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Lukas Lehning

Digitale Kommunikation aus der Perspektive des Sozialbehaviorismus, page 203 - 216

Eine Untersuchung digital vermittelter Selbst-Wahrnehmung nach George Herbert Mead

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4430-8, ISBN online: 978-3-8288-7442-8, https://doi.org/10.5771/9783828874428-203

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 92

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Fazit Die vorliegende Arbeit erforschte die Veränderung von menschlicher Selbst-Wahrnehmung durch die digitale Kommunikationstechnik, einen Forschungsgegenstand, der nicht retrospektiv betrachtet und analysiert werden kann, da der Prozess der Digitalisierung noch längst nicht abgeschlossen ist. Auch fehlen zu einer letztendlichen Beurteilung seiner Auswirkungen auf die Gesellschaft und den Einzelnen Erkenntnisse aus empirischen Studien. Um dennoch zu belastbaren Aussagen zu kommen, wurde ein Menschenbild zugrunde gelegt, das die Existenz eines reflexions- und handlungsfähigen, mit Willensfreiheit ausgestatteten Individuums annimmt. Der Sozialpsychologe Mead hat wesentliche Hinweise auf die Konstitution des Selbst geliefert, die ich mir für die vorliegende Arbeit zunutze gemacht habe. Seinen Erkenntnissen über Sozialisation und Individuation als einen sich wechselseitig beeinflussenden Prozess ist weiterhin Gültigkeit zuzusprechen, auch wenn fruchtbare Weiterentwicklungen und Präzisierungen seiner Theorie vorgenommen und hier mit verschiedenen Autorinnen und Autoren diskutiert wurden. Auf dieser Basis wurden Fragestellungen zum Wesen digitaler Kommunikation entwickelt und beantwortet. Beschrieben wurde der Wandel von einer vermittelnden zu einer interagierenden Kommunikationstechnik. Dies führte schließlich zur Reflexion darüber, ob künstliche Intelligenz über menschliche Fähigkeiten verfügen oder diese nur simulieren kann. Die Vorstellung, Maschinen Wahrnehmungsfähigkeit zuzuweisen, ist als Idee schon bei Leibniz präsent. Er spricht von Perzeptionen: Angenommen, es gäbe eine Maschine, deren Struktur zu denken, zu fühlen und Perzeptionen zu haben erlaubte, so könnte man sich diese derart proportional vergrößert vorstellen, daß man in sie eintreten könnte wie in eine Mühle. Diese vorausgesetzt, würde man, indem man sie von innen besichtigt, nur Teile finden, die sich gegenseitig stoßen, und niemals etwas, das eine Perzeption erklären könnte. Also muß man danach in der einfachen Substanz und nicht im Zusammengesetzten oder in einer Maschine suchen. (Leibniz, 2008: 19) 203 Leibniz berührt damit eine aktuelle Fragestellung in der Debatte um künstliche Intelligenz, nämlich, ob maschinelles Bewusstsein überhaupt mehr als ein theoretisches Konstrukt sein kann. Diese Frage wurde in der vorliegenden Arbeit aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet. Sie ist angesichts der technologischen Entwicklung sowohl aktuell als auch relevant. Die Gesellschaft befindet sich heute in einem dynamischen Prozess, der als digitale Revolution bezeichnet wird und der nahezu alle Lebensbereiche erfasst. Am präsentesten ist diese Transformation im kommunikativen Alltag. Innerhalb weniger Jahre ist unsere Art, zu kommunizieren erheblichen Veränderungen unterworfen worden. Die Überwindung der Grenzen von Ort und Zeit hat nicht nur die Form verändert, sondern auch die Inhalte beeinflusst. Wir agieren mit einer Kommunikationstechnik, die wir nicht wirklich durchschauen, die aber – zunehmend selbstständig – in der Lage ist, unsere kommunikativen Handlungen zu analysieren und daraus ein Bild von uns zu konstruieren. Die Blickrichtung hat durch digitale Technik eine erhebliche Ver- änderung erfahren. Der Mensch schaut nicht mehr allein auf den Menschen und wird von diesem angeschaut, sondern er wird von der Technik in den Blick genommen. Das Verhältnis des Menschen zu früheren Kommunikationstechniken hat sich dadurch grundlegend geändert. Wie diese Veränderung die Selbst-Wahrnehmung des Menschen beeinflusst, ist