6 Ausblick: technologische Singularität in:

Matthias Michael Wieser

Vom Transhumanismus zum technischen Staat, page 105 - 110

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4423-0, ISBN online: 978-3-8288-7433-6, https://doi.org/10.5771/9783828874336-105

Series: Darmstädter Arbeiten zur Literaturwissenschaft und Philosophie, vol. 19

Tectum, Baden-Baden
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105 6 Ausblick: technologische Singularität In den bisherigen Ausführungen wurden die Vorstellungen einer künstlichen, übermenschlichen Maschinenintelligenz, die auch unter dem Begriff der technologischen Singularität gefasst wird, vernachlässigt. Wie im bisherigen Verlauf dieser Arbeit schon dargestellt, umfassen transhumanistische Vorstellungen nicht nur die Transformation des Menschen im quantitativen Sinne, sondern auch dessen regelrechte qualitative Überwindung. Der technologische Singularismus kann als eine Strömung des Transhumanismus verstanden werden, die eine stärkere Gewichtung auf künstliche maschinelle Intelligenz setzt, gedacht als nächste Stufe der Evolution. In diesem Ausblick sollen anschließende und weiterführende Gedanken zur technologischen Singularität angeführt werden. Der zentrale Gedanke der technologischen Singularität ist, dass deren Eintreten zu einer radikalen Veränderung der menschlichen Zivilisation führen soll, also einem singulären Ereignis.303 Diese Idee soll erstmals 1958 in einem Gespräch zwischen Stanis aw Ulam und John von Neumann geäußert worden sein: „One conversation centered on the ever accelerating progress of technology and changes in the mode of human life, which gives the appearance of approaching some essential singularity in the history of the race beyond which human affairs, as we know them, could not continue.“304 Die Annahme eines sich exponentiell vollziehenden technologischen Fortschritts ist das theoretische Fundament der Idee der technologischen Singularität. Ein bekanntes Beispiel ist das Mooresche Gesetz, das auf Gordon E. Moores Voraussage von 1965 beruht, dass sich die Anzahl der Transistoren in Mikrochips alle 18 Monate verdoppeln werde.305 Hier erscheint die technologische Entwicklung als zwangsläufig und eigen-dynamisch, quasi unabhängig vom Menschen, was einem genetischen Technikdeterminismus entsprechen würde.306 Auch wenn die Mooresche Voraussage bisher Bestand hatte, ist dies 303 Vgl. Bostrom, „A History of Transhumanist Thought“, 7 ff. 304 Ulam, „John von Neumann 1903-1957“, 5. 305 Vgl. Bostrom, „A History of Transhumanist Thought“, 9. 306 Vgl. Kapitel 2.2 „Das Sachzwang-Argument und die normative Wende der Technikphilosophie“, 33. 106 keine legitime Vorhersage für die Zukunft, denn diese kann nicht rein empirisch aus der Vergangenheit abgeleitet werden. Gerade solche Voraussagen werden von Transhumanisten unreflektiert auf die allgemeine menschliche Entwicklung übertragen und sollen eine Theorie der kommenden sog. maschinellen Intelligenzexplosion, die sich ebenfalls exponentiell vollziehen soll, begründen. I. J. Good sinnierte 1965 von einer ‚ultraintelligenten‘ Maschine und einer ‚Intelligenzexplosion‘, von der auch Bostrom ausgeht: „Let an ultraintelligent machine be defined as a machine that can far surpass all the intellectual activities of any man however clever. Since the design of machines is one of these intellectual activities, an ultraintelligent machine could design even better machines; there would then unquestionably be an ‚intelligence explosion,’ and the intelligence of man would be left far behind. Thus the first ultraintelligent machine is the last invention that man need ever make, provided that the machine is docile enough to tell us how to keep it under control.“307 Spekulationen über eine dem Menschen ebenbürtige artifizielle Intelligenz (im Folgenden AI) treten vermehrt seit der Erfindung von Computern auf. Deren Eintreffen wird in der Regel etwa zwanzig Jahre in der Zukunft prognostiziert. Bostrom merkt dazu ganz richtig an, dass das erwartete Ankunftsdatum seitdem mit einer Geschwindigkeit von einem Jahr pro Jahr nach hinten verschoben wird. Dennoch beharrt Bostrom darauf, dieses Szenario ernst zu nehmen. Bostrom meidet den Begriff der Singularität, ist aber fasziniert von der Idee einer sog. ‚Intelligenzexplosion‘, welche zu einer sog. ‚Superintelligenz‘ führen soll.308 Da Bostroms ‚Superintelligenz‘ noch nicht existiert, kann er auch nicht genau definieren, was diese ausmachen soll. Die sog. ‚Superintelligenz‘ hat, frei nach Good, die gleichen Fähigkeiten wie eine ‚normale‘ Intelligenz, nur, dass alle ihre Eigenschaften mit dem Adjektiv ‚super‘ versehen werden. Er kann diese nur in Abgrenzung zum Bestehenden definieren, also der existierenden künstlichen und der menschlichen Intelligenzen. Bestehende AIs sind auf eine einzelne Anwendung spezialisiert und können nur auf diesen Feldern agieren. 307 Good, „Speculations Concerning the First Ultraintelligent Machine“, 32. 308 Vgl. Bostrom, Superintelligence. Paths, Danger, Strategies, 4. 107 Diese Beschränkung auf ein Anwendungsgebiet soll bei einer ‚Superintelligenz‘ nicht vorhanden sein, deshalb ist von einer Artificial General Intelligence (im Folgenden AGI) die Rede. Aber was hat Bostrom überhaupt für einen Begriff von Intelligenz? „[G]eneral intelligence – that is, possessing common sense and an effective ability to learn, reason, and plan to meet complex information-processing challenges across a wide range of natural and abstract domains“309. Bostrom setzt hier einfach ein allgemeines Verständnis des gesunden Menschenverstandes voraus. Im Alltagsverständnis besteht zwar ein Konsens über das, was einen gesunden Menschenverstand ausmachen soll, dennoch entzieht sich dieser einer genauen Definition. Deshalb ist es nicht ohne weiteres möglich, dies in eine Maschine einzuprogrammieren, sondern bleibt dem Träger dessen, dem Menschen, vorbehalten. Dass, was Bostrom als allgemeine Intelligenz benennt, klingt des Weiteren schon wie eine selbstregulierende Maschine, welche sich in einer offenen Welt zurechtfindet, also quasi die Materialisierung der instrumentellen Vernunft darstellt. „Die Rekonstruktion der Welt aus unserer Erkenntnis“310 führt zur Modellierung des Menschen als Maschine. Bostrom nimmt seine knappe Definition als Sprungbrett, um schnellstmöglich zum Thema der sog. ‚Superintelligenz‘ über gehen zu können. Am Beispiel des US-amerikanische AI-Forschers und Vizevorsitzenden von Humanity+ Ben Goertzel können abschließend die Konsequenzen der transhumanistischen Ideologie aufgezeigt werden. Er wurde 2009 zum World Economic Forum eingeladen und sprach sich dort dafür aus, dass die Erschaffung einer künstlichen, dem Menschen überlegenen Intelligenz, höchste Priorität für die Menschheit haben sollte. Diese AGI solle ein Partner für die Menschheit werden. In der Zusammenarbeit sollen Lösungen für die ‚anderen harten Probleme‘ gefunden und viele andere positive Möglichkeiten entdeckt werden. Die AGI sei dazu besser in der Lage, da sie intelligenter als der Mensch sei, vorausgesetzt das richtige Motivationssystem ist einprogrammiert. Dies soll zu einer radikalen ‚Transmogrification‘ führen und dadurch die Art und Weise unseres Selbstverständnisses umstoßen, welches u.a. auf der Idee des freien Willens und einer scharfen Trennung zwischen dem individuellen Selbstbewusstsein 309 Ebd., 3. 310 Vgl. Schelsky, „Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisation“, 460. 108 des Menschen und der Außenwelt beruht. Unter Bezugnahme auf die Neurowissenschaften relativiert Goertzel den freien Willen und stellt ihn als Illusion dar. Überhaupt sei das Selbst für ihn nur ein Konstrukt bzw. Modell. Durch die Interaktion mit der AGI, gerade bei Unterstützung mit Gehirn-Computer-Schnittstellen, werden die Menschen sich hybridisieren. Goertzel glaubt, hier wieder ganz ähnlich zu Bernal, dass, basierend auf den Fortschritten der Computer und Kommunikationstechnologien, die mannigfaltigen ‚Minds‘ sich zu einem weltumspannenden globalen Gehirn verbinden werden.311 „Just as each neuron in a human brain is, in a sense, free to be a neuron and make its individual choices as to when to fire or not based on its surround, so we are free to be individual humans and to act according to our own natural autonomy – but just as the neuron acts as part of the overall self-coordinated activity of the human brain, so does each human act as part of the overall self-coordinated activity of the global brain.“312 Ein Netzwerk von AGIs soll in diesem globalen Gehirn wie der zentrale Cortex agieren. Der Rest, also Menschen und spezialisierte AIs, soll als zusätzliche Prozessoreinheiten wirken.313 Wenn ein Netzwerk von AGIs als zentraler Cortex des globalen Gehirns und die einzelnen Menschen als Neuronen gedacht werden, tritt unweigerlich das Titelbild von Hobbes Leviathan auf, in dem die Körper des Menschen die Elementarteile des Souveräns bilden. Der absolutistische Herrscher würde in dieser Vorstellung darin von dem Netzwerk der AGIs abgelöst werden. Hierbei ist hervorzuheben, dass in diesen Vorstellungen die Souveränität des Menschen eingeschränkt, wenn nicht gar negiert wird. Nachdem der Mensch im Renaissance-Humanismus seinen festen Platz in der anthropozentrischen Ordnung des Mittelalters verlor, aber dadurch zum gottesebenbildlichen Individuum aufstieg, wurde im evolutionären Humanismus der paradigmatische Versuch unternommen, eine absolute Emanzipation von Gott und den klassischen Religionen anzustreben. Die Leitidee Gottes wurde von der Leitidee der Evolution abgelöst; der Mensch sollte zuerst als Gattungswesen 311 Vgl. Goertzel, „Artificial General Intelligence and the Future of Humanity“, 129 ff. 312 Ebd., 131. 313 Vgl. ebd., 132. 109 und dann immer mehr als Individuum im Mittelpunkt der Evolution stehen; in einem neuen Humanismus, der ohne göttliche Hilfe auskommen möchte. Im Transhumanismus ab den 1980er Jahren sieht man den Individualismus auf die Spitze getrieben. Aber dieser Individualismus schlägt allerspätestens mit den Hypothesen der technologischen Singularität um. Angestrebt wird eine Auflösung der Subjektivität im vernetzten Kollektiv; die Relevanz des menschlichen Individuums nimmt radikal ab. Der technologische Singularismus strebt keine Aufhebung des Menschen in dem Sinne an, dass sich der Mensch selbst auf eine höhere Stufe der Evolution bringt, sondern eher in der Form einer Überwindung seiner selbst. Der Mensch wäre nicht mehr das Subjekt der Geschichte. Die technologische Singularität impliziert des Weiteren, dass die Menschheit ab diesem Zeitpunkt nicht mehr souverän ist, ja nicht einmal die genauen Folgen des Eintretens ergründen könne. Weil Transhumanisten keinen Begriff von Souveränität und Gesellschaft haben, bleiben in ihren politischen Ausführungen nur zwei Abzweigungen: entweder sie propagieren ein sozial-kybernetisches System, welches wie ein reibungslos fungierendes maschinelles Netzwerk gedacht wird: dieses kommt ihren Vorstellungen einer idealen sozialen Ordnung dabei am nächsten und gerät notwendig in Konflikt mit etablierten demokratischen Strukturen. Oder sie bleiben, wie Bostrom, in der Frage der Ausgestaltung der gesellschaftlichen Ordnung vage und verschieben die Beantwortung in die Zukunft, in der Hoffnung, dass die sog. ‚Superintelligenz‘ uns dabei schon helfen wird, was aus Sicht der Transhumanisten die Sehnsucht nach dem Eintreten der technologischen Singularität umso mehr anregt.

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Abstract

Transhumanists propagate the possibility of physically and mentally 'enhancing' and 'overcoming' the human race by using technology and science. In doing so, they present a liberal self-conception that is supposedly compatible with democratic structures. In contrast to this line of thought, this thesis shows that transhumanist ideology inherently carries technocratic features. To this end, it draws on Helmut Schelsky's theories on the technical state. In 1961, Schelsky affirmatively diagnosed an emerging technocracy of the scientific civilization. According to this argument, the universalization of the scientific method transforms negotiable issues into undeniable constraints and thus gradually dissolves classical parliamentary democracy. This thesis shows that contrary to its liberal self-conception, contemporary transhumanism reproduces Schelsky's basic technocratic ideas.

Zusammenfassung

Transhumanisten propagieren die Möglichkeit der ‚Verbesserung‘ und ‚Überwindung‘ des Menschen durch den Einsatz von Technologie und Wissenschaft. Dabei treten sie mit einem liberalen Selbstverständnis auf, welches kompatibel zu demokratischen Strukturen sein soll.

Dem entgegengesetzt wird in dieser Arbeit die These vertreten, dass die transhumanistische Ideologie immanente technokratische Züge trägt. Dazu werden die Thesen von Helmut Schelsky zum technischen Staat rekapituliert, der 1961 affirmativ eine aufkommende Technokratie in der wissenschaftlichen Zivilisation diagnostizierte. Nach Schelsky verwandle die Universalisierung der wissenschaftlichen Methode verhandelbare Streitfragen in unbestreitbare Sachzwänge und löse damit die klassische parlamentarische Demokratie schleichend auf. In dieser Arbeit wird gezeigt, dass der gegenwärtige Transhumanismus, entgegen seinem liberalen Selbstverständnis, die technokratischen Grundüberlegungen von Schelsky reproduziert.