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2. Vertrauen in:

Dominik Weigand

Das Confidence-Trust-Modell, page 7 - 232

Zur Entwicklung einer integrativen Vertrauenstheorie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4421-6, ISBN online: 978-3-8288-7430-5, https://doi.org/10.5771/9783828874305-7

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 90

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
7 2. Vertrauen Das theoretische Konstrukt Vertrauen lässt sich je nach Bezugssphäre auf einer grundlegenden Ebene in sogenanntes soziales und politisches Vertrauen differenzieren. Soziales Vertrauen beschreibt im Wesentlichen ein „Vertrauen der Menschen zu ihrer sozialen Umwelt“ (Kunz (2004), S. 202), dagegen sind die Bezugspunkte politischen Vertrauens spezifischer und umfassen im Speziellen politische Institutionen und Personen, die Ämter innerhalb dieser politischen Institutionen innehaben bzw. gewählte Repräsentanten des Volkes darstellen. (Bierhoff (2002), S. 242; Gabriel (1999), S. 202; Göhler (2002), S. 224) Sowohl politisches als auch soziales Vertrauen lassen sich in jeweils zwei Subkategorien aufspalten. So gliedert sich politisches Vertrauen in sogenanntes Akteurs- und Institutionenvertrauen. (Schweer (2000), S. 11f; Zmerli (2004), S. 230f) „Vertrauen in der Politik bezieht sich also einerseits auf Personen in sozialen Interaktionen oder auf Personen als Akteure von Institutionen, soweit sie selbst als Repräsentanten gewählt wurden – diesen wird persönlich vertraut oder mißtraut. Andererseits gilt das Vertrauen politischen Institutionen, und zwar den Mechanismen von Institutionen dahingehend, daß diese Mechanismen greifen, auch wenn den Akteuren selbst nicht unmittelbar vertraut wird.“ (Göhler (2002), S. 227) Beide Spielarten des politischen Vertrauens können aufgrund der Tatsache, dass „Institutionen letztlich immer ihre Akteure haben“ (Göhler (2002), S. 225) kaum losgelöst voneinander betrachtet werden. So konnte Walter-Rogg zeigen, dass zwischen Akteurs- und Institutionenvertrauen sogenannte „Spillover“-Effekte existieren. Die verschiedenen Ausformungen politischen Vertrauens, im Detail sind dies Politikervertrauen, Parteienvertrauen, Vertrauen zu Entscheidungsinstitutionen und Vertrauen zu Implementationsinstitutionen, weisen hier Wechselbeziehungen auf, die keiner hierarchischen Ordnung folgen. Vielmehr ergeben sich Ausstrahlungseffekte in verschiedene Richtungen, die jeweils die Ausprägung und die Veränderung im Vertrauen gegenüber den anderen Objekten erklären. (Walter-Rogg (2005), S. 161, S. 175, S. 178f) Soziales Vertrauen lässt sich in partikulares und generalisiertes Vertrauen ausdifferenzieren (Newton/Zmerli (2011), S. 170ff), wobei das Verhältnis zwischen diesen beiden Formen sozialen Vertrauens und insbesondere die Rolle generalisierten Vertrauens innerhalb eines Gesellschaftsgefüges Gegenstand der nachfolgenden Erörterungen sein soll. „Following the standard Oxford English Dicitionary definition, the word ‚particular‘ is used here as an adjective describing the noun ‚trust‘ where social trust is associated with specific people or groups of people, whether known or in-group others. General trust is not limited in this way. It extends in a more abstract manner to people as a whole in an unselective and unspecific manner. General trust is inclusive. General trust is the belief that most people can be trusted, even if you do not know them personally, and even if they are not like you socially.“ (Newton/Zmerli (2011), S. 171) Hinsichtlich der Beziehung von sozialem und politischem Vertrauen existieren innerhalb der Literatur widerstreitende Ansichten. Ausgehend von Gabriel gilt politisches Vertrauen „als ein Spezialfall sozialen Vertrauens und bezeichnet wie dieses die Disposition von Akteuren, anderen Akteuren bestimmte Handlungsressourcen (…) zur Verfügung zu stellen“ (Gabriel (2002), S. 494). Nach Newton/Zmerli lassen sich aus dem sozialwissenschaftlichen Forschungsstand dagegen bis zu drei verschiedene Modelle für den Zusammenhang von sozialem und politischem Vertrauen ableiten. Das compatible model geht davon aus, dass 8 Vertrauen sich die verschiedenen Formen des Vertrauens gegenseitig verstärken und wechselseitig austauschbar sind. Die unterschiedlichen Vertrauenstypen stellen demnach lediglich Varianten ein und derselben Kategorie dar, sodass jemand, der auf einer der Vertrauensebenen vertraut, in der Regel auch auf allen anderen Ebenen vertraut. Im Rahmen der Vertrauensgenese werden hier mehrere Mechanismen wirksam. Auf der einen Seite ergibt sich Vertrauen aus sozialen und politischen Strukturen bzw. Institutionen. Enge soziale Netzwerke und Institutionen, die vertrauenswürdiges Verhalten fördern, generieren gleichermaßen soziales wie politisches Vertrauen, welches positiv auf das gesellschaftliche System zurückwirkt, sodass sich eine reziproke Beziehung ergibt. Auf der anderen Seite stellt Vertrauen ein Kerncharakteristikum der Persönlichkeit von Individuen dar, das sich aus der jeweiligen Primärsozialisation ergibt. Als solches ist es eng verbunden mit weiteren Persönlichkeitsaspekten, wie einem Gefühl für die eigene Selbstwirksamkeit, dem Glauben an interpersonelle Kooperation und einem optimistischen Naturell. (Newton/Zmerli (2011), S. 173f) Das incompatible model geht davon aus, dass die verschiedenen Vertrauenstypen voneinander unabhängig sind und nicht ineinander überführt werden können. Hiernach wird soziales Vertrauen durch soziale Aspekte, wie soziale Herkunft, Bildung und Mitgliedschaft in sozialen Netzwerken, beeinflusst, während politisches Vertrauen mit politischen Faktoren, wie politischem Interesse, Parteiidentifikation und Nutzung politischer Medien, assoziiert ist. (Newton/Zmerli (2011), S. 174f) Das conditional model geht davon aus, dass die verschiedenen Varianten des Vertrauens im Prinzip keine Inkompatibilität aufweisen, die Ausrichtung des jeweiligen Verhältnisses aber in hohem Maße von den äußeren Umständen abhängig ist. Hierbei ist allerdings zu bemerken, dass im Rahmen dieses Modells insbesondere der Zusammenhang von partikularem und generalisiertem Vertrauen im Fokus steht. So wird davon ausgegangen, dass in generalisiertem Vertrauen notwendigerweise partikulares Vertrauen enthalten sein muss, die umgekehrte Beziehung aber nicht zwingend Gültigkeit besitzt. Gleichzeitig wird angenommen, dass vollkommenes Misstrauen ebenso selten auftritt wie vollkommenes Vertrauen. So zeigt 9 Vertrauen sich, dass eine ausgeprägte Identifikation mit der eigenen ingroup keine Feindseligkeit gegenüber der jeweiligen outgroup determiniert, sondern eine Funktion des Wettbewerbs um Ressourcen, der gefühlten Bedrohung der ingroup durch die outgroup und den Vorteilen einer Öffnung gegenüber den Nutzen einer Schließung der ingroup hinsichtlich anderer Gruppen darstellt. Außerdem können Veränderungen im kulturellen und institutionellen Kontext, beispielsweise ausgehend von Kriegen und Krisen, eine Verschiebung der Grenzen zwischen in- und outgroup bewirken, die wiederum einen Effekt auf die Verteilung des Vertrauens haben. Prinzipiell ist es innerhalb liberaler und egalitärer Gesellschaften leichter, umfassendes Vertrauen, d. h. sowohl soziales als auch politisches Vertrauen, zu entwickeln, als dies in durch totalitäre Regime geprägten Gesellschaften der Fall ist. (Newton/Zmerli (2011), S. 175f) Im weiteren Verlauf der theoretischen Erörterung des Vertrauensbegriffs soll nun das soziale Vertrauen und im Speziellen dessen Subkategorie generalisiertes Vertrauen im Fokus stehen. 2.1 Soziales Vertrauen „Vertrauen kann (1) auf verschiedenen Ebenen auftreten, gegen- über Personen, Organisationen oder Systemen, (2) auf unterschiedlichen Voraussetzungen beruhen, auf Kosten-Nutzenüberlegungen, auf wahrgenommenen Personeneigenschaften oder entstandenen Gemeinsamkeiten, (3) bewusst oder unbewusst mit dem Eingehen eines Risikos verbunden sein, (4) spezifisch oder generell sein und (5) sich auf die Absichten oder die Kompetenz einer Person beziehen.“ (Oswald (2006), S. 710) Wie sich zeigt, stellt Vertrauen keineswegs ein einheitliches Konzept dar. Vielmehr existieren verschiedene Definitionen mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen. Entsprechend dieser Heterogenität des Vertrauensbegriffes, gestalten sich auch die existierenden Systematisierungen der verschiedenen Ansätze zur Bestimmung und Beschreibung von 10 Vertrauen sozialem Vertrauen höchst unterschiedlich. Es stellt sich daher zunächst die Frage, welche eine ökonomische und funktionale Strukturierung der unterschiedlichen Vertrauensansätze darstellt, die dabei gleichzeitig der Komplexität des Vertrauensbegriffes gerecht wird. Um diese Frage zu beantworten, sollen zunächst einige exemplarische Beispiele für mögliche Systematisierungen vorgestellt werden, aus denen dann die dieser Arbeit zugrundeliegende Gliederung des Vertrauensbegriffs entwickelt wird. Jones unterscheidet in trust-as-reliance accounts, risk-assessment accounts, cognitive accounts und goodwill-based accounts. Innerhalb der trust-as-reliance accounts wird Vertrauen damit gleichgesetzt, sich auf etwas zu verlassen. Objekt solchen Vertrauens kann dabei jedes Lebewesen und jeder Gegenstand sein, der in die Relation „A trusts B to do Z just in case A relies on B’s doing Z“ (Jones (2013), S. 5210) eingefügt werden kann. Vertrauen solcher Art beinhaltet in der Regel keine Risikokomponente. Als Vertrauensobjekte werden nach Möglichkeit nur solche Lebewesen oder Gegenstände ausgewählt, auf die man sich sicher verlassen kann, wobei auch ständig nach weniger riskantem Ersatz für bereits bestehende Vertrauensbeziehungen gesucht wird. (Jones (2013), S. 5210) Risk-assessment accounts verstehen Vertrauen als eine Wahrscheinlichkeitsabschätzung dessen, ob der Vertrauenspartner ein gewünschtes Verhalten zeigen wird oder nicht. Es werden dabei nur solche Vertrauensbeziehungen eingegangen, bei denen das Risiko eines Vertrauensbruches möglichst gering ist. Diese Risikoabschätzung geschieht dabei entlang von Annahmen über Motive, weshalb der Vertrauenspartner in die Vertrauensbeziehung einsteigt. Es gilt dabei jeder als vertrauenswürdig, der auf dieser Basis als in der Lage angesehen wird, das gewünschte Verhalten zu zeigen. (Jones (2013), S. 5210f) Cognitive Accounts gehen davon aus, „that the other act from reasons that make reference to the truster“ (Jones (2013), S. 5211). Grundlage solchen Vertrauens ist somit die Annahme, dass beim Vertrauenspartner ein Interesse besteht, dass die Vertrauensbeziehung Bestand hat und er dementsprechend die Erwartungen des Vertrauenden erfüllen möchte. (Jones (2013), S. 5211) 11 Soziales Vertrauen Goodwill-based accounts unterstellen dem Vertrauten ein Wohlwollen gegenüber dem Vertrauenden, das sein Handeln lenkt. Die Handlungen und Motive des Vertrauten werden dabei vom Vertrauenden aus der Perspektive des erwiesenen Vertrauens interpretiert und werden dadurch anders wahrgenommen als dieselben Handlungen einer Person, der nicht vertraut wird. (Jones (2013), S. 5211f) Hardin differenziert zwischen trust as encapsuled interest, trust as dependent on characteristics of the trusted, trust as a good, developmental accounts of trust und functional accounts of trust. Trust as dependent on characteristics of the trusted beschreibt Vertrauen als Folge der besonderen Eigenschaften einer Person. So bestimmen beispielsweise Charaktermerkmale, ob eine Person vertrauenswürdig ist und ihr Vertrauen entgegengebracht werden kann. (Hardin (2001a), S. 18ff) Mit Trust as a good meint Hardin ein Verständnis von Vertrauen als Ware. Diese Ware kann, wenn benötigt, produziert werden. Ebenso kann es gehandelt und zerstört werden oder in Form von sozialem Kapital für verschiedene Zwecke eingesetzt werden. (Hardin (2001a), S. 21ff) Developmental accounts of trust gehen davon aus, dass die Fähigkeit, zu vertrauen und vertrauenswürdig zu sein, eine Folge von Erfahrung und Lerneffekten ist. Dabei können sowohl prägende Lebensereignisse als auch evolutionäre Mechanismen eine Rolle spielen. (Hardin (2001a), S. 24ff) Functional accounts of trust zielen auf die Funktion von Vertrauen ab, die Komplexität, die sozialen Beziehungen innewohnt, reduzieren zu können. In der Regel kann ein Individuum nur schwer sicher abschätzen, wie sich der Partner innerhalb einer sozialen Beziehung verhalten wird. Es ist somit mit einer Unsicherheit bezüglich des Verhaltens des anderen und einer damit einhergehenden Verletzbarkeit seiner selbst konfrontiert, die sich aus der Komplexität sozialer Beziehungen ergibt. Vertrauen ist in der Lage diese Komplexität zu reduzieren und „increases tolerance for ambiguity“ (Hardin (2001a), S. 28). (Hardin (2001a), S. 28ff) 12 Vertrauen Endress unterscheidet zwei prinzipielle Arten von Vertrauenskonzepten: reflexives Vertrauen und fungierendes Vertrauen. (Endress (2002), S. 47ff, S. 68ff, S, 90) Reflexives Vertrauen beschreibt dabei Vertrauensansätze, die auf Risikoabschätzung beruhen. Solches Vertrauen ist auf spezifische soziale Situationen und das subjektive Risikobewusstsein der beteiligten Personen bezogen. Es beinhaltet die Kalkulation von Sanktionen gegen Vertrauensmissbrauch, die Bewertung des Kosten-Nutzen-Verhältnisses einer Vertrauensbeziehung sowie die explizite Kontrolle des Handelns der Vertrauenspartner. (Endress (2002), S. 68f) Fungierendes Vertrauen meint Vertrauensansätze, die einen Modus von Vertrauen beschreiben, der implizit vorhanden ist und dabei jedwede Interaktion durchdringt. Vertrauen dieser Art bezieht sich auf die objektive Risikohaftigkeit von Vertrauenssituationen. Es ist im Sinne einer Präreflexivität, eine fraglose Form von Vertrauen, die eine Vertrautheit mit der Umwelt beschreibt. (Endress (2002), S. 68ff) Misztal trennt in Vertrauenskonzeptionen, die Vertrauen als property of individuals, property of social relationships oder property of social systems begreifen. Vertrauen als property of individuals ergibt sich als Folge individueller Persönlichkeitsmerkmale. Hierbei spielen insbesondere Empfindungen, Gefühle und individuelle Werte eine große Rolle. (Misztal (1996), S. 14) Ansätze, die Vertrauen als property of social relationships verstehen, gehen davon aus, dass Vertrauen eine Eigenschaft von Kollektiven darstellt und im Rahmen bzw. durch die institutionelle Ordnung einer Gesellschaft wirksam wird. Vertrauen wird in dieser Lesart als soziale Ressource aufgefasst, die dazu dient, gemeinschaftliche Ziele zu erreichen. (Misztal (1996), S. 14) Vertrauen als property of social systems ist an die Handlungen und Einstellungen der Individuen innerhalb eines Systems gebunden. Vertrauen gilt hier als wertvolles öffentliches Gut, dass durch das Verhalten der Mitglieder einer Gesellschaft aufrechterhalten wird. (Misztal (1996), S. 14f) 13 Soziales Vertrauen Kunz vertritt die Auffassung, dass soziales Vertrauen der Förderung demokratischer Einstellungen und Verhaltensweisen dient, als soziales Koordinationsmedium sozialer Entwicklung und Integration wirkt sowie Transaktions- und Überwachungskosten senkt, was die Risikobereitschaft und die Innovationsbereitschaft stärken. Er unterscheidet hierbei in spezifische Vertrauensansätze und generalisierende Vertrauensansätze (Kunz (2004), S. 202ff) Unter spezifischen Vertrauensansätzen versteht er in erster Linie Vertrauensansätze, die Vertrauen als „rationale und fallbezogene Entscheidung“ (Kunz (2004), S. 204) betrachten. Die