Thema dieser Arbeit. Basis aller Überlegungen zu Bewusstsein, Selbst-Wahrnehmung und sozialer Erfahrung bilden die Theorie Meads und seine Definition des Menschen. Er begreift ihn als soziales Wesen, das sich vor allem durch die Verwendung von Sprache zu Anderen in Beziehung setzt und aus dieser Beziehung eine Vorstellung von sich als sozial handelnder Person gewinnt. Mead hat die Interdependenz von Individuum und Gesellschaft herausgestellt. Ausgangspunkt seiner Theorie ist ein Verständnis von Gemeinschaft als Zusammenschluss von kooperierenden und konkurrierenden Individuen, die sich selbst erst indem sie aufeinander Bezug nehmen, als Mitglieder einer Gemeinschaft erkennen. Die Wirkung ihrer Handlungen erfahren sie nur im sozialen Zusammenhang, der die Grundlage ihrer Selbst-Wahrnehmung schafft. Hat Mead als einer der ersten ein nicht biologistisch determiniertes Verständnis menschli- Fazit 204 cher Selbst-Wahrnehmung und gesellschaftlichen Handelns vorgelegt, ist in dieser Arbeit sein Ansatz durch jüngere Autoren wie Flusser, Lévinas, Habermas und Butler ergänzt worden, um einzelne Aspekte der Meadschen Theorie besser untersuchen zu können. Alle Autorinnen und Autoren vereint die Auffassung, dass die Anerkennung des Anderen unabdingbare Voraussetzung für Sozialität ist. Mead stellt die Relevanz des Du für das sich erkennende Ich bereits deutlich heraus, wenn er die Wechselseitigkeit der Beziehung betont. Butler beleuchtet die Voraussetzungen der Anerkennung als ethisches Urteil vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Flusser betrachtet das Anerkennungsverhältnis in der elektronisch vernetzten Welt und wägt Chancen und Risiken für seine Entwicklung ab. Lévinas arbeitet die Abhängigkeit des Ich vom Du noch einmal stärker heraus. Für ihn hat das Ich hinter dem Du zurückzutreten. Im Augenblick der Anerkennung vollzieht sich für ihn die Notwendigkeit, Verantwortung für das Du zu übernehmen. Habermas verweist darauf, dass kommunikative Verständigung sich an behaupteten und normativen Geltungsansprüchen orientiert, erkennt aber grundsätzlich den generalisierten Anderen von Mead an. Die Frage, wie Handlungsmotivation überhaupt entsteht, wurde mit zwei Ansätzen, dem sozialtheoretischen und dem naturalistischen, untersucht. Beide haben sich zum Ziel gesetzt, menschliches Verhalten zu ergründen. Ihre Theorien unterscheiden sich wesentlich durch ihr Menschenbild: Dem sozialtheoretischen Ansatz liegt ein Verständnis vom Menschen als Wesen mit eigenem Willen und der Fähigkeit zur Impulskontrolle zugrunde. Daraus lässt sich der Stellenwert bewusst getätigter Handlungen im sozialen Zusammenleben erklären. Selbst- Wahrnehmung wird als Ergebnis sozialer Interaktion begriffen. Der naturalistische Ansatz geht hingegen davon aus, dass menschliches Handeln primär durch neuronale Vorgänge im Gehirn determiniert ist. Aus der Verneinung des Selbst folgt, dass Bewusstsein als Kategorie nicht anerkannt wird. Die Reduzierung menschlicher Reaktionen auf biochemische Prozesse kann jedoch nicht erklären, warum sich Menschen in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen unterschiedlich verhalten – welchen Einfluss also gesellschaftliche Faktoren auf individuelle Handlungen haben. Es offenbaren sich zwei Schwachpunkte der Theorie: Fazit 205 Erstens leben und agieren Menschen immer innerhalb sozialer Zusammenhänge und daher ist es nicht eingängig, den Einfluss dieser Zusammenhänge unbeachtet zu lassen. Zweitens spricht die Möglichkeit, den Vollzug einer Handlung zu hemmen und ihre Folgen antizipieren zu können, dafür, dass Menschen über eine Vorstellung von sich selbst als handelnder Person verfügen, die maßgeblich von ihrer sozialen Umgebung geprägt ist. Diese Vorstellung beruht auf Beobachtung, Erfahrung und Kommunikation. Vertreter des naturalistischen Ansatzes sehen sich in ihren Kernaussagen gezwungen – dies ist mit Metzinger und Dennett gezeigt worden –, auf Begriffe wie „Bewusstsein“ und „Selbst“ zurückzugreifen, obwohl sie die Existenz eben dieser