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3 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? Die Recherchen Michael Nahms zur terminalen Luzidität in:

Siegfried Schumann

Bewusstsein unabhängig vom Gehirn, page 217 - 232

Eine Literatursichtung mit Blick auf Willensfreiheit und einen möglichen Paradigmenwechsel

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4426-1, ISBN online: 978-3-8288-7436-7, https://doi.org/10.5771/9783828874367-217

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 38

Tectum, Baden-Baden
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217 3 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? Die Recherchen Michael Nahms zur terminalen Luzidität Zum Begriff: „terminale Luzidität“ Bereits bei den in Kap. 2 besprochenen Arbeiten finden sich Verweise auf das Phänomen der „terminalen Luzidität“. Sartori (2015, S. 137) schreibt: Manchmal haben verwirrte Patienten einen klaren Moment, in dem sie sich von ihren Angehörigen verabschieden können – besonders deutlich wird dies in Berichten über Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind und verweist in diesem Zusammenhang auf vier Literaturstellen. Später greift sie das Thema – mit zusätzlichen Literaturhinweisen – erneut auf (vgl. Sartori 2015, S. 154–156) und verweist dabei auch auf Arbeiten des Biologen Michael Nahm152. Sie schildert dabei ferner zwei entsprechende Beispiele von an Alzheimer erkrankten Menschen, über die ihr persönlich von Freunden berichtet wurde. Ein Bericht über terminale Luzidität findet sich auch bei Alexander (2013, S. 196–197): [Ich] besuchte […] einen guten Freund und Kollegen, der eine der weltweit führenden Forschungsabteilungen für Neurowissenschaften leitet. Ich ken- 152 „Michael Nahm [studierte; Sch.] Zoologie, Botanik, Genetik und Paläontologie […] und promovierte im Bereich Pflanzenphysiologie“ (Nahm 2012, back matter). 218 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? ne John (das ist nicht sein richtiger Name) seit Jahrzehnten und halte ihn für einen wunderbaren Menschen und erstklassigen Wissenschaftler. […] Es stellte sich heraus, dass Johns Vater vor etwa einem Jahr nach fünfjähriger Krankheit seinem Ende entgegengesehen hatte. Er war entmündigt, dement, hatte Schmerzen und wollte sterben. […] Dann plötzlich wurde sein Vater klarer, als er es in den letzten beiden Jahren gewesen war, und teilte John einige tiefe Beobachtungen über sein Leben und ihre Familie mit. Kurz danach sei er verstorben. Alexander bemerkt zum Phänomen der terminalen Luzidität: Dafür gibt es keine neurophysiologische Erklärung (Alexander 2013, S. 198). Van Lommel erwähnt das Thema „terminale Luzidität“ in folgendem Zusammenhang: Gehirn und Bewusstsein sind wohl voneinander abhängig, doch sind deshalb mentale und emotionale Vorgänge noch lange nicht mit Prozessen im Gehirn gleichzusetzen oder aus ihnen ableitbar. Das zeigt sich auch an dem nur schwer erklärlichen Phänomen, dass Menschen mit stark ausgeprägter Demenz oft kurz vor ihrem Sterben vorübergehend bewusste und klare Momente haben (Lommel 2013, S. 236). An anderer Stelle präzisiert er: Menschen, die schon jahrelang dement sind, können in den letzten Augenblicken vor ihrem Tod manchmal sehr klar sein, sodass sie ihre Angehörigen erkennen und bewusst von ihnen Abschied nehmen können (Lommel 2013, S. 416).153 153 Ähnlich schreibt Hampe (1975, S. 98): „Es ist die Beobachtung gemacht worden, dass Geisteskranke kurz vor ihrem Tode wieder klar werden“ – mit Literaturverweis auf Hans Martensen-Larsen: An den Pforten des Todes (Hamburg 1955, S. 104 f.). 