Entscheidung, Vertrauen zu schenken oder zu verweigern, orientiert sich dabei an der jeweiligen Situation, mit der man gerade konfrontiert ist, und ist abhängig von den Informationen, über die man hinsichtlich des Vertrauensnehmers und der Situation verfügt. Hierbei kann niemals eine Vollinformiertheit vorliegen, die Vertrauensvergabe ist somit immer mit einem Risiko verbunden. Generalisierende Vertrauensansätze beziehen sich dagegen „auf die grundsätzliche Vertrauensbereitschaft eines Akteurs, unabhängig von den konkreten Ausprägungen einer bestimmten Situation“ (Kunz (2004), S. 204). Vertrauen ist in diesem Sinne die generalisierte Einstellung, dass den Mitmenschen eine grundsätzliche Vertrauenswürdigkeit innewohnt. Diese Einstellung ergibt sich aus während der Sozialisation erlernten kulturellen Regeln und Wertorientierungen. Stolle unterscheidet insgesamt vier Gruppen von Vertrauensansätzen: Strategic or Rational Accounts of Trust, Identity- or Group-based Accounts of Trust, Moral Trust und Generalized Trust. (Stolle (2002), S. 400ff) Unter Strategic or Rational Accounts of Trust fallen solche Theorieansätze, die Vertrauen als Kosten-Nutzen-Rechnung bezüglich zukünftiger Kooperation verstehen. Vertrauen wird nach diesem Verständnis als Entscheidung zur Kooperation mit einer anderen Person betrachtet, die auf einer Abschätzung der Wahrscheinlichkeit beruht, ob diese andere Person das Vertrauen erwidern wird bzw. eine Gegenleistung für das erwiesene Vertrauen erbringen wird. Die Prognose des zukünftigen Verhaltens basiert dabei auf der Wahrnehmung der Performanz der fragli- 14 Vertrauen chen Person in früheren, möglicherweise ähnlich gelagerten Situationen. Um Vertrauen zu schenken, ist es daher notwendig, bereits ein gewisses Maß an Informationen über den Vertrauensnehmer zu besitzen. Nachteil einer solchen Vertrauenskonzeption ist allerdings, dass sie nicht erklären kann, wie eine Vertrauensbeziehung zu Personen, über die nur wenige oder gar keine Informationen zur Verfügung stehen, etabliert werden kann. (Stolle (2002), S. 400f) Identity- or Group-based Accounts of Trust basieren auf der Identifikation mit Gruppen und der Klassifizierung von Individuen. Annahme dieses Theorieansatzes ist es, dass „people trust those whom they feel close, whom they believe are similar to them, and with whom they are familiar“ (Stolle (2002), S. 401). Mit anderen Worten: Personen vertrauen solchen Personen, mit denen sie die gleiche Gruppenidentität vereint. Werden andere Personen als zur gleichen Gruppe zugehörig wie man selbst angenommen, so wird implizit davon ausgegangen, dass man mit ihnen die gleichen Werte und Normen teilt. Dies führt wiederum zu der Annahme, dass solche Personen in ähnlicher Art und Weise handeln würden wie man selbst. Gleichzeitig sorgt die Annahme einer gemeinsamen Gruppenidentität für die Perzeption einer gesteigerten Wahrscheinlichkeit von gruppengestützten Sanktionen bei einem Vertrauensmissbrauch. Die Folgen sind eine Reduktion des Kooperationsrisikos und eine damit einhergehende Erleichterung in eine Vertrauensbeziehung einzutreten. Das Konzept des sogenannten depersonalized trust erlaubt es dabei, Vertrauen auf Gruppenmitglieder auszudehnen, die einem persönlich nicht bekannt sind. (Brewer (1981), S. 356) Eine Erklärung für die Erweiterung von Vertrauen auf Personen, über die nur wenige oder gar keine Informationen bekannt sind bzw. die nicht als Mitglied unserer Gruppe identifiziert werden können, liefern auch diese Ansätze nicht. Moral Trust basiert auf der Annahme, dass Personen grundsätzliche Werte miteinander teilen. Vertrauen ist innerhalb dieser Gruppe von Vertrauenskonzeptionen als grundsätzliche Einstellung des Menschen gegenüber anderen Menschen, im Sinne eines Glaubens an das Wohlwollen der anderen, zu verstehen. (Seligman (1997) S. 43) Solches Vertrauen ist unabhängig von Erfahrung und bleibt auch bei offensichtlichen 15 Soziales Vertrauen Vertrauensbrüchen stabil. Unklar bleibt allerdings, warum verschiedene Personen unterschiedliche Vertrauenslevel aufweisen, wenn doch Vertrauen eine gegenüber äußeren Einflüssen robuste Charaktereigenschaft von Individuen und sogar Kollektiven darstellt. Generalized trust bezieht sich im Speziellen auf Personen, die einem nicht persönlich bekannt sind. Es ist dabei gekennzeichnet durch „an abstract preparedness to trust others and to engage in actions with others“ (Stolle (2002), S. 403). Generalized trust überwindet die Notwendigkeit eine persönliche Beziehung zu jemandem zu haben, um ihm zu vertrauen. Allerdings scheint dabei der Kontext eine Rolle zu spielen. Nannestad schließlich schlägt eine Klassifizierung der verschiedenen Vertrauensansätze vor, die sich auf zwei Ebenen bewegt. Auf der ersten Ebene unterscheidet er zwischen rationalen Vertrauenskonzepten und normbasierten Vertrauenskonzepten. Die zweite Ebene gliedert er in generalisiertes und partikulares Vertrauen. (Nannestad (2008), S. 414f) Nach den rationalen Vertrauenskonzepten ergibt sich Vertrauen aus einer Abschätzung der zu erwartenden Konsequenzen einer Vertrauensvergabe. Ziel einer Vertrauensvergabe soll die Kontinuität einer Kooperationsbeziehung sein, wobei die Motivation des Vertrauenspartners, unseren Interessen zu entsprechen sowie seine Fähigkeit unseren Interessen zu dienen, eine große Rolle spielen. Zusätzlich wird Vertrauen dabei nur in Bezug auf eine bestimmte Sache oder einen bestimmten Sachverhalt wirksam. Normbasierte Vertrauenskonzepte verstehen Vertrauen als sozialisations-induzierte grundsätzliche Einstellung gegenüber den Mitmenschen. Diese ist weitestgehend unabhängig von persönlicher Erfahrung und Risikokalkulation. Sowohl rationale als auch normbasierte Vertrauenskonzepte lassen sich auf dem Kontinuum der zweiten Unterscheidungsebene klassifizieren. So bezeichnet partikulares Vertrauen ein Vertrauen, das auf eine bestimmte Person, hinsichtlich einer speziellen Angelegenheit gerichtet ist, wobei über diese Person Informationen bekannt sind. Dagegen bezeichnet generalisiertes Vertrauen ein Vertrauen gegenüber Fremden oder Vertrauen hinsichtlich eines nicht näher bestimmten Sachverhalts. (Nannestad (2008), S. 414f) 16 Vertrauen Betrachtet man die verschiedenen hier vorgestellten Systematisierungen des Vertrauensbegriffs, so ist eine Entwicklung des Verständnisses von Vertrauen zu beobachten, die in den Ansätzen von Stolle und Nannestad konvergiert. Während Jones und Hardin Vertrauen eher als Phänomen der Partikularebene betrachten und es vornehmlich in sozialen Beziehungen zwischen Individuen verorten, integrieren Endress, Misztal und Kunz zusätzlich die Generierung von Vertrauen auf der Ebene eines gesellschaftlichen Systems. Vertrauen ist dann nicht mehr nur Folge eines expliziten Aushandelns zwischen zwei oder mehr Personen, sondern kann auch implizit als Folge der Verfasstheit einer Gesellschaft existieren. Es erfolgt somit eine Unterscheidung zwischen einer spezifischen Form des Vertrauens und einer generalisierten Form des Vertrauens. Die Systematisierungen von Stolle und Nannestad differenzieren diese erste Integration weiter aus. Stolle unterscheidet Vertrauen entlang der Anfangsbedingungen seiner Entstehung. Vertrauen kann hiernach Folge von Kosten-Nutzen-Abwägungen, Gruppenidentifikation, Normen oder generalisierten Vertrauenseinstellungen sein. Dabei beinhalten ausschließlich Vertrauensansätze der letzteren Art eine Erklärung dafür, wie Vertrauen auf unbekannte andere bzw. Fremde erweitert werden kann. Eine Trennung zwischen partikularem und generalisiertem Vertrauen ergibt sich damit aus der Differenzierung der Anfangsbedingungen. Nannestad unterscheidet zwei Dimensionen des Vertrauens. Die erste Dimension betrifft dabei ebenso wie bei Stolle die Anfangsbedingungen von Vertrauen und trennt in rationales und normengeleitetes Vertrauen. Die zweite Dimension trägt dem Umstand Rechnung, dass Vertrauen sowohl partikularen als auch generalisierten Charakter besitzen kann. Beide Dimensionen greifen ineinander, sodass der Typus des rationalen Vertrauens vornehmlich mit partikularem Vertrauen zusammenfällt, während der Typus des normengeleiteten Vertrauens vornehmlich mit generalisiertem Vertrauen zusammenfällt. (Nannestad (2008), S. 415) Die dem folgenden Kapitel zugrundeliegende Systematisierung von Vertrauen soll nun aus einer Integration der Strukturierungen von Stolle und Nannestad bestehen. Vertrauen wird hiernach entlang zweier Dimensionen betrachtet werden. Die erste Dimension spannt dabei ein 17 Soziales Vertrauen Kontinuum der Anfangsbedingungen von Vertrauen auf. Die Eckpunkte dieses Kontinuum liefert die Konzeption der ersten Dimension von Nannestad, während eine Adaption von Stolles Ansatz den Zwischenraum besetzt. Es ergibt sich dann folgende Zusammensetzung für die erste Dimension: Normative or moral trust, emotional or affective trust, identity or groupbased trust, strategic or rational trust. Die Reihenfolge der Vertrauensarten ist dabei keineswegs willkürlich gewählt, sondern verweist darauf, dass ausgehend vom Typus des normenbasierten Vertrauens über emotionales und identitätsbasiertes Vertrauen hin zu rationalem Vertrauen, die Relevanz von normativen Regelung für die Entstehung von Vertrauen abnimmt und dafür die individuelle und sachspezifische Aushandlung von Vertrauen an Bedeutung gewinnt. Die Gliederung der Vertrauensarten wurde, verglichen mit Stolle, an zwei Punkten verändert. Existierten bei Stolle noch moral trust und generalized trust, wurden diese beiden hier zu normative or moral trust zusammengezogen. Dies ist damit zu begründen, dass auch generalized trust ein Vertrauen darstellt, welches auf allgemeingültigen Normen und Werten basiert. Es handelt sich hierbei um den Kern des hier zu entwickelnden Verständnisses von generalisiertem Vertrauen und gleichzeitig um den wesentlichen Parameter für die Distinktion zwischen generalisiertem und partikularem Vertrauen. Im Verlauf des nachfolgenden Kapitels wird die Argumentation hierzu im Detail ausgearbeitet werden. Die zweite Veränderung im Hinblick auf Stolle ist die Ergänzung von emotional or affective trust. Diese Vertrauenskategorie trägt dem Umstand Rechnung, dass Vertrauen oft eine affektive Komponente besitzt, die in den übrigen Vertrauensansätzen unterrepräsentiert ist. Da Ansätze, die von einem emotionsgeleiteten Vertrauen ausgehen, eine weitere, von den anderen Perspektiven stark abweichende, Lesart des Vertrauensbegriffs liefern, werden sie hier als gesonderte Kategorie aufgeführt. Die zweite Dimension stellt eine Adaption der zweiten Differenzierungsebene des Vertrauens bei Nannestad dar. Sie verläuft quer zur ersten Dimension und geht zunächst davon aus, dass soziales Vertrauen zwei verschiedene Qualitäten aufweisen kann: Vertrauen (trust) und Zuversicht (confidence). Vertrauen (trust) beschreibt eine Vertrauensform, 18 Vertrauen die einen spezifisch-reflexiven Charakter aufweist. Sie ist auf bestimmte Personen gerichtet und beinhaltet ein bewusstes Risiko. Zuversicht (confidence) beschreibt eine generelle Vertrauenseinstellung, auf deren Basis fraglos und selbstverständlich Vertrauen gewährt wird. Beide Vertrauensqualitäten konvergieren in einer jeweils charakteristischen Ausdrucksform. Für Vertrauen (trust) stellt dies das sogenannte partikulare Vertrauen dar, welches auf bekannte Personen wegen einer bestimmten Angelegenheit oder eines bestimmten Gegenstandes bezogen ist. Für Zuversicht (confidence) ergibt sich das sogenannte generalisierte Vertrauen, das vornehmlich auf Fremde bezogen ist und losgelöst von face-toface- Interaktion bzw. persönlicher Bekanntschaft existiert. Nachfolgend ist der Verlauf der ersten und zweiten Dimension sozialen Vertrauens zueinander grafisch dargestellt. Auf der vertikalen Achse befindet sich das Kontinuum der ersten Dimension, welches zwischen den Endpunkten normative und rational pendelt. Es ist dabei ausgehend von Normative oder moral trust über Emotional oder affective trust, Identity- oder group-based trust hinzu Strategic oder rational trust prinzipiell von einer Abnahme der Relevanz normativer Regelungen für die Entstehung von sozialem Vertrauen und einer Zunahme der Bedeutung der individuellen und sachspezifischen Aushandlung von sozialem Vertrauen auszugehen. Auf der horizontalen Achse ist die quer zur ersten Dimension verlaufende zweite Dimension sozialen Vertrauens zu finden. Die Pole des hier aufgespannten Kontinuums stellen die Kategorien Zuversicht (confidence) und Vertrauen (trust) bzw. generalisiertes Vertrauen und partikulares Vertrauen dar. Dabei enthält jede Kategorie der ersten Dimension sowohl Aspekte des partikularen wie des generalisierten Vertrauens. Allerdings sind diese je nach Kategorie mehr oder weniger stark ausgeprägt. 19 Soziales Vertrauen Abb. 2.1: Dimensionen sozialen Vertrauens 2.1.1 Erste Dimension Die erste Dimension der Differenzierung von sozialem Vertrauen befasst sich mit der Unterscheidung normativer, affektbasierter, identitätsbasierter und rationaler Vertrauenskonzeptionen. 2.1.1.1 Normative oder moral trust Normative Vertrauenskonzepte gehen davon aus, dass die Vergabe und Aufrechterhaltung von Vertrauen an die Befolgung allgemeingültiger und auch allgemeinanerkannter Normen und Regeln gebunden sind. Vertrauen wirkt dabei ordnungsstiftend und hat einen genuin sozialen Charakter, was bedeutet, dass es außerhalb von sozialen Beziehun- Abb. 3.1: Dimensionen sozialen Vertrauens (Quelle: eigene Darstellung) Confidence Trust Normative Rational 20 Vertrauen gen keine Bedeutung hat. Einführend sollen zunächst einige Vertreter dieser Kategorie in Kurzform vorgestellt werden, woran sich dann eine detailliertere Betrachtung ausdifferenzierterer normativer Vertrauenstheorien anschließt. Nach Baiers Auffassung ist der gesellschaftliche Alltag durchdrungen von Vertrauen. So wird im Sinne eines climate of trust als selbstverständlich angenommen, dass Menschen die an ihre jeweiligen gesellschaftlichen Rollen gebundenen Pflichten erfüllen werden. Baier unterscheidet Verlass, als ein Sich-Verlassen auf die Gewohnheiten eines anderen, von Vertrauen, als ein Sich-Verlassen auf das Wohlwollen des anderen. Vertrauen in der oben vorgestellten Lesart bewegt sich dann auf einem Pfad zwischen diesen beiden Polen. (Baier (1992), S. 147ff; Baier (1986), S. 234f, S. 245f) Die detaillierte Definition von Vertrauen in den guten Willen des anderen gestaltet sich wie folgt: „When I trust another, I depend on her goodwill toward me. (…) Where one depends on another’s good will, one is necessarily vulnerable to the limits of that good will. One leaves others an opportunity to harm one when one trusts, and also shows one’s confidence that they will not take it. (…) Trust then, on this first approximation, is accepted vulnerability to another’s possible but not expected ill will (or lack of good will) toward one.“ (Baier (1986), S. 235) „Trust, I have claimed, is reliance on others’ competence and willingness to look after, rather than harm, things one cares about which are entrusted to their care.“ (Baier (1986), S. 259) Dabei darf Vertrauen niemals explizit geprüft werden, da es sonst Schaden nehmen kann bzw. zusammenbricht. (Baier (1986), S. 255f, S. 260) Nach Schweer setzt sich Vertrauen aus kognitiven, emotionalen und behavioralen Komponenten zusammen, die in folgender Art und Weise in Beziehung zueinanderstehen: 21 Soziales Vertrauen „Zum einen verfügt das Individuum also über relevantes Wissen bzw. Quasi-Wissen hinsichtlich des Vertrauensobjektes, zum anderen entwickelt es positive oder negative Gefühle diesem Vertrauensobjekt gegenüber und schließlich resultiert hieraus ein spezifisches offenes Verhalten.