und Epen 1. Hg. v. Erich Trunz. München 1988, S. 157 f. (V. 7–12). 117 Es war das Lied der Stunde: „Malbrouk s’en va-t-en guerre“, dem Spanischen Erbfolgekrieg entnommen und ohne Not noch um 1780 der europäische Schlager – aber man beachte Goethes Wendung „Wiederholet, politisch und zwecklos, jegliche Meinung“. Dieses Lied gleicht seinerseits einer politischen Meinung, die jedoch durch ihre Wiederholung, weil sie so eingängig ist, entwertet wird. Goethe sieht sich in dieser Elegie übrigens selbst als ein Barbar aus dem Norden, der diesem propagandistischen Lied nichts entgegenzusetzen hat. Europa, so die Botschaft, brauche neue Lieder, müsse sich neu finden und erfinden, nicht nur indem der Barbaropäer gewissen Römerinnen Hexameter auf den Rücken zählt, sondern indem er seine Identität oder Identitäten neu buchstabieren lernt. Das Wort oder der Begriff ‚Europa‘ in seiner mythologischen Verortung und kulturell-politischen Realität ist in diesen Sprachen mit nur wenigen lexikalischen Abweichungen der vieldeutig gemeinsame Nenner der verschiedenen kulturellen Ausprägungen dieses Kontinents schlechthin – ob regionaler oder nationaler Provenienz. Dass ‚Europa‘ in jüngster Zeit vor unserer Haustüre, in der Ukraine, sogar zu einem politischen Kampfbegriff werden konnte mit noch immer unabsehbaren Folgen, belegt den ideologischen Charakter dieses ursprünglich mythologischen Eigennamens einer vom Göttervater Entführten, also Fremdbestimmten. Man kennt die Ikonographie der Europe vom pompeijanischen Fresko aus der Zeit Ovids bis zu Tizians fleischlichem Kolossalgemälde und der ersten Fünf- DM-Banknote nach der Währungsreform mit Max Bittrofs 118 Emblem59, erinnert sich aber auch des Umstands, dass Europes Bruder Kadmos vom Orakel zu Delphi geraten wurde, von der Suche nach ihr abzulassen und stattdessen die Stadt Theben zu gründen. Karl-Markus Gauß verhalf – auf ähnlicher Mission, vermutlich jedoch ohne Einflüsterung durch ein Orakel – der Stadt Sejny an der polnisch-litauischen Grenze zu ihrer geistigen Neugründung, Sejny, seine Hauptstadt der europäischen Peripherien, die „in ihrer Geschichte zehn Mal ihre staatliche Zugehörigkeit zu wechseln hatte“ (LOB, S. 23–26: „Meine Hauptstadt Europas“). III Im Heterogenen, Hybriden begegnet man einer Diskursstruktur, die für Gauß’ essayistisch-literarische Zugehensweise auf das Europäische charakteristisch ist. Der Unterschied zur diskursiven Methode von Jürgen Habermas ist offensichtlich: Diese orientiert sich an verfassungspolitischen Strukturmodellen als einer rechtlichen Rahmensetzung von Kommunikation im Geflecht von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Habermas sieht in der politischen Konstruktion der Europäischen Union ein Ordnungsmodell, in das sich die Beitrittsländer mit ihren Regionen einfügen. Die kulturellen Dimensionen jedoch klammert Habermas nahezu aus. Dagegen geht Gauß von einem Europa der kleinen Einheiten aus, die politische Makroformen, die er 59 Almut-Barbara Renger, Roland Alexander Ißler (Hg.): Gründungsmythen Europas in Literatur, Musik und Kunst. Bd. 1: Europa – Stier und Sternenkranz. Von der Union mit Zeus zum Staatenverbund. Göttingen 2009. 119 nicht weiter untersucht, de facto unterlaufen. Er fragt weniger danach, ob und wie die institutionellen Strukturen der EU dabei helfen, diese kleinen Einheiten (und ihre jeweiligen Sprachen) wirkungsvoll zu schützen, was am Beispiel der Arbeit des EU-Regionalfonds durchaus zu erörtern wäre. Habermas übersieht die kulturelle Eigendynamik der ‚kleinen Formen‘ im Verbund der EU; Gauß blendet die Notwendigkeit aus, Institutionen auf transnationaler Ebene zu haben, die diese ‚kleinen Formen‘ in Gesellschaft und Kultur fördern. Damit ist aber auch eine Hauptschwierigkeit im Gauß’schen Argumentationsverfahren in dieser Hinsicht benannt: Es bedürfte einer positiven Einschätzung der Region, um einen plausiblen Kontext für die kulturelle Bedeutung der ‚kleinen Einheiten‘, der ethnischen Minderheiten, zur Verfügung zu haben. Gauß misstraut jedoch – und das meist zu Recht – der Region als einer Art Ersatznation; der ideologisch aufgeladene Regionalismus kann, wie er nur zu begründet herausstellt (vgl. den Art. Regionalismus in EUA, S. 159–163), eine problematische Radikalität gewinnen. Diese Einschätzung hindert Gauß dann aber daran, etwa den Regionalfonds der EU in seiner konstruktiven Leistung entsprechend zu würdigen. Allein schon dieser Hinweis zeigt, wie lohnend es ist, beide Ansätze, so verschieden sie naturgemäß sind, komplementär zu lesen. Auf den ersten Blick besteht eine ungleich größere Nähe zwischen Enzensberger und Gauß – allein schon von ihrem vergleichbaren essayistischen Ansatz her. Während dieses Interesse für die Regionen für Enzensbergers frühe Auseinandersetzung mit der Europäischen Gemeinschaft durchaus zutrifft, die gleichfalls ausschließlich die Ränder Europas in den Blick nahm (Ach, 120 Europa, 1987), was für Gauß sogar eine gewisse Vorbildfunktion besessen haben dürfte, trügt dieser Anschein inzwischen. Denn es fehlen Enzensbergers essayistischen Einwürfen zu Europa zunehmend die kulturelle Bodenhaftung, die ethnologische Empirie und die Bereitschaft, sich selbst auf Kosten der Pointen und polemischen Zuspitzungen kritisch zu hinterfragen. Das behutsame Argumentieren, das sorgfältige Abwägen, das eben auch in die Erwägung mündet, Europa anders zu buchstabieren, diskursive Eigenschaften, die Gauß auszeichnen, sie finden sich in Enzensbergers letzten Verlautbarungen zu Europa (Brüssel oder Europa, Sanftes Monster Brüssel) allenfalls noch vereinzelt. Hier kann nun kein im strengen Sinne systematischer Vergleich zwischen Gauß, Habermas und Enzensberger und den jeweiligen höchst eigenen intellektuellen Voraussetzungen angestrengt werden, die sie in ihre meinungsbildenden Europa-Diskurse einbringen. Seiner intellektuellen Bedeutung nach scheint es jedoch geboten, den Beitrag von Karl-Markus Gauß zum Nachdenken über Europa in genau diesem geistigen Umfeld zu verorten. Und ein Weiteres kommt hinzu: seine literarische Essayistik, in der seine persönlichen Erfahrungs- und Wissenshorizonte verschmelzen und das in einer Sprache, die sich durch sinnliche Reflektiertheit ebenso auszeichnet wie durch unbedingte Jargonfreiheit. Was das konkret bedeutet, verdeutlicht die Passage über die Marolles in Brüssel in Gauß’ europäischen Erkundungen Im Wald der Metropolen. Die Marolles sind das ‚Urbrüssel‘, ein zwielichtiges Stadtgebiet, lange gezeichnet von Elend und Krankheit, ein Ort der Randständigkeit mitten im Zentrum der Europäi- 121 schen Union. Gauß definiert dieses Viertel als die Heimstätte „uralter Renitenz, lebendig, und von dem Witz und der urbanen Kultur eines randständigen Volkes“. Und weiter: Marolles, das ist die kleine Welt der alten Multikulturalität, wie sie sich in der frühen Neuzeit herauszubilden begann, einer Ära der Entdeckungsreisen, des Fernhandels, der Kriege und Seuchen – und der Scharen von Flüchtlingen, wandernden Studenten, Arbeitsemigranten, die es von hier nach dort verschlug. Die Marolles, das ist das bunte Erbe des alten Europa, das so bunt war, weil es noch nicht entdeckt hatte, dass es sich in die Uniform von Nationalstaaten zwängen konnte. (IW, S. 270) Die Marolles bedeuten auch eine sprachliche Erfahrung der besonderen Art. In ihrem Dialekt „waren die beiden verfeindeten Sprachen, das Französische und das Flämische, miteinander verschmolzen und mit jenem uralten Spanisch versetzt, das die sephardischen Juden, die hier wie zahllose andere Flüchtlinge und Zuwanderer heimisch wurden, ins Land, nein, in die Stadt, nochmals nein: in die Marolles gebracht hatten“ (IW, S. 269). Die „bunten, rauen Marolles“ gelten daher (nicht nur) Gauß als das „interessanteste Dorf von Brüssel“ (IW, S. 271). Damit hat er einen Kulturtopos definiert, der mitten in Europa jene Charakteristika aufweist, wie er sie sonst nur in Osteuropa aufgefunden hat: die nie zu Slums gewordenen Marolles als Paradigma einer unverstellten kulturellen Lebendigkeit neben den Brüsseler EU-Institutionen. 122 IV (Exkurs II) Eine weitere kleine essayistische Abschweifung mag an dieser Stelle am Platze sein, um auf dem Wege der Analogie das Gauß’sche Darstellungsverfahren zu illustrieren – und das anhand einer kleinen Begebenheit, die einen Tonwechsel erfordert. Als ich in der hintersten Ecke eines überdimensionierten Wiener Cafés, das unmittelbar am Rande des alten Bazars in Sarajevo lag, Die Hundeesser von Svinia las, schaute ich gelegentlich auf die dunstblassen, bis zu deren Kamm dicht bebauten Höhenzüge der Stadt, auf den Uhrenturm, die Hauptmoschee und die Brandmauer eines halbierten Wohnhauses, das von Einschüssen aus der Zeit des letzten Balkankrieges gezeichnet war. Streunende Hunde hatte ich zuvor zuhauf gesehen; sie strichen um verfallene Wehranlagen und Abfallhalden. Derweilen bemühten sich zwei Kellner um mich, kahlköpfig der eine, mit Bürstenschnitt der andere, von ihrer Statur her vom Typus stark tätowierter Rauswerfer. Einer brachte den Kaffee, der andere die Mehlspeise. Ich machte mir Notizen zu Laura Pepo, die als erste Frau über die sephardischen Juden Sarajevos geschrieben hatte, im Jahre 1942 deportiert und umgebracht wurde. Auf ihre Geschichte war ich auf dem Weg ins Café gestoßen, in der alten Synagoge, einem Museum, wo mir die Aufsichtsperson ganz unvermittelt einen Satz der Laura Pepo in gebrochenem Deutsch nahebrachte, ein Deutsch, das in diesem Falle gar nicht anders konnte als gebrochen zu sein. Pepos Satz lautete: „Die Geschichte der Sepharden will neu buchstabiert werden.“ Mir schien jetzt in diesem Café, scharf beäugt von den beiden Kellnern, dass dieser Satz sehr zu meiner Gauß-Lektüre passte. 123 V Wiederholt handelt Gauß von Kulturverlusten. Dabei gelingt es ihm, einen kulturpessimistisch-melancholischen Ton in seinen Darstellungen zu vermeiden. ‚Untergeher‘ sind bei ihm – anders als bei Oswald Spengler oder Thomas Bernhard – durchaus noch ‚fröhlich‘. Sie kennen ihre Rolle und spielen sie, so scheint es, bis zum heiteren Ende. Auf nahezu jeder Seite im Werk des Karl-Markus Gauß erinnert man dafür den poetischen Satz, dass des Bleibens nirgends sei und gewinnt den bestimmten Eindruck, dass die literarischen, fiktional durchsetzten Essay-Reportagen bei Gauß gepackte Koffer ersetzen. Wann unternimmt man sonst schon einmal eine „orientalische Reise durch Schweden“ wie mit Gauß zu den Assyrern als den „fröhlichen Untergehern“. Immer bleibt für ihn die Sprache der entscheidende Ansatzpunkt seiner Beobachtungen: Das terminologische Durcheinander hat sich viertausend Jahre gehalten. Als ich es mit den Assyrern von heute zu tun bekam, hörte ich, je nachdem mit wem ich sprach, für dieselbe Sache immer andere Bezeichnungen. Über Begriffe, Namen, Wörter stritten sie unentwegt, und ich war mir nie sicher, ob sie gerade nur einen günstigen Anlaß nutzten, um ein wenig heftiger zu debattieren, oder ob sich hinter ihrer Auseinandersetzung um Begriffe politische oder religiöse Differenzen verbargen, die nicht bloß der narzisstische Ehrgeiz von Vereinsmeiern aufgerissen hatte. Aber wenn ich Genaueres wissen wollte, wurde mir von denen, 124 die sich eben noch attackiert hatten, einträchtig beschieden, dass die Konfusion der Begriffe ein Erbe der langen Unterdrückung sei und ich mich davon nicht verwirren lassen dürfe, denn im Grunde meinten sie ohnehin alle dasselbe. (DFU, S. 11) Oder bei den Zimbern in der Region des Trentino-Alto Adige, der alten österreichisch-italienischen Frontlinie: Die Geschichte der Zimbern war der grandiose Versuch, eine politische Autonomie in Würde, und das heißt, nicht im feigen oder hochmütigen Rückzug von der Welt, sondern gerade im Austausch mit ihr, mit Handelspartnern aus allen Richtungen, mit Menschen vieler Sprachen und unterschiedlicher Staatsangehörigkeit zu gewinnen und zu behaupten. (DFU, S. 81) Darauf kann man dann nur sagen, auf Zimbrisch, das wir bei Gauß wie nebenbei brockenweise auch noch lernen: „Bar ségan-sich: Wir sehen uns!