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Einleitung in:

Lukas Lehning

Digitale Kommunikation aus der Perspektive des Sozialbehaviorismus, page 1 - 16

Eine Untersuchung digital vermittelter Selbst-Wahrnehmung nach George Herbert Mead

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4430-8, ISBN online: 978-3-8288-7442-8, https://doi.org/10.5771/9783828874428-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 92

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Bei den Versuchen, das menschliche Wesen zu ergründen, kamen verschiedene Termini zur Anwendung, wie Person, Subjekt, Identität, Ich- Bewusstsein und Persönlichkeit. Die Frage nach dem, was uns alle auszeichnet, ohne das Besondere an uns auszuschließen, die Frage also nach dem Ich, spielt nicht nur in der Philosophie des Abendlandes eine herausgehobene Rolle – sie hat auch in vielen anderen Disziplinen wie der Medizin, der Neurowissenschaft, Anthropologie und Kognitionswissenschaft ihren Niederschlag gefunden. Das Ich ist konstituierender Teil des Freudschen Drei-Instanzen-Modells der menschlichen Psyche. Ohne „das Ich“ wäre die Psychoanalyse undenkbar. Auch die großen Religionen haben unsere Vorstellungen vom Ich geprägt. Im Symbolischen Interaktionismus entsteht das Ich erst in der Interaktion mit anderen. George Herbert Mead richtet den Fokus auf die Bedingungen, unter denen Ich-Bewusstsein entstehen kann, wenn er schreibt: „Wir sind, was wir sind, durch unser Verhältnis zu anderen.“ (Mead, 1995: 430) Ohne Anerkennung des eigenen Selbst-Verständnisses lässt sich Identität nicht ausbilden. Auch für Jürgen Habermas ist die intersubjektive Anerkennung Bedingung für Identität. Meads Identitätstheorie erhält für ihn ihre Bedeutung dadurch, dass sie das Modell des methodischen Individualismus überwindet, das der Bewusstseinsphilosophie zu Grunde liegt (vgl. Habermas, 1976: 93). Judith Butler erkennt an, dass das Ich nicht losgelöst von gesellschaftlichen Normen und moralischen Rahmenbedingungen zu denken ist: „Das ‚Ich‘ hat also gar keine Geschichte von sich selbst, die nicht zugleich die Geschichte seiner Beziehung – oder seiner Beziehungen – zu bestimmten Normen ist.“ (Butler, 2013: 15) Der französische Philosoph Emanuel Lévinas geht von den in dieser Arbeit zitierten Autorinnen und Autoren am weitesten in der Zumessung der Bedeutung des Anderen, indem er die Beziehung mit dem Begriff der Verantwortung verbindet. Ichsein bedeutet für ihn, sich der Verantwortung nicht entziehen zu können (vgl. Lévinas, 2017: 1 224). Es gilt, die andere Person als Handelnde zu begreifen und anzuerkennen. Der Andere ist gegenwärtig in einem kulturellen Ganzen und erhält sein Licht von diesem Ganzen, wie ein Text durch seinen Kontext. Die Manifestation des Ganzen gewährleistet diese Gegenwart und dieses Gegenwärtige. Sie erscheinen kraft des Lichts der Welt. (Lévinas, 2017: 220) Die vorliegende Arbeit wird die Rahmenbedingungen analysieren, die nach Mead gegeben sein müssen, damit aus kommunikativer Interaktion – vermittelt durch Gesten und Sprache – Selbst-Bewusstsein entstehen und Identität gebildet werden kann. Dieses Vorgehen ist deshalb sinnvoll, weil es das theoretische Fundament für die zentrale Frage der Arbeit legt, wie Selbst-Wahrnehmung in digital vermittelter Kommunikation sich verändert und letztlich, ob und wie sie gelingen kann. Seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert findet eine Entwicklung statt, die als digitale Revolution bezeichnet wird. Sie stellt uns als Individuen und als Gesellschaft vor Herausforderungen, die kaum abzuschätzen sind. Eine sich rasant entwickelnde Technik hat alle gesellschaftlichen Bereiche innerhalb kürzester Zeit drastisch verändert und verändert sie noch immer, ohne dass diese Entwicklung kritisch begleitet würde, geschweige denn wirksame Kontrollmechanismen entwickelt worden wären. Das Internet kombiniert als Hybridmedium bereits existierende Möglichkeiten der Interpersonellen- und der Massenkommunikation mit neuen Formen der Vernetzung und Datenübertragung (vgl. Beck, 2010: 140). Charakterisiert ist seine Entwicklung durch das dynamische Verhältnis von technischen Weiterentwicklungen und dem Nutzungsverhalten der Menschen. Dass dieser Wandel in Deutschland die gesamte Gesellschaft betrifft, belegt die im Oktober 2018 veröffentlichte, repräsentative Online-Studie von ARD und ZDF. 90 Prozent der Bundesbürgerinnen und Bundesbürger nutzen gelegentlich das Internet. Die Nutzungsdauer der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahre ist im Vergleich zu 2017 