“ (Schweer (1997), S. 3) Initiiert wird eine Vertrauensbeziehung in der Regel mit einem Vertrauensvorschuss, dem das Risiko innewohnt, dass er einseitig ausgenutzt wird. Im Normalfall sollte sich allerdings aus dem erwiesenen Vertrauen „eine reziproke Eskalation von Vertrauen“ (Schweer (1997), S. 3) ergeben. Ausgehend von diesen Grundbedingungen entwickelt Schweer seine differentielle Theorie interpersonalen Vertrauens. Kerninstanzen dieser Theorie sind die Annahmen einer individuellen Vertrauenstendenz und einer individuellen impliziten Vertrauenstheorie. Mit der individuellen Vertrauenstendenz wird „die subjektive Überzeugung erfaßt, anderen Menschen potentiell Vertrauen schenken zu können“ (Schweer (1997), S. 5). Die individuelle implizite Vertrauenstheorie macht eine Aussage darüber, welche normativen Erwartungen eine Person an das Verhalten eines potenziellen Vertrauenspartners hat, damit eine Vertrauensbeziehung zustande kommen kann: „Die implizite Vertrauenstheorie repräsentiert somit das subjektive ‚Wissen‘ über den Prototyp des ‚vertrauenswürdigen‘ bzw. des ‚vertrauensunwürdigen‘ Interaktionspartners in einem bestimmten Lebensbereich und umfaßt gleichzeitig Vorstellungen darüber, wie man sich ‚solchen Personen gegenüber zu verhalten hat.“ (Schweer (1997), S. 6) Sowohl Vertrauenstendenz als auch Vertrauenstheorie sind dabei von Individuum zu Individuum unterschiedlich ausgeprägt. Beim ersten Zusammentreffen mit einem potenziellen Vertrauenspartner wird dann geprüft, ob dieser die gewünschten Eigenschaften und Verhaltensweisen besitzt bzw. zeigt und sich daraufhin ein positives Bild vom anderen einstellt. Vertrauen entsteht dann, wenn sich eine Passung zwischen der Vertrauenstheorie und dem Eindruck vom potenziellen Vertrauten ergibt. (Schweer (1997), S. 7, S. 10) 22 Vertrauen Für Weber/Carter stellt Vertrauen ein Produkt sozialer Beziehungen dar und kann keinesfalls außerhalb solcher Beziehungen existieren. (Weber/Carter (1998), S. 21) „Our definition emphasizes trust as an orientation between self and other whose object is the relationship. Trust’s premise is the belief that the other will take one’s perspective into account when making a decision and will not act in ways to violate the moral standards of the relationship.“ (Weber/Carter (2003), S. 2f) Vertrauen beinhaltet dabei eine kognitive, eine moralische und eine soziale Dimension. Die kognitive Dimension beschreibt die Fähigkeit, sich in den anderen hinein zu versetzen und dessen Perspektive einzunehmen. Die moralische Dimension beschreibt die Überzeugung, dass der andere auf Basis dieses Perspektivenwechsels handeln wird bzw. sich an die Normen, die eine soziale Beziehung begleiten, halten wird. Die soziale Dimension bezieht sich schließlich darauf, dass Vertrauen ein genuin soziales Phänomen ist, welches aus sozialen Beziehungen entsteht und diese gleichzeitig aufrechterhält. (Weber/Carter (1997), S. 25; Weber/Carter (1998), S. 9ff; Weber/Carter (2003), S. 3) Die Etablierung einer Vertrauensbeziehung verläuft nach Weber/Carter entlang dreier miteinander verbundener Komponenten: (1) Zeit, (2) Selbstoffenbarung und (3) Perspektivenwechsel. Zeit trägt der Tatsache Rechnung, dass sich eine Vertrauensbeziehung über einen längeren Zeitraum entwickelt, während sich die beteiligten Akteure wechselseitig das Vertrauen des anderen verdienen. Selbstoffenbarung bezeichnet die Bereitschaft der Akteure dem jeweils anderen im Verlauf der Zeit immer tiefere Einsicht in die eigenen Motive und Überzeugungen zu gewähren, wobei sie sich dabei dem Risiko von Zurückweisung und Betrug aussetzen. Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel ergibt sich als Folge der Selbstoffenbarung über die Zeit und erlaubt es Prognosen darüber abzugeben, wie der andere in bestimmten Situationen fühlen, denken und handeln wird. Je stärker diese Fähigkeit zum Perspektivenwechsel aufgrund der fortgesetzten Selbstoffenbarung der Akteure ausgeprägt ist, desto stabiler wird 23 Soziales Vertrauen die Vertrauensbeziehung und desto besser wird die Prognosefähigkeit. (Weber/Carter (1998), S. 11ff) Im Fokus der Vertrauensdefinition von Mayer/Davis/Schoorman steht die Bereitschaft das Risiko einzugehen sich verletzlich zu machen. „The definition of trust proposed in this research is the willingness of a party to be vulnerable to actions of another party based on the expectation that the other will perform a particular action important to the trustor, irrespective of the ability to monitor or control that other party.“ (Mayer/Davis/Schoorman (1995), S. 712) Das angesprochene Risiko ist dabei allerdings nicht an das Vertrauen gebunden, sondern an das aus dem Vertrauen resultierende Handeln, sodass sich folgende Relation ergibt: „Trust is the willingness to assume risk; behavioral trust is the assuming of risk.“ (Mayer/Davis/Schoorman (1995), S. 724) Erst im Vertrauenshandeln wird damit ein Risiko manifest, da auch erst durch dieses Handeln die mit dem Vertrauen einhergehende Verletzlichkeit manifest wird. Vertrauen ist nach Mayer/Davis/Schoorman von Kooperation, Zuversicht und Vorhersagbarkeit abzugrenzen. Zwar kann Vertrauen Kooperation begünstigen, allerdings bedingt Kooperation nicht immer die Notwendigkeit ein Risiko einzugehen. Vielmehr können auch Sanktionsmechanismen Kooperation sicherstellen bzw. kooperatives Verhalten erzeugen, wodurch eine etwaige Verletzbarkeit minimiert wird oder gänzlich abwesend ist. Vertrauen unterscheidet sich von Zuversicht in der Form, dass Vertrauen ein bewusstes Risiko impliziert und damit auch die Möglichkeit diesem Risiko auszuweichen. Dagegen stellt Zuversicht einen Zustand dar, bei dem das Eingehen eines Risikos alternativlos ist. Vorhersagbarkeit stellt schließlich gleichermaßen wie Vertrauen eine Möglichkeit zur Reduktion von Unsicherheit dar. Ist das Verhalten eines anderen 24 Vertrauen vorhersagbar, so besteht keine Notwendigkeit ein Risiko einzugehen. Die besondere Eigenschaft des Vertrauens, sich verletzbar zu machen, spielt hierbei keine Rolle. (Mayer/Davis/Schoorman (1995), S. 712ff) Vertrauen entsteht zwischen einem Vertrauenden und einem Vertrauten. Diese beiden Personen müssen sich durch besondere Eigenschaften auszeichnen, damit eine Vertrauensbeziehung zustande kommt. Auf Seiten des Vertrauenden ist dies eine Neigung, Vertrauen zu schenken. Die Vertrauensneigung beeinflusst das Ausmaß des Vertrauens, das jemand bereit ist, einem anderen entgegenzubringen, bevor Informationen über den anderen verfügbar sind. Sie variiert mit der Erfahrung, der Persönlichkeit und dem kulturellen Hintergrund. (Mayer/Davis/Schoorman (1995), S. 715) Es gilt dabei: „The higher the trustor’s propensity to trust, the higher the trust for a trustee prior to availability of information about the trustee.“ (Mayer/ Davis/Schoorman (1995), S. 716) Auf Seiten des Vertrauten spielt dessen Vertrauenswürdigkeit die entscheidende Rolle. Diese setzt sich aus dessen Fähigkeit, das Zugetraute zu tun, dem Ausmaß, in dem der Vertrauende vom Wohlwollen des Vertrauten gegenüber ihm überzeugt ist, und der moralischen Integrität des Vertrauten zusammen. (Mayer/Davis/Schoorman (1995), S. 717ff) Es gilt dann: „Trust for a trustee will be a function of the trustee’s perceived ability, benevolence, and integrity and of the trustor’s propensity to trust.“ (Mayer/Davis/Schoorman (1995), S. 720) Govier begreift Vertrauen als Einstellung, die auf Überzeugungen, Gefühlen und Werten basiert. In erster Linie hat Vertrauen dabei interpersonalen Charakter und wird wie folgt definiert: „To trust another who is my friend is to expect that she will generally do kind, helpful and benevolent things when her actions are like- 25 Soziales Vertrauen ly to affect me, and that she will not do unkind or harmful things. It is to regard her as one who cares for me, who respects my interests and values, and will try to respond to my needs, as a person whom I can count on. Trusting her, I can allow myself to be vulnerable. I can accept vulnerability: although there is of course some possibility that she will not act as I expect, I have confidence in her.“ (Govier (1994), S. 238) Damit einer anderen Person vertraut werden kann, muss diese als vertrauenswürdig angesehen werden. Das heißt: Erfahrungen mit dieser Person müssen gezeigt haben, dass sie integer ist, woraufhin der Vertrauende eine Disposition gegenüber dem Vertrauten entwickelt, auf deren Basis dessen Verhalten interpretiert wird. Vertrauen kann sich gleichermaßen auch auf Personen beziehen, zu denen man keine intime persönliche Beziehung pflegt. Hier lässt sich zwischen vertrauten Fremden und vollkommen Fremden unterscheiden. Während zu ersteren noch Informationen durch wiederholte Beobachtungen verfügbar sind, ist über vollkommen Fremde nichts bekannt. Prinzipiell funktioniert Vertrauen zu Fremden nach Govier auf die gleiche Art und Weise wie zu persönlich bekannten Personen, allerdings ist die emotionale Tiefe solcher Vertrauensbeziehungen geringer. Trotzdem beinhalten sie Erwartungen an freundliches Verhalten und die Akzeptanz von Verletzlichkeit. Vertrauen zu Fremden in Form eines basic trust stellt zudem eine Notwendigkeit für das tägliche Leben dar, sind wir doch in komplexen und differenzierten Gesellschaften von einer Vielzahl von Personen abhängig, die wir nicht persönlich kennen. Einen besonderen Fall solcher Abhängigkeit stellt Vertrauen dar, welches auf sozialen Rollen basiert. Solches Vertrauen ist geprägt von positiven Erwartungen an die Kompetenz und Motivation des jeweiligen Rollenträgers und der Bereitschaft, sich auf dieser Basis verwundbar zu machen. Zusätzlich kann Vertrauen auch auf Institutionen oder Kollektive gerichtet sein bzw. erweitert werden. (Govier (1994), S. 238ff) Misstrauen stellt den Gegenpart zu Vertrauen dar und wird von Govier folgendermaßen definiert: 26 Vertrauen „Distrust exists when there is lack of confidence in the other, a concern that the other may act so as to harm one, that he does not care about one’s welfare or intends to act harmfully, or is hostile. When one distrusts, one is fearful and suspicious as to what the other might do. Distrust includes interpretive and predictive dispositions; where there is distrust, behavior that might appear prima facie to be benign or helpful will be regarded with suspicion, possibly interpreted as malevolent, motivated by some ulterior and sinister intent.“ (Govier (1994), S. 240) Govier weist hierbei auf die besondere Qualität von sowohl Vertrauen als auch Misstrauen hin, soziale Realität konstruieren zu können. So orientiert sich menschliches Verhalten gegenüber anderen oft an den Zuschreibungen, die diesen Personen gegenüber gemacht werden. Wird einer Person vertraut, so geht man davon aus, dass sich diese Person entsprechend dieser Zuschreibung verhalten wird und einen guten Charakter besitzt. Begegnet man einer Person hingegen mit Misstrauen, so wird diese als bedrohlich wahrgenommen und alle ihre Handlungen auf dieser Basis interpretiert. (Govier (1994), S. 240ff) 2.1.1.1.1 Vertrauen als synthetische Kraft (Simmel) Der Vertrauensansatz von Georg Simmel stellt einen der Ausgangspunkte der Vertrauenskonzeptionen von Niklas Luhmann und Anthony Giddens dar. Simmel beschreibt Vertrauen als „eine der wichtigsten synthetischen Kräfte innerhalb der Gesellschaft“ (Simmel (1992), S. 393). Insbesondere die Ausdifferenzierung moderner Gesellschaften und der damit einhergehende „Objektivierungsprozess der Kulturinhalte“ (Endress (2002), S. 13; Simmel (1989), S. 637) machen seiner Auffassung nach Vertrauen notwendig. So führt die Komplexität des modernen Gesellschaftsgefüges dazu, dass „das Leben auf tausend Voraussetzungen [steht; d. Verf.], die der Einzelne überhaupt nicht bis zu ihrem Grunde verfolgen und verifizieren kann, sondern die er auf Treu und Glauben hinnehmen muß“ (Simmel (1992), S. 389). Weiter heißt es: 27 Soziales Vertrauen „In viel weiterem Umfange, als man es sich klar zu machen pflegt, ruht unsre moderne Existenz – von der Wirtschaft, die immer mehr Kreditwirtschaft wird, bis zum Wissenschaftsbetrieb, in dem die Mehrheit der Forscher unzählige, ihnen garnicht nachprüfbare Resultate anderer verwenden muß – auf dem Glauben an die Ehrlichkeit des anderen. Wir bauen unsere wichtigsten Entschlüsse auf ein kompliziertes System von Vorstellungen, deren Mehrzahl das Vertrauen, daß wir nicht betrogen sind voraussetzt.“ (Simmel (1992), S. 389) In diesem Sinne wird für ihn das moderne Leben zu einer „Kreditwirtschaft“ (Simmel (1992), S. 389), in der man mit dem ständigen Risiko bzw. der Gefahr der Täuschung und Enttäuschung konfrontiert ist (Simmel (1989), S. 668). Das Vertrauen als Kredit gegenüber anderen Individuen und dem Gesellschaftssystem fungiert aber auch als sozialer Kitt, der die Elemente der Gesellschaft zusammenhält. „Wie ohne den Glauben der Menschen aneinander überhaupt die Gesellschaft auseinanderfallen würde, - denn wie wenige Verhältnisse gründen sich wirklich nur auf das, was der eine beweisbar vom anderen weiß, wie wenige würden irgend eine Zeitlang dauern, wenn der Glaube nicht ebenso stark und oft stärker wäre, als verstandesmäßige Beweise und sogar der Augenschein! (…)“ (Simmel (1989), S. 215) Hierbei werden auf einer ersten Differenzierungsebene drei Vertrauenstypen sichtbar (Endress (2002), S. 14): (a) Auf der Mikroebene als persönliches Vertrauen im Sinne eines Wissens um die persönlichen Qualitäten eines Individuums. (Simmel (1989), S. 669; Simmel (1992), S. 383ff, S. 394f) (b) Auf der Mesoebene als versachlichtes Vertrauen im Sinne eines Wissens um die sachliche Zuverlässigkeit eines Individuums. (Simmel (1989), S. 669; Simmel (1992), S. 394f) 28 Vertrauen (c) Auf der Makroebene als Vertrauen in die universale Gültigkeit symbolischer Zeichen (z. B. Geld) innerhalb der Gesellschaft (Simmel (1989), S. 216) Die ersten beiden Typen sind dabei von der Vertrauenswürdigkeit bzw. der Reputation des Individuums abhängig, demgegenüber Vertrauen gewährt werden soll. Ebenso spielt die Reziprozität der Beziehung eine große Rolle. (Simmel (1989), S. 214, S. 668) Die obengenannte Objektivierung der Kultur führt außerdem dazu, dass die Bedeutung des Vertrauens in die Persönlichkeit für die Interaktion miteinander geringer wird. War die persönliche Kenntnis und damit das persönliche Vertrauen in weniger ausdifferenzierten Gesellschaften noch essentiell für den Bestand von Beziehungen, so werden in modernen Gesellschaften Beziehungen vornehmlich „so versachlicht, daß das Vertrauen nicht mehr der eigentlich personalen Kenntnis bedarf “ (Simmel (1992), S. 394). Nur noch dann, „sobald die Zweckvereinigung eine wesentliche Bedeutung für die Gesamtexistenz der Teilnehmer besitzt“ (Simmel (1992), S. 394), muss versachlichtes Vertrauen durch persönliches Vertrauen ergänzt werden. Auf einer zweiten Ebene differenziert Simmel in Vertrauen als Glauben, Vertrauen als Gefühl und Vertrauen als Wissensform: (1) Vertrauen als Glauben versteht er dabei „als ein abgeschwächtes induktives Wissen“ (Simmel (1989), S. 216). Solches Vertrauen beschreibt die Zuversicht, dass die Parameter der gesellschaftlichen und natürlichen Ordnung eine gewisse Konstanz aufweisen. Die Funktionsweise dieser Form des Vertrauens macht er deutlich anhand des Beispiels eines Bauern, der daran glaubt, dass seine Felder wie in jedem vorangegangenen Jahr wieder Früchte tragen werden sowie anhand des Beispiels eines Händlers, der daran glaubt, dass seine Waren, genau wie heute, auch morgen noch begehrt sein werden. (2) Vertrauen als Gefühl beschreibt ein Vertrauen auf jemanden bzw. „den Glauben eines Menschen an einen anderen (…) der in die Kategorie des religiösen Glaubens gehört“ (Simmel (1992), S. 393). Solches Vertrauen bewegt sich „jenseits von Wissen und Nichtwissen“ 29 Soziales Vertrauen (Simmel (1992), S. 393) und bedarf keiner Beweise für die Rechtfertigung des Vertrauens. Hierzu heißt es: „Dieses Vertrauen, diese innere Vorbehaltlosigkeit einem Menschen gegenüber ist weder durch Erfahrungen noch durch Hypothesen vermittelt, sondern ein primäres Verhalten der Seele in Bezug auf den anderen.