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4 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? Jim B. Tucker untersucht Erinnerungen an frühere Leben in:

Siegfried Schumann

Bewusstsein unabhängig vom Gehirn, page 233 - 244

Eine Literatursichtung mit Blick auf Willensfreiheit und einen möglichen Paradigmenwechsel

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4426-1, ISBN online: 978-3-8288-7436-7, https://doi.org/10.5771/9783828874367-233

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 38

Tectum, Baden-Baden
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233 4 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? Jim B. Tucker untersucht Erinnerungen an frühere Leben Weshalb dieses Kapitel? An dieser Stelle sei an den Ausgangspunkt der hier vorgestellten Literatursichtung erinnert: Die Diskussion zwischen Wolf Singer und Ricard Matthieu (Kapitel 1). Gegen Ende der Diskussion meint Matthieu: Es wäre interessant, sich mit Phänomenen zu beschäftigen, die – falls wirklich etwas dahintersteckt – zu einer Neubewertung unserer Ansicht führen müssten, dass das Bewusstsein allein vom Gehirn abhängt. Ganz spontan fallen mit drei solche Phänomene ein, wobei man da sicherlich Schein von Sein und Tatsachen von Gerüchten unterscheiden muss (Singer und Ricard 2017, S. 320). Eines dieser drei Phänomene waren Menschen, die sich an ein früheres Leben erinnern (Singer und Ricard 2017, S. 320), wobei explizit auf den weltbekannten Fall von „Shanti Devi“ verwiesen wurde (vgl. Singer und Ricard 2017, S. 329). Hassler (2011, S. 73–87) bietet eine leicht zugängliche, detaillierte Beschreibung dieses Falls nebst einer tabellarischen Übersicht über die einzelnen Elemente des Falls und deren Bewertung. Hypothese H 2 234 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Die Bedeutung der in Kapitel 4 angesprochenen Fragestellung liegt darin, dass hier eine sehr viel weitreichendere Hypothese als bisher auf dem Prüfstand steht, nämlich H 2: „Es gibt Fälle, in denen Personen über Wissen verfügen, das sie nicht durch Gehirnaktivitäten erlangt haben können“. Die Diskussion der Frage, ob das Gehirn funktionstüchtig sei, erübrigt sich damit. Alle „Beweislast“ liegt nun auf der Glaubwürdigkeit der Berichte über entsprechende Aussagen, die angeblich erfolgreich einer Prüfung unterzogen wurden. Auch H 2 stellt eine Existenzaussage dar. Damit genügte auch hier wieder ein einziger akzeptierter Fall, um sie zu verifizieren. Entsprechend umstritten ist auch dieser Forschungsbereich. Ich möchte im Folgenden einige Aspekte unter methodischen Gesichtspunkten darstellen. Die berichteten Inhalte sind dabei – wie in Kapitel 2 die Inhalte von Nahtoderfahrungen – allenfalls unter statistischen Gesichtspunkten relevant (z. B. Anzahl bzw. Anteil der angeblich verifizierten Elemente). Ansonsten bleiben sie ausgeblendet. Allgemeine Informationen zur Person Das vorliegende Kapitel versucht, in knapper Form und immer mit Blick auf die Prüfung von Hypothese H 2, einen Einblick in die Diskussion über (validierte) Erinnerungen an frühere Leben zu geben. Besonders geeignet hierzu erscheint das Buch „Kinder erinnern sich. Dem faszinierenden Phänomen der Wiedergeburt auf der Spur“ des Neurowissenschaftlers Jim B. Tucker. Zur Person: Dr. Jim B. Tucker ist Professor für Psychiatrie und Neuro-Verhaltenswissenschaften an der Universität von Virginia. Er setzt das Werk des [2007 verstorbenen; Sch.] Begründers der Reinkarnationstheorie Ian Stevenson fort, der erstmals wissenschaftlich das Phänomen von Kindern erforscht hat, die sich an frühere Leben erinnern. Tuckers erstes Buch »Life before Life. A Scientific Investigation of Children’s Memories of Previous Lives« wurde in zehn Sprachen übersetzt (Tucker 2014, back matter). 235 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? Letzteres demonstriert, ähnlich wie im Falle von Nahtoderfahrungen (vgl. Kap. 2), das enorme öffentliche Interesse an der Thematik. Ian Stevenson bemerkte bereits um die Jahrtausendwende: Umfragen Anfang der neunziger Jahre zeigten weitere Zunahmen des Glaubens an Reinkarnation. Inzwischen glaubten sechsundzwanzig Prozent der Antwortenden in Deutschland an Reinkarnation[166], achtundzwanzig Prozent in Frankreich und neunundzwanzig Prozent in Großbritannien und Österreich167 (Stevenson 2014, S. 18; Hervorhebungen: Sch.). Auch wenn Punktschätzungen aus Umfragen – insbesondere wegen möglicher Verzerrungen aufgrund nicht hundertprozentiger Ausschöpfungsquoten – vorsichtig zu interpretieren sind (vgl. hierzu z. B. Schumann 2018, S. 37–41): Offenbar berichtet ein erklecklicher Anteil der Bevölkerung auch in westlichen Ländern, an Reinkarnation zu glauben – was wiederum das Interesse an der Thematik erklärt. Schon aus diesem Grund erscheint es sinnvoll, die Argumentation darzustellen und kritisch zu würdigen. Prüfung von Hypothese H 2 bei Individuen Zur Prüfung von Hypothese H 2 können eine Reihe von Belegen auf der Individualebene herangezogen werden: a. Ein Kind nennt plausibel Fakten „aus einem früheren Leben“, die niemand in seiner Umgebung kennt und zu deren „Konstruktion“ es auch in seiner Umgebung nicht angeregt geworden sein kann. Ein entsprechender Bericht liegt vor, die Fakten wurden jedoch nicht unabhängig verifiziert. 166 Bei der ALLBUS-Umfrage 2012 ergibt sich ein Wert von 22 Prozent – mit deutlichen Ost-West-Unterschieden. Quelle: Seite 1082 in xxxx Downloads/ZA4584_ cdb_supplement_region%20(1).pdf (abgerufen am 12.02.2019). 167 Inglehart, Ronald F.; Basañez, Miguel; Moreno, Alejandro (1998) Human values and beliefs. A cross-cultural sourcebook. Ann Arbor: University of Michigan Press. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 236 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? b. Ein Kind nennt Fakten „aus einem früheren Leben“, die niemand in seiner Umgebung kennt und zu deren „Konstruktion“ es auch in seiner Umgebung nicht angeregt geworden sein kann. Ein entsprechender Bericht liegt vor und die Fakten konnten unabhängig verifiziert werden. c. Ein Kind behauptet, schon einmal gelebt zu haben und eine ganz bestimmte Person gewesen zu sein, die niemand in seiner Umgebung kennt. Die Person kann ermittelt werden und das Kind zeigt unter Zeugen, dass es mit den Lebensumständen dieser Person vertraut ist. d. Ein Kind behauptet, schon einmal gelebt zu haben und eine ganz bestimmte Person gewesen zu sein. Es weist markante körperliche Merkmale auf, welche nachweislich die betreffende Person in ähnlicher Form hatte bzw. die deren tödlicher Verletzung entsprechen. Möglichkeit a ist der schwächste Beleg für Hypothese H 2 und soll hier nicht weiterverfolgt werden. Hier ließe sich allenfalls ins Feld führen, dass es unwahrscheinlich für ein Kind sei, sich Sachverhalte „auszudenken“, zu deren Konstruktion es in keiner Weise angeregt wurde und die auch nicht einer „kindlichen Sicht“ entsprechen. Die Möglichkeiten b und c liefern gegebenenfalls deutlich überzeugendere Belege. Hier kann – schließt man einmal „kriminelle Energie“ aus – allenfalls an der sachgerechten Durchführung der Überprüfungen gezweifelt werden. Zudem kann natürlich die Ehrlichkeit der Berichterstatter in Zweifel gezogen werden. In diesem Fall stellt sich die Frage nach einer möglichen Motivation, falsche Ergebnisse „in die Welt zu setzen“ sowie danach, ob Anhaltspunkte dafür gegeben sind, dies der betreffenden Person zu unterstellen. Möglichkeit d stellt einen Spezialfall dar, bei dem zusätzlich die Ursache für die Übereinstimmung markanter körperlicher Merkmale unbekannt ist. Ian Stevenson verfasste hierüber – seinen Forschungsschwerpunkt – ein zweitausendseitiges Werk, entstanden in mehrjähriger intensiver Arbeit. Es behandelt über 200 Fälle von Kindern mit Malen oder Geburtsfehlern, 237 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? die den – meist tödlichen – Wunden einer inzwischen verstorbenen Person entsprachen (Tucker 2014, S. 20).168 Eine kurze Skizze der Forschungen Ian Stevensons und seines wissenschaftlichen Werdegangs ist Tucker (2014, S. 22–27) zu entnehmen. Auch bei Singer und Ricard (2017, S. 329) wird auf sein wissenschaftliches Werk verwiesen. Wird eine Kombination ohnehin schon „unwahrscheinlicher Elemente“ – etwa mehrere verifizierte Fakten hinsichtlich der Möglichkeiten b und c berichtet oder die unter Möglichkeit d angesprochene Übereinstimmung bei mehreren markanten körperlichen Merkmalen, dann sinkt – analog zu der aus Kapitel 2 bekannten Argumentation – die Wahrscheinlichkeit dafür, dass es sich bei dem Bericht um eine „Erfindung“ handelt, nochmals dramatisch. In Tucker (2014, S. 19–20) wird beispielsweise eine entsprechende Berechnung angestellt. Fallübergreifende Prüfung von Hypothese H 2 Zur Prüfung von Hypothese H 2 können auch Belege auf Aggregatebene herangezogen werden. Hierzu eignen sich u. a. statistische Auswertungen der Berichte über „frühere Leben“, welche sinnvoll mit bekannten, offiziellen Statistiken in Beziehung gesetzt werden können. Ein Beispiel aus Tucker (2014, S. 165–166) ist weiter unten berichtet. Berichte von Kindern über „frühere Leben“ In der Literatur ist von erstaunlich vielen belegten Fällen die Rede, in denen die Behauptung von Kindern, sich an ein früheres Leben zu erinnern, berichtet und falls möglich geprüft wurden. In Tucker (2014, S. 57) ist beispielsweise von 2 000 „asiatischen Fällen“ Stevensons die Rede. Das 168 Das Zitat bezieht sich auf das Buch: Stevenson, Ian: Reincarnation and Biology: A Contribution to the Etiology of Birthmarks and Birth Defects. Westport, Connecticut: Praeger 1997. Umfassende Literaturangaben zum Werk Stevensons finden sich in der Bibliografie von Tucker (2014, S. 278–279). 238 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Werk von Stevenson (2014) beinhaltet darüber hinaus eine umfangreiche Sammlung dokumentierter Fälle in Europa. Einen detaillierten Überblick über eine Auswahl einschlägiger Fälle bietet auch Hassler (2011). Dabei sind einige der Fälle mit einer Übersichtsgrafik sowie mit einer zusammenfassenden, tabellarischen Übersicht über Kriterien zu deren Prüfung und Bewertung versehen. Auch in dem hier vorgestellten Buch von Tucker (2014) sind etliche Fälle berichtet. Weitere Literaturverweise sind den genannten Quellen zu entnehmen. Tuckers Kontakt mit Ian Stevenson Einige Angaben zum Lebenshintergrund von Jim B. Tucker und zu dessen Kontakt mit Ian Stevenson sind Tucker (2014, S. 29–31) zu entnehmen. Kurz zusammengefasst: Fast nichts in meiner Lebenskurve hatte darauf hingedeutet, dass ich eines Tages Berichte über Erinnerungen an frühere Leben untersuchen würde. Ich wuchs in North Carolina auf, wo ich mit meiner Familie jeden Sonntag den Gottesdienst in einer Baptistengemeinde besuchte […]. Die Kirchgänge […] endeten […], als ich Chapel Hill verließ und nach Charlottesville umzog, um an der University of Virginia meine Ausbildung in Psychiatrie zu beginnen. Zum ersten Mal hörte ich von Ian während meiner Ausbildung. Ich war fasziniert, dass jemand das tun würde, was er getan hatte – eine prestigeträchtige akademische Stelle aufgeben, um über ein Gebiet wie das der Wiedergeburt zu forschen –, aber nicht fasziniert genug, um ihn zu kontaktieren. […] Nach der Ausbildung blieb ich in Charlottesville und eröffnete eine Praxis in einer nahegelegenen Gemeinde. […] Ich fing an, einschlägige Bücher zu lesen, darunter auch eines von Ian Stevenson […], worin er seine Arbeit mit kleinen Kindern beschrieb, die über Erinnerungen an frühere Leben berichteten. Obwohl mich damals die Möglichkeit einer solchen Präexistenz nicht sonderlich anzog, war ich doch beeindruckt, dass der Autor im 239 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? Laufe der Jahre Hunderte von Fällen[169] untersucht und sich dabei einer sorgfältigen analytischen Methode bedient hatte, die mir zusagte. Während meiner Lektüre erfuhren Chris [Tuckers Gattin; Sch.] und ich aus der örtlichen Tageszeitung, dass Ian Stevensons Forschungsabteilung […] ein Stipendium zuerkannt worden war, um die Wirkungen von Nahtoderfahrungen auf das Leben der Menschen zu untersuchen, die sie gemacht haben. […] Da mich die Arbeit in meiner Praxis nicht ausfüllte, schlug Chris mir vor, das Büro der Abteilung anzurufen und nachzufragen, ob die Forscher für ihre Studie Unterstützung bräuchten bei den Gesprächen mit Patienten. Während des Telefonats wurde ich dann eingeladen, am nächsten wöchentlichen Arbeitsessen teilzunehmen. […] Von da an besuchte ich die Treffen jede Woche. […] Nachdem ich fast zwei Jahre in der Forschungsabteilung verbracht hatte, fragte mich Ian, ob ich gerne nach Thailand und Burma fahren würde, um gemeinsam mit unserem Kollegen Jürgen Keil einige Fälle zu untersuchen, in denen es um frühere Leben ging. Ich ergriff die Gelegenheit beim Schopf […] (Tucker 2014, S. 29–31). Schlüsse bezüglich Gehirn und Geist: Dualismus Tucker berichtet anschließend spektakuläre Fälle aus dieser Asien-Reise und kommt zu dem Schluss: Die dargestellten Fälle sind selbst nach unseren Maßstäben ungewöhnlich. Ich stelle sie hier vor, um deutlich zu machen, dass die Entsprechung zwischen Gehirn und Geist vielleicht nicht immer so unmittelbar ist, wie wir gemeinhin glauben. Eine Grundannahme der modernen Neurowissenschaft lautet: Das Gehirn schafft den Geist oder das Bewusstsein. Wie könnte dann ein Bewusstsein, ursprünglich verbunden mit einem Gehirn, das schon lange tot ist, Besitz ergreifen von einer lebenden Person? Möglicherweise verhält es sich eher so, dass unser Bewusstsein zwar über das Gehirn funktioniert, zugleich aber jenseits davon existiert. Demnach wäre es eine vom Gehirn losgelöste Entität, für die Dauer eines Lebens ziemlich eng mit ihm 169 Wie vorstehend erwähnt, ist z. B. allein von 2 000 „asiatischen Fällen“ Stevensons die Rede (vgl. Tucker 2014, S. 57). 240 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? verknüpft und dennoch eigenständig (Tucker 2014, S. 44; Hervorhebung: Sch.). Damit vertritt auch Tucker die in Abschnitt 2.7 angesprochene dualistische Sichtweise. Deutlich wird dies in Aussagen wie: Wir sind alle körperliche Wesen […]. Aber wir besitzen auch Bewusstsein, das mehr ist als ein Nebenprodukt unseres Gehirns (Tucker 2014, S. 231; Hervorhebung: Sch.). Wie im Vorwort, in Kapitel 1 und in Abschnitt 2.5 bereits angesprochen, ist diese Position mit dem Verursachungsproblem behaftet und mit bekannten Naturgesetzen unvereinbar. Diese