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Kapitel 3: Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen in:

Lukas Lehning

Digitale Kommunikation aus der Perspektive des Sozialbehaviorismus, page 95 - 116

Eine Untersuchung digital vermittelter Selbst-Wahrnehmung nach George Herbert Mead

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4430-8, ISBN online: 978-3-8288-7442-8, https://doi.org/10.5771/9783828874428-95

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 92

Tectum, Baden-Baden
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Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen Bei der Betrachtung der Auswirkungen der digitalen Kommunikation auf den Menschen sehen wir uns vor die Aufgabe gestellt, die neu entstandenen Kommunikationsphänomene nicht mit den Auswirkungen auf die Nutzerinnen und Nutzer gleichzusetzen. Es gilt, herauszuarbeiten, welche Auswirkungen sich tatsächlich für die Selbst-Wahrnehmung des Einzelnen und damit auch für die Konstruktion einer Gemeinschaft ergeben. Hier dient mir der Begriff des „Medienhandelns“. Er beschreibt, wie die technischen Voraussetzungen eines Kommunikationsmediums die Handlungen seiner Nutzerinnen und Nutzer beeinflussen und sie zur Wahl eines bestimmten Mediums motivieren (vgl. Höflich, 2016: 39).50 Mit der Wahl eines bestimmten Mediums und dem damit einhergehenden Medienhandeln wird zugleich eine (gemeinsame) Mediensituation respektive ein gemeinsamer Medienrahmen […] hergestellt, der das Handeln präformiert. Wähle ich die E-Mail, dann habe ich es mit einem Schriftmedium zu tun, bei dem ich nicht so direkt einem anderen ausgesetzt bin wie etwa bei einem Telefonat. Medienhandeln bringt wiederum gewisse Konsequenzen mit sich. Wenn es gut geht, dann erhält man die erhofften Gratifikationen – es kommt zu einer Verabredung. Durch die mediale Kontaktaufnahme werden wiederum die Anfangsbedingungen für das kommunikative Gegenüber abgesteckt. (Höflich, 2016: 55) Dies erinnert an die Meadsche Konstruktion von Bedeutung. Denn erst indem wir – so Mead – uns gegenüber einer Sache (oder einer Person) in einer bestimmten Weise verhalten, entsteht Bedeutung. Der Begriff des Medienhandelns beschreibt nun, wie sich die Art und Weise, in der wir mit der digitalen Kommunikationstechnik agieren, auf Kapitel 3: 50 Hierzu ist zu bemerken, dass erst seitdem über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg kommuniziert werden kann, diese beiden Faktoren überhaupt von Bedeutung innerhalb der Kommunikation zwischen Menschen sind. 95 unsere Vorstellung darüber auswirkt, was wir mit dieser Kommunikationstechnik erreichen können, und damit auf die Vorstellung, welche Bedeutung diese für uns hat. Damit beschreibt der Begriff des Medienhandelns Handeln unter Bedingungen, die die digitale Kommunikationstechnik ermöglicht (vgl. Höflich, 2016: 56).51 In dem Maße, wie sich das Internet als Werkzeug für Interaktion und Kommunikation etabliert und veralltäglicht [sic!], werden diese Aufgaben auch onlinevermittelt erbracht; als Teil von ineinander verschachtelten Praktiken sowie in ihren Konsequenzen für weiteres Handeln und die (Re-)Produktion von Strukturen reichen die Praktiken des Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagements aber immer auch über das Internet hinaus. Eine klare Trennung zwischen virtueller und realer Welt ist aus diesem Grund nicht haltbar – nicht zuletzt, weil das implizite Wissen, das den Vollzug von Praktiken erst möglich macht, unhintergehbar an den Körper gebunden ist und sich das Geschehen „im“ Internet letztlich zwischen Menschen abspielt […] (Schmidt, 2011: 84).52 Mit dieser Auffassung widerspricht Schmidt der Annahme, dass Nutzer und Nutzerinnen im Internet völlig abgekoppelt von ihrer realweltlichen Identität agieren und damit sozusagen nur Masken zur Schau stellen, deren Gebrauch sowie deren dargestellte Form keinen Einfluss und keinen Bezug auf die Personen dahinter haben. Emmer weist auf einen viel wesentlicheren Aspekt hin, wenn er schreibt: Auch wenn diese persönlichen Öffentlichkeiten höchst individuell strukturiert sind, bilden die Interaktionen in diesen Räumen in Summe eine öffentliche, komplexe, sich permanent wandelnde Kommunikationssphäre, die für alle Gesellschaftsbereiche Relevanz entfaltet. (Emmer, Filipović, Stapf & Schmidt, 2013: 192) Der Blick auf die Kommunikationssphäre darf sich nicht allein auf die dort stattfindenden Beziehungen richten, sondern muss im gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang gesehen werden. 51 Im Gegensatz zu McLuhans Grundgedanken „The medium is the message“ (McLuhan, 2001) beschreibt der Begriff Medienhandeln den Menschen und nicht das Medium als sinnstiftende Instanz. 52 Der für die Betrachtung menschlicher Kommunikation wichtige Unterschied zwischen Messenger Diensten ist folgender: Instant Messenger unterscheiden sich von anderen Messenger Diensten dadurch, dass Mitteilungen (fast) zeitgleich aufeinander folgen können. Dies erleichtert die Konversation über Instant Messenger erheblich (vgl. Wyss, 2016: 270). Kapitel 3: Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen 96 Medienhandeln – erster Teil Wenn es um die kommunikative Verbindung mit anderen Nutzerinnen und Nutzern geht, bietet das Internet als Hybridmedium eine gro- ße Anzahl verschiedener Optionen wie beispielsweise Messenger Dienste. „WhatsApp“ oder „iMessage“ werden von vielen Nutzerinnen und Nutzern als Alternative zu Email und Telefon empfunden und zwischen ihnen kann ohne erheblichen Aufwand gewechselt werden. Die verschiedenen Arten, mit anderen Nutzerinnen und Nutzern in Kontakt zu treten, sind wiederum mit verschiedenen Vorteilen und Nachteilen verbunden (vgl. Beck, 2014: 9). Im Folgenden habe ich sie, der Übersicht halber, in drei Handlungssituationen eingeteilt. Ich unterscheide zwischen Instant Messengern, sozialen Netzwerken und digitalen Agenten. Als erste Situation wird die direkte, digital vermittelte Kommunikation über Instant Messenger betrachtet werden. Hierbei werde ich mich auf die