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5 Zusammenfassung der Argumentation in:

Siegfried Schumann

Bewusstsein unabhängig vom Gehirn, page 245 - 252

Eine Literatursichtung mit Blick auf Willensfreiheit und einen möglichen Paradigmenwechsel

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4426-1, ISBN online: 978-3-8288-7436-7, https://doi.org/10.5771/9783828874367-245

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 38

Tectum, Baden-Baden
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245 5 Zusammenfassung der Argumentation Abschließend möchte ich die wichtigsten Punkte des vorliegenden – auf einer Literatursichtung beruhenden – Diskussionsbeitrags im Überblick zusammenstellen: 1. Die Frage, ob der Mensch über einen freien Willen verfüge (im Sinne des in der Einleitung definierten „starken“ Begriffs von Willensfreiheit), spielt nicht nur für unser Selbstbild eine zen trale Rolle. Ihr kommt auch in der empirischen Sozialforschung ein zentraler Stellenwert zu. Beispielsweise bauen quantitative und qualitative Forschung diesbezüglich auf unterschiedlichen Annahmen auf – mit weitreichenden Konsequenzen für die Interpretation der jeweiligen Forschungsergebnisse (vgl. hierzu Schumann 2018, S. 71–92 und 107–164). 2. Die Frage, ob der Mensch über einen freien Willen verfüge, ist offen (vgl. hierzu auch Schumann 2018, S. 82). 3. Ein Argument aus Sicht des quantitativen Paradigmas gegen qualitative Forschung lautet, die dort an zentraler Stelle getroffene Annahme der Willensfreiheit sei mit den aus der klassischen Physik bekannten Naturgesetzen unvereinbar. Nachdem gegebenenfalls eine „Wirkung“ ohne (materielle) Ursache vorläge, wäre das Kausalitätsprinzip – nebst mindestens einem Erhaltungssatz – verletzt (Verursachungsproblem). 4. Dagegen lässt sich argumentieren, dass nach den Ergebnissen der Quantenphysik die Sichtweise der klassischen Physik als „empirisch falsch“ (wenngleich über weite Strecken äußerst nützlich/ viabel) zu betrachten ist. Das unter Punkt 3 genannte Argument gegen qualitative Forschung kann somit kaum aufrechterhalten werden (vgl. hierzu Schumann 2018, S. 49–70). Damit erscheint 246 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? es nicht von vornherein abwegig, der Frage nach der Willensfreiheit weiter nachzugehen. 5. Anmerkung: Gegen das unter Punkt 3 vorgebrachte Argument sprechen ebenfalls hier nicht thematisierte Phänomene, wie etwa Placebo- bzw. Nocebo-Effekt, Spontanremissionen bei Krankheiten, messbare körperliche Veränderungen (nicht nur im Gehirn!) als Folge von Meditation, Handlungen unter Hypnose oder das plötzliche Weißwerden der Haare, von dem Nahm (2012, S. 153–159) berichtet. Bei all diesen Phänomenen ist eine (materielle) Ursache schwer vorstellbar. 6. Die vorliegende Literatursichtung wird die Frage der Willensfreiheit nicht klären. Wohl aber befasst sie sich mit der Frage, ob eine Grundvoraussetzung für die Vorstellung eines freien Willens gegeben ist, indem Hinweise zu finden sind, welche eine „dualistische Position“ nahelegen oder sogar belegen. 7. Die zentrale Frage lautet, ob Bewusstsein lediglich ein „(Neben-) Produkt neuronaler Prozesse“ darstelle oder, ob Bewusstsein eine gewisse „Eigenständigkeit“ besitze und mithin auch unabhängig von neuronalen Prozessen auftreten könne. 8. Damit verbunden ist die Frage, ob die bekannten Korrelationen zwischen neuronalen Prozessen und Bewusstsein kausal zu interpretieren seien. Nach einer dualistischen Position wäre dies zumindest nicht immer (vielleicht auch: generell nicht) der Fall. 9. Den Ausgangspunkt zur Diskussion des Themas bildet ein Gespräch zwischen dem Neurophysiologen Wolf Singer und dem Bestsellerautor, früheren Molekularbiologen und heutigen buddhistischen Mönch Mathieu Ricard (Kap. 1). Zur Klärung der angesprochenen Fragen wird dort vorgeschlagen, „Nahtoderfahrungen“ sowie Berichte über „Erinnerungen an frühere Leben“ zu untersuchen. Auch wenn der Vorschlag ungewöhnlich anmutet: Er erscheint inhaltlich fundiert. 