III in:

Rüdiger Görner

Europa wagen!, page 133 - 176

Aufzeichnungen, Interventionen und Bekenntnisse

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4431-5, ISBN online: 978-3-8288-7444-2, https://doi.org/10.5771/9783828874442-133

Tectum, Baden-Baden
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133 III 135 Wider den faschistoiden Zeitungeist – in Europa und anderswo Nahezu täglich sehen wir uns konfrontiert mit Berichten über Vorkommnisse in der rechten Szene von inzwischen weltweiten Ausmaßen, die wir noch vor wenigen Jahren für unmöglich gehalten hätten. Die Skala reicht von autoritären Maßnahmen präsidialer Vermessenheit bis zu Gewalttaten, oft verbreitet über die (un-)sozialen Medien, von Faktenfälschungen, Lügenpropaganda und militanter Abgrenzung im Namen vermeintlicher ‚nationaler Interessen‘. Können wir den Anfängen noch wehren, oder befinden wir uns bereits in einer Spirale mit entschieden rechtem Drehmoment, das regional gegen global ausspielt, die Errungenschaften der Europäischen Union gegen Beschwörungen des jeweiligen nationalen Erbes, das ungehemmter denn je in Nationalismen umschlägt? Wir befinden uns fraglos bereits in einer Lage, in der der Einzelne gefordert ist, seine Stimme zu erheben für Toleranz in Freiheit – gegen die unübersehbar faschistoiden Tendenzen in unseren Gesellschaften. Jetzt bloße Nachsicht gegen- über diesen rechten Irrläufern zu üben, wäre verfehlt, wenn nicht gar gefährlich. Engagierte Kritik an diesen Tendenzen bleibt dagegen erste Bürgerpflicht. Nun sind mit diesen ‚Irrläufern‘ der rechten Szene keineswegs nur die gewaltbereiten Polithooligans gemeint; mit ihnen ha- 136 ben sich die Staatsorgane des Rechtstaates auseinanderzusetzen. Eher geht es um die aalglatten Rechtsaußen, die von nationaler Selbstbestimmung faseln und militante Ausgrenzung meinen und praktizieren. In der politischen Gewichtung der Gegenwart ist inzwischen die Rechtslastigkeit zur Norm geworden, der zunehmend auch die (einst) etablierten, inzwischen erodierenden Volksparteien nachgeben. Das reicht bis in den Etikettenschwindel der dänischen Sozialdemokratie, die einen scharfen Rechtskurs in der Migrationsfrage steuert und innenpolitisch am Sozialstaat festzuhalten vorgibt. Widersprüche dieser zynischen Art müssen mittlerweile gar nicht erst mehr camoufliert werden; mit ihnen kann man heute Stimmen gewinnen. Oder mit einer Partei, deren einziger Programmpunkt ihr Namen ist: die Brexit-Partei des Nigel Farage, die aus dem Stand mehr Stimmen bei der Europawahl 2019 auf sich vereinigen konnte als Labour und Tories zusammen. Oder die slowakische Smer-Partei, die einfach „Richtung“ heißt und den Nationalpopulismus bedient, der 1992 die Spaltung der Tschechoslowakei mit herbeigeführt hatte. Die Europhobien gerade in zahlreichen mitteleuropäischen Staaten, maßgeblich von Illiberalen des Schlages Orbán (Ungarn), Fico (Slowakei) und Babiš (Tschechische Republik) instrumentalisiert, behaupten die Ineffizienz der Europäischen Union und die Effizienz der Nation. Zusammen mit Kaczińsky in Polen und sekundiert von Farage, Marine Le Pen, Matteo Salvini und beglaubigt von Trump und wohlgefällig von Putin beobachtet und unterstützt sowie von den Medien mit weitaus zuviel Aufmerksamkeit bedacht, streben diese Ikonen des Rechtspopulismus eine Art „Demokratur“ (Jacques Rupnik) an, in der die parlamentarische Demokratie 137 zunehmend Gegenstand des Hohns wird. Doch auch der sogenannte Wertkonservatismus muss sich vorwerfen lassen, zu viele Stichworte für eine radikal-rechte Interpretation geliefert zu haben. So leitete die Rechte aus der vielerorts geführten Leitkulturdebatte einen Freibrief für Intoleranz ab. Gemeinhin identifiziert sich die Rechte mit der „Stimme des Volkes“ und hält sich für deren Organ. ‚Volkes Stimme ist Gottes Stimme‘ sagt ein römisches Sprichwort: vox populi vox dei. Sogar ein privater Fernsehsender hat davon seinen Namen abgeleitet. Nach dem im 19. Jahrhundert verkündeten Tod Gottes suchte Volkes Stimme für ihn Ersatz und fand ihn in sich selbst. Rechts ist inzwischen weltweit wieder hoffähig geworden und das nach einem Jahrhundert, das auf unsägliche Weise vorgeführt hat, was es bedeutet, wenn man völkischem Wahn auch nur Millimeter nachgibt. Rechts steht nach wie vor für ‚volkstümlich‘ und (potentiell militantes) Stammtischbewusstsein jener, die sich zu kurz gekommen fühlen und betrogen von vorgeblichen Sozialschmarotzern, wie man in diesen Kreisen Asylanten nennt. In der Rechtskehre verschleifen sich zudem mühelos Geschichtsreinigung und völkische Souveränitätsphantasien. Selbst durch transnational organisierte soziale Netzwerke verbunden, illusioniert die Rechte nationale Autonomie herbei, wobei sie sich als Spaltpilz im demokratisch legitimierten Integrationsorgan, dem Europäischen Parlament, sieht und entsprechend zu handeln versucht. So ist denn auch The will of the people, der sich als „Stimme des Volkes“ artikuliere, zur Mantra in ausnahmslos allen Brexit- Debatten geworden, als gäbe es kein gewähltes Parlament, keine repräsentative Demokratie. Anders gelagert ist jedoch der Fall 138 in (einigen wenigen) politischen Kulturen, die auf plebiszitärer Grundlage entstanden sind und in denen Referenda zum gemeinschaftlichen Verhalten gehört. Der Idealfall hierfür heißt fraglos: die Schweiz. Ernest Renan hat sie denn auch in seinen grundlegenden Ausführungen über die Frage „Was ist eine Nation“ eigens hervorgehoben. Bekanntlich gipfelte sein Vortrag an der Pariser Sorbonne vom März 1882 in der These: „Das Dasein einer Nation ist ein täglicher Plebiszit, wie das Dasein des einzelnen eine andauernde Behauptung des Lebens ist.“ Die Schweiz galt Renan – er nannte sie als Staatsgebilde „wohlgelungen“ – deswegen als Modell für sein Verständnis von Nation, weil ihre Bürger trotz der „Vielfalt ihrer Idiome“ (vier Sprachen) übereingekommen seien, eine staatliche Gemeinschaft zu bilden. Diese ist nicht eigentlich eine ‚Nation‘ im ethnischen Sinne noch ein bloß funktionales Staatswesen. Vielmehr verfügt die Schweiz über ein gleichsam oszillierendes Gemeinschaftsverständnis, indem es durch ihre plurale Kultur das Nationale immer wieder neu fasst und gleichzeitig transzendiert. Nicht nur für Renan stellte das ein modellhaftes Faszinosum dar. Durch die deutschschweizerisch geprägte Abgrenzungsrhetorik eines Christoph Blocher und seiner „Volkspartei“ ist dieses ‚Modell‘ jedoch längst in ein arges Zwielicht geraten. Die harsche innerschweizerische Kritik an der Selbstgefälligkeit des Landes reicht denn auch zurück auf Max Frisch und erstreckt sich heute bis zu Adolf Muschg und Lukas Bärfuss. Die Rhetorik der Rechten besteht aus Geschichtsrelativismen (gipfelnd in jenem Skandalsatz von Gauland, gesprochen am 2. Juni 2018: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte.“ Dass 139 die Geschichtsverklärungsstrategie der Linken keineswegs besser ist, bedarf keiner Begründung; nur verhält sie sich – mittlerweile – weniger aggressiv); sie schickt ihre Schlüsselworte auf einen Daueramoklauf. „Heimat“ gehört dazu, „Ruhm“, „Stolz“ und das endemische, selbstgefällige „Wir“. Die Sprache der radikalen Rechten gleicht einem „schlecht verkleideten Jargon von Gangstern“ (Heinrich Detering). Diese Rhetorik findet weltweit durch die Tweets Donald Trumps Verbreitung, angereichert durch rassistische Verlautbarungen rechtsradikaler Aktionisten weltweit und durch die ad nauseam wiederholte Behauptung, wissenschaftliche Erkenntnisse – etwa zum Klimawandel – seien „fake news“. Mit dem nun bis zum Fernsehsender Pro7 sich erstreckenden Medienimperiums Berlusconis und jenem die Schweiz zunehmend beherrschenden des Christoph Blocher verfügt die radikale Rechte wieder über ein mediales Sympathisantenarsenal, von dem zunehmend faschistoide Schübe publizistischer oder aktionistischer Art ausgehen, von der rechten Szene als populistische Willensbekundungen ausgegeben. Perfide daran sind nicht nur ihre pseudoideologischen Inhalte, zu denen Rassismus und Selbstgerechtigkeit gehören, sondern auch die Groteske in ihren Strukturen, verkörpern sie doch einen Widerspruch in sich; denn sie mimen elitäre Populisten. (Für Britannien heißt das: Wenn Absolventen von Eton sich als Populisten gebärden, gerät der auf den britischen Inseln schon längst privatisierte common sense ins Rotieren. Oder mit den Worten der schottischen Liberaldemokratin Joanne Kate Swinson gesagt: „Boris Johnson entspricht dem, was an Typus entstanden wäre, hätte Donald Trump Eton absolviert.