“ (Simmel (1992), S. 393) Und an anderer Stelle ergänzend: „Es ist eben das Gefühl, daß zwischen unserer Idee von einem Wesen selbst von vornherein ein Zusammenhang, eine Einheitlichkeit da sei, eine gewisse Konsistenz der Vorstellung von ihm, eine Sicherheit und Widerstandslosigkeit in der Hingabe des Ich an diese Vorstellung, die wohl auf angebbare Gründe hin entsteht, aber nicht aus ihnen besteht.“ (Simmel (1989), S. 216) (3) Vertrauen als Wissensform stellt „das Vertrauen zu ihm“ (Simmel (1992), S. 393), d. h. zu einem Menschen, dar. Solches „Vertrauen, als die Hypothese künftigen Verhaltens, die sicher genug ist, um praktisches Handeln darauf zu gründen, ist als Hypothese ein mittlerer Zustand zwischen Wissen und Nichtwissen um den Menschen“ (Simmel (1992), S. 393). Vertrauen bewegt sich damit in einem Intervall, das von absolutem Wissen über den anderen und damit absoluter Sicherheit bezüglich dessen zukünftigen Verhaltens bis zu vollkommener Unkenntnis über den anderen und damit vollkommener Unsicherheit bezüglich dessen zukünftigen Verhaltens reicht. Hierbei gilt: „Der völlig Wissende braucht nicht zu vertrauen, der völlig Nichtwissende kann vernünftigerweise nicht einmal vertrauen.“ (Simmel (1992), S. 393) Denn hat man absolute Sicherheit, so werden zukünftige Ereignisse voraussagbar. Das Moment der Kontingenz ist ausgeschaltet, es muss nicht mehr darauf vertraut werden, dass in einem bestimmten intendierten 30 Vertrauen Sinn gehandelt wird, sondern man weiß, dass sich ein spezifisches Verhalten einstellen wird. Im Gegensatz dazu bedeutet Nichtwissen, dass man keinerlei Ahnung von der Gestalt zukünftiger Ereignisse besitzt. Damit ist man aber auch nicht in der Lage, Erwartungen bezüglich zukünftiger Handlungen zu formulieren und hat keine Idee davon, auf welches spezifische Verhalten man vertrauen soll. Anzumerken ist, dass zwischen Vertrauen als Glauben und Vertrauen als Gefühl eine konzeptuelle Verwandtschaft besteht in dem Sinne, dass beide Vertrauenstypen ein Element der Fraglosigkeit gegenüber der Welt sowie der Subjekte und Objekte in ihr enthalten. Dagegen zielt Vertrauen als Wissensform auf die Reflexivität, die der Vertrauensvergabe innewohnt. (Möllering (2001), S. 407) 2.1.1.1.2 Vertrauen als Mechanismus zur Komplexitätsreduktion (Luhmann) Die Vertrauenskonzeption von Niklas Luhmann lässt sich in zwei Betrachtungsweisen unterscheiden: Eine systematische und eine entwicklungsgeschichtliche. Innerhalb des systematischen Zugangs wird Vertrauen zudem nochmals in einen Mechanismus zur Komplexitätsreduktion und einen Mechanismus zur Handlungssteuerung in Gegenwart und Zukunft differenziert (Endress (2002), S. 30f). Auf der entwicklungsgeschichtlichen Ebene beschäftigt sich Luhmann hingegen mit der Unterscheidung von persönlichem Vertrauen und Systemvertrauen sowie dem Bedeutungszuwachs von Systemvertrauen im Zuge der fortschreitenden gesellschaftlichen Differenzierung während der Entwicklung von der vormodernen zur modernen Gesellschaft. (Endress (2002), S. 33f; Luhmann (1988), S. 102; Luhmann (2001), S. 155ff) 2.1.1.1.2.1 Das Problem der doppelten Kontingenz Luhmann setzt bei der Entwicklung seines Vertrauensbegriffes beim Problem der doppelten Kontingenz an: 31 Soziales Vertrauen „Kontingent ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (Erfahrenes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen. Er setzt die gegebene Welt voraus, bezeichnet also nicht das Mögliche überhaupt, sondern das, was von der Realität aus gesehen anders möglich ist.“ (Luhmann (1987), S. 152) Bezogen auf die Lebenswelt bedeutet dies, dass wir uns einer Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten gegenübersehen, von denen wir allerdings immer nur eine bestimmte Option auswählen, aber jede andere die gleiche Wahlwahrscheinlichkeit hätte. Ausgangspunkt bleibt dabei die Gegenwart mit den Gelegenheiten, die sie in diesem Moment bietet. (Dieckmann (2006), S. 162; Horster (1997), S. 88) Doppelte Kontingenz bezieht sich auf den Tatbestand des sozialen Handelns bzw. der Kommunikation2, also die Interaktion von Ego und Alter3. Sie beschreibt einen Zustand wechselseitiger Unbestimmbarkeit von Ver- 2 Kommunikation stellt die Basis von Systemen dar. Ohne Kommunikation kein Handeln, ohne Kommunikation keine Reproduktion von Systemen, ohne Kommunikation keine Emergenz usw.. Für Luhmann stellen Kommunikationen die kleinsten Elemente dar, aus denen sich ein System konstituiert: „Sie [die Kommunikation; d. Verf.] ist die kleinstmögliche Einheit eines sozialen Systems, nämlich jene Einheit, auf die Kommunikation noch durch Kommunikation reagieren kann. Kommunikation ist, (…), autopoietisch insofern, als sie nur im rekursiven Zusammenhang mit anderen Kommunikationen erzeugt werden kann, also nur in einem Netzwerk, an dessen Reproduktion jede einzelne Kommunikation selber mitwirkt.“ (Luhmann (1997), S. 82f) Kommunikation ist die Trias aus Information, Mitteilung und Verstehen. Die wichtigste Komponente ist hierbei das Verstehen, denn erst Verstehen macht die Identifizierung von Informationen und Mitteilungen möglich. Verstehen erzeugt eine Differenz zwischen Information und Mitteilung. So ergibt nach Luhmann die Kommunikation zweier Personen folgendes Szenario: Person 2 erhält von Person 1 eine Mitteilung, der sie eine bestimmte Information zuschreibt, sie somit versteht. Erst dieses Verstehen konstituiert Kommunikation. (Dieckmann (2006), S. 144ff; Gensicke (2008), S. 42ff) 3 „Die Formulierung des Problems der doppelten Kontingenz wird dazu verführen, sich auf beiden Seiten, als Ego und als Alter, Menschen, Subjekte, Individu- 32 Vertrauen halten bzw. Anschlusshandeln, da die Annahme des kontingenten Handelns sowohl für Ego als auch für Alter gilt: „Wenn jeder kontingent handelt, also jeder auch anders handeln kann und jeder dies von sich selbst und den anderen weiß und in Rechnung stellt, ist zunächst unwahrscheinlich, daß eigenes Handeln überhaupt Anknüpfungspunkte (und damit: Sinngebung) im Handeln anderer findet; denn die Selbstfestlegung würde voraussetzen, dass andere sich festlegen, und umgekehrt.“ (Luhmann (1987), S. 165) Die Beziehung von Ego und Alter wird durch doppelte Kontingenz in dem Sinne komplex, dass Ego unendlich viele Möglichkeiten des Handelns offenstehen, während Alter entsprechend unendlich viele Möglichkeiten der Reaktion zur Verfügung stehen. Auch eine Vorhersage des Verhaltens von Alter befreit Ego nicht aus der Situation doppelter Kontingenz. Denn je stärker ein Handeln auf ein spezifisches Anschlusshandeln ausgerichtet ist, desto leichter lassen sich die dahinterliegenden Anschlussinteressen aufdecken. Die Spezifität des Handelns ermöglicht somit die Entlarvung der Handlungsinteressen. Dies führt dazu, dass der andere sich der Verhaltensvorhersage entziehen kann. Das heißt: Es gibt wechselseitig keine Möglichkeit Verhalten zu determinieren. Selbst wenn Ego, wie in einem Schachspiel, versuchen würde die Schritte von Alter zu antizipieren, müsste er zusätzlich die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Alter über den Versuch der Verhaltensantizipation durch Ego Bescheid weiß, was wiederum zu vollkommen anderen Effekten führen könnte, als vorausberechnet waren. (Horster (1997), S. 88f; Luhmann (1987), S. 162, S. 171f) Die Besonderheit von Situationen doppelter Kontingenz liegt darin, dass sowohl Ego als auch Alter gleichermaßen von dieser Unbestimmbarkeit der Situation betroffen sind. Ego erfährt Alter als Alter-Ego: en, Personen als voll konkretisierte Existenzen vorzustellen. Das ist weder ganz falsch noch ganz richtig.“ (Luhmann (1987), S. 153) 33 Soziales Vertrauen „Er erfährt mit der Nichtidentität der Perspektiven aber zugleich die Identität dieser Erfahrung auf beiden Seiten. Für beide ist die Situation dadurch unbestimmbar, instabil, unerträglich. In dieser Erfahrung konvergieren die Perspektiven, und das ermöglicht es, (…), ein Interesse an Bestimmung zu unterstellen.“ (Luhmann (1987), S. 172) Ego und Alter befinden sich nun an einem Punkt, wo Systembildung möglich wird. Sie stehen am Scheideweg zwischen der „Unwahrscheinlichkeit sozialer Ordnung“ und der „Normalität sozialer Ordnung“. Für den Ausgang einer Situation doppelter Kontingenz ergeben sich demnach prinzipiell zwei Gestaltungsoptionen: Doppelte Kontingenz kann einerseits zum Fehlschlagen von Kommunikation führen, da immer die Chance besteht, dass Alter eine Reaktion wählt, die nicht an Ego anschließt. Viel wahrscheinlicher ist allerdings, dass durch die Selbstfestlegung von Ego ein selbstreferentieller Zirkel entsteht, ein sogenanntes autopoietisches System4. Durch wechselseitige Orientierung aneinander werden so immer wieder Gelegenheiten für konstruktives Anschlusshandeln geschaffen. 4 Der Begriff der Autopoiesis beschreibt die Selbstreproduktion eines Systems. Das bedeutet: Ein autopoietisches System stellt die Elemente, aus denen es besteht, selbst her, indem es diese Elemente immer wieder neu miteinander verknüpft. Es wird dadurch zu mehr als nur der Summe seiner Teile. Es beinhaltet dabei allerdings nur solche Elemente, die dem spezifischen Medium des Systems zugeordnet werden können. Dieses Medium definiert quasi den Inhalt der Ereignisse, mit denen sich das System befasst. Als Medium können beispielsweise Sinn, Bewusstsein, Sprache oder Geld fungieren. (Dieckmann (2006), S. 27f; Krause (2005), S. 27ff) Im Einzelnen gilt für ein autopoietisches System folgendes (Krause (2005), S. 29ff): 1. Operative Geschlossenheit: Systeme operieren immer nur in den Grenzen, die durch die vom Systemmedium vorgegeben Systemelemente absteckt werden. 2. Kognitive Offenheit: Informationen aus der Umwelt werden vom System selbst in die laufende Kommunikation eingefügt, wenn sie sich als relevant erweisen. 3. Strukturdetermination: Erfahrungen, die sich aus der Auseinandersetzung mit der Umwelt des Systems ergeben, werden gespeichert und, je nach Relevanz für eine spätere Wiederverwendbarkeit, abrufbar gehalten oder vergessen. 4. Umweltangepasstheit: Nicht die Umwelt sucht sich die passenden Systeme aus, sondern das System erschafft seine Umwelt. 34 Vertrauen Doppelte Kontingenz ist somit die Voraussetzung für die Bildung sozialer Systeme5. (Horster (1997), S. 92; Luhmann (1987), S. 154f, S. 160) Dar- über hinaus setzt sie sich in Form von „Autokatalyse“ als Bestandteil des gebildeten Systems fort und sorgt so für die Aufrechterhaltung des sozialen Systems. (Luhmann (1987), S. 170f, S. 177) 5. Temporäre Reproduktion: Ein autopoietisches System erschafft sich von Moment zu Moment durch die Summe spontan emergierender Ereignisse und deren sofortigem Zerfall. 5 Soziale Systeme stellen spezifische Möglichkeitsbereiche des Handelns und Erlebens dar. Luhmann unterscheidet dabei drei verschiedene Typen sozialer Systeme: Interaktionssysteme, Organisationssysteme und Gesellschaftssysteme. Interaktionssysteme beziehen sich auf das alltägliche soziale Handeln von Individuen bzw. die Kommunikation zwischen Individuen. Organisationssysteme setzen sich aus einer Vielzahl von einzelnen parallel existierenden Interaktionssystemen zusammen, die in einer komplexen Struktur angeordnet sind und mehr oder weniger aufeinander bezogen sind. Während in Interaktionssystemen Anschlusshandeln in der Regel unmittelbar erfolgt, kann dies in Organisationssystemen auch zeitlich versetzt geschehen. Das Gesellschaftssystem stellt ein umfassendes Kommunikationssystem dar, in das alle Interaktions- und Organisationssysteme eingebettet sind. (Gensicke (2008), S. 72ff; Krause (2005), S. 10) „Das heißt: Jeder soziale Kontakt wird als System begriffen bis hin zur Gesellschaft als Gesamtheit der Berücksichtigung aller möglichen Kontakte.“ (Luhmann (1987), S. 33) Systeme sind nur in der Differenz zu ihrer Umwelt begreifbar. Vereinfacht dargestellt ist die Umwelt eines Systems, das was von ihm ausgeschlossen ist bzw. das was nicht von ihm eingeschlossen ist. „Die Umwelt (eines bestimmten Systems) wird dann als alles andere gesehen. Genau genommen ist das die gesamte übrige Welt, also alles, was es gibt.“ (Dieckmann (2006), S. 299) Dementsprechend muss die Umwelt auch immer komplexer sein, als das System, da sie ja mehr umfasst als ein einzelnes System umfassen kann. Dieser Umstand gilt gleichermaßen für das Gesellschaftssystem, weil jedes System seine eigene Umwelt besitzt. Das Gesellschaftssystem kann demnach nicht als Umwelt verstanden werden. Es kann nicht gleichzeitig Umwelt und System sein. Denn wäre es als Umwelt gleichzeitig System, so müsste die Umwelt eine Umwelt besitzen. (Dieckmann (2006), S. 299) Der Mensch ist dabei nicht Teil des sozialen Systems, sondern wird „voll und ganz (‥), als Teil der Umwelt des Gesellschaftssystems“ (Luhmann (1997), S. 30) angesehen. Für Luhmann besteht eine Gesellschaft nicht aus Menschen und deren Beziehungen, vielmehr hält er eine solche Auffassung für eine „Erkenntnisblockierung (‥) im heute vorherrschenden Verständnis von Gesellschaft“ (Luhmann (1997), S. 24f). 35 Soziales Vertrauen 2.1.1.1.2.2 Vertrauen als Mechanismus zur Komplexitätsreduktion Leben findet in einer vertrauten Welt statt. Mit anderen Worten: Wir bewegen uns in einer Lebenswelt6, die wir als fraglos und selbstverständlich annehmen. Nach Luhmann ergibt sie sich aus der Differenz zwischen Vertrautem und Unvertrautem, wobei die Lebenswelt als „Kondensation von Vertrautheit“ (Luhmann (1986), S. 183) verstanden werden kann. Sowohl Vertrautes als auch Unvertrautes sind Teile der Welt. Um Unvertrautes in Vertrautes zu überführen, müssen wir dabei niemals die vertraute Welt verlassen, es geschieht vielmehr, indem sich unsere Lebenswelt innerhalb der Welt verschiebt. Obwohl wir in einer uns vertrauten Welt leben, ist sie keinesfalls frei von Unbestimmbarkeit. Das heißt: Sie ist nicht frei von doppelter Kontingenz. (Luhmann (1979), S. 18ff; Luhmann (1986), S. 181ff; Luhmann (1988), S. 95f; Luhmann (2001), S. 145; Luhmann (2009), S. 20ff) Als eine der wichtigsten Folgen doppelter Kontingenz, im Sinne einer Notwendigkeit, macht Luhmann die Entstehung von Vertrauen bzw. Misstrauen aus. Vertrauen oder Misstrauen kommen dann zum Einsatz, wenn das Sich-Einlassen auf eine Situation doppelter Kontingenz als sehr risikobehaftet bewertet wird. Vertrauen gilt somit „als eine Lösung für spezifische Risikoprobleme“ (Luhmann (2001), S. 144). Entsprechendes gilt für Misstrauen. Diese Risikoprobleme gestalten sich Luhmann zur Folge auf diese Weise: „Der andere kann anders handeln, als ich erwarte; und er kann, gerade wenn und gerade weil er weiß, was ich erwarte, anders handeln als ich erwarte. Er kann über seine Absichten im Unklaren lassen oder täuschen. Wenn diese Möglichkeit immer zum Verzicht auf soziale Beziehungen zwänge, käme es kaum und nur in einem sehr engen, kurzfristigen Sinne zur Bildung sozialer Systeme (…). Soll die Bildung sozialer Systeme eine immer präsente Angstschwelle überwinden, sind entsprechende ‚trotzdem‘-Strategien erforder- 6 Luhmann verwendet den Begriff der Lebenswelt nicht im selben Sinne wie die Phänomenologie (Luhmann (1986)) 36 Vertrauen lich. Dabei kann es sich um Vertrauen oder um Mißtrauen handeln; (…).