1 Begriffsklärung in:

Matthias Michael Wieser

Vom Transhumanismus zum technischen Staat, page 7 - 18

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4423-0, ISBN online: 978-3-8288-7433-6, https://doi.org/10.5771/9783828874336-7

Series: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie, vol. 19

Tectum, Baden-Baden
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7 1 Begriffsklärung 1.1 Post- und Transhumanismus – eine Vorstellung und Differenzierung In diesem Abschnitt sollen grundlegende Auffassungen des Transhumanismus und erste Differenzierungsangebote vorgestellt werden, um einen begrifflichen Rahmen zu schaffen. Dabei wird eine Abgrenzung zu der bisweilen synonym begriffenen Strömung des Posthumanismus gezogen. Für Sorgner vertritt die „Mehrheit der Transhumanisten ein diesseitiges, materialistisches, naturalistisches, relationales oder immanentes Verständnis der Welt.“9 Er schlägt folgende Definition vor: „Transhumanismus bejaht den Gebrauch von Techniken, um die Wahrscheinlichkeit der Entstehung des Posthumanen zu erhöhen.“10 Ein Transhumanist, verstanden als Anhänger des Transhumanismus, vertritt dieses Programm. Er nimmt also lediglich eine Haltung ein, ist selbst aber noch ein gewöhnlicher Mensch. In der Figur des Transhumanen sollen die Vorstellungen der Transhumanisten schon (ansatzweise) realisiert sein, hier gibt es allerdings unterschiedliche Auffassungen. Der Futurist Fereidoum M. Esfandiary, welcher sich im Laufe seines Lebens in FM-2030 umbenannte, zählt den Transhumanen noch zur menschlichen Gattung, auch wenn in diesem Eigenschaften verwirklicht werden sollen, welche das Normalmenschliche überschreiten. Der Transhumane hier ist eine Übergangsform zum Posthumanen11, welcher wiederum die nächste Stufe in der Evolution nach dem Menschen darstellt. Für Nick Bostrom hingegen gehört der Posthumane noch zur menschlichen Gattung, besitzt „jedoch Eigenschaften und Fähigkeiten, die weit über die hinausgehen, die die gegenwärtig lebenden Menschen besitzen.“12 An welcher Stelle sich der Bruch zwischen Menschen, Transhumanen und Posthumanen genau vollziehen soll, bleibt allerdings unklar; dies gibt selbst Bostrom zu: 9 Sorgner, Transhumanismus, 71. 10 Ebd. 11 Wenn im Folgendem von einem Posthumanen die Rede ist, dann von einem transhumanistischen Posthumanen und nicht von einem posthumanistischen Posthumanen. (Weiterführend Philbeck, „Post- and Transhumanism: Ontology“, 175 f.) 12 Sorgner, Transhumanismus, 18. 8 „[T]he concept of the transhuman is too vague for there to be a definitive answer.“13 Im Transhumanismus ist jedenfalls nicht nur die Vorstellung der Optimierung des Menschen enthalten, sondern auch dessen Überwindung. Die Bewegung des Transhumanismus tritt für Legitimität der Anwendung von Bio-, Informations- und Nanotechnologie am Menschen ein und plädiert sogar für dessen Notwendigkeit, sobald ein bestimmter Grad an Reife der Technologien vorhanden ist. In einer Nicht-Handlung wird eine größere Unzulässigkeit als in einer Handlung, bezüglich dem Wohl zukünftiger Generationen, gesehen.14 Im Gegensatz zur bisherigen Geschichte der Medizin sollen nicht nur körperlich oder seelisch Beeinträchtigte behandelt werden, sondern vor allem auch als gesund geltende. Das Ziel ist also nicht die Wiederherstellung oder der Schutz eines gesunden Zustandes oder die Kompensation einer Einschränkung, sondern die Verschiebung der Norm in eine als ‚verbessert‘ angesehene Richtung. Konkret handelt es sich um eine ganze Bandbreite an Methoden, die zu einer „Verlängerung der Gesundheitsspanne“, „Verbesserung physiologischer, und intellektueller Fähigkeiten“ und selbst zum „Enhancement der Emotionen zur Förderung der Moralität“15 führen sollen. Es fällt auf, dass unter dem Begriff des Transhumanismus ganz verschiedene Vorstellungen, die mit ganz unterschiedlichen Technologien realisiert werden sollen, enthalten sind. Somit drängt sich eine weitere begriffliche Differenzierung auf. Die konkreten Vorstellungen der Zukunft der (Post)-Menschheit differenzieren sich dementsprechend, je nachdem, auf welche Schlüsseltechnologie gesetzt wird. Die Optimierungstechnologien teilen sich in genetische, morphologische, pharmazeutische und Cyborg-Erweiterungen auf.16 Sorgner bietet die Unterscheidung zwischen Kohlenstoff- und Silizium-basiertem Transhumanismus an. Der sog. Kohlenstoff-basierte Transhumanismus setzt auf die Erweiterung und Verbesserung des bestehenden menschlichen Körpers, beispielsweise durch Prothesen. Dies wäre ein Schritt in Richtung eines Cyborgs (cybernetic organism), also eines Mensch-Maschine-Hybridwesens. 13 Bostrom, „The Transhumanist FAQ. A General Introduction“, 6. 14 Vgl. Woyke, „Human Enhancement und seine Bewertung – eine kleine Skizze“, 24 f. 15 Sorgner, Transhumanismus, 34. 16 Vgl. ebd., 40 ff. 9 Auch die Vorstellungen von biologischen Eingriffen, welche in frühen Formen des Human Enhancement hegemonial waren, fallen darunter. Im Gegensatz dazu möchte der sog. Silizium-basierte Transhumanismus den Geist vom Körper trennen, das ‚Mind-Uploading‘, und in neue organische oder unorganische Körper ‚kopieren‘ oder den Geist gleich im Cyberspace leben lassen.17 Die Theoretiker der technologischen Singularität gehen noch einen Schritt weiter. Hier ist die Idee der Schaffung einer ‚super-intelligenten‘, dem Menschen überlegenen, künstlichen Intelligenz zentral. In diesem bisher letzten Akt des Transhumanismus spielt der Mensch im Prinzip eine untergeordnete Rolle.18 Abhängig von der jeweiligen hegemonialen Leitwissenschaft, sei es die Mechanik, die Biologie oder die Informationstechnologie, werden auch die Vorstellungen der Menschen von der Zukunft beeinflusst. Hier treten gewisse Unstimmigkeiten auf. Warum sollte gemäß der Transhumanisten auf dem Feld der Biologie weiter geforscht werden, wenn die Menschheit sich in Zukunft in Maschinen ‚weiterentwickeln‘ wird? Hier begegnen uns zudem widersprüchliche ontologische Annahmen. In einem mechanisch-materialistischen Verständnis soll es mit einem detaillierten Scan eines Gehirns möglich sein, alle Erfahrungen und die gesamte Persönlichkeit zu erfassen, um dies anschließend in einer Softwareumgebung neu zu emulieren. Geistige Aktivitäten werden reduktionistisch auf abstrakte Funktionen zurückgeführt, ganz im Geiste der Neurowissenschaften. Gerade durch die Absprachen des Geistigen als eigene Entität, im Gegensatz zur Materie, wird die Trennung von Geist und Körper durch die Hintertür wieder eingeführt. Denn durch moderne Technologie soll die Kopplung von Geist und Materie aufgehoben werden können, wodurch sich der Geist von der Materie befreien würde. Durch Interaktion und Erweiterung mittels Technik stellt der Transhumanismus das Selbstbild der Menschen in Frage. Eine Gemeinsamkeit mit dem Posthumanismus ist, dass der Mensch nicht mehr als das Maß aller Dinge angesehen wird. Andere Wesen, biologisch oder nicht-biologisch, können dem Menschen gleichgestellt werden, wenn diese ihm in Empfindung, Intelligenz und Persönlichkeit ebenbürtig sind. Die Bezeichnungen Trans- und Posthumanis- 17 Vgl. ebd., 76 f. 18 Weiterführend Kapitel 6 „Ausblick: technologische Singularität“, 105. 