Phänomene bestreiten. Belege für ihre Behauptung, allein die Eigenschaften des Gehirns und nicht einmal ansatzweise die Umwelt determinierten unser Verhalten, bleiben sie schuldig. Ihre Beweisführung ist zwangsläufig inkonsistent. Reduktionistische Theorien erlauben die Annahme, dass künstliche Intelligenz in Zukunft menschlicher Intelligenz (mindestens) ebenbürtig gegenübertreten könnte, weil sie leugnen, dass es für Menschen charakteristische, aber technisch nicht zu substituierende Eigenschaften gibt, wie zu Emotion fähig zu sein und selbstständig Erfahrungen machen zu können. Sie verkennen, dass die Fähigkeit, große Mengen an Daten in Hinblick auf ein zuvor definiertes Ziel auszuwerten, nicht gleichzusetzen ist mit flexibler, auf Erfahrung beruhender Problemlösungskompetenz. Der Begriff „Intelligenz“ wurde im Zusammenhang mit Maschinen einer Prüfung unterzogen. Weizenbaum, der über ein nüchternes Technik- und ein humanistisches Menschenbild verfügte, warnte aus der Expertenperspektive vor der Überschätzung künstlicher Intelligenz und unterschied klar zwischen menschlicher Intelligenz und maschineller Informationsverarbeitung. Nachdem ich die Grundlagen für die Konstituierung von Selbst- Wahrnehmung gelegt habe, komme ich nun mit Weizenbaum zum eigentlichen Thema der Arbeit, den Auswirkungen digitaler Kommunikation auf das menschliche Selbst-Bild. Weizenbaum hat bereits 1966 nachgewiesen, dass die Kommunikation mit einem Computer ein menschliches Gespräch simuliert, aber dessen Charakteristika nicht einlösen kann. Fazit 206 In seinem berühmt gewordenen Experiment ELIZA kommunizierten Versuchsteilnehmer und -teilnehmerinnen im Wissen darum, mit einem Programm in Interaktion zu treten, innerhalb kürzester Zeit so, als hätten sie ein menschliches Gegenüber. Anhand der Gesprächsverläufe lässt sich zeigen, dass das Programm zwar nicht in der Lage war, Sinnzusammenhänge herzustellen, durch die Verwendung von Synonymen und Oberbegriffen jedoch genau diesen Eindruck erweckte. Menschen verfügen über Intentionalität, Maschinen über effektive Verfahren, die Intentionalität substituieren. Weizenbaum plädiert für Trennschärfe in der Kompetenzzuweisung. Unterstützt wird seine Argumentation durch Putnam, der ebenfalls auf die grundlegende Differenz von Mensch und Maschine hinweist. „Maschinelle Intelligenz“ sei kein Beweis für die Existenz von Bewusstsein. Das Fehlen von Erfahrungen und damit auch das Fehlen eines eigenen Willens sei die entscheidende Differenz zwischen künstlich kommunizierenden Systemen und vom Menschen ausgehender Kommunikation. Das deckt sich mit dem von Mead definierten Alleinstellungsmerkmal einer handelnden Person, Bezug auf die Welt nehmen zu können. Es bedeutet, bewusst über eine Außen- und eine Innensicht zu verfügen. Um die technischen Rahmenbedingungen digitaler Kommunikation beschreiben zu können, habe ich drei unterschiedliche digitale Kommunikationsmöglichkeiten unterschieden und anschließend untersucht: Messenger Dienste, soziale Netzwerke und die Kommunikation mit künstlicher Intelligenz. Dabei wurden Eigenschaften digital vermittelter Kommunikation mit denen direkt vermittelter verglichen. Aspekte wie Privatheit, Öffentlichkeit, Selbst-Präsentation, Datenspuren, Monetarisierung sowie Transparenz beziehungsweise Intransparenz von Regeln sind – so wurde gezeigt – in unterschiedlichem Maße betroffen. Unterschieden wurde zwischen kommunikativem Verhalten, das durch die digitale Technik vermittelt, und dem, das direkt an digitale Technik gerichtet wird. Instant Messenger vermitteln digitale Kommunikation und tragen durch ihre technischen Möglichkeiten zur Veränderung des Kommunikationsverhaltens bei. Die Möglichkeit der schnellen Reaktion sowie die Möglichkeit des Reaktionsverzichtes wirken auf das Verhältnis von Fazit 207 Handlungsimpuls und Rückmeldung in Analogie zu den Meadschen Handlungsphasen „I“ und „me“ ein. Der Aufwand, miteinander in Kontakt zu treten, ist durch Instant Messenger erheblich reduziert. Sie ermöglichen, räumliche