5 Fazit in:

Matthias Michael Wieser

Vom Transhumanismus zum technischen Staat, page 99 - 104

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4423-0, ISBN online: 978-3-8288-7433-6, https://doi.org/10.5771/9783828874336-99

Series: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie, vol. 19

Tectum, Baden-Baden
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99 5 Fazit In dieser Arbeit wurde die Frage gestellt, ob dem Transhumanismus eine technokratische Denkweise zugrunde liegt. Dazu wurde zuerst der Begriff der Technokratie entfaltet, wie es exemplarisch in der Nachkriegsdebatte in Westdeutschland geschehen ist. Hier wird Technokratie als Sachherrschaft im Gegensatz zu einer Demokratie als Volksherrschaft definiert. Anhand von Schelskys Thesen über den technischen Staat wurde sodann ein Ausgangspunkt für eine neue Betrachtungsweise auf den Transhumanismus entwickelt. Neben einer allgemeinen Vorstellung des Transhumanismus wurde besonderer Augenmerk auf die politischen Konnotationen gelegt, mit denen dieser in seinen verschiedenen Formen auftritt. Ein Blick auf die umfangreiche (Vor-)Geschichte des Transhumanismus sollte dabei ein möglichst vollständiges Bild erschließen. Dies erschien notwendig, um nicht, unzulässig ausgehend von einzelnen, besonderen Erscheinungsformen, auf einen übergreifenden, allgemeinen Charakter des Transhumanismus zu schließen. Der anschließend vergleichende Blick auf die historischen und aktuellen Protagonisten konnte eine bemerkenswerte Metamorphose des Transhumanismus aufzeigen. So wurde mit Bernal ein Denker des Proto-Transhumanismus angeführt, der ein Kommunist mit einem ausgeprägten technokratischen Hang war. Dies steht im diametralen Gegensatz zu den politischen und ökonomischen Grundannahmen des libertären Extropianisten More. Die paternalistische Transformation des Mensch-an-sich wurde zu einer liberalen Selbst-Transformation des Mensch-für-sich. Mit dem akademischen Transhumanismus Bostroms findet sich eine Position, die am Individualismus der Libertären festhält, allerdings die Anwendung und Verfügbarkeit von Technologie regulieren möchte. Während Bernal einen technischen Staat, wie ihn Schelsky heraufbeschworen hat, begrüßen würde, lehnen die neuen Transhumanisten zentralistische und autoritäre soziale Ordnung ab. Es konnte gezeigt werden, dass der Transhumanismus ganz unterschiedlich auftreten kann, allerdings nicht zufällig, sondern abhängig von der Formation der Gesellschaft. In der Phase des Staatsinterventionismus ist der Transhumanismus paternalistisch aufgetreten, während es in der marktfundamentalen Phase eine subjektive Wendung gab. Es liegt der Schluss nahe, dass der Kern des Transhumanismus tatsächlich nicht politisch zu fixieren ist, mithin, dass – wie in der 100 technokratischen Theorie behauptet – die politische Dimension für die gesellschaftliche Entwicklung durch Technik nachrangig ist. In der Konfrontation des Transhumanismus mit der Theorie von Schelsky zeigt sich, dass der Transhumanismus bestimmte Grundannahmen von Schelsky auf erweiterter Eingriffstiefe reproduziert. In der wissenschaftlichen Zivilisation universalisiert sich eine moderne Art und Weise der Technik, die alle Gegenstände in ihre letzten „unnatürlichen Grundelemente“ analysiert, zerlegt und sie nach dem „abstrakten Prinzip der höchsten Wirksamkeit“296 neu synthetisiert. Der Transhumanismus ist die Anwendung dieses Prinzips auf den Menschen selbst. Der (Post-)Mensch und seine Umwelt wird zu einem Produkt des (Post-)Menschen. Nicht jede einzelne Vorstellung der Transhumanisten entspricht dieser Totalität, aber in ihrer Gesamtheit steuern sie unweigerlich darauf zu, da jegliche Themen nur technisch aufgefasst und bearbeitet werden können. Der Mensch ist hier nichts anderes als ein Objekt technischer Bearbeitung, also ein Produkt. In dieser Denkweise wird die Möglichkeit des Politischen untergraben, da auch nicht-technische Probleme nur noch mit den „Methoden der modernen Güterproduktion“297 behandelt werden können. Gegen diese Interpretation wurden zwei Einwänden angeführt. Zum einen hatte Schelsky ganz andere Technologien vor Augen als die Transhumanisten, nämlich Organisations-, Sozial- und Humantechniken, welche zunehmend in ingenieurmäßiger Art und Weise vollzogen werden und zu einer möglichen Manipulation des Menschen eingesetzt werden können. Diese Techniken werden somit zu Produktionswissenschaften, mit denen der Mensch sozial und seelisch bearbeitet wird, während die Technologien, welche den Transhumanisten vorschweben, weit darüber hinaus gehen. Der Hinweis auf die Unterschiedlichkeit der Technologien ist allerdings kein hinreichendes Argument gegen eine Interpretation des Transhumanismus mit den Thesen von Schelsky. Ganz im Gegenteil entspricht der Transhumanismus einer erweiterten Eingriffstiefe der wissenschaftlichen Methode auf die „leiblichen, seelischen und sozialen Bezügen“ des Menschen, die zu seiner „Umkonstruktion und Neuformung“298 führen. 296 Schelsky, „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“, 457. 297 Ebd., 456. 298 Ebd., 460. 101 Es ist ein Verdienst der zeitgenössischen Kritiker von Schelsky, darauf aufmerksam gemacht zu haben, dass die als unideologisch dargestellte technokratische Theorie in Wirklichkeit selbst ideologische Züge trägt. Dies gilt gerade für Schelskys maßgebliches Sachzwang- Argument, das besagt, dass in der wissenschaftlich-technischen Zivilisation und erst recht im voll entfalteten technischen Staat, allein der „Sachzwang der technischen Mittel, [...] unter der Maxime einer optimalen Funktions- und Leistungsfähigkeit“299, herrscht. Dieser Sachzwang soll für alle Elemente der Gesellschaft einsehbar sein, da dieser nur durch die objektive wissenschaftliche Methode fundiert sei. Dies führe zu der Vorstellung einer besten technischen Lösung, die rein rational begründet werden kann. In einer von Ropohl geschilderten normativen Wende der Technikphilosophie wurde die Annahme einer besten technischen Lösung sowie des Technikdeterminismus jedoch verworfen. Diese Leitidee wurde abgelöst von der Annahme einer Vielzahl an technischen Lösungen, die alle für sich genommen rational begründet werden können. Somit wird ein normatives Feld der Technik vorgeschaltet, das Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Gerade der totgeglaubte technologische Determinismus300 ist eine der theoretischen Grundannahmen der verschiedenen Ausprägungen des Transhumanismus, sowie der kalifornischen Ideologie. Auch wenn die zeitgenössischen Transhumanisten weder ideologisch und schon gar nicht technokratisch sein möchten, ist zu konstatieren, dass die Vorstellung eines, wie auch immer gearteten technologischen Sachzwangs auch für die Transhumanisten maßgeblich ist. Ihr Denken und Handeln wird wiederum dieser Sachgesetzlichkeit unterworfen. Ein schwerwiegender Einwand gegen die Wesensverwandtschaft der technokratischen Theorie und den Varianten des Transhumanismus liegt in der Differenz der Modellierung technischer Systeme. Während Schelsky immer technische Großsysteme vor Augen hatte, denken die neuen Transhumanisten in autonomen Subsystemen. Eine Technokratie mit zentralistischen oder gar totalitären Zügen ist mit einem solchen Modell in der Tat nicht vereinbar. Allerdings spricht Schelsky in seiner Strukturanalyse des technischen Staates keineswegs von einer persönlichen oder gar zentralen Herrschaft einzelner Techniker oder Technokraten, sondern davon, dass das Handeln und 299 Ebd., 469. 300 Weiterführend Hubig, Die Kunst des Möglichen III. Grundlinien einer dialektischen Philosophie der Technik. Die Macht der Technik, 27 ff. 102 Denken der Menschen der wissenschaftlichen Methode und ihrer technischen Anwendung unterworfen wird. Diese Form des technischen Staates könnte gewissermaßen als Meta-Technokratie bezeichnet werden, welche nicht notwendigerweise als zentralistisch gedacht werden muss, da die autonomen Subsysteme und ihre Vernetzung durchaus den von Schelsky geschilderten objektiven Gesetzen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation folgen. Die These des technokratischen Transhumanismus muss also nicht verworfen werden, allerdings ist eine Relativierung vorzunehmen. Die Vorstellungen von sozialen Ordnungen der Transhumanisten sind nicht totalitär, da nicht jedes Element zwangsintegriert werden soll, und nicht zentralistisch, da kein zentrales Machtzentrum angestrebt wird. Transhumanisten haben stattdessen ein Idealbild eines politischen Systems vor Augen, welches wie ein selbstregulierendes Netzwerk von autonomen Subsystemen funktionieren soll. Dieses gleicht einem reibungslos fungierendem, sozial-kybernetisches System, welches ein Höchstmaß an Effektivität und Effizient aufweisen soll und dabei – ganz wie der technische Staat von Schelsky – auf politischer Ebene als herrschaftsfrei erscheint: ein meta-technokratischer neuer technischer Staat. „What types of society posthumans will live in depends on what types of posthumans eventually develop. One can project various possible developmental paths [...] which may result in very different kinds of posthuman, transhuman, and unaugmented human beings, living in very different sorts of societies.“301 Auch der politische Partikularismus von Bostrom, demzufolge unterschiedliche Wesen nach ihren eigenen Regeln leben können sollen, widerspricht dem Konzept eines technischen Staates. Denn in diesem besteht tendenziell ein Zugriffsanspruch auf die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit. Diese anti-universalistischen Tendenzen wären allerdings die Grundlage und Legitimierung für die von Bernal befürchtete Spaltung der Menschheit in einen technologisierten und zurückgebliebenen Teil. Unabhängig von der Realisierbarkeit der transhumanistischen Vorstellungen, sind diese der passende „way of thinking“302 für die virtuelle Klasse, in ihrer bevorzugten Stellung inner- 301 Bostrom, „The Transhumanist FAQ. A General Introduction“, 32. 302 Ebd., 4. 103 halb der globalen Arbeitsteilung samt der zugrundeliegenden Eigentumsverhältnisse. Die ökonomischen und sozialen Hintergründe können hier nur knapp angerissen werden, aber diese Entwicklung findet vor dem Hintergrund eines sich zunehmend in den Zentren der (Welt-)Gesellschaft konzentrierenden Kapitals statt. In den Metropolen, dem Habitat der virtuellen Klasse, werden vornehmlich die Profite aus dem Verwertungsprozess abgeschöpft, während die Peripherie lediglich für die Rohstoff-Bereitstellung zuständig ist. Es tut sich ein zunehmender Graben auf, zwischen einem am Weltmarkt partizipierenden (Post-)Bürgertum und einem für den Verwertungsprozess des Kapitals überflüssigen und somit abgehängten Rest der Menschheit. Bernals Befürchtungen schlagen sich somit nicht in unterschiedlichen evolutionären Wegen, einer biologischen Spaltung der Gattung nieder, sondern in einer sozialen, ökonomischen und auch ideologischen Spaltung der Menschheit, die sich sowohl lokal als auch global vollzieht. Der Transhumanismus ist ein ideologisches Angebot an die technologischen Eliten, welche einem Technikfetischismus ohne Endzweck frönen, und keineswegs für den ausgeschlossenen Teil der Menschheit. Der Transhumanismus ist das Kokain der virtuellen Klasse des Silicon Valley. Die Vorstellungen der Transhumanisten vollziehen sich maßgeblich in Form des technischen Herstellens, ganz im Sinne von Arendt. Der Bereich des politischen Handelns gerät in einen Widerspruch zur Form des technischen Herstellens und verliert in der transhumanistischen Ideologie seinen Platz und Berechtigung. Vorbedingung eines nicht-technokratischen Transhumanismus müsste jedenfalls die Anerkennung nicht-technischer Sphären des menschlichen Lebens sein, die weder technisch modellierbar noch beherrschbar sind. Der in dieser Arbeit nur am Rande behandelte technoprogressive Transhumanismus liefert im Prinzip Ansätze dafür, da hier dem politischen bzw. sozialen Fortschritt eine eigene Gewichtung zugebilligt und nicht nur als abgeleitetes Phänomen der technischen Entwicklung verstanden wird. Das Politische wird darin auch nicht vorweg als potentielles Hemmnis der eigenen Vorstellungen über die Zukunft gesehen. Allerdings gerät diese Erkenntnis immer wieder in Konflikt mit jenen technokratischen Elementen des transhumanistischen Denkens, die den Menschen bis in sein Innerstes durch die wissenschaftliche Methode analysieren und neu synthetisieren möchten. Der Widerspruch zwischen politischem Handeln und technischem Herstellen bleibt auch hier in einem Spannungsverhältnis bestehen. Was dem Transhumanismus schlussendlich zugutegehalten werden kann, sind 104 die in ihm überdauerten humanistischen Restbestände, welche das individuelle Wohl des Menschen in den Mittelpunkt stellen. Jedoch bleiben auch diese Reste des Humanismus permanent durch den möglichen Umschlag in ihr Gegenteil bedroht: Von der Proklamation eines absoluten Individualismus zur Sehnsucht nach einer Auflösung der Subjektivität im vernetzten Kollektiv. Von der abstrakten Bejahung vom Wert des Lebens und der zwischenmenschlichen Toleranz zur Abwertung des Schwachen, Verletzlichen und Vergänglichen. Und schließlich: Vom Zuspruch zur Demokratie zum Wunsch der Überwindung des Politischen (im Sinne demokratischer Willensbildung) und der Forderung einer technologisch legitimierten Expertenherrschaft: einem neuen (meta-technokratischen) technischen Staat.

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Abstract

Transhumanists propagate the possibility of physically and mentally 'enhancing' and 'overcoming' the human race by using technology and science. In doing so, they present a liberal self-conception that is supposedly compatible with democratic structures. In contrast to this line of thought, this thesis shows that transhumanist ideology inherently carries technocratic features. To this end, it draws on Helmut Schelsky's theories on the technical state. In 1961, Schelsky affirmatively diagnosed an emerging technocracy of the scientific civilization. According to this argument, the universalization of the scientific method transforms negotiable issues into undeniable constraints and thus gradually dissolves classical parliamentary democracy. This thesis shows that contrary to its liberal self-conception, contemporary transhumanism reproduces Schelsky's basic technocratic ideas.

Zusammenfassung

Transhumanisten propagieren die Möglichkeit der ‚Verbesserung‘ und ‚Überwindung‘ des Menschen durch den Einsatz von Technologie und Wissenschaft. Dabei treten sie mit einem liberalen Selbstverständnis auf, welches kompatibel zu demokratischen Strukturen sein soll.

Dem entgegengesetzt wird in dieser Arbeit die These vertreten, dass die transhumanistische Ideologie immanente technokratische Züge trägt. Dazu werden die Thesen von Helmut Schelsky zum technischen Staat rekapituliert, der 1961 affirmativ eine aufkommende Technokratie in der wissenschaftlichen Zivilisation diagnostizierte. Nach Schelsky verwandle die Universalisierung der wissenschaftlichen Methode verhandelbare Streitfragen in unbestreitbare Sachzwänge und löse damit die klassische parlamentarische Demokratie schleichend auf. In dieser Arbeit wird gezeigt, dass der gegenwärtige Transhumanismus, entgegen seinem liberalen Selbstverständnis, die technokratischen Grundüberlegungen von Schelsky reproduziert.