“) 140 Vergessen wir nie: Nationalismen wirken wie Gifte. Bornierte Regionalismen sind ihre Laboratorien. Das Aufkeimen faschistoiden Verhaltens und Handelns in Europa und weltweit ist so brandgefährlich wie das globale Nukleararsenal. Dass sich die (alt-neue) Rechte besonders auffällig in Mittel- und Osteuropa positioniert hat sowie auf dem ehemaligen Staatsgebiet der DDR und damit eine neuerliche Ost-West-Spaltung droht (Jacques Rupnik), geht auf Faktoren zurück, die einmal mehr paradox anmuten. Ein neonationalstaatlich (re-)formiertes Europa gilt Orbán und Kaczyński als überfällige nächste Stufe in der politischen Entwicklung unseres Kontinents. Aus den liberalen Bekenntnissen der Mitglieder der Visgrád-Gruppe (Ungarn, Tschechische Republik, Slowakei und Polen) unmittelbar nach 1990 ist ein Verlangen nach quasi-autoritären Strukturen in Staaten geworden, die in der Europäischen Union nur noch ein Mittel zum Zweck ökonomischer Absicherung sehen. Dabei verstehen sich diese Staaten als Verteidiger vermeintlich ‚christlicher Werte‘, wobei Nächsten- und Feindesliebe an den gegen die Flüchtlinge errichteten Zäunen endet. Wie sehr haben wir uns doch schon an die Verlagerung der Politik ins rechte Lager gewöhnt. Man erinnere sich allein an den Bann, der Österreich im Jahr 2000 traf, als die Regierung Schüssel-Haider gebildet wurde; die Koalition zwischen der ÖVP und der inzwischen noch rechtsradikaler sich gebärdenden FPÖ blieb dagegen ohne externe Folgen. Mittlerweile zeichnet sich ein kurioses Aufleben des Habsburg-Mitteleuropa-Komplexes unter dezidiert rechtslastigen Vorzeichen ab: die Visgrád-Gruppe plus Österreich, ein Land, in dem eine de facto rechtsradikale Partei, die FPÖ, den Begriff des Freiheitlichen 141 für sich in Anspruch zu nehmen wagt. Selten war Vortäuschung falscher Tatsachen flagranter. Diesem Problemkomplex zuzurechnen wären die auch nach den letzten Balkankriegen (1991–1999) ungebrochen spannungsgeladenen Nationalismen in dieser von Korruption heimgesuchten Region, wenn es denn zu ihrem vollzähligen Beitritt zur Europäischen Union käme. Entscheidend bleibt die Frage, wie die Union weitere Strukturen schaffen kann, die ein überzeugendes Gegengewicht zu den Nationalismen bieten, sie entschärfen, ja auflösen. Sie muss glaubwürdig das ersetzen, was die Nachkriegsordnung in Gestalt einer perversen Friedensordnung durch das ideologische Blocksystem der Ost-West-Spaltung geleistet hat. Diese hatte Nationalismen überlagert, aber eben nicht überwinden oder gar auflösen können. Der französische Publizist Alain Minc prophezeite unmittelbar nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs eine „Rache der Nationen“. Und wir müssen in der Tat auf diese Zeit zurückgehen, um zu verstehen, weshalb sich diese Nationalismen wieder in verschärfter Form radikalisieren. Ernest Renan befand in seiner zuvor genannten Rede vom März 1882, Nationen seien „nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen.“ Wir sind noch immer nicht soweit. Gesetz ist freilich nicht, dass die Existenz von Nationen zwangsläufig zu Nationalismen führen muss. Nationale Selbstbeschränkung ist letztlich eine Frage der politischen Bildung. Renans prinzipielle Einsicht, dass die Nation als Ergebnis kollektiver Willensbekundung eine Konstruktion, ein Artefakt sei, wurde inzwischen durch die neuere Nationalismus-Forschung 142 weitgehend bestätigt. Gerade aber deswegen gebärden sich Nationen so ideologisch, beharren auf ihrer ‚Identität‘, die im Wesentlichen nur der Abgrenzung dient. Lässt hoffen, was der bedeutende Gegenwartsautor Rumäniens, Mircea Cārtārescu, ein Schriftsteller von europäischem Format, über diesen allenthalben grassierenden Rechtsruck in Europa sagt? „Die anti-demokratische Welle wird bald verebben. Denn sie ist eine künstlich provozierte. Die Welle des Populismus wurde von Politikern erzeugt, die die Angst der Menschen ausnutzten. Aber diese Menschen werden die Lügen und Manipulationen bald satt haben.“ Unterschätzt das nicht die Wirkung der digitalen Medienmaschinerie, die auf Gedeih und Verderb in den Dienst dieser faschistoiden Rhetorik gestellt wird? So überdeutlich inzwischen die Hauptgefahr für das demokratische Gemeinwesen von Rechts kommt, aufs Ganze gesehen stellt sich mit hoher Dringlichkeit die Frage, wie wir mit dem Widersacher in uns, der inneren Verkörperung (quasi-ideologischer Anfechtungen, umgehen, und wie wir uns einstellen auf das neuerliche Auseinanderdriften der globalen Verantwortungsgemeinschaft in nationale Egoismen. 143 Belfaster Notizen zu Europa Von einer denkwürdigen Veranstaltung in der verdienstvollen Reihe Debates on Europe der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ist zu handeln, die Mitte September 2019 in Belfast stattgefunden hat. Das Denkwürdige bestand nicht zuletzt darin, dass dabei der bedenkenswerte Vergleich zwischen der Situation in Nordirland (oder Ulster) und jener auf dem Balkan gewagt, ja dass überhaupt eine solche Debatte in dieser Region veranstaltet wurde, wozu es denn doch deutscher Hauptträger bedurfte; denn britischerseits fallen kulturelle Initiativen in dieser schwer geprüften Region eher durch Dürftigkeit oder Einfallslosigkeit auf. Vor allem kam bei dieser Veranstaltung die Dichtung zu Wort – von Michael Longley bis Jan Wagner, von Simon Armitage bis Caitríona O’Reilly bis Durs Grünbein. Man nächtigte im traditonsreichsten Hotel Belfasts, hoffnungsvoll Europa genannt, wo an jenen Tagen jedoch das Passwort für den Internet-Zugang Hastings 1066 lautete. Augenscheinlich sitzt sogar im Belfaster Hotel Europa die Invasionsangst noch immer tief, auch wenn die nordirische Hauptstadt, geschätzte sechshundert Luftlinienmeilen von Hastings entfernt ist, wo im besagten Code-Jahr, das selbst geschichtsabstinente Briten besser kennen als ihre Kontonummer, der Normannenfürst William sich erfrechte, England zu erobern. Natürlich ist 144 man bei einem solchen Passwort geneigt, Vermutungen über die politische Ausrichtung der Hotelleitung anzustellen. Vermutlich waren wir bei sogenannten Unionists gelandet, also Befürwortern einer fortgesetzten britischen Verwaltung Ulsters. Wer dagegen eine Vereinigung von Ulster mit Eire, also der irischen Republik favorisiert, gilt hierzulande als „Nationalist“. Gradabstufungen werden dabei im politischen Alltagsjargon kaum zugelassen: ‚Nationalist‘ ist auch, wer sein gesamtirisches Kulturbewusstsein politisch lieber in einem vereinigten irischen Staat verwirklicht sähe. Bloßes irisches Nationalgefühl ist aus englischer (weniger aus schottischer oder walisischer) Sicht gleichbedeutend mit Nationalismus; englischer Nationalismus dagegen ist statthaft und gilt als lobenswert patriotisch. Nun verdankt es sich einer sinnigen Fügung, dass ich diese Belfaster Notizen just an dem Tag zusammenfasse, an dem in diesem Jahr der National Poetry Day in Britannien und Irlandauf den Tag der deutschen Einheit fällt und zudem in Brüssel die EU-Brexit Unterhändler über den bizarren Vorschlag des britischen Premiers zur Lösung der ‚irischen Frage‘ beraten: Für den Warenverkehr solle Nordirland im EU-Verbund bleiben, aber gemeinsam mit Britannien die europäische Zollunion verlassen. (Indem ich dies schreibe, vermelden die Nachrichten die Ablehnung dieser Johnson’schen ‚Initiative‘ durch Dublin; am Shannon hat man ihn ebenso durchschaut wie in Strasbourg, wo der Brexit-Koordinator des Europäischen Parlaments diesen Vorstoß Johnsons als das entlarvt hat, was er ist: eine peinliche Augenwischerei.) Damit bestätigt sich einmal mehr: Nichts ist fragwürdiger als die Art, in der England seit dem Beginn des Brexit-Fiaskos auf 145 die „irische Frage“ geantwortet hat: nachlässig, arrogant, planlos, scheinheilig, lückenbüßerhaft. Die „irische Frage“, sie war ohnedies eine englische Erfindung, um den besagten„irischen Nationalismus“ zu etikettieren und mit ihm das irische Streben nach Unabhängigkeit, das seit den Acts of Union (1800) ein Politikum und für England zu einem Ärgernis wurde, in Frage stellend zu diskreditieren. Vergewissern wir uns des historischen Hintergrunds: Diese Vereinigungsakte wandelte die seit 1542 bestehende Personalunion zwischen dem irischen und englischen Thron in ein Königreich um, eben in das United Kingdom of Great Britain and Ireland. Das irische Parlament hatte sich 1800 selbst abzuschaffen. Sechs Jahre nach einem blutigen Bürgerkrieg erklärte sich Eire 1922 zum Irish Free State, blieb aber noch bis 1937 ein Dominion des British Empire, bis es sich 1948 zur Republic of Ireland erklärte. Als die Republik 1973 zusammen mit Britannien und seiner nordirischen Provinz Ulster der Europäischen Gemeinschaft beitrat, herrschte dort der Terror, was man verbrämend „The Troubles“ zu nennen pflegte, der Bürgerkrieg zwischen IRA und den britischen Streitkräften. Zur allmählichen Entschärfung des