219 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? Unter den Begriff „terminale Luzidität“ (synonym: „terminale Geistesklarheit“) werden in der Literatur durchaus unterschiedlich gelagerte Fälle subsummiert. Hierzu bemerkt Michael Nahm (2012, S. 13): Es ist […] bemerkenswert, wie breit das Spektrum an organischen Gehirnerkrankungen ist, bei welchem terminale Geistesklarheit aufzutreten scheint. Wir finden Beispiele bei Diagnosen von Hirnhautentzündung und massiver Gehirnvereiterung, abnormer Füllung von Gehirnpartien mit wässriger oder blutiger Flüssigkeit, Schlaganfällen, Gehirnzersetzung durch Tumoren, bei Fällen von Demenz, wie der Alzheimer’schen Krankheit, aber auch in Fällen von psychischen Erkrankungen, bei der die organische Struktur des Gehirns praktisch unverändert bleibt, wie z. B. bei der Schizophrenie. Aber dennoch leuchtet der ursprüngliche Geist der Patienten kurz vor dem Tode in überall vergleichbarer Weise wieder auf. Anschaulicher beschrieben: Ohne ersichtlichen Grund wird die betreffende Person ungewöhnlich geistesklar, spricht vernünftig und nimmt ihre Umgebung wieder korrekt wahr. Bald darauf stirbt sie (Nahm 2012, S. 12). Michael Nahm verfolgt mit seinem nachfolgend vorgestellten Buch „Wenn die Dunkelheit ein Ende findet. Terminale Geistesklarheit und andere Phänomene in Todesnähe“ (Nahm 2012) das Ziel, auf das Phänomen aufmerksam zu machen und Belege dafür zu liefern, dass weitere Forschung zu diesem Phänomen sinnvoll erscheint – unter anderem auch, um ein tieferes und besseres Verständnis der Natur des menschlichen Geistes [zu] gewinnen (Nahm, 2012, S. 14).154 Hierzu legt er nach eigenen Worten „eine erste ausführliche Fallsammlung zur terminalen Geistesklarheit“ (Nahm 2012, S. 14) über die letzten rund zweihundertfünfzig Jahre vor, zuzüglich einiger Beispiele, welche 154 Darüber hinaus sieht Nahm die Möglichkeit der Entwicklung neuer Therapieformen (vgl. hierzu auch Nahm 2012, S. 34 und S. 75–76) sowie der Verbesserung der Pflege von Sterbenden (vgl. hierzu Nahm 2012, S. 269–271). 220 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? ihm persönlich mitgeteilt wurden (vgl. Nahm 2012, S. 14). Ausdrücklich betont er, dass das Ziel dieses Buches nicht einer stichfesten Beweisführung dient, sondern hauptsächlich Aufmerksamkeit auf bislang wenig beachtete Phänomene richten soll (Nahm 2012, S. 17), bemerkt jedoch gleichzeitig, ähnlich wie die in Kapitel 2 besprochenen Autorinnen und Autoren, es gebe auch aus den etablierten medizinischen Wissenschaftsdisziplinen ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass der Geist des Menschen nicht in einem 1:1-Verhältnis mit seiner Gehirnstruktur verquickt ist (Nahm 2012, S. 17; Hervorhebung: Sch.). Aus dem genannten Buch wird im Folgenden berichtet. Insbesondere mit Blick auf die Alzheimer’sche Krankheit formuliert Nahm die zen trale Frage folgendermaßen: Wie kommt es […], dass selbst Alzheimer-Patienten, die manchmal seit Monaten oder Jahren ihre engsten Familienangehörigen und Pfleger nicht mehr erkannt haben, kurz vor ihrem Tod wieder dazu in der Lage sind? Dass sie wieder über Erinnerungen aus ihrem Leben verfügen und auch verstehen, in welcher Lage sie sind? Man geht davon aus, dass die Erinnerungen von Menschen mit dieser Krankheit durch die Zerstörung der relevanten Gehirnpartien unwiederbringlich gelöscht werden […] (Nahm 2012, S. 13; Hervorhebungen: Sch.). Prüfung von Hypothese H 1: Vier relevante Punkte Das zentrale Argument beim oben Gesagten lautet: Es gibt Fälle, in denen das Gehirn über Jahre hinweg krankheitsbedingt kein klares Bewusstsein erzeugen konnte, und dennoch tritt kurz vor dem Ableben klares Bewusstsein auf. Betrachtet man eine bestimmte Klasse von Fällen terminaler Luzidität, nämlich solche, bei denen irreparable Hirnschädigungen im Spiel sind, dann eröffnet sich eine weitere, über die bisher be- 221 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? sprochenen Punkte hinausgehende Möglichkeit zur Prüfung der Hypothese H 1: Es gibt Fälle, in denen Bewusstsein auftritt, obwohl das Gehirn inaktiv ist (und daher nicht in der Lage, Bewusstsein zu erzeugen). Dies dürfte insbesondere für die einführend erwähnte Alzheimer’sche Krankheit zutreffen, für die Nahm (2012, S. 75–76) konstatiert: Bislang geht man davon aus, dass bei dieser Krankheit die persönlichen Erinnerungen durch die Zerstörung von wichtigen Gehirnregionen unwiederbringlich gelöscht werden. Wieso aber erinnern sich dann Alzheimer- Patienten kurz vor ihrem Tod wieder an ihr Leben, erkennen lange nicht erkannte Familienangehörige wieder und können plötzlich wieder sprechen? An anderer Stelle betont Nahm genereller: […] viele Formen der