Anstelle einer Hinführung: Europa, ein Gedicht – aus Anlass der „Reisen durch die junge Lyrik Europas“ (2019) von Federico Italiano und Jan Wagner in:

Rüdiger Görner

Europa wagen!, page 1 - 6

Aufzeichnungen, Interventionen und Bekenntnisse

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4431-5, ISBN online: 978-3-8288-7444-2, https://doi.org/10.5771/9783828874442-1

Tectum, Baden-Baden
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1 Anstelle einer Hinführung: Europa, ein Gedicht – aus Anlass der „Reisen durch die junge Lyrik Europas“ (2019) von Federico Italiano und Jan Wagner Nachdem Oskar Loerke mit seinem Gedichtband Silberdistelwald (1934) ein erstes poetisches Zeugnis „innerer Emigration“ im Nationalsozialismus vorgelegt hatte, veröffentlichte er ein Jahr später seinen programmatischen Essay Das alte Wagnis des Gedichts. Gedacht war es als ein Bekenntnis zur poetischen Form und damit zum Ausdruck einer inneren Haltung in Zeiten fortschreitender Barbarisierung, aber auch einer medienbedingten Veränderung unseres Bewusstseins: „Fernschreiber und Fernsprecher beschäftigen gleichsam auch unser inneres Ohr und Auge beständig. […] Das Doppelbewusstsein der Nähe und Ferne hat sich auszuwiegen in unserem Daseinsgefühl.“ Loerke wendet sich dabei gegen das Auseinanderdividieren von „Gedankenlyrik“ und „Stimmungslyrik“ und hält dagegen, dass „die Lyrik das Gefühl aus dem Zufall führen“ müsse. Gefühl habe Gedanke, Gedanke „ganz Gefühl“ zu werden und beide wiederum „ganz Anschauung“. Dabei wehrt er sich gegen die Vorstellung und Forderung, Lyrik müsse um jeden Preis neue Fachterminologien „aus Technik, Ökonomie und Vergnügungsbetrieb“ aufnehmen, um als zeitgemäß gelten zu können. Er befindet: 2 „Jede Muttersprache bedarf zur Akklimatisation der gemeinhin internationalen termini technici einer längeren Frist. Das Tempo des mechanischen Fortschritts und des sprachlichen Lebens ist verschieden.“ Damit meinte 1935 Loerke auch die politische Terminologie, Propagandawörter als Bausteine einer Ideologie, wobei damals gerade das emphatisch nicht- politische Gedicht politisch gemeint sein konnte, und der poetische Blick auf das Europäische, gar die Weltliteratur nicht selten einen Akt von Partisanentum bedeutete. Loerke wagte diese Blicke und damit ein Bekenntnis zum europäischen Kulturerbe, dessen Zukunft sich 1935 freilich ernsthaft zu verdüstern begann. Das Wagnis des Gedichts hielt er dem als stilles, aber für Sehen-Wollende unübersehbares Leuchtzeichen entgegen. Ungezählte Schicksale und gut zwei Generationen später ist zwar das ‚Wagnis des Gedichts‘ im digitalen Zeitalter anderer Art, aber wieder neu verbunden mit dem ‚Wagnis Europa‘. Heute wirkt Europa oft eher wie ein vielstimmiges Zitat aus globalen Verhältnissen, ein afterthought der Kulturgeschichte. Doch dieses in jedem Sinne ‚starke Buch‘ belegt die lyrische Lebendigkeit dieser Kultur als einer permanenten Herausforderung namens Europa. Dieses Buch wagt noch etwas ganz Anderes: Das Übersetzen von Lyrik, und zwar auf eine Art, die im Deutschen das Vielstimmige der poetischen Vorlagen erhalten will. Übersetzt überschreiten Gedichte Grenzen. Auf über fünfhundert Seiten versammelt, von jungen Dichtern diesseits und jenseits der Grenzen der Europäischen Union, bilden diese Gedichte ein poetisches Europa in fünfundvierzig in der von Federico Italiano und Jan Wagner herausgegebenen Anthologie Grand Tour vertretenen Sprachen, von Albanisch bis Bos- 3 nisch, Ladinisch und Maltesisch, von Niederländisch bis zu schottischem Gälisch, Finnisch und Katalanisch (Walisisch blieb auf der Strecke), jeweils ins Deutsche übersetzt, wobei der Eindruck entstehen darf, Deutsch sei hier einmal die poetische lingua franca in Europa und zur Abwechslung einmal nicht (mehr) Englisch. Man staunt immer wieder aufs Neue, wie ungemein anpassungsfähig, variantenreich, ja geschmeidig das Deutsche ist, wenn es sich auf das lyrisch Andere einlässt und es ins Eigene transportiert, ohne ihm seine Andersartigkeit zu nehmen. Man erinnert dann auch Hölderlins und Nietzsches sehnlichsten Wunsch, das Griechische mit dem Deutschen zu verschmelzen, aus Übersetzungen eine neue Sprache zu gewinnen, das Unerhörte sprachlich Wirklichkeit werden zu lassen. Auch das ist Europa. „[…] nein / ich kenne den habsburger mythos nicht“ beteuert ein Ich aus Slowenien wider besseres Wissen. „Begnüg dich nicht mit den Topfgeranien am Fenster“, fordert eine Stimme aus Katalonien und sehnt sich nach „Rosen aus Isfahan“ oder nach den „wilden Linien“ vom Euphrat. Von balkanischen Partisanengedichten vernehmen wir Echos als einem von Wörtern unterbrochenem Schweigen. Vom „Gedächtnis der Formen“ ist in diesen Gedichten die Rede, zu denen auch im Tschechischen des Petr Borkovec „der trockene, kalte Grenzstein“ gehört, der „im wandernden Untergrund“ steckt. Wie verhalten, in politischer Hinsicht, diese Gedichte doch sind. Auf diesen über fünfhundert Seiten finden sich allenfalls eine Handvoll provokativer ‚Engagement‘-Gedichte. Man könnte geradezu von politischer Abstinenz sprechen, die in ihnen zum Ausdruck kommt. Sie halten das Tagesgeschehen 4 auf Abstand, ohne auf Zeitloses gerichtet zu sein. „Ich simuliere mit dem Mund / den Tod des Ertrinkenden“, so heißt es auf Galizisch bei Estevo Creus: „Simulo coa boca / a morte do afogado.“ In einem Gedicht des Russen Sergej Timofejev ruft ein „Mann mit Frau“ zweimal emphatisch „Romantik! Romantik!“, als sei damit etwas erreichbar, ein Liebesbeweis vielleicht, oder der Nachweis einer das individuelle Bewusstsein ebenso wie die nationalen Kulturen überwölbenden Größe. Ein Doppelruf, dessen Ironie freilich nicht überhörbar ist, der etwas beschwören will, einen gefühlten Gedanken oder ein gedachtes Gefühl im Sinne Loerkes. Der Schlüsselsatz in der einleitenden „kurzen Handreichung“ für diese lyrische Reise lautet: „Vielleicht können gerade im Gedicht, diesem keineswegs unzeitgemäßen Sprachkunststück, die gegenwärtigen Ängste, Hoffnungen, Erwartungen, Spannungen Europas wie unter einem Brennglas sichtbar werden, erlaubt das Gedicht doch einen besonders präzisen und erhellenden Blick auf die Gegebenheiten und Gemütslagen im Norden, Süden, Osten und Westen des Kontinents – wobei Genres wie das Liebes- und das Naturgedicht, die Klage und die Ode glücklicherweise immer gepflegt werden und universal sind.“ Gedichte werden nicht nur in bestimmten Landes- oder Regionalsprachen geschrieben; Lyrik ist selbst eine eigenständige Sprache, ein Medium der (Selbst-)Verständigung, ein Anspruch, die Plattitüden der politischen Rhetorik zu unterlaufen oder mit ihnen virtuos zu spielen. Das Gedicht ist Flaschenpost und Partisan, Freund und Fremdkörper in einem, ein erratischer Sprachfels, der irgendwie herausragt aus dem alltäglichen Gebrabbel, ein Bekenntnis zum Anderssagen – quer durch Eu- 5 ropa und weltweit. Auch deswegen kommen die nachfolgenden Texte unseres Buches, kritische Bekenntnisse zu Europa allenthalben, immer wieder auf Lyrisches zu sprechen, auf lyrische Auslotungen von Gefahrenzonen und poetische Geographie. Loerke hatte im eingangs zitierten Essay behauptet, „geographische Überraschungen“ seien inzwischen „nur noch selten“. Wenn sie erfolgen, dann doch in der Literatur, im Gedicht; Böhmen kann dann eben durchaus am Meer liegen und Dover im Harz; dann können Fjorde und Finnischer Meerbusen sich an der adriatischen Küste wiederfinden und die Donau in die Seine münden.

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References

Abstract

The very title of this book (“Dare being European!”) signals the engagement with Europe as an imperative. Its three larger sections reflect this engagement in some of its educational, historical and present-day dimensions. In these reflections, interventions and essays there is a strong emphasis on the actual intellectual substance of discourses on Europe with explicit references to the rather surprisingly poetic rendering of European concerns.

The implication of the texts is an appeal, namely to take up current and future discourses on Europe more pro-actively and to counteract constructively tendencies that undermine the project of European integration, such as renewed nationalism, ill-conceived and outdated conceptions of sovereignty. We need to entertain a different understanding of ‘defending Europe’, which does not primarily mean to secure the borders of the European Union but to defend Europe from within, including its cultural values, and reform and enhance its democratic structures.

Zusammenfassung

Europa wagen! signalisiert den bleibenden Wagnis-Charakter des europäischen Projekts. In drei größeren Abschnitten reflektieren diese Aufzeichnungen, Interventionen und Reden seine bildungspolitischen, ideen­geschichtlichen und gegenwartsbezogenen Dimensionen. Auch wenn ihre jeweilige Tragweite nur angedeutet werden kann, bieten diese Texte doch einige Wesenskerne in der Entwicklung der diversen Europa-Diskurse. Eigens betont Europa wagen! die poetische Form dieser Diskurse und leitet deswegen diese Überlegungen mit einem Blick auf eine Anthologie ein, die so ungewöhnlich ist wie das Gesamtprojekt ‚Europa‘ selbst. Der Titel besteht aus einem Imperativ. Aus ihm leitet sich die in den drei Hauptabschnitten thematisierte Forderung ab, die Diskurse über Europa offensiv zu führen, an der weiteren Ausgestaltung des europäischen Projekts mitzuarbeiten – gerade weil Entwicklungen wie der Brexit, verschärfte Nationalismen und veraltete Vorstellungen von Souveränität dieses Projekt neu herausfordern, ja zu unterminieren drohen. Das ‚wehrhafte Europa‘ meint nicht in erster Linie die Sicherung der Außengrenzen der Union, sondern die Auseinandersetzung mit den Gegnern der europäischen Integration innerhalb der europäischen Kulturgemeinschaft und den Ausbau ihrer demokratischen Strukturen.