2 Technokratie und Demokratie in:

Matthias Michael Wieser

Vom Transhumanismus zum technischen Staat, page 19 - 38

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4423-0, ISBN online: 978-3-8288-7433-6, https://doi.org/10.5771/9783828874336-19

Series: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie, vol. 19

Tectum, Baden-Baden
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19 2 Technokratie und Demokratie Bevor der Transhumanismus weitergehend thematisiert wird, soll der Begriff der Technokratie entfaltet werden, um einen gezielten Blick auf die Thematik werfen zu können. Technokratie ist eine relativ neue Begriffsschöpfung aus den 1920ern der USA. Darunter versteht man für gewöhnlich eine „Herrschaft der Sachverständigen und Technokraten“ bzw. eine „Regierung, die ihre Entscheidungen (ausschließlich) an wissenschaftlich-technischen Argumenten und Sachzwängen orientiert und die politisch-demokratische Willensbildung außer Acht lässt.“50 Die Entscheidungsgewalt von Politikern aus einem Parlament wird darin von den Technokraten verdrängt. Als Technokraten kann somit das Personal einer Technokratie angesehen werden, welches nach der technokratischen Theorie keine politische Weltanschauung benötigt, da ihr Handeln einfach nur nach technisollte. In der Regel werden diejenigen als Technokraten bezeichnet, welche die Technokratie propagieren. Kritiker der technokratischen Theorie haben wiederum versucht, deren ideologische Momente aufzuzeigen, was an späterer Stelle noch weiter ausgeführt werden wird. Alltagssprachlich wird Verwaltungspersonal, das sich durch einen streng rationalistischen Denkstil auszeichnet und eine auf Sachzwängen basierende Argumentation verwendet, als technokratisch bezeichnet. „Der Demokratie als Volksherrschaft steht die Technokratie als Sachherrschaft gegenüber. Und da es Menschen sind, die solche Sachherrschaft ausüben, meint Technokratie im Unterschied zur Demokratie die Herrschaft einer Elite von Fachleuten und Sachverständigen, Technikern im weitesten Sinne des Wortes. Der mögliche Konflikt zwischen Demokratie und Technokratie liegt damit auf der Hand: da das ganze Volk unmöglich ein Volk von Fachleuten sein kann, könnte die Herrschaft von Technokraten die Demokratie theoretisch aushöhlen und unterlaufen.“51 50 Schubert und Klein, „Das Politiklexikon: Technokratie“. 51 Greiffenhagen, „Demokratie und Technokratie“, 55. 20 Somit steht die Theorie der Technokratie in einem ambivalenten Verhältnis zum Feld des Politischen und der Politik. Eine parlamentarische Demokratie in ihrer institutionellen Beschaffenheit, welches der historische Ausgangspunkt in diesem Kontext ist, schafft die Bedingung der Möglichkeit für politische Positionierung von Einzelpersonen, Fraktionen und Parteien. Ist dieser Möglichkeitsraum nicht gegeben, wie in einer Technokratie in Idealform, ist dem Politischen in diesem Sinne keine Möglichkeit zur Entfaltung gegeben. Nach dieser Definition kann ein Technokrat weder sozialdemokratisch noch konservativ sein. Die Technokratie steht aus dieser Sicht in einem Gegensatz zum Politischen und erscheint deshalb zunächst unpolitisch, wenngleich ein Technokrat durchaus politisch auftreten kann. Nach der technokratischen Theorie ist, und hierbei wird eine These von Schelsky vorweggenommen, die politische Position nur Mittel zum Zweck. Dies wäre allerdings der Fall auf Grundlage eines sehr engen Politikbegriffs, welcher das Politische auf Positionen reduziert, die aus einer weltanschaulichen Fundierung resultieren. Mit einem weiter gefassten Politikbegriff, der unter Politik „jegliche Art der Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen“52 versteht, bekommt das Technokratische eine politische Dimension, da es Art und Weise der Einflussnahme und Gestaltung des privaten und öffentlichen Lebens strukturiert. Danach wäre das Technokratische eine bestimmte Form des Politischen. Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Technokratie in einen Gegensatz zur Demokratie gesetzt. Die Herrschaft der Bevölkerung ist in einer repräsentativen Demokratie über verschiedene Institutionen und Organisationen, wie dem Parlament, der Regierung, der Justiz und politischen Parteien und Organisationen, vermittelt. In der Idealvorstellung einer parlamentarischen Demokratie ist die Bevölkerung zugleich Subjekt und Objekt der Herrschaft. Sie ist Subjekt eher im abstrakten Sinne, in Form von regelmäßigen Wahlen und unregelmäßigen Volksbegehren. Die politische Willensbildung der Bevölkerung drückt sich somit weniger in dem direkten Wirken von Individuen, als in indirekter Aktivität über politische Parteien und Vereinigungen aus. Die potentiell konfligierenden Interessen der verschiedenen Parteien sollen über die politischen Institutionen vermittelt und im besten Fall ein Kompromiss gefunden werden. Dieser Prozess findet in einem sozialen Raum statt und kann schwierig und 52 Schubert und Klein, „Das Politiklexikon: Politik“. 21 langwierig sein, da er von Kräfteverhältnissen, Taktieren und Bündnissen abhängig ist. Die politische Entscheidung ist somit von einer Vielzahl von Faktoren abhängig. In der Theorie einer Demokratie soll jedenfalls der politische Wille der Bevölkerung der maßgebliche Faktor sein. Man kann also auch in einer parlamentarischen Demokratie keineswegs davon sprechen, dass das „dichotomische Modell von Herrschern und Beherrschten“53 aufgegeben wurde. Allerdings soll trotz aller Einschränkungen die Souveränität bei der Bevölkerung und nicht einer elitären Gruppe verortet sein.54 Eben diese Konzeption wird von den Technokraten in Zweifel gezogen. In den USA gab es nach dem Ersten Weltkrieg eine Technokratie- Bewegung, die sich in mehreren Organisationen manifestierte. Eine zentrale Annahme der Theoretiker der Bewegung war, dass „Veränderungen in den Formen der ökonomischen Reproduktion [...] zu Veränderungen der sozialen Ordnung in all ihren Teilen führen“55 müsse; was analog zur kalifornische Ideologie als ein konsequentialistischer Technikdeterminismus verstanden werden kann. Die Technokraten formulierten keine grundlegende Kritik der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, sondern prangerten in erster Linie Ineffizienz auf allen Ebenen an. Gegen die Folgen der Weltwirtschaftskrise sollten Wissenschaftlichkeit, Rationalität und eine ‚Disziplin der Maschinenprozesse‘ gesetzt werden. Interessant ist die Ablehnung wirtschaftlicher Bezugsgrößen wie Wert, Preis und Profit, da diese keine physikalischen Größen darstellen und deshalb als irrelevant und obsolet angesehen werden. Selbst Eigentum und Besitz galten als technologisch überholt. Beflügelt durch die russische Oktoberrevolution forderte der sozialwissenschaftliche Außenseiter und Stichwortgeber der Bewegung Thorstein Vehlens eine ‚technologisch-organisatorische Revolution‘ für die USA.56 Im Gegensatz zu Platons idealem Staat stehen in Vehlens Vorstellungen nicht die Philosophen an der Spitze des Staates, sondern Techniker und Ingenieure, welche die Gesellschaft, die wie eine industrielle Organisation aufgefasst wird, direkt, ohne politischen Apparat, verwalten. 53 Greiffenhagen, „Demokratie und Technokratie“, 55. 54 Vgl. ebd., 54 ff. 55 Senghaas, „The Technocrats. Rückblick auf die Technokratiebewegung in den USA“, 285. 56 Vgl. ebd., 282 ff. 22 In einem 1921 von der Technical Alliance veröffentlichten technokratischen Manifest, heißt es: „Die Mißverwaltung und das Chaos, dem industriellen Mechanismus durch willkürliche Herrschaft (funktions-)fremder Interessen aufgenötigt, haben einen solchen Punkt erreicht, daß viele Techniker den Zwang erkennen, ihre Kräfte in einem Programm industrieller Koordination zu sammeln, das nicht auf Glaube, sondern auf exaktem Wissen begründet ist. [...] Die Lösung für das industrielle Problem ist primär sozialtechnisch (engineering); deshalb ist es wesentlich, daß eine Allianz von Technikern gebildet wird, um die gegenwärtige nichttechnische Kontrolle der Industrie festzustellen und dem Publikum klarzumachen und um schließlich das technische Wissen des Landes in den Dienst der Bevölkerung zu stellen, so daß die Industrie von willkürlicher Herrschaft befreit werden kann.“57 Die Grundthese der Technokraten lässt sich folgend auf den Punkt bringen: „Politik, begründet in demokratischen oder autokratischen Meinungen, konnte keinen Beitrag zur Lösung von Tatsachenfragen leisten. Ingenieure konnten als Politiker uneins sein, nicht jedoch als Ingenieure.“58 Wobei die Gleichsetzung von Technikern und Technokraten durchaus umstritten ist. Alfred Frisch sieht den Technokraten als ein Nebenprodukt des Computers, der seine Legitimation in immer komplexer werdenden Regierungsmechanismen und einer davon abhängigen Spezialisierung von Politik findet. Der Techniker ist dagegen nur ein ausführendes Organ. Den Unterschied soll ein Führungswille und Blick für das Ganze ausmachen.59 Aufgrund der Stabilisierung politischer und ökonomischer Verhältnisse, ebbte die Bewegung nach dem Zweiten Weltkrieg ab und verlor an Bedeutung. Damit war das technokratische Gedankengut jedoch nicht aus der Welt. Historisch ist allerdings die absolute Offenheit der sozialtechnischen Strategien der technokratischen Bewegung beispiellos. Mit Schelsky lässt sich zeigen, dass es auch technokratische Tendenzen ohne eine bewusste technokratische Weltanschauung geben kann. 57 Ebd., 287. 58 Ebd., 288. 59 Frisch, „Die Zukunft der Technokraten“, 91 f. 23 2.1 Helmut Schelsky und die Thesen vom technischen Staat Helmut Wilhelm Friedrich Schelsky war ein deutscher Soziologe, gilt als einer der bekanntesten Schüler von Arnold Gehlen und wird daher der Leipziger Schule zugerechnet. Ab 1932 war er ein aktiver Nationalsozialist in der SA, dem NSDStB, sowie der NSDAP und nahm als Kompanieführer und Oberleutnant der Wehrmacht am Zweiten Weltkrieg teil, weswegen er in der Nachkriegszeit als umstritten galt. Schelsky löste 1961 mit seinem Aufsatz Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation eine lang anhaltende Debatte über Technokratie und Demokratie in Westdeutschland aus. An dieser Stelle sollen seine Thesen vom technischen Staat möglichst genau nachgezeichnet werden. In seinem Werk möchte Schelsky die anthropologischen Grundannahmen der damaligen Zeit auf den Prüfstein legen. Es geht um die Folgen der Verbreitung und Wirkmächtigkeit der Wissenschaft auf das moderne Leben. Die umfassende Verwissenschaftlichung unserer Lebensweise macht eine neue Zuordnung des Verhältnis von Menschen und Welt notwendig.60 Nach Schelsky muss das traditionelle Technikverständnis, welches sich auf die Realtechnik bezieht, fallen gelassen werden. Die technikphilosophische Ansicht, dass Technik eine werkzeughafte Organfortsetzung des Menschen ist, sei in Anbetracht einer modernen Technik, welche sich universalisiert hat, nicht mehr haltbar.61 Während Schelsky mit Realtechnik einen „planende[n] Eingriff in die sachhafte Außenwelt“, also „das werkzeughafte naturverändernde und naturbeherrschende Handeln“ bezeichnet, breitet sich die moderne Technik auf „die Erzeugung und Verarbeitung von Gegenständen, die bisher als Naturgegebenheit oder historisch und persönlich gewachsene Lebensform dem technischen Zugriff entzogen waren und als Natur oder geschichtliche Umwelt unserem Handlungen vorgegeben schienen“62 aus. In Bezug auf Jacques Ellul macht Schelsky drei große Bereiche der Technik aus: 60 Vgl. Schelsky, „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“, 449 f. 61 Vgl. ebd., 455. 62 Ebd. 24 „1. die Techniken der Produktion, der Erzeugung sachhafter Güter, industriegeschichtliche ausgehend von der Maschinentechnik, heute längst in ihren Methoden wissenschaftlich vervielfältigt; 2. die Techniken der Organisation, also die Methoden der Beherrschung und Erzeugung der sozialen Beziehungen, die den Inhalt der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften ausmachen und auch die Jurisprudenz weitgehend in eine Organisationslehre umgewandelt haben; 3. die Techniken der Veränderung, Beherrschung und Erzeugung des seelischen und geistigen Innenlebens des Menschen, die wir mit dem Begriff der Humantechniken bezeichnen wollen; au- ßer den schon genannten Sozialwissenschaften sind hier Psychologie, Psychiatrie, Pädagogik, Publizistik, Meinungsforschung usw. in dieser technischen Manipulation des Menschen eifrig am Werke.“63 Zwar hat es Sozial- und Humantechniken schon vor der Moderne gegeben, allerdings werden diese „heute in der Form einer nichtwerkzeughaften Realtechnik“ betrieben und werden „den Methoden der modernen Güterproduktion unterworfen“64. Um dies zu präzisieren führt Schelsky mehrere Unterscheidungen von traditioneller und moderner Technik ein: „1. Die moderne Technik beruht auf der analytischen Zerlegung des Gegenstandes oder der Handlung in ihre letzten Elemente, die in der Natur nicht vorfindbar sind. […] 2. Die moderne Technik beruht auf der Synthese dieser Elemente nach dem Prinzip der höchsten Wirksamkeit […]“65. 3. Das Prinzip der traditionellen Technik kann darin gesehen werden, dass „der Mensch als organisches Mängelwesen die Technik als künstliche Organfortsetzung entwickelt habe.“66 Dies ist zwar in der modernen Technik noch prinzipiell erhalten geblieben, trifft aber nicht mehr den wesentlichen Kern der Sache. Die traditionelle Technik impliziert ein „Mensch-Welt-Verhältnis […], in dem der Mensch sich mit prinzipiell werkzeughaften Organen der Natur gegenüberfindet, sie bewältigt und ausbeutet.“67 Den entscheidenden Unterschied mache das menschliche Bewusstsein aus, welches zur Analyse 63 Ebd. 64 Ebd., 456. 65 Ebd. 66 Ebd., 457. 67 Ebd. 25 der Welt und der Neu-Synthetisierung fähig sei.68 Zusammenfassend lässt sich nach Schelsky über die moderne Technik sagen, dass diese jegliche Gegenstände analysiert und in „unnatürliche Grundelemente“ zerlegt, um diese nach dem „abstrakten Prinzip der höchsten Wirksamkeit“69 zu synthetisieren, wofür es keinerlei Vorbild in der Natur geben soll. Das Verhältnis des Menschen zu einer vorgefundenen Welt, zu der dieser ein werkzeughaftes Organverhalten eingenommen hat, wird von einem Verhältnis zu einer technisch erzeugten Welt abgelöst, die ihrem Wesen nach Konstruktion des Menschen selbst sei. „[I]n der technischen Zivilisation tritt der Mensch sich selbst als wissenschaftliche Erfindung und technische Arbeit gegen- über. Damit ist aber in der Tat ein neues Verhältnis des Menschen zur Welt und zu sich selbst gesetzt, das sich mit der technischen Zivilisation über die Erde verbreitet.“70 In Anlehnung an Gotthard Günther führt Schelsky einen ‚metaphysischen Positionswechsel‘ ein, denn für die „klassische Philosophie des Griechentums und alle Metaphysik der Heilsreligionen, von früheren Religionsformen ganz abgesehen“ gilt, dass diese durch eine „grundsätzliche Welterfahrung eines erfahrungshaft vorgefundenen Seins bestimmt worden ist“71. „Das erlebende Ich sah sich einem Sein von so überwältigender objektiver Macht und so unbeirrbarer gegenständlicher Konsequenz gegenüber, daß es der isolierten Psyche praktisch unmöglich war, sich dagegen zu behaupten [...] Der Mensch kapituliert so vor dem übermenschlichen Sein der Natur. Selbst seine bisherige klassisch-archimedische Technik [...] ist ein unbewußtes Eingeständnis seiner Schwäche. Sie ist im tiefsten Grunde defensiv. Praktisch gesehen hat sie die Aufgabe, ihn gegen Naturgewalten zu schützen und davon abzulösen; logisch-theoretisch aber ist sie nichts anderes als eine subalterne Nachahmung von objektiven Realitätsprozessen.“72 Das Ergebnis der modernen Technik ist eine Entkopplung des Menschen von der Natur. 68 Vgl. ebd. 69 Ebd. 70 Ebd. 71 Ebd., 458. 72 Günther, „Schöpfung, Reflexion und Geschichte“, 630 f zitiert nach Schelsky, „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“, 458 f. 26 „Unter den experimentellen Zugriffen des Physikers verschwindet die physikalische Realität dessen, was wir bisher Natur zu nennen pflegten, in einem unentwirrbaren Netz immaterieller Relationen, deren Sinn zu assimilieren gänzlich außerhalb der Kapazität unseres bisherigen Bewußtseins liegt.“73 Dies bleibt nicht nur auf die Betrachtungsweise der Natur bzw. Physik beschränkt, sondern mündet ebenfalls in der technischen und wissenschaftlichen Manipulation des Menschen in sozialer und psychologischer Hinsicht.74 „Die bis dato ‚natürlich‘ entstandenen geschichtlichen Institutionen sind Resultate des menschlichen Willens. Wenn wir aber heute beginnen, diese Resultate durch bewußte Manipulation zu verändern, so desavouieren wir damit den ursprünglichen historischen Willen, der sie hervorgebracht hat. Wir sind damit heute an einem Punkt der Weltgeschichte angelangt, an dem der menschliche Wille sich gegen sich selbst wendet und seine bisherige Tätigkeit verwirft.