Demenz, besonders diejenigen, die durch gewisse Krankheiten, wie die Alzheimer’sche Erkrankung, verursacht werden, gehen nachweislich mit der Zerstörung von Gehirnregionen einher, von denen man annimmt, dass sie für die Funktion und Speicherung der Kurz- und Langzeiterinnerungen unabdingbar sind (Nahm 2012, S. 37). Auch bei dieser Art der Prüfung kann – analog zu Kapitel 2 – H 1 als verifiziert gelten, sobald man einen einzigen entsprechenden Fall akzeptiert. Um einen entsprechenden Nachweis zu erbringen, sind folgende Bedingungen zu erfüllen: 1. Es muss sichergestellt sein, dass das Gehirn krankheitsbedingt über Jahre hinweg (materiell) geschädigt ist. 2. Es muss sichergestellt sein, dass die Schädigung irreparabel ist. 3. Nach derzeitigem Stand der Medizin ist aufgrund dessen klares Bewusstsein unmöglich. 4. Es muss sichergestellt sein, dass dennoch (kurz vor dem Tod) klares Bewusstsein auftritt. 222 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Mögliche Belege zu den Punkten 1 bis 4 Zur Prüfung der Frage, ob das Gehirn krankheitsbedingt über Jahre hinweg (materiell) geschädigt ist (Punkt 1), können folgende Belege herangezogen werden: a. Ärztliche Befunde aus Krankenakten b. Berichte von Ärzten c. Berichte über Arztberichte bzw. über Aussagen von Ärzten d. Erfahrungsberichte Angehöriger und sonstiger Zeugen über das Verhalten der Betroffenen In allen Fällen ist dabei die Glaubwürdigkeit der betreffenden Berichte zu beurteilen bzw. zu hinterfragen. Allerdings dürfte es – so argumentiert Nahm (2012, S. 16–17) – problematisch sein, alle diesbezüglichen Berichte in Bausch und Bogen zu verwerfen. Zur Prüfung der Frage, ob die Schädigung irreparabel ist (Punkt 2) und ob nach derzeitigem Stand der Medizin aufgrund dessen klares Bewusstsein nicht auftreten kann (Punkt 3), muss auf medizinisches Fachwissen zurückgegriffen werden. Sofern entsprechende Informationen zur Verfügung stehen, sollte sich dies ergeben aus: a. der Art der diagnostizierten Krankheit (z. B. Alzheimer) oder auch aus b. gegebenenfalls dem Ergebnis einer Obduktion, bei der der Schaden auch nach dem Tode festgestellt wird. Entsprechende Berichte finden sich vereinzelt bei Nahm (2012, S. 35–37, 52, 54, 63–64, 80–81). In diesem Fall entfällt die Erklärungsmöglichkeit, es habe kurz vor dem Tode eine – wie auch immer geartete – „spontane Heilung“ stattgefunden.155 Der Beleg, dass kurz vor dem Tod klares Bewusstsein auftritt (Punkt 4), dürfte in er Regel relativ leichtfallen. Zeugen können das Geschehen gegebenenfalls problemlos beobachten. Es können mit anderen Worten Berichte von außenstehenden Beobachtern (Pflegepersonal, Verwandte etc.) ausgewertet werden, sofern diese Personen für die Forschung ver- 155 Es sei denn, man nimmt an, die Heilung habe sich anschließend ebenso spontan wieder zurückgebildet – was allerdings das Vorstellungsvermögen arg strapaziert. Vgl. hierzu auch Nahm (2012, S. 36). 223 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? fügbar sind. Man ist also nicht – wie bei der in Kapitel 2 besprochenen Thematik – auf Selbstberichte der Betroffenen angewiesen. Dies ist ein ganz entscheidender Punkt, da hier die „unüberwindbare Kluft“ zwischen der Erste-Person-Perspektive und der Dritte-Person-Perspektive die Forschungsbemühungen nicht beeinträchtigt. Es ist auch der Grund, weshalb das vorliegende Kapitel als Ergänzung zu Kapitel 2 aufgenommen wurde. Informationen zur Arbeit Nahms Michael Nahm (2012, S. 11–12) schreibt über die Literatur zum Thema terminale Luzidität: Leider ist diese Literatur oft schwer zugänglich und enthält jeweils nur isoliert stehende Fallbeispiele. Dennoch scheinen derartige Vorkommnisse nicht so selten zu sein, wie man vielleicht vermuten könnte. In einer kürzlich erschienenen Publikation, in der Pflegepersonal von Hospizen hinsichtlich ungewöhnlicher Phänomene in Todesnähe befragt worden ist, gaben sieben von zehn Pflegerinnen an, bereits Fälle von unerwarteter Rückkehr der geistigen Klarheit bei dementen Patienten beobachtet zu haben.156 […] Ich bezeichne dieses Phänomen als »Terminale Geistesklarheit«, wobei das Wort »terminal« hier so viel bedeutet wie »kurz vor dem Ende auftretend« (Hervorhebungen: Sch.). Auf zwei weitere Statistiken wird in Nahm (2012, S. 20–21) verwiesen, wobei allerdings ein weiter Begriff von „terminaler Luzidität“ Verwendung findet. Nahm (2012, S. 21–22) resümiert: Mit diesen drei […] Studien erschöpft sich bereits das Datenmaterial, das ich zur Angabe von Häufigkeit von terminaler Geistesklarheit bei Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen gefunden habe. 156 Brayne, S.; Lovelace, H. und Fenwick, P. (2008). End-of-life experiences and the dying process in a Gloucestershire nursing home as reported by nurses and care assistants. American Journal of Hospice & Palliative Medicine, 25, 195–206. (Die Literaturangabe ist Teil des Zitats.) 224 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Zur Anzahl der von ihm berichteten Fälle fasst Nahm (2012, S. 19–20) zusammen: In der Literatur der letzten gut zweihundert Jahre konnte ich bis heute neunzig Referenzen zu konkreten Fallbeispielen sowie achtzehn allgemein gehaltene Aussagen von Medizinern oder Pflegern finden, dass sie solche Geschehnisse mehrfach beobachtet haben. Dazu kommen elf Fallberichte, die ich persönlich mitgeteilt bekommen habe. […] Von den neunzig Referenzen zu publizierten Fällen konnte ich neunundfünfzig Fallbeschreibungen aufspüren, zumeist die Originalpublikation. Zusammen mit den elf persönlich mitgeteilten Berichten liegen also siebzig Berichte vor, die vierunddreißig Frauen und sechsunddreißig Männer betreffen. In diesem Buch stelle ich rund sechzig davon vor (Hervorhebung: Sch.). Die im Rahmen der Definition zitierte Angabe: „kurz vor dem Ende auftretend“ präzisiert Nahm (2012, S. 23) folgendermaßen: In den siebzig Fallbeschreibungen fiel das Auftreten der terminalen Geistesklarheit fast immer in die letzte Woche vor dem Tod, in rund der Hälfte der Fälle sogar auf den letzten Lebenstag, in einigen Fällen auch nur auf die letzten Minuten. Zu den Berichtszeiträumen bemerkt er: Der größte Teil der schriftlich dokumentierten Fälle und auch die detailliertesten Fallstudien sind zwischen den Jahren 1800 und 1850 in der damaligen medizinischen Literatur publiziert worden. Im 20. Jahrhundert nahm die Anzahl der Publikationen über terminale Geistesklarheit bedeutend ab und verschwand fast vollständig aus den medizinischen Kreisen. Dies scheint allerdings lediglich eine Frage des Interesses zu sein. Denn wie ich feststellen konnte, lassen sich auch heute viele Berichte sammeln – wenn man nur danach sucht und fragt (Nahm 2012, S. 20; vgl. hierzu auch die Ausführungen auf S. 39–41). Hier zeigt sich eine Parallele zu der im Rahmen von Kapitel 2 mehrfach getroffenen Feststellung, Nahtoderfahrungen würden dann nicht berichtet, wenn nicht nach ihnen gefragt werde (oder erste Mitteilungen auf 225 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? eine abwehrend-uninteressierte Haltung beim Zuhörer stießen). Bereits Raymond Moody beschrieb explizit Fälle, welche dies nahelegen: […] in beiden Fällen hatte ich den Patienten nicht einmal andeutungsweise auf dieses Thema angesprochen. Die beiden haben einfach so von ihren Erlebnissen erzählt, sie kamen darauf während der üblichen Unterhaltung zwischen einem Patienten und seinem Doktor. Das Interessante an diesen beiden Fällen war für mich: sie stellten eine weitere Bestätigung meiner Annahme dar, nach der ein Grund dafür, dass Ärzte dieses Phänomen zuvor nicht wahrgenommen haben, darin besteht, dass sie einfach nicht aufmerksam zuhören, wenn Patienten ihnen von solchen Begebenheiten erzählen (Moody 1997, S. 115–116). Ähnlich äußert Wiesenhütter (1974, S. 21) über Nahtoderfahrungen: [… sie] kommen viel häufiger vor, als man zunächst meint. Sie sind keine Ausnahmen, sondern typisch. Wendet man sich an alte Krankenschwestern, hört man mehr über sie berichtet als von Ärzten. In Nahms Arbeit aufgeführte Berichte Einleitend zu dem Kapitel „Terminale Geistesklarheit bei Demenz und Alzheimer’scher Erkrankung“ schreibt Nahm (2012, S. 38): Von den verschiedenen Formen der Altersdemenz wissen wir allerdings, dass sie mit organischen Hirnschädigungen einhergehen. Dennoch schrieb der Pastor Franz Johann Splittgerber schon im Jahre 1866: »Stumpfe, abgelebte Greise, bei denen unter dem Hauche des eisigen, alles höhere Geistesleben erstarrenden Alters auch die Kraft des Gedächtnisses erloschen zu sein scheint, erhielten zum Öfteren unmittelbar vor ihrem Ende nicht allein dies einzelne Vermögen zurück, sondern wurden überhaupt (wenn auch nur auf einzelne erleuchtete Momente) wieder in ihren vollen geistigen Besitzstand eingesetzt«157. 