10. Nahtoderfahrungen (Kap. 2) werden auf Basis unterschiedlicher, einander ergänzenden Forschungsdesigns mit jeweils spezifischen Stärken und Schwächen untersucht (Selbstberichte, retrospektive Studien, prospektive Studien sowie Fallsammlungen via Internet und Bevölkerungsumfragen). Einleitend werden dabei Prüfungsmöglichkeiten für Hypothese H 1: „Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das 247 Zusammenfassung der Argumentation Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen)“ auf Individual- sowie auf Aggregatebene vorgestellt und anschließend in den einzelnen Abschnitten angewandt. 11. Zur Prüfung von Hypothese H 1 werden zusätzlich auch Fälle terminaler Luzidität analysiert (Kap. 3). Der Grund für diese Ergänzung ist ein methodischer: Die Frage, ob das Gehirn in der Lage sei, Bewusstsein hervorzubringen, ist in manchen Fällen aus medizinischer Sicht oder gar aufgrund unterstellter Irreführung umstritten. Sie ist im Falle terminaler Luzidität jedoch dann irrelevant, wenn nachweislich irreversible Hirnschädigungen vorliegen (z. B. Alzheimer). Zudem sind gegebenenfalls ausschließlich Berichte aus der Dritte-Person-Perspektive (nicht aus der – prinzipiell „von außen unzugänglichen“ – Erste-Person-Perspektive!) zu prüfen. Beides sollte eine Validierung erheblich erleichtern. Hieran schließt sich der Vorschlag an, die Forschung via prospek tiver Studien in Hospizen mit relativ geringem Aufwand und guten Validierungsmöglichkeiten weiterzutreiben. Ergänzt werden könnte dieses Vorgehen durch Bevölkerungsumfragen (um einen Eindruck von der Verteilung der untersuchten Phänomene zu erhalten) sowie durch die Sammlung möglichst aktueller und damit gut nachprüfbarer Fälle via Internet (um „Tagebuchartige“ Berichte zu erhalten). 12. Mit Erinnerungen an frühere Leben beschäftigt sich, wie in der Diskussion zwischen Singer und Ricard vorgeschlagen, Kapitel 4. Auch hier liegt die „Beweislast“ in erster Linie bei entsprechenden Berichten und deren Glaubwürdigkeit. Die zu prüfende Hypothese H 2 lautet: „Es gibt Fälle, in denen Personen über Wissen verfügen, das sie nicht durch Gehirnaktivitäten erlangt haben können“. In diesem Fall wird von vornherein untersucht, ob Bewusstseinsphänomene auftreten, welche auch bei „funktionierendem Gehirn“ definitiv nicht durch neuronale Prozesse hervorgerufen sein können. Eine Diskussion über die Funktionsfähigkeit des Gehirns erübrigt sich damit abermals. 13. Die drei genannten Zugänge (Kap. 2 bis 4) dienen der Erörterung der zentralen Frage, ob in der Literatur empirisch untermauerte Hinweise zugunsten einer (wie im Vorwort beschrieben) „dualistischen Position“ berichtet werden. 248 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? 14. In den Kapiteln 2 bis 4 werden Existenzaussagen einer Prüfung unterzogen. Daraus folgt: Wird auch nur ein einziger der dort vorgestellten Hinweise als valide Beobachtung akzeptiert, dann bestätigt dies die „dualistische Position“, womit eine Grundvoraussetzung für „Willensfreiheit“ im oben genannten Sinne empirisch nachgewiesen wäre. 15. Eine „dualistische Position“ hätte dann nicht mehr den „Status unwiderlegbarer Überzeugungen“ (Singer 2013, S. 57) und die empirische sozialwissenschaftliche Forschung müsste sich mit diesem Faktum auseinandersetzen. Die Notwendigkeit eines Paradigmenwechsels ist dabei nicht auszuschließen. Mein persönliches Fazit Welchen Stellenwert man den in der