10 mus werden manchmal synonym verwendet, doch gibt es, neben einigen Übereinstimmungen, allerdings erhebliche Differenzen. Der Posthumanismus steht im Gegensatz zum Transhumanismus kritisch dem Renaissance-Humanismus und der europäischen Aufklärung gegenüber. Während Transhumanisten unbeirrt am wissenschaftlich-technischen Fortschritt festhalten, stehen Posthumanisten diesem skeptisch gegenüber. Den Posthumanisten geht es weniger um eine biologische Verbesserung des Menschen als um eine Überwindung des Konzeptes des Mensch-an-sich, wodurch ein neues Selbstverständnis des Menschen entwickelt werden soll. Während Transhumanisten sich (größtenteils) als Hyper-Humanisten sehen, möchten die Posthumanisten mit dem Humanismus brechen.19 „Transhumanisten haben eine lineare Denkweise, nutzen technische Begriffe und greifen zumeist auf eine naturwissenschaftliche Methodenlehre zurück. Posthumanisten dagegen haben eine nicht-lineare Art des Denkens, gebrauchen metaphorische Begriffe und haben eine hermeneutische Methodenlehre.“20 Eine der bekanntesten Vertreterinnen des Posthumanismus ist Donna Haraway, die 1985 mit Ein Manifest für Cyborgs eine posthumanistische Interpretation transhumanistischer Vorstellungen veröffentlicht hat. Ihrer Meinung nach sind die Dualismen der westlichen Tradition, wie Selbst/Andere, Geist/Körper, Kultur/Natur, männlich/weiblich, zivilisiert/primitiv usw., geschaffen worden, um Herrschaft über das Andere (Frauen, farbige Menschen, Natur, Arbeiter und Tiere) auszuüben, während das Selbst der Eine ist, der sich der Herrschaft entzieht. Die moderne Hochtechnologie fordert diese Dualismen heraus. Die klare Abgrenzung zwischen Mensch und Maschine, also zwischen Gewordenem und Gemachtem, verschwimmt, so dass die ontologische Unterscheidung verschwindet.21 Im Denken von Haraway legt die technologische Herausforderung den Grundstein für den ‚Traum‘ einer post-gender Welt.22 19 Vgl. Sorgner, Transhumanismus, 78 ff. 20 Ebd., 82. 21 Vgl. Haraway, „Ein Manifest für Cyborgs“, 67. 22 Vgl. ebd., 71. 11 1.2 Vom Renaissance-Humanismus zum evolutionären Humanismus Der Transhumanismus verweist unweigerlich auf den Begriff des Humanismus. Tatsächlich stellen sich viele Transhumanisten in eine historische Linie, welche von dem Renaissance-Humanismus ausging, allerdings nicht bruchlos. Daher lohnt es sich, vor der Analyse des Transhumanismus, die Grundzügen des Humanismus zu skizzieren, um in Ansätzen verstehen zu können, worin die Kontinuitäten und Brüche liegen. Heute wird im allgemeinen unter Humanismus eine „Wiederbelebung der Antike gegenüber einem zerfallenden mittelalterlichen Weltbild“ verstanden, welche das „neuzeitliche Denken“ des „wissenschaftlichen Zeitalters“ einläutete und sogar die „moderner Rationalität mit sich gebracht habe“23. Der Humanismus kennzeichnet somit nichts weniger als eine Schwelle zwischen den Epochen Mittelalter und Neuzeit. Die Bezeichnung Humanismus wurde erst 1808 von Friedrich Immanuel Niethammer verwendet, um eine pädagogische Strömung zu bezeichnen. Wilhelm von Humboldt wollte stattdessen die Bezeichnung ‚alterthumswissenschaftliche Studien‘ verwenden. Hierbei ist zu beachten, dass Humanismus ein Begriff ist, der retrospektiv eingeführt wurde und dem nachgesagt wird, dass er einige Elemente einer modernen Weltanschauung nachträglich in diese Bewegung hineingelegt hat.24 Unser Begriff von Humanismus beinhaltet das Resultat eines Prozesses, und im Resultat verschwindet der Prozess. Ausgangspunkt des Humanismus war ein mittelalterliches Weltbild, von dem sich eine Mehrzahl der Gelehrten und Künstler in Italien des 15. Jahrhunderts nach und nach emanzipierten.25 Die Ordnung im Mittelalter war universell. Jedes einzelne Element, wie auch der Mensch, nahm darin eine feste Rolle ein und hatte einen zentralen Platz unter Gott im Kosmos. Der menschlichen Seele wurde zwar die Fähigkeit zugesprochen, in der Hierarchie des Kosmos auf dem Weg der Erkenntnis aufzusteigen, allerdings benötigt diese als Orientie- 23 Hubig, „Humanismus - die Entdeckung des individuellen Ichs und die Reform der Erziehung“, 31. 24 Vgl. ebd. 25 Vgl. Russell, Philosophie des Abendlandes, 499. 12 rung die Hilfe der Kirche. Philosophischer Höhepunkt des Mittelalters war die scholastische Philosophie, welche einen starken systematischen Charakter aufzeigte. Gerade die Scholastik wurde von den Humanisten vehement abgelehnt und bekämpft, allerdings handelt es sich bei den neuen Weltentwürfen weniger um gänzlich neue Gedanken, sondern um Uminterpretationen von bekannten Erkenntnissen und geahnten Zusammenhängen.26 „Das Paradox dieser Uminterpretation lautet: Dadurch, daß der Mensch sich nicht mehr als Zentrum des Universums begreifen konnte, das heißt seine Bedeutung innerhalb der anthropozentrischen mittelalterlichen Ordnung verlor, wurde er frei, sich als Individuum zu fühlen.“27 Der Renaissance-Humanismus war keine Massenbewegung, sondern die Sache einer kleinen Elite. Es herrschte ein Zeitgeist vor, in dem die Autorität der katholischen Kirche in Europa schwand. Während im Mittelalter die Macht der Kirche und der weltlichen Herrscher gewissermaßen einen Gleichgewichtszustand inne hatten, gewannen die Staaten allmählich die Oberhand. Die ganze Kultur wurde tendenziell mehr weltlich und weniger geistlich. Diese zunehmend weltliche Ordnung der Neuzeit hatte im Gegensatz zur mittelalterlichen weniger Einfluss auf die Philosophen, wodurch diese mehr Freiheiten in ihren Ansichten erlangten.28 „Die Ablehnung der kirchlichen Autorität, das negative Charakteristikum der Neuzeit, setzt früher ein als das positive, die Anerkennung der wissenschaftlichen Autorität.“29 Die italienische Renaissance kann weder als mittelalterlich noch als modern charakterisiert werden. Eine Verwandtschaft ist eher mit der Geisteshaltung des antiken Griechenlands zu finden.30 Die Autorität der Kirche wurde durch die Autorität der antiken Philosophen ersetzt, wobei der prinzipielle Respekt gegenüber Autoritäten zunächst erhalten blieb. Dies führte zunächst dazu, dass die Gelehrten auch für so etwas wie die antike Astrologie empfänglich wurden. Die Philoso- 26 Vgl. Hubig, „Humanismus - die Entdeckung des individuellen Ichs und die Reform der Erziehung“, 31 ff. 27 Ebd., 32. 28 Vgl. Russell, Philosophie des Abendlandes, 499. 29 Ebd., 500. 30 Vgl. ebd., 534. 13 phen der italienischen Renaissance waren allerdings nicht mehr verpflichtet dem katholischen Dogma zu folgen; „ein vollständiges System [...], das die menschliche Sittlichkeit, die Hoffnung der Menschen und die vergangene wie die zukünftige Geschichte des Universums umfaßt.“31 Sie trugen die Debatten antiker Philosophen erneut aus und mussten sich beispielsweise zwischen Aristoteles und Platon selbst entscheiden bzw. eine eigene Akzentuierung entwickeln, was einen Schritt in Richtung Emanzipation bedeutete. Die Leistung der Philosophie der Renaissance wird weniger in der Entwicklung von Neuem, sondern mehr in der Vorbereitung des Nachfolgenden gesehen: den Errungenschaften der Naturwissenschaften und ihren Erfolgen im siebzehnten Jahrhundert.32 Für weitere Überlegungen in diesem Kontext ist von Bedeutung, dass der Mensch im Humanismus zu Gottesebenbildlichkeit aufsteigt. Die Idee des gottesebenbildlichen Menschen hat sowohl christliche als auch antike Wurzeln, kommt allerdings erst in der Renaissance vollkommen zur Geltung. 33 Die Renaissance-Philosophie bezieht sich auf die biblische Schöpfungsgeschichte: „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn“34; auf den Ausspruch des Pythagoras nachdem der Mensch das Maß aller Dinge sei und wenden dies dahingehend, dass der Mensch sich als „Personifikation des göttlichen Logos begreifen kann“35 und dadurch Gott näher kommt. D.h., der Mensch erlangt „Selbstständigkeit und Identität – allerdings erst in Gott“ 36. Dieser Aspekt ist deshalb von Bedeutung, da im Humanismus zwar die Individualität und das einzelne Subjekt entdeckt wird, welches sich hier allerdings nur mit Gott verwirklichen kann. Der Humanismus der Renaissance stieß verschiedene Reformbewegungen des mittelalterlichen Bildungssystems an, welche die Lehrpläne neu systematisierten und sich dabei auf neu entdeckte und herausgegebene antike Schriftsteller bezogen. Die Reformbewegungen 31 Ebd., 500. 32 Vgl. ebd., 500 ff. 33 Vgl. Stapelfeldt, Aufstieg und Fall des Individuums Kritik der bürgerlichen Anthropologie, 60 f. 34 Bibel / Die Bibel. 1. Mose 1,27. 35 Vgl. Stapelfeldt, Aufstieg und Fall des Individuums Kritik der bürgerlichen Anthropologie, 60 f. 36 Vgl. ebd. 14 waren nicht einheitlich, hatten aber gemeinsame Voraussetzungen: „die neu formulierte individuelle Intentionalität, die zu entfaltende Ich-Identität des einzelnen, die klar herausgestellte Willensfreiheit und sittliche Kompetenz der Individuen.“37 Darin wurde das Naturverhältnis neu definiert, was sich sowohl in den aufkommenden Naturwissenschaften, als auch in der Produktivität der Künstler ausdrückte.38 Als Bindeglied zwischen Humanismus und Transhumanismus kann der Anfang/Mitte des 20. Jahrhunderts von Julian Huxley begründete evolutionäre Humanismus angesehen werden. Diese relativ neue Form des Humanismus orientiert sich an den Naturwissenschaften, insbesondere an der Evolutionstheorie. Diese fungiert als Leitwissenschaft und wird von Huxley auch auf prä- und postbiologische Entwicklungen angewendet. Nach Huxley befindet sich der Mensch in einem Stadium der Evolution, welches er psychosozial nennt. Ideensysteme entwickeln sich, scheitern und werden von potentiell höher entwickelten abgelöst, unterliegen also ähnlichen Mechanismen wie die biologische Evolution. Im Gegensatz zur bisherigen bewusstlosen organischen Evolution gibt es in der psychosozialen Phase Ziele und Zwecke, welche durch den Menschen bestimmt werden. Huxley möchte ein eigenes Vorstellungs- und Glaubenssystem aufbauen, das dem modernen Menschen Orientierung bietet und die alten klassischen Religionen ablöst. Huxley entwirft den evolutionären Humanismus als ein allumfassendes nicht partikularistisches, naturalistisches nicht supranaturalistisches und einheitliches nicht dualistisches Ideensystem. Es vertritt eine Einheit von Geist und Körper bzw. Materie. Der Mensch soll in diesem evolutionären Humanismus zwar immer noch im Mittelpunkt stehen, allerdings als entscheidender Teil eines evolutionären Ablaufes.39 Inwiefern der Transhumanismus als eine legitime oder illegitime Fortsetzung des Renaissance-Humanismus verstanden oder gar als Antihumanismus eingeordnet werden kann, ist nicht vorrangiges Thema dieser Abhandlung. Es kann aber festgehalten werden, dass die Vertreter eines naturwissenschaftlich fundierten Humanismus- 37 Hubig, „Humanismus - die Entdeckung des individuellen Ichs und die Reform der Erziehung“, 50. 38 Vgl. ebd., 50 ff. 39 Vgl. Huxley, Ich sehe den künftigen Menschen: Natur und neuer Humanismus, 74 ff. 15 Verständnisses, worunter evolutionärer Humanismus und Transhumanismus fallen, zu einer subjekt-zentrierten weltanschaulichen Konzeption tendieren. Dieses ist der Dreh- und Angelpunkt ihres Denkens, welches vom damaligen Humanismus vorbereitet wurde. Allerdings wurde das spezifische Verhältnis zu Gott, aus dem das Individuum seine Potenz erst schöpfen konnte, fallen gelassen, genauso wie die dualistische Ontologie, in welcher der Mensch aus einem materiellen Leib und einer immateriellen Seele besteht. Der moderne Humanismus versteht den Menschen als monistisch. 1.3 Was ist die kalifornische Ideologie? Es ist sicherlich kein Zufall, dass die glühendsten Anhänger des Transhumanismus im Silicon Valley zu finden sind. Auch wenn es Vorläufer des Transhumanismus jenseits des Silicon Valley gab, die zeitgenössischen Formen der radikalen Ausprägungen des Human Enhancement sind besser unter der Berücksichtigung der kalifornischen Ideologie zu verstehen. Dieser Begriff ist eine Zuschreibung, welche von den Medientheoretikern Richard Barbrook und Andy Cameron Mitte der 1990er Jahre in einem gleichnamigen Essay eingeführt wurde. Sie versuchten eine neuartige Haltung zu charakterisieren, welche damals besonders in Kalifornien zur Ausprägung kam. Ein Charakteristikum der kalifornischen Ideologie ist, dass sich widersprüchliche Haltungen, wie die linke Gegenkultur der Hippies und ein rechtes, marktfundamentales Wirtschaftsverständnis, zu etwas Neuem vereinigt haben. Diese Fusion der Gegensätze wurde durch einen unbeirrbaren Glauben an die emanzipatorischen Möglichkeiten der neuen Technologien ermöglicht.40 Die Jugendbewegung der Hippies strebte in den 1960er Jahren einen utopischen Zustand an, in der kollektivistisches, friedliches Zusammenleben im Einklang mit der Natur und individuelle Selbstverwirklichung abseits gesellschaftlicher Zwänge ermöglicht werden sollten. Dabei waren sie mehrheitlich skeptisch bis ablehnend gegenüber Wissenschaft und Technik. Vor allem nachdem sich das Scheitern dieser Bewegung abzeichnete, wurde der Einfluss fernöstlicher Religionen und Esoterik hegemonialer. Nach Barbrook und Cameron wurde ein Teil der Ausläufer der kalifornischen Gegenkultur durch die Ideen Marshall McLuhans beeinflusst, welcher das emanzipatorische 40 Vgl. Barbrook und Cameron, „The Californian Ideology“, 363. 16 Potential der modernen Medien propagierte. So entstand eine technophile Strömung ehemaliger Hippies, die mittels Technik doch noch ihre gesellschaftliche Utopie verwirklichen wollten. Auch die politische Rechte reagierte auf diese Entwicklung und verband in ihrer Agenda die Möglichkeiten der neuen Medien mit einem radikalen ökonomischen Liberalismus. Hier stand nicht eine wie auch immer geartete kollektive Freiheit im Mittelpunkt des Denkens, sondern die kommerzielle Freiheit des Individuums auf dem virtuellen Marktplatz.41 Die Überwindung der Widersprüche wurde durch eine gemeinsame staatsskeptische und individualistische Haltung beflügelt. Die Kritiker der kalifornischen Ideologie weisen darauf hin, dass diese Staatsfeindlichkeit in einem Widerspruch zu der jahrzehntelangen massiven finanziellen Unterstützung des Silicon Valley durch den USamerikanischen Verteidigungshaushalts steht. Nach Barbrook und Cameron wäre das Internet, welches die Grundlage für die gesamte New Economy ist, ohne staatliche Subventionierung niemals entstanden. Dennoch verfolgten die kalifornischen High-Tech-Unternehmen disruptive Geschäftsmodelle und treten zunehmend selbstbewusst gegenüber den Nationalstaaten auf.42 Im Silicon Valley ist eine neue virtuelle Klasse43 hervorgegangen, die aus den Entrepreneuren der High-Tech-Branche und dem privilegierten Teil ihrer Angestellten, einer Technointelligenz, besteht. Darunter verstehen Barbrook und Cameron in Bezug auf Kroker und Weinstein: „cognitive scientists, engineers, computer scientists, videogame developers, and all the other communications specialists [...]“44. Heute würde man sicherlich auch Softwareentwickler, Programmierer oder jargonspezifisch Coder aufzählen. Es handelt sich um eine 41 Vgl. ebd., 364 ff. 42 Vgl. ebd., 370 ff. 43 Da der Begriff der ‚Klasse‘ für gewöhnlich auf eine marxsche Terminologie zurückgeführt wird, soll ein kritischer Blick erlaubt sein. Die virtuelle Klasse beinhaltet sowohl Kapitalisten als auch Proletarier, ist somit im marxschen Sinne unzulässig. Dennoch kann dieses Label gerettet werden, wenn man es als ein klassenübergreifendes Bündnis auffasst, welches aus der jeweiligen Stellung im Produktionsprozess resultiert. Die Kapitalfraktion der New Economy und der privilegierte Teil ihrer Angestellten haben sich gegen andere Kapitalfraktionen und den übrigen Teil des Proletariats zusammengeschlossen. 44 Kroker und Weinstein, Data Trash, 15 zitiert nach ebd., 366. 17 moderne ‚Arbeiteraristokratie‘, die von der ‚Disziplin der Fließbänder‘ befreit wurde, während ihre Arbeitsverhältnisse prekärer wurden. In diesem neuen Typ fand eine Verschmelzung von ‚Hippie‘ und ‚Yuppie‘ statt, welche einen nachhaltigen Einfluss auf die Arbeitswelt und die damit einhergehende Verschwimmung der Grenzen von Arbeit und Freizeit hat. Da die Freizeit unter prekären Verhältnissen tendenziell abnimmt, soll die Selbstverwirklichung zunehmend in der Lohnarbeit stattfinden.45 Die kalifornische Ideologie ist begleitet von einem konsequentialistischen Determinismus46, um einen Begriff von Ropohl vorwegzunehmen, in dem sozialer Wandel zwangsläufig auf den technischen Wandel folgt. Somit wäre kein explizit politisches Handeln notwendig, es sei denn, um Hindernisse der Entfaltung des emanzipatorischen Potentials der Technologien abzubauen. Barbrook und Cameron kritisieren den damit einhergehenden unreflektierten Fortschrittsoptimismus, der sich in einer Blindheit gegenüber sozialen Fragen auszeichnet, in der u.a. klassische Lohnarbeitsverhältnisse anderer Teile der Gesellschaft die Grundlage der eigenen privilegierten Stellung sind.47 Die kalifornische Ideologie, „a bizarre mish-mash of hippie anarchism and economic liberalism beefed up with lots of technological determinism“48, wirkte wie ein Katalysator für den Transhumanismus. Vor allem ist die virtuelle Klasse besonders empfänglich für dessen Ideen.49 Es lassen sich viele Gemeinsamkeiten identifizieren, wie der radikale Individualismus, ein ungebrochener Fortschrittsoptimismus, der feste Glaube an technologische Lösungen und der damit verbundene, teils unterschwellige, technologische Determinismus. Für diese Arbeit ist eine weitere Analogie von Bedeutung. Die Vertreter der kalifornischen Ideologie sehen sich als fortschrittlich und demokratisch an und würden sich genauso wie die zeitgenössischen 45 Vgl. Barbrook und Cameron, „The Californian Ideology“, 366 ff. 46 Vgl. Ropohl, Ethik und Technikbewertung, 21. 47 Vgl. Barbrook und Cameron, „The Californian Ideology“, 380 ff. Hinzuzufügen wäre noch, dass durch zunehmende Automatisierung ein Teil der Lohnabhängigen (zumindest potentiell) für den Produktionsprozess überflüssig werden. 48 Ebd., 373. 49 Vgl. Wagner, Robokratie. Google, das Silicon-Valley und der Mensch als Auslaufmodell, 63. 18 Transhumanisten von autoritären sozialen Ordnungen distanzieren; einen Technokratie-Vorwurf gar scharf zurückweisen. In ihrer ‚Staatsfeindlichkeit‘ wird aber nicht nur das zentralistische Moment der Technokratie, sondern unterschwellig auch das politische Moment im Allgemeinen hinterfragt.

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Abstract

Transhumanists propagate the possibility of physically and mentally 'enhancing' and 'overcoming' the human race by using technology and science. In doing so, they present a liberal self-conception that is supposedly compatible with democratic structures. In contrast to this line of thought, this thesis shows that transhumanist ideology inherently carries technocratic features. To this end, it draws on Helmut Schelsky's theories on the technical state. In 1961, Schelsky affirmatively diagnosed an emerging technocracy of the scientific civilization. According to this argument, the universalization of the scientific method transforms negotiable issues into undeniable constraints and thus gradually dissolves classical parliamentary democracy. This thesis shows that contrary to its liberal self-conception, contemporary transhumanism reproduces Schelsky's basic technocratic ideas.

Zusammenfassung

Transhumanisten propagieren die Möglichkeit der ‚Verbesserung‘ und ‚Überwindung‘ des Menschen durch den Einsatz von Technologie und Wissenschaft. Dabei treten sie mit einem liberalen Selbstverständnis auf, welches kompatibel zu demokratischen Strukturen sein soll.

Dem entgegengesetzt wird in dieser Arbeit die These vertreten, dass die transhumanistische Ideologie immanente technokratische Züge trägt. Dazu werden die Thesen von Helmut Schelsky zum technischen Staat rekapituliert, der 1961 affirmativ eine aufkommende Technokratie in der wissenschaftlichen Zivilisation diagnostizierte. Nach Schelsky verwandle die Universalisierung der wissenschaftlichen Methode verhandelbare Streitfragen in unbestreitbare Sachzwänge und löse damit die klassische parlamentarische Demokratie schleichend auf. In dieser Arbeit wird gezeigt, dass der gegenwärtige Transhumanismus, entgegen seinem liberalen Selbstverständnis, die technokratischen Grundüberlegungen von Schelsky reproduziert.