“ Europa, wie Gauß es versteht, besteht aus Narrativen über Minderheiten – besteht aus, nicht: zerfällt in. Im auf das Phänomen und Problem ‚Europa‘ bezogenen Werk des Karl-Markus Gauß entdecken wir die dokumentarischen Erzählungen eines gewissermaßen autonomen Minderheitenbeauftragten einer entgrenzten Europäischen Union. Denn er lenkt den Blick auf die Menschen jenseits der Wohlstandsgrenzen der Union, aber auch auf jene Minderheiten, die wir mitten unter uns nicht erkennen. In diesem Europa der kulturellen Vielheit hat Gauß eine eigenständige Form einer ethnologischen 125 Narrativität entwickelt, die vom Bewahren der kleinen Einheiten ausgeht. Das, mit Hauke Brunkhorst formuliert, „Regionale, Differente, Überschaubare“60 stellt sich Gauß als Aufgabe, weil er diese kleinen kulturellen Einheiten bedroht sieht. Doch tritt er ihnen deswegen nicht als Konservator gegenüber, sondern verweist auf die Notwendigkeit, das Wissen um diese oft auch durch ihr eigenes Verhalten selbst marginalisierten Kulturformen als ein europäisches Eigeninteresse zu begreifen. Dieses Gauß’sche Erzählen orientiert sich an der ‚Poetik der Beziehung‘, die an Ansätze von Édouard Glissant und seiner Konzeption einer Kreolisierung unseres Kulturbegriffs erinnert, die von einem rhizomatischen Identitätsbegriff in postindustriellen Migrationsgesellschaften ausgeht.61 Doch führt uns Gauß immer auch die Ungleichzeitigkeit diverser Entwicklungsstufen innerhalb Europas vor Augen. Die Szenerien in seinem Erzählbericht Die Hundeesser von Svinia belegen dieses Missverhältnis unüberbietbar anschaulich mit Blick auf die Roma in der Ostslowakei (SVIN). Gauß pointiert dieses Missverhältnis in Bemerkungen wie diesen: „[W]ie die Roma vom ‚Reichsgebiet der EU‘ fernhalten? (SVIN, S. 32) […] Ja, Europa. Die Delegationen der EU haben die Slums besucht und waren entsetzt, weil sie fürchteten, dass all die Verkommenen aus den Ghettos über die hübschen europäischen Städte herfallen könnten.“ (SVIN, S. 90) 60 Hauke Brunkhorst: Die Intellektuellen. Zwischen ästhetischer Differenz und universellem Engagement, in: Neue Rundschau 100 (198), Nr. 1, S. 5–26, hier S. 13. 61 Édouard Glissant: Kultur und Identität. Ansätze zu einer Poetik der Vielheit. Übers. v. Beate Thill. Heidelberg 2005. 126 Was Gauß etwa an Jarovnice, dem größten Roma-Dorf der Slowakei mit über 3000 Roma und 800 Weißen, die einander gegenüber wohnen, beschrieben hat, spottet selbst den Zuständen in den Banlieues der großen französischen Städte. Und doch gilt die europäische Sozialcharta für beide. Es sind oft solche Zwischenbemerkungen in Gauß’ Texten, die halbe Abhandlungen ersetzen, etwa auch diese: „Die Slowaken wurden um Europa reicher [durch den Beitritt zur EU, R. G.], die Ruthenen um die Ukraine ärmer.“ (SVIN, S. 64) Das war die Perspektive des Jahres 2004. Denkt man derzeit freilich an die protofaschistische Svoboda-Bewegung im Westen der Ukraine, dann mag dieser Verlust für die Ruthenen sich inzwischen als tröstlich herausgestellt haben. VI Das Europäische Alphabet des Karl-Markus Gauß erweist sich vor diesem Hintergrund als das, was eine ‚Poetik der Beziehung‘ vermittels praktischer Sprachkritik in bester österreichischer Intellektuellentradition als eigenständiger Beitrag zu unseren Europa-Diskursen jenseits aller Institutionentheorie leisten kann. Einige Nagelproben seien genannt. Zum Stichwort ‚Euro‘ als Doppelvorsilbe verstanden lesen wir: […] Euro taugt grundsätzlich zur pluralistischen sprachlichen Anwendung. Undenkbar, es hätte schon das Kaiserliche immer auch sein Gegenteil zugelassen und sprachlich dem Kaiserwein beispielsweise einen Kaiserfusel gegenübergestellt oder, wenn das Kaiserwetter gar zu lange auf sich 127 warten ließ, abfällig ein Schlechtwetter ins Treffen geführt, das so schlecht gewesen wäre, daß man es nur mehr als kaiserliches hätte bezeichnen können. Nein, was Euro vermag, verbat sich beim Kaiser von selbst, und darum können wir uns ein Gegensatzpaar wie Eurolust und Eurofrust monarchisch verfaßt gar nicht vorstellen. (EUA, S. 46) Hier sieht sich ein sprachliches Verfahren karikiert, das von der Euro-Vision bis zur Euro-Fitness alles Erdenkliche euroisierte, davon sogar eine Währungsbezeichnung ableitete und dennoch nicht verhindern konnte, dass sich das dazu gehörige Bewusstsein wieder weitgehend re-nationalisiert hat. Die ‚Kaiserwörter‘ dagegen verliehen dem Gemeinen das Besondere. Dass Gauß bei solchen Bestimmungsversuchen wie nebenbei gesellschaftliche Funktionsmechanismen in ihrer Österreich-spezifischen Tiefenschärfe auf den Punkt bringt, illustriert sein Kleinst exkurs zum Kaiserwort „Kaiserloge“ geradezu idealtypisch: „eine Loge, die für den Besuch des Kaisers freigehalten wurde, der niemals kam, aber immer kommen konnte.“ Daraufhin folgt die Auswertung, die den Unterschied zu den unpersönlichen Euro-Wörtern greifen lässt: Nichts fasst die Monarchie mit dem Glanz ihrer Metropole und den entzundenen Rändern, mit ihrer märchenhaften Ausdehnung und ihrem bürokratischen Herz besser als die Kaiserloge, die immerzu leer blieb, und in der der oberste Herr, indem er fernblieb, doch immerzu anwesend war: ein leerer Platz als Symbol des Zusammenhalts, die Abwesenheit als Beweis steter Gegenwart. (EUA, S. 45) 128 Kaiser- contra Eurowörter oder Präsenz durch Abwesenheit des personalen Sinnträgers contra Anwesenheit des unpersönlichen Bedenkenlosigkeitsträgers. Da jedoch das Eurowetter im Gegensatz zum Kaiserwetter Wechselhaftigkeit zulässt, ja zur Norm erklärt hat, symbolisiert es überdies eine meta-meteorologische Beständigkeit. Gauß entlarvt im Europäischen Alphabet die Bestandteile des Nationalismus, und das vor allem mit Blick auf die Doppeldeutigkeit der europäischen Regionalismen, die er als Ersatznationalitäten begreift: Ein bedenkenloser Modernisierer, der nichts als angepaßt ist, und ein aggressiver Hinterwäldler, den unheilbar die Gemütlichkeit schlägt, diese beiden zugleich zu sein, das ist das Kunststück, das dem Europäer von heute die Ideologen des Regionalismus aufgegeben haben. Halb Weltbürger, halb Lokalpatriot ist der Regionalist – und in der einen wie in der anderen Spielart ein ganzes Scheusal. Als aufgeklärter Europäer ist er Internationalist, als bornierter Hinterwäldler Ausländerfeind, als Regionalist aber darf er stolzen Sinnes beides zugleich sein: weltoffen und klaustrophob. (EUA, S. 161) Oder nicht auch weltabgewandt und klaustrophil, weil er sich in den kleineren kulturellen Bezugseinheiten inzwischen wieder wohler fühlt als in der globalen Entgrenzung? Was bleibt, so wäre zu fragen, übrig – zwischen dem halben Weltbürger und dem halben Lokalpatrioten? Der sich frei als Konsument und Arbeitskraft bewegende Schengenbürger? In seinem Artikel zur 129 ‚Grenze‘ im Europäischen Alphabet zeigt Gauß, wie das ‚Prinzip Schengen‘ das Ausgrenzen der Anderen zur Tugend verklärt. Verfehlt erscheint nicht, sich einmal mehr zu fragen, was Europa sei, gerade ein Jahrhundert nach dem Beginn seiner Selbstverheerung. Im Sinne von Karl-Markus Gauß’ europäischem Re-Alphabetisierungsversuch scheint dies sogar geboten. Ist es denn wirklich so, dass wir eine Krim- und Ukraine- Krise brauchen, den Brexit62 und einen die Europäische Union offen verhöhnenden amerikanischen Präsidenten, um neu zu begreifen und wertzuschätzen, wie einzigartig die politische Errungenschaft der EU ist? Buchstabieren wir denn Europa einmal mehr: E für Energien; u für uferlos; r für Ressentiment; o für Oder (ohne Neiße, aber mit Entweder); p für Prozess und a für Abgesänge. Europa ist ein energetischer Begriff, der seine eigenen Energien (für E) periodisch entlädt, aber nicht immer zu kontrollieren weiß. Er hat in seiner Diskursivität etwas Uferloses (für u) und grenzt sich doch beharrlich ein und ab. Er lebt vom Ressentiment (für r) selbst dann noch, wenn in seinem Namen von Aussöhnung die Rede ist. Das Oder (für o) scheint dem Europäischen eingeschrieben – von Novalis’ esoterischer Konzeption Christenheit oder Europa bis zur Enzensberger’schen Variante Brüssel oder Europa (1989) und in Gestalt einer Selbstvaria- 62 Vgl. Rüdiger Görner: Illusionspolitik. Der Brexit als Exodus des ‚Systems Whitehall‘? in: Archiv für das Studium der Neueren Sprachen und Literaturen 169,2 (2017), S.  241–258. 2017. Vgl. Barbara Klimke: „Der Brexit ist Ausdruck eines eklatanten Mangels an politischer Bildung“. Interview mit Rüdiger Görner. In: Berliner Zeitung v. 1. Dezember 2016. Beides in: Rüdiger Görner, Brexismus oder: Verortungsversuche im Dazwischen. Heidelberg 2018, S. 55–60 u. S. 61–80. 130 tion Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas und Menasses überlangem Landboten-Untertitel: Die Wut der Bürger und der Friede Europas oder Warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss. Und ‚p‘ steht für den Prozess der Integration, der zuerst in der Stuttgarter Erklärung (1976) und später in anderen Grundsatzverträgen, einschließlich des Maastricht-Vertrages (1992), als prinzipiell unabschließbar definiert worden ist. Und ‚a‘ – es mag für abendländische Abgesänge stehen, die seit Rudolf Pannwitz und Oswald Spengler geradezu endemisch geworden sind. Oder wäre nicht auch ‚Aufgesang‘ für ‚a‘ am Platze? Karl Schlögel spricht von Europa als einem „Event-Raum“63 der permanenten Transformationen. Er sieht ein funktionierendes Europa des kulturellen, politisch flankierten Miteinander vor, zu dem sich unser nationales und regionales Nebeneinander inzwischen nicht nur zu bestimmten Anlässen aufraffen kann. Dass es Wahlen zu einem europäischen Parlament überhaupt gibt, wäre aus der Sicht auch nur des Jahres 1914 die Utopie schlechthin gewesen. Was immer man gegen Fehlentwicklungen innerhalb der EU-Konstruktion einwenden möchte und muss: Der Vertrag von Lissabon hat die nationalen Parlamente als Anwälte des Subsidiaritätsprinzips auf europäischer Ebene ausdrücklich bestätigt und die Haushaltsrechte des europäischen Parlaments weiter gestärkt. Gleichzeitig hat er die prominente Stellung von Europäischem Rat und Ministerrat nicht geschmälert. Der zentrale Widerspruch der EU-Konstruktion ist jedoch, dass sie eine 63 Schlögel: Grenzland Europa (s. Anm. 7), S. 45. 131 de facto trans-etatistische Union vorsieht, die aber de jure mit quasi staatlichen Funktionsmechanismen ausgestattet ist. Doch dieser Widerspruch ist ein – Habermas hat darauf vielfach hingewiesen – im kantischen Sinne notwendiger. Er ist konstitutiv für eine Union, die aufgrund ihrer historischen Voraussetzungen eben nicht das Modell der Vereinigten Staaten von Amerika imitieren kann, sondern das politische Leben und Agieren vermittels institutioneller Widersprüchlichkeiten wieder und wieder proben muss. Dazu gehört das Lernen des Umgangs mit der sozialen Würde als einer permanenten Herausforderung gerade in pluralen, ökonomisch ungleichgewichtigen und ethnisch diversifizierten Gesellschaftssystemen. Das entsprechende Anschauungsmaterial und seine kritische Durchdringung liegen in diesem einschlägigen Teil des Werkes von Gauß vor. Dieses Projekt kann von einem kritischen Bekenntnis wie jenem des Karl-Markus Gauß zur permanenten Überprüfung seiner Voraussetzungen, sprachlich würdig, und das heißt auf sprachethisch verantwortliche Weise vermittelt, auch künftig reichlich zehren. 