157 Splittgerber, F. (1866). Schlaf und Tod. Halle: Fricke (1. Auflage), Seite 357 (Der Literaturverweis ist Teil des Zitats.) 226 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? Wie bereits erwähnt, eignen sich Fälle von Menschen, welche an der Alzheimer-Krankheit litten und bei denen terminale Luzidität auftrat, gut zur Prüfung der Hypothese H 1. Michael Nahm berichtet mehrere solcher Fälle explizit (vgl. Nahm 2012, S. 37–47). Zudem bemerkt er: Auch mir persönlich sind Berichte über terminale Geistesklarheit bei Alzheimer-Patienten zugetragen worden (Nahm 2012, S. 40). Er verweist unter anderem – um ein Beispiel zu berichten – auf Seite 71 auf den Bericht eines Hospizmitarbeiters158 über einen älteren Mann, welchen Raymond Moody (vgl. Abschn. 2.2) folgendermaßen zitiert: »Der Gesundheitszustand von Mr. Sykes, dem Mann mit Alzheimer, verschlechterte sich wegen seiner Krankheit und seinem Alter ziemlich schnell, und er starb ein Jahr nach der Diagnose. Während der Zeit, die wir zusammen verbrachten, lernte ich ihn und seine Familie recht gut kennen. Ungefähr zwei Monate vor seinem Tod verfiel er in einen, wie ich sagen würde, fast vegetativen Zustand. Es war das typische letzte Stadium der Alzheimer-Krankheit. Er wusste nicht, wer er war, und erkannte seine Frau und seine Kinder nicht mehr. Er konnte nicht mehr zusammenhängend sprechen und zeigte auf keine Weise an, dass er irgendetwas von seinem Zustand mitbekam. In der Woche vor seinem Tod sahen die Krankenschwester und ich, wie er heftig zuckte. Der Tag, an dem er starb, war auf unheimliche Weise anders. Er setzte sich im Bett auf und sprach so klar wie eine Glocke, redete ganz normal, …« Moody (2011, S. 26; Text dort kursiv gedruckt; Hervorhebung: Sch.).159 158 Daniel, tätig in Greenville in North Carolina (vgl. Moody 2011, S. 25). 159 Der Inhalt der Äußerungen ist ausgesprochen bemerkenswert, tut jedoch im Hinblick auf die Prüfung von Hypothese H 1 nichts zur Sache und wird daher hier nicht referiert. Wichtig ist die Aussage, dass die Person in Anwesenheit zweier Zeugen wieder geistesklar war und wieder uneingeschränkt sprechen konnte. 227 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? Im Falle terminaler Geistesklarheit bei Schlaganfällen argumentiert Nahm (2012, S. 48): Bei einem Schlaganfall, auch Gehirnschlag genannt, wird ein Teil eines Gehirns plötzlich von der Sauerstoffversorgung abgeschnitten. […] Die betroffenen Gehirnregionen werden binnen kurzer Zeit ernstlich und oft irreparabel geschädigt. Häufig sind die betrübliche Folge dieser gefürchteten Vorkommnisse beträchtliche und dauerhafte Behinderungen sowohl auf der körperlichen als auf der geistigen Ebene, wenn nicht sogar der Tod. Deshalb ist erstaunlich, wenn ein durch Schlaganfälle beeinträchtigter Mensch plötzlich wieder zu geistiger Klarheit gelangt. Ich konnte vier Fälle von terminaler Geistesklarheit finden, in die Schlaganfälle involviert waren (Hervorhebung: Schumann). Auf den Seiten 48–51 stellt er anschließend diese Fälle vor. Ferner stellt er auf den Seiten 51 bis 57 acht Fallbeispiele von terminaler Geistesklarheit vor, bei denen entweder Gewebewucherungen, Abszesse oder sogar gewebezersetzende Tumoren im Gehirn diagnostiziert worden sind (Nahm 2012, S. 51). Zur Validität der aufgeführten Berichte Das bereits in Kapitel 2 mehrfach angesprochene Problem, letztlich auf Berichte angewiesen zu sein, ist auch Nahm vollkommen bewusst, wenn er schreibt: Dabei folge ich in dem gesamten Buch der Maxime, die Berichte von Menschen, die glauben, etwas Besonderes erlebt zu haben, ernst zu nehmen – besonders wenn es mehrere Zeugen dafür gibt. Natürlich kann ich nicht ausschließen, dass einige dieser Berichte auf Irrtümern, Halluzinationen oder schlichtweg auf vorsätzlichen Lügen basieren. Vielleicht ist es bei einigen tatsächlich so. Aber in allen Themenbereichen, die hier behandelt werden, ergeben die verfügbaren Berichte ein derart stimmiges Muster, dass ich es für fahrlässig halte, alle Berichte vollständig zu verwerfen oder sie nur 228 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? psychologisch auszudeuten (Nahm 2012, S. 16–17; Hervorhebung im Original).160 Die „Stimmigkeit“ der Berichte war auch in Kapitel 2 ein Argument dagegen, alle Berichte über Nahtoderfahrungen in Bausch und Bogen zu verwerfen. Das Argument gewinnt im vorliegenden Fall zusätzlich an Gewicht durch den langen Zeitraum, über den hinweg die Berichte gesammelt wurden sowie die Tatsache, dass heute über terminale Luzidität öffentlich kaum diskutiert wird. Mit einem Oprah-Winfrey-Artefakt161 ist schon aus diesem Grund kaum zu rechnen. Zudem gilt weiterhin, dass bereits ein einziger erwartungskonformer Fall genügt, um Hypothese H 1 zu verifizieren. Auch Nahm befasst sich mit „Dualismus“ Auch Nahm diskutiert explizit eine dualistische Position (vgl. z. B. Nahm 2012, S. 81, 115–121, 130 oder S. 159–161). So schreibt er: Können gewisse geistige Funktionen vielleicht tatsächlich weitestgehend unabhängig vom Gehirn existieren und sogar fortbestehen […]? Wer einmal einen Blick auf Bilder von den zerstörten Gehirnen der terminalen Alzheimer-Patienten geworfen hat, der mag sich tatsächlich fragen: Wo und wie sollen hier noch realitätsbezogene Erinnerungen gespeichert sein? Die Sachlage wird zudem noch durch den Befund verkompliziert, dass Menschen offenbar erhebliche Gehirnschädigungen aufweisen können, die exakt dem Alzheimer’schen Krankheitsbild gleichen – und dabei geistig vollkom- 160 Zusätzliche Validierungshinweise in Hinblick auf Todesnähe-Visionen – welche allerdings nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind – Berichtet Nahm (2012, S. 206–208). 161 Damit ist bei der Diskussion über Nahtoderfahrungen (vgl. Kap. 2) gemeint, „dass der Inhalt von Nahtoderfahrungen, von denen die Betroffenen berichten, möglicherweise davon beeinflusst wird, wie viel sie zum Zeitpunkt ihres Erlebens bereits über Nahtoderfahrungen wissen. Die etwas smarteren Forscher nennen es gern den »Oprah-Faktor«, weil die amerikanische Star-Moderatorin Oprah Winfrey in ihrer Talkshow sehr häufig über Nahtoderfahrungen berichtet und sie damit enorm bekannt gemacht hat“ (Long 2010, S. 100). 229 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? men gesund sind und auch nicht an Demenz leiden!162 Man sieht, das Verhältnis zwischen Gehirn und Geistesleistung bei älteren Menschen ist komplizierter, als es scheinen mag. Vieles liegt noch völlig im Dunkel (Nahm 2012, S. 80).163 Nahm bemerkt völlig zurecht: Wenn in einer Gehirnregion eine bestimmte Aktivität festgestellt wird und zugleich eine bestimmte geistige Regung stattfindet, so heißt dies noch lange nicht, dass diese Aktivität im Gehirn die entsprechende geistige Regung des Menschen auch produziert (Nahm 2012, S. 117; Hervorhebung: Sch.; vgl. hierzu auch Nahm 2012, S. 210–211 und 261). Er unterstreicht sein Argument mit den Worten: Schon William James (1842–1910) […] machte unmissverständlich klar, dass wir im Sinne objektiver naturwissenschaftlicher Beobachtung immer nur eine Korrelation zwischen Geist und Gehirn nachweisen können, aber niemals eine Produktion des Geistes aus dem Gehirn (Nahm 2012, S. 117). Als Überleitung zum Kapitel: „Rätselhafte Gehirnbefunde“ seines Buches erinnert Nahm an Berichte über massive Gehirnverletzungen, die offenbar keine oder nur sehr geringe Auswirkungen auf den Geisteszustand und das Erinnerungsvermögen gehabt haben. Diese und andere Phä- 162 Lisa Zieger (2010) [Online erhältlich: https://edoc.ub.uni-muenchen.de/12023/1/ Zieger_Lisa.pdf; Dissertation, abgerufen am 25.02.2019] sowie Forstmeier und Maerker (2009) [Die Reservekapazität des Gehirns beeinflusst die kognitive Funktion im Alter: Motivationale, kognitive und körperliche Facetten. Zeitschrift für Neuropsychologie, 20, 47–58; Sch.] zitieren die wichtigsten diesbezüglichen Studien. (Die Literaturverweise sind Teil des Zitats.) 163 Zusätzlich verweist Nahm an anderer Stelle auf erhebliche Schwankungen hinsichtlich ihrer Geistesverfassung bei Alzheimer-Patienten, aufgrund derer führende Wissenschaftler der Alzheimer-Forschung explizit darauf hingewiesen haben, dass diese Schwankungen mit den bisherigen Erklärungen für die Alzheimer’sche Krankheit nicht in Einklang zu bringen sind“ (Nahm 2012, S. 76). Es folgen entsprechende Literaturverweise. 230 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? nomene, die ein kritisches Licht auf die heute vielbeschworene Hypothese werfen, der menschliche Geist samt seinen Gedanken und Gefühlen sei ausschließlich ein (Neben-)Produkt der biochemischen Reaktionsprozesse von für sich genommen toten Atomen und Molekülen im Gehirn, werden im folgenden Kapitel behandelt (Nahm 2012, S. 84–85). Nahm schreibt dort mit Blick auf die Plastizität des Gehirns – einen Begriff, welchen er explizit als „beschreibend“ charakterisiert: Bilden sich die neuen Verschaltungen etwa um aufgrund der Vorgabe des menschlichen Willens und seiner versuchten körperlichen Umsetzung? Obwohl alles danach aussieht und auch alles in der therapeutischen Praxis danach ausgerichtet wird, gibt es sicherlich kaum einen modern denkenden Hirnforscher, der dies öffentlich unterschreiben würde. Denn das würde schließlich bedeuten, dass das Nebenprodukt der feuernden Neuronen, der menschliche Geist samt seinem Willen, effektive Macht über die neuronalen Prozesse des Gehirns besitzen würde – ein äußerst unangenehmer Gedanke für die meisten heutigen Gehirnwissenschaftler. […] Es erstaunt immer wieder, wie sehr dieser eigentlich offensichtliche Sachverhalt von den meisten Gehirnforschern einfach bestritten wird, und zwar ohne die Vorlage von nennenswerten Argumenten (Nahm 2012, S. 96; Hervorhebungen im Original). In diesem Sinne argumentiert er an anderer Stelle weiter: Es wird […] regelmäßig angenommen, dass das biochemische Modell erwiesen sei und für widersprüchliche Befunde erst noch handfeste Beweise geliefert werden müssen. Betrachtet man das […] zusammengestellte Material als Ganzes, so scheint sich mir die Beweislast allerdings umzukehren: Anders als oft gefordert wird, müssen zunächst einmal die Vertreter derjenigen Position, wonach das menschliche Selbsterleben mit seiner Gehirnchemie gleichzusetzen ist, dies mit aussagekräftigen Belegmaterial glaubhaft darstellen.[164] Vieles scheint dem biochemischen Modell zu widersprechen […] (Nahm 2012, S. 210; vgl. hierzu auch S. 255). 164 Ähnlich äußerte sich – bezogen auf die Erklärung von Todesnähe-Phänomenen – bereits Raymond Moody kurz nach Erscheinen seines ersten, in Abschnitt 2.2 besprochenen Buches (vgl. Moody 1997, S. 173–174). 231 Bewusstsein bei geschädigtem Gehirn? Offenbar denkt Nahm an: „The slaying of a beautiful theory by an ugly fact“ (Thomas Henry Huxley). An den obigen Aussagen zeigt sich eine deutliche Parallele zu der bereits zu Beginn von Kapitel 2 (von den dort behandelten Autorinnen und Autoren) angesprochenen Feststellung einer äußerst kontroversen Diskussion (vgl. Parnia 2013, S. 152) über das Thema „Nahtoderfahrungen“. Auch Nahm teilt damit die dort berichtete Perzeption einer abwehrenden Haltung. Seiner Meinung nach stoppt das naturwissenschaftliche Forschen wieder genau an den Stellen, wo es wirklich spannend wird (Nahm 2012, S. 97). Vorschläge für weitere Forschungsarbeit Die Übersicht von Michael Nahm wurde in erster Linie daraufhin durchgesehen, ob sich Hinweise auf terminale Luzidität finden lassen bei Menschen, deren Gehirn aus medizinischer Sicht nicht in der Lage sein kann, Bewusstsein zu erzeugen – nach jahrelanger Krankheit in Verbindung mit einer irreparablen Schädigung des Gehirns. Weist man nicht alle vorstehend angesprochenen Berichte von der Hand, so ist diese Frage durchaus zu bejahen. Ganz im Sinne Nahms (vgl. Nahm 2012, S. 272–273) lassen es seine Ergebnisse sinnvoll erscheinen, sie als Ausgangspunkt für weitere Forschungen zu verwenden. Die Situation ähnelt der anfänglichen Situation in der Nahtodforschung, in welcher die Fallsammlung Raymond Moodys (vgl. Abschn. 2.2) als Ausgangspunkt diente. Auch im Falle der „terminalen Luzidität“ bieten sich zwei Strategien für die weitere Forschung an. Die erste Strategie besteht darin, projektive Studien durchzuführen, wie dies im Falle der Erforschung von Nahtoderfahrungen von Pim van Lommel (vgl. Abschn. 2.3), Penny Sartori (vgl. Abschn. 2.4) und Sam Parnia (vgl. Abschn. 2.5) praktiziert wurde. Nahm selbst macht diesen Vorschlag (vgl. Nahm 2012, S. 138–139). In diesem Falle lägen klare medizinische Diagnosen insbesondere über die Art der Schädigungen des Gehirns vor. Es könnten Aussagen über die relative Auftretenshäufigkeit (und damit die Auftretenswahr- 232 Schumann: Bewusstsein unabhängig vom Gehirn? scheinlichkeit) terminaler Luzidität165 getroffen werden. Zudem wäre für Forschungszwecke eine Referenzgruppe von Personen verfügbar, bei denen terminale Luzidität nicht auftritt. Ferner, und dies ist, wie bereits erwähnt, ein zentraler Punkt, würden die Schwierigkeiten bei der Prüfung von Berichten aus der „Erste-Person-Perspektive“ weitestgehend entfallen – da das Phänomen von außen von Zeugen zu beobachten ist. Auch können mehrere Zeugen anwesend sein, welche gleichzeitig ein und dasselbe Phänomen beobachten, womit sich eine Validierungsmöglichkeit für die Berichte eröffnet. Hier läge unter Forschungsgesichtspunkten ein entscheidender Unterschied und Vorteil im Vergleich zur Erforschung von Nahtoderfahrungen, wo ein zentrales Problem darin besteht, Anderen prinzipiell unzugängliche Berichte aus der Erste-Person-Perspektive zu prüfen. Eine Prüfung von Hypothese H 1 dürfte damit deutlich problemloser zu realisieren sein als in Kapitel 2 beschrieben. Die zweite Strategie besteht darin, die schiere Fallzahl von Berichten über terminale Luzidität zu erhöhen, zum Beispiel ähnlich wie Jeffrey Long dies erreicht hat, indem er eine entsprechende Internetseite zur Verfügung stellte (Näheres hierzu in Long 2010). Eine andere Möglichkeit zur Erhöhung der Fallzahl bestünde in der Durchführung von Umfragen innerhalb des Pflegepersonals in repräsentativ ausgewählten Hospizen. Auch wenn die beiden Designs unter methodischen Gesichtspunkten Unterschiede aufweisen: Aus wissenschaftlicher Sicht besonders ergiebige Fälle könnten – die Verfügbarkeit entsprechender Informationen vorausgesetzt – in beiden Fällen einer genaueren Prüfung unterzogen werden und die auf diese Weise gesammelten Berichte könnten zu Validierungszwecken mit denen aus prospektiven Studien verglichen werden. Schließlich wäre es generell sinnvoll, den bereits erwähnten Vorschlag Sartoris aufzugreifen (und für die Erforschung terminaler Luzidität zu adaptieren), Personen, die entsprechenden Berichten äußerst skeptisch gegenüberstehen, in die Forschungen einzubeziehen, damit „jeder denkbare Aspekt gründlich untersucht und jede mögliche Erklärung sorgfältig geprüft“ werden kann (vgl. Sartori 2015, S. 209). 165 In der Definition: „Auftreten klaren Bewusstseins kurz vor dem Tod trotz irreparabler materieller Schädigung des Gehirns infolge jahrelanger Krankheit, welche nach derzeitigem Stand der Medizin klares Bewusstsein unmöglich macht“.

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References

Zusammenfassung

Täglich treffen wir bewusste Entscheidungen und sind dabei über weite Strecken frei, die eine oder andere Wahl zu treffen. Wirklich? Die Selbstverständlichkeit dieser Alltagserfahrung ist wissenschaftlich höchst umstritten. Häufig wird behauptet, im Gehirn autonom ablaufende neuronale Prozesse steuerten unser Verhalten. Erst danach, als Folge hiervon, entstünde unser „Bewusstsein“. Ein „freier Wille“ im oben genannten Sinne sei damit nur eine (liebgewonnene) Illusion! Wer stattdessen postuliert, dass wir die Fähigkeit besitzen, frei auf Handlungsprozesse einzuwirken, läuft Gefahr, sich über einen solchen „unabhängigen“ Eingriff in materielle Prozesse in Widerspruch zu grundlegenden naturwissenschaftlichen Annahmen zu begeben! Die vorliegende Literatursichtung präsentiert publizierte Argumente dafür, dass (als Voraussetzung für „Willensfreiheit“) Bewusstsein unabhängig vom Gehirn auftreten könne.