und zeitliche Grenzen zu überwinden und erlauben, über Text- und Audionachrichten, Bilder und Videos gleichzeitig mit mehreren Menschen in Kontakt zu sein, schränken jedoch die Prozesshaftigkeit der kommunikativen Interaktion ein, weil keine gemeinsame Kommunikationssituation hergestellt ist. Die Konstruktion einer gemeinsam geteilten Perspektive bedarf hier wesentlich größeren Aufwands und wird zusätzlich durch einen Mangel an metakommunikativen Informationen erschwert. Die Kommunikation wird von Instant Messengern auf der Ebene der Präsentation beeinflusst. Vermittelt werden können nur digitalisierbare Informationen, während Mimik und Gestik entfallen. Diesem Mangel soll durch das Angebot von Emoticons abgeholfen werden. Wie nachgewiesen wurde, sind sie jedoch nur in der Lage, Ausschnitte der Welt zu zeigen und standardisieren das Spektrum menschlicher Emotionen. Ihre schriftbildliche Codierung erinnert an Flussers Gedanken zur Ablösung des linearen durch den kalkulatorischen Code, auf dem digitale Informationsverarbeitung basiert. Flusser weist darauf hin, dass die Verdrängung schriftlicher Informationen zugunsten von Bildern bedeutet, die Welt nur noch situativ begreifen zu können. Dabei kann ein Ungleichgewicht zwischen Aufmerksamkeitserregung und Bedeutung des kommunizierten Inhalts entstehen. Dies ist ein Befund, der Flussers Prognose bestätigt, dass die Verbindung sich als wichtiger erweist als die transportierten Inhalte. Die Abläufe digitaler Informationsverarbeitung basieren grundsätzlich auf dem kalkulatorischen Code. Neu ist jedoch, dass nun auch Menschen diesen Code durch Emoticons verwenden. Die Art, zu kommunizieren wird damit nicht mehr nur auf der Ebene der Struktur, sondern auch auf der des Inhalts von den Bedingungen der Digitalisierung geformt. Die mit Weizenbaum beschriebene Umwandlung von Informationen, die immer dann stattfindet, wenn diese digitalisiert werden, geschieht längst derartig schnell und zunehmend reibungslos, dass sie den Nutzerinnen und Nutzern immer seltener bewusst ist. Fazit 208 Schon in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hat Flusser die Möglichkeit erkannt, sich durch Technik über räumliche und zeitliche Distanzen hinweg zu vernetzen. Darin sah er dialogische Kommunikation eingelöst. Menschen werden zu Knoten von kommunikativen Beziehungen, für ihn ein Ideal, in dem sich seine Vorstellung vom mündigen Menschsein realisiert. Bei Instant Messengern sind immer noch Menschen Urheber der Informationsverteilung. Im Flusserschen Sinn kann hier also eher von kommunikativer Vernetzung als von „Verbündelung“ gesprochen werden. Anders in den sozialen Netzwerken, in denen Algorithmen an der Herstellung und Verteilung von Informationen beteiligt sind und so erheblichen Einfluss auf die von Mitgliedern generierten Inhalte nehmen. Sie selektieren, zensieren und präsentieren Informationen. So greifen sie in die kommunikative Interaktion ein und werden zunehmend selbst zu Interaktionspartnern. Soziale Netzwerke verlangen von ihren Mitgliedern eine Selbst-Darstellung, deren Rahmen sie vorgeben. Damit üben sie massiven Einfluss auf die Selbstinszenierung und die gegenseitige Wahrnehmung der Mitglieder aus. Die Selbstdarstellung kann sich von den Personen, die sich darstellen, ablösen, da sie nicht mehr Resultat konkreter Reaktionen anderer auf Verhaltensweisen und Eigenschaften ist. Verstärkend wirkt die zeitliche Unabhängigkeit der gespeicherten Selbst-Präsentation von konkretem Verhalten. Endgültig wird die digitale Kommunikationstechnik in der dritten beschriebenen Kommunikationssituation zur Interaktionspartnerin: in der mit digitalen Agenten. Die Reaktion auf menschliches Handeln geht von der digitalen Kommunikationstechnik aus und das menschliche Gegenüber wurde von künstlicher Intelligenz abgelöst. Sie kann in der Kommunikation mit Menschen Verständnis jedoch nur vorspiegeln, weil ihm keine menschliche Erfahrung zugrunde liegt. Die Simulation ist das Ergebnis von Programmierung. Aus heutiger Perspektive bestätigt