“ (Luhmann (1987); S. 179) Vertrauen und Misstrauen sorgen nun für die Initialisierung eines sozialen Systems, indem sie Ego in die Lage versetzen, das mögliche Anschlusshandeln Alters auf Basis von Vorerfahrungen zu antizipieren. Ego vertraut also darauf, dass Alter ihm gegenüber in einer bestimmten Art und Weise handeln wird, sich abgestimmt mit ihm verhalten wird. Welches Verhalten angenommen wird, hängt dabei davon ab, ob Ego Alter Vertrauen oder Misstrauen entgegenbringt. Die besondere Eigenschaft von Vertrauen, sich zirkulär fortzusetzen und selbst zu bestätigen, führt nun dazu, dass das Vertrauen wechselseitig wächst. Ist die Bildung eines sozialen Systems erst einmal geglückt, sorgt Vertrauen für eine verstärkte und riskantere Reproduktion seiner selbst. Ausgangspunkt dieses Vorgangs bleibt allerdings der freiwillige Entschluss Vertrauen zu schenken. (Luhmann (1979), S. 24, S. 43; Luhmann (1987), S. 180f; Luhmann (1988), S. 96; Luhmann (2001), S. 147; Luhmann (2009), S. 28, S. 55) Situationen mit doppelter Kontingenz können zwei verschiedene Qualitäten annehmen. Je nach subjektiv gewählter Zuschreibung befindet man sich dann in einer Situation der Gefahr oder einer Situation des Risikos. Kennzeichnend für eine Gefahrensituation ist, dass man ihr mit Zuversicht (confidence) begegnet. Sie stellt den Normalfall des täglichen Lebens in einer vertrauten Welt dar. Wir vertrauen darauf, dass unsere Erwartungen, wie sich diese Welt uns immer wieder tagtäglich offenbart, nicht enttäuscht werden. Es entsteht eine Art von Wahrscheinlichkeitsdifferenz zwischen dem Eintreten von vertrauten Begebenheiten und dem Eintreten von als unmöglich erscheinenden Begebenheiten. Trotz der geringen Chance des Auftretens unwahrscheinlicher Ereignisse, bleibt ein Restrisiko vorhanden. Im Zustand der Zuversicht wird dieses Risiko allerdings überhaupt nicht in Betracht gezogen, vielmehr existiert keinerlei Alternative zur vertrauten Welt. Enttäuschungen, die sich aus Zuversicht ergeben, werden deshalb auch extern attribuiert. Für das Nichteintreten einer bestimmten Erwartung werden somit die äußeren Umstände ver- 37 Soziales Vertrauen antwortlich gemacht. (Endress (2002), S. 31; Luhmann (1988), S. 97f, S. 99; Luhmann (2001), S. 147f, S. 151) Risikosituationen hingegen kann mit Vertrauen (trust) begegnet werden. Die Entscheidung für ein Risiko setzt eine Wahlmöglichkeit voraus. Vertrauen besitzt somit einen reflexiven Charakter. Man ist nicht gezwungen Risiken einzugehen, sondern hat stets auch die Möglichkeit Risiken zu vermeiden. So zieht Vertrauen immer eine kritische Alternative für ein Risikohandeln in Erwägung: Wenn man vertraut, geht man das Risiko ein enttäuscht zu werden. Die Wahl einer sichereren Handlungsoption hat dann aber den Nachteil, dass man auf die mit dem Risiko verbundenen Vorteile verzichten muss. Vertrauen stellt aber keine rationale Kalkulation dar, denn wenn ich sämtliche Risiken genauestens abschätzen kann, wird Vertrauen überflüssig. Vertrauen spielt somit mit einem gewissen Unsicherheitsfaktor. Die kritische Alternative besteht dann darin, dass „der Schaden beim Vertrauensbruch größer sein kann als der Vorteil, der aus dem Vertrauenserweis gezogen wird“ (Luhmann (2009), S. 28f). Allerdings ist man sich beim Eintritt in eine Vertrauensbeziehung der Möglichkeit negativer Konsequenzen vollkommen bewusst, sodass man im schlimmsten Fall sein Vertrauen bereut. Folglich werden Erwartungsenttäuschungen, die sich aus Vertrauen ergeben, intern attribuiert. (Endress (2002), S. 31; Luhmann (1979), S. 29; Luhmann (1988), S. 97f, S. 100; Luhmann (2001), S. 148, S. 152; Luhmann (2009), S. 36) Durch die fortschreitende Ausdifferenzierung der Gesellschaft und die doppelte Kontingenz7, die jedem sozialen System innewohnt, bewegen wir uns in einer Welt wachsender Komplexität. (Dieckmann (2006), S. 148f; Luhmann (1979), S. 7; Luhmann (2009), S. 8) Vertrauen kann zur Reduktion dieser Komplexität beitragen. Es erweitert den Aktionsspielraum um Handlungsmöglichkeiten, die ansonsten nicht in Erwägung gezogen worden wären. Gleichzeitig schließt Vertrauen „gewisse Entwicklungsmöglichkeiten von der Berücksichtigung aus“. Es „neutralisiert gewisse Gefahren, die nicht ausgeräumt werden können, die aber das Handeln nicht irritieren sollen“ (Luhmann (2009), S. 30). Vertrauen führt also gleichzeitig zu einer Verengung und Erweiterung der Perspek- 7 Vgl. „2.1.1.1.2.1 Das Problem der doppelten Kontingenz“ 38 Vertrauen tive von Ego. (Luhmann (1979), S. 74; Luhmann (2009), S. 99) Es erweitert seine Perspektive, indem Alter in die Sphäre der Vertrautheit aufgenommen wird und so intimere Möglichkeiten der Interaktion entstehen. Es verengt seine Perspektive, indem insbesondere die Wahrscheinlichkeit negativer Folgen ausgeblendet wird, während Ego sich voll und ganz auf Alter verlässt. Vertrauen und Misstrauen sind keine Konzepte, die sich diametral gegenüberstehen. Das heißt: Jemandem nicht zu vertrauen, bedeutet nicht gleichzeitig jemandem zu misstrauen. Vielmehr stellt Misstrauen ein funktionales Äquivalent zu Vertrauen dar. Sowohl Vertrauen als auch Misstrauen sind somit in der Lage soziale Komplexität zu reduzieren. Vertrauen stellt dabei diejenige Strategie dar, die die Spanne der zur Verfügung stehenden Handlungsoptionen erweitert. Vertrauen ermöglicht es darüber hinaus Entscheidungen aufgrund unsicherer Voraussetzungen zu treffen und erhöht dadurch gleichzeitig deren Zuverlässigkeit, da es normalerweise schwerfällt erwiesenes Vertrauen zu enttäuschen. Misstrauen ermöglicht ebenfalls eine Vereinfachung von Situationen mit doppelter Kontingenz. Jemand, der misstraut, benötigt allerdings mehr Informationen, wobei er einem Großteil dieser Informationen wiederum mit Misstrauen begegnet. Das heißt: „Er wird von weniger Informationen stärker abhängig.“ (Luhmann (2009), S. 93) Dadurch wird der, der misstraut, auch anfälliger für Täuschungsversuche. (Luhmann (1979), S. 71f; Luhmann (1987), S. 180; Luhmann (2009); S. 92f) „Weder Vertrauen noch Mißtrauen sind als universelle Einstellungen durchführbar. (…) Man vertraut, wenn man davon ausgeht, daß dieses Verhalten sich in den eigenen Lebensführungsplan einfügen wird; man mißtraut, wenn man damit rechnet, daß dies nicht der Fall sein wird.“ (Luhmann (2009), S. 94f) Demnach ist niemand grundlegend vertrauensvoll oder misstrauisch eingestellt. Genauer gesagt liegt es näher, dass Vertrauen und Misstrauen ineinander übergehen können. Der Übergang von Vertrauen zu Misstrauen und umgekehrt orientiert sich nach Luhmann an sogenannten 39 Soziales Vertrauen Schwellen. Der Übergang von Vertrauen zu Misstrauen ergibt sich aus dem Missbrauch von Vertrauen. Wird aufgrund von negativen Informationen eine spezifische Grenze erreicht, wird das Vertrauenslevel gegen- über der Umwelt bzw. den Interaktionspartnern herabgesetzt. Der Übergang von Misstrauen zu Vertrauen ergibt sich aus der Bewährung von Vertrauen. Zunächst werden nur kleine Risiken eingegangen, die mit der Zeit in ihrer Dimension wachsen können. (Luhmann (1979), S. 73f; Luhmann (1987), S. 181; Luhmann (2009), S. 96f) Wie sich nun gezeigt hat, sind Vertrauen und Misstrauen ohne Vorerfahrungen unmöglich. Erst das Leben in einer vertrauten Welt mit vertrauten Gefahren macht es möglich Vertrauen oder Misstrauen zu entwickeln. Erst die Kenntnis von der kritischen Konsequenz des vertrauensvollen Handelns macht Vertrauen möglich, da erst in diesem Moment ein Risiko eingegangen werden kann. Vertrauen und Misstrauen setzen somit Vertrautheit voraus. (Luhmann (1979), S. 19; Luhmann (1987), S. 181; Luhmann (1988), S. 95f; Luhmann (2001), S. 144f; Luhmann (2009), S. 22f) 2.1.1.1.2.3 Vertrauen als Mechanismus zur Handlungssteuerung über die Zeit Neben dem Einfluss von Vertrauen auf die Sozialdimension, in der es Handlungsoptionen eröffnet, die ohne seine komplexitätsreduzierende Funktion, nicht in Betracht gekommen wären bzw., wo es eine Verdichtung der potenziellen Fortentwicklungen eines Interaktionsgefüges herbeiführt, hat Vertrauen auch Auswirkungen auf die Zeitlichkeit von Handlungen. Auch in diesem Zusammenhang wirkt Vertrauen als komplexitätsreduzierende und verdichtende Instanz, wobei Zeit auch für sich allein bzw. Vertrauen vermittelt durch Zeit eine Reduktion von sozialer Komplexität herbeiführen kann. Ein Zeitproblem ergibt sich nach Luhmann aus der Differenz zwischen komplexen Systemen und ihrer Umwelt. Wie er bemerkt, findet ein Austausch zwischen der Umwelt und einem spezifischen System in der Regel zeitverzögert statt. Die Begründung für diesen Umstand sieht Luhmann in der Erhaltung der Differenz zwischen Umwelt und System, die je nach Grad der Komplexität des Systems, Umwegen bedarf, für deren Beschreitung Zeit erforderlich ist. So 40 Vertrauen wird auf Umweltereignisse „teils überhaupt nicht, teils später, teils antizipatorisch reagiert und nur in geringem Maße sofort“ (Luhmann (2009), S. 10). Die Folge ist, dass Handlungen nicht immer unmittelbar nacheinander und aufeinander bezogen erfolgen. Es bedarf demnach einer Methode, um die Ungewissheit zwischen eigener Handlung und Reaktion zu überbrücken. Die Problematik besteht an dieser Stelle darin, dass „die Zukunft sehr viel mehr Möglichkeiten enthält, als in der Gegenwart aktualisiert und damit in die Vergangenheit überführt werden können“ (Luhmann (2009), S. 14). Mit anderen Worten: In der Gegenwart sieht sich das Individuum einer Vielzahl von Handlungsmöglichkeiten gegen- über, die jeweils unterschiedliche Folgen für seine Zukunft haben können. Allerdings kann nur eine einzige der verschiedenen zukünftigen Möglichkeiten auch zur Gegenwart werden. Das Individuum sieht sich an dieser Stelle doppelter Kontingenz gegenüber: Die Zukunft erscheint überkomplex, da sich das Individuum mit den möglichen Reaktionen seiner Mitmenschen auseinandersetzen muss, die sich aber keinesfalls alle vollständig erfassen lassen und damit in rationale Überlegungen aufgenommen werden könnten. Die bewusste Selektion einer spezifischen Zukunft gerät damit an ihre Grenzen, allerdings ist das Individuum in der Gegenwart permanent mit solchen Entscheidungssituationen konfrontiert. Vertrauen kann hier zur Überwindung von Zeitdifferenzen und als Vorwegnahme der Zukunft wirken. (Luhmann (1979), S. 10; Luhmann (2009), S. 9) Um dieses Problem näher zu beleuchten, schlägt Luhmann eine Unterscheidung zwischen „gegenwärtiger Zukunft und künftigen Gegenwarten“ (Luhmann (2009), S. 14) vor. Diese Unterscheidung trägt der Tatsache Rechnung, dass ein Ereignis, welches sich vom gegenwärtigen Zeitpunkt aus gesehen in der Zukunft befindet, also gegenwärtige Zukunft ist, nicht zwingend zu einer künftigen Gegenwart werden muss. Ausgehend von der Gegenwart erscheint Zukunft als offen und unbestimmt, allerdings wird in jedem Moment der Gegenwart durch Selektionsleistung eine neue Zukunft produziert, die wiederum neue Möglichkeiten eröffnet. (Luhmann (1987), S. 175) Die Zukunft bleibt somit diffus. Vertrauen reduziert die Komplexität der zukünftigen Welt: 41 Soziales Vertrauen „Der vertrauensvoll Handelnde engagiert sich so, als ob es in der Zukunft nur bestimmte Möglichkeiten gäbe. Er legt seine gegenwärtige Zukunft auf eine künftige Gegenwart fest.“ (Luhmann (2009), S. 24) Vertrauen stellt eine Praxis dar, die in die Zukunft gerichtet ist. Es basiert dabei auf Erfahrungen und Informationen der Vergangenheit, die eine Eingrenzung der Zukunft ermöglichen. Allerdings ist Vertrauen keine Konsequenz der Vergangenheit, sondern muss in jeder Gegenwart neu gewonnen und erhalten werden. (Luhmann (1979), S. 12, S. 19f; Luhmann (2009), S. 13, S. 23f) Um sich der Komplexitätsreduktion durch zeitvermitteltes Vertrauen anzunähern, muss man zunächst die von Luhmann getroffene Unterscheidung zwischen Ereignis und Bestand betrachten. Ein Ereignis ist an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden. Es besitzt somit eine Invarianz gegenüber Zeit, da es mit dem Vergehen des Zeitpunktes seines Geschehens nicht mehr aktuell ist. Um allerdings auftreten zu können, bedarf es trotzdem des Wechsels der Zeit zwischen Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. Ein Bestand ist unabhängig vom Wechsel der Zeitpunkte. Er wirkt demnach sowohl in der Zukunft als auch in der Gegenwart, kann dabei allerdings nur als kontinuierliche Serie von Ereignissen erfasst werden. (Luhmann (1979), S. 11; Luhmann (2009), S. 11f) Durch ihre dauerhafte Aktualität und der daraus resultierenden Strukturierung und Vereinfachung der Welt, reduzieren Bestände Komplexität und erschaffen gegenwärtige Sicherheit. Diese Sicherheit wird in Form von Vertrauen in die Beständigkeit der Welt wirksam, sodass es möglich wird auch komplexen zukünftigen Ereignissen tolerant begegnen zu können. (Luhmann (1979), S. 14f; Luhmann (2009), S. 18f) 2.1.1.1.2.4 Persönliches Vertrauen und Systemvertrauen Schon die weiter oben diskutierte Unterscheidung von Vertrauen (trust) und Zuversicht (confidence) weist auf die Notwendigkeit einer Differenzierung von Vertrauen in persönliches Vertrauen und Systemvertrauen hin. 42 Vertrauen Persönliches Vertrauen besitzt zwei Facetten: Zum einen bezieht es sich auf das Vertrauen zwischen zwei Individuen und zum anderen bezieht es sich auf das Vertrauen, welches mit der individuellen Persönlichkeit einer Person verbunden ist. Persönliches Vertrauen orientiert sich dabei an der Selbstdarstellung des Individuums und deren Konstanz über die Zeit. Die Selbstdarstellung verläuft dabei sowohl auf einer unbewussten als auch auf einer bewussten Ebene. Ziel ist es, sich als möglichst vertrauenswürdig darzustellen. Hierbei ist besonders die Koppelung von Selbstvertrauen und Vertrauen in die Fremdinterpretation der Selbstdarstellung von Wichtigkeit, da ihr ein Verstärkereffekt zukommt. Erst durch die Überzeugung vom eigenen Selbst in Verbindung mit der Überzeugung nicht fehlgedeutet zu werden, ist es möglich, Vertrauen zu erweisen und Vertrauen entgegengebracht zu bekommen. (Luhmann (1979), S. 39f; Luhmann (2009), S. 48f) Eine weitere Möglichkeit der Anbahnung eines Vertrauensverhältnisses ergibt sich in der Regel aus einer Situation, in der der Vertrauende auf seinen Partner angewiesen ist und er sich freiwillig dem Risiko eines Vertrauensbruchs aussetzt. Der Partner darf im Gegensatz dazu zunächst noch kein Interesse an einer Vertrauensbeziehung haben, sondern muss vielmehr die Option eines Vertrauensbruchs und auch das Interesse an einem Vertrauensbruch besitzen. Im nächsten Schritt nimmt der Partner das Vertrauensangebot an und lässt sein Interesse an einer Unterwanderung der Vertrauensbeziehung dauerhaft fallen. Die erste Sequenz der Vertrauensbildung besteht demnach aus einem Einlassen auf die Vertrauenssituation in der Reihenfolge Vertrauender und der, dem vertraut wird. (Luhmann (1979), S. 42; Luhmann (2009), S. 53f) Es existieren somit prinzipiell