Literaturübersicht genannten Punkten beimisst und welche Schlüsse hieraus zu ziehen sind, liegt natürlich im Ermessen jeder einzelnen Leserin und jedes einzelnen Lesers. Ich persönlich ging die bei Singer und Ricard vorgeschlagene Analyse – schon aufgrund meiner Sozialisation im Bereich der empirischen Forschung – mit einer gehörigen Portion Skepsis an. Zu meinem Erstaunen verdichteten sich im Laufe der Untersuchung jedoch mit steigender Qualität der betrachteten Forschungsdesigns und zunehmenden Möglichkeiten der Kreuzvalidierung Hinweise, welche für eine dualistische Position im Sinne der in Vorwort gesetzten Definition sprechen. Die Beweislage erscheint mir durchaus beeindruckend. Sie spricht meines Erachtens für weitere Forschungstätigkeit, wobei es sicherlich eine gute Strategie wäre, wie von Sartori173 vorgeschlagen, möglichst harte „Skeptiker“ in die Forschungen einzubeziehen. 173 Zur Erinnerung nochmals das Zitat zum Thema „Nahtoderfahrungen“: „Wichtig wäre auch, Menschen ins Forschungsteam mit aufzunehmen, die Nahtod- Erfahrungen äußerst skeptisch gegenüberstehen. Damit wäre dafür gesorgt, dass jeder denkbare Aspekt gründlich untersucht und jede mögliche Erklärung sorgfältig geprüft werden könnte. Statt dass Forscher und Skeptiker gegeneinander arbeiten, wäre es wesentlich sinnvoller, wenn wir unsere Köpfe zusammensteckten und eine wasserdichte Methode entwickelten, die unser Verständnis des Bewusstseins voranbringen könnte“ (Sartori 2015, S. 209). 249 Zusammenfassung der Argumentation Das Phänomen der „terminalen Luzidität“ (Kap. 3) bietet meines Erachtens die Möglichkeit, auf sehr verlässliche und gleichzeitig ökonomische Art und Weise zusätzlich Belege zu erhalten. Es tritt offenbar relativ häufig und tendenziell auf bestimmte Orte (etwa Hospize) kon zentriert auf, die Unfähigkeit des Gehirns, Bewusstsein zu „erzeugen“, kann in der Regel medizinisch belegt werden und eine Bezeugung entsprechender Ereignisse ist von außen möglich, womit man nicht mehr auf die Berichte betroffener Personen aus der „Erste-Person-Perspektive“ angewiesen ist. Zudem kann bei mehreren Zeugen eine Kreuzvalidierung durch den Vergleich ihrer Aussagen stattfinden. Das Vertreten einer wie im Vorwort skizzierten dualistischen Position, wobei eine „von neuronalen Prozessen unabhängige Instanz“ (Singer 2013, S. 57) anzunehmen ist, und – einen Schritt weiter – darauf aufbauend die Annahme von „Willensfreiheit“ im Sinne eines immateriellen Dirigenten, der das neuronale Substrat nur nutzt, um sich über die Welt zu informieren und seine Entscheidung in Handlungen zu verwandeln (Singer 2013, S. 57), hätte Konsequenzen nicht nur für unser Selbst- und Weltbild, sondern auch für die empirische sozialwissenschaftliche Forschung. Sie wären erheblich und würden vermutlich einen gesonderten Buchbeitrag füllen. Beispielsweise müssten gegebenenfalls Kausalhypothesen im Rahmen humanwissenschaftlicher Forschung generell überdacht und in vielen Fällen zumindest hinsichtlich ihres Geltungsbereichs modifiziert werden. Die – zugegebenermaßen hypothetische – Vorstellung, bei vollständiger Information174 wäre die Varianz einer „abhängigen Variablen“ zu hundert Prozent erklärbar, müsste fallengelassen werden (was sich zum Beispiel auf die Interpretation des Bestimmtheitsmaßes R2 bei der multiplen Regression als Gütekriterium auswirken würde) und vieles mehr. Zudem eröffneten sich gegebenenfalls völlig neue Forschungsbereiche, etwa die bereits im Vorwort angedeutete Frage, ob die „von neuronalen Prozessen unabhängige Instanz“ im Alltag passiv (beobachtend/ registrierend) bleibe oder ob sie aktiv Einfluss ausübe und falls ja, auf 174 D. h. bei Kenntnis aller relevanten „Einflussvariablen“, deren jeweils perfekter Messung (fehlerfreie, strukturtreue 1:1-Abbildung des „empirischen Relativs“ in ein numerisches Relativ) sowie Kenntnis der relevanten Link-Funktion(en). 