Präambel-Stücke: Europäische Bruchzonen oder: Dissonante Einstimmungen in:

Rüdiger Görner

Europa wagen!, page 7 - 20

Aufzeichnungen, Interventionen und Bekenntnisse

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4431-5, ISBN online: 978-3-8288-7444-2, https://doi.org/10.5771/9783828874442-7

Tectum, Baden-Baden
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7 Präambel-Stücke: Europäische Bruchzonen oder: Dissonante Einstimmungen Europa, schönste der Fremden, von Zeus nach Kreta entführt. Würde sie heute eine Aufenthaltsgenehmigung irgendwo in der Europäischen Union erhalten? Immerhin findet sie sich auf der Rückseite griechischer Euro-Münzen geprägt – ob verewigt hängt von der Validität des Euro ab. Europa, das sich selbst weiter und weiter entwirft, was Europäer dann wieder verwerfen. Europa beginnt auch mit den Bettelnden auf und unter den Brücken in den Wohlstandszonen, migrierend Gestrandete, für aussätzig Erklärte, die ihre wenigen hingeworfenen Cents bei Einbruch der Dunkelheit noch dunkleren Hintermännern abliefern müssen. Weder die radikale Rechte noch die radikale Linke weiß derzeit, was sie mit Europa anfangen soll. Wusste sie es je? Und was hat Europa mit ihnen vor? Ihre Auswechslung? 8 Der letzte gesamteuropäische Monarch, der polyglotte Kaiser Karl V., sprach Spanisch mit Gott, Italienisch mit Frauen, Französisch mit Männern und Deutsch mit seinem Pferd. Als Tizian ihn porträtierte, stammelte er Latein und soll ganz unmajestätisch verwirrt mehrmals aus dem Bild gelaufen sein. Europäische Identität ist die jeweils verschiedene Art kollektiver Erinnerung, als Anlass verstanden für Extrapolationen in die Zukunft. Eureka! Ich habe es gefunden! Es hätte das Leitwort für Europa sein sollen, für die Europäische Union, aber im Sinne von: Wir werden sie finden! Doch Kalifornien war damit rascher zur Stelle und erklärte Eureka! zu seinem Bundesstaatsmotto nach der dortigen Entdeckung eines spektakulären Goldvorkommens um 1850 im später Sacramento genannten Gefilde des Deutschschweizers John Augustus Sutter. Ursprünglich prägte Archimedes von Syrakrus diesen Ausruf in seinem Badezuber, als er das Prinzip entdeckte, nach dem der statische Auftrieb eines Körpers in einem (flüssigen) Medium genauso groß sei wie die Gewichtskraft des vom Körper verdrängten Mediums. Und Carl Friedrich Gauß gebrauchte den Ausruf 1796, als er entdeckte, dass sich jede positive Zahl als Summe von höchstens drei Dreieckszahlen darstellen lasse: ΕΥΡΗΚΑ! num = Δ + Δ + Δ Eureka ist somit physikalisch, geologisch und mathematisch beglaubigt. Politisch ist der Ausruf noch … unterwegs. Die weitere Architektur der Europäischen Union muss vom Umgang mit Tektonischem ausgehen. 9 Pflichtlektüre für alle Europäer: Franz Kafkas Erzählung Der Bau (1923/24), die er folgerichtig unvollendet beließ. Das Menschentierchen in seiner Mitte, neurotisch besorgt um die Perfektionierung seines labyrinthischen Erdbaus, hat in Wirklichkeit eine immerwährende Baustelle konstruiert. Je globaler sich Europa gegeben hat, je eurozentrischer reagierte es. Europäisches Bewusstsein: Der Rostschutz für das Atomium auf dem Heysel Plateau in Brüssel. Die sprachliche Vielfalt ist die Farbenpalette Europas. Die Schwierigkeit: sich über die Mischungsverhältnisse zu verständigen. Wie oft hat man ihn herbeigesehnt, einen europäischen Patriotismus; den bloßen Gedanken an ihn wieder als unrealistisch verworfen. Gibt es aber Desillusionierendes als den Umstand, dass ein solcher ‚Patriotismus‘ ausgerechnet in der faschistoiden Vereinigung „Patriotischer Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) sein Forum und seine Perversion fand? Es heißt immer wieder: Europa brauche ein ‚Narrativ‘. Europa müsse erzählt werden. Europa habe einen genetischen Code, den es lesbar zu machen gelte, bis zurück zu den biblischen Quellen, die griechisch-römische Substanzen und ihre ‚barbarischen‘ Antikörper. Wovon Europa erzählt? Vom Scheitern imperialer Ideen. Vom Sinn des Entwerfens. Von dem komplex- 10 esten Versuch in der Geschichte, Frieden zwischen Erzfeinden von einst zu wahren und zu sichern. Gustave Moreau schuf 1868 eine mythologische