technisch ermöglichten Veränderungen des Kommunikationsverhaltens der Nutzerinnen und Nutzer beziehen. Die zweite Kommunikationssituation, in der Menschen interagieren, entsteht durch die sogenannten Sozialen Netzwerke, wie Facebook etc. Hier kommunizieren diverse, teils nur flüchtig miteinander bekannte Mitglieder miteinander.53 Neben der Möglichkeit, dass sich das kommunikative Verhalten eines Nutzers oder einer Nutzerin hier auf eine große Anzahl von Personen auswirkt, gibt es einen weiteren für die folgende Analyse wichtigen Unterschied zum Instant Messenger: Die Mitglieder eines Netzwerkes müssen sich mit einem Profil anmelden, das ihnen nur in vorgegebenen Kategorien ermöglicht, sich zu präsentieren. Damit bieten diese Netzwerke eine neue Form technisch eingegrenzter Darstellung der Eigenschaften einer Person.54 3.1 53 „Using data from the user’s actual page, as opposed to other survey studies that rely on user responses to determine Facebook use and knowledge, it appears that Facebook users only know a little more than two-thirds of the names of their Facebook friends, even after being told the names of those they could not identify and being allowed to try the naming game multiple times” (Croom, Gross, Rosen & Rosen, 2016: 140) 54 Diese Stellvertreterin wird bisweilen auch als digitale „Persona“ bezeichnet. „[…] ‚Persona‘-Konstruktion ist auch ohne Anonymität oder Pseudoanonymität ein 3.1 Medienhandeln – erster Teil 97 Die Unterscheidung von sozialen Netzwerken und Instant Messengern geschieht hier rein aus analytischen Gründen. Selbstverständlich existieren Mischformen, wenn Netzwerken Messenger Dienste implementiert sind und für die Verwendung von Messenger Diensten die Einrichtung eines Profils notwendig ist. Die dritte Kommunikationssituation, die betrachtet werden soll, ist die der Kommunikation zwischen Menschen und künstlicher kommunizierender Intelligenz in Form digitaler Agenten. Von Bedeutung für die reflexive Selbst-Wahrnehmung ist, dass in der Kommunikation mit einem künstlichen System menschliche Eigenschaften von nicht menschlichen Strukturen zurückgemeldet werden. Zu unterscheiden ist, ob es sich erkennbar um digitale Agenten handelt oder ob diese so auftreten, dass dem menschlichen Gegenüber eine Demaskierung nicht möglich ist. Auch die Praxis des sogenannten Self-Trackings weist Gemeinsamkeiten mit dieser Form der Kommunikation auf, da auch hier Informationen zwischen einem Menschen und einer Maschine ausgetauscht werden. Beim Self-Tracking geht es jedoch um die Aufzeichnung und Auswertung von Daten, wohingegen die Kommunikation mit einem Chatbot darauf abzielt, einen menschlichen Kommunikationspartner zu simulieren. Mit der Wahl der drei Kommunikationssituationen ist es zum einen möglich, die Veränderung der Rolle digitaler Kommunikation vom Vermittler zum Interaktionspartner zu erklären. Zum anderen kann dargelegt werden, wie stark sich die Digitalisierung menschlicher Kommunikation auf die Lebenswelt der Menschen ausgewirkt hat.55 Zwei Eigenschaften der digitalen Kommunikation tragen meines Erachtens dazu bei, dass Menschen sich in ihr generell anders verhalten als in der direkten verbal vermittelten Kommunikation. Erstens verringern die digitalen Kommunikationskanäle den Aufwand, miteinander in Kontakt zu treten, erheblich. konstitutives Merkmal computervermittelter Kommunikation“ (Reißmann, 2013: 3). 55 Zur Verwendung digitaler Kommunikationskanäle siehe außerdem „Haben Sie in den letzten drei Monaten Kurznachrichten-Dienste bzw. Messenger-Apps genutzt?“ (Bitkom, 2018: 1). Kapitel 3: Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen 98 Zweitens werden Informationen nicht mehr nur durch die digitale Technik vermittelt, sondern durch diese auch analysiert, wie wir bereits am Beispiel des Self-Trackings gesehen haben. Auf Grundlage von Analysen kann menschliches Verhalten vorhergesagt und beeinflusst werden.56 Damit wird nicht mehr nur durch, sondern mit digitaler Kommunikationstechnik kommuniziert, was die einst nur vermittelnde Technik zur Interaktionspartnerin werden lässt. Von Seiten der digitalen Technik wird die Interaktion ausgelöst durch die Auswertung des sog. Klickverhaltens der Nutzerinnen und Nutzer und führt zu einem digitalen Blick auf diese (vgl. Floridi, 2015: 105). Durch die Aufzeichnung seines digitalen Verhaltens wirft jeder, der sich im Netz bewegt, einen digitalen Schatten, der von Algorithmen analysiert werden kann. Diese Analysen können anschließend Dritten präsentiert werden. Privatheit entsteht allenfalls noch in menschlichen Kontakten, hat jedoch gegenüber der digitalen Technik keinen Bestand mehr. Das ergibt sich daraus, dass die digitale Verarbeitung von Informationen unter anderem darauf beruht, diese zu duplizieren und nicht zu transferieren und zum anderen daraus, dass privat eine Zuschreibung ist, die nur durch einen Menschen, der sich in einer Gemeinschaft verhält, sinnvoll gemacht werden kann, da Privatheit immer vom Kontext abhängt. Floridi verwendet den Begriff „Informationelle Privatsphäre“, für deren Existenz er Anonymität für unabdingbar hält. Die „Informationsund Kommunikationstechnologie“ – bei ihm IKT – untergrabe und verändere die Privatsphäre. Die Informationsgesellschaft hat den Schwellenwert der Informationellen Reibung revidiert und mit ihm den Sinn, in dem ihre Bürger die eigene Privatsphäre schätzen. Eine andere Privatsphäre ist gewissermaßen der Preis, den wir für den Eintritt in die Hypergeschichte zahlen. (Floridi, 2015: 144) 56 Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist der im Jahr 2018 ans Licht der Öffentlichkeit geratene Fall der Datenanalyse-Firma „Cambridge Analytica“, das massenhaft Daten eines der derzeit größten sozialen Netzwerke unter Umgehung und ohne Wissen der Nutzerinnen und Nutzer erhalten und für ihre Kunden ausgewertet hatte. Das Ausmaß des Skandals war erheblich (vgl: faz.net, 2018: 1). 