zwei Arten der Initialisierung einer Vertrauensbeziehung: (1) durch riskante Vorleistung oder (2) durch Darstellung als vertrauenswürdig. (Luhmann (1979), S. 43; Luhmann (2009), S. 55) Vertrauen stellt in jedem Fall einen Lernprozess dar. Am Beginn stehen kleine Hilfeleistungen, die noch keiner besonderen Anstrengung bedürfen. Auch eine Ablehnung der sich anbahnenden Vertrauensbeziehung ist noch ohne weiteres möglich. Mit der Zeit steigern sich die Einsätze und die Fristen bis zur Einforderung einer Rückvergütung des in 43 Soziales Vertrauen einen Partner gesetzten Vertrauens. Die Beziehung wächst an der Bewährung des charakteristischen Ungleichgewichts, das Vertrauen in die Verbindung zwischen Vertrauendem und Vertrauensempfänger einbringt. (Luhmann (1979), S. 44; Luhmann (2009), S. 56f) Bei der Entstehung von persönlichem Vertrauen sind allerdings zwei Aspekte zu beachten: (1) Der oben beschriebene Lernprozess beschreibt keinesfalls immer einen linearen Anstieg. Vielmehr kann es währenddessen auch zu Rückwärtsbewegungen oder Bruchlinien kommen. (2) Voraussetzung für die Bildung einer Vertrauensbeziehung bleibt der Eingang eines Risikos. Die Möglichkeit von negativen Konsequenzen für die eigene Person muss immer gegeben sein. (Luhmann (1979), S. 45; Luhmann (2009), S. 58) Persönliches Vertrauen entwickelt sich immer dort, wo „die individuelle Persönlichkeit sozialstrukturelle Relevanz bekommt“ (Luhmann (2009), S. 59). Das bedeutet: Immer dann, wenn die Integrität eines Vertrauensgefüges an die charakterlichen Besonderheiten einer Person gebunden sind und durch das Ausscheiden dieser Person das gesamte Vertrauensgefüge zusammenbricht, spielt persönliches Vertrauen eine tragende Rolle. Systemvertrauen setzt bei der Vertrautheit der Lebenswelt an. Luhmann beschreibt sie als „gemäßigte Zone ohne spezifische Vertrauensoder Misstrauensprobleme“ (Luhmann (2009), S. 26), in der sich der Mensch tagtäglich aufhält. Sie gibt den Rahmen für die Entwicklung von Vertrauen und Misstrauen vor. In diesem Sinne ist Systemvertrauen nicht nur auf soziale Systeme, sondern auch auf den Menschen als personales System anwendbar. Sowohl die Lebenswelt als auch alles, was sich in ihr befindet, wird sich in einer Sphäre selbstverständlicher Vertrautheit bewegen. Das heißt: Die Lebenswelt und ihr Inhalt können antizipiert werden, weil sie in ihrer Reproduktion Konstanten aufweist. Betrachtet man Gesellschaft, so sieht man sich einem komplexen System gegenüber. Durch seine vielfältigen Ausdifferenzierungen ergibt sich eine Vielzahl von Vernetzungen zwischen den einzelnen Akteuren des Systems. Insgesamt übersteigt die Vielschichtigkeit der Interaktionen allerdings die Verarbeitungsfähigkeit der einzelnen Akteure, sodass eine Reduktion der Komplexität des Verbindungsgeflechts notwendig wird. 44 Vertrauen Dies geschieht nach Luhmann durch die systeminterne Verwendung von sogenannten Kommunikationsmedien. Systemvertrauen besteht dann in dem Glauben daran, dass diese Kommunikationsmedien für das gesamte System allgemeine Gültigkeit und intersubjektive Wirksamkeit besitzen. Man vertraut auf das Funktionieren des Systems, indem man daraufsetzt, dass die Kommunikationsmedien Kontinuität aufweisen. (Luhmann (1979), S. 48ff, S. 50; Luhmann (2009), S. 60ff, S. 64) Als Beispiel für solche Kommunikationsmedien nennt Luhmann Geld, Wahrheit und Macht. Geld erlaubt es die Komplexität des Wirtschaftssystems zu reduzieren. Solange das Vertrauen in den Wert des Geldes Bestand hat, kann es als „generelles Problemlösungsmittel“ (Luhmann (2009), S. 64) eingesetzt werden. Während Geld jedem eine individuell an seine Bedürfnisse angepasste Komplexitätsreduktion erlaubt, wird die komplexitätsreduzierende Funktion von Wahrheit vornehmlich in einem intersubjektiven Konsens hergestellt. Wahrheit muss dabei wechselseitig als Wahrheit angenommen werden. Solange auf die Verbindlichkeit solcher Wahrheit vertraut wird, wird die Verständigung untereinander vereinfacht. Daneben kann Wahrheit auch durch Autoritäten vorgegeben werden. Hierbei kommt dann Vertrauen in eine fremde Informationsverarbeitung zum Tragen. (Luhmann (1979), S. 51f; Luhmann (2009), S. 66f) Stellen Geld und Wahrheit Komplexitätsreduktion mit dezentralem Charakter dar, so handelt es sich bei Macht um „eine Zentralisierung des Reduktionsprozesses“ (Luhmann (2009), S. 69). Komplexitätsreduktion kommt hier zustande durch das Fällen von für die Gesellschaft verbindlichen Entscheidungen durch einen politischen Souverän, die zu einer Einschränkung der Wahlmöglichkeiten des Individuums führen. Das Individuum vertraut darauf, dass das vorherrschende politische System seinen Erwartungen entsprechen und die Existenz des Individuums sichern wird. (Luhmann (1979), S. 53, S. 54f; Luhmann (2009), S. 69, S. 71f) Persönliches Vertrauen findet im Rahmen einer „alltäglichen Weltvertrautheit“ (Luhmann (2009), S. 27) statt und reduziert in erster Linie Komplexität, „die durch die Freiheit des anderen Menschen in die Welt kommt“ (Luhmann (2009), S. 38). Systemvertrauen dagegen trägt einen Teil zur Konstitution von Vertrautheit bei und ist losgelöst von „persön- 45 Soziales Vertrauen lich geleistetem Vertrauen und Mißtrauen“ (Luhmann (2009), S. 78). Systemvertrauen verweist außerdem darauf, dass die soziale Welt menschengemacht ist, indem es für die Aufrechterhaltung generalisierter Selektionscodes und intersubjektiv geteilter Kommunikationsmedien sorgt. (Endress (2002), S. 32; Luhmann (1979), S. 48f; Luhmann (2009), S. 61) 2.1.1.1.2.5 Vertrauen aus entwicklungsgeschichtlicher Perspektive Luhmann stellt die These auf, dass im Zuge der Ausdifferenzierung sozialer Systeme bei der Entwicklung von der vormodernen zur modernen Gesellschaft eine funktionale Verschiebung von persönlichem Vertrauen hin zu Systemvertrauen stattgefunden hat. (Endress (2002), S. 31f) So hat mit steigender Komplexität der Lebenswelt die Bedeutsamkeit von persönlichem Vertrauen für die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung an Gewicht verloren. „Andererseits ist gar kein Zweifel, daß die moderne Sozialordnung differenzierter Gesellschaften viel zu komplex ist, als daß mit solch einer Orientierung an Personen allein das lebensnotwendige soziale Vertrauen geschaffen werden könnte; ist doch allzu offensichtlich, daß die Sozialordnung nicht mit den wenigen Personen, die man kennen und den man vertrauen kann, steht und fällt.“ (Luhmann (2009), S. 59f) „Das Vertrauen in andere Menschen schließt die Maßgeblichkeit ihrer Weltsicht nicht mehr ohne weiteres ein. Man muß lernen „weltanschauliche“ Differenzen zu ertragen und trotzdem an fremde Selektionsleistungen eigenes Verhalten anzuschließen.“ (Luhmann (2009), S. 62) Im Speziellen ergeben sich dann drei Konsequenzen aus der fortschreitenden Diversifizierung der Gesellschaft (Endress (2002), S. 32): 46 Vertrauen (1) „Die Unterscheidung zwischen Vertrautem und Unvertrautem wird unscharf.“ (Luhmann (2001), S. 154) Jede Art von Information ist zwar für jeden erhältlich, allerdings kann die schiere Menge des verfügbaren Wissens von einer Person allein keinesfalls vollständig erfasst bzw. aufgenommen werden. Was der Eine weiß und für selbstverständlich zu wissen hält, muss dem Anderen nicht einmal bekannt sein. Insgesamt ergibt sich aus der Beschleunigung der sozialen Systeme ein ständiger Zwang, Unvertrautes in Vertrautes zu überführen, damit die eigenen Interessen nicht auf der Strecke bleiben. Gleichzeitig kann man aber auch die Nichtvertrautheit bzw. Vertrautheit der anderen mit bestimmten Thematiken und Informationen als Mittel zur Umsetzung der eigenen Interessen verwenden. (Luhmann (1988), S. 101f; Luhmann (2001), S. 154) (2) „Somit sind Zuversicht und schließlich Vertrauen die entscheidenden Themen, und Vertrautheit überlebt als rein privates Milieu ohne Funktion für die Gesellschaft als ganze.“ (Luhmann (2001), S. 155) Im Zuge der Entwicklung von der Vormoderne zur Moderne weitet sich das Geflecht der notwendigen Bezugspersonen aus und wird gleichzeitig immer unpersönlicher. Die Lebenswelt setzt sich nicht mehr nur aus unmittelbar bekannten bzw. vertrauten Personen zusammen, sondern es treten auch Personen hinzu, zu denen man keinen unmittelbaren persönlichen Bezug besitzt. Durch die Differenzierung der Gesellschaft in funktionale Subsysteme treten außerdem ständig neue Kontakte hinzu und entfallen auch wieder. Insgesamt bieten Beziehungen nicht mehr ohne Weiteres Stabilität. Vertrautheit bezieht sich dann nur noch auf eine kleine Gruppe von Personen, wobei sich die Beziehung zu diesen Personen durch eine gewisse Konstanz auszeichnet. (Luhmann (1988), S. 102; Luhmann (2001), S. 155) (3) „Das moderne Leben hängt von kontingenten Strukturen und veränderbaren Bedingungen ab.“ (Luhmann (2001), S. 156) Das bedeutet: Das Funktionieren des Systems ist an das Vorhandensein von Vertrauen in das System gebunden. Da alles gleichzeitig möglich und unmöglich ist, benötigt es Vertrauen in die ordnende Kraft des Sys- 47 Soziales Vertrauen tems. (Luhmann (1979), S. 57f; Luhmann (2009), S. 77) Ohne dieses Vertrauen bricht das System zusammen. Es ist daher leicht ersichtlich, dass es keinen Anlass und kein Bedürfnis geben kann dem System das Vertrauen zu entziehen. (Luhmann (1988), S. 102f; Luhmann (2001), S. 156) Trotz dieses Rückgangs der Bedeutung von persönlichem Vertrauen für den Bestand des sozialen Systems Gesellschaft, bleibt Vertrauen eine der Säulen dieses Fortbestands. Denn „die Entwicklung des Vertrauens und Misstrauens hängt vom lokalen Umfeld und persönlicher Erfahrung ab“ (Luhmann (2001), S. 156f). Die verbliebene Sphäre der Vertrautheit hat somit noch immer konstituierenden Einfluss auf soziale Systeme und damit Gesellschaft. 2.1.1.1.3 Vertrauen und Moderne (Giddens) Giddens Beschäftigung mit Vertrauen und seinen begleitenden Begrifflichkeiten nimmt seinen Ursprung in seiner Analyse des Wandels von der Vormoderne zur „radikalisierten“ Moderne, welchen er mit einer Fahrt im DschagannathWagen8 vergleicht. (Giddens (1996a), S. 73) Kennzeichen der Moderne ist das Wirken dreier dynamischer Kräfte: die Trennung von Raum und Zeit, die Entbettungsmechanismen und die doppelte Hermeneutik. Vertrauen stellt hierbei das Instrument dar, was die moderne Gesellschaft zusammenhält. Basis des Vertrauens bleibt aber immer der Glaube an die Zuverlässigkeit von Individuen und Systemen, sodass Vertrauen in seiner Konzeption „als strukturierte und strukturierende 8 „Dies ist eine nicht zu zügelnde und enorm leistungsstarke Maschine, die wir als Menschen kollektiv bis zu einem gewissen Grade steuern können, die sich aber zugleich drängend unserer Kontrolle zu entziehen droht und sich selbst zertrümmern könnte. Der Dschagannath-Wagen zermalmt diejenigen, die sich ihm widersetzen, und obwohl er manchmal einem ruhigen Weg zu folgen scheint, gibt es auch Zeiten, da er unberechenbar wird und in Richtungen abschwenkt, die wir nicht vorhersehen können. Die Fahrt ist keineswegs ganz unangenehm oder unbefriedigend, sondern kann häufig belebend wirken und voller Hoffnungsfreude sein.“ (Giddens (1996a), S. 173) 48 Vertrauen Komponente sozialen Handelns verstanden“ (Funder (1999), S. 83) werden kann. Dabei stützt er sich auf die Vertrauenskonzepte von Simmel, Luhmann und Erikson. 2.1.1.1.3.1 Dynamik der Moderne Die grundlegenden Eigenschaften des Übergangs von vormoderner zu moderner Gesellschaft sind nach Giddens die Trennung von Raum und Zeit, die Entstehung von Entbettungsmechanismen und die reflexive Ordnung und Umordnung der gesellschaftlichen Beziehungen in Bezug auf ständig anwachsendes Wissen. (Giddens (1996a), S. 28, S. 72f) Bestand innerhalb der Gesellschaft der Vormoderne noch eine enge Verbindung zwischen Zeit und Raum, so ist die Moderne durch eine fortschreitende raumzeitliche Abstandvergrößerung gekennzeichnet. Den Ausgangspunkt für diese Entwicklung setzt die sogenannte „Entleerung der Zeit“, die einhergeht mit der Standardisierung der Zeit. Zeitbestimmung ist damit nicht mehr an einen Raum bzw. Ort gebunden, sondern an eine einheitliche Methode der Zeitmessung. Auf die „Entleerung der Zeit“ folgte die sogenannte „Entleerung des Raums“. Sie beschreibt eine Aufhebung der Verbindung von Raum und Ort in dem Sinne, dass der Ort nicht mehr länger nur durch im lokalen Raum Anwesendes, sondern auch durch Abwesendes strukturiert wird. Ermöglicht wird dies dadurch, dass die Beschreibung des Raums nicht mehr länger an den Bezug auf einen bestimmten Schauplatz gebunden ist und, dass Raumeinheiten beliebig und wechselseitig durch andere ersetzbar werden. Als konstruktive Konsequenz aus der Trennung von Raum und Zeit ergibt sich nun die Möglichkeit der Herstellung einer neuen Raum-Zeit-Ordnung, in der Raum und Zeit mit Bezug auf spezifische soziale Tätigkeiten neu miteinander verknüpft werden können. (Giddens (1996a), S. 28ff) Mit Entbettung beschreibt Giddens „the ‚lifting out‘ of social relations from local contexts of interaction and their restructuring across indefinite spans of time-space“ (Giddens (1992), S. 21). Die Mechanismen der Entbettung oder abstrakten Systeme wirken dabei positiv auf den Prozess der raumzeitlichen Abstandsvergrößerung, indem sie bisher orts- 49 Soziales Vertrauen gebundene soziale Interaktionen verlagern und so einer Enttraditionalisierung Vorschub leisten. Giddens unterscheidet dabei zwei Arten von Entbettungsmechanismen: (1) symbolische Zeichen und (2) Expertensysteme. Symbolische Zeichen bezeichnen „media of interchange which can be ‚passed around‘ without regard to the specific characteristics of individuals or groups that handle them at any particular juncture“ (Giddens (1992), S. 22). In Anlehnung an Simmel, Parsons und Luhmann nennt Giddens Macht, Sprache und Geld als Vertreter symbolischer Zeichen, wobei es sich bei Macht und Sprache seiner Auffassung nach eher um genuine Merkmale gesellschaftlicher Interaktion handelt als um Mittel zur Interaktion. Geld kann zur Zeitverklammerung eingesetzt werden und wird somit zum Mittel raumzeitlicher Abstandsvergrößerung. Durch Geld wird es möglich Transaktionen zu dislozieren, sodass die Anwesenheit der an einem Austausch beteiligten Akteure nicht mehr zwingend notwendig wird. Nicht zuletzt dadurch, dass Geld mittlerweile auch die Form reiner Information annehmen kann, erlaubt es, den unmittelbaren Produktaustausch zu überwinden. (Giddens (1996a), S. 33ff, S. 72f, S. 103; Giddens (1997b), S. 123) Expertensysteme stellen „systems of technical accomplishment or professional expertise that organise large areas of the material and social enviroment in which we live today“ (Giddens (1992), S. 27) dar. Mit diesem Begriff beschreibt Giddens die fortschreitende Ausdifferenzierung von Wissensbeständen. So ist das tägliche Leben vollständig von Expertensystemen durchzogen, deren Wissen wir als Laien nur rudimentär nachvollziehen können, geschweige denn beherrschen. Es wird sich hierbei darauf verlassen, dass die Fragen des „Wie“ durch die Anwendung des Expertenwissens von den damit vertrauten Personen gelöst werden. Als alltägliches Beispiel für ein Expertensystem nennt Giddens das Autofahren. Als Laien wissen wir nur wenig über die Funktionsweise eines Autos, die technischen Hintergründe der Verkehrsplanung oder der Verkehrsüberwachung. Unser Wissen beschränkt sich im Allgemeinen allein auf die Fähigkeit zur Steuerung unseres Autos und der Befolgung der Verkehrsregeln. Alles andere überlassen wir Experten. (Giddens (1996a), S. 40ff) Somit entbetten Expertensysteme „soziale Beziehungen 50 Vertrauen kraft eines unpersönlichen, ortsunabhängigen Wissens, dessen Geltung der systematischen wissenschaftlichen Überprüfung unterzogen worden ist“ (Lamla (2003), S. 108). Abstrakte Systeme lösen soziale Beziehungen aus ihrem unmittelbaren Kontext. Ähnlich wie bei der Trennung von Raum und Zeit ergeben sich dadurch Möglichkeiten der Rekonstituierung von sozialen Beziehungen. Giddens bezeichnet diesen Vorgang als Rückbettung: „By this I mean the reappropriation or recasting of disembedded social relations so as to pin them down (however partially or transitorily) to local conditions of time and place.