sich Flussers Befürchtung: Die Macht über Kommunikationskanäle konzentriert sich auf wenige Akteure. Bemerkenswert ist seine Weitsicht, weil zu seinen Lebzeiten noch nicht absehbar war, dass global operierende Konzerne wesentlich die Informationsdistribution kontrollieren würden. In das von Flusser beschriebene, den Menschen zum Spieler mit den ihn determinierenden Bedingungen werden lassende Spiel, hat sich ein übermächtiger Fazit 209 Spieler eingeschaltet. Ein Spieler, der das Spiel nicht nur dominiert, sondern auch dessen Regeln manipuliert. Das ist nur möglich, weil Menschen den Nutzungsbedingungen von Messenger Diensten, sozialen Netzwerken und KI-Anwendungen – auch unter Preisgabe ihrer persönlichen Daten – klaglos zustimmen. Die Konzentration von Informationen vollzieht sich auf zwei Ebenen: auf der Struktur- und auf der Inhaltsebene. So werden Nutzerinnen und Nutzer von Algorithmen, die sie nicht durchschauen und auf die sie keinen Einfluss nehmen können, in ihrem kommunikativen Verhalten beeinflusst. Sie sind Strukturen unterworfen, denen sie nicht mehr zuwider handeln können. Ihr Verhaltensrepertoire ist determiniert. In sozialen Netzwerken steht eine vergleichsweise geringe Anzahl aktiver Mitglieder einer großen passiven Gruppe gegenüber. Dieses Ungleichgewicht trägt zu einer Veränderung des Status von Inhalten bei. Bewegte sich menschliches Verhalten für Mead noch zwischen Kooperation und Konkurrenz, könnte diese Asymmetrie dazu beitragen, dass Konkurrenz den Vorzug gegenüber Kooperation erhält. Hinzu kommt, dass Selbst-Darstellungen entindividualisiert werden, weil sie sich innerhalb derselben digitalen Rahmenbedingungen zu vollziehen haben. Digitale Kommunikation erlaubt im Gegensatz zur analogen eine Vielzahl an Kontakten. Das mit Mead beschriebene reziproke Anerkennungsverhältnis wird durchbrochen. Flusser hingegen sieht eine Kommunikationsgesellschaft, in der sich Menschen gegenseitig erst durch kommunikative Interaktion als Handelnde begreifen und die kommunikative Interaktion zur sinnstiftenden Tätigkeit wird, als erstrebenswert an, weil sie die Gefahr der „Verbündelung“ bannt. Doch dieses Ideal gerät aus zwei Gründen ins Wanken. Ging Flusser noch von einem für alle Menschen offenen und formbaren Kommunikationsnetz aus, besitzen heute wenige Akteure die Kommunikationsmittel, die viele nutzen. Genauso gewichtig ist, dass Menschen einander im digitalen Kommunikationsnetz nur defizitär gegenübertreten können, weil sie einander nicht mehr als sozial handelnde Menschen mit spezifischen Erfahrungen und einer Geschichte wahrnehmen. Sie machen nur noch in räumlich und zeitlich voneinander losgelösten Verhaltensweisen auf sich aufmerksam und begreifen ihr Gegenüber nicht als Individuum mit es auszeichnenden Eigenschaften. Der Verlust des Kontexts ver- Fazit 210 hindert, sich einander zeigen und im Anderen erkennen zu können. Gemeinsame Handlungs- und Sinnzusammenhänge können in der digitalen Kommunikation nur schwer hergestellt werden. Der komputative Code, wie Flusser ihn nennt, der Sinnzusammenhänge zugunsten beliebiger Neukombinationen auflöst, wirkt auf die Selbst-Wahrnehmung der Menschen zurück. Lévinas betont, dass der Andere in seiner Bedeutung nur in einem Zusammenhang – er spricht vom Ganzen – hervortreten kann. Das Gegenwärtige wird gewährleistet in der Manifestation des Ganzen. Übertragen auf die heutige Situation könnte mit ihm gesagt werden, dass wir den Anderen, der durch den digitalen Schleier verborgen ist, nicht mehr interpretieren können. Der Verlust der Sichtbarkeit des Gegenübers unterscheidet die digital vermittelte von der unmittelbaren Kommunikation. Häufigkeit und Beiläufigkeit der Verwendung unterscheiden digitale von analog vermittelten Kommunikationsformen wie Briefen. Die Unsichtbarkeit des Anderen bedeutet, sich nicht mehr aus der Perspektive des Anderen wahrzunehmen zu können. Die Selbst- Darstellung bleibt ohne Zeugenschaft. Eine weitere Dynamik in den Handlungsspielräumen digitaler Kommunikation entsteht durch die