3.1 Medienhandeln – erster Teil 99 Die Bedeutung von Privatheit und Öffentlichkeit muss für die digitale Welt, die tief in unseren Alltag eingedrungen ist, neu verhandelt werden. Floridi plädiert daher für eine Informationsphilosophie, um die […] ethischen Auswirkungen der IKT auf uns und unsere Umwelt zu antizipieren und zu kanalisieren. Wir brauchen sie, um die ökonomischen, sozialen und politischen Informationsdynamiken zu verbessern. Und wir brauchen sie zur Entwicklung des richtigen geistigen Rahmens, der uns dazu dienen kann, unsere neue schwierige Lage zu semantisieren […]. (Floridi, 2015: 11) Interagieren Menschen mit künstlichen Systemen, sind sie mit einem Interaktionspartner konfrontiert, für den es die Kategorie Privatheit nicht geben kann, denn er kann nicht über die Erfahrung eines Sozialisationsprozesses verfügen, ist also nicht in der Lage, diese Konstruktion nachzuvollziehen. Allenfalls können künstliche kommunizierende Systeme Regeln zum Schutz von Privatsphäre, die zuvor programmiert wurden, befolgen. Ob eine Information darüber hinaus sensibler als eine andere zu behandeln ist, können sie nicht selbsttätig entscheiden. Dass sie dies auch theoretisch nicht vermögen, liegt am Unterschied zwischen menschlichem Verhalten und der Informationsverarbeitung von Algorithmen. Zudem verfügen sie nicht über Eigeninteressen. Genau diese ermöglicht dem Menschen jedoch, sich unabhängig von zuvor digitalisierten Zielen und damit aus Sicht eines Algorithmus nicht zielgerichtet zu verhalten. Eine Gefahr, die von künstlicher Intelligenz ausgehen könnte, beschreibt Rolf Schwartmann mit einem in die Zukunft gerichteten Blick. Denkt man den Gedanken der KI zu Ende, dann ist eine Zukunft möglich, in der Maschinen nach menschlichen Zielvorgaben unser Zusammenleben ordnen. Weil sie lernen, welche Entscheidungen sinnvoller sind, schlagen sie uns Systeme vor, bei denen nur sie erkennen können, worin ihre langfristigen Vorteile liegen und was überhaupt Vorteile sind. (Schwartmann, 2018: 8) In die Programme künstlicher Intelligenz gehen Interessen ein, die nicht denen der Mehrheit, sondern der besitzenden Minderheit der globaltätigen Technologiekonzerne nutzen. Flusser hat das schon früh erkannt: Kapitel 3: Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen 100 Eine Elite, deren hermetische Tendenz sich laufend verstärkt, entwirft Erkenntnis-, Erlebnis- und Verhaltensmodelle mit Hilfe sogenannter „künstlicher Intelligenzen“, welche von dieser Elite programmiert werden, und die Gesellschaft richtet sich nach diesen für sie unlesbaren, aber befolgbaren Modellen. Da die Modelle für die Gesellschaft undurchsichtig sind („schwarze Kisten“), ist sie sich nicht einmal völlig bewußt, derart manipuliert zu werden. (Flusser, 1997b: 53) Flussers Annahme, dass sich durch digitale Systeme die Blickrichtung vom Menschen auf die Systeme umkehrt von den Systemen in Richtung des Menschen, bestätigt sich. Wenden wir uns nun der Kommunikationssituation zu, in der Menschen direkt mit anderen Menschen, aber bereits digital über einen Instant Messenger in Verbindung treten. Kommunikationsmöglichkeiten – Instant Messenger Ein Instant Messenger ermöglicht es Menschen, unabhängig von räumlichen und zeitlichen Grenzen zu kommunizieren. Da diese Art der Kommunikation zeitlich unabhängig ist, also Inhalte für den Empfänger zu einer anderen Zeit abrufbar sind, als sie vom Sender zur Verfügung gestellt wurden, kann über einen Instant Messenger gleichzeitig mit mehreren anderen Menschen kommuniziert werden. Sowohl die Kürze der Nachrichten als auch die Inhalte lassen darauf schließen, dass es beim Versenden von Nachrichten eher darum gehen könnte, Aufmerksamkeit für die eigene Person zu erzeugen und weniger darum, eine gemeinsam geteilte Perspektive auf eine Handlung einzunehmen (vgl. Wyss, 2016: 263). Dies würde Flussers Prognose bestätigen, dass sich die Verbindung an sich als wichtiger erweisen wird als der durch sie transportierte Inhalt. „Nicht der Mensch und auch nicht die Gesellschaft, sondern das Beziehungsfeld, das Netz der intersubjektiven Relationen, ist das Konkrete“ (Flusser, 1997b: 144). Im Gegensatz zu den sozialen Netzwerken muss bei Instant Messengern kein Profil angelegt werden. Daher ist der Einfluss auf die Vermittlung und Darstellung der Informationen geringer. Zudem werden den Anwenderinnen und Anwendern nicht direkt Inhalte auf Grund ihres Nutzungsverhaltens angeboten. Daraus folgt, dass das System we- 3.2 3.2 Kommunikationsmöglichkeiten – Instant Messenger 101 niger als Kommunikationspartner denn als Kommunikationsvermittler auftritt.57 Außerdem stellen Instant Messenger nicht auf Grundlage von Klickverhalten Inhalte zur Verfügung. Die Infrastruktur des Messengers tritt also nicht als Kommunikationspartner auf. Das unterscheidet ihn von den Eingriffsmöglichkeiten sozialer Netzwerke auf die Kommunikation zwischen Menschen. Instant Messenger beeinflussen die Kommunikation der Nutzerinnen und Nutzer auf der Ebene der Präsentation von Informationen. Transportiert werden ausschließlich digitalisierbare Informationen, Mimik und Gestik, die zum Beispiel Ironie ausdrücken könnten, fallen aus der Kommunikation heraus. Auch in einem klassischen Brief lassen sich Mimik und Gestik nicht darstellen. Ihn unterscheidet von der Kommunikation durch Instant Messenger jedoch der Anspruch, Mitgeteiltes differenziert darzulegen. Flusser bezieht sich auf Kierkegaard, wenn er den Brief zum Modell für die höchste Form jedes Lesens von Texten erhebt. Briefe müssen zunächst entziffert werden. Und dann wird zwischen ihren Zeilen gelesen. Kierkegaard meint, so lese man auch die Bibel, diesen Brief aller Briefe; und lese man sie nicht so, dann sei sie nicht die Bibel. Jeder Text aber kann als Brief gelesen werden, nämlich nicht kritisch, sondern in dem Versuch, den Absender anzuerkennen. (Flusser, 2002: 103) Das Zitat macht den grundlegenden Unterschied im Stellenwert von Brief und Instant Messenger augenfällig. Die schnelle Aktions-Reaktionsmöglichkeit scheint beim Messenger seine Beschränkungen auszugleichen. Sie führt jedoch nicht selten zu einer Verknappung der Ausdruckweisen. Den Versuch, diese durch