133 III 135 Wider den faschistoiden Zeitungeist – in Europa und anderswo Nahezu täglich sehen wir uns konfrontiert mit Berichten über Vorkommnisse in der rechten Szene von inzwischen weltweiten Ausmaßen, die wir noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hätten. Die Skala reicht von autoritären Maßnahmen präsidialer Vermessenheit bis zu Gewalttaten, oft verbreitet über die (un-)sozialen Medien, von Faktenfälschungen, Lügenpropaganda und militanter Abgrenzung im Namen vermeintlicher ‚nationaler Interessen‘. Können wir den Anfängen noch wehren, oder befinden wir uns bereits in einer Spirale mit entschieden rechtem Drehmoment, das regional gegen global ausspielt, die Errungenschaften der Europäischen Union gegen Beschwörungen des jeweiligen nationalen Erbes, das ungehemmter denn je in Nationalismen umschlägt? Wir befinden uns fraglos bereits in einer Lage, in der der Einzelne gefordert ist, seine Stimme zu erheben für Toleranz in Freiheit – gegen die unübersehbar faschistoiden Tendenzen in unseren Gesellschaften. Jetzt bloße Nachsicht gegen- über diesen rechten Irrläufern zu üben, wäre verfehlt, wenn nicht gar gefährlich. Engagierte Kritik an diesen Tendenzen bleibt dagegen erste Bürgerpflicht. Nun sind mit diesen ‚Irrläufern‘ der rechten Szene keineswegs nur die gewaltbereiten Polithooligans gemeint; mit ihnen ha- 136 ben sich die Staatsorgane des Rechtstaates auseinanderzusetzen. Eher geht es um die aalglatten Rechtsaußen, die von nationaler Selbstbestimmung faseln und militante Ausgrenzung meinen und praktizieren. In der politischen Gewichtung der Gegenwart ist inzwischen die Rechtslastigkeit zur Norm geworden, der zunehmend auch die (einst) etablierten, inzwischen erodierenden Volksparteien nachgeben. Das reicht bis in den Etikettenschwindel der dänischen Sozialdemokratie, die einen scharfen Rechtskurs in der Migrationsfrage steuert und innenpolitisch am Sozialstaat festzuhalten vorgibt. Widersprüche dieser zynischen Art müssen mittlerweile gar nicht erst mehr camoufliert werden; mit ihnen kann man heute Stimmen gewinnen. Oder mit einer Partei, deren einziger Programmpunkt ihr Namen ist: die Brexit-Partei des Nigel Farage, die aus dem Stand mehr Stimmen bei der Europawahl 2019 auf sich vereinigen konnte als Labour und Tories zusammen. Oder die slowakische Smer-Partei, die einfach „Richtung“ heißt und den Nationalpopulismus bedient, der 1992 die Spaltung der Tschechoslowakei mit herbeigeführt hatte. Die Europhobien gerade in zahlreichen mitteleuropäischen Staaten, maßgeblich von Illiberalen des Schlages Orbán (Ungarn), Fico (Slowakei) und Babiš (Tschechische Republik) instrumentalisiert, behaupten die Ineffizienz der Europäischen Union und die Effizienz der Nation. Zusammen mit Kaczińsky in Polen und sekundiert von Farage, Marine Le Pen, Matteo Salvini und beglaubigt von Trump und wohlgefällig von Putin beobachtet und unterstützt sowie von den Medien mit weitaus zuviel Aufmerksamkeit bedacht, streben diese Ikonen des Rechtspopulismus eine Art „Demokratur“ (Jacques Rupnik) an, in der die parlamentarische Demokratie 137 zunehmend Gegenstand des Hohns wird. Doch auch der sogenannte Wertkonservatismus muss sich vorwerfen lassen, zu viele Stichworte für eine radikal-rechte Interpretation geliefert zu haben. So leitete die Rechte aus der vielerorts geführten Leitkulturdebatte einen Freibrief für Intoleranz ab. Gemeinhin identifiziert sich die Rechte mit der „Stimme des Volkes“ und hält sich für deren Organ. ‚Volkes Stimme ist Gottes Stimme‘ sagt ein römisches Sprichwort: vox populi vox dei. Sogar ein privater Fernsehsender hat davon seinen Namen abgeleitet. Nach dem im 19. Jahrhundert verkündeten Tod Gottes suchte Volkes Stimme für ihn Ersatz und fand ihn in sich selbst. Rechts ist inzwischen weltweit wieder hoffähig geworden und das nach einem Jahrhundert, das auf unsägliche Weise vorgeführt hat, was es bedeutet, wenn man völkischem Wahn auch nur Millimeter nachgibt. Rechts steht nach wie vor für ‚volkstümlich‘ und (potentiell militantes) Stammtischbewusstsein jener, die sich zu kurz gekommen fühlen und betrogen von vorgeblichen Sozialschmarotzern, wie man in diesen Kreisen Asylanten nennt. In der Rechtskehre verschleifen sich zudem mühelos Geschichtsreinigung und völkische Souveränitätsphantasien. Selbst durch transnational organisierte soziale Netzwerke verbunden, illusioniert die Rechte nationale Autonomie herbei, wobei sie sich als Spaltpilz im demokratisch legitimierten Integrationsorgan, dem Europäischen Parlament, sieht und entsprechend zu handeln versucht. So ist denn auch The will of the people, der sich als „Stimme des Volkes“ artikuliere, zur Mantra in ausnahmslos allen Brexit- Debatten geworden, als gäbe es kein gewähltes Parlament, keine repräsentative Demokratie. Anders gelagert ist jedoch der Fall 138 in (einigen wenigen) politischen Kulturen, die auf plebiszitärer Grundlage entstanden sind und in denen Referenda zum gemeinschaftlichen Verhalten gehört. Der Idealfall hierfür heißt fraglos: die Schweiz. Ernest Renan hat sie denn auch in seinen grundlegenden Ausführungen über die Frage „Was ist eine Nation“ eigens hervorgehoben. Bekanntlich gipfelte sein Vortrag an der Pariser Sorbonne vom März 1882 in der These: „Das Dasein einer Nation ist ein täglicher Plebiszit, wie das Dasein des einzelnen eine andauernde Behauptung des Lebens ist.“ Die Schweiz galt Renan – er nannte sie als Staatsgebilde „wohlgelungen“ – deswegen als Modell für sein Verständnis von Nation, weil ihre Bürger trotz der „Vielfalt ihrer Idiome“ (vier Sprachen) übereingekommen seien, eine staatliche Gemeinschaft zu bilden. Diese ist nicht eigentlich eine ‚Nation‘ im ethnischen Sinne noch ein bloß funktionales Staatswesen. Vielmehr verfügt die Schweiz über ein gleichsam oszillierendes Gemeinschaftsverständnis, indem es durch ihre plurale Kultur das Nationale immer wieder neu fasst und gleichzeitig transzendiert. Nicht nur für Renan stellte das ein modellhaftes Faszinosum dar. Durch die deutschschweizerisch geprägte Abgrenzungsrhetorik eines Christoph Blocher und seiner „Volkspartei“ ist dieses ‚Modell‘ jedoch längst in ein arges Zwielicht geraten. Die harsche innerschweizerische Kritik an der Selbstgefälligkeit des Landes reicht denn auch zurück auf Max Frisch und erstreckt sich heute bis zu Adolf Muschg und Lukas Bärfuss. Die Rhetorik der Rechten besteht aus Geschichtsrelativismen (gipfelnd in jenem Skandalsatz von Gauland, gesprochen am 2. Juni 2018: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“ Dass 139 die Geschichtsverklärungsstrategie der Linken keineswegs besser ist, bedarf keiner Begründung; nur verhält sie sich – mittlerweile – weniger aggressiv); sie schickt ihre Schlüsselworte auf einen Daueramoklauf. „Heimat“ gehört dazu, „Ruhm“, „Stolz“ und das endemische, selbstgefällige „Wir“. Die Sprache der radikalen Rechten gleicht einem „schlecht verkleideten Jargon von Gangstern“ (Heinrich Detering). Diese Rhetorik findet weltweit durch die Tweets Donald Trumps Verbreitung, angereichert durch rassistische Verlautbarungen rechtsradikaler Aktionisten weltweit und durch die ad nauseam wiederholte Behauptung, wissenschaftliche Erkenntnisse – etwa zum Klimawandel – seien „fake news“. Mit dem nun bis zum Fernsehsender Pro7 sich erstreckenden Medienimperiums Berlusconis und jenem die Schweiz zunehmend beherrschenden des Christoph Blocher verfügt die radikale Rechte wieder über ein mediales Sympathisantenarsenal, von dem zunehmend faschistoide Schübe publizistischer oder aktionistischer Art ausgehen, von der rechten Szene als populistische Willensbekundungen ausgegeben. Perfide daran sind nicht nur ihre pseudoideologischen Inhalte, zu denen Rassismus und Selbstgerechtigkeit gehören, sondern auch die Groteske in ihren Strukturen, verkörpern sie doch einen Widerspruch in sich; denn sie mimen elitäre Populisten. (Für Britannien heißt das: Wenn Absolventen von Eton sich als Populisten gebärden, gerät der auf den britischen Inseln schon längst privatisierte common sense ins Rotieren. Oder mit den Worten der schottischen Liberaldemokratin Joanne Kate Swinson gesagt: „Boris Johnson entspricht dem, was an Typus entstanden wäre, hätte Donald Trump Eton absolviert.“) 140 Vergessen wir nie: Nationalismen wirken wie Gifte. Bornierte Regionalismen sind ihre Laboratorien. Das Aufkeimen faschistoiden Verhaltens und Handelns in Europa und weltweit ist so brandgefährlich wie das globale Nukleararsenal. Dass sich die (alt-neue) Rechte besonders auffällig in Mittel- und Osteuropa positioniert hat sowie auf dem ehemaligen Staatsgebiet der DDR und damit eine neuerliche Ost-West-Spaltung droht (Jacques Rupnik), geht auf Faktoren zurück, die einmal mehr paradox anmuten. Ein neonationalstaatlich (re-)formiertes Europa gilt Orbán und Kaczyński als überfällige nächste Stufe in der politischen Entwicklung unseres Kontinents. Aus den liberalen Bekenntnissen der Mitglieder der Visgrád-Gruppe (Ungarn, Tschechische Republik, Slowakei und Polen) unmittelbar nach 1990 ist ein Verlangen nach quasi-autoritären Strukturen in Staaten geworden, die in der Europäischen Union nur noch ein Mittel zum Zweck ökonomischer Absicherung sehen. Dabei verstehen sich diese Staaten als Verteidiger vermeintlich ‚christlicher Werte‘, wobei Nächsten- und Feindesliebe an den gegen die Flüchtlinge errichteten Zäunen endet. Wie sehr haben wir uns doch schon an die Verlagerung der Politik ins rechte Lager gewöhnt. Man erinnere sich allein an den Bann, der Österreich im Jahr 2000 traf, als die Regierung Schüssel-Haider gebildet wurde; die Koalition zwischen der ÖVP und der inzwischen noch rechtsradikaler sich gebärdenden FPÖ blieb dagegen ohne externe Folgen. Mittlerweile zeichnet sich ein kurioses Aufleben des Habsburg-Mitteleuropa-Komplexes unter dezidiert rechtslastigen Vorzeichen ab: die Visgrád-Gruppe plus Österreich, ein Land, in dem eine de facto rechtsradikale Partei, die FPÖ, den Begriff des Freiheitlichen 141 für sich in Anspruch zu nehmen wagt. Selten war Vortäuschung falscher Tatsachen flagranter. Diesem Problemkomplex zuzurechnen wären die auch nach den letzten Balkankriegen (1991–1999) ungebrochen spannungsgeladenen Nationalismen in dieser von Korruption heimgesuchten Region, wenn es denn zu ihrem vollzähligen Beitritt zur Europäischen Union käme. Entscheidend bleibt die Frage, wie die Union weitere Strukturen schaffen kann, die ein überzeugendes Gegengewicht zu den Nationalismen bieten, sie entschärfen, ja auflösen. Sie muss glaubwürdig das ersetzen, was die Nachkriegsordnung in Gestalt einer perversen Friedensordnung durch das ideologische Blocksystem der Ost-West-Spaltung geleistet hat. Diese hatte Nationalismen überlagert, aber eben nicht überwinden oder gar auflösen können. Der französische Publizist Alain Minc prophezeite unmittelbar nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs eine „Rache der Nationen“. Und wir müssen in der Tat auf diese Zeit zurückgehen, um zu verstehen, weshalb sich diese Nationalismen wieder in verschärfter Form radikalisieren. Ernest Renan befand in seiner zuvor genannten Rede vom März 1882, Nationen seien „nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen.“ Wir sind noch immer nicht soweit. Gesetz ist freilich nicht, dass die Existenz von Nationen zwangsläufig zu Nationalismen führen muss. Nationale Selbstbeschränkung ist letztlich eine Frage der politischen Bildung. Renans prinzipielle Einsicht, dass die Nation als Ergebnis kollektiver Willensbekundung eine Konstruktion, ein Artefakt sei, wurde inzwischen durch die neuere Nationalismus-Forschung 142 weitgehend bestätigt. Gerade aber deswegen gebärden sich Nationen so ideologisch, beharren auf ihrer ‚Identität‘, die im Wesentlichen nur der Abgrenzung dient. Lässt hoffen, was der bedeutende Gegenwartsautor Rumäniens, Mircea Cārtārescu, ein Schriftsteller von europäischem Format, über diesen allenthalben grassierenden Rechtsruck in Europa sagt? „Die anti-demokratische Welle wird bald verebben. Denn sie ist eine künstlich provozierte. Die Welle des Populismus wurde von Politikern erzeugt, die die Angst der Menschen ausnutzten. Aber diese Menschen werden die Lügen und Manipulationen bald satt haben.“ Unterschätzt das nicht die Wirkung der digitalen Medienmaschinerie, die auf Gedeih und Verderb in den Dienst dieser faschistoiden Rhetorik gestellt wird? So überdeutlich inzwischen die Hauptgefahr für das demokratische Gemeinwesen von Rechts kommt, aufs Ganze gesehen stellt sich mit hoher Dringlichkeit die Frage, wie wir mit dem Widersacher in uns, der inneren Verkörperung (quasi-ideologischer Anfechtungen, umgehen, und wie wir uns einstellen auf das neuerliche Auseinanderdriften der globalen Verantwortungsgemeinschaft in nationale Egoismen. 143 Belfaster Notizen zu Europa Von einer denkwürdigen Veranstaltung in der verdienstvollen Reihe Debates on Europe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist zu handeln, die Mitte September 2019 in Belfast stattgefunden hat. Das Denkwürdige bestand nicht zuletzt darin, dass dabei der bedenkenswerte Vergleich zwischen der Situation in Nordirland (oder Ulster) und jener auf dem Balkan gewagt, ja dass überhaupt eine solche Debatte in dieser Region veranstaltet wurde, wozu es denn doch deutscher Hauptträger bedurfte; denn britischerseits fallen kulturelle Initiativen in dieser schwer geprüften Region eher durch Dürftigkeit oder Einfallslosigkeit auf. Vor allem kam bei dieser Veranstaltung die Dichtung zu Wort – von Michael Longley bis Jan Wagner, von Simon Armitage bis Caitríona O’Reilly bis Durs Grünbein. Man nächtigte im traditonsreichsten Hotel Belfasts, hoffnungsvoll Europa genannt, wo an jenen Tagen jedoch das Passwort für den Internet-Zugang Hastings 1066 lautete. Augenscheinlich sitzt sogar im Belfaster Hotel Europa die Invasionsangst noch immer tief, auch wenn die nordirische Hauptstadt, geschätzte sechshundert Luftlinienmeilen von Hastings entfernt ist, wo im besagten Code-Jahr, das selbst geschichtsabstinente Briten besser kennen als ihre Kontonummer, der Normannenfürst William sich erfrechte, England zu erobern. Natürlich ist 144 man bei einem solchen Passwort geneigt, Vermutungen über die politische Ausrichtung der Hotelleitung anzustellen. Vermutlich waren wir bei sogenannten Unionists gelandet, also Befürwortern einer fortgesetzten britischen Verwaltung Ulsters. Wer dagegen eine Vereinigung von Ulster mit Eire, also der irischen Republik favorisiert, gilt hierzulande als „Nationalist“. Gradabstufungen werden dabei im politischen Alltagsjargon kaum zugelassen: ‚Nationalist‘ ist auch, wer sein gesamtirisches Kulturbewusstsein politisch lieber in einem vereinigten irischen Staat verwirklicht sähe. Bloßes irisches Nationalgefühl ist aus englischer (weniger aus schottischer oder walisischer) Sicht gleichbedeutend mit Nationalismus; englischer Nationalismus dagegen ist statthaft und gilt als lobenswert patriotisch. Nun verdankt es sich einer sinnigen Fügung, dass ich diese Belfaster Notizen just an dem Tag zusammenfasse, an dem in diesem Jahr der National Poetry Day in Britannien und Irlandauf den Tag der deutschen Einheit fällt und zudem in Brüssel die EU-Brexit Unterhändler über den bizarren Vorschlag des britischen Premiers zur Lösung der ‚irischen Frage‘ beraten: Für den Warenverkehr solle Nordirland im EU-Verbund bleiben, aber gemeinsam mit Britannien die europäische Zollunion verlassen. (Indem ich dies schreibe, vermelden die Nachrichten die Ablehnung dieser Johnson’schen ‚Initiative‘ durch Dublin; am Shannon hat man ihn ebenso durchschaut wie in Strasbourg, wo der Brexit-Koordinator des Europäischen Parlaments diesen Vorstoß Johnsons als das entlarvt hat, was er ist: eine peinliche Augenwischerei.) Damit bestätigt sich einmal mehr: Nichts ist fragwürdiger als die Art, in der England seit dem Beginn des Brexit-Fiaskos auf 145 die „irische Frage“ geantwortet hat: nachlässig, arrogant, planlos, scheinheilig, lückenbüßerhaft. Die „irische Frage“, sie war ohnedies eine englische Erfindung, um den besagten„irischen Nationalismus“ zu etikettieren und mit ihm das irische Streben nach Unabhängigkeit, das seit den Acts of Union (1800) ein Politikum und für England zu einem Ärgernis wurde, in Frage stellend zu diskreditieren. Vergewissern wir uns des historischen Hintergrunds: Diese Vereinigungsakte wandelte die seit 1542 bestehende Personalunion zwischen dem irischen und englischen Thron in ein Königreich um, eben in das United Kingdom of Great Britain and Ireland. Das irische Parlament hatte sich 1800 selbst abzuschaffen. Sechs Jahre nach einem blutigen Bürgerkrieg erklärte sich Eire 1922 zum Irish Free State, blieb aber noch bis 1937 ein Dominion des British Empire, bis es sich 1948 zur Republic of Ireland erklärte. Als die Republik 1973 zusammen mit Britannien und seiner nordirischen Provinz Ulster der Europäischen Gemeinschaft beitrat, herrschte dort der Terror, was man verbrämend „The Troubles“ zu nennen pflegte, der Bürgerkrieg zwischen IRA und den britischen Streitkräften. Zur allmählichen Entschärfung des Konflikts bis hin zum Good Friday Agreement von 1997 zwischen der Republik Irland, Nordirland und Britannien trug die gemeinsame Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft und späteren Europäischen Union Entscheidendes bei. Das Belfaster Ulster Museum zeigt übrigens eine dürftig kuratierte Ausstellung zu den „Troubles“, bei der man nicht weiß, ob sie verschämt wirken will oder mahnend. Belfast heute – alle Stadtoffiziellen betonen eine neue Lebendigkeit, ja Multikulturalität, Offenheit der Menschen, auch wenn 146 sie arbeitslos sind, heruntergekommen wirken und ganze Stra- ßenzüge bestenfalls abbruchreif scheinen. Denn das eigentliche Problem Nordirland ist die Sozialschwere: reiche Außenbezirke in den Städten, verarmte bis verelendete Innenstadt-Bezirke. Zudem steht sie noch immer: die Mauer in Belfast, die Katholiken von Protestanten trennt(e), höher als seinerzeit jene in Berlin. Der Anblick, auch der touristisch überformte, könnte beklemmender nicht sein. denn wenn es schief geht mit dem Brexit – und es kann noch immer sehr schief damit gehen –, könnte diese Mauer ihre einstige Funktion wiedergewinnen. Man muss sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass diese nordwestliche Provinzhauptstadt zu einem der kapitalkräftigsten Staaten Westeuropas gehört. Bevor hier die EU-Regionalförderung einsetzte, war das Erscheinungsbild Belfasts noch trostloser. Jahrzehnte verfehlter oder nicht vorhandener Investitionen in die Infrastruktur Nordirlands seitens Whitehalls hatte zu diesem desolaten Zustand geführt, verschärft fraglos durch die „Troubles“, aber nicht von ihnen verursacht. Denn sie waren ihrerseits ja auch das Ergebnis einer (bewussten) Vernachlässigung der „irischen Frage“ des politischen Establishments in Westminster. Das Good Friday Agreement war genügend gut, um wahr werden zu können, eine Art politischer Karfreitagszauber, der keiner Gralsanbetung bedurfte, sondern konstruktive Zusammenarbeit beförderte, Rechtssicherheit, Freizügigkeit, die Möglichkeit doppelter Staatsbürgerschaft (britisch-irisch), Einbindung in das europäische Rechtssystem mit entsprechenden Garantien der Europäischen Menschenrechtskonvention. Der Europäische Gerichtshof wurde auch und gerade für Ulster zu einer Garantieinstitution für Rechtsgleichheit. Eine von der 147 British Academy und der Royal Irish Academy in Auftrag gegebene Studie zu möglichen bis wahrscheinlichen Auswirkungen eines vollzogenen Brexit auf die politische Kultur in Irland belegt, wie einschneidend und besorgniserregend die Folgen sein können, vor allem durch den Wegfall der europäischen Rechtsgarantien in sozialen Bereichen sowie für die Einhaltung des Good Friday Agreement. (Zu den pikanten Anomalien dieses britisch-irischen Verhältnisses gehört übrigens, dass sich ausgerechnet die Akademie der Republik Irland ‚königlich‘ nennt.) Immer deutlicher zeigt sich eines: Es geht keineswegs nur um eine nach vollzogenem Brexit sichtbare oder unsichtbare altneue Grenze zwischen Ulster und der Irischen Republik. Gerade auch die Belfaster Debate on Europe hat gezeigt, dass der Dreh-und Angelpunkt die Frage nach der künftigen Struktur der irischen Insel. Die politische Vernunft und die kulturelle Pluralität dieser Insel wiesen auf die staatliche Vereinigung ihrer Teile auf föderaler Basis. Arlene Foster, die verrufene Vorsitzende der Democratic Unionist Party fordert nun, man müsse der Bevölkerung Nordirland verdeutlichen, welche Vorteile eine Weiterführung der Zugehörigkeit zu Britannien habe; ähnlich argumentiert Lord Caine, langjähriger Berater der Londoner Regierung in Sachen Nordirland. Mit einer Gesamtverfassung für Irland könnte man Britannien zeigen, was dort am meisten Not tut, wie das hilflose Herumexperimentieren der Regierungen Cameron, May und Johnson, aber auch das abstruse Lavieren der Labour Opposition mit ‚Brexit-Lösungen‘ mehr als deutlich gezeigt hat. Denn diese ‚Lösungen‘ sind inzwischen toxisch. Britannien ist mittlerweile womöglich durch den politischen Flurschaden tiefer gespalten als Irland. Dass sich die 148 Machtverhältnisse zwischen London und Dublin radikal verschoben haben im Gefolge der Brexit-Verheerung der britischen politischen Kultur, hat Fintan O’Toole zurecht in der Irish Times festgestellt, pünktlich zur besagten Europe Debate. Londons politischer Spielraum in Sachen Brexit wird auf absehbare Zeit von Dublin definiert. Das ist eine neue Ausgangssituation, deren Folgen in England noch nicht wirklich ins Bewusstsein gedrungen sind. Doch der 3. Oktober 2019 ist ‚Tag des Gedichts‘; man sollte das große Gedicht von Seamus Heaney zu den „Troubles“ erinnern („Whatever You Say Say Nothing“: was immer du sagst, sag nichts) und daraus die folgende Zeile, denn sie fügt sich zur eingangs erwähnten Hotel-Anekdote: „O land of password, handgrip, wink and nod, /Of open minds as open as a trap.“ (O Land des Passworts, Handgriffs, Augenzwinkerns, Nickens,/ Offenen Sinnes, so offen wie eine Falle.“) Doch ganz unpoetisch gesagt, am Tag der Deutschen Einheit: Das ganze Irland verdient die Chance, sich staatsrechtlich neu aufzustellen, als Ganzes das Verhältnis zu Britannien fairer zu gestalten. Und diejenigen, die auf ruchlose Weise, das Brexit-Referendum vom Juni 2016 vom Zaun gebrochen haben, der jetzt als Grenzzaun zwischen Ulster und Eire wieder droht, errichtet zu werden, sie sollten sich vor dem Europäischen Gerichtshof zu verantworten haben, solange er noch Rechtsgültigkeit für Britannien besitzt. Diese Verantwortlichen, ich habe es andernorts wiederholt gesagt und wiederhole es auch hier: sie haben Hochverrat an der europäischen Idee und an ihrer politischen Realität, der Europäischen Union, begangen. Und was, bitte, soll man davon halten, dass beim wohl turbulentesten Tory-Parteitag der 149 jüngeren Geschichte in Manchester die rechtsgerichtete Democratic Unionist Party (DUP) einen Stand aufgebaut hatte mit ihrem Kampfslogan aus der zeit der „Troubles“: No surrender. Boris Johnson beehrte diesen Fringe-Stand mit einer spontanen Ansprache zum Thema No surrender, womit in DUP-Kreisen immer gemeint war und ist: Keine ‚Kapitulation‘ vor Dublin und ‚den Katholiken‘. Doppelzüngiger nie als die britische Politik seit dem Referendum 2016 – und das meint schlicht: unverantwortlicher nie. 150 Grenzen als europäische Erfahrung Wer hätte geahnt, dass das Thema ‚Grenzen‘ solchermaßen in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit rücken würde, wie dies durch die Flüchtlingskrise geschehen ist. Schon steht das zu den großen Errungenschaften der Europäischen Union gehörende ‚Prinzip Schengen‘ zur Disposition, das einst die Grenzkontrollen entsorgte – man glaubte: ein für allemal, wobei dieses Prinzip nur das einholte, was vor dem Ersten Weltkrieg gang und gäbe war – paßlose Freizügigkeit, von Stefan Zweig in Die Welt von Gestern so eindrücklich beschrieben. Die Fernsehunterhaltungsvariante und Frühform der transnationalen Spaßgesellschaft firmierte vor Zeiten unter dem Namen: Spiel ohne Grenzen, ein länderübergreifender spielerischer Wettbewerb zwischen Städten, andernorts Jeux Sans Frontières, Games without frontiers, Giochi senza frontier oder Spel zonder grenzen genannt. Spielerisch erinnerte man sich daran, dass Städte (oder im griechischen Sinne die poleis) Sinnkerne und –träger des europäischen Bewusstseins gewesen sind und nicht Staaten. Und jetzt? Es scheint als seien wir durch die syrische Flüchtlingskrise an die Grenzen der Grenzenlosigkeit gestoßen. Anders gesagt: Kehren die Schlagbäume von einst wieder in Form von gesamtgesellschaftlichen Belastungsgrenzen, jene der Integrierbarkeit, Grenzen der Aufnahmekapazitäten der sozialen Systeme der ‚Gastländer‘? Dabei kommt wiederum die Erwei- 151 terung und Relativierung auch dieser Grenzen, gerade jener der allseitigen Lernfähigkeit im Sinne einer polyethnischen Kultur wechselseitigen Verstehens besondere Bedeutung zu. Keine Frage stellt sich somit akuter als jene nach dem Beitrag interkultureller Wissenschaften zur Notwendigkeit von Integration und in diesem Fall gerade einer sich interkulturell begreifenden Germanistik – nun freilich nicht als stiefmütterlich behandelte „Auslandsgermanistik“64 sondern als inländische Kulturwissenschaft verstanden. Konkret gesprochen kann dies nur eine fundamentale Aufwertung der Fachrichtung Deutsch als Fremdsprache bedeuten. Zugegeben, der Weg ist lang von der Lebenswirklichkeit in Flüchtlingsunterkünften zu ersten Ansätzen kultureller Hybridisierung. Aber Anfänge werden gemacht, so groß die kulturellen Differenzen, psychologischen Voraussetzungen und die Bewusstseinslagen der Betroffenen auch sind. Lange genug haben wir theoretische Modelle zur Frage einer Existenz in der „neuen Unübersichtlichkeit“ erörtert.65 Über das nötige Rüstzeug sollten wir mithin verfügen, um mit dieser realen Unübersichtlichkeit der interkulturellen Verhältnisse konstruktiv umgehen zu können. Brisant ist dabei die Erfahrung mit (Hemm-) Schwellen, was eine intensivierte Form von „Schwellenkunde“ (Heimböckel) zwingend erforderlich macht.66 64 Vgl. Dieter Heimböckel, Im Grenzgang. Für eine Germanistik als Schwellenkunde. In: ZiG 6(2015), Heft 1, S. 151–161. 65 Jürgen Habermas, Die neue Unübersichtlichkeit. Kleine Politische Schriften V. Frankfurt am Main 1985. 66 Vgl. dazu auch: Rüdiger Görner, Grenzen, Schwellen, Übergänge. Zur Poetik des Transitorischen. Göttingen 2001. 152 Seine Lebenserinnerungen hatte Ralf Dahrendorf – mehrdeutig genug – Über Grenzen genannt. Die darin ausgesprochene Einsicht über Grenzen ist in jeder Hinsicht von überpersönlicher Bedeutung: „Grenzen schaffen ein willkommenes Element von Struktur und Bestimmtheit. Es kommt darauf an, sie durchlässig zu machen, offen für alle, die sie überqueren wollen, um die andere Seite zu sehen.“ Und ergänzt, das liberale Verhältnis zur Idee und Realität von Grenze klärend: „Eine Welt ohne Grenzen ist eine Wüste; eine Welt mit geschlossenen Grenzen ist ein Gefängnis; die Freiheit gedeiht in einer Welt offener Grenzen.“67 Wie mit Grenzen umgehen? Psychologisch, ludistisch, existentiell, staatsrechtlich? Bedeutet „Arbeit an oder mit Grenzen“ immer auch Formen des Übergangs zu schaffen oder sich auf ein Interagieren mit Grenzen (wieder) einzustellen? Noch immer lassen sich die probatesten Paradigmen für den Umgang mit Grenzen in ästhetisch konditionierten Kontexten finden, denn die Künste verdanken sich nun einmal besonderen Sensorien, geschärftem Materialbewusstsein und der Fähigkeit des Menschen zur schöpferischen Transformation oder Eigensetzung, die sich wiederum eines (inter-)kulturspezifischen Repertoires bedingt – je nach Veranlagung und geistiger Disposition der Kunstschaffenden. Kunst schafft Räume und damit vermittels Gestaltung auch Grenzen. Worte grenzen ebenso aneinander wie Flächen, Perspektiven oder Takte, wobei die musikalische Komposition das partielle Aufheben der Taktgrenzen durch übergreifende Phrasierungen mit in ihre Struktur aufnimmt. „Grenzt hier ein Wort 67 Ralf Dahrendorf, Über Grenzen. Lebenserinnerungen. 4. Aufl. München 2003, S. 15. 153 an mich, so laß ich’s grenzen/Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder“, lesen wir bei Ingeborg Bachmann.68 In diesen poetischen Verhältnissen gewährt das Aneinandergrenzen von Verschiedenheiten ihnen Möglichkeiten zu einer neuen Selbstbestimmung. Grenz-Räume sind seit homerischen Zeiten in der Kunst erdacht und entworfen worden. Die Virtualität der nicht-digitalen Art gilt somit als primäres Ergebnis und Medium der Kunst. Im digitalen Zeitalter mit ihrer scheinbar zügellosen Herrschaft der Algorithmik oder des siliziumgestützten Dauerhochrechnens, hat sich die Technik der Künste bemächtigt, am sinnfälligsten in der techno-musikalischen Avantgarde sowie der Imagologie des Rechners nebst entsprechenden Installationen in der darstellenden Kunst. Gestalten scheint eine Frage des Programmierens geworden zu sein. Der avancierte homo faber nennt sich digitaler Konstrukteur oder Netzwerker. Das virtuelle Netz-Werk unserer Tage erweist sich dabei im Wesentlichen als eine digitale Realisierung frühromantischer Verknüpfungstheorien, die ihrerseits das Umwandeln von begrifflich-disziplinären Grenzen zum Inhalt hatten. Ohnehin ist der Eindruck entstanden, als bestünden Grenzen in der „virtuellen Ästhetik“ allenfalls noch als Spielformen. Das virtuell Scheinbare erweist sich zunehmend als Ort eines dauernden Transitoriums, in dem sich unaufhörliche Verwandlungsprozesse abspielen.69 Daneben verblasst der Sinn für die 68 In: Ingeborg Bachmann, Letzte, unveröffentlichte Gedichte. Entwürfe und Fassungen. Hrsg. v. Hans Höller. Frankfurt am Main 1998, S. 117. Vgl. dazu das Kapitel über paradoxe Kulturtopographien in diesem Band. 69 Vgl. den Band “Virtuelle Ästhetik. Betrachtungen zur Wahrnehmung 154 existentielle Bedeutung der Grenze und ihrer Aufhebung. Hinzu tritt die Bejahung der „Auflösung der Form“ durch die digitale Prozessualität, wobei dieser eher traditionelle Begriff der Ästhetik, der zumeist als Kritik an der Moderne eingesetzt worden ist, eine neue Bedeutung entfaltet, nämlich das Auflösen als produktives Öffnen von überkommenen Denk- oder Gestaltungsmustern und Strukturen.70 Im literarischen Arbeiten dagegen überwiegt die Digitalisierung einstweilen nur bedingt – trotz des zunehmenden Schreibens im Netz, das sich gerade durch Grenzenlosigkeit definiert. Das Feld des Literarischen behauptet weiter den poetischen Raum als ein sprachlich bestimmtes, paradox gesagt: begrenztes Deutungskontinuum. Die Formel des Gurnemanz in Richard Wagners Parsifal bleibt hierbei elementar: „Zum Raum wird hier die Zeit“. Als pionierhafter Theoretiker dieses Zusammenhangs darf dabei weiterhin Gaston Bachelard angesehen werden, der mit seiner Poètique de l’éspace (1957)71 einem ganzen Forschungszweig vorgearbeitet hat.72 Für ihn war die am Beginn des 21. Jahrhunderts.“ Mit Beiträgen von Ekkehart Baumgartner, Simona Heuberger, Alexandra Weigand und Philipp Messner. Innsbruck 2008. Bes. Ekkehart Baumgartner, Die Erschaffung der Zweitwelt, ebd., S. 7–14 u. Alexandra Weigand, Virtuelle Ästhetik – Die Betrachtung des Scheinbaren, ebd., S. 35–50. 70 Vgl. Simona Heuberger, Die Auflösung der Form. In: Ebd., S.  25–34. Den Begriff prägte ursprünglich Erich von Kahler in seinen Princeton Vorlesungen von 1967, ein Jahr spatter unter dem Titel “The Disintegration of Form in the Arts“ veröffentlicht. Erich von Kahler, Die Auflösung der Form. Tendenzen der modernen Kunst und Literatur. Aus dem Amerikanischen von Wilhelm Höck. München 1971. 71 Gaston Bachelard, Die Poetik des Raumes. Übers. v. Kurt Leonard. 10. Aufl. Frankfurt am Main 2014. 72 Einen Überblick bietet Stephan Günzel (Hrsg.), Texte zur Theorie des 155 Raumerfahrung im Alltag Voraussetzung für eine psychologisch ausgerichtete Phänomenologie, die von den „Intimitätswerten des inneren Raumes“ ausgeht.73 Doch hat sich inzwischen unser Wahrnehmungsverhalten gerade in Bezug auf Räume und Grenzen grundlegend geändert: Vollzogen hat sich womöglich die Rache des Programmierers am Träumer, der Maschine am Gebilde, der digitalen techné am ästhetischen Entwurf. Ausgerufen ist seit der Idee des Gesamtkunstwerks das Spiel mit den Grenzen. Bereits Lessings Laokoon fiel auf durch die nicht aufgehobene Spannung in seiner grundlegenden kunsttheoretischen Schrift zwischen der Bejahung des „freien Spiels der Einbildungskraft“ und dem Aufzeigen von geschmacksbildenden Grenzen in den Künsten.74 Auch die technisch avancierte Abbildung von Wirklichkeit spürte, noch bevor sie Kunst wurde, Räume der besonderen Art auf, deren Grenzen sie buchstäblich mit ins Bild rückte: Gemeint ist die Frühphase der Photographie und zahlreiche Aufnahmen von David Octavius Hill.75 Walter Benjamin hat darauf hingewiesen, dass viele „Bildnisse Hills auf den Edinburgher Friedhof von Greyfriars entstanden“ sind, der der Photograph wie ein „Interieur“ behandelt habe, als einen „abgeschiede- Raums. Stuttgart 2013. Dass in dieser nützlichen Textsammlung ausgerechnet Bachelard fehlt, verwundert. Vgl. dazu auch: Markus Schroer, Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raumes. Frankfurt am Main 2006. 73 Bachelard, a. a. O., S. 30. 74 Gotthold Ephraim Lessing, Werke. Sechster Band: Kunsttheoretische und kunsthistorische Schriften. Hrsg.v. Herbert G. Göpfert. Darmstadt 1974, S. 25. 75 Heinrich Schwarz, David Octavius Hill. Der Meister der Photographie. Mit 80 Bildtafeln. Leipzig 1931. 156 ne[n], eingehegte[n] Raum, wo, an Brandmauern gelehnt, aus dem Grasboden Grabmäler aufsteigen, die, ausgehöhlt wie Kamine, in ihrem Innern Schriftzüge statt der Flammenzungen zeigen.“76 Das Auge des Photographen Hill scheint sich, so legt Benjamin nahe, einen Rahmen gesucht zu haben, in den es sein Bild – ein offenkundiges Vergänglichkeitsmotiv – stellen konnte, wobei dieser Rahmen als Bildgrenze selbst Motiv des Aufgenommenen wurde. Dagegen unterläuft im Schreiben über Grenzen als einem Raumphänomen die poetische Arbeit die traditionelle Zuweisung des Raumes an die bildende Kunst. Gleiches gilt für das kompositorische Herstellen von Klangräumen. Lessing hatte die Dichtung als Zeitkunst verstanden, da sie Abfolgen behandle; damit hob er wiederum die Grenze zwischen Dichtung und Musik als der Zeitkunst per se auf. Noch in Kompositionen der heutigen Avantgarde spielt diese Konstellation sogar eine motivische Rolle, wenn man etwa an Helmut Lachenmanns Consolation I denkt, eine Komposition, die mit Ernst Tollers Versen aus Masse Mensch arbeitet: „Gestern standst Du/An der Mauer./ Jetzt stehst Du/Wieder an der Mauer./Das bist Du/Der heute/ An der Mauer steht./Mensch, das bist Du/Erkenn Dich doch/ Das bist Du.“77 Es ist das poetische Beispiel einer Grenzerfahrung, die zur Selbsterkenntnis aufruft. Kompositorisch gese- 76 In: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften. Bd. II.1. Hrsg.v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt am Main 1991, S. 373 („Kleine Geschichte der Photographie“). 77 Dazu: Helmut Lachenmann, Musik als existentielle Erfahrung. Schriften 1966–1995. Hrsg. und mit einem Vorwort versehen von Josef Häusler. Wiesbaden 1996, S.  376. Lachenmann hat sich in verschiedenen Kontexten wiederholt auf diese poetische Sequenz bezogen. 157 hen erweist sich diese „Mauer“ jedoch auch als ein Anlass zur Grenzüberschreitung der „zwölf Stimmen und vier Schlagzeuger“; der „Trost“ liegt demnach in der klanglichen Aufhebung der Grenze. Das musikalische Material thematisiert die Mauer als Grenzerfahrung aber transzendiert sie dabei. Wer nach Grenzen fragt versucht auch Übergänge auszuloten.78 Denn im Transitorischen erweist sich der Grad der Durchlässigkeit oder Überwindbarkeit von Grenzen, wobei zu berücksichtigen ist, dass Grenzen verschwinden, aber auch wieder auftauchen können, insbesondere als mentale Grenzen; daher rührt die Rede von der ‚Grenze im Kopf ‘.79 Vom schwellenhaften Verorten solcher Übergänge zehrt namentlich die sogenannte Migrationsliteratur, die inzwischen jedoch eher zu einem Gattungsklischee geworden ist. Denn Grenzen und Übergänge sind seit Ovid Themen des Schreibens über Exil, das uns zu Bewusstsein bringt wie eng Schreiben und Migrieren seit je zusammen hängen. Im Erfahren von Grenzen und Ermitteln von Übergängen vollziehen sich Transformationen von Denkmustern oder -figuren, die gerade in kulturellen oder politischen Übergangsphasen verstärkte Aufmerksamkeit beanspruchen. „Erst wenn sich ein Übergang abzeichnet […], war 78 Einen interdisziplinär angelegten Forschungsüberblick bietet der Band Rüdiger Görner/Suzanne Kirkbright (Hrsg.), Nachdenken über Grenzen. München 1999. Zur Literarisierung der Grenze ausführlich: Dieter Lamping, Über Grenzen. Eine literarische Topographie. Göttingen 2001. Vgl. ebenso: Konrad Paul Liessmann, Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft. Wien 2012. 79 Vgl. Wilfried von Bredow, Beiderseitigkeit – vom Verschwinden und Wiederauftauchen von Grenzen. In: Görner/Kirkbright (Hrsg.), Nachdenken über Grenzen, ebd., S. 57–72. 158 es, im nachhinein, eine Verwandlung“, notierte Peter Handke in seinen Phantasien der Wiederholung.80 Nicht alle Grenzen sind Grenzen im eigentlichen Sinne sondern markieren einen vorübergehenden Zustand, können ins Fließen geraten und so die Bildung von Übergängen erleichtern. Diese erkenntnistheoretische Einsicht lässt sich bis zu Leibniz’ Monadologie zurückführen, die zwischen unbewussten „Perzeptionen“ und bewussten „Apperzeptionen“ unterscheidet, Grenzverläufen also im Bereich der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit.81 Erzählte Wahrnehmungen von Grenzen haben den Vorteil der Anschaulichkeit. Als besonders ergiebig erweisen sich dabei drei markante Texte, die Joseph Roth zwischen 1919 und 1927 hierzu verfasst hat, wobei er durch den Akt des berichtenden Erzählens über Grenzen das Bizarre ihrer in diesem Falle unmittelbar nach 1918 plötzlichen Existenz überwinden zu helfen versuchte. Dabei erweist sich, dass das von Roth beschriebene Wechselverhältnis von Demarkation und Transzendierung in einem Sinn-Bild sprechenden Ausdruck findet. In der Episode „Blick nach Metz“ aus dem Feuilleton „Wenn es an der Grenze gewesen wäre“ steht nicht wie zu erwarten die deutsch-fran- 80 Peter Handke, Phantasien der Wiederholung. Frankfurt am Main 1996, S. 76. 81 In: Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie. Französisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Hartmut Hecht. Stuttgart 1998, S. 16/17 (§ 14). Darauf aufbauend hat Erich Kleinschmidt den wortfiguralen Ansatz einer „Aufmerksamkeit der Begriffe“ entwickelt, die den Intensitätscharakter von semantischen Grenzerfahrungen thematisiert. In: E. K., Übergänge: Denkfiguren. Köln 2011 (darin das Kapitel: „Die Aufmerksamkeit der Begriffe. Zum Schwellendiskurs der [Ap-]Perzeption“, S. 71–112). 