Konflikts bis hin zum Good Friday Agreement von 1997 zwischen der Republik Irland, Nordirland und Britannien trug die gemeinsame Mitgliedschaft in der Europäischen Gemeinschaft und späteren Europäischen Union Entscheidendes bei. Das Belfaster Ulster Museum zeigt übrigens eine dürftig kuratierte Ausstellung zu den „Troubles“, bei der man nicht weiß, ob sie verschämt wirken will oder mahnend. Belfast heute – alle Stadtoffiziellen betonen eine neue Lebendigkeit, ja Multikulturalität, Offenheit der Menschen, auch wenn 146 sie arbeitslos sind, heruntergekommen wirken und ganze Stra- ßenzüge bestenfalls abbruchreif scheinen. Denn das eigentliche Problem Nordirland ist die Sozialschwere: reiche Außenbezirke in den Städten, verarmte bis verelendete Innenstadt-Bezirke. Zudem steht sie noch immer: die Mauer in Belfast, die Katholiken von Protestanten trennt(e), höher als seinerzeit jene in Berlin. Der Anblick, auch der touristisch überformte, könnte beklemmender nicht sein. denn wenn es schief geht mit dem Brexit – und es kann noch immer sehr schief damit gehen –, könnte diese Mauer ihre einstige Funktion wiedergewinnen. Man muss sich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass diese nordwestliche Provinzhauptstadt zu einem der kapitalkräftigsten Staaten Westeuropas gehört. Bevor hier die EU-Regionalförderung einsetzte, war das Erscheinungsbild Belfasts noch trostloser. Jahrzehnte verfehlter oder nicht vorhandener Investitionen in die Infrastruktur Nordirlands seitens Whitehalls hatte zu diesem desolaten Zustand geführt, verschärft fraglos durch die „Troubles“, aber nicht von ihnen verursacht. Denn sie waren ihrerseits ja auch das Ergebnis einer (bewussten) Vernachlässigung der „irischen Frage“ des politischen Establishments in Westminster. Das Good Friday Agreement war genügend gut, um wahr werden zu können, eine Art politischer Karfreitagszauber, der keiner Gralsanbetung bedurfte, sondern konstruktive Zusammenarbeit beförderte, Rechtssicherheit, Freizügigkeit, die Möglichkeit doppelter Staatsbürgerschaft (britisch-irisch), Einbindung in das europäische Rechtssystem mit entsprechenden Garantien der Europäischen Menschenrechtskonvention. Der Europäische Gerichtshof wurde auch und gerade für Ulster zu einer Garantieinstitution für Rechtsgleichheit. Eine von der 147 British Academy und der Royal Irish Academy in Auftrag gegebene Studie zu möglichen bis wahrscheinlichen Auswirkungen eines vollzogenen Brexit auf die politische Kultur in Irland belegt, wie einschneidend und besorgniserregend die Folgen sein können, vor allem durch den Wegfall der europäischen Rechtsgarantien in sozialen Bereichen sowie für die Einhaltung des Good Friday Agreement. (Zu den pikanten Anomalien dieses britisch-irischen Verhältnisses gehört übrigens, dass sich ausgerechnet die Akademie der Republik Irland ‚königlich‘ nennt.) Immer deutlicher zeigt sich eines: Es geht keineswegs nur um eine nach vollzogenem Brexit sichtbare oder unsichtbare altneue Grenze zwischen Ulster und der Irischen Republik. Gerade auch die Belfaster Debate on Europe hat gezeigt, dass der Dreh-und Angelpunkt die Frage nach der künftigen Struktur der irischen Insel. Die politische Vernunft und die kulturelle Pluralität dieser Insel wiesen auf die staatliche Vereinigung ihrer Teile auf föderaler Basis. Arlene Foster, die verrufene Vorsitzende der Democratic Unionist Party fordert nun, man müsse der Bevölkerung Nordirland verdeutlichen, welche Vorteile eine Weiterführung der Zugehörigkeit zu Britannien habe; ähnlich argumentiert Lord Caine, langjähriger Berater der Londoner Regierung in Sachen Nordirland. Mit einer Gesamtverfassung für Irland könnte man Britannien zeigen, was dort am meisten Not tut, wie das hilflose Herumexperimentieren der Regierungen Cameron, May und Johnson, aber auch das abstruse Lavieren der Labour Opposition mit ‚Brexit-Lösungen‘ mehr als deutlich gezeigt hat. Denn diese ‚Lösungen‘ sind inzwischen toxisch. Britannien ist mittlerweile womöglich durch den politischen Flurschaden tiefer gespalten als Irland. Dass sich die 148 Machtverhältnisse zwischen London und Dublin radikal verschoben haben im Gefolge der Brexit-Verheerung der britischen politischen Kultur, hat Fintan O’Toole zurecht in der Irish Times festgestellt, pünktlich zur besagten Europe Debate. Londons politischer Spielraum in Sachen Brexit wird auf absehbare Zeit von Dublin definiert. Das ist eine neue Ausgangssituation, deren Folgen in England noch nicht wirklich ins Bewusstsein gedrungen sind. Doch der 3. Oktober 2019 ist ‚Tag des Gedichts‘; man sollte das große Gedicht von Seamus Heaney zu den „Troubles“ erinnern („Whatever You Say Say Nothing“: was immer du sagst, sag nichts) und daraus die folgende Zeile, denn sie fügt sich zur eingangs erwähnten Hotel-Anekdote: „O land of password, handgrip, wink and nod, /Of open minds as open as a trap.“ (O Land des Passworts, Handgriffs, Augenzwinkerns, Nickens,/ Offenen Sinnes, so offen wie eine Falle.“) Doch ganz unpoetisch gesagt, am Tag der Deutschen Einheit: Das ganze Irland verdient die Chance, sich staatsrechtlich neu aufzustellen, als Ganzes das Verhältnis zu Britannien fairer zu gestalten. Und diejenigen, die auf ruchlose Weise, das Brexit-Referendum vom Juni 2016 vom Zaun gebrochen haben, der jetzt als Grenzzaun zwischen Ulster und Eire wieder droht, errichtet zu werden, sie sollten sich vor dem Europäischen Gerichtshof zu verantworten haben, solange er noch Rechtsgültigkeit für Britannien besitzt. Diese Verantwortlichen, ich habe es andernorts wiederholt gesagt und wiederhole es auch hier: sie haben Hochverrat an der europäischen Idee und an ihrer politischen Realität, der Europäischen Union, begangen. Und was, bitte, soll man davon halten, dass beim wohl turbulentesten Tory-Parteitag der 149 jüngeren Geschichte in Manchester die rechtsgerichtete Democratic Unionist Party (DUP) einen Stand aufgebaut hatte mit ihrem Kampfslogan aus der zeit der „Troubles“: No surrender. Boris Johnson beehrte diesen Fringe-Stand mit einer spontanen Ansprache zum Thema No surrender, womit in DUP-Kreisen immer gemeint war und ist: Keine ‚Kapitulation‘ vor Dublin und ‚den Katholiken‘. Doppelzüngiger nie als die britische Politik seit dem Referendum 2016 – und das meint schlicht: unverantwortlicher nie. 150 Grenzen als europäische Erfahrung Wer hätte geahnt, dass das Thema ‚Grenzen‘ solchermaßen in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit rücken würde, wie dies durch die Flüchtlingskrise geschehen ist. Schon steht das zu den großen Errungenschaften der Europäischen Union gehörende ‚Prinzip Schengen‘ zur Disposition, das einst die Grenzkontrollen entsorgte – man glaubte: ein für allemal, wobei dieses Prinzip nur das einholte, was vor dem Ersten Weltkrieg gang und gäbe war – paßlose Freizügigkeit, von Stefan Zweig in Die Welt von Gestern so eindrücklich beschrieben. Die Fernsehunterhaltungsvariante und Frühform der transnationalen Spaßgesellschaft firmierte vor Zeiten unter dem Namen: Spiel ohne Grenzen, ein länderübergreifender spielerischer Wettbewerb zwischen Städten, andernorts Jeux Sans Frontières, Games without frontiers, Giochi senza frontier oder Spel zonder grenzen genannt. Spielerisch erinnerte man sich daran, dass Städte (oder im griechischen Sinne die poleis) Sinnkerne und –träger des europäischen Bewusstseins gewesen sind und nicht Staaten. Und jetzt? Es scheint als seien wir durch die syrische Flüchtlingskrise an die Grenzen der Grenzenlosigkeit gestoßen. Anders gesagt: Kehren die Schlagbäume von einst wieder in Form von gesamtgesellschaftlichen Belastungsgrenzen, jene der Integrierbarkeit, Grenzen der Aufnahmekapazitäten der sozialen Systeme der ‚Gastländer‘? Dabei kommt wiederum die Erwei- 151 terung und Relativierung auch dieser Grenzen, gerade jener der allseitigen Lernfähigkeit im Sinne einer polyethnischen Kultur wechselseitigen Verstehens besondere Bedeutung zu. Keine Frage stellt sich somit akuter als jene nach dem Beitrag interkultureller Wissenschaften zur Notwendigkeit von Integration und in diesem Fall gerade einer sich interkulturell begreifenden Germanistik – nun freilich nicht als stiefmütterlich behandelte „Auslandsgermanistik“64 sondern als inländische Kulturwissenschaft verstanden. Konkret gesprochen kann dies nur eine fundamentale Aufwertung der Fachrichtung Deutsch als Fremdsprache bedeuten. Zugegeben, der Weg ist lang von der Lebenswirklichkeit in Flüchtlingsunterkünften zu ersten Ansätzen kultureller Hybridisierung. Aber Anfänge werden gemacht, so groß die kulturellen Differenzen, psychologischen Voraussetzungen und die Bewusstseinslagen der Betroffenen auch sind. Lange genug haben wir theoretische Modelle zur Frage einer Existenz in der „neuen Unübersichtlichkeit“ erörtert.65 Über das nötige Rüstzeug sollten wir mithin verfügen, um mit dieser realen Unübersichtlichkeit der interkulturellen Verhältnisse konstruktiv umgehen zu können. Brisant ist dabei die Erfahrung mit (Hemm-) Schwellen, was eine intensivierte Form von „Schwellenkunde“ (Heimböckel) zwingend erforderlich macht.66 64 Vgl. Dieter Heimböckel, Im Grenzgang. Für eine Germanistik als Schwellenkunde. In: ZiG 6(2015), Heft 1, S. 151–161. 