sogenannte Emoticons aufzulösen, werde ich im Folgenden noch diskutieren. Durch die schnelle Reaktionsmöglichkeit, aber auch die Möglichkeit, auf eine Reaktion zu verzichten, ohne mit der anderen Person konfrontiert zu sein, greifen Instant Messenger in das Verhältnis zwischen Handlungsimpuls und Rückmeldung durch die angesprochene Person – also in die Abfolge der Meadschen Handlungsinstanzen „I“ und „me“ – ein. Hinzu kommt, dass die oft mobile Nutzung dazu bei- 57 Auf Mischformen zwischen sozialen Netzwerken und Instant Messengern habe ich bereits hingewiesen. Ich werde mich hier aber aus analytischen Gründen weiterhin an die vorgestellte Unterscheidung halten. Kapitel 3: Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen 102 trägt, dass die Anzahl an gesendeten und empfangenen Nachrichten stark ansteigen kann (vgl. Deloitte, 2016: 1). Kommunikationsmöglichkeiten – Soziale Netzwerke Betrachten wir nun die zweite bereits kurz angeschnittene Kommunikationssituation: die in Sozialen Netzwerken. Diese unterscheiden sich von analogen Sozialen Netzwerken, wie beispielsweise einem Verein (neben der Tatsache, dass sie auf digitaler Kommunikation beruhen) durch drei Punkte. Der erste Punkt lässt sich mit dem Satz: „If you are not paying for it, you're not the customer; you're the product being sold“ zusammenfassen. Tatsächlich sind die Interessen der Entwicklerinnen und Entwickler oder Gründerinnen und Gründer sozialer Netzwerke nicht kongruent mit den Interessen der Nutzerinnen und Nutzer. Partizipieren die meisten Nutzerinnen und Nutzer an einem sozialen Netzwerk, um sich mit anderen Menschen auszutauschen oder sich als Teil einer Gemeinschaft wahrnehmen zu können, haben die Gründerinnen und Gründer sozialer Netzwerke erkannt, dass in einer zunehmend durch kommunikatives Verhalten von Menschen bestimmten Gesellschaft Daten, die sich aus diesem Verhalten ableiten lassen, erhebliche Finanzkraft bedeuten.58 Damit wird Aufmerksamkeit zur zentralen Ressource innerhalb dieser Netzwerke, da sie den Gegenwert zur Wirksamkeit von Werbung und damit von Werbekundschaft darstellt.59 Um Nutzerinnen und Nutzer als Kundschaft zu gewinnen, ist nicht deren Finanzkraft im unmittelbaren Fokus, sondern es gilt, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, damit ihre Verweildauer im Netzwerk möglichst hoch ist. Nur dann können ihnen Angebote unterbreitet und ihre Kaufentscheidungen forciert werden. 3.3 58 Siehe hierzu auch: Facebook nutzt Google-Trick zum Geldverdienen – PageRank und Sponsored Storys (Stöckler, 2012: 1) 59 Die hierfür notwendigen Analysen sind derartig komplex und ihre Ergebnisse finanziell derartig potent, dass sich hierzu ein eigenes Forschungsgebiet mit dem Titel „Social Media Analytics“ entwickelt hat (vgl. Stieglitz, Dang-Xuan, Bruns & Neuberger, 2014: 104). Doch trotz verfeinerter Analysemethoden bleibt den Algorithmen die menschliche Gedankenwelt verschlossen. 3.3 Kommunikationsmöglichkeiten – Soziale Netzwerke 103 Anders als im analogen Leben können diese Angebote auf Grundlage der von Nutzerinnen und Nutzern freiwillig zur Verfügung gestellten Daten personalisiert generiert werden. Hierarchien, die außerhalb dieser Netzwerke gelten und die sich nicht selten auf den sozioökonomischen Status der Nutzerinnen und Nutzer beziehen, verlieren im Netz zunehmend an Bedeutung.Was zählt, ist die kommunikative Reichweite. Sie wird zunehmend zur Währung und äußert sich oft genug in geldwertem Vorteil – zumindest für anerkannte „Influencer“ (vgl. Kilian, 2017: 65). Auch wenn dieses Phänomen aus der alten Welt bekannt ist – Paul Lazarsfeld sprach bereits 1944 vom Opinion Leader – unterscheiden sich Netzwerke dadurch, dass Prominenz nicht Voraussetzung für ein erfolgreiches Geschäftsmodell ist (vgl: Lazarsfeld, Berelson & Gaudet, 1944: 49–51). Sie hat aber auch direkte Auswirkungen auf das Selbst-Bewusstsein der Nutzerinnen und Nutzer, wie Reich, Schneider und Heling in ihrer experimentellen Studie zur Nutzung von Facebook herausgefunden haben: „Likes seem to be a currency for self-esteem and belonging, and few Likes boost self-esteem and belongingness to a lesser extent than many Likes.“ (Reich, Schneider & Heling, 2018: 12) Innerhalb von Netzwerken bilden sich verschiedenste Strukturen der Verbindung von Personen mit Personen und Personen mit Gruppen. Sie entwickeln sich um Themen, Interessensgebiete und Vorhaben herum. Die sozialen Netzwerke stellen die Infrastruktur zur Verfügung und zeichnen das Verhalten der Agierenden auf. Soziale Netzwerke unterscheiden sich von Instant Messengern vor allem dadurch, dass sich die Mitglieder mit einem Profil anmelden müssen, das einerseits technische Vorgaben macht, andererseits werberelevante Daten erfasst. Exemplarisch beziehe ich mich hier auf den derzeit größten Anbieter von Social-Media-Dienstleistungen: Facebook. Kapitel 3: Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen 104 Dabei geht es zum einen um klassische Anmelde- oder Registrierungsdaten, wie beispielsweise (Email-)Adressen, Alter, Geschlecht, etc., zum anderen um solche Daten, aus denen sich die (Konsum-)Vorlieben der Nutzer herleiten lassen, also deren Präferenzen und daraus folgend möglicherweise Informationen über individuelle Zahlungsbereitschaften. Zu letzterer Gruppe gehören Daten über die individuelle Such, Surf- und Einkaufshistorie einer Nutzerin ebenso wie direkte Angaben persönlicher Vorlieben (z.B. Posts, Kommentare und Ratings inklusive Facebook-Likes) oder auch Bewegungsprofile – und vieles anderes mehr. (Budzinski & Grusevaja, 2017: 5) Da die erste Gruppe von Daten (Alter, Geschlecht etc.) von den Nutzerinnen und Nutzern manipuliert werden kann, weil sie nicht ohne weiteres zu überprüfen ist, ist ein Ungleichgewicht zwischen den in der Online- und in der Offline-Welt präsentierten Merkmalen einer Person möglich. Nutzerinnen und Nutzer erhalten die Möglichkeit, sich gemäß ihren eigenen Vorlieben zu präsentieren. Zum zweiten greifen die Algorithmen, auf denen diese Netzwerke basieren, in unterschiedlichem Maß in die