159 zösische Grenze in Rede, sondern eine symbolische Binnengrenze anderer Art: Schaufenster in der Metropole Lothringens: In diese Schaufenster legt man keine Ware, man „dekoriert“ sie. Ein Apfel hinter ihrem Glas ist etwas anderes als ein Apfel in der Hand. Zwischen dem Gegenstand und meinem Aug’ steht das Fenster, eine kalte, durchsichtige Mauer. Sie ist aus Eis, nicht aus Glas. Die Schilder sind eine Art schwarzer Spiegel, die man in der Unterwelt gebrauchen kann. Ihren Buchstaben glaube ich das Gold nicht. Die Häuser haben nicht Fassaden, sondern Etiketten, keine Wände, sondern prima Verpackung.82 ‚Grenze‘ erweist sich hier als wahrnehmungspsychologischer Gegenstand, als Mauer aus Eis, freilich „durchsichtig“, potentiell aufhebbar, wobei die Betonung auf dem graduellen Unterschied im Materiellen liegt: Das Objekt hinter dieser durchsichtigen Wand veränderte seine Qualität, wenn es haptisch verfügbar wäre. Die Szene beschreibt eine Grenze innerhalb einer Grenzregion, aber in inhaltlichen Zusammenhängen, die man nicht in erster Linie mit diesem Ort (Metz) in Verbindung bringen würde. Daher auch die im Irrealis gehaltene Überschrift des Feuilletons. Auffallend an dieser Beschreibung ist jedoch auch der Verweis auf die „Unterwelt“ als einer existentiellen Grenzregion, wobei diese Stelle impliziert, dass jede Art Grenze eine existen- 82 In: Joseph Roth, Werke. 6 Bde. Hrsg. v. Fritz Hackert und Klaus Westermann. Köln/Amsterdam 1989–1991, hier: Bd. 2, S. 774. 160 tielle Bedeutung haben kann. Was hier nicht näher ausgeführt werden soll, wäre als ‚Hadesfiktion‘ zu bezeichnen, ein literarisches Motiv, das die Grenze zwischen Leben und Tod durchlässig erscheinen lässt und damit die Umkehrbarkeit des Unumkehrbaren ästhetisch hypostasiert.83 Im Kontext von Arbeiten die Grenze als semantischen, ideologischen oder ästhetischen Gegenstand zu bestimmen84, hat sie sich mehr und mehr als eine poetologische Figur erwiesen. Der Figurativität der Grenze entspricht ihre Personifikation in der Gestalt des Grenzgängers.85 Sie ist von ihrer Entstehung her zwischen den sogenannten Epochen angesiedelt; ihr Betätigungsfeld ist das Dazwischen – auch im räumlichen Sinne. Dem Grenzraum gewann Uwe Kolbe noch 1986 eine ganze Gedichtfolge ab, Bornholm II, mit explizitem Bezug auf die Kleingartenanlage „Bornholm“ am Grenzübergang Bornholmer Straße nach Berlin (West). Die Pointe der Sammlung ist, dass sie nur mittelbar Grenzen thematisiert, sofern man Gedichte nicht ihrerseits als sprachliche Grenzräume versteht. In einem Gedicht („Dröhnende Länder“) schaukelt das poetische Ich in Zügen „von Rand zu Rand“, wobei es sich durch den bloßen Namen des für dieses Ich unpassierbaren Grenzübergangs seine Entgrenzung imaginiert: „Wir schweifen aus/in Mohn, in Korn, in 83 Vgl. dazu: Rüdiger Görner, Hadesfahrten. Untersuchungen zu einem literaturästhetischen Motiv. Morphomata Lectures Cologne Bd. 11. Hrsg. v. Günter Blamberger und Dietrich Boschung. Paderborn 2014. 84 Vgl. den Band von Görner/Kirkbright (Hrsg.), a. a. O. 85 Vgl. Rüdiger Görner, Grenzgänger. Dichter und Denker im Dazwischen. Tübingen 1996. 161 Rausch./Ich flieg einen nördlichen Sonnenbogen:/Kopenhagen, Århus, Bornholm. Aber bald.“86 Im Grenzübergang gewinnt das Transitorische einen konkreten Topos. Aus der Sicht des poetischen Ichs in Bornholm II blieb dieses Transitorium im Jahre 1986 jedoch noch auf unabsehbare Zeit Fiktion. Drei Jahre später und Grenze sowie Grenzübergang gingen bereits in das Stadium ihrer Musealisierung über. grenzmuseum 1.1 nennt Thomas Kling ein Gedicht, in dem die Exponate des Museums bereits zu zerfallen beginnen („streusand entfällt diesen gesichtern […]“87). Dem Begriff des Transitorischen wohnt das Phänomen der (Ver-)Wandlung inne. Fragt man nach einer Rhetorik oder techné des Übergangs im literarischen Sinne88, dann verbirgt sich in dieser Frage auch das Problem, was sich in diesem Übergehen wie verändert. Was nimmt man vom Diesseits ins Jenseits der Grenze mit und was geschieht damit im Transitorium? In Grenzerzählungen kann dies zu einem Tempuswechsel in der erzählten Zeit führen; Begriffe können ihre Bedeutung modifizieren, wenn nicht ganz in ihrem Gebrauch ändern; und (manche) Charaktermerkmale oder psychische Dispositionen des Protagonisten können sich verändern. Ein Weiteres kann geschehen: Die Grenzen werden verinnerlicht; ein Übergang wird nur zum Schein vollzogen. Hierfür gibt es gerade in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zahlreiche Beispiele. Ich erwähne hier nur das Beispiel von Marica Bodrožić. Sie selbst scheint in ihrem schreiben die multiplen 86 Uwe Kolbe, Bornholm II. Gedichte. Frankfurt am Main 1987, S. 43. 87 Thomas Kling, morsch. Gedichte. Frankfurt am Main 1996, S. 33. 88 Hierzu: Görner, Grenzen, Schwellen, Übergänge, a. a. O., S. 121–132. 162 Grenzen des Balkan internalisiert zu haben, eine Erfahrung die sie mit manchen ihrer Protagonisten teilt, wobei sich die konkrete Topographie dieser Grenzen auflöst und diese Grenzen eine andere Wertigkeit gewinnen, die deutlicher den Persönlichkeitscharakter prägen. In ihrem Roman Das Gedächtnis der Libellen zum Beispiel erweist sich Ilja, der chamäleonhafte, irrlichtende Geliebte der Ich-Erzählerin Nadeshda, als ein von inneren Grenzen bestimmter Charakter: „Ilja hat die Grenzen immer bei sich gehabt, er hat sie in seinem Wesen mitgebracht. Er selbst war die Grenze […].“89 In der Liebe zu Ilja, die zunächst grenzenlos scheint, erfährt Nadeshda ihrerseits Grenzen und über ein Dazwischen, in dem es nie wirklich zu einer transitio kommt. Die Protagonistin zieht aus ihren Erfahrungen den folgenden Schluss: „[…] lernen sollst du etwas über die Grenzen dazwischen, über die Menschen und ihre Hände, über die Fingerkuppen, die dich berühren, und darüber, welche Macht sie über dich haben, diese Fingerkuppen mit ihren Archiven aus Kindheiten, Wolken, Mutterküssen und Strandausflügen.“90 Für sie, Nadeshda, kommt es immer mehr darauf an, die „Grenze des Spiels“ zu kennen, des zwischenmenschlichen und des der Kommunikation, also des stets riskanten Spiels mit Worten. Bodrožićs Erzählerin hat Grenzen internalisiert. Dazu gehört auch die (Selbst-)Begrenzung ihrer Vorstellungskraft, die wiederum zu deren Intensivierung führt.91 Doch auch das Umgekehrte gilt für sie: „Meine Imagination hat mir präzisere Gren- 89 Marica Bodrožić, Das Gedächtnis der Libellen. Roman. München 2010, S. 73. 90 Ebd., S. 74. 91 Ebd., S. 118 f. 163 zen gesteckt“.92 Auch wenn sie ihre „utopische Stadt“ imaginiert (etwa Sarajevo, Chicago, Paris und Berlin), dann gehören zu dieser Vorstellung wie selbstverständlich „Grenzposten“, die immer auf der richtigen Seite zu stehen scheinen.93 Ob Marica Bodrožić, Ilja Trojanow oder Herta Müller – Autoren aus dem Südosten Europas, dem Banat oder Balkan, sie arbeiten geradezu unwillkürlich mit dem Motiv der Grenze, ihrem Verschwinden und Wiederauftauchen. Es gilt für sie – zumindest bedingt, was Elias Canetti an Robert Musil festgestellt hat: Er habe „zwischen allen Dingen Grenzen“ gezogen94 – sichtbare und unsichtbare. Es handelt sich dabei um Zeichen der Abgrenzung und Demarkationslinien eines Raumes der Intensitäten, sei es der Wahrnehmung oder Beschreibung von Gefühlen oder Objekten, Landschaften oder Erinnerungen. Grenze und Übergang sind einander ein ‚Vorwurf ‘; wechselseitig bedingen sie einander, denn ein Übergang kann immer wieder zu einer neuen Grenze führen oder durch externe Einflüsse selbst zu einer solchen werden. Mit der Grenze verhält es sich entsprechend. Der ästhetische Ort zwischen Räumen aber ist die Schwelle, wo selbst die Zeit zum Stehen kommt, wie in der Erzählung „Der Mann auf der Schwelle“ von Jorge Luis Borges.95 „Uralt“ ist dieser Mann und mit jenen Figuren ver- 92 Ebd., S. 195. 93 Ebd., S. 202 f. 94 In: Elias Canetti, Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931–1937. 14. Aufl. Frankfurt am Main 1988, S. 157. Canetti behauptete, dass Musil solche „Grenzen“ auch um sich selbst gezogen habe, eine These, die man freilich nicht auf die im Text besagten Autoren übertragen möchte. 95 In: Jorge Luis Borges, Gesammelte Werke. Erzählungen 2. Bd. 3/II. Nach den Übersetzungen von Karl August Hort und Curt Meyer-Clason. Be- 164 wandt, die Kafka vor Türen und Toren zu postieren pflegte. Es sind Grenzgestalten, für die das Wort „Gegenwart“ nur noch „ein unbestimmtes Geräusch“ ist, also seinerseits ein Dazwischen – nämlich zwischen Klang und Stille. Deswegen kann der Ich-Erzähler von dieser Schwelle aus auch einen Blinden erkennen, der „mit einer Laute aus rötlichem Holz“ in einen Hof tritt, Musik verheißend, aber für die Dauer der Geschichte stumm bleibend.96 An der Schwelle gehen die sinnlichen Wahrnehmungen ineinander über, und es bedarf eines erfahrenen Blickes für Grenzen, um diese Übergänge überhaupt noch als solche zu erfassen. Doch eine solche Art des Wahrnehmens darf inzwischen wohl als die eigentlich ästhetische Grenzerfahrung gelten. arbeitet von Gisbert Haefs. Nachwort von Stalislaw Lem. München/ Wien 1981, S. 117–124. 96 Ebd., S. 120. 165 Europa wagen I Unter dem Titel „The Idea of Europe (One More Elegy)“ forderte Susan Sontag 1988 die „Europäisierung Europas“. Was aufs erste Hinhören tautologisch klingt, klärt sich beim genaueren Lesen: Sontag plädierte dafür, dass sich Europa wieder ernst nehmen und in seine „polyphone Kultur“ hören solle, damit aus diesem Ineinander der Stimmen etwas Neues entstehen könne. Europa solle sich selbst wiederfinden – trotz allem, was es weltweit wiederholt an Verheerungen angerichtet hatte. Der Gesamttitel des Buches, in dem sich dieses kleine Essay findet, lautet Where the Stress Falls97 – wohin die Betonung fällt oder: Was man wo und warum betont. In der Stimmenvielfalt des Europäischen ist die Frage dessen, wer was wann und weshalb betont, oft zentral. Liegt die Betonung auf Dissens oder Konsens, auf lockerem Staatenverbund oder einer sich föderalisierenden Gemeinschaft, auf Wachstum oder ökologischem Bewusstsein? 97 Susan Sontag, Where the Stress Falls. London 2001, darin: The Idea of Europe S. 285–289. 166 In Europas polyphoner Kultur findet die vox populi ihre diversen Ausprägungen. Stimmbrüche gehören zu ihnen. Das Brexit-Referendum war ein solcher. Geleistet hat sich ihn einer der ältesten europäischen Staaten. Inzwischen steht eines fest: Die Befürworter des Brexit wollen für Britannien eine neue Form der Selbstbestimmung außerhalb der Europäischen Union erreichen; doch um das zu bewirken, bleibt Britannien nichts anderes übrig, als die Bedingungen der Union für diesen Schritt anzunehmen. Die verbleibenden 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben im Umgang mit dem Brexit, genauer: mit der britischen Sezession oder Partikularismus in einer Weise Einigkeit bewiesen wie selten zuvor. Der britischen Konzeptionslosigkeit und Selbstzersplitterung stand zur Verblüffung Whitehalls eine klare Verhandlungsposition seitens Brüssels gegenüber. In vieler Hinsicht ist die Europäische Union ungleich weiter, als dies vermeintlich populistische Anti-Europa-Debatten wahrhaben wollen. Oder das Umgekehrte gilt: Gerade weil die Union politisch so ungleich weiter entwickelt ist, als dies jemals in der Geschichte Europas vorstellbar war, mobilisieren sich innere Widerstände gegen sie. Geschichtlich betrachtet, stellt die Union nämlich keineswegs etwas Stagnierendes dar, sondern einen politischen Avantgardismus. Die Nationalismen wirken dagegen abgestanden, retrogrierend, konzeptionslos in sich kreisend. National motivierte Populismen gebärden sich „grundsätzlich antipluralistisch“.98 Sie halten gewöhnlich an der 98 Jan-Werner Müller, Was ist Populismus. Es Essay. 2. Aufl. Berlin 2016, S. 129. 167 Fiktion einer Monokultur fest und geifern gerade deswegen gegen ‚Europa‘. Die kreisförmig angeordneten gelben Sterne auf blauem Grund werden ihnen zum roten Tuch. Aber auch das gibt es: den Europäismus, aus der Sicht des französischen Intellektuellen, Régis Debray – eine „lahme Ersatzreligion.99 Er ist ihm zu Recht genauso verdächtig wie jeder andere Ismus und befindet: „Dem Europa der Europäer geht es ziemlich gut – unterstützen wir es, wo wir können. Das Europa der Europäisten jedoch quält uns alle.“ Ernüchtert stellt er fest: „Die Staaten [Europas] rücken zusammen, die Menschen kennen sich nicht.“100 Das war 2001, als Debray noch vermutete, dass die Union nicht lange nach dem Zerfall des Eisernen Vorhangs werde bestehen können; denn sie sei seinerzeit unter der Vorgabe entstanden: „Gebt mir eine Grenze und eine Bedrohung, und ich schmiede euch eine Gemeinschaft: Diese Logik der Zivilisationen hat etwas Unveränderliches.“101 Aber dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer besteht diese Union weiterhin, in sich gefestigter – und das nicht nur wegen des Brexit. Und das auf der Grundlage von Verträgen, die – beinahe britisch – eine Verfassung bislang ersetzt haben. Der trotz erheblicher Anstrengungen weiter verfassungslose Zustand der Union hat sich als außerordentlich produktiv erwiesen, wobei die Frage im Raum steht, wie lange sich die Union eine fortgesetzte de facto Föderalisierung ohne ihre de jure Abklärung der Souveränitätsübertragungen wird leisten können, zumal dann 99 Régis Debray, Bloß keine Leidenschaft. Übers. v. Verena Vannahme. In: Die Zeit v. 15. Februar 2001, S. 11. 100 Ebd. 101 Ebd. 168 wenn man bedenkt, dass ihre neuerliche Erweiterung vor allem um alle Balkanstaaten beabsichtigt ist. Der mehrfach gescheiterte Verfassungsvertrag für die Union ist inzwischen zu einem Rechtsmythos geworden; denn das Ausmitteln von nationalstaatlichen und gesamteuropäischen Interessen gehört zu den Aufgaben des Europäischen Rates im Zusammenspiel mit der Europäischen Kommission und dem Europaparlament. Es sollte dabei jedoch wieder der Vorschlag eines parlamentarischen Zwei-Kammer-Systems ins Gespräch gebracht werden, „wobei eine Kammer durch gewählte Abgeordnete besetzt wird, die zugleich Mitglieder der Nationalparlamente sind“,102 um einen Gegensatz zwischen nationalen Parlamente und europäischem Parlament zu vermeiden. Bei der zweiten Kammer stünde nach wie vor das Senatsmodell mit direkt gewählten Senatoren der Mitgliedsstaaten oder einer Staatenkammer zur Wahl. Der jetzige vertragspragmatische, aber verfassungslose Zustand begünstigt nur die problematische Souveränität des Marktes und der ökonomischen Interessen; der Union verhilft man auf diese Weise jedoch nicht zu kollektiver Souveränität; denn sie bedarf der genauen Definitionen in ihren jeweiligen funktionalen Zusammenhängen.103 Jürgen Habermas entwickelte in seinem Beitrag zur europäischen Verfassungsdebatte ein weitreichendes Konzept einer „transnationalen Demokratie“, die er im Lissabonner Vertrag bereits angelegt sieht.104 Alles Transna- 102 Joschka Fischer, Das Ziel ist die Europäische Föderation. Rede v. 12. Mai 2000 in der Humboldt-Universität in Berlin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15. Mai 2000, S. 15. 103 Vgl dazu u. a. Klaus Koch, Das Ende des Selbstbetrugs. Europa braucht eine Verfassung. München/Wien 1997, S. 210. 104 Jürgen Habermas, Zur Verfassung Europas, a. a. O., S. 48–80. 169 tionale hat jedoch seine Wurzeln im Subnationalen oder Regionalen. Daher scheint es geboten, das Zwei-Kammer-Modell für Europa mit einer weiteren zu ergänzen: einer Kammer der Regionen, wobei deren Interessenlage das definierende Kriterium wäre. Längst haben sich ja Euregionen herausgebildet, die sich nicht national bestimmen. Meist handelt sich dabei um Nachbarregionen, die sich als eine Euregio zusammenfassen und jeweils auch nur einen direkt gewählten Vertreter in die Kammer der Euregionen entsenden würden. Das legislative Verhältnis dieser drei Kammern zueinander wäre vertragsverfassungsrechtlich zu klären, würde aber zu einer weiteren Stärkung europäischen Bewusstseins von der Basis her beitragen. Desgleichen wäre die Bildung eines europäischen Städteparlaments anzuregen, das zur Koordinierung von Aktivitäten in den Bereichen Ökologie und Migration entscheidend beitragen könnte. So schwer es einem deutschen Anglophilen einzugestehen fällt, der den größten Teil seines Lebens auf den britischen Inseln gelebt hat, und so drastisch der Einschnitt des Brexit für die Europäische Union und Britannien auch ist: Ohne den Dauer- Neinsager in Sachen Integration, ohne Britannien, sollte eigentlich der innere Reformprozess der Union zügiger und konstruktiver vonstatten gehen. Dabei sollten wir uns endlich auch von der Vorstellung verabschieden, die neuerdings wieder genährt wird, dass allein die ‚großen‘ Mitgliedsländer der Union diese Integration vorantreiben können.105 105 So Stuart Sweeney, The Europe Illusion. Britain, France, Germany and the Long History of European Integration. London 2019. Sweeney argumentiert, dass allein das Wechselspiel und die phasenweise differente Gewichtung des jeweiligen Verhältnisses dieser Länder zueinander seit 170 Periodisch scheint Europa ‚aufzuwachen‘ und zur (Selbst-) Besinnung zu kommen. Für Peter Sloterdijk schien Europa während der zweijährigen Belagerung Sarajevos „erwacht zu sein“; doch danach erst kam die Katastrophe im Kosovo, woraus zumindest eines zu lernen ist: Das Europäische in seiner politischen Verfasstheit misst sich in seiner Funktionsfähigkeit immer wieder an der Art, wie es mit seiner Südostflanke, vor allem dem Balkan und der griechisch-türkischen Spannungszone, mit Zypern umgeht, wie es sich auf diese Problemzonen einstellt und welche Lösungsmechanismen es dafür entwickelt. Der geopolitische Spagat von Ulster bis in den Kosovo, von der baskischen Region bis ins Baltikum ist eine ebenso politische wie psychologische Herausforderung, meist kaschiert durch diplomatische Manöver. Seit 1989 ist die „europäische Traumzeit“, wie Sloterdijk die Spanne zwischen 1945 und dem Fall der Mauer genannt hat, vorbei. Europa ist als Ganzes auf sich selbst gestellt und wird von ihren Teilen gefordert. Dass sie ihre seit dem Balkankrieg bislang größte Zerreißprobe weiterhin dabei ist zu bestehen, die Migrationskrise, spricht unbedingt für die Grundstabilität dieser Union. Vor dem Kosovo-Krieg konnte Tony Judt noch für eine „teilweise Wiedereinsetzung oder Ehrenrettung des Nationalstaates“ plädieren und behaupten, ein „wahrhaft geeintes Europa“ sei „unklug, ja unsinnig“.106 Er begründete sein Plädoyer da- 1815 europäische Integration befördert hätten, wobei er andere Länder und Kulturen emphatisch ausklammert. 106 Tony Judt, Große Illusion Europa. Gefahren und Herausforderungen einer Idee. Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck. München/Wien 1996, S. 14. 171 mit, dass der Nationalstaat besser geeignet sei, Konflikte aufzufangen und zu verarbeiten. Dass diese Auffassung weiterhin ein Irrweg sein muss, bleibt angesichts der geschichtlichen Hintergründe auch dieses blutigen Konflikts evident. Ivan Krastev imaginiert zwei Jahrzehnte später einen politischen Zustand „after Europe“, und er gibt zu bedenken: „The European Union has always been an idea in search of a reality.“107 Diese „reality“ habe vor allem darin bestanden, sich auf eine gemeinsame (Leidens-)Geschichte zu besinnen. Aber diese Erinnerungen, auch an den Zweiten Weltkrieg, verblassten und damit das Wissen um die Notwendigkeit transnationaler Organisationsformen im Politischen. Krastev verweist auf einen „clash of solidarities: national, ethnic, and religious“, aber auch auf eine fundamentale Paradoxie, die erklärt, weshalb die Union sich dauerhaft um das Migrationsproblem sorgen muss – neben der humanitären Herausforderung, der sie sich gegenübergestellt sieht: „In oder to ensure their prosperity, Europeans need to open their borders; yet such openness threatens to annihilate their cultural distinctiveness.“108 Doch weisen diese Umstände weniger auf eine temporale Bedeutung der Präposition „nach“ hin als auf eine lokale: auf (mehr) ‚Europa‘ zu, um diese Paradoxien zu bewältigen. Kunstvoll hat man sie beklagt, die Brüsseler Lust an der Reglementierung und am Produzieren immer neuer administrativer Referate – am gewitztesten Hans Magnus Enzensberger: „Solche Einrichtungen sprießen sozusagen naturwüchsig wie 107 Ivan Krastev, After Europe, a. a. O., S. 5. 108 Ebd., S 42. 172 Rosenkohl aus dem Boden. Dieses Gemüse heißt nicht umsonst auf Englisch Brussels sprouts. Solche Gewächse gehorchen nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit; sie bringen immer neue Röschen hervor.“109 Und es ist ihm wie Menasse unbedingt zuzustimmen, dass diese bürokratieverschuldete eingeschränkte Mündigkeit Europas erst dann überwunden werden kann, wenn das Europäische Parlament unbedingtes Initiativrecht erhält, was ihm der Vertrag von Lissabon nur mitteilbar zubilligt. A b e r : lieber bürokratischer „Rosenkohl“ als nationalistische Krebsgeschwüre. II Mitten im Ersten Weltkrieg geriet der mystisch-prophetisch veranlagte, beharrlich klein und interpunktionslos schreibende Kulturkritiker Rudolf Pannwitz ins Grübeln. Gegen Ende seiner, milde gesagt, esoterischen Studie Die Krisis der europäischen Kultur (1917) kam ihm eine mit einem Ausrufungszeichen versehene Gewissensfrage in den Sinn: Was geschähe, wenn wir uns am Ende dieser politisch inszenierten Weltkatastrophe doch zu einem „mutterland europa“ bekennen könnten, wenn wir es „plötzlich haben sollten“, aber nicht wissen „was damit anfangen“. Und er ruft aus: „Wehe“ den Europäern, denen es so erginge. Er hoffte als neue Inspiration für Europa auf „Krishnas weltengang“, auf China, beklagte das „verengländern“ der Zivilisation und angesichts eines Englands, das nicht wisse, wo es Eu- 109 Hans Magnus Enzensberger, Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas. 10. Aufl. Berlin 2012, S. 25. 173 ropa gegenüber stehe. Was Letzteres angeht, so bestätigt sich dieser Befund in unseren Tagen aufs Peinlichste. Wissen wir gegenwärtig, was wir „anfangen“ sollen mit diesem Jahrzehnte, Jahrhunderte lang hart, oft allzu blutig erarbeiteten ‚Europa‘, mit diesem Geschichtsgeschenk, das immer wieder neu zu verdienen wir womöglich vergessen haben? Beschleicht, überkommt uns nicht Beschämung, wenn wir dabei zusehen müssen wie Europa an seinem Schuldenreichtum zu ersticken droht? Wie es sich selbst paralysiert und seiner Weltverantwortung derzeit nicht mehr gerecht zu werden versteht? Kann es sein, dass wir wirklich dabei sind zu vergessen, welchen unschätzbaren Wert ‚Europa‘ selbst in dieser währungspolitisch und schuldentechnisch maroden Form darstellt? So gewiss es ist, dass die Europäische Union reformbedürftig bleibt und immer bleiben wird, so fraglos ist die Bedeutung und integrierende Wirkung dieser Reformarbeit. In erster Linie sollte das Europäische Parlament sie leisten. Und es ist richtig, die mangelnde Transparenz, die Versteifung der politischen Prozesse innerhalb der Europäischen Union zu kritisieren, den mündigen EU-Bürger zu fordern und durch ihn die europäische Zivilgesellschaft. Doch sollte das nicht gegen sondern vermittels einer schrittweise reformierten Brüsseler Technokratie geschehen. Denn was fruchtet letztlich diese Schelte der Brüsseler Bürokraten, die eine intellektuelle Medienelite rituell und wohlfeil auszuteilen versteht? Dient sie nicht hauptsächlich den intellektuellen Wortführern dazu, durch diese Dämonisierung des EU-Technokraten endlich einmal publikumswirksam in Erscheinung zu treten? Wie billig. Wenn schon Polemik dann doch 174 besser: Lieber ein Brüsseler Beamter im Leerlauf als ein Kanonier in Verdun! Lieber Brüsseler Korridore als Schützengräben! So lange ist es noch nicht her, als George Steiner einen „neuen Mythos für Europa“ forderte. Das war anlässlich einer Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen. Die Forderung ist aktuell geblieben; sie ist so wichtig wie eine vernünftige Schuldenregulierung für Griechenland. „Vom Strande komm’ ich, wo wir erst gelandet sind,/Noch immer trunken von des Gewoges regsamem/Geschaukel, das vom phrygischen Blachgefild uns her/Auf sträubig-hohem Rücken, durch Poseidons Gunst/Und Euros’ Kraft, in vaterländische Buchten trug.“ Also sprach Goethes Helena in Faust II. Weshalb eigentlich hat es in diesen Währungskrisenzeiten keinen europäischen Gipfel gegeben, auf dem man einmal gemeinsam Faust II liest und die Poetik der Ökonomie bedenkt. Zwar ist des „Euros’ Kraft“ interpretationsbedürftig und nicht identisch mit der Kaufkraft der Währung gleichen Namens. Und die „vaterländischen Buchten“ von Hellas dürften wohl in ihrer für Europa einst beispielgebenden mythischen Heimathaltigkeit neu zu überdenken sein. Aber das wäre ein Ansatz über den Münzenrand wieder anders über Europa nachzudenken. Was ist dieses Europa – heute? Ein ungeheures Arsenal von Erinnerungen, nebst brach liegenden Potenzialen, die darauf warten aktiviert zu werden. Europa sind Landschaften, die vor uns liegen wie Zeitschichtungen, Endmoränen der Geschichte. Und doch bleiben sie ins Globale verwandelbar. Gleichzeitig ist Europa ein Experiment mit offenem Ergebnis. Die Europäische Union stellt sich weiterhin als ein Wagnis dar, das Wage-, ja Bekennermut von allen Beteiligten ver- 175 langt. Die Gründungsdokumente dieser Union wussten davon, als sie dieses einzigartige Integrationsprojekt als einen Prozess einer immer weiter wachsenden wechselseitigen Nähe definierte, als ein nie wirklich abschließbares Projekt. Zu beschreiben, was das bedeutet, wäre eine weitaus lohnendere, würdigere Aufgabe für Intellektuelle als einfältige EU-Institutionen-und Beamtenschelte. Begreifen wir denn also Europa nicht länger als eine bloße ‚Idee‘, eine Vision, gar eine Utopie, sondern als eine integrale Erfahrung des Daseins auf diesem Kontinent. Es liegt an uns, dieses Europa nicht durch erneute Partikularismen auseinander zu dividieren, es nicht zerreißen zu lassen zwischen globalen Ansprüchen und nationalistischen Regressionen. Europa ist Lernstoff und freizügige Lebenswelt, eine weiter wachsende, sich entwickelnde politische Struktur, in die unser kulturelles Wissen eingeht. Im Sinne Hofmannsthals hängt Europa von unserer zuvor besagten „Gemeinbürgschaft“ ab, die verlangt, dass wir für das Europäische einstehen. Als politische Union strukturiert sie sich immer auch als eine Bewusstseinsund Wissensgemeinschaft, die ihre Werte immer neu zu prüfen hat. Wesentlich dazu gehört die bleibende Frage nach dem, was diese Union unter Integration versteht, wie sie diese weiter gestaltet und verantwortet, wie integrativ sie nach außen sein kann, ohne dabei vereinnahmend aufzutreten. Kultureller Pluralismus muss für Europa konstitutiv bleiben, womit die dazu notwendige Toleranz nicht mit Indifferenz verwechselt werden darf. Dazu sollte eine europäische Deutung des Islam als eines religiösen anti-fundamentalistischen Identifikationsangebots für muslimische Migranten gehören, was 176 sich primär als eine religionspädagogische Aufgabe darstellt.110 Treffend warnt Bassam Tibi in diesem Zusammenhang davor, dass Europa weiter zwischen „eurozentrischer Arroganz und kulturrelativistischer Selbstverleugnung“ pendelt.111 Zum ‚Wagnis Europa‘ zählt die unablässige Arbeit mit dem vielschichtigen – unendlich reichen und unendlich verheerenden – Erbe des ‚alten‘ Europa; die fortgesetzte Aufklärung über das grausige Scheitern an den eigenen Vorgaben eines humanistischen Existentialismus; und gleichzeitig das Unter-Beweis- Stellen einer fundamentalen Lernfähigkeit im Zeichen humaner Pluralität. Nicht Selbstaufgabe, sondern Selbsterziehung zur Selbstverantwortung ist gefordert, durch die sich eine – noch einmal mit Hugo von Hofmannsthal gesagt – „Gemeinbürgschaft“ für ein neues Europa in Form eines pluralen, allzu eindeutige ‚Identitäten‘ relativierenden Kulturbewusstseins verwirklichen kann. 110 Bassam Tibi, Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft. München 1998, bes. S. 256–263. 111 Ebd., S. 33–58. 177 Nachweise Anstelle einer Hinführung: Europa, ein Gedicht – aus Anlass der „Reisen durch die junge Lyrik Europas“ (2019)“ von Federico Italiano und Jan Wagner (unveröffentlicht) Präambel-Stücke: Europäische Bruchzonen oder: Dissonante Einstimmungen (erscheint parallel in Susanne Dobesch (Hrsg.), Mein Europa. Böhlau Verlag Wien/Köln 2019) Europa – eine Idee, ein Recht, eine Pflicht? Notizen auf dem Weg zu einer europäischen Bildungsgesellschaft (unveröffentlicht) Brachte uns ‚Bologna‘ Europa näher? – Neue bildungspolitische Herausforderungen (unveröffentlichtes, überarbeitetes Referat, gehalten auf der Internationalen Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung „Brücken bauen in Europa – Literatur, Werte und europäische Identität“. Tallinn 18. Mai 2011) 178 Was ist der europäische Hochschulraum? (Überarbeitetes Impulsreferat, gehalten auf einer hochschulpolitischen Tagung in der Villa Vigoni/Comer See am 4. April 2011) Das Europäische in Schillers Lyrik Vortrag auf der internationalen Tagung „Schillers Europa“ in Schloß Herrenhausen Hannover am 23. Oktober 2014. In: R. G., Wortspuren ins Offene. Lyrische Selbstbestimmungen. Heidelberg 2016, S. 23–36 sowie in: Peter-André Alt und Marcel Lepper unter Mitarbeit von Catherine Marten (Hrsg.), Schillers Europa. Berlin/Boston 2017, S. 44–57. Überlegungen zum ‚guten Europäer‘ namens Friedrich Nietzsche (unveröffentlicht. Abendvortrag, gehalten auf der Tagung „Europa im Umbruch. Europa in Literatur und Film der Gegenwart an der Ludwig Maximilians-Universität München und der Carl Friedrich von Siemens Stiftung am 13. Dezember 2018. Gekürzte Fassung in der Reihe „Die Aula“ des SWR Baden-Baden, ausgestrahlt am 28. April 2019) „Böhmen am Meer“ und „Dover im Harz“. Über eine paradoxe Kulturtopographie in Europa (Für den Druck überarbeitete, erweiterte Fassung eines Vortrags, den der Verfasser am 14. März 2013 vor der Deutsch- Britischen Gesellschaft zu Oldenburg gehalten hat. Erstveröffentlicht in: Comparatio 7 (2015) 2., S. 335–342) 179 Den Kontinent neu buchstabieren lernen. Europa-Diskurse bei Karl-Markus Gauß, Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas (In: Werner Michler / Klemens Renoldner / Norbert Christian Wolf (Eds.), Von der Produktivkraft des Eigensinns. Die Literaturen des Karl-Markus Gauß. Otto Müller Verlag. Salzburg 2017, S. 169–182) Belfaster Notizen zu Europa (Erstveröffentlichung in: Die Welt v. 10. Oktober 2019) Grenzen als europäische Erfahrung (Erstfassung in: Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 7 (2016) Heft 1, S. 183–191) Europa wagen (unveröffentlicht)

Abstract

The very title of this book (“Dare being European!”) signals the engagement with Europe as an imperative. Its three larger sections reflect this engagement in some of its educational, historical and present-day dimensions. In these reflections, interventions and essays there is a strong emphasis on the actual intellectual substance of discourses on Europe with explicit references to the rather surprisingly poetic rendering of European concerns.

The implication of the texts is an appeal, namely to take up current and future discourses on Europe more pro-actively and to counteract constructively tendencies that undermine the project of European integration, such as renewed nationalism, ill-conceived and outdated conceptions of sovereignty. We need to entertain a different understanding of ‘defending Europe’, which does not primarily mean to secure the borders of the European Union but to defend Europe from within, including its cultural values, and reform and enhance its democratic structures.

Zusammenfassung

Europa wagen! signalisiert den bleibenden Wagnis-Charakter des europäischen Projekts. In drei größeren Abschnitten reflektieren diese Aufzeichnungen, Interventionen und Reden seine bildungspolitischen, ideen­geschichtlichen und gegenwartsbezogenen Dimensionen. Auch wenn ihre jeweilige Tragweite nur angedeutet werden kann, bieten diese Texte doch einige Wesenskerne in der Entwicklung der diversen Europa-Diskurse. Eigens betont Europa wagen! die poetische Form dieser Diskurse und leitet deswegen diese Überlegungen mit einem Blick auf eine Anthologie ein, die so ungewöhnlich ist wie das Gesamtprojekt ‚Europa‘ selbst. Der Titel besteht aus einem Imperativ. Aus ihm leitet sich die in den drei Hauptabschnitten thematisierte Forderung ab, die Diskurse über Europa offensiv zu führen, an der weiteren Ausgestaltung des europäischen Projekts mitzuarbeiten – gerade weil Entwicklungen wie der Brexit, verschärfte Nationalismen und veraltete Vorstellungen von Souveränität dieses Projekt neu herausfordern, ja zu unterminieren drohen. Das ‚wehrhafte Europa‘ meint nicht in erster Linie die Sicherung der Außengrenzen der Union, sondern die Auseinandersetzung mit den Gegnern der europäischen Integration innerhalb der europäischen Kulturgemeinschaft und den Ausbau ihrer demokratischen Strukturen.

References
Nachweise
Anstelle einer Hinführung: Europa, ein Gedicht – aus Anlass der „Reisen durch die junge Lyrik Europas“ (2019)“ von Federico Italiano und Jan Wagner (unveröffentlicht)
Präambel-Stücke: Europäische Bruchzonen oder: Dissonante Einstimmungen (erscheint parallel in Susanne Dobesch (Hrsg.), Mein Europa. Böhlau Verlag Wien/Köln 2019)
Europa – eine Idee, ein Recht, eine Pflicht? Notizen auf dem Weg zu einer europäischen Bildungsgesellschaft (unveröffentlicht)
Brachte uns ‚Bologna‘ Europa näher? – Neue bildungspolitische Herausforderungen (unveröffentlichtes, überarbeitetes Referat, gehalten auf der Internationalen Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung „Brücken bauen in Europa – Literatur, Werte und europäische Identität“. Tallinn 18. Mai 2011)
Was ist der europäische Hochschulraum? (Überarbeitetes Impulsreferat, gehalten auf einer hochschulpolitischen Tagung in der Villa Vigoni/Comer See am 4. April 2011)
Das Europäische in Schillers Lyrik. Vortrag auf der internationalen Tagung „Schillers Europa“ in Schloß Herrenhausen Hannover am 23. Oktober 2014. In: R. G., Wortspuren ins Offene. Lyrische Selbstbestimmungen. Heidelberg 2016, S. 23–36 sowie in: Peter-André Alt und Marcel Lepper unter Mitarbeit von Catherine Marten (Hrsg.), Schillers Europa. Berlin/Boston 2017, S. 44–57.
Überlegungen zum ‚guten Europäer‘ namens Friedrich Nietzsche (unveröffentlicht. Abendvortrag, gehalten auf der Tagung „Europa im Umbruch. Europa in Literatur und Film der Gegenwart an der Ludwig Maximilians-Universität München und der Carl Friedrich von Siemens Stiftung am 13. Dezember 2018. Gekürzte Fassung in der Reihe „Die Aula“ des SWR Baden-Baden, ausgestrahlt am 28. April 2019)
„Böhmen am Meer“ und „Dover im Harz“. Über eine paradoxe Kulturtopographie in Europa (Für den Druck überarbeitete, erweiterte Fassung eines Vortrags, den der Verfasser am 14. März 2013 vor der Deutsch-Britischen Gesellschaft zu Oldenburg gehalten hat. Erstveröffentlicht in: Comparatio 7 (2015) 2., S. 335–342)
Den Kontinent neu buchstabieren lernen. Europa-Diskurse bei Karl-Markus Gauß, Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas (In: Werner Michler / Klemens Renoldner / Norbert Christian Wolf (Eds.), Von der Produktivkraft des Eigensinns. Die Literaturen des Karl-Markus Gauß. Otto Müller Verlag. Salzburg 2017, S. 169–182)
Belfaster Notizen zu Europa (Erstveröffentlichung in: Die Welt v. 10. Oktober 2019)
Grenzen als europäische Erfahrung (Erstfassung in: Zeitschrift für interkulturelle Germanistik 7 (2016) Heft 1, S. 183–191)
Europa wagen (unveröffentlicht)

Abstract

The very title of this book (“Dare being European!”) signals the engagement with Europe as an imperative. Its three larger sections reflect this engagement in some of its educational, historical and present-day dimensions. In these reflections, interventions and essays there is a strong emphasis on the actual intellectual substance of discourses on Europe with explicit references to the rather surprisingly poetic rendering of European concerns.

The implication of the texts is an appeal, namely to take up current and future discourses on Europe more pro-actively and to counteract constructively tendencies that undermine the project of European integration, such as renewed nationalism, ill-conceived and outdated conceptions of sovereignty. We need to entertain a different understanding of ‘defending Europe’, which does not primarily mean to secure the borders of the European Union but to defend Europe from within, including its cultural values, and reform and enhance its democratic structures.

Zusammenfassung

Europa wagen! signalisiert den bleibenden Wagnis-Charakter des europäischen Projekts. In drei größeren Abschnitten reflektieren diese Aufzeichnungen, Interventionen und Reden seine bildungspolitischen, ideen­geschichtlichen und gegenwartsbezogenen Dimensionen. Auch wenn ihre jeweilige Tragweite nur angedeutet werden kann, bieten diese Texte doch einige Wesenskerne in der Entwicklung der diversen Europa-Diskurse. Eigens betont Europa wagen! die poetische Form dieser Diskurse und leitet deswegen diese Überlegungen mit einem Blick auf eine Anthologie ein, die so ungewöhnlich ist wie das Gesamtprojekt ‚Europa‘ selbst. Der Titel besteht aus einem Imperativ. Aus ihm leitet sich die in den drei Hauptabschnitten thematisierte Forderung ab, die Diskurse über Europa offensiv zu führen, an der weiteren Ausgestaltung des europäischen Projekts mitzuarbeiten – gerade weil Entwicklungen wie der Brexit, verschärfte Nationalismen und veraltete Vorstellungen von Souveränität dieses Projekt neu herausfordern, ja zu unterminieren drohen. Das ‚wehrhafte Europa‘ meint nicht in erster Linie die Sicherung der Außengrenzen der Union, sondern die Auseinandersetzung mit den Gegnern der europäischen Integration innerhalb der europäischen Kulturgemeinschaft und den Ausbau ihrer demokratischen Strukturen.