Aussage bezieht sich allerdings auf die klassische Physik und das ihr zugrundeliegende materialistisch-deterministische Weltbild. Genau dieses stellt Tucker – wie auch die bisher besprochenen Autorinnen und Autoren – in Frage. Sein Ausgangspunkt sind dabei die Ergebnisse der Quantenphysik. Quantenphysik und dualistische Position Zentral für die Prüfung der Hypothese H 2 (wie auch H 1) ist die Frage, ob es überhaupt sinnvoll sei, die Annahme (sic!), Bewusstsein sei lediglich ein Nebenprodukt der Gehirntätigkeit, zu hinterfragen. Aus materialistisch-deterministischer Sicht dürfte dies kaum der Fall sein. Die genannte Annahme stellt aus diesem Blickwinkel fast schon eine Selbstverständlichkeit dar und eine dualistische Position erscheint unannehmbar – was die bereits angesprochene Leidenschaftlichkeit und Härte entsprechender Diskussionen erklären mag. Aus Sicht der Quantenphysik stellt sich das Problem anders dar. Ihre (vielfach bestätigten) Ergebnisse widerlegen ein materialistisch-deterministisches Weltbild, ohne es allerdings durch ein allgemein akzeptiertes, neues Weltbild zu ersetzen. Mit anderen Worten: Die experimentellen Ergebnisse sind bestens bestätigt, ohne dass ein allgemein akzeptierter Interpretationsrahmen vorläge (vgl. hierzu auch Schumann 2018, S. 49– 70). Tucker führt dies auf den Seiten 198 bis 232 aus, wobei die Weiterführung seiner Argumentation für die Prüfung von Hypothese H 2 zunächst 241 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? irrelevant erscheint. Wichtig ist lediglich die Feststellung, dass aufgrund der Ergebnisse der Quantenphysik die aus materialistisch-deterministischer Sicht vorgebrachte Argumentation gegen das Vertreten einer dualistischen Position (als zu prüfende Hypothese) nicht mehr überzeugen kann. Vor diesem Hintergrund meint Tucker (2014, S. 200–201): Die meisten etablierten Wissenschaftler scheinen sich nicht oder nur vage darüber klar zu sein, dass wesentliche Entdeckungen in der Physik den Materialismus inzwischen widerlegt haben. […] Die Leitsätze der Quantenmechanik haben viele Grundlagen dessen erschüttert, was wir zu wissen meinten. […] Die klassische Physik stellt eine Annäherung an die Wirklichkeit dar und ist in den meisten Fällen derart genau, dass sie für all unsere praktischen Zwecke ausreicht. Doch obwohl sie fast immer funktioniert, mögen die Folgerungen, die wir aus ihr ziehen, verkehrt sein. Und tatsächlich wird man sehen, dass eine davon – der Materialismus – sich mittlerweile als falsch erwiesen hat. Ganz ähnlich übrigens argumentiert Michael Nahm (vgl. Kap. 3): Was die moderne Physik betrifft, so ist diese zwar weit davon entfernt, ein einheitliches und von allen Physikern akzeptiertes Modell zur Erklärung des Universums zu liefern. Die vielersehnte »Theorie für Alles« ist noch immer nicht in Sicht. Aber eines steht unter den Vertretern der verschiedenen gegenwärtigen physikalischen Theorien jetzt schon fest: Der Urgrund der Welt besteht nicht aus dem, was wir mit unseren Sinnesorganen wahrnehmen können. Er wird außerdem nicht von den Gesetzen regiert, die wir in unserer unmittelbaren Alltagswelt gemäß den Theorien der klassischen Physik und der Chemie beschreiben können (Nahm 2012, S. 255–256). So gesehen ist die Vorstellung einer im Vorwort angesprochenen „von neuronalen Prozessen unabhängige[n] Instanz“ (Singer 2013, S. 57) als Grundlage einer dualistischen Position nicht per se von der Hand zu weisen. Vielmehr gilt es, die Hypothesen H 1 und H 2 einer ergebnisoffenen empirischen Prüfung zu unterziehen. 242 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Bestätigung für Hypothese H 2 nach Tucker Tucker berichtet, dass in manchen der von ihm untersuchten Fälle die Identität der früheren Person mit Sicherheit bestätigt wurde (Tucker 2014, S. 81; Hervorhebung: Sch.). Dies käme einer Verifikation von Hypothese H 2 – nach wie vor einer Existenzaussage – gleich. Wie zu Beginn dieses Kapitels erwähnt: Alle „Beweislast“ liegt dabei auf der Glaubwürdigkeit der Berichte über entsprechende Aussagen, die angeblich erfolgreich einer Prüfung unterzogen wurden. Akzeptiert man diese Einschätzung auch nur in einem einzigen Fall, steht einer dualistischen Sichtweise nichts mehr im Wege. Entsprechende Bedeutung kommt der Einschätzung der betreffenden Berichte zu. Als Beispiel für einen Fall, der „einer Überprüfung stand [hält]“, bezeichnet Tucker (2014, S. 110) den Fall von James Leininger, einem Kind, das sich an das Leben eines während des Zweiten Weltkrieges über dem Pazifik abgeschossenen Kampfpiloten erinnert(e) und zahlreiche Einzelheiten hierüber zutreffend berichtete, bevor entsprechende Recherchen es ermöglichten, die Aussagen zu überprüfen. Der Fall ist ausführlich beschrieben in Tucker (2014, S. 82–111), in Hassler (2011, 141–150) sowie seitens seiner Familie in dem Buch „Soul Survivor“ von Leininger und Leininger (2017), wobei die Vorbereitung des Buches die Recherchen Tuckers offensichtlich teilweise verzögerte (vgl. Tucker 2014, S. 84–85). Der rot hinterlegte Hinweis: „The New York Times BESTSELLER“ auf der Titelseite zeugt erneut von dem großen Interesse, welches der Thematik entgegengebracht wird. Als „stichhaltigen Beweis für die Wiedergeburt“ (vgl. Tucker 2014, S. 140) betrachtet Tucker auch die Geschichte des fünfjährigen Ryan, der von einem Leben in Hollywood berichtete. Die betreffende Person konnte, so Tucker, identifiziert werden und zahlreiche Schilderungen Ryans stimmten mit den Lebensumständen der betreffenden, 1905 in Philadelphia geborenen Person überein. Dieser Fall ist ebenfalls ausführlich beschrieben in Tucker (2014, S. 112–146). 243 Wissenserwerb ohne Gehirnaktivität? Statistik zur Prüfung von Hypothese H 2 Tucker liefert auch einen statistischen Hinweis bezüglich der Prüfung von Hypothese H 2 auf Aggregatebene. Nach seiner Angabe sind zweiundsechzig Prozent der untersuchten Personen männlichen Geschlechts. Hierzu bemerkt er: Wir haben uns gefragt, warum mehr Jungen [62%; Sch.] als Mädchen über frühere Leben sprechen. Da zudem neunzig Prozent der Kinder über einen verstorbenen Menschen ihres eigenen Geschlechts sprechen, kann man die Frage auch aus einer anderen Perspektive formulieren: Warum geht es bei früheren Leben vorwiegend um Männer? […] aufgrund der zweitausend Fälle, die mittlerweile in unserer Datenbank erfasst sind[170], haben wir offenbar die endgültige Antwort gefunden. Bei Fällen, in denen die Todesursache bekannt ist, kamen nur dreißig Prozent der früheren Individuen auf natürliche Weise ums Leben. Hier ist der Anteil von Männern und Frauen in etwa gleich mit einem leichten Überschuss an verstorbenen Männern (was auch für die Gesamtbevölkerung zu gelten scheint). Die übrigen siebzig Prozent […] betreffen unnatürliche Todesursachen wie Morde, Selbstmorde und Unfälle. […] Genau in diesen Fällen tritt der genannte Unterschied zwischen den Geschlechtern deutlich zutage: Dreiundsiebzig Prozent der Fälle handeln von Männern. In der Gesamtbevölkerung unterliegen unnatürliche Todesursachen dem gleichen Muster. Eines unnatürlichen Todes sterben mehr Männer als Frauen, weil sie ein riskanteres Verhalten zeigen, etwa zu schnell mit dem Auto fahren oder betrunken in Messerstechereien verwickelt sind. Anhand der Statistiken über die Tode in den Vereinigten Staaten während der letzten fünf Jahre171 überprüfte ich das Geschlechterverhältnis und fand heraus, dass Männer zweiundsiebzig Prozent der unnatürlichen Todesfälle ausmachen. 