Kommunikation der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein, indem sie Inhalte selektieren, zensieren und deren Verteilung beeinflussen. Eine höchst aktuelle Entwicklung thematisieren Mark Dang-Anh, Jessica Enspänner und Caja Thimm in ihrem Beitrag über die Verbreitung von Inhalten über den Microblogging-Dienst Twitter. Sie zeigen, wie eine immer stärker durch Algorithmen gesteuerte, selektive Distribution von Inhalten die Kontrolle der Kommunikatoren über ihre eigenen Kommunikate eingeschränkt wird. Die Bewertung der Authentizität dieser Kommunikate hängt deshalb stark von der Transparenz der Algorithmen und deren Beeinflussbarkeit durch die jeweiligen Nutzer ab. (Emmer et al., 2013: 13)60 Dies führt zu einem erheblichen Einfluss der vermittelnden Technik auf die vermittelten Inhalte. Soziale Netzwerke ermöglichen also einerseits neue Formen der Identitätskonstruktion und erzeugen anderer- 60 Auch Schulz weist auf die Macht der Algorithmen hin, wenn er schreibt: „Die Auswahlalgorithmen werden vor allem von zweierlei beeinflusst […]. Zum einen die eigene Interaktion mit Freunden, also wie oft man etwa Fotos anschaut oder ein ‚Like‘ hinterlässt. Das ist naheliegend. Hinzu kommt aber auch, wie populär eine Story bei allen anderen ist. Entsprechend ist dann gerne mal das niedliche Katzenfoto ganz oben im Newsfeed, für das viele Freunde ein ‚Like‘ übrig hatten. Nicht aber der nachdenkliche Kommentar, für den sich kaum jemand interessieren wollte“ (Schulz, 2018: 1). 3.3 Kommunikationsmöglichkeiten – Soziale Netzwerke 105 seits eine zuvor nicht dagewesene Einflussnahme auf die Möglichkeit und die Auswahl der Darstellung menschlicher Eigenschaften. Damit geben sie ihren Nutzerinnen und Nutzern einen relativ engen Rahmen ihrer Selbst-Darstellung vor, der dazu führt, dass sie sich den Vorgaben des jeweiligen Netzwerks anpassen müssen. Diese Anpassung lässt sie zu „Funktionären“ – im Flusserschen Sinn – der jeweiligen Technik werden (vgl. Flusser, 1996a: 151). Funktionäre auch deshalb, weil Nutzerinnen und Nutzer der sozialen Netzwerke zwar bestimmen können, welche Eigenschaften sie präsentieren, aber keinen Einfluss darauf haben, in welchem Rahmen sie präsentiert werden. Die hinter den Präsentationsmöglichkeiten stehenden Mechanismen vermögen sie nicht zu begreifen, da die Arbeitsweisen der Algorithmen, nach denen in sozialen Netzwerken Informationen verbreitet werden, von den Betreibern der Netzwerke nicht öffentlich gemacht werden. Damit werden Menschen also zum einen zu Funktionären der Algorithmen, deren Wirkungsweisen sie nicht mehr verstehen können und zum anderen zu Funktionären der Netzwerkbetreiberinnen und -betreiber, die die aus den Profilen der Mitglieder gewonnenen Daten vermarkten. Ungeachtet dessen kommunizieren die Mitglieder dieser Netzwerke miteinander und publizieren Inhalte. Die Selbst-Darstellung ermöglicht soziale Präsenz, also die Möglichkeit, von anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wahrgenommen zu werden, ohne vor jedem Wahrgenommenwerden aktiv handeln zu müssen, denn die eigenen kommunikativen Handlungen sind in einem Profil konserviert (vgl. Höflich, 2016: 48). Die Möglichkeit, wahrgenommen zu werden, ohne selbst zu kommunizieren, durchbricht den mit Mead beschriebenen Kreislauf von Handlungsimpuls und Rückmeldung. Selbstpräsentation wird also nicht mehr so sehr ausgelöst durch Verhaltensweisen anderer Nutzerinnen und Nutzer, sondern wird beeinflusst durch die Kategorien der Präsentation, die ihnen die Netzwerke zur Verfügung stellen. Die Selbst-Darstellung durch Profile in sozialen Netzwerken ermöglicht es den Mitgliedern innerhalb der Darstellungskategorien frei zu wählen, welche Eigenschaften sie von sich zeigen wollen. Damit er- öffnet das Profil die Möglichkeit, sich stark abweichend von der Wahr- Kapitel 3: Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen 106 nehmung anderer Menschen in der analogen Welt darzustellen. „Die Frage nach der Authentizität wird in diesem Kontext vom Kommunikator überhaupt nicht in den Blick genommen, nicht einmal ablehnend“ (Emmer et al., 2013: 23). So erfahren Menschen Reaktionen auf ihr kommunikatives Verhalten, die sich so nicht zwangsläufig in einer face-to-face-Kommunikation ergeben würden. Profile werden zu – bisweilen extrem asynchronen – Stellvertretern der sich darstellenden Personen. Es entsteht eine neue Art des Ungleichgewichts zwischen der Selbst-Darstellung und der Wahrnehmung durch andere Personen, da die Selbst-Darstellung nicht mehr situationsgebunden an die Reaktionen angepasst werden kann. Sowohl Selbst-Darstellung als auch Selbst-Beobachtung unterliegen den technischen Rahmenbedingungen des jeweiligen sozialen Netzwerks bzw. den Einstellungen des Profils, mit dem sich die Nutzerinnen und Nutzer darstellen (vgl. Schmidt, 2011: 84).61 Diese Selbst-Darstellung in Profilen führt allerdings – wenn Nutzerinnen und Nutzer in mehr als einem Netzwerk aktiv sind – bisweilen zur Überforderung: Users often post profiles to today’s online social networks, consisting of attributes like geographic location, interests, and schools attended. Such profile information is used as a basis for grouping users, for sharing content, and for recommending or introducing people who would likely benefit from direct interaction. Today’s online social networks rely on users to manually input profile attributes, representing a significant burden on users, especially when users are members of multiple online social networks. Thus, in practice, not all users provide these attributes, thereby reducing the usefulness of the social networking applications. (Mislove, Viswanath, Gummadi & Druschel, 2010: 1) Die Möglichkeiten, innerhalb derer Nutzerinnen und Nutzer ihr Profil gestalten können, gehören zu den Möglichkeiten der Einflussnahme der sozialen Netzwerke auf das Selbst-Bild ihrer Nutzerinnen und Nutzer. Die zweite Art der Beeinflussung findet auf Grundlage ihres Klickverhaltens statt. 61 Welche Auswirkungen dies auf die Konstruktion eines Selbst-Bildes hat, wird im Folgenden noch dargestellt werden. 