noch einmal um 79 Minuten pro Tag auf 353 Minuten gestiegen (Koch & Frees, 2017: 434). Hierbei nimmt die digitale Kommunikation mit anderen Nutzerinnen und Nutzern eine Tagesreichweite von fast 40 Prozent ein. Einleitung 2 Des Weiteren führt die rasant voranschreitende Entwicklung künstlicher Intelligenz dazu, dass Menschen im digitalen Netz nicht mehr ausschließlich mit anderen Menschen, sondern auch mit künstlichen Kommunikationspartnern konfrontiert sind.1 Aus diesen Entwicklungen erwachsen Konsequenzen für Wirtschaft, Kultur, Politik und das gesellschaftliche Miteinander. Diese Arbeit nimmt weniger einzelne technische Möglichkeiten in den Blick als vielmehr die wichtigste von diesem Wandel betroffene Einheit, nämlich den Menschen im Umgang mit den technisch vorgegebenen Kommunikationsstrukturen. Ziel ist es, herauszufinden, welchen Einfluss die digitale Kommunikation auf die Selbst-Wahrnehmung hat, und ob in ihr die Bedingungen für die Entwicklung von Identität gegeben sind. Erst im Prozess der kommunikativen Interaktion mit anderen ist es dem Menschen nach Mead möglich, die Bedeutung seines kommunikativen Verhaltens zu erfassen. Bewusstsein über die Wirkung der eigenen Handlung wird als im Prozess der Handlung aufscheinend verstanden und Selbst-Wahrnehmung als Resultat dieses Handlungsbewusstseins begriffen. Aus dieser Perspektive auf menschliche Selbst-Wahrnehmung ergeben sich für den Untersuchungsgegenstand zwei wesentliche Fragen: Erstens, was erfährt der Mensch über sich selbst, wenn er digital vermittelt mit anderen kommuniziert? Zweitens, was erfährt ein Mensch über sich selbst, wenn er nicht mehr mit einem anderen Menschen, sondern mit einer künstlichen Intelligenz kommuniziert? Auch wenn diese Arbeit davon ausgeht, dass sich die digital vermittelte Kommunikation in substantiellen Aspekten von der face-toface-Kommunikation unterscheidet, wird sie sich nicht in die Reihe der Arbeiten eingliedern, die die Verbreitung digitaler Kommunikation für das Ende zwischenmenschlicher Kommunikation verantwortlich machen. 1 Das Potential der künstlichen Systeme, eine kommunikative Beziehung vorzutäuschen, wird dadurch unterstützt, dass nicht selten zu ihrer Beschreibung Begriffe verwendet werden, die zuvor der Beschreibung von Menschen vorbehalten waren. So wird beispielsweise von „Wissen durch Erfahrung“ gesprochen. Dies führt zu einer Anthropomorphisierung künstlicher Systeme. Um dieser Tendenz zu entgehen, habe ich im Laufe dieser Arbeit immer dann, wenn es um die Beschreibung künstlicher Systeme mit Begriffen geht, die menschliches Bewusstsein voraussetzen, diese Begriffe kursiv gesetzt. Einleitung 3 Die hierzu – vor allem in populärwissenschaftlichen Publikationen – zu findenden Aussagen über eine generelle soziale Isolation der Nutzerinnen und Nutzer, verminderte Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen sowie über ein generell als gesunken empfundenes Wohlbefinden halten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand und sind eher Ausdruck einer ideologisch geprägten, statt sachlich fundierten Diskussion der Folgen digital vermittelter Kommunikation.2 [Es] lässt sich in der Gesamtschau beim heutigen Forschungsstand festhalten, dass pauschale Befürchtungen über psychische Negativ-Wirkungen der Internetnutzung meist als „Mythen“ zu kennzeichnen sind […]. (Döring, 2010: 264) Statt diesen Mythen weiter Vorschub zu leisten, möchte ich mit meiner Arbeit zu einem differenzierten Blick auf die Veränderungen, die die digitale Kommunikationstechnik für die Selbst-Wahrnehmung der Nutzerinnen und Nutzer bewirken kann, beitragen. Dazu werden verschiedene Kommunikationssituationen aus digitaler Umgebung analysiert. Ich beziehe in meine Überlegungen ein, dass manche Schlussfolgerungen so lange eine gewisse spekulative Anmutung nicht vollständig verlieren können, bis sie einer empirischen Prüfung unterzogen wurden. Dennoch halte ich es für legitim – an einigen Stellen dieser Arbeit – Schlussfolgerungen zu ziehen, werden sie doch aus den vorherigen Darlegungen argumentativ hergeleitet und begründet sein. Davon ausgehend, dass kommunikative Interaktion zwischen Menschen deren Selbst-Wahrnehmung erst ermöglicht, wird zu zeigen sein, wie diese sich verändert, wenn die Interaktion von digitalen Strukturen durchdrungen wird, die zunehmend nicht mehr nur als Infrastruktur für Kommunikation, sondern auch als Interaktionspartnerin in der Kommunikation auftreten. Deshalb habe ich ein Mosaik aus verschiedenen Theorien gebildet. Der so entstandene Ansatz verbindet Konzepte aus der Informatik, der Soziologie, der Kommunikationswissenschaft und der Psychologie. Als Rahmen dieser Verknüpfung dienen die Arbeiten Meads im Bereich des Symbolischen Interaktionis- 2 Eine ausführliche Auseinandersetzung und Widerlegung dieser Mythen ist unter anderem von Markus Appel und Constanze Schreiner in „Psychologische Rundschau“ im Jahr 2015 vorgelegt worden. „Leben in einer digitalen Welt: Wissenschaftliche Befundlage und problematische Fehlschlüsse“ Appel & Schreiner, 2015. Einleitung 4 mus. Er liefert die Grundlage für das Verständnis, wie Selbst-Bewusstsein als Folge intersubjektiver Kommunikation entsteht und sich anschließend intrasubjektive Hemmung von spontanen Handlungsimpulsen bildet, die Menschen zu in sozialen Zusammenhängen handelnden Akteuren werden lässt. Da er die Selbst-Wahrnehmung eines Menschen aus der kommunikativen Interaktion mit einem anderen Menschen begründet und seine Theorie lange vor der Entstehung des digitalen Kommunikationsnetzes, das wir mittlerweile als Internet kennen, entstanden ist, liefert uns Meads Ansatz einerseits ein geeignetes theoretisches Fundament mit über Jahrzehnten erprobtem Begriffswerkzeug und weist andererseits die notwendige Distanz zum Untersuchungsgegenstand auf. Meads Ansatz ist also noch nicht durch die Gegebenheiten geformt, die wir hier zu untersuchen haben. Seine Theorie zur Entstehung menschlicher Selbst-Wahrnehmung geht von drei zentralen Annahmen aus. Zum ersten hält Mead den Menschen nur im Prozess der Interaktion mit anderen Menschen für fähig, sich seiner Handlungen bewusst zu werden. Geist und Identität sind für ihn rein gesellschaftliche Phänomene. Zum zweiten sieht er, hieran anknüpfend, jede Selbst-Wahrnehmung als Resultat der Gemeinschaft, in der sie entsteht. Zum dritten hält er es für zentral, dass der Mensch innerhalb dieses Prozesses in die Lage versetzt wird, sich seiner Handlungen aus der Perspektive der von ihnen betroffenen Personen bewusst zu werden, sich also selbst als Objekt seiner Handlungen in den Blick zu nehmen vermag. Das menschliche Individuum ist ein Selbst nur, insofern es zu sich selbst die Einstellung eines anderen einnimmt. Insofern diese Einstellung, die einer Anzahl von anderen Individuen ist und das Individuum die organisierten Einstellungen der in gemeinsamen Handlungen kooperierenden Individuen anzunehmen vermag, nimmt es die Einstellung der Gruppe sich selbst gegenüber ein. (Mead, 1969a: 97) Damit ermöglicht uns Meads Theorie, den Zusammenhang zwischen kommunikativem Verhalten und individueller Selbst-Wahrnehmung zu betrachten und zu analysieren, wie sich die Selbst-Wahrnehmung verändert, wenn sich die Kommunikationsmöglichkeiten verändern, Einleitung 5 und daraus die Auswirkungen auf den Zusammenhalt kommunizierender Gemeinschaften abzuleiten. In seinem Konstrukt kommunizierender Gemeinschaften gelingt es Mead, die Trennung zwischen Einzelperson und Gemeinschaft dahingehend aufzulösen, dass er beschreibt, wie Menschen erst in kooperierenden und konkurrierenden Verhältnissen zu anderen Gemeinschaft bilden. Erst indem es ihnen gelingt, die Verhaltensweisen der Mitglieder dieser Gemeinschaft nachzuvollziehen und ihre Folgen zu antizipieren, sind sie in der Lage, sich selbst als Mitglied eben dieser Gemeinschaft zu verhalten. Gemeinschaft ist Bedingung für Bewusstsein und nicht umgekehrt, wie in den Anfängen der Soziologie zum Beispiel von Ferdinand Tönnies vertreten wurde. Für ihn entstand soziale Wirklichkeit einzig durch Bewusstseinsakte von Individuen. Sowohl Gemeinschaft als auch Selbst-Wahrnehmung werden für Mead – ganz im Sinne des Pragmatismus der Chicagoer Schule – zu Prozessen sozialer Interaktion. Durch diesen Fokus auf die Prozesshaftigkeit menschlichen Denkens und Handelns, das sich an Zielen und der Lösung von diesen Zielen zuwiderlaufenden Problemen orientiert, ist erklärbar, wie sich der Umgang mit der Möglichkeit zunehmend omnipräsenter Kommunikation auf die Vorstellung davon, was diese Kommunikation charakterisiert, auswirkt. In Übereinstimmung mit dem amerikanischen Pragmatismus […] begreift Mead […] [die] Anpassungsleistung in Bezug auf den Menschen nicht deterministisch, als durch biologische Anlagen verbürgt und ein für alle Mal vorentschieden, sondern als abhängig vom bewussten problemlösenden Denken und Handeln der Menschen. (Preglau, 2015: 58) Ohne ausführlich auf die Kritiker Meads einzugehen, sollen an dieser Stelle die wesentlichen Punkte benannt und bewertet werden. Beginnen wir mit dem gravierendsten Vorwurf, der Mead verschiedentlich gemacht wird. Er besteht darin, dass Mead bei seiner Definition von Bewusstsein als Resultat menschlicher Interaktion nicht erklären kann, woher dieses im Ganzen komme, da er ja bereits eine Gemeinschaft von Menschen voraussetzen müsse, in der sich eine andere Person als Teil einer Gemeinschaft erkennen könne. Einleitung 6 Er sei also nicht wirklich in der Lage, den Ursprung menschlichen Bewusstseins zu erklären. Meads Ziel ist es, darzustellen, wie sich aus der Struktur sozialen Verhaltens Ich-Identitäten herausbilden, die ihrerseits wieder Teil der sozialen Struktur (Gesellschaft) werden. Dazu müsste geklärt werden, welche Entitäten Teil dieser Struktur werden und wie sich der Prozess der Einschlie- ßung und Ausschließung in den bzw. aus dem Kreis sozialer Wesen vollzieht. Dem Anspruch nach müsste Mead also aufzeigen können, wie es zur Konstitution einer Gemeinschaft sozialer Wesen (Ich-Identitäten) kommt, ohne eine Sozialwelt menschlicher Ich-Identitäten vorauszusetzen. (Lüdtke, 2007: 19) Diese Kritik ist für die vorliegende Arbeit insofern nicht entscheidend, als im Folgenden ein bereits etabliertes Netz von kommunizierenden Menschen untersucht wird. Es geht also nicht um die Entstehung, sondern die Wirkung auf bereits in einer Gemeinschaft agierende Personen. Dennoch möchte ich Lüdtke wenigstens kurz widersprechen. Seine Einwände, dass die Grenzen des Sozialen bzw. die Gewissheit, wer als soziale Person zu bezeichnen sei, keine zeitlos definitorische Allgemeingültigkeit beanspruchen könne, und zum anderen, dass Mead eher eine Analyse „des Fremdverstehens“ (Lüdtke, 2007: 3) geliefert habe, als zu einer Theorie der Intersubjektivität beizutragen, verkennen meiner Meinung nach den Beitrag Meads für die Theorie des Individuums. Legt man die Maßstäbe Meads an, welche Bedingungen für Kommunikation als Interaktion erfüllt sein müssen, wird man unweigerlich auf die Funktion der Sprache stoßen. Sie ist Mittel zum Zweck, ein reziprokes Anerkennungsverhältnis herzustellen. Dieses bildet – und darauf wird später noch genauer eingegangen – die Voraussetzung für das Entstehen eines Bewusstseins von sich selbst. Mead auf die Analyse von Fremdwahrnehmung zu reduzieren, begreift weder das Wesentliche seines Konzepts noch erfasst es annähernd den komplexen Sachverhalt seines Modells der Identitätsgewinnung. Kommunikationsnetze sind in ständiger Wandlung begriffen und im digitalen Zeitalter werden sie in zunehmendem Maß von nicht menschlichen Kommunikationspartnern durchdrungen. Daher ergänzt die folgende Arbeit Meads Überlegungen, indem sie beschreibt, welche Voraussetzungen ein kommunizierendes Gegenüber erfüllen muss, um – im noch zu definierenden Sinn – als Kommunikationspartner gelten zu können. Es wird ein Verständnis von Kommunikati- Einleitung 7 on erarbeitet werden, das über den bloßen Austausch von Informationen hinausgeht und stattdessen Kommunikation als gesellschaftlichen Prozess, in dem soziale Beziehungen konstruiert werden, begreift. Ein weiterer, oft formulierter Kritikpunkt an Meads Theorie lautet, dass er bei seiner im kommunikativen Prozess entstehenden Selbst- Wahrnehmung nicht darauf eingehe, dass Interaktion zwischen Menschen stattfinde, die hierarchisch nicht gleichgestellt seien (vgl. Haferkamp, 1985: 186). Diese Nichtberücksichtigung gesellschaftlicher Hierarchien stellt für die vorliegende Arbeit jedoch keine Schwäche, sondern eher eine Stärke dar. Meads Ansatz ermöglicht es, ein digitales Netz aus Kommunikationsteilnehmerinnen und -teilnehmern in den Blick zu nehmen, in dem Aufmerksamkeit zur zentralen Ressource wird und sich die Hierarchien unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erst durch ihre kommunikative Reichweite herausbilden. Dennoch muss erwähnt werden, dass diese Kritik verkennt, dass es sich bei Meads Konzept um ein Modell einer in gewisser Weise idealen Gemeinschaftssituation und damit um Kommunikation handelt. Es ist unschwer zu erkennen, dass seine Vorstellungen von Kommunikation vernunftgeleitetes Handeln implizieren. Auch den dritten prominenten Kritikpunkt an Meads Theorie möchte ich hier nicht unerwähnt lassen. Mead interessiert sich für sprachliche und sprachförmige Symbole nur insoweit, wie sie Interaktionen, Verhaltensweisen und Handlungen mehrerer Individuen vermitteln. Im kommunikativen Handeln übernimmt Sprache, über die Funktion der Verständigung hinaus, die Rolle der Koordinierung von zielgerichteten Aktivitäten verschiedener Handlungssubjekte sowie die Rolle eines Mediums der Vergesellschaftung dieser Handlungssubjekte selbst. Mead betrachtet Kommunikation beinahe ausschließlich unter diesen beiden Aspekten der sozialen Integration zielgerichtet handelnder und der Sozialisation handlungsfähiger Subjekte, während er die Verständigungsleistungen und die interne Struktur der Sprache vernachlässigt. In dieser Hinsicht ist seine Kommunikationstheorie auf ergänzende Analysen, wie sie inzwischen in Semantik und Sprechakttheorie durchgeführt worden sind, angewiesen. (Habermas, 1981b: 14) Da es im Folgenden jedoch nicht um eine semantische Analyse digital vermittelter Kommunikation geht, sondern um die Interdependenz von digitaler Kommunikation und menschlicher Selbst-Wahrnehmung, ist die Identitätskonzeption Meads trotz der oben beschriebenen Kritikpunkte geeignet, eben diese zu beleuchten. Einleitung 8 Um die Auswirkungen des Wandels von Kommunikationsmöglichkeiten und die daraus resultierenden Veränderungen der Definition von Kommunikation beschreiben zu können, werde ich in folgenden Schritten vorgehen: Zunächst werde ich auf Basis der Theorie Meads darlegen, wie kommunikativ vermittelte Erfahrungen in der sozialen Interaktion die Grundlage dafür bilden, dass sich ein Mensch aus der Perspektive anderer Menschen in den Blick nehmen und so erkennen kann, welche Auswirkungen seine sozialen Handlungen haben. Ein Mensch hat eine Persönlichkeit, weil er einer Gemeinschaft angehört, weil er die Institution dieser Gemeinschaft in sein eigenes Verhalten hereinnimmt. Er nimmt ihre Sprache als Medium, mit dessen Hilfe er seine Persönlichkeit entwickelt, und kommt dann dadurch, daß er die verschiedenen Rollen der anderen Mitglieder einnimmt, zur Haltung der Mitglieder dieser Gemeinschaft. (Mead, 1995: 205) Sprache entstehe aus der Transformation der Geste zum Symbol (vgl. Mead, 1995: 85). Aus den Gesten entwickelt sich die lautvermittelte Interaktion, aus der symbolvermittelten Aktion normativ gesteuertes Handeln. Aus der sprachlichen Interaktion entsteht Selbst-Bewusstsein. Meads Vorstellung von Identität im Spannungsfeld der Gesellschaft wird im zweiten Kapitel ergänzt durch Butlers Überlegungen zu den Grenzen der Selbst-Wahrnehmung. Denn obwohl Mead bereits davon spricht, dass menschliches Denken durch die Gemeinschaft erst geformt wird, berücksichtigt er hierbei nur in Ansätzen, dass ein Mensch von dieser Gemeinschaft nicht nur im bewussten Vollzug seiner Handlungen, sondern bereits in unbewusster Weise in der Entstehung seiner Handlungsimpulse geprägt ist (vgl. Mead, 1995: 53). Diesen Aspekt beleuchtet Butler. Sie arbeitet heraus, dass gesellschaftliche Einflüsse sich auch unbewusst auswirken. Ihre Überlegungen dienen im Rahmen der vorliegenden Arbeit dazu, herauszustellen, in welcher Situation die bewusste Reflexionsfähigkeit eines Menschen an ihre Grenzen stößt und sich der Mensch nur noch in der Interaktion mit anderen Menschen darüber Rechenschaft ablegen kann, was ihn zu einer bestimmten Handlung motiviert hat. Einleitung 9 Das ›Ich‹ kann nicht die Geschichte seiner eigenen Entstehung und seiner eigenen Möglichkeitsbedingung erzählen, ohne in irgend einem [sic!] Sinn Zeugnis von einem Zustand abzulegen, bei dem es gar nicht zugegen gewesen sein kann, von einem Zustand vor dem eigenen Werden; es muss also erzählen, was es nicht wissen kann. (Butler, 2013: 50) Das Wissen um die Wirkung nicht bewusst zugänglicher Erfahrungen wird erlauben, aufzuzeigen, an welcher Stelle die Grenzen in der Kommunikation mit künstlichen kommunizierenden Systemen verlaufen. Die Überlegungen zur Entstehung menschlichen Bewusstseins werden mit der Theorie Vilém Flussers zur vernetzten Gesellschaft verbunden, um die Chancen und Risiken gesellschaftlicher Transformation durch die Vernetzung ihrer Mitglieder zu beleuchten. Flusser, der vor der flächendeckenden Verbreitung digitaler Kommunikationstechnik verstarb, liefert mit seinen Überlegungen zur Auswirkung elektronisch vermittelter Informationen auf das Selbst-Bild weitere wichtige Erkenntnisse für die Veränderungen durch technisch vermittelte Kommunikation. Die Digitalisierung menschlicher Kommunikation – Thema des dritten Kapitels – wird in ihren Auswirkungen anhand der Theorien Flussers, Weizenbaums, Metzingers und Dennetts diskutiert, die jeweils unterschiedliche Aspekte zur Debatte beisteuern. Selbstverständlich werden zur Ergänzung und Erweiterung der Überlegungen zusätzliche Autorinnen und Autoren hinzugezogen. Damit der kommunikative Prozess menschlicher Selbst-Wahrnehmung auf das Phänomen der digitalen Kommunikation übertragen werden kann, wird der Ansatz Joseph Weizenbaums untersucht, der die grundlegenden Unterschiede zwischen der menschlichen Art mit Informationen umzugehen, und der technischen Möglichkeit, Daten zu verarbeiten verfolgt. Das Aufkommen aller Arten elektronischer Maschinen, insbesondere des elektronischen Computers, hat unsere Vorstellung von einer Maschine als Medium der Umwandlung und Übertragung von Kraft ersetzt durch das Bild eines Umwandlers von Informationen. (Weizenbaum, 1990: 68)3 Nachdem die Folgen dieser Informationsumwandlung dargelegt sind, wird Flusser ein zweites Mal zu Wort kommen, um das veränderte 3 Hierbei sieht Weizenbaum die Sprache der Menschen als Werkzeug, ihre Handlungen zu koordinieren und betrachtet sie damit aus einer ähnlichen Perspektive wie Mead. Einleitung 10 Verhältnis zwischen Menschen und Kommunikationstechnik zu analysieren. Nach Flusser verwendet der Mensch die Möglichkeit der elektronischen Vernetzung – er beschreibt die Vorläufer des heutigen Internets –, um sich mit anderen zu verbinden. Dabei sieht der Mensch sich zunehmend den Bedingungen unterworfen, die ihm diese Technik auferlegt. Die Abhängigkeit von Apparaten macht er am Beispiel der Fotografie deutlich: Der Funktionär beherrscht den Apparat dank der Kontrolle seiner Au- ßenseite […] und wird von ihm beherrscht dank der Undurchsichtigkeit seines Inneren. Anders gesagt: Funktionäre beherrschen ein Spiel, für das sie nicht kompetent genug sein können. (Flusser, 1997a: 26) Durch die Interaktion mit immer komplexer werdenden Kommunikationssystemen verschwimmen für ihn die Grenzen zwischen Mensch und Apparat (vgl. Flusser, 1997b: 214). Seit Flusser hat die technologische Entwicklung enorme Fortschritte gemacht. Deshalb ziehe ich die Überlegungen Thomas Metzingers heran, um die Frage nach dem Selbst zu erweitern. Er diskutiert Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit einem (postbiotischen) System Bewusstsein zugebilligt werden kann. Sein naturalistischer Ansatz ist geprägt durch jüngere Ergebnisse aus Kognitions- und Neurowissenschaft. Daniel Dennetts deterministisch geprägter, naturwissenschaftlicher Ansatz geht ähnlich wie der Metzingers davon aus, dass Bewusstsein und Ich nicht existent sind. Die Illusion eines Ichs sei im evolutionären Prozess entstanden und nichts anderes als das Ergebnis physikalischer, chemischer und physiologischer Hirnvorgänge. Die Einführung „Intentionaler Systeme“, denen er grundsätzlich Rationalität zubilligt, dient ihm zur Abstrahierung von Fragen des Bewusstseins und der Moral, um komplexe „mentale Begriffe“ analysieren zu können (vgl: Dennett, 1994: 170). Ob seine Beweisführung dadurch Konsistenz erhält, wird zu zeigen sein. Unterschiedliche Ansätze, den Komplex des Selbst-Bewusstseins im Meadschen Sinne und im Sinne des Determinismus zu erklären, führen zur eingangs formulierten zweiten Frage: Was erfährt ein Mensch über sich selbst, wenn er mit künstlicher Intelligenz interagiert? Dieser Frage wird auf Grundlage der Überlegungen von Flusser und Weizenbaum nachgegangen. Einleitung 11 In Kapitel drei wird daher digitale Kommunikation vor dem Hintergrund aktueller Nutzungspraktiken durch die Beispiele sogenannter Instant Messenger, sozialer Netzwerke und Kommunikation mit künstlicher Intelligenz dargestellt und anhand des Begriffes „Medienhandeln“ diskutiert. Dieser Begriff beschreibt – ganz im Sinne des symbolischen Interaktionismus Meads – die gegenseitige Abhängigkeit von Bedeutung und Verwendung.4 Medienhandeln ist eine Form von sozialem Handeln, das sich dadurch auszeichnet, dass Medien in die Handlungsplanung und -durchführung eingehen. Es ist so gesehen kein ‚anderes‘ Handeln, sondern ein Handeln unter besonderen (eben medialen) Rahmenbedingungen. (Höflich, 2016: 56) Mead charakterisiert die gegenseitige Abhängigkeit von Bedeutung und Verwendung als spannungsreich. Die Spannung entsteht zwischen Gemeinschaft und Individuum (vgl. Preglau, 2015: 60). Es ist für vernünftiges Verhalten notwendig, daß der Einzelne sich selbst gegenüber eine objektive, unpersönliche Haltung einnimmt, daß er sich selbst zum Objekt wird […]. Der Einzelne erfährt sich – nicht direkt, sondern nur indirekt […] aus der besonderen Sicht anderer Mitglieder der gleichen gesellschaftlichen Gruppe oder aus der verallgemeinerten Sicht der gesellschaftlichen Gruppe als Ganzer, zu der er gehört. […] Wo man aber auf das reagiert, was man an einen andern adressiert, und wo diese Reaktion Teil des eigenen Verhaltens wird, wo man nicht nur sich selbst hört, sondern sich selbst antwortet, zu sich selbst genauso wie zu einer anderen Person spricht, haben wir ein Verhalten, in dem der Einzelne sich selbst zum Objekt wird. (Mead, 1995: 180–181) Identität entsteht nach Mead also in einem dialogischen Prozess. Das Individuum wird nicht einseitig von der Gruppe geprägt, sondern prägt seinerseits auch die Gruppe. Indem es Impulse setzt, bringt es seine Persönlichkeit ein, reflektiert diese jedoch auch durch die Vorwegnahme der gedachten Reaktion der Gemeinschaft. Als Resultat entsteht eine gemeinsame Sicht. Dieser Kerngedanke wird in der vor- 4 Der Begriff „Medienhandeln“ zieht die durch die technischen Strukturen der Medien auferlegten Bedingungen mit ins Kalkül und betrachtet außerdem, dass Nutzerinnen und Nutzer motivgesteuert handeln. Damit geht das Konzept des Medienhandelns über die von McLuhan formulierte Behauptung „The Medium is the message“ hinaus (McLuhan, 2011 „Das Medium ist die Message: ein Inventar medialer Effekte“). Einleitung 12 liegenden Arbeit Leitfaden zur Analyse digital vermittelter Kommunikation, um die Unterschiede zur face-to-face Kommunikation offenzulegen. Auch in der digitalen Kommunikation müssen sich Menschen auf gemeinsam geteilte Interpretation von Handlungen einigen können. Sie tragen jedoch mit ihren Handlungen zur Veränderung der Bedeutung bei. Dies geschieht zum einen durch die Handlungsmöglichkeiten, die ihnen durch das von ihnen gewählte Medium zur Verfügung stehen und zum anderen durch die Absicht, mit der sie das jeweilige Medium verwenden. Es besteht also eine Abhängigkeit zwischen der Verwendung eines Mediums und der Möglichkeit, sich gemeinsam auf die Bedeutung des Vermittelten zu verständigen. Als Begriffswerkzeug zur Untersuchung dieses Verhaltens wird die Meadsche Terminologie „I“, „me“ und „self “ dienen. Sie beschreibt das Verhältnis zwischen spontanem Handlungsimpuls und der Reaktion auf diesen Handlungsimpuls durch ein Gegenüber. Die Synthese dieser wahrgenommenen Reaktionen formt das von der reagierenden Gemeinschaft geprägten Selbst-Bild.5 Meads Konstruktion ist für das anstehende Vorhaben nicht zuletzt deswegen besonders gut geeignet, weil er sich nicht dem sozialen Determinismus verschreibt, sondern immer wieder betont, dass eine handelnde Person nicht nur von der Gemeinschaft, in der sie ihre Handlungen vollzieht, geformt wird, sondern diese Gesellschaft auch selbst mit ihren Handlungen aktiv formt. Handlungen sind für ihn nur im Zusammenhang aus Bedeutungsmustern und Handlungserwartungen, 5 Diese Darstellung wird nachvollziehbar machen, in welchen Etappen des Prozesses der Selbst-Wahrnehmung die digitale Vermittlung ihre Wirkung entfaltet. Im Gegensatz zur deutschsprachigen Übersetzung von Hans Joas werde ich mich aus Gründen der Eindeutigkeit nicht an die von ihm meiner Meinung nach unglücklich gewählten Begriffe „Ich“ „ICH“ und „Selbst(e)“ halten, sondern auf die englischen Originalbegriffe zurückgreifen. Damit soll jedoch keinesfalls der Verdienst Joas’ insbesondere für die deutschsprachige Mead-Rezeption in Frage gestellt werden. Joas’ Arbeit verdankt auch dieser Text wichtige Erkenntnisse in Bezug auf das umfangreiche Werk Meads. Eine ausführliche Diskussion der Mead-Übersetzung durch Hans Joas sowie die weitere Rezeptionsgeschichte ist bei Grathoff, 1987 „Zur gegenwärtigen Rezeption von George Herbert Mead“ Seite 137ff nachzulesen. Die hier beschriebene Differenzierung des menschlichen Selbst-Konzepts geht auf William James und Carl Lang zurück, die hierzu unabhängig voneinander Überlegungen anstellten. Siehe hierzu u. A.: James, 1890 „The principles of psychology“. Einleitung 13 die sich in gemeinschaftlicher (kommunikativer) Interaktion etablieren, zu begreifen.6 Schließlich werden in Kapitel vier die Verwendungsweisen digitaler Kommunikation an drei Beispielen sehr konkret analysiert: Instant Messenger, soziale Netzwerke und digitale Agenten. In Kapitel fünf, „Informationsverarbeitung statt Kommunikation“, wird der Nachweis theoretisch vorbereitet, dass digital vermittelte Kommunikation tatsächlich erhebliche Folgen für das kommunikative Miteinander und die Tätigkeit von Kommunikation als soziale Handlung hat. In Kapitel sechs wird das Phänomen digital vermittelter Hate- Speech analysiert und so der Nachweis der skizzierten Folgen erbracht. Das Beispiel ermöglicht uns, die mit Mead beschriebene Hereinnahme gesellschaftlicher Strukturen in die menschliche Selbst-Wahrnehmung darzustellen und zu ergründen, ob und inwieweit die Verinnerlichung der Perspektiven durch die digitale Kommunikation verändert wird. Hierzu wird eine vom handelnden Menschen ausgehende Sichtweise auf das Phänomen der digitalen Kommunikation eröffnet werden, die nicht nur die konkreten Veränderungen seiner Handlungen, sondern auch deren Folgen für Selbst-Bild und soziale Interaktion in den Blick nimmt. Dadurch hoffe ich, zukünftigen Forschungsvorhaben im Bereich der digital vermittelten Kommunikation den Weg zu bahnen. Im Laufe der Darstellung wird sich zeigen, dass sich die einzelnen Aspekte, die diese Veränderung bedingen – einem Kommunikationsnetz nicht unähnlich – nur zu dem Preis voneinander trennen lassen, dass das Phänomen, das durch ihre Analyse beschrieben wird, nicht mehr greifbar ist. Daher werden eng miteinander verbundene Aspekte aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden. Da durch Kommunikation auf etwas Bezug genommen wird, also etwas erst als Wahrnehmbares erzeugt wird, unterscheidet sich die Bezugnahme der digitalen Kommunikation nicht von der nichtdigitalen. 6 Mead hatte keine zufriedenstellende Erklärung, wie Identität aus evolutionärer Sicht hätte entstanden sein können. Das verleitete ihn jedoch nicht zu einem reduktionistischen Erklärungsmodell von Bewusstsein. Vielmehr sah er als ein Vertreter des Pragmatismus seine Aufgabe darin, das Verständnis von Geist und Intelligenz neu zu interpretieren. Einleitung 14 Analysiert werden die realen Folgen für das Selbst-Bild der Menschen und nicht lediglich die Auswirkungen auf die im virtuellen Raum gezeigten Darstellungen. Wenn […] Kritiker der elektronischen Medien argumentieren, die neue symbolische Umwelt repräsentiere keine „Realität“, so beziehen sie sich implizit auf eine in absurder Weise primitive Vorstellung von einer „uncodierten“ realen Erfahrung, die es nie gegeben hat. Alle Wirklichkeit wurde durch Symbole kommuniziert. Und in der menschlichen, intersubjektiven Kommunikation sind unabhängig vom Medium alle Symbole im Hinblick auf den ihnen zugeschriebenen semantischen Sinn etwas verschoben. In gewisser Weise wird jede Realität virtuell wahrgenommen. (Castells, 2002a: 426) So begründet sich, warum sich auch die im digitalen Umfeld getätigten informationsvermittelnden Handlungen auf das Selbst-Bild der kommunizierenden Menschen auswirken. Erkennen wir an, dass digital vermittelte Kommunikationssituationen nicht in einer Parallelwelt stattfinden und eine immer höhere Anzahl von Kommunikationssituationen digital vermittelt wird, ist es folgerichtig, die Besonderheiten dieser Situationen zu analysieren. Besonders ist die Situation insofern, als mit Blick auf die Nutzungszahlen zwar von einem Massenmedium gesprochen werden kann, sich innerhalb seiner Verwendung jedoch gänzlich andere Strukturen entwickeln können als bei herkömmlichen Massenmedien wie Radio oder Fernsehen. Was es gerade nicht (mehr und allein) gibt, sind isolierte Individuen, die vor einem Computer sitzen und mit einer großen Anzahl von Personen kommunizieren. (Capurro, 2017: 178) Capurro widerspricht also den Vertreterinnen und Vertretern der Annahme, Computer führten unweigerlich zur Isolation ihrer Nutzerschaft. Er stützt seine Ansicht dadurch, dass er das verwendete Werkzeug zur Theoriebildung als nicht tauglich identifiziert. Analyseinstrumente, die sich für die Massenmedien Hörfunk und lineares Fernsehen bewährt haben, lassen sich eben nicht auf das neue Medium Internet übertragen. Auf der Basis der in der Einleitung kurz vorgestellten Theorien soll ein argumentativ gestützter Blick auf den Wandel zwischenmenschlicher Kommunikation gerichtet werden und die daraus folgenden Konsequenzen sollen hergeleitet werden. Einleitung 15

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Zusammenfassung

Das Internet kombiniert als Hybridmedium bereits existierende Möglichkeiten der Interpersonellen- und der Massenkommunikation mit neuen Formen der Vernetzung und Datenübertragung. Um die Folgen dieser Entwicklung zu beschreiben, schlägt der Autor eine Brücke zwischen Kommunikationswissenschaft und Identitätsphilosophie. Auf diesem Weg entsteht eine Interaktionstheorie, die erklärt, wie Kommunikationsphänomene wie Hate-Speech, Identitätsverlust und der Drang nach Selbstinszenierung durch die Spezifika der digitalen Kommunikation vorangetrieben werden. Er stützt sich hierbei auf Denker wie G. H. Mead, V. Flusser, J. Butler und J. Weizenbaum und erklärt so, was der Mensch über sich selbst erfährt, wenn er digital vermittelt mit anderen in Kontakt tritt und was, wenn er statt mit einem anderen Menschen mit künstlicher Intelligenz kommuniziert. So trägt Lukas Lehning auf dem Gebiet der Identitätsphilosophie und der Kommunikationswissenschaft zur Grundlagenforschung bei.