Darstellung, die Europa und den sie entführenden Zeus in inniger Harmonie zeigt – mit eindeutiger Botschaft: Europa lässt sich entführen, ja will sich verführen lassen. Wenn Walter Benjamin recht hat und am Fuße eines jeden Meisterwerks die schiere Barbarei lagert, dann steht zu vermuten, dass sich Europa auch ins Barbarische entführen ließ, das sich göttlich gab. Die Gedenkstätte Auschwitz als neue Hauptstadt der Europäischen Union, fiktiv-authentisch von Walter Hallstein proklamiert: mit dieser Provokation hat Robert Menasse die literarische Öffentlichkeit brüskiert, weil er diese Proklamation als historisch verbrieft ausgegeben hatte. Die Schwäche der Vorstellungskraft liegt eben darin, dass sie Wahrheit mit Lüge gleichsetzt. „Europa ist nicht das Letzte für uns. Wir werden Europäer unter der Bedingung, dass wir eigentlich Mensch werden.“ (Karl Jaspers) Roberto Esposito denkt ‚Europa‘ als einen Bereich, der aus sich heraus heterogene ‚Räume‘ generiert (in: Una filosofia per l’Europe), darin Henri Lefebvre nicht unähnlich. Für Jacques Derrida ist Europa das Werdende schlechthin. Aber: das Werden zu was? Zu Odysseusisten, dauernden Grenzüberschreitern, die dem Fremden begegnen wollen, um durch dieses Begegnen das Fremde als Eigenes und/oder als Eigenwert (an-)zu-erkennen. 11 Europa von seinen Rändern her verstehen (Enzensberger) – zur Abwechslung aus der Perspektive der ein bewusstes Schattendasein führenden britischen Kanalinseln, Inseln der (un-)selig Selbstgerechten, wo Steuerhinterzieher und Geldwäscher sich immer hemmungsloser bereichern und zudem noch ihre bizarren Inselmythen vom (in Wahrheit kollaborationsgetrübten) Widerstand gegen die einstigen Wehrmacht- Besatzer wie kostbare pseudo-tropische Gewächse hegen. Jüngs te statistische Erhebungen weisen übrigens für Jersey Vermögenswerte von im Schnitt nicht vorstellbaren fünf unversteuerten Milliarden Dollar pro Quadratmeile aus. Die Ironie will es, dass Jersey rechtlich ein sogenannter Bailiwick ist, von altfranzösisch ‚bailie‘, also wörtlich: der Sprengel eines Landvogts oder Gerichtsvollziehers. Er wird in Jersey von der Krone als Inselverweser eingesetzt, erfreut sich ansonsten aber völliger Autonomie, die es ihm erlaubt, unbehelligt von allem das soziale Gewissen im Atlantik zu versenken. Ein europäisches Skandalon, das grotesker und anachronistischer nicht denkbar ist. Skandalöser noch, dass nicht wenige der führenden Brexisten diese insularen Niedrigsteueranlageparadiese als Modell für ein künftiges von allen sozialen EU-Auflagen befreites Britannien ansehen. Käme es auf diesen krummen Inseln je zu einer Besteuerung, die den Namen verdient, aus dem Inselvogt müsste dann wohl ein Steuereintreiber oder womöglich tatsächlich ein Gerichtsvollzieher werden. Wer sich international unmöglich machen will, bekennt sich zum Eurozentrismus. Eurasisch zu sein ist eine Spur politisch korrekter, sofern jeglicher neokolonialistischer Beigeschmack fehlt. 12 Asiaeuratisch wäre eine treffliche Umkehrung, die der neuen weltpolitisch-globalen Gewichtung vermutlich eher entspräche. Der europäische Gedanke – einst einte, jetzt entzweit er. So wird aus einer Idee ein Spaltpilz. Doch auch Spaltpilze bilden unterirdisch Myzele. Sich auf die europäische Gesinnung neu besinnen: Was bedeutet das? Endlich wieder den Mut zu haben, sich zu den kulturellen Werten dieses Kontinents zu bekennen. Nein, sie haben zwei Weltkriege und die Shoa nicht verhindert; im Gegenteil, diese Ungeheuerlichkeiten sind aus ihrer Mitte hervorgegangen. Doch nicht einmal sie haben diese europäischen Werte zerstören können. Umgeformt wurden ihre schwer beschädigten Reste in das politisch Kostbarste, was Europa bislang geschaffen hat: die Europäische Union. Noch ihre größten Schwächen sind Stärken verglichen mit dem, was vor ihrer Gründung lag. Und wenn Publizisten wie John R. Gingham bereits einen Nachruf auf sie in Buchform veröffentlichten, und wenn Larry Elliott und Dan Atkinson triumphal verkünden: „Europe didn’t work“ und ihr nur noch Vergangenheit zuzuschreiben gewillt sind, dann haben sie dieser Union nichts, aber auch gar nichts Eigenes an die Seite zu stellen. Schumann, Monnet, Spaak, de Gaspari und Hallstein verfügten über mehr europapolitische Vorstellungskraft und Kreativität als die politischen Denker und Praktiker seit der Aufklärung zusammen genommen. Wie erbärmlich aber, den brexistischen Verrat an der Europäischen Union zum Maßstab für die eigene, nur wieder am Nationalen orientierte Einfallslosigkeit zu erklären. 13 Nein, diese Union sei wieder eine Gemeinschaft von fortwährend politisch Gestaltenden in (kon-)föderalem Raum, sozial bewusst, humanistisch motiviert, von Gerechtigkeitsbewusstsein bestimmt und von kulturellem Ethos durchdrungen. Was gefordert bleibt, sind von diesem gemeinschaftlichen Gestaltungswillen inspirierte europäistische Curricula an den Schulen und anderen Bildungseinrichtungen der Mitgliedsländer. ‚Europa‘, das sind nicht die Anderen, sondern immer Wir. Geboren wurde ich im Jahr der Unterzeichnung der Römischen Verträge, dem Gründungsdokument des modernen Europa; es war das Europa des Kalten Krieges, der jedoch diese Römischen Verträge nicht spürbar affektierte. Es ist ein Dokument der Öffnung; Erweiterung ist in ihm angelegt. In die Wiege gelegt war mir Europa dennoch nicht, auch wenn ich auf der damals privilegierten Seite des Eisernen Vorhangs aufwuchs. Denn Europa bedeutet Arbeit, ein unablässiges Bemühen um Einstellung und Perspektivierungen. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich zum ersten Mal das Wort ‚Europa‘ in mich aufnahm, als wir, meine Eltern und ich, wieder einmal die Europa-Brücke über den Rhein bei Kehl nach Strasbourg querten. Später las ich bei Ingeborg Bachmann, dass alle Brücken einsam seien. Und womöglich ist dem ja so: Wenn das Verbindende geleistet ist, bleibt es verlassen zurück – wie eine sich schließende Muschel am Strand. Aber Europa hatte für mich bald auch einen besonderen Klang. Zuweilen tauchte auf dem Bildschirm unseres Grundig-Stand- 14 geräts im Wohnzimmer ein Sternenkranzzeichen auf, das eine sogenannte Eurovisionssendung ankündigte, untermalt oder überspielt von einer sehr feierlich-getragenen Musik, von der ich erst später hörte, sie sei das Präludium zu Marc-Antoine Charpentiers Te Deum gewesen. Beethovens Schlusschor seiner Neunten hat diese Melodie inzwischen (seit 1985) als offizielle Europa-Hymne verdrängt, aber noch immer fröstelt mich, jagen Schauer über meinen Rücken und durch mich hindurch, wenn ich diese Klänge Charpentiers höre. Sie sind wie ein Aufruf: Europäer wacht auf. Lernt euch bekennen. Streift euren Kleinmut ab. Dieses Präludium zu Charpentiers Te Deum wird immer meine Europa-Fanfare bleiben. Europa, das war in meiner Schwarzwälder Kleinstadt das Schild am Ortseingang mit den beachtlich zahlreichen Namen der europäischen Partnerstädte; Europa, das wurde der Schüleraustausch, der mich erstmals in die Bourgogne-Franche-Comté brachte, nach Autun und Vézlay, das war das Treffen ‚junger Europäer‘ in Bad Marienberg im Westerwald und im westfälischen Rheine mit Ausflügen in die holländische Provinz nach Enschede, in eine der EUREGIO-Zonen. Mein Europa lebte zunächst weniger in den großen Städten, sondern eher in den Provinzen, dort, wo grenzübergreifendes Bewusstsein wirkt, in der Bodenseeregion etwa oder in der regio basiliensis um Basel, Freiburg und Strasbourg, wo ich seit frühester Kindheit die Nähe anderer Länder zu spüren lernte. Europa, es zeigte sich mir im spielerischen Überqueren einstiger Grenzen, die Jahrhunderte lang ihren Blutzoll gefordert hat- 15 ten, aber auch in den Schüleraufsatzwettbewerben des Rates der europäischen Bewegung ebenso wie später in Generationen von Studenten, die dank des Erasmus-Programms nach England kamen und die ich in meinen diversen akademischen Institutionen betreuen durfte; sie gehörten im Schnitt zum Reflektiertesten, was mir an Studenten begegnet ist. Europa, das ist zu einer Lebenswirklichkeit geworden von einer in der Geschichte nie dagewesenen Konkretkeit; zu ihr gehören die Wahlen zum Europaparlament ebenso wie die europäische Gemeinschaftswährung, die Europa-Fahne und der Pass der Europäischen Union. Nötigt man mir die Frage nach der Staatsbürgerschaft ab, schreibe ich seit ich seit Jahrzehnten: Europäische Union (deutscher Abkunft). Mit den Augen den Konturen des europäischen Kontinents auf der Landkarte nachgehen: von der französischen Atlantikküste, den Anrainerregionen des Mittelmeers, dem italienischen Stiefel entlang, der bizarr ausgefransten griechischen Küste bis zum Bosperus, dem Ural, hinauf ins Skandinavische bis in die scharfkantigen Tiefen der Fjorde … da wird der Blick zum Seismographen; er spürt Verwerfungen auf, tastet sich Bruchlinien entlang, schreibt die Konturen der Länder ins Gehirn. Im Englischunterricht, die Lehrerin erteilte auch Geographiestunden, mussten wir den Umriss der britischen Inseln auswendig zeichnen lernen. Das war meine erste Kontaktaufnahme mit diesen Inseln, die mir Bestimmung werden sollten und die sich jetzt selbst, brexistisch geworden, zum Schicksal geworden sind. Damals stellte ich der Lehrerin die Frage, ob zu diesen Umrissen der britischen Inseln auch Gibraltar zähle. Sie lachte hell auf. Was ich damals nicht wusste: ihre Mutter war Spanierin. 16 Wer die innerdeutsche Grenze unter Lebensgefahr überwinden konnte, geriet in den Ruf eines Helden. Wer versucht, als schwarzafrikanischer Flüchtling, die Mittelmeergrenze zur – aus ihrer Sicht – ‚Festung Europa‘ zu überwinden, muss sich Wirtschaftsflüchtling schimpfen lassen. Manche dieser zynisch so bezeichneten Flüchtlinge werden sich eines Tages von Ölkartellen anwerben lassen, um das schwarze Gold, das in großen Mengen vor den Küsten Israels und des Libanon vermutet wird, zu schürfen Die sogenannte ‚operative Zusammenarbeit‘ der europäischen Staaten an ihren Außengrenzen hat ein Codewort: Frontex. „Soundso viele Tote vor Pantelleria angespült, soundso viele Überlebende in Lampedusa interniert“, das ist die traurige alljährliche Statistik, die Europas Humanismus schwer auf die Probe stellt. Keiner, der am Mittelmeer Urlaub macht, bleibt von den Tatsachen verschont, und diese sind mehr als nur Schlechtwetternachrichten. „Es macht keinen Spaß, an Stränden herumzualbern, an denen eben noch Leichen angespült wurden.“ (Durs Grünbein) Das mare nostrum ist nicht unser. Es gehört … den Fischen. Wirtschaftsflüchtling – das kann auch bedeuten: Flucht vor dem Primat des Ökonomismus: vor der Wirtschaft auf der Flucht sein, innerhalb und außerhalb Europas. Schriftsteller und Europa. Von Erasmus bis Novalis, von Ivo Andrić, Vaclav Havel, Imre Kertész bis Ismail Kadaré: sie geben dem Wort seine schicksalhafte Geschichte zurück und perspektivieren es neu. 17 (Kadaré hält übrigens Albanien für Europa in nuce – wie auch die ihrem Land kritischer eingestellte Journalistin, literarische Aktivistin und Übersetzerin von Rilke, Musil und Thomas Bernhard, Jolina Godola; Kadaré argumentiert, dass erst der italienische Faschismus, dann der Kommunismus, schließlich der Islam dieses kleine Kernland balkanischer Europäizität sich selbst entfremdet habe. Oder sind Selbstdeformationen nicht in jeder Kultur angelegt? Ist nicht jede Region in Europa ein Kernland, jedoch gegen regionalistisch-nationalistische Tendenzen nie wirklich gefeit?) Fraglos, Europa braucht seine Schriftsteller, denn es will beim Wort genommen werden und sich wieder und wieder zur Sprache bringen – auch wenn es das nicht geben kann: das europäische Narrativ, es sei denn als erzählter polylingualer Widersinn. Auf manchen Lippen dienten die Bekenntnisse zum europäischen Geist als Kompensation für nationale Frustrationen oder Verhängnisse. Doch kann darin immer wieder auch der Wille keimen, sich dem europäischen Projekt konstruktiv zu widmen. Die Europäische Union kann Antagonismen überwölben und bis zu einem gewissen Grad neutralisieren. Man denke selbst an die Spannungen zwischen Ungarn und Rumänien (vom Vertrag von Trianon herstammend, der seit dem Ende des Ersten Weltkriegs ein ungarisches Trauma darstellt), an die Situation in Nordirland und Katalonien oder die Antagonismen zwischen Flamen und Wallonen. Man hofft auf eine ähnliche Wirkung für den gesamten Balkan und noch immer auf eine Lösung für das geteilte Zypern, die „gefolterte Insel“ (Arnold Sherman). 18 Diese Union bleibt entgegen aller Unkenrufe ein konfliktentschärfender Schirm und gleichzeitig untergründiges wachsendes Fundament, geeignet, paradox gesagt, den Nationalismen und regionalistisch-provinziellen Ethnismen den Boden auf Dauer zu entziehen. Immer diese Frage, was Europa ist. Ob es an seiner Geschichte erstickt und nur deswegen lebt, weil es sich regelmäßig über seine Untaten hinwegtäuscht. Das Konzentrationslager, der Genozid, sie waren europäische Erfindungen, der Humanismus auch, der Buchdruck und die Dampfmaschine. Europa ist bedeutend in seinen krassen Widersprüchen und in seinen immer wieder überraschenden Potenzialen. Scholastik und Dada, Logik und Chaostheorie, die Ideologien und die Symphonik, europäische Erfindungen durchweg. Europäer sein bedeutet, aus diesen grundstürzenden Widersprüchen zu lernen, die Bruchzonen der Bedeutungen zu vermessen, den Bruchlinien nachzugehen, dem inneren Limes entlang. Eingrenzung, Abgrenzung, Ausgrenzung: auch das Grenzbewusstsein ist europäisch. Europäer haben das (blutige) Spiel mit Grenzen exportiert, mit dem Lineal ganze Kontinente aufgeteilt und dabei auch wiederholt sich selbst. Die Geschichte Europas, sie ließe sich als eine Dialektik von Trennungen und Vereinigungen beschreiben. Grenzen schützen, verletzen, legen fest, geben sich unüberwindlich, wecken aber auch die Hoffnung auf Durchlässigkeit. 19 Johann Amos Comenius entwarf vor dem Hintergrund des Grauens und der Verheerung, die der Dreißigjährige Krieg über Europa gebracht hatte, seine Konzeption einer europäischen Allerziehung, genannt Pampaedia. Ihr Ziel war die Befähigung zu friedvoller Konfliktlösung. Dass ein Bildkünstler europäischen Formats, Oskar Kokoschka nämlich, in Comenius eine Leitfigur erkannte, scheint folgerichtig. Denn Comenius war der erste Aufklärer in Europa – wir werden ihn immer aufs Neue nötig haben – bis zuletzt. Beim Karneval mit Totenmasken, Prunksitzung mit Büttenreden auf dem Friedhof. Makaber, sagen die einen; folgerichtig, raunen die anderen – beiden ist dabei europäisch zumute. Während ich hier Gedanken zu Europa, gar ‚meinem‘ Europa, verstreue, quer übers Blatt wie ein Würfelwurf mit Worten, spielt sich das Brexit-Fiasko ab und lässt aus dem Würfelwurf ein Roulette werden, ein russisches à l’anglaise. Es ist das beschämendste Schauspiel, das sich diese britischen Inseln in neuerer Zeit geleistet haben, und illustriert, was geschehen kann, wenn eine Haltung (Verlassen der EU) zum irrationalen Dogma wird. In einer Hinsicht jedoch ist der Brexit logisch: er ist die Wurzel, gezogen aus der Summe der Sonderwege und Sonderregelungen und opting-out-Klauseln, die sich Britannien seit seinem Beitritt zu ‚Europa‘ ausbedungen hat. Wie schwer macht es einem inzwischen dieser Inselstaat, dem Vorurteil vom ‚perfiden Albion‘ zu widerstehen. 20 Die zum Zeitpunkt dieser Notizen weiterhin mehr als denkbare, ja greifbar gewordene Abspaltung Schottlands von England und jene Nordirlands vom noch Vereinigten Königreich und mögliche Vereinigung mit der Republik Irland wäre der Fall eines nationalen Partikularismus, der paradoxerweise die europäische Idee stärken könnte. Denn es grenzt an Widersinn, dass die schottische Nationalpartei pro-europäisch votiert. Das aber deutet auf die im vielfachen Sinne ‚Aufhebung‘ des Nationalen in der Europäischen Union. Gewitzte Spekulanten werden auch am Brexit verdienen. Sie können dann die Quadratmeilen auf den britischen Kanal inseln (siehe oben) weiter vergolden – oder … vollends versilbern. Jeder hat seine Geographie von Europa; der eine sah die Klippen von Dover im Harz (Samuel T. Coleridge), Böhmen am Meer (Ingeborg Bachmann mit William Shakespeare, wovon noch die Rede sein wird im Laufe dieser Seiten …), die Wolga in die Seine münden (Marina Zwetajewa), sieht Partnerstädte sich einander auswechseln und den Reiter über den Bodensee in Ascot gewinnen oder dort zu Tode stürzen. Die Europäische Union ist zum verlässlichsten Garanten des Friedens in Freiheit geworden. Ihre Dynamik hängt vom Grad ihrer Föderalisierung ab, von der Umsetzung des Subsidiaritätsprinzips, am meisten aber: von der Erkenntnis ihrer Bewohner, dass der Eigenwert dieser Union alles übersteigt, was Europa bislang hervorgebracht hat.

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References

Abstract

The very title of this book (“Dare being European!”) signals the engagement with Europe as an imperative. Its three larger sections reflect this engagement in some of its educational, historical and present-day dimensions. In these reflections, interventions and essays there is a strong emphasis on the actual intellectual substance of discourses on Europe with explicit references to the rather surprisingly poetic rendering of European concerns.

The implication of the texts is an appeal, namely to take up current and future discourses on Europe more pro-actively and to counteract constructively tendencies that undermine the project of European integration, such as renewed nationalism, ill-conceived and outdated conceptions of sovereignty. We need to entertain a different understanding of ‘defending Europe’, which does not primarily mean to secure the borders of the European Union but to defend Europe from within, including its cultural values, and reform and enhance its democratic structures.

Zusammenfassung

Europa wagen! signalisiert den bleibenden Wagnis-Charakter des europäischen Projekts. In drei größeren Abschnitten reflektieren diese Aufzeichnungen, Interventionen und Reden seine bildungspolitischen, ideen­geschichtlichen und gegenwartsbezogenen Dimensionen. Auch wenn ihre jeweilige Tragweite nur angedeutet werden kann, bieten diese Texte doch einige Wesenskerne in der Entwicklung der diversen Europa-Diskurse. Eigens betont Europa wagen! die poetische Form dieser Diskurse und leitet deswegen diese Überlegungen mit einem Blick auf eine Anthologie ein, die so ungewöhnlich ist wie das Gesamtprojekt ‚Europa‘ selbst. Der Titel besteht aus einem Imperativ. Aus ihm leitet sich die in den drei Hauptabschnitten thematisierte Forderung ab, die Diskurse über Europa offensiv zu führen, an der weiteren Ausgestaltung des europäischen Projekts mitzuarbeiten – gerade weil Entwicklungen wie der Brexit, verschärfte Nationalismen und veraltete Vorstellungen von Souveränität dieses Projekt neu herausfordern, ja zu unterminieren drohen. Das ‚wehrhafte Europa‘ meint nicht in erster Linie die Sicherung der Außengrenzen der Union, sondern die Auseinandersetzung mit den Gegnern der europäischen Integration innerhalb der europäischen Kulturgemeinschaft und den Ausbau ihrer demokratischen Strukturen.