direkte Interaktion mit einem Programm der künstlichen Intelligenz, das, wie ausgeführt, menschlichem Verhalten keine Bedeutung verleihen kann. Damit kommen wir zur ersten Erkenntnis dieser Arbeit: Die Verwendung digitaler Kommunikationstechnik überführt Kommunikation als Akt sozialer Handlung in den Akt des Informationsaustausches. Dies wird vor allem deshalb akzeptiert, weil die digital vermittelte Kontaktaufnahme in einer Vielzahl von Alltagssituationen als praktisch empfunden wird. Die fortschreitende Verwendung erschwert, die Folgen des eigenen kommunikativen Verhaltens zu antizipieren, da das Gegenüber – je nach Kommunikationssituation in unterschiedlichem Grade – weniger Reaktionen zeigt. Die kommunikative Freiheit führt zu einer Reduzierung kommunikativer Erfahrungen. Kommunikative Erfahrungen aber sind konstituierend für die Selbst-Wahrnehmung. Daraus ergibt sich die zweite Erkenntnis dieser Arbeit: Digital vermittelte Kommunikation erschwert es Menschen auf Grund der Struk- Fazit 211 turen sowie der konkreten Verwendung, kommunikatives Verhalten anderer in Ursache-Wirkungs- Zusammenhängen wahrzunehmen. Hierfür gibt es drei Gründe. Zum ersten die Vielzahl der eingegangenen Verbindungen und die zeitliche Verdichtung, in der kommuniziert wird. Zum zweiten der Mangel an metakommunikativen Informationen. Zum dritten die digitale Codierung und die mit ihr einhergehende Reduzierung des Spektrums menschlicher Gefühlsausdrücke. Die Codierung dient nicht der Effizienzsteigerung, sondern ist absichtsvoll insofern, als digitale Kommunikationspartner nicht über die Fähigkeit verfügen, Gefühle semantisch zu erfassen. Das führt zur dritten Erkenntnis dieser Arbeit: Künstliche Intelligenz ist im Vergleich zu menschlichen Kommunikationspartnern solange defizitär, wie sie selbst nicht über Bewusstsein verfügt. Bewusstsein und Eigeninteresse sind zentral für das Verständnis menschlicher Handlungen und bilden die Grundlage dafür, Emotionen nachvollziehen zu können. Bewusstsein kann nicht durch die Korrelation von Daten, statistische Verfahren und maschinelles Lernen ersetzt werden. Systeme, die nicht über Bewusstsein verfügen, tragen nicht zur Konstruktion menschlicher Selbst-Wahrnehmung bei. Daran ändert auch eine Personalisierung der Reaktionen dieser Systeme nichts, da sie immer nur eine Simulation davon ist, von diesen Systemen wahrgenommen worden zu sein. Die Spiegelung der eigenen kommunikativen Handlungen ist allerdings der schlussendlich bedeutungsverleihende Schritt im Prozess der Selbst-Wahrnehmung. Die Relevanz der Perspektivübernahme ist die vierte Erkenntnis dieser Arbeit: Eine gemeinsam geteilte Perspektive auf kommunikatives Verhalten einzunehmen, ist Voraussetzung, sich selbst in Interaktion mit anderen Menschen zu begreifen. Diese Möglichkeit wird durch die Selbst- Präsentation in Form von Profilen erheblich eingeschränkt. Sie richtet sich zudem nicht an ein konkretes Gegenüber. Damit ist die Möglichkeit, die Selbst-Wahrnehmung zu erweitern, nicht gegeben. Ist der kommunizierende Mensch nicht mehr in der Lage, die intersubjektive Wirkung seiner Handlung wahrzunehmen, bleibt ihm das intrasubjektive Gespräch – also der Denkprozess – verwehrt. Da- Fazit 212 mit kann er die Folgen seiner Handlungen im Hinblick auf soziale Normen nicht antizipieren. Wie sich der Verlust des generalisierten Anderen im Einzelnen vollzieht, ist die fünfte Erkenntnis dieser Arbeit: Die soziale Funktion der Selbst-Wahrnehmung besteht darin, die Wirkung der eigenen Handlungen zu erfahren und darüber zur Gemeinschaftsbildung befähigt zu werden. Innerhalb eines Zusammenschlusses aus digital kommunizierenden Menschen verblassen sowohl die Handlungserwartungen als auch das Handlungskorrektiv. Es entsteht ein Ungleichgewicht zwischen dem spontanen Handlungsimpuls „I“ und der sozialen Korrektur dieses Handlungsimpulses, die ihren Ausdruck im „me“ findet. Doch nur durch den Handlungsimpuls und seine soziale Korrektur erkennt die handelnde Person die Wirkung ihrer Handlung. Fehlen diese Voraussetzungen, verbleibt sie in der Meadschen Phase des „Play“. Sie ist nicht in der Lage, die Phase des „Game“ zu erreichen, in der sie eine Wechselwirkung zwischen ihrer eigenen und den Handlungen anderer Menschen wahrnehmen kann. Somit fehlt ihr die Figur des „generalisierten Anderen“, die sich aus den antizipierten Reaktionen der Mitglieder einer Gemeinschaft bildet und die eine Prüfinstanz darstellt. Der dargestellte Ablauf ist modellhaft zu sehen, da Menschen nicht ausschließlich digital kommunizieren.104 Ich habe nachgewiesen, dass die digitale Kommunikationstechnik in den Prozess der Selbst-Wahrnehmung eingreift, indem sie die reziproke Anerkennung zunächst beeinflusst und schließlich in der Kommunikation mit einer künstlichen Intelligenz verhindert. Diese schrittweise und sich in Abhängigkeit zur Intensität der Nutzung vollziehende Einflussnahme ist aus zwei Gründen brisant. Hat sich für Mead das Selbst-Bild an gesellschaftlichen Strukturen entwickelt, lässt die vorliegende Arbeit erkennen, dass es in der digitalen Welt zunehmend technische Strukturen sind, die unser Selbst-Bild 104 Dass es allerdings auch digital vermittelt zu kooperativem Handeln kommen kann, hat Andreas Antic in Digitale Öffentlichkeiten und intelligente Kooperation: Zur Aktualität des demokratischen Experimentalismus von John Dewey am Beispiel der Open-Bewegung (freier Software, frei zugänglicher Quellcodes etc.) dargelegt. Was diese Bewegung allerdings von anderen Kommunikationszusammenhängen unterscheidet, ist der Austausch von gewonnenen Erkenntnissen, Lösungen und Erfahrungen innerhalb einer sich als Gemeinschaft um die Realisierung eines Vorhabens gebildeten Gruppe (vgl. Antić, 2018: 341). Fazit 213 beeinflussen, indem – wie beschrieben – Mechanismen wirksam werden, die die Ausbildung von Selbst-Wahrnehmung behindern. Die Gesellschaft muss mit digitalen Strukturen umgehen, die nicht im gesellschaftlichen Diskurs geschaffen wurden, sondern deren Angebote von privatwirtschaftlichen Konzernen dominiert werden. Die Herausforderung besteht darin, einen Umgang zu finden, der nicht nur reaktiv ist, sondern nach Gestaltungsmöglichkeiten sucht und diese aktiv ergreift. Das ist durch die Geschwindigkeit, mit der sich der digitale Wandel vollzieht, nicht vom Einzelnen zu leisten. Demokratische Mitbestimmung, Medienkompetenz und Medienethik, Rechtsund Datensicherheit und wissenschaftliche Begleitung sind vonnöten, um diese Entwicklungen kompetent zu begleiten. Dazu bedarf es eines gesellschaftlichen Diskurses. Wichtig ist die Forderung nach Unabhängigkeit der Forschung von Universitäten und Forschungseinrichtungen, die sich mit künstlicher Intelligenz, Datenschutz und damit letztlich mit der Selbst-Wahrnehmungsmöglichkeit des einzelnen Menschen beschäftigen. Sie dürfen nicht von privatwirtschaftlichen Interessengruppen finanziert werden. Hinter der Wortkombination „Public-Private-Partnership“ verbirgt sich ein Finanzierungsmodell, das Firmen zunehmend Einflussnahme auf universitäre Forschung gewährt. Das Bewusstsein über diese problematische Gemengelage ist allerdings eher unterentwickelt. Die Komplexität der digitalen Transformation erschwert eine Abschätzung der Folgen für Individuum und Gesellschaft. Fragen, die notwendigerweise einer Bearbeitung harren, können heute noch nicht angemessen beantwortet werden. Um nur einige zu nennen: Welche Menschen betreffenden Entscheidungen dürfen ethisch vertretbar an künstliche Intelligenz delegiert werden? Wer entscheidet darüber? Wer ist für die Folgen einer Äußerung zur Rechenschaft zu ziehen, wenn ihre Urheberschaft nicht mehr eindeutig zu klären ist? Auch wenn ich während des Verfassens dieser Arbeit stets versucht habe, mich dem Untersuchungsgegenstand neutral zu nähern und weder euphorisch den unbestreitbaren Vorzügen der digitalen Revolution das Wort zu reden, noch pessimistisch auf eine Entwicklung zu reagieren, die uns fordert und manchmal auch überfordert, muss ich an dieser Stelle doch auf folgendes hinweisen: Neben der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Debatte über digitale Ethik muss auch jeder Fazit 214 Mensch sein digitales Verhalten reflektieren und gegebenenfalls korrigieren. Um diese Aufgabe meistern zu können, wird es zunächst unabdingbar sein, sich unersetzbarer menschlicher Fähigkeiten bewusst zu werden. Hierin ist jeder Einzelne in seinem Alltag neu herausgefordert, da künstliche Intelligenzen diesen zunehmend prägen. Sind sich Menschen nicht mehr ihrer Einzigartigkeit und damit ihrer Unterschiedlichkeit zu künstlicher Intelligenz bewusst, ist der Ersetzung ihrer Fähigkeiten durch – ihnen im Grunde unterlegene – Systeme der Weg bereitet. Angesichts mächtiger Datenkonzerne kann der Schutz der Privatsphäre nicht als Privatangelegenheit betrachtet werden. Die Aufforderung, möglichst wenig Datenspuren im Netz zu hinterlassen, ist unrealistisch und wird der Tragweite des Problems nicht gerecht. Datenspuren lassen sich im digitalen Netz nicht vermeiden und der Verzicht auf digitale Anwendungen käme dem Verzicht auf soziale Teilhabe gleich. Um ein respektvolles Miteinander zu gewährleisten, bedarf es nicht nur einer juristischen Handhabe gegen Hate Speech, wie Butler bemerkt, sondern auch gemeinsamer Werte, die nur in einem gesellschaftlichen Diskurs entstehen können. Durch die Digitalisierung hat sich der Handlungsspielraum der Menschen enorm vergrößert – Kontaktaufnahme über zeitliche und räumliche Grenzen, das Veröffentlichen der eigenen Meinung, Vorstellungen und Bewertungen gehören zum Alltag. Doch mit der Erweiterung des Handlungsspielraums hat auch eine Erweiterung der Verantwortlichkeit einherzugehen. Dies ist in Hinblick auf die Digitalisierung besonders deswegen relevant, weil sie längst keine abgeschlossene Parallelwelt mehr darstellt. Dennoch haben kommunikative Handlungen hier eine andere Wirkung als in der analogen Welt. Eine Grenzziehung zwischen virtuellem und real gezeigtem Verhalten wird zunehmend schwierig. In der digital vermittelten Kommunikation verliert die gemeinsame Perspektive an Bedeutung. Dies liegt vor allem daran, dass das handelnde oder von einer Handlung betroffene Gegenüber nicht mehr vollumfänglich wahrgenommen werden kann. Nicht nur fehlen hierzu zumeist Mimik, Gestik und grundsätzlich Augenkontakt, auch eine Fazit 215 zeitliche und räumliche Übereinstimmung der Kommunikationssituationen ist selten gegeben. Mit Lévinas sehe ich die Notwendigkeit, eine Philosophie zu entwickeln, deren Ausgangspunkt das Du ist. Nur in der Hinwendung zum Gegenüber kann es gelingen, den ethischen Herausforderungen, die das digitale Netz an uns stellt, gerecht zu werden. Selbstbezüglichkeit wird eher dazu beitragen, dass sich Menschen innerhalb des digitalen Netzes voneinander entfernen, als dass sie sich miteinander verbinden. Nur in der Hinwendung zum Anderen kann es gelingen, seine Einzigartigkeit und damit auch die eigene zu begreifen, und sich der Anmaßung der künstlichen Intelligenz zu widersetzen. Fazit 216

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Zusammenfassung

Das Internet kombiniert als Hybridmedium bereits existierende Möglichkeiten der Interpersonellen- und der Massenkommunikation mit neuen Formen der Vernetzung und Datenübertragung. Um die Folgen dieser Entwicklung zu beschreiben, schlägt der Autor eine Brücke zwischen Kommunikationswissenschaft und Identitätsphilosophie. Auf diesem Weg entsteht eine Interaktionstheorie, die erklärt, wie Kommunikationsphänomene wie Hate-Speech, Identitätsverlust und der Drang nach Selbstinszenierung durch die Spezifika der digitalen Kommunikation vorangetrieben werden. Er stützt sich hierbei auf Denker wie G. H. Mead, V. Flusser, J. Butler und J. Weizenbaum und erklärt so, was der Mensch über sich selbst erfährt, wenn er digital vermittelt mit anderen in Kontakt tritt und was, wenn er statt mit einem anderen Menschen mit künstlicher Intelligenz kommuniziert. So trägt Lukas Lehning auf dem Gebiet der Identitätsphilosophie und der Kommunikationswissenschaft zur Grundlagenforschung bei.