“75 Schelsky möchte die Ebene der Spekulation hinter sich lassen und die Essenz der neuen Produktionsrealitäten ergründen. Es gehe nämlich keineswegs um die Technik an sich, sondern um eine bestimmte Form: die wissenschaftliche Technik. Das als Wesen der modernen Technik identifizierte Analysieren und Synthetisieren entspricht der „Funktion des menschlichen Verstandes und seiner Sinneswahrnehmungen“, also nach Immanuel Kant dem „menschlichen Geist selbst“76. Schelsky hält Kant für den Philosophen der modernen Technik, da er ursprünglich die Wahrheit freigelegt habe: „daß wir erkennen, weil wir konstruieren; die Rekonstruktion der Welt aus unserer Erkenntnis […]“77. Der Mensch wird zunehmend zu seinem eigenen Objekt der Handlung bzw. Gegenstand der Erkenntnis, denn es wird sich nicht mehr darauf beschränkt, die Natur zu verändern oder gar 73 Günther, “Schöpfung, Reflexion und Geschichte”, 648 zitiert nach Schelsky, „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“, 459. 74 Vgl. Schelsky, „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“, 459. 75 Günther, „Schöpfung, Reflexion und Geschichte“, 648 zitiert nach Schelsky, „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“, 459. 76 Schelsky, „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“, 460. 77 Ebd. 27 neu zu schaffen, auch der Mensch wird auf der Ebene des Leibes, der Seele und des Sozialen umkonstruiert und neugeformt.78 Hinzu kommt, dass jeder neue technische Gegenstand neue soziale und psychologische Tatsachen schafft, welche wiederum durch Sozial-, Wirtschafts- und Humantechniken in den Griff bekommen werden müssen. Dem Menschen tritt seine selbst in die Welt gesetzte Sachgesetzlichkeit auf sozialer und seelischer Ebene entgegen, was wiederum auf eine technische, also geplante und konstruierte, Lösung hinausläuft.79 Dieser „Kreislauf der sich selbst bedingenden Produktion“ sei das „innere Gesetz der wissenschaftlichen Zivilisation“80 und verdränge die Sinnfragen der Mittel und Zwecke. „Der Mensch löst sich vom Naturzwang ab, um sich seinem eigenen Produktionszwang wiederum zu unterwerfen.“81 Schelsky erweckt mit der Frage, ob mit „der Produktion immer neuer technischer Apparaturen und technischen Umwelten“ nicht nur die Gesellschaft und Psyche der Menschen neu produziert, sondern auch „immer die soziale, seelische und geistige Natur des Menschen umgeschaffen und neu konstruiert“82 wird, den Eindruck, diese in kritischer Absicht zu stellen. Tatsächlich affirmiert er die von ihm beschriebenen Einschätzungen. An dieser Stelle zeichnet sich Schelskys kulturpessimistische Prägung aus der Leipziger Schule ab. Die Thesen vom technischen Staat Schelsky beginnt seine Ausführungen zur modernen Staatlichkeit mit einer Definition von Herrschaft, nämlich „das auf Dauer gestellte Verhältnis der Macht von Menschen über andere Menschen“, welches von ihm als das „politische, zumindest das staatliche Grundphänomen; von der Sklaverei den Eroberungsstaaten des frühen Altertums bis zum aufgeklärten Absolutismus“83 angesehen wird. Die Herrschaft durchlief bis dato zwar unterschiedliche soziale Formen und politische Legitimationen, stets bestand jedoch ein direktes Herrschaftsverhältnis zwischen den Menschen. In den modernen demokratischen Gesellschaften wurde dieses direkte Verhältnis verworfen 78 Vgl. ebd. 79 Vgl. ebd., 461. 80 Ebd., 460. 81 Ebd., 461. 82 Ebd., 460 f. 83 Ebd., 464. 28 und durch eine neue Form der Herrschaft ersetzt, welche auf Legalität und Rationalität basieren soll. Es wurde eine Ordnung etabliert, die auf der „Vermittlung durch unpersönliche und rationale Normen“84 basiert. In diesem Zustand, in dem „jeder zugleich herrscht und beherrscht wird“, hat sich die Herrschaft auf „die Setzung von Ordnungen und Normen“85 verlagert, was zu ‚normativen Revolutionen‘ führen kann. Dies heißt gerade nicht, dass in einer Demokratie die politische Herrschaft überwunden sei, sondern dass eine „Willenseinheit und Willensübereinstimmung von Herrschenden und Beherrschten“86 angestrebt wird.87 Durch die „Konstruktion der wissenschaftlich-technischen Zivilisation“ sei ein „neues Grundverhältnis von Mensch zu Mensch geschaffen“88 worden, indem sowohl die alten direkten Herrschaftsbeziehungen als auch die politischen Normen und Gesetze von der Sachgesetzlichkeit einer wissenschaftlich-technischen Zivilisation verdrängt wurde. Diese Sachgesetzlichkeit sei eben weder als klassische politische Entscheidung noch als politische Norm anzusehen. „An Stelle eines politischen Volkswillens tritt die Sachgesetzlichkeit, die der Mensch als Wissenschaft und Arbeit selbst produziert.“89 Der Demokratie wird gewissermaßen die Substanz entzogen.90 Um seine These zu untermauern, versucht Schelsky darzustellen, dass einerseits die Technik immer staatlicher und andererseits der Staat immer technischer werde, was zwangsläufig in den technischen Staat münden müsse. Hierfür macht er drei Ursachen aus, die allerdings im Rahmen des historischen Kontextes betrachtet werden müssen. 1. Wenn technische Mittel zu einem politischen Machtmittel werden, greift der Staat ein und macht seinen Einfluss geltend, da er seine Souveränität nicht verlieren möchte. Der Staat ist zu einem Träger der 84 Ebd., 465. 85 Ebd. 86 Ebd. 87 Vgl. ebd., 464 f. 88 Ebd., 465. 89 Ebd. 90 Vgl. ebd. 29 Technik geworden.91 2. Eine weitere Ursache wird in der Finanzierung der modernen Technologien ausgemacht. Die Investitionen für Forschung können nicht alleine von der Privatwirtschaft getragen werden, sondern müssen über das Eigeninteresse hinaus staatlich gebündelt werden. 3. Schelsky geht davon aus, dass der moderne Staat alleine aus Beweggründen, die aus der immanenten Logik der Technik resultieren, selbst dessen Koordination übernimmt, da ohne seine Leitung die Funktionalität der modernen Technik nicht zu gewährleisten wäre. Der Staat überwacht und garantiert per detaillierter Gesetzgebung die allgemeine Sicherheit unserer Existenz.92 Diese Einschätzungen wurden 1961, retrospektiv in der Endphase des Staatsinterventionismus, getroffen und sind mit den sozialpolitischen Entwicklungen, die in den 1980er Jahren eingeleitet wurden, nicht mehr ohne weiteres zu halten. Mit dieser Zeitdiagnose kommt Schelsky zu dem Schluss, dass sich das Wesen des Staates grundlegend verändert habe. Während in den Nationalstaaten des 16. bis 19. Jahrhunderts der staatliche Eingriff auf die Technik auf wenige Bereiche begrenzt blieb, universalisiere sich die Verflechtung. Der Staat vereint „grundsätzlich alle Formen der Technik in ihrer höchsten Wirksamkeit als staatliches Handeln“ und wird zu einem „universale[n] technische[n] Körper“93 oder anders ausgedrückt: Zum ideellen Gesamt-Techniker. Da der Staat quasi mit der modernen Technik verschmilzt, müsse dieser als ein universaler technischer Körper angesehen werden. Obwohl damit die gesamte Technik einer Staatsraison untergeordnet werde, ist diese „nichts anderes als der Sachzwang der vielfachen Techniken, mit denen der Staat sich heute verwirklicht.“94 Das Ziel des Staates ist die „höchste Wirksamkeit der in ihm verfügbaren technischen Mittel“95. Souveränität zeigt sich somit nicht nur im Gewaltmonopol und Ausnahmezustand, sondern in der Entscheidungsgewalt über den „Grad der Wirksamkeit aller in ihm vorhandenen 91 Als Beispiele nennt Schelsky die Eisenbahnen, die Flugzeugindustrie und insbesondere die Atomenergie. Auch Humantechniken, wie die allgemeine Schulpflicht werden explizit genannt. (Vgl. ebd., 466.) 92 Vgl. ebd., 466 f. 93 Ebd., 467. 94 Ebd., 468. 95 Ebd. 30 technischen Mittel“, wobei er sich die „höchste Wirksamkeit vorbehält und praktisch sich selbst außerhalb der Grenzen der Anwendung technischer Mittel setzen kann, die er den anderen auferlegt“96. Dennoch unterwirft der Staat sich in seinen Zielen dem „allgemeine[n] Gesetz der wissenschaftlichen Zivilisation“97, da hier ein Zustand eingetreten ist, in dem die Mittel die Zwecke bestimmen. Wer ist nun der idealtypische Staatsmann dieses technischen Staates? Schelsky geht, wie schon dargestellt, davon aus, dass der Staat als eine Organisation oder technischer Körper angesehen wird, der nach höchster Leistungsfähigkeit für ein Optimum an Ertrag sorgen soll. Für den modernen Staatsmann ist der Staat eben weder Ausdruck des Volkswillens noch die Verkörperung der Nation, das Instrument einer Klasse und schon gar keine Schöpfung eines Gottes. „Der Sachzwang der technischen Mittel, die unter einer Maxime einer optimalen Funktions- und Leistungsfähigkeit bedient sein wollen, enthebt von diesen Sinnfragen nach dem Wesen des Staates.“98 Die moderne Technik braucht keine Legitimation, sie funktioniert einfach. Entscheidungen leiten sich aus einem gegebenen technischen Prinzip ab, deshalb ist der Staatsmann, von dem hier die Rede ist, auch kein Herrscher, sondern eher ein Analytiker, Konstrukteur, Planer und Verwirklicher. Normative Willensbildung wird hier höchstens als ein Legitimationsmittel benötigt.99 Die von Schelsky aufgestellte Theorie des technischen Staates unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von den gängigen Definitionen der Technokratie, wie sie z.B. von Greifenhagen formuliert wurde. Unter einer Herrschaft der Techniker wird eine Übertragung der Entscheidungen von gewählten Politikern und Eigentümern von Unternehmen an die Manager, also den „koordinierenden und planenden Fachleute der Organisation“100, verstanden, welche somit zu einer neuen ‚herrschenden Klasse‘ werden. Schelsky stellt dies in Abrede, da die Techniker nur das ausführen, „was sich im Widerspiel 96 Ebd. 97 Ebd. 98 Ebd., 469. 99 Vgl. ebd. 100 Ebd. 31 von Apparaturgesetzlichkeit und jeweiliger Lage als Sachnotwendigkeit ergibt.“101 Somit wird die herrschende Klasse nicht ersetzt, sondern das traditionelle Gefüge der Herrschaft ändert sich. Es herrscht somit niemand mehr, sondern es läuft eine Maschinerie, welche sachgerecht zu bedienen ist.102 Moderne Politiker sind aus dieser Sicht nur fiktive Entscheidungsträger, da im technischen Staat die Politik auf allen Ebenen auf komplexe wissenschaftliche Techniken angewendet wird, welche hochkomplexe Sachgesetzlichkeiten impliziert. Die Techniken und die Techniker schreiben dem Politiker quasi den Weg zur Lösung vor. Der Politiker ist immer mehr von Sachgutachten abhängig, welche den politischen Entscheidungsspielraum einschränken.103 In der Wirklichkeit kommt es zwar immer wieder zu widersprüchlichen Gutachten, aus denen der Politiker zu wählen hat, aber Schelsky behauptet, dass bei „optimal entwickelten wissenschaftlichen und technischen Kenntnissen“ die Fachleute prinzipiell auf eine gleiche Lösung kommen sollten: „[J]e besser die Technik und Wissenschaft, um so geringer der Spielraum politischer Entscheidungen.“104 Schelsky führt seine Gedanken weiter und erklärt, dass Politiker in einem ganz klassischen Sinne als Vertreter von partikularen Interessen in einem Parlament immer mehr in einen Gegensatz zu den Fachleuten des wissenschaftlich-technischen Staates geraten, denn diese wurden zu den Trägern des allgemeinen Interesses.105 An dieser Stelle definiert Schelsky aber nicht, was ein allgemeines Interesse überhaupt sein könnte, sondern beschreibt es einfach negativ in Abgrenzung zu einem Partikularinteresse. Weiter schreibt er: „Gegen- über dem Staat als einem universalen technischen Körper wird die klassische Auffassung der Demokratie als eines Gemeinwesens, dessen Politik vom Willen des Volkes abhängt, immer mehr zu einer Illusion.“106 Der technische Staat benötigt also keine demokratische Legitimierung und ist dabei dennoch näher am allgemeinen Interesse als rein politisch motivierte Entscheider. Nach Schelsky können rein wissenschaftlich und technisch begründete Entscheidungen ihrem 101 Ebd. 102 Vgl. ebd., 469 f. 103 Vgl ebd., 470 f. 104 Ebd., 471. 105 Vgl. ebd. 106 Ebd., 472. 32 Wesen nach von keiner demokratischen Willensbildung abhängen. Deshalb entzieht der technische Staat der Demokratie die Substanz, obwohl er nach Schelsky nicht anti-demokratisch sei.107 „Wenn die politischen Entscheidungen der Staatsführung nach wissenschaftlich kontrollierten Sachgesetzlichkeiten fallen, dann ist die Regierung ein Organ der Verwaltung von Sachnotwendigkeiten, das Parlament ein Kontrollorgan für sachliche Richtigkeit geworden.“108 Somit wird die Bevölkerung, entgegen der Idealvorstellung einer Demokratie immer weniger zum Subjekt und immer mehr zu einem reinen Objekt der Herrschaft durch Technik. Die moderne politische Willensbildung ist durch diverse Humantechniken, und hier führt Schelsky die Meinungsforschung, Information, Propaganda und Publizistik an, zu einem „wissenschaftlich deduzierbaren und manipulierbaren Produktionsvorgang“109 geworden. Somit wird Demokratie zu einem Konkurrenzkampf um den Stimmanteil bei allgemeinen Wahlen mit Hilfe der wissenschaftlich-technischen Mittel, was eine klassische, demokratische Willensbildung aufhebt. Während die Gleichheit aller Bürger auf der humanistischen Annahme beruht, dass die „Vernunft allen gleichmäßig eingeboren sei und zu einem persönlichen Urteil nach selbst verdeutlichten Argumenten führe“, setzen moderne, wissenschaftliche Wahlkampfmethoden auf „psychologische Beeinflussung, der Stimmungs- und Meinungspression, des Ansprechens der unbewußten Seelenkräfte und der damit verbundenen, technisch erzeugten Daueremotionalisierung“110, welche den Bedingungen eines vernünftig abgewogenen Urteils entgegenlaufen. Hinzu tritt, dass die Sachverhalte moderner Themen von dem ‚normalen Menschenverstand‘ gar nicht mehr adäquat beurteilt werden können, sondern dass dazu meist zusätzliche Informationen notwendig sind.111 Im technischen Staat ändert sich auch grundlegend die Rolle von Ideen und Ideologien. Im Gegensatz zum 18. und 19. Jahrhundert sind die normativen Weltanschauungen nicht mehr ausschlaggebend für politische Entscheidungen, das Verhältnis hat sich umgekehrt. 107 Vgl. ebd. 108 Ebd. 109 Ebd. 110 Ebd. 111 Vgl. ebd., 472 f. 33 Ideologien seien keine mögliche oder potentielle Quelle für politisches Handeln, sondern sind zu Rechtfertigungsideologie dessen geworden, was unter den Sachgesetzlichkeiten ohnehin ausgeführt werde. Politiker seien immer mehr dazu gezwungen, ihre politischen Vorstellungen an die Realität anzupassen.112 „Das technische Argument setzt sich unideologisch durch, wirkt daher unterhalb jeder Ideologie und eliminiert damit die Entscheidungsebene, die früher von den Ideologien getragen wurde.“113 Schelsky fasst seine bisherigen Gedanken folgendermaßen zusammen: Die „Erscheinung der direkten Herrschaft von Menschen über Menschen“ löst sich „im sozialen und politischen Sinne […] von innen her“ auf, wodurch die „Verwandlung der Demokratie in den ‚technischen Staat‘ [...] keiner Revolution im sozialen oder politischen Sinne, keiner Verfassungsänderung, keiner ideologischen Bekehrung“ bedarf, sondern eine automatische Folge „der steigenden Anwendung wissenschaftlicher Techniken aller Art“114 sei. In der Annahme eines konsequentialistischen Technikdeterminismus etabliert sich mehr und mehr ein Zustand, bei dem die politischen Beziehungen der Menschen durch eine selbst geschaffene wissenschaftlichtechnische Sachgesetzlichkeit vermittelt werden.115 2.2 Das Sachzwang-Argument und die normative Wende der Technikphilosophie Schelsky löste mit den Thesen zum technischen Staat eine Debatte in Westdeutschland aus, deren Inhalt zum Teil auch für diese Untersuchung von Interesse ist. Vor allem die Postulierung eines Sachzwangs, die u.a. besagt, dass es unter voll entwickelten wissenschaftlichen Methoden zu der besten technischen Lösung kommt und einen zentralen Stellenwert in der Theorie von Schelsky einnimmt, wurde von zeitgenössischen Kritikern hinterfragt. Kurt Lenk hat darauf hingewiesen, dass der Topos des technischen Staates nur hinreichend unter der Berücksichtigung der anthropologischen Grundlagen Arnold Gehlens verstanden werden kann. Wie in einer marxschen Terminologie wird der Begriff Entfremdung 112 Vgl. ebd., 473. 113 Ebd. 114 Ebd. 115 Vgl. ebd., 474. 34 benutzt, allerdings gereinigt von ökonomischen und klassentheoretischen Aspekten. Entfremdung meint hier das Umschlagen unmittelbar sozialer Handlungsgefüge in die Eigengesetzlichkeit institutioneller Ordnungen, also dem Sachzwang. In diesem Umschlagen erblicken Gehlen und Schelsky einen allgemeinen anthropologischen Vorgang, welcher für das Fortbestehen einer einmal erreichten Zivilisationsstufe unbedingt erforderlich sei. Ohne diese sowohl notwendige als auch erwünschte Disziplinierung würde der Mensch mit seinem chaotischen Antriebsüberschuss bei gleichzeitig mangelnder Instinktregulierung nicht überleben können. Entfremdung muss hier nicht überwunden, sondern stabilisiert werden. Lenk bezeichnet dies als ontologisierte Entfremdungsthese und stellt dem eine authentische, marxsche Entfremdungstheorie gegenüber. In dieser resultiert Entfremdung aus einem Klassenverhältnis, in dem die proletarische Klasse aus menschlicher Energie Produkte herstellt, aber keine Verfügungsgewalt über ihre eigenen Produkte hat. Aus dieser Perspektive der ontologisierten Entfremdungsthese wird Technik als eine unideologische, sachliche Macht charakterisiert. Die Experten sind hier die wahren Vertreter der Sachgesetzlichkeit bzw. des Allgemeininteresses, während Politiker als bloße Vertreter partikularer Interessen erscheinen. Der kontinuierliche Fortschritt der Superstruktur wird als allgemeines Gattungsinteresse erklärt und allein von der Rationalität des Sachzwangs bestimmt. Politik als von Menschen selbst gesetzte normative Ziele werden somit überflüssig. Die technokratische Ideologie nützt hier demjenigen, der sich gegen grundsätzliche gesellschaftliche Veränderungen ausspricht.116 Richard Saage ordnet Schelsky in einen „technokratischen Konservatismus“ ein, in dessen Weltbild treibt die Technik „ihre eigene Weiterentwicklung autonom aus sich selbst hervor, so daß eine ‚selbstläufige‘ Dynamik zu ihrem charakteristischen Signum wird.“117 Martin Greiffenhagen weist ebenfalls auf eine Reihe von interessanten Gesichtspunkten in der Debatte hin. Es waren in Westdeutschland in den 1960ern vor allem konservative Sozialwissenschaftlicher, neben Schelsky u.a. Hans Freyer, Arnold Gehlen und Ernst Forsthoff, welche affirmativ eine Technokratie heraufbeschworen.118 Interessanterweise waren diese oft Anhänger der Konservativen Revolution 116 Vgl. Lenk, „Theorie des Topos ‚Technischer Staat‘“, 45 ff. 117 Saage, „Zur Aktualität des Begriffs ‚Technischer Staat‘“, 38. 118 Vgl. Greiffenhagen, „Demokratie und Technokratie“, 55. 35 während der Weimarer Republik, welche „gegenüber westlicher Zivilisation und westlichen Parlamentarismus das Element der Macht, der Vitalität und der ‚Tat‘ […] betonten.“119 Die Argumentation hat sich also grundlegend verändert, das Feindbild Parlamentarismus aber ist das gleiche geblieben. In der ganzen Argumentation von Schelsky wird politische Herrschaft negiert, diese löst sich angeblich im Sachzwang auf. Überhaupt stellt sich die Frage, ob der technische Staat im Sinne Schelskys noch ein politischer Staat ist: „Der technokratische Staat nämlich hat streng genommen kein politisches Ziel mehr. Er ist reine Funktionalität und enthebt seine Glieder der Frage, was geschehen soll und warum es geschehen soll.“120 Zusammenfassend lässt sich sagen, dass von vielen Kritikern nicht zu Unrecht das Sachzwang-Argument selbst als Ideologie entlarvt wurde. Gerade Schelsky wurde Ende der 1960er Jahr von einer ‚Re-Ideologisierung‘ regelrecht eingeholt. In seiner späteren Schrift Die Arbeit tun andere von 1975 kritisierte er Vertreter von Soziologie und Pädagogik als eine „wissenschaftlich gebildeten Reflexionselite, die eine neue Priesterherrschaft antritt und den Sachgesetzlichkeiten durch wissenschaftlich angeleitete und medienwirksame verbreitete Subjekt- und Heilsgewißheiten das Wasser abgräbt“121. Mit dem Niedergang des Staatsinterventionismus und dem Aufkommen der marktfundamentalen Phase hat sich auch das Leitbild der Rolle des Staates in den westlichen Industriegesellschaften ab den 1980er Jahren gewandelt. Weg von Regulierung und Verstaatlichung hin zu freien Märkten, Deregulierung und Privatisierung. Somit konnte ab dieser Phase, bis auf weiteres, nicht mehr vom Aufkommen eines technischen Staates gesprochen werden, in dem Sinne, dass jede Technik verstaatlicht wird. Schelsky selbst schrieb davon, dass seine Thesen nicht seiner gegenwärtigen Wirklichkeit entsprechen, sondern eine Modelltheorie darstellen, die uns helfen kann, Strukturgesetzlichkeiten ans Licht zu bringen.122 Dies schließt nicht aus, dass sein Modell unter veränderten technischen und polit-ökonomischen Rahmenbedingungen angewendet werden kann, aber das Modell müsste modifiziert werden. 119 Ebd., 61. 120 Ebd., 58. 121 Schäfers, „Schelskys Theorie des technischen Staates: Sachgesetzlichkeiten als Bezugsrahmen der Handlungsführung und Sozialkontrolle“, 508. 122 Vgl. Schelsky, „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“, 468. 36 Günter Ropohl sieht den technologischen Determinismus als die Leitidee des allgemeinen Technikverständnisses bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Darunter versteht Ropohl eine Vorstellung, in der „die technische Entwicklung und ihre Folgen mit einer eigenen Gesetzmäßigkeit geschehen, ohne daß menschliches Wollen und Planen darin eingreifen brauchten oder könnten.“123 Ursprung dieses Denkens macht er im „Optimismus der Aufklärung“ und der „Rationalität der Moderne“ aus, die angetreten sind um „die Ambivalenz des Handelns zu beseitigen, das heißt, durch Wissen, Voraussicht und Planung das Wünschbare und Vorgestellte zielstrebig zu verwirklichen und unerwünschte Handlungsfolgen auf ein Mindestmaß zu verringern“, zusammengefasst in der Aussage: „Wer vernünftig handelt, handelt gut.“124 Dabei unterscheidet Ropohl zwischen einem genetischen und einem konsequentiellen Determinismus. Ersterer geht von einer „Zwangsläufigkeit und Eigengesetzlichkeit in der Entwicklung technischer Neuerungen“ aus, bedingt durch die „Selbstbewegung der naturwissenschaftlichen Erkenntnisanstrengungen“125 des Homo Faber, die notwendigerweise immer neue technische Entwicklungen einleiten. Die technische Entwicklung ist hier eine anthropologische Konstante. Der konsequentielle Determinismus geht wiederum von „Zwangsläufigkeit der Technikfolgen“126 aus. In dessen kulturkritischer und pessimistischer Spielart raubt die Technik dem Menschen seine Freiheit und unterwirft ihn seiner unumschränkten Herrschaft.127 Aus dieser Sicht basiert Schelskys Theorie auf einem konsequentiellen Determinismus in kulturkritischer, pessimistischer Spielart, allerdings affirmativ gewendet. Ropohl identifiziert eine normative Wende im Technikverständnis, welche im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts eingeleitet wurde. Damit ist eine Abkehr von dem Technikdeterminismus zugunsten einer Auffassung von einer durch Werte und Ziele steuerbaren Technologie gemeint. Symptom dessen ist, dass die Reflexion über die Technik den rein technischen und auch geisteswissenschaftlichen Bereich 123 Ropohl, Ethik und Technikbewertung, 21. 124 Ebd., 19 f. 125 Ebd., 21. 126 Ebd., 22. 127 Vgl. ebd., 21 f. 37 mehr und mehr hin zu allgemeinen politischen Debatten überschritten hat. In Westdeutschland wurde diese Wende auf geisteswissenschaftlicher Ebene vor allem durch Reaktionen auf Schelskys Thesen zum technischen Staat angestoßen, die Ropohl allerdings wohlwollend als brillant bezeichnet.128 Im Alltagsleben war u.a. die wachsende Umweltbewegung und die Konflikte um die Nutzung der Atomkraft in den 1980ern Ausdruck dieser Wende. Ganz konkret äußert sich diese Wende in einer veränderten Vorstellung von technischen Lösungen. Es wird nicht mehr davon ausgegangen, dass es eine einzige technische Lösung gibt, die sachgemäß die beste sei, wie es noch Schelsky vorschwebte, sondern dass es eine Vielzahl von Lösungsmöglichkeiten gibt, die interdisziplinär erarbeitet werden müssen. D.h. die Möglichkeiten der technischen Entwicklungen werden als gestaltbar und auf sozialen und ethischen Werten beruhend, also normativ, wahrgenommen. Ropohls Einschätzung mündet in der Analyse zweier in den 1960er Jahren neu aufgekommenen Fachgebieten, einmal der Ingenieurethik und der Technikfolgenabschätzung. An dieser Stelle ist kein Raum diese Fachgebiete adäquat zu beurteilen, gerade in der Hinsicht ob diese tatsächlich die Technikentwicklung beeinflussen. Aber Ropohl weist uns ganz richtig darauf hin, dass sich das Verständnis der Technikentwicklung verändert hat. Für ein Konzept der Technokratie würde es also heißen, dass selbst wenn klassische Politik durch technologische Methoden ersetzt werden würde, immer noch ein vor-technisches, normatives Feld bestehen bleibt, das praktisch ein neues Feld der politischen Auseinandersetzungen eröffnet. Der Anschein der Eigengesetzlichkeit und Sachnotwendigkeit zeigt sich hier als Ideologie. Auf der anderen Seite kann durch diese Entwicklung das Politische nur noch im Verbund mit einer Technik auftreten. Hier wäre zu hinterfragen, ob dies wirklich eine genuin moderne Erscheinung und nicht schon immer im Politischen enthalten gewesen ist. Bevor im vierten Kapitel der Transhumanismus mit den Thesen von Schelsky interpretiert und nach seinem technokratischen Gehalt gefragt wird, ist es zuvor notwendig, einen genaueren historischen Blick auf ausgewählte Teile der Vorgeschichte und der verschiedenen Formen des zeitgenössischen Transhumanismus zu werfen. 128 Vgl. ebd., 24 f.

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Abstract

Transhumanists propagate the possibility of physically and mentally 'enhancing' and 'overcoming' the human race by using technology and science. In doing so, they present a liberal self-conception that is supposedly compatible with democratic structures. In contrast to this line of thought, this thesis shows that transhumanist ideology inherently carries technocratic features. To this end, it draws on Helmut Schelsky's theories on the technical state. In 1961, Schelsky affirmatively diagnosed an emerging technocracy of the scientific civilization. According to this argument, the universalization of the scientific method transforms negotiable issues into undeniable constraints and thus gradually dissolves classical parliamentary democracy. This thesis shows that contrary to its liberal self-conception, contemporary transhumanism reproduces Schelsky's basic technocratic ideas.

Zusammenfassung

Transhumanisten propagieren die Möglichkeit der ‚Verbesserung‘ und ‚Überwindung‘ des Menschen durch den Einsatz von Technologie und Wissenschaft. Dabei treten sie mit einem liberalen Selbstverständnis auf, welches kompatibel zu demokratischen Strukturen sein soll.

Dem entgegengesetzt wird in dieser Arbeit die These vertreten, dass die transhumanistische Ideologie immanente technokratische Züge trägt. Dazu werden die Thesen von Helmut Schelsky zum technischen Staat rekapituliert, der 1961 affirmativ eine aufkommende Technokratie in der wissenschaftlichen Zivilisation diagnostizierte. Nach Schelsky verwandle die Universalisierung der wissenschaftlichen Methode verhandelbare Streitfragen in unbestreitbare Sachzwänge und löse damit die klassische parlamentarische Demokratie schleichend auf. In dieser Arbeit wird gezeigt, dass der gegenwärtige Transhumanismus, entgegen seinem liberalen Selbstverständnis, die technokratischen Grundüberlegungen von Schelsky reproduziert.