3.3 Kommunikationsmöglichkeiten – Soziale Netzwerke 107 Das Klickverhalten oder der Click-Stream beschreibt die bewusste Selektion von alternativen Webpages im WWW und damit das sog. Handeln. (Silberer, Engelhardt & Andreassen, 2005: 117) Das Klickverhalten eines Menschen wird zunehmend als Abbildung seines emotionalen Verhaltens betrachtet.62 Jedes Mitglied eines sozialen Netzwerks hinterlässt eine nur für digitale Auswertungsprogramme sichtbare Datenspur. Um Nutzerinnen und Nutzer an das Netzwerk zu binden, werden ihnen aus ihren Daten generierte Inhalte sowie gezielt Werbung, die für sie von Interesse sein könnte, angeboten. Das Interesse der Nutzer und Nutzerinnen liegt im Austausch mit anderen. Das Interesse der Netzwerkbetreiberinnen und -betreiber liegt darin, Geld durch Werbung zu verdienen. Damit unterscheiden sich die Ziele der Beteiligten erheblich. Der einzelne Mensch mit einer Innenwelt, mit Ideen, Träumen und Wünschen ist als Referenzgröße nicht relevant. Für die Algorithmen sind Menschen Black Boxes, die rein über ihre messbaren Reiz-Reaktions-Beziehungen erfasst werden. Bewusstsein, Wahrnehmung oder Intentionen spielen für sie keine Rolle. (Stalder, 2016: 199)63 Stalders Argument ist zwar zutreffend, greift meines Erachtens aber zu kurz, weil er nur eine Seite betrachtet. Für einen Nutzer bildet sich „sein“ Netzwerk erst dadurch, dass er Verbindungen mit anderen eingeht. Netzwerke sind also einerseits Ergebnisse aus dem vorgegebenen Angebot des Anbieters, andererseits das spezifische Produkt des einzelnen Nutzers. Diesem Gedanken folgend, stellt sich für jeden Nutzer sein Netzwerk anders dar. Indem Mitgliedern immer öfter maßgenschneiderte Inhalte zur Verfügung gestellt werden, bilden sich innerhalb dieser Netzwerke kleine thematische Blasen. Sie können bis auf die Größe eines einzelnen Mitgliedes zusammenschrumpfen. 62 Siehe hierzu: Der Einfluss von Emotionen auf das Blick-und Klickverhalten (Silberer et al., 2005: 133ff). 63 Leider definiert Stalder (m. E.) nicht weiter, was er hier mit dem „Bewusstsein“ des Menschen genau meint. Ist die Anzahl an Eigenschaften gemeint, die ein Mensch – im Sinne einer narrativen Identitätstheorie – sich selbst zuschreiben würde? Ist damit das Wissen über eine Existenz in Raum und Zeit gemeint oder gar eine Erste- Person-Perspektive im Sinne Metzingers? Kapitel 3: Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen 108 Im Jahre 2011 sorgte Eli Pariser mit seinem Buch „The Filter Bubble“ für Aufsehen. Seine These lautet, dass Algorithmen auf Grund der Daten, auf die sie Zugriff haben, genauere Erkenntnisse über die Interessen von Menschen als diese selbst hätten und dadurch gezielt Informationen anbieten könnten. Die Folge seien sogenannte Filterblasen. Teilnehmer würden nur noch mit personalisierten Informationen versorgt, die ihre eigene Meinung bestätigten. In seinen Überlegungen zur Filterblase zielt Pariser vor allem auf die wirtschaftlichen Aspekte und die durch die personalisierte Bereitstellung von Informationen entstehende Möglichkeit personalisierter Werbung ab. So schreibt er: In diesen Datenmengen steckt eine unermessliche Zahl von Mustern. Wenn sie richtig nutzbar gemacht werden, ermöglichen sie eine unvorstellbare Filtergenauigkeit. So wird eine Welt entstehen, in der unsere objektiven Erfahrungen quantifiziert, aufgezeichnet und zur Information unseres Umfeldes eingesetzt werden. (Pariser, 2012: 125)64 Das von Eli Pariser beschriebene Konzept der Filterblase ist im Hinblick auf die Stabilität ihrer Membranen höchst umstritten. In verschiedenen empirischen Untersuchungen legt unter anderen Michael Kreil dar, dass Filterblasen nicht nur sehr schwer nachweisbar sind, sondern auch, dass diese Filterblasen weit weniger geschlossen und die in ihnen vertretenen Meinungen weniger gleichförmig sind, als Pariser annimmt.65 In welchem Maß das Verhalten von Menschen innerhalb kommunikativer Netzwerke zur Entstehung von Filterblasen beiträgt, wird Thema im folgenden Kapitel sein. Vorab ist anzumerken, dass zwei Merkmale sozialer Netzwerke die Entstehung grundsätzlich ermöglichen. Erstens: Indem sich Menschen durch Profile darstellen und aktiv Kontakt zu anderen Personen aufnehmen. Zweitens: Soziale Netzwerke bieten nicht nur Inhalte anderer Menschen, sondern Algorithmen präsentieren ebenfalls Inhalte, und zwar solche, die zum vorangegangenen Nutzungsverhalten passen. Das Netzwerk verlässt den Status der Infrastruktur und erweitert sein Auftreten zum verdeckten Interaktionspartner. Verdeckt deshalb, weil die Selektion der Inhalte nicht auf Regeln oder Verhaltensweisen beruht, 64 Parisers „objektive Erfahrungen“, lässt sich treffender mit dem Begriff des „Klickverhaltens“ bezeichnen, da Erfahrungen in ihrem Wesen subjektiv sind. 65 Eine kritische Auseinandersetzung findet sich bei Kreil, 2017: SOCIAL BOTS, FAKE NEWS UND FILTERBLASEN 3.3 Kommunikationsmöglichkeiten – Soziale Netzwerke 109 die zuvor innerhalb einer Kommunikationsgemeinschaft durch kommunikative Interaktion entstanden sind, sondern auf nicht transparenten Regeln, die außerhalb dieser kommunikativen Interaktion und den Auswertungsverfahren liegen. Using thousands of slides and pictures, Facebook sets out guidelines that may worry critics who say the service is now a publisher and must do more to remove hateful, hurtful and violent content. Yet these blueprints may also alarm free speech advocates concerned about Facebook’s de facto role as the world’s largest censor. Both sides are likely to demand greater transparency. (Hopkins, 2017: 1) Die Intransparenz der Regeln ist das Kriterium für den entscheidenden Unterschied zwischen Filterblasen und stark abgegrenzten kommunikativen Gruppen in der Offline-Kommunikation. Die Netzwerkbetreiber können kein Interesse an einer Offenlegung der Regeln haben, da dies ihrem Geschäftsmodell zuwiderliefe. Ihr Kapital ist die Aufmerksamkeit der Nutzerinnen und Nutzer, deren Verweildauer und selbstverständlich auch deren