65 Jürgen Habermas, Die neue Unübersichtlichkeit. Kleine Politische Schriften V. Frankfurt am Main 1985. 66 Vgl. dazu auch: Rüdiger Görner, Grenzen, Schwellen, Übergänge. Zur Poetik des Transitorischen. Göttingen 2001. 152 Seine Lebenserinnerungen hatte Ralf Dahrendorf – mehrdeutig genug – Über Grenzen genannt. Die darin ausgesprochene Einsicht über Grenzen ist in jeder Hinsicht von überpersönlicher Bedeutung: „Grenzen schaffen ein willkommenes Element von Struktur und Bestimmtheit. Es kommt darauf an, sie durchlässig zu machen, offen für alle, die sie überqueren wollen, um die andere Seite zu sehen.“ Und ergänzt, das liberale Verhältnis zur Idee und Realität von Grenze klärend: „Eine Welt ohne Grenzen ist eine Wüste; eine Welt mit geschlossenen Grenzen ist ein Gefängnis; die Freiheit gedeiht in einer Welt offener Grenzen.“67 Wie mit Grenzen umgehen? Psychologisch, ludistisch, existentiell, staatsrechtlich? Bedeutet „Arbeit an oder mit Grenzen“ immer auch Formen des Übergangs zu schaffen oder sich auf ein Interagieren mit Grenzen (wieder) einzustellen? Noch immer lassen sich die probatesten Paradigmen für den Umgang mit Grenzen in ästhetisch konditionierten Kontexten finden, denn die Künste verdanken sich nun einmal besonderen Sensorien, geschärftem Materialbewusstsein und der Fähigkeit des Menschen zur schöpferischen Transformation oder Eigensetzung, die sich wiederum eines (inter-)kulturspezifischen Repertoires bedingt – je nach Veranlagung und geistiger Disposition der Kunstschaffenden. Kunst schafft Räume und damit vermittels Gestaltung auch Grenzen. Worte grenzen ebenso aneinander wie Flächen, Perspektiven oder Takte, wobei die musikalische Komposition das partielle Aufheben der Taktgrenzen durch übergreifende Phrasierungen mit in ihre Struktur aufnimmt. „Grenzt hier ein Wort 67 Ralf Dahrendorf, Über Grenzen. Lebenserinnerungen. 4. Aufl. München 2003, S. 15. 153 an mich, so laß ich’s grenzen/Liegt Böhmen noch am Meer, glaub ich den Meeren wieder“, lesen wir bei Ingeborg Bachmann.68 In diesen poetischen Verhältnissen gewährt das Aneinandergrenzen von Verschiedenheiten ihnen Möglichkeiten zu einer neuen Selbstbestimmung. Grenz-Räume sind seit homerischen Zeiten in der Kunst erdacht und entworfen worden. Die Virtualität der nicht-digitalen Art gilt somit als primäres Ergebnis und Medium der Kunst. Im digitalen Zeitalter mit ihrer scheinbar zügellosen Herrschaft der Algorithmik oder des siliziumgestützten Dauerhochrechnens, hat sich die Technik der Künste bemächtigt, am sinnfälligsten in der techno-musikalischen Avantgarde sowie der Imagologie des Rechners nebst entsprechenden Installationen in der darstellenden Kunst. Gestalten scheint eine Frage des Programmierens geworden zu sein. Der avancierte homo faber nennt sich digitaler Konstrukteur oder Netzwerker. Das virtuelle Netz-Werk unserer Tage erweist sich dabei im Wesentlichen als eine digitale Realisierung frühromantischer Verknüpfungstheorien, die ihrerseits das Umwandeln von begrifflich-disziplinären Grenzen zum Inhalt hatten. Ohnehin ist der Eindruck entstanden, als bestünden Grenzen in der „virtuellen Ästhetik“ allenfalls noch als Spielformen. Das virtuell Scheinbare erweist sich zunehmend als Ort eines dauernden Transitoriums, in dem sich unaufhörliche Verwandlungsprozesse abspielen.69 Daneben verblasst der Sinn für die 68 In: Ingeborg Bachmann, Letzte, unveröffentlichte Gedichte. Entwürfe und Fassungen. Hrsg. v. Hans Höller. Frankfurt am Main 1998, S. 117. Vgl. dazu das Kapitel über paradoxe Kulturtopographien in diesem Band. 69 Vgl. den Band “Virtuelle Ästhetik. Betrachtungen zur Wahrnehmung 154 existentielle Bedeutung der Grenze und ihrer Aufhebung. Hinzu tritt die Bejahung der „Auflösung der Form“ durch die digitale Prozessualität, wobei dieser eher traditionelle Begriff der Ästhetik, der zumeist als Kritik an der Moderne eingesetzt worden ist, eine neue Bedeutung entfaltet, nämlich das Auflösen als produktives Öffnen von überkommenen Denk- oder Gestaltungsmustern und Strukturen.70 Im literarischen Arbeiten dagegen überwiegt die Digitalisierung einstweilen nur bedingt – trotz des zunehmenden Schreibens im Netz, das sich gerade durch Grenzenlosigkeit definiert. Das Feld des Literarischen behauptet weiter den poetischen Raum als ein sprachlich bestimmtes, paradox gesagt: begrenztes Deutungskontinuum. Die Formel des Gurnemanz in Richard Wagners Parsifal bleibt hierbei elementar: „Zum Raum wird hier die Zeit“. Als pionierhafter Theoretiker dieses Zusammenhangs darf dabei weiterhin Gaston Bachelard angesehen werden, der mit seiner Poètique de l’éspace (1957)71 einem ganzen Forschungszweig vorgearbeitet hat.72 Für ihn war die am Beginn des 21. Jahrhunderts.“ Mit Beiträgen von Ekkehart Baumgartner, Simona Heuberger, Alexandra Weigand und Philipp Messner. Innsbruck 2008. Bes. Ekkehart Baumgartner, Die Erschaffung der Zweitwelt, ebd., S. 7–14 u. Alexandra Weigand, Virtuelle Ästhetik – Die Betrachtung des Scheinbaren, ebd., S. 35–50. 70 Vgl. Simona Heuberger, Die Auflösung der Form. In: Ebd., S.  25–34. Den Begriff prägte ursprünglich Erich von Kahler in seinen Princeton Vorlesungen von 1967, ein Jahr spatter unter dem Titel “The Disintegration of Form in the Arts“ veröffentlicht. Erich von Kahler, Die Auflösung der Form. Tendenzen der modernen Kunst und Literatur. Aus dem Amerikanischen von Wilhelm Höck. München 1971. 71 Gaston Bachelard, Die Poetik des Raumes. Übers. v. Kurt Leonard. 10. Aufl. Frankfurt am Main 2014. 72 Einen Überblick bietet Stephan Günzel (Hrsg.), Texte zur Theorie des 155 Raumerfahrung im Alltag Voraussetzung für eine psychologisch ausgerichtete Phänomenologie, die von den „Intimitätswerten des inneren Raumes“ ausgeht.73 Doch hat sich inzwischen unser Wahrnehmungsverhalten gerade in Bezug auf Räume und Grenzen grundlegend geändert: Vollzogen hat sich womöglich die Rache des Programmierers am Träumer, der Maschine am Gebilde, der digitalen techné am ästhetischen Entwurf. Ausgerufen ist seit der Idee des Gesamtkunstwerks das Spiel mit den Grenzen. Bereits Lessings Laokoon fiel auf durch die nicht aufgehobene Spannung in seiner grundlegenden kunsttheoretischen Schrift zwischen der Bejahung des „freien Spiels der Einbildungskraft“ und dem Aufzeigen von geschmacksbildenden Grenzen in den Künsten.74 Auch die technisch avancierte Abbildung von Wirklichkeit spürte, noch bevor sie Kunst wurde, Räume der besonderen Art auf, deren Grenzen sie buchstäblich mit ins Bild rückte: Gemeint ist die Frühphase der Photographie und zahlreiche Aufnahmen von David Octavius Hill.75 Walter Benjamin hat darauf hingewiesen, dass viele „Bildnisse Hills auf den Edinburgher Friedhof von Greyfriars entstanden“ sind, der der Photograph wie ein „Interieur“ behandelt habe, als einen „abgeschiede- Raums. Stuttgart 2013. Dass in dieser nützlichen Textsammlung ausgerechnet Bachelard fehlt, verwundert. Vgl. dazu auch: Markus Schroer, Räume, Orte, Grenzen. Auf dem Weg zu einer Soziologie des Raumes. Frankfurt am Main 2006. 73 Bachelard, a. a. O., S. 30. 74 Gotthold Ephraim Lessing, Werke. Sechster Band: Kunsttheoretische und kunsthistorische Schriften. Hrsg.v. Herbert G. Göpfert. Darmstadt 1974, S. 25. 75 Heinrich Schwarz, David Octavius Hill. Der Meister der Photographie. Mit 80 Bildtafeln. Leipzig 1931. 156 ne[n], eingehegte[n] Raum, wo, an Brandmauern gelehnt, aus dem Grasboden Grabmäler aufsteigen, die, ausgehöhlt wie Kamine, in ihrem Innern Schriftzüge statt der Flammenzungen zeigen.“76 Das Auge des Photographen Hill scheint sich, so legt Benjamin nahe, einen Rahmen gesucht zu haben, in den es sein Bild – ein offenkundiges Vergänglichkeitsmotiv – stellen konnte, wobei dieser Rahmen als Bildgrenze selbst Motiv des Aufgenommenen wurde. Dagegen unterläuft im Schreiben über Grenzen als einem Raumphänomen die poetische Arbeit die traditionelle Zuweisung des Raumes an die bildende Kunst. Gleiches gilt für das kompositorische Herstellen von Klangräumen. Lessing hatte die Dichtung als Zeitkunst verstanden, da sie Abfolgen behandle; damit hob er wiederum die Grenze zwischen Dichtung und Musik als der Zeitkunst per se auf. Noch in Kompositionen der heutigen Avantgarde spielt diese Konstellation sogar eine motivische Rolle, wenn man etwa an Helmut Lachenmanns Consolation I denkt, eine Komposition, die mit Ernst Tollers Versen aus Masse Mensch arbeitet: „Gestern standst Du/An der Mauer./ Jetzt stehst Du/Wieder an der Mauer./Das bist Du/Der heute/ An der Mauer steht./Mensch, das bist Du/Erkenn Dich doch/ Das bist Du.