“ (Giddens (1992), S. 79f) Rückbettung stellt somit das Pendant zur Dislozierung dar. Als Beispiel ist an dieser Stelle die Etablierung von Freundschaften zu nennen. Hierbei werden explizit Bindungen aufgebaut, die auf persönlicher Zuneigung und Authentizität fußen und bei denen es speziell um den Schutz des eigenen emotionalen Wohlbefindens geht. Sie stehen damit im krassen Gegensatz zu einer Strömung der Entpersonalisierung innerhalb der Moderne. (Giddens (1996a), S. 149, S. 176) Reflexivität stellt nach Giddens eine grundlegende Praktik menschlichen Handelns dar: „All human beings routinely ‚keep in touch‘ with the grounds of what they do as an integral element of doing it. I have called this elsewhere the ‚reflexive monitoring of action‘, using the phrase to draw attention to the chronic character of the processes involved. Human action does not incorporate chains of aggregate interactions and reasons, but a consistent – and, (…), never-to-be-relaxed – monitoring of behaviour and its contexts.“ (Giddens (1992), S. 36) Menschliches Handeln findet demnach in einem Rahmen der Nichtabgeschlossenheit bzw. der doppelten Kontingenz statt. Es wird fortwährend über den Kontext und das gezeigte Verhalten reflektiert, was sich wiederum auf folgende Handlungen auswirkt. Von der Vormoderne zur 51 Soziales Vertrauen Moderne verändert sich nun der Bezugspunkt von Reflexivität. War sie in der Vormoderne noch auf eine Umdeutung von Tradition bezogen, um die Organisation der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, so nimmt sie in der Moderne die Form reflexiven Wissens an, das Einfluss auf die Systemreproduktion nimmt und Traditionen auflöst. In der modernen Gesellschaft sind soziale Praktiken einer ständigen Prüfung unterworfen, deren Ergebnisse sich in einer Veränderung dieser Praktiken niederschlagen. Zwar nimmt das Wissen immer weiter zu, trotzdem handelt es sich bei dem bestehenden Wissen nur um eine Momentaufnahme, dessen Relevanz im nächsten Augenblick schon wieder überholt sein kann. Ein Beispiel für diesen Vorgang ist der sozialwissenschaftliche Diskurs, der in besonderem Maße rekursiv mit seinem Gegenstandsbereich verknüpft ist. Sozialwissenschaftliche Erkenntnisse nehmen Einfluss auf soziale Kontexte und verändern das dortige Bewusstsein für soziale Fragen. Außerdem ist die Grenze zwischen dem Experten und dem Laien auf dem Gebiet der sozialen Wissensbestände keineswegs diskret. (Giddens (1996a), S. 52ff) Trotz des reflexiven Charakters des Wissens darf man in der Moderne nicht von einer totalen Reflexivität ausgehen. Es existieren Filter, die „knowledge (which should usually be understood here as ‚claims to knowledge‘) reflexively applied to social action“ (Giddens (1992), S. 54) regulieren (Giddens (1996a), S. 61f, S. 73f): (1) Differentiell verteilte Macht: Spezialwissen ist für einige Individuen oder Gruppen leichter zu erwerben und zu instrumentalisieren. (2) Die Rolle der Werte: Werte und empirisches Wissen befinden sich in einem wechselseitigen Abhängigkeitsverhältnis. (3) Die Wirkung unbeabsichtigter Konsequenzen: Der Umfang des Wissens über die soziale Welt übersteigt die Steuerungsfähigkeit der Gesellschaft, sodass immer ein gewisser Spielraum für unvorhergesehene Entwicklungen besteht. 52 Vertrauen (4) Der Umlauf sozialen Wissens in der doppelten Hermeneutik9: Reflexiv auf Systemreproduktion angewandtes Wissen ist dergestalt, dass es die sozialen Konstellationen, auf die es rekurriert, transformiert. Nachfolgend sollen nun zunächst Giddens’ Vertrauenskonzeption vorgestellt werden, worauf eine Erörterung der Verbindungen zwischen den Bedingungsfaktoren der Dynamik der Moderne und seinem Vertrauensbegriff folgt. 2.1.1.1.3.2 Glaube, Vertrauen, Zutrauen Giddens stützt sich bei der Entwicklung seines Vertrauensbegriffes vornehmlich auf Simmel und Luhmann und differenziert hierbei zwischen Glauben (faith), Vertrauen (trust) und Zutrauen (confidence). Den Begriff des Zutrauens (confidence) verwendet er im Sinne von „abgeschwächtem induktiven Wissen“, d. h. einer nicht näher bestimmten wiederkehrenden Gesetzmäßigkeit. Zutrauen meint somit die Zuversicht, dass die Welt, wie sie uns erscheint, eine gewisse Stabilität und Kontinuität besitzt. Es stellt die Basis einer Kalkulation für den Erfolg zukunftsgerichteter Handlungen dar und ist verbunden mit „kalkuliertem“ bzw. „akzeptablem“ Risiko. Ebenfalls mit Zutrauen verbunden ist 9 Nach Giddens meint der Begriff der doppelten Hermeneutik das Folgende: „Die wechselseitige Durchdringung zweier Bedeutungsrahmen als logisch notwendiges Moment der Sozialwissenschaften, die sinnhafte Sozialwelt, wie sie von den handelnden Laien und den von den Sozialwissenschaften eingeführten Metasprachen konstituiert wird; in der Praxis der Sozialwissenschaften gibt es einen beständigen ‚Austausch‘ zwischen den beiden Bedeutungsrahmen.“ (Giddens (1997a), S. 429f) Doppelte Hermeneutik beschreibt die wechselseitige Rekursion von sozialem Alltagswissen und sozialwissenschaftlichen Theorien. Der Forscher muss sich dabei zunächst die sozialen Praktiken seines Forschungsgebietes aneignen, um sie dann mit Hilfe von interpretativen Kategorien in sozialwissenschaftliche Theorien übersetzen zu können. Da diese sozialen Praktiken bereits mit einem alltagsweltlichen Sinngehalt belegt sind, handelt es sich bei den Interpretationen des Forschers lediglich um „Konzepte ‚zweiter Ordnung‘“. Sie können allerdings zu „Konzepten ‚erster Ordnung‘“ werden, wenn sie Eingang in das Alltagswissen finden. Dort wirken sie dann aktiv an der Reproduktion von Gesellschaft mit. (Giddens (1997a), S. 338; Lamla (2003), S. 12, S. 167) 53 Soziales Vertrauen der Ausdruck der ontologischen Sicherheit. Sie beschreibt „the confidence that most human beings have in the continuity of their self-identity and in the constancy of the surrounding social and material environments of action“ (Giddens (1992), S. 92). Ontologische Sicherheit ergibt sich aus der Sozialisation eines Individuums und bezieht sich auf die Gültigkeit und Kontinuität der alltäglichen Routinehandlungen, aus denen sich die Stabilität der sozialen Welt speist. (Giddens (1996a), S. 40, S. 44ff, S. 48f, S. 73, S. 117ff) Der Begriff des Glaubens (faith) ist als eine Überzeugung von der Zuverlässigkeit von Personen oder Dingen zu verstehen. Es ist dabei unerheblich, an welchen Bezugspunkt Zuverlässigkeit man glaubt, Grundlage bleibt immer die Überzeugung von der Zuverlässigkeit menschlicher Individuen. (Giddens (1996a), S. 48, S. 124) Vertrauen (trust)10 stellt nun die Verknüpfung zwischen Glauben und Zutrauen dar. Es ist somit gleichzeitig eine besondere Form des Glau- 10 Giddens’ Stratifikationsmodell beschreibt die Distribution der für das alltägliche soziale Handeln notwendigen Wissensbestände. Es unterscheidet dabei zwischen diskursivem Bewusstsein, praktischem Bewusstsein und Unbewusstem. Das diskursive Bewusstsein beschreibt dabei, „was die Akteure über soziale Zusammenhänge, einschließlich der Bedingungen ihres eigenen Handelns sagen oder verbal ausdrücken können (…)“ (Giddens (1997a), S. 429). Es bezieht sich damit auf die Formen des Alltagswissens, die ohne weiteres expliziert werden können und damit einer reflexiven Steuerung zugänglich sind. Das praktische Bewusstsein bezieht sich dagegen auf das, „was die Akteure über soziale Zusammenhänge wissen (glauben), einschließlich der Bedingungen ihres eigenen Handelns, was sie aber nicht in diskursiver Weise ausdrücken können (…)“ (Giddens (1997a), S. 431). Es handelt sich dabei um die Routinen, die das alltägliche soziale Handeln begleiten und die nur auf Nachfrage rationalisiert werden. Rationalisierung meint hierbei die routinemäßige Generierung eines theoretischen Verständnisses für die Gründe des eigenen Handelns, sodass implizites Wissen in explizites Wissen überführt wird. Dementsprechend existiert zwischen diskursivem und praktischem Bewusstsein eine fließende Grenze. Das Unbewusste bezieht sich auf die Motivationen, die das Handeln eines Akteurs begleiten. In der Regel haben diese den Charakter des Unbewussten, d. h. sie können nicht expliziert werden. Die Begründung hierfür ist in einer Trennung von Unbewusstsein und diskursivem Bewusstsein durch Verdrängungsmechanismen zu finden. Vertrauen siedelt Giddens auf der Ebene des praktischen Bewusstseins an. Es ist dabei in die Routinisierung des Alltagshandelns eingebunden und dient als Link zwischen unbewussten Motiven und reflexiver Steuerung 54 Vertrauen bens, aber auch des Zutrauens. Vertrauen geht dabei aus einem Glauben an die Zuverlässigkeit eines Individuums oder Systems hervor und wird dann zu einem Zutrauen zu diesen. (Giddens (1996a), S. 40, S. 48f, S. 51) Zu unterscheiden sind in diesem Zusammenhang gesichtsabhängige und gesichtsunabhängige Bindungen. Während bei ersteren Vertrauensbeziehungen im Fokus stehen, deren Aufrechterhaltung auf gemeinsamer Anwesenheit in sozialen Situationen basiert und sich damit eher auf Vertrauen zwischen Individuen bezieht, steht bei letzterer das Vertrauen in abstrakte Systeme im Vordergrund. Entsprechend muss auch in Bezug auf Vertrauenswürdigkeit (trustworthiness) Folgendes unterschieden werden: Es existiert auf der einen Seite eine Vertrauenswürdigkeit, die auf langfristiger Bekanntschaft zweier Individuen basiert, innerhalb der durch entsprechendes Verhalten eine wechselseitige Glaubwürdigkeit etabliert wurde. Auf der anderen Seite existiert eine Vertrauenswürdigkeit von abstrakten Systemen. Diese Art von Vertrauenswürdigkeit setzt nicht unbedingt eine Anwesenheit von Vertretern der abstrakten Systeme voraus. Ebenso ist auch ein nachfolgendes Vertrauen nicht schwerpunktmäßig auf Repräsentanten oder Delegierte der Entbettungsmechanismen gerichtet, sondern auf deren „richtiges“ Funktionieren und der Richtigkeit der den Individuen größtenteils unbekannten hintergründigen Prinzipien, nach denen abstrakte Systeme arbeiten. Trotzdem spielt auch hier das Vertrauen zu Individuen gleich in zwei Richtungen eine wichtige Rolle: Nach außen wirken Zugangspunkte als Schnittpunkte zwischen gesichtsabhängigen und gesichtsunabhängigen Bindungen, an denen Laien und Experten aufeinandertreffen. Sie stellen dabei ein wichtiges Instrument zur Bildung und Stabilisierung von Vertrauen in abstrakte Systeme dar. Erreicht wird dies durch ein „attitude of ‚business as usual‘“ bzw. eine „unflappability“ (Giddens (1992), S. 85), die vor allem in solchen Bereichen besondere Relevanz besitzt, die ein hohes und für alle sichtbares Gefahrenlevel aufweisen. Im Zuge der beschriebenen „Allesläuft-normal-Haltung“ (Giddens (1996a), S. 109) wird der Unterschied zwischen dem Wissen eines Experten und seiner Person oft marginalides Handelns. (Funder (1999), S. 93; Giddens (1995), S. 56ff; Giddens (1997a), S. 36f, S. 54ff, S. 95; Lamla (2003), S. 47ff) 55 Soziales Vertrauen siert, da das Vertrauen in abstrakte Systeme zu nicht geringem Anteil auf dem Auftreten seiner Vertreter basiert. Zugangspunkte bieten die Möglichkeit Repräsentanten abstrakter Systeme als potenziell fehlbare Menschen kennenzulernen, was dann eine Fehlbarkeit des Systems an sich implizieren kann. Dieser Implikation soll hiermit entgegengetreten werden. Nach innen dienen Vertrauensmechanismen zur Aufrechterhaltung von abstrakten Systemen. Sie wirken in Form einer Rückbettung sozialer Beziehungen mit der die Vertrauenswürdigkeit der Mitexperten gestärkt wird. (Giddens (1996a), S. 40, S. 43ff, S. 47, S. 103, S. 107ff, S. 112) Als Definition von Vertrauen ergibt sich dann nach Giddens: „Trust may be defined as confidence in the reliability of a person or system, regarding a given set of outcomes or events, where that confidence expresses a faith in the probity or love of another, or in the correctness of abstract principles (technical knowledge).“ (Giddens (1992), S. 34) Primärer Bezugspunkt von Vertrauen ist Kontingenz und das damit einhergehende Informationsdefizit gegenüber den Handlungsintentionen anderer. So ist Vertrauen nur in solchen Situationen überhaupt notwendig, wo die Absichten des Gegenübers nicht einsehbar sind. Es beschreibt somit einen Glauben an die Zuverlässigkeit von Handlungen von Individuen bzw. das Funktionieren von Systemen in Anbetracht von Kontingenz. (Giddens (1996a), S. 48) Den sekundären Bezugspunkt des Vertrauens bilden Risiko und Gefahr. Wer vertraut, der geht auch immer das Risiko eines Vertrauensmissbrauches ein, welcher in der Regel mit einer Art von Verlust verbunden ist. Nach Giddens Auffassung bedeutet dies allerdings nicht, dass man, wenn man nicht vertraut, keinerlei Risiko eingeht. Vielmehr kann Passivität ebenfalls riskant sein. Darüber hinaus existieren Risiken, die keiner Entscheidungsfreiheit unterliegen, sondern die man gezwungen ist einzugehen. Dies beschreibt die Qualität von der Gefahr, der man sich im Zustand des Zutrauens aussetzt. Giddens geht in diesem Zusammenhang davon aus, dass zwischen Risiko und Gefahr eine Wesensver- 56 Vertrauen wandtschaft besteht: Gefahr stellt dabei eine Voraussetzung für die Existenz eines Risikos dar. (Giddens (1996a), S. 47ff) „A person who risks something courts danger, where danger is understood as a threat to desired outcomes.