170 Nach Tucker (2014, S. 167) sind offenbar ca. 70 Prozent der 2 000 Fälle (d. h. n = 1400) als „gelöst“ zu betrachten in dem Sinne, dass „eine verstorbene Person entdeckt [wurde], deren Leben mit dem vom Kind genannten Details übereinstimmt“ (Tucker 2014, S. 167). Auf diese Basis dürften sich die hier zitierten Angaben beziehen. 171 http:/www.cdc.gov/nchs/data/misc/atlasres.pdf. Abgerufen am 24. Sept. 2012. (Die Angabe ist Teil des Zitats.) 244 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Es beeindruckte mich ziemlich, wie sehr das Geschlechterverhältnis in unseren Fällen dem in der Gesamtbevölkerung entspricht. Wenn also die Kinder über frühere Leben nur fantasieren würden, kann ich mir keinen triftigen Grund vorstellen, warum die nach dem Geschlechterverhältnis aufgeschlüsselten Todesarten prozentual exakt mit denen in der Gesamtbevölkerung übereinstimmen sollten. Wenn hingegen die Kinder sich tatsächlich an frühere Leben erinnern, würde man erwarten, dass die ausgewählte Stichprobe[172] von zweitausend Fällen das gleiche prozentuale Verhältnis zwischen Männern und Frauen aufweist wie in der Gesamtbevölkerung. Mit anderen Worten: Wir haben deshalb mehr Männer als Frauen, weil viele unserer Fälle unnatürliche Todesursachen mit einschließen. Diese auffällige Parallele betrachte ich als weiteren Beweis dafür, dass die Erinnerungen der Kinder sehr wohlbegründet sein mögen (Tucker 2014, S. 165–166; Hervorhebungen: Sch.). Das Fazit Jim B. Tuckers Alles in allem betrachtet Tucker die inzwischen gesammelten Berichte als hinreichende Grundlage dafür, Hypothese H 2 als bestätigt zu betrachten. Die weitreichenden Folgen sind ihm dabei durchaus bewusst. Nochmals mit Blick auf die Quantenphysik schreibt er: Die im Laufe der letzten hundert Jahre gemachten Entdeckungen der Quantenphysik oder Quantenmechanik […] haben gezeigt: Dieses Universum ist komplizierter, als es den Anschein hat. Sie bestärken mich in der Ansicht, dass ein Bewusstsein jenseits der materiellen Welt existiert (Tucker 2014, S. 198). 172 Anmerkung: Mit „ausgewählte Stichprobe“ kann keine Zufallsauswahl gemeint sein. Da lediglich auf der Aggregatebene (d. h. als Gruppen) Männer mit Frauen verglichen werden und Hinweise auf mit den genannten Überlegungen konfundierte systematische Verzerrungen fehlen, dürfte dies die Argumentation nicht unbedingt beeinträchtigen.

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Zusammenfassung

Täglich treffen wir bewusste Entscheidungen und sind dabei über weite Strecken frei, die eine oder andere Wahl zu treffen. Wirklich? Die Selbstverständlichkeit dieser Alltagserfahrung ist wissenschaftlich höchst umstritten. Häufig wird behauptet, im Gehirn autonom ablaufende neuronale Prozesse steuerten unser Verhalten. Erst danach, als Folge hiervon, entstünde unser „Bewusstsein“. Ein „freier Wille“ im oben genannten Sinne sei damit nur eine (liebgewonnene) Illusion! Wer stattdessen postuliert, dass wir die Fähigkeit besitzen, frei auf Handlungsprozesse einzuwirken, läuft Gefahr, sich über einen solchen „unabhängigen“ Eingriff in materielle Prozesse in Widerspruch zu grundlegenden naturwissenschaftlichen Annahmen zu begeben! Die vorliegende Literatursichtung präsentiert publizierte Argumente dafür, dass (als Voraussetzung für „Willensfreiheit“) Bewusstsein unabhängig vom Gehirn auftreten könne.