“77 Es ist das poetische Beispiel einer Grenzerfahrung, die zur Selbsterkenntnis aufruft. Kompositorisch gese- 76 In: Walter Benjamin, Gesammelte Schriften. Bd. II.1. Hrsg.v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt am Main 1991, S. 373 („Kleine Geschichte der Photographie“). 77 Dazu: Helmut Lachenmann, Musik als existentielle Erfahrung. Schriften 1966–1995. Hrsg. und mit einem Vorwort versehen von Josef Häusler. Wiesbaden 1996, S.  376. Lachenmann hat sich in verschiedenen Kontexten wiederholt auf diese poetische Sequenz bezogen. 157 hen erweist sich diese „Mauer“ jedoch auch als ein Anlass zur Grenzüberschreitung der „zwölf Stimmen und vier Schlagzeuger“; der „Trost“ liegt demnach in der klanglichen Aufhebung der Grenze. Das musikalische Material thematisiert die Mauer als Grenzerfahrung aber transzendiert sie dabei. Wer nach Grenzen fragt versucht auch Übergänge auszuloten.78 Denn im Transitorischen erweist sich der Grad der Durchlässigkeit oder Überwindbarkeit von Grenzen, wobei zu berücksichtigen ist, dass Grenzen verschwinden, aber auch wieder auftauchen können, insbesondere als mentale Grenzen; daher rührt die Rede von der ‚Grenze im Kopf ‘.79 Vom schwellenhaften Verorten solcher Übergänge zehrt namentlich die sogenannte Migrationsliteratur, die inzwischen jedoch eher zu einem Gattungsklischee geworden ist. Denn Grenzen und Übergänge sind seit Ovid Themen des Schreibens über Exil, das uns zu Bewusstsein bringt wie eng Schreiben und Migrieren seit je zusammen hängen. Im Erfahren von Grenzen und Ermitteln von Übergängen vollziehen sich Transformationen von Denkmustern oder -figuren, die gerade in kulturellen oder politischen Übergangsphasen verstärkte Aufmerksamkeit beanspruchen. „Erst wenn sich ein Übergang abzeichnet […], war 78 Einen interdisziplinär angelegten Forschungsüberblick bietet der Band Rüdiger Görner/Suzanne Kirkbright (Hrsg.), Nachdenken über Grenzen. München 1999. Zur Literarisierung der Grenze ausführlich: Dieter Lamping, Über Grenzen. Eine literarische Topographie. Göttingen 2001. Vgl. ebenso: Konrad Paul Liessmann, Lob der Grenze. Kritik der politischen Unterscheidungskraft. Wien 2012. 79 Vgl. Wilfried von Bredow, Beiderseitigkeit – vom Verschwinden und Wiederauftauchen von Grenzen. In: Görner/Kirkbright (Hrsg.), Nachdenken über Grenzen, ebd., S. 57–72. 158 es, im nachhinein, eine Verwandlung“, notierte Peter Handke in seinen Phantasien der Wiederholung.80 Nicht alle Grenzen sind Grenzen im eigentlichen Sinne sondern markieren einen vorübergehenden Zustand, können ins Fließen geraten und so die Bildung von Übergängen erleichtern. Diese erkenntnistheoretische Einsicht lässt sich bis zu Leibniz’ Monadologie zurückführen, die zwischen unbewussten „Perzeptionen“ und bewussten „Apperzeptionen“ unterscheidet, Grenzverläufen also im Bereich der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit.81 Erzählte Wahrnehmungen von Grenzen haben den Vorteil der Anschaulichkeit. Als besonders ergiebig erweisen sich dabei drei markante Texte, die Joseph Roth zwischen 1919 und 1927 hierzu verfasst hat, wobei er durch den Akt des berichtenden Erzählens über Grenzen das Bizarre ihrer in diesem Falle unmittelbar nach 1918 plötzlichen Existenz überwinden zu helfen versuchte. Dabei erweist sich, dass das von Roth beschriebene Wechselverhältnis von Demarkation und Transzendierung in einem Sinn-Bild sprechenden Ausdruck findet. In der Episode „Blick nach Metz“ aus dem Feuilleton „Wenn es an der Grenze gewesen wäre“ steht nicht wie zu erwarten die deutsch-fran- 80 Peter Handke, Phantasien der Wiederholung. Frankfurt am Main 1996, S. 76. 81 In: Gottfried Wilhelm Leibniz, Monadologie. Französisch/Deutsch. Übersetzt und herausgegeben von Hartmut Hecht. Stuttgart 1998, S. 16/17 (§ 14). Darauf aufbauend hat Erich Kleinschmidt den wortfiguralen Ansatz einer „Aufmerksamkeit der Begriffe“ entwickelt, die den Intensitätscharakter von semantischen Grenzerfahrungen thematisiert. In: E. K., Übergänge: Denkfiguren. Köln 2011 (darin das Kapitel: „Die Aufmerksamkeit der Begriffe. Zum Schwellendiskurs der [Ap-]Perzeption“, S. 71–112). 159 zösische Grenze in Rede, sondern eine symbolische Binnengrenze anderer Art: Schaufenster in der Metropole Lothringens: In diese Schaufenster legt man keine Ware, man „dekoriert“ sie. Ein Apfel hinter ihrem Glas ist etwas anderes als ein Apfel in der Hand. Zwischen dem Gegenstand und meinem Aug’ steht das Fenster, eine kalte, durchsichtige Mauer. Sie ist aus Eis, nicht aus Glas. Die Schilder sind eine Art schwarzer Spiegel, die man in der Unterwelt gebrauchen kann. Ihren Buchstaben glaube ich das Gold nicht. Die Häuser haben nicht Fassaden, sondern Etiketten, keine Wände, sondern prima Verpackung.82 ‚Grenze‘ erweist sich hier als wahrnehmungspsychologischer Gegenstand, als Mauer aus Eis, freilich „durchsichtig“, potentiell aufhebbar, wobei die Betonung auf dem graduellen Unterschied im Materiellen liegt: Das Objekt hinter dieser durchsichtigen Wand veränderte seine Qualität, wenn es haptisch verfügbar wäre. Die Szene beschreibt eine Grenze innerhalb einer Grenzregion, aber in inhaltlichen Zusammenhängen, die man nicht in erster Linie mit diesem Ort (Metz) in Verbindung bringen würde. Daher auch die im Irrealis gehaltene Überschrift des Feuilletons. Auffallend an dieser Beschreibung ist jedoch auch der Verweis auf die „Unterwelt“ als einer existentiellen Grenzregion, wobei diese Stelle impliziert, dass jede Art Grenze eine existen- 82 In: Joseph Roth, Werke. 6 Bde. Hrsg. v. Fritz Hackert und Klaus Westermann. Köln/Amsterdam 1989–1991, hier: Bd. 2, S. 774. 160 tielle Bedeutung haben kann. Was hier nicht näher ausgeführt werden soll, wäre als ‚Hadesfiktion‘ zu bezeichnen, ein literarisches Motiv, das die Grenze zwischen Leben und Tod durchlässig erscheinen lässt und damit die Umkehrbarkeit des Unumkehrbaren ästhetisch hypostasiert.83 Im Kontext von Arbeiten die Grenze als semantischen, ideologischen oder ästhetischen Gegenstand zu bestimmen84, hat sie sich mehr und mehr als eine poetologische Figur erwiesen. Der Figurativität der Grenze entspricht ihre Personifikation in der Gestalt des Grenzgängers.85 Sie ist von ihrer Entstehung her zwischen den sogenannten Epochen angesiedelt; ihr Betätigungsfeld ist das Dazwischen – auch im räumlichen Sinne. Dem Grenzraum gewann Uwe Kolbe noch 1986 eine ganze Gedichtfolge ab, Bornholm II, mit explizitem Bezug auf die Kleingartenanlage „Bornholm“ am Grenzübergang Bornholmer Straße nach Berlin (West). Die Pointe der Sammlung ist, dass sie nur mittelbar Grenzen thematisiert, sofern man Gedichte nicht ihrerseits als sprachliche Grenzräume versteht. In einem Gedicht („Dröhnende Länder“) schaukelt das poetische Ich in Zügen „von Rand zu Rand“, wobei es sich durch den bloßen Namen des für dieses Ich unpassierbaren Grenzübergangs seine Entgrenzung imaginiert: „Wir schweifen aus/in Mohn, in Korn, in 83 Vgl. dazu: Rüdiger Görner, Hadesfahrten. Untersuchungen zu einem literaturästhetischen Motiv. Morphomata Lectures Cologne Bd. 11. Hrsg. v. Günter Blamberger und Dietrich Boschung. Paderborn 2014. 84 Vgl. den Band von Görner/Kirkbright (Hrsg.), a. a. O. 85 Vgl. Rüdiger Görner, Grenzgänger. Dichter und Denker im Dazwischen. Tübingen 1996. 161 Rausch./Ich flieg einen nördlichen Sonnenbogen:/Kopenhagen, Århus, Bornholm. Aber bald.“86 Im Grenzübergang gewinnt das Transitorische einen konkreten Topos. Aus der Sicht des poetischen Ichs in Bornholm II blieb dieses Transitorium im Jahre 1986 jedoch noch auf unabsehbare Zeit Fiktion. Drei Jahre später und Grenze sowie Grenzübergang gingen bereits in das Stadium ihrer Musealisierung über. grenzmuseum 1.1 nennt Thomas Kling ein Gedicht, in dem die Exponate des Museums bereits zu zerfallen beginnen („streusand entfällt diesen gesichtern […]“87). Dem Begriff des Transitorischen wohnt das Phänomen der (Ver-)Wandlung inne. Fragt man nach einer Rhetorik oder techné des Übergangs im literarischen Sinne88, dann verbirgt sich in dieser Frage auch das Problem, was sich in diesem Übergehen wie verändert. Was nimmt man vom Diesseits ins Jenseits der Grenze mit und was geschieht damit im Transitorium? In Grenzerzählungen kann dies zu einem Tempuswechsel in der erzählten Zeit führen; Begriffe können ihre Bedeutung modifizieren, wenn nicht ganz in ihrem Gebrauch ändern; und (manche) Charaktermerkmale oder psychische Dispositionen des Protagonisten können sich verändern. Ein Weiteres kann geschehen: Die Grenzen werden verinnerlicht; ein Übergang wird nur zum Schein vollzogen. Hierfür gibt es gerade in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zahlreiche Beispiele. Ich erwähne hier nur das Beispiel von Marica Bodrožić. Sie selbst scheint in ihrem schreiben die multiplen 86 Uwe Kolbe, Bornholm II. Gedichte. Frankfurt am Main 1987, S. 43. 87 Thomas Kling, morsch. Gedichte. Frankfurt am Main 1996, S. 33. 88 Hierzu: Görner, Grenzen, Schwellen, Übergänge, a. a. O., S. 121–132. 162 Grenzen des Balkan internalisiert zu haben, eine Erfahrung die sie mit manchen ihrer Protagonisten teilt, wobei sich die konkrete Topographie dieser Grenzen auflöst und diese Grenzen eine andere Wertigkeit gewinnen, die deutlicher den Persönlichkeitscharakter prägen. In ihrem Roman Das Gedächtnis der Libellen zum Beispiel erweist sich Ilja, der chamäleonhafte, irrlichtende Geliebte der Ich-Erzählerin Nadeshda, als ein von inneren Grenzen bestimmter Charakter: „Ilja hat die Grenzen immer bei sich gehabt, er hat sie in seinem Wesen mitgebracht. Er selbst war die Grenze […].“89 In der Liebe zu Ilja, die zunächst grenzenlos scheint, erfährt Nadeshda ihrerseits Grenzen und über ein Dazwischen, in dem es nie wirklich zu einer transitio kommt. Die Protagonistin zieht aus ihren Erfahrungen den folgenden Schluss: „[…] lernen sollst du etwas über die Grenzen dazwischen, über die Menschen und ihre Hände, über die Fingerkuppen, die dich berühren, und darüber, welche Macht sie über dich haben, diese Fingerkuppen mit ihren Archiven aus Kindheiten, Wolken, Mutterküssen und Strandausflügen.“90 Für sie, Nadeshda, kommt es immer mehr darauf an, die „Grenze des Spiels“ zu kennen, des zwischenmenschlichen und des der Kommunikation, also des stets riskanten Spiels mit Worten. Bodrožićs Erzählerin hat Grenzen internalisiert. Dazu gehört auch die (Selbst-)Begrenzung ihrer Vorstellungskraft, die wiederum zu deren Intensivierung führt.91 Doch auch das Umgekehrte gilt für sie: „Meine Imagination hat mir präzisere Gren- 89 Marica Bodrožić, Das Gedächtnis der Libellen. Roman. München 2010, S. 73. 90 Ebd., S. 74. 91 Ebd., S. 118 f. 163 zen gesteckt“.92 Auch wenn sie ihre „utopische Stadt“ imaginiert (etwa Sarajevo, Chicago, Paris und Berlin), dann gehören zu dieser Vorstellung wie selbstverständlich „Grenzposten“, die immer auf der richtigen Seite zu stehen scheinen.93 Ob Marica Bodrožić, Ilja Trojanow oder Herta Müller – Autoren aus dem Südosten Europas, dem Banat oder Balkan, sie arbeiten geradezu unwillkürlich mit dem Motiv der Grenze, ihrem Verschwinden und Wiederauftauchen. Es gilt für sie – zumindest bedingt, was Elias Canetti an Robert Musil festgestellt hat: Er habe „zwischen allen Dingen Grenzen“ gezogen94 – sichtbare und unsichtbare. Es handelt sich dabei um Zeichen der Abgrenzung und Demarkationslinien eines Raumes der Intensitäten, sei es der Wahrnehmung oder Beschreibung von Gefühlen oder Objekten, Landschaften oder Erinnerungen. Grenze und Übergang sind einander ein ‚Vorwurf ‘; wechselseitig bedingen sie einander, denn ein Übergang kann immer wieder zu einer neuen Grenze führen oder durch externe Einflüsse selbst zu einer solchen werden. Mit der Grenze verhält es sich entsprechend. Der ästhetische Ort zwischen Räumen aber ist die Schwelle, wo selbst die Zeit zum Stehen kommt, wie in der Erzählung „Der Mann auf der Schwelle“ von Jorge Luis Borges.95 „Uralt“ ist dieser Mann und mit jenen Figuren ver- 92 Ebd., S. 195. 93 Ebd., S. 202 f. 94 In: Elias Canetti, Das Augenspiel. Lebensgeschichte 1931–1937. 14. Aufl. Frankfurt am Main 1988, S. 157. Canetti behauptete, dass Musil solche „Grenzen“ auch um sich selbst gezogen habe, eine These, die man freilich nicht auf die im Text besagten Autoren übertragen möchte. 95 In: Jorge Luis Borges, Gesammelte Werke. Erzählungen 2. Bd. 3/II. Nach den Übersetzungen von Karl August Hort und Curt Meyer-Clason. Be- 164 wandt, die Kafka vor Türen und Toren zu postieren pflegte. Es sind Grenzgestalten, für die das Wort „Gegenwart“ nur noch „ein unbestimmtes Geräusch“ ist, also seinerseits ein Dazwischen – nämlich zwischen Klang und Stille. Deswegen kann der Ich-Erzähler von dieser Schwelle aus auch einen Blinden erkennen, der „mit einer Laute aus rötlichem Holz“ in einen Hof tritt, Musik verheißend, aber für die Dauer der Geschichte stumm bleibend.96 An der Schwelle gehen die sinnlichen Wahrnehmungen ineinander über, und es bedarf eines erfahrenen Blickes für Grenzen, um diese Übergänge überhaupt noch als solche zu erfassen. Doch eine solche Art des Wahrnehmens darf inzwischen wohl als die eigentlich ästhetische Grenzerfahrung gelten. arbeitet von Gisbert Haefs. Nachwort von Stalislaw Lem. München/ Wien 1981, S. 117–124. 96 Ebd., S. 120. 165 Europa wagen I Unter dem Titel „The Idea of Europe (One More Elegy)“ forderte Susan Sontag 1988 die „Europäisierung Europas“. Was aufs erste Hinhören tautologisch klingt, klärt sich beim genaueren Lesen: Sontag plädierte dafür, dass sich Europa wieder ernst nehmen und in seine „polyphone Kultur“ hören solle, damit aus diesem Ineinander der Stimmen etwas Neues entstehen könne. Europa solle sich selbst wiederfinden – trotz allem, was es weltweit wiederholt an Verheerungen angerichtet hatte. Der Gesamttitel des Buches, in dem sich dieses kleine Essay findet, lautet Where the Stress Falls97 – wohin die Betonung fällt oder: Was man wo und warum betont. In der Stimmenvielfalt des Europäischen ist die Frage dessen, wer was wann und weshalb betont, oft zentral. Liegt die Betonung auf Dissens oder Konsens, auf lockerem Staatenverbund oder einer sich föderalisierenden Gemeinschaft, auf Wachstum oder ökologischem Bewusstsein? 97 Susan Sontag, Where the Stress Falls. London 2001, darin: The Idea of Europe S. 285–289. 166 In Europas polyphoner Kultur findet die vox populi ihre diversen Ausprägungen. Stimmbrüche gehören zu ihnen. Das Brexit-Referendum war ein solcher. Geleistet hat sich ihn einer der ältesten europäischen Staaten. Inzwischen steht eines fest: Die Befürworter des Brexit wollen für Britannien eine neue Form der Selbstbestimmung außerhalb der Europäischen Union erreichen; doch um das zu bewirken, bleibt Britannien nichts anderes übrig, als die Bedingungen der Union für diesen Schritt anzunehmen. Die verbleibenden 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben im Umgang mit dem Brexit, genauer: mit der britischen Sezession oder Partikularismus in einer Weise Einigkeit bewiesen wie selten zuvor. Der britischen Konzeptionslosigkeit und Selbstzersplitterung stand zur Verblüffung Whitehalls eine klare Verhandlungsposition seitens Brüssels gegenüber. In vieler Hinsicht ist die Europäische Union ungleich weiter, als dies vermeintlich populistische Anti-Europa-Debatten wahrhaben wollen. Oder das Umgekehrte gilt: Gerade weil die Union politisch so ungleich weiter entwickelt ist, als dies jemals in der Geschichte Europas vorstellbar war, mobilisieren sich innere Widerstände gegen sie. Geschichtlich betrachtet, stellt die Union nämlich keineswegs etwas Stagnierendes dar, sondern einen politischen Avantgardismus. Die Nationalismen wirken dagegen abgestanden, retrogrierend, konzeptionslos in sich kreisend. National motivierte Populismen gebärden sich „grundsätzlich antipluralistisch“.98 Sie halten gewöhnlich an der 98 Jan-Werner Müller, Was ist Populismus. Es Essay. 2. Aufl. Berlin 2016, S. 129. 167 Fiktion einer Monokultur fest und geifern gerade deswegen gegen ‚Europa‘. Die kreisförmig angeordneten gelben Sterne auf blauem Grund werden ihnen zum roten Tuch. Aber auch das gibt es: den Europäismus, aus der Sicht des französischen Intellektuellen, Régis Debray – eine „lahme Ersatzreligion.99 Er ist ihm zu Recht genauso verdächtig wie jeder andere Ismus und befindet: „Dem Europa der Europäer geht es ziemlich gut – unterstützen wir es, wo wir können. Das Europa der Europäisten jedoch quält uns alle.“ Ernüchtert stellt er fest: „Die Staaten [Europas] rücken zusammen, die Menschen kennen sich nicht.“100 Das war 2001, als Debray noch vermutete, dass die Union nicht lange nach dem Zerfall des Eisernen Vorhangs werde bestehen können; denn sie sei seinerzeit unter der Vorgabe entstanden: „Gebt mir eine Grenze und eine Bedrohung, und ich schmiede euch eine Gemeinschaft: Diese Logik der Zivilisationen hat etwas Unveränderliches.“101 Aber dreißig Jahre nach dem Fall der Mauer besteht diese Union weiterhin, in sich gefestigter – und das nicht nur wegen des Brexit. Und das auf der Grundlage von Verträgen, die – beinahe britisch – eine Verfassung bislang ersetzt haben. Der trotz erheblicher Anstrengungen weiter verfassungslose Zustand der Union hat sich als außerordentlich produktiv erwiesen, wobei die Frage im Raum steht, wie lange sich die Union eine fortgesetzte de facto Föderalisierung ohne ihre de jure Abklärung der Souveränitätsübertragungen wird leisten können, zumal dann 99 Régis Debray, Bloß keine Leidenschaft. Übers. v. Verena Vannahme. In: Die Zeit v. 15. Februar 2001, S. 11. 100 Ebd. 101 Ebd. 168 wenn man bedenkt, dass ihre neuerliche Erweiterung vor allem um alle Balkanstaaten beabsichtigt ist. Der mehrfach gescheiterte Verfassungsvertrag für die Union ist inzwischen zu einem Rechtsmythos geworden; denn das Ausmitteln von nationalstaatlichen und gesamteuropäischen Interessen gehört zu den Aufgaben des Europäischen Rates im Zusammenspiel mit der Europäischen Kommission und dem Europaparlament. Es sollte dabei jedoch wieder der Vorschlag eines parlamentarischen Zwei-Kammer-Systems ins Gespräch gebracht werden, „wobei eine Kammer durch gewählte Abgeordnete besetzt wird, die zugleich Mitglieder der Nationalparlamente sind“,102 um einen Gegensatz zwischen nationalen Parlamente und europäischem Parlament zu vermeiden. Bei der zweiten Kammer stünde nach wie vor das Senatsmodell mit direkt gewählten Senatoren der Mitgliedsstaaten oder einer Staatenkammer zur Wahl. Der jetzige vertragspragmatische, aber verfassungslose Zustand begünstigt nur die problematische Souveränität des Marktes und der ökonomischen Interessen; der Union verhilft man auf diese Weise jedoch nicht zu kollektiver Souveränität; denn sie bedarf der genauen Definitionen in ihren jeweiligen funktionalen Zusammenhängen.103 Jürgen Habermas entwickelte in seinem Beitrag zur europäischen Verfassungsdebatte ein weitreichendes Konzept einer „transnationalen Demokratie“, die er im Lissabonner Vertrag bereits angelegt sieht.104 Alles Transna- 102 Joschka Fischer, Das Ziel ist die Europäische Föderation. Rede v. 12. Mai 2000 in der Humboldt-Universität in Berlin. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15. Mai 2000, S. 15. 103 Vgl dazu u. a. Klaus Koch, Das Ende des Selbstbetrugs. Europa braucht eine Verfassung. München/Wien 1997, S. 210. 104 Jürgen Habermas, Zur Verfassung Europas, a. a. O., S. 48–80. 169 tionale hat jedoch seine Wurzeln im Subnationalen oder Regionalen. Daher scheint es geboten, das Zwei-Kammer-Modell für Europa mit einer weiteren zu ergänzen: einer Kammer der Regionen, wobei deren Interessenlage das definierende Kriterium wäre. Längst haben sich ja Euregionen herausgebildet, die sich nicht national bestimmen. Meist handelt sich dabei um Nachbarregionen, die sich als eine Euregio zusammenfassen und jeweils auch nur einen direkt gewählten Vertreter in die Kammer der Euregionen entsenden würden. Das legislative Verhältnis dieser drei Kammern zueinander wäre vertragsverfassungsrechtlich zu klären, würde aber zu einer weiteren Stärkung europäischen Bewusstseins von der Basis her beitragen. Desgleichen wäre die Bildung eines europäischen Städteparlaments anzuregen, das zur Koordinierung von Aktivitäten in den Bereichen Ökologie und Migration entscheidend beitragen könnte. So schwer es einem deutschen Anglophilen einzugestehen fällt, der den größten Teil seines Lebens auf den britischen Inseln gelebt hat, und so drastisch der Einschnitt des Brexit für die Europäische Union und Britannien auch ist: Ohne den Dauer- Neinsager in Sachen Integration, ohne Britannien, sollte eigentlich der innere Reformprozess der Union zügiger und konstruktiver vonstatten gehen. Dabei sollten wir uns endlich auch von der Vorstellung verabschieden, die neuerdings wieder genährt wird, dass allein die ‚großen‘ Mitgliedsländer der Union diese Integration vorantreiben können.105 105 So Stuart Sweeney, The Europe Illusion. Britain, France, Germany and the Long History of European Integration. London 2019. Sweeney argumentiert, dass allein das Wechselspiel und die phasenweise differente Gewichtung des jeweiligen Verhältnisses dieser Länder zueinander seit 170 Periodisch scheint Europa ‚aufzuwachen‘ und zur (Selbst-) Besinnung zu kommen. Für Peter Sloterdijk schien Europa während der zweijährigen Belagerung Sarajevos „erwacht zu sein“; doch danach erst kam die Katastrophe im Kosovo, woraus zumindest eines zu lernen ist: Das Europäische in seiner politischen Verfasstheit misst sich in seiner Funktionsfähigkeit immer wieder an der Art, wie es mit seiner Südostflanke, vor allem dem Balkan und der griechisch-türkischen Spannungszone, mit Zypern umgeht, wie es sich auf diese Problemzonen einstellt und welche Lösungsmechanismen es dafür entwickelt. Der geopolitische Spagat von Ulster bis in den Kosovo, von der baskischen Region bis ins Baltikum ist eine ebenso politische wie psychologische Herausforderung, meist kaschiert durch diplomatische Manöver. Seit 1989 ist die „europäische Traumzeit“, wie Sloterdijk die Spanne zwischen 1945 und dem Fall der Mauer genannt hat, vorbei. Europa ist als Ganzes auf sich selbst gestellt und wird von ihren Teilen gefordert. Dass sie ihre seit dem Balkankrieg bislang größte Zerreißprobe weiterhin dabei ist zu bestehen, die Migrationskrise, spricht unbedingt für die Grundstabilität dieser Union. Vor dem Kosovo-Krieg konnte Tony Judt noch für eine „teilweise Wiedereinsetzung oder Ehrenrettung des Nationalstaates“ plädieren und behaupten, ein „wahrhaft geeintes Europa“ sei „unklug, ja unsinnig“.106 Er begründete sein Plädoyer da- 1815 europäische Integration befördert hätten, wobei er andere Länder und Kulturen emphatisch ausklammert. 106 Tony Judt, Große Illusion Europa. Gefahren und Herausforderungen einer Idee. Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck. München/Wien 1996, S. 14. 171 mit, dass der Nationalstaat besser geeignet sei, Konflikte aufzufangen und zu verarbeiten. Dass diese Auffassung weiterhin ein Irrweg sein muss, bleibt angesichts der geschichtlichen Hintergründe auch dieses blutigen Konflikts evident. Ivan Krastev imaginiert zwei Jahrzehnte später einen politischen Zustand „after Europe“, und er gibt zu bedenken: „The European Union has always been an idea in search of a reality.“107 Diese „reality“ habe vor allem darin bestanden, sich auf eine gemeinsame (Leidens-)Geschichte zu besinnen. Aber diese Erinnerungen, auch an den Zweiten Weltkrieg, verblassten und damit das Wissen um die Notwendigkeit transnationaler Organisationsformen im Politischen. Krastev verweist auf einen „clash of solidarities: national, ethnic, and religious“, aber auch auf eine fundamentale Paradoxie, die erklärt, weshalb die Union sich dauerhaft um das Migrationsproblem sorgen muss – neben der humanitären Herausforderung, der sie sich gegenübergestellt sieht: „In oder to ensure their prosperity, Europeans need to open their borders; yet such openness threatens to annihilate their cultural distinctiveness.“108 Doch weisen diese Umstände weniger auf eine temporale Bedeutung der Präposition „nach“ hin als auf eine lokale: auf (mehr) ‚Europa‘ zu, um diese Paradoxien zu bewältigen. Kunstvoll hat man sie beklagt, die Brüsseler Lust an der Reglementierung und am Produzieren immer neuer administrativer Referate – am gewitztesten Hans Magnus Enzensberger: „Solche Einrichtungen sprießen sozusagen naturwüchsig wie 107 Ivan Krastev, After Europe, a. a. O., S. 5. 108 Ebd., S 42. 172 Rosenkohl aus dem Boden. Dieses Gemüse heißt nicht umsonst auf Englisch Brussels sprouts. Solche Gewächse gehorchen nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit; sie bringen immer neue Röschen hervor.“109 Und es ist ihm wie Menasse unbedingt zuzustimmen, dass diese bürokratieverschuldete eingeschränkte Mündigkeit Europas erst dann überwunden werden kann, wenn das Europäische Parlament unbedingtes Initiativrecht erhält, was ihm der Vertrag von Lissabon nur mitteilbar zubilligt. A b e r : lieber bürokratischer „Rosenkohl“ als nationalistische Krebsgeschwüre. II Mitten im Ersten Weltkrieg geriet der mystisch-prophetisch veranlagte, beharrlich klein und interpunktionslos schreibende Kulturkritiker Rudolf Pannwitz ins Grübeln. Gegen Ende seiner, milde gesagt, esoterischen Studie Die Krisis der europäischen Kultur (1917) kam ihm eine mit einem Ausrufungszeichen versehene Gewissensfrage in den Sinn: Was geschähe, wenn wir uns am Ende dieser politisch inszenierten Weltkatastrophe doch zu einem „mutterland europa“ bekennen könnten, wenn wir es „plötzlich haben sollten“, aber nicht wissen „was damit anfangen“. Und er ruft aus: „Wehe“ den Europäern, denen es so erginge. Er hoffte als neue Inspiration für Europa auf „Krishnas weltengang“, auf China, beklagte das „verengländern“ der Zivilisation und angesichts eines Englands, das nicht wisse, wo es Eu- 109 Hans Magnus Enzensberger, Sanftes Monster Brüssel oder Die Entmündigung Europas. 10. Aufl. Berlin 2012, S. 25. 173 ropa gegenüber stehe. Was Letzteres angeht, so bestätigt sich dieser Befund in unseren Tagen aufs Peinlichste. Wissen wir gegenwärtig, was wir „anfangen“ sollen mit diesem Jahrzehnte, Jahrhunderte lang hart, oft allzu blutig erarbeiteten ‚Europa‘, mit diesem Geschichtsgeschenk, das immer wieder neu zu verdienen wir womöglich vergessen haben? Beschleicht, überkommt uns nicht Beschämung, wenn wir dabei zusehen müssen wie Europa an seinem Schuldenreichtum zu ersticken droht? Wie es sich selbst paralysiert und seiner Weltverantwortung derzeit nicht mehr gerecht zu werden versteht? Kann es sein, dass wir wirklich dabei sind zu vergessen, welchen unschätzbaren Wert ‚Europa‘ selbst in dieser währungspolitisch und schuldentechnisch maroden Form darstellt? So gewiss es ist, dass die Europäische Union reformbedürftig bleibt und immer bleiben wird, so fraglos ist die Bedeutung und integrierende Wirkung dieser Reformarbeit. In erster Linie sollte das Europäische Parlament sie leisten. Und es ist richtig, die mangelnde Transparenz, die Versteifung der politischen Prozesse innerhalb der Europäischen Union zu kritisieren, den mündigen EU-Bürger zu fordern und durch ihn die europäische Zivilgesellschaft. Doch sollte das nicht gegen sondern vermittels einer schrittweise reformierten Brüsseler Technokratie geschehen. Denn was fruchtet letztlich diese Schelte der Brüsseler Bürokraten, die eine intellektuelle Medienelite rituell und wohlfeil auszuteilen versteht? Dient sie nicht hauptsächlich den intellektuellen Wortführern dazu, durch diese Dämonisierung des EU-Technokraten endlich einmal publikumswirksam in Erscheinung zu treten? Wie billig. Wenn schon Polemik dann doch 174 besser: Lieber ein Brüsseler Beamter im Leerlauf als ein Kanonier in Verdun! Lieber Brüsseler Korridore als Schützengräben! So lange ist es noch nicht her, als George Steiner einen „neuen Mythos für Europa“ forderte. Das war anlässlich einer Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen. Die Forderung ist aktuell geblieben; sie ist so wichtig wie eine vernünftige Schuldenregulierung für Griechenland. „Vom Strande komm’ ich, wo wir erst gelandet sind,/Noch immer trunken von des Gewoges regsamem/Geschaukel, das vom phrygischen Blachgefild uns her/Auf sträubig-hohem Rücken, durch Poseidons Gunst/Und Euros’ Kraft, in vaterländische Buchten trug.“ Also sprach Goethes Helena in Faust II. Weshalb eigentlich hat es in diesen Währungskrisenzeiten keinen europäischen Gipfel gegeben, auf dem man einmal gemeinsam Faust II liest und die Poetik der Ökonomie bedenkt. Zwar ist des „Euros’ Kraft“ interpretationsbedürftig und nicht identisch mit der Kaufkraft der Währung gleichen Namens. Und die „vaterländischen Buchten“ von Hellas dürften wohl in ihrer für Europa einst beispielgebenden mythischen Heimathaltigkeit neu zu überdenken sein. Aber das wäre ein Ansatz über den Münzenrand wieder anders über Europa nachzudenken. Was ist dieses Europa – heute? Ein ungeheures Arsenal von Erinnerungen, nebst brach liegenden Potenzialen, die darauf warten aktiviert zu werden. Europa sind Landschaften, die vor uns liegen wie Zeitschichtungen, Endmoränen der Geschichte. Und doch bleiben sie ins Globale verwandelbar. Gleichzeitig ist Europa ein Experiment mit offenem Ergebnis. Die Europäische Union stellt sich weiterhin als ein Wagnis dar, das Wage-, ja Bekennermut von allen Beteiligten ver- 175 langt. Die Gründungsdokumente dieser Union wussten davon, als sie dieses einzigartige Integrationsprojekt als einen Prozess einer immer weiter wachsenden wechselseitigen Nähe definierte, als ein nie wirklich abschließbares Projekt. Zu beschreiben, was das bedeutet, wäre eine weitaus lohnendere, würdigere Aufgabe für Intellektuelle als einfältige EU-Institutionen-und Beamtenschelte. Begreifen wir denn also Europa nicht länger als eine bloße ‚Idee‘, eine Vision, gar eine Utopie, sondern als eine integrale Erfahrung des Daseins auf diesem Kontinent. Es liegt an uns, dieses Europa nicht durch erneute Partikularismen auseinander zu dividieren, es nicht zerreißen zu lassen zwischen globalen Ansprüchen und nationalistischen Regressionen. Europa ist Lernstoff und freizügige Lebenswelt, eine weiter wachsende, sich entwickelnde politische Struktur, in die unser kulturelles Wissen eingeht. Im Sinne Hofmannsthals hängt Europa von unserer zuvor besagten „Gemeinbürgschaft“ ab, die verlangt, dass wir für das Europäische einstehen. Als politische Union strukturiert sie sich immer auch als eine Bewusstseinsund Wissensgemeinschaft, die ihre Werte immer neu zu prüfen hat. Wesentlich dazu gehört die bleibende Frage nach dem, was diese Union unter Integration versteht, wie sie diese weiter gestaltet und verantwortet, wie integrativ sie nach außen sein kann, ohne dabei vereinnahmend aufzutreten. Kultureller Pluralismus muss für Europa konstitutiv bleiben, womit die dazu notwendige Toleranz nicht mit Indifferenz verwechselt werden darf. Dazu sollte eine europäische Deutung des Islam als eines religiösen anti-fundamentalistischen Identifikationsangebots für muslimische Migranten gehören, was 176 sich primär als eine religionspädagogische Aufgabe darstellt.110 Treffend warnt Bassam Tibi in diesem Zusammenhang davor, dass Europa weiter zwischen „eurozentrischer Arroganz und kulturrelativistischer Selbstverleugnung“ pendelt.111 Zum ‚Wagnis Europa‘ zählt die unablässige Arbeit mit dem vielschichtigen – unendlich reichen und unendlich verheerenden – Erbe des ‚alten‘ Europa; die fortgesetzte Aufklärung über das grausige Scheitern an den eigenen Vorgaben eines humanistischen Existentialismus; und gleichzeitig das Unter-Beweis- Stellen einer fundamentalen Lernfähigkeit im Zeichen humaner Pluralität. Nicht Selbstaufgabe, sondern Selbsterziehung zur Selbstverantwortung ist gefordert, durch die sich eine – noch einmal mit Hugo von Hofmannsthal gesagt – „Gemeinbürgschaft“ für ein neues Europa in Form eines pluralen, allzu eindeutige ‚Identitäten‘ relativierenden Kulturbewusstseins verwirklichen kann. 110 Bassam Tibi, Europa ohne Identität? Die Krise der multikulturellen Gesellschaft. München 1998, bes. S. 256–263. 111 Ebd., S. 33–58.

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References

Abstract

The very title of this book (“Dare being European!”) signals the engagement with Europe as an imperative. Its three larger sections reflect this engagement in some of its educational, historical and present-day dimensions. In these reflections, interventions and essays there is a strong emphasis on the actual intellectual substance of discourses on Europe with explicit references to the rather surprisingly poetic rendering of European concerns.

The implication of the texts is an appeal, namely to take up current and future discourses on Europe more pro-actively and to counteract constructively tendencies that undermine the project of European integration, such as renewed nationalism, ill-conceived and outdated conceptions of sovereignty. We need to entertain a different understanding of ‘defending Europe’, which does not primarily mean to secure the borders of the European Union but to defend Europe from within, including its cultural values, and reform and enhance its democratic structures.

Zusammenfassung

Europa wagen! signalisiert den bleibenden Wagnis-Charakter des europäischen Projekts. In drei größeren Abschnitten reflektieren diese Aufzeichnungen, Interventionen und Reden seine bildungspolitischen, ideen­geschichtlichen und gegenwartsbezogenen Dimensionen. Auch wenn ihre jeweilige Tragweite nur angedeutet werden kann, bieten diese Texte doch einige Wesenskerne in der Entwicklung der diversen Europa-Diskurse. Eigens betont Europa wagen! die poetische Form dieser Diskurse und leitet deswegen diese Überlegungen mit einem Blick auf eine Anthologie ein, die so ungewöhnlich ist wie das Gesamtprojekt ‚Europa‘ selbst. Der Titel besteht aus einem Imperativ. Aus ihm leitet sich die in den drei Hauptabschnitten thematisierte Forderung ab, die Diskurse über Europa offensiv zu führen, an der weiteren Ausgestaltung des europäischen Projekts mitzuarbeiten – gerade weil Entwicklungen wie der Brexit, verschärfte Nationalismen und veraltete Vorstellungen von Souveränität dieses Projekt neu herausfordern, ja zu unterminieren drohen. Das ‚wehrhafte Europa‘ meint nicht in erster Linie die Sicherung der Außengrenzen der Union, sondern die Auseinandersetzung mit den Gegnern der europäischen Integration innerhalb der europäischen Kulturgemeinschaft und den Ausbau ihrer demokratischen Strukturen.