Daten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass in sozialen Netzwerken jeder Mensch (theoretisch) Rezipient und Produzent von Inhalten werden kann. Der Begriff des „Klickverhaltens“ ist ein zentraler, wenn wir das Verhältnis zwischen Menschen und digitaler Kommunikationstechnik beschreiben wollen. Es ist die Währung, die Auskunft gibt über das Interesse, das ein Angebot zu wecken vermag. Kommunikation – Digitale Agenten In der dritten Kommunikationssituation geht die Reaktion auf die kommunikative Handlung eines Menschen nur noch von der digitalen Kommunikationstechnik selbst aus. Sie reagiert auf unterschiedlichen Ebenen auf menschliches Verhalten. Self-Tracking-Programme, also Programme zur digitalen Selbst-Vermessung, spiegeln messbare Eigenschaften und erzeugen einen digitalen Blick auf die Nutzerinnen und Nutzer. Damit treffen sie im Gegensatz zu den digitalen Agenten keine Reaktionsentscheidungen. Sie simulieren also weder Kommunikation noch verstehen sie diese. Dennoch treffen sie Aussagen über die an- 3.4 Kapitel 3: Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen 110 wendende Person, indem sie durch den Zugriff auf die Daten anderer Nutzerinnen und Nutzer in der Lage sind, zu vergleichen und zu korrelieren. Ermittelt werden die Daten über Sensoren wie Puls- und Blutdruckmesser, Schrittzähler, Temperaturmesser etc., durch die zuvor eingegebenen Interessen wird gefiltert und in Profilen zusammengefasst. Das Selbst-Bild eines Menschen wird nun beeinflusst durch Rückmeldungen künstlicher Intelligenz. Es sind Darstellungen ohne menschliche Sinnzusammenhänge, in denen alle nicht messbaren Umstände keine Berücksichtigung finden. Allein durch Korrelation von Daten werden menschliche Lebensäußerungen interpretiert. Damit bilden digitale Agenten eine Brücke zwischen digitaler Informationsverarbeitung und Körperwahrnehmung.66 Digitale Agenten sind so programmiert, dass sie auf Handlungen von Menschen reagieren können.67 Durch ihre Lernfähigkeit nimmt ihre Autonomie zu. Ziel ist hierbei, sich an Menschen zu orientieren und möglichst genau menschliche Kommunikation zu simulieren. Diese Interaktion lässt sich – wie bereits bemerkt – in zwei Kategorien unterteilen. In der einen ist dem Menschen bewusst, dass er mit einem digitalen Agenten interagiert und in der anderen geht er davon aus, sich mit einem Menschen zu unterhalten, tatsächlich kommuniziert er jedoch mit einem sogenannten Social Bot.68 Social Bots treten in sozialen Netzwerken als Menschen auf und sind oft genug in der textbasierten Kommunikation von Menschen nicht zu unterscheiden. Da sie mit geringem finanziellen Aufwand und technisch einfach zu programmieren sind, tummeln sie sich millionenfach im Netz. Unter Fake Accounts versteht man manuell angelegte Nutzerprofile, die jedoch nicht zu dem Nutzer gehören, den sie vorgeben, darzustellen. Ihre Funktion ist nicht allein auf Werbung be- 66 Siehe hierzu auch Wenn Maschinen Menschen bewerten Internationale Fallbeispiele für Prozesse algorithmischer Entscheidungsfindung (Lischka, 2017). 67 „Immer mehr Unternehmen arbeiten in der Kundenbetreuung mit Chatbots. Laut einer aktuellen Umfrage von YouGov kann sich jeder zweite Deutsche die Kommunikation mit einem Computerprogramm vorstellen“ (Suhr, 2017: 1). 68 Ein Beispiel hierfür ist der Chatbot „Novi“ auf der Internetseite Tagesschau.de. „Novi“ dient dazu, kompakte Nachrichten und auf Wunsch auch längere Zusammenstellungen zu ausgewählten Themen zur Verfügung zu stellen (vgl. Funk.net, 2017). 3.4 Kommunikation – Digitale Agenten 111 schränkt, sie sind in der Lage, Wirkung in der öffentlichen Meinung zu entfalten, wie wir aus den Wahlkämpfen in den USA und in Großbritannien wissen. Sie tarnen sich als Follower auf Twitter, sind darauf programmiert, Themen zu bestimmen, zu provozieren, Diskussionen zu beeinflussen oder mit Kommentaren so zu fluten, dass eine sinnvolle Debatte nicht mehr möglich ist. Bots können darauf programmiert werden, Antworten zu generieren, die aus Versatzstücken bereits existierender Texte bestehen. Sie sind dann je nach Qualität der Programmierung mehr oder weniger sinnvoll. Sie treten vorrangig in sozialen Netzwerken auf, da sie auf die Analyse des Klickverhaltens angewiesen sind und diese Analyse nur innerhalb einer digitalen Infrastruktur erfolgen kann (vgl. Calo, 2010: 22). With the rapid progress in capturing data from the real world and the possibility of active interaction with virtual agents, essential prerequisites for successful and fundamental changes in the economy and society are established. (BitKom, 2017: 2) Das Klickverhalten gibt den Bots Aufschluss über die wirksamste Strategie, sich ins Gespräch zu bringen. Emilio Ferrara, Onur Varol, Clayton Davis, Filippo Menczer und Alessandro Flammini haben dies anhand des Mikroblogging-Dienstes Twitter untersucht: In recent years, Twitter bots have become increasingly sophisticated, making their detection more difficult. The boundary between human-like and bot-like behavior is now fuzzier. For example, social bots can search the Web for information and media to fill their profiles, and post collected material at predetermined times, emulating the human temporal signature of content production and consumption – including circadian patterns of daily activity and temporal spikes of information generation. (Ferrara, Varol, Davis, Menczer & Flammini, 2016: 99) Digitale Agenten unterscheiden sich – wie gezeigt – vom Menschen, weil ihnen genau das den Menschen charakterisierende Merkmal fehlt, über Wünsche und Ziele zu verfügen. Zudem ist das Klickverhalten eines Menschen nicht mit dem Wunsch, den er zu erfüllen versucht, identisch. Es zeigt nur eine Verhaltensweise auf dem Weg zur Erfüllung, nicht die Absicht selbst. Der Anspruch, Ziele und Wünsche eines Menschen durch sein Klickverhalten zu analysieren, scheitert an der Unkenntnis der Motivation, die zu dem Verhalten führt. Der Rückgriff Kapitel 3: Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen 112 auf enorme Datenmengen und Wahrscheinlichkeitsberechnungen ändert daran nichts, obwohl die digitalen Spuren eines Menschen, der sich im Netz bewegt, deutlich lesbar sind. Durch die Kommunikation mit digitalen Agenten und Social Bots sind wir unmittelbarer mit digitalen Reaktionen auf unser Verhalten konfrontiert als bei der Praxis der digitalen Selbstvermessung. Menschliche Reaktionen auf menschliches Verhalten werden zunehmend von digitalen Reaktionen verdrängt.69 Ein weiterer Unterschied ist die hohe Reaktionsgeschwindigkeit und Reaktionsmenge der Bots. Hier sind sie Menschen deutlich überlegen (vgl. Hegelich, 2016: 3). Zwischenfazit Wir haben gesehen, dass ein Faktor für den Erfolg digitaler Kommunikation in der Rolle der Vermittlerin vor allem darauf beruht, dass sie die Kommunikation im Alltag vereinfacht. Zudem eröffnen digitale soziale Netzwerke zahlreiche neue Möglichkeiten der Kommunikation, die in der analogen Welt nicht vorhanden sind. Durch die Darstellung in Form von Profilen können die Nutzerinnen und Nutzer die Darstellung anderer Mitglieder betrachten, ohne hierbei aktiv kommunizieren zu müssen (vgl. Schmidt, 2011: 39).70 Die Notwendigkeit, sich in diesen Netzwerken datenkompatibel zu verhalten, eröffnet den Nutzerinnen und Nutzern zwar auf der einen Seite, zum alleinigen Produzenten ihrer Selbst-Darstellung zu werden, führt aber andererseits auch dazu, dass Social Bots mit Nutzerinnen und Nutzern in Kontakt treten, ohne dass ihnen das bewusst ist. 3.5 69 Nachdem ich im folgenden Kapitel erläutert haben werde, wie dieser digitale Blick durch das Verhalten der Nutzerinnen und Nutzer noch verstärkt wird, werde ich im fünften Kapitel darlegen, wie sich dies auf die Vorstellung darüber, was Menschen für Kommunikation halten, auswirkt. 70 Welche Auswirkungen dies in Bezug auf das Verhältnis zwischen Selbstdarstellung und Fremdwahrnehmung hat, wird im folgenden Kapitel untersucht werden. Siehe hierzu auch: „Although SNSs (Social network sites) are often characterized as technologies of them self, they are also tools for forming and strengthening interpersonal bonds. Our study demonstrates the utility of investigating how individual differences, specifically narcissism, affect interpersonal connectivity on these technological platforms” (Choi, Panek, Nardis & Toma, 2015: 213). 3.5 Zwischenfazit 113 Soziale Netzwerke verlangen, dass sich Menschen in Form von Profilen präsentieren. Ein Motiv liegt in der Erzeugung einer attraktiven Selbstdarstellung, die außerhalb der Netzwerke nicht unbedingt funktionieren muss. Aufmerksamkeit ist dabei für beide Seiten eine zentrale Ressource: Mitglieder versuchen, Aufmerksamkeit für ihren Auftritt zu gewinnen, die Netzwerkbetreiber benötigen die Aufmerksamkeit der Mitglieder für ihre kommerziellen Interessen. Dabei handelt es sich dennoch nicht um ein ausgewogenes Verhältnis. Mitglieder des Netzwerks stimmen in den Nutzungsbestimmungen einer Datenakkumulation zu, auf der ein lukratives Geschäftsmodell basiert. Dass dabei auch Gewinn aus von Mitgliedern generierten Inhalten gezogen wird, gehört zum Geschäft. Die Mitglieder sind vor die Aufgabe gestellt, in einem Chor der Sendenden wahrgenommen zu werden. Es wurde gezeigt, dass Menschen in sozialen Netzwerken digitale Spuren hinterlassen, die von Algorithmen gelesen werden, das heißt, digitales Verhalten wird analysiert, um personalisierte Inhalte anzubieten, die vorherigen Inhalten möglichst ähnlich sind, da vorausgesetzt wird, dass sich zukünftiges Interesse aus derzeitigem Verhalten ableiten lässt. Diese nicht menschliche Reaktion auf menschliches Verhalten ist ein Moment, den es vor der Entwicklung künstlicher kommunizierender Systeme und der mit ihr verbundenen Veränderung der Blickrichtung von Mensch auf Technik hin zu Technik auf Mensch so noch nicht gab. Die Herausforderung besteht darin, dass ein Mensch seinem Selbst-Bild künstlich erzeugte Reaktionen auf sein Verhalten hinzuzufügen hat. Welche Auswirkungen es für die Konstruktion des Selbst-Bildes hat, dass nun nicht mehr nur der Mensch die Technik, sondern auch die Technik den Menschen betrachtet, wird im Laufe der Arbeit noch diskutiert werden. Hierbei wird herausgearbeitet, wie und ob es möglich ist, einen individuellen Blick auf standardisiert dargestellte Selbst- Bilder zu bewahren, Menschen also trotz ihrer Selbst-Darstellungen in Profilen und ihrer Emotionsäußerungen durch Emoticons als voneinander unterscheidbare Individuen wahrzunehmen, oder ob die einem effektiven Verfahren – wie es Weizenbaum veranschaulichte – unterliegende Darstellung menschlicher Eigenschaften zu einer Einebnung der Unterschiede in den Selbst-Darstellungen beiträgt. Das führt zu Kapitel 3: Digitale Kommunikation – technische Rahmenbedingungen 114 der Frage, ob sich Menschen in der Konstruktion ihres Selbst-Bildes weniger von den Darstellungen anderer Menschen unterscheiden können und sich darum weniger mit ihren eigenen kommunikativen Handlungen identifizieren, als in direkter zwischenmenschlicher Kommunikation. 3.5 Zwischenfazit 115

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Zusammenfassung

Das Internet kombiniert als Hybridmedium bereits existierende Möglichkeiten der Interpersonellen- und der Massenkommunikation mit neuen Formen der Vernetzung und Datenübertragung. Um die Folgen dieser Entwicklung zu beschreiben, schlägt der Autor eine Brücke zwischen Kommunikationswissenschaft und Identitätsphilosophie. Auf diesem Weg entsteht eine Interaktionstheorie, die erklärt, wie Kommunikationsphänomene wie Hate-Speech, Identitätsverlust und der Drang nach Selbstinszenierung durch die Spezifika der digitalen Kommunikation vorangetrieben werden. Er stützt sich hierbei auf Denker wie G. H. Mead, V. Flusser, J. Butler und J. Weizenbaum und erklärt so, was der Mensch über sich selbst erfährt, wenn er digital vermittelt mit anderen in Kontakt tritt und was, wenn er statt mit einem anderen Menschen mit künstlicher Intelligenz kommuniziert. So trägt Lukas Lehning auf dem Gebiet der Identitätsphilosophie und der Kommunikationswissenschaft zur Grundlagenforschung bei.