“ (Giddens (1992), S. 35) Dabei ist zu unterscheiden, ob man ein kalkuliertes Risiko eingeht oder nicht, sich also einer bestehenden Gefahr bewusst oder nicht bewusst ist. Vertrauen hat dann die Aufgabe, Gefahren, die sich aus einer bestimmten Handlung ergeben oder die ihr zwangsweise anhaften, zu minimieren. Kennzeichen dieser Minimierungsaufgabe ist der Versuch, Vertrauen und Risiko auszugleichen. Ein Risiko kann dabei allerdings lediglich auf ein akzeptables Maß zurückgeschraubt werden, sodass sich ein Gefühl erlebter Sicherheit einstellt. Wann erlebte Sicherheit erreicht wird, ist kontextabhängig. (Giddens (1996a), S. 50f) Laut Giddens ist das Gegenteil von Vertrauen nicht automatisch Misstrauen, vielmehr existiert eine Zwischenstufe des Fehlens von Vertrauen. Von Misstrauen zu sprechen ist seiner Meinung nach angebracht, wenn die Beziehung zwischen einem Akteur und einem spezifischen System bzw. zwei Individuen eine besondere Qualität aufweisen. Misstrauen gegen- über abstrakten Systemen ist durch Argwohn gegenüber dem Expertenwissen dieser Systeme gekennzeichnet. Misstrauen gegenüber anderen Personen zeichnet sich dagegen durch eine Unsicherheit bezüglich deren Integrität aus. (Giddens (1996a), S. 52, S. 126f) 2.1.1.1.3.3 Vertrauen und persönliche Beziehungen Bei der Diskussion von persönlichem Vertrauen setzt Giddens am Begriff des Urvertrauens von Erikson an. Das Urvertrauen als erste Erfahrung ontologischer Sicherheit basiert auf Erfahrungen persönlichen Vertrauens in der frühen Sozialisation. Es bildet die Grundlage aller darauffolgenden Vertrauensbeziehungen. Somit wird persönliches Vertrauen zum Ausgangspunkt von Systemvertrauen. Persönliches Vertrauen besitzt darüber hinaus besondere Eigenschaften: Wechselseitigkeit (mutuality) und 57 Soziales Vertrauen Intimität. Intimität kommt hierbei eine Doppelrolle zu, sie ist gleichzeitig Basis und Ergebnis persönlicher Vertrauensbeziehungen. Zusätzlich ist es gerade die Intimität, die persönliches Vertrauen von Vertrauen in abstrakte Systeme abgrenzt. Dagegen stellt wechselseitiges Aufeinander-Eingehen die Voraussetzung solcher Vertrauensbeziehungen dar. Vertrauen auf persönlicher Ebene muss sich verdient werden, hierbei muss ein Weg wechselseitiger Selbstoffenbarung beschritten werden bzw. eine wechselseitige Öffnung des Selbst stattfinden. (Giddens (1996a), S. 120ff, S. 143f, S. 152f, S. 174) Den Idealtyp einer persönlichen Vertrauensbeziehung beschreibt Giddens als „pure relationship“. Sie ist dadurch gekennzeichnet, dass sie um ihrer selbst willen eingegangen wird und nur solange Bestand hat, wie sie eine wechselseitige emotionale Stabilisierung der Teilhaber generiert. Basis für das hierbei wirksame Vertrauen sind „voluntary commitments and an intensified intimacy“ (Giddens (1991), S. 186). (Giddens (1991), S. 244; Giddens (1993), S. 58; Lamla (2003), S. 129f; S. 169) Mit einer freiwilligen Verpflichtung geht man dabei allerdings auch das Risiko der Enttäuschung ein: „In the pure relationship, trust has no external supports, and has to be developed on the basis of intimacy. Trust is a vesting of confidence in the other and also in the capability of the mutual bond to withstand future traumas. This is more than a matter of good faith only, problematic as that may be in itself. To trust the other is also to gamble upon the capability of the individual actually to be able to act with integrity.“ (Giddens (1993), S. 138) Persönliches Vertrauen ist keineswegs normiert, sondern folgt dem Grundsatz von Herzlichkeit und Offenheit. (Giddens (1996a), S. 152) Dabei besitzt persönliches Vertrauen den Mehrwert einer „(‥) ‚specialness‘ which one finds in another“ im Sinne eines „‚refinding‘“ des eigenen Selbst (Giddens (1993), S. 138). Hierzu Giddens an anderer Stelle: „(…) faith in the integrity of another is a prime source of feeling of integrity and authenticity of the self.“ (Giddens (1992), S. 114) 58 Vertrauen 2.1.1.1.3.4 Vertrauens- und Risikoumwelten Der Begriff des Vertrauens ist zentral für Giddens’ Analyse der Moderne. Sein Bezug zur Trennung von Raum und Zeit besteht in seiner Korrelation mit zeitlicher und räumlicher Abwesenheit. Es handelt sich hierbei, ähnlich wie bei Luhmann, um eine der Voraussetzungen von Vertrauen, nämlich ein Informationsdefizit gegenüber dem, dem man vertraut. Vertrauen ist nur dann notwendig, wenn man keine dauerhafte Kontrolle über bzw. Einsicht in die Handlungen eines anderen hat. Vertrauen steht damit auch bei Giddens in direktem Kontakt zu Kontingenz. (Giddens (1996a), S. 48) „All disembedding mechanisms, both symbolic tokens and expert systems, depend upon trust. Trust is therefore involved in a fundamental way with the institutions of modernity. Trust here is vested, not in individuals, but in abstract capacities.“ (Giddens (1992), S. 26) Vertrauen ist die Grundlage abstrakter Systeme. Es ist dabei allerdings nicht primär auf die Individuen gerichtet, die als Vertreter der Entbettungsmechanismen fungieren, sondern auf die Richtigkeit der hinter diesen Mechanismen verborgenen Prinzipien. Grundlegend ist eine gewisse Differenz zwischen Laienwissen und Expertenwissen, wobei die Grenzen zwischen beidem je nach Expertensystem mehr oder weniger fließend verlaufen. Expertenwissen zeichnet sich durch eine Spezifität aus, die oft auch innerhalb des jeweiligen Expertenzirkels Kontroversen auslöst. Eine Allgemeingültigkeit von Expertenwissen ist somit nicht vorhanden. Entsprechend kann es passieren, dass einzelne Expertensysteme an Bedeutung verlieren, wenn das von ihnen propagierte Wissen keine Anwendungsmöglichkeiten mehr bietet oder wiederholt Fehleinschätzungen geschehen. Mit anderen Worten: Es ist im Bereich des Möglichen, abstrakten Systemen das Vertrauen zu entziehen. (Giddens (1996a), S. 113ff; Giddens (1996b), S. 318f; Giddens (1997), S. 138f) Besonderes Kennzeichen der Moderne ist eine Zunahme „hergestellter Unsicherheit“ (Giddens (1996b), S. 317), die sich aus einer Vermehrung 59 Soziales Vertrauen des menschlichen Wissens ergeben hat. Der reflexive Charakter dieses Wissens in Verbindung mit der Wissenszunahme hat demnach zu einer ambivalenten Entwicklung geführt, bei der in verschiedenen Bereichen das Sicherheitsniveau gesteigert werden konnte, während dafür in anderen Bereichen neue Unsicherheiten sichtbar wurden. Die Steigerung des Wissens über die Welt konnte somit nicht zu einer Verbesserung ihrer Beherrschung führen. (Giddens (1996b), S. 316f; Giddens (1997b), S. 116ff) Resultat dieser Entwicklung ist eine Veränderung der Vertrauens- und Risikoumwelten von der Vormoderne zur Moderne. In der Vormoderne bezog sich Vertrauen noch vornehmlich auf das lokale Umfeld. Entsprechend bildeten (1) Verwandtschaftsbeziehungen, zur Konsolidierung sozialer Beziehungen über Raum und Zeit; (2) lokale Gemeinschaften, zur Generierung einer vertrauten sozialen Umgebung; (3) religiöse Kosmologien, zur Etablierung eines Überzeugungsrahmens, der Erklärungen und Interpretationen für soziale und natürliche Ereignisse bereithält, aus denen sich eine gewisse Zuverlässigkeit der Welt folgern lässt; und (4) Traditionen, zur Bewahrung von ontologischer Sicherheit durch die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mittels zeitlich organisierter Routinetätigkeiten, die fundamentalen Vertrauensumwelten. (Giddens (1996a), S. 127ff) Die Risikoumwelten der Vormoderne beziehen sich vornehmlich auf physische Gefahren. So sind (1) die Natur, z. B. in Form von Krankheiten und Naturkatastrophen; (2) menschliche Gewalt, durch den Einsatz von Militär oder Verbrechen oder (3) der Verlust religiöser Gnade, im Sinne einer Quelle von Existenzängsten, die verbreitetsten Bedrohungen. (Giddens (1996a), S. 134ff) Im Zuge der fortschreitenden Dynamisierung der sozialen Welt durch die Trennung von Zeit und Raum, Entbettung und reflexiven Wissens, veränderten sich die bestehenden Vertrauensumwelten. In der Moderne basieren sie nun auf entbetteten abstrakten Systemen und beinhalten (1) persönliche Beziehungen, der freundschaftlichen oder sexuellen Art zur Stabilisierung sozialer Bindungen; (2) abstrakte Systeme, um Beziehungen zu institutionalisieren und (3) reflexiv organisiertes Wissen, Ablö- 60 Vertrauen sung der Religion und zur Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart. (Giddens (1996a), S. 128, S. 136ff) Risiko und Gefahr fallen in der Moderne einer Säkularisierung anheim. Risiko wird im Zuge dessen von fortuna zur Kalkulation. Entsprechend ergeben sich in der Moderne Änderungen der Risikoumwelten: (1) Reflexivität der Moderne, z. B. in Form ökologischer Katastrophen, die aus menschlichem Handeln entstehen; (2) menschliche Gewaltanwendung, als Folge einer globalen militärischen Ordnung und (3) „the threat of personal meaninglessness deriving from the reflexivity of modernity as applied to the self “ (Giddens (1992), S. 102). (Giddens (1996a), S. 128, S. 138ff) 2.1.1.1.3.5 Aktives Vertrauen Als Reaktion auf die Dynamik der Moderne und der daraus resultierenden Unsicherheiten schlägt Giddens die Etablierung aktiven Vertrauens vor. Aktives Vertrauen meint dabei ein Vertrauen „in andere oder Institutionen (…), das aktiv hervorgebracht und abgestimmt werden muß“ (Giddens (1997b), S. 135). Es bildet die Grundlage jeglicher sozialen Beziehung in modernen Gesellschaften, sei es in intimen Beziehungen zwischen Laienindividuen oder Diskursen von Experten innerhalb der Expertensysteme. Ziele einer gesellschaftlichen Ordnung, die auf aktivem Vertrauen basiert, sind eine fortschreitende Demokratisierung, verbunden mit einer Dezentralisierung der Macht und die Förderung von Transparenz. Politische Entscheidungen werden nunmehr von spezifisch kontextbezogenen Allianzen getroffen, was eine an die jeweiligen Umstände angepasste Aushandlung von Vertrauen notwendig macht. Vorbereitet wird Politik zwar von Expertensystemen, da der moderne Mensch sich oft aus der „herkömmlichen“ Politik zurückzieht, doch sind im Zuge der Reflexivität des Wissens die Grenzen zwischen Laie und Experte fließend, sodass sich der moderne Mensch dann wieder in Politik einschaltet, wenn es um einen Bereich geht, der ihn selber betrifft oder den er für wichtig hält. Daneben gilt: sogar „jeder Fachmann wird zum Laien, sobald es um die vielfältigen sonstigen abstrakten Systeme geht, die sein Leben beeinflussen“ (Giddens (1997b), S. 138). Expertenwissen hat demnach keine ulti- 61 Soziales Vertrauen mative Autorität in einer Zeit sozialer Reflexivität. Es unterliegt ständiger Veränderung und diffundiert irgendwann in Form von Allgemeingut in die Gesellschaft als Ganzes. Die Reflexivität des Wissens hat außerdem zur Folge, dass in kritischen Situationen, seien sie auf die persönliche oder gesamtgesellschaftliche Sphäre bezogen, Vertrauen entzogen wird und auf andere Personen oder Institutionen verlagert wird. (Giddens (1996b), S. 319ff; Giddens (1997b), S. 135ff) Zusammenfassend ist zu sagen, innerhalb einer Moderne, die auf abstrakten Systemen und reflexivem Wissen basiert, wirkt Vertrauen als Bindemittel für soziale Beziehungen. Ohne Vertrauen ist das Zusammenspiel der verschiedenen Kräfte unmöglich, deshalb muss eine Kultur aktiven Vertrauens erschaffen werden, um Gesellschaft handlungsfähig zu halten. 2.1.1.1.4 Vertrauen aus einer Culture of Trust (Sztompka) Sztompka betrachtet Vertrauen vom Standpunkt der von ihm entwickelten theory of social becoming11. Hiernach hängt das Handlungspotential eines Individuums davon ab, welche konkreten Ressourcen (z. B. Kapital, Infrastruktur, Naturvorkommen, Bevölkerungsgröße, geopolitische Lage etc.) und abstrakte Ressourcen (z. B. Konsens, Identität, Loyalität, Unternehmergeist, Zivilisationsgrad etc.) eine Gesellschaft zur Verfügung stellt. Vertrauen bezeichnet Sztompka in diesem Zusammenhang als kulturelle bzw. moralische Ressource und ordnet es den abstrakten Ressourcen zu. (Sztompka (1995), S. 255; Sztompka (1996), S. 38f) „In der Begrifflichkeit der Theorie des sozialen Werdens läßt sich Vertrauen somit als eine kulturelle Ressource verstehen, die für die Realisierung des Handlungspotentials in Praxis und damit auch für das 11 „Die so entstandene Theorie des sozialen Werdens („theory of social becoming“) betrachtet die Gesellschaft als einen fortwährenden eigendynamischen Prozeß, der sich mittels „sozio-individueller Praxis“ vollzieht und in dem in spezifischer Weise handlungsfähige Akteure innerhalb gegebener struktureller Kontexte handeln, wodurch sie sowohl ihre eigenen Handlungsbedingungen als auch den strukturellen Kontext verändern.“ (Sztompka (1995), S. 255) 62 Vertrauen eigendynamische Potential der Gesellschaft unerläßlich ist.“ (Sztompka (1995), S. 255) Von Vertrauen (trust) zu unterscheiden sind zunächst Hoffnung (hope) und Zuversicht (confidence). Hoffnung bezieht sich vornehmlich auf natürliche Ereignisse (Sztompka (1995), S. 256; Sztompka (1996), S. 39) und beschreibt „a passive, vague, not rationally justified feeling that things will turnout to the good (or to be bad)“ (Sztompka (1999), S. 24). Zuversicht dagegen „is a still passive, but more focused and to some extent justified, faith that something good will happen (or not)” (Sztompka (1999), S. 24). Mit Zuversicht reagiert man auf eine Situation der Unsicherheit, in die man nicht aktiv eingreifen kann. Da sich sowohl Hoffnung als auch Zuversicht auf Ereignisse beziehen, die außerhalb einer aktiven Einflussnahme eines Individuums stehen, verortet Sztompka sie in der Sphäre des Schicksals. Vertrauen hingegen stellt ein zukunftsorientiertes Phänomen dar, das sich auf das Handeln angesichts der Unsicherheit und Unkontrollierbarkeit der Zukunft bezieht. Es reduziert Komplexität und Ungewissheit der Zukunft, „indem einige Aspekte der Zukunft als bekannt angenommen und dadurch gewissermaßen ‚ausgeklammert‘ werden“ (Sztompka (1995), S. 255). Gegenstand des Vertrauens ist nicht die natürliche Umwelt, sondern die durch die Handlungen anderer Akteure erschaffene soziale Umwelt. Die Handlungen dieser Akteure sind aufgrund der ihnen eigenen prinzipiellen Handlungsfreiheit unbestimmt, ebenso sind die Reaktionen auf unser eigenes Handeln unbestimmt. Man ist somit immer dem Risiko ausgesetzt, dass die Handlungen anderer nachteilige Konsequenzen für einen selbst haben können. Es wird deshalb auf Basis von Annahmen über das zukünftige Handeln anderer Akteure gehandelt. Das heißt: Es wird darauf vertraut, dass ein anderer in einer bestimmten Art und Weise handeln bzw. reagieren wird. (Sztompka (1995), S. 255f; Sztompka (1996), S. 38f; Sztompka (1999), S. 18ff) Nach Sztompka stellt Vertrauen somit eine „Annahme bzw. Wette über das künftige Handeln anderer“ (Sztompka (1995), S. 256) dar. Vertrauen bezieht sich auf menschliches Handeln und dabei ausschließlich auf die 63 Soziales Vertrauen Handlungen anderer. Auch wenn die Bezugsobjekte von Vertrauen höchst unterschiedlich erscheinen (Sztompka (1995), S. 257f; Sztompka (1996), S. 40ff; Sztompka (1999), S. 41ff), sind sie doch „auf menschliches Handeln reduzierbar“ und stellen in letzter Instanz lediglich davon abgeleitete „Effekte und Produkte“ dar (Sztompka (1995), S. 258): (1) Personal trust: Persönliches Vertrauen bezieht sich auf konkrete Personen, mit denen wir wechselseitig, einseitig (virtual trust) oder indirekt bekannt sind. (2) Categorial trust: Kategoriales Vertrauen bezieht sich auf soziale Kategorien wie Geschlecht, Alter oder Religion. (3) Positional trust: Positions-Vertrauen bezieht sich auf die Inhaber spezifischer sozialer Rollen, wie Richter, Ärzte oder Priester. (4) Group trust: Vertrauen in Gruppen bezieht sich auf soziale Gruppen, wie Fussballteams, Regierungskabinette oder Armeeeinheiten. (5) Organizational trust: Organisationsvertrauen bezieht sich auf konkrete Organisationen wie Universitäten, Krankenhäuser oder Gerichte. (6) Institutional trust: Institutionelles Vertrauen bezieht sich auf spezifische institutionelle Bereiche der Gesellschaft wie die Wirtschaft, die Wissenschaft, das Recht oder das politische System. Eine Unterform stellt procedural trust dar. Diese Vertrauensform bezieht sich auf die Praktiken und Prozeduren, die von den Institutionen genutzt werden. (7) Technological trust: Technologisches Vertrauen bezieht sich auf Expertenwissen bezüglich Systemen, die von einem Laien nicht mehr zu durchschauen sind. (8) Commercial trust: Kommerzielles Vertrauen bezieht sich auf Produkte und Güter, die einem spezifischen Warentyp angehören oder von bestimmten Erzeugern oder aus bestimmten Ländern stammen. (9) Generalized trust: Allgemeines oder generalisiertes Vertrauen bezieht sich auf die soziale Ordnung, das soziale System oder das politische System. 64 Vertrauen Vertrauen ist des Weiteren auf unsichere Ereignisse gerichtet, die sich aus den kontingenten Handlungen anderer ergeben. Mit anderen Worten: Die Vergabe von Vertrauen ist immer mit einem gewissen Risiko verbunden. Von Risiken zu differenzieren sind allerdings zunächst Gefahren. Während Risiken aktiv eingegangen werden, werden Gefahren passiv erwartet. Gