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Epilog: Sonnenuntergang in:

Bernd Oei

Baudelaire und die Moderne, page 381 - 384

"Meine Blumen sind nichts als bittere Tränen"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4425-4, ISBN online: 978-3-8288-7435-0, https://doi.org/10.5771/9783828874350-381

Tectum, Baden-Baden
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Epilog: Sonnenuntergang Da Baudelaires Gedichte, zumindest von seinen Zeitgenossen, häufig als anstößig empfunden werden, sei abschließend auf Susan Sontags „Gesten radikalen Willens“ (1969), ihrem Essay über die pornografische Fantasie, verwiesen. In Bezug auf Baudelaire äußert die amerikanische Kulturphilosophin, Schönheit hafte immer der Makel des Fremden, Plötzlichen und Überfallartigen an. Was sie hinsichtlich der „Geschichte von O“ sagt, gilt auch für Baudelaire: Es handelt sich um einen gefährlichen Vorstoß zu den Grenzen des Bewusstseins mit dem Vorrecht, sich exzentrischer zu verhalten als andere Menschen kraft der Einzigartigkeit des künstlerischen Gewerbes. „Die Hauptaufgabe eines Künstlers besteht darin, Erinnerungszeichen für seine Erfahrungen zu erfinden, Gegenstände und Gesten, die nicht nur erbauen und unterhalten, wie es ältere Vorstellungen vom Künstler fordern, sondern faszinieren. Sein wichtigstes Mittel der Faszination besteht darin, einen Schritt weiterzugehen in der Dialektik des Exzesses, sein Werk abstoßend, dunkel, unzugänglich zu machen, kurz das zu geben, was nicht gewünscht wird.“380 Dabei nimmt die Fantasie den wichtigsten elementaren Bestandteil von Kunst ein, sie darf nicht zensiert, tabuisiert oder moralisiert werden. Kunst hört auf, eigenständige Kunst zu sein, sobald sie erklärt oder gerechtfertigt werden muss. Sie besitzt vielmehr das Privileg, entgrenzen zu dürfen. Diese Transgression findet in Baudelaires Endzeitstimmung zweifellos statt. Pointiert bringt es der Lyriker und Philosoph Dieter Leisegang in „Lauter letzte Worte“ (1972) zum Ausdruck: „Die Kunst interpretiert die Welt nicht und kann sie auch nicht verändern. Sie ist für manche allenfalls eine Art und Weise, die Welt bzw. sich selbst zu ertragen.“381 In seinem theoretischen Werk befasst sich der zeitlebens nahezu unbekannte Leisegang mit den drei Potenzen Differenz, Identität und Iteration in Analogie mit Element, Totalität und Dimension. Dies erscheint aussagekräftig für Baudelaires Großstadtlyrik, seine Vorstellung von der Moderne und seine Flucht in eine Utopie der Schönheit, die sich gleichzeitig als Dystopie der Unangepasstheit erweist. Die in seinen Gedichten so häufig beschworene Sonne ist zum Untergang prädestiniert. Literatur und Kunst nehmen heute eine veränderte Stellung innerhalb der Gesellschaft ein, keinesfalls haben sie noch Vorbild- oder Leitfunktion. Auch für Dieter Leisegang, einen modernen Verehrer Baudelaires, ist aller Aufgang zugleich zum Untergang bestimmt. Auch er nimmt sich, wenngleich früher, direkter und schneller als Baudelaire, das Leben. Auch er schreibt, beinahe unerkannt von seinen Zeitgenossen, eine Lyrik, die kaum einer versteht oder verstehen will. Auch seine Zeit ist vom Umbruch und diversen Utopien bestimmt, die in Gewalt ex- 380 Susan Sontag, Gesten radikalen Willens, Kapitel Die pornographische Phantasie, S. 63. 381 Dieter Leisegang, Drei Potenzen der Relation, S. 21. Iteration meint Annäherung. 381 zesshaft eskalieren. Hundert Jahre liegen zwischen ihnen, doch scheinen beide Dichter von derselben schwarzen Sonne angezogen. Leisegangs Promotion „Die drei Potenzen der Relation“ (1969) untersucht das Verhältnis von interner und externer, abstrakter und konkreter Wirklichkeit, ontischen und phänomenologischen Beziehungen. Sein Gedankengang weist Analogien zu Baudelaires Verständnis von Spleen und Ideal auf. Leisegang analysiert das Verhältnis von Kunst und Klischee, dem Individuum als Produzent und als Konsument, Idee und Massenware. Im Schweigen erkennt er eine Form von Protest. Baudelaire erklärt die Welt nicht mehr, und er will sie nicht verändern, sondern er etabliert Beziehungen zwischen Sinnlichkeit und Sinn in seinem Kunstverständnis. Er gibt den Traum Hegels von der Erklärbarkeit oder Sinnhaftigkeit aller Ereignisse und damit die Idee des Absoluten in der reinen Vernunft an und für sich als unwiederbringlich verloren. Doch er träumt weiter, paradoxerweise von der absoluten Poesie, die nur sich selbst gehört. So wird das lyrische Ich zugleich zum Sprachrohr subjektiver Erlebnisse als auch bereits zu einem unbeteiligten Beobachter. Seine Empfindungen gelten ihm als die einzigen wahrhaftigen Tatsachen. Baudelaire sieht nicht weg, blickt nicht durch die gläsern anmutende Pariser Welt hindurch, doch er distanziert sich bereits von jeder moralischen Haltung. Reine Poesie wirkt immer dem Dogma und der Ideologie entgegen. Sie erkennt die Einsamkeit des Schriftstellers in ihrer Totalität an. Um es mit Leisegang zu formulieren: „Einsam ist ja noch zu leben / Hier ein Ich und dort die andern / Kann durch die Alleen wandern / Und auf Aussichtsstürmen schweben. Einsam ist noch nicht allein / Hat noch Augen, Ohren, Hände / Und das Spiel der Gegenstände / Und die Trauer, da zu sein.“382 Durch die Entfernung von dem Gebrauchswert nimmt Baudelaire das lyrische Ich gleichsam zurück und bewahrt es vor der Plattitüde. Seine Poesie nimmt das Äu- ßere ungefiltert in sich auf und schafft daraus seine eigene Gefühlswelt. Der Dichter ist Sammler, Zerstreuer und Träumer zugleich. Er konstituiert eine Stadtwelt, ohne sich mit ihr zu identifizieren, behält folglich eine unparteiische oder gleichgültige Haltung bei. Leisegang: „Ich kann mich gesellschaftlich verhalten, muß es aber nicht.“383 Homogenität und Heterogenität bilden nur Relationen, keine von ihnen ist für sich allein denkbar. Baudelaire sprengt die literarisch tradierte Form, darin besteht sein gesellschaftlicher Beitrag zur Freiheit. In seiner Zeit herrschen Sonnenuntergangstimmung der Romantik und Sonnenaufgangsstimmung der Moderne. Jedes Ende ist immer der Beginn von etwas Neuem. Ähnlich formuliert es Leisegang in seiner Sprache, etwa hundert Jahre nach dem Tod Baudelaires. Einsamkeit ist nicht zu verwechseln mit Alleinsein, Melancholie nicht mit Traurigkeit, Pessimismus nicht mit Weltverneinung. Spleen ist nicht ohne Ideal zu leben. Baudelaire Sprache verschiebt zwischen subjektivem und objektivem Verdikt die 382 Dieter Leisegang, Lauter letzte Worte, Glücklich und endlich, S. 188. Folg. Zitat. 383 Dieter Leisegang, Dimension und Totalität, S. 14. Kunst kann Formen aufbrechen und in ihrer Zerstörung gestalten. Dieser Aspekt kommt Baudelaires Konzept des Spleens nahe. Epilog: Sonnenuntergang 382 Grenzen der Kunst unablässig ohne Erlösungsanspruch. Ein Kunstwerk bedeutet, sich selbst zu sein und sich selbst zu genügen Die Moderne ist geprägt von der Angst vor Fremdheit, Angst vor dem Nichts. Sie ist es deshalb, weil sie gelernt hat, alles in Frage zu stellen und ohne verbindliche Antwort auskommen muss. Nicht nur Schönheit, auch das Hässliche liegt stets im Auge des Betrachters. Alles kann Bezug zur Kunst haben, die ihrerseits autonom ist. Folglich ist Poesie Anfang ohne Ende, ein unlösbares Paradox. Baudelaires Konzept von Spleen und Ideal verhält sich wie Leisegangs Osmose von interner und externer Relation, das Wechselverhältnis von konstituierend und konstituiert, von Methode und System, von Element und Totalität. Jede Beziehung ist gleichzeitig Teil einer Beziehungsstiftung und einer Beziehungslosigkeit, den Komplementärfarben vergleichbar. Jedes Gedicht in Les Fleurs du Mal steht einzeln für sich, doch ohne vollständig zu sein, lässt man den Bezug zu den anderen Gedichten außer Acht. Jede Kritik an Werk ist sowohl souverän für sich zu werten und dennoch immer Teil künstlerischer Entwicklung. Die Moderne ist zeitlos, immer und überall: Die Romantik war modern vom Gesichtspunkt der Klassik aus und unmodern für die Symbolisten. Der Literaturwissenschaftler Peter Alt schreibt in „Ästhetik des Bösen“ (2010) von der „Schönheit zerbrechender Ordnungen“ und vom „Schlaf der Vernunft“; welche durch „die wechselseitige Determination von Sünde und Kunst“ entsteht und die in Kierkegaard philosophisch und Baudelaire poetisch gründen. Ihr nahezu synchrones Erscheinen ist keineswegs zufällig. Die symbolische Imagination des Bösen aus der Retroperspektive: Baudelaire antizipiert die Entgleisung massenhaft durchorganisierter Boshaftigkeit, die sich in zwei Weltkriegen manifestiert. Sein Kunstverständnis steht an der Schwelle einer Epoche des Untergangs, der metaphysischen Obdachlosigkeit, die er Abgrund nennt. Baudelaire ist modern als ein künstlerischer Wegbereiter des Immoralismus; denn er übt subtil und nicht plakativ Gesellschaftskritik, indem er auf Imagination und Phantasmagorie baut, die sich nicht der banalen Gefallsucht beugen. Ein symbolträchtiger Essay Leisegangs, allerdings Kafka gewidmet, lautet „Lücken im Publikum“. Baudelaire empfindet diese Lücken gleichfalls. Nicht nur quantitativ, sondern, viel entscheidender, qualitativ. Es gibt keine Götter mehr, die dem staunenden Publikum sagen, was es empfinden soll, was gut und richtig, was schön und was hässlich ist. Die Moderne findet statt zwischen Sonnenauf- und Untergang. Vielleicht liegt das wahre Momentum ihrer Qualität dann doch auf Seiten der Ewigkeit, dem Zusammenstoß aller Farben. Möge es mehr schwarze Sonnen regnen. Epilog: Sonnenuntergang 383

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References

Abstract

Bernd Oei’s overview of the work and impact of Charles Baudelaire begins with an analysis of the translation losses in Baudelaire's main work, “Les Fleurs du Mal”. Based on selected poems by Baudelaire, a comparison with romantics and modern literary figures follows. Essays and aphorisms create references to aesthetics and art reception, to philosophical hermeneutics as well as central terms "spleen" and "ideal".

A comparison with Rimbaud, Lautréamont, Mallarmé and Trakl illustrates the continuation of Baudelaire's ideas in symbolism, surrealism, “l’art pour l’art” and expressionism. A comparison with Heine sensitizes to differences in German and French romanticism and forms of poetic revolt.

Zusammenfassung

Bernd Oeis Überblick über Schaffen und Wirkung Charles Baudelaires beginnt mit einer Analyse der Übersetzungsverluste in Baudelaires Hauptwerk, „Les Fleurs du Mal“. Anhand ausgewählter Gedichte Baudelaires folgt ein Vergleich mit Romantikern und Literaten der Moderne. Essays und Aphorismen stiften Bezüge zur Ästhetik und Kunstrezeption, zur philosophischen Hermeneutik, zu den zentralen Begriffen „Spleen“ und „Ideal“.

Die Komparatistik mit Rimbaud, Lautréamont, Mallarmé und Trakl verdeutlicht die Fortführung von Baudelaires Ideen in Symbolismus, Surrealismus, l’art pour l’art und Expressionismus. Der Vergleich mit Heine sensibilisiert für Unterschiede in der deutschen und französischen Romantik und Formen dichterischer Revolte.