250 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? welche Art und Weise sich ein „immaterieller Dirigent“ in Form eines „freien Willens“ auf materieller Ebene manifestiere. Die Ausführungen in den Kapiteln 2 bis 4 zeigen zwar eine Grundvoraussetzung hierfür auf, vom Einfluss eines freien Willens ist dort jedoch noch nicht die Rede. Zu fragen wäre unter anderem ferner, welche Bereiche menschlicher Lebensäußerungen ggf. prinzipiell willentlich (im genannten Sinne) beeinflussbar seien – und welche nicht – sowie, unter welchen Bedingungen der Mensch ggf. von seinem freien Willen „Gebrauch mache“ (was auch immer sich hinter dieser Formulierung verbergen mag) – und unter welchen Umständen dies nicht geschehe. Im Rückblick dürften die in diesem Buch dargelegten Punkte nicht nur für mein Interessengebiet (die empirische Sozialforschung) relevant sein, sondern ebenso für eine ganze Reihe weiterer Gebiete. Zu nennen wären – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Hirnforschung, Neurobiologie, Psychologie, Medizin (insbesondere Palliativmedizin), Krankenpflege, Reanimationsforschung sowie, sofern sie sich mit Fragen des menschlichen Bewusstseins befassen, Philosophie und letztlich auch die (Fundamental-)Theologie. Umschlagbild: Was geschieht hier? Die zentrale Fragestellung der vorliegenden Literatursichtung ist nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht relevant, sondern auch für die Deutung ganz alltäglicher Situationen. Dies lässt sich am Umschlagbild verdeutlichen. Zeigt es letztlich lediglich zwei (hochkomplexe) „Biocomputer“, informationsverarbeitende Systeme, welche sich nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung gegenseitig beeinflussen? Ist „Bewusstsein“ dabei ein reines Produkt neuronaler Aktivität und die Vorstellung eines freien Willens (wie im Vorwort definiert) ohne materielle Ursache mithin eine Illusion? Oder gilt die dualistische Sicht der Dinge, nach der hier zwei Akteure interagieren, welche a) in vielen für das menschliche Zusammenleben relevanten Bereichen freie Willensentscheidungen treffen können und b) deren Bewusstsein auch unabhängig vom Gehirn „existieren“ kann? Bewusstsein würde dann nicht immer – vielleicht auch generell nicht – vom Gehirn produziert. Die wissenschaftlich erforschten Entsprechun- 251 Zusammenfassung der Argumentation gen zwischen Gehirnaktivität und Bewusstsein würden gegebenenfalls lediglich Korrelationen abbilden, nicht jedoch Kausalzusammenhänge, nach denen das Gehirn den Menschen über Selbstorganisationsprozesse steuert und Bewusstsein produziert.

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Zusammenfassung

Täglich treffen wir bewusste Entscheidungen und sind dabei über weite Strecken frei, die eine oder andere Wahl zu treffen. Wirklich? Die Selbstverständlichkeit dieser Alltagserfahrung ist wissenschaftlich höchst umstritten. Häufig wird behauptet, im Gehirn autonom ablaufende neuronale Prozesse steuerten unser Verhalten. Erst danach, als Folge hiervon, entstünde unser „Bewusstsein“. Ein „freier Wille“ im oben genannten Sinne sei damit nur eine (liebgewonnene) Illusion! Wer stattdessen postuliert, dass wir die Fähigkeit besitzen, frei auf Handlungsprozesse einzuwirken, läuft Gefahr, sich über einen solchen „unabhängigen“ Eingriff in materielle Prozesse in Widerspruch zu grundlegenden naturwissenschaftlichen Annahmen zu begeben! Die vorliegende Literatursichtung präsentiert publizierte Argumente dafür, dass (als Voraussetzung für „Willensfreiheit“) Bewusstsein unabhängig vom Gehirn auftreten könne.