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Siegfried Schumann

Bewusstsein unabhängig vom Gehirn

Eine Literatursichtung mit Blick auf Willensfreiheit und einen möglichen Paradigmenwechsel

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4426-1, ISBN online: 978-3-8288-7436-7, https://doi.org/10.5771/9783828874367

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 38

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Philosophie Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Philosophie Band 38 Siegfried Schumann Bewusstsein unabhängig vom Gehirn Eine Literatursichtung mit Blick auf Willensfreiheit und einen möglichen Paradigmenwechsel Tectum Verlag Siegfried Schumann Bewusstsein unabhängig vom Gehirn. Eine Literatursichtung mit Blick auf Willensfreiheit und einen möglichen Paradigmenwechsel © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 ePDF 978-3-8288-7436-7 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4426-1 im Tectum Verlag erschienen.) Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag, Reihe: Philosophie; Bd. 38 ISSN 1861-6844 Abbildungen: Cover: shutterstock.com © agsandrew, Rückseite: © Siegfried Schumann Alle Rechte vorbehalten Informationen zum Verlagsprogramm finden Sie unter www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 5 Vorwort Ausgangspunkt Sind wir bei unseren als „willentlich“ empfundenen Entscheidungen wirklich frei, die eine oder auch die andere Wahl zu treffen? Oder sind in unseren Augen bewusst getroffene Entscheidungen von außen betrachtet lediglich ein „Nebenprodukt“ neuronaler Prozesse im Gehirn – was Willensfreiheit in engeren Sinne ausschließt? Ist Willensfreiheit damit eine Illusion? Die Frage ist für unser alltägliches Denken und Handeln von fundamentaler Bedeutung, was das Bild auf der Umschlagrückseite illustrieren soll. Hierzu mehr am Ende des Buches. Im Bereich der Wissenschaft wird sie kontrovers und teilweise sehr heftig diskutiert. Sie beschäftigt nicht nur die Philosophie. Zum Beispiel kommt ihr auch im Rahmen der (human-)wissenschaftlichen Forschung ein zentraler Stellenwert zu. Dies war für mich persönlich Anlass und Ausgangspunkt für die Beschäftigung mit dem Thema – ungeachtet seiner Relevanz für viele andere Lebens- und Forschungsbereiche. Wie man die Frage beantwortet, hat erhebliche Konsequenzen – unter anderem auch dafür, wie Forschung sinnvollerweise durchzuführen ist und wie Forschungsergebnisse zu interpretieren sind. Im Bereich der empirischen Sozialforschung beispielsweise hat das quantitative Forschungsparadigma einen herausragenden Stellenwert. In ihm stellt die Annahme eines „freien Willens“ allerdings insofern ein Problem dar, als sie nach dessen Grundannahmen (einer „Einheitswissenschaft“) kaum zu rechtfertigen ist. Auf der anderen Seite wird die Vorstellung eines „freien Willens“ dennoch in aller Regel akzeptiert, wohl, da eine Ablehnung eklatant unserem Alltagsverständnis widersprechen würde. Spätestens die Forscherinnen und Forscher selbst werden sich 6 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? kaum einen „freien Willen“ absprechen1 – womit auch den von ihnen untersuchten Personen ein solcher schwerlich abzusprechen sein dürfte. Im qualitativen Paradigma2 dagegen stellt „Willensfreiheit“ schlichtweg eine Grundannahme dar, welche allerdings aus Sicht des quantitativen Paradigmas insbesondere mit dem Verursachungsproblem (hierzu im Weiteren mehr) konfrontiert ist und entsprechend kritisiert wird.3 Die hier angesprochene Diskussion um die Annahme eines „freien Willens“ bezieht sich auf einen „starken“ Begriff von Willensfreiheit, welchen der Biologe und Hirnforscher Gerhard Roth folgendermaßen charakterisiert: 1. Ich als bewusst denkendes und agierendes Wesen bin Träger meines Willens und Verursacher meiner Handlungen. 2. Ich könnte unter identischen sonstigen Bedingungen auch anders handeln beziehungsweise hätte ich im Rückblick auch anders handeln können, wenn ich nur wollte beziehungsweise gewollt hätte, also sozusagen allein kraft meines immateriellen Willens […] (Roth 2009a, S. 10, Hervorhebungen im Original). In diesem Sinne wird der Begriff „freier Wille“ im vorliegenden Buch verwendet. Dabei ist anzumerken, dass die Möglichkeit der Ausübung eines so definierten „freien Willens“ gegebenenfalls auf bestimmte Bereiche menschlichen Denkens und Handelns beschränkt sein wird – allerdings auf solche, die aus humanwissenschaftlicher Sicht von besonderem Interesse sind. Die Annahme, subliminale Wahrnehmung (wie etwa bei unterschwelligen Werbebotschaften) wäre durch einen „freien Willen“ zu beeinflussen, dürfte kaum jemand vertreten – wohl aber die An- 1 Susan Blackmore (2012, S. 19) bestätigt dies mit Blick auf zahlreiche Interviews, welche sie mit hervorragenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zum Thema führte. 2 Ausführlich dargestellt ist der Gegensatz zwischen dem quantitativen und dem qualitativen Forschungsparadigma in Schumann (2018), eine knappe Zusammenfassung findet sich in Schumann (2019, S. 257–262). 3 Näheres zu dieser kurzen Skizze zum Thema „Willensfreiheit“ im Rahmen der humanwissenschaftlichen Forschung ist in Schumann (2018, S. 71–92) ausgeführt. Zum unterschiedlichen Stellenwert von „Willensfreiheit“ im quantitativen bzw. qualitativen Forschungsparadigma vgl. dort S. 89–91. 7 Vorwort nahme, dies träfe auf durchdachte Entscheidungen nach langwierigen Abwägungsprozessen zu. Nimmt man Willensfreiheit im oben genannten Sinne als gegeben an, folgt als Konsequenz, dass es „im Naturgeschehen Kausallücken gibt, in die hinein der immaterielle Wille steuernd eingreift“ (Roth 2009a, S. 10). Der Neurophysiologe Wolf Singer (2015, S. 12) bringt es auf den Punkt: Wir erfahren uns als freie mentale Wesen, aber die naturwissenschaftliche Sicht lässt keinen Raum für ein mentales Agens wie den freien Willen, das dann auf unerklärliche Weise mit den Nervenzellen wechselwirken müsste, um sich in Taten zu verwandeln – womit das bereits erwähnte Verursachungsproblem angesprochen ist. Der Philosoph David Chalmers formuliert in einem Gespräch mit Susan Blackmore die grundlegende Frage zum Verursachungsproblem knapp: „Wie kann der Geist auf die physikalische Welt wirken?“ (Blackmore 2012, S. 63). Zur Diskrepanz zwischen der in seinem Zitat geschilderten Position und unserem Selbstverständnis bemerkt Singer: […] für Entscheidungen, die auf der bewussten Abwägung von Variablen beruhen und die wir als gewollt empfinden, fordert unsere Intuition anderes. Wir neigen dazu, eine von neuronalen Prozessen unabhängige Instanz anzunehmen, die neuronalen Abläufen vorgängig ist: eine Instanz, die sich Sinnessignale und Speicherinhalte bewusstmachen kann, daraus Schlüsse zieht, eine Option als gewollt identifiziert und diese dann in Handlung umsetzt. Diese Sichtweise artikuliert sich in zwei Positionen. Eine, die dualistische, postuliert für die wollende Ich-Instanz einen immateriellen Dirigenten, der das neuronale Substrat nur nutzt, um sich über die Welt zu informieren und seine Entscheidung in Handlungen zu verwandeln. Diese Position ist mit dem Verursachungsproblem konfrontiert und mit bekannten Naturgesetzen unvereinbar. Sie hat den Status unwiderlegbarer Überzeugungen. Die andere geht zwar davon aus, dass auch die sogenannten »freien Entscheidungen« vom Gehirn selbst getroffen werden, dass die zugrundeliegenden Prozesse sich aber aus nicht näher spezifizierten Gründen über den neuronalen Determinismus erheben können. Aus neurobiologischer Sicht ist auch diese Lesart unbefriedigend. […] Dies folgt aus der zwingenden Erkenntnis, dass neuronale Vorgänge in der Großhirnrinde nach immer glei- 8 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? chen Prinzipien ablaufen und dass sowohl bewusste als auch unbewusste Entscheidungen auf Prozessen in dieser Struktur beruhen. Wenn dem aber so ist, warum räumen wir den bewussten Entscheidungen einen anderen Status ein als den unwillkürlichen […] (Singer 2013, S. 57–58; Hervorhebungen: Sch.). Problemstellung Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der im vorstehenden Singer- Zitat erstgenannten, dualistischen Position und geht der Frage nach, ob (und wenn ja welche) Argumente für die Annahme einer solchen dualistischen Position zu finden seien. Hierzu zwei Vorbemerkungen: Zum einen ist sicherlich zutreffend, dass die dualistische Position „mit dem Verursachungsproblem konfrontiert und mit bekannten Naturgesetzen unvereinbar [ist]“ (Singer 2013, S. 57; Hervorhebung: Sch.). Das entscheidende Wort scheint hier „bekannt“ zu sein, denn die aus Sicht der klassischen Physik zunächst selbstverständliche Einschätzung relativiert sich mit Blick auf die Quantenphysik. Nach den Ergebnissen der Quantenphysik ist die Sichtweise der klassischen Physik als „empirisch falsch“ zu betrachten (auch wenn sie sich über weite Strecken als äußerst nützlich/viabel erweist). Eine Alternative in Form einer dem „gesunden Menschenverstand“ zugänglichen, allgemein akzeptierten Interpretation der experimentell bestens bestätigten Ergebnisse der Quantenphysik ist allerdings derzeit nicht bekannt.4 Der international renommierte Physiker Anton Zeilinger schreibt mit Blick hierauf einleitend in einem seiner Bücher über Quantenphysik: Die zweite Absicht […] ist es, Ihnen zu zeigen, wie viele Fragen noch offen sind. Noch wichtiger als die Änderungen durch neue Technologie werden wahrscheinlich die auf der Quantenphysik beruhenden Änderungen unserer Weltanschauung sein – Änderungen, von denen wir gegenwärtig nur eine grobe Ahnung haben. Diese Vermutung liegt deshalb nahe, weil die 4 Das Kapitel: „Zusammenbruch des materialistisch-deterministischen Weltbildes“ in Schumann (2018, S. 49–70) befasst sich ausführlicher mit dieser Thematik. Alexander Wendt (2015) setzt sich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive mit den Implikationen der Ergebnisse der Quantenphysik auseinander. 9 Vorwort Quantenphysik bereits fast ein Jahrhundert alt ist und dennoch bis heute keine einheitliche, zufriedenstellende Interpretation gefunden wurde – wahrscheinlich deshalb, weil die Änderungen weit radikaler sein müssen, als vielen lieb ist (Zeilinger 2007, S. 8). Auch der zweite im Singer-Zitat angesprochene Einwand, die dualistische Position habe den „Status unwiderlegbarer Überzeugungen“ (Singer 2013, S. 57), ist zu hinterfragen. Das Argument der empirischen Forschung, es müsse Falsifizierbarkeit gegeben sein, gilt für Kausalhypothesen. Bei der im Folgenden dargestellten Diskussion zum Thema „Dualismus“ im genannten Sinne werden jedoch Existenzaussagen einer Prüfung unterzogen. Bei Existenzaussagen genügt ein einziger „akzeptierter“ Fall zur Verifikation. Die betreffenden Existenzaussagen können mit anderen Worten empirisch geprüft werden! Widerlegt werden kann eine Existenzaussage nicht, wohl aber verifiziert – vorausgesetzt, man akzeptiert die „Beweisführung“. Nach dem oben Gesagten erscheint es nicht abwegig, die erwähnte dualistische Position einer empirischen Prüfung zu unterziehen. Dies stellt das Hauptanliegen des vorliegenden Buches dar. Eine zentrale Frage ist dabei, ob Bewusstsein5 notwendigerweise und in allen Fällen ein Produkt neuronaler Prozesse darstelle oder ob dies in bestimmten Fällen nachweislich nicht der Fall sei. Letzteres könnte auf einen „immateriellen Dirigenten“ im Sinne Singers (2013, S. 57) hinweisen – zumindest stellt es eine Grundvoraussetzung dafür dar, dass ein solcher im Falle einer freien Willensentscheidung „das neuronale Substrat […] nutzt, um sich über die Welt zu informieren und seine Entscheidung in Handlungen zu verwandeln“ (Singer 2013, S. 57).6 5 (Nominal) definiert als: „die bewusste Wahrnehmung von uns selbst und unserer Umgebung“ (Myers 2014, S. 90). 6 Wie dies vonstattengehen kann, ist eine gesonderte Forschungsfrage, welche gegebenenfalls anschließend zu untersuchen wäre. Sie beträfe dann insbesondere das weiter oben angesprochene Verursachungsproblem. 10 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Zu prüfende Hypothesen (Existenzaussagen) Im vorliegenden Buch werden zwei Hypothesen (in Form von Exis tenzaus sa gen) einer empirischen Prüfung unterzogen: H 1: Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen). H 2: Es gibt Fälle, in denen Personen über Wissen verfügen, das sie nicht durch Gehirnaktivitäten erlangt haben können. Der Vorschlag zur Prüfung der genannten Hypothesen stammt aus einer 2017 in dem Buch „Jenseits des Selbst“ veröffentlichten Diskussion zwischen Wolf Singer und Matthieu Ricard. Diese Diskussion ist – was zentrale Fragen zum Thema „Bewusstsein“ betrifft – einleitend in Kapitel 1 dargestellt. Durchgeführt wird die Prüfung (bis auf einen kurzen, aus methodischer Sicht wichtigen Exkurs in Kapitel 3) wie in der Diskussion zwischen Singer und Ricard empfohlen. Akzeptiert man anhand der in den nachfolgenden Kapiteln berichteten Belege eine der beiden Existenzaussagen (oder beide) als „bestätigt“, stützt dies die oben geschilderte dualistische Position. Es läge dann in der Tat nahe, „eine von neuronalen Prozessen unabhängige Instanz“ im Sinne des obigen Zitats von Singer (2013, S. 57; Hervorhebung: Sch.) anzunehmen. Das vorliegende Buch bietet eine Zusammenstellung von Informationen, die als Grundlage für die Beurteilung dieser Frage oder zumindest als Ausgangspunkt für weitere Recherchen und Diskussionen dienen können. 11 Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Ausgangspunkt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Problemstellung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Zu prüfende Hypothesen (Existenzaussagen). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 1 Einleitung: Wolf Singer diskutiert mit Matthieu Ricard über „Bewusstsein“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .17 Bewusstsein als Produkt neuronaler Prozesse? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 Konsequenzen in puncto „Willensfreiheit“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .21 Rätselhafte Erfahrungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Zielsetzung und Literaturgrundlage des Buches . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .31 2 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Nahtoderfahrung (NTE) . . . . . . . 41 Anmerkungen zur Prüfung von Hypothese H 1. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Mögliche Belege für die Inaktivität des Gehirns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 Mögliche Einzelfall-Belege für „Bewusstsein“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 Mögliche fallübergreifende Belege für „Bewusstsein“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 Zum weiteren Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 2.1 Ein Neurochirurg denkt um: Eben Alexander berichtet über seine Erfahrung . . 53 Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 Bericht über „klare Erfahrung“ bei einer NTE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 Zur Person/Umdenken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 Bericht über zwei zusätzliche Validierungshinweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 12 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? 2.2 Ein angehender Mediziner denkt um: Raymond Moody berichtet (retrospektiv) über Nahtoderfahrungen Anderer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Allgemeine Informationen zur Person. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 Zur Person/Umdenken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Moodys Haltung zu Berichten und Zeugenaussagen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Datenbasis der Untersuchung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .71 Zur Validität der geschilderten Inhalte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 Zur „Funktionsfähigkeit“ des Gehirns in Todesnähe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 Zur Validierung: NTE-Inhalte und Eigenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Bemerkungen Moodys zur Validierung der Berichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Fazit und praktische Relevanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 2.3 Ein Kardiologe denkt um: Die prospektive Studie Pim van Lommels in den Niederlanden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 Zur Person/Umdenken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Ziel, Anlage und Durchführung der Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 Zeitliche Konstanz der Berichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90 Zur Validierung: Außerkörperliche Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Zur Validierung: Inhalte der Nahtoderfahrungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Ausschluss alternativer Erklärungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Veränderungsprozesse aufgrund der NTE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .110 NTE bei Kindern: Inhalte und „Begegnungen“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Phantasien, Einbildung und Betrug? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .116 Ein Fazit Pim van Lommels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .118 2.4 Eine (später promovierte) Krankenschwester denkt um: Penny Sartori führt eine prospektive Studie in Großbritannien durch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .119 Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .119 NTE-Berichte und ihre kulturelle Prägung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .122 Zur Person/Umdenken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .123 13 Inhaltsverzeichnis Ziel, Anlage und Durchführung der Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .124 Außerkörperliche Erfahrungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .127 Ausschluss alternativer Erklärungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .133 Zur Validierung: NTE-Klarheit und Langlebigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .135 Zur Validierung: Zurückhaltung beim Erzählen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 Zur Validierung: gravierende Veränderungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .139 Zur Validierung: harter Kern von NTE-Elementen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 Zur Validierung: NTE unbeschreibbar. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .141 Das Fazit Penny Sartoris. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .143 2.5 Ein Intensivmediziner denkt um: Sam Parnia initiiert eine prospektive Studie in Europa und den USA. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 Vorbemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 Der Fall Tiralosi/Forschungsinteresse Parnias . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Zur Person/Umdenken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150 Angaben zur Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .152 Ärzte berichten über Auftreten von „Bewusstsein“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162 Weitere Validierungshinweise I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Ausschluss alternativer Erklärungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169 Weitere Validierungshinweise II . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 Das Fazit Sam Parnias . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .172 2.6 NTE: Definition(en), Häufigkeit und Inhalte (soweit zur Prüfung von Hypothese H 1 relevant) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .175 Definition(en) und Verwandtes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .175 Häufigkeit von NTE und NTE-Berichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182 Inhalte von NTE: Übersicht – Teil I . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188 Ähnliche Inhalte bei van Lommel und Hampe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .193 Ähnlich häufige NTE-Elemente in zwei Studien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Inhalte von NTE: Übersicht – Teil II. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .197 Anmerkungen zur Prüfung von Hypothese H 1. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 14 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? 2.7 Umdenken der Autorinnen und Autoren in Richtung: „ Dualismus“. . . . . . . . . . . 204 Zum Begriff: „Dualismus“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 Ansichten über die Entstehung von „Bewusstsein“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 Bewusstsein als Produkt der Gehirnaktivität? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .212 3 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? Die Recherchen Michael Nahms zur terminalen Luzidität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .217 Zum Begriff: „terminale Luzidität“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .217 Prüfung von Hypothese H 1: Vier relevante Punkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220 Mögliche Belege zu den Punkten 1 bis 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222 Informationen zur Arbeit Nahms . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223 In Nahms Arbeit aufgeführte Berichte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Zur Validität der aufgeführten Berichte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227 Auch Nahm befasst sich mit „Dualismus“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228 Vorschläge für weitere Forschungsarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .231 4 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? Jim B. Tucker untersucht Erinnerungen an frühere Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .233 Weshalb dieses Kapitel? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Allgemeine Informationen zur Person. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234 Prüfung von Hypothese H 2 bei Individuen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235 Fallübergreifende Prüfung von Hypothese H 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Berichte von Kindern über „frühere Leben“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 237 Tuckers Kontakt mit Ian Stevenson . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238 Schlüsse bezüglich Gehirn und Geist: Dualismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239 Quantenphysik und dualistische Position . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 Bestätigung für Hypothese H 2 nach Tucker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 Statistik zur Prüfung von Hypothese H 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 Das Fazit Jim B. Tuckers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 15 Inhaltsverzeichnis 5 Zusammenfassung der Argumentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245 Mein persönliches Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Umschlagbild: Was geschieht hier? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 250 Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .253 17 1 Einleitung: Wolf Singer diskutiert mit Matthieu Ricard über „Bewusstsein“ Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der Frage, ob Bewusstsein lediglich ein (nachgeordnetes!) Produkt neuronaler Aktivität im Gehirn sei – oder ob es möglicherweise unabhängig davon auftreten bzw. „existieren“ könne. Unter „Bewusstsein“ ist dabei – im Sinne einer Nominaldefinition – „die bewusste Wahrnehmung von uns selbst und unserer Umgebung“ (Myers 2014, S. 90; vgl. hierzu auch Damásio 2013, S. 169) zu verstehen. Die praktische Relevanz der genannten Frage liegt auf der Hand. Ihre Beantwortung hat tiefgreifende Konsequenzen für unser Selbstverständnis. Die Interpretation des im Bild auf der Umschlagrückseite festgehaltenen Geschehens hängt beispielsweise hiervon ab – wobei festzuhalten ist, dass sehr unterschiedliche Interpretationen möglich sind! Auch für die Wissenschaft ist die genannte Frage relevant. So ergibt sich beispielsweise aus ihrer Beantwortung der Stellenwert, den wir den Grundannahmen der quantitativen bzw. der qualitativen empirischen Sozialforschung beimessen (vgl. hierzu z. B. Schumann 2018). Insbesondere die zentrale Frage des „freien Willens“ ist – wie nachfolgend dargelegt – aufs engste mit der hier behandelten Thematik verknüpft. Der vorliegende Beitrag wird keine letzte Antwort liefern. Er liefert jedoch aus unterschiedlichen Bereichen Indizien dafür, dass die Vorstellung eines zumindest in bestimmten Fällen von neuronalen Prozessen unabhängigen Bewusstseins nicht vorschnell verworfen werden sollte. Die Beiträge stammen von naturwissenschaftlich sozialisierten Personen, die auf eine entsprechende Ausbildung zurückblicken und die entsprechende Argumentationsweise – was die genannte Thematik betrifft – kennen. 18 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Die Beurteilung der berichteten Anhaltspunkte bleibt natürlich der Leserin bzw. dem Leser überlassen. In etlichen Fällen mag diese Beurteilung aufgrund mangelnden Spezialwissens auf dem betreffenden Fachgebiet schwerfallen – ich möchte mich da nicht ausschließen. Wie nachfolgend noch zu erläutern sein wird, würde jedoch die Akzeptanz auch nur eines einzigen der hier angesprochenen Belege genügen, um einräumen zu müssen, dass Bewusstsein offenbar auch ohne eine „erzeugende“ neuronale Aktivität auftreten kann. Damit wäre, wie im Vorwort dargestellt, eine Voraussetzung für die Annahme eines „freien Willens“ gegeben. Zu Beginn möchte ich einige für die genannte Fragestellung zentrale Passagen aus dem äußerst lesenswerten und informativen Buch „Jenseits des Selbst“ von Wolf Singer und Matthieu Ricard (2017) zitieren. Wolf Singer, für sein wissenschaftliches Werk vielfach ausgezeichnet, ist emeritierter Direktor am Max-Plank-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main. Matthieu Ricard, Autor mehrerer internationaler Bestseller, „war als Molekularbiologe am Institut Pasteur in Paris tätig, bevor er buddhistischer Mönch wurde“ (Singer und Ricard 2017, Umschlag/back matter) – und sich mit der Wirkung der Meditationserfahrung auf neuronale Prozesse befasste. Bewusstsein als Produkt neuronaler Prozesse? Die in dem Buch von Singer und Ricard beschriebene Diskussion dreht sich an zentraler Stelle um die Frage eines möglicherweise von einer materiellen Basis unabhängigen Bewusstseins. Auf den ersten Blick scheint die Sachlage klar. In den Worten Singers: Die Neurobiologie postuliert [sic!], dass alle geistigen Prozesse, auch jene, die anscheinend nicht viel mit materiellen Abläufen zu tun haben – Wahrnehmen, Entscheiden, Planen, Gefühle entwickeln und sich seiner selbst und der Welt bewusst sein zu können –, die Folge neuronaler Prozesse sind und nicht ihre Ursache. Im Rahmen unseres Verständnisses von Naturgesetzen ist es unvorstellbar, dass ein immaterielles Agens – also etwa der Wille – auf neuronale Netzwerke einwirkt und sie dazu bringt, das auszuführen, was dieses Agens vorhat, um damit eine Handlung auszulösen. Wie ich finde, vertritt die Neurobiologie hier zu Recht die eindeutige Position, dass 19 Einleitung alle mentalen Funktionen, einschließlich unseres Bewusstseins, das Resultat des Zusammenspiels der neuronalen Aktivitäten in den verschiedenen Bereichen des Gehirns sind. Diese koordinierten Aktivitätsmuster bringen hervor, was wir als Wahrnehmungen, Entscheidungen, Gefühle, Urteile oder den Willen erfahren. Aus dieser Perspektive sind folglich alle mentalen Phänomene die Folge neuronaler Prozesse und nicht deren Ursache (Singer und Ricard 2017, S. 214; Hervorhebung im Original; vgl. hierzu auch S. 206, 208, 224, 308). Auf den zweiten Blick fällt zunächst das Verb „postuliert“ ins Auge. Ähnlich ist auf Seite 206 eher vorsichtig formuliert von „neurobiologischen Indizien“ die Rede, welche auf den genannten Sachverhalt hindeuten. In gewisser Ambivalenz hierzu formuliert Singer auf Seite 224 wieder klipp und klar: Es gibt kein »Bewusstsein« ohne eine entsprechende neuronale Basis – worauf Ricard kontert: Ziehst du hier deine Schlüsse nicht ein wenig voreilig? Sicherlich teilen die meisten Neurowissenschaftler diese Meinung, aber es wäre übertrieben zu behaupten, dass es diesbezüglich unwiderlegbare Beweise gibt. Letzteres wird oft konstatiert. Wolf Singer (2015, S. 29–30) antwortete beispielsweise an anderer Stelle auf die Frage: „Das heißt, Sie kennen die materielle Ursache des Erlebens?“ unter anderem mit: […] Was uns noch schwerfällt, ist, das neuronale Korrelat für Bewusstsein an sich zu identifizieren. Wir wissen noch nicht, wie die Repräsentation der Inhalte des Bewusstseins im Gehirn organisiert ist. Bei dem Psychologen und Kognitionswissenschaftler Wolfgang Prinz (2013, S. 26) ist zu lesen: Die Biologen können erklären, wie die Chemie und die Physik des Gehirns funktionieren. Aber niemand weiß bisher, wie es zur Ich-Erfahrung kommt und wie das Gehirn überhaupt Bedeutungen hervorbringt. 20 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Der Philosoph David Chalmers meint in einem Gespräch mit Susan Blackmore: »[…] Wie können hundert Milliarden interagierende Neuronen im Gehirn zusammen die Erfahrung eines bewussten Geistes mit all diesen wundervollen Bildern und Klängen hervorbringen?« Im Moment kennt wohl niemand die Antwort darauf (Blackmore 2012, S. 58)7 und der Intensivmediziner Sam Parnia (2013, S. 247) berichtet: In der Wissenschaft ist es uns nicht gelungen, anhand eines plausiblen biologischen Mechanismus zu erklären, wie eine Zelle oder eine Gruppe von Zellen, die zusammenarbeiten (d. h. das Gehirn) möglicherweise einen Gedanken oder eine Sammlung von Gedanken erzeugen könnte und damit letztlich die Instanz hervorbringt, die wir als das menschliche Bewusstsein bezeichnen. Auch der Physiologe Benjamin Libet (2013, S. 285) stellt fest: Es gibt eine unerklärte Lücke zwischen der Kategorie der physischen Phänomene und der Kategorie der subjektiven Phänomene und der Kardiologe Pim van Lommel (2013, S. 222) zitiert den Medizin- Nobelpreis-Träger Francis H. C. Crick mit den Worten: Bisher können wir nicht ein einziges Areal im Gehirn identifizieren, in dem die Aktivität der Neuronen exakt dem lebhaften Bild der Welt entspricht, das wir vor unseren Augen haben. Ganz ähnlich schrieb bereits Hampe (1975, S. 98): Die Wissenschaft weiß ja heute noch immer nicht, was sich abspielen muss, damit körperliche Veränderungen im Gehirn zu seelischen Ereignissen füh- 7 An anderer Stelle: „Ein Grundproblem ist folgendes: In der klassischen Neurowissenschaft kann man vielleicht 40-Hertz-Schwingungen im Gehirn feststellen oder verschiedene Wechselwirkungen, aber warum sollte so etwas Bewusstsein erzeugen? Das kann man nicht erklären“ (Chalmers in Blackmore 2012, S. 71). 21 Einleitung ren […]. Wir kennen die Schaltstellen zwischen Gehirn und Bewusstsein […], aber wir haben noch keine Ahnung davon, wie sie funktionieren. Konsequenzen in puncto „Willensfreiheit“ Die Vorstellung, Bewusstsein sei (wie alle „geistigen Prozesse“ im oben genannten Sinne) lediglich ein Produkt neuronaler Aktivitäten im Gehirn8, impliziert – wie bereits erwähnt – weitreichende Konsequenzen. Insbesondere ist nach dem Statement Singers die Annahme eines „freien Willens“ offenbar unhaltbar. Gemeint ist in diesem Zusammenhang ein „starker“ Begriff von Willensfreiheit, wie er im Vorwort definiert wurde.9 Was wir im alltäglichen Leben als „willentliche Entscheidung“ bezeichnen, wäre damit nach meiner Lesart des Statements nichts weiter als eine (durch vorausgehende neuronale Aktivität verursachte) Illusion (vgl. z. B. auch Singer und Ricard 2017, S. 206). Beispielsweise wären im Bereich der Wissenschaft Fragestellungen, Interessenlagen, Zielsetzungen etc. von Forscherinnen und Forschern, deren Forschungsaktivitäten sowie auch die Resultate ihrer Forschungen letztlich das Ergebnis von Kausalketten und Selbstorganisationsprozessen. Gleiches würde für die Aktivitäten von Hans und Sophie Scholl als auch für deren Ermordung gelten. Auch lebensrettende medizinische Hightech-Geräte, ebenso wie Mienen in Form von Kinderspielzeug, wären wohl konsequenterweise als Ergebnis von Kausalketten und Selbstorganisationsprozessen zu betrachten – um die Implikationen der genannten Sichtweise etwas plakativ zu demonstrieren (vgl. hierzu auch Schumann 2018, S. 71–92). Ein Argument gegen diese Sicht der Dinge sei anhand zweier Ausschnitte aus der Diskussion zwischen Matthieu Ricard (MR) und Wolf Singer (WS) aufgezeigt: 8 Als „unvorstellbar komplexes, nichtlineares System, das sich selbst organisiert“ (Singer und Ricard 2017, S. 208). 9 Zur Erinnerung: „1. Ich als bewusst denkendes und agierendes Wesen bin Träger meines Willens und Verursacher meiner Handlungen. 2. Ich könnte unter identischen sonstigen Bedingungen auch anders handeln beziehungsweise hätte ich im Rückblick auch anders handeln können, wenn ich nur wollte beziehungsweise gewollt hätte, also sozusagen allein kraft meines immateriellen Willens […]“ (Roth 2009a, S. 10, Hervorhebungen im Original). 22 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? (WS) Wenn deine Entscheidung lautet, es dir auf einer Müllhalde bequem zu machen, dann müssen die Verbindungen in deinem Gehirn so verknüpft sein, dass diese demonstrative Handlung befriedigender ist als alle anderen Dinge, die du tun könntest. (MR) Warum sollte das Gehirn auf diese merkwürdige Weise verdrahtet sein? Das ist für mein Überleben doch total kontraproduktiv. (WS) Es muss eine treibende Kraft geben, deinen Neigungen zu widerstehen und dir zu beweisen, dass du frei bist. Diese kann nur Ausdruck neuronaler Aktivität sein, und daher muss sie aus dem Gehirn selbst stammen. (MR) Weil das Gefühl, die Kontrolle zu haben, sich irgendwie auszahlt? (WS) Genau (Singer und Ricard 2017, S. 267; Hervorhebungen: Sch.). Der zweite Ausschnitt: (MR) Hier sitze ich also, in einem, wie ich hoffe nicht ganz verblendeten Zustand, und behaupte, dass ich die nächsten fünf Stunden auf diesem Stuhl sitzen bleiben werde, wenn du mir bestätigst, dass dies ein schlagender Beweis für den freien Willen ist. (WS) Aber es muss ein Problem geben, das du versuchst zu lösen, oder einen inneren Drang, wenn du so etwas Verrücktes tust oder wenn du jetzt rausgehst und dich nackt auf der Wiese herumwälzt. (MR) Vielleicht aber auch nicht, wenn es diese philosophische Frage beantwortet. Dafür wälze ich mich dann auch wie ein Idiot nackt im Gras. Ich würde das nicht tun, weil ich mein Bedürfnis aufgrund eines unkontrollierbaren Anflugs von Wahnsinn nicht unterdrücken kann, sondern mit einem klaren und besonnenen Geist, um eines Arguments willen, das mir wichtig erscheint. […] (WS) Was geht dieser Entscheidung voraus? Was ist in deinem Gehirn geschehen, bevor dieser Plan heranreifte und es zu dieser Entscheidung kam? 23 Einleitung Du würdest mir doch zustimmen, dass es in deinem Gehirn zu Planungen und Entscheidungen gekommen sein muss. [10] In deinem Beispiel geht es um deinen Wunsch, dir oder mir zu beweisen, dass du einen freien Willen hast. Du hast also ein konkretes Motiv, das während unseres Gesprächs entstanden ist, nämlich aus dem Widerspruch zwischen meinen Argumenten und deinem Gefühl. Diesen Konflikt möchtest du lösen, indem du den Beweis erbringst, dass du spontan entscheiden kannst, etwas ganz Ungewöhnliches und auf den ersten Blick Sinnloses zu tun. Allerdings ist es in diesem Fall sehr deutlich, was deiner vermeintlich freien Entscheidung vorausgegangen ist: Argumente, welche die Willensfreiheit infrage stellen, haben deiner Intuition widersprochen, worauf dann schließlich dein Gedanke entstanden ist, wie du diesen Konflikt auflösen kannst. (MR) Aber auch jetzt sagst du nur, dass die Natur den Kausalgesetzen folgt. Hier geht es aber doch um die Faktoren, welche die Entscheidungsfindung beeinflussen. Gibt es Raum für eine mentale Verursachung meiner Entscheidung, die dem Bewusstsein entstammt und nicht den neuronalen Vorgängen? Wir kehren immer wieder zu der Tatsache zurück, dass man die Möglichkeit, dass das Bewusstsein etwas anderes als ein Nebenprodukt der Gehirnaktivität ist, nicht kategorisch verwerfen kann (Singer und Ricard 2017, S. 268–269; vgl. hierzu auch S. 266–267). Angemerkt sei, dass Singer die hier sehr strikt vertretene Position an anderer Stelle vorsichtiger formuliert, beispielsweise bei einer Diskussion mit dem Philosophen Lutz Wingert im Feuilleton der ZEIT (deren Bemerkungen im Folgenden kursiv gesetzt sind). Singer meint: Wir erfahren uns als freie mentale Wesen, aber die naturwissenschaftliche Sicht lässt keinen Raum für ein mentales Agens wie den freien Willen, das dann auf unerklärliche Weise mit den Nervenzellen wechselwirken müsste, um sich in Taten zu verwandeln. 10 Anmerkung: Es erscheint reizvoll, diese Passage auch mit Blick auf das Bild auf der Umschlagrückseite zu lesen! 24 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? – Wie löst der Hirnforscher diesen Konflikt? SINGER: Der Konflikt ist in meinen Augen derzeit nicht lösbar. Die zwei komplementären Beschreibungssysteme existieren auch im Hirnforscher alltäglich nebeneinander. Ich kann bei der Erforschung von Gehirnen nirgendwo ein mentales Agens wie den freien Willen oder die eigene Verantwortung finden – und dennoch gehe ich abends nach Hause und mache meine Kinder dafür verantwortlich, wenn sie irgendwelchen Blödsinn angestellt haben (Singer 2015, S. 12). In einem Beitrag für Spektrum der Wissenschaft (deren Bemerkungen ebenfalls kursiv gesetzt sind) findet sich folgende Passage: – Was ist bei der Frage nach dem freien Willen das Kernproblem? – Das wesentliche Problem ist, dass wir annehmen, das Verhalten von ganz einfachen Organismen – Plattwürmern oder Schnecken etwa – lückenlos im Rahmen unserer naturwissenschaftlichen Beschreibungssysteme erklären zu können. Das bedeutet, wir können Verhalten auf neuronale Prozesse zurückführen. Niemand wird gegenwärtig bezweifeln, dass es möglich ist, vorauszusagen, was ein Wurm als nächstes tun wird, wenn die Gesamtheit aller Erregungszustände der Nervenzellen des Tieres messbar wäre. – Ist das schon Stand der Forschung? – Bei ganz einfachen Tieren – oder sagen wir besser: Nervensystemen – ist das schon fast möglich. – Sie meinen, Sie haben es vielleicht noch nicht ganz erreicht, aber bald? – Wir glauben zumindest [sic!], dass es prinzipiell möglich ist. Wir müssen dazu nur technische Probleme überwinden, die mit der Komplexität der Vorgänge und den Messinstrumenten zu tun haben (Singer 2015, S. 26). Meines Erachtens zeigen die Passagen, dass der genannte Standpunkt der Hirnforschung – bei aller Stringenz der Argumentation! – auf mindestens einem Glaubenssatz beruht. Mehr zum Thema „Glaubenssätze“ im Rahmen der wissenschaftlichen Forschung findet sich in Schumann 25 Einleitung (2018, S. 11–19, 108–123, 165–168). Auch Singer kann nach meiner Lesart entsprechend interpretiert werden, wenn er – an anderer Stelle – einem Kapitel „Vom Gehirn zum Bewusstsein“ ein „epistemologisches Caveat“ voranstellt (Singer 2002, S. 60–62). Rätselhafte Erfahrungen Ein für die Betrachtungen des vorliegenden Beitrags wichtiger Teil in dem zitierten Buch von Singer und Ricard (2017) findet sich auf den letzten zwanzig Seiten, beginnend mit der Überschrift „Rätselhafte Erfahrungen“. Matthieu Ricard eröffnet diesen Teil mit genau der Fragestellung des vorliegenden Buches: Es wäre interessant, sich mit Phänomenen zu beschäftigen, die – falls wirklich etwas dahintersteckt – zu einer Neubewertung unserer Ansicht führen müssten, dass das Bewusstsein allein vom Gehirn abhängt. Ganz spontan fallen mit drei solche Phänomene ein, wobei man da sicherlich Schein von Sein und Tatsachen von Gerüchten unterscheiden muss. Es geht um die folgenden: Personen, die Zugang zu den Gedanken anderer haben; Menschen, die sich an ein früheres Leben erinnern; und Leute, die Nahtoderfahrungen gemacht haben und/oder von Geschehnissen berichten, die sich zutrugen, während sie offenkundig bewusstlos waren, das heißt, bei denen das EEG keine Gehirntätigkeit anzeigte. […] Weil diese Phänomene häufig als Beweis für die Sichtweise angeführt werden, dass unser Bewusstsein nicht auf unseren Körper beschränkt ist, sollten wir zumindest klären, welche Validierungskriterien hier anzulegen wären. WS [WOLF SINGER:] Das ist in der Tat eine wichtige erkenntnistheoretische Fragestellung. Wären diese Berichte […] stichhaltig, ließen sie sich also nicht durch so triviale Dinge wie Sinnestäuschungen, fälschliche Erinnerungen oder Zufall erklären, hätten wir wirklich ein großes Problem, denn sie lassen sich nicht nur nicht mit den bekannten neuronalen Abläufen vereinbaren, sondern sie würden, schlimmer noch, gegen einige der Grundgesetze verstoßen, auf denen unsere Naturwissenschaften basieren. Ein gemeinsames Problem all dieser rätselhaften Phänomene besteht aber darin, dass sie sich nicht reproduzieren lassen. Man kann sie nicht vorsätzlich herbeiführen und damit ist ihre experimentelle Überprüfung unmöglich. Na- 26 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? türlich könnte man dagegenhalten, dass sie zu einer Klasse von Phänomenen gehören, die sich genau dadurch auszeichnen, nicht reproduzierbar zu sein, dass sie Singularitäten einer Dynamik sind, die sich nie wiederholt (Singer und Ricard 2017, S. 320–321). Die Forderung nach dem Ausschluss von Faktoren wie Sinnestäuschungen, fälschlichen Erinnerungen etc., welche zu Fehlinterpretationen führen könnten, stellt eine Selbstverständlichkeit dar. Das ohnehin bereits relativierte Validitätskriterium der „Reproduzierbarkeit“ dagegen muss meines Erachtens im vorliegenden Fall nicht unbedingt gegeben sein. Das Argument der experimentellen Überprüfbarkeit entstammt dem Ansatz der quantitativen empirischen Forschung, (Kausal-)Hypothesen zu testen, indem man sie „mit der Realität konfrontiert“ und versucht, sie zu falsifizieren. Solange dies misslingt, gelten die betreffenden Hypothesen als „vorläufig bewährt“. Eine Verifikation ist nicht möglich, da schon der nächste Falsifikationsversuch erfolgreich verlaufen (d. h. zur Falsifikation führen) kann – so zumindest die Grundargumentation. Bei der Vorstellung, „Bewusstsein“ sei etwas anderes als ein Nebenprodukt der Gehirnaktivität, liegen die Dinge allerdings anders. Hier ist gegebenenfalls keine Zusammenhangshypothese zu testen, sondern eine Existenzaussage. Ein einziger gesicherter Nachweis genügt dabei, um die betreffende Vorstellung zu verifizieren (vgl. hierzu auch z. B. Lommel 2013, S. 28 und 170 oder Nahm 2012, S. 186). Das vorliegende Buch beschäftigt sich mit der Frage, ob entsprechende Belege zu finden seien. Die Beurteilung der vorgestellten, möglichen Belege bleibt dabei, wie gesagt, der Leserin bzw. dem Leser überlassen. Aber zurück zum eben unterbrochenen Zitat. Wohl zur Überraschung der meisten Leserinnen und Leser fährt Wolf Singer, an Matthieu Ricard gewandt, direkt im Anschluss fort: Lass mich dir eine Geschichte aus meinem Leben erzählen, die mich immer noch fasziniert. […] (Singer und Ricard 2017, S. 321). Es folgt eine wirklich bemerkenswerte Geschichte, die mit seiner bisherigen Argumentation nur schwer in Einklang zu bringen ist. Kurz geschildert waren seine Töchter zu einer Faschingsparty am anderen Ende der Stadt, wo er noch nie war [sic!], eingeladen. Auf dem Hinweg wurden seine Töchter von den Eltern eines Klassenkameraden mitgenom- 27 Einleitung men und er sollte sie abends abholen. Allerdings hatte er eine falsche Adresse – die Gastgeber waren vor einer Weile umgezogen – und nun stand er in einer ihm völlig unbekannten Gegend vor einem leeren Haus. Handys gab es noch nicht und seine Frau war nicht zu Hause. Wolf Singer beschreibt die Situation: Ich hätte also wieder zurück zum Institut oder nach Hause fahren und darauf warten müssen, dass meine Kinder mich anriefen, um mir die neue Adresse zu geben. Das bedeutete eine Stunde Fahrt zurück, wieder eine Stunde Fahrt zu der neuen Adresse und dann noch einmal eine Stunde für die Heimfahrt. Ich war frustriert und wütend. Was tat ich also? Ich fuhr einfach weiter aus der Stadt heraus, bog mal rechts, mal links ab, hielt an roten Ampeln, fuhr irgendwohin, alles in einem veränderten Bewusstseinszustand. Schließlich landete ich in einer Sackgasse und musste umkehren. Ich fuhr einige hundert Meter und hatte plötzlich das Bedürfnis, auf der rechten Seite zu parken, was aufgrund des Schnees mühsam war [sic!]. Gegenüber stand ein vielstöckiges Wohnhaus. Ich ging über die Straße, um die Namen auf den Klingelschildern zu lesen – frag mich nicht, warum ich ausgerechnet zu diesem Haus gegangen bin. Und während ich die Schilder studierte, sah ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Ich wandte mich zur Haustür und sah durch die Tür – sie war aus Glas – eine meiner Töchter aus dem Untergeschoss kommen. Dort hatte das Fest stattgefunden, und sie musste mit dem Aufzug noch mal hoch in die Wohnung fahren, um ihre Jacke zu holen. Als ich sie sah, klopfte ich gegen die Scheibe und sie öffnete. »Du kommst gerade rechtzeitig, wir sind gleich fertig, Tanja kommt auch bald hoch.« Als ich den beiden danach meine Geschichte erzählte, waren sie überhaupt nicht überrascht! Sie sagten: »Du bist unser Vater, natürlich weißt du, wo wir sind!« (Singer und Ricard 2017, S. 321–322). Es folgen Überlegungen, ob (auf bemerkenswerte Art und Weise!) bei diesem Erlebnis unbewusstes Wissen im Spiel gewesen sein könnte – die unbewusste Abspeicherung des Stadtplans sowie das unbewusste Registrieren des Umzugs der Familie, des neuen Straßennamens (auf den er bei seiner Irrfahrt allerdings nach eigener Aussage nicht geachtet hatte!) und der Tatsache, dass die Familie nun in einem Hochhaus wohnte? Seine Interpretation der Ereignisse bleibt ambivalent, wenn er schreibt: 28 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Meine Interpretation, dass ich in einem veränderten Bewusstseinszustand eine Menge Informationen aus dem Unterbewusstsein für meine Suche abrufen konnte, stimmt mit dem überein, was wir über die Abläufe im Gehirn wissen. Das gilt nicht für die Erklärung meiner Töchter. Stimmte ihre Interpretation, müssten wir an unserer derzeitigen Sicht auf das Gehirn, ja auf die Natur im Allgemeinen zweifeln. Wir müssten nämlich einräumen, dass wir offenbar etwas ganz Wesentliches übersehen haben (Singer und Ricard 2017, S. 323). Auch Mattieu Ricard (MR) weiß eine bemerkenswerte Geschichte zu berichten und diskutiert darüber kurz mit Wolf Singer (WS): Als ich in einer kleinen Klause in der Nähe meines ersten Lehrers, Kangyur Rinpoche, in Darjeeling lebte, erinnerte ich mich eines Tages daran, wie ich als Jugendlicher einige Tiere getötet hatte. […] Als mir das alles wieder einfiel, verspürte ich das dringende Bedürfnis, dieses Erlebnis meinem Lehrer zu berichten. Also verließ ich meine Klause und stieg zu dem Kloster hinunter, in dem Kangyur Rinpoche lebte. Mein Tibetisch war damals noch sehr dürftig, doch sein ältester Sohn, der ebenfalls einer meiner Lehrer war und ist, sprach fließend Englisch. Als ich mich zur Begrüßung drei Mal vor Kangyur Rinpoche auf den Boden warf, hörte ich ihn lachen und etwas zu seinem Sohn sagen. Als ich mich ihm näherte, um seinen Segen zu empfangen und ihm die Geschichte zu erzählen, meinte sein Sohn, noch bevor ich den Mund aufmachen konnte: »Rinpoche möchte wissen, wie viele Tiere du in deinem Leben getötet hast.« […] Irgendwann erzählte ich meinem Freund Jonathan Cohen, der ein Neurowissenschaftler ist, diese Geschichte. Er antwortete etwa so: »Ständig passieren Millionen von Dingen in deinem Leben; jeden Moment geschieht irgendetwas. Unter diesen Millionen von Ereignissen passen ab und zu einmal zwei anscheinend zusammenhanglose Dinge perfekt zusammen. Es ist wie ein Hauptgewinn im Lotto. Das hinterlässt einen starken Eindruck bei dir – in deinem Geist –, und daher kommst du zu dem Schluss, dass diese beiden Ereignisse auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden sind. Das ist nur eine Ad-hoc-Erklärung vollkommen zufälliger Begebenheiten.« (WS) Auch das äußerst Unwahrscheinliche ist immer noch möglich, und wenn es eintrifft, messen wir ihm häufig sehr große Bedeutung bei. 29 Einleitung (MR) Ich muss sagen, solche Vorkommnisse geschahen häufiger, als ich noch in der Nähe meiner Lehrer wohnte. Ich gewann quasi einmal im Monat im Lotto! (Singer und Ricard 2017, S. 323–325). Bezüglich des Verhaltens seines Lehrers betont Ricard: Er hatte nicht den geringsten Grund, mir die Frage zu stellen, ob ich jemals ein Tier getötet hätte. Sie kam völlig aus dem Blauen heraus. Niemals hatte mich Kangyur Rinpoche nach Details meiner Kindheit oder meines Lebens in Frankreich gefragt. […] Jahrelang sprach er mit mir über nichts anderes als über Meditation und erzählte mir die Lebensgeschichten der großen alten Meister. […] Warum um alles in der Welt sollte er mich zum ersten und letzten Mal in sieben Jahren zu einem Ereignis aus meiner Jugend befragen, das dazu noch relativ abseitig ist? Und nicht nur das. Er stellte mir diese Frage ausgerechnet in dem Moment, als ich kurz davor war, ihm von diesem Ereignis zu berichten, das mir selbst nur Augenblicke zuvor überhaupt erst in den Sinn gekommen war. Eine einfache Interpretation, die auf Wahrscheinlichkeiten beruht […] kommt für mich da nicht infrage. Die einfachste und offensichtlichste Erklärung ist, dass er meine Gedanken gelesen hat. Für mich war das ganz klar. Das war kein Einzelfall. Ich könnte dir noch vier oder fünf ganz ähnliche Geschichten erzählen […] (Singer und Ricard 2017, S. 326–327). Die letzte Bemerkung birgt ein zusätzliches Argument gegen die Interpretation als „Ad-hoc-Erklärung einer vollkommen zufälligen Begebenheit“ (siehe oben!), die bei der Argumentation des vorliegenden Beitrags an späterer Stelle wieder aufgegriffen wird: Eine ganz extrem unwahrscheinliche Begebenheit mag zu unserer großen Verwunderung per Zufall eintreten. Häufen sich jedoch derartige, voneinander unabhängige und extrem unwahrscheinliche Begebenheiten, so ist die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer derartigen Häufung durch Multiplikation der Einzelwahrscheinlichkeiten zu berechnen. Die mehrfache Multiplikation sehr kleiner Zahlen ergibt astronomisch geringe Wahrscheinlichkeiten, so dass die Zufalls-Interpretation einer solchen Häufung kaum haltbar erscheint. In diesem Sinne argumentieren beispielsweise auch Long (2010, S. 13–14 und 299–300) sowie Alexander (2013, S. 195 und 230). 30 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Bemerkenswert ist die Fortführung des Dialogs durch Wolf Singer mit der Feststellung: Während des Kalten Krieges wurden an der Stanford University Experimente durchgeführt. Man wollte herausfinden, wie man mit getauchten Unterseebooten kommunizieren kann, und die Idee war, es mit Telepathie zu versuchen. An diesen Experimenten waren seriöse Physiklabore beteiligt. Ein Teilnehmer, die Zielperson, wurde an einen von fünf vorher ausgewählten Orten geschickt, während ein Medium in einem abgeschirmten Raum saß. Das Medium hatte die Aufgabe, mit Worten und Zeichnungen zu beschreiben, was die Zielperson in diesem Moment gerade sah. Die Beschreibungen wurden dann einer Gruppe von Leuten vorgelegt, die zwar die fünf Orte kannten, aber nichts über den Zweck des Experiments wussten. Sie wurden gebeten anzugeben, mit welchem der Orte die verbalen Beschreibungen und die Zeichnungen am meisten übereinstimmten. Die statistischen Methoden waren allem Anschein nach makellos und die Trefferquote war sensationell. Die Korrelation zwischen dem von den unbeteiligten Beobachtern identifizierten Ort und demjenigen, an dem sich der Proband tatsächlich aufgehalten hatte, war hochsignifikant. Zwei dieser Untersuchungen wurden in Nature und eine oder zwei in IEEE, einem angesehenen Technikfachblatt, veröffentlicht. […] (MR) Wann war das? (WS) Es muss in den 1960er Jahren gewesen sein. Diese Physiker haben wohl sorgfältig nach guter wissenschaftlicher Praxis gearbeitet (Singer und Ricard 2017, S. 327–328; Hervorhebungen im Original).11 Zwar bemerkt Singer später: „Das Schicksal der Stanford-Studie habe ich nicht weiterverfolgt“ (Singer und Ricard 2017, S. 329), dennoch hält er sie offenbar nicht von vornherein für völlig abwegig, sondern ganz im Gegenteil für von seiner Seite aus aktiv im Buch erwähnenswert. Weitere Anhaltspunkte dafür, dass Bewusstsein eventuell nicht nur ein Nebenprodukt neuronaler Aktivität sein könnte, werden von Singer und Ricard zunächst anhand von Berichten über Erinnerungen an frü- 11 Auf dieses Thema verweist auch Ewald (2013, S. 99). Weitere Angaben zu dem Projekt in: Lommel (2013, S. 359). 31 Einleitung here Leben diskutiert, insbesondere des weltbekannten Falls von Shanti Devi,12 wobei Wolf Singer bemerkt: Ja, wir sollten offen sein und nichts von vornherein ausschließen. In der Wissenschaftsgeschichte gibt es zahllose Beispiele für Beobachtungen, die als unvereinbar mit den etablierten Theorien galten. Diese Konflikte motivierten dann zu weiteren Nachforschungen, die entweder eine Modifizierung der alten Theorien erzwangen oder zur Entdeckung völlig neuer Prinzipien führten (Singer und Ricard 2017, S. 331). In einem weiteren Abschnitt (ab Seite 333) werden Nahtoderfahrungen diskutiert. Mattieu Ricard weist dabei auf die in der angesehenen medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichten Ergebnisse einer (prospektiven) Studie des Kardiologen Pim van Lommel hin, welche dieser mit Patienten, die einen Herzstillstand hatten, durchführte (Näheres hierzu in Abschn. 2.3 bzw. in Lommel et al. 2001). Zielsetzung und Literaturgrundlage des Buches Im Rückblick auf die Diskussion von Singer und Ricard erscheint die Frage, ob Bewusstsein lediglich ein Nebenprodukt neuronaler Aktivität sei oder unabhängig hiervon „existieren“ könne, alles andere als abschlie- ßend geklärt.13 Klar ist allerdings, dass Letzteres (Unabhängigkeit von neuronaler Aktivität) mit dem „bekannten wissenschaftlichen Theorierahmen“ nicht vereinbar ist (vgl. Singer und Ricard 2017, S. 336). Und es hätte gravierende Implikationen für die Diskussion über „Willensfreiheit“ (vgl. hierzu z. B. Schumann 2018, S. 71–92).14 12 Vgl. hierzu z. B. Hassler (2011, S. 73–87). 13 Der Philosoph Thomas Nagel konstatiert: „Das Bewusstsein ist das hervorstechendste Hindernis für einen umfassenden Naturalismus, der einzig auf den Ressourcen der physikalischen Wissenschaften beruht.“ (Nagel 2016a, S. 55) Vgl. zu diesem Thema beispielsweise auch Parnia (2013, S. 228–229) oder Kuhn (2013, S. 60–61). 14 Zur Zentralität dieser Diskussion: Der Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter bemerkt zur „Aporie von menschlicher Willensfreiheit und Determinismus […], [… dass] es sich hier möglicherweise um eines der Kernprobleme sozialwissenschaftlicher Erkenntnismöglichkeit handelt“ (Falter 2016, S. 285). 32 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Zur Frage: „Könnte das Bewusstsein aus etwas anderem als Materie bestehen?“ bemerkt Wolf Singer: Wäre mentale Verursachung möglich, müssten wir […] von einem Prozess ausgehen, der uns bisher völlig unbekannt ist. Dieses unbekannte Etwas müsste Kontrolle über unsere neuronalen Vorgänge ausüben und diese so steuern, dass sie sich auf unsere Gedanken, Wünsche, Emotionen sowie alle unsere Charaktereigenschaften auswirken. In diesen Fall wäre dieser Prozess wohl nicht an den Körper beziehungsweise das Gehirn gebunden und hätte über den Tod hinaus Bestand. […] Dann stellt sich die Frage: Wie interagiert dieser Prozess mit den differenzierten neuronalen Netzwerken in meinem Gehirn, damit diese das umsetzen, was die übergeordnete Instanz »vorhat«? […] (Singer und Ricard 2017, S. 335–336; Hervorhebungen: Sch). Damit ist erneut das Verursachungsproblem angesprochen, welches zum Beispiel auch gegen die Ansichten des Hirnforschers Sir John Eccles ins Feld geführt wird (vgl. hierzu z. B. Parnia 2013, S. 236). Im Zusammenhang mit dem Verursachungsproblem vertritt beispielsweise der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Bernulf Kanitscheider den Standpunkt: Die Prozesse der Welt sind kausal geschlossen, sie hängen untereinander stark vernetzt voneinander ab, aber es gibt keine transmundanen Einflüsse, die das Ursachennetz durchbrechen. […] Die kausale Geschlossenheit manifestiert sich u. a. in den Erhaltungssätzen […]. Jeder externe Eingriff in das Universum bedeutet eine Durchbrechung mindestens eines Erhaltungssatzes. (Kanitscheider 2007, S. 72–73; Hervorhebungen im Original). Das Zitat demonstriert nochmals: Gegebenenfalls gerieten die Grundannahmen oder Axiome, auf denen das von Singer beschriebene wissenschaftliche Weltbild beruht, ins Wanken (vgl. z. B. Singer und Ricard 2017, S. 323). Andererseits ist unser bisheriges Weltbild (der klassischen Physik) seit geraumer Zeit – spätestens mit dem Aufkommen der Quantenphysik – definitiv zusammengebrochen, ohne dass ein neues, kohärentes Weltbild an dessen Stelle getreten wäre (vgl. hierzu z. B. Schumann 2018, S. 46– 70, ähnlich auch Alexander 2013, S. 202–208, Lommel 2013, S. 24 oder 33 Einleitung Nahm 2012, S. 255–256). So gesehen sollte sich hieraus kein schlagendes Argument gegen entsprechende Forschung ergeben. Mit Blick auf die vorstehend angerissenen Fragen wird im vorliegenden Buch eine Auswahl einschlägiger, naturwissenschaftlich orientierter Studien unter methodischen Gesichtspunkten daraufhin analysiert, ob sich Anhaltspunkte für die Hypothese, Bewusstsein könne unabhängig von Gehirnaktivitäten existieren, finden lassen. Wir greifen dabei auf die Vorschläge aus der Diskussion zwischen Wolf Singer und Matthieu Ricard zurück und analysieren zunächst in Kapitel 2 Studien zur Diskussion über Nahtoderfahrungen. Zu prüfen ist dabei folgende Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen).“ Das Spektrum reicht dabei von der Analyse eines Einzelfalls (Abschn. 2.1) über die (retrospektive) Analyse von Berichten betroffener Personen und beteiligter Ärzte (Abschn. 2.2) bis hin zu aufwändigen prospektiven Studien (Abschn. 2.3 bis Abschn. 2.5). Bei einer dieser prospektiven Studien kam zudem ein Paneldesign zum Einsatz; die Befragung der Betroffenen wurde nicht nur kurz nach ihrer Erfahrung durchgeführt, sondern zusätzlich nach zwei und nochmals nach acht Jahren wiederholt, was eine Prüfung auf „Erinnerungsverzerrungen“ ermöglicht. Ergänzt wird die Darstellung an den jeweils relevanten Stellen durch Zusatzinformationen, insbesondere durch Ergebnisse aus einer Studie von Jeffrey Long (2010), der via Internet tausende von Selbstberichten über Nahtoderfahrungen sammelte und zugänglich machte. Unter methodischen Gesichtspunkten zeichnen sich diese Berichte insbesondere dadurch aus, dass Interviewereffekte ausgeschlossen sind, da keine interviewenden Personen im Spiel sind, welche die Berichte beeinflussen könnten. Ein Vergleich der dort geschilderten Erfahrungen mit Berichten, die via „persönlicher Befragung“ zustande kamen, ermöglicht eine Abschätzung der Frage, ob die Schilderungen der persönlich befragten Betroffenen durch ihre „Interviewer“ beeinflusst wurden. Der Fokus der hier präsentierten Darstellung liegt dabei immer auf der Prüfung der genannten Hypothese – nicht auf den berichteten Inhalten solcher Erfahrungen an sich. Sie werden lediglich punktuell beim Vorliegen nachprüfbarer Aussagen und zur Prüfung im Rahmen statistischer Überlegungen herangezogen (mehr hierzu später). 34 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Weitere Zusatzinformationen bezüglich des deutschsprachigen Raumes stammen aus einer Studie des Soziologen Hubert Knoblauch (2007), in welcher zum einen Berichte über Nahtoderfahrungen gesammelt wurden – in der Regel nach Meldung auf eine Anzeige hin, gelegentlich auch durch Hinweise aus seinem persönlichen Umfeld (vgl. Knoblauch 2007, S. 93). Zum anderen wurde im Rahmen der Studie in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) in Mannheim eine Bevölkerungsumfrage mit 2044 Befragten durchgeführt, aus der sich Angaben über die Häufigkeit von Nahtoderfahrungen ergeben (angestrebte Grundgesamtheit: bundesdeutsche Wohnbevölkerung, älter als 18 Jahre; vgl. Knoblauch 2007, S. 216). Personen, die angaben, eine Nahtoderfahrung gehabt zu haben (oder zumindest – mit Blick auf ihre entsprechenden Erfahrungen – dies in Erwägung zogen), wurden gebeten, zusätzlich einen schriftlichen Fragebogen auszufüllen, in dem weitere Details zu ihrer Erfahrung erfragt wurden und der an verschiedenen Stellen offene, frei formulierte Antworten erlaubte. Aufgrund der schriftlichen Darbietung können auch in diesem Fall Interviewereffekte kaum auftreten – es sei denn durch die pure Anwesenheit von Interviewern, in deren Gegenwart der schriftliche Fragebogen offenbar bearbeitet wurde (vgl. hierzu in Knoblauch 2007, S. 205) oder gegebenenfalls durch deren Antworten auf Rückfragen seitens der ausfüllenden Person, wobei Rückfragen allerdings, nach dem Einführungstext zum Fragebogen zu urteilen, offenbar möglichst vermieden werden sollten (vgl. Knoblauch 2007, S. 205). Der Fragebogen ist in Knoblauch (2007: 203–210) beschrieben. Der Studie liegt eine relativ breite Definition des Begriffs „Nahtoderfahrung“ zugrunde (vgl. hierzu z. B. Knoblauch 2007, S. 16 und S. 28), was für die hier vertretene Argumentation jedoch kein zentrales Problem darstellt (vgl. zu dieser Pro blema tik auch Abschnitt 2.6).15 15 Durchaus diskussionswürdig ist allerdings seine Perzeption einer Art „Standardmodell der Nahtoderfahrung“ im Rahmen der Arbeit Raymond Moodys (vgl. hierzu z. B. Knoblauch 2007, S. 18–20 und 91–93 mit Moody 2013, S. 38–40 und 144 bzw. Abschnitt 2.2). Auch Parnia (2013, S. 150) perzipiert in der Arbeit Moodys explizit kein „Standardmodell“. Allerdings formuliert Moody zugegebenermaßen unglücklich, wenn er das Buch, auf das Knoblauch sich bezieht, zwar mit den Worten beginnt: „Der vorliegende Band, der in Verbindung mit meinem früheren Buch Leben nach dem Tod [sein Hauptwerk, vgl. Abschnitt 2.2; Sch.] gelesen werden sollte […]“, dann aber an der zitierten Stelle nur knapp von ei- 35 Einleitung Neben dieser Studie finden sich ausführliche (zugesandte) Erfahrungsberichte aus dem deutschsprachigen Raum – ebenfalls unter Verwendung einer relativ breiten Definition des Begriffs „Nahtoderfahrung“ – in Ewald (2013, S. 18–78; vgl. hierzu auch S. 8–9) sowie in Ewald (2009, S. 12–82).16 Günter Ewald studierte Mathematik, Physik, Chemie sowie Philosophie und war im Ruhestand emeritierter Professor für Mathematik an der Ruhr-Universität Bochum (vgl. Ewald 2013, back matter). Weitere Auszüge aus Berichten (meist aus Europa, oft aus dem deutschsprachigen Raum/breite Definition des Begriffs „Nahtoderfahrung“) und zusammenfassende Aussagen hierzu finden sich bei dem Theologen Johann Christoph Hampe (1975, S. 45–112). Aus methodischer Sicht sind sie von besonderer Relevanz, da sie 1975 und damit im gleichen Jahr wie Moodys Hauptwerk (vgl. Abschnitt 2.2) veröffentlicht wurden. Sie entstanden offenbar – wie Ewald (2009, S. 125) bestätigt – unabhängig voneinander, was eine gegenseitige Beeinflussung hinsichtlich der dargelegten Inhalte ausschließt. Dieser Punkt wird im weiteren Verlauf der Diskussion wieder aufgegriffen. Ergänzende Informationen aus den Arbeiten von Hampe und Ewald sind jeweils an geeigneter Stelle in Kapitel 2 berichtet. nem „theoretisch vollständigen Erfahrungsmodell“ spricht, welches „sämtliche Elemente, die in typischen Todesnähe-Erfahrungen regelmäßig vorkommen“ enthält (Zitate von S. 15 bzw. 18 des Buches „Nachgedanken über das Leben nach dem Tod“; vgl. dort zur genannten Problematik auch S. 110). Wie dem auch sei: Auch dieser Punkt stellt für die hier vertretene Argumentation kein zentrales Problem dar und wird daher im Folgenden nicht weiter thematisiert. 16 Anmerkung: Möglicherweise handelt es sich bei den kursiv gesetzten Berichten in Ewald (2009) nicht – entgegen dem nach Seite 12 und 133 entstehenden Eindruck – um wörtlich zitierte Originalberichte, wie ein Vergleich der dortigen Seiten 33–36 mit Seite 21–24 in Ewald (1999) anzeigen könnte. An diesen Stellen wird offenbar ein und derselbe Fall (Alois Serwaty) mit leichten Abweichungen berichtet. Eine Erklärung für die Abweichungen könnte allerdings darin bestehen, dass mit zeitlicher Verzögerung zwei Berichte vorgelegt wurden, etwa ein Kurzbericht vorab und dann ein nachgeschobener, ausführlicher Bericht (eventuell ergänzt um Antworten auf Nachfragen). Leider ist dieser Punkt kaum mehr zu klären, da Herr Prof. Ewald mittlerweile verstorben ist. 36 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Weiterhin erschien vor Moodys Buch – und damit auch vor dem Einsetzen entsprechender Diskussionen in einer breiteren Öffentlichkeit17 – ein Büchlein von Eckart Wiesenhütter (1974), seinerzeit Professor für Psychiatrie und Neurologie an der Universität Tübingen und vorher Leitender Chefarzt der Anstalt Bethel (vgl. Wiesenhütter 1974, back matter). Auch hieraus wird im Verlauf der weiteren Argumentation an geeigneter Stelle zitiert. Ebenfalls zusätzlich zitiert wird aus einem Artikel von Wilfried Kuhn (2013). Zu seiner Person informiert das zugehörige Autoren-Verzeichnis (Seite 177): „Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil., Dipl.-Chem., […] Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Chefarzt der Neurologischen Klinik des Leopoldina-Krankenhauses der Stadt Schweinfurt GmbH“. Eine letzte Quelle für Zusatzinformationen stellt eine Arbeit des Kardiologen Michael Sabom (1982) dar. Hier sind Ergebnisse aus einer teilweise prospektiv und teilweise retrospektiv angelegten Studie berichtet. Bei den im vorliegenden Buch ausführlich vorgestellten Studien handelt es sich teilweise um „Bestseller“, welche das hohe öffentliche In teres se an der Thematik belegen. Schon aus diesem Grund erscheint es gerechtfertigt, dass sich die Wissenschaft mit ihr befasst – mit welchem Ergebnis auch immer. Zum anderen handelt es sich um Veröffentlichungen, denen detaillierte Informationen auch über das methodische Vorgehen zu entnehmen sind. Zum dritten stammen die Veröffentlichungen des zentralen Kapitels 2 von medizinisch ausgebildeten Personen, womit anzunehmen ist, dass sie die entsprechenden Aspekte ggf. angemessen zu beurteilen vermögen. Nicht beabsichtigt – und hier auch nicht zu leisten – ist, einen umfassenden Überblick über die sehr umfangreiche Literatur zum Thema zu geben, zumal auch viele Veröffentlichungen auf dem Markt sind, die aus wissenschaftlicher Sicht wenig ergiebig erscheinen. Hinzuweisen ist ferner darauf, dass die Begriffe „Nahtoderfahrung“ (manchmal auch synonym: „Nahtoderlebnis“) und, damit verbunden, „Tod“ in den betrachteten Studien nicht einheitlich definiert sind. Dieser Punkt ist für die hier unternommenen Prüfungen der Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“ allerdings 17 Vgl. hierzu z. B. den ausführlichen Artikel im „SPIEGEL“ 26/1977. http://www. spiegel.de/spiegel/print/d-40830619.html, abgerufen am 07.12.2018. 37 Einleitung nicht von zentraler Bedeutung, da unabhängig von den angesprochenen Definitionen in jedem Fall zu prüfen ist, ob das Gehirn nicht in der Lage ist bzw. war, Bewusstsein zu erzeugen. Aus diesem Grund – und um eine authentische Darstellung zu gewährleisten – übernehme ich bei der Besprechung der einzelnen Studien jeweils den dortigen Sprachgebrauch. Näheres zur Definition findet sich in Abschnitt 2.6. Als zusätzlicher Gesichtspunkt zur Prüfung von Hypothese H 1 werden in Kapitel 3 ergänzend Untersuchungen/Berichte zur terminalen Luzidität trotz irreparabler Hirnschäden herangezogen. Diese knapp gehaltene Ergänzung wurde insbesondere aufgrund eines methodischen Aspekts aufgenommen: Die Prüfung von Hypothese H 1 kann bei dieser Thematik aufgrund von Zeugenaussagen aus der Dritte-Person-Perspektive erfolgen. Damit entfällt die in der Nahtodforschung auftretende Schwierigkeit, sich auf Berichte der betroffenen Personen aus der „Erste-Person-Perspektive“ verlassen zu müssen und es eröffnen sich zusätzliche Validierungsmöglichkeiten durch den Vergleich von Zeugenaussagen. In Umsetzung des entsprechenden Vorschlags aus der Diskussion zwischen Wolf Singer und Matthieu Ricard beschäftigt sich Kapitel 4 anschließend kurz mit Berichten über Erinnerungen an frühere Leben.18 Zu prüfen ist in diesem Fall die Hypothese (und Existenzaussage) H 2: „Es gibt Fälle, in denen Personen über Wissen verfügen, das sie nicht durch Gehirnaktivitäten erlangt haben können.“ Aus methodischer Sicht bedeutsam ist dabei, dass bei einer solchen Prüfung die – eventuell aus medizinischer Sicht umstrittene – Frage, ob das Gehirn in der Lage sei (oder nicht), Bewusstsein zu erzeugen, irrelevant erscheint. Entsprechende Kenntnisse können nicht von neuronalen Prozessen „erzeugt“ worden sein. Die „Beweislast“ liegt nun einzig und allein auf der Glaubwürdigkeit sowohl der Berichte über entsprechende Aussagen als auch der Prüfungsergebnisse, sofern eine Prüfung der Berichte erfolgte. 18 Das dritte in der Diskussion vorgeschlagene Thema, „Gedankenlesen“, wird hier nicht berücksichtigt, auch wenn sich in den nachfolgend untersuchten Publikationen Hinweise hierauf finden (vgl. z. B. Lommel 2013, S. 359–361 oder Nahm 2012, S. 120). Der Grund: Gegebenenfalls ist die Übertragung von Information – mittels eines bisher unbekannten Prozesses (?) – auch dann vorstellbar, wenn das Bewusstsein lediglich ein Nebenprodukt der Gehirntätigkeit sein sollte. 38 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Generell gilt für die Darstellungen des vorliegenden Buches: Ob – und falls ja welche – Belege überzeugen, hat die Leserin bzw. der Leser zu entscheiden. Wichtig sind allerdings an dieser Stelle nochmals die Feststellungen, dass a) derzeit offenbar kein Prozess, durch den das Gehirn Bewusstsein hervorbrächte, bekannt ist19 und dass b) die beiden oben genannten Hypothesen H 1 und H 2 Existenzaussagen darstellen und somit ein einziger überzeugender Beleg genügen würde, um sie zu verifizieren. Aufgrund von Punkt b wird gelegentlich geäußerten Behauptungen, die Berichte von Forscherinnen und Forschern, von Ärztinnen und Ärzten bzw. von Betroffenen oder Zeugen seien – aus welchen Motiven auch immer – frei erfunden, nicht weiter nachgegangen. Eine derartige Detektivarbeit ist mit vertretbarem Aufwand nicht zu leisten (schließlich müssten gegebenenfalls auch die betreffenden Anschuldigungen überprüft werden) und es erscheint vor allem kaum gerechtfertigt, allen hier zitierten Beteiligten pauschal Betrugsabsichten zu unterstellen. Zudem sind den nachfolgenden Ausführungen an mehreren Stellen empirisch untermauerte Argumente zu entnehmen, die explizit gegen Betrugsabsichten sprechen. Gegen Betrugsabsichten spricht auch, dies sei vorweggenommen, das ausgesprochen konsistente Bild, das sich aus den verschiedenen Studien ergibt, welche sich vom Design, vom (geographischen) Erhebungsgebiet, vom Erhebungszeitpunkt, von den untersuchten Personengruppen so- 19 Anmerkung: Auch falls ein derartiger Prozess bekannt wäre, würde dies nicht ausschließen, dass Bewusstsein in bestimmten Fällen auch unabhängig von Gehirnaktivitäten „existieren“ kann – allerdings wäre diese Vorstellung dann zunächst wesentlich unplausibler als in der momentanen Situation. Gegebenenfalls müsste erklärt werden, weshalb ein bekannter, nachgewiesener Prozess nicht greift. Andererseits laufen die beiden Hypothesen H 1 und H 2 gerade darauf hinaus, dass das Gehirn entweder nicht funktionsfähig ist (mithin also nichts „produzieren“ kann) bzw. dass bestimmte Bewusstseinsinhalte nicht im Gehirn entstanden sein können, da sie sich auf einen Zeitpunkt vor der Entstehung des Gehirns beziehen (und die Aufnahme entsprechender Informationen aus dem sozialen Umfeld ausgeschlossen werden kann). Mit der Akzeptanz einer dieser Hypothesen (oder beider) wäre jeweils der Nachweis verbunden, dass ggf. ein „derartiger Prozess“ (durch den das Gehirn Bewusstsein hervorbrächte) nicht vorliegen kann – unabhängig davon, wie plausibel dies aufgrund theoretischer Erwägungen erscheint. 39 Einleitung wie von den durchführenden Personen und deren Forschungsinteresse her unterscheiden. Akzeptierte man einen der nachfolgend aufgezeigten Belege, dann müssten – neben den Konsequenzen für unser Selbstverständnis – auch die sich hieraus ergebenden Auswirkungen auf die empirische sozialwissenschaftliche Forschung und die Interpretation der dort erzielten Forschungsergebnisse diskutiert werden. Besonderes Augenmerk wäre dabei auf damit verbundene Überlegungen zur Willensfreiheit zu legen. In Kapitel 5 sind die zentralen Punkte des vorliegenden Beitrags stichpunktartig zusammengefasst, so dass sich ein Überblick über die hier vertretene Argumentation ergibt. Bei Bedarf kann dieses Kapitel zur Einordnung der nachfolgend im Detail vorgestellten Informationen vorab gelesen werden. Es enthält ferner ein persönliches Fazit sowie einige Bemerkungen zum Bild auf der Umschlagrückseite. 41 2 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Nahtoderfahrung (NTE) Anmerkungen zur Prüfung von Hypothese H 1 Als eines der Phänomene, „die – falls wirklich etwas dahintersteckt – zu einer Neubewertung unserer Ansicht führen müssten, dass das Bewusstsein allein vom Gehirn abhängt“ (Singer und Ricard 2017, S. 320) nannte Matthieu Ricard: „Leute, die Nahtoderfahrungen gemacht haben und/ oder von Geschehnissen berichten, die sich zutrugen, während sie offenkundig bewusstlos waren, das heißt, bei denen das EEG keine Gehirntätigkeit anzeigte (Singer und Ricard 2017, S. 320). Allgemeiner und als Hypothese formuliert: H 1: Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen). Bewusstsein sei dabei definiert als „die bewusste Wahrnehmung von uns selbst und unserer Umgebung“ (vgl. Kap. 1 bzw. Myers 2014, S. 90). Die Nahtodforschung betrachtet Fälle des Auftretens von Bewusstsein, die sich in der Regel in lebensbedrohlichen Situationen bei offenbar inaktivem Gehirn ereignen (Näheres zur Definition in Abschnitt 2.6). Dieses Kapitel beschäftigt sich – entsprechend H 1 – mit Nahtoderfahrungen in lebensbedrohlichen Situationen, in deren Rahmen behauptet wird, Bewusstsein sei aufgetreten, obwohl das Gehirn nicht in der Lage gewesen sei, Bewusstsein zu erzeugen. Dies wäre zwar einerseits nach heutigem Kenntnisstand nicht erklärbar (vgl. z. B. Roth 2009, S. 215), andererseits genügte der Nachweis eines einzigen derartigen Falls, um die betreffende Existenzaussage zu verifizieren – verbunden mit den wei- Hypothese H 1 42 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? ter oben angesprochenen Konsequenzen. Entsprechende Bemühungen sind allerdings mit erheblichen Problemen behaftet: 1. Es muss sichergestellt sein, dass das Gehirn nicht in der Lage ist, Bewusstsein zu erzeugen. 2. Es muss sichergestellt sein, dass Bewusstsein auftritt. Mögliche Belege für die Inaktivität des Gehirns Welche Belege können bei einer Nahtoderfahrung (NTE) dafürsprechen, dass das Gehirn nicht in der Lage war, Bewusstsein zu erzeugen (Punkt 1)? a) Ein entsprechender schriftlicher oder anderweitig dokumentierter Arztbericht liegt zur Einsicht vor. b) Ein Bericht über eine entsprechende ärztliche Aussage liegt vor. c) Ein Arzt bestätigt, die betreffende Person explizit für tot erklärt zu haben. d) Es liegen Aussagen darüber vor, dass die betreffende Person ärztlicherseits „für tot erklärt“ worden sei. e) Bei Selbstberichten: Die betreffende Person ist selbst medizinisch ausgebildet. Sie kann anhand der vorliegenden Unterlagen und ärztlicher Berichte einschätzen, dass ihr Gehirn während ihres NTE nicht in der Lage war, Bewusstsein zu erzeugen. f) Die betreffende Person stand unter Vollnarkose. Letzteren Punkt thematisiert insbesondere Jeffrey Long (2010, S. 141–159, 176 und 222): Die richtige Anwendung einer Vollnarkose führt zu einer kontrollierten völligen Bewusstlosigkeit (Long 2010, S. 141). So gesehen dürfte bei einer richtig angewendeten Vollnarkose Bewusstsein nicht auftreten. Dennoch kommen viele Berichte über Nahtoderfahrungen von Menschen, die in der äußerst sorgfältig überwachten Hülle der Anästhesie [Vollnarkose; Sch.] beinahe gestorben wären (Long 2010, S. 143). 43 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? In den nachfolgend analysierten Studien wird dieser Punkt nicht explizit thematisiert, auch wenn sich unter den Beispielen für NTE solche unter Vollnarkose befinden. Daher ein kurzer Exkurs zu Longs Feststellung, dass NTE auch unter Vollnarkose auftreten. Er berichtet aus seiner Studie von (n = 23) NTE unter Vollnarkose, die sich bei 32 von 33 Kriterien nicht signifikant von den NTE ohne Vollnarkose (n = 590) unterscheiden (vgl. Long 2010, S. 152–153).20 Zur Validierung seiner Ergebnisse verweist er (auf Seite 154) auf die Studie von B. Greyson und F. Kelly.21 Als Erklärung für NTE unter Vollnarkose werden in der Literatur teilweise Anwendungsfehler vermutet. NTE und das damit verbundene Intervall abrupter Schmerzfreiheit seien auf interoperative Wachheit bei gleichzeitiger Wirkung von Schmerzmitteln zurückzuführen.22 Dieses Argument könnte – sofern zutreffend – die bei NTE regelmäßig berichtete Schmerzfreiheit allerdings nur im Rahmen einer Operation erklären, nicht jedoch z. B. bei Unfällen. Außerdem findet sich in der Literatur auch die gegenteilige Aussage: Aus zahllosen Berichten in der medizinischen Literatur geht hervor, dass sich Patienten, die angeblich tief in Narkose lagen, hinterher an starke Schmerzen und Angstzustände auf dem Operationstisch erinnern konnten, weil sie in Wirklichkeit gar nicht ganz betäubt gewesen waren (Sabom 1982, S. 21; Hervorhebungen: Sch.). Auch an anderer Stelle betont Sabom, wie unangenehm und schmerzhaft ungenügend narkotisierte Patienten ihre Situation empfinden (vgl. z. B. Sabom 1982, S. 107–108 und 110). Von Schmerzen während einer Nahtoderfahrung wird meines Wissens jedoch in der Literatur nicht berichtet. Ganz im Gegenteil wird Schmerzfreiheit in aller Regel besonders betont. Zurück zu möglichen Belegen für die Inaktivität des Gehirns: Die vorstehende Aufzählung zeigt, dass bezüglich Punkt 1 („Es muss sicherge- 20 Die Ausnahme bilden häufigere Berichte über ein „Tunnelerlebnis“. 21 »Explanatory Models for Near-Death Experiences« in J. Holden, B. Greyson und G. James (Hrsg.) The Handbook of Near-Death Experiences. Thirty Years of Investigation, Praeger Publications, 2009, S. 226. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 22 Vgl. hierzu z. B. den Kommentar Dr. Woerlees zum Fall von Pamela Reynolds in Abschnitt 2.3. 44 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? stellt sein, dass das Gehirn nicht in der Lage ist, Bewusstsein zu erzeugen“) „hieb- und stichfeste Beweise“ kaum zu führen sein dürften. Zweifel können immer angemeldet werden. Selbst schriftliche Arztberichte oder entsprechende mündliche Aussagen von Ärzten können angezweifelt werden, Personen können irrtümlich für tot erklärt werden, Aussagen über derartige Tatbestände können angezweifelt werden, auch medizinisch ausgebildete Personen können sich irren (oder gar die Unwahrheit berichten) und es kann nicht ausgeschlossen werden, dass das Gehirn abseits der „gängigen medizinischen Erklärungen“ über Möglichkeiten verfügt, Bewusstsein zu erzeugen. Mögliche Einzelfall-Belege für „Bewusstsein“ Welche Belege können bei der Prüfung eines individuellen Falles dafürsprechen, dass während der lebensbedrohlichen Situation „Bewusstsein“ vorhanden war (Punkt 2)? a) Die betreffende Person beteuert dies lediglich. b) Die betreffende Person beteuert dies und betont explizit die Unterschiedlichkeit ihrer Nahtoderfahrung im Vergleich zu ihren Träumen. c) Die betreffende Person beteuert dies und berichtet davon, bereits Halluzinationen oder Ähnliches erfahren zu haben. Sie betont explizit die Unterschiedlichkeit ihrer Nahtoderfahrung im Vergleich hierzu. d) Die betroffene Person berichtet von verifizierbaren bewussten Wahrnehmungen, welche im Idealfall auch verifiziert wurden. (Mit „außerkörperlichen Wahrnehmungen“ beschäftigen sich speziell die nächsten beiden Aufzählungspunkte „e“ und „f “) e) Falls „außerkörperliche Wahrnehmungen“ auftreten, kann die betreffende Person sie nach ihrer Nahtoderfahrung verifizieren und berichtet davon. f) Falls „außerkörperliche Wahrnehmungen“ auftreten, kann eine au- ßenstehende Person sie nach der Nahtoderfahrung verifizieren und berichtet davon. g) Die betroffene Person erlangt während ihrer Nahtoderfahrung nachprüfbares Wissen, über das sie bis dahin nicht verfügte, was auch bei 45 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? intaktem Gehirn nicht erklärbar ist. Im Idealfall kann dies unabhängig verifiziert werden. Bezüglich Punkt 2 („Es muss sichergestellt sein, dass Bewusstsein auftritt“) zeigt sich, dass für die Beurteilung eines individuellen Falles ein „hieb- und stichfester Beweis“ in der Regel ebenfalls kaum zu erbringen sein dürfte. Abgesehen von der Tatsache, dass Berichte von Nahtoderfahrungen aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes in aller Regel23 in anonymisierter Form24 berichtet werden: Bewusstsein ist grundsätzlich nur aus der „Erste-Person-Perspektive“ zu beschreiben! Der Philosoph Thomas Nagel setzt sich mit diesem Problem in seinem Aufsatz „What is it like to be a bat?“ auseinander (vgl. auch mit Blick auf die einführende Diskussion: Singer und Ricard 2017, S. 7, 22–23, 93, 123, 277–282). Wolf Singer bemerkt: Es gibt nichts, was eine außenstehende Person begutachten und als valide beurteilen könnte. Der Beobachter ist auf die verbalen Äußerungen eines Befragten über subjektive Zustände angewiesen (Singer und Ricard 2017, S. 23). Ähnlich zitiert van Lommel, mit dessen Argumentation sich Abschnitt 2.3 befasst, den dänischen Hirnforscher und Anthropologen Andreas Roepstorff: Dieser Unterschied zwischen dem subjektiven Blick aus der Perspektive der ersten Person und dem objektiven Blick aus der Perspektive der dritten Person stellt den Wissenschaftler offensichtlich vor unüberwindbare methodologische Probleme. Wie kann der Gehirnforscher zu objektivem Wissen über das Bewusstsein gelangen, wenn man doch nur auf subjektive Weise, 23 Jedoch keineswegs immer. Bei den 25 bei Ewald (2013, S. 18–78) vorgestellten Berichten ist beispielsweise in 9 Fällen (also über einem Drittel) der volle Vor- und Zuname angegeben. In Ewald (2009, S. 13–82) trifft dies in 22 der 30 berichteten Fälle (73%) zu. Teilweise finden sich zusätzlich Angaben zum Wohnort und zum Beruf. Hampe (1975) nennt bei 6 seiner Fälle den vollen Namen (auf Seite 63, 67, 84, 87, 93 und 101). 24 Vgl. z. B. Moody (2013, S. 170), Lommel (2013, S. 52) oder Sartori (2015, S. 8 und 55); zu forschungstechnischen Gründen für die Anonymisierung vgl. Moody (1997, S. 104–105). 46 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? durch Introspektion, unmittelbaren Zugriff zum eigenen Bewusstsein hat? (Roepstorff, zit. nach Lommel 2013, S. 220). Bezogen auf Nahtoderfahrungen bemerkt auch Knoblauch (2007, S. 17– 18) explizit: Nahtoderfahrungen […] sind […] nur für diejenigen erfahrbar, die sie machen. Für Menschen, die den Betroffenen nahe sind, ja selbst für die, die sie aufmerksam beobachten, deutet nichts darauf hin, dass gerade jemand eine solche Erfahrung macht. Wir sind also auf Berichte angewiesen – und die können so gut wie immer angezweifelt werden.25 Eine gewisse Ausnahme stellen außerkörperliche Wahrnehmungen dar, bei denen die Personen Sachverhalte korrekt berichten, die sie während ihrer Nahtoderfahrung „wahrgenommen“ haben, die sie jedoch nach gängigem Verständnis nicht hätten wahrgenommen können (vgl. z. B. auch Parnia 2013, S. 281). Im Extremfall liegen sogar Beichte über nachprüfbare Wahrnehmungen vor, welche auch dann, wenn das Gehirn in der Lage ist, Bewusstsein zu erzeugen, nicht zu erklären sind (vgl. z. B. den in Abschn. 2.4 geschilderten Bericht über die Wahrnehmung eines Lecks im Dach an einer unzugänglichen Stelle bei Sartori 2015, S. 85–86). Aufgrund dieser Sonderstellung wird entsprechenden Fällen besonders große „Beweiskraft“ beigemessen und ihnen wird entsprechend gro- ße Aufmerksamkeit gewidmet (vgl. hierzu Nahm 2012, S. 164). Das Anbringen von verdeckten Zeichen in Räumen medizinischer Einrichtungen, in denen reanimiert werden könnte, dient genau der Prüfung solcher Berichte (vgl. hierzu Abschn. 2.3, 2.4 und 2.5). Allerdings ist man auch in diesem Fall als außenstehende Person, welche die Literatur zur Kenntnis nimmt, auf die bestätigenden Berichte von Zeugen angewiesen, die in Zweifel gezogen werden können. Dies ist zwar eine in der wissenschaftlichen Forschung übliche Situation, allerdings wird das Problem beim hier besprochenen Themenkreis verschie- 25 Ein typisches Beispiel für entsprechendes Problembewusstsein in der Nahtod- Forschung ist etwa die Aussage von Parnia (2013, S. 166): „Obwohl es keine Möglichkeit gab, diese oder irgendeine andere Behauptung zu überprüfen, waren die Nahtoderlebnisse sehr real für diejenigen, die sie erfahren hatten“. 47 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? dentlich besonders thematisiert (sprich: die Glaubwürdigkeit der Berichte wird gelegentlich in Frage gestellt). Auf den ersten Blick scheinen also auch die Probleme, die bei Punkt 2 mit einer „Beweisführung“ verbunden sind, fast unüberwindlich. Doch es gibt einen Ausweg. Mögliche fallübergreifende Belege für „Bewusstsein“ Der Ausweg besteht darin, sich vom Einzelfall zu lösen und die Aggregatebene zu betrachten. Inzwischen liegt eine Vielzahl von Berichten über Nahtoderfahrungen vor und etliche Forscherinnen und Forscher haben solche Berichte ausgewertet.26 Betrachtet man diese Berichte in ihrer Gesamtheit, kann man fragen: a) Gibt es eine überschaubare Anzahl (also: einen „harten Kern“) ungewöhnlicher – und damit unwahrscheinlicher – Elemente in den Berichten über Nahtoderfahrungen? (was gegen „Erfindungen“ spräche – sofern man die Berichte als in der Regel „voneinander unabhängig“ betrachtet)27 b) Wird jeweils eine Kombination solcher „unwahrscheinlicher Elemente“ berichtet? (womit die Auftretenswahrscheinlichkeit innerhalb eines Berichts nochmals drastisch sinkt – und damit die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich bei dem Bericht um eine „Erfindung“ handelt)28 c) Decken sich Häufigkeitsverteilungen aus verschiedenen, voneinander unabhängigen Studien? d) Gibt es weitere „statistische Evidenzen“, welche für die Validität der Berichte sprechen? (z. B., dass in aller Regel von Kontakten mit bereits verstorbenen Personen die Rede ist – insbesondere auch bei Be- 26 So stellt z. B. van Lommel (2013, S. 127) fest: „Zwischen 1975 und 2005 wurden insgesamt 42 Studien mit etwa 2 500 Menschen mit Nahtoderfahrungen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern publiziert“. 27 Auch in der Literatur findet sich das Argument, dass Details aus Berichten „zu unwahrscheinlich seien [in der Quelle: »sind«], um einfach erraten worden zu sein“ (Nahm 2012, S. 171). 28 Ähnlich argumentiert z. B. Long (2010, S. 13–14, 79 und 295). 48 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? richten von kleinen Kindern mit entsprechend hoher Fixierung auf ihre Eltern!)29 e) Erzählen die betroffenen Personen in der Regel ihre Erfahrung eher ungern? (was gegen Übertreibungen oder gar „erfundene Geschichten zum Zwecke der Profilierung“ sprechen würde) f) Erzählen die betroffenen Personen in der Regel ihre Erfahrung unter Rahmenbedingungen, die mit hohem Aufwand verbunden sind und keinerlei persönlichen Vorteil versprechen? (was ebenfalls gegen Übertreibungen oder gar „erfundene Geschichten zum Zwecke der Profilierung“ sprechen würde). Ein Beispiel wären die von Jeffrey Long (2010) gesammelten Internet-Berichte. g) Erweisen sich gravierende „psychologische Folgen“ als charakteristisch für Nahtoderfahrungen? (insbesondere eine grundlegende Ver- änderung der Einstellungen und Lebensgewohnheiten der Betroffenen – was ebenfalls gegen „Erfindungen“ sprechen würde) h) Unterscheiden sich gravierende „psychologische Folgen“ nach lebensbedrohlichen Situationen gegebenenfalls signifikant zwischen Personen mit und ohne Nahtoderfahrung in der betreffenden Situation? (was ggf. auf eine Nahtoderfahrung als „Ursache“ schließen lässt) Zum weiteren Vorgehen In den nachfolgenden Abschnitten werden – immer unter den oben genannten Restriktionen! – mögliche Belege für Hypothese H 1 im Zusam- 29 Zudem argumentiert Long (2010, S. 185), dass „man für den Fall, dass Nah toder fah rungen allein durch Gehirnfunktionen hervorgerufen würden, erwarten müsste, dass die Betroffenen während ihrer Nahtoderfahrung den Menschen begegnen, die sie am kürzesten kennen. Mit anderen Worten, es wäre zu erwarten, dass Betroffene Menschen sehen, die sie aus ihrem Kurzzeitgedächtnis abrufen, wie zum Beispiel die Rettungskräfte, die ihnen geholfen haben, oder den Bankangestellten, der ihre Überweisung bearbeitet hat, unmittelbar bevor sie von einem Auto überfahren wurden. Stattdessen sehen sie aber verstorbene Freunde und Verwandte, in vielen Fällen Menschen, an die sie seit Jahren oder gar Jahrzehnten nicht mehr gedacht haben. Der Prozentsatz […] ist so hoch, dass ich persönlich nicht glaube, dass Begegnungen mit verstorbenen Nahestehenden ein zufälliges Produkt eines verängstigten, verwirrten oder sterbenden Gehirns sein sollten“. 49 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? menhang mit Nahtoderfahrungen berichtet. Als Analyseraster dienen die vorstehend genannten Punkte. Die untersuchten Studien basieren auf unterschiedlichen methodischen Designs, wobei versucht wird, einerseits ein möglichst breites Spektrum von Designs abzubilden und zum anderen, besonders bekannte und auch in der Öffentlichkeit rezipierte Arbeiten einzubeziehen. Zunächst berichtet ein Neurochirurg von seiner persönlichen Nahtoderfahrung (Abschn. 2.1), dann ein (seinerzeit) angehender Mediziner über die Nahtoderfahrungen anderer (Abschn. 2.2). Es folgen drei voneinander unabhängig durchgeführte prospektive Studien eines Kardiologen (Abschn. 2.3), einer (später promovierten) Krankenschwester (Abschn. 2.4) sowie eines Intensivmediziners mit dem Spezialgebiet „Reanimation“ (Abschn. 2.5). Der Radioonkologe Jeffrey Long sammelte – international und in viele Sprachen übersetzt – via Internet eine große Anzahl von Selbstberichten über Nahtoderfahrungen (Stand April 2019: über 4 500), bei denen keine Interviewer zum Einsatz kamen und dementsprechend „Interviewereinflüsse“ ausgeschlossen sind (anders als z. B. bei den Abschnitt 2.2 zugrundeliegenden Studien). Die Betroffenen konnten frei erzählen und wurden zusätzlich gebeten, einen standardisierten Fragebogen zu beantworten. Selbstverständlich erhielten sie keinerlei Gegenleistung hierfür – weder finanziell noch in anderer Form, was Fälschungen unwahrscheinlich macht. Zudem wurden die Berichte einer Prüfung auf Plausibilität insbesondere unter medizinischen Gesichtspunkten unterzogen (vgl. hierzu Lang 2010, S. 50–57, insbes. S. 56). Long resümiert: In der Anfangszeit der Webseite hatte ich Bedenken, dass es Betrugsfälle geben könnte oder dass Angeber behaupten könnten, sie hätten eine Nah toder fah rung gehabt. Mit Erleichterung kann ich sagen, dass dies ausgesprochen selten vorkommt. […] In mehr als zehn Jahren haben wir weniger als zehn eindeutig gefälschte Berichte entdeckt, die über das Formular der NDERF-Studie eingereicht wurden. Wir haben sie sofort auf der Webseite in unserer Datenbank gelöscht (Long 2010, S. 56–57; Hervorhebung: Sch.).30 30 Long verweist in diesem Zusammenhang auch darauf, „wie schwierig es ist, einen detaillierten Fragebogen zu beantworten, wenn man eine solche Erfahrung gar nicht hatte“ (Long 2010, S. 57). 50 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Long ist kein eigener Abschnitt gewidmet, jedoch werden seine Forschungsergebnisse jeweils an den passenden Stellen zum Vergleich bzw. zur Ergänzung der hier vorgestellten Aussagen – und damit zu ihrer Validierung – referiert. Dasselbe gilt für die Ergebnisse der im Vorwort erwähnten Studie des Soziologen Hubert Knoblauch (2007) sowie für die Beiträge von Günter Ewald (2009, 2013), wobei in erster Linie auf dessen Berichte aus dem deutschsprachigen Raum verwiesen wird. Es gilt ebenso für einzelne Aussagen aus den Arbeiten von Hampe (1975), Kuhn (2013), Wiesenhütter (1974) und Sabom (1982). Was die angesprochenen Berichte und Forschungen eint, ist, dass die Hauptakteure (aus unterschiedlichen Fachrichtungen und mit tendenziell unterschiedlichen Erkenntnisinteressen) aufgrund ihrer Ausbildung über hinreichende medizinische Fachkenntnisse verfügen sollten, um hinsichtlich Punkt 1 einschätzen zu können, wann ein Gehirn nicht (mehr) in der Lage ist, Bewusstsein wie oben definiert zu erzeugen. Ferner ist den Berichten bzw. Forschungen gemeinsam, dass die Hauptakteure nach ihrer Nahtoderfahrung bzw. nach der eingehenden Beschäftigung mit diesem Thema in zweierlei Hinsicht von einem tiefgreifenden Wandel berichten. Nach ihren Ausführungen haben sich ihre grundlegenden Einstellungen und Werthaltungen verändert wie auch ihr „wissenschaftliches Weltbild“. Sie berichten, vorher hätten sie die bereits zitierte Feststellung: „Es gibt kein »Bewusstsein« ohne eine entsprechende neuronale Basis“ (Singer und Ricard 2017, S. 224) als pure Selbstverständlichkeit empfunden, während sie danach diese Sicht der Dinge nicht mehr teilen konnten. In den einzelnen Kapiteln sowie insbesondere in Abschnitt 2.7 wird dies thematisiert. Von einem derartigen Wandel berichtet auch der Radioonkologe Jeffrey Long, auf den in Kapitel 2 mehrfach verwiesen wird (vgl. hierzu Long 2010, S. 13, 35–40, 48 und 298). An dieser Stelle sei lediglich festgehalten, dass solch ungewöhnliche Veränderungen offenbar eine weit verbreitete Konsequenz von Nah toder fah rungen (NTE) darstellen (vgl. hierzu auch Moody 2013, S. 99–107; Lommel 2013, S. 82–113; Sartori 2015, S. 23 und 55–92 sowie Parnia, 2013, S. 15–16) und dass sie damit beim Selbstbericht einer solchen Erfahrung (und ihrer Konsequenzen) wie im nachfolgenden Abschnitt 2.1 konsistent ins Bild passen – wenngleich dies nicht im engeren Sinne als „Vali- 51 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? dierung“ des jeweiligen Berichts aus der „Erste-Person-Perspektive“ zu betrachten ist. Liegt dagegen nur eine intensive Beschäftigung mit Berichten und Forschungen über Nahtoderfahrungen vor, kann ggf. über die Frage, worauf ein Einstellungswandel bei Forscherinnen und Forschern (z. B. bei Moody 1997, S. 140–141) zurückzuführen sei (also: über dessen „Ursache“), allenfalls spekuliert werden. Über Nahtoderfahrungen wurde und wird „sehr kontrovers und heftig diskutiert“ (Parnia 2013, S. 152). Die „gängige Vorstellung“, wie sie vorstehend skizziert wurde, ist beispielsweise in Roth (2009, S. 205–216) ausführlich dargelegt. Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie und Entwicklungsneurobiologie, war Direktor am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen (vgl. Roth 2009a, back matter). Autorinnen und Autoren, welche den genannten Wandel bezüglich ihres wissenschaftlichen Weltbildes vollzogen haben und von dieser Vorstellung hinsichtlich der „Entstehung von Bewusstsein“ abweichen, fühlen sich in der wissenschaftlichen Diskussion oft ausgegrenzt und angegriffen. Einige Zitate mögen dies belegen: Die Ansicht, dass Bewusstsein nur das Produkt rein neurologischer Prozesse im Gehirn sein könnte, ist noch immer die meistvertretene Hypothese. Wenn sich neue Ideen mit diesem allgemein akzeptierten, materialistischen Paradigma nicht vereinbaren lassen, werden sie von vielen Wissenschaftlern als Bedrohung empfunden. Daher werden neu entdeckte Phänomene und empirisch nachgewiesene Fakten, die nicht mit den gängigen Theorien übereinstimmen, meistens verleugnet, verschwiegen oder sogar ins Lächerliche gezogen. Auch die Geschichte der Wissenschaft lehrt uns, dass neue Ideen schon immer auf Widerstand gestoßen sind (Lommel 2013, S. 394; vgl. hierzu auch Lommel 2013, S. 185–186, 288 und 392–396). Oder: Leider ist die Überzeugung, Bewusstsein werde vom Gehirn erzeugt, unserem gegenwärtigen Glaubenssystem so tief eingefleischt, dass alle Anhaltspunkte, die anderes vermuten lassen, sofort ignoriert oder verworfen werden, weil sie eine zu große Bedrohung darstellen (Satori 2015, S. 258). 52 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Oder: Menschen, die physiologisch, pharmakologisch oder neurologisch orientiert sind, werden ihre ganz persönlichen Richtungen immer als Grundlage für Erklärungen ansehen, die für sich selbst sprechen, auch wenn man ihnen mit Fallbeispielen kommt, die gegen diese spezielle Erklärungsart sprechen könnten (Moody 2013; S. 171; Hervorhebung im Original). Oder: „Ein Nahtoderlebnis zu beschreiben ist bestenfalls eine Herausforderung. Dies aber gegenüber einer Ärzteschaft zu tun, die sich weigert zu glauben, dass so etwas überhaupt möglich ist, ist noch schwieriger“ (Alexander 2013, S. 184; vgl. hierzu auch S. 106, 170/171 und 176). Aus etwas anderer Perspektive bemerkt Penny Sartori über Nahtoderfahrungen bei Ärzten: […] es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Arzt über so etwas spricht. Wie bereits erwähnt, dauerte es bei den meisten Ärzten, mit denen ich gesprochen habe, Jahre, bis sie mir ihr Erlebnis anvertrauten, und selbst dann bestanden sie darauf, dass ich es niemandem weitererzähle (Sartori 2015, S. 51). In einer bereits 1974 veröffentlichten Schrift bemerkt Wiesenhütter zum Thema „Nahtoderfahrungen“ ähnlich: […] dass bei Medizinern weitgehend ein Widerstand beseht, sich mit diesem Problem eingehend zu befassen (Wiesenhütter 1974, S. 21). Angemerkt sei an dieser Stelle, dass – falls die beschriebene Sicht der Dinge zutrifft – die vorstehende Schilderung eher gegen „freies Erfinden“ seitens der Autorinnen und Autoren der nachfolgend behandelten Berichte und Studien zum Thema „Nahtoderfahrungen“ spricht. Dass ein mit nicht unerheblichem Arbeitsaufwand erstelltes Buch zum Bestseller wird, geschieht selten und ist vor allem vorab kaum abschätzbar.31 Inso- 31 Sartori (2015, S. 21) beispielsweise bemerkt explizit: „Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet, dass meine Arbeit so große Aufmerksamkeit erregen würde, 53 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? fern wäre das „Erfinden“ und anschließende Berichten einer Nahtoderfahrung oder entsprechender Forschungsergebnisse wohl ein Wagnis mit sehr ungewissem Ausgang, bei dem man Gefahr liefe, angegriffen oder lächerlich gemacht zu werden und ggf. zudem seinen Ruf zu verlieren – ganz abgesehen von ethischen Argumenten gegen ein „Erfinden.“ Zudem müssten nach einer derartigen Unterstellung – entsprechend der schieren Anzahl der vorliegenden Berichte über Nahtoderfahrungen – tausende von Versuchen vorliegen, aus den Berichten in irgendeiner Form „Kapital zu schlagen.“ Beispielsweise sollten die über 4 500 Einträge auf der Internetseite von Long (2010) generell mit derartigen Versuchen verbunden sein, was schwer vorstellbar ist. Weiterhin weisen die Berichte und Forschungsergebnisse, wie die nachfolgenden Abschnitte zeigen werden, einen hohen Grad an Übereinstimmung auf, was ggf. nur mit einer sehr komplexen, Länder sowie unterschiedliche Berufs- und Altersgruppen übergreifenden, jahrzehntelangen „internen Abstimmung“ aller Beteiligten zu erreichen wäre. Wohlgemerkt: Aller Beteiligten. Wie bereits ausgeführt, genügt ein einziger akzeptierter Fall zur Verifikation von Hypothese H 1. Ich werde nachfolgend Berichte und Forschungsergebnisse – soweit sie für die hier untersuchte Fragestellung relevant sind – vorstellen, nicht eine Stellungnahme meinerseits. Für die Beurteilung der Beiträge sei nochmals auf die genannten Einschränkungen hingewiesen. 2.1 Ein Neurochirurg denkt um: Eben Alexander berichtet über seine Erfahrung Vorbemerkungen Ein bekannter Bericht über eine selbst erlebte Nahtoderfahrung stammt von dem Neurochirurgen Dr. Eben Alexander. Es ist davon auszugehen, und zog mich so gut es ging aus der Öffentlichkeit zurück, weil mir die Publicity ziemlich auf die Nerven ging.“ Und Moody (2011, S. 33) sagt bezüglich seines Verlegers: „Sein felsenfester Glaube, dass unser kleines Buch sich hoffentlich 5 000 Mal verkaufen würde, machte mich stolz und glücklich. Deshalb war es für uns beide ein Schock, als aus den 5 000 Millionen wurden!“. 54 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? dass er als Mediziner in der Lage ist, einzuschätzen, ob sein Gehirn während seiner Nahtoderfahrung Bewusstsein erzeugen konnte oder ob dies auszuschließen sei – wie er behauptet. Er schließt zudem gängige medizinische Erklärungen für seine Nahtoderfahrung explizit aus. Ferner berichtet er von absolut klarem Bewusstsein im Rahmen seiner Nahtoderfahrung und betont ausdrücklich deren Unterschiedlichkeit im Vergleich zu den Fantasien aus einer Intensivstationspsychose, welche er anschlie- ßend an seine Nahtoderfahrung durchlebte. Alexander berichtet von einigen der in Abschnitt 2.6 erwähnten ungewöhnlichen und für Nahtoderfahrungen charakteristischen Elementen – von der Schwierigkeit, das Erlebte in Worte zu fassen, von einer Art „nonverbaler Kommunikation“, von absoluter geistiger Klarheit gepaart mit gesteigerter (anstatt eingeschränkter!) geistiger Leistungsfähigkeit sowie umfassendem Wissen, von spirituellen Erfahrungen sowie von der Begegnung mit einer Verstorbenen.32 Insofern ergibt sich ein stimmiges Bild. Hinzu kommen gravierende Veränderungen hinsichtlich seiner Einstellungen und Werthaltungen sowie seiner wissenschaftlichen Grundüberzeugungen, welche er schildert. Ferner berichtet er, während seiner Nahtoderfahrung nachprüfbares Wissen erlangt zu haben, dessen Erwerb auch bei intaktem Gehirn nicht erklärbar ist und über das er bis dahin nicht verfügte (mehr hierzu weiter unten). Nachfolgend wird sein Bericht detaillierter vorgestellt. Die bereits besprochenen Restriktionen bleiben dabei bestehen: Berichte aus der „Erste-Person-Perspektive“ können im Einzelfall prinzipiell nicht verifiziert werden und über medizinische Sachverhalte kann fachlich gestritten werden – insbesondere über die Behauptung Dr. Alexanders, sein Gehirn sei definitiv „außer Betrieb“ gewesen. Dieser Aspekt hebt den Fall im Vergleich zu anderen, ähnlich gelagerten Fällen hervor. Schließlich wird explizit das Zutreffen von „Punkt 1“ zu Hypothese H 1: „Es muss sichergestellt sein, dass das Gehirn nicht in der Lage war, Bewusstsein zu erzeugen“ behauptet. Ansonsten stellt Alexanders Bericht keinen Einzelfall dar. Auch von anderen Medizinern existieren Berichte über deren persönliche Nah toder fah rungen und die darauffolgenden gravierenden Veränderungen hin- 32 Auf die einzelnen Elemente wird im Folgenden nur dann näher eingegangen, wenn dies in Bezug auf die hier bearbeitete Fragestellung, also die Prüfung der Hypothese H 1, erforderlich ist. 55 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? sichtlich ihrer Einstellungen und Werthaltungen sowie ihrer wissenschaftlichen Grundüberzeugungen (vgl. z. B. Wiesenhütter 1974, S. 17– 20 und 56–79). Am bekanntesten ist in diesem Zusammenhang wohl der Bericht von George Ritchie aus dem Jahre 1943 (deutsch: Ritchie und Sherrill 2015), welcher unter anderem den Anstoß für die Arbeiten Raymond Moodys (vgl. Abschn. 2.2) und Pim van Lommels (vgl. Abschn. 2.3) gab. Aus neuerer Zeit liegt ein Bericht des Anästhesisten Rajiv Parti vor, welchen Dr. Penny Sartori (vgl. Abschn. 2.4) für zuverlässig hält – ebenso wie den nachfolgend dargestellten Bericht Alexanders; jedenfalls zitiert sie beide in ihrer eigenen Arbeit (vgl. Sartori 2015, S. 51–53 und 75 bzw. S. 28–29).33 Ein gewisses Indiz für die Authentizität des Berichts, d. h. dafür, dass er nicht zu Zwecken der „Effekthascherei“ geschrieben wurde oder um einen Bestseller „zu erfinden“, sehe ich in seiner äußeren Form. Er ist eher „holprig“ formuliert und nicht sonderlich flüssig zu lesen – in auffälligem Gegensatz zu seinem zweiten Buch (2015) mit einem schreibgewandten Co-Autor. Ein „Wahrheitskriterium“ im engeren Sinne stellt dies allerdings – ebenso wie die hohe Auflagenzahl des Buches – nicht dar. Überblick Eben Alexander berichtet über die Zeit vor seiner Nahtoderfahrung: Ich hatte mich ganz der Wissenschaft verschrieben. Es war meine Berufung, Menschen mit den Mitteln der modernen Medizin zu helfen, sie zu heilen und mehr darüber zu erfahren, wie der menschliche Körper und das Gehirn arbeiten (Alexander 2013, S. 18–19). Von der Lehrmeinung der modernen Neurowissenschaft, das Gehirn bringe Bewusstsein hervor, sei er fest überzeugt gewesen (vgl. Alexander 2013, S. 55, 57, 116–117, 180, 182, 190, 202 oder Alexander 2015, S. 35). Seine Nahtoderfahrung zog dann nach seiner Darstellung eine „vollkommene Metamorphose seines Lebens und seiner Weltsicht“ nach sich 33 Hinweise auf weitere entsprechende Selbstberichte von Ärzten finden sich in Abschn. 2.5. 56 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? (vgl. Alexander 2013, S. 16; ergänzend: S. 191). Über diese Erfahrung schreibt er einleitend und zugleich zusammenfassend: Doch am 10. November 2008 – ich war damals 54 Jahre alt – schien mein Glück zu Ende zu gehen. Ich bekam eine seltene Krankheit und fiel sieben Tage lang ins Koma. In dieser Zeit war mein gesamter Neokortex – die Hirnrinde, also jener Teil des Gehirns, der uns zu Menschen macht – stillgelegt. Außer Betrieb. Im Prinzip nicht mehr vorhanden. Wenn Ihr Gehirn nicht mehr da ist, sind auch Sie nicht mehr da. Als Neurochirurg habe ich im Laufe der Jahre viele Geschichten von Menschen gehört, die Seltsames erlebt haben, in der Regel nach einem Herzstillstand; Geschichten von Reisen durch geheimnisvolle, wunderbare Landschaften, von Gesprächen mit verstorbenen Verwandten – sogar von Begegnungen mit Gott selbst. Wunderbare Sachen, keine Frage. Aber meiner Meinung nach war all das reine Fantasie. Was rief die jenseitigen Erfahrungen hervor, von denen solche Leute so oft berichteten? Ich behauptete nicht, es zu wissen, aber was ich wusste, war, dass sie auf dem basierten, was sich im Gehirn abspielt. Und das gilt für das gesamte Bewusstsein. Wenn man kein funktionierendes Gehirn hat, kann man nicht bewusst sein. Das liegt daran, dass das Gehirn die Maschine ist, die das Bewusstsein überhaupt erst erzeugt. Wenn diese Maschine ihre Funktion einstellt, kommt auch das Bewusstsein zum Erliegen. […] So oder ähnlich hätte ich es Ihnen erklärt, bevor mein eigenes Gehirn abstürzte. Während ich im Koma lag, arbeitete mein Gehirn nicht etwa unzureichend, es arbeitete überhaupt nicht. […] Viele Nahtoderlebnisse, von denen berichtet wird, passieren, während das Herz des Betreffenden für eine Weile stillsteht. In diesen Fällen ist der Neokortex zeitweise inaktiviert, nimmt aber in der Regel nicht zu viel Schaden, wenn der Durchfluss von sauerstoffreichem Blut durch Herz-Lungen-Reanimation oder Reaktivierung der Herzfunktion innerhalb von etwa vier Minuten wiederhergestellt wird. Aber in meinem Fall war der Neokortex vollständig ausgeschaltet. Ich machte Bekanntschaft mit der Realität einer Bewusstseinswelt, die völlig frei von den Beschränkungen meines physischen Gehirns existierte. Ich erlebte regelrecht einen ganzen Ansturm von Nahtoderlebnissen. Als praktizierender Neurochirurg, der jahrzehntelang geforscht und praktisch im Operationssaal gearbeitet hat, bin ich in einer überdurchschnittlich guten Position, um nicht nur die Realität zu beurteilen, sondern auch die Trag- 57 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? weite dessen, was mir passiert ist (Alexander 2013, S, 19–21, Hervorhebungen im Original; vgl. hierzu auch S. 177). Alexander berichtet, auf nicht nachvollziehbare Weise an bakterieller Meningitis erkrankt gewesen zu sein (vgl. Alexander 2013, S. 40), was mit einer massiven Schädigung des Gehirns verbunden gewesen sei (vgl. Alexander 2013, S. 30, 32, 34–43, 65, 131–133, 138–139, 147, 148, 153–154, 166– 167, 180–181, 184). Er erholte sich jedoch vollständig – was er mit den Worten kommentiert: Aus medizinischer Sicht war die Tatsache, dass ich vollkommen genesen war, eine glatte Unmöglichkeit, ein medizinisches Wunder (Alexander 2013, S. 196).34 Sein Fall ist – nach eigener Aussage – wohl einzigartig in der Medizingeschichte (vgl. Alexander 2013, S. 68, 76, 128, 131, 201). Die von ihm geschilderten Erfahrungen sind insofern bemerkenswert, als sie auch Elemente enthalten, welche für Beschreibungen von Nahtod er fahrungen (vgl. Abschn. 2.6) eher untypisch sind (Alexander 2013, S. 112, 218–219). Diesbezüglich vermutet er: Auf die Gefahr hin, die Dinge zu stark zu vereinfachen, sage ich, dass mir erlaubt wurde, heftiger zu sterben und tiefer zu reisen als fast alle anderen, die vor mir ein Nahtoderlebnis hatten (Alexander 2013, S. 114; vgl. hierzu auch S. 20 und 126, 181). Nach dem Studium seiner Krankenakte (vgl. Alexander 2013, S. 180, 184) kommt er zu dem Schluss: Mir wurde schnell klar, dass mein Nahtoderlebnis aus fachlicher Sicht nahezu makellos gewesen ist, vielleicht einer der überzeugendsten Fälle dieser Art in der neueren Geschichte. Was in meinen Fall wirklich Gewicht hat, ist […] die absolute Unmöglichkeit, aus medizinischer Sicht zu behaupten, dass dies alles Fantasie gewesen ist (Alexander 2013, S. 184). 34 Vgl. hierzu auch Alexander (2013, S. 185 und S. 249–250 – Anhang A: Stellungnahme von Scott Wade, M.D.) sowie Alexander (2015, S. 33). 58 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Vgl. hierzu auch Alexander 2013, S. 191–195 sowie 251–256 – Anhang B: „Neurowissenschaftliche Hypothesen, die ich einbezogen habe, um meine Erfahrung zu erklären“. Alexander betont, größten Wert darauf zu legen, seine „Geschichte richtig zu erzählen“ (Alexander 2013, 195). Um eine mögliche Verzerrung der Erinnerungen zu vermeiden, habe er ganz bewusst seine Erfahrung unmittelbar nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus niedergeschrieben, ohne vorher Literatur zum Thema „Nahtoderfahrungen“ zur Kenntnis zu nehmen oder sich anderweitig mit dem Thema zu befassen, obwohl sein Interesse hieran erwacht war (vgl. Alexander 2013, S. 172–175, 178). Die inhaltliche Seite seiner Nahtoderfahrung sei an dieser Stelle weitgehend ausgeklammert (Schilderungen finden sich in: Alexander 2013, S. 21, 48–52, 59–64, 69–75, 100–104, 135–136, 143–145, 149–152; später niedergeschrieben: Alexander 2015, S. 29–31). Hervorgehoben seien zunächst lediglich zwei Punkte, welche sich – neben der Beteuerung, sein Neokortex sei „außer Betrieb“ gewesen (siehe oben) – auf die Prüfung von Hypothese H 1 beziehen. Relevant zur Prüfung der Frage, ob tatsächlich „Bewusstsein“ aufgetreten sei, sind die berichtete Klarheit seiner Erfahrung und das berichtete tiefgreifende Umdenken im Nachgang zu der Erfahrung. Bericht über „klare Erfahrung“ bei einer NTE Wichtig ist zunächst Alexanders Feststellung, in seinem Zustand überhaupt zu bewussten Erfahrungen in der Lage gewesen zu sein – welche er zudem an mehreren Stellen als absolut „real“ beschreibt (vgl. z. B. Alexander 2013, S. 21, 50, 61, 63, 114, 177). Einige Zitate hierzu: In einem Gehirn, das von einer tödlichen bakteriellen Infektion betroffen und von bewusstseinsverändernden Medikamenten beeinflusst ist, kann alles passieren. Alles – außer der ultra-realen Erfahrung, die ich im Koma gemacht hatte (Alexander 2013, S. 189; Hervorhebung im Original). Oder: Ich bin kein dummer Gefühlsmensch. […] Ich kenne meine Biologie, und obwohl ich kein Physiker bin, war ich auch in Physik kein Versager. Ich ken- 59 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? ne den Unterschied zwischen Fantasie und Realität, und ich weiß, dass die Erfahrung, von der ich Ihnen hier einen vagen, weitgehend unbefriedigenden Eindruck zu vermitteln versuche, die wirklichste Erfahrung in meinem Leben war (Alexander 2013, S. 63–64). Oder: Alles, die unheimliche Deutlichkeit meines Sehens ebenso wie die Klarheit meiner Gedanken als rein konzeptioneller Ablauf, wies eher auf eine höhere und bessere als auf eine geringere Arbeitsweise meines Gehirns hin. Aber meine höher entwickelten Gehirnareale waren funktionsuntüchtig und konnten diese Arbeit nicht tun (Alexander 2013, S. 194–195; vgl. hierzu auch S. 184). Ganz anders sehen im Gegensatz hierzu seine Schilderungen zu einer ICU-Psychose (ICU = Intensive Care Unit) aus, welche er bei bzw. nach dem Erwachen aus dem Koma durchlebte: Im Rückblick ist das Interessanteste an diesen Albträumen und paranoiden Vorstellungen, dass sie in Wirklichkeit alle nur eines waren: Fantasien. Einzelne […] waren extrem intensiv und sogar richtig beängstigend. Aber in der Rückschau – fast unmittelbar nachdem diese Phase zu Ende war – wurde alles klar als das erkennbar, was es war: etwas, was sich mein bedrängtes Gehirn zusammenkochte, während es versuchte, sich wieder zurechtzufinden. Manche der Träume, die ich in dieser Phase hatte, waren überwältigend und beängstigend lebendig. Doch letztlich verdeutlichen sie nur, wie völlig anders mein Traumzustand im Vergleich zu der Ultra-Realität war, die ich im tiefen Koma erlebt hatte (Alexander 2013, S. 162–163). Anzumerken an dieser Stelle ist, dass derartige Schilderungen offenbar häufig in Berichten über Nahtoderfahrungen auftauchen. So berichtet etwa – aufgrund einer umfangreichen Datenbasis – Long (2010, S. 19): 74,4 Prozent der Nahtoderfahrenen, die den [Frage-; Sch.] Bogen ausfüllten, gaben an, ein »höheres Bewusstsein und Aufmerksamkeit als normal« gehabt zu haben (vgl. hierzu auch Long, 2010, S. 98). 60 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Für Deutschland ergab sich in einer kurz vor der Jahrtausendwende durchgeführten Bevölkerungsumfrage (Wohnbevölkerung; älter als 18 Jahre) als hervorstechendstes Merkmal ein Anteil von über 60 Prozent für Befragte mit Nahtoderfahrung, welche nach eigener Angabe während ihrer Erfahrung geistig hellwach waren (obwohl sie für Außenstehende bewusstlos erschienen) (Knoblauch 2007, S. 139; zugehörige Tabellenangabe dort auf S. 138). Nach der Schilderung eines entsprechenden Falls berichtet Knoblauch (2007, S. 99): Auch andere reden davon: Sie waren bei vollem Bewusstsein, die Erfahrungen waren »glasklar« und von allerhöchster Intensität. Zur Person/Umdenken Je nachdem, mit wem man sich unterhält, ist Bewusstsein für die wissenschaftliche Forschung entweder das größte Rätsel oder absolut uninteressant (Alexander 2013, S. 204). In diesem Sinne berichtet Dr. Alexander aufgrund seiner Nahtoderfahrung eine „vollkommene Metamorphose seines Lebens und seiner Weltsicht“ (vgl. Alexander 2013, S. 16, 191). Sein bisheriges (wissenschaftliches) Weltbild – insbesondere was die Funktion des Gehirns betrifft – geriet ins Wanken (vgl. Alexander 2013, S. 21, 106, 117, 119, 122–123, 170– 171, 174, 184, 201). Hierzu bemerkt er: Ich bin ein Arzt, der ein Nahtoderlebnis hatte; ein ernst zu nehmender Vertreter des »dogmatisch wissenschaftlichen« Lagers, der eine Erfahrung gemacht hat, die ihn auf die andere Seite schickte. Nicht etwa auf die Seite der »dogmatischen Religion« […] (Alexander 2015, S. 28). 61 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Er begann (nicht zuletzt mit Verweis auf die Forschungsergebnisse von Kelley et al., 2009)35 die Vorstellung eines „außerkörperlichen Bewusstseins“ zu akzeptieren (vgl. Alexander 2013, S. 207 oder auch Alexander 2015, S. 24–25) und er begann – im Gegensatz zu früher – Berichte von Nahtoderfahrungen ernst zu nehmen. Ausführlich kommt er auf Raymond Moodys Buch: „Leben nach dem Tod. Die Erforschung einer unerklärlichen Erfahrung“ (vgl. hierzu Abschn. 2.2) aus dem Jahre 1975 zu sprechen: Ich kann nicht behaupten, dass ich damals noch nie etwas von Moodys Buch gehört hatte, aber ich hatte es nicht gelesen. Das brauchte ich auch nicht, denn vor allem anderen wusste ich, dass die Vorstellung, ein Herzstillstand sei eine Art todesähnlicher Zustand, Unsinn war. […] Die Vorstellung, dass ein Herzstillstand den Tod bedeutet, ist seit etwa 50 Jahren veraltet. […] die Medizin hat ihre Definition von Tod schon vor langer Zeit dahingehend revidiert, dass sie das Gehirn und nicht das Herz in den Mittelpunkt stellt […]. Ein Herzstillstand ist für den Tod nur insofern relevant, als er Auswirkungen auf die Gehirnfunktionen hat. Er führt nämlich innerhalb von Sekunden dazu, dass der Blutfluss zum Gehirn zum Erliegen kommt, was wiederum zu einer umfangreichen Störung der kooperativen neuronalen Aktivität und einem Verlust des Bewusstseins führt. Seit einem halben Jahrhundert halten Chirurgen in der Herz- und gelegentlich auch in der Neurochirurgie das Herz routinemäßig minuten- bis stundenlang an. Dabei arbeiten sie mit Herz-Lungen-Maschinen und manchmal auch mit einer Kühlung des Gehirns […]. Ein Gehirntod tritt nicht ein. Selbst ein Mensch, dessen Herz auf der Straße zu schlagen aufhört, kann vor Hirnschädigungen bewahrt bleiben, wenn er innerhalb von vier Minuten so reanimiert wird, dass sein Herz schließlich wieder anspringt. Solange sauerstoffreiches Blut zum Gehirn transportiert wird, bleibt die betreffende Person am Leben, auch wenn sie vorübergehend bewusstlos ist. Dieses Stück Wissen war alles, was ich brauchte, um Moodys Buch abzuhaken, ohne es je aufgeschlagen zu haben. Doch jetzt schlug ich es auf. Und als ich die Geschichten, von denen Moody berichtet, vor dem Hintergrund dessen las, was ich selbst erlebt hatte, führte dies zu einer völligen Veränderung meiner Perspektive. Ich hatte wenig Zweifel daran, dass zumindest ei- 35 Kelly, Edward F.; Kelly, Emily Williams; Crabtree, Adam (2009) Irreducible Mind. Toward a Psychology for the 21st Century. Rowman and Littlefield. 62 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? nige der Leute, von denen in diesen Geschichten die Rede war, ihren physischen Körper tatsächlich verlassen hatten. Die Ähnlichkeiten mit dem, was ich jenseits meines Körpers erlebt hatte, waren einfach überwältigend (Alexander 2013: 182–183). Etwas später bemerkt Alexander: Je mehr »wissenschaftliche« Erklärungen von Nahtoderlebnissen ich las, desto schockierter war ich über ihre Fadenscheinigkeit. Und doch musste ich zähneknirschend zugeben, dass es genau die Erklärungen waren, auf die mein altes »Ich« vage verwiesen hätte, wenn mich jemand gebeten hätte zu »erklären«, was ein Nahtoderlebnis ist (Alexander 2013, S. 195; vgl. hierzu auch S. 179–180, 190–191). Gegen Ende seines Buches stellt Alexander klar, dass ihm der Zusammenbruch des materialistisch-deterministischen Weltbildes (vgl. hierzu z. B. auch Schumann, 2018, S. 46–70) – insbesondere aufgrund der Ergebnisse der Quantenphysik – ebenso bewusst sei wie die Tatsache, dass die Folgen hieraus bisher nicht klar ersichtlich seien. Völlig zurecht stellt er fest, dass wir im ontologischen Sinne derzeit nicht verstehen, „in welcher Welt wir leben“ und mithin auch keineswegs sicher sein können, dass die Vorstellung eines von neuronalen Prozessen unabhängigen Bewusstseins völlig selbstverständlich von der Hand zu weisen sei. Seiner Ansicht nach dürfte eher das Gegenteil der Fall sein (vgl. hierzu Alexander 2013, S. 202–204, ergänzend 205–217). Bericht über zwei zusätzliche Validierungshinweise Einen letzten Beleg für die Realität seiner Nahtoderfahrung sieht Alexan der darin, dass er während seines Komas an zentraler Stelle und intensiv die Gegenwart einer jungen Frau empfand, zu der er sich sehr hingezogen fühlte, die er jedoch auch nach dem Erwachen aus dem Koma nicht identifizieren konnte. Nach seiner Schilderung erhielt er vier Monate nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus erstmals ein Foto seiner verstorbenen Schwester, die er nie kennengelernt hatte, welches genau diese Frau zeigte (vgl. Alexander 2013, S. 219–228; vgl. ergänzend auch S. 61–63, 100, 113, 143 und: Alexander 2015, S. 31, 33–34). Damit gibt 63 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Dr. Alexander an, während seiner Nahtoderfahrung nachprüfbares Wissen (über das Aussehen seiner Schwester) erlangt zu haben, über das er bis dahin nicht verfügte. Dies klingt zunächst erstaunlich. Nach Jeffrey Long ist ein derartiges Vorkommnis allerdings nichts „Einmaliges“. Mit Blick auf seine sehr umfangreiche Sammlung von Nahtod-Berichten bemerkt er: Sehr häufig begegnen Betroffene einem Wesen, das ihnen bekannt vorkommt, dessen Identität sie aber nicht kennen. Später erkennen die Nahtod er fahrenen dann unter Umständen dieses vertraute, aber damals unbekannte Wesen, etwa, wenn sie alte Familienfotos betrachten (Long 2010, S. 76). Beispielhafte Berichte finden sich bei Parnia (2013, S. 168–170), bei Long (2010, S. 73 oder S. 192–196), zwei weitere in Ewald (2009, S. 37–39) und in Ewald (2013, S. 22–23). Nahm (2012, S. 141) berichtet entsprechendes auch für den Fall von Patient 10 in der Studie von Sartori (vgl. Abschn. 2.4). Nach Nahm (2012, S. 180) […] existieren mindestens sieben Fallberichte, wonach die Nahtod-Erfahrenden in ihren Visionen unbekannte Personen gesehen haben, die erst nachträglich als bestimmte Verstorbene identifiziert worden sind, z. B. anhand von Fotografien. Als zweiten zusätzlichen Validierungshinweis berichtet Eben Alexander von einem weiteren, mit seinem bisherigen Weltbild ebenfalls nicht kompatiblen Erlebnis: Die Mutter (Susanna) einer Krebspatientin (Christina) mit geringen Überlebenschancen habe ihm vor der Operation von einem Traum Christinas erzählt, in der ihr verstorbener Vater (George) ihr versicherte, sie brauche sich keine Sorgen zu machen. Um die Mutter etwas zu trösten, ging Dr. Alexander nach seiner Darstellung halbherzig auf die Konversation ein. Hier der Bericht vom Fortgang des Gesprächs – zunächst die Mutter über die Kleidung ihres verstorbenen Mannes in dem Traum: »Aber am unglaublichsten war, was er trug: ein gelbes Hemd – und einen weichen Filzhut!« 64 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? »Nun, Susanna«, meinte ich freundlich, »ich schätze mal, im Himmel gibt es keine Kleiderordnung.« »Nein«, sagte Susanna. »Das meine ich nicht. Ganz zu Beginn unserer Beziehung, als wir zum ersten Mal miteinander ausgegangen sind, habe ich George ein gelbes Hemd geschenkt. Er hat es gern zusammen mit dem Filzhut getragen, der auch ein Geschenk von mir war. Aber das Hemd und der Hut sind verlorengegangen, als unser Gepäck auf unserer Hochzeitsreise nicht ankam. Er wusste, wie gern ich ihn in diesem Hemd und dem Hut sah, aber wir haben nie einen Ersatz besorgt.« »Bestimmt hat Christina viele wunderbare Geschichten über das Hemd und den Hut gehört, Susanna«, erklärte ich. »Und über ihre erste gemeinsame Zeit […]« »Nein«, lachte sie. »Das ist ja das Wunderbare daran. Das war unser kleines Geheimnis. Wir wussten, wie lächerlich es für jemand anderen klingen würde. Also haben wir nie über dieses Hemd und den Hut gesprochen, nachdem sie verlorengegangen waren. Christina hat von uns nie auch nur einen Pieps darüber gehört.« (Alexander 2013, S. 187–189). Auch diese Schilderung ist mit der Vorstellung, Bewusstsein sei lediglich ein „Nebenprodukt“ neuronaler Aktivitäten, kaum vereinbar. Zudem bezeichnet Dr. Alexander das Gespräch im Rückblick als Beispiel für „Dutzende andere, ähnliche Gespräche“ (Alexander 2013, S. 189)36, wobei die damit ausgedrückte Häufung derartiger Begebenheiten eine Interpretation als „Zufallsprodukt“ zusätzlich erschwert (vgl. hierzu auch Kap. 1). 36 Alexander erwähnt, bereits vor seiner Nahtoderfahrung Berichte über „ungewöhnliche Erfahrungen“ seiner Patienten gekannt zu haben, diese aber auf neuronale Prozesse zurückgeführt zu haben. Bezüglich des genannten Falls schreibt er: „mit einem Ruck, der auftritt, wenn man plötzlich etwas sieht, was eigentlich die ganze Zeit hätte offensichtlich sein sollen, erkannte ich, dass Susanna an diesem Tag nicht bei mir angerufen hatte, um von mir getröstet zu werden. Sie hatte wirklich ernsthaft versucht, mich zu trösten. Aber ich war nicht in der Lage gewesen, das zu erkennen“ (Alexander 2013, S. 189). 65 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? 2.2 Ein angehender Mediziner denkt um: Raymond Moody berichtet (retrospektiv) über Nahtoderfahrungen Anderer Vorbemerkungen Im Jahre 1975 veröffentlichte Raymond Moody ein Buch über Nahtoderfahrungen mit dem etwas missverständlichen Titel: „Life after Life: The Investigation of a Phenomenon – Survival of Bodily Death“ im Verlag Mockingbird Books, Inc., Covington, Georgia.37 Es wurde mittlerweile weltweit mehr als 13 Millionen Mal verkauft und damit zu „einem der meistverkauften Sachbücher aller Zeiten“ (Moody & Perry 2011, S. 33; vgl. auch front matter). Missverständlich ist der Titel insofern, als Moody betont: Ich möchte gleich zu Beginn hervorheben, dass ich […] nicht den Beweis zu erbringen beabsichtige, dass es ein Leben nach dem Tode gibt (Moody 2013, S. 27; vgl. hierzu auch S. 141, 150, 152–173). Auf das Buch Moodys bezog sich Eben Alexander (vgl. Abschn. 2.1), als er bemerkte: Ich hatte wenig Zweifel daran, dass zumindest einige der Leute, von denen in diesen Geschichten die Rede war, ihren physischen Körper tatsächlich verlassen hatten. Die Ähnlichkeiten mit dem, was ich jenseits meines Körpers erlebt hatte, waren einfach überwältigend (Alexander 2013: 183). 37 Zum Hintergrund bemerkt Parnia (2013, S. 149): „Es ist schwierig, genau zurückzuverfolgen, wann wir uns dieser [Nahtod-; Sch.] Erfahrungen bewusst geworden sind, aber höchstwahrscheinlich hatte es etwas mit der Entdeckung des neuen Feldes der Wiederbelebung im Jahr 1960 und seiner zunehmenden Akzeptanz in der medizinischen Gemeinde in den 1960er- und 1970er-Jahren zu tun. Nach dem Aufkommen der Reanimationswissenschaft Mitte der 1970er Jahre gab es deutlich mehr Menschen, die nach einem Herzstillstand erfolgreich wiederbelebt worden waren. Das Interesse der wissenschaftlichen Gemeinde und der allgemeinen Bevölkerung an diesen Erfahrungen steigerte sich im Jahre 1975, als Raymond Moody, Psychiater und Professor für Philosophie, seinen Bestseller »Life After Life« […] veröffentlichte“ (Hervorhebung im Original). 66 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Im Vorwort des Buches kommt die bekannte Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross explizit zu dem Schluss: […] seine Befunde zeigen, dass der sterbende Patient sein Bewusstsein behält und seine Umgebung wahrnimmt, auch nachdem er klinisch für tot erklärt worden ist (Moody 2013, S. 21). Allgemeine Informationen zur Person Raymond Moody legt in seinem – auch Dr. med. George Ritchie38 gewidmeten – Buch größten Wert darauf, so weit wie möglich objektiv über Nahtoderfahrungen zu berichten. Nachdem dies dem Menschen prinzipiell nicht uneingeschränkt möglich sei, gibt er gleich zum Einstieg einige Informationen zu seiner Person: Da ist an erster Stelle die Tatsache, dass ich selber noch nie dem Tode nahe gewesen bin. Mein Buch stützt sich also nicht auf meine eigenen Erfahrungen, sondern verwertet Berichte anderer Menschen über deren persönliche Erfahrungen. Und weil sich das Material für meine Untersuchungen aus diesen Quellen speist, kann ich absolute Objektivität für mich nicht in Anspruch nehmen, denn an meiner Arbeit war ich ja auch emotional beteiligt. Wenn man wie ich eine große Anzahl von Menschen über ihre Erfahrungen berichten hört, die den Kern dieses Buches bilden, dann bekommt man fast das Gefühl, als hätte man diese Erfahrungen selber erlebt. Ich hoffe sehr, dass diese Einstellung keine schädlichen Folgen hatte für die Rationalität und Ausgewogenheit meines Vorgehens. Zweitens: Ich schreibe als jemand, der keine umfassenden Kenntnisse der reichen Literatur über paranormale und okkulte Phänomene besitzt (Moody 2013, S, 25). 38 Ritchie beschreibt seine Nahtoderfahrung in: Ritchie und Sherrill (2015; die amerikanische Originalausgabe erschien 1978). Hierzu Moody (2013, S. 181): „Dieser Erfahrungsbericht deckt sich exakt mit der Version, die mir Dr. Ritchie 1965 persönlich erzählte und die den Anstoß zu den Forschungen gab, die ich in Leben nach dem Tod schildere“ (Hervorhebung im Original). Moody hält diese Publikation ausdrücklich „für vertrauenswürdig und fundiert“ (Moody 2013, S. 181). 67 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Der erste Punkt (Bericht über Erfahrungen Anderer – im Gegensatz zu einer persönlich gemachten Erfahrung) weist auf einen Unterschied der Ausführungen Moodys zu den Darstellungen Eben Alexanders im vorhergehenden Abschnitt aus der „Erste-Person-Perspektive“ hin. Allerdings sei an dieser Stelle an die Feststellung Alexanders erinnert, die Ähnlichkeit von Moodys Berichten zu seinen eigenen, persönlichen Erfahrungen seien „überwältigend“ (Alexander 2013, S. 183). Dies kann – sofern man Alexanders Bericht akzeptiert – durchaus als ein „Validitätskriterium“ (vgl. Kap. 1) für die Ausführungen in Moodys Buch gesehen werden. Der zweite Punkt zeigt eine Parallele zu Alexanders Vorgehen. Dieser hatte, ähnlich wie Moody, nach eigenem Bekunden bewusst vermieden, vor der Niederschrift seiner Erfahrungen entsprechende Literatur zur Kenntnis zu nehmen, um seine Darstellungen nicht zu beeinflussen. Im dritten Punkt beschreibt Moody seine religiöse Erziehung: Meine Familie gehörte der presbyterianischen Kirche an, jedoch haben meine Eltern nie den Versuch gemacht, ihre persönlichen Glaubensvorstellungen ihren Kindern aufzuzwingen. […] So wurde ich erwachsen und besaß einen religiösen Glauben, der allerdings nicht aus einem orthodoxen System starrer Lehrsätze bestand […]. Rein organisatorisch gesehen, bin ich ein Mitglied der methodistischen Kirche (Moody 2013, S. 26). Der vierte Punkt betrifft seinen akademischen und beruflichen Werdegang. Raymond Avery Moody erwarb danach 1969 einen Doktortitel in Philosophie, bevor er Medizin studierte und – nach Erscheinen des hier besprochenen Buches – Arzt wurde, wobei er später als Psychiater in seiner eigenen Praxis arbeitete. Während des Philosophie-Studiums galt sein Hauptinteresse den Gebieten Ethik, Logik und Linguistik (vgl. zum Werdegang: Moody 2013, S. 26 bzw. Moody 2013a, front matter). Er ist sich im Klaren: All diese Interessen und Erfahrungen haben selbstverständlich einen Einfluss ausgeübt auf die Art und Weise, wie ich das Thema der vorliegenden Untersuchung angepackt habe (Moody 2013, S. 26–27). 68 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Zur Person/Umdenken Moodys grundsätzliche Haltung spiegelt sich in folgendem Zitat: Es wird viele geben, die die Aussagen dieses Buches für unglaubwürdig halten und deren erste Reaktion sein wird, sie rundweg abzulehnen. Ich habe wirklich keinen Grund, jemanden zu kritisieren, der zu dieser Gruppe gehört. Ich hätte nämlich selber vor einigen Jahren noch genauso reagiert [Anmerkung Sch.: Eine weitere Parallele zu Eben Alexander!]. Ich erwarte von niemandem, dass er den Inhalt dieses Buches so einfach hinnimmt und glaubt nur aufgrund meiner Autorität. Im Gegenteil: Als ausgebildeter Logiker halte ich gar nichts von einer Hinführung zum Glauben, die nur durch unstatthafte Berufung auf Autorität zustande kommt, und darum möchte ich jedem Leser davon ausdrücklich abraten. Empfehlen möchte ich dagegen all jenen Lesern, die bei der Lektüre dieses Buches ungläubig dem Kopf schütteln: Gehen Sie doch der Sache mal selber ein bisschen nach! […] Daneben wird es zweifellos viele geben, die dieses Buch mit großer Erleichterung lesen, weil es sie erkennen lässt, dass sie keine Outsider sind, sondern dass auch noch andere solche Erfahrungen durchgestanden haben (Moody 2013, S. 27–28; vgl. zu letzterem auch S. 95–99). Zum letztgenannten Punkt berichtet van Lommel (2013, S. 129): Laut einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahre 1982 hatten etwa 5 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung eine NTE [Nahtoderfahrung; Sch.].39 Eine neuere Umfrage in Deutschland aus dem Jahre 1998 deutet auf einen ähnlichen Prozentsatz von 4,2 hin [vgl. Knoblauch 2007, S. 127; Sch.]. Geht man von ehrlicher Beantwortung aus sowie davon, dass sich die Teilnehmer an besagten Umfragen in ihren Antworten nicht systematisch von den Teilnahmeverweigerern unterscheiden, so dürften die Chancen dafür, bei Nachfragen im Freundes- Bekannten- oder gar Ver- 39 Gallup, George; Proctor, William: Begegnungen mit der Unsterblichkeit. Erlebnisse im Grenzbereich zwischen Leben und Tod. München, Universitas 2003. Originaltitel: Adventures in Immortality. A Look Beyond the Threshold of Death. New York: McGraw-Hill 1982. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 69 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? wandtenkreis eine Person mit einer Nahtoderfahrung zu finden, bei etwas Beharrlichkeit nicht schlecht stehen. Moodys Haltung zu Berichten und Zeugenaussagen Moody sammelte Berichte über Nahtoderfahrungen, wobei ihm die Beschränkungen dieser Methode durchaus bewusst waren. Hierzu einige Zitate aus seinem Buch „Reflections On Life After Life“, welches zwei Jahre nach dem hier vorgestellten Hauptwerk erschien und nach seinen Worten eine Art „Ergänzungsband“ (vgl. Moody 1997, S. 15) darstellt: Die wissenschaftliche Methodik lässt individuelle Zeugenaussagen nur sehr eingeschränkt als Beweise gelten. Dafür gibt es zumindest drei triftige Gründe: 1. Manchmal lügen die Menschen. [40] 2. Manchmal fehlerinnern sich die Menschen oder sie missdeuten das, was mit ihnen geschieht. 40 Ein Beispiel hierfür aus neuerer Zeit ist die Geschichte „Der Junge, der aus dem Himmel zurückkehrte“, von welcher die Hauptperson mittlerweile einräumte, sie sei „frei erfunden“ (vgl. hierzu z. B. den Artikel https://www.welt.de/ver mischtes/article136754286/Junge-hatte-seine-Nahtod-Erfahrung-erfunden.html, abgerufen am 17.12.2018). Das zugehörige Buch war ein Bestseller, was einerseits nochmals das enorme öffentliche Interesse an Nahtoderfahrungen belegt und andererseits, dass hohe Auflagenzahlen kein Wahrheitskriterium darstellen – wie bereits Sabom (1982, S. 199–200) betonte. Argumentativ unterscheidet sich das Buch sehr von den hier besprochenen Werken! Angemerkt sei an dieser Stelle, dass sich die Relevanz dieses Punktes keineswegs auf Berichte über Nahtoderfahrungen beschränkt, wie etwa der Fall des mehrfach preisgekrönten SPIEGEL-Mitarbeiters Claas Relotius (vgl.: http://www. spiegel.de/politik/deutschland/der-fall-claas-relotius-wir-haben-sehr-vielefragen-an-uns-selbst-a-1244196.html, abgerufen am 20.12.2018) zeigt. Auch im Bereich wissenschaftlicher Forschung sind „erfundene Berichte“ nicht unbekannt (vgl. hierzu zum Beispiel den Internet-Artikel https://www.welt.de/ wissenschaft/article134669083/So-dreist-wird-in-der-Wissenschaft-betrogen. html, abgerufen am 20.12.2018). Die Möglichkeit, „erfundenen Berichten“ aufzusitzen, besteht einerseits immer, andererseits erscheint es kaum gerechtfertigt, hieraus einen „Generalverdacht“ abzuleiten und Forschung (oder journalistische Tätigkeit) generell einzustellen. 70 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? 3. Manchmal haben die Menschen Halluzinationen oder Wahnvorstellungen, besonders, wenn sie unter Stress stehen (Moody 1997, S. 163). Als „Gegengewicht“ sieht er jedoch folgende Punkte: 1. Erstens ist es in der Geschichte schon häufig vorgekommen, dass die Wissenschaft auf den Holzweg kam, weil sie nicht sorgfältig genug auf Zeugenaussagen achtgeben wollte. [Es folgt als Beispiel das Bezweifeln der Existenz von Meteoriten mit dem Argument, vom Himmel könnten keine Steine herabfallen, da sich dort keine befänden.] […]. 2. Außerdem kommt es gelegentlich vor, dass wir bei bestimmten Fragestellungen zu einem bestimmten Zeitpunkt einfach nichts Anderes haben[41] als mündliche Zeugnisse […]. 3. Schließlich darf uns die Tatsache, dass ein weitverbreitetes Phänomen nicht so recht in den Rahmen der heute anerkannten wissenschaftlichen Methodik und Systematik passen will, nicht dazu verleiten, die ganze Sache einfach zu negieren (Moody 1997, S. 163–165). Generell bemerkt Moody: Ich habe von Anfang an gesagt, dass meine Arbeit keine streng wissenschaftliche Unternehmung ist, und dies aus mehreren Gründen. Einer ist, dass die Stichprobe von Individuen, die ich untersucht habe, keine Zufallsstichprobe ist […]. Ein anderer ist, dass meine Studie, wie gesagt, auf anekdotischen Zeugenaussagen beruht, die wissenschaftlich keine verlässliche Beweisgrundlage bilden können […] (Moody 1997, S. 165). 41 Ein Beispiel hierfür aus der quantitativen Empirischen Forschung: Hans-Dieter Klingemann (1985: 240) schrieb in Anspielung auf solche Schwierigkeiten in einem Aufsatz, in dem Recallfragen zur Bundestagswahl eine entscheidende Rolle spielen: „We are painfully aware of all the pitfalls that the use of recall questions implies. However, there is no alternative […]“. 71 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Datenbasis der Untersuchung Seine Datenbasis beschreibt Raymond Moody folgendermaßen: Heute sind mir annähernd 150 Fälle dieses Phänomens bekannt. Die Erfahrungen, die ich untersucht habe, gliedern sich in drei Kategorien: 1. Erfahrungen von Personen, die reanimiert worden sind, nachdem sie von ihren Ärzten als klinisch tot betrachtet, beurteilt oder erklärt worden waren. 2. Erfahrungen von Personen, die bei Unfällen, schweren Verletzungen oder Erkrankungen dem biologischen Tod sehr nahe gewesen sind. 3. Erfahrungen von Personen, die ihre Erlebnisse beim Sterben anderen Menschen, die bei ihnen waren, erzählt haben. Diese Ohrenzeugen haben mir später den Gehalt jener Todeserfahrung mitgeteilt. Das umfangreiche Material, das aus den 150 Fallgeschichten zu gewinnen war, musste natürlich ausgesiebt werden. Einiges habe ich bewusst weggelassen. Zum Beispiel fast alle Berichte der dritten Kategorie […]. Und so habe ich denn rund fünfzig Personen sehr eingehend interviewt. Auf deren Erfahrungen stützt sich in der Hauptsache mein Bericht. Unter diesen etwa fünfzig sind die Fallgeschichten der ersten Kategorie […] natürlich weitaus dramatischer als die der zweiten Kategorie (in denen es nur zu einer flüchtigen Berührung mit dem Tod gekommen war) […]. Ich habe jedoch bei der Auswahl der Fallgeschichten für dieses Buch der Versuchung widerstanden, mich nur auf die »richtigen Todesfälle« zu beschränken. Es wird sich nämlich herausstellen, dass die Kasuistik der zweiten Kategorie nicht grundsätzlich verschieden ist, sondern eher ein Kontinuum bildet mit derjenigen der ersten Kategorie. Und ferner: Obwohl die Erfahrungen mit dem Beinahe-Tod einander bemerkenswert ähneln [sic!], variieren sowohl die konkreten Umstände im Einzelnen als auch die Persönlichkeiten der Gewährspersonen doch ganz erheblich. Demgemäß habe ich eine Auswahl von solchen Erfahrungsberichten zu treffen mich bemüht, die diese Variationsbreite angemessen berücksichtigt (Moody 2013, S. 35– 37; Hervorhebung im Original). 72 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Zur Validität der geschilderten Inhalte Die inhaltliche Seite der von Moody berichteten Nahtoderfahrungen ist im Zusammenhang der vorliegenden Diskussion von eher untergeordneter Bedeutung und wird an dieser Stelle nicht weiter thematisiert. Entsprechende Schilderungen sind nachzulesen in Moody (2013, S. 38–95) sowie ergänzend in Moody (1997, S. 23–46). Ein zusammenfassender (und etwas modifizierter) Überblick findet sich bei Pim van Lommel (2013, S. 42–44) – der zusätzlich auf eine Studie von Dr. Geena Athappilly et al. (2006) hinweist, die als Validierungsstudie betrachtet werden kann. In dieser Studie werden 2 x 24 Berichte über Nahtoderfahrungen vor und nach 1975 (dem Erscheinungsdatum von Moodys Buch) – gematcht nach Alter und Geschlecht – verglichen. Jeweils ähnlich oft erwähnt wurden 14 der 15 von Moody beschriebenen „charakteristischen Elemente“. Eine Ausnahme bildet lediglich das häufigere Erwähnen von „Tunnel- Phänomenen“ in den späteren Berichten (vgl. Lommel 2013, S. 42). Das Ergebnis zeigt, dass die Befunde Moodys, was die inhaltliche Seite betrifft, replizierbar sind. (Anmerkung: Trotz Unterschieden in der Häufigkeit trat auch das „Tunnel-Phänomen“ beide Male auf!). Sartori (2015, S. 187) weist ebenfalls auf diese Studie hin und zusätzlich auf die davon unabhängig durchgeführte Studie von J. P. Long und J. A. Long (2003): A Comparison of Near-Death Experiences Occurring Before and After 1975: Results from an Internet Study. Journal of Near- Death Studies, Vol. 22, No. 1, Herbst, S. 21–32. Im Überblick zu deren Ergebnissen berichtet Jeffrey Long: […] weil ich selbst ein skeptischer Mensch bin, habe ich eine Studie durchgeführt […]. Ich verwendete 21 Fragen aus unserem ersten NDERF-Fragebogen [NDERF = Near Death Experience Research Foundation] und verglich die Antworten von Menschen, deren NTE [Nahtoderfahrung; Sch.] vor 1975 aufgetreten war, mit denen von Menschen, deren NTE nach 1975 aufgetreten war. […] die Ergebnisse überraschten mich. Sowohl bei den Nahtoderfahrungen der Gruppe vor 1975 als auch bei denen der Gruppe nach 1975 kamen dieselben Elemente vor. Mehr noch: Dieselben Elemente traten mit derselben Häufigkeit auf. Diese Studie legt den Schluss nahe, dass der Inhalt einer Nahtoderfahrung nicht von etwaigem Vorwissen über Nahtoderfahrungen beeinflusst wird (Long 2010, S, 101; Hervorhebung: Sch.). 73 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Zu ergänzen wäre, dass auch diese Ergebnisse zur Validierung der inhaltlichen Seite von Moodys Berichten herangezogen werden können.42 In Ewald (2013, S. 39–43) ist zudem ein Bericht geschildert, von dem explizit ausgesagt wird, er sei lange vor dem Erscheinen von Moodys Buch aufgezeichnet worden: Hanny M. aus der Schweiz hatte bereits 1968 ein intensives Nahtoderlebnis. Es ist ein glücklicher Umstand, dass sie damals ihr Erleben aufgezeichnet hat, in einer Zeit, als die breite Diskussion über derartige Extremerfahrungen, wie sie Moody und andere in den Siebzigerjahren in Gang gesetzt haben, noch nicht angestoßen war. Wir geben es unverändert und ungekürzt wieder […] (Ewald 2013, S. 39). Gegen eine generelle Beeinflussung von Berichten über Nahtoderfahrungen durch Moodys Buch (erschienen im Jahre 1975) spricht weiter eine Veröffentlichung von Johann Christoph Hampe aus demselben Jahr. In den dort besprochenen Berichten finden sich vergleichbare Inhalte wie bei Moody (vgl. Hampe 1975, S. 45–112; vgl. hierzu auch das Thema „Ähnliche Inhalte bei van Lommel und Hampe“ in Abschnitt 2.6). Ferner erschien vor Moodys Buch – und damit auch vor dem Einsetzen entsprechender Diskussionen in einer breiteren Öffentlichkeit43 – ein Büchlein von Eckart Wiesenhütter (1974). Auf den Seiten 9 bis 16 schildert er dort etliche Nahtoderfahrungen, welche die hier (an späterer Stelle berichteten) Merkmale aufweisen. Sie beziehen sich auf Aussagen eines betroffenen Soldaten nach einer Operation – an welcher er persönlich beteiligt war – vor Moskau während des Zweiten Weltkriegs, auf entsprechende Beobachtungen im Kollegenkreis, auf einen Mitstudenten (der Medizin), der selbst eine Nahtoderfahrung hatte, auf die Nahtoderfahrung einer Ärztin (vgl. Wiesenhütter 1974, S. 76–78) sowie auf die eigene Person, da ihm ebenfalls eine Nahtoderfahrung zuteilwurde (vgl. Wiesenhütter 1974, S. 17–20). 42 Long berichtet zudem aus seiner Studie: „Die meisten Betroffenen [66,4 Prozent; Sch.], die ihren Fall der NDERF mitgeteilt haben, wussten zum Zeitpunkt ihres Erlebnisses nicht, was eine Nahtoderfahrung ist“ (Long, 2010, S. 259). 43 Vgl. hierzu z. B. den ausführlichen Artikel im „SPIEGEL“ 26/1977. http://www. spiegel.de/spiegel/print/d-40830619.html, abgerufen am 07.12.2018. 74 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Wichtig für die vorliegende Argumentation sind, wie gesagt, lediglich Hinweise darauf, dass Bewusstseinsphänomene aufgetreten sein könnten, welche nicht als Nebenprodukt neuronaler Aktivität zu betrachten sind. Ungeachtet der Interpretation der Inhalte von Nahtoderfahrungen können die dargestellten Sachverhalte Hinweise zur Validierung entsprechender Berichte geben (vgl. hierzu auch Abschn. 2.6). Zur „Funktionsfähigkeit“ des Gehirns in Todesnähe Raymond Moody tendiert, ähnlich wie auch Pim van Lommel (2013, S. 17 und 407–408) oder Sam Parnia (2013, S. 8, 28, 34, 171–173, 241 und 273), zu der Vorstellung eines Sterbeprozesses, wenn er schreibt: […] noch scheint es unmöglich zu sein, den Punkt exakt zu bestimmen, an dem es keine Umkehr mehr gibt. Möglicherweise liegt dieser Punkt bei jedem Menschen woanders und ist auch gar kein fester Punkt, sondern eher ein gleitender Übergang in einem Kontinuum (Moody 2013, S. 149). Er formuliert – nach der Auseinandersetzung mit verschieden Möglichkeiten, den „Tod“ zu definieren – zurückhaltender: Wo und wann jener Punkt des unrevidierbaren Totseins auch immer angesetzt werden mag – früher, heute oder in der Zukunft –: Diejenigen, mit denen ich gesprochen habe, sind diesem Punkt viel, viel näher gewesen als die riesige Mehrheit ihrer Mitmenschen (Moody 2013, S. 150). Zu Punkt 1 bezüglich Hypothese H 1 muss nach meiner Lesart festgestellt werden, dass bei den Berichten, auf die Moody sich bezieht, nicht unbedingt sichergestellt ist, dass das Gehirn nicht in der Lage war, Bewusstsein zu erzeugen. Ausgeschlossen ist es jedoch auch nicht. Und in manchen Fällen erscheint es eher wahrscheinlich – dann nämlich, wenn zusätzlich berichtet wird, dass Ärzte die betroffenen Personen „für tot erklärt“ hätten. Dies und die bereits erwähnte Einschätzung aus Sicht des Neurochirurgen: „Ich hatte wenig Zweifel daran, dass zumindest einige der Leute, von denen in diesen Geschichten die Rede war, ihren physischen Körper tatsächlich verlassen hatten“ (Alexander 2013: 183) gibt zumindest Anlass dafür, nicht auszuschließen, dass Fälle von Nah- 75 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? toderfahrungen aufgetreten sein könnten, bei denen das Gehirn „funktionsuntüchtig“ im oben genannten Sinne war. Zur Validierung: NTE-Inhalte und Eigenschaften Für Raymond Moody stellt das „Hören der Todesnachricht“ eines der immer wiederkehrenden Elemente einer Nahtoderfahrung dar (vgl. hierzu auch Abschn. 2.6). Zahlreiche Menschen haben davon berichtet, dass sie gehört hätten, wie sie von ihrem Arzt oder einem anderen Anwesenden effektiv für tot erklärt worden seien (Moody 2013, S. 43). Weitere Beispiele: Als sie das Mittel erneut anwandten, setzte bei mir jedoch das Herz aus. Ich hörte, wie der Radiologe, der mich untersuchen sollte, zum Telefon ging, und ich bekam ganz deutlich jedes Geräusch mit, als er wählte. Dann hörte ich ihn sagen: »Dr. James, ich habe Ihre Patientin […] umgebracht.« Dabei wusste ich genau, dass ich nicht tot war. Ich versuchte, mich zu rühren oder es ihnen zu sagen, vermochte es jedoch nicht. Als sie dann darangingen, mich wieder zu beleben, konnte ich sie sagen hören, wieviel Kubikzentimeter irgendeines Mittels sie mir geben wollten, aber vom Einstich der Nadel fühlte ich nichts. Von allen ihren Berührungen spürte ich nicht das geringste (Moody 2013, S. 43). Oder: Ich hörte die Ärzte noch sagen, ich sei tot – und von jenem Augenblick an hatte ich dann das Gefühl, durch Finsternis, eine Art eingegrenzten Raum, zu fallen oder eher vielleicht zu schweben [… Es folgt eine Beschreibung der nachfolgenden Nahtoderfahrung; Sch.] (Moody 2013, S. 75). In den beiden oben genannten Beispielen berichten die betroffenen Personen von einer verifizierbaren bewussten Wahrnehmung der Todesnachricht, allerdings handelt es sich um Selbstauskünfte der Betroffenen; eine Bestätigung von Seiten Dritter liegt offenbar nicht vor. 76 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Anders beim Bericht eines Arztes, der nach Moodys Aussage ihm gegenüber über eine Patientin Folgendes erzählte: Unmittelbar bevor ich sie mit einem anderen Chirurgen zusammen operieren sollte, trat bei einer Patientin von mir der Herzstillstand ein. Ich stand genau daneben und beobachtete, wie ihre Pupillen sich weiteten. Wir unternahmen ein paar Reanimationsversuche, hatten damit jedoch keinerlei Erfolg, sodass ich annahm, es sei vorbei. Zu meinem Kollegen, der mit mir arbeitete, sagte ich deshalb: »Machen wir noch einen letzten Versuch, bevor wir’s aufgeben!« Diesmal gelang es uns, ihren Herzschlag wieder in Gang zu bringen, und sie kam wieder zu sich. Später habe ich mich bei der Patientin erkundigt, was sie denn von ihrem »Tod« noch wisse. Sie meinte, dass sie sich kaum noch an etwas erinnern könne, außer dass sie mich hätte sagen hören: »Machen wir noch einen letzten Versuch, bevor wir’s aufgeben« (Moody 2013, S. 44). Hier wird von einer ärztlicherseits bestätigten Wahrnehmung der Betroffenen während er Reanimationsphase (und offenbar unter Narkose) berichtet. Von „etlichen“ weiteren Bestätigungen für Nahtoderfahrungen (NTE) ärztlicherseits ist in Moody (1997, S. 134–135) die Rede, ebenso von Ärzten, die selbst eine NTE hatten. Unter den bei Moody genannten charakteristischen Elementen von Nahtoderfahrungen (vgl. Moody 2013, S. 38–116 sowie ergänzend: Moody 1997, S. 23–46) sind unter anderem auch von Alexander (2013; vgl. Abschn. 2.1) berichtete Elemente aufgeführt, was rückblickend zumindest als Validierungshinweis betrachtet werden kann.44 So finden sich, genau wie im Falle Alexanders, in Moodys Berichten durchweg Passagen, welche die subjektiv empfundene „Klarheit“ und 44 Zu den nachfolgend thematisierten „klaren Erfahrungen“ gesellen sich die bei Alexander ebenfalls berichteten Phänomene: „gesteigerte Bewusstseinsleistungen“ (vgl. Moody 2013, S. 65), „Unmöglichkeit, das Erlebte in Worte zu fassen“ (vgl. Moody 2013, S. 42–43) und „gravierende Veränderungen in Einstellungen, Werthaltungen und generell im Weltbild“ (vgl. Moody 2013, S. 99–107 sowie Moody 1997, S. 140–141). Damit findet sich bei Alexander eine Kombination von mindestens vier der bei Moody genannten „unwahrscheinlichen Elemente“. Die zusätzlichen „spirituellen Elemente“ sind hierbei noch nicht einbezogen, ebenso wie weitere in Abschnitt 2.6 genannte Punkte. 77 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? „Realität“ der jeweiligen Erfahrung unterstreichen. Explizit schreibt er, es sei […] zu betonen, dass Menschen, die ein derartiges Erlebnis gehabt haben, seine Realität und seine Bedeutsamkeit nicht im Mindesten bezweifeln (Moody 2013, S. 95). Es folgen Beispiele: Als ich mich außerhalb meines Körpers befand, war ich aufs äußerste verblüfft darüber, was mit mir geschah. Ich konnte es mir überhaupt nicht erklären. Dennoch war es Wirklichkeit. Ich sah meinen Körper deutlich und aus der Entfernung. Ich war nicht in der Stimmung, in der man sich so etwas ausdenkt oder es sich herbeiwünscht. Es war keine Halluzination. Ich war gewiss nicht in einer derartigen Geistesverfassung (Moody 2013, S. 95). Oder: Ich befand mich in einer absolut finsteren, schwarzen Leere. Es ist schwer zu erklären, aber ich hatte das Gefühl, als ob ich mich durch ein Vakuum bewegte, durch Finsternis und weiter nichts. Dabei war ich jedoch bei vollem Bewusstsein. […] (Moody 2013, S. 48). Oder: Ich dachte, jetzt bin ich tot. […] Mein Denken und Bewusstsein waren absolut dasselbe wie im Leben, aber ich konnte mir das Ganze einfach nicht erklären (Moody 2013, S. 56). Dafür, dass Schilderungen der „Klarheit“ und „Realität“ der Empfindungen – Wolf Singer würde sagen: „aus der Erste-Person-Perspektive“ (Singer und Ricard 2017, S. 7) – nicht auf Halluzinationen zurückzuführen oder sonst wie „aus der Luft gegriffen“ sind, spricht ein weiterer Bericht. Er enthält einen Vergleich zwischen Nahtoderfahrung und Halluzination aufgrund eigenen Erlebens ein und derselben Person, ähnlich wie be- 78 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? reits im Fall Eben Alexanders (vgl. Abschn. 2.1) beschrieben.45 Der Vergleich unterstreicht die Unterschiedlichkeit der beiden Erfahrungen: Es war alles andere als eine Halluzination. Einmal, als ich im Krankenhaus Kodein bekam, habe ich Halluzinationen gehabt. Aber das war lange vor dem Unfall, bei dem ich wirklich ums Leben kam. Dieses Erlebnis war etwas ganz anderes als die Halluzinationen, etwas vollkommen anderes (Moody 2013, S. 95–96). Entsprechend bemerkt Moody (2013, S. 96) zusammenfassend über die Wahrnehmung von Nahtoderfahrungen als „real“: Solche Feststellungen stammen von Menschen, die sehr wohl fähig sind, Traum und Einbildung von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Die Menschen, mit denen ich gesprochen habe, sind lebenstüchtige, ausgeglichene Persönlichkeiten. Über ihre Erfahrungen äußern sie sich nicht in der Art, in der man Träume erzählt, sondern sie stellen sie als reales Geschehen dar, das ihnen tatsächlich widerfahren ist (Moody 2013, S. 96). Auch Long bestätigt anhand der Ergebnisse seiner Analysen: Die erste Version des NDERF-Fragebogens enthielt noch die Frage: »War die Erfahrung in irgendeiner Hinsicht traumähnlich?«, worauf nur in der Erzählform geantwortet werden konnte. Die Antwort bestand im Allgemeinen aus einem entschiedenen »Nein!« Das deutet darauf hin, dass die Nahtoderfahrenen nicht geträumt haben. Dieses Ergebnis ist besonders deshalb aussagekräftig, weil die Formulierung der Frage eher zu einer bejahenden Antwort verleitete, wenn die Nahtoderfahrung auch nur in irgendeinem Teil traumähnlich war (Long 2010, S. 88; Hervorhebung kursiv im Original, fett Sch.). Zum Abgleich hiermit (und mit den nachfolgenden Ausführungen) nochmals das bereits erwähnte Zitat von Eben Alexander aus Abschnitt 2.1: 45 Auf ähnliche Berichte von Vergleichen, angestellt von ein und derselben Person, verwies bereits Sabom (1982, S. 244). 79 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Alles, die unheimliche Deutlichkeit meines Sehens ebenso wie die Klarheit meiner Gedanken als rein konzeptioneller Ablauf, wies eher auf eine höhere und bessere als auf eine geringere Arbeitsweise meines Gehirns hin. (Alexander 2013, S. 194–195). Auf gesteigerte Leistungen bei Nahtoderfahrungen weisen auch bei Moody Passagen hin wie: Sobald sie sich nur erst mit der neuartigen Situation abgefunden hatten, so wurde mir wieder und wieder berichtet, dachten die Menschen, die diese Situation erlebten, auf einmal viel klarer und rascher als während ihrer physischen Existenz (Moody 2013, S. 65). Ganz ähnlich berichtet – später und anhand einer viel größeren Datenbasis – Jeffrey Long: […] statt von einer großen Leere berichten Nahtoderfahrene von äußerst luziden, geordneten, realen Erfahrungen. Ja, Menschen mit Nahtoderfahrungen sagen sogar, dass sie sich meist sogar bewusster und wacher erleben als in ihrem irdischen Alltag (Long 2010, S. 71–72; vgl. hierzu auch S. 123). Eine statistische Auswertung seiner eigenen Forschungen weise darauf hin, dass der Grad von Bewusstheit und Wachheit während einer Nahtoderfahrung für gewöhnlich höher ist als im Alltag! […] Von 613 befragten Nah toder fah renen gaben 74,4 Prozent an, »höheres Bewusstsein und mehr Aufmerksamkeit als normal« gehabt zu haben. 19,9 Prozent der Befragten empfanden »normales Bewusstsein und normale Aufmerksamkeit« und nur 5,7 Prozent erlebten »niedrigeres Bewusstsein und Aufmerksamkeit als normal« (Long 2010, S. 85; Hervorhebung im Original). In Bezug auf die „Lebensrückschau“, ein wichtiges Element von Nah toder fah rungen (vgl. Abschn. 2.6), schreibt Moody: Diese Rückschau lässt sich wohl am ehesten als ein Wiederauftauchen von Erinnerungen beschreiben, denn dieses Phänomen kommt ihr am nächsten; andererseits weist sie jedoch Merkmale auf, die sie von jedem norma- 80 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? len Erinnerungsprozess abheben. Zunächst einmal läuft sie mit außerordentlicher Geschwindigkeit ab. In zeitlicher Hinsicht wird berichtet, dass die Bilder einander rasch und in chronologischer Ordnung folgen. Andere Zeugen wiederum können sich nicht erinnern, überhaupt eine zeitliche Reihenfolge wahrgenommen zu haben. Das Wiedererkennen ging blitzartig vor sich; alle erinnerten Geschehnisse erschienen gleichzeitig […]. Unabhängig von der jeweiligen Ausdrucksweise der Betroffenen besteht offenbar doch Einigkeit darüber, dass das Erlebnis, gemessen an irdischer Zeit, in einem einzigen Augenblick vorüber war. Obwohl sie so außerordentlich rasch vor sich geht, wird die Rückschau […] von den Betroffenen doch übereinstimmend als erstaunlich lebendig und lebensecht dargestellt (Moody 2013, S. 77–78). Das (validierte) Hören der Todesnachricht, die „Klarheit“ und empfundene „Realität“ der Nahtoderfahrungen, die empfundene gesteigerte kognitive Leistungsfähigkeit sowie die Lebensrückschau „im Zeitraffer“ können als Validierungshinweise für das tatsächliche Auftreten von „Bewusstsein“ gesehen werden, da es unwahrscheinlich erscheint, dass immer wiederkehrende Berichte derart ungewöhnlicher Sachverhalte – oft in Kombination – bloße „Erfindungen“ darstellen. Bemerkungen Moodys zur Validierung der Berichte Der Frage, ob sich Nahtoderfahrungen in irgendeiner Form „bestätigen“ lassen, kommt generell besondere Bedeutung zu. Hierauf hat bereits Mattieu Ricard hingewiesen (vgl. Kap. 1). Auch Moody setzt sich hiermit auseinander – insbesondere mit Blick auf außerkörperliche Erfahrungen, wobei er entsprechenden (überprüften) Berichten besondere Überzeugungskraft attestiert (vgl. z. B. Moody 1997, S. 168–170). Eine zusammenfassende Stellungnahme aus seiner Sicht lautet: Zahlreiche Gewährspersonen berichten, ihren Körper über längere Zeit hinweg verlassen zu haben und dabei Zeuge gewesen zu sein bei vielen Geschehnissen in der Körperwelt während dieses Zwischenspiels. Ist es möglich, einen dieser Berichte an anderen Zeugenaussagen zu messen von Personen, die nachweislich dabei waren, oder mit späteren Vorgängen in Einklang zu bringen und auf diese Weise eine objektive Bestätigung zu erhal- 81 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? ten? In gar nicht einmal so wenigen Fällen ist die etwas überraschende Antwort auf diese Frage: »Ja!« Des Weiteren ist die Schilderung von Ereignissen, die im Zustand der Ausleibigkeit miterlebt wurden, ziemlich treffsicher. Mehrere Ärzte haben mir zum Beispiel erzählt, sie seien zutiefst verblüfft gewesen, wie genau und richtig Patienten ohne alle medizinischen Kenntnisse beschreiben konnten, was bei Reanimationsversuchen im Einzelnen geschieht, obwohl diese Bemühungen zuverlässig erst unternommen wurden, als die Ärzte wussten, dass der betreffende Patient »tot« war. In verschiedenen Fällen haben mir die Zeugen berichtet, wie sie ihre Ärzte oder andere Menschen in Erstaunen versetzt haben mit Berichten über Ereignisse, die sie mit-»erlebt« haben, während sie »tot« und außerhalb ihres eigenen Körpers waren […] (Moody 2013, S. 108; vgl. hierzu auch S. 170; Hervorhebung: Sch.).46 Ähnlich bemerkt auch Sabom (1982, S. 245): Personen, die eine lebensbedrohende Krise durchgemacht hatten, erklärten, sie hätten während des autoskopischen Teils ihres Sterbeerlebnisses von oben aus gesehen und gehört, was sich in der Nähe ihres bewusstlosen Körpers abgespielt habe. Die Richtigkeit dieser Wahrnehmungen war in vielen Fällen beweisbar. Als „Validitätskriterium“ (vgl. Kap. 1) mag auch gesehen werden, dass Nahtoderfahrungen offenbar in aller Regel zu gravierenden Veränderungen bei den Betroffenen führen. Dies gilt – naheliegenderweise – für die Einstellung zum Sterben und zum Tod, aber auch zum eigenen Leben sowie generell „der Welt und den Mitmenschen gegenüber“. Hierauf wird in den nachfolgenden Abschnitten an unterschiedlichen Stellen eingegangen.47 Moody widmet diesem Thema zwei ganze Unterkapitel (auf den Seiten 99–107) seines Buches. Bei bloßen Halluzinationen, frei erfundenen oder (wie auch immer) „konstruierten“ Geschichten erscheinen derart 46 Eine ausführliche Schilderung eines derartigen Falles – inklusive Abgleich mit dem Krankenhausbericht – ist bei Sabom (1982, S. 139–145) nachzulesen. 47 Vgl. hierzu insbes. Lommel (2013, S. 181–184), Sartori (2015, S. 55–92), Parnia (2013, S. 15–16) oder – aus der Zeit vor Erscheinen des hier besprochenen Buches von Moody – Wiesenhütter (1974, S. 68–79). 82 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? tiefgreifende Veränderungen eher unwahrscheinlich – zumal sie offenbar nicht nur vereinzelt auftraten. Sie sind im Gegenteil (auch nach weiteren, von Moodys Arbeit unabhängigen Untersuchungen) eher als eine typische Folge von Nahtoderfahrungen zu betrachten. Die große Übereinstimmung in den Elementen der Nahtoderfahrungen, welche von den betroffenen Personen berichtet werden, kann – wie bereits erwähnt – ebenfalls als Validitätskriterium angesehen werden. Hierzu Moody: Zwar bestehen nicht nur zwischen den Umständen, unter denen sich das Erleben der Todesnähe vollzieht, sondern auch zwischen den Persönlichkeitstypen der beteiligten Menschen beträchtliche Unterschiede; dennoch ist nicht zu übersehen, dass die verschiedenen, diese Erfahrung schildernden Berichte sich untereinander auffallend ähneln. Die Übereinstimmung zwischen den vorliegenden Berichten geht in der Tat sogar so weit, dass mühelos etwa fünfzehn Einzelelemente herausgeschält werden können, die in der Masse des von mir zusammengetragenen Materials beständig wiederkehren (Moody 2013, S. 38). Um ein derartiges Bild mit „erfundenen Geschichten“ zu produzieren, müssten sich weltweit mittlerweile tausende von Betroffenen in irgendeiner Form „abgesprochen“, gegenseitig beeinflusst oder voneinander „abgeschrieben“ haben, was unwahrscheinlich erscheint. Fazit und praktische Relevanz Insgesamt geht Moody in seiner Arbeit allem Anschein nach ausgesprochen skrupulös vor. Am Ende seines Buches findet sich auf den Seiten 132 bis 151 ein Kapitel „Fragen“, das heute wohl mit „FAQs“ betitelt wäre48, in dem er zu einer Reihe von – teils kritischen – Fragen Stellung nimmt. Anschließend diskutiert er in einem ganzen Kapitel (auf den Seiten 152 bis 171) mögliche Erklärungen für die von ihm berichteten Phänomene, ähnlich wie auch Eben Alexander (2013, S. 191–195 sowie 251–256). Pharmakologische, physiologische, neurologische oder psychologische Erklärungen hält er dabei für nicht überzeugend. 48 Ein ergänzendes Kapitel hierzu ist Moody (1997, S. 103–141) zu entnehmen. 83 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Danach gefragt, ob er das Krankenblatt seiner Versuchspersonen eingesehen habe, antwortet er: Wenn ich konnte, ja. In den Fällen, in denen mir Nachforschungen gestattet waren, haben die Krankendokumente das bestätigt, was die betreffenden Personen angegeben hatten. In einigen Fällen sind infolge der langen Zwischenzeit und bzw. oder des Ablebens derer, die die Wiederbelebung ausgeführt hatten, keine Unterlagen mehr greifbar. Diejenigen Berichte, für die beweiskräftige Akten nicht eingesehen werden konnten, unterschieden sich nicht von denen, die anhand der Akten geprüft wurden. In vielen Fällen, in denen an die medizinische Dokumentation nicht heranzukommen war, habe ich mir Sicherheit verschafft durch Zeugenaussagen von Freunden, Ärzten oder Angehörigen des Informanten, dass dieser tatsächlich in Todesnähe gewesen ist (Moody 2013, S. 145). Die genannten Punkte sprechen – neben den bereits erwähnten Validierungen – eher dagegen, dass die Berichte seitens der untersuchten Personen bloße Fantasieprodukte darstellen oder in irgendeiner Form anderweitig „konstruiert“ sind. Auch Raymond Moody kann im Jahre 1975 kaum Interesse daran gehabt haben, sich lediglich „etwas auszudenken.“ Auf eine entsprechende Frage antwortet er: Nein. Ich bereite mich sehr ernsthaft auf eine wissenschaftliche Laufbahn vor. Ich will Professor für Psychiatrie und für philosophische Fragen der Medizin werden. Es wäre wohl alles andere als eine Empfehlung für einen wissenschaftlichen Lehramtskandidaten, wenn er eine betrügerische Fälschung in die Welt setzen wollte (Moody 2013, S. 132). Auf die praktische Relevanz seiner Arbeit kommt Moody in den letzten beiden Absätzen seines Buches zu sprechen: […] um eine wirksame und praktikable Behandlungsmethode für die Therapie seelischer Störungen entwickeln zu können, müssen sie [Ärzte, Seelsorger, Psychologen, Psychiater; Sch.] erst einmal wissen, was der Geist ist und ob dieses Etwas unabhängig vom Körper existiert. Wenn nicht, dann würde sich der Schwerpunkt der psychologischen Therapie in Richtung auf physikalisch-chemische Methoden verlagern – auf Drogen, Elektroschocks, Gehirnchirurgie und dergleichen mehr. Und umgekehrt: Wenn es Anzei- 84 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? chen dafür gibt, dass der Geist (die Seele) tatsächlich vom Körper getrennt existieren kann und etwas Eigenständiges ist, dann würde die Therapie seelischer Störungen doch etwas sehr Anderes werden müssen (Moody 2013, S. 174–175; Hervorhebung im Original). Analog dürfte mit dieser Aussage auch der Bereich der empirischen sozialwissenschaftlichen Forschung angesprochen sein. Die Beantwortung der aufgeworfenen Forschungsfrage ist beispielsweise direkt relevant für die Diskussion über den Gegensatz zwischen den Grundannahmen des quantitativen und des qualitativen Ansatzes, also zwischen dem materialistisch-deterministischen Welt- und Menschenbild auf der einen und dem Menschenbild der humanistischen Psychologie auf der anderen Seite. Beides kann als Grundlage sozialwissenschaftlicher Forschung dienen – allerdings mit gravierenden Implikationen für die Anlage der Forschung und die Interpretation der jeweiligen Forschungsergebnisse (Näheres hierzu in Schumann 2018). Noch einen Schritt weitergehend bemerkt Moody: Wenn Erfahrungen, wie ich sie in diesem Buch diskutiert habe, einen realen Hintergrund haben, dann hätte das eine sehr weitreichende Bedeutung im Hinblick auf das, was jeder von uns aus seinem Leben macht (Moody 2013, S. 175). 2.3 Ein Kardiologe denkt um: Die prospektive Studie Pim van Lommels in den Niederlanden Vorbemerkungen Der Kardiologe Pim van Lommel initiierte – zusammen mit den Psychologen Ruud van Wees und Vincent Meijers – im Jahr 1988 eine prospektive Studie in den Niederlanden, was im Vergleich zur retrospektiven Analyse von Berichten wie bei Raymond Moody eine Verbesserung des Forschungsdesigns darstellt. Insbesondere liegen damit in aller Regel umfassende Informationen über medizinische Sachverhalte vor.49 Fer- 49 Was nicht heißen soll, dass nicht auch bei retrospektiven Berichten genaue Informationen vorliegen können. Beispiele hierfür sind der in Abschnitt 2.1 ge- 85 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? ner kann der Ablauf des Geschehens, zumindest was die Außenperspektive betrifft, weitgehend „objektiv“ nachvollzogen und überprüft werden und es gibt eine Vergleichsgruppe von Personen, die, obwohl sie ebenfalls dem Tode nahe waren, nicht von einer Nahtoderfahrung berichten. Auf den letztgenannten Vorteil weist auch Raymond Moody (1997, S. 167– 168) bei seinen „Vorschlägen für künftige Forschungsarbeiten“ hin. Um die Entstehungsgeschichte seiner Studie und seine Motivation zu beschreiben, erzählt Pim van Lommel zunächst ein dramatisches Ereignis aus dem Jahre 1969. Ein Herzinfarkt-Patient auf der Herzintensivstation hatte einen Herzstillstand. Nach erfolgreicher Reanimation berichtet er mit Blick auf den Patienten: Nun baut sich sein Herzrhythmus wieder auf und nach circa einer Minute erwacht er aus seiner etwa vierminütigen Bewusstlosigkeit – zur großen Erleichterung der Pflegekräfte und des diensthabenden Arztes. Der diensthabende Arzt war ich. Ich hatte in diesem Jahr meine Ausbildung zum Kardiologen begonnen. Nach der gelungenen Reanimation waren alle zufrieden, bis auf den Patienten. Obwohl man ihn erfolgreich wiederbelebt hatte, war er zum Erstaunen aller sehr enttäuscht.[50] Er erzählte von einem Tunnel, von Farben, einem Licht, einer wunderschönen Landschaft und von Musik. Er war aufgewühlt. Den Begriff Nahtoderfahrung (NTE) gab es damals noch nicht, und bis dahin hatte ich auch noch nie gehört, dass sich jemand an die Zeit seines Herzstillstandes erinnern konnte. In meinem Studium hatte ich gelernt, dass so etwas völlig unmöglich sei: Bewusstlose habe kein Bewusstseinserleben. Das gilt für Patienten mit Herzstillstand ebenso wie für Komapatienten. […] Auch beim Ausfall aller Hirnfunktionen kann man keine Beschilderte Fall von Dr. Eben Alexander, die Ausführungen bei Sabom (1982, S. 139–145) oder die Fälle Raymond Moodys aus Abschnitt 2.2, in denen er die Krankenunterlagen einsehen konnte. 50 Anmerkung Sch.: Eine derartige Unzufriedenheit oder gar Wut von Patienten nach einer erfolgreichen Wiederbelegung ist nach Sartori (2015, S. 37 + dortige Literaturverweise) kein Einzelfall! Auch Moody (2011, S. 13) berichtet von einem entsprechenden Fall, ebenso Ewald (2009, S. 65–67). Bei Wiesenhütter (1974, S. 9–11, 14, 16, 18–19, 67 und 68) sind etliche derartige Begebenheiten berichtet, ebenso bei Hampe (1975, S. 71–72, 80–81, 88–89, 102–103 und 106– 112). 86 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? wusstseinserlebnisse haben und sich daher auch nicht an solche Momente erinnern (Lommel 2013, S. 11–12). Im zitierten Fall bestätigt ein Arzt sowohl den Herzstillstand beim Patienten (mit einer ca. vierminütigen Bewusstlosigkeit) als auch dessen Äu- ßerungen über seine Erfahrungen, welche zum „harten Kern“ von Nahtoderfahrungen (vgl. Abschn. 2.6) zu zählen sind. Damit kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass der Bericht seitens des Patienten „erfunden“ ist. Schätzt man zudem die Aussage van Lommels als zutreffend ein, kann der Bericht als sehr „harter“ Beleg dafür gesehen werden, dass der Patient trotz Herzstillstand die besagten Erfahrungen gemacht hat. Etwas später fährt van Lommel fort: Ich hatte den 1969 erfolgreich reanimierten Patienten mit seinen Erinnerungen an die Zeit seines Herzstillstands nie vergessen, mich aber seit der Zeit auch nicht mehr damit beschäftigt. Bis ich 1986 George Ritchies Buch über Nahtoderfahrungen mit dem Titel Rückkehr von morgen las. Ritchie hatte 1943 als Medizinstudent eine doppelseitige Lungenentzündung und war einige Zeit klinisch tot. […] [Sch.: Ritchie wurde reanimiert] […] Nachdem George Ritchie etwa neun Minuten »tot« war, kam er zum großen Erstaunen von Arzt und Pfleger wieder zu Bewusstsein. Es zeigte sich, dass er während seiner Bewusstlosigkeit, in der Zeit, in der man ihn für tot erklärt hatte, eine sehr umfassende Erfahrung gemacht hatte. […] Später beschrieb er seine Erfahrungen während dieser neun Minuten in einem Buch. [dt.: Ritchie und Sherrill 2015; Sch.] Nachdem er sein Studium abgeschlossen hatte, schilderte er seine Erfahrungen in den Vorlesungen, die er als Psy chia ter vor Medizinstudenten hielt. Einer der anwesenden Studenten war Raymond Moody (Lommel 2013, S. 13; Hervorhebungen im Orignal). Mehr zu Moody und seinem Buch „Leben nach dem Tod“, in dem er zum ersten Mal den Begriff „Near-Death Experience“ (NDE) verwendet (deutsch: Nahtoderfahrung/NTE), findet sich im vorhergehenden Abschnitt 2.2. 87 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Zur Person/Umdenken Zur Wirkung dieser Lektüre berichtet van Lommel: Nachdem ich George Ritchies Buch gelesen hatte, ließ mich die Frage nicht mehr los, wie bei Patienten während eines Herzstillstands ein Be wusst seinser le ben möglich war und ob so etwas häufiger vorkam. Daher begann ich 1986 systematisch alle Patienten, die je in der Poliklinik, in der ich tätig war, reanimiert worden waren, zu befragen, ob sie Erinnerungen an die Zeit ihres Herzstillstands hätten. Und ich war nicht wenig erstaunt, als mir von fünfzig Patienten, die in der Vergangenheit einen Herzstillstand überstanden hatten, zwölf von derartigen Nahtoderfahrungen berichteten [vgl. hierzu auch die Zahlenangaben in Abschnitt 2.6, Tabelle 2.6–1]. Bis dahin hatte ich, außer diesem ersten Fall im Jahr 1969, nie wieder von solchen Erfahrungen gehört. Aber ich hatte auch nicht danach gefragt [sic!], weil ich dafür einfach nicht aufgeschlossen war. Doch die zahlreichen Berichte, die ich nun zu hören bekam, weckten meine Neugier. Denn schließlich ist es nach dem heutigen Stand der Medizin nicht möglich, Bewusstsein zu erfahren, wenn das Herz nicht mehr schlägt (Lommel 2013, S. 14; vgl. auch S. 164). Pim van Lommel war ursprünglich der festen Überzeugung, das Auftreten einer Nahtoderfahrung sei auf Sauerstoffmangel im Gehirn zurückzuführen (vgl. Lommel 2013, S. 134). Zu seinem „Umdenken“ schreibt er: Ich wurde in einer akademischen Welt ausgebildet, in der man mich lehrte, dass es für alles eine reduktionistische und materialistische Erklärung gibt. Ein Standpunkt, dem ich bis dahin diskussionslos zugestimmt hatte. Durch meine tiefer gehende Beschäftigung mit den persönlichen, psychologischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Aspekten von Nahtoderfahrungen gewannen auch andere, grundlegendere Fragen für mich an Bedeutung: […] Manche Wissenschaftler glauben, es gebe keine unlösbaren, sondern nur falsch gestellte Fragen. 2005 erschien zum Jubiläum der Zeitschrift Science eine Sonderausgabe mit 125 Fragen, auf die die Wissenschaft bisher noch keine Antworten gefunden hat.51 Auf die wichtigste unbeantwortete Frage: 51 Kennedy, Donald.; Norman, Colin. 2005 »What we don’t know« Science, Vol. 309, No. 5731, S. 75. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats/Angaben wurden korri- 88 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Woraus besteht das Universum? folgte direkt: Welche biologische Grundlage hat das Bewusstsein? Ich würde die zweite Frage anders formulieren, nämlich: Hat das Bewusstsein überhaupt eine biologische Grundlage? (Lommel 2013, S. 15–16; Hervorhebungen im Original; vgl. zum „Umdenken“ dort auch S. 288).52 Ziel, Anlage und Durchführung der Studie Die hier vorgestellte, in den Niederlanden von 1988 bis 1992 an zehn Kliniken53 durchgeführte Studie beschäftigt sich mit der genannten Frage auf Grundlage eines prospektiven Designs. Die Konzeption sah vor, alle Patienten, die in einem der beteiligten Krankenhäuser einen Herzstillstand überlebt hatten, konsekutiv in die Studie aufzunehmen. In einer prospektiven Studie fragt man die Patienten wenige Tage nach ihrer Reanimation, ob ihnen aus der Zeit ihres Herzstillstands, also aus der Phase ihrer Bewusstlosigkeit, etwas in Erinnerung geblieben sei. Alle medizinischen und anderweitigen Daten dieser Patienten aus der Zeit vor, während und nach ihrer Reanimation werden genau erfasst. An unserer Studie sollten also nur Patienten teilnehmen, die sich eindeutig und objektiv nachvollziehbar in einer lebensbedrohlichen Situation befunden hatten. Keiner dieser Patienten hätte seinen Herzstillstand überlebt, wenn man ihn nicht spätestens nach fünf oder zehn Minuten wiederbelebt hätte. Aufgrund des Aufbaus der Studie stand uns automatisch auch eine Kon trollgrup pe von Patienten zur Verfügung, die ihren Herzstillstand ohne Erinnegiert.) 52 Zur Relevanz der ersten Frage für die sozialwissenschaftliche Forschung vgl. Schumann (2018), insbes. das dortige Kapitel 3 (Zusammenbruch des materialistischdeterministischen Weltbildes). 53 Die Zusammenarbeit mit einem Krankenhaus wurde abgebrochen, nachdem sich herausstellte, dass Patienten ohne Nahtoderfahrung entgegen der Vorgabe systematisch ausgeschlossen wurden, was stellenweise eine Verzerrung der Ergebnisse nach sich gezogen hätte (vgl. Lommel 2013, S. 165–166). Dieser Punkt spricht für die Sorgfalt, mit der die Studie durchgeführt wurde sowie für die Genauigkeit der Darstellung. 89 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? rungen an die Phase ihrer Bewusstlosigkeit überstanden hatten (Lommel 2013, S. 165)54. Alle Zielpersonen stimmten einem ersten Interview im Krankenhaus zu. Dabei wurde lediglich die offene Frage gestellt: Können Sie sich an etwas aus der Phase Ihres Herzstillstands erinnern? (Lommel 2013, S. 169) und die Antwort protokolliert. Nach zwei und nochmals nach acht Jahren wurden alle Patienten, die über eine Nahtoderfahrung (NTE) berichtet hatten sowie eine Kontrollgruppe, bestehend aus reanimierten Patienten ohne NTE (gematcht nach Alter und Geschlecht), erneut befragt.55 Auf diese Weise konnte geprüft werden, ob Veränderungen der Lebenseinstellungen ggf. auf das bloße Überleben eines Herzstillstands zurückzuführen waren oder auf die damit verbundene NTE. 54 Eine Anmerkung zur Kontrollgruppe: Moody (2013, S. 41) bemerkt, er sei „[…] auf mehrere Personen gestoßen, die bei verschiedenen, Jahre auseinanderliegenden Gelegenheiten für klinisch tot befunden worden waren und […] angaben, dass sie das eine Mal keinerlei, das andere Mal jedoch sehr ausgeprägte Sterbeerlebnisse gehabt hätten. 55 „Die Koordination der Interviews nach zwei Jahren übernahmen Ruud van Wees und Vincent Meijers. Die Befragungen nach acht Jahren wurden von der Lebenslaufpsychologin Ingrid Elfferich koordiniert und durchgeführt“ (Lommel 2013, S. 167). Von den 62 Patienten mit Nahtoderfahrung wurden in der zweiten Welle 35 und in der dritten Welle 23 Patienten nochmals befragt (Rest: Verstorben oder Verweigerung des erneuten Interviews). Aus der Kontrollgruppe der Patienten ohne Nahtoderfahrung (73 Personen) waren dies 39 (2. Welle) bzw. 15 Patienten (3. Welle). Näheres hierzu in: Lommel (2013, S. 179–180). 90 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? In der Studie berichteten 62 der insgesamt 344 Patienten, die zeitweilig klinisch tot56 gewesen waren, von einer Nahtoderfahrung (vgl. Lommel 2013, S. 171–172).57 Zeitliche Konstanz der Berichte Zur Beurteilung der Validität dieser Berichte ist ein methodisches Detail bedeutsam. Pim van Lommel schreibt: Die Interviews, die wir nach zwei und acht Jahren durchführten, wurden auf Band aufgenommen und anschließend verschriftlicht. So konnten wir diese Beschreibungen mit den Schilderungen vergleichen, die wir kurz nach dem Herzstillstand in der Klinik gehört hatten. Es war bemerkenswert, dass manche Patienten ihren NTE-Bericht nach zwei und auch nach acht Jahren fast wörtlich und detailgenau wiederholten, was bei einem Traum oder einer erfundenen Geschichte fast unmöglich ist (Lommel 2013, S. 170).58 Auf eine Studie von Bruce Greyson aus dem Jahre 2007 mit demselben Ergebnis, dass Nahtoderfahrungen selbst nach beinahe 20 Jahren weder geschönt noch verharmlost werden, 56 Zur Definition schreibt van Lommel: „Als klinischen Tod definiert man die Phase der Bewusstlosigkeit, zu der es bei einem Herzstillstand oder einem akuten Herzinfarkt infolge unzureichender Durchblutung des Gehirns, eines Kreislaufzusammenbruchs und/oder eines Atemstillstands kommt. Wenn in diesem Zustand keine Reanimation eingeleitet wird, tritt nach fünf bis zehn Minuten eine irreversible Schädigung der Gehirnzellen ein und der Patient wird unweigerlich sterben“ (Lommel 2013, S. 171). Nach van Lommels Ausführungen in der dortigen Tabelle 7.8 (Punkte 3 und 4 der Schlussfolgerungen) kann davon ausgegangen werden, dass alle Gehirnfunktionen ausgefallen waren (vgl. Lommel 2013, S. 187). 57 Weitere Statistiken zur Studie sind in Lommel (2013, S. 171–184) berichtet, Vergleichsangaben aus anderen Studien in Tabelle 2.6–1. 58 Außerdem wurden die Interviews offenbar jeweils mit unterschiedlichen Interviewern durchgeführt, was aufgrund der angesprochenen Übereinstimmungen eine systematische Beeinflussung der Berichte durch die Interviewer unwahrscheinlich erscheinen lässt. 91 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? weist Long (2010, S. 215–216) hin und nach einer Darstellung bei Sabom (1982) berichtet die Frau eines Nahtoderfahrenen explizit, ihr Mann spreche nur selten von seinem Erlebnis, wenn er es aber tue, so stimmten die Details immer mit denen in der ersten Schilderung überein (Sabom 1982, S. 145). »[…] er lässt nie etwas weg oder fügt irgendetwas dazu« (Sabom 1982, S. 148, vgl. hierzu auch S. 150 und 165). Dies kann als Validierungshinweis für die Ergebnisse van Lommels betrachtet werden. Die berichtete „zeitliche Stabilität“ der Aussagen legt den Schluss nahe, dass zumindest in den betreffenden Fällen die berichtete Erfahrung eine besondere Qualität hatte. Übersichten über die Häufigkeit der erlebten Inhalte finden sich in Tabelle 2.3–2 (prospektiv) sowie in Tabelle 2.6–2 (retrospektiv). In einer der Kliniken in Arnheim wurde zusätzlich – vergeblich – versucht, den Nachweis für eine außerkörperliche Erfahrung zu erbringen, worüber van Lommel berichtet: Hierzu […] brachte man im Reanimationsraum ein »verborgenes« Zeichen oben auf einer Operationslampe an, das aus einer normalen Position nicht sichtbar war. Um jegliche Einflussnahme zu vermeiden, waren weder die anwesenden Ärzte noch die Pflegekräfte darüber informiert. Ich selbst wusste auch nicht, welches Zeichen einer meiner Kollegen dort angebracht hatte – ein Kreuz, einen Kreis oder ein Quadrat in Rot, Gelb oder Blau. Leider berichtete keiner der in diesem Raum reanimierten Patienten von einer au- ßerkörperlichen Erfahrung. Menschen werden überall reanimiert, auf der Straße, im Rettungswagen, in jedem Raum der Coronary Care Unit und auch in den Krankenzimmern. Daher hatten wir die Chance auf einen »Treffer« von vornherein als ziemlich gering eingeschätzt. Aber ein einziger Fall einer objektivierten außerkörperlichen Erfahrung hätte schon genügt. [sic!] Glücklicherweise erhielten wir während unserer Studie einen anderen wichtigen Bericht: Ein Pfleger erzählte uns von dem Patienten mit der Zahnprothese […] [hierzu gleich mehr!]. In dem in dieser Schilderung vorkommenden Reanimationsraum war aber kein verborgenes Zeichen angebracht (Lommel, 2013, S. 169–170; Hervorhebung: Sch.). 92 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Zur Validierung: Außerkörperliche Wahrnehmung Hier die Zahnprothesen-Geschichte, berichtet vom betreffenden Pfleger der kardiologischen Station. Der Bericht wurde laut Pim van Lommel überprüft und es wurde bewusst der Pfleger und nicht der Patient um eine möglichst objektive Schilderung gebeten: Während der Nachtschicht lieferte der Rettungswagen einen 44 Jahre alten, bereits bläulich-violett verfärbten, komatösen Mann auf der kardiologischen Station ein. Passanten hatten ihn etwa eine Stunde zuvor in einem Park gefunden und bisher lediglich mit Herzmassage begonnen. Nach seiner Ankunft im Krankenhaus wird er mit Beutel und Maske beatmet, erhält Herzmassage und wird defibrilliert. Als ich die Beatmung übernehme und den Patienten intubieren will, fällt mir auf, dass er noch ein künstliches Gebiss trägt. Vor der Intubation entferne ich den oberen Teil der Prothese und lege sie auf den Instrumentenwagen. In der Zwischenzeit setzen wir die Maßnahmen zur erweiterten Reanimation fort. Nach etwa anderthalb Stunden hat der Patient wieder einen ausreichend stabilen Herzrhythmus und Blutdruck, er wird aber noch beatmet, ist noch intubiert und noch immer komatös. In diesem Zustand wird er zur weiteren Beatmung auf die Intensivstation gebracht. Erst eine Woche später, bei der Medikamentenausgabe, begegne ich dem Patienten, der gerade wieder auf die Kardiologie verlegt wurde, wieder. Als er mich sieht, sagt er: »Oh, dieser Pfleger weiß, wo mein Gebiss liegt.« Ich bin ganz überrascht, doch er erklärt mir: »Ja, Sie waren doch dabei, als ich ins Krankenhaus kam, und haben mir das Gebiss aus dem Mund genommen und es auf einen Wagen gelegt, auf dem alle möglichen Flaschen standen. Er hatte so eine ausziehbare Schublade und in die haben Sie meine Zähne gelegt.« Das erstaunte mich vor allem deshalb, weil sich dies meiner Erinnerung nach alles zu einer Zeit abgespielt hatte, als der Patient in tiefem Koma lag und gerade reanimiert wurde. Weitere Nachfragen ergaben, dass er damals sehen konnte, wie er im Bett lag, und dass er von oben auf die Pflegekräfte und die Ärzte herabsah, die ihn mit aller Kraft zu reanimieren versuchten. Er konnte auch den kleinen Raum, in dem er wiederbelebt wurde, und das Aussehen der Anwesenden korrekt und genau beschreiben. Damals, als er die Szene beobachtete, hatte er große Angst davor, dass wir ihn nicht weiter reanimieren würden und er sterben müsste. Wir hatten uns tatsächlich große Sorgen um ihn gemacht, da er schon in sehr schlechter Verfassung ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Er schil- 93 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? derte mir, wie er uns verzweifelt und erfolglos zu signalisieren versuchte, dass er noch lebe und wir ihn weiter reanimieren sollten. Er war tief bewegt von dem, was er damals erlebt hatte und sagte, dass er sich heute nicht mehr vor dem Tod fürchte (Lommel 2013, S. 56–57; vgl. auch seinen Bericht – zusammen mit Ruud van Wees, Vincent Meyers und Ingrid Elfferich – in The Lancet aus dem Jahre 2001). Die Zahnprothesen-Geschichte wird hier berichtet, da sie oft zitiert wird (vgl. z. B. Singer und Ricard 2017, S. 333, Parnia 2013, S. 174–175 oder – mit Literaturverweisen und einer Auseinandersetzung mit kritischen Stimmen – bei Nahm 2012, S. 172–175) und fast schon als „Beweis“ für ein vom Körper unabhängiges Bewusstsein betrachtet wird. Immerhin bestätigt eine außenstehende Person (der Pfleger) die Aussage des Patienten über Wahrnehmungen, während er dem Tode nahe war und nach der Erinnerung des Pflegers „in tiefem Koma lag und gerade reanimiert wurde“ (siehe oben). Die wahrgenommenen Fakten konnten nach der Darstellung van Lommels bestätigt werden: neben der Anwesenheit des betreffenden Pflegers während der Reanimation und dessen „Verstauen“ der Zahnprothese auch das Aussehen der anwesenden Personen sowie die Beschaffenheit des Raumes, in dem er wiederbelebt wurde. Allerdings ist auch in diesem Fall, wie einleitend zu Kapitel 2 beschrieben, eine Verifikation von Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“ schwierig. Zum einen liegen Einschätzungen von Medizinern vor, aus deren Sicht das Geschehnis – im Gegensatz zur Darstellung van Lommels – medizinisch erklärbar sei (vgl. hierzu z. B. den Hinweis auf S. 185–186 in van Lommels Buch oder die Ausführungen von Dr. Woerlee im Internet)59, auch wenn dort aus 59 Die Internet-Adresse der Ausführungen: http://neardth.com/denture-man.php (abgerufen am 03.01.2019). Zur Kritik an Woerlees Ausführungen allerdings schreibt Ewald (2013, S. 16–17): „Das Journal of Near-Death Studies druckte im Jahr 2010 den Beitrag von Woerlee vollständig ab, fügte allerdings eine Analyse und Recherche von Smit und einem weiteren Autor hinzu. Diese war vernichtend. Der Pfleger TG hatte, wie im Interview ausdrücklich dargelegt, das künstliche Gebiss herausgenommen, ehe er die Beatmungsmaschine einschaltete, also während das Herzflimmern von Patient M. noch anhielt. Hatte Woerlee diesen entscheidenden Punkt übersehen oder absichtlich verdreht? Auch die anderen Einwände erwiesen sich als nicht stichhaltig.“ Dies entspricht dem Bild eines 94 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? meiner (zugegebenermaßen laienhaften) Sicht ebenfalls Fragen offen bleiben. Beispielsweise müsste der Patient, um eine optische Wahrnehmung zu ermöglichen, die Augen geöffnet haben, was offenbar niemand der Anwesenden bemerkt hat. Auch wurde offensichtlich nicht untersucht, ob der Patient – vermutlich auf dem Rücken liegend – vom Blickwinkel her überhaupt eine Chance hatte, zu beobachten, wo seine Prothese abgelegt wurde. Leider kann der Bericht des Patienten nicht weiter überprüft werden, da er 1979 kurz nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus verstorben ist und damit nicht weiter befragt werden konnte. Kaum von der Hand zu weisen dürfte allerdings sein, dass die geschilderten Wahrnehmungen des Patienten ggf. in einer schweren Krisensituation in Todesnähe gemacht wurden. Einer der an van Lommel herangetragenen Kritikpunkte lautet nach seiner eigenen Aussage: Enthusiastische Wissenschaftler, beseelt von der Richtigkeit ihres Tuns, sind nur allzu gerne bereit, den Opfern einer NTE beim Wiederfinden ihrer Erinnerungen zu »helfen« (Lommel 2013, S. 186), womit die Beeinflussung der Berichte seitens der involvierten Forscherinnen und Forscher angesprochen ist. Dieser Kritikpunkt stellt zwar ein wohlbekanntes, empirisch vielfach nachgewiesenes Problem humanwissenschaftlicher Forschung ganz allgemein dar60 und muss insofern berücksichtigt werden. Auch Raymond Moody (vgl. Abschn. 2.2) ist sich dessen bewusst, wenn er explizit betont: in jeder Frageformulierung steckt immer ein Rest von »Informationsübertragung« vom Frager auf sein Gegenüber (Moody 1997: S. 160), weshalb die Frage berechtigt sei, sehr heftig umstrittenen Forschungsgebietes, wie es zu Beginn von Kapitel 2 gezeichnet wurde. 60 Aus diesem Grund werden z. B. Experimente als „Doppelblind-Studien“ angelegt und in der Umfrageforschung bemüht man sich, entsprechende „Interviewereffekte“ zu minimieren. 95 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? ob nicht die anscheinend von dem Befragten vorgebrachte Information in Wahrheit vom Interviewer stammt, der sie mit seinen Fragen oder anderswie hervorruft (Moody 1997: S. 160).61 Der genannte Kritikpunkt erscheint allerdings (erstens) angesichts der Berichte in Jeffrey Longs Fallsammlung (vgl. Long 2010), auf die bereits mehrfach verwiesen wurde, schwer haltbar. Es handelt sich dort um Selbstberichte, welche ohne Beisein einer interviewenden Person abgegeben wurden. Diese Berichte stimmen nach den Ergebnissen Longs strukturell sehr gut mit den sonstigen Berichten, denen eine wie auch immer geartete Befragung zugrunde liegt, überein. Auch wird (zweitens) – wie bereits erwähnt nicht nur nach den Ergebnissen van Lommels – bei Berichten via Befragung eine bemerkenswerte Konstanz bis in die Formulierungen hinein über viele Jahre berichtet, wobei (drittens) offenbar zu den verschiedenen Zeitpunkten meist unterschiedliche Interviewer die Berichte aufzeichneten. All dies ist mit dem oben geäußerten Verdacht schwer zu vereinbaren. Abgesehen von der Zahnprothesen-Geschichte werden, so van Lommel, auch von anderer Seite Hinweise auf angeblich validierte außerkörperliche Erfahrungen berichtet (vgl. z. B. den Hinweis auf S. 155 in seinem Buch oder den dort auf Seite 57 geschilderten Fall). Van Lommel bemerkt zu diesem Thema: Diese außerkörperlichen Erfahrungen sind wissenschaftlich von Bedeutung, da Ärzte, Pflegekräfte und Angehörige die beschriebenen Wahrnehmungen und den Zeitpunkt, zu dem sie stattgefunden haben müssen, überprüfen und bestätigen können. Ein kürzlich erschienener Bericht dokumentiert, dass von 93 möglicherweise glaubwürdig geschilderten außerkörperlichen Erfahrungen bei einer NTE 43 Prozent [40 Fälle; Sch.] inhaltlich von einer unabhängigen Person kontrolliert und dem Forscher bestätigt worden wa- 61 Als Lösung kann auch Moody – gemäß einem allgemeinen Gebot quantitativer sozialwissenschaftlicher Forschung zur Vermeidung von Interviewereffekten bzw. Effekten der Frageformulierung – nur folgende Konsequenz für seine Arbeit ziehen: „In Anbetracht der […] Problematik […] halte ich es für das Beste, was man tun kann, seine Fragen so zu formulieren, dass ihr Aufforderungscharakter möglichst klar hervortritt, während die informationsvermittelnde Komponente soweit wie möglich unwirksam zu machen ist. Beginnen sollte man ein Interview mit offenen Fragen, also mit solchen, die keine Antwortvorgaben enthalten. […]“ (Moody 1997, S. 162). 96 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? ren. Bei weiteren 43 Prozent [40 Fälle; Sch.] der Erfahrungen gaben die Betroffenen an, eine unabhängige Person habe ihre Wahrnehmungen überprüft und bestätigt, doch in diesen Fällen konnte der Wissenschaftler keinen Kontakt mehr zu diesen Personen aufnehmen. Nur 14 Prozent [13 Fälle; Sch.] der Schilderungen basierten ausschließlich auf der Darstellung der Betroffenen. Von all diesen Berichten über außerkörperliche Erfahrungen waren 92 Prozent ganz richtig, 6 Prozent nicht ganz korrekt und nur 1 Prozent [Einer! Sch.] völlig falsch. Von den Wahrnehmungen, die eine unabhängige Person geprüft und dem Forscher bestätigt hatte, waren 88 Prozent vollkommen richtig, 10 Prozent nicht ganz korrekt und nur 3 Prozent vollkommen falsch geschildert worden.62 Das beweist auch, dass es sich bei au- ßerkörperlichen Erfahrungen nicht um Halluzinationen handeln kann, denn Halluzinationen sind sinnliche Wahrnehmungen, die zwar subjektiv als real erlebt werden, die jedoch objektiv mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmen (Lommel 2013, S. 55; Hervorhebung im Original). Eine Übersicht über die Zahlenangaben findet sich in Tabelle 2.3–1. Tab. 2.3–1: Zahlenangaben zur Prüfung von Aussagen über außerkörperliche Erfahrungen Schilderung von unabhängiger Person kontrolliert … Schilderung basiert ausschließlich auf der Darstellung der Betroffenen (n=13) Darstellung war … und dem Forscher bestätigt (n=40) und von dieser Person bestätigt; kein Kontakt zum Forscher (n=40) Insgesamt: ganz richtig 35 (88%) 51 (96%) 86 (92%) nicht ganz korrekt 4 (10%) 2 (4%) 6 (6%) völlig falsch 1 (3%) – (0%) 1 (1%) Insgesamt: 40 (100%) 53 (100%) 93 (100%) Quelle: Berichtet bzw. errechnet nach den Angaben aus Lommel 2013, S. 55 zur dort dargestellten Studie von Janice Holden 2009. Vgl. für Angaben zu außerkörperlichen Erfahrungen auch Long (2010, S. 105–125). 62 Holden, M. 2009: »Veridical perception in near-death experiences«. In: J.M. Holden, B. Greyson & D. James (Hrsg.): The handbook of near-death experiences. Santa Barbara, CA: Praeger/ABO-CLIO, S. 185–211. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) Weitere Informationen zu dieser Studie finden sich in Long (2010, S. 109–110). 97 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Für die Sorgfalt, mit der die Berichte auf Forscherseite geprüft wurden, spricht dabei zum einen, dass bereits ein einziges Detail, dass sich im Rahmen der Prüfung als falsch erwies, eine Einordnung als „ganz richtig“ verhinderte (vgl. hierzu Long 2010, S. 109–110). Zum anderen spricht hierfür, dass sich nach den Angaben für die Gruppe der Berichte, welche von Forscherseite überprüft werden konnten (insgesamt n = 40) mit 88 Prozent – im Vergleich zu 96 Prozent bei den übrigen Berichten – ein geringerer Anteil von als „ganz richtig“ eingestuften Schilderungen ergibt, was für eine strenge Prüfung spricht. Weitere Berichte über außerkörperliche Erfahrungen sind zu entnehmen aus: Lommel u. a. (2013, S. 57–62). An späterer Stelle (auf den Seiten 206 bis 214) schildert van Lommel ausführlich einen wegen seiner Umstände besonderen Fall von außerkörperlicher Wahrnehmung. Es handelt sich um die Nahtoderfahrung (NTE) […] von Pamela Reynolds, wie sie sie dem Kardiologen Michael Sabom beschrieben hat.63 Da sich ihre NTE während einer Gehirnoperation ereignete, bei der die Aktivität der Gehirnrinde und des Hirnstamms ständig aufgezeichnet wurde, steht ihr gut dokumentierter Fall exemplarisch für eine NTE während des Ausfalls aller Hirnfunktionen (Lommel 2013, S. 206; Hervorhebung: Sch.). Pamela Reynolds konnte nach dieser Darstellung Details ihrer Operation beschreiben, etwa eine (für den Laien ungewöhnlich geformte) Knochensäge, ein Gespräch bezüglich eines aufgetretenen Problems zwischen dem bekannten Neurochirurgen Dr. Robert Spetzler und einer Gefäßchirurgin sowie die Tatsache, dass sich letztere am unteren Teil des Operationstisches zu schaffen machte – was ihr für eine Gehirnoperation seltsam vorkam.64 Im Anschluss an die Darstellung zitiert van Lommel den Kommentar Dr. Spetzlers: 63 Seite 37–52 in: Sabom, M.B., 1998. Light and Death: One Doctor’s Fascinating Account of Near-Death Experiences. Michigan: Zondervan Publishing House. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 64 Eine kürzere Übersichtsdarstellung findet sich bei Ewald (2009, S. 90–93). 98 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Ich fand, dass Pamelas Beobachtungen während ihrer Operation ganz genau dem entsprachen, was damals geschehen war. Sie hatte die Knochensäge, mit der wir ihren Schädel öffneten, gesehen. Sie hat wirklich Ähnlichkeit mit einer elektrischen Zahnbürste. Das hatte sie einfach nicht sehen können! Auch den Bohrer nicht, die Instrumente, all diese Dinge waren abgedeckt. [sic!] Sie waren nicht sichtbar, sie waren noch verpackt. Man packt sie erst aus, wenn der Patient vollkommen anästhesiert ist; so gewährleistet man möglichst lange eine sterile Umgebung. Und dass sie das Gespräch zwischen mir und der Gefäßchirurgin so genau gehört hat … Unbegreiflich … In dieser Phase der Operation kann kein Patient etwas sehen oder hören (Lommel 2013, S. 212; Hervorhebung: Sch.).65 65 Ein kritischer Kommentar des vorstehend bereits im Zusammenhang mit der Zahnprothesen-Geschichte erwähnten Anästhesisten Gerald M. Woerlee ist im Internet unter: https://www.heise.de/tp/features/Grenzerfahrung-auf-dem- Operationstisch-3403712.html (abgerufen am 04.01.2018) nachzulesen. Auch bei diesem Kommentar bleiben allerdings, zumindest für den Laien, schwer nachvollziehbare Passagen. Pamela Reynolds war laut Internet-Recherche und einer Angabe bei Lommel (2013, S. 207) offenbar als amerikanische Songschreiberin und Sängerin bekannt. Neben der Bezeichnung ihres Namens als „Pseudonym“ – womit die Anmutung entsteht, die Person sei nicht identifizierbar – ist erstaunlich, dass sie, obwohl zur OP-Überwachung „laut klickende Apparate in ihren Ohren steckten“ (Lommel 2013, S. 213), einerseits meines Wissens über die Wahrnehmung von Klickgeräuschen während ihrer Nahtoderfahrung nichts verlauten ließ, andererseits aber in der Lage gewesen sein soll, ein Gespräch im OP-Team genau wahrzunehmen sowie eine pneumatische Säge zu hören. Darüber hinaus soll sie aus der akustischen Wahrnehmung der Knochensäge (sie klang ähnlich wie ein pneumatischer Zahnarzt-Bohrer) optische Wahrnehmungen abgeleitet haben (unter anderem das Aussehen der dem Griff ihrer elektrischen Zahnbürste ähnlichen Knochensäge, die zugehörigen „Ersatzbohrer“ in einem Kästchen [sic!] oder die Art und Weise, in der ihr Kopf für die OP rasiert wurde [sic!]) – dies alles, während ihre Augen mit Pflaster abgeklebt waren (vgl. z. B. Lommel 2013, S. 208– 209). Im Zusammenhang mit der hier untersuchten Fragestellung ist zudem festzuhalten, dass die in dem Kommentar vertretene These einer Rückführung der Nahtoderfahrung und der damit verbundenen Schmerzfreiheit auf eine (vermutete!) nicht erkannte interoperative Wachheit entsprechende Phänomene bei anderen Nahtoderfahrungen bestenfalls während einer Operation erklären kann. Nahtoderfahrungen und ein damit verbundenes Intervall abrupter Schmerzfreiheit treten jedoch auch ohne Operation (und damit ohne die Gabe entsprechender Schmerzmittel) auf (vgl. hierzu Abschn. 2.6). 99 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Aussagen wie: Die Literatur über Nahtod-Erfahrungen strotzt von Berichten über außerkörperliche Erfahrungen (Nahm 2012, S. 165) zeigen, dass über derartige Fälle durchaus häufiger berichtet wird.66 Hierzu passt folgendes, auf das Wesentliche gekürzte Zitat aus Long (2010, S. 107–108): Die erste große Studie zu außerkörperlichen Erfahrungen während einer Nahtoderfahrung wurde 1982 von dem Kardiologen Dr. Michael Sabom ver- öffentlicht.67 Anekdotische Berichte anderer Ärzte hatten ihn tief beeindruckt. Er entwickelte eine Studie, bei der er 32 Menschen befragte, die während ihrer Nahtoderfahrung eine außerkörperliche Erfahrung erlebt hatten. […] Im Rahmen dieser Studie befragte Sabom 25 »erfahrene Herzpatienten«, die während ihrer Herzkrise keine Nahtoderfahrung gehabt hatten. Diese 25 Patienten waren die Kontrollgruppe in der Studie. Beide Gruppen wurden um eine Beschreibung gebeten, wie sie ihre Wiederbelebung erlebt hatten. Sabom stellte fest, dass die Nahtoderfahrenen mit einer außerkörperlichen Erfahrung wesentlich präzisere Angaben bei der genauen Beschreibung ihrer Wiederbelebung machten als die Kontrollgruppe. Kurzum, die Ergebnisse dieser Studie deckten sich mit den Behauptungen von Nah toder fah renen, wonach sie ihre eigene Wiederbelebung im außerkörperlichen Zustand beobachtet haben (Hervorhebung: Sch.). 66 Z. B. in Ewald (2013, S. 18–20 [mit angeblich unabhängig bestätigten Beobachtungen], S. 28, 32, 36, 48, 52, 53, 62, 72 und 79), ferner in Ewald (2009, S. 14, 20, 24, 25, 27–28 [ergänzend hierzu: S. 88/angeblich selbst nachträglich überprüfte und bestätigte Beobachtungen], S. 29, 31, 34–36 [ergänzend hierzu: S. 88/angeblich ärztlicherseits bestätigte Beobachtungen], S. 37, 40, 44, 47–48 [ergänzend hierzu: S. 88–89/angeblich selbst nachträglich überprüfte und bestätigte Beobachtungen], S. 49, 50 u. s. w. bis S. 77). 67 M. Sabom, Recollections of Death: A Medical Investigation, Simon & Schuster, 1982. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) Ausführliche Schilderungen, oft mit zugehörigen ärztlichen Dokumentationen und kritisch hinterfragt, sind in Sabom (1982, S. 89–103, 111–151) berichtet. 100 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Michael Nahm (vgl. Kapitel 3) beschreibt detailliert einen der Berichte Saboms, der laut eigenen Angaben auszog, um diese vermeintlichen Berichte von au- ßerkörperlichen Erfahrungen als unhaltbar oder erfunden zu entlarven.[68] Doch er wurde eines Besseren belehrt (Nahm 2012, S. 166). Nahm zitiert auf den Seiten 166–168 die ausführliche Fallbeschreibung Saboms und fährt fort: Sabom stellt sodann Auszüge aus dem ärztlichen Operationsprotokoll vor, das dem Patienten nie gezeigt worden war. Die Aussagen des Patienten stimmten mit denen im Operationsprotokoll überein, und auch viele weitere Einzelheiten seines Berichts, die als medizinische Selbstverständlichkeiten üblicherweise nicht in die Protokolle aufgenommen werden, stimmten exakt mit den üblichen Praktiken bei solchen Operationen überein. Die Aussagen des Mannes enthielten keinen einzigen Fehler. Sabom hat noch fünf ähnliche Fälle von Operationsschilderungen ausführlich dargestellt, die allesamt spezifische Details ihres Operationsverlaufs enthielten. Der Vergleich mit den ärztlichen Protokollen ergab, dass sowohl die fallspezifischen Inhalte als auch deren zeitlicher Ablauf von den Patienten sehr genau und zutreffend beschrieben worden sind (Nahm 2012, S. 168). Nahm weist ferner nachdrücklich darauf hin, dass die korrekt berichteten visuellen Eindrücke nicht nur aus Gehörtem – und eventuell Gefühltem – „konstruiert“ sein können, was gegen die Vorstellung von „interoperativer Wachheit“ als Erklärungsmöglichkeit spricht – ebenso wie die berichtete völlige Schmerzfreiheit der Betroffenen (Nahm, 2012, S. 170– 171; vgl. hierzu auch Moody 1997, S. 128–129; Wiesenhütter 1974, S. 10–11, 14, 17, Ewald 2013, S. 153 oder Sabom 1982, S. 36, 204, 227–228 und 240). In diesem Zusammenhang ergänzt Nahm, dass mit Blick auf 68 „[Ich wollte] ganz genau nach Einzelheiten fragen, die einem Nichtmediziner normalerweise unbekannt waren. […] Dabei, so war ich überzeugt, würde es zu offensichtlichen Ungereimtheiten kommen, und aus den visuellen Beobachtungen des Patienten würden sehr schnell bloße, wenn vielleicht auch fundierte Vermutungen werden“ (Sabom 1982, S. 113). Vgl. zu seiner anfänglichen Skepsis auch Sabom (1982, S. 206–209). 101 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? […] die plötzliche Rückkehr des Schmerzes beim Wiedereintritt in den Körper nach außerkörperlichen Erfahrungen […] derzeit keine Substanz bekannt [sei], die derart schnelle Veränderungen des Schmerzempfindens bewirken könnte (Nahm 2012, S. 189; vgl. hierzu auch Nahm 2012, S. 262). Über eine weitere Studie mit einer Kontrollgruppe, durchgeführt von Penny Sartori (vgl. Abschnitt 2.4), berichtet Long (2010): Eine ganz ähnliche Studie wie die von Sabom veröffentlichte Dr. Penny Sartori im Jahr 2004.69 Sie befragte 15 Nahtoderfahrene und stellte fest, dass acht dabei eine außerkörperliche Erfahrung erlebt hatten. Wie Sabom bat auch Dr. Sartori die Betroffenen, ihre Wiederbelebung zu beschreiben. Dann verglich sie ihre Antworten mit denen einer Kontrollgruppe, bei der die Patienten ebenfalls wiederbelebt wurden, dabei aber keine außerkörperliche Erfahrung gehabt hatten. Sartori stellte fest, dass in dieser Studie mehrere Nahtoderfahrene von bemerkenswert akkuraten Beobachtungen im außerkörperlichen Zustand berichteten. Die Berichte der Kontrollgruppe waren jedoch höchst ungenau. […] In der Kontrollgruppe konnten viele nur raten, was passiert sein könnte, oder schilderten, was sie aus dem Fernsehen über Wiederbelebungsmaßnahmen wussten. (Long 2010, S. 108–109; Hervorhebung: Sch.).70 Mit der Arbeit Penny Sartoris beschäftigt sich der nachfolgende Abschnitt 2.4. 69 P. Sartori, A Prospective Study of NDEs in an Intensive Therapy Unit, Christian Psychologist 16, Nr. 2 (2004), S. 34–40. Die Ergebnisse dieser Studie wurden später detaillierter unter folgendem Titel veröffentlicht: P. Sartori, The Near-Death Experience of Hospitalized Intensive Care Patients: A Five Year Clinical Study, Edwin Mellen Press, 2008. (Die Literaturangaben sind Teil des Zitats.) 70 Weitere Indizien für den „Realitätsgehalt“ außerkörperlicher Wahrnehmungen sind bei Long (2010, S. 121–124) berichtet. 102 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Zur Validierung: Inhalte der Nahtoderfahrungen Zurück zur niederländischen Studie, in der von 344 (teils mehrmals) reanimierten Patienten71 62 (18%) eine Nahtoderfahrung berichteten. Tabelle 2.3–2 gibt einen Überblick über dabei vorkommende Elemente. Sie zeigt eine überschaubare Anzahl (also: einen „harten Kern“) ungewöhnlicher – und damit unwahrscheinlicher – Elemente in den Berichten über Nahtoderfahrungen. Van Lommel fasst zusammen: In unserer Studie wurden […] alle bekannten Elemente einer Nahtoderfahrung genannt (Lommel (2013, S. 175). Tab. 2.3–2: Häufigkeit von Elementen einer Nahtoderfahrung (NTE) bei den 62 Patienten, die eine NTE berichteten Element Zahl der Patienten Prozentanteil Die Erkenntnis, tot zu sein 31 50% Positive Gefühle 35 56% Außerkörperliche Erfahrung 15 24% Bewegung durch den Tunnel 19 31% Kommunikation mit dem Licht 14 23% Farbwahrnehmung 14 23% Wahrnehmung einer himmlischen Landschaft 18 29% Begegnung mit verstorbenen Freunden und Angehörigen 20 32% Lebensrückschau (»Schau«) 8 13% Wahrnehmen einer Grenze 5 8% Quelle: Nach Lommel (2013, S. 174) Bei 62 Patienten, die insgesamt 179 Elemente berichten, ergeben sich im Schnitt 2,9 Elemente pro Bericht, womit in vielen Fällen eine Kombina- 71 Insgesamt wurden 509 erfolgreiche Reanimationen vorgenommen (vgl. Lommel 2013, S. 171). 103 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? tion solcher unwahrscheinlicher Elemente vorliegt.72 All dies spricht eher gegen „erfundene“ Berichte. Der Befund, dass sich Häufigkeitsverteilungen aus verschiedenen, voneinander unabhängigen Studien decken73, kann als weiterer Hinweis darauf gelten, dass keine „Phantasieprodukte“ vorliegen – weder seitens der Betroffenen noch seitens der die Untersuchung durchführenden Personen. Was die Inhalte der Berichte über Nahtoderfahrungen betrifft, sind vier Schilderungen aus der niederländischen Studie besonders erwähnenswert. In den ersten beiden wird dargelegt, die jeweils betroffene Person habe während ihrer Nahtoderfahrung (NTE) nachprüfbares Wissen erlangt, über das sie bis dahin nicht verfügt habe. Fall 1: »Als ich während meines Herzstillstands eine NTE hatte, sah ich nicht nur meine Großmutter, sondern auch einen Mann, der mich liebevoll anschaute, den ich jedoch nicht erkannte. Etwa zehn Jahre später, an ihrem Sterbebett, erzählte mir meine Mutter, dass ich aus einer außerehelichen Beziehung hervorgegangen sei. Mein biologischer Vater war ein Jude, den man im Zweiten Weltkrieg abtransportiert und umgebracht hatte: Meine Mutter zeigte mir sein Foto. Der unbekannte Mann, den ich etwa zehn Jahre zuvor während meiner NTE gesehen hatte, war offenbar mein biologischer Vater« (Lommel 2013, S. 69). 72 In der groß angelegten, internationalen Studie von Long (2010) wird – indirekt – ein noch höherer Anteil berichtet. Aus den Angaben auf den Seiten 18 bis 33 für die Häufigkeiten, mit der die dort genannten Elemente auftreten, lässt sich ein Durchschnitt von 6,6 der insgesamt 12 Elemente errechnen, die pro Nahtoderfahrung erfahren werden. Allerdings könnte es sich hierbei um einen Selbstselektions-Effekt handeln, da die Personen von sich aus entscheiden, ihren Fall zu berichten. Personen mit besonders „reichhaltigen“ Nahtoderfahrungen könnten verstärkt dazu neigen, einen Bericht abzugeben. Wie dem auch sei: Auch in diesem Fall dürfte häufig eine Kombination unwahrscheinlicher Elemente vorliegen. 73 In Abschnitt 2.6 wird beispielsweise berichtet, dass sich in vier (!) voneinander unabhängigen Studien für Patienten mit Herzstillstand ein vergleichbarer Anteil von Nahtoderfahrungen ergab (Tabelle 2.6–1). Der in Abschn. 2.2 (Zur Validität der geschilderten Inhalte) berichtete Vergleich zwischen Studien vor und nach der Publikation von Moodys Buch zeigt ebenfalls jeweils ähnliche Anteile für die verschiedenen Elemente von Nahtoderfahrungen. 104 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Fall 2: »Als ich sechzehn war, hatte ich einen schweren Mofa-Unfall. Ich lag fast drei Wochen im Koma. Während dieses Komas hatte ich eine sehr erschütternde Erfahrung. … und schließlich kam ich zu einer Art Metallzaun, hinter dem Herr van der G. stand, der Vater des besten Freundes meiner Eltern. Er sagte zu mir, ich dürfe nicht weitergehen. Ich müsse zurückgehen, denn meine Zeit sei noch nicht gekommen … Als ich wieder bei Bewusstsein war und meinen Eltern die Geschichte erzählte, sagten sie mir, dass Herr van der G., während ich im Koma lag, gestorben und beerdigt worden sei. Ich konnte gar nicht wissen, dass er tot war« (Lommel 2013, S. 69). Der dritte Fall betrifft die Schilderung eines Farbenblinden74: »Ich sah wirklich die leuchtendsten Farben – was besonders erstaunlich war, da ich farbenblind bin. Die Primärfarben kann ich zwar auseinanderhalten, aber Pastelltöne sehen für mich alle gleich aus. Damals konnte ich sie plötzlich unterscheiden, sogar in vielfältigen Nuancen. Fragen Sie mich nicht nach den Namen, die kenne ich nicht, denn damit habe ich keine Erfahrung« (Lommel 2013, S. 59). Im vierten Fall handelt es sich um eine blinde Frau (Vicki), welche von visuellen Wahrnehmungen während ihrer Nahtoderfahrung berichtet (vgl. Lommel 2013, S. 59–61). Hierzu bemerkt van Lommel: 74 In Bezug auf blinde Menschen berichtet Long (2010, S. 73–74): „Nahtoderfahrungen kommen auch bei blinden Menschen vor, und häufig treten bei ihren Nahtoderfahrungen auch visuelle Erlebnisse auf. Menschen, die von Geburt an blind sind, können die Welt, die wir anderen Tag für Tag erleben, gar nicht wahrnehmen. […] Doch wenn ein blinder Mensch eine Nahtoderfahrung hat, gehört dazu üblicherweise auch eine visuelle Wahrnehmung“ (Hervorhebungen im Original). Vgl. hierzu auch Nahm (2012, S. 171). Auf ähnliche Effekte bei Todesnähe-Visionen sterbender blinder Personen verweist Nahm (2012, S. 204). Ring und Cooper (2011, S. 21) formulieren vorsichtiger: „Offensichtlich ist jedoch die Frage immer noch offen und es bleibt umstritten, ob Blinde während einer NTE tatsächlich sehen können“ (Hervorhebung im Original). Zum Thema Fälschungen und unzureichende Dokumentationen bei den Berichten vgl. Ring und Cooper (2011, S. 13–22). Andererseits sprechen sich Ring und Cooper (2011, S. 204–206) nicht dafür aus, diesbezügliche Forschungen „ad acta“ zu legen – ganz im Gegenteil! 105 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Die Tatsache, dass sie Personen und ihre Umgebung wahrnehmen konnte, obwohl sie aufgrund der Schrumpfung ihrer Augäpfel und ihres Sehnervs sowie der Unterentwicklung der visuellen Hirnrinde von Geburt an blind war, wirft wichtige Fragen auf. Wie kann bei dieser Frau zu einer Zeit, in der sie infolge eines schweren Autounfalls mit einer Gehirnerschütterung im Koma liegt, Wahrnehmung möglich sein? […] Wie kann sie sich der Wahrnehmung während ihres Komas bewusst sein? (Lommel 2013, S. 62). Er fährt fort: Vickis Bericht und die Schilderungen anderer Blinder mit Nahtoderfahrungen zwingen die Wissenschaft, neu über die Beziehung zwischen Gehirn und Bewusstsein nachzudenken. Denn Vickis »Beobachtungen« können unmöglich das Produkt sinnlicher Wahrnehmung oder einer funktionierenden visuellen Hirnrinde sein. Und sie können auch nicht ihrer Fantasie entspringen, denn ihre Beschreibungen enthalten überprüfbare Aspekte. Diese […] werden in den Kapiteln 8, 9 und 11 ausführlich zur Sprache kommen (Lommel 2013, 62; Hervorhebung: Sch.). Eine detaillierte Schilderung der Nahtoderfahrung sowie der Begleitumstände ist Ring und Cooper (2011, S. 33–39 und 50–67) zu entnehmen. Dort wird auch der volle Name – Vickie75 Umipeg – genannt mit dem Hinweis: „In Fällen mit kompletten Klarnamen werden diese mit Genehmigung der betreffenden Person angegeben.“76 In der genannten Quelle sind zahlreiche weitere Beispiele für „Nahtoderfahrungen, bei denen Blinde von optischen Wahrnehmungen berichten“ (front matter) zu finden, wobei allerdings die Problematik ihrer Verifikation nicht vollständig gelöst ist – ein generelles und kaum vermeidbares Problem bei Berichten über Nahtoderfahrungen, wie einleitend zu Kapitel 2 konstatiert wurde.77 75 Die Schreibweise variiert in der Literatur! 76 „Wenn nur ein Vorname für die Identifizierung eines Falles angegeben ist, dann ist dieser ein Pseudonym“ (Ring und Cooper 2011, S. 33). 77 In Puncto „Verifikation“ meint – unter Verweis auf Literatur – Nahm (2012, S. 184): „Manche Kritiker der Untersuchungen von Ring und Cooper haben angedeutet, dass die Erfahrungsberichte der Blinden schlichtweg erfunden oder fälschlich als visuelle Eindrücke rekonstruiert worden sind. Das könnte möglich sein. Diese Kritiker haben allerdings […] nichts vorgebracht, was die Be- 106 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Vickie Umipeg wurde auch von Jeffrey Long befragt (vgl. Long, 2010, S. 130). In dem Kapitel „Wenn Blinde sehen“ (auf den Seiten 127 bis 139) seines Buches geht er unter anderem auch auf diesen Fall ein. Michael Nahm (2012, S. 181–183) berichtet ebenfalls über Vickie Umipeg und diskutiert generell das Thema „Nahtod-Erfahrungen von blinden Menschen“ (Nahm, 2012, S. 180–185). In den letzten beiden der oben genannten Fälle geht es auch um die spezielle Thematik von (Bewusstseins-)Leistungen des Gehirns, die aufgrund einer Schädigung nicht zu erwarten sind. Falls eine derartige Schilderung verbürgt ist und falls man den Berichten traut, kommt ihnen natürlich besondere Beweiskraft zu. Aufgrund der genannten Einschränkungen sowie aufgrund der naturgemäß sehr geringen Anzahl entsprechender Fälle und – damit verbunden – Berichte wird dieser Punkt hier dennoch nicht weiter thematisiert. Nachdem, wie zu Beginn von Kapitel 2 bereits erwähnt, unter den Inhalten von Nahtoderfahrungen außerkörperlichen Erfahrungen generell eine herausragende Rolle bei der Prüfung von Hypothese H 1 zukommt, möchte ich – zusätzlich zum bereits Gesagten – einige Ergebnisse aus der umfangreichen Fallsammlung von Jeffrey Long referieren: Von den 617 Berichten über eine Nahtoderfahrung enthielten 287 (46,5 Prozent) Beschreibungen von außerkörperlichen Erfahrungen, in denen irdische Ereignisse geschildert wurden, die durch Dritte objektiv auf ihre Realität überprüft werden konnten. [sic!] In dieser Gruppe von 287 Menschen […] erwies sich, dass 280 (97,6 Prozent) eine außerkörperliche Erfahrung hatten, die voll und ganz realistisch und zu keinem Teil unrealistisch war. Schließlich gaben 65 der 287 Betroffenen (23 Prozent) an, nach ihrer Nahtoderfahrung selbst nachgeforscht zu haben, ob und inwieweit ihre Beobachtungen zutrafen. Keiner dieser 65 Nahtoderfahrenen berichtete, dass seine späteren Nachforschungen irgendeine Ungenauigkeit in seinen Beobachtungen während der außerkörperlichen Erfahrung ergeben hatten. Das sind erstaunliche Ergebnisse, besonders angesichts der Tatsache, dass ich eine außerkörperliche Erfahrung bereits dann als unrealistisch einstufte, wenn nur ein Teil davon entweder mir oder dem Betroffenen selbst unrealistisch erschien (Long 2010, S. 113–114; Hervorhebung im Original). richte der fünfundzwanzig Blinden ernsthaft in Misskredit gebracht hätte.“ Es folgen Literaturverweise zur angesprochenen Diskussion. 107 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Genaueres hierzu – wie zur Validität der Berichte – findet sich mit Verweisen auf entsprechende Untersuchungen in Long (2010, S. 105–125). Vgl. zu dieser Thematik auch Tabelle 2.3–1. Ein ähnlicher Anteilswert von knapp 40 Prozent ergibt sich aus einer Umfragestudie in Deutschland (mit 2 044 Befragten) für Berichte über außerkörperliche Erfahrungen im Rahmen von Nahtoderfahrungen (vgl. Knoblauch 2007, S. 138–139). In – vorbereitend zur Studie gesammelten – retrospektiven Berichten über Nahtoderfahrungen ist ebenfalls häufig von „außerkörperlichen Erfahrungen“ die Rede (vgl. Knoblauch 2007, S. 95–101, 104–105 und 118–120). An einer Stelle wird dabei explizit darauf verwiesen, dass eine Person im Rahmen ihrer Nahtoderfahrung neues Wissen erlangt habe (über den Verbleib ihres vermissten Bruders). Hierzu Knoblauch (2007, S. 101): […] was er in seiner Nahtoderfahrung erfährt, konnte noch niemand wissen: Sein Bruder war tatsächlich mit dem Flugzeug abgestürzt und gestorben. Aber das sollte sich erst später bestätigen. Ausschluss alternativer Erklärungen Der Teil „Schlussfolgerungen aus der prospektiven Studie“ in dem Bericht über die niederländische Studie zu Nahtoderfahrungen (NTE) beginnt mit der Feststellung: Keine der Ursachen, die bis dahin für die Entstehung einer NTE in Betracht gezogen worden waren, konnte in dieser ersten groß angelegten prospektiven Studie bestätigt werden, weder eine physiologische oder medizinische Erklärung (Sauerstoffmangel) noch eine psychologische (Todesangst) oder pharmakologische (eine verabreichte Medikation) (Lommel 2013, S. 177– 178).78 Anschließend wird die Argumentation im Einzelnen dargelegt. 78 Anmerkung: Ein zusätzliches Argument gegen eine Erklärung auf der Basis von „Sauerstoffmangel und ähnlichen Defiziten“ bringt Nahm (2012, S. 231) im Zusammenhang mit „gemeinsam erlebten Todeserfahrungen“, an denen außenstehende Personen ohne solche Defizite teilhaben. 108 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Moody (1997, S. 157) würde zudem ausschließen, dass Nahtoderfahrungen „künstlich hervorgerufene Nebenwirkungen bestimmter Reanimationstechniken“ sein könnten, da sie (bei einer „weiten“ NTE-Definition) auch ohne Reanimation auftreten. Ewald (2009, S. 95–96) schließt „Dissoziation“ im Zusammenhang mit außerkörperlichen Erfahrungen aufgrund der häufig berichteten Empfindung, „aus dem Körper gezogen zu werden“, aus. Im Fazit des Kapitels „Die niederländische Studie zu Nahtoderfahrungen“ schreibt van Lommel – nicht nur bezogen auf seine eigene, sondern auch auf drei weitere, ebenfalls prospektive Studien (näheres hierzu in Abschn. 2.6): Aufgrund der vier prospektiven Studien mit Patienten, die einen Herzstillstand überlebt hatten, kommen wir unweigerlich zu dem Schluss, dass die Patienten alle beschriebenen Elemente einer NTE in der Phase ihres Herzstillstands, in der die Gehirndurchblutung vollständig zum Erliegen gekommen war, erlebt haben. Doch die Frage, wie das möglich sein kann, bleibt unbeantwortet (Lommel 2013, S. 191–192; vgl. hierzu auch S. 187). Auf den Seiten 134 bis 163 seines hier vorgestellten Buches diskutiert Lommel (2013) ausführlich die bisher vorgeschlagenen Theorien über die Ursachen und den Inhalt einer Nahtoderfahrung“ (NTE). Er kommt unter anderem zu dem Fazit: Für die verschiedenen Elemente einer NTE wurden bisher unterschiedliche Erklärungen vorgeschlagen. Die vielfältigen physiologischen und psychologischen Faktoren, die in diesem Kapitel vorgestellt wurden, können in unterschiedlichem Maße eine Rolle spielen, sie können das Phänomen NTE aber nicht vollständig erfassen. [Es folgt eine Fußnote mit Literaturverweisen; Sch.] Die bisher dargestellten Theorien bieten keine Erklärung für die Tatsache, dass Menschen während einer NTE ein erweitertes Bewusstsein erfahren können, das mit den bereits genannten Aspekten einhergeht. Es mangelt auch an einer plausiblen Erklärung dafür, dass alle Erlebnisse während einer NTE anscheinend einen viel größeren Realitäts- und Wahrheitsgehalt haben als die tagtäglichen Erlebnisse im Wachbewusstsein. Dass eine NTE mit beschleunigten Denkprozessen und einem Erkenntnisgewinn verbunden ist, der größer ist als alles bisher Erfahrene, lässt sich so kaum begreif- 109 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? lich machen. Ferner scheint es beim derzeitigen wissenschaftlichen Kenntnisstand nicht nachvollziehbar, wie all diese Elemente in einer Phase erlebt werden können, in der bei den Betroffenen die Gehirnfunktionen schwerwiegend beeinträchtigt sind. Zwischen der Klarheit der Bewusstseinserfahrung und dem Ausfall von Gehirnfunktionen scheint sogar ein reziprokes Verhältnis zu bestehen. Es ist auch unbegreiflich, dass Menschen zu allen Zeiten und in allen Kulturen im Wesentlichen die gleiche Art von Erfahrung schildern (Lommel 2013, S. 161–162). Zum letztgenannten Punkt äußert sich ganz ähnlich auch Long (2010, S. 77), wenn er von bemerkenswerten Übereinstimmungen zwischen Nahtoderfahrungen aus aller Welt (Hervorhebung im Original) spricht oder davon, dass neben seiner eigenen, international angelegten Studie auch andere Studien entsprechende Ergebnisse zeitigen: Diese anderen Studien machen fast immer die gleichen Beobachtungen und kommen zu den gleichen Schlüssen wie die Studie der NDERF (Long 2010, S. 34; Hervorhebung: Sch.). An anderer Stelle bemerkt er: Ich bin ein Mann der Wissenschaft. Daher habe ich die Daten der NDERF- Studie [Near Death Experience Research Foundation-Studie; Sch.] nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten untersucht. Bei der NDERF haben wir alle Elemente der Nahtoderfahrungen von über 1 000 Menschen untersucht und dabei geprüft, inwieweit die Berichte übereinstimmen. […] Die Ergebnisse der NDERF-Studie weisen eindeutig auf bemerkenswerte Übereinstimmungen zwischen den untersuchten Nahtoderfahrungen hin. Diese Studie hat ergeben, dass das, was die Betroffenen bei ihrer Nahtoderfahrung […] erfahren, über alle Kulturen, Rassen und Religionen hinweg auffällig übereinstimmt. Außerdem entsprechen die Entdeckungen im Allgemeinen nicht dem, was nach vorherrschender gesellschaftlicher Auffassung, religiöser Lehre oder anderen Quellen […] zu erwarten gewesen wäre (Long 2010, S. 11–12; Hervorhebungen: Sch.). 110 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Dass Nahtoderfahrungen nichtsdestotrotz a) individuell und b) kulturell gefärbt sind, unterstreicht Knoblauch (2007).79 Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass sich auch seine Aufzählung der „Inhalte von Nahtoderfahrungen“ (vgl. Knoblauch 2007, S. 138) weitgehend mit den vorstehend berichteten Inhalten (vgl. Tabelle 2.3–2) deckt. Hinsichtlich des Auftretens von Nahtoderfahrungen bemerkt Lommel: Eine Nahtoderfahrung ist ein außergewöhnlicher Bewusstseinszustand, der in einer Phase entsteht, in der ein körperlicher Tod droht oder wirklich eintritt oder Todesangst empfunden wird. Demographische, psychologische und physiologische Faktoren erklären nicht, warum manche Menschen eine NTE erleben und andere nicht (Lommel 2013, S. 161). Veränderungsprozesse aufgrund der NTE Als Ergebnis der Langzeitstudie berichtet van Lommel von gravierenden psychologischen Folgen (insbesondere einer grundlegenden Veränderung der Einstellungen und Werthaltungen) bei den Patienten mit Nahtoderfahrung – was gegen „erfundene Berichte“ spricht. Von besonderer Relevanz aus methodischer Sicht ist bei der Interpretation dieses Sachverhalts die (nach Alter und Geschlecht vergleichbare) Kontrollgruppe von 73 Personen, welche zwar einen Herzstillstand hatten, jedoch keine Nahtoderfahrung berichteten (vgl. hierzu Lommel 2013, S. 179). Nach zwei Jahren wurden 35 Patienten mit und 39 Patienten ohne Nahtoderfahrung erneut untersucht, nach acht Jahren 23 Patienten mit und 15 Patienten ohne Nahtoderfahrung (vgl. Lommel 2013, S. 179–180). Hierzu van Lommel: Zusammenfassend kann man sagen, dass sich alle Patienten acht Jahre nach dem Herzstillstand in vielerlei Hinsicht verändert hatten: Ihr Interesse an der Natur, an der Umwelt und an sozialer Gerechtigkeit war gewachsen, sie zeigten mehr Liebe und Gefühle, sie waren hilfsbereiter und beteiligten sich stärker am Familienleben. Dennoch waren zwischen beiden Patientengrup- 79 Zu „kulturellen Varianten der Nahtod-Erfahrung“ vgl. auch Sartori (2015, S. 115– 134). 111 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? pen immer noch markante Unterschiede auszumachen. NTE-Betroffene hatten weniger Angst vor dem Tod und glaubten stärker an ein persönliches Weiterleben nach dem Tod. Ihr Interesse an Spiritualität und Sinnfragen wuchs und sie zeigten mehr Liebe und Akzeptanz für sich und andere. Ihre Wertschätzung für die täglichen Dinge des Lebens nahm weiter zu, während ihnen Geld, Besitz und Macht nun noch weniger bedeuteten. Bei den Menschen ohne NTE nahm das Interesse an Spiritualität dagegen in auffallender Weise ab, während die Furcht vor dem Tod zunahm (Lommel 2013, 181–182). Long (2010) bestätigt anhand seiner umfangreichen Datenbasis: Nahtoderfahrene werden durch ihr Erlebnis oft für ihr ganzes Leben auf vielfältige Weise verändert. [… Sie] haben weniger Angst vor dem Tod, was anscheinend Hand in Hand geht mit einem verstärkten Glauben an ein Leben danach. Außerdem werden Nahtoderfahrene liebevoller und mitfühlender im Umgang mit ihren Mitmenschen (Long 2010, S. 77, Hervorhebung im Original; vgl. hierzu auch Long 2010, S. 283–291). Die Rede von „keiner Angst mehr vor dem Tod“ im Anschluss an Nahtoderfahrungen ist auch bei den Berichten in Wiesenhütter (1974, S. 13 und 17–19) oder in Ewald (2013, S. 24 und 76–77). Ähnlich äußerte sich bereits Michael Sabom: Im Verlauf der Interviews stellte es sich heraus, dass Patienten, die während ihrer Krise ein Sterbeerlebnis gehabt hatten, viel von ihrer Angst vor dem Sterben verloren hatten, was aus den Berichten von Patienten, die kein solches Erlebnis gehabt hatten, nicht hervorging (Sabom 1982, S. 28; vgl. hierzu auch S. 163–164 und die Tabelle auf S. 277). Die bei van Lommel genannten Eigenschaften wurden per Fragebogen erfasst, d. h. es handelt sich um Selbstberichte. Eine entsprechende Übersichtstabelle findet sich in Lommel (2013, S. 183–184). Nach dem Gesagten ist festzuhalten, dass tiefgreifende Veränderungen bei den Personen mit Nahtoderfahrung zu verzeichnen sind, was, wie gesagt, für die Validität der Berichte spricht. Dass sich Veränderungen im Vergleich zur Kontrollgruppe unterscheiden, weist darauf hin, dass die betreffenden Veränderungen nicht allein auf die Tatsache der Todes- 112 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? nähe zurückzuführen sein dürften. Ein derartiger Vergleich war bei den bisher dargestellten Fällen nicht möglich. Dieser Argumentation schließt sich auch Long (2010, S. 264) unter Verweis auf eine weitere, entsprechend angelegte Studie80 an. In einer Übersicht über die Ergebnisse anderer Untersuchungen kommt van Lommel zu dem Schluss, gravierende Veränderungen, wie die oben beschriebenen, seien generell eine charakteristische Folge von Nahtoderfahrungen. Sie stimmen weitgehend überein, und das offenbar unabhängig vom Alter der Patienten, vom kulturellen und religiösen Hintergrund oder von den medizinischen Ursachen der NTE (Lommel 2013, S. 86). Allerdings weist er auf das Problem der Vorauswahl bei retrospektiven Studien hin: Wer meldet sich bewusst zu einem solchen Interview an, und wer verzichtet darauf? Sind es Menschen, denen der Verarbeitungsprozess große Probleme bereitet? Oder gerade diejenigen mit den geringsten Schwierigkeiten? (Lommel 2013, S. 86). Ein weiteres Problem der retrospektiven Studien sieht van Lommel darin, dass sie in aller Regel nichts über den zeitlichen Abstand zwischen der NTE und dem Interview aussagen (Lommel 2013, S. 86). Ähnlich wie Moody (2013, S. 99–107), Sartori (2015, S. 55–92) oder Long (2010, S. 255–292) widmet auch van Lommel dem Punkt „Folgen einer Nahtoderfahrung“ ein ganzes Kapitel (Lommel 2013, S. 82–113). Auch bei Kindern sei nach einer Nahtoderfahrung ein 80 J. Schwaninger, P. Eisenberg, K. Schechtman und A. Weis, »A Prospective Analysis of Near Death Experiences in Cardic Arrest Patients«, Journal of Near-Death Studies 20 (2002), S. 215–232 (Die Literaturangabe ist Teil der Ausführungen bei Long.) 113 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? tief greifendes und charakteristisches Veränderungsmuster [festzustellen], das ihre zukünftige Lebenseinstellung entscheidend beeinflusst (Lommel 2013, S. 119). NTE bei Kindern: Inhalte und „Begegnungen“ Besondere Bedeutung misst van Lommel Nahtoderfahrungen (NTE) von Kindern bei. Die Begründung: […] bei Kindern in den ersten Lebensjahren ist es äußerst unwahrscheinlich, dass ihre NTE auf irgendeine äußere Einflussnahme zurückgeht. Sie erinnern sich an dieselben Elemente, die auch Erwachsene schildern. Aber wie ist das bei Kindern möglich, die noch nie etwas von einer NTE gehört haben? Und von denen manche nicht einmal lesen können? […] Es ist kaum vorstellbar, dass sich Kinder ohne jegliches Vorwissen ganz spontan eine kleine Geschichte ausdenken, die völlig mit den Schilderungen der Nah toder fah run gen Erwachsener übereinstimmt (Lommel 2013, S. 114). Ähnlich formuliert und mit Blick auf die Forschung über Nahtoderfahrungen von Kindern meint Sam Parnia: Obwohl ihre Interpretation dessen, was sie gesehen hatten, auf ihrer eigenen Verstandesebene stattfand, war klar, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie die Erwachsenen. Noch signifikanter war die Tatsache, dass einige der befragten Kinder erst zwei oder drei Jahre alt waren, als sie ihre Erfahrungen machten. Diese Gruppe war auf jeden Fall zu jung, um eine Vorstellung vom Tod oder dem Jenseits zu haben, und doch beschrieben sie ganz ähnliche Erlebnisse, wie die Erwachsenen (Parnia 2013, S. 190). Mit etwas anderer Akzentuierung schreibt Penny Sartori: Nahtod-Erfahrungen treten […] eindeutig in jedem Lebensalter auf, in der Kindheit werden sie jedoch von den Betroffenen anscheinend bereitwilliger akzeptiert. Wenn ich diese Berichte lese, dann verblüfft mich, wie sehr kindliche Nahtod-Erfahrungen mit dem übereinstimmen, was erwachsene Nahtod-Erfahrene berichten. Keine Geschichte wirkt übertrieben, und alle 114 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Erlebnisse wurden von den Betroffenen offensichtlich als ganz normal akzeptiert (Sartori 2015, S. 114). Ein – allerdings später verfasster – Bericht über die Nahtoderfahrung eines Sechsjährigen ist beispielsweise bei Ewald (2009, S. 23–25) nachzulesen. Long (2010, S. 76–77) bemerkt: Die auffallende Ähnlichkeit zwischen Nahtoderfahrungen von kleinen Kindern und Erwachsenen ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Inhalt der Nahtoderfahrung nicht von einem vorhandenen Glauben abhängt […] [und] […] dass Nahtoderfahrungen reale Ereignisse sind […] (Hervorhebungen im Original). Detailliert berichtet er aus seiner Studie, dass sich die Antworten von 26 Personen mit einer Nahtoderfahrung im Alter von maximal 5 Jahren (Durchschnittsalter: 3,6 Jahre) bei 33 Fragen zum Inhalt der Nahtoderfahrungen nicht signifikant von den Antworten der übrigen 585 Nah toder fah re nen unterschieden – lediglich bei zwei der 33 Fragen traten tendenzielle Unterschiede auf (vgl. Long 2010, S. 206). Sein Resümee: Die Häufigkeit in Prozent, mit der die verschiedenen Nahtoderfahrungselemente in den Nahtoderfahrungen der beiden Gruppen auftreten, weist bei keinem einzigen Element statistisch relevante Unterschiede auf. Der Trend zu statistisch relevanten Unterschieden bei den Antworten auf zwei Fragen wird nicht durch Unterschiede bei den Antworten auf weitere Fragen zum selben Nahtoderfahrungselement bestätigt“ (Long 2010, S. 208). Hinweise darauf, dass die „Zeitverzögerung“ der Berichte diese nicht verfälscht haben dürfte, finden sich bei Long (2010, S. 215–216). Zurück zu Pim van Lommel: An späterer Stelle bemerkt er: Während der NTE begegnen sie [die betreffenden Kinder; Sch.] eher ihren verstorbenen Großeltern als ihren Eltern. Wenn eine NTE nur einem Wunschdenken entspringen würde, wäre doch zu erwarten, dass die Kinder in einer solchen Situation ihre noch lebende Familie, ihren Vater und ihre Mutter, sehen würden (Lommel 2013, S. 118). 115 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Eine Anmerkung zu dem Wort „eher“ in vorstehendem Zitat: Sartori (2015, S. 94) berichtet explizit über Kinder, „dass […] einige von lebenden, nicht von verstorbenen Verwandten erzählen“. Nahm (2012, S. 206) bemerkt ebenfalls, dass generell bei Nahtod-Erfahrungen gegebenenfalls „mit großer Mehrheit“ – nicht: „ausschließlich“ – verstorbene Personen gesehen werden. Dies gelte im Übrigen erstaunlicherweise – und im Widerspruch zur Halluzinations-Hypothese – auch für Todesnähe-Visionen (Genaueres hierzu in Nahm 2012, S. 207–208). Zur Abschätzung der Größenordnung bemerkt – gestützt auf eine gro- ße Zahl von Berichten – Long (2010, S. 75): Fast alle Wesen, denen Nahtoderfahrene während ihrer Erfahrung begegnen, sind zu der Zeit bereits verstorben, die meisten sind verstorbene Verwandte (Text im Original kursiv gesetzt). Später präzisiert er als Resultat seiner Studie: Bei nur drei (vier Prozent) dieser Nahtoderfahrungen waren die Personen, denen die Betroffenen begegneten, zum Zeitpunkt der Nahtoderfahrung noch am Leben. […] Dieser bemerkenswert geringe Prozentsatz lebender Personen […] stimmt mit den Ergebnissen der Kelley-Studie überein […] (Long 2010, S. 187). Er bezieht sich dabei auf: E. W. Kelly, »Near-Death Experiences with Reports of Meeting Deceased People«, Death Studies, 25 (2001), S. 229–49.81 Bemerkenswert im Kapitel „Nahtoderfahrungen bei Kindern“ des Buches van Lommels ist abschließend folgende Schilderung: Im Alter von fünf Jahren bekam ich eine Gehirnhautentzündung und fiel ins Koma. […] Ich sah ein Mädchen von etwa zehn Jahren […] und sie sagte zu mir: »Ich bin deine Schwester. Ich bin einen Monat nach meiner Ge- 81 Bei Knoblauch (2007, S. 138) wird für Deutschland ein deutlich höherer Anteil an noch lebenden Personen berichtet, allerdings in einer repräsentativ angelegten Studie und bei breiter NTE-Definition, bei der „die meisten Menschen, die eine Nahtoderfahrung machen, sich dabei nicht einmal in der Nähe des – biologischen oder medizinisch definierten – Todes befinden“ (Knoblauch 2007, S. 28). 116 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? burt gestorben. Man hat mich nach unserer Großmutter benannt. Unsere Eltern nannten mich einfach Rietje.« […] [Es folgt die Schilderung des Erwachens: Sch.] Ich öffnete die Augen und blickte in die glücklichen und erleichterten Augen meiner Eltern. Ich erzählte ihnen von meiner Erfahrung, die sie erst als Traum abtaten … Ich zeichnete meine Engelsschwester, die mich willkommen geheißen hatte, und beschrieb alles, was sie erzählt hatte. Meine Eltern erschraken so sehr, dass sie regelrecht in Panik gerieten. Sie standen auf und verließen den Raum. Nach einiger Zeit kehrten sie endlich wieder zurück. Sie bestätigten mir, dass sie eine Tochter verloren hatten, die Rietje hieß. Sie war ungefähr ein Jahr vor meiner Geburt an einer Vergiftung gestorben. Meine Eltern hatten damals beschlossen, mir und meinem Bruder erst dann davon zu erzählen, wenn wir in der Lage wären zu verstehen, was Tod und Leben bedeuteten (Lommel 2013, S. 114–115). In diesem Fall wird beschrieben, dass die betroffene Person während ihrer Nahtoderfahrung nachprüfbares Wissen erlangte, über das sie bis dahin nicht verfügt hatte und das auch kaum ein Produkt neuronaler Prozesse sein konnte.82 Phantasien, Einbildung und Betrug? Bezüglich der Validität der Berichte gibt van Lommel zu bedenken: Es wurde nie nachgewiesen, dass Menschen mit einer Nahtoderfahrung (NTE) vorher einen stärkeren Hang zum Phantasieren hatten als andere. Mit Phantasien ließe sich auch nicht erklären, warum Kinder und Erwachsene zu allen Zeiten und in allen Kulturen Nahtoderfahrungen mit fast identischen Inhalten beschreiben (Lommel 2013, S. 153). Mit Blick auf außerkörperliche Erfahrungen fährt er später fort: Es ist bemerkenswert, dass bei einer außerkörperlichen Erfahrung überprüfbare Fakten beschrieben werden, die die bewusstlosen Patienten mit ihren Sinnen weder sehen noch hören konnten, die aber auch Pflegekräfte 82 Zwei ähnliche Berichte zum „Wissenserwerb“ sind Ewald (2009, S. 50–51 und 59–60) zu entnehmen. 117 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? und Ärzte im Nachhinein nicht angesprochen hatten. Meist beschreiben sie Wahrnehmungen aus einer Position ober- und außerhalb ihres Körpers, gelegentlich jedoch auch von einem Ort außerhalb des Krankenzimmers aus […]. Den Berichten nach war das medizinische und pflegerische Personal meist völlig verblüfft über die Detailgenauigkeit, mit der die Patienten ihre eigene Reanimation schildern konnten, und reagierten daher fast immer erstaunt und ungläubig (Lommel 2013, S. 154). Ähnlich: Wenn man Herzpatienten ohne NTE bat, ihre Reanimation zu beschreiben, machten sie immer einen oder mehrere schwerwiegenden Fehler. Ganz anders bei Patienten, die während ihrer Reanimation eine NTE hatten und danach offensichtlich in der Lage waren, verblüffende Details der medizinischen Behandlung wiederzugeben (Lommel 2013, S. 154; vgl. hierzu auch Long 2010, S. 107–109). Gegen Betrug seitens der Betroffenen sprechen nach van Lommel auch die gravierenden Veränderungen, welche Nahtoderfahrungen nach sich zögen. Ein weiteres Argument: Die Tatsache, dass viele von ihnen aus Angst vor Ablehnung viele Jahre schweigen, um sich schließlich nur zögerlich einigen Freunden gegenüber zu öffnen, spricht ebenfalls gegen eine bewusste Lüge, mit der sie sich nur interessant machen wollen (Lommel 2013, S. 157). Gegen Betrug seitens der Ärzteschaft oder anderer Berichterstatter spricht, dass bisher meines Wissens kein Fall berichtet wurde, bei dem im Rahmen einer außerkörperlichen Wahrnehmung verdeckte Zeichen, welche zu Validierungszwecken an unzugänglicher Stelle angebracht waren, erkannt wurden. Dieses Detail wäre im Betrugsfall relativ problemlos in einen geeigneten Bericht „einzubauen“ und würde bei dessen Akzeptanz seine „Beweiskraft“ ganz erheblich steigern. 118 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Ein Fazit Pim van Lommels An zentraler Stelle richtet sich das Forschungsinteresse van Lommels auf die in Hypothese H 1 angesprochene Beziehung zwischen Gehirnaktivität und Bewusstsein. Einige Zitate hierzu: Immer wieder fragte man sich, wie im Zustand der Bewusstlosigkeit oder im Koma ein klares Bewusstsein oder Erinnerungen möglich sind, wo doch objektive Hinweise auf einen Totalausfall der Gehirnfunktionen hindeuteten. Konnte man wirklich davon ausgehen, dass Bewusstsein und Erinnerungen ein Produkt des Gehirns sind? War diese allgemein anerkannte wissenschaftliche Erkenntnis unumstößlich erwiesen oder konnte man sie zur Diskussion stellen? (Lommel 2013, S. 125–126). Oder: Dass es in einer Phase tiefer »Bewusstlosigkeit« möglich ist, ein klares und erweitertes Bewusstsein zu erfahren, das logisches Denken, Gefühle und Erinnerungen aus frühester Kindheit und in manchen Fällen auch Wahrnehmungen aus einer Position außerhalb und oberhalb des leblosen Körpers einschließt, wirft grundlegende Fragen auf. Eine solche Erfahrung hat Ähnlichkeit weder mit einem Traum noch mit den wirren Geschichten, die manche Patienten erzählen, wenn sie aus einem Koma mit einer Gehirnschädigung erwachen. Sie ist nicht mit einer Halluzination, mit bekannten Nebenwirkungen von Medikamenten oder mit Geburtserinnerungen vergleichbar. Aber was ist eine NTE dann? (Lommel 2013, S. 134). Oder: Manche Merkmale einer NTE, vor allem klares Bewusstsein und überprüfbare Wahrnehmungen innerhalb einer Zeitspanne, in der die Gehirnfunktionen ausgefallen oder schwer beeinträchtigt sind, stellen die derzeit gängigen Theorien über die Beziehung zwischen Gehirn und Bewusstsein in Frage. Denn nach diesen herkömmlichen Auffassungen ist Bewusstsein ein Produkt der Gehirntätigkeit (Lommel 2013, S. 135). 119 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Im Fazit zur niederländischen Studie schreibt van Lommel – nach dem Ausschluss83 der bisher in Betracht gezogenen physiologischen, psychologischen und pharmakologischen Ursachen: Nach dem heute geltenden Paradigma werden Erinnerung und Bewusstsein von großen Neuronengruppen oder neuronalen Netzen erzeugt. Da sich die Ursache und der Inhalt einer NTE jedoch durch die zuvor genannten Theorien nicht beweisen lassen, muss das allgemein anerkannte, aber nie bewiesene Konzept einer Lokalisierung des Bewusstseins im Gehirn offenbar zur Diskussion gestellt werden. Denn wie könnte jemand ein sehr klares Bewusstseinserleben außerhalb des Körpers haben, während er klinisch tot ist und das Gehirn zeitweilig nicht funktioniert? (Lommel 2013, S. 192). An anderer Stelle heißt es: In vielerlei Hinsicht stellen sowohl Bewusstsein als auch die Funktionsweise des Gehirns immer noch ein großes Mysterium dar (Lommel 2013, S. 289– 290). 2.4 Eine (später promovierte) Krankenschwester denkt um: Penny Sartori führt eine prospektive Studie in Großbritannien durch Vorbemerkungen Penny Sartori führte als Krankenschwester auf den Intensivstationen der Krankenhäuser Morriston und Singleton in Swansea (GB, Südwales; vgl. Sartori 2015, S. 7) eine fünfjährige prospektive Studie zu Nahtoder- 83 „Nur in der großangelegten niederländischen Studie konnten die Faktoren, die die Entstehung einer NTE möglicherweise beeinflussen, statistisch ausgewertet werden. Dabei konnten wir die bisher in Betracht gezogenen physiologischen, psychologischen und pharmakologischen Ursachen nicht bestätigen“ (Lommel 2013, S. 191). 120 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? fahrungen durch.84 Die Studie begann im Sommer 1997 mit einer Pilotstudie und bildete die Grundlage für ihre Doktorarbeit85. Der vorliegende Abschnitt 2.4 behandelt ihr 2015 erschienenes Buch „Nahtod-Erfahrungen als Neuanfang. Was wirklich wichtig ist im Leben“86 (mit einem Vorwort von Pim van Lommel; vgl. Abschn. 2.3), welches neben einer kurzen Beschreibung der Studie und ihrer Ergebnisse eine Fülle zusätzlicher Berichte und Informationen beinhaltet. Zu den Berichten bemerkt Dr. Sartori: Die meisten Beispiele in diesem Buch stammen von Menschen, die mir im Laufe der Jahre geschrieben oder gemailt haben. Zwar gaben mir alle die Erlaubnis, ihre Geschichten zu verwenden, doch viele wollten lieber anonym bleiben, und das habe ich respektiert. Wo ich auf beispielhafte Erlebnisse aus meiner Zeit als Krankenschwester zurückgreife, handelt es sich um Ereignisse, die tatsächlich so geschehen sind, doch ich habe ein paar Einzelheiten sowie die Namen geändert, um dafür zu sorgen, dass die Patienten nicht zu erkennen sind (Sartori 2015, S. 8). An anderer Stelle schreibt sie, dieses Buch […] stützt sich auf meine einundzwanzigjährige Berufserfahrung als Krankenschwester, auf meine Doktorarbeit über Nahtod-Erfahrungen und auf die persönlichen Erkenntnisse, die ich im Laufe meines Berufslebens gewonnen habe (Sartori 2015, S. 22). 84 Offenbar schloss sich nach fünf Jahren noch eine etwa dreijährige Auswertungs- bzw. Bearbeitungsphase an, wie folgendem Zitat zu entnehmen ist: „Die Studie begann 1997, und acht Jahre lang nahm meine Forschung mich vollkommen in Beschlag […]“ (Sartori 2015, S. 21). 85 Sartori, Penny (2008). The Near Death Experiences of Hospitalized Intensive Care Patients: A Five-Year Clinical Study. New York and Lampeter: Edwin Mellen Press 2008. Die Arbeit wurde von 1997 bis 2005 von Professor Paul Badham und Dr. Peter Fenwick betreut (vgl. Sartori 2015, S. 7). 86 Die Originalausgabe erschien 2014 unter dem Titel: „The Wisdom of Near-Death Experiences“. 121 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Ergänzend berichtet sie: Im Laufe der Jahre habe ich hunderte Beispiele für Nahtod-Erfahrungen von ganz normalen Menschen zusammengetragen, die mich kontaktiert haben. Einige Fälle habe ich hier aufgenommen […]. Die Berichte erscheinen in ihrer ursprünglichen Form und wurden bis auf die Korrektur von Rechtschreibfehlern und die Tilgung von Namen – weil die meisten Betroffenen lieber anonym bleiben wollten – nicht verändert (Sartori 2015, S. 22). Zu den Berichten der Betroffenen bemerkt sie: Man wird sehr demütig in Gegenwart eines Menschen, der eine Nahtoderfahrung gehabt hat, und ich betrachte es als große Ehre, dass alle diese Menschen mir ein so hochemotionales und persönliches Erlebnis anvertraut haben. (Sartori 2015, S. 23) sowie ferner: Insbesondere möchte ich empfehlen, einfach einmal verschiedenen Menschen zuzuhören, die ihre Nahtod-Erfahrung schildern – denn über Nahtod-Erfahrungen zu lesen, ist das eine, etwas ganz anderes ist es aber, tatsächlich dabei zu sein, wenn ein Betroffener von seiner Erfahrung erzählt (Sartori 2015, S. 23; vgl. hierzu auch S. 221 und S. 245).87 Dies deckt sich mit der bereits erwähnten Empfehlung Raymond Moodys (vgl. Abschn. 2.2): „Gehen Sie doch der Sache mal selber ein bisschen nach!“ (Moody 2013, S. 28). An anderer Stelle bemerkt Moody: Wenn man erlebt, wie ein Mensch sein Erlebnis nacherzählt, liegt darin so viel Überzeugungskraft, die man nur schwer in gedruckter Form weitervermitteln kann (Moody 2013, S. 173–174). 87 Eine ausführliche Selbstauskunft über die Wirkung eines derartigen Berichtes – in diesem Fall auf den Radioonkologen Jeffrey Long – ist in Long (2010, S. 44– 48) nachzulesen. Sie schließt mit der Erinnerung: „In jenem Moment veränderte sich mein Weltbild total. Ich erinnere mich, dass ich dachte, diese Erfahrungen könnten meine Ansichten über das Leben, den Tod, über Gott und die Welt, in der wir leben, völlig verändern“ (Long 2010, S. 48). 122 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Und noch eindringlicher: Ich befinde mich […] in einer unvergleichlichen Ausnahmesituation. Ich habe erlebt, wie erwachsene Menschen, reife und seelisch ausgeglichene Persönlichkeiten, die Fassung verloren und in Tränen ausbrachen, wenn sie mir von Begebenheiten erzählten, die manchmal über dreißig Jahre zurücklagen. Ich habe in dem, wie sie sich äußerten, Aufrichtigkeit, menschliche Wärme und Gefühlsoffenheit verspürt, wie sie keine schriftliche Wiedergabe je dem Leser vermitteln könnte (Moody 2013, S. 137–138). Bezüglich des Titels ihres hier vorgestellten Buches stellt Sartori – ebenfalls ähnlich wie Moody (2013, S. 27)88 oder auch Sabom (1982, S. 190–191 und 247) – gleich zu Beginn ihres Buches klar: Ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich nicht versuche, ein Leben nach dem Tod zu beweisen oder zu widerlegen – ich habe vielmehr versucht, ein besseres Verständnis des Sterbeprozesses zu erlangen, damit die Pflege sterbender Patienten verbessert werden kann (Sartori 2015, S. 22). In ähnlicher Richtung äußert sich auch Sabom (1982, S. 174–188). NTE-Berichte und ihre kulturelle Prägung Generell mit Blick auf die derzeit verfügbaren Berichte über Nahtoderfahrungen relativiert Sartori – ähnlich wie Moody (vgl. Abschn. 2.2) – deren Stellenwert. Bezüglich der eigenen „Stichprobe“ und der möglichen kulturellen Prägungen von Nahtoderfahrungen konstatiert sie: […] es muss zum wiederholten Mal betont werden, dass es sich hierbei nur um eine kleine Anzahl von Fällen handelt, die nicht repräsentativ für alle Nahtod-Erfahrungen innerhalb der jeweiligen Kultur sein mögen. Bis eine gründliche multi-kulturelle Umfrage mit denselben Forschungs- und Be- 88 „Ich möchte gleich zu Beginn hervorheben, dass ich […] nicht den Beweis zu erbringen beabsichtige, dass es ein Leben nach dem Tode gibt“ (Moody 2013, S. 27). 123 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? fragungsmethoden durchgeführt worden ist, können keine endgültigen Schlüsse gezogen werden […] (Sartori 2015, S. 133). Und: Wie bereits erwähnt, gibt es aus anderen Kulturen weniger Berichte in englischer Sprache, daher sind die uns vorliegenden Dokumentationen nicht unbedingt eine zutreffende Wiederspiegelung der Nahtod-Erfahrungen aus den jeweiligen Kulturen. Viele Berichte sind historisch, nicht immer stammen sie von den Betroffenen selbst […] (Sartori 2015, S. 116; vgl. auch S. 133). Was die berichteten Inhalte betrifft, stellt sie fest: Da manche Komponenten kulturell interpretiert werden, kann man […] annehmen, dass die Komponenten von den Betroffenen symbolisch durch ihren jeweiligen kulturellen Filter gedeutet werden (Sartori 2015, S. 133) und auch sie bemerkt – allerdings nicht ganz so hart wie Moody: „Leichte Übertreibungen sind möglich […]“ (Sartori 2015, S. 123). Zur Person/Umdenken In Bezug auf Nahtoderfahrungen berichtet Sartori: Meine wissenschaftliche Ausbildung als Krankenschwester sagte mir, dass es sich dabei schlicht um Halluzinationen oder Wunschdenken handeln musste (Sartori 2015, S. 20). Entsprechend ordnete sie nach eigener Aussage in ihrem ersten Ausbildungsjahr den Bericht einer ihr gut bekannten Patientin ein, wie dem folgenden Zitat zu entnehmen ist: Als ich 1989 meine Ausbildung zur Krankenschwester begann, hatte ich noch nie etwas von Nahtod-Erfahrungen gehört, und es wurde uns auch nichts darüber beigebracht. […] Als ich ihr [der Patientin; Sch.] […] beim Waschen half, erzählte sie mir kleinlaut, bei ihrem Herzstillstand […] sei sie »im Himmel« […] gewesen. […] Ich dachte mir, sie müsse halluziniert oder 124 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? zu viel Diamorphin bekommen haben […]. Erst ein paar Jahre danach, als ich bereits examinierte Krankenschwester war, sollte ich die Bedeutung ihrer Worte erkennen (Sartori 2015, S. 26). Dass sich ihre Sicht der Dinge grundlegend gewandelt hat, zeigt folgendes Zitat: Wenn man über gründliche Kenntnisse der Nahtod-Erfahrung verfügt, tatsächlich in der Umgebung arbeitet, in der Patienten am ehesten von solchen Erlebnissen berichten, und diese Forschung durchgeführt hat, zeigt sich, dass materialistische Argumente zur Erklärung der sehr komplexen Nahtod-Erfahrung schlicht nicht genügen (Sartori 2015, S. 210). Hierzu später mehr. Ziel, Anlage und Durchführung der Studie Über ihre 1997 begonnene Studie berichtet Sartori (2015, S. 21): […] unter Leitung der führenden britischen Nahtod-Experten, Professor Paul Badham und Dr. Peter Fenwick, unternahm ich die erste prospektive Langzeitstudie zu Nahtod-Erfahrungen in Großbritannien. Ein komprimierter Überblick zur Durchführung der zugehörigen Befragungen ist dem nachfolgenden Zitat zu entnehmen: Im ersten Jahr befragte ich jeden Patienten, der auf die Intensivstation kam, ganz gleich, wie nah er oder sie dem Tode gewesen war. Damit sollte festgestellt werden, wie häufig und mit welchen medizinischen Zuständen Nahtod-Erfahrungen überwiegend verbunden sind. Außerdem wollte ich so verhindern, dass ich eine Nahtod-Erfahrung verpasste, weil nicht aus eigenem Antrieb darüber berichtet worden war. Durch die Befragung aller Patienten ließ sich auch leichter ermitteln, ob Nahtod-Erfahrungen durch psychische Abwehrmechanismen ausgelöst werden könnten, etwa wenn die Patienten sich für kränker halten, als sie tatsächlich sind. Wenn ich die Patienten ansprach, fragte ich einfach: »Erinnern Sie sich an irgendetwas aus der Zeit, als Sie bewusstlos waren?« Die Forschung wur- 125 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? de erklärt und die Patienten wurden eingeladen, sich daran zu beteiligen. Ihre schriftliche Zustimmung wurde eingeholt und ihr Fall mit einer Zahl kodiert. Die meisten Patienten erinnerten nichts, wenn aber doch, wurden sie weiter befragt. Dazu wurde die Greyson Nahtod-Erfahrungsskala sowie ein vertiefender, semistrukturierter Fragebogen verwendet. Nach Ablauf des ersten Jahres war ich erschöpft und konnte die Praxis, jeden Patienten zu befragen, nur unter Schwierigkeiten aufrechterhalten. Alle Patienten wurden in meiner Freizeit noch einmal befragt […]. Ich verbrachte mehr Zeit bei der Arbeit als zu Hause […]. Während der darauffolgenden vier Jahre wollte ich deshalb nur noch Patienten befragen, die einen Herzstillstand überlebt hatten, sowie außerdem alle, die im Zusammenhang mit einem anderen medizinischen Leiden aus eigenem Antrieb von einer Nahtod-Erfahrung berichteten. […] Nach dem ersten Jahr hatte ich zweihundertdreiundvierzig Patienten befragt, aber nur zwei berichteten von einer Nahtod- (0,8 Prozent) und zwei weitere von einer außerkörperlichen Erfahrung (0,8 Prozent). Tatsächlich hatte ich mit sehr viel mehr Patienten gesprochen, doch einige waren aus verschiedenen Gründen für die Aufnahme in die Studie nicht geeignet, sei es, weil sie verwirrt waren oder weil ihr medizinischer Zustand sich drastisch verschlechterte und so weiter. Ich hatte nicht erwartet, viele Berichte über Nahtod-Erfahrungen zu erhalten, da nicht viele der befragten Patienten dem Tode nahegekommen waren. Interessant fand ich allerdings den Vergleich dieser Stichprobe mit den [später untersuchten; Sch.] Patienten, die einen Herzstillstand erlitten hatten. Bei der Befragung der Überlebenden eines Herzstillstands in den darauff ol genden vier Jahren stellte ich fest, dass trotz wesentlich kleinerer Stichprobe ein wesentlich höherer Prozentsatz an Nahtod-Erfahrungen auftrat. Am Ende der fünf Jahre hatten von neununddreißig Überlebenden eines Herzstillstands sieben (17,9 Prozent) von einer Nahtoderfahrung berichtet. In der Zeit, als ich mich ausschließlich auf Herzstillstands-Patienten konzentrierte, berichteten auch einige Patienten mit anderen Erkrankungen, bei denen kein Herzstillstand eingetreten war, aus eigenem Antrieb von einer Nahtod-Erfahrung. Insgesamt gaben in den fünf Jahren fünfzehn Patienten an, eine Nahtod-Erfahrung gemacht zu haben, außerdem wurde acht Mal von einer außerkörperlichen Erfahrung berichtet (Sartori 2015, S. 190–191; Hervorhebung im Original). 126 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Die Vorteile einer prospektiven Studie im Vergleich zur Untersuchung von Berichten, welche sich auf oft länger zurückliegende Nahtoderfahrungen unter weitgehend unkontrollierten Bedingungen beziehen, wurden bereits bei der Vorstellung der Studie Pim van Lommels (vgl. Abschn. 2.3) aufgezeigt. Im Rahmen einer prospektiven Studie kann der Hergang einer lebensbedrohlichen Situation inklusive einer Reanimation deutlich umfassender und verlässlicher dokumentiert werden. Ferner stehen in der Regel mehrere Personen zur Verfügung, welche das Geschehen bezeugen können. Die Informationen sind aktuell und können aus diesem Grund besser überprüft werden bzw. es können bei Bedarf in vielen Fällen Zusatzinformationen eingeholt werden. Zudem ergibt sich vom Design her automatisch eine Kontrollgruppe von Personen ohne Nahtoderfahrung zum Vergleich mit den Personen, die in einer vergleichbaren Situation eine Nahtoderfahrung hatten. Zu prüfen ist immer noch die zu Beginn von Kapitel 2 vorgestellte Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen).“ Zentral waren dabei zwei Punkte. Punkt 1: Es muss sichergestellt sein, dass das Gehirn nicht in der Lage ist, Bewusstsein zu erzeugen. Für die Beurteilung dieser Frage dürften aufgrund der medizinischen Überwachung – insbesondere in einer Intensivstation – in der Studie von Sartori umfassende, verlässliche Daten vorliegen. Punkt 2: Es muss sichergestellt sein, dass Bewusstsein auftritt. Dieser Punkt ist, wie bereits ausgeführt, insofern kritisch, als entsprechende Berichte aus der Erste-Person-Perspektive in der Regel nicht „von außen“ überprüfbar sind. Ebenfalls bereits erwähnt wurde allerdings eine gewisse Ausnahme, nämlich außerkörperliche Wahrnehmungen, bei denen die Personen Sachverhalte korrekt berichten, die sie während ihrer Nahtoderfahrung „wahrgenommen“ haben, die sie jedoch nach gängigem Verständnis nicht hätten wahrnehmen können. In diesem Fall ist man auf Berichte von Zeugen angewiesen, wobei im Krankenhausbetrieb gute Chancen bestehen dürften, dass sowohl kompetente als auch glaubwürdige Zeugen zur Verfügung stehen – eventuell auch für Kreuzvalidierungen (durch Abgleich der Aussagen unterschiedlicher Zeugen). Genau auf diesen Punkt legt auch Sartori Wert. Die Zielsetzung ihrer Studie beschreibt sie folgendermaßen: 127 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Nach sorgfältiger Durchsicht der vor Beginn meiner Studie verfügbaren Literatur wollte ich verschiedene Aspekte näher untersuchen und außerdem frühere Forschungen ergänzen. Zehn ganz bestimmte Forschungsfragen wollte ich ansprechen, darunter wie häufig Nahtod-Erfahrungen sind, ob sie mit anormalen Blutwerten zu erklären sind, ob sie durch die verabreichten Medikamente ausgelöst werden, ob es sich dabei um Wunschdenken oder Halluzinationen handelt und ob Nahtod-Erfahrungen nur bei Herzstillstand auftreten. Eine Komponente der Nahtod-Erfahrung war wahrscheinlich verifizierbar [sic!], nämlich die außerkörperliche Erfahrung (Sartori 2015, S. 188–189). Außerkörperliche Erfahrungen Der angestrebte Nachweis einer außerkörperlichen Erfahrung gelang im Rahmen der Studie in der vorgesehenen Form allerdings nicht. Sartori (2015, S. 181–182) schreibt in diesem Zusammenhang: In der Literatur gibt es Berichte über Patienten, die eine außerkörperliche Erfahrung hatten und danach zutreffende Angaben über Dinge machten, die sie in ihrem Gesichtsfeld im Moment des Notfalls nicht gesehen haben konnten. [Zum Beleg dieser Aussage wird auf insgesamt acht Quellen verwiesen; Sch.]. Andere Studien versuchten, die Wahrhaftigkeit der außerkörperlichen Erfahrung während einer Nahtod-Erfahrung nachzuweisen [Zum Beleg dieser Aussage wird auf insgesamt fünf Quellen verwiesen; Sch.]. Dazu wurden in der Unfall-Notaufnahme, auf der Intensivstation und auf der kardiologischen Intensivstation Marker-Karten platziert, die nur aus einer außerkörperlichen Perspektive einzusehen waren. Diese Versuche wurden von Dr. Sam Parnia89 und von mir repliziert. Keine Studie konnte schlüssige Ergebnisse liefern, aber Patient Zehn aus meiner Studie beschrieb das Handeln von Krankenschwester, Arzt und Physiotherapeutin, die bei seiner Notfall-Situation zugegen waren, sehr exakt. [es folgen Literaturverweise auf 89 Parnia, S.; Waller, D.G.; Yeates, R. und Fenwick, P. (2001), „A Qualitative and Quantitative Study of the Incidence, Features and Aetiology of Near-Death Experiences in Cardiac Arrest Survivors“, Resuscitation, Vol. 48, S. 149–156. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 128 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? ihre Dissertation sowie auf den nachfolgend zitierten Artikel von Sartori, Badham und Fenwick]. Dass sein Bericht zutreffend ist, weiß ich deshalb, weil ich die anwesende Krankenschwester war. Die aktuelle AWARE-Studie90 führt dasselbe Wahrhaftigkeits-Experiment durch (Hervorhebungen: Sch.). Auch wenn die Marker-Karten-Methode keine Belege für außerkörperliche Erfahrungen lieferte, bleibt festzuhalten, dass die von Sartori explizit persönlich bestätigten Angaben von Patient 10 (unter den kontrollierten Bedingungen des Krankenhausbetriebes) in Richtung eines derartigen Phänomens deuten. Eine etwas ausführlichere Übersicht zum Ablauf des Geschehens – unter Hinweis auf die „vorbildliche Dokumentation“ sowie auf unterschiedliche Zeugen und deren Bestätigung des Sachverhalts – gibt Nahm (2012, S. 139–142). Patient 10 hatte keinerlei Medikamente erhalten (vgl. Sartori 2015, S. 206). Sartori schreibt bezüglich der zur Prüfung von H 1 relevanten Aspekte über diesen 60-jährigen Patienten: Eine vollständige Untersuchung dieses Falles finden Sie in dem sechzehnseitigen Artikel von Sartori, Badham und Fenwick.91 Das Erlebnis trat nicht während eines Herzstillstands, sondern in einer Phase tiefer Bewusstlosigkeit ein, in der er weder auf verbale noch auf schmerzhafte Reize reagierte. Dieser Fall ist absolut einzigartig, tatsächlich war ich an jenem Tag die ihm zugewiesene Krankenschwester und daher in der Zeit, in der sich der ganze Geschehensablauf abspielte, anwesend. Der Patient erholte sich gut von seiner kritischen Erkrankung und wurde zum Zeitpunkt seiner Erfahrung noch beatmet. Nachdem wir den Patienten in den Sessel neben dem Bett gesetzt hatten, verschlechterte sich sein 90 „Die AWARE-Studie (AWAreness during REsuscitation – Bewusstsein bei der Wiederbelebung) ist die erste Studie des Human Consciousness Project, einer multidisziplinären Gruppe internationaler Wissenschaftler und Ärzte, die sich zusammengetan haben, um gemeinsam die Beziehung zwischen Geist und Gehirn beim klinischen Tod zu untersuchen.“ (Diese Angabe stammt aus einer Fußnote zum Zitat.) 91 Sartori, P., Badham, P. und Fenwick, P. (2006): „A Prospectively Studied Near- Death- Experience with Corroborated Out-of-Body Perceptions and Unexplained Healing“, Journal of Near-Death Studies, Vol. 25, No. 2, Winter, S. 69–84. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 129 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Zustand rapide, und er verlor schnell das Bewusstsein. Im Sommer 2013 befragte ich Patient Zehn erneut, um herauszufinden, ob seine Nahtod-Erfahrung zu großen Veränderungen in seinem Leben geführt hat. Der Vorfall hatte sich im November 1999 ereignet, doch obwohl seither über dreizehn Jahre vergangen waren, stand er dem Patienten immer noch lebhaft vor Augen, wie der folgende Bericht zeigt: »Oh ja, ich erinnere mich noch daran. Es ist noch genauso klar; es steht mir lebhaft vor Augen. Das Erste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich in dem Sessel saß. Als nächstes schwebte ich nach oben unter die Zimmerdecke. Ich schaute herunter und konnte meinen Körper auf dem Bett sehen. Es war schön, so friedlich und überhaupt keine Schmerzen. Alle meine Schmerzen waren weg. […] [Es folgt die Beschreibung einer Erfahrung mit charakteristischen Elementen einer Nahtoderfahrung; Sch.]. Dann spürte ich, dass jemand meine Augen berührt hat. Ich schaute nach unten, sah meinen Körper und den Arzt und konnte Sie sehen, Penny. Der Arzt hat irgendetwas wegen meines Auges gesagt.[92] Danach haben Sie mir dann dieses rosa Lutscherding[93] in den Mund geschoben, um ihn zu reinigen. Auch die andere junge Frau[94] war da; sie hat sich außerhalb des Vorhangs versteckt; sie hat sich Sorgen um mich gemacht und immer wieder nachgesehen, wie es mir geht. […] [Es folgt die Fortsetzung des angesprochenen Erlebnisses; Sch.]. Dann bin ich […] wieder in meinen Körper gekommen. Ach, der Schmerz war schrecklich, als ich wieder in meinen Körper kam, es war fürchterlich. Ich werde das nie vergessen; es war alles so klar. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alles wieder vor mir, obwohl es doch viele Jahre her ist. Ich habe das, was Sie auf dem Regal versteckt hatten, nicht gesehen – nur das, was mit meinem Körper und um das Bett herum passiert ist. 92 Nach der Darstellung bei Nahm (2012, S. 140): „Der Arzt stellte eine leichte Reaktion der Pupillen fest und äußerte sich dahingehend zu den Anwesenden“. Auf den Seiten 139 bis 141 findet sich dort eine ausführliche Fallbeschreibung. 93 Nach der Darstellung bei Nahm (2012, S. 141) handelte es sich dabei um einen medizinischen Schwamm. 94 Nach der Darstellung bei Nahm (2012, S. 139–141) handelte es sich dabei um seine Physiotherapeutin, die veranlasst hatte, ihn auf den Stuhl zu setzen. „Die ebenfalls anwesende Physiotherapeutin war tatsächlich in großer Sorge um den Patienten und schaute immer wieder zwischen den Sichtschutz-Vorhängen hindurch, um nach dem Zustand des Mannes zu sehen“ (Nahm, 2012, S. 140–141). 130 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Es war ganz klar, nicht wie die Halluzinationen, die ich unter dem Morphium hatte. Diese Halluzinationen waren schrecklich; ich kann mich heute nicht mehr so deutlich an sie erinnern [sic!], aber ich weiß noch, dass das Zimmer sich gedreht hat, Spinnen an den Wänden auf und ab krabbelten und es sich so anfühlte, als setze sich das Bett in Bewegung und dringe durch die Wände. Nein, die Todeserfahrung war ganz anders als das.« Es gab einige unbedeutende Aspekte, die Patient Zehn vergessen hatte, zum Beispiel den Namen der Physiotherapeutin, doch die Nahtod-Erfahrung war offensichtlich immer noch so, wie er sie beim ersten Mal geschildert hatte. Sie hatte anhaltende Wirkung auf Patient Zehn und hat ihm geholfen, mit schwierigen Situationen fertig zu werden, zum Beispiel mit dem Tod seiner Frau (Sartori 2015, S. 192–194; in der Quelle Kursivdruck des Berichts von Patient Zehn, hier durch „»…«“ ersetzt; Hervorhebung: Sch.). Erwähnt seien an dieser Stelle noch zwei Nahtoderfahrungen, welche Dr. Sartori berichtet wurden und die sich dadurch auszeichnen, dass die Bestätigung von außerkörperlichen Wahrnehmungen durch Dritte berichtet wird. Allerdings beruhen beide auf Selbstberichten. Wie bereits mehrfach diskutiert, muss hierbei von der Vertrauenswürdigkeit der berichtenden Personen ausgegangen werden. Fall 1: Ich lag im Bett mit der einzigen echten Grippe, die ich je hatte. Ich war völlig erschöpft, und mir war, als müsste ich sterben. Ich weiß nicht genau, was mit mir passiert ist, sondern kann nur die kristallklaren Erinnerungen wiedergeben. Irgendwann war ich aus meinem Elternhaus draußen und auf dem Dach. Mein Blick fiel auf des vereiste Legefenster. Das Blei am oberen Fensterrand war stark gewellt. Ich schaute es an und dachte, erstaunlich, dass noch kein Wasser in mein Zimmer gedrungen ist. […] Als ich wieder aufwachte, wusste ich, dass es kein normaler Traum gewesen war; denn ich spürte, wie mein Herzschlag wieder einsetzte und ich kurze Zeit später wieder anfing zu atmen. […] Ich lag noch ein paar Tage im Bett und erzählte meinen Eltern von dem Erlebnis. Mein Vater beschloss, sich das Blei auf dem Dach anzusehen, und nahm an, ich müsse es von meinem Zimmer aus gesehen haben. Er konnte kein Blei entdecken. Ein paar Monate vergingen, und als ein paar Ziegel ausgewechselt werden mussten, sagte der Dachdecker meinen Eltern, das Blei am oberen Ende des Legefensters müsse ausgetauscht werden, weil es sich aufgeworfen habe und gebrochen sei (Sartori 2015, S. 85–86; Zitat in der Quelle kursiv gesetzt). 131 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Falls man diesen Bericht als „vertrauenswürdig“ einstuft, weist er insofern eine besondere Qualität auf, als der Punkt: „Es muss sichergestellt sein, dass das Gehirn nicht in der Lage ist, Bewusstsein zu erzeugen“ in diesem Fall irrelevant ist. Auch ein Gehirn, das in der Lage ist, Bewusstsein zu erzeugen, konnte das beschriebene Leck im Dach von einem „normalen“ Standpunkt aus nicht wahrnehmen! Hierzu musste das Dach betreten werden. Der hier geschilderte Bericht scheint kein Einzelfall zu sein – ein entsprechender Hinweis findet sich bei Sartori (2015, S. 94–95. Michael Nahm (Näheres in Kapitel 3) äußert sich ebenfalls entsprechend zu „Wahrnehmungen von entfernten Gegebenheiten“ im Rahmen von Nahtod-Erfahrungen: [Es] werden oftmals auch Beobachtungen von Sachverhalten geschildert, die sich in einiger Entfernung vom leiblichen Körper und der Szenerie des Krankenlagers abgespielt haben. Diese Beobachtungen können schwerlich mit einem Restbewusstsein des Körpers oder mit nur zufällig übereinstimmenden Halluzinationen erklärt werden. Beispiele von solchen Wahrnehmungen auf Distanz existieren viele (Nahm 2012, S. 176). Nach einigen Fallbeispielen (nebst Literaturverweisen) bemerkt er: Sollten derartige Fälle der Wahrheit entsprechen, so würden sie ein gewichtiges Indiz dazu beisteuern, dass der Mensch in Todesnähe tatsächlich in Echtzeit Wahrnehmungen vollziehen kann, die weitgehend unabhängig von der Gehirnfunktion sind (Nahm 2012, S. 180). Zurück zu Sartori und dem zweiten dort berichteten Fall, welchen Sie offenbar ebenfalls bestätigend interpretiert: Die Operation verlief gut, bis ich plötzlich aus unerfindlichen Gründen einen Herzstillstand erlitt. Ich schwebte in einer Ecke unter der Decke des Operationssaals und beobachtete, wie das Personal versuchte, mich wiederzubeleben. Eine Nierenschale aus Metall viel zu Boden, und der Chirurg kickte sie weg. Sie prallte irgendwo am Boden ab und traf eine Krankenschwester am Knöchel. […] Am nächsten Morgen machten die Chirurgen die Runde, und der behandelnde Arzt sagte: […] [abschließend; Sch.] Ob ich noch Fragen hätte. Ich fragte, ob es der Schwester wehgetan hätte, als er 132 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? die Nierenschale quer durch den OP gekickt und diese die Schwester getroffen habe. Er fragte, woher ich das wisse, und ich erzählte ihm, ich sei oben in der Ecke des OP gewesen und hätte gesehen, wie es passiert sei. Er wandte sich den anderen zu und sagte »interessant«, dann ging er. Die Ärzte und Schwestern haben den Vorfall nie wieder erwähnt, und wenn ich ihn angesprochen habe, behaupteten sie, ich hätte wohl geträumt. Anästhetika würden seltsame Dinge mit mir anstellen (Sartori 2015, S. 98–99; Zitat in der Quelle kursiv). Weitere Berichte über ärztlicherseits bestätigte außerkörperliche Erfahrungen während einer Operation finden sich auch bei Sartori (2015, S. 63) oder bei Sabom (1982, S. 89–103 sowie 139–140). Long (2010) berichtet ebenfalls von einem ähnlichen Fall. Die zentrale Aussage der Patientin: Als ich aufwachte, habe ich den Ärzten erzählt, dass ich gesehen habe, was sie mit mir während der Operation gemacht haben. Sie staunten nicht schlecht über meine präzise Beschreibung ihrer Arbeit. Tatsächlich hatten sie mir einen knappen Meter Darm entfernt. Trotzdem glaubten sie mir nicht (Long 2010, S. 275). Jeffrey Long bemerkt zum Thema: Die Vorstellung, dass es außerkörperliche Erfahrungen wirklich gibt, mag für manche schwer zu akzeptieren sein. Das ist verständlich. Nur wenige Menschen haben erlebt, dass das Bewusstsein getrennt vom physischen Körper existiert. Deshalb werden wohl vernünftige Menschen sehr stichhaltige Beweise fordern, bevor sie außerkörperliche Wahrnehmungen als Tatsache akzeptieren. Wie wir sehen werden, gibt es solche Beweise tatsächlich (Long 2010, S. 107; Hervorhebung: Sch.). Mit Blick auf die Häufigkeit von außerkörperlichen Erfahrungen in Todesnähe ergänzt Michael Nahm: Janice Holden […] hat alleine aus der qualitativ überdurchschnittlichen Literatur der Nahtod-Forschung hundertundsieben [sic!] Fälle zusammengestellt, in denen die Erfahrenden zutreffend Sachverhalte beschrieben haben, 133 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? die ihren normalen Sinnesorganen nicht zugänglich gewesen sein sollen95 (Nahm 2012, S. 186). Es folgen weitere Literaturhinweise zu umfangreichen Sammlungen von Berichten über außerkörperliche Erfahrungen generell. Ausschluss alternativer Erklärungen Auch Penny Sartori beschäftigt sich, wie Eben Alexander (vgl. Abschn. 2.1), Raymond Moody (vgl. Abschn. 2.2) und Pim van Lommel (vgl. Abschn. 2.3) ausführlich mit den angebotenen Möglichkeiten, das Phänomen „Nahtoderfahrung“ zu erklären. Im Rückblick auf das betreffende Kapitel: „Vermutete physiologische und psychologische Erklärungen für Nahtod-Erfahrungen“ (Sartori 2015, S. 167–187) zieht sie das Resümee: Es ist offensichtlich, dass die materialistischen Theorien die große Bandbreite der Komplexitäten von Nahtod-Erfahrungen nicht erklären können. Auch nach über dreißig Jahren Forschung über das Phänomen der Nahtod- Erfahrungen liefert nicht eine dieser vorgebrachten Theorien eine geeignete Erklärung. Es gibt hunderte von Fällen, die anekdotisch berichtet, aber nie ernst genommen worden sind, da man annahm, sie seien mit den oben erwähnten Theorien zu erklären. Eine weitere gern vorgebrachte Kritik lautet, die Forschungsteams berichteten Unzutreffendes. Um diese Behauptung zu rechtfertigen, bedürfte es allerdings einer großen Verschwörung von medizinischem Personal, Pflegekräften, Patienten und Forschern; und heute, da diese Forschung in klinischen Bereichen betrieben wird, ist sie nicht mehr ganz so einfach von der Hand zu weisen (Sartori 2015, S. 187; vgl. auch S. 210). Ähnlich äußerten sich auch, wie aus den vorhergehenden Abschnitten ersichtlich, Eben Alexander (2013, S. 191–194 und S. 251–256), Raymond Moody (2013, S. 152–171) und Pim van Lommel (2013, S. 134–162). 95 Holden, J. M. 2009: Veridical perception in near-death experiences«. In: J.M. Holden, B. Greyson & D. James (Hrsg.): The handbook of near-death experiences. Thirty years of investigation. (S. 185–211). Santa Barbara, CA: ABC-Clio. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 134 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Auf konkrete Fälle aus ihrer Untersuchung bezogen führt Sartori (2015, S. 257) aus: Die folgenden Aspekte – Begegnung mit verstorbenen Verwandten, wobei die Betroffenen zum Zeitpunkt ihrer Erfahrung nichts von deren Tod wussten (Patient Neunzehn); Erlangung von Informationen auf anderem Wege als über die Sinne (Patient Elf und Patient Zweihundertfünfundneunzig) sowie die unerklärliche Spontanheilung[96] eines Geburtsfehlers (Patient Zehn) – sind nicht durch physiologische, psychologische oder kulturelle Faktoren zu erklären (Hervorhebung: Sch.).97 Mit Blick auf eine Erklärung von Nahtod-Erfahrungen durch Medikamenteneinwirkung berichtet sie: Von den Patienten mit Herzstillstand erhielten viele schmerzstillende und sedierende Medikamente, gaben aber nicht an, eine Nahtod-Erfahrung gemacht zu haben. In dieser Gruppe gab es allerdings auch Patienten, die von einer Nahtod-Erfahrung berichteten und zum fraglichen Zeitpunkt keinerlei Medikamente erhielten (Sartori 2015, S. 205–206; Hervorhebungen: Sch.). Ähnlich äußert sich, wie in Abschnitt 2.3 bereits angesprochen, auch van Lommel (2013, S. 160). Möchte man Nahtoderfahrungen auf Medika- 96 Über die Heilung des Patienten berichtet Long (2010, S. 278): „Diese medizinisch unerklärliche Heilung wurde von seiner Familie sowie von Ärzten und Pflegekräften bestätigt.“ Auf das Thema Spontanheilung geht Jeffrey Long auch anhand seiner groß angelegten, internationalen Sammlung von Beichten über Nahtoderfahrungen ein. Mit Blick auf seine eigene Arbeit schreibt er: „Zu den beeindruckendsten Ver- änderungen gehören für mich die unerwarteten Heilungen, von denen einige Betroffene berichten. Im Rahmen der NDERF-Studie sind wir auf viele solche Fälle gestoßen. Unter anderem glaubten Menschen mit schweren körperlichen oder psychischen Erkrankungen, dass sie um die Zeit ihrer Nahtoderfahrung herum geheilt wurden“ (Long 2010, S. 78–79; vgl. hierzu auch S. 270–278). Auch bei Nahm (2012, S. 130–144) findet sich ein ganzer Abschnitt „Körperliche Auswirkungen von Nahtod-Erfahrungen“ – nach einem allgemeinen Abschnitt „Heilungen und Symptomverbesserungen kurz vor dem Tod“. 97 Nähere Informationen zu den Patienten finden sich bei Sartori (2015, S. 192– 196) sowie bei Nahm (2012, S. 139–142). 135 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? menteneinwirkung zurückführen, sind die genannten Argumente zu berücksichtigen. Bemerkenswert ist ferner die Erwähnung des Falls eines Piloten mit einer Nahtod-Erfahrung, der auch Hypoxie [Mangelversorgung des Gewebes mit Sauerstoff; Sch.] in großer Höhe erlebt hat und die beiden Erlebnisse als vollkommen unterschiedlich empfindet98 (Sartori 2015, S. 169; Hervorhebung: Sch.), da hier von ein und derselben Person ein direkter Vergleich aus der „Erste-Person-Perspektive“ vorliegt. Ähnlich liegen die Dinge bei dem bereits erwähnten Patienten Zehn aus der Studie von Dr. Sartori, der Halluzinationen und „Todeserfahrung“ aufgrund eigenen Erlebens vergleichen konnte. Zur Erinnerung: Es war ganz klar, nicht wie die Halluzinationen, die ich unter dem Morphium hatte. Diese Halluzinationen waren schrecklich; ich kann mich heute nicht mehr so deutlich an sie erinnern […]. Nein, die Todeserfahrung war ganz anders als das (Sartori 2015, S. 193). Generell stellt Penny Sartori fest: Einige Patienten in der Studie hatten sowohl Halluzinationen als auch eine Nahtod-Erfahrung und konnten daher zwischen den beiden Erlebnissen unterscheiden (Sartori 2015, S. 204). Zur Validierung: NTE-Klarheit und Langlebigkeit Bei Sartori (2015) finden sich zahlreiche Verweise sowohl auf die Klarheit der jeweiligen Erfahrungen als auch auf deren Resistenz gegen Vergessen. Einige Beispiele: 98 Fenwick, E. und Fenwick, P. (1996); The Truth in the Light, Headline, S. 309. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 136 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Ich bin ein sehr wissenschaftlicher Denker, […] aber ich erkenne auch die Grenzen unserer Wissenschaft. Ich weiß, was ich erlebt habe! (Sartori 2015, S. 58). Oder: Ich kann mich [nach dreißig Jahren99; Sch.] sofort wieder an meine Nahtod-Erfahrung erinnern (Sartori 2015, S. 58). Oder: Es geschah vor annähernd dreißig Jahren, aber es ist mir noch so deutlich in Erinnerung, als wäre es gestern gewesen (Sartori 2015, S. 67). Als Reaktion auf einen Zeitungsartikel schrieb eine Dame über ihre Nahtoderfahrung ähnlich: Das war 1948 [damaliges Alter: sechs Jahre; Sch.]. Die Erfahrung steht mir heute noch so klar vor Augen wie damals (Sartori 2015, S. 102). Oder: Ich war elf Jahre alt, als es passiert ist. Heute bin ich zweiundfünfzig und Großmutter, doch das Erlebnis ist mir immer gegenwärtig geblieben (Sartori 2015, S. 109). Oder: Meine Nahtod-Erfahrung [im Alter von vier Jahren; Sch.] […] war so real, dass ich mich auch heute, im Alter von neunundvierzig Jahren, noch an jede Einzelheit erinnern kann (Sartori 2015, S. 112). Weitere ganz ähnliche Beispiele finden sich bei Sartori (2015, S. 72, 89 oder 108). Aus ihrer persönlichen Erfahrung berichtet sie (2015, S. 72): 99 Die Zeitangabe in Klammern ist errechnet nach Sartori (2015, S. 44). 137 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Ich habe mit Menschen gesprochen, die über achtzig und neunzig Jahre alt waren und vor über fünfzig Jahren eine Nahtod-Erfahrung gehabt hatten. Dennoch war diese ihnen völlig gegenwärtig. Dies deckt sich mit der bereits in Abschnitt 2.3 zitierten Aussage van Lommels (2013, S. 170): Es war bemerkenswert, dass manche Patienten ihren NTE-Bericht nach zwei und auch nach acht Jahren fast wörtlich und detailgenau wiederholten, was bei einem Traum oder einer erfundenen Geschichte fast unmöglich ist. Auch Knoblauch schreibt beispielsweise im Anschluss an die Schilderung des Falles einer Frau mit Nahtoderfahrung: Während sie, wie viele andere, ihre gewöhnlichen Träume bald wieder vergisst, bleibt die Nahtoderfahrung »für immer« und vielfach auf eine lebendige Weise im Gedächtnis (Knoblauch 2007, S. 98). Sartori kommt zusammenfassend zu dem Schluss: […] es gibt nichts, womit man sie [eine Nahtoderfahrung; Sch.] vergleichen könnte. Viele bezeichnen sie als »wirklicher als wirklich« (Sartori 2015, S. 222). Und sie weist auf einen speziellen Punkt hin: Viele Berichte in der Literatur über kindliche Nahtod-Erfahrungen wurden nacherzählt, als die Betroffenen bereits erwachsen waren. Untersuchungen dieses Aspekts haben gezeigt, dass die nachträglich erinnerten Nahtod-Erfahrungen im Laufe der Zeit nicht ausgeschmückt wurden und die Erinnerung lebendig blieb100 (Sartori 2015, S. 93). 100 Bush, Nancy Evans (1983) „The Near Death Experience in Children: Shades of the Prison-House Reopening“, Anabiosis: The Journal of Near-Death Studies, Vol. 3, S. 177–193); Serdahley, W. (1991); „A Comparison of Retrospective Accounts of Childhood Near-Death Experiences with Contemporary Pediatric Near- Death Experience Accounts“, Journal of Near-Death Studies, Vol. 9, No. 4, Sommer, S. 219–24. (Die Literaturangaben sind Teil des Zitats.) 138 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Zur Validierung: Zurückhaltung beim Erzählen Wie in Abschnitt 2.6 angesprochen, neigen Personen, die eine Nah toder fah rung hatten, in aller Regel dazu, diese entweder (lange Zeit) zu verschweigen oder sie nur engsten Vertrauten mitzuteilen. Als Begründung wird dabei angegeben, man habe Angst, nicht ernst genommen, der Lüge bezichtigt oder für unzurechnungsfähig erklärt zu werden. Auch in dem Buch von Sartori finden sich zahlreiche Beispiele. Hier einige entsprechende Aussagen: Ich möchte nicht, dass mein Name genannt wird, weil sonst sehr viele hier behaupten würden, ich sei dement (Sartori 2015, S. 73). Oder: […] nachdem ich jahrelang nur sehr wenigen Leuten erzählt habe, was passiert ist – für den Fall, dass die anderen mich für verrückt halten […] (Sartori 2015, S. 87). Oder: Außer Ihnen erzähle ich das niemandem – die Leute denken sonst noch, ich bin absolut plemplem (Sartori 2015, S. 90). Oder: Viele Jahre habe ich niemandem davon erzählt. Ich dachte, jeder würde glauben, ich lüge oder sei verrückt geworden (Sartori 2015, S. 97). Oder: Ich habe schnell gelernt, dass ich über meine Erfahrung besser Stillschweigen bewahre, denn wenn ich darüber sprach, sahen mich alle immer so komisch an (Sartori 2015, S. 109–110). 139 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Oder: Ich hatte den Eindruck, ich könne nicht darüber sprechen, aus Angst, ich würde ausgelacht oder präsentierte mich in einem nicht ganz so günstigen Licht (Sartori 2015, S. 229–230) … und so weiter – die Aufzählung könnte fortgesetzt werden. Ihre Erfahrungen mit Menschen, die eine Nahtod-Erfahrung hatten zusammenfassend, schreibt Sartori: Oft scheuen sie sich, über ihr Erlebnis zu sprechen, weil sie befürchten, dass man sich über sie lustig macht oder ihnen nicht glaubt. […] Nahtod-Erfahrene wollen keine Aufmerksamkeit erregen und haben große Scheu, in der Öffentlichkeit über ihre Erfahrung zu sprechen – viele Beispiele in diesem Buch stammen von Menschen, die um Anonymität gebeten haben (Sartori 2015, S. 55; vgl. zu dieser „Zurückhaltung“ auch Sartori 2015, S. 222). Raymond Moody äußert sich ähnlich: Den meisten, die eine Todesnähe-Erfahrung durchgemacht haben, scheint gar nichts daran zu liegen, anderen Beweise zu liefern. Eine Kollegin, Fach- ärztin für Psychiatrie, die selber ihren Beinahe-Tod erlebt hatte, sagte mir einmal: »Wer es selber erfahren hat, der weiß Bescheid. Wer nicht, der soll abwarten« (Moody 1997, S. 177–178). Falls die beschriebenen Eindrücke zutreffen, sprechen sie gegen durchweg „erfundene Berichte“ der betreffenden Personen und damit dafür, dass Fälle vorkommen, in denen die zu Beginn von Kapitel 2 thematisierte Forderung: „Es muss sichergestellt sein, dass Bewusstsein auftritt“, erfüllt ist. Zur Validierung: gravierende Veränderungen Sartori betont darüber hinaus – wie auch Raymond Moody (vgl. Abschn. 2.2), Pim von Lommel (vgl. Abschn. 2.3), Jeffrey Long (2010, S. 255– 292), Michael Sabom (1982, S. 163–174) oder Hubert Knoblauch (2007, S. 142–147) – die gravierenden Veränderungen, welche Nahtod-Erfahrun- 140 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? gen nach sich ziehen. Sie widmet diesem Thema ein ganzes Kapitel ihres Buches (Sartori 2015, S. 55–92).101 Ein spezielles Beispiel – neben der bereits angesprochenen Veränderung persönlicher Ansichten und Werthaltungen: Professor Bruce Greyson stellte fest, dass bei Patienten, die bereits mehrere Suizidversuche unternommen, dann jedoch eine Nahtod-Erfahrung gehabt hatten, die Wahrscheinlichkeit eines erneuten Suizidversuchs deutlich sank. Die Gründe dafür könnten in einer neuen Wertschätzung für das Leben und in dem Gefühl der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens liegen (Sartori 2015, S. 240).102 Sofern diese Ergebnisse valide sind, sprechen auch sie gegen durchweg „erfundene Berichte“ der betreffenden Personen und können damit ebenfalls als Hinweis dafür betrachtet werden, dass Fälle auftreten, welche die Forderung: „Es muss sichergestellt sein, dass Bewusstsein auftritt“, erfüllen. Zur Validierung: harter Kern von NTE-Elementen Dasselbe gilt, wie bereits mehrfach angesprochen, wenn eine überschaubare Anzahl (also: ein „harter Kern“) ungewöhnlicher und damit unwahrscheinlicher Elemente in den Berichten über Nahtoderfahrungen feststellbar ist. Dies scheint hier der Fall zu sein. Sartori berichtet im Rahmen ihrer Studie: In der Zeit, als ich mich ausschließlich auf Herzstillstands-Patienten konzentrierte, berichteten auch einige andere Patienten mit anderen Erkrankungen, bei denen kein Herzstillstand eingetreten war, aus eigenem Antrieb von einer Nahtod-Erfahrung. Insgesamt gaben in den fünf Jahren fünfzehn Patienten an, eine Nahtod-Erfahrung gemacht zu haben, außerdem wurde acht Mal von einer außerkörperlichen Erfahrung berichtet. 101 Zusätzlich thematisiert sie die positive Wirkung entsprechender Berichte in verschiedenen Bereichen der Therapie (vgl. Sartori 2015, S. 231–242). 102 Vgl. hierzu auch Sartori (2015, S. 258–259) oder eine entsprechende generelle Aussage bei Nahm (2012, S. 273). 141 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Die am häufigsten genannte Komponente einer Nahtod-Erfahrung war die Begegnung mit verstorbenen Verwandten. Elf von fünfzehn Patienten berichteten davon. Weitere vorherrschende Elemente waren der Eintritt in eine andere Welt, der Anblick eines hellen Lichts, Gefühle der Freude, des Friedens und der Ruhe, Zeitverzerrung, hellwache Sinne, ins Leben zurückgeschickt werden, der Anblick eines Lichtwesens und die Ankunft an einer Grenze. [vgl. hierzu Tab. 2.3–2; Sch.] Interessanterweise berichtete kein Patient von einem vollständigen, panoramaartigen Lebensrückblick und ebenfalls keiner von Zukunftsvisionen (Sartori 2015, S. 191–192). Zur Validierung: NTE unbeschreibbar Auch für die (bereits mehrfach erwähnte) empfundene Unmöglichkeit, Nahtoderfahrungen und die dabei stattfindende „Kommunikation“ ad- äquat in Worte zu fassen, finden sich Beispiele in den Berichten, etwa: Es fand keine Sprache statt, aber die Gedanken wurden mir irgendwie übermittelt (Sartori 2015, S. 72). Oder: Was dann geschah, überwältigt mich immer noch, und ich konnte es nie wirklich in Worte fassen. […] Ich kann es nicht ausdrücken, es war etwas, das ich nicht mit Worten beschreiben kann, weil ich keine Worte dafür habe (Sartori 2015, S. 228 und 230). Ganz ähnliche Äußerungen finden sich auch bei Alexander (2013, S. 49, 63, 70–73), bei Moody (2013, S. 39, 42, 57, 63, 66, 71, 73) sowie bei van Lommel. Einige Beispiele: Es war zu viel! Einfach zu viel, um es in menschliche Worte zu fassen (Lommel 2013, S. 52). 142 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Oder: Ich bedaure, dass Worte nicht genügen, um meine Erfahrung zu beschreiben. […] Letztlich lässt sich auf keinerlei Weise beschreiben, was ich erlebt habe (Lommel 2013, S. 53). Oder: Worte scheinen diese Erfahrung nur einzuengen (Lommel 2013; S. 71). Auch in diesem Punkt stimmen die Ausführungen bei Sartori (2015) mit denen aus den vorangegangenen Abschnitten 2.1 bis 2.3 sowie denen aus Abschnitt 2.5 überein. Jeffrey Long bestätigt mit Blick auf seine Studie: Nahtoderfahrungen werden oft als »unaussprechlich« bezeichnet, nicht nur, weil sie nur schwer mit Worten auszudrücken sind, sondern weil es auch sehr schwierig sein kann, diese zutiefst erstaunliche Erfahrung geistig zu verarbeiten“ (Long 2010, S. 258) und Hubert Knoblauch schreibt über Personen mit Nahtoderfahrungen, die Betroffenen hätten häufig den Eindruck, sie fänden keine passenden Worte, um ihre Erfahrung zu beschreiben. Dabei handelt es sich aber um ein grundsätzliches Problem: Wie können so außergewöhnliche Erfahrungen mit den Mitteln der Alltagssprache ausgedrückt werden? (Knoblauch 2007, S. 130). Von der Unmöglichkeit, passende Worte für die Beschreibung einer Nahtoderfahrung zu finden, ist auch in den Berichten bei Wiesenhütter (1974, S. 11, 12, 16, 18 und 77) die Rede. 143 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Das Fazit Penny Sartoris Das Fazit des besprochenen Buches lässt sich einigen Zitaten entnehmen: Nahtod-Erfahrungen galten früher als der wissenschaftlichen Untersuchung nicht würdig, doch heute, da diese Erfahrungen seriös anerkannt sind und als wissenschaftliches Betätigungsfeld ihre Berechtigung haben, stehen wir offensichtlich an der Schwelle einer Erweiterung unseres heutigen Wissens […], wir können sie lediglich noch nicht erklären (Sartori 2015, S. 261–262). Dieses Buch ist das Ergebnis eines zwanzigjährigen Versuchs, dem Tod einen Sinn abzugewinnen und dabei Wichtiges über das Leben zu lernen. Ich behaupte nicht, alle Antworten zu kennen, tatsächlich hat meine Forschung mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet. Sie hat mir die Augen für Dinge geöffnet, die ich zuvor nie akzeptiert hätte […] (Sartori 2015, S. 250). Nahtod-Erfahrungen sind ein lückenhaft dokumentiertes Phänomen. Von den fünfzehn Nahtod-Erfahrungen kamen die Angaben nur in zwei Fällen aus eigenem Antrieb. […] Die übrigen dreizehn Patienten hätten nichts über ihre Nahtod-Erfahrung erzählt, hätte ich sie nicht gefragt, ob sie sich aus der Zeit ihrer Bewusstlosigkeit an irgendetwas erinnern könnten. Außerdem gab es drei Patienten, die berichteten, sie hätten eine Nahtod-Erfahrung gehabt, jedoch kurz danach verstarben. Es könnte daher sein, dass Patienten in der akuten Phase ihrer Erkrankung eine Nahtod-Erfahrung haben, sich aber vor ihrem Tod nicht so weit erholen, dass sie darüber berichten könnten (Sartori 2015, S. 256–257). Wie andere prospektive Forschungsarbeiten zu Nahtod-Erfahrungen103 zeigt auch […] [meine Studie; Sch.], dass die Betroffenen klare, luzide, bewusste 103 Sabom, Michael (1998); Light and Death: One Doctor’s Fascinating Account of Near-Death Experiences, Zondervan Publishing Hose; Parnia, S.; Waller, D.G.; Yeates, R. und Fenwick, P. (2001); „A Qualitative and Quantitative Study of the Incidence, Features and Aetiology of Near-Death Experiences in Cardic Arrest Survivors“, Resuscitation, Vol. 48, S. 149–156; van Lommel. P. (2010); Consciousness Beyond Life: The Science of Near-Death Experience, HarperOne; deutsch: Endloses Bewusstsein: neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung, aus dem Niederländischen von Bärbel Jänicke, Patmos 2009; Schwaninger, J.; Eisenberg, P.R.; Schechtman, K.B. und Weiss, A.N. (2002); „A Prospective Analysis of Near- 144 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Erfahrungen aus einer Zeit wiedergegeben haben, in der ihr Hirn nicht mehr oder nicht mehr optimal gearbeitet hat. Dabei handelt es sich nicht um anekdotische Geschichten […]. Es sind vielmehr sorgfältig dokumentierte Fälle, belegt durch fachliche Notizen von Medizinern und Krankenschwestern sowie die Aussagen der Patienten und des während der Ereignisse anwesenden Personals. Darüber hinaus zeigte sich in der prospektiven Forschung eine hohe Übereinstimmung mit anekdotischen Fällen, über die zuvor bereits in der Literatur berichtet worden war (Sartori 2015, S. 256). Seit der Untersuchung einer großen Anzahl subjektiver Berichte von Patienten, die ich gepflegt habe und die starben oder dem Tode nahe waren, zeigt sich für mich, dass diese Berichte nur dann geheimnisvoll bleiben, wenn sie aus dem Blickwinkel unseres gegenwärtigen wissenschaftlichen Paradigmas betrachtet werden, wonach das Bewusstsein ein bloßes Nebenprodukt des Gehirns ist (Sartori 2015, S. 250–251). Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass unser Bewusstsein nicht in jedem Fall mit den Gehirnfunktionen kongruiert: Geschärftes Bewusstsein ist zuweilen getrennt vom Körper erlebbar (Sartori 2015, S. 15). Mit anderen Worten: Sartori sieht gute Gründe für die Annahme der am Anfang von Kapitel 2 vorgestellten Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“. 2.5 Ein Intensivmediziner denkt um: Sam Parnia initiiert eine prospektive Studie in Europa und den USA Vorbemerkungen Eine weitere, groß angelegte prospektive Studie geht auf die Initiative des Intensivmediziners Sam Parnia zurück. Er beschreibt in eigenen Worten: Death Experiences in Cardiac Arrest Patients“, Journal of Near-Death Studies, Vol. 20, No. 4, Sommer, S. 215–32; Greyson, Bruce (2003); „Incidence and Correlates of Near-Death Experiences in a Cardiac Care Unit“, General Hospital Psychiatry, Vol. 25, S. 269–276. (Die Literaturangaben sind Teil des Zitats.) 145 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Ich war federführend an einer der ersten medizinischen Studien beteiligt, die durchgeführt wurden, um zu erforschen, was nach einem Herzstillstand mit dem denkenden Geist und der Psyche passiert. Derzeit leite ich die weltweit größte Studie zum Thema Geist und Gehirn bei Herzstillstand, die AWARE-Studie[104], eine ursprünglich auf drei bis fünf Jahre angelegte Untersuchung von Patienten, die behaupteten, ihnen sei bewusst gewesen, dass sie reanimiert wurden. AWARE bekam weltweit eine gute Presse und wurde im September 2008 auf einer, von der Nour Foundation105, den United Nations Departments of Economic and Social Affairs und der University of Montreal gesponserten Konferenz vorgestellt (Parnia 2013, S. 17; Hervorhebungen: Sch.).106 Über seine berufliche Entwicklung berichtet er: Als ich zweiundzwanzig Jahre alt war, begann ich mich für Reanimationswissenschaft zu interessieren, und letztendlich habe ich dieser Wissenschaft mein ganzes Berufsleben gewidmet. Derzeit verbringe ich meine Zeit etwa zu gleichen Teilen in Krankenhäusern in den USA und Großbritannien. Ich bin Assistenzprofessor für Lungenheilkunde und Intensivmedizin, sowie Leiter der Reanimationsforschung in der medizinischen Fakultät der State University von New York in Stony Brook. Ich erhielt mein Diplom in Medizin von der Universität London, bevor ich meine Facharztausbildung in innerer Medizin, Lungenheilkunde und Intensivmedizin an den Universitäten von Southampton und London in Großbritannien, sowie am Weill Cornell Medical Center in den Vereinigten Staaten machte. Außerdem habe 104 AWARE steht für „AWAreness during REsusciatation“ (Bewusstsein während der Reanimation). 105 Die Nour Foundation, eine gemeinnützige und nicht staatliche Organisation mit speziellem Beraterstatus im Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Bedeutung und Gemeinsamkeiten der menschlichen Erfahrung […] zu erkunden, und zwar mit dem Ziel, Verständnis, Toleranz und Einigkeit zwischen Menschen auf der ganzen Welt zu fördern. […] Die Nour Foundation hat ein Stipendium zur Durchführung der AWARE-Studie zur Verfügung gestellt […]. Weitere Informationen finden Sie auf der Webseite www.nourfoundation.com. (Die Fußnote ist Teil des Zitats.) 106 Vgl. hierzu auch Parnia (2013, S. 268–269). 146 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? ich an der Universität Southampton, Großbritannien, im Fach Zellbiologie promoviert.[107] Eine Kombination aus verschiedenen Ereignissen und Fragen brachte mich auf dieses Thema. Das Erste, was mein Interesse weckte, war die Erforschung des Gehirns an der medizinischen Hochschule. Als wir eines Tages im neurowissenschaftlichen Labor die Funktionen des Gehirns kennenlernten, war ich absolut überwältigt und fragte mich, wie dieses unglaubliche Organ aus grauen Zellen all unsere Persönlichkeit hervorbringen konnte und alles, was uns als Individuen einzigartig macht. […] Gegen Ende meiner medizinischen Ausbildung hatte ich es mit sterbenden Menschen zu tun. Ich begann darüber nachzudenken, was mit dem denkenden Geist dieser Menschen passierte. […] All dies entwickelte sich in meinem Kopf und erreichte schließlich einen Höhepunkt, als ich einem Patienten [namens Desmond Smith; Sch.] in der Notaufnahme begegnete (Parnia 2013, S. 20–21). Über den Patienten Desmond schreibt Parnia: Desmond war ein großer, hagerer Mann westindischen Ursprungs mit einem ausgeprägten Harlem-Akzent und einer gewinnenden Persönlichkeit. […] Ich fand schnell heraus, dass Desmond einer der freundlichsten [Patienten; Sch.] war. […] (Parnia 2013, S. 21–22; Hervorhebungen: Sch.). Desmond verstarb, was er wie folgt kommentiert: Desmonds Tod und die Fragen, die ich mir immer wieder zu dem Prozess stellte, den er in jenen Minuten und möglicherweise noch darüber hinaus durchlaufen hatte, beeinflussten mein Leben zutiefst. So tief, dass ich in den kommenden Monaten beschloss, Antworten auf diese Fragen zu finden, und zwar mit dem Werkzeug, in dessen Gebrauch ich geübt war und auf das ich 107 Ergänzend: „Während meiner Facharztausbildung an der University of Southamp ton kümmerte ich mich um die Einrichtung einer Studie, führte aber auch selbst eine separate Untersuchung durch, für die ich etwa fünfhundert Fälle von Menschen sammelte, die unter verschiedenen Umständen das erlebt hatten, was man heute als Nahtoderfahrung bezeichnet“ (Parnia 2013, S. 24; Hervorhebung: Sch.). 147 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? mich am meisten verlassen konnte: die Naturwissenschaft (Parnia 2013, S. 23–24; Hervorhebung: Sch.).108 Parnia (2013) hat seine Erkenntnisse als Reanimationsmediziner in dem Buch „Der Tod muss nicht das Ende sein. Was wir wirklich über Sterben, Nahtoderlebnis und die Rückkehr ins Leben wissen“ einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Im vorliegenden Abschnitt werden hieraus diejenigen Passagen vorgestellt, welche im Rahmen der Prüfung von Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“ relevant zu sein scheinen. Ausgeblendet werden damit weite Teile des Buches, welche sich mit Fragen der Reanimationsmedizin im engeren Sinne befassen, auf die Parnia sehr ausführlich eingeht. Ein Wort vorab zur Nomenklatur: Parnia bezeichnet den Zeitpunkt eines Herzstillstands als „Tod“ (vgl. Parnia 2013, S. 32) – Näheres hierzu in Abschnitt 2.6. Folglich bezeichnet er Erfahrungen einer Person nach einem Herzstillstand nicht wie üblich als „Nahtoderfahrung“ oder „Nahtoderlebnis“, sondern als „tatsächliche Todeserfahrung“ oder „tatsächliches Todeserlebnis“ (vgl. Parnia 2013, S. 171–173, 266 und 270–272). Entsprechend formuliert er: Die Entdeckung der Reanimationswissenschaft führte zu den ersten Berichten von Menschen, die uns, nachdem sie gestorben und wieder zum Leben erweckt worden waren, sagen konnten, was sie erlebt hatten (Parnia 2013, S. 241). Etwas detaillierter schildert er: Wenn der Körper keinen Sauerstoff mehr aufnimmt und das Herz kein sauerstoffreiches Blut mehr in die Gewebe pumpt, tritt der Tod ein. 108 Als zusätzliches prägendes Erlebnis nennt Parnia (2013, S. 281–283) das Schicksal seines Vaters, der an einer Hirnschädigung erkrankte und bis zu seinem Tode „nur noch eine Hülle war, ein Schatten seines früheren Selbst. […] Wir spürten seine Anwesenheit zwar alle – aber wir fragten uns oft, wo sein Ich gerade war und was wohl noch davon übriggeblieben war“ (Parnia 2013, S. 282). 148 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Was genau passiert, nachdem der Tod eingetreten ist? […] Stellen wir uns für einen Moment vor, wir könnten in einen Körper nach dem Tod eintreten und beobachten, was vor sich geht. Wir wissen, dass das Herz aufgehört hat, sauerstoffhaltiges Blut […] durch den Körper zu pumpen. Die Zellen werden also nicht mehr mit Sauerstoff versorgt. Ohne Sauerstoff werden ihre Pumpen heruntergefahren und es wird keine Energie mehr erzeugt. Aber was tatsächlich passiert, ist, dass wir in eine zweite Phase eintreten, in den Zeitraum »nach dem Tod« – das Stadium, das mit dem allmählichen Absterben der Zellen einhergeht, das erst beginnt, wenn wir gestorben sind, und viele Stunden dauert (Parnia 2013, S. 58; Hervorhebungen: Sch.). Der Fall Tiralosi/Forschungsinteresse Parnias Einleitend zu dem genannten Buch beschreibt Parnia die spektakuläre Reanimation eines Patienten namens Joe Tiralosi, der zudem über eine Nahtoderfahrung berichtete (vgl. Parnia 2013, S. 6–20). Er bemerkt hierzu: Seine Geschichte ist […] besonders persönlich für mich – weil sie in mein Forschungsgebiet passt und weil ich bis vor Kurzem in dem Krankenhaus gearbeitet habe, in dem Tiralosi von der medizinischen Wissenschaft gerettet wurde (Parnia 2013, S. 16; Hervorhebung: Sch.).109 Zum Fall „Tiralosi“ schreibt Parnia: Tiralosi war […] weniger ein durch ein Wunder Geretteter als vielmehr einer aus der wachsenden Zahl von Patienten, die tot waren und viel später, als wir jemals für möglich gehalten hätten, wiederbelebt wurden. Dies wirft wichtige Fragen für Ärzte, Philosophen, Neurowissenschaftler, Ethiker und uns alle auf. Zunächst einmal […] ist es eine Tatsache, dass die Bereitstellung einer derart anspruchsvollen, medizinischen Versorgung erfordert, 109 Hierzu Parnia (2013, S. 10). „Vor zehn Jahren wäre ein Mensch, der nach so langer Zeit [auf Seite 18 ist von 47 Minuten die Rede; Sch.] ins Leben zurückgeholt wurde, höchstwahrscheinlich eine Art lebende Hülle gewesen – körperlich zwar vorhanden, aber geistig nicht mehr präsent. Doch heute ist Joe Tiralosi ein ganz lebendiger, strahlender Mann“. 149 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? dass hunderte von Menschen zusammenarbeiten, und zwar im Einklang mit verschiedenen medizinischen und staatlichen Stellen. […] Und dann gibt es da noch Fragen, welche die Schnittstelle zwischen dem Medizinischen, dem Persönlichen und dem Philosophischen betreffen. Wann wird der Tod endgültig und nicht mehr umkehrbar? […] Was sagt die Rückgewinnung des Bewusstseins nach dem vollständigen Erlöschen des Herzschlags und der Gehirnfunktionen – mit anderen Worten nach dem Tod – über die Natur des Geistes und des Körpers oder über die uralten Vorstellungen von der Seele und davon, was nach dem Tod geschieht […] (Parnia 2013, S. 11–13; Hervorhebung: Sch.). Einige Zitate mit Bezug zum Fall „Tiralosi“ mögen das Forschungsinteresse Sam Parnias weiter verdeutlichen: Ich betreibe Forschungen zur optimalen Versorgung nach einem Herzstillstand, beschäftige mich also mit der Art von medizinischer Wissenschaft, die Tiralosi gerettet hat, aber auch mit den Bewusstseinserfahrungen, die Menschen aus dem Reich des Todes mitbringen, nachdem ihr Herz neu gestartet wurde (Parnia 2013, S. 14). In Joe Tiralosis Fall […] sah ich die Konvergenz der beiden Linien, die ich bei meinen Untersuchungen verfolge – die Wissenschaft der medizinischen Wiederbelebung und das größere, grundlegendere Geheimnis des menschlichen Bewusstseins (Parnia 2013, S. 42). Tiralosi hat […] eine tiefgreifende [Nahtod-; Sch.] Erfahrung gemacht. Das steht in engem Zusammenhang mit […] philosophischen Fragen. Was sagt die Reanimationswissenschaft über das Bewusstsein und die Fähigkeit des menschlichen Geistes, des Bewusstseins und der Seele – oder mit anderen Worten, des Wesens, das mich zu dem macht, der ich bin – den Tod zu überleben? Und was wiederum sagt uns das über die Beziehung zwischen Geist und Gehirn? (Parnia 2013, S. 19). Tiralosis Fall warf sämtliche Fragen auf, die ich untersucht hatte. Wo war, während er ohne Herzschlag auf dem Tisch gelegen hatte, sein wahres Selbst gewesen? Wo waren sein denkender Geist und sein Bewusstsein gewesen und wo seine Erinnerungen? War ihm bewusst gewesen, was mit ihm passierte? Die vorherrschende wissenschaftliche Meinung ist, dass er in einen 150 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Erfahrungsabgrund gefallen war – in die dunkle Leere des existenziellen Nichts (Parnia 2013, S. 14–15; Hervorhebungen: Sch.).110 Diese – zum Beispiel auch in Parnia (2013, S. 332) explizit angesprochene – Problemstellung resümierend bemerkt er an späterer Stelle: Es war an der Zeit, die philosophischen und religiösen Überzeugungen beiseite zu lassen und zu schauen, was die Wissenschaft uns sagen würde (Parnia 2013, S. 239; vgl. hierzu auch S. 340–344). Zur Person/Umdenken Parnia ist, obwohl nach wie vor der medizinischen Reanimationsforschung verpflichtet, der Meinung, dass die von ihm untersuchten Todeserfahrungen nach derzeitigem Stand der Wissenschaft nicht erklärbar seien. In diesem Zusammenhang bemerkt er: Die Paradigmen, an die wir uns in der Wissenschaft halten, […] sind das Beste, was wir zu einer bestimmten Zeit und mit den Informationen, die wir haben, in Erwägung ziehen können. […] Obwohl […] viele (mich eingeschlossen) zuvor davon ausgegangen waren, dass der Tod das Ende ist, sind wir zu der Erkenntnis gelangt, dass der Tod nicht das Ende ist, für das wir ihn einst gehalten haben. Zwar gehen alle Zellen, einschließlich der Gehirnzellen, die unsere Gedanken, Gefühle, Erinnerungen und Emotionen vermitteln, durch ihren eigenen Sterbeprozess, aber nachdem der Tod eingetreten ist, sind sie noch eine Zeit lang lebensfähig. Nun stellt sich die Frage: Was passiert mit der Psyche oder Seele, wenn jemand stirbt? Wird sie vernichtet, wie viele glauben, oder bleibt sie für einen längeren Zeitraum bestehen, und wenn ja, wie lange? (Parnia 2013, S. 240–241). 110 An anderer Stelle heißt es bezüglich der Aufforderung seiner Frau, ins Krankenhaus zu fahren um kein Risiko einzugehen, nachdem er ihr mitgeteilt hatte, ihm sei unwohl: „Konnte es sein, dass diese oder irgendwelche andere Worte in Tiralosi wiederhallten, während er dort flach auf dem Tisch lag und immer weiter in den Prozess des Todes glitt? Nahm er überhaupt irgendetwas wahr? Die vorherrschende wissenschaftliche Ansicht über das Gehirn besagt, dass so etwas unmöglich ist“ (Parnia 2013, S. 7–8). 151 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Auf diese Frage bezieht sich letztlich auch Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“. Mit Blick auf die nachfolgend besprochene AWARE-Studie meint Parnia: Obwohl viele Ärzte, mich eingeschlossen, die Erlebnisse, an die sich Menschen aus ihrer Todesphase erinnern, auf den ersten Blick für eine Art Halluzination gehalten hätten, schien das keine so tragfähige Erklärung mehr zu sein. Als meine Kollegen und ich mit der AWARE-Studie begannen, waren wir zu der Erkenntnis gelangt, dass Millionen von Menschen auf der ganzen Welt von sogenannten tatsächlichen Todeserlebnissen berichtet hatten, darunter viele anekdotische Berichte über die Fähigkeit, während eines Herzstillstands und der Reanimation genauestens zu sehen und zu hören. Das deutete darauf hin, dass dies ein Bereich war, den wir noch näher untersuchen mussten, […]. Aus wissenschaftlicher Sicht wurde eines immer deutlicher: Es war unwahrscheinlich, dass die Entität, die wir als menschliches Bewusstsein bezeichnen, in der ersten Phase nach dem Eintritt des Todes im wahrsten Sinne des Wortes »verloren« geht. Das menschliche Bewusstsein könnte zumindest für eine gewisse Zeit nach dem Tod weiterbestehen, auch wenn es für die Außenwelt vielleicht sofort aus dem Blickfeld verschwindet, sobald das Herz aufhört zu schlagen (Parnia 2013, S. 272). Vorsichtig formuliert er weiter: […] die Wahrheit ist, dass in der Medizin erstaunliche Dinge geschehen – Dinge, die nahelegen, dass unser Leben und unser Bewusstsein sehr viel erstaunlicher sein könnten, als es die Wissenschaft bisher erlaubt. (Parnia 2013, S. 16) und schreibt über die eingangs erwähnte Konferenz im September 2008: Die Konferenz selbst war eine Art Paradigmen zerschlagendes Ereignis, denn sie macht deutlich, dass die Erforschung des Bewusstseins und die Wissenschaft von der Reanimation eng miteinander verflochten sind und sich auf uns alle auswirken (Parnia 2013, S. 17–18). 152 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Zusammenfassend kommt er zu dem Schluss: Ganz klar, die Natur des Bewusstseins, der Psyche oder der Seele zu verstehen ist geradezu revolutionär für Philosophie, Wissenschaft und Medizin – und für die Menschheit als Ganzes. Doch bis zur direkten Entdeckung der Natur des Bewusstseins und seiner Beziehung zum Gehirn wäre es ein Weg nach vorn, das Bewusstsein in der Phase zu studieren, nachdem das Herz aufgehört hat zu schlagen und die betreffende Person durch den Tod gegangen ist, doch bevor sie wieder reanimiert und ins Leben zurückgeholt wurde. Dies würde erlauben, zu bestimmen, ob ein objektiver Hinweis auf die Fortführung des Bewusstseins gefunden werden kann (Parnia 2013, S. 266– 267; Hervorhebung: Sch.). Damit setzt Parnia einen ähnlichen Schwerpunkt wie Sartori (vgl. Abschn. 2.4). Er fährt fort: Dies hat schließlich dazu geführt, dass sich eine Gruppe von Wissenschaftlern und Forschern gebildet hat, die sich vorgenommen hat, eine Studie namens AWARE (AWAreness – Bewusstsein – während der REanimation) durchzuführen (Parnia 2013, S. 267; Hervorhebung: Sch.). Angaben zur Studie Über den Ausgangspunkt der genannten AWARE-Studie111 schreibt Parnia: Seit dem Jahr 2000 haben einige Forscher, darunter auch ich, damit begonnen, sich mehr auf die kognitiven Erfahrungen zu konzentrieren, die Menschen während eines Herzstillstands und damit im Tod machen. Dies ist nicht mehr missverständlich und vage. Obwohl die meisten diese Erfahrungen immer noch als Nahtoderlebnisse bezeichnen, habe ich […] aufgrund meiner Forschung und meiner Arbeit festgelegt, dass es sich um tatsächliche Todeserlebnisse handelt. [vgl. hierzu auch Parnia 2013, S. 173 und 272 111 Hier vorgestellt ist die „erste Stufe der AWARE-Studie“ (vgl. Parnia 2013, S. 309). Die Studie wurde anschließend fortgeführt. Die Ergebnisse sind zusammenfassend in Parnia et al. (2014) dargestellt. 153 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? bzw. Abschn. 2.6] […] Ein tatsächliches Todeserlebnis findet in einem bestimmten biologischen Zusammenhang statt, in dem das Herz des Betreffenden aufgehört hat zu schlagen. In den letzten zehn Jahren wurden mindestens fünf unabhängige Studien durchgeführt und in der wissenschaftlichen Literatur veröffentlicht, die bestätigt haben, dass 10 bis 20 Prozent der Menschen, die einen Herzstillstand hatten und wiederbelebt wurden, in der Zeit nach Eintritt des Todes kognitive und psychische Erfahrungen gemacht haben [vgl. hierzu Tabelle 2.6–1 aus Abschnitt 2.6] (Parnia, 2013, S. 212– 213).112 Zum Thema „objektive Hinweise auf die Fortführung des Bewusstseins“ nach einem Herzstillstand (siehe weiter oben) informiert Parnia: Um die Behauptungen bezüglich dessen, was Menschen außerhalb ihres Körpers erlebt hatten, objektiv zu überprüfen, […] legten wir [in einem Teil der mutmaßlichen Behandlungsräume; Sch.] Bilder auf die Oberseite spezieller Regalbretter, die wir an der Wand unter der Decke angebracht hatten. Die Regalbretter hatten die Größe eines Stücks Kopierpapier (DIN A4) und waren etwa zwei Meter über dem Boden angebracht, sodass ein dort abgelegtes Bild nur von jemandem gesehen werden konnte, der von oben darauf herabschaute und nicht von jemandem, der auf dem Boden stand. Die Idee war einfach: Wenn diese Erinnerungen und Berichte über das Bewusstsein, das an der Decke schwebt und von dort nach unten schaut, richtig waren, dann sollten diese Menschen auch in der Lage sein, die Bilder zu sehen, die wir in der Nähe der Decke abgelegt hatten. Wenn sie nicht echt waren, sollten sie nicht in der Lage sein, die Bilder zu sehen (Parnia 2013, S. 277).113 112 Im Gegenzug ergänzt Parnia (2013, S. 213): „doch […] haben 80 bis 90 Prozent der Menschen, die einen Herzstillstand überlebten, keine Erinnerungen. Es stellt sich also die Frage: Warum macht nicht jeder, der wiederbelebt wurde, diese Erfahrungen? [Hervorhebung: Sch.] Obwohl es niemand genau weiß, ist die Antwort mehr als wahrscheinlich, dass manche Menschen, die sich an ihre Erlebnisse erinnern können, mehr Abwehrkräfte gegen die Auswirkungen der mangelnden Sauerstoffversorgung des Gehirns haben, sowie gegen die Entzündung, die das Gehirn in der Postreanimationsphase überflutet, und zwar im Hinblick auf ihre Erinnerungsspeicher. […]“ 113 An anderer Stelle führt Parnia aus: „Welche Art von Bildern sollten wir […] wählen, und wo sollten sie platziert werden? Die ideale Position wäre auf dem Bett 154 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Er misst, wie schon van Lommel (Abschn. 2.3) und Sartori (Abschn. 2.4), dem Nachweis außerkörperlicher Erfahrungen im Rahmen der Erforschung von Nahtoderfahrungen herausragende Bedeutung bei: Obwohl viele Menschen eine unbeschreibliche Erfahrung [in Form eines Nahtoderlebnisses; Sch.] gemacht hatten, […] waren diese Erfahrungen sehr subjektiv und konnten nicht unabhängig überprüft werden. Die einzige Komponente, die für einen Test zugänglich wäre, war eine außerkörperliche Erfahrung […] (Parnia 2013, S. 281). Dieser Punkt wurde bereits zu Beginn von Kapitel 2 angesprochen. In der Literatur wird hierauf häufig hingewiesen. Beispielsweise bemerkt auch Nahm (2012, S. 164): Besonders kontrovers werden die Berichte über außerkörperliche Erfahrungen diskutiert. Sie bergen natürlich den größten Zündstoff. Denn wenn es wahr wäre, dass Menschen in Todesnähe, teilweise mit nachweislich sehr stark funktionsbeeinträchtigten Gehirnen, komplexe Wahrnehmungs- und Denkvorgänge haben können, so müssten die gegenwärtig in der Schulwissenschaft vertretenen Funktionsmodelle von Gehirn und Geist um entscheidende Faktoren ergänzt werden. Es müsste nämlich als erwiesen gelten, dass geistige Prozesse unter gewissen Umständen auch unabhängig von den jeweils herrschenden Gehirnzuständen möglich sind (Nahm, 2012, S. 164). Als „größte Herausforderung“ im Zuge der Planung der AWARE Studie bezeichnet Parnia (2013, S. 279–280): des Patienten, aber das würde natürlich bedeuten, dass jeder sie sehen konnte. Dann konnten wir nicht sicher sein, ob sich ein Patient an diese Bilder erinnerte, weil jemand anderer, der an der Reanimation beteiligt gewesen war, ihm nach dem Ereignis von den Bildern erzählt hatte. Wir beschlossen, die Bilder über dem Kopfende des Bettes zu platzieren, direkt unterhalb der Decke, damit sie in Blickrichtung der Patienten lagen, die sich selbst von oben betrachteten. Wir wollten auch Bilder verwenden, die für möglichst viele Menschen interessant und anziehend waren. Wenn wir beispielsweise das Gefühl hatten, dass die Leute sehr nationalistisch waren, konnten wir Symbole verwenden, die ihr Land wiederspiegelten. Wenn sie religiös waren, konnten wir Bilder einsetzen, die diese Überzeugungen wiedergaben und so weiter“ (Parnia 2013, S. 280). 155 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? dass […] wir es […] mit Herzstillstand zu tun hatten, einem Ereignis, das zufällig passieren kann, zu jeder Tageszeit, überall und in jedem beliebigen Krankenhaus. Die zweite große Herausforderung bestand […] darin, dass die meisten Patienten, die einen Herzstillstand erleiden, aufgrund der Tatsache, dass sie schon einmal gestorben sind, wahrscheinlich nicht lange genug überleben, um so befragt zu werden, dass wir feststellen können, ob sie irgendwelche Erfahrungen gemacht haben oder nicht. Wir hatten es […] mit einem Ereignis zu tun, das […] uns etwa 15 bis 18 Prozent Überlebenschance gab, jedenfalls bis zu einem Punkt, wo die Person selbst befragt werden konnte. Natürlich würden viele dieser 15 bis 18 Prozent Überlebenden am Ende bleibende, neurologische und kognitive Schäden davontragen und wären dann nicht in einem physischen Zustand, um interviewt zu werden. Abgesehen von all diesen Herausforderungen würden wir dem Umstand Rechnung tragen müssen, dass die meisten Menschen, die überleben und dann in einem Zustand sind, in dem sie sprechen können, natürlich unter Gedächtnisverlust leiden, der von dem Herzstillstand selbst kommt und von den Auswirkungen all der Veränderungen, die während des Herzstillstands und in der Phase der Reanimation im Gehirn stattfinden. Schließlich mussten wir uns fragen, ob sich Menschen, die außerkörperliche Erfahrungen haben (vorausgesetzt, sie sind echt), die Bilder, die wir ausgelegt hatten, anschauen würden (statt sich ganz auf die Ärzte zu konzentrieren, die an ihnen arbeiteten (Parnia 2013, S. 279–280; Hervorhebung: Sch.). Zum angesprochenen Thema „Gedächtnisverlust“ erwähnt Nahm (2012, S. 216–217) einen konkreten Fall, in dem eine Todesnähe-Vision unmittelbar nach deren Auftreten berichtet, später vom Betroffenen jedoch vergessen wurde. Vgl. zum Thema „Gedächtnisverlust“ auch Parnia (2013, 307–308) sowie die Annahme einer „verborgenen Nahtoderfahrung“ bei Ewald (2009, S. 75–76). Schilderungen des „Vergessens“ finden sich ferner auf der Basis von Zeugenaussagen bei (Sartori 2015, S. 206) sowie im Rahmen einer persönlich erfahrenen Nahtoderfahrung bei Wiesenhütter (1974, S. 68). Erinnert sei in diesem Zusammenhang auch an Patient 10 bei Sartori, der trotz einer außerkörperlichen Wahrnehmung explizit angab, das „versteckte Zeichen“ nicht wahrgenommen zu haben (vgl. Sartori 2015, S. 193). Bezüglich des geplanten Umfangs der Studie berichtet Parnia: 156 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Unser ursprüngliches Ziel war es, 25 Krankenhäuser[114] zu verpflichten mit dem Ziel, mindestens 500 Überlebende eines Herzstillstands zu rekrutieren. Bis 2008 hatten Forscher aus 25 verschiedenen Krankenhäusern ihre Teilnahme zugesagt. So viele Krankenhäuser waren notwendig, weil die geringen Überlebenschancen bedeuteten, dass wir 10 000 tatsächliche Herzstillstandsereignisse brauchten, um 1 500 Überlebende zu bekommen. Aber selbst dann war bei bestenfalls zehn Prozent zu erwarten, dass sie irgendwelche Erinnerungen (an tatsächliche Todeserlebnisse) hatten, und vermutlich hatten nur zwei Prozent [das wären n = 30 Personen; Sch.] eine außerkörperliche Erfahrung, anhand derer wir sagen konnten, dass das, was sie behaupteten, gesehen zu haben, korrekt war (Parnia 2013, S. 280–281). Zur Organisation und finanziellen Ausstattung: Zum Zeitpunkt der Einführung von AWARE hatten meine Kollegen und ich fast zehn Jahre damit verbracht, Geldmittel aufzutreiben, damit wir diese Studie in großem Umfang durchführen konnten. Es war klar, dass dieser Aufwand nötig war, wenn auch nur, um uns zu ermöglichen, bessere Studien zu entwerfen. Ohne diesen ersten Schritt würden wir nicht in der Lage sein, den zweiten und den dritten zu tun. Die Studie wurde in Großbritannien mit Mitteln aus dem Resuscitation Council ausgestattet. Und später[115] bekamen wir zusätzliche Unterstützung von der Nour Foundation, um die Studie auch in den Vereinigten Staaten voranzutreiben. Für den europäischen Zweig der Studie bekamen wir auch Gelder von der BIAL Foundation, einer gemeinnützigen Organisation aus Portugal. Wir hätten zwar am liebsten feste freie Mitarbeiter an jedem Krankenhaus gehabt, aber das wäre bei 25 Krankenhäusern viel zu teuer geworden und auch zu kompliziert, da niemand vorhersagen konnte, wann und wo ein Herzstillstand stattfinden 114 Nach Parnia et al. (2014, S. 1800) wurde die Zahl der teilnehmenden Krankenhäuser später auf 15 reduziert. 115 In Parnia (2013, S. 270) wird berichtet: „Nach dem erfolgreichen Abschluss einer 18-monatigen Pilotphase an ausgewählten Krankenhäusern in Großbritannien, die mithilfe meiner Kollegen Dr. Peter Fenwick und Ken Spearpoint zustande gekommen war, weiteten wir die Studie auf andere medizinische Zentren in Großbritannien, Europa und den Vereinigten Staaten aus.“ Die Mitarbeiter an der AWARE-Studie sowie die beteiligten Institutionen sind in Parnia (2013, S. 351–352) aufgeführt, wobei für „Europa“ lediglich zusätzlich die Universität Wien in Österreich genannt ist. 157 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? würde. […] Wir wussten, dass wir irgendwo anfangen mussten. Wir kamen also überein, dass Mitarbeiter in den 25 Krankenhäusern mit uns zusammenarbeiteten und während ihrer Arbeitszeit Patienten ausfindig machen sollten, die einen Herzstillstand hatten. Sie sollten diese Patienten befragen und ihre Krankenakten nach Markern durchsuchen, die über die Qualität ihrer Behandlung Auskunft gaben. Diese Daten sollten sie dann an uns weitergeben. Uns war klar, dass wir auf diese Weise wahrscheinlich weniger Fälle erfassen konnten, aber zumindest war es eine praktische Vorgehensweise. Wegen des ungeheuren Ausmaßes des anstehenden Projekts und der Anzahl der Betten in jedem Krankenhaus (durchschnittlich 500 Betten, mit 25 multipliziert, ergibt 12 500 Betten insgesamt) und den entsprechenden finanziellen Zwängen konnten wir auch nicht in jedem Zimmer jedes Krankenhauses Regalbretter anbringen. Wir arbeiteten also mit unseren Forschern zusammen, um im Nachhinein herauszufinden, wo Patienten am ehesten einen Herzstillstand hatten, etwa in der Notaufnahme oder auf der kardiologischen Intensivstation. Wir wussten, dass es Fälle geben würde, in denen jemand einen Herzstillstand in einem Raum ohne Regal hatte, aber wir mussten auch praktisch denken und dafür sorgen, dass die Studie überschaubar blieb, also Kompromisse eingehen. […] Alles in allem brachten wir zunächst etwa eintausend Regale an, was zwar schon eine ganze Menge war, aber immer noch nur zehn Prozent aller Krankenhausbetten abdeckte (Parnia 2013, S. 283–285; Hervorhebung: Sch.). Zur Ausschöpfung im Rahmen der AWARE-Studie bemerkt Parnia: In den vier Jahren seit Beginn der Studie haben unsere Mitarbeiter […] mehr als 4 000 Herzstillstände gemeldet. In durchschnittlich 32 Prozent dieser Fälle konnte das Herz von Ärzten und Krankenschwestern […] neu gestartet werden, aber nur etwa 50 Prozent dieser ursprünglich Überlebenden überlebten bis zu dem Zeitpunkt, wo sie befragt werden konnten (also etwa 16 Prozent aller Herzstillstandsfälle) [d. h. etwa n = 640; Sch.], und leider starben auch viele von ihnen in den Stunden bis Tagen, nachdem ihr Herz zunächst neu gestartet worden war (Parnia 2013, S. 288). Bezüglich der „Abdeckung“ der Herzstillstandsfälle mit den in der Notaufnahme oder auf der kardiologischen Intensivstation angebrachten Regalbrettern berichtet Parnia (2013, S. 288–289): 158 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? [Wir] hofften […], mindestens 80 Prozent aller Herzstillstandsfälle erfassen zu können, […]. Die Auswertung dieser ersten etwa 4 000 Herzstillstandsfälle zeigte jedoch, dass wir […] nicht mehr als 50 Prozent aller Herzstillstandsfälle in unseren Krankenhäusern erfassen konnten. […] In dieser ersten Phase wurden insgesamt etwa hundert Befragungen von Überlebenden eines Herzstillstands durchgeführt, und wir stellten fest, dass Todeserlebnisse offenbar bei nur etwa fünf Prozent der von uns befragten Personen aufgetreten waren [was n = 5 Personen entspricht; Sch.]. Es war durchaus möglich, dass wir vielleicht mehr Patienten mit bestimmten Erinnerungen hätten haben können, aber sie waren lost to follow-up (ohne Verlaufskontrolle bei klinischen Studien; Anm. d. Übers).116 Die Erfahrungen, die dokumentiert wurden, scheinen dem zu entsprechen, was wir über das, was bei einem Herzstilltand passiert, bereits wussten. Sie waren zwar dünn gesät, aber dennoch interessant. Mein Kollege Ken Spearpoint beschrieb das Erlebnis eines Patienten […] [es folgt die Schilderung der Nahtoderfahrung eines Patienten des genannten Arztes; Sch.] (Parnia 2013, S. 288–289; Hervorhebung im Original). Auf einen Fall geht Parnia ausführlich ein. Einleitend bemerkt er, im Jahre 2011 hatten wir unseren ersten Patienten, der behauptete, eine echte außerkörperliche Erfahrung gemacht zu haben. Der 57-jährige Mann hatte im Herzkatheterlabor des Southampton General Hospital, Großbritannien, einen Herzstillstand gehabt. […] Doch wieder fand der Herzstillstand nicht in einem Bereich statt, wo es ein Bildbrett gab […]. Ich befragte […] [den Patienten; Sch.] später selbst und fand seine Erfahrungen bemerkenswert. Daher gebe ich unsere Konversation hier wieder […] (Parnia 2013, S. 291–292). 116 In den teilnehmenden Krankenhäusern traten die weitaus meisten Herzstillstandsfälle abends und am Wochenende auf, und leider waren die Mitarbeiter, die Zeit hatten, um die Patienten entsprechend zu betreuen, überhaupt nicht in der Lage, alle Überlebenden zu befragen, bevor sie aus dem Krankenhaus entlassen wurden. Dies lag vor allem an der Zufälligkeit, mit der sich Herzstillstandsfälle ereignen, sowie an deren Timing, das sich in der Regel nicht an die normalen Arbeitszeiten hält, sowie an der Belastung des Personals durch die alltäglichen Anforderungen ihres Berufs. Jedenfalls wurden sehr viele Patienten entlassen, bevor man sie zu ihren Erinnerungen befragen konnte. (Die Anmerkung ist Teil des Zitats.) 159 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Es folgt (auf den Seiten 292 bis 304) ein ausführliches Interview in weitgehend nichtdirektivem Stil. Die Quintessenz in seinen Worten: Dieser Patient […] war sich seiner Umgebung voll bewusst geblieben, und er konnte Ereignisse, die er vor dieser Erfahrung nicht wahrgenommen hatte [da die „normale“ Sicht aufgrund einer Abschirmung unterbunden war; Sch.], genau beschreiben, etwa, dass er den glatzköpfigen Kardiologen im blauen OP-Kittel am Fußende des Bettes hatte stehen sehen. Er beschrieb auch ganz korrekt, dass er den AED [automatischen externen Defibrillator; Sch.; vgl. Parnia 2013, S. 296] »gehört« hatte, der zwei getrennte Anweisungen zur Verabreichung der Schockbehandlung gab (die mindestens zwei oder drei Minuten auseinandergelegen haben müssen). Dies bietet eine gewisse Perspektive im Hinblick darauf, wie lange er nach seinem Herzstillstand in der Lage war, seine bewusste Wahrnehmung aufrechtzuerhalten, während er gleichzeitig merkte, dass sein wahres Selbst an der Decke schwebte. Auch wenn wir in seinem Zimmer keine Regalbretter mit Bilder angebracht hatten, unterstützt dieser Fall, ausgehend von der Tatsache, dass dieser Mann in der Lage war, sein Bewusstsein zu einer Zeit aufrecht zu erhalten, in der sein Gehirn gar nicht in einem funktionsfähigen Zustand sein konnte, die sich in der Wissenschaft abzeichnende Möglichkeit, dass das Bewusstsein, die Psyche oder Seele einer Person mit dem Eintreten des Todes nicht ausgelöscht wird (Parnia 2013, S. 305; Hervorhebungen: Sch.).117 Die Feststellung, dass der Patient „in der Lage war, sein Bewusstsein zu einer Zeit aufrecht zu erhalten, in der sein Gehirn gar nicht in einem funktionsfähigen Zustand sein konnte“, ist für die hier angestellten Überlegungen von zentraler Bedeutung. Sie stellt, sofern akzeptiert, eine glatte Bestätigung der zu Beginn von Kapitel 2 aufgestellten Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“ dar.118 Wie 117 Vorsichtig formulierend fährt Parnia fort: „Es unterstützt auch die Ansicht einiger Wissenschaftler und Ärzte (wie Professor Sir John Eccles und Professor Bahram Elahi), dass das menschliche Bewusstsein (oder die Seele) eine vom Gehirn getrennte und unabhängige Instanz sein könnte, die nach dem Tod möglicherweise weiterexistiert“ (Parnia 2013, S. 305). Mehr hierzu in Abschnitt 2.7. 118 Wohl aus diesem Grund äußert Parnia an anderer Stelle explizit: „Die Instanz, die wir als Bewusstsein, die Seele oder das Selbst definieren – das, was mich zu 160 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? bereits mehrfach ausgeführt, genügt ein einziger erwartungskonformer Fall zur Bestätigung dieser Existenzaussage. Zur Fortführung der hier vorgestellten Studie bemerkt Parnia: Seit dieser Zeit haben wir die Studie nachgebessert und uns die Erlaubnis geben lassen, die Patienten zu kontaktieren und zu befragen, die aus dem Krankenhaus entlassen wurden, bevor sie interviewt werden konnten. Dieser Teil ist noch nicht abgeschlossen, aber wir hoffen, dass wir in naher Zukunft in der Lage sein werden, alle noch lebenden ehemaligen Patienten aus den teilnehmenden Krankenhäusern zu befragen, indem wir ihnen einen Fragebogen zuschicken und anschließend mit ihnen telefonieren (Parnia 2013, S. 306). Damit steht zu erwarten, dass sich der Prozentsatz von Überlebenden eines Herzstillstands, welche Berichte von einer Nahtoderfahrung abgeben, noch erhöhen wird. Zudem wurde, wie Parnia berichtet, bereits eine weitere Person ausfindig gemacht, die behauptet, eine außerkörperliche Erfahrung gemacht zu haben (Parnia 2013, S. 306). Diese Erfahrung ist in Parnia (2013, S. 306–307) beschrieben. Wie bereits gesagt, bestand eines der Hauptanliegen der Studie darin, nach Möglichkeit mittels der über Kopfhöhe angebrachten Bildbretter im Krankenhaus außerkörperliche Erfahrungen einem Test zu unterziehen, sofern solche berichtet wurden. Ein derartiger Nachweis konnte allerdings in der ersten Phase der Studie, auf die sich dieser Bericht bezieht, nicht erbracht werden, obwohl zwei Berichte von außerkörperlichen Erfahrungen vorlagen. Parnia bemerkt hierzu: Interessant und vielleicht auch enttäuschend ist, dass die beiden außerkörperlichen Erfahrungen, von denen uns bisher berichtet wurde, in Bereichen aufgetreten sind, in denen keine Bildbretter an der Wand angebracht waren. Deshalb waren wir bisher noch nicht in der Lage, die Behauptungen mancher Menschen, sie hätten solche Ereignisse von oben »sehen« können, obdem macht, der ich bin –, hört nicht auf zu bestehen, nur weil sich jemand in der Phase nach Eintritt des Todes befindet“ (Parnia 2013, S. 349). 161 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? jektiv zu überprüfen. Wir führen allerdings immer noch aktiv Interviews durch, und es ist möglich, dass uns von weiteren außerkörperlichen Erfahrungen berichtet wird (Parnia 2013, S. 307). Hinsichtlich der Auftretenshäufigkeit außerkörperlicher Erfahrungen schreibt Parnia: Die wichtigste Erkenntnis aber war, dass die außerkörperliche Erfahrung noch seltener auftrat, als wir dachten, nämlich bei weniger als einem Prozent der Überlebenden (0,1 Prozent aller Fälle von Herzstillstand). Dies legt nahe, dass wir unsere ursprünglichen Berechnungen überarbeiten und die Studie erweitern müssen, da wir bei 4 000 Fällen nur zwei außerkörperliche Erfahrungen hatten [das entspricht 0,05 Prozent; Sch.] (Parnia 2013, S. 308). Zur „Seltenheit“ von außerkörperlichen Erfahrungen noch zwei Vergleichsangaben: In der Studie van Lommels (Abschn. 2.3) berichteten von 344 Überlebenden eines Herzstillstands 18 Prozent (also: n = 62) von einer Nahtoderfahrung. Von diesen „Nahtoderfahrenen“ berichteten 24 Prozent (n = 15) von einer außerkörperlichen Erfahrung, woraus sich ergibt, dass in der Studie etwa 4,4 Prozent der Überlebenden eines Herzstillstands (15 von 344) von einer außerkörperlichen Erfahrung berichten (vgl. Lommel 2013, S. 171–174 bzw. Tabelle 2.3–2 und Tabelle 2.6–1). Einen deutlich höheren Anteil an außerkörperlichen Erfahrungen von 46,5 Prozent berichtet Long (2010, S. 113–114) – allerdings bezogen auf 617 Berichte seiner Internetseite mit den damit verbundenen Selbstselektionseffekten. So erklärt sich auch die Kapitel-Überschrift: „NDERF untersucht Hunderte von außerkörperlichen Erfahrungen“ in seinem Buch (vgl. Long 2010, S. 112). Im Überblick ergibt sich das Bild, dass außerkörperliche Erfahrungen bei den Überlebenden eines Herzstillstands zwar relativ selten auftreten (da schon Nahtoderfahrungen selten auftreten). Dies zeigen die prospektiven Studien. Betrachtet man jedoch weltweit Berichte über Nahtoderfahrungen, so lässt sich dabei nach den Angaben in der Literatur absolut durchaus eine erkleckliche Anzahl von Berichten über außerkörperlichen Erfahrungen feststellen. So gesehen sind außerkörperliche Erfahrungen weltweit keineswegs selten – und nach wie vor genügt ein einziger akzeptierter Fall, um Hy- 162 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? pothese H 1 zu verifizieren. Allerdings ist es aufgrund des damit verbundenen organisatorischen Aufwands schwer, sie unter den kontrollierten Bedingungen einer prospektiven Studie nachzuweisen. Ärzte berichten über Auftreten von „Bewusstsein“ Mit Blick auf seine Forschungsergebnisse und persönlichen Erfahrungen kommt Parnia zu dem Schluss: Die Beweise scheinen bis jetzt darauf hinzudeuten, dass das Auftreten von Bewusstsein in Zusammenhang mit einem Herzstillstand so etwas wie ein wissenschaftliches Paradox darstellt, das mit unseren aktuellen neurowissenschaftlichen Modellen nicht so einfach zu erklären ist. Das liegt daran, dass Bewusstsein […] während eines Herzstillstands und in der Phase des Todes weiter zu existieren und zu funktionieren scheint, wie durch die Fähigkeit von Menschen belegt wird, gut strukturierte Denkprozesse samt Urteilsvermögen und Erinnerung zu haben, wenn die Schaltkreise im Gehirn, die das Bewusstsein steuern, ganz unten sind und das Bewusstsein für die Außenwelt verloren scheint. Menschen können sich an bestimmte Gespräche, Details und Ereignisse erinnern, was eigentlich nur mit einem normal funktionierenden Gehirn möglich ist. In all den Jahren, die ich auf diesem Gebiet arbeite, habe ich von vielen Beispielen gehört, an die sich verschiedene Ärzte erinnerten, die Patienten wiederbelebt und ins Leben zurückgeholt haben (Parnia 2013, S. 273; Hervorhebung: Sch.). Ein wichtiger und deshalb im obigen Zitat hervorgehobener Punkt besteht darin, dass Parnia von Berichten spricht, welche von Ärzten stammen, von denen angenommen werden kann, dass sie die medizinische Seite des Geschehens kompetent beurteilen können. Auch bei Moody (2011, S. 13–14) ist von derartigen Berichten ärztlicherseits die Rede, ebenso bei Wiesenhütter (1974, S. 21). Ewald (2009, S. 8) zitiert eine ihm zugesandte Notiz: Bin Herz-Thoraxchirurg und habe sieben Patienten persönlich als Betroffene während ihrer stationären Behandlung mit Nahtoderfahrung/Außerkörpererfahrung glaubwürdig berichten hören. Die meisten meiner Kollegen waren zu diesem Thema ausgesprochen ratlos. 163 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Sabom berichtet unter „Autoskopische Beschreibungen mit genauen Einzelheiten“ von einem Kollegen: er erzählte mir […], dass er im Laufe der Jahre schon mehrere Patienten gehabt habe, die von derartigen Erlebnissen gesprochen hätten (Sabom 1982, S. 145). Sartori (2015, S. 51) wie auch schon Sabom (1982, S. 196) berichten da rüber hinaus von Ärzten, die über eigene Nahtoderfahrungen sprachen. Solche Berichte bezüglich eines Medizinstudenten, eines „recht sachlich eingestellt[en] älter[en] Kollegen“ sowie einer Ärztin, die sein Büchlein gelesen hatte, finden sich in Wiesenhütter (1974, S. 12–13, 67 und 76–77). Zudem berichtet Wiesenhütter (1974, S. 17–20) von zwei aufeinanderfolgenden, persönlich erfahrenen Nahtoderfahrungen. Sam Parnia liefert zwei Beispiele (vgl. Parnia 2013, S. 273–276) von namentlich genannten Medizinern, welche nach seiner Aussage im September 2012 im Rahmen einer Konferenz mit dem Titel: Emergency Cardiovascular Care Update (»Neueste Entwicklungen in der kardiovaskulären Notfallmedizin«) und dem Schwerpunktthema „Herzstillstand“ (Parnia 2013, S. 273) auf Nachfrage bzw. im Rahmen der Diskussion öffentlich derartige Fälle beschrieben. Parnia (2013, S. 276–277) resümiert: Diese Fälle waren ähnlich wie andere, von denen mir meine anderen Ärztekollegen in Großbritannien, darunter auch Dr. Douglas Chamberlain und Dr. Richard Mansfield119, berichtet hatten. Ein gemeinsames Merkmal all dieser Berichte war, dass Patienten, die einen Herzstillstand erlitten hatten, zurückgekehrt waren und unglaublich detailliert von Gesprächen und Ereignissen aus der Zeitspanne berichteten, in der sie für ihre Ärzte scheinbar »tot« gewesen waren[120]. Genauer gesagt, behaupteten sie alle, sie seien in der Lage gewesen, die Ereignisse rund um ihren Herzstillstand von einem Punkt hoch oben unter der Decke zu beobachten, und ihre Ärzte konn- 119 Diese Fälle sind im Detail in meinem Buch What Happens When We Die? (Hay House, 2008) beschrieben. (Diese Anmerkung ist Teil des Zitats.) 120 Auch an anderer Stelle berichtet Parnia (2013, S. 24–25), „dass an der Reanimation solcher Menschen [die eine Nahtoderfahrung gemacht hatten; Sch.] beteiligte Ärzte und Krankenschwestern sehr erstaunt waren, wenn der Patient später zu ihnen kam und ihnen bis ins Detail erzählte, was dabei passiert war, obwohl er ihnen tot erschienen war“. 164 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? ten ihre Berichte nur bestätigen, fanden sie aber dennoch wissenschaftlich nicht erklärbar (Parnia 2013, S. 276–277; Hervorhebungen: Sch.). Ein weiterer von Parnia zitierter Bericht: Dr. Mario Beauregard, ein kanadischer Neurowissenschaftler, führte zwischen 2008 und 2010 am Hôpital Sacré-Cœur, einem Forschungskrankenhaus der Université de Montréal, eine Studie mit Patienten durch, die einen Herz-Kreislauf-Stillstand in tiefer Hypothermie durchmachten. Es handelte sich um Patienten, die man von 37 auf unglaubliche 18°C heruntergekühlt hatte, bis zu einem Punkt, an dem das Gehirn seine Arbeit einstellt und die Ärzte die Durchblutung stoppen können, ohne dass es zu bleibenden Schäden kommt. Der Körper ist so kalt und in den Zellen findet so wenig Stoffwechselaktivität statt, dass sie keinen Schaden nehmen, auch wenn sie unter akutem Sauerstoffmangel leiden, weil der Körper nicht durchblutet wird. Das gibt den Chirurgen Zeit, sicher am Patienten zu arbeiten, ohne dass irgendeine Durchblutungsaktivität stattfindet. […] Von den 33 Patienten, deren Fälle untersucht wurden, berichteten drei über bewusste mentale Aktivität und wurden für die Studie befragt. Eine Patientin berichtete, eine au- ßerkörperliche Erfahrung gemacht zu haben. Diese Frau, die gerade ein Kind geboren hatte, musste sofort operiert werden, um die aufsteigende Aorta zu ersetzen. Nach Beauregard hatte die Frau die Mitglieder des OP-Teams weder gesehen noch mit einem von ihnen gesprochen und es war ihr auch nicht möglich gewesen, die Maschinen hinter dem Kopfteil des OP-Tischs zu sehen, als man sie in den Operationssaal gefahren hatte. Sie hatte eine Vollnarkose bekommen, und ihre Augen waren mit einem Spezialklebeband verschlossen worden. Dennoch behauptete sie, an einem Punkt während der Operation eine außerkörperliche Erfahrung gemacht zu haben. Sie erzählte, dass sie von einem Blickwinkel au- ßerhalb ihres Körpers gesehen hatte, wie eine Krankenschwester dem Chirurgen das chirurgische Besteck reichte. Sie hatte auch die Anästhesie- und Echokardiographie-Geräte hinter ihrem Kopf wahrgenommen. Beauregard konnte verifizieren, dass ihre Beschreibungen der Krankenschwester und der Maschinen korrekt waren. […] Dies ist zwar ein Einzelfall, aber er illustriert, dass bewusste mentale Aktivität während eines Herz-Kreislauf-Stillstands möglich ist. Und das ist biologisch gesehen genau das, was passiert, wenn wir sterben (Parnia 2013, S. 175–177; Hervorhebung: Sch.). 165 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Akzeptiert man auch nur einen der vorgenannten Berichte nebst der zugehörigen Argumentation, dann kann die zu Beginn des Kapitels 2 vorgestellte Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“ als bestätigt gelten. Wie dort bereits ausgeführt, genügt ein einziger akzeptierter Fall, um die mit H 1 verbundene Existenzaussage zu bestätigen! Weitere Validierungshinweise I Bezüglich Schilderungen von Nahtoderfahrungen, die ihm zugeleitet wurden, berichtet Parnia im Überblick: Nachdem ich [1997; Sch.] mit meiner Arbeit [d. h. eigenen Forschungen zu Nahtoderlebnissen; Sch.] begonnen hatte, bekam ich hunderte [auf S. 171 ist von mehr als fünfhundert Fällen die Rede; Sch.] von Briefen von Menschen, die behaupteten, ein Nahtoderlebnis gehabt zu haben. Ich fing an, die Behauptungen der Leute zu studieren, die den Kriterien entsprachen, die Moody in Life after Life aufgestellt hat, und erforschte diese Fälle dann näher (Parnia 2013, S. 153; Hervorhebung im Original; zu Moody vgl. Abschn. 2.2). Die beiden zu Beginn von Kapitel 2 aufgeworfenen Fragen: a) Gibt es eine überschaubare Anzahl (also: einen „harten Kern“) ungewöhnlicher – und damit unwahrscheinlicher – Elemente in den Berichten über Nahtoderfahrungen? (was gegen „Erfindungen“ spräche – sofern man die Berichte als in der Regel „voneinander unabhängig“ betrachtet) b) Wird jeweils eine Kombination solcher „unwahrscheinlicher Elemente“ berichtet? (womit die Auftretenswahrscheinlichkeit innerhalb eines Berichts nochmals drastisch sinkt – und damit die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich bei dem Bericht um eine „Erfindung“ handelt) 166 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? sind, was die bei Parnia berichteten Inhalte von Nahtoderfahrungen betrifft, tendenziell mit „Ja“ zu beantworten (vgl. Parnia 2013, S. 153–166). Beispielsweise fasst Parnia in Bezug auf außerkörperliche Erfahrungen (als „ungewöhnliches Element“) im Rahmen der ihm zugeleiteten Berichte zusammen: Das Gefühl, eine außerkörperliche Erfahrung gemacht zu haben, war bei Menschen, die Nahtoderlebnisse hatten, vorherrschend. […] Interessanterweise beschrieben Menschen ihr »Selbst« durchweg als den Teil, der oben war, und nicht etwa als den Körper, der unten lag (was nahelegt, dass sie das Selbst mit der Entität assoziierten, die sich vom Körper getrennt hatte). […] In den vielschichtigsten Fällen von außerkörperlicher Erfahrung waren die Betroffenen in der Lage, sich sehr detailliert an das zu erinnern, was während des Erlebnisses mit ihrem Körper geschah, vor allem, weil die meisten angaben, es von oben gesehen zu haben (Parnia 2013, S. 154). Außerkörperliche Erfahrungen werden in Parnias Buch auch auf den Seiten 162, 168 und 169 angesprochen. Ein weiteres „ungewöhnliches Element“ ist die Lebensrückschau (vgl. Abschn. 2.6): In der Rückschau sahen die Menschen ihr ganzes Leben und durchlebten alles, was sie getan hatten, noch einmal, nur, dass sie jetzt das Gefühl hatten, ihre eigenen Handlungen völlig zu durchschauen. […] Manche beschrieben auch, dass sie den Schmerz und den Kummer spürten, die sie anderen im Laufe ihres Lebens absichtlich oder unabsichtlich zugefügt hatten (Parnia 2013, S. 157; vgl. hierzu zusätzlich S. 160 und 163). Auch die übrigen, weiter oben (vgl. Tabelle 2.3–2) bzw. in Abschnitt 2.6 angesprochenen „ungewöhnlichen Elemente“ sind bei Beispielen, welche Parnia (2013, S. 153–166) berichtet, zu finden. Dabei betont er: Die Menschen »sehen« Dinge in der Regel durch ihre eigene Brille und interpretieren sie entsprechend. Darüber hinaus ist leider auch wahr, […] dass sich Menschen oft nur fragmentarisch erinnern. Das heißt, die meisten Menschen erinnern sich nur an einige Merkmale eines kompletten Todes- oder Nahtoderlebnisses. […] Dennoch ist der all diese Erfahrungen verbinden- 167 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? de Faktor, dass sie bemerkenswert durchgängig und universell sind (Parnia 2013, S. 338; Hervorhebungen: Sch.). An anderer Stelle ist zu lesen: Heute liefern uns diese Überlebenden [»wieder ins Leben Zurückgeholte«; Sch.] bemerkenswerte und übereinstimmende Berichte über das, was sie in der Zeit nach Beginn ihres eigenen Todes erlebt haben (Parnia 2013, S. 342; Hervorhebungen: Sch.). Auf die immer wiederkehrende Aussage, eine Nahtoderfahrung würde bei den Betroffenen (im Gegensatz zu einer „erfundenen Geschichte“) in aller Regel zu gravierenden Veränderungen in Lebenseinstellung, Werthaltungen und schließlich Verhalten führen, wurde ebenfalls bereits hingewiesen (vgl. z. B. Lommel 2013, S. 181–184, Moody 2013, S. 99–107 oder Sartori 2015, S. 55–92). Auch Long (2010, S. 234) bestätigt dies: Es gibt so viele Beispiele dafür, dass ich leicht ein ganzes Buch mit nichts anderem als Nahtoderfahrungen aus der ganzen Welt füllen könnte, die die Betroffenen zutiefst verändert haben. Parnia ergänzt in diesem Zusammenhang als zusätzlichen Validierungshinweis, der sich gegebenenfalls aus der Richtung der Veränderung ergibt: Bei Menschen, die dem Tode nahe waren ohne dass damit eine Nahtoderfahrung verbunden war, wären offenbar völlig andere Konsequenzen an der Tagesordnung. Mit Blick auf den bereits erwähnten Patienten Tiralosi berichtet Parnia, er sagte, er … habe er keine Angst mehr vor dem Tod. […] Oberflächlich betrachtet, scheint dies eine wirklich bemerkenswerte Reaktion zu sein, und zwar für jede Person, die dem Tod sehr nahe war. Als Intensivmediziner sehe ich, was aus Menschen wird, die nicht von dieser bewussten Erinnerung an den Tod berichten. Sie bringen zwar oft ein Gefühl der Erleichterung darüber zum Ausdruck, dass sie überlebt haben, aber es kommt vor, dass sie psychisch, mental und emotional instabil werden. Das Leben hat ihnen deutlich gezeigt, wie fragil es ist, und eine Warnung ausgesprochen […]. Diese krude Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit kann schwer zu ertragen sein. Daher sind 168 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? langfristig psychische Erkrankungen wie posttraumatische Belastungsstörungen und Depressionen bei reanimierten Patienten nicht ungewöhnlich. Doch Menschen, die eine ähnliche Erfahrung gemacht haben wie Tiralosi, scheinen wirklich in einer neuen Welt zu sein – einer Welt, in der man den Tod nicht fürchten muss. […] Tiralosi […] ging mit einem neuen Verständnis seiner Rolle als Ehemann, Freund und Vater aus dieser Begegnung hervor. Wie andere, die etwas Ähnliches erlebt hatten, war auch er anschlie- ßend weniger materialistisch und deutlich altruistisch eingestellt (Parnia, 2013, S. 15–16; Hervorhebung: Sch.). An anderer Stelle berichtet Parnia generell, […] dass die meisten Menschen, die eine derartige Erfahrung gemacht hatten, […] wie sie es beschrieben, zutiefst davon betroffen waren und durch dieses Erlebnis eine positive Verwandlung erfuhren (Parnia 2013, S. 24). Jeffrey Long (2010, S. 262) äußert sich ähnlich der zitierten Aussage Sam Parnias: NTE-Betroffene hatten weniger Angst vor dem Tod und glaubten stärker an ein persönliches Weiterleben nach dem Tod. Ihr Interesse an Spiritualität wuchs und sie zeigten mehr Liebe und Akzeptanz für sich und andere. Ihre Wertschätzung für die täglichen Dinge des Lebens nahm weiter zu, während ihnen Geld, Besitz und Macht nun noch weniger bedeuteten. Bei den Menschen ohne NTE nahm das Interesse an Spiritualität dagegen in auffallender Weise ab, während die Furcht vor dem Tod zunahm (Lommel 2013, S. 182). Weitere Validierungshinweise mit Blick auf die Universalität der Berichte ergeben sich aus folgenden Äußerungen: Ich erkannte nach und nach, dass Menschen, die solche Erfahrungen gemacht hatten, einen ganz unterschiedlichen Hintergrund hatten und ganz verschiedenen Glaubenssystemen angehörten. Das Spektrum reichte von Agnostikern bis zu Atheisten und von Leuten mit minimal ausgeprägter Vorliebe fürs Religiöse bis hin zu sehr religiösen Menschen (Parnia 2013, S. 24; vgl. hierzu auch S. 170 und 338). 169 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Und: Wenn es darum geht, die Rolle zu bestimmen, die feste Vorstellungen über das Leben, den Tod und das, was geschieht, wenn wir sterben, spielen, war die am meisten faszinierende und wahrscheinlich schlüssigste Gruppe, die untersucht wurde, die der Kinder, die ein Nahtoderlebnis hatten. Ich fand zwei faszinierende Fälle, die alles in den Schatten stellten. […] [Es folgen die Geschichten von John und Andrew, wobei in beiden Fällen über nachprüfbare außerkörperliche Erfahrungen berichtet wird]. Die Erlebnisse von John und Andrew sind insofern bemerkenswert, als sie in vielen Details dem entsprechen, was Forscher auch in Berichten über Nahtoderlebnisse von Erwachsenen gefunden haben. Was Kinder über ihre Nahtoderlebnisse erzählten, war einfacher als die Beschreibungen der Erwachsenen, und die Kinder waren in ihrer Fähigkeit, alles zu erklären, was sie erlebt hatten, eingeschränkt, aber dennoch hatten sie anscheinend die gleichen einschneidenden Erlebnisse gehabt, von denen auch Erwachsene berichteten. Für viele Wissenschaftler und medizinische Forscher, mich eingeschlossen, zeigte dies, dass diese Erfahrungen etwas Einheitliches an sich hatten, das wissenschaftlich untersucht werden konnte (Parnia 2013, S. 167– 170). Ausschluss alternativer Erklärungen Auch Sam Parnia diskutiert ausführlich vermutete physiologische und psychologische Erklärungen für Nahtoderfahrungen (vgl. Parnia 2013, S. 181–183, 191–209, 212, 270–271 und 277–279) und folgt damit dem Beispiel von Eben Alexander (vgl. Abschn. 2.1), Raymond Moody (vgl. Abschn. 2.2), Pim van Lommel (vgl. Abschn. 2.3), Penny Sartori (vgl. Abschn. 2.4), Nahm (2012, S. 175; vgl. Kap. 3) oder auch Sabom (1982, S. 199– 237). Sein Fazit lautet ähnlich: Trotz der Tatsache, dass […] auf das Gehirn bezogene Theorien – die Dying-Brain-Theorie, die Aktivierung von NMDA-Rezeptoren und die Temporallappenepilepsie – und andere weniger bedeutende wie die Freisetzung von Endorphinen, die stattfindet, wenn der Körper unter großem Druck steht, von Wissenschaftlern entwickelt und erforscht wurden, waren sie nicht 170 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? unabhängig voneinander oder sogar gemeinsam für das Phänomen der Nahtoderlebnisse verantwortlich. Wissenschaftler erforschten auch psychologische Möglichkeiten. Es besteht die Chance, dass ein Nahtoderlebnis, obwohl es ein echtes Erlebnis zu sein scheint, tatsächlich nur eine Reihe von Gedanken ist, eine Reaktion auf den Stress im Angesicht des Todes. Einfach ausgedrückt, wenn Menschen denken, dass sie gleich sterben müssen, stellen sie sich die Ereignisse so vor, wie sie erwarten, dass sie ablaufen würden. […] Die wesentliche Einschränkung dieser Theorie ist, dass Menschen, die wie Joe Tiralosi [siehe weiter oben; Sch.] einen Herzstillstand und ein solches Erlebnis hatten, bereits klinisch tot und bewusstlos waren. Sie hatten gar keine Zeit, sich etwas Angenehmes vorzustellen, weil sie nicht einmal wussten, was passieren würde. Bei weitem am strittigsten und am schwierigsten zu analysieren ist die Erklärung, die auf der Vorstellung basiert, das, was Menschen in Bezug auf ihre Nahtoderlebnisse behaupten, könne real sein. Das ist jedoch genau das, was die überwiegende Mehrheit der Menschen, die ein Nahtoderlebnis hatten, behauptet. […] Die Experten, die Nahtoderlebnisse für echte Erfahrungen halten, argumentieren so: Weil diese Erfahrungen auf der ganzen Welt ähnlich beschrieben werden, ist es unwahrscheinlich, dass es sich dabei um Halluzinationen handelt. Wenn es welche wären, würde man erwarten, dass Menschen aus verschiedenen Kulturen unterschiedliche Erfahrungen machen, weil ihre Erinnerungen und damit ihre Halluzinationen davon abhängig wären, was sie im Laufe ihres Lebens gelernt haben. Ein weiteres Argument gegen die Annahme, dass Nahtoderlebnisse rein psychologische oder halluzinatorische Erfahrungen sind, ist, dass sie auch von Kindern beschrieben werden, die viel zu jung sind, um eine Vorstellung vom Tod oder vom Leben nach dem Tod zu haben. Und schließlich haben Menschen davon berichtet, dass sie in der Lage waren, an der Decke schwebend oder aus einer gewissen Entfernung Dinge zu sehen, über die sie nichts gewusst haben konnten (Parnia 2013, S. 203–204; Hervorhebungen: Sch.). Weitere Validierungshinweise II Eine Zahlenangabe als Ergänzung zu Parnias vorstehender Aussage, die überwiegende Mehrheit der Menschen, die ein Nahtoderlebnis hatten, 171 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? behaupteten, ihre Nahtoderfahrung als „real“ empfunden zu haben, ist Long (2010) zu entnehmen: Zwei wichtige Fragen aus dem NDERF-Fragebogen möchten von 613 Nahtoderfahrenen wissen, wie sie die Realität ihres Erlebnisses einschätzen. Die Betroffenen werden gebeten anzukreuzen, für wie real sie ihre Erfahrung kurz nach dem Ereignis hielten und für wie real sie sie heute beim Ausfüllen des Fragebogens halten. 95,8 Prozent der Befragten hielten ihre NTE [Nahtoderfahrung; Sch.] zu dem Zeitpunkt, als sie den Fragebogen ausfüllten, für »definitiv real«. Nicht ein einziger Betroffener sagte, er halte seine Erfahrung für »definitiv nicht real« (Long 2010, S. 79–80; Hervorhebung: Sch.). Vgl. hierzu auch Long (2010, S. 255–256), wo er mit Verweis auf das Thomas-Theorem argumentiert und William Isaac Thomas zitiert: Wenn Menschen Situationen als wirklich definieren, dann sind diese auch in ihren Folgen wirklich. Dass Betroffene ihre Erfahrung als „real“ empfinden, könne als Voraussetzung für die anschließenden gravierenden Veränderungen betrachtet werden. Würden sie nicht als „real“ empfunden, wären langanhaltende und tiefgreifende Veränderungen im Denken und Handeln sehr erstaunlich. Als zusätzlichen Validierungshinweis, was die Glaubwürdigkeit der „Quelle“ betrifft, könnte man auch Parnias Motivation betrachten: In erster Linie will ich die Qualität der Reanimation verbessern, um mehr Leben zu retten und Hirnschädigungen zu verhindern. In zweiter Linie geht es mir darum, zu verstehen, was im Tod mit dem menschlichen Geist und dem Bewusstsein passiert, denn ein Herzstillstand ist vielleicht der einzige Umstand, unter dem wir das menschliche Bewusstsein zu einer Zeit studieren können, wo das Gehirn auf natürliche Weise stillgelegt ist (Parnia 2013, S. 269). Entsprechend liest sich sein Buch. Sehr weite Teile behandeln medizinische Themen, welche für den an Nahtoderfahrungen interessierten Laien sicher nicht im Zentrum des Interesses stehen. Passagen wie: 172 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Um Veränderungen des Sauerstoffniveaus im Gehirn während eines Herzstillstands zu messen, setzten wir ein ausgefeiltes Gehirn-Überwachungsgerät ein, einen sogenannten zerebralen Oximeter, der den Sauerstoffgehalt im Gehirn kontinuierlich messen kann und der während eines Herzstillstands alle paar Sekunden den jeweiligen Stand aufzeichnet […]. Die zerebrale Oximetrie ist ein nicht invasives Verfahren, bei dem dieses Gerät auf der Stirn platziert wird, um den Ärzten klar und deutlich anzuzeigen, wie viel Sauerstoff das Gehirn während und nach der Reanimation bekommt. Indem wir während der Reanimation den Sauerstoffgehalt im Gehirn der Menschen aufzeichneten, die überlebten und später von Erlebnissen berichteten, konnten wir feststellen, ob das etwas mit der Qualität der Reanimation zu tun hatte, und hatten gleichzeitig ein Echtzeitsystem, das Ärzte über die Qualität der Versorgung des Gehirns informierte (Parnia 2013, S. 278)121 lassen kaum den Verdacht aufkommen, dass hier ein Bestseller für „Nahtod-Interessierte“ produziert werden sollte. Das Fazit Sam Parnias Nach einer Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen Diskussion um das Thema „Nahtoderfahrung“ und die Konstruktion von Realität (auf den Seiten 211 bis 214 seines Buches) meint Parnia: auch wenn das Thema Tod und was geschieht, wenn wir sterben, traditionell als eine religiöse oder philosophische Frage wahrgenommen wird, ist klar, dass es sich hier um ein Wissensgebiet handelt, das wissenschaftliche Objektivität erfordert. Wir sollten unparteiisch bleiben und bereit sein zu akzeptieren, was immer unsere Befragungen erbringen, ohne uns zu sehr auf das zu fixieren, was wir aufgrund unserer Konditionierung als Realität wahrnehmen, denn es ist schwierig, Kenntnis über die Realität von irgendetwas zu erlangen, und damit sollte sich die Wissenschaft beschäftigen – nicht mit dem, was zu einer bestimmten Zeit und basierend auf einem bestimmten festen Rahmen, der als Wissenschaft definiert wird, wahrnehmbar ist. Wie wir gesehen haben, werden Konzepte wie Bewusstsein, Seele oder Jenseits traditionell zwar nicht als wissenschaftlich betrachtet, aber der 121 Zu den Ergebnissen vgl. Parnia (2013, S. 285–288). 173 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? wissenschaftliche Fortschritt – und ganz besonders das Bestreben, Leben zu retten und den Tod zu verstehen und damit zu überwinden, selbst nachdem er eingetreten ist – hat uns dazu gebracht, einige unserer Wahrnehmungen neu zu überdenken und mit wissenschaftlichen Mitteln erkunden zu wollen, was hier passiert. Heute ist es sehr viel schwieriger, den Tod zu definieren oder zu verstehen, ohne dabei das Bewusstsein oder die Seele einer Person zu berücksichtigen (Parnia 2013, S. 214–215). Gegen Ende des Buches resümiert Parnia: Heute ist das Thema Bewusstsein, Psyche und Seele ein völlig neues Gebiet, auf dem noch Entdeckungen gemacht werden können, ein Mysterium zwar, das aber zum Glück mittlerweile auch für die Wissenschaft von großem Interesse ist. Um die wissenschaftliche Situation, in der wir uns momentan befinden, besser zu erklären: Es ist, als hätten wir eine völlig neue Substanz entdeckt, die wir weder nachweisen noch erklären können, jedenfalls nicht unter Bezugnahme auf irgendetwas, was wir in der Naturwissenschaft jemals gesehen und behandelt haben. Obwohl das menschliche Bewusstsein ein Mysterium ist, wissen wir, dass es existiert und dass es uns zu dem macht, der wir sind. Doch, wie bereits erläutert, konnte bisher niemand erklären, wie es zustande kommt. Im Wesentlichen gibt es zwei Möglichkeiten, seine Existenz zu belegen. Entweder vertritt man die Auffassung, dass das Bewusstsein seine Existenz einem »Bottom-up-Phänomen« verdankt, was im Prinzip bedeutet, dass unser Bewusstsein, unsere Psyche oder Seele ein Nebenprodukt der Gehirnzellenaktivität ist, das sich – als Begleiterscheinung – aus den koordinierten Aktivitäten bestimmter Gehirnsegmente ergibt. Oder man wählt den »Top-down-Ansatz«, der das Bewusstsein, die Psyche oder Seele als separate Instanz betrachtet, die von der Wissenschaft bis heute unentdeckt ist, nicht von Gehirnzellen hervorgebracht wird und die Hirnaktivität eigenständig und unabhängig steuern kann. Welches Modell man letztlich wählt, das menschliche Gehirn und das, was wir Bewusstsein, Psyche oder Seele bezeichnen, sind eng miteinander verknüpft, und daher befindet sich der »Sitz der Seele« tatsächlich im Gehirn. Was aber noch zu beantworten bleibt, ist die Frage nach der Natur und dem Ursprung des Bewusstseins und nach seiner Beziehung zum Gehirn. Deshalb liefert uns die mit modernen Methoden des Gehirnscanning gewonnene Erkenntnis, dass es einen Zusammenhang zwischen Gehirnzel- 174 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? lenaktivität und denkendem Geist gibt, nur einen Hinweis auf ihre enge Beziehung, aber keinen Beweis dafür, dass das Bewusstsein oder die Seele vom Gehirn hervorgebracht wird (Parnia 2013, S. 336–337; vgl. hierzu auch S. 349– 350). Abschließend zwei Zitate zum Thema „Bewusstsein“: Interessanterweise wird unsere Fähigkeit, diese [Nahtod-; Sch.] Erfahrungen mit aktuellen wissenschaftlichen Modellen zu erklären, dadurch erschwert, dass das Gehirn, nachdem Menschen die Grauzone jenseits des Todes betreten haben, seine Funktion in der Regel fast sofort einstellt […]. Daher scheinen diese Erfahrungen so etwas wie ein wissenschaftliches Paradox zu sein, und sie werfen die Frage auf, wie Menschen in diesem Zeitraum ohne funktionierendes Gehirn klare, gut strukturierte Denkprozesse und Erinnerungen haben können. Kurz gesagt, wenn man das Bottom-up- Modell des Bewusstseins, der Psyche und der Seele zugrunde legt, sollten zu diesem Zeitpunkt und ohne funktionierendes Gehirn keine kognitiven und mentalen Erfahrungen möglich sein, es sei denn, wir müssen das Topdown-Modell des Bewusstseins zugrunde legen oder wir haben es mit einem anderen unentdeckten Prozess zu tun beziehungsweise mit einem Fehler im Timing, was die Erlebnisse angeht (Parnia 2013, S. 338–339). Ferner: […] wenn der Geist – das Bewusstsein (oder die Seele) – weiter existieren und funktionieren kann, auch wenn das Gehirn nach dem Tod nicht mehr funktioniert, dann besteht die Möglichkeit, dass Bewusstsein eine separate, von der Wissenschaft unentdeckte Instanz ist, die nicht von den üblichen elektrischen oder chemischen Prozessen im Gehirn hervorgebracht wird, wie wir sie basierend auf dem heutigen Stand der Neurowissenschaften verstehen. Wenn sich das weiter bestätigt, brauchen wir ein neues Paradigma in der Neurowissenschaft, um das Problem anzugehen (Parnia 2013, S. 349). Dieses neue Paradigma müsste dann allerdings, wie bereits in Kapitel 1 angesprochen, auch das „Verursachungsproblem“ lösen! Bemerkenswert ist ein Exkurs Parnias, der an dieser Stelle nicht weiterverfolgt, jedoch in Abschnitt 2.7 ansatzweise wieder aufgegriffen werden soll. 175 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Und noch eine Frage stellt sich: Was sagt uns der Hinweis, dass es Erinnerungen an eine Zeit geben kann, in der keine Gehirnfunktionen vorhanden waren, über die Natur des Gedächtnisses und seine Beziehung zum Gehirn? Das heißt, was sagt er uns über das Gedächtnis und die Rolle der elektrischen Impulse, die normalerweise im Gehirn entstehen und als Kennzeichen der Kommunikation zwischen verschiedenen Gehirnregionen gelten? Ist das Gehirn wie die Festplatte eines Computers, die Erinnerungen an sich speichert, oder ist es eher wie ein Arbeitsspeicher (RAM = random access memory), der zwar erforderlich ist, um Aufgaben und Funktionen zu erfüllen, aber Erinnerungen nicht an sich speichert? Wenn das Gehirn die Festplatte für unsere Erinnerungen ist, wie können dann Erinnerungen erzeugt und gespeichert werden, wenn das Gehirn gar nicht funktioniert und keine elektrische Aktivität vorhanden ist? Und wenn das Gehirn auf der anderen Seite mehr wie der Arbeitsspeicher eines Computers ist, heißt das dann, dass Erinnerungen auch in Abwesenheit der Gehirnfunktionen in unserem Bewusstsein, unserer Psyche oder Seele gespeichert werden können, und ist es vielleicht das, was während einer Todeserfahrung passiert? (Parnia 2013, S. 339). An dieser Stelle sei lediglich angemerkt, dass auch bei Alexander (2013; S. 116–117), Lommel (2013, S. 26, 294, 297–298) und Sartori (2015, S. 15, 174, 196) ähnliche Überlegungen zu finden sind. 2.6 NTE: Definition(en), Häufigkeit und Inhalte (soweit zur Prüfung von Hypothese H 1 relevant) Definition(en) und Verwandtes Eine allgemein akzeptierte Definition existiert – wie bei Nominaldefinitionen nicht ungewöhnlich – derzeit offenbar weder für den Begriff „Tod“ (vgl. hierzu z. B. Parnia 2013, S. 313–332) noch für den Begriff „Nah toder fah rung“ (Näheres hierzu später). Sam Parnia (2013, S. 32) etwa schreibt: Der medizinische Fachausdruck für Tod ist Herzstillstand, weil zu diesem Zeitpunkt alle drei Kriterien des Todes (d. h. kein Herzschlag, keine Atmung und fixe, geweitete Pupillen) gegeben sind. 176 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? An anderer Stelle ist ausführlicher ausgeführt: Der Tod tritt in der Regel nur wenige Sekunden, nachdem das Herz zu schlagen aufhört, ein. Die Definition des Todes ist also folgende: Wenn das Herz eines Menschen nicht mehr schlägt und er auch nicht mehr atmet (weil die Lungen aufgrund eines Mangels an Sauerstoff ihre Funktion eingestellt haben) und wenn die Reflexe an der Basis des Gehirns (Stammhirn) fehlen, was ein Zeichen dafür ist, dass auch das Gehirn aufgrund von Sauerstoffmangel aufgehört hat zu arbeiten. An diesem Punkt reagieren die Pupillen der Person nicht mehr auf Licht und der oder die Betreffende entwickelt das, was als starre oder geweitete Pupillen bezeichnet wird (Parnia 2013, S. 57). Pim van Lommel schreibt, wie bereits (in Abschn. 2.3) berichtet: Als klinischen Tod definiert man die Phase der Bewusstlosigkeit, zu der es bei einem Herzstillstand oder einem akuten Herzinfarkt infolge unzureichender Durchblutung des Gehirns, eines Kreislaufzusammenbruchs und/ oder eines Atemstillstands kommt. Wenn in diesem Zustand keine Reanimation eingeleitet wird, tritt nach fünf bis zehn Minuten eine irreversible Schädigung der Gehirnzellen ein und der Patient wird unweigerlich sterben (Lommel 2013, S. 171). Eben Alexander äußert sich, wie in Abschnitt 2.1 angesprochen (und im Hinblick auf seinen persönlichen Fall durchaus relevant), folgenderma- ßen: […] die Medizin hat ihre Definition von Tod schon vor langer Zeit dahingehend revidiert, dass sie das Gehirn und nicht das Herz in den Mittelpunkt stellt […]. Ein Herzstillstand ist für den Tod nur insofern relevant, als er Auswirkungen auf die Gehirnfunktionen hat. Er führt nämlich innerhalb von Sekunden dazu, dass der Blutfluss zum Gehirn zum Erliegen kommt, was wiederum zu einer umfangreichen Störung der kooperativen neuronalen Aktivität und einem Verlust des Bewusstseins führt (Alexander 2013, S. 182–183). Raymond Moody thematisiert einige Definitionen des Begriffs „Tod“ (Moody 2013, S. 146–151) und scheint unter „Tod“ den Punkt im Sterbeprozess zu verstehen, an dem es „keine Umkehr mehr gibt“: 177 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? […] noch scheint es unmöglich zu sein, den Punkt exakt zu bestimmen, an dem es keine Umkehr mehr gibt. Möglicherweise liegt dieser Punkt bei jedem Menschen woanders und ist auch gar kein fester Punkt, sondern eher ein gleitender Übergang in ein Kontinuum (Moody 2013, S. 149). Mit Blick auf die Zeit nach dem Tode (in seiner o. g. Definition) bemerkt Sam Parnia: Nun, nachdem immer längere Kämpfe mit dem Tod ausgefochten wurden, die sich teilweise über Stunden nach seinem Eintreten hinzogen, können Ärzte mehr Menschen nach einem Herzstillstand retten als jemals zuvor (Parnia 2013, S. 33). Im Hinblick auf den Prozesscharakter fährt er fort: […] Wo […] ziehen wir also die Grenze, die eine Person überschritten haben muss, damit wir sie für dauerhaft tot erklären? Wo immer wir diese Linie ziehen und sagen, der Tod sei dauerhaft und endgültig, wird sie irgendwie willkürlich sein, denn der Tod ist ein Prozess, und die Grenze, hinter der bestimmte Zellen und Organe dauerhaft sterben, ist ständig in Bewegung, weil die Reanimationswissenschaft immer weiter fortschreitet. Je weiter wir diese Grenze also verschieben können, desto weiter können wir diesen finalen, absolut tödlichen Punkt nach hinten schieben. Im neuen Grenzland der medizinischen Forschung geht es hauptsächlich darum, den Zustand zu verlängern, in dem die Zellen noch lebensfähig sind, und Zeit zu gewinnen, um das Problem zu beheben, das den Herzstillstand ursprünglich verursacht hat (Parnia 2013, S. 34). Ähnlich geringe Übereinstimmung wie beim Begriff „Tod“ herrscht hinsichtlich der Definition des Begriffs „Nahtoderfahrung“ (vgl. z. B. Long 2010, S. 15, 41 sowie 70–71). Parnia (2013, S. 171) ist der Meinung, dass der Begriff Nahtoderlebnis oder Nahtoderfahrung wissenschaftlich problematisch ist und geändert werden sollte, wenn er in Zusammenhang mit Menschen erwogen wird, die medizinisch betrachtet die Grenze zum Tod überquert hatten und ins Leben zurückgeholt wurden (zum Beispiel diejenigen, die nach einem Herzstillstand wiederbelebt wurden). Das Hauptproblem ist, dass der Begriff zu vage ist […]. 178 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Und weiter: Als Arzt weiß ich, dass Menschen, die einen Herzstillstand hatten, nach dem derzeitigen medizinischen Wissensstand nicht dem Tode nah waren. Sie waren tot. […] Aus diesem Grund denke ich, dass das Nahtoderlebnis, wenn es in Zusammenhang mit einem Herzstillstand und dem objektiven Todeszeitraum auftritt, genauer als tatsächliches Todeserlebnis oder TTE bezeichnet werden sollte.[122] […] Wissenschaftlich gesehen, sollten Menschen, die das Bewusstsein unter diesen Umständen verlieren, per definitionem nicht in der Lage sein, sich vollkommen klar, detailliert und chronologisch korrekt an ihre Erlebnisse zu erinnern und über ihre Erfahrungen zu berichten. […] Doch irgendwie erfreuen sich Menschen, die diese bewussten mentalen Prozesse im Zeitraum des klinischen Todes für sich beanspruchen, der unerklärlichen Fähigkeit, sich an Details zu erinnern, von denen sie absolut eine Ahnung haben sollten (Parnia 2013, S. 173–174; Hervorhebung im Original).123 Zu entsprechenden Berichten bemerkt Parnia (2013, S. 14): In der Umgangssprache wird das, was er [der in Abschn. 2.5 erwähnte Patient Tiralosi; Sch.] erlebt hat, üblicherweise als Nahtoderfahrung bezeichnet. Dies ist ein Begriff, von dem ich persönlich glaube, dass er die Wissenschaft dessen, womit wir uns hier beschäftigen, nicht ganz und nicht genau wiederspiegelt, aber unabhängig davon, ob sie rein psychologisch sind oder sich tatsächlich abspielen, wird jetzt so routinemäßig über diese Erfahrung berichtet, dass nur wenige Menschen, die auf diesem Gebiet geforscht haben, daran zweifeln können, dass es sich um ein echtes Phänomen handelt, das weitere Untersuchungen rechtfertigt (vgl. hierzu auch Parnia 2013, S. 153, 171, 191; Hervorh.: Sch.). 122 Vgl. hierzu auch Parnia (2013, S. 266 und 270). 123 An späterer Stelle bemerkt Parnia (2013, S. 206): „[…] leider ist weder der Begriff Nahtoderlebnis noch der Begriff außerkörperliche Erfahrung streng genug definiert, was letztlich bedeutet, dass Menschen irgendetwas, das gewisse Ähnlichkeiten damit hat, als Nahtoderlebnis bezeichnen können. Das ist einer der Hauptgründe, aus dem ich dafür plädiere, dass Forscher ihre Anstrengungen auf Menschen konzentrieren, die einen Herzstillstand hatten und daher objektiv die Schwelle zum Tod überschritten haben“ (Parnia, 2013, S. 206; Hervorhebungen im Original). 179 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Nach Pim van Lommel (vgl. Abschn. 2.3), der eine „weite“ Definition setzt, umfasst eine Nahtoderfahrung (NTE) alle aus der Erinnerung geschilderten Eindrücke während eines außergewöhnlichen Bewusstseinszustands – mit charakteristischen Elementen wie der Erfahrung eines Tunnels, eines Lichts, eines Lebenspanoramas, der Begegnung mit Verstorbenen oder der Wahrnehmung der eigenen Reanimation. Zu diesem Bewusstseinszustand kann es während eines Herzstillstandes kommen – also in einer Phase, in der ein Mensch klinisch tot ist –, aber auch bei einer ernsthaften Erkrankung oder ohne klare medizinische Ursache (Lommel 2013, S. 38). Ähnlich ist bei Penny Sartori (2015, S. 22) zu lesen: Zwar habe ich im Rahmen meiner Forschungsarbeit im Krankenhaus in erster Linie Nahtod-Erfahrungen untersucht, die während eines Herzstillstandes aufgetreten sind, doch solche Erlebnisse kommen auch in anderen Zusammenhängen vor […] (vgl. hierzu auch Sartori 2015, S. 205–206 und S. 225 oder Moody 1997, S. 123–124). Eine ähnlich weite Definition findet sich bei Hubert Knoblauch (2007, S. 16 und 28), dessen Untersuchungsergebnisse bereits an einigen Stellen angeführt wurden. Auf einer weiten Definition basieren auch die Berichte von Günter Ewald (2009, 2013) und Johann Christoph Hampe (1975). Beispiele für solche Berichte sind die von dem Schweizer Geologie- Professor (vgl. Hampe 1975, S. 84) und Bergsteiger Albert Heim dokumentierten Fälle von Bergsteigern, die einen beinahe tödlichen Absturz überlebten. Auf diese Berichte wird sowohl bei Sartori (2015, S. 184) als auch bei Parnia (2013, S. 184–185) und bei Knoblauch (2007, S. 59–60) verwiesen.124 124 Quelle: Heim, Albert (1892): Notizen über den Tod durch Absturz. Jahrbuch des Schweizer Alpenclubs, Vol. 27, S. 327–337 oder: http://www.e-rara.ch/zuz/con tent/titleinfo/6873309 (abgerufen am 10.10.2018). Einen derartigen Bericht aus neuerer Zeit (aber noch vor dem Erscheinen von Moodys Hauptwerk!) zitiert Hampe (1975, S. 67–69). Quelle: Hias Rebitsch, Gedanken und Visionen bei einem Absturz; in: Der Bergsteiger, offizielles Organ 180 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Hierzu Parnia (2013, S. 184): Heim selbst hatte einen beinahe tödlichen Unfall beim Bergsteigen überlebt. […] Fasziniert von seiner eigenen Erfahrung, sammelte er dreißig Berichte aus erster Hand von Überlebenden ähnlicher Unfälle [nicht nur von Abstürzen im Gebirge; Sch.] und verglich sie miteinander, obwohl ihm noch nicht klar war, dass es sich um das handelte, was Moody fast ein Jahrhundert später als Nahtoderlebnis bezeichnen würde. Ebenfalls ein – selbst erfahrenes – Beispiel für ein solches Erlebnis in „nicht wirklicher Todesgefahr“ berichtet der Biologe und Hirnforscher Gerhard Roth (2009, S. 210). Zu solchen Berichten bemerkt Nahm (2012, S. 175): Es ist […] äußerst erstaunlich, dass Nahtod-Erfahrungen, die während eines Herzstillstands erlebt werden, sich praktisch nicht von solchen Nahtod- Erfahrungen unterscheiden, die sich in Zuständen von optimaler Sauerstoffversorgung des Gehirns ereignen. Demnach wäre Sauerstoffmangel keine notwendige Voraussetzung für eine Nahtoderfahrung – ein Standpunkt, den bereits Michael Sabom (1982, S. 236–237) vertrat: Ich hatte das Glück, in meiner Studie auf einen Mann zu stoßen, bei dem zur Zeit seines Sterbeerlebnisses und seines Herzstillstands sowohl der Blutsauerstoff als auch das Kohlendioxyd gemessen worden war […]. [Der Patient »beobachtete« die Blutabnahme; Sch.] Im Labor stellte man fest, dass der arterielle Sauerstoffgehalt weit über dem Durchschnitt lag […]. Die Tatsache, dass der Mann diese Blutgasprozedur »optisch« wahrnahm, zeigt, dass ihm das Blut zur Zeit seines Erlebnisses entnommen wurde. In diesem Fall war also weder Hypoxie noch eine Hyperkapnie der Grund für sein Sterbeerlebnis! (Hervorhebungen im Original). des österreichischen Alpenvereins, München 1970. Die Quellenangabe stammt aus Hampe (1975, S. 167). 181 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? In anderem Zusammenhang bemerkt Michael Nahm: Als weitere Parallele zu Nahtod-Erfahrungen kann angeführt werden, dass Todesnähe-Visionen offenbar unter ganz verschiedenen Gehirnzuständen in identischer Form auftreten. […] Diese Feststellung erschwert es auch hier, eine einheitliche biochemisch begründete Halluzinations-Theorie für Todesnähe-Visionen aufzustellen (Nahm 2012, S. 204; Hervorhebung: Sch.).125 Im Gegensatz zu einer „weiten“ Definition fallen unter die Bezeichnung „Nahtoderfahrung“ bei Long (2010, S. 98–99) nur solche Ereignisse […], bei denen die Betroffenen körperlich so stark geschädigt sind, dass der Tod unabdingbar folgt, wenn sich an ihrem körperlichen Zustand nichts ändert. Auch intrapersonell können Definitionen über die Zeit variieren. Mit Blick auf die Entwicklung bei Raymond Moody (vgl. Abschn. 2.2) berichtet Long (2010, S. 41): 1977 definierte Dr. Moody Nahtoderfahrungen als »jede bewusst wahrgenommene Erfahrung im Verlaufe … eines Geschehnisses, bei dem eine Person ohne weiteres sterben könnte oder getötet würde (und diesem Extrem auch so nahe kommt, dass sie im klinischen Sinne für tot gehalten und erklärt wird), aber trotzdem überlebt und ihr physisches Dasein fortsetzt«.126 Über ein Jahrzehnt später definierte Moody Nahtoderfahrung neu als »tiefgreifende spirituelle Ereignisse, die manchen Menschen unaufgefordert im Augenblick ihres Todes wiederfahren«.127 125 Nahm (2012, S. 205–206) verweist in diesem Zusammenhang auf zwei hypothesenprüfende Studien in den USA, wobei unter anderem Ärzte und Pfleger, welche den Tod von insgesamt 35540 Menschen miterlebt hatten, in 884 Fällen von einer Todesnähe-Vision berichteten. Dies entspricht einem Anteil von 2,5 Prozent. 126 Raymond A. Moody, Nachgedanken über das Leben nach dem Tod, Rowohlt 1977, Neuausgabe 2002, 2. Auflage Mai 2008, S. 154. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 127 Raymond A. Moody und Paul Perry, Coming Back: A Psychiatrist Explores Past- Life Journeys, Bantam 1991, S. 11. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 182 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Festzuhalten ist, dass in den Arbeiten, welche in den vorstehenden Abschnitten besprochen wurden, durchaus unterschiedliche Definitionen der Begriffe „Tod“ und „Nahtoderfahrung“ bzw. „Nahtoderlebnis“ Verwendung finden. Hierauf ist bei der Interpretation der Texte zu achten. Andererseits dürften die hiermit verbundenen Unschärfen für den Zweck des vorliegenden Beitrags, sich einer Prüfung der Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“ anzunähern, von eher untergeordneter Bedeutung sein. Schließlich finden hierbei nur solche Fälle Berücksichtigung, bei denen gute Gründe dafürsprechen, dass das Gehirn „funktionsuntüchtig“ ist. Von zentraler Bedeutung hingegen ist, ob eine überschaubare Anzahl (also: ein „harter Kern“) ungewöhnlicher – und damit unwahrscheinlicher – Aussagen auszumachen ist, welche in den betreffenden Berichten vorkommen. Nach einem Exkurs über die Häufigkeit von Nahtoderfahrungen werden die Inhalte von Nahtoderfahrungen unter diesem „statistischen Gesichtspunkt“ zu thematisieren sein. Häufigkeit von NTE und NTE-Berichten Nahtoderfahrungen scheinen schon zu Moodys Zeiten relativ häufig vorgekommen zu sein. Er berichtet in seinem 1975 erschienenen Buch (vgl. Abschn. 2.2): Zu meiner Verblüffung stellte sich heraus, dass in fast jedem meiner Kurse mit durchschnittlich dreißig Studenten zumindest einer nach der Stunde zu mir kam und mir von einer eigenen Erfahrung mit dem Beinahe-Tod erzählte (Moody 2013, S. 35; vgl. auch S. 132–133 sowie Moody 1997, S. 16–17). Schon vor Erscheinen dieses Buches schrieb Wiesenhütter: […] die geschilderten Sterbeerlebnisse kommen viel häufiger vor, als man zunächst meint. Sie sind keine Ausnahmen, sondern typisch. Wendet man sich an alte Krankenschwestern, hört man mehr über sie berichtet als von Ärzten (Wiesenhütter 1974, S. 21). 183 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Zudem ist offensichtlich aufgrund der verbesserten medizinischen Möglichkeiten (bezüglich Reanimation und Behandlung) hinsichtlich derartiger Berichte eine steigende Tendenz zu verzeichnen (vgl. z. B. Alexander 2013, S. 181, Lommel 2013, S. 12, 40–41 oder Parnia 2013, S. 11). Penny Sartori schreibt: Eine Umfrage von George Gallup und William Proctor aus den Jahren 1980 und 1981 ergab, dass schätzungsweise acht Millionen Amerikaner eine Nahtod-Erfahrung gehabt haben.128 Angesichts der Fortschritte in der Medizintechnik ist diese Zahl inzwischen wahrscheinlich merklich gestiegen, da mehr Menschen kritische Erkrankungen überleben (Sartori 2015, S. 115; Hervorhebung: Sch.; vgl. hierzu auch Parnia 2013, S. 149). Van Lommel berichtet: Eine neuere Umfrage in Deutschland aus dem Jahre 1998 deutet auf einen ähnlichen Prozentsatz von 4,2 hin129 (Lommel 2013, S. 129; Hervorhebung: Sch.). Eine Übersicht zu dieser Bevölkerungsstudie mit 2044 Befragten findet sich in Knoblauch (2007, S. 123–147). Sie wurde durchgeführt in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) in Mannheim (vgl. Knoblauch 2007, S. 216) und ist auf Repräsentativität für Deutschland hin angelegt. Die Anzahl der Nahtoderfahrungen erwies sich dabei als unabhängig vom Geschlecht und von der Herkunft aus den Alten bzw. Neuen Bundesländern. Auch wenn die Ausschöpfungsquote nicht berichtet ist und 128 Gallup. George jun. and Proctor, William (1984); Adventures in Immortality, Corgi Books, S. 12; deutsch: Begegnungen mit der Unsterblichkeit: Erlebnisse im Grenzbereich zwischen Leben u. Tod, aus dem Amerikanischen von Wolfgang Crass, Universitas 1983. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) Vgl. auch Parnia (2013, S. 186). Die Angabe entspricht 3,5%. 129 Schmied, I., Knoblauch, H., Snettler, B. 1999: »Todesnäheerfahrungen in Ost- und Westdeutschland. Eine empirische Untersuchung« S. 65–99 in: H. Knoblauch. H. und G. Soeffner (Hrsg.). Todesnähe: Interdisziplinäre Zugänge zu einem au- ßergewöhnlichen Phänomen. Konstanz: Universität Konstanz. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) [Anmerkung: Offensichtlicher Tippfehler ersetzt: Knoblaub → Knoblauch; Sch.]. 184 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? den Aussagen eine weite Definition von „Nahtoderfahrung“ zugrunde liegt, kann festgehalten werden, dass Nahtoderfahrungen im hier betrachteten Sinne (bei schwerer Beeinträchtigung der Gehirnfunktionen) offensichtlich in nennenswerter Zahl auftreten. Die Größenordnung, in der sich diese Angaben bewegen, ist – von den Fallzahlen her gesehen – offenbar beachtlich. Van Lommel kommt an anderer Stelle zu dem Schluss: Damit verfügen erstaunlicherweise wahrscheinlich zweieinhalb Millionen Menschen in Großbritannien, über zwanzig Millionen Menschen im restlichen Europa und neun Millionen Menschen in den USA über eine Nahtod- Erfahrung (van Lommel im Vorwort zu Sartori 2015, S. 13; Hervorhebung: Sch.). Sartori berichtet über die oben genannte deutsche Studie: Eine 2001 veröffentlichte Studie zeigte, dass vier Prozent der Deutschen von einer Nahtod-Erfahrung berichteten, woraus sich ergibt, dass schätzungsweise drei Millionen Deutsche eine Nahtod-Erfahrung haben130 (Sartori 2015, S. 115; Hervorhebung: Sch.). So gesehen erscheint Moodys Vorschlag: „Gehen Sie doch der Sache mal selber ein bisschen nach“ (Moody 2013, S. 28) nicht abwegig. Auch Knoblauch (2007, S. 93) berichtet, zunächst ausgehend von seinem persönlichen Umfeld, Personen mit Nahtoderfahrung gefunden zu haben. So viel zu Schätzungen der Gesamtzahl von Personen, die angeben, eine Nahtoderfahrung gemacht zu haben. Sie liegt nach den genannten Aussagen relativ hoch. Eine andere Frage ist, wie oft Personen, die in Todesnähe waren, von Nahtoderfahrungen berichten. Hierzu präsentiert van Lommel einen Vergleich aus vier prospektiven Studien – der niederländischen Studie (vgl. Abschn. 2.3), einer ame- 130 Knoblauch, H.; Schmied, I. und Schnettler, B. (2001); Different Kinds of Near- Death Experience: A Report on a Survey of Near-Death Experiences in Germany, Journal of Near-Death Studies, Vol. 20, No. 1, Herbst, S. 15–29. Auf Deutsch erschienen: Knoblauch, Hubert; Begegnungen mit dem Jenseits: Die Botschaft der Nahtod-Berichte, Aria 2012 (Erstausgabe unter dem Titel Berichte aus dem Jenseits: Mythos und Realität der Nahtod-Erfahrung, Herder 1999). (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 185 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? rikanischen131 und zweier englischer132 (vgl. auch Abschn. 2.4 und 2.5) – über die Häufigkeit des Auftretens von Nahtoderfahrungen (NTE) bei Patienten mit Herzstillstand. Die Ergebnisse sind in Tabelle 2.6–1 berichtet. Weitere Einzelheiten finden sich in Lommel (2013, S. 187–191). Die Auftretenswahrscheinlichkeit dürfte nach diesen Angaben bei befragten Patienten mit Herzstillstand in der Größenordnung zwischen 10 und gut 20 Prozent liegen. Nach Tabelle 2.6–1 erbrachten vier voneinander unabhängige prospektive Studien aus drei Ländern des westlichen Kulturkreises ähnliche Ergebnisse für die Häufigkeit von Nahtoderfahrungen bei Patienten mit Herzstillstand. Dies spricht meines Erachtens für die Glaubwürdigkeit der berichteten Ergebnisse – andernfalls müsste man wohl von einer „groß angelegten Absprache und Abstimmung in internationalem Stil“ ausgehen, welche zwar nie auszuschließen ist, jedoch gegebenenfalls zu belegen wäre. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam auch eine ältere Studie von Michael Sabom (1982, S. 81): Die Häufigkeit des krisenbedingten Sterbeerlebnisses lag bei den 78 prospektiv ermittelten Personen […] ungefähr bei 27 Prozent (42 Sterbeerlebnisse im Verlauf von 156 lebensbedrohenden Krisen).133 131 Greyson, B. (2003): Incidence and correlates of near-death experiences in a cardiac care unit. General Hospital Psychiatry 25, S. 269–276. (Literaturangabe nach Lommel 2013, S. 187) 132 Parnia, S. et al. (2001) [siehe: Literaturverzeichnis!] sowie: Sartori, P. (2006): The incidence and phenomenology of near-death experiences. Network Review (Scientific and Medical Network) 90, S. 23–25. (Literaturangaben nach Lommel 2013, S. 189, 190) In beiden Studien wurden verborgene Zeichen zum Nachweis außerkörperlicher Erfahrungen eingesetzt, wobei der Nachweis in dieser Form allerdings beide Male nicht gelang. 133 Mit einer Veränderung der Prozentuierungsbasis erhöht sich dieser Wert allerdings: „Von den 78 prospektiv ermittelten Personen berichteten 34 (44 Prozent) von einem Sterbeerlebnis im Verlauf einer lebensbedrohenden Krise“ (Sabom 1982, S. 81; vgl. hierzu auch S. 87). Die Differenz zwischen „n=34“ und „n=42“ erklärt sich durch Mehrfachnennungen (34/78 = 44 Prozent). 186 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Tab. 2.6–1: Häufigkeit einer Nahtoderfahrung bei Patienten mit Herzstillstand aus vier prospektiven Studien Anzahl der interviewten Patienten mit Herzstillstand Anzahl davon mit Nahtoderfahrung (errechnet aus der Quelle) Anteil davon mit Nahtoderfahrung NL-Studie: van Lommel (2013) 344 62 18% US-Studie: Greyson (2003) 116 18 15,5% UK-Studie: Parnia et al. (2001)134 63 7 11% UK-Studie: Sartori (2006)135 39 9 23% aggregierte Daten: 562 96 17% Quelle: Nach Lommel (2013, S. 187) Pim van Lommels Schlussfolgerungen bezüglich der vier von ihm behandelten Studien (mit insges. 562 Patienten) lauten: 1. Bei Herzstillstand wird der gleiche Prozentsatz an NTE nachgewiesen. 2. Es gibt keine physiologische oder psychologische Erklärung für eine NTE. 3. Eine NTE tritt während eines Herzstillstands auf. 4. Bei einem Herzstillstand fallen alle Gehirnfunktionen aus (Lommel 2013, S. 187). Falls die Punkte 3 und 4 zutreffen, hat dies große Bedeutung für die Prüfung von Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, 134 Hinweis: Die Angaben beziehen sich auf die von Sam Parnia initiierte Studie (vgl. Abschn. 2.5) nach einer Laufzeit von einem Jahr. Sie stammen aus Parnia et al. (2001, S. 151). Die Studie wurde darüber hinaus fortgesetzt. 135 Sartori (2015, S. 191) berichtet: „Am Ende der fünf Jahre hatten von neununddreißig Überlebenden eines Herzstillstands sieben (17,9 Prozent) von einer Nahtoderfahrung berichtet.“ Lommel (2013, S. 190) zählt aufgrund seiner „weiter gefassten Kriterien“ 2 Personen mit „nur“ einer außerkörperlichen Erfahrung (ohne Erwähnung sonstiger Elemente einer Nahtoderfahrung) hinzu und kommt damit auf einen Anteil von 9 pro 39, also 23 Prozent. 187 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“ (vgl. Kap. 2). Nach meiner Lesart wäre dann sichergestellt, dass das Gehirn nicht in der Lage war, Bewusstsein zu erzeugen. Akzeptierte man dann auch nur einen einzigen der Berichte, sollte Hypothese H 1 als verifiziert gelten. Allerdings ziehen (oder zogen bis vor kurzem) es den Berichten zufolge offenbar viele Betroffene vor, im Extremfall gar nicht oder lediglich mit engsten Vertrauten über ihre Nahtoderfahrung (NTE) zu sprechen. Dies bestätigt z. B. auch Ewald 2009, S. 126–127 anhand seiner Berichte. Dass selbst „gar nicht“ in nennenswerter Häufigkeit vorkommen dürfte, zeigt ein Zitat von Long (2010, S. 55): Der Internet-Fragebogen der NDERF erreicht Betroffene, die noch nie mit jemandem über ihre Nahtoderfahrung gesprochen haben und die man mit einer anderen Untersuchungsmethode wohl kaum je erreichen würde. Im Rahmen der NDERF-Studie fragten wir: »Haben Sie Ihre Erfahrung anderen gegenüber erwähnt?« Auf diese Frage antworteten 8,5 Prozent [sic!] der Betroffenen mit »Nein« (Hervorhebungen: Sch.). Übereinstimmend wird in der Literatur als Grund für diese Zurückhaltung die Furcht genannt, in irgendeiner Form als „geisteskrank“ betrachtet oder als zumindest „temporär unzurechnungsfähig“ angesehen zu werden (vgl. hierzu z. B. Alexander 2013, S. 170/171 sowie auch S. 106 und 184; Moody 2013, S. 133–136; Lommel 2013, S. 81, 84, 89, 90 sowie bezüglich Kindern S. 118; Sartori 2015, S. 29, 55, 127, 135–136 und Long 2010, S. 52–53, 257–259). Ein Zitat Pim van Lommels mag dies verdeutlichen: Angesichts dieser großen Zahl [von Nahtoderfahrungen; Sch.] können wir davon ausgehen, dass solche Erfahrungen bei einer lebensbedrohenden Symp to ma tik regelmäßig vorkommen. Vermutlich werden Nahtoderfahrungen in Krankenhäusern jedoch nur sehr unzureichend dokumentiert. Dies ist darauf zurückzuführen, dass eine NTE aus heutiger medizinischer Sicht nicht erklärt werden kann und daher von den meisten Ärzten als ein unglaubliches und unbegreifliches Phänomen angesehen wird. […] Forschungen haben zudem ergeben, dass die meisten Patienten über ihre NTE schweigen, weil man ihnen beim ersten vorsichtigen Versuch, über ihre Er- 188 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? fahrung zu sprechen, keinen Glauben schenkte.136 Das bestätigte sich auch auf einem Kongress über NTE im Jahre 1994, an dem etwa dreihundert Interessenten in einer Universitätsklinik in den USA teilnahmen. Nach einigen Vorträgen und einer persönlichen Schilderung einer selbst erlebten [sic!] NTE stand ein Mann auf und sagte: »Ich arbeite nun ungefähr 25 Jahre als Kardiologe und ich habe in meiner Praxis noch nie eine so unglaubliche Geschichte gehört. Ich halte das für den größten Humbug und glaube kein Wort davon.« Woraufhin sich ein anderer Mann erhob und entgegnete: »Ich war einer Ihrer Patienten. Vor einigen Jahren habe ich einen Herzstillstand überlebt, bei dem ich eine NTE hatte, und Sie wären sicher der Letzte, dem ich je davon erzählt hätte.« (Lommel 2013, S. 41). Moody (2013a, S. 105) ergänzt, dass sich diese Begebenheit im Anschluss an einen Vortrag des Kardiologen Dr. Michael Sabom zugetragen habe. Inhalte von NTE: Übersicht – Teil I Die vorstehenden Abschnitte 2.1 bis 2.5 haben einerseits eine Fülle von Anhaltspunkten beschrieben, welche für Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“ sprechen. Andererseits ist ein absolut zwingender Beweis schon aus prinzipiellen Gründen schwer zu führen. Über besagte Hypothese wird in vielen Fällen sehr hart und leidenschaftlich diskutiert, wohl auch deshalb, weil mit ihrer Annahme gravierende Konsequenzen auch und insbesondere für die wissenschaftliche Forschung verbunden wären. Nach meinem Eindruck dreht sich die Diskussion dabei in erster Linie um die Frage, ob bei berichteten Nahtoderfahrungen das Gehirn tatsächlich nicht in der Lage war, Bewusstsein zu erzeugen, oder eben doch. Dass entsprechende Erfahrungen gemacht wurden, wird hingegen kaum 136 Hoffmann, R. M. 1995. Disclosure needs and motives after near-death experiences: influences, obstacles, and listener selection. Journal of Near-Death Studies 14, S. 29–48. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 189 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? bezweifelt – wohl auch, nachdem inzwischen tausende solcher Berichte vorliegen (vgl. z. B. Nahm 2012, S. 163).137 Sam Parnia (2013, S. 272) betont ausdrücklich, dass Millionen von Menschen auf der ganzen Welt von sogenannten tatsächlichen Todeserlebnissen berichtet hatten […] (vgl. hierzu auch Parnia 2013, S. 342–343). Auch der Radioonkologe Jeffrey Long schreibt: Jedes Jahr haben Millionen Menschen auf der ganzen Welt […] Nahtoderfahrungen (Long 2010, S. 85). In der von Long 1998 gegründeten „Near Death Experience Research Foundation“ (Webseite: www.nderf.org) sind beispielsweise über 4 500 Fälle weltweit dokumentiert (Stand: April 2019; vgl. hierzu auch Sartori 2015, S. 133 oder Parti 2016, S. 122). Näheres zur Arbeit Jeffrey Longs findet sich in Long (2010). Zur Idee der Dokumentation: Über eine Webseite konnte ich Menschen auf der ganzen Welt erreichen, die bereit waren, anderen ihre Nahtoderfahrung mitzuteilen. Sie würden keinerlei Bezahlung für ihre Berichte erhalten und damit nicht ins Fernsehen kommen. Sie sollten einfach nur ihre Geschichte erzählen, direkt und mit eigenen Worten. Ich würde lediglich eine Reihe von Fragen anbieten, die Nahtoderfahrenen helfen sollten, ihre unglaubliche Erfahrung in ihrer ganzen Tiefe zu erkunden und auszudrücken. Es würde keinen menschlichen Interviewer geben, der die Antworten in eine bestimmte Richtung lenken oder zu Ausschmückungen ermuntern könnte. Und es gäbe keinerlei zeitliche Beschränkungen. Wenn man diese Geschichten liest, wäre es, als blättere man durch die persönlichen Seiten eines Tagebuchs (Long 2010, S. 51; Hervorhebungen: Sch.).138 137 Eine Sammlung von Beispielen aus dem deutschsprachigen Raum findet sich bei Knoblauch (2007, Seite 91–122). 138 Vgl. zum Vorgehen auch Long (2010, S. 52–60 und 65–68). In seiner Studie, aus der hier mehrfach zitiert wird, „wurden […] alle Nahtoderfahrungen, die durch 190 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Auch wenn, wie bereits mehrfach thematisiert, die Prüfung der Glaubwürdigkeit von Berichten über Nahtoderfahrungen prinzipiell schwierig ist: Aufgrund der sehr hohen Zahl von Berichten in diversen, voneinander unabhängig durchgeführten Studien ist kaum anzunehmen, alle Berichte seien unglaubwürdig. Es lohnt sich somit, nun doch einen systematischen Blick auf die inhaltliche Seite von Nahtoderfahrungen zu werfen – welche bisher nur punktuell angesprochen wurde. Meines Erachtens kann ein solcher Blick unter formal-analytischen Gesichtspunkten zur Prüfung von Hypothese H 1 beitragen. Die Frage der Interpretation der Inhalte kann und wird dabei weiterhin ausgespart bleiben. Um einen Eindruck der bei Nahtoderfahrungen auftretenden Inhalte zu vermitteln, möchte ich eine Darstellung Pim van Lommels zitieren. Sie ist an die bei Moody (2013, S. 42–95) sowie ergänzend bei Moody (1997, S. 23–46) unterschiedenen Elemente angelehnt. Moody (2013, S. 40) bezeichnet seine Zusammenstellung als „Mo deller fah rung“ oder „Abstraktion“, welche typischerweise auftretende Elemente zeige, die jedoch nicht mit dem Ablauf einer realen Nahtoderfahrung (NTE) zu verwechseln sei (vgl. hierzu auch Moody 2013, S. 38). So träten in der Regel nicht alle Elemente innerhalb einer NTE auf, keines würde immer auftreten und die Reihenfolge könne variieren; generell wäre jede NTE individuell und einmalig (Moody 2013, S. 40–41).139 Dritte eingereicht worden waren, von der statistischen Analyse ausgenommen“ (Long 2010, S. 239). 139 Hubert Knoblauch (2007) weist zudem auf die Kulturabhängigkeit von Nah toder fah rungen hin – einen Punkt, den auch Moody selbst einschränkend bezüglich seiner Darstellung erwähnt, wenn er ausführt: „[…] dass die Personengruppe, mit der ich gesprochen habe, keine Zufalls-Stichprobe für »die« Menschen ist. Es wäre für mich hochinteressant gewesen, etwas über die Todesnähe-Erlebnisse bei den Eskimo, bei den Kwakiutl-Indianern, bei Papua-Kopfjägern, bei Watussi-Rinderhirten und bei noch anderen Völkerschaften zu hören“ (Moody 2013, S. 144; vgl. zu diesem Thema auch Moody 1997, S. 66–67 oder S. 171–172). Knoblauch berichtet dann jedoch auch für Deutschland aus einer Bevölkerungsumfrage „Inhalte von Todesnäheerfahrungen“, die sich weitgehend mit den hier berichteten Inhalten decken (vgl. Knoblauch 2007, S. 138). Lediglich negative Erfahrungen scheinen häufiger berichtet als hier thematisiert, ebenso das „Antreffen“ noch lebender Personen. Weitgehende Übereinstimmungen berichtet auch Ewald (2009, S. 11 und 132– 133) nach der Präsentation einer Übersicht, basierend auf einer Anfang der 1990er Jahre von Ärzten initiierten Befragung von 81 Nahtoderfahrenen Kata- 191 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Diese Punkte (bezüglich einer „Modellerfahrung“) gelten auch für andere, ähnliche Zusammenstellungen in der Literatur, wie z. B. die Übersicht in Lommel 2013, S. 44–49 oder die – oft mit Beispielen und Häufigkeitsangaben untermauerten – weitgehend deckungsgleichen Aufzählungen von Elementen der Nahtoderfahrungen bei Long (2010, S. 15–33), bei Parnia (2013, S. 153–170), bei Sartori (2015, S. 30–36), bei Sabom (1982, S. 31–78, 271 sowie 274–276) und bei Nahm (2012, S. 163–164). Pim van Lommel ordnet die Elemente oder Bestandteile in einer Reihenfolge, wie sie meistens erlebt werden (vgl. Lommel 2013, S. 52). In dieser Reihenfolge sind die nachfolgend zitierten Punkte aufgeführt: 1. Das Unaussprechliche der Erfahrung. [vgl. hierzu auch z. B. Sartori 2015, S. 36; Sch.] 2. Ein Gefühl des Friedens und der Ruhe. Der Schmerz ist verschwunden. 3. Die Erkenntnis, tot zu sein. Manchmal ist danach auch ein Geräusch zu hören. 4. Ein Verlassen des Körpers oder eine außerkörperliche Erfahrung (AKE). Die eigene Reanimation oder Operation wird von einer Position außer- und oberhalb des eigenen Körpers aus wahrgenommen. 5a. Aufenthalt in einem dunklen Raum. Nur 15 Prozent der Betroffenen empfinden diese Erfahrung als beängstigend. In diesem dunklen Raum entsteht ein kleiner Lichtfleck, zu dem es sie hinzieht. Sie beschreiben dieses Erlebnis als: 5b. Tunnelerlebnis. Sie werden mit hoher Geschwindigkeit zum Licht gezogen. 5c. Etwa 1 bis 2 Prozent der Betroffenen kommen nicht über diesen dunklen Raum hinaus und erleben den Aufenthalt als Furcht einflößende NTE. Dies wird manchmal auch »Höllenerlebnis« genannt. 6. Wahrnehmung einer außerweltlichen Umgebung, einer wundervollen Landschaft mit herrlichen Farben, schönen Blumen und manchmal auch Musik. strophenopfern aus China [dort zitierte Quelle: Zhi-ying, Feng; Jian-xun, Liu: Near-Death Experiences Among Survivors of the 1976 Tangshan Earthquake. In: Journal of Near-Death Studies 11, 1992, S. 39–48]. 192 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? 7. Begegnung und Kommunikation [zumeist; Sch.] mit Verstorbenen. [vgl. hierzu auch z. B. Sartori 2015, S. 34; Sch.] 8. Begegnung mit einem strahlenden Licht oder einem Wesen aus Licht. Die Erfahrung vollkommener Akzeptanz und bedingungsloser Liebe. Man tritt mit tiefem Wissen und Weisheit in Kontakt. 9. Lebensschau, Lebenspanorama oder Rückblick auf den Verlauf des Lebens seit der Geburt. Alles wird noch einmal durchlebt. Man überblickt das ganze Leben in einem einzigen Augenblick, es gibt weder Zeit noch Distanz, alles ist gleichzeitig, man kann tagelang über diese Lebensschau sprechen, die nur einige Minuten dauerte. [Anmerkung Sch.: Der Unterschied zwischen „einem einzigen Augenblick“ und „einigen Minuten“ kann auf den Unterschied zwischen Innen- und Außenperspektive zurückzuführen sein. Bei Moody (2013, S. 77–78) ist aus der Innenperspektive von sehr kurzen Zeitintervallen die Rede. Weitere Anmerkungen zum Thema „die Zeit steht still“ finden sich z. B. bei Moody 1997, S. 127– 128 und S. 175 oder bei Wiesenhütter 1974, S, 17 und 23.] 10. Vorausschau oder »flash forward«. Man hat das Gefühl, einen Teil des Lebens, der erst vor einem liegt, zu überblicken und zu betrachten. Auch hier gibt es weder Zeit noch Distanz. [Anmerkung Sch.: Eine potenzielle Herausforderung für die Idee eines freien Willens, wie auch van Lommel auf S. 75 bemerkt – zumindest, falls niemals „Fehlprognosen“ auftreten. Dieses Element wird bei Moody (2013) wie auch anderen Übersichten nicht genannt, wohl aber z. B. bei Sartori 2015, S. 35!] 11. Das Wahrnehmen einer Grenze. Man erkennt, dass nach dem Überschreiten dieser Grenze keine Rückkehr in den eigenen Körper mehr möglich ist. 12. Die bewusste Rückkehr in den Körper. Nach der Rückkehr in den kranken Körper empfindet man tiefe Enttäuschung darüber, dass einem so etwas Herrliches genommen wurde (Lommel 2013, S. 43–44). Berichte aus Nahtoderfahrungen (NTE) finden sich z. B. in Lommel (2013, S. 52–78). Unabhängig von den jeweils auftretenden Elementen oder Bestandteilen werden NTE in der Literatur in aller Regel als „positiv“ oder 193 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? „angenehm“ geschildert. Entsprechende Aussagen finden sich bereits in der frühen Arbeit von Michael Sabom (1982): Alle Personen, die von einem Sterbeerlebnis berichten, wurden gebeten, ihre Gefühle während des Erlebnisses zu schildern. Vorherrschend war ein Gefühl der Ruhe, des Friedens und/oder der Gelassenheit, was in deutlichem Gegensatz zu den körperlichen Schmerzen stand, die die Person hatte, als sie kurz vor und kurz nach dem Sterbeerlebnis bei Bewusstsein war (Sa bom 1982, S. 36). Erwähnt sei in diesem Zusammenhang allerdings, dass – wenngleich relativ selten – auch belastende Nahtoderfahrungen auftreten können. Sartori (2015, S. 53–54) zitiert eine Reihe von Studien, welche zu diesem Ergebnis kommen und Long (2010, S. 165) kommt auf diesen Punkt im Rahmen einer entsprechenden Lebensrückschau zu sprechen. Auch Knoblauch (2007, S. 138) berichtet von belastenden Nahtoderfahrungen. Bezüglich auftretender negativer Gefühle bemerkt Sabom mit Blick auf die Ergebnisse seiner Studie einschränkend: Unangenehme Gefühle während eines Sterbeerlebnisses (z. B. Traurigkeit, Einsamkeit, Furcht) wurden allgemein nur momentan empfunden, der Gesamtinhalt wurde später stets als freundlich beschrieben. Dieser Gesamteindruck wäre wahrscheinlich anders (d. h. unfreundlich) gewesen, wenn das Erlebnis abrupt an dem Punkt geendet hätte, an dem das unangenehme Gefühl empfunden worden war. Dies war jedoch bei keiner einzigen der für diese Studie interviewten Personen der Fall (Sabom 1982, S. 39). Ähnliche Inhalte bei van Lommel und Hampe Bemerkenswert ist, dass die oben aufgeführten Merkmale sich weitestgehend in der bereits mehrfach erwähnten Fallsammlung von Hampe (1975) wiederfinden. Diese Arbeit entstand offenbar unabhängig von Moodys Hauptwerk und wurde im gleichen Jahr veröffentlicht, was einerseits eine gegenseitige Beeinflussung praktisch ausschließt und es andererseits unwahrscheinlich erscheinen lässt, dass neuere Berichte lediglich die von Moody berichteten Merkmale „kopieren“ (wie auch immer 194 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? definiert). Aus diesem Grund sind nachfolgend die Entsprechungen mit den zugehörigen Seitenangaben bei Hampe (1975) aufgeführt. 1. Das Unaussprechliche der Erfahrung: (Hampe 1975, S. 52, 54, 81, 82, 88, 90). 2. Ein Gefühl des Friedens und der Ruhe: (Hampe 1975, S. 68, 73, 76, 84, 85, 87, 89, 91–93, 95). Der Schmerz ist verschwunden: (Hampe 1975, S. 52, 82, 91). 3. Die Erkenntnis, tot zu sein: (Hampe 1975, S. 61, 92). Manchmal ist danach auch ein Geräusch zu hören: (Hampe 1975, S. 83). 4. Ein Verlassen des Körpers oder eine außerkörperliche Erfahrung (AKE). Die eigene Reanimation oder Operation wird von einer Position außer- und oberhalb des eigenen Körpers aus wahrgenommen: (Hampe 1975, S. 45–64 [eigener Abschnitt über AKE!]); eine weitere ausführliche Darstellung findet sich in Hampe (1975, S. 102–103). 5a. Aufenthalt in einem dunklen Raum – im Gegensatz zu einem hellen Licht: (Hampe 1975, S. 68, 73, 89, 108, 109). 5b. Tunnelerlebnis: (Hampe 1975, S. 83, 89, 96, 108). 6. Wahrnehmung einer außerweltlichen Umgebung: (Hampe 1975, S. 73, 90, 94), einer wundervollen Landschaft: (Hampe 1975, S. 71, 86) mit herrlichen Farben: (Hampe 1975, S. 81, 83, 85, 87, 88, 91), schönen Blumen: (Hampe 1975, S. 71, 85) und manchmal auch Musik: (Hampe 1975, S. 70, 71, 83, 84, 85, 87–88). 7. Begegnung und Kommunikation [zumeist] mit Verstorbenen: (Hampe 1975, S. 70, 71, 83, 86). 8. Begegnung mit einem strahlenden Licht oder einem Wesen aus Licht: (Hampe 1975, S. 68, 73, 74, 79, 81, 82, 85, 89, 108). Man tritt mit tiefem Wissen und Weisheit in Kontakt: (Hampe 1975, S. 89). 9. Lebensschau, Lebenspanorama: (Hampe 1975, S. 65–76 [eigener Abschnitt über dieses Thema!]), teilweise „rückwärts“ – beginnend mit dem eigenen Tod bis zur Geburt: (S. 75–76) und teilweise aus „verschiedenen Perspektiven“: (S. 65, 76). Generell wird davon berichtet, es gäbe weder Zeit noch Raum im gewohnten Sinne: (Hampe 1975, S. 63, 72, 82, 102). 10. Vorausschau oder »flash forward«. Dieser Punkt wird bei Hampe – wie auch in anderen Berichtssammlungen(!) – nicht erwähnt. 195 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? 11. Das Wahrnehmen einer Grenze: (Hampe 1975, S. 81). 12. Die bewusste Rückkehr in den Körper. Nach der Rückkehr in den kranken Körper empfindet man tiefe Enttäuschung darüber, dass einem so etwas Herrliches genommen wurde: (Hampe 1975, S. 72, 81, 89, 103, 108, 110). Daneben finden sich in Hampes Berichten weitere Merkmale, die bei den vorhergehenden Darstellungen in Kapitel 2 immer wieder angesprochen wurden, wie zum Beispiel ein absolut klares Bewusstsein (Hampe 1975, S. 46, 48, 52, 56, 62–66, 73, 84, 90, 95) bis hin zu einer außerordentlich gesteigerten Arbeit des Bewusstseins (Hampe 1975, S. 45) oder: Mein Denken erlangte die äußerste Klarheit (Hampe 1975, S. 46–47). Ferner findet sich, damit verbunden, die explizite Aussage, Betroffene seien der festen Überzeugung, es handele sich bei ihrer Nahtoderfahrung nicht um einen Traum (Hampe 1975, S. 65–66, 72–73). Auch ist bei Hampe – wie bei den anderen Forscherinnen und Forschern – von gravierenden psychologischen Folgen der Nahtoderfahrung die Rede (Hampe 1975, S. 62, 112), was für einen Traum unwahrscheinlich erscheint. Ähnlich häufige NTE-Elemente in zwei Studien Jeffrey Long (2010), auf dessen Ergebnisse bereits mehrfach verwiesen wurde, berichtet die Häufigkeiten des Auftretens einzelner Elemente von Nahtoderfahrungen (NTE) bei 613 Betroffenen, welche im Anschluss an ihren Bericht via Internet einen entsprechenden Fragebogen beantworteten. In der linken Hälfte von Tabelle 2.6–2 sind die Prozentangaben für jeweils geeignete Indikatorfragen berichtet. Näheres zu diesen Angaben ist den Seiten 15 bis 33 in Long (2010) zu entnehmen. 196 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? In der rechten Hälfte finden sich zum Vergleich Angaben aus einer bei Kuhn (2013) zitierten Studie.140 Auch wenn die inhaltliche Seite für die hier vorgelegte Literaturübersicht von untergeordneter Bedeutung ist, deuten die Ergebnisse in Richtung „Validität“ der Berichte, da beide Studien aller Wahrscheinlichkeit nach unabhängig voneinander erstellt wurden und die Angaben zur Auftretenshäufigkeit gut übereinstimmen. Tab. 2.6–2: Häufigkeit des Auftretens von NTE-Elementen (ein Vergleich) Angaben aus der Studie von Long (2010) Schröter-Kunhardt (2005) 75% Außerkörperliche Erfahrung 61% Außerkörperliche Erfahrung 74% Schärfere Sinne Bei Kuhn (2013, S. 48) wird keine Angabe explizit zitiert 76% Intensive und im Allgemeinen positive Gefühle oder Empfindungen 52% dto. – Indikatorfrage 2 89% Ruhe/Frieden/Wohlbefinden 80% Gefühl von Freude und Glück 34% Hineingehen in oder Hindurchgehen durch einen Tunnel 47% Tunnelphänomene 65% Begegnung mit einem mystischen oder strahlenden Licht 77% Lichtwahrnehmung 57% Begegnung mit anderen Wesen, entweder mystischen Wesen oder verstorbenen Verwandten oder Freunden 32% Begegnung mit mystischen Wesen 27% Begegnung mit Verstorbenen/religiösen Figuren 61% Das Gefühl, dass Zeit oder Raum sich verändert haben – Indikatorfrage 1 34% dto. – Indikatorfrage 2/Zeit schien schneller zu laufen 59% Beschleunigte Zeitabläufe, Zeitlosigkeit 22% Lebensrückschau 30% Lebensrückblicke 41% Eintritt in unirdische (»himmlische«) Dimensionen – Indikatorfrage 1 52% dto. – Indikatorfrage 2 63% Eintritt in eine überirdische jenseitige Welt 56% Begegnung mit oder Erlernen von besonderem Wissen – Indikatorfrage 1 32% dto. – Indikatorfrage 2/alles verstehen Bei Kuhn (2013, S. 48) wird keine Angabe explizit zitiert 140 Quelle nach Kuhn (2013, S. 48): „Schröter-Kunhardt, M., Nah-Todeserfahrungen, in: Transpersonale Psychologie und Psychotherapie 11 (2005) 56–65.“ Nach Kuhn (2013, S. 48) handelt es sich um eine eigene retrospektive Befragung von hundert Betroffenen in Deutschland“. 197 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Bei Long (2010, S. 18–33) keine Angabe 38% Einheitserleben 31% Auftreten einer Grenze oder Barriere Bei Kuhn (2013, S. 48) wird keine Angabe explizit zitiert 59% Freiwillige oder unfreiwillige Rückkehr in den Körper Bei Kuhn (2013, S. 48) wird keine Angabe explizit zitiert Quelle: Angaben nach Long (2010) bzw. Schröter-Kunhardt (2005), zit. nach Kuhn (2013). Näheres s. Text. Inhalte von NTE: Übersicht – Teil II Bei den Berichten über Elemente oder Bestandteile einer Nahtoderfahrung (NTE) ist nach einhelliger Auffassung in der Literatur zu beachten: Der subjektive Charakter und der fehlende Bezugsrahmen dieser Erfahrung bringen es mit sich, dass das Vokabular, mit dem eine NTE geschildert wird, durch individuelle, kulturelle und religiöse Faktoren geprägt ist. Gleiches gilt auch für die Interpretationen einer NTE. Ein Kind wird seine Erfahrungen anders in Worte fassen und interpretieren als ein Erwachsener, ein Christ anders als ein Buddhist oder Atheist (Lommel 2013, S. 38). Ähnlich äußern sich auch Moody (1997, S. 57), Sartori (2015, S. 115–134), Parnia (2013, S. 188–189) oder – gestützt auf relativ umfangreiches Datenmaterial – Long (2010, S. 221–252), wobei er sich auch mit der Proble ma tik der Übersetzung von Berichten auseinandersetzt. Als Ergänzung der vorher zitierten Aufzählung Pim van Lommels sind nachfolgend weitere Informationen und statistische Angaben zu einigen der dort angesprochenen Punkte ausgewiesen. Bezüglich Punkt 7 (Begegnung und Kommunikation mit Verstorbenen) berichtet Long (2010, S. 187) einen Anteil von ca. 96 Prozent Verstorbener – bei n = 84 „Begegnungen“ mit Menschen im Rahmen von Nahtoderfahrungen. Dabei verweist er auf die Übereinstimmung mit der bereits erwähnten Studie von Emily Williams Kelly: »Near-Death Experiences with Reports of Meeting Deceased People«, berichtet in Death Studies, 25 (2001, S. 229–249). Zudem bemerkt Long, 198 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? [es] wäre zu erwarten, dass Nahtoderfahrene Menschen begegnen, denen sie emotional nahestehen. Doch auch hier sorgte Kellys Studie für eine Überraschung. Denn die Nahtoderfahrenen standen 32 Prozent der Menschen, denen sie begegnet waren, neutral oder distanziert gegenüber oder hatten sie zuvor noch nie gesehen. In der Studie gaben die Betroffenen häufig an, dass die Begegnungen völlig unerwartet waren (Long 2010, S. 200). Dieser Punkt bekräftigt die „Ungewöhnlichkeit“ und damit „Unwahrscheinlichkeit“ des genannten Elements im Sinne der hier vertretenen Argumentation. Über Punkt 9 der Aufzählung (die „Lebensschau“) schreibt Gerhard Roth – aus der Perspektive der Hirnforschung: […] solche Rückblenden treten auch bei anderen plötzlichen großen Gefahrensituationen auf, ohne dass der Tod wirklich nahe ist. Überraschung scheint hier wichtig zu sein, denn todgeweihte Patienten, die sich lange auf den Tod vorbereiten können, haben zwar oft Todesängste, aber keine der geschilderten Nahtoderfahrungen (Roth 2009, S. 210–211; Hervorhebung im Original). Nach dieser Argumentation erhebt sich die Frage, weshalb klare, präzise Erinnerungen an lange zurückliegende, teilweise als „unbedeutend“ empfundene oder sogar vergessene Vorgänge141 bei langer „Vorbereitungszeit“ nicht auftreten, jedoch ohne jede nennenswerte Vorbereitungszeit in überraschenden Situationen. Was den Punkt „Lebensschau“ betrifft, ist ferner die Aussage bemerkenswert, dass selbst Kleinkinder über typische Nahtod-Erfahrungen berichten, die sie während oder kurz nach der Geburt erlebt haben (Nahm 2012, S. 190). Literaturverweise hierzu sind bei Nahm (2012, S. 190) aufgeführt, wobei er explizit angibt: Es finden sich sogar verifizierte Einzelheiten in manchen Berichten. 141 Vgl. z. B. den Bericht bei Long (2010, S. 233). 199 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Als Punkt, der ihn dabei zusätzlich in Erstaunen versetze, bemerkt er, dass nach […] gegenwärtigem Wissensstand […] in neugeborenen Kindern die Gehirnstrukturen, die für das Funktionieren unseres Langzeitgedächtnisses von Nöten sind, noch gar nicht ausgebildet [sind]. Sie können zudem ihre Augen nicht fokussieren und scharf sehen (Nahm 2012, S. 190). Die Stichhaltigkeit dieses Arguments kann ich aufgrund mangelnder medizinischer Fachkenntnisse nicht beurteilen – dennoch stelle ich es vor, da es ggf. von großer Relevanz für die Prüfung der Hypothese H 1 sein dürfte. Nahm weist noch auf einen weiteren Punkt hin: […] auch das auf unbeschreibliche Weise veränderte Wahrnehmungsvermögen und Zeitempfinden während der Lebensrückschau gibt zu denken. Wie ist es möglich, dass innerhalb kürzester »Zeit« die wichtigsten Stationen eines ganzen Menschenlebens nacherlebt werden können? Manche Menschen mit Nahtod-Erfahrung sprechen sogar von jedem Detail des Lebens. Der Kardiologe Pim van Lommel schreibt, dass diese Menschen Stunden, ja Tage über diese Lebensrückschau sprechen können, obwohl der eigentliche Herzstillstand nur ein paar Minuten gedauert hat (Nahm 2012, S. 190–191).142 Eine letzte Anmerkung zur „Lebensschau“, die unter Punkt 9 nicht explizit angesprochen wurde: Sie besteht häufig nicht aus einer bloßen Aneinanderreihung von Erinnerungen, […] denn viele Nahtod-Erfahrene haben sich gleichzeitig sowohl als Akteur erlebt, der die Szenen erneut durchlebt, als auch als Zuschauer, der von au- ßen dabei zusieht. Zusätzlich haben sie dazu aber auch noch die Gefühle der anderen Menschen in den jeweiligen Szenen miterlebt.[143] Das ist bei gewöhnlichen Erinnerungen nicht der Fall. Die Lebensrückschau hinter- 142 Vgl. hierzu auch Punkt 9 in der vorstehenden Aufzählung van Lommels. Bei Nahm selbst fehlt ein entsprechender Literaturverweis. 143 Vgl. z. B. auch Moody (1997, S. 53–54). 200 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? lässt daher bei Vielen einen tiefen und unauslöschlichen Eindruck (Nahm 2012, S. 191). Auch dieser Punkt bekräftigt die „Ungewöhnlichkeit“ und damit „Unwahrscheinlichkeit“ des genannten Elements im Sinne der hier vertretenen Argumentation. Zu Punkt 2 ([…] Der Schmerz ist verschwunden) in Verbindung mit Punkt 12 (Die bewusste Rückkehr in den Körper […]) ist schließlich anzumerken, dass – zusätzlich zu der bei van Lommel angesprochenen „tiefen Enttäuschung“ – in vielen Berichten von einem abrupten Wiedereinsetzen starker Schmerzen die Rede ist, welche mit Beginn der Nahtoderfahrung (NTE) ebenso unvermittelt verschwunden waren, sodass während der NTE völlige Schmerzfreiheit herrschte. Dieses ebenfalls „ungewöhnliche“ Element enthalten zum Beispiel Berichte in Ewald (2009, S, 14–15, 19–21, 31–33 und 53), in Ewald (2013, S. 28–29 und 54–55), in Hampe (1975, S. 63–64 in Verbindung mit S. 107– 108) und in Wiesenhütter (1974, S. 17–18). Die Berichte beziehen sich – in der Reihenfolge der aufgeführten Fundstellen – auf eine Frau mit Blasenlähmung und hohem Fieber, offenbar im Krankenhaus, da die Anwesenheit von Ärzten berichtet wird, eine Frau mit fortgeschrittener Lungenentzündung vor ihrer Einweisung ins Krankenhaus, eine Frau „in der Nacht nach einer schweren Kaiserschnitt-Geburt nahe am Verbluten“ (Ewald 2009, S. 31), einen Soldaten mit schwerer Lungenentzündung im Lazarett, eine Frau während einer schwierigen und schmerzhaften Geburt, einen Mann während einer schmerzhaften Katheteruntersuchung nach einem sehr schweren Herzinfarkt, auf den österreichischen Schriftsteller Paul Anton Keller, der von einem aufzustellenden Maibaum getroffen und beinahe erschlagen worden wäre (Hampe 1975, S. 63–64 und 107–108) sowie auf den Selbstbericht von Eckart Wiesenhütter (Professor für Psychiatrie und Neurologie; vgl. hierzu Kap. 1) über sein Erlebnis im Rahmen zweier Lungeninfarkte bei einer schweren Ornithose. Zusammenfassende Berichte über Schmerzfreiheit während einer Nahtoderfahrung bei unmittelbar davor und danach auftretenden starken Schmerzen finden sich zum Beispiel bei Hampe (1975, S. 117–118) oder bei van Lommel (2013) auf Seite 53 in Verbindung mit den Seiten 77 bis 78. Unabhängig von der Interpretation der einzelnen Punkte der Aufzählung: Wichtig für die hier vertretene Argumentation ist – egal, welche 201 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? der (leicht differierenden) Zusammenstellungen man zugrunde legt – lediglich die Tatsache, dass die berichteten Elemente als ungewöhnlich zu bezeichnen sind. Einleitend zu Kapitel 2 wurde unter der Überschrift „Mögliche Belege auf Aggregatebene“ die Frage gestellt: „Gibt es eine überschaubare Anzahl (also: einen „harten Kern“) ungewöhnlicher – und damit unwahrscheinlicher – Elemente in den Berichten über Nahtoderfahrungen?“ Nach den beschriebenen Ergebnissen dürfte dieser Punkt mit „Ja“ zu beantworten sein. Anmerkungen zur Prüfung von Hypothese H 1 Die bei Nahtoderfahrungen berichteten Inhalte können auf unterschiedliche Art und Weise relevant für die Prüfung von H 1 sein. Aufgrund der berichteten Inhalte bzw. deren Verteilung können Hinweise dafür abgeleitet werden, ob in der betreffenden Situation überhaupt Bewusstsein aufgetreten ist und ob die Berichte glaubwürdig sind. Dies ist wichtig, weil – wie zu Beginn von Kapitel 2 festgehalten – man sich auf Berichte verlassen muss, da eine „externe Beobachtung des Geschehens“ aus der „Dritte-Person-Perspektive“ prinzipiell unmöglich ist (vgl. hierzu auch Lommel 2013, S. 220). Eine gewisse Ausnahme hiervon stellen Berichte über außerkörperliche Wahrnehmungen dar, sofern sie als „unabhängig bestätigt“ eingestuft werden können (vgl. z. B. Parnia 2013, S. 281). Eine weitere – sehr selten berichtete und daher wohl in der oben zitierten Zusammenstellung van Lommels nicht berücksichtigte – Ausnahme wäre der Fall, dass nach Angabe der betreffenden Person Wissen erlangt wurde, über das sie vorher nicht verfügt habe und dessen Erwerb auch bei intaktem Gehirn nicht erklärbar sei. Auch dieser Punkt steht und fällt für den externen Betrachter damit, dass eine unabhängige Prüfung den Sachverhalt bestätigt. Ansonsten muss man sich auf die Vertrauenswürdigkeit der betroffenen Person verlassen – welche natürlich immer in Zweifel gezogen werden kann. Akzeptiert man, eine Prüfung der Hypothese H 1 nicht auf individueller, sondern auf Aggregatebene durchzuführen, eröffnen sich weitere Validierungsmöglichkeiten. Über einzelne Fälle kann nun keine Aussage mehr gemacht werden (sie können möglicherweise „frei erfunden“ sein), wohl aber über die Glaubwürdigkeit der Masse aller vorliegenden 202 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Berichte insgesamt. So kann geprüft werden, ob es eine überschaubare Anzahl (also: einen „harten Kern“) ungewöhnlicher – und damit unwahrscheinlicher – Elemente in den Berichten über Nahtoderfahrungen gibt, was gegen „Erfindungen“ spräche. Die vorstehenden Ausführungen sprechen hierfür. Weitere, über die Aufzählung Pim van Lommels hinausgehende Beispiele für „unwahrscheinliche Elemente“ wären – neben der dort unter Punkt 1 genannten Schwierigkeit, das Erlebte in Worte zu fassen – eine Art „nonverbaler Kommunikation“ sowie absolute geistige Klarheit, gepaart mit gesteigerter (anstatt eingeschränkter) geistiger Leistungsfähigkeit und umfassendem Wissen (vgl. hierzu neben Punkt 8 in der Aufzählung z. B. auch Sartori 2015, S. 34, Knoblauch 2007, S. 118 oder Sa bom 1982, S. 32–34). Ein bei Long mehrfach berichtetes Beispiel wäre zudem das Auftreten einer 360°-Rundumsicht (vgl. Long 2010, S. 82, 86, 91, 135, 198 und 241) – welche allerdings meines Wissens nur dort berichtet wird. Ebenfalls zumindest tendenziell „in Richtung Unwahrscheinlichkeit“ weist auch die Feststellung Longs (2010, S. 259–260): Nur 12,7 Prozent der befragten Nahtoderfahrenen fanden, dass ihre Erfahrung zum Zeitpunkt des Geschehens Merkmale enthielt, die mit ihrem persönlichen Glauben übereinstimmten. Tritt zudem jeweils eine Kombination solcher unwahrscheinlichen Elemente auf, sinkt die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich um „Erfindungen“ handelt, nochmals erheblich. Parnia (2013, S. 148) etwa berichtet: Mittlerweile sind regelmäßig Menschen gestorben und ins Leben zurückgekehrt und konnten uns erzählen, was sie in dieser frühen Phase des Todes erlebt haben. Ihre Erlebnisse sind ziemlich einheitlich und haben viele gemeinsame Elemente (Hervorhebungen: Sch.). Es kann auch untersucht werden, ob sich Verteilungen aus verschiedenen, voneinander unabhängig durchgeführten Studien decken. Dies gilt sowohl a) für die Häufigkeit des Auftretens von Nahtoderfahrungen weltweit (vgl. hierzu die Angaben im vorliegenden Abschnitt 2.6) als auch b) für die Häufigkeit von Nahtoderfahrungen bei Patienten mit Herzstillstand (vgl. z. B. Tabelle 2.6–1) und c) für die Verteilung der Häufigkeit 203 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? der Nennungen der einzelnen Elemente der Nahtoderfahrungen (vgl. beispielsweise Raymond Moodys Aussage, dass „die Erfahrungen mit dem Beinahe-Tod einander bemerkenswert ähneln“ unter der Überschrift: „Datenbasis der Untersuchung“ in Abschnitt 2.2 oder Tabelle 2.6–2). Die Betrachtung „statistischer Evidenzen“ kann fortgesetzt werden, etwa mit der oben erwähnten Feststellung Pim van Lommels, dass die einzelnen Elemente von Nahtoderfahrungen offenbar Regelmäßigkeiten hinsichtlich der Reihenfolge ihres Auftretens aufweisen. Auch Long (2010, S. 88) spricht von einer „vorhersagbaren Abfolge der Elemente“ und wertet dies als einen Beleg dafür, dass Nahtoderfahrungen weder Träume oder Halluzinationen noch die Folge anderer Ursachen für eingeschränkte Hirnfunktionen sind. Aufgrund seiner Studie kommt er zu der Schlussfolgerung, dass der Inhalt von Nahtoderfahrungen offensichtlich überall auf der Welt derselbe ist. […] Die Elemente treten offensichtlich auch in derselben Reihenfolge auf (Long 2010, S. 230). Ein weiterer Punkt ist, dass, falls „Begegnungen“ berichtet werden, in aller Regel von Kontakten mit bereits verstorbenen Personen die Rede ist. Dies ist insbesondere bei Berichten von kleinen Kindern erstaunlich, bei denen eine Nennung der Eltern naheliegend wäre. Auch ansonsten würde man wohl eher Begegnungen erwarten mit Personen, mit denen man „aktuell“ in Kontakt ist oder mit denen man kürzlich zu tun hatte. Fallen die aufgeführten Validierungsmöglichkeiten auf Aggregatebene positiv aus, spricht dies dafür, dass die Berichte in ihrer Masse nicht „frei erfunden“ sind, auch wenn damit nicht ausgeschlossen ist, dass einzelne derartige Fälle auftreten. Im Überblick ergibt sich aus den genannten Ergebnissen ein bemerkenswert konsistentes Bild. 204 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? 2.7 Umdenken der Autorinnen und Autoren in Richtung: „ Dualismus“ Zum Begriff: „Dualismus“ Zum Begriff „Dualismus“ schreibt Gerhard Roth (2009, S. 127): Nach traditioneller Auffassung ist der Besitz von Geist, Bewusstsein und Verstand neben der Sprache dasjenige, was den Menschen grundlegend von den Tieren unterscheidet. Der Geist erhebt den Menschen aus dem Reich der stofflichen Natur, dem sein Körper angehört. So kann er über sich selbst und den Sinn seines Lebens nachdenken. Diese Gegenüberstellung von unstofflichem Geist und stofflicher Natur – ob mit oder ohne religiöse Vorstellungen – nennt man Dualismus, im Gegensatz zum Monismus oder Identismus, der keinen grundlegenden Unterschied zwischen Geist und Natur macht (Hervorhebungen im Original). In diesem Sinne wird der Begriff „Dualismus“ hier verwendet. Nachfolgend wird gezeigt, dass sich die Vorstellungen der in Kapitel 2 behandelten Forscherinnen und Forscher aufgrund ihrer Forschungsergebnisse hin zu einer dualistischen Auffassung entwickelten. Dass die dualistische Auffassung aus wissenschaftlicher Sicht eine erhebliche Herausforderung darstellt, wurde bereits mehrfach angesprochen.144 Gerhard Roth beispielsweise erklärt, eine derartige Vorstellung widerspräche nach heutiger Kenntnis […] der Tatsache, dass Bewusstsein auch nicht für einen winzigen Zeitraum von seinem materiellen Träger abtrennbar ist (Roth 2009, S. 215). An anderer Stelle bemerkt er, dass unser Ich, unser Körper und die beide umgebende Welt ein kompliziertes Konstrukt des Gehirns sind, das vom Gehirn in jedem Augenblick 144 Vgl. hierzu z. B. die Ausführungen in Kapitel 1 zu „Kausalitätslücken“ und zur Verletzung von Erhaltungssätzen oder die Ausführungen Singers zur Selbstorganisation in: Singer und Ricard (2017, S. 206–207). 205 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? aktiv aufrechterhalten werden muss, und das schnell zusammenbricht, wenn die daran beteiligten Hirnzentren in ihren Funktionen beeinträchtigt sind (Roth 2009, S. 212; Hervorhebung im Original). Auf der anderen Seite jedoch konstatiert auch Roth: Kein Hirnforscher wird […] das Geist-Gehirn-Problem ernsthaft als völlig gelöst ansehen. Man hat zwar Einsichten darin, welche Gehirnzentren aktiv sind, wenn wir verschiedene Bewusstseinszustände erleben, und man versteht inzwischen ziemlich gut die Vorgänge auf der zellulären und molekularen Ebene. Ein großes Rätsel ist aber das Geschehen dazwischen: Was genau passiert beim Zusammenspiel von Millionen und Milliarden von Nervenzellen, so dass bewusstes Erleben entsteht? (Roth 2009, S. 142–143). An genau diesem Punkt setzt die Argumentation seitens der Nahtodforschung an. Festzuhalten sei, z. B. nach Michael Nahm (2012, S. 164–165), dass sich sämtliche anerkannten Experten auf diesem Gebiet [der Nahtodforschung; Sch.] darüber einig sind, dass derzeit kein Modell existiert, das Nahtod-Erfahrungen auf rein biochemisch-psychologischer Ebene erklären könnte. Das gestehen selbst führende Autoren ein, die einen »naturalistischen« Ansatz bevorzugen – also einen solchen Ansatz, der sich rein auf Gehirnchemie und Psychologie beruft und worin eine unabhängig vom Gehirn operierende Geistesfunktion abgelehnt wird. Anschließend verweist Nahm auf Literatur zur diesbezüglichen Diskussion. Noch deutlicher formuliert Winfried Kuhn (2013, S. 59–60): Ausgehend vom wissenschaftlichen Paradigma, dass die neuronalen Repräsentationen beim Menschen die biologischen Grundlagen seiner subjektiven psychischen Erscheinungen sind, ergibt sich für reduktionistisch orientierte Neurowissenschaftler die Konsequenz, dass die Phänomene der NTE [Nahtoderfahrung; Sch.] an materielle Vorgänge gebunden sind und organische Ursachen haben müssen. Bewusstsein ohne funktionierendes 206 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Gehirn ist somit nicht möglich.145 Es handelt sich dabei jedoch nur um eine weltanschaulich begründete Vorstellung, die letztlich nicht bewiesen ist und deshalb trotz der wiederholt und mit vermeintlicher Gewissheit vorgetragenen Behauptung als »dogmatisch« bezeichnet werden muss. An späterer Stelle fährt er fort: Wie in diesem Beitrag ausführlich dargelegt, können die Phänomene der NTE neurobiologisch nicht ausreichend erklärt werden. Insbesondere ist medizinisch nicht zu begründen, wie man im Zustand der Bewusstlosigkeit oder des klinischen Todes eine klar geordnete und bewusste Wahrnehmung haben kann […] (Kuhn 2013, S. 60). Zum selben Ergebnis kommt er explizit hinsichtlich eines speziellen NTE-Phänomens: Über ein Lebenspanorama oder eine Lebensschau, bei denen man nicht nur jede Handlung oder jedes Wort, sondern auch jeden Gedanken des vergangenen Lebens erneut erlebt, haben zahlreiche Menschen berichtet. Man erkennt die Gefühle und Gedanken der anderen ebenso wie die Konsequenzen, welche die eigenen Gedanken, Worte und Taten für andere hatten. Eine ausreichende neurobiologische Erklärung hierfür existiert nicht (Kuhn 2013, S. 61; Hervorhebung: Sch.). Im letzten Absatz des hier betrachteten Aufsatzes konstatiert Kuhn mit Blick auf Nahtoderfahrungen (NTE) klipp und klar: NTE widerlegen das vorherrschende materialistische Weltbild der Naturwissenschaften und somit das neurobiologische »Dogma«, dass Bewusstsein ohne Materie nicht existieren kann (Kuhn 2013, S. 61). Im Rahmen der Nahtodforschung ist diese Ansicht nicht neu. Bereits Michael Sabom äußerte sich entsprechend: 145 Vgl. Hauser, H. (Hrsg.), Lexikon der Neurowissenschaften, Bd. 2, Heidelberg – Berlin 2000, S. 478. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 207 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Im Mittelpunkt westlichen wissenschaftlichen Denkens steht die Prämisse [sic!], dass alle Aspekte des menschlichen Bewusstseins – unser ›ganzes Sein‹ – entweder schon jetzt oder später einmal mit der physiologischen Einwirkung der zellularen Komponenten auf das menschliche Gehirn erklärt werden können. […] Handelt es sich bei dieser Prämisse eigentlich um ein wissenschaftliches ›Faktum‹ oder um eine vorgefasste Meinung, die auf Theorien und Hypothesen aufbaut und sich erst in der wissenschaftlichen Arena bewähren muss? (Sabom 1982, S. 241). In diesem Zusammenhang zitiert er Sir Charles Sherrington (Nobelpreisträger für Medizin in den 1930er Jahren) mit den Worten: Wir müssen davon ausgehen, dass die Frage der Beziehung des Geistes zum Gehirn nicht nur noch nicht beantwortet ist, sondern dass es noch nicht einmal eine Basis für die Beantwortung gibt … Die Annahme, dass unser Wesen aus zwei fundamentalen Elementen [Geist und Gehirn; Sch.] besteht, ist nicht unwahrscheinlicher als die, dass es nur aus einem [dem Gehirn] besteht146 (Sherrington, zit. nach Sabom 1982, S. 242; Zitat ist in der Quelle kursiv gesetzt). Sabom fährt fort: Sherringtons Ansichten über ein dualistisches System von Geist und Gehirn wurden von einem anderen Arzt, Wilder Penfield, aufgenommen, der sein ganzes Leben damit verbrachte, die Struktur und die Funktion des menschlichen Gehirns neurochirurgisch zu erforschen (Sabom 1982, S. 242; Hervorhebung im Original). Er zitiert die „abschließende Bestandsaufnahme“ Penfields kurz vor seinem Tod: Nachdem ich mein ganzes Leben der Aufgabe gewidmet habe, die Zusammenhänge zwischen Geistes- und Gehirntätigkeit zu erforschen, drängt sich mir die überraschende Feststellung auf, dass von den beiden in Frage kom- 146 W. Penfield, The Mystery of the Mind (Princeton N.J., Princeton University Press, 1975), S. 73. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 208 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? menden Möglichkeiten die dualistische die plausiblere zu sein scheint. […]147 (Sabom 1982, S. 244; Zitat in der Quelle kursiv). Ansichten über die Entstehung von „Bewusstsein“ Jeffrey Long resümiert – mit Blick auf Nahtoderfahrungen – bezüglich seiner bereits mehrfach erwähnten Studie: [Ihre] wichtigsten Erkenntnisse […] werden durch zahllose ältere wissenschaftliche Nahtodstudien aus mehr als 30 Jahren bestätigt. […] Diese Forschung hat weitreichende Bedeutung für die Wissenschaft. Die Erkenntnisse […] [der Studie; Sch.] und anderer Nahtodstudien führen übereinstimmend zu der Schlussfolgerung, dass es mit unserem Bewusstsein und unserem Gedächtnis weit mehr auf sich hat, als sich allein durch unser physisches Gehirn erklären ließe (Long 2010, S. 296). Was Nahtoderfahrungen unter Vollnarkose betrifft, gibt er zusätzlich zu bedenken: Wäre das Bewusstsein lediglich ein Produkt des physischen Gehirns, dann ergäbe es einen Sinn, wenn Nahtoderfahrungen unter Vollnarkose weniger bewusst und wach abliefen als andere Nahtoderfahrungen […], aber das hat die NDERF-Studie [NDERF = Near Death Experience Research Foundation] nicht ergeben (Long 2010, S. 153; Hervorhebung: Sch.). Ganz ähnlich äußern sich auch die in den Abschnitten 2.1 bis 2.6 besprochenen, in die Forschung involvierten Personen – ebenso wie Michael Nahm (vgl. Kap. 3). Letzterer bemerkt: die […] vorgestellten Aspekte von Nahtod-Erfahrungen [stellen] ein gewichtiges neuerliches Indiz dafür dar, dass der menschliche Geist nicht in einem 1:1-Verhältnis mit der Biochemie des Gehirns steht (Nahm 2012, S. 193). 147 W. Penfield, The Mystery of the Mind (Princeton N.J., Princeton University Press, 1975), S. 85, 48. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 209 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Eben Alexander (vgl. Abschn. 2.1) meint nach der Schilderung seiner persönlichen Erfahrung: Es gibt nichts an der Physik der materiellen Welt (Quarks, Elektronen, Photonen, Atome etc.) und speziell an der komplizierten Struktur des Gehirns, was uns auch nur den kleinsten Hinweis auf den Mechanismus des Bewusstseins geben könnte (Alexander 2013, S. 208; vgl. hierzu auch z. B. Parnia 2013, S. 247). An anderer Stelle konkretisiert er und geht noch einen Schritt weiter: Die moderne Neurowissenschaft geht davon aus, dass das Gehirn das Bewusstsein aus seiner schieren Komplexität heraus erschafft. Es gibt jedoch absolut keine Erklärung, durch welchen Mechanismus dies geschieht. Ja, je mehr wir das Gehirn erforschen, desto deutlicher erkennen wir, dass das Bewusstsein unabhängig vom Gehirn existiert (Alexander 2015, S. 24). Pim van Lommel (vgl. Abschn. 2.3) äußert sich folgendermaßen: Die meisten Gehirnforscher vertreten einen materialistischen Ansatz. Sie gehen von der Annahme aus, dass sich Gedanken, Gefühle und Erinnerungen inhaltlich ganz und gar aus den messbaren Aktivitäten des Gehirns herleiten lassen. Die Hypothese, dass Bewusstsein und Erinnerungen ausschließlich in unserem Gehirn erzeugt und gespeichert werden, ist jedoch immer noch unbewiesen. Ein direkter Nachweis, ob und wie Neuronen im Gehirn den subjektiven Kerngehalt unseres Bewusstseins hervorbringen, steht noch gänzlich aus. […] Es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass sich Bewusstsein nicht ausschließlich aus der Aktivität des Gehirns erklären lässt (Lommel 2013, S. 215; Näheres hierzu auf den Seiten 216 bis 244). Ähnlich wie Benjamin Libet (2013, S. 285) mit der Aussage: Es gibt eine unerklärte Lücke zwischen der Kategorie der physischen Phänomene und der Kategorie der subjektiven Phänomene 210 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? stellt auch van Lommel fest: Die »Erklärungslücke«, die zwischen Gehirn und Bewusstsein klafft, ist nie überbrückt worden […] (Lommel 2013, S. 224). Er formuliert klipp und klar: Mit den wissenschaftlichen Techniken der Gegenwart lassen sich Bewusstseinsinhalte weder messen noch nachweisen (Lommel 2013, S. 25)[148] und fragt sich schließlich: Hat das Bewusstsein überhaupt eine biologische Grundlage? (Lommel 2013, S. 16; Hervorhebung im Original). Penny Sartori (vgl. Abschn. 2.4) vertritt einen vergleichbaren Standpunkt: Unerklärt bleibt […], wie bewusste Erfahrung aus neurologischen Strukturen entstehen und mit neurologischen Prozessen einhergehen kann.149 Im Lichte weiterer Forschungen im klinischen Bereich erscheint es vielmehr plausibler, dass die neurologischen Prozesse das Bewusstsein nicht erzeugen, sondern lediglich vermitteln. Weitere Forschungen über Nahtod-Erfahrungen könnten stärker untermauern, dass diese neurobiologischen Prozesse Korrelate und nicht, wie nach verbreiteter materialistischer Auffassung angenommen, Kausalitäten sind. Allein dies würde unser Verständnis des Bewusstseins von Grund auf revolutionieren (Sartori 2015, S. 174; Hervorhebungen im Original). 148 Eine Analogie zu der bereits erwähnten Feststellung: „Es gibt nichts, was eine außenstehende Person begutachten und als valide beurteilen könnte. Der Beobachter ist auf die verbalen Äußerungen eines Befragten über subjektive Zustände angewiesen“ (Singer und Ricard 2017, S. 23) – wobei allerdings über die Rolle von extern validierten außerkörperlichen Erfahrungen zu diskutieren wäre. 149 Chalmers, D. (1995); „Facing Up the Problem of Consciousness“, Journal of Consciousness Studies, Vol. 2, No. 3, S. 200–219. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 211 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Sam Parnia (vgl. Abschn. 2.5) bemerkt zum Thema „Dualismus“: Die Frage […] lautet also: Kommt das denkende, bewusste Wesen, das gerade dieses Buch liest und über die hier vorgestellten Inhalte nachdenkt, das Wesen, das wir im alltäglichen Gespräch als »Ich« bezeichnen, durch einen physischen Prozess in den Körper, oder ist es irgendeine andere Entität? Wenn ja, was passiert mit ihr, wenn wir sterben? (Parnia 2013, S. 223). Mit Blick auf die Wissenschaft formuliert er: Jetzt können Wissenschaftler grob in zwei Kategorien eingeteilt werden: diejenigen, die eine Ansicht vertreten, die mehr oder weniger der Auffassung von Aristoteles entspricht, und diejenigen, die grob gesagt Platons Ansicht stützen. Die entscheidende Frage läuft darauf hinaus: Bringt das Gehirn den Geist, die Psyche und die Seele hervor, oder ist der Geist Psyche und Seele – mit anderen Worten die Entität, die uns Menschen zu denen macht, die wir sind – vom Gehirn getrennt, aber in Interaktion mit ihm? In jedem Lager gibt es sehr bedeutende Wissenschaftler, obwohl heute mehr die Ansicht des Aristoteles unterstützen, als die von Platon. Nobelpreisträger Francis Crick […] vertrat die Ansicht, dass alles, was wir als »Selbst« oder Seele betrachten, aus dem Gehirn kommt. Wenn man stirbt, stellt der Körper seine Funktionen ein, und deshalb wird auch die Seele ausgelöscht. Der prominenteste Wissenschaftler aus der anderen Gruppe […] war der Neurowissenschaftler und Nobelpreisträger Sir John Eccles. Heute hat die Wissenschaft die Mechanismen, die dazu führen, dass dem Gehirn verschiedene Signale und Nachrichten übermittelt werden, weitgehend im Griff und weiß alles über die Verbindungen zwischen Gehirn und dem Rest des Körpers. Aber die Frage, die noch bleibt und die wissenschaftliche Debatte anregt, lautet: Wo inmitten all dieser elektrischen Aktivität und der chemischen Prozesse, von denen wir wissen, dass sie im Gehirn ablaufen, liegen die Gedanken und das Selbst? […] David Chalmers, ein australischer Philosoph, hat es sehr gut zusammengefasst: »Das Bewusstsein stellt die Wissenschaft des denkenden Geistes vor die rätselhaftesten Probleme. Nichts ist uns vertrauter als bewusste Erfahrung, aber es gibt auch nichts, was schwerer zu erklären ist« […] Die moderne Medizin hat geholfen, einige Fragen zur Beziehung zwischen den Gedanken und dem Gehirn zu beantworten, namentlich spezifischen Arealen, die etwas mit bestimmten Empfindungen, Emotionen und 212 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Gedanken zu tun haben, nicht aber die Frage, wie Gedanken eigentlich von den Gehirnzellen produziert werden (Parnia, 2013, S. 224–226). Theoretische Ansätze bezüglich der letztgenannten Frage referiert Parnia ausführlich (vgl. Parnia 2013, S. 231–237) und verweist in diesem Zusammenhang auf einen wichtigen Punkt: Wir wissen, dass ein wesentlicher Teil unseres Lebens die Idee vom freien Willen beinhaltet. […] die auf dem Gehirn basierenden Theorien können dafür keine Erklärung geben. Wären sie korrekt, so würde das bedeuten, dass unser Leben vollständig von unseren Genen und der Umwelt determiniert wäre und es folglich keinen Platz für so etwas wie persönliche Zurechnungsfähigkeit gäbe. […] Niemand könnte für irgendetwas zur Rechenschaft gezogen werden (Parnia 2013, S. 232; Hervorhebung: Sch.; vgl. hierzu auch Kap. 1 oder Schumann 2018, S. 71–92). Einen zentralen Punkt in den vorstehenden Überlegungen formuliert Parnia (2013, S. 228) wie folgt: Die Tatsache, dass etwas mit etwas anderem korreliert, bedeutet nicht zwangsläufig, dass dieses andere es verursacht hat. […] Wir wissen zwar, dass im Gehirn ablaufende Prozesse [„A“; Sch.] mit Gedanken [„B“; Sch.] korrelieren, aber bisher konnte niemand zeigen, ob B durch A verursacht wird oder A durch B, oder ob ein anderer Prozess beide verursacht. Bewusstsein als Produkt der Gehirnaktivität? Van Lommel (vgl. Abschn. 2.3) bemerkt: Wäre der materialistische Standpunkt zutreffend, wäre jede Bewusstseinserfahrung nur das Produkt einer Maschine, die von den Gesetzmäßigkeiten der klassischen Physik und Chemie gelenkt würde, und unser Verhalten wäre ausnahmslos das Werk von Nervenzellen im Gehirn. Diese Vorstellung, dass alle Gefühle und Gedanken nur eine Folge der Gehirntätigkeit sind, bedeutet natürlich auch, dass der Glaube an einen freien Willen eine Illusion ist. Zur Kommentierung dieses Standpunkts der materialis- 213 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? tisch orientierten Wissenschaftler zitiere ich den Neurophysiologen John C. Eccles: »Ich bleibe dabei, dass das Mysterium des Menschen vom wissenschaftlichen Reduktionismus in unglaublicher Weise herabgewürdigt wird, wenn er beansprucht und verspricht, die gesamte spirituelle Welt letzten Endes auf materialistische Weise mit Mustern neuronaler Aktivität erklären zu können. Dieser Glaube [sic!] muss als ein Aberglaube betrachtet werden. Wir müssen erkennen, dass wir … sowohl spirituelle Wesen sind, die mit ihrer Seele in einer spirituellen Welt existieren, als auch materielle Wesen, die mit ihrem Körper und ihrem Gehirn in einer materiellen Welt existieren«150 (Lommel 2013, S. 287–288; das Eccles-Zitat ist an der zitierten Stelle hervorgehoben). Das Eccles-Zitat trifft meines Erachtens den Kern der Schlussfolgerungen, zu denen Forscherinnen und Forscher, welche sich mit Nahtoderfahrungen beschäftigen, regelmäßig gelangen. Der Zentralität dieses Gedankens entsprechend findet sich dieses Zitat beispielsweise auch bei Alexander (2013, S. 190), Alexander (2015, S. 24) und bei Long (2010, S. 155). Ähnlich der Standpunkt Sartoris (vgl. Abschn. 2.4): Unsere Wissenschaft leistet Erstaunliches; sie war sehr wichtig für unsere Entwicklung und hat uns an den gegenwärtigen Punkt unserer Evolution geführt. Die wissenschaftliche Vorgehensweise ist präzise und rigoros; sie erzielt ihre Fortschritte durch Messen und Wiederholen von Experimenten. Ohne die Wissenschaft wären wir nicht da, wo wir heute sind; es gäbe keine Technik und nicht die Fortschritte in der Gesundheitsfürsorge, die unsere Lebenserwartung erhöht haben. Leider befasst sich die Wissenschaft nur mit dem Physischen, und alles, was nicht gemessen werden kann, gilt als nicht existent. […] Einst war das religiöse Weltbild das vorherrschende, bis es durch die Wissenschaftliche Revolution verdrängt wurde. Verfechter der Naturwissenschaft, wie Isaac Newton und Galileo Galilei, förderten die Überzeugung, das Universum sei eine riesige Uhr, und der Mensch wurde auf eine Ma- 150 Eccles, J.C. 1989. Die Evolution des Gehirns – die Erschaffung des Selbst. München, Piper, S. 238. Originaltitel: Evolution of the Brain, Creation of the Self. London, New York: Routledge. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 214 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? schine reduziert. Alle spirituellen Aspekte des Lebens wurden dem Einflussbereich der Kirche überlassen, während die Wissenschaft das Physische erforschte. Es hat allerdings den Anschein, als ob ein Teil unseres technischen Fortschritts unserer spirituellen Natur eher zum Nachteil gereicht hätte. […] Viele Aspekte des Lebens, die einst als wissenschaftlich erwiesen galten, stellten sich später als falsch heraus. […] Es gilt als erwiesen, dass Bewusstsein vom Gehirn erzeugt wird, und erst seit ein paar Jahrzehnten wird dies hinterfragt. Heute glauben viele Vertreter der Nahtod- und Bewusstseinsforschung, darunter auch ich, dass Bewusstsein durch das Gehirn vermittelt, aber nicht von ihm erzeugt wird (Sartori 2015, S. 259–260; vgl. hierzu auch S. 15, 174, 210 und 258). Eben Alexander (vgl. Abschn. 2.1) schreibt bezüglich seiner persönlichen Erfahrung und darüber, dass er, was seine ihm bis dahin unbekannte Schwester betrifft, während dieser Nahtoderfahrung – zumindest für ihn – nachprüfbares Wissen erlangt habe, was auch bei intaktem Gehirn nicht erklärbar sei:151 […] dass bei mir zwei Ereignisse in Einklang und Übereinstimmung aufgetreten sind, und gemeinsam brechen sie den letzten Bemühungen der reduktiven Wissenschaft das Genick, der Welt weiszumachen, die materielle Welt sei alles, was existiert, und das Bewusstsein – Ihres und meines – sei nicht das große und zentrale Mysterium des Universums (Alexander 2013, S. 230). Die zentrale Bedeutung der Diskussion über die Frage des Dualismus betonte bereits Raymond Moody (vgl. Abschn. 2.2) mit der Bemerkung: Wenn es Anzeichen dafür gibt, dass der Geist (die Seele) tatsächlich vom Körper getrennt existieren kann und etwas Eigenständiges ist, dann würde die Therapie seelischer Störungen doch etwas sehr Anderes werden müssen (Moody 2013, S 174–175). Ähnlich wie Penny Sartori schreibt er im Ergänzungsband zu seinem in Abschnitt 2.2 besprochenen Buch: 151 Näheres zum Thema unter „Bericht über zwei zusätzliche Validierungshinweise“ in Abschnitt 2.1. 215 Bewusstsein bei inaktivem Gehirn? Schließlich plädiere ich dafür, mit geschärfter Aufmerksamkeit die Argumente derer aufzugreifen, die dieses Phänomen [Todesnähe-Phänomene; Sch.] als durchaus erklärbar ansehen vermittels naturgesetzmäßiger Ursachen und wissenschaftlicher Theoreme, die wir bereits kennen […]. Denn es bedarf keiner Erwähnung, dass die exakten Naturwissenschaften uns sehr weit vorangebracht haben auf dem Weg zur Erkenntnis des Universums. Gleichermaßen bin ich aber der Meinung, man darf der Verlockung nicht nachgeben, vordergründig naturwissenschaftliche Erklärungen zu akzeptieren, ohne sie vorher einem geeigneten Test unterworfen zu haben. Ich habe von vielen Menschen dem Sinne nach zu hören bekommen, »es läge doch auf der Hand«, dass die Erklärung von Todesnähe-Phänomene »nichts Anderes« sei als zum Beispiel cerebrale Anoxie, also Mangelversorgung des Gehirns mit Sauerstoff. Es ist sehr einfach, gleich eine ganze Handvoll derartige möglicher wissenschaftlicher Erklärungen aus dem Ärmel zu schütteln. Ich finde aber, es fehlt dann immer jegliche experimentelle Grundlage dafür, dass eine so konstruierte Erklärung auch stimmig ist (Moody 1997, S. 173). Er kommt zu dem Schluss: Nach meinem Dafürhalten sollten wir uns zumindest immer offenhalten für die Möglichkeit, dass Dinge, die wie neuartige Phänomene auszusehen scheinen, auch echte Anomalien sein könnten – Gegenstände oder Tatsachen, die einfach nicht hineinpassen in den Aufbau vorgefasster Weltanschauungen. Denn ganz sicher ist es genau diese Aufgeschlossenheit gegen- über etwaigen Anomalien in unserer Erfahrung, was zu allen Zeiten als einer der stärksten Anreize zur Weiter- und Höherentwicklung der menschlichen Erkenntnis gewirkt hat (Moody 1997, S. 174). Anders ausgedrückt […] sollte man in der Forschung dem Hang abschwören, Todesnähe-Erlebnisse schon deshalb als ein der Erforschung unwürdiges Thema vom Tisch zu fegen, weil es darin einige Elemente gibt, die im Widerspruch stehen zu liebgewonnenen Vorstellungen von der Natur und der Welt (Moody 1997, S. 174–175). Im Rückblick auf Kapitel 2 ergibt sich ein generelles Muster: Alle dort behandelten Forscherinnen und Forscher sprechen von einem grundlegenden Wandel ihres wissenschaftlichen Weltbildes. Aufgrund ihrer Forschungsergebnisse bzw. aufgrund eigener Erfahrung eines Nahtoderlebnisses berichten sie explizit davon, nunmehr einer dualistischen Sichtweise zuzuneigen, während dies ursprünglich – ebenso explizit – nicht der Fall gewesen sei. Aus diesem Grund ist in Kapitel 2 von „Umdenken“ in den betreffenden Abschnittsüberschriften die Rede. 217 3 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? Die Recherchen Michael Nahms zur terminalen Luzidität Zum Begriff: „terminale Luzidität“ Bereits bei den in Kap. 2 besprochenen Arbeiten finden sich Verweise auf das Phänomen der „terminalen Luzidität“. Sartori (2015, S. 137) schreibt: Manchmal haben verwirrte Patienten einen klaren Moment, in dem sie sich von ihren Angehörigen verabschieden können – besonders deutlich wird dies in Berichten über Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind und verweist in diesem Zusammenhang auf vier Literaturstellen. Später greift sie das Thema – mit zusätzlichen Literaturhinweisen – erneut auf (vgl. Sartori 2015, S. 154–156) und verweist dabei auch auf Arbeiten des Biologen Michael Nahm152. Sie schildert dabei ferner zwei entsprechende Beispiele von an Alzheimer erkrankten Menschen, über die ihr persönlich von Freunden berichtet wurde. Ein Bericht über terminale Luzidität findet sich auch bei Alexander (2013, S. 196–197): [Ich] besuchte […] einen guten Freund und Kollegen, der eine der weltweit führenden Forschungsabteilungen für Neurowissenschaften leitet. Ich ken- 152 „Michael Nahm [studierte; Sch.] Zoologie, Botanik, Genetik und Paläontologie […] und promovierte im Bereich Pflanzenphysiologie“ (Nahm 2012, back matter). 218 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? ne John (das ist nicht sein richtiger Name) seit Jahrzehnten und halte ihn für einen wunderbaren Menschen und erstklassigen Wissenschaftler. […] Es stellte sich heraus, dass Johns Vater vor etwa einem Jahr nach fünfjähriger Krankheit seinem Ende entgegengesehen hatte. Er war entmündigt, dement, hatte Schmerzen und wollte sterben. […] Dann plötzlich wurde sein Vater klarer, als er es in den letzten beiden Jahren gewesen war, und teilte John einige tiefe Beobachtungen über sein Leben und ihre Familie mit. Kurz danach sei er verstorben. Alexander bemerkt zum Phänomen der terminalen Luzidität: Dafür gibt es keine neurophysiologische Erklärung (Alexander 2013, S. 198). Van Lommel erwähnt das Thema „terminale Luzidität“ in folgendem Zusammenhang: Gehirn und Bewusstsein sind wohl voneinander abhängig, doch sind deshalb mentale und emotionale Vorgänge noch lange nicht mit Prozessen im Gehirn gleichzusetzen oder aus ihnen ableitbar. Das zeigt sich auch an dem nur schwer erklärlichen Phänomen, dass Menschen mit stark ausgeprägter Demenz oft kurz vor ihrem Sterben vorübergehend bewusste und klare Momente haben (Lommel 2013, S. 236). An anderer Stelle präzisiert er: Menschen, die schon jahrelang dement sind, können in den letzten Augenblicken vor ihrem Tod manchmal sehr klar sein, sodass sie ihre Angehörigen erkennen und bewusst von ihnen Abschied nehmen können (Lommel 2013, S. 416).153 153 Ähnlich schreibt Hampe (1975, S. 98): „Es ist die Beobachtung gemacht worden, dass Geisteskranke kurz vor ihrem Tode wieder klar werden“ – mit Literaturverweis auf Hans Martensen-Larsen: An den Pforten des Todes (Hamburg 1955, S. 104 f.). 219 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? Unter den Begriff „terminale Luzidität“ (synonym: „terminale Geistesklarheit“) werden in der Literatur durchaus unterschiedlich gelagerte Fälle subsummiert. Hierzu bemerkt Michael Nahm (2012, S. 13): Es ist […] bemerkenswert, wie breit das Spektrum an organischen Gehirnerkrankungen ist, bei welchem terminale Geistesklarheit aufzutreten scheint. Wir finden Beispiele bei Diagnosen von Hirnhautentzündung und massiver Gehirnvereiterung, abnormer Füllung von Gehirnpartien mit wässriger oder blutiger Flüssigkeit, Schlaganfällen, Gehirnzersetzung durch Tumoren, bei Fällen von Demenz, wie der Alzheimer’schen Krankheit, aber auch in Fällen von psychischen Erkrankungen, bei der die organische Struktur des Gehirns praktisch unverändert bleibt, wie z. B. bei der Schizophrenie. Aber dennoch leuchtet der ursprüngliche Geist der Patienten kurz vor dem Tode in überall vergleichbarer Weise wieder auf. Anschaulicher beschrieben: Ohne ersichtlichen Grund wird die betreffende Person ungewöhnlich geistesklar, spricht vernünftig und nimmt ihre Umgebung wieder korrekt wahr. Bald darauf stirbt sie (Nahm 2012, S. 12). Michael Nahm verfolgt mit seinem nachfolgend vorgestellten Buch „Wenn die Dunkelheit ein Ende findet. Terminale Geistesklarheit und andere Phänomene in Todesnähe“ (Nahm 2012) das Ziel, auf das Phänomen aufmerksam zu machen und Belege dafür zu liefern, dass weitere Forschung zu diesem Phänomen sinnvoll erscheint – unter anderem auch, um ein tieferes und besseres Verständnis der Natur des menschlichen Geistes [zu] gewinnen (Nahm, 2012, S. 14).154 Hierzu legt er nach eigenen Worten „eine erste ausführliche Fallsammlung zur terminalen Geistesklarheit“ (Nahm 2012, S. 14) über die letzten rund zweihundertfünfzig Jahre vor, zuzüglich einiger Beispiele, welche 154 Darüber hinaus sieht Nahm die Möglichkeit der Entwicklung neuer Therapieformen (vgl. hierzu auch Nahm 2012, S. 34 und S. 75–76) sowie der Verbesserung der Pflege von Sterbenden (vgl. hierzu Nahm 2012, S. 269–271). 220 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? ihm persönlich mitgeteilt wurden (vgl. Nahm 2012, S. 14). Ausdrücklich betont er, dass das Ziel dieses Buches nicht einer stichfesten Beweisführung dient, sondern hauptsächlich Aufmerksamkeit auf bislang wenig beachtete Phänomene richten soll (Nahm 2012, S. 17), bemerkt jedoch gleichzeitig, ähnlich wie die in Kapitel 2 besprochenen Autorinnen und Autoren, es gebe auch aus den etablierten medizinischen Wissenschaftsdisziplinen ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass der Geist des Menschen nicht in einem 1:1-Verhältnis mit seiner Gehirnstruktur verquickt ist (Nahm 2012, S. 17; Hervorhebung: Sch.). Aus dem genannten Buch wird im Folgenden berichtet. Insbesondere mit Blick auf die Alzheimer’sche Krankheit formuliert Nahm die zen trale Frage folgendermaßen: Wie kommt es […], dass selbst Alzheimer-Patienten, die manchmal seit Monaten oder Jahren ihre engsten Familienangehörigen und Pfleger nicht mehr erkannt haben, kurz vor ihrem Tod wieder dazu in der Lage sind? Dass sie wieder über Erinnerungen aus ihrem Leben verfügen und auch verstehen, in welcher Lage sie sind? Man geht davon aus, dass die Erinnerungen von Menschen mit dieser Krankheit durch die Zerstörung der relevanten Gehirnpartien unwiederbringlich gelöscht werden […] (Nahm 2012, S. 13; Hervorhebungen: Sch.). Prüfung von Hypothese H 1: Vier relevante Punkte Das zentrale Argument beim oben Gesagten lautet: Es gibt Fälle, in denen das Gehirn über Jahre hinweg krankheitsbedingt kein klares Bewusstsein erzeugen konnte, und dennoch tritt kurz vor dem Ableben klares Bewusstsein auf. Betrachtet man eine bestimmte Klasse von Fällen terminaler Luzidität, nämlich solche, bei denen irreparable Hirnschädigungen im Spiel sind, dann eröffnet sich eine weitere, über die bisher be- 221 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? sprochenen Punkte hinausgehende Möglichkeit zur Prüfung der Hypothese H 1: Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen). Dies dürfte insbesondere für die einführend erwähnte Alzheimer’sche Krankheit zutreffen, für die Nahm (2012, S. 75–76) konstatiert: Bislang geht man davon aus, dass bei dieser Krankheit die persönlichen Erinnerungen durch die Zerstörung von wichtigen Gehirnregionen unwiederbringlich gelöscht werden. Wieso aber erinnern sich dann Alzheimer- Patienten kurz vor ihrem Tod wieder an ihr Leben, erkennen lange nicht erkannte Familienangehörige wieder und können plötzlich wieder sprechen? An anderer Stelle betont Nahm genereller: […] viele Formen der Demenz, besonders diejenigen, die durch gewisse Krankheiten, wie die Alzheimer’sche Erkrankung, verursacht werden, gehen nachweislich mit der Zerstörung von Gehirnregionen einher, von denen man annimmt, dass sie für die Funktion und Speicherung der Kurz- und Langzeiterinnerungen unabdingbar sind (Nahm 2012, S. 37). Auch bei dieser Art der Prüfung kann – analog zu Kapitel 2 – H 1 als verifiziert gelten, sobald man einen einzigen entsprechenden Fall akzeptiert. Um einen entsprechenden Nachweis zu erbringen, sind folgende Bedingungen zu erfüllen: 1. Es muss sichergestellt sein, dass das Gehirn krankheitsbedingt über Jahre hinweg (materiell) geschädigt ist. 2. Es muss sichergestellt sein, dass die Schädigung irreparabel ist. 3. Nach derzeitigem Stand der Medizin ist aufgrund dessen klares Bewusstsein unmöglich. 4. Es muss sichergestellt sein, dass dennoch (kurz vor dem Tod) klares Bewusstsein auftritt. 222 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Mögliche Belege zu den Punkten 1 bis 4 Zur Prüfung der Frage, ob das Gehirn krankheitsbedingt über Jahre hinweg (materiell) geschädigt ist (Punkt 1), können folgende Belege herangezogen werden: a. Ärztliche Befunde aus Krankenakten b. Berichte von Ärzten c. Berichte über Arztberichte bzw. über Aussagen von Ärzten d. Erfahrungsberichte Angehöriger und sonstiger Zeugen über das Verhalten der Betroffenen In allen Fällen ist dabei die Glaubwürdigkeit der betreffenden Berichte zu beurteilen bzw. zu hinterfragen. Allerdings dürfte es – so argumentiert Nahm (2012, S. 16–17) – problematisch sein, alle diesbezüglichen Berichte in Bausch und Bogen zu verwerfen. Zur Prüfung der Frage, ob die Schädigung irreparabel ist (Punkt 2) und ob nach derzeitigem Stand der Medizin aufgrund dessen klares Bewusstsein nicht auftreten kann (Punkt 3), muss auf medizinisches Fachwissen zurückgegriffen werden. Sofern entsprechende Informationen zur Verfügung stehen, sollte sich dies ergeben aus: a. der Art der diagnostizierten Krankheit (z. B. Alzheimer) oder auch aus b. gegebenenfalls dem Ergebnis einer Obduktion, bei der der Schaden auch nach dem Tode festgestellt wird. Entsprechende Berichte finden sich vereinzelt bei Nahm (2012, S. 35–37, 52, 54, 63–64, 80–81). In diesem Fall entfällt die Erklärungsmöglichkeit, es habe kurz vor dem Tode eine – wie auch immer geartete – „spontane Heilung“ stattgefunden.155 Der Beleg, dass kurz vor dem Tod klares Bewusstsein auftritt (Punkt 4), dürfte in er Regel relativ leichtfallen. Zeugen können das Geschehen gegebenenfalls problemlos beobachten. Es können mit anderen Worten Berichte von außenstehenden Beobachtern (Pflegepersonal, Verwandte etc.) ausgewertet werden, sofern diese Personen für die Forschung ver- 155 Es sei denn, man nimmt an, die Heilung habe sich anschließend ebenso spontan wieder zurückgebildet – was allerdings das Vorstellungsvermögen arg strapaziert. Vgl. hierzu auch Nahm (2012, S. 36). 223 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? fügbar sind. Man ist also nicht – wie bei der in Kapitel 2 besprochenen Thematik – auf Selbstberichte der Betroffenen angewiesen. Dies ist ein ganz entscheidender Punkt, da hier die „unüberwindbare Kluft“ zwischen der Erste-Person-Perspektive und der Dritte-Person-Perspektive die Forschungsbemühungen nicht beeinträchtigt. Es ist auch der Grund, weshalb das vorliegende Kapitel als Ergänzung zu Kapitel 2 aufgenommen wurde. Informationen zur Arbeit Nahms Michael Nahm (2012, S. 11–12) schreibt über die Literatur zum Thema terminale Luzidität: Leider ist diese Literatur oft schwer zugänglich und enthält jeweils nur isoliert stehende Fallbeispiele. Dennoch scheinen derartige Vorkommnisse nicht so selten zu sein, wie man vielleicht vermuten könnte. In einer kürzlich erschienenen Publikation, in der Pflegepersonal von Hospizen hinsichtlich ungewöhnlicher Phänomene in Todesnähe befragt worden ist, gaben sieben von zehn Pflegerinnen an, bereits Fälle von unerwarteter Rückkehr der geistigen Klarheit bei dementen Patienten beobachtet zu haben.156 […] Ich bezeichne dieses Phänomen als »Terminale Geistesklarheit«, wobei das Wort »terminal« hier so viel bedeutet wie »kurz vor dem Ende auftretend« (Hervorhebungen: Sch.). Auf zwei weitere Statistiken wird in Nahm (2012, S. 20–21) verwiesen, wobei allerdings ein weiter Begriff von „terminaler Luzidität“ Verwendung findet. Nahm (2012, S. 21–22) resümiert: Mit diesen drei […] Studien erschöpft sich bereits das Datenmaterial, das ich zur Angabe von Häufigkeit von terminaler Geistesklarheit bei Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen gefunden habe. 156 Brayne, S.; Lovelace, H. und Fenwick, P. (2008). End-of-life experiences and the dying process in a Gloucestershire nursing home as reported by nurses and care assistants. American Journal of Hospice & Palliative Medicine, 25, 195–206. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 224 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Zur Anzahl der von ihm berichteten Fälle fasst Nahm (2012, S. 19–20) zusammen: In der Literatur der letzten gut zweihundert Jahre konnte ich bis heute neunzig Referenzen zu konkreten Fallbeispielen sowie achtzehn allgemein gehaltene Aussagen von Medizinern oder Pflegern finden, dass sie solche Geschehnisse mehrfach beobachtet haben. Dazu kommen elf Fallberichte, die ich persönlich mitgeteilt bekommen habe. […] Von den neunzig Referenzen zu publizierten Fällen konnte ich neunundfünfzig Fallbeschreibungen aufspüren, zumeist die Originalpublikation. Zusammen mit den elf persönlich mitgeteilten Berichten liegen also siebzig Berichte vor, die vierunddreißig Frauen und sechsunddreißig Männer betreffen. In diesem Buch stelle ich rund sechzig davon vor (Hervorhebung: Sch.). Die im Rahmen der Definition zitierte Angabe: „kurz vor dem Ende auftretend“ präzisiert Nahm (2012, S. 23) folgendermaßen: In den siebzig Fallbeschreibungen fiel das Auftreten der terminalen Geistesklarheit fast immer in die letzte Woche vor dem Tod, in rund der Hälfte der Fälle sogar auf den letzten Lebenstag, in einigen Fällen auch nur auf die letzten Minuten. Zu den Berichtszeiträumen bemerkt er: Der größte Teil der schriftlich dokumentierten Fälle und auch die detailliertesten Fallstudien sind zwischen den Jahren 1800 und 1850 in der damaligen medizinischen Literatur publiziert worden. Im 20. Jahrhundert nahm die Anzahl der Publikationen über terminale Geistesklarheit bedeutend ab und verschwand fast vollständig aus den medizinischen Kreisen. Dies scheint allerdings lediglich eine Frage des Interesses zu sein. Denn wie ich feststellen konnte, lassen sich auch heute viele Berichte sammeln – wenn man nur danach sucht und fragt (Nahm 2012, S. 20; vgl. hierzu auch die Ausführungen auf S. 39–41). Hier zeigt sich eine Parallele zu der im Rahmen von Kapitel 2 mehrfach getroffenen Feststellung, Nahtoderfahrungen würden dann nicht berichtet, wenn nicht nach ihnen gefragt werde (oder erste Mitteilungen auf 225 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? eine abwehrend-uninteressierte Haltung beim Zuhörer stießen). Bereits Raymond Moody beschrieb explizit Fälle, welche dies nahelegen: […] in beiden Fällen hatte ich den Patienten nicht einmal andeutungsweise auf dieses Thema angesprochen. Die beiden haben einfach so von ihren Erlebnissen erzählt, sie kamen darauf während der üblichen Unterhaltung zwischen einem Patienten und seinem Doktor. Das Interessante an diesen beiden Fällen war für mich: sie stellten eine weitere Bestätigung meiner Annahme dar, nach der ein Grund dafür, dass Ärzte dieses Phänomen zuvor nicht wahrgenommen haben, darin besteht, dass sie einfach nicht aufmerksam zuhören, wenn Patienten ihnen von solchen Begebenheiten erzählen (Moody 1997, S. 115–116). Ähnlich äußert Wiesenhütter (1974, S. 21) über Nahtoderfahrungen: [… sie] kommen viel häufiger vor, als man zunächst meint. Sie sind keine Ausnahmen, sondern typisch. Wendet man sich an alte Krankenschwestern, hört man mehr über sie berichtet als von Ärzten. In Nahms Arbeit aufgeführte Berichte Einleitend zu dem Kapitel „Terminale Geistesklarheit bei Demenz und Alzheimer’scher Erkrankung“ schreibt Nahm (2012, S. 38): Von den verschiedenen Formen der Altersdemenz wissen wir allerdings, dass sie mit organischen Hirnschädigungen einhergehen. Dennoch schrieb der Pastor Franz Johann Splittgerber schon im Jahre 1866: »Stumpfe, abgelebte Greise, bei denen unter dem Hauche des eisigen, alles höhere Geistesleben erstarrenden Alters auch die Kraft des Gedächtnisses erloschen zu sein scheint, erhielten zum Öfteren unmittelbar vor ihrem Ende nicht allein dies einzelne Vermögen zurück, sondern wurden überhaupt (wenn auch nur auf einzelne erleuchtete Momente) wieder in ihren vollen geistigen Besitzstand eingesetzt«157. 157 Splittgerber, F. (1866). Schlaf und Tod. Halle: Fricke (1. Auflage), Seite 357 (Der Literaturverweis ist Teil des Zitats.) 226 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Wie bereits erwähnt, eignen sich Fälle von Menschen, welche an der Alzheimer-Krankheit litten und bei denen terminale Luzidität auftrat, gut zur Prüfung der Hypothese H 1. Michael Nahm berichtet mehrere solcher Fälle explizit (vgl. Nahm 2012, S. 37–47). Zudem bemerkt er: Auch mir persönlich sind Berichte über terminale Geistesklarheit bei Alzheimer-Patienten zugetragen worden (Nahm 2012, S. 40). Er verweist unter anderem – um ein Beispiel zu berichten – auf Seite 71 auf den Bericht eines Hospizmitarbeiters158 über einen älteren Mann, welchen Raymond Moody (vgl. Abschn. 2.2) folgendermaßen zitiert: »Der Gesundheitszustand von Mr. Sykes, dem Mann mit Alzheimer, verschlechterte sich wegen seiner Krankheit und seinem Alter ziemlich schnell, und er starb ein Jahr nach der Diagnose. Während der Zeit, die wir zusammen verbrachten, lernte ich ihn und seine Familie recht gut kennen. Ungefähr zwei Monate vor seinem Tod verfiel er in einen, wie ich sagen würde, fast vegetativen Zustand. Es war das typische letzte Stadium der Alzheimer-Krankheit. Er wusste nicht, wer er war, und erkannte seine Frau und seine Kinder nicht mehr. Er konnte nicht mehr zusammenhängend sprechen und zeigte auf keine Weise an, dass er irgendetwas von seinem Zustand mitbekam. In der Woche vor seinem Tod sahen die Krankenschwester und ich, wie er heftig zuckte. Der Tag, an dem er starb, war auf unheimliche Weise anders. Er setzte sich im Bett auf und sprach so klar wie eine Glocke, redete ganz normal, …« Moody (2011, S. 26; Text dort kursiv gedruckt; Hervorhebung: Sch.).159 158 Daniel, tätig in Greenville in North Carolina (vgl. Moody 2011, S. 25). 159 Der Inhalt der Äußerungen ist ausgesprochen bemerkenswert, tut jedoch im Hinblick auf die Prüfung von Hypothese H 1 nichts zur Sache und wird daher hier nicht referiert. Wichtig ist die Aussage, dass die Person in Anwesenheit zweier Zeugen wieder geistesklar war und wieder uneingeschränkt sprechen konnte. 227 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? Im Falle terminaler Geistesklarheit bei Schlaganfällen argumentiert Nahm (2012, S. 48): Bei einem Schlaganfall, auch Gehirnschlag genannt, wird ein Teil eines Gehirns plötzlich von der Sauerstoffversorgung abgeschnitten. […] Die betroffenen Gehirnregionen werden binnen kurzer Zeit ernstlich und oft irreparabel geschädigt. Häufig sind die betrübliche Folge dieser gefürchteten Vorkommnisse beträchtliche und dauerhafte Behinderungen sowohl auf der körperlichen als auf der geistigen Ebene, wenn nicht sogar der Tod. Deshalb ist erstaunlich, wenn ein durch Schlaganfälle beeinträchtigter Mensch plötzlich wieder zu geistiger Klarheit gelangt. Ich konnte vier Fälle von terminaler Geistesklarheit finden, in die Schlaganfälle involviert waren (Hervorhebung: Schumann). Auf den Seiten 48–51 stellt er anschließend diese Fälle vor. Ferner stellt er auf den Seiten 51 bis 57 acht Fallbeispiele von terminaler Geistesklarheit vor, bei denen entweder Gewebewucherungen, Abszesse oder sogar gewebezersetzende Tumoren im Gehirn diagnostiziert worden sind (Nahm 2012, S. 51). Zur Validität der aufgeführten Berichte Das bereits in Kapitel 2 mehrfach angesprochene Problem, letztlich auf Berichte angewiesen zu sein, ist auch Nahm vollkommen bewusst, wenn er schreibt: Dabei folge ich in dem gesamten Buch der Maxime, die Berichte von Menschen, die glauben, etwas Besonderes erlebt zu haben, ernst zu nehmen – besonders wenn es mehrere Zeugen dafür gibt. Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass einige dieser Berichte auf Irrtümern, Halluzinationen oder schlichtweg auf vorsätzlichen Lügen basieren. Vielleicht ist es bei einigen tatsächlich so. Aber in allen Themenbereichen, die hier behandelt werden, ergeben die verfügbaren Berichte ein derart stimmiges Muster, dass ich es für fahrlässig halte, alle Berichte vollständig zu verwerfen oder sie nur 228 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? psychologisch auszudeuten (Nahm 2012, S. 16–17; Hervorhebung im Original).160 Die „Stimmigkeit“ der Berichte war auch in Kapitel 2 ein Argument dagegen, alle Berichte über Nahtoderfahrungen in Bausch und Bogen zu verwerfen. Das Argument gewinnt im vorliegenden Fall zusätzlich an Gewicht durch den langen Zeitraum, über den hinweg die Berichte gesammelt wurden sowie die Tatsache, dass heute über terminale Luzidität öffentlich kaum diskutiert wird. Mit einem Oprah-Winfrey-Artefakt161 ist schon aus diesem Grund kaum zu rechnen. Zudem gilt weiterhin, dass bereits ein einziger erwartungskonformer Fall genügt, um Hypothese H 1 zu verifizieren. Auch Nahm befasst sich mit „Dualismus“ Auch Nahm diskutiert explizit eine dualistische Position (vgl. z. B. Nahm 2012, S. 81, 115–121, 130 oder S. 159–161). So schreibt er: Können gewisse geistige Funktionen vielleicht tatsächlich weitestgehend unabhängig vom Gehirn existieren und sogar fortbestehen […]? Wer einmal einen Blick auf Bilder von den zerstörten Gehirnen der terminalen Alzheimer-Patienten geworfen hat, der mag sich tatsächlich fragen: Wo und wie sollen hier noch realitätsbezogene Erinnerungen gespeichert sein? Die Sachlage wird zudem noch durch den Befund verkompliziert, dass Menschen offenbar erhebliche Gehirnschädigungen aufweisen können, die exakt dem Alzheimer’schen Krankheitsbild gleichen – und dabei geistig vollkom- 160 Zusätzliche Validierungshinweise in Hinblick auf Todesnähe-Visionen – welche allerdings nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind – Berichtet Nahm (2012, S. 206–208). 161 Damit ist bei der Diskussion über Nahtoderfahrungen (vgl. Kap. 2) gemeint, „dass der Inhalt von Nahtoderfahrungen, von denen die Betroffenen berichten, möglicherweise davon beeinflusst wird, wie viel sie zum Zeitpunkt ihres Erlebens bereits über Nahtoderfahrungen wissen. Die etwas smarteren Forscher nennen es gern den »Oprah-Faktor«, weil die amerikanische Star-Moderatorin Oprah Winfrey in ihrer Talkshow sehr häufig über Nahtoderfahrungen berichtet und sie damit enorm bekannt gemacht hat“ (Long 2010, S. 100). 229 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? men gesund sind und auch nicht an Demenz leiden!162 Man sieht, das Verhältnis zwischen Gehirn und Geistesleistung bei älteren Menschen ist komplizierter, als es scheinen mag. Vieles liegt noch völlig im Dunkel (Nahm 2012, S. 80).163 Nahm bemerkt völlig zurecht: Wenn in einer Gehirnregion eine bestimmte Aktivität festgestellt wird und zugleich eine bestimmte geistige Regung stattfindet, so heißt dies noch lange nicht, dass diese Aktivität im Gehirn die entsprechende geistige Regung des Menschen auch produziert (Nahm 2012, S. 117; Hervorhebung: Sch.; vgl. hierzu auch Nahm 2012, S. 210–211 und 261). Er unterstreicht sein Argument mit den Worten: Schon William James (1842–1910) […] machte unmissverständlich klar, dass wir im Sinne objektiver naturwissenschaftlicher Beobachtung immer nur eine Korrelation zwischen Geist und Gehirn nachweisen können, aber niemals eine Produktion des Geistes aus dem Gehirn (Nahm 2012, S. 117). Als Überleitung zum Kapitel: „Rätselhafte Gehirnbefunde“ seines Buches erinnert Nahm an Berichte über massive Gehirnverletzungen, die offenbar keine oder nur sehr geringe Auswirkungen auf den Geisteszustand und das Erinnerungsvermögen gehabt haben. Diese und andere Phä- 162 Lisa Zieger (2010) [Online erhältlich: https://edoc.ub.uni-muenchen.de/12023/1/ Zieger_Lisa.pdf; Dissertation, abgerufen am 25.02.2019] sowie Forstmeier und Maerker (2009) [Die Reservekapazität des Gehirns beeinflusst die kognitive Funktion im Alter: Motivationale, kognitive und körperliche Facetten. Zeitschrift für Neuropsychologie, 20, 47–58; Sch.] zitieren die wichtigsten diesbezüglichen Studien. (Die Literaturverweise sind Teil des Zitats.) 163 Zusätzlich verweist Nahm an anderer Stelle auf erhebliche Schwankungen hinsichtlich ihrer Geistesverfassung bei Alzheimer-Patienten, aufgrund derer führende Wissenschaftler der Alzheimer-Forschung explizit darauf hingewiesen haben, dass diese Schwankungen mit den bisherigen Erklärungen für die Alzheimer’sche Krankheit nicht in Einklang zu bringen sind“ (Nahm 2012, S. 76). Es folgen entsprechende Literaturverweise. 230 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? nomene, die ein kritisches Licht auf die heute vielbeschworene Hypothese werfen, der menschliche Geist samt seinen Gedanken und Gefühlen sei ausschließlich ein (Neben-)Produkt der biochemischen Reaktionsprozesse von für sich genommen toten Atomen und Molekülen im Gehirn, werden im folgenden Kapitel behandelt (Nahm 2012, S. 84–85). Nahm schreibt dort mit Blick auf die Plastizität des Gehirns – einen Begriff, welchen er explizit als „beschreibend“ charakterisiert: Bilden sich die neuen Verschaltungen etwa um aufgrund der Vorgabe des menschlichen Willens und seiner versuchten körperlichen Umsetzung? Obwohl alles danach aussieht und auch alles in der therapeutischen Praxis danach ausgerichtet wird, gibt es sicherlich kaum einen modern denkenden Hirnforscher, der dies öffentlich unterschreiben würde. Denn das würde schließlich bedeuten, dass das Nebenprodukt der feuernden Neuronen, der menschliche Geist samt seinem Willen, effektive Macht über die neuronalen Prozesse des Gehirns besitzen würde – ein äußerst unangenehmer Gedanke für die meisten heutigen Gehirnwissenschaftler. […] Es erstaunt immer wieder, wie sehr dieser eigentlich offensichtliche Sachverhalt von den meisten Gehirnforschern einfach bestritten wird, und zwar ohne die Vorlage von nennenswerten Argumenten (Nahm 2012, S. 96; Hervorhebungen im Original). In diesem Sinne argumentiert er an anderer Stelle weiter: Es wird […] regelmäßig angenommen, dass das biochemische Modell erwiesen sei und für widersprüchliche Befunde erst noch handfeste Beweise geliefert werden müssen. Betrachtet man das […] zusammengestellte Material als Ganzes, so scheint sich mir die Beweislast allerdings umzukehren: Anders als oft gefordert wird, müssen zunächst einmal die Vertreter derjenigen Position, wonach das menschliche Selbsterleben mit seiner Gehirnchemie gleichzusetzen ist, dies mit aussagekräftigen Belegmaterial glaubhaft darstellen.[164] Vieles scheint dem biochemischen Modell zu widersprechen […] (Nahm 2012, S. 210; vgl. hierzu auch S. 255). 164 Ähnlich äußerte sich – bezogen auf die Erklärung von Todesnähe-Phänomenen – bereits Raymond Moody kurz nach Erscheinen seines ersten, in Abschnitt 2.2 besprochenen Buches (vgl. Moody 1997, S. 173–174). 231 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? Offenbar denkt Nahm an: „The slaying of a beautiful theory by an ugly fact“ (Thomas Henry Huxley). An den obigen Aussagen zeigt sich eine deutliche Parallele zu der bereits zu Beginn von Kapitel 2 (von den dort behandelten Autorinnen und Autoren) angesprochenen Feststellung einer äußerst kontroversen Diskussion (vgl. Parnia 2013, S. 152) über das Thema „Nahtoderfahrungen“. Auch Nahm teilt damit die dort berichtete Perzeption einer abwehrenden Haltung. Seiner Meinung nach stoppt das naturwissenschaftliche Forschen wieder genau an den Stellen, wo es wirklich spannend wird (Nahm 2012, S. 97). Vorschläge für weitere Forschungsarbeit Die Übersicht von Michael Nahm wurde in erster Linie daraufhin durchgesehen, ob sich Hinweise auf terminale Luzidität finden lassen bei Menschen, deren Gehirn aus medizinischer Sicht nicht in der Lage sein kann, Bewusstsein zu erzeugen – nach jahrelanger Krankheit in Verbindung mit einer irreparablen Schädigung des Gehirns. Weist man nicht alle vorstehend angesprochenen Berichte von der Hand, so ist diese Frage durchaus zu bejahen. Ganz im Sinne Nahms (vgl. Nahm 2012, S. 272–273) lassen es seine Ergebnisse sinnvoll erscheinen, sie als Ausgangspunkt für weitere Forschungen zu verwenden. Die Situation ähnelt der anfänglichen Situation in der Nahtodforschung, in welcher die Fallsammlung Raymond Moodys (vgl. Abschn. 2.2) als Ausgangspunkt diente. Auch im Falle der „terminalen Luzidität“ bieten sich zwei Strategien für die weitere Forschung an. Die erste Strategie besteht darin, projektive Studien durchzuführen, wie dies im Falle der Erforschung von Nahtoderfahrungen von Pim van Lommel (vgl. Abschn. 2.3), Penny Sartori (vgl. Abschn. 2.4) und Sam Parnia (vgl. Abschn. 2.5) praktiziert wurde. Nahm selbst macht diesen Vorschlag (vgl. Nahm 2012, S. 138–139). In diesem Falle lägen klare medizinische Diagnosen insbesondere über die Art der Schädigungen des Gehirns vor. Es könnten Aussagen über die relative Auftretenshäufigkeit (und damit die Auftretenswahr- 232 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? scheinlichkeit) terminaler Luzidität165 getroffen werden. Zudem wäre für Forschungszwecke eine Referenzgruppe von Personen verfügbar, bei denen terminale Luzidität nicht auftritt. Ferner, und dies ist, wie bereits erwähnt, ein zentraler Punkt, würden die Schwierigkeiten bei der Prüfung von Berichten aus der „Erste-Person-Perspektive“ weitestgehend entfallen – da das Phänomen von außen von Zeugen zu beobachten ist. Auch können mehrere Zeugen anwesend sein, welche gleichzeitig ein und dasselbe Phänomen beobachten, womit sich eine Validierungsmöglichkeit für die Berichte eröffnet. Hier läge unter Forschungsgesichtspunkten ein entscheidender Unterschied und Vorteil im Vergleich zur Erforschung von Nahtoderfahrungen, wo ein zentrales Problem darin besteht, Anderen prinzipiell unzugängliche Berichte aus der Erste-Person-Perspektive zu prüfen. Eine Prüfung von Hypothese H 1 dürfte damit deutlich problemloser zu realisieren sein als in Kapitel 2 beschrieben. Die zweite Strategie besteht darin, die schiere Fallzahl von Berichten über terminale Luzidität zu erhöhen, zum Beispiel ähnlich wie Jeffrey Long dies erreicht hat, indem er eine entsprechende Internetseite zur Verfügung stellte (Näheres hierzu in Long 2010). Eine andere Möglichkeit zur Erhöhung der Fallzahl bestünde in der Durchführung von Umfragen innerhalb des Pflegepersonals in repräsentativ ausgewählten Hospizen. Auch wenn die beiden Designs unter methodischen Gesichtspunkten Unterschiede aufweisen: Aus wissenschaftlicher Sicht besonders ergiebige Fälle könnten – die Verfügbarkeit entsprechender Informationen vorausgesetzt – in beiden Fällen einer genaueren Prüfung unterzogen werden und die auf diese Weise gesammelten Berichte könnten zu Validierungszwecken mit denen aus prospektiven Studien verglichen werden. Schließlich wäre es generell sinnvoll, den bereits erwähnten Vorschlag Sartoris aufzugreifen (und für die Erforschung terminaler Luzidität zu adaptieren), Personen, die entsprechenden Berichten äußerst skeptisch gegenüberstehen, in die Forschungen einzubeziehen, damit „jeder denkbare Aspekt gründlich untersucht und jede mögliche Erklärung sorgfältig geprüft“ werden kann (vgl. Sartori 2015, S. 209). 165 In der Definition: „Auftreten klaren Bewusstseins kurz vor dem Tod trotz irreparabler materieller Schädigung des Gehirns infolge jahrelanger Krankheit, welche nach derzeitigem Stand der Medizin klares Bewusstsein unmöglich macht“. 233 4 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? Jim B. Tucker untersucht Erinnerungen an frühere Leben Weshalb dieses Kapitel? An dieser Stelle sei an den Ausgangspunkt der hier vorgestellten Literatursichtung erinnert: Die Diskussion zwischen Wolf Singer und Ricard Matthieu (Kapitel 1). Gegen Ende der Diskussion meint Matthieu: Es wäre interessant, sich mit Phänomenen zu beschäftigen, die – falls wirklich etwas dahintersteckt – zu einer Neubewertung unserer Ansicht führen müssten, dass das Bewusstsein allein vom Gehirn abhängt. Ganz spontan fallen mit drei solche Phänomene ein, wobei man da sicherlich Schein von Sein und Tatsachen von Gerüchten unterscheiden muss (Singer und Ricard 2017, S. 320). Eines dieser drei Phänomene waren Menschen, die sich an ein früheres Leben erinnern (Singer und Ricard 2017, S. 320), wobei explizit auf den weltbekannten Fall von „Shanti Devi“ verwiesen wurde (vgl. Singer und Ricard 2017, S. 329). Hassler (2011, S. 73–87) bietet eine leicht zugängliche, detaillierte Beschreibung dieses Falls nebst einer tabellarischen Übersicht über die einzelnen Elemente des Falls und deren Bewertung. Hypothese H 2 234 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Die Bedeutung der in Kapitel 4 angesprochenen Fragestellung liegt darin, dass hier eine sehr viel weitreichendere Hypothese als bisher auf dem Prüfstand steht, nämlich H 2: „Es gibt Fälle, in denen Personen über Wissen verfügen, das sie nicht durch Gehirnaktivitäten erlangt haben können“. Die Diskussion der Frage, ob das Gehirn funktionstüchtig sei, erübrigt sich damit. Alle „Beweislast“ liegt nun auf der Glaubwürdigkeit der Berichte über entsprechende Aussagen, die angeblich erfolgreich einer Prüfung unterzogen wurden. Auch H 2 stellt eine Existenzaussage dar. Damit genügte auch hier wieder ein einziger akzeptierter Fall, um sie zu verifizieren. Entsprechend umstritten ist auch dieser Forschungsbereich. Ich möchte im Folgenden einige Aspekte unter methodischen Gesichtspunkten darstellen. Die berichteten Inhalte sind dabei – wie in Kapitel 2 die Inhalte von Nahtoderfahrungen – allenfalls unter statistischen Gesichtspunkten relevant (z. B. Anzahl bzw. Anteil der angeblich verifizierten Elemente). Ansonsten bleiben sie ausgeblendet. Allgemeine Informationen zur Person Das vorliegende Kapitel versucht, in knapper Form und immer mit Blick auf die Prüfung von Hypothese H 2, einen Einblick in die Diskussion über (validierte) Erinnerungen an frühere Leben zu geben. Besonders geeignet hierzu erscheint das Buch „Kinder erinnern sich. Dem faszinierenden Phänomen der Wiedergeburt auf der Spur“ des Neurowissenschaftlers Jim B. Tucker. Zur Person: Dr. Jim B. Tucker ist Professor für Psychiatrie und Neuro-Verhaltenswissenschaften an der Universität von Virginia. Er setzt das Werk des [2007 verstorbenen; Sch.] Begründers der Reinkarnationstheorie Ian Stevenson fort, der erstmals wissenschaftlich das Phänomen von Kindern erforscht hat, die sich an frühere Leben erinnern. Tuckers erstes Buch »Life before Life. A Scientific Investigation of Children’s Memories of Previous Lives« wurde in zehn Sprachen übersetzt (Tucker 2014, back matter). 235 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? Letzteres demonstriert, ähnlich wie im Falle von Nahtoderfahrungen (vgl. Kap. 2), das enorme öffentliche Interesse an der Thematik. Ian Stevenson bemerkte bereits um die Jahrtausendwende: Umfragen Anfang der neunziger Jahre zeigten weitere Zunahmen des Glaubens an Reinkarnation. Inzwischen glaubten sechsundzwanzig Prozent der Antwortenden in Deutschland an Reinkarnation[166], achtundzwanzig Prozent in Frankreich und neunundzwanzig Prozent in Großbritannien und Österreich167 (Stevenson 2014, S. 18; Hervorhebungen: Sch.). Auch wenn Punktschätzungen aus Umfragen – insbesondere wegen möglicher Verzerrungen aufgrund nicht hundertprozentiger Ausschöpfungsquoten – vorsichtig zu interpretieren sind (vgl. hierzu z. B. Schumann 2018, S. 37–41): Offenbar berichtet ein erklecklicher Anteil der Bevölkerung auch in westlichen Ländern, an Reinkarnation zu glauben – was wiederum das Interesse an der Thematik erklärt. Schon aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, die Argumentation darzustellen und kritisch zu würdigen. Prüfung von Hypothese H 2 bei Individuen Zur Prüfung von Hypothese H 2 können eine Reihe von Belegen auf der Individualebene herangezogen werden: a. Ein Kind nennt plausibel Fakten „aus einem früheren Leben“, die niemand in seiner Umgebung kennt und zu deren „Konstruktion“ es auch in seiner Umgebung nicht angeregt geworden sein kann. Ein entsprechender Bericht liegt vor, die Fakten wurden jedoch nicht unabhängig verifiziert. 166 Bei der ALLBUS-Umfrage 2012 ergibt sich ein Wert von 22 Prozent – mit deutlichen Ost-West-Unterschieden. Quelle: Seite 1082 in xxxx Downloads/ZA4584_ cdb_supplement_region%20(1).pdf (abgerufen am 12.02.2019). 167 Inglehart, Ronald F.; Basañez, Miguel; Moreno, Alejandro (1998) Human values and beliefs. A cross-cultural sourcebook. Ann Arbor: University of Michigan Press. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 236 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? b. Ein Kind nennt Fakten „aus einem früheren Leben“, die niemand in seiner Umgebung kennt und zu deren „Konstruktion“ es auch in seiner Umgebung nicht angeregt geworden sein kann. Ein entsprechender Bericht liegt vor und die Fakten konnten unabhängig verifiziert werden. c. Ein Kind behauptet, schon einmal gelebt zu haben und eine ganz bestimmte Person gewesen zu sein, die niemand in seiner Umgebung kennt. Die Person kann ermittelt werden und das Kind zeigt unter Zeugen, dass es mit den Lebensumständen dieser Person vertraut ist. d. Ein Kind behauptet, schon einmal gelebt zu haben und eine ganz bestimmte Person gewesen zu sein. Es weist markante körperliche Merkmale auf, welche nachweislich die betreffende Person in ähnlicher Form hatte bzw. die deren tödlicher Verletzung entsprechen. Möglichkeit a ist der schwächste Beleg für Hypothese H 2 und soll hier nicht weiterverfolgt werden. Hier ließe sich allenfalls ins Feld führen, dass es unwahrscheinlich für ein Kind sei, sich Sachverhalte „auszudenken“, zu deren Konstruktion es in keiner Weise angeregt wurde und die auch nicht einer „kindlichen Sicht“ entsprechen. Die Möglichkeiten b und c liefern gegebenenfalls deutlich überzeugendere Belege. Hier kann – schließt man einmal „kriminelle Energie“ aus – allenfalls an der sachgerechten Durchführung der Überprüfungen gezweifelt werden. Zudem kann natürlich die Ehrlichkeit der Berichterstatter in Zweifel gezogen werden. In diesem Fall stellt sich die Frage nach einer möglichen Motivation, falsche Ergebnisse „in die Welt zu setzen“ sowie danach, ob Anhaltspunkte dafür gegeben sind, dies der betreffenden Person zu unterstellen. Möglichkeit d stellt einen Spezialfall dar, bei dem zusätzlich die Ursache für die Übereinstimmung markanter körperlicher Merkmale unbekannt ist. Ian Stevenson verfasste hierüber – seinen Forschungsschwerpunkt – ein zweitausendseitiges Werk, entstanden in mehrjähriger intensiver Arbeit. Es behandelt über 200 Fälle von Kindern mit Malen oder Geburtsfehlern, 237 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? die den – meist tödlichen – Wunden einer inzwischen verstorbenen Person entsprachen (Tucker 2014, S. 20).168 Eine kurze Skizze der Forschungen Ian Stevensons und seines wissenschaftlichen Werdegangs ist Tucker (2014, S. 22–27) zu entnehmen. Auch bei Singer und Ricard (2017, S. 329) wird auf sein wissenschaftliches Werk verwiesen. Wird eine Kombination ohnehin schon „unwahrscheinlicher Elemente“ – etwa mehrere verifizierte Fakten hinsichtlich der Möglichkeiten b und c berichtet oder die unter Möglichkeit d angesprochene Übereinstimmung bei mehreren markanten körperlichen Merkmalen, dann sinkt – analog zu der aus Kapitel 2 bekannten Argumentation – die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich bei dem Bericht um eine „Erfindung“ handelt, nochmals dramatisch. In Tucker (2014, S. 19–20) wird beispielsweise eine entsprechende Berechnung angestellt. Fallübergreifende Prüfung von Hypothese H 2 Zur Prüfung von Hypothese H 2 können auch Belege auf Aggregatebene herangezogen werden. Hierzu eignen sich u. a. statistische Auswertungen der Berichte über „frühere Leben“, welche sinnvoll mit bekannten, offiziellen Statistiken in Beziehung gesetzt werden können. Ein Beispiel aus Tucker (2014, S. 165–166) ist weiter unten berichtet. Berichte von Kindern über „frühere Leben“ In der Literatur ist von erstaunlich vielen belegten Fällen die Rede, in denen die Behauptung von Kindern, sich an ein früheres Leben zu erinnern, berichtet und falls möglich geprüft wurden. In Tucker (2014, S. 57) ist beispielsweise von 2 000 „asiatischen Fällen“ Stevensons die Rede. Das 168 Das Zitat bezieht sich auf das Buch: Stevenson, Ian: Reincarnation and Biology: A Contribution to the Etiology of Birthmarks and Birth Defects. Westport, Connecticut: Praeger 1997. Umfassende Literaturangaben zum Werk Stevensons finden sich in der Bibliografie von Tucker (2014, S. 278–279). 238 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Werk von Stevenson (2014) beinhaltet darüber hinaus eine umfangreiche Sammlung dokumentierter Fälle in Europa. Einen detaillierten Überblick über eine Auswahl einschlägiger Fälle bietet auch Hassler (2011). Dabei sind einige der Fälle mit einer Übersichtsgrafik sowie mit einer zusammenfassenden, tabellarischen Übersicht über Kriterien zu deren Prüfung und Bewertung versehen. Auch in dem hier vorgestellten Buch von Tucker (2014) sind etliche Fälle berichtet. Weitere Literaturverweise sind den genannten Quellen zu entnehmen. Tuckers Kontakt mit Ian Stevenson Einige Angaben zum Lebenshintergrund von Jim B. Tucker und zu dessen Kontakt mit Ian Stevenson sind Tucker (2014, S. 29–31) zu entnehmen. Kurz zusammengefasst: Fast nichts in meiner Lebenskurve hatte darauf hingedeutet, dass ich eines Tages Berichte über Erinnerungen an frühere Leben untersuchen würde. Ich wuchs in North Carolina auf, wo ich mit meiner Familie jeden Sonntag den Gottesdienst in einer Baptistengemeinde besuchte […]. Die Kirchgänge […] endeten […], als ich Chapel Hill verließ und nach Charlottesville umzog, um an der University of Virginia meine Ausbildung in Psychiatrie zu beginnen. Zum ersten Mal hörte ich von Ian während meiner Ausbildung. Ich war fasziniert, dass jemand das tun würde, was er getan hatte – eine prestigeträchtige akademische Stelle aufgeben, um über ein Gebiet wie das der Wiedergeburt zu forschen –, aber nicht fasziniert genug, um ihn zu kontaktieren. […] Nach der Ausbildung blieb ich in Charlottesville und eröffnete eine Praxis in einer nahegelegenen Gemeinde. […] Ich fing an, einschlägige Bücher zu lesen, darunter auch eines von Ian Stevenson […], worin er seine Arbeit mit kleinen Kindern beschrieb, die über Erinnerungen an frühere Leben berichteten. Obwohl mich damals die Möglichkeit einer solchen Präexistenz nicht sonderlich anzog, war ich doch beeindruckt, dass der Autor im 239 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? Laufe der Jahre Hunderte von Fällen[169] untersucht und sich dabei einer sorgfältigen analytischen Methode bedient hatte, die mir zusagte. Während meiner Lektüre erfuhren Chris [Tuckers Gattin; Sch.] und ich aus der örtlichen Tageszeitung, dass Ian Stevensons Forschungsabteilung […] ein Stipendium zuerkannt worden war, um die Wirkungen von Nahtoderfahrungen auf das Leben der Menschen zu untersuchen, die sie gemacht haben. […] Da mich die Arbeit in meiner Praxis nicht ausfüllte, schlug Chris mir vor, das Büro der Abteilung anzurufen und nachzufragen, ob die Forscher für ihre Studie Unterstützung bräuchten bei den Gesprächen mit Patienten. Während des Telefonats wurde ich dann eingeladen, am nächsten wöchentlichen Arbeitsessen teilzunehmen. […] Von da an besuchte ich die Treffen jede Woche. […] Nachdem ich fast zwei Jahre in der Forschungsabteilung verbracht hatte, fragte mich Ian, ob ich gerne nach Thailand und Burma fahren würde, um gemeinsam mit unserem Kollegen Jürgen Keil einige Fälle zu untersuchen, in denen es um frühere Leben ging. Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf […] (Tucker 2014, S. 29–31). Schlüsse bezüglich Gehirn und Geist: Dualismus Tucker berichtet anschließend spektakuläre Fälle aus dieser Asien-Reise und kommt zu dem Schluss: Die dargestellten Fälle sind selbst nach unseren Maßstäben ungewöhnlich. Ich stelle sie hier vor, um deutlich zu machen, dass die Entsprechung zwischen Gehirn und Geist vielleicht nicht immer so unmittelbar ist, wie wir gemeinhin glauben. Eine Grundannahme der modernen Neurowissenschaft lautet: Das Gehirn schafft den Geist oder das Bewusstsein. Wie könnte dann ein Bewusstsein, ursprünglich verbunden mit einem Gehirn, das schon lange tot ist, Besitz ergreifen von einer lebenden Person? Möglicherweise verhält es sich eher so, dass unser Bewusstsein zwar über das Gehirn funktioniert, zugleich aber jenseits davon existiert. Demnach wäre es eine vom Gehirn losgelöste Entität, für die Dauer eines Lebens ziemlich eng mit ihm 169 Wie vorstehend erwähnt, ist z. B. allein von 2 000 „asiatischen Fällen“ Stevensons die Rede (vgl. Tucker 2014, S. 57). 240 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? verknüpft und dennoch eigenständig (Tucker 2014, S. 44; Hervorhebung: Sch.). Damit vertritt auch Tucker die in Abschnitt 2.7 angesprochene dualistische Sichtweise. Deutlich wird dies in Aussagen wie: Wir sind alle körperliche Wesen […]. Aber wir besitzen auch Bewusstsein, das mehr ist als ein Nebenprodukt unseres Gehirns (Tucker 2014, S. 231; Hervorhebung: Sch.). Wie im Vorwort, in Kapitel 1 und in Abschnitt 2.5 bereits angesprochen, ist diese Position mit dem Verursachungsproblem behaftet und mit bekannten Naturgesetzen unvereinbar. Diese Aussage bezieht sich allerdings auf die klassische Physik und das ihr zugrundeliegende materialistisch-deterministische Weltbild. Genau dieses stellt Tucker – wie auch die bisher besprochenen Autorinnen und Autoren – in Frage. Sein Ausgangspunkt sind dabei die Ergebnisse der Quantenphysik. Quantenphysik und dualistische Position Zentral für die Prüfung der Hypothese H 2 (wie auch H 1) ist die Frage, ob es überhaupt sinnvoll sei, die Annahme (sic!), Bewusstsein sei lediglich ein Nebenprodukt der Gehirntätigkeit, zu hinterfragen. Aus materialistisch-deterministischer Sicht dürfte dies kaum der Fall sein. Die genannte Annahme stellt aus diesem Blickwinkel fast schon eine Selbstverständlichkeit dar und eine dualistische Position erscheint unannehmbar – was die bereits angesprochene Leidenschaftlichkeit und Härte entsprechender Diskussionen erklären mag. Aus Sicht der Quantenphysik stellt sich das Problem anders dar. Ihre (vielfach bestätigten) Ergebnisse widerlegen ein materialistisch-deterministisches Weltbild, ohne es allerdings durch ein allgemein akzeptiertes, neues Weltbild zu ersetzen. Mit anderen Worten: Die experimentellen Ergebnisse sind bestens bestätigt, ohne dass ein allgemein akzeptierter Interpretationsrahmen vorläge (vgl. hierzu auch Schumann 2018, S. 49– 70). Tucker führt dies auf den Seiten 198 bis 232 aus, wobei die Weiterführung seiner Argumentation für die Prüfung von Hypothese H 2 zunächst 241 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? irrelevant erscheint. Wichtig ist lediglich die Feststellung, dass aufgrund der Ergebnisse der Quantenphysik die aus materialistisch-deterministischer Sicht vorgebrachte Argumentation gegen das Vertreten einer dualistischen Position (als zu prüfende Hypothese) nicht mehr überzeugen kann. Vor diesem Hintergrund meint Tucker (2014, S. 200–201): Die meisten etablierten Wissenschaftler scheinen sich nicht oder nur vage darüber klar zu sein, dass wesentliche Entdeckungen in der Physik den Materialismus inzwischen widerlegt haben. […] Die Leitsätze der Quantenmechanik haben viele Grundlagen dessen erschüttert, was wir zu wissen meinten. […] Die klassische Physik stellt eine Annäherung an die Wirklichkeit dar und ist in den meisten Fällen derart genau, dass sie für all unsere praktischen Zwecke ausreicht. Doch obwohl sie fast immer funktioniert, mögen die Folgerungen, die wir aus ihr ziehen, verkehrt sein. Und tatsächlich wird man sehen, dass eine davon – der Materialismus – sich mittlerweile als falsch erwiesen hat. Ganz ähnlich übrigens argumentiert Michael Nahm (vgl. Kap. 3): Was die moderne Physik betrifft, so ist diese zwar weit davon entfernt, ein einheitliches und von allen Physikern akzeptiertes Modell zur Erklärung des Universums zu liefern. Die vielersehnte »Theorie für Alles« ist noch immer nicht in Sicht. Aber eines steht unter den Vertretern der verschiedenen gegenwärtigen physikalischen Theorien jetzt schon fest: Der Urgrund der Welt besteht nicht aus dem, was wir mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen können. Er wird außerdem nicht von den Gesetzen regiert, die wir in unserer unmittelbaren Alltagswelt gemäß den Theorien der klassischen Physik und der Chemie beschreiben können (Nahm 2012, S. 255–256). So gesehen ist die Vorstellung einer im Vorwort angesprochenen „von neuronalen Prozessen unabhängige[n] Instanz“ (Singer 2013, S. 57) als Grundlage einer dualistischen Position nicht per se von der Hand zu weisen. Vielmehr gilt es, die Hypothesen H 1 und H 2 einer ergebnisoffenen empirischen Prüfung zu unterziehen. 242 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Bestätigung für Hypothese H 2 nach Tucker Tucker berichtet, dass in manchen der von ihm untersuchten Fälle die Identität der früheren Person mit Sicherheit bestätigt wurde (Tucker 2014, S. 81; Hervorhebung: Sch.). Dies käme einer Verifikation von Hypothese H 2 – nach wie vor einer Existenzaussage – gleich. Wie zu Beginn dieses Kapitels erwähnt: Alle „Beweislast“ liegt dabei auf der Glaubwürdigkeit der Berichte über entsprechende Aussagen, die angeblich erfolgreich einer Prüfung unterzogen wurden. Akzeptiert man diese Einschätzung auch nur in einem einzigen Fall, steht einer dualistischen Sichtweise nichts mehr im Wege. Entsprechende Bedeutung kommt der Einschätzung der betreffenden Berichte zu. Als Beispiel für einen Fall, der „einer Überprüfung stand [hält]“, bezeichnet Tucker (2014, S. 110) den Fall von James Leininger, einem Kind, das sich an das Leben eines während des Zweiten Weltkrieges über dem Pazifik abgeschossenen Kampfpiloten erinnert(e) und zahlreiche Einzelheiten hierüber zutreffend berichtete, bevor entsprechende Recherchen es ermöglichten, die Aussagen zu überprüfen. Der Fall ist ausführlich beschrieben in Tucker (2014, S. 82–111), in Hassler (2011, 141–150) sowie seitens seiner Familie in dem Buch „Soul Survivor“ von Leininger und Leininger (2017), wobei die Vorbereitung des Buches die Recherchen Tuckers offensichtlich teilweise verzögerte (vgl. Tucker 2014, S. 84–85). Der rot hinterlegte Hinweis: „The New York Times BESTSELLER“ auf der Titelseite zeugt erneut von dem großen Interesse, welches der Thematik entgegengebracht wird. Als „stichhaltigen Beweis für die Wiedergeburt“ (vgl. Tucker 2014, S. 140) betrachtet Tucker auch die Geschichte des fünfjährigen Ryan, der von einem Leben in Hollywood berichtete. Die betreffende Person konnte, so Tucker, identifiziert werden und zahlreiche Schilderungen Ryans stimmten mit den Lebensumständen der betreffenden, 1905 in Philadelphia geborenen Person überein. Dieser Fall ist ebenfalls ausführlich beschrieben in Tucker (2014, S. 112–146). 243 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? Statistik zur Prüfung von Hypothese H 2 Tucker liefert auch einen statistischen Hinweis bezüglich der Prüfung von Hypothese H 2 auf Aggregatebene. Nach seiner Angabe sind zweiundsechzig Prozent der untersuchten Personen männlichen Geschlechts. Hierzu bemerkt er: Wir haben uns gefragt, warum mehr Jungen [62%; Sch.] als Mädchen über frühere Leben sprechen. Da zudem neunzig Prozent der Kinder über einen verstorbenen Menschen ihres eigenen Geschlechts sprechen, kann man die Frage auch aus einer anderen Perspektive formulieren: Warum geht es bei früheren Leben vorwiegend um Männer? […] aufgrund der zweitausend Fälle, die mittlerweile in unserer Datenbank erfasst sind[170], haben wir offenbar die endgültige Antwort gefunden. Bei Fällen, in denen die Todesursache bekannt ist, kamen nur dreißig Prozent der früheren Individuen auf natürliche Weise ums Leben. Hier ist der Anteil von Männern und Frauen in etwa gleich mit einem leichten Überschuss an verstorbenen Männern (was auch für die Gesamtbevölkerung zu gelten scheint). Die übrigen siebzig Prozent […] betreffen unnatürliche Todesursachen wie Morde, Selbstmorde und Unfälle. […] Genau in diesen Fällen tritt der genannte Unterschied zwischen den Geschlechtern deutlich zutage: Dreiundsiebzig Prozent der Fälle handeln von Männern. In der Gesamtbevölkerung unterliegen unnatürliche Todesursachen dem gleichen Muster. Eines unnatürlichen Todes sterben mehr Männer als Frauen, weil sie ein riskanteres Verhalten zeigen, etwa zu schnell mit dem Auto fahren oder betrunken in Messerstechereien verwickelt sind. Anhand der Statistiken über die Tode in den Vereinigten Staaten während der letzten fünf Jahre171 überprüfte ich das Geschlechterverhältnis und fand heraus, dass Männer zweiundsiebzig Prozent der unnatürlichen Todesfälle ausmachen. 170 Nach Tucker (2014, S. 167) sind offenbar ca. 70 Prozent der 2 000 Fälle (d. h. n = 1400) als „gelöst“ zu betrachten in dem Sinne, dass „eine verstorbene Person entdeckt [wurde], deren Leben mit dem vom Kind genannten Details übereinstimmt“ (Tucker 2014, S. 167). Auf diese Basis dürften sich die hier zitierten Angaben beziehen. 171 http:/www.cdc.gov/nchs/data/misc/atlasres.pdf. Abgerufen am 24. Sept. 2012. (Die Angabe ist Teil des Zitats.) 244 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Es beeindruckte mich ziemlich, wie sehr das Geschlechterverhältnis in unseren Fällen dem in der Gesamtbevölkerung entspricht. Wenn also die Kinder über frühere Leben nur fantasieren würden, kann ich mir keinen triftigen Grund vorstellen, warum die nach dem Geschlechterverhältnis aufgeschlüsselten Todesarten prozentual exakt mit denen in der Gesamtbevölkerung übereinstimmen sollten. Wenn hingegen die Kinder sich tatsächlich an frühere Leben erinnern, würde man erwarten, dass die ausgewählte Stichprobe[172] von zweitausend Fällen das gleiche prozentuale Verhältnis zwischen Männern und Frauen aufweist wie in der Gesamtbevölkerung. Mit anderen Worten: Wir haben deshalb mehr Männer als Frauen, weil viele unserer Fälle unnatürliche Todesursachen mit einschließen. Diese auffällige Parallele betrachte ich als weiteren Beweis dafür, dass die Erinnerungen der Kinder sehr wohlbegründet sein mögen (Tucker 2014, S. 165–166; Hervorhebungen: Sch.). Das Fazit Jim B. Tuckers Alles in allem betrachtet Tucker die inzwischen gesammelten Berichte als hinreichende Grundlage dafür, Hypothese H 2 als bestätigt zu betrachten. Die weitreichenden Folgen sind ihm dabei durchaus bewusst. Nochmals mit Blick auf die Quantenphysik schreibt er: Die im Laufe der letzten hundert Jahre gemachten Entdeckungen der Quantenphysik oder Quantenmechanik […] haben gezeigt: Dieses Universum ist komplizierter, als es den Anschein hat. Sie bestärken mich in der Ansicht, dass ein Bewusstsein jenseits der materiellen Welt existiert (Tucker 2014, S. 198). 172 Anmerkung: Mit „ausgewählte Stichprobe“ kann keine Zufallsauswahl gemeint sein. Da lediglich auf der Aggregatebene (d. h. als Gruppen) Männer mit Frauen verglichen werden und Hinweise auf mit den genannten Überlegungen konfundierte systematische Verzerrungen fehlen, dürfte dies die Argumentation nicht unbedingt beeinträchtigen. 245 5 Zusammenfassung der Argumentation Abschließend möchte ich die wichtigsten Punkte des vorliegenden – auf einer Literatursichtung beruhenden – Diskussionsbeitrags im Überblick zusammenstellen: 1. Die Frage, ob der Mensch über einen freien Willen verfüge (im Sinne des in der Einleitung definierten „starken“ Begriffs von Willensfreiheit), spielt nicht nur für unser Selbstbild eine zen trale Rolle. Ihr kommt auch in der empirischen Sozialforschung ein zentraler Stellenwert zu. Beispielsweise bauen quantitative und qualitative Forschung diesbezüglich auf unterschiedlichen Annahmen auf – mit weitreichenden Konsequenzen für die Interpretation der jeweiligen Forschungsergebnisse (vgl. hierzu Schumann 2018, S. 71–92 und 107–164). 2. Die Frage, ob der Mensch über einen freien Willen verfüge, ist offen (vgl. hierzu auch Schumann 2018, S. 82). 3. Ein Argument aus Sicht des quantitativen Paradigmas gegen qualitative Forschung lautet, die dort an zentraler Stelle getroffene Annahme der Willensfreiheit sei mit den aus der klassischen Physik bekannten Naturgesetzen unvereinbar. Nachdem gegebenenfalls eine „Wirkung“ ohne (materielle) Ursache vorläge, wäre das Kausalitätsprinzip – nebst mindestens einem Erhaltungssatz – verletzt (Verursachungsproblem). 4. Dagegen lässt sich argumentieren, dass nach den Ergebnissen der Quantenphysik die Sichtweise der klassischen Physik als „empirisch falsch“ (wenngleich über weite Strecken äußerst nützlich/ viabel) zu betrachten ist. Das unter Punkt 3 genannte Argument gegen qualitative Forschung kann somit kaum aufrechterhalten werden (vgl. hierzu Schumann 2018, S. 49–70). Damit erscheint 246 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? es nicht von vornherein abwegig, der Frage nach der Willensfreiheit weiter nachzugehen. 5. Anmerkung: Gegen das unter Punkt 3 vorgebrachte Argument sprechen ebenfalls hier nicht thematisierte Phänomene, wie etwa Placebo- bzw. Nocebo-Effekt, Spontanremissionen bei Krankheiten, messbare körperliche Veränderungen (nicht nur im Gehirn!) als Folge von Meditation, Handlungen unter Hypnose oder das plötzliche Weißwerden der Haare, von dem Nahm (2012, S. 153–159) berichtet. Bei all diesen Phänomenen ist eine (materielle) Ursache schwer vorstellbar. 6. Die vorliegende Literatursichtung wird die Frage der Willensfreiheit nicht klären. Wohl aber befasst sie sich mit der Frage, ob eine Grundvoraussetzung für die Vorstellung eines freien Willens gegeben ist, indem Hinweise zu finden sind, welche eine „dualistische Position“ nahelegen oder sogar belegen. 7. Die zentrale Frage lautet, ob Bewusstsein lediglich ein „(Neben-) Produkt neuronaler Prozesse“ darstelle oder, ob Bewusstsein eine gewisse „Eigenständigkeit“ besitze und mithin auch unabhängig von neuronalen Prozessen auftreten könne. 8. Damit verbunden ist die Frage, ob die bekannten Korrelationen zwischen neuronalen Prozessen und Bewusstsein kausal zu interpretieren seien. Nach einer dualistischen Position wäre dies zumindest nicht immer (vielleicht auch: generell nicht) der Fall. 9. Den Ausgangspunkt zur Diskussion des Themas bildet ein Gespräch zwischen dem Neurophysiologen Wolf Singer und dem Bestsellerautor, früheren Molekularbiologen und heutigen buddhistischen Mönch Mathieu Ricard (Kap. 1). Zur Klärung der angesprochenen Fragen wird dort vorgeschlagen, „Nahtoderfahrungen“ sowie Berichte über „Erinnerungen an frühere Leben“ zu untersuchen. Auch wenn der Vorschlag ungewöhnlich anmutet: Er erscheint inhaltlich fundiert. 10. Nahtoderfahrungen (Kap. 2) werden auf Basis unterschiedlicher, einander ergänzenden Forschungsdesigns mit jeweils spezifischen Stärken und Schwächen untersucht (Selbstberichte, retrospektive Studien, prospektive Studien sowie Fallsammlungen via Internet und Bevölkerungsumfragen). Einleitend werden dabei Prüfungsmöglichkeiten für Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das 247 Zusammenfassung der Argumentation Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“ auf Individual- sowie auf Aggregatebene vorgestellt und anschließend in den einzelnen Abschnitten angewandt. 11. Zur Prüfung von Hypothese H 1 werden zusätzlich auch Fälle terminaler Luzidität analysiert (Kap. 3). Der Grund für diese Ergänzung ist ein methodischer: Die Frage, ob das Gehirn in der Lage sei, Bewusstsein hervorzubringen, ist in manchen Fällen aus medizinischer Sicht oder gar aufgrund unterstellter Irreführung umstritten. Sie ist im Falle terminaler Luzidität jedoch dann irrelevant, wenn nachweislich irreversible Hirnschädigungen vorliegen (z. B. Alzheimer). Zudem sind gegebenenfalls ausschließlich Berichte aus der Dritte-Person-Perspektive (nicht aus der – prinzipiell „von außen unzugänglichen“ – Erste-Person-Perspektive!) zu prüfen. Beides sollte eine Validierung erheblich erleichtern. Hieran schließt sich der Vorschlag an, die Forschung via prospek tiver Studien in Hospizen mit relativ geringem Aufwand und guten Validierungsmöglichkeiten weiterzutreiben. Ergänzt werden könnte dieses Vorgehen durch Bevölkerungsumfragen (um einen Eindruck von der Verteilung der untersuchten Phänomene zu erhalten) sowie durch die Sammlung möglichst aktueller und damit gut nachprüfbarer Fälle via Internet (um „Tagebuchartige“ Berichte zu erhalten). 12. Mit Erinnerungen an frühere Leben beschäftigt sich, wie in der Diskussion zwischen Singer und Ricard vorgeschlagen, Kapitel 4. Auch hier liegt die „Beweislast“ in erster Linie bei entsprechenden Berichten und deren Glaubwürdigkeit. Die zu prüfende Hypothese H 2 lautet: „Es gibt Fälle, in denen Personen über Wissen verfügen, das sie nicht durch Gehirnaktivitäten erlangt haben können“. In diesem Fall wird von vornherein untersucht, ob Bewusstseinsphänomene auftreten, welche auch bei „funktionierendem Gehirn“ definitiv nicht durch neuronale Prozesse hervorgerufen sein können. Eine Diskussion über die Funktionsfähigkeit des Gehirns erübrigt sich damit abermals. 13. Die drei genannten Zugänge (Kap. 2 bis 4) dienen der Erörterung der zentralen Frage, ob in der Literatur empirisch untermauerte Hinweise zugunsten einer (wie im Vorwort beschrieben) „dualistischen Position“ berichtet werden. 248 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? 14. In den Kapiteln 2 bis 4 werden Existenzaussagen einer Prüfung unterzogen. Daraus folgt: Wird auch nur ein einziger der dort vorgestellten Hinweise als valide Beobachtung akzeptiert, dann bestätigt dies die „dualistische Position“, womit eine Grundvoraussetzung für „Willensfreiheit“ im oben genannten Sinne empirisch nachgewiesen wäre. 15. Eine „dualistische Position“ hätte dann nicht mehr den „Status unwiderlegbarer Überzeugungen“ (Singer 2013, S. 57) und die empirische sozialwissenschaftliche Forschung müsste sich mit diesem Faktum auseinandersetzen. Die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels ist dabei nicht auszuschließen. Mein persönliches Fazit Welchen Stellenwert man den in der Literaturübersicht genannten Punkten beimisst und welche Schlüsse hieraus zu ziehen sind, liegt natürlich im Ermessen jeder einzelnen Leserin und jedes einzelnen Lesers. Ich persönlich ging die bei Singer und Ricard vorgeschlagene Analyse – schon aufgrund meiner Sozialisation im Bereich der empirischen Forschung – mit einer gehörigen Portion Skepsis an. Zu meinem Erstaunen verdichteten sich im Laufe der Untersuchung jedoch mit steigender Qualität der betrachteten Forschungsdesigns und zunehmenden Möglichkeiten der Kreuzvalidierung Hinweise, welche für eine dualistische Position im Sinne der in Vorwort gesetzten Definition sprechen. Die Beweislage erscheint mir durchaus beeindruckend. Sie spricht meines Erachtens für weitere Forschungstätigkeit, wobei es sicherlich eine gute Strategie wäre, wie von Sartori173 vorgeschlagen, möglichst harte „Skeptiker“ in die Forschungen einzubeziehen. 173 Zur Erinnerung nochmals das Zitat zum Thema „Nahtoderfahrungen“: „Wichtig wäre auch, Menschen ins Forschungsteam mit aufzunehmen, die Nahtod- Erfahrungen äußerst skeptisch gegenüberstehen. Damit wäre dafür gesorgt, dass jeder denkbare Aspekt gründlich untersucht und jede mögliche Erklärung sorgfältig geprüft werden könnte. Statt dass Forscher und Skeptiker gegeneinander arbeiten, wäre es wesentlich sinnvoller, wenn wir unsere Köpfe zusammensteckten und eine wasserdichte Methode entwickelten, die unser Verständnis des Bewusstseins voranbringen könnte“ (Sartori 2015, S. 209). 249 Zusammenfassung der Argumentation Das Phänomen der „terminalen Luzidität“ (Kap. 3) bietet meines Erachtens die Möglichkeit, auf sehr verlässliche und gleichzeitig ökonomische Art und Weise zusätzlich Belege zu erhalten. Es tritt offenbar relativ häufig und tendenziell auf bestimmte Orte (etwa Hospize) kon zentriert auf, die Unfähigkeit des Gehirns, Bewusstsein zu „erzeugen“, kann in der Regel medizinisch belegt werden und eine Bezeugung entsprechender Ereignisse ist von außen möglich, womit man nicht mehr auf die Berichte betroffener Personen aus der „Erste-Person-Perspektive“ angewiesen ist. Zudem kann bei mehreren Zeugen eine Kreuzvalidierung durch den Vergleich ihrer Aussagen stattfinden. Das Vertreten einer wie im Vorwort skizzierten dualistischen Position, wobei eine „von neuronalen Prozessen unabhängige Instanz“ (Singer 2013, S. 57) anzunehmen ist, und – einen Schritt weiter – darauf aufbauend die Annahme von „Willensfreiheit“ im Sinne eines immateriellen Dirigenten, der das neuronale Substrat nur nutzt, um sich über die Welt zu informieren und seine Entscheidung in Handlungen zu verwandeln (Singer 2013, S. 57), hätte Konsequenzen nicht nur für unser Selbst- und Weltbild, sondern auch für die empirische sozialwissenschaftliche Forschung. Sie wären erheblich und würden vermutlich einen gesonderten Buchbeitrag füllen. Beispielsweise müssten gegebenenfalls Kausalhypothesen im Rahmen humanwissenschaftlicher Forschung generell überdacht und in vielen Fällen zumindest hinsichtlich ihres Geltungsbereichs modifiziert werden. Die – zugegebenermaßen hypothetische – Vorstellung, bei vollständiger Information174 wäre die Varianz einer „abhängigen Variablen“ zu hundert Prozent erklärbar, müsste fallengelassen werden (was sich zum Beispiel auf die Interpretation des Bestimmtheitsmaßes R2 bei der multiplen Regression als Gütekriterium auswirken würde) und vieles mehr. Zudem eröffneten sich gegebenenfalls völlig neue Forschungsbereiche, etwa die bereits im Vorwort angedeutete Frage, ob die „von neuronalen Prozessen unabhängige Instanz“ im Alltag passiv (beobachtend/ registrierend) bleibe oder ob sie aktiv Einfluss ausübe und falls ja, auf 174 D. h. bei Kenntnis aller relevanten „Einflussvariablen“, deren jeweils perfekter Messung (fehlerfreie, strukturtreue 1:1-Abbildung des „empirischen Relativs“ in ein numerisches Relativ) sowie Kenntnis der relevanten Link-Funktion(en). 250 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? welche Art und Weise sich ein „immaterieller Dirigent“ in Form eines „freien Willens“ auf materieller Ebene manifestiere. Die Ausführungen in den Kapiteln 2 bis 4 zeigen zwar eine Grundvoraussetzung hierfür auf, vom Einfluss eines freien Willens ist dort jedoch noch nicht die Rede. Zu fragen wäre unter anderem ferner, welche Bereiche menschlicher Lebensäußerungen ggf. prinzipiell willentlich (im genannten Sinne) beeinflussbar seien – und welche nicht – sowie, unter welchen Bedingungen der Mensch ggf. von seinem freien Willen „Gebrauch mache“ (was auch immer sich hinter dieser Formulierung verbergen mag) – und unter welchen Umständen dies nicht geschehe. Im Rückblick dürften die in diesem Buch dargelegten Punkte nicht nur für mein Interessengebiet (die empirische Sozialforschung) relevant sein, sondern ebenso für eine ganze Reihe weiterer Gebiete. Zu nennen wären – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Hirnforschung, Neurobiologie, Psychologie, Medizin (insbesondere Palliativmedizin), Krankenpflege, Reanimationsforschung sowie, sofern sie sich mit Fragen des menschlichen Bewusstseins befassen, Philosophie und letztlich auch die (Fundamental-)Theologie. Umschlagbild: Was geschieht hier? Die zentrale Fragestellung der vorliegenden Literatursichtung ist nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht relevant, sondern auch für die Deutung ganz alltäglicher Situationen. Dies lässt sich am Umschlagbild verdeutlichen. Zeigt es letztlich lediglich zwei (hochkomplexe) „Biocomputer“, informationsverarbeitende Systeme, welche sich nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung gegenseitig beeinflussen? Ist „Bewusstsein“ dabei ein reines Produkt neuronaler Aktivität und die Vorstellung eines freien Willens (wie im Vorwort definiert) ohne materielle Ursache mithin eine Illusion? Oder gilt die dualistische Sicht der Dinge, nach der hier zwei Akteure interagieren, welche a) in vielen für das menschliche Zusammenleben relevanten Bereichen freie Willensentscheidungen treffen können und b) deren Bewusstsein auch unabhängig vom Gehirn „existieren“ kann? Bewusstsein würde dann nicht immer – vielleicht auch generell nicht – vom Gehirn produziert. Die wissenschaftlich erforschten Entsprechun- 251 Zusammenfassung der Argumentation gen zwischen Gehirnaktivität und Bewusstsein würden gegebenenfalls lediglich Korrelationen abbilden, nicht jedoch Kausalzusammenhänge, nach denen das Gehirn den Menschen über Selbstorganisationsprozesse steuert und Bewusstsein produziert. 253 Literatur Alexander, Eben (2013). Blick in die Ewigkeit. Die faszinierende Nah toder fah rung eines Neurochirurgen. München, Ansata Verlag. (Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »Proof of Heaven« bei Simon & Schuster, Inc., New York, USA.) Alexander, Eben; [mit Ptolemy Tomkins] (2015). Vermessung der Ewigkeit. 7 fundamentale Erkenntnisse über das Leben nach dem Tod. München, Ansata Verlag. Athappilly, Geena K.; Greyson, Bruce; Stevenson, Ian (2006). Do prevailing societal models influence reports of near-death experiences? A comparison of accounts reported before and after 1975. Journal of Nervous and Mental Disease 194 (3), S. 218–233. 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Zusammenfassung

Täglich treffen wir bewusste Entscheidungen und sind dabei über weite Strecken frei, die eine oder andere Wahl zu treffen. Wirklich? Die Selbstverständlichkeit dieser Alltagserfahrung ist wissenschaftlich höchst umstritten. Häufig wird behauptet, im Gehirn autonom ablaufende neuronale Prozesse steuerten unser Verhalten. Erst danach, als Folge hiervon, entstünde unser „Bewusstsein“. Ein „freier Wille“ im oben genannten Sinne sei damit nur eine (liebgewonnene) Illusion! Wer stattdessen postuliert, dass wir die Fähigkeit besitzen, frei auf Handlungsprozesse einzuwirken, läuft Gefahr, sich über einen solchen „unabhängigen“ Eingriff in materielle Prozesse in Widerspruch zu grundlegenden naturwissenschaftlichen Annahmen zu begeben! Die vorliegende Literatursichtung präsentiert publizierte Argumente dafür, dass (als Voraussetzung für „Willensfreiheit“) Bewusstsein unabhängig vom Gehirn auftreten könne.

References
Literatur
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Täglich treffen wir bewusste Entscheidungen und sind dabei über weite Strecken frei, die eine oder andere Wahl zu treffen. Wirklich? Die Selbstverständlichkeit dieser Alltagserfahrung ist wissenschaftlich höchst umstritten. Häufig wird behauptet, im Gehirn autonom ablaufende neuronale Prozesse steuerten unser Verhalten. Erst danach, als Folge hiervon, entstünde unser „Bewusstsein“. Ein „freier Wille“ im oben genannten Sinne sei damit nur eine (liebgewonnene) Illusion! Wer stattdessen postuliert, dass wir die Fähigkeit besitzen, frei auf Handlungsprozesse einzuwirken, läuft Gefahr, sich über einen solchen „unabhängigen“ Eingriff in materielle Prozesse in Widerspruch zu grundlegenden naturwissenschaftlichen Annahmen zu begeben! Die vorliegende Literatursichtung präsentiert publizierte Argumente dafür, dass (als Voraussetzung für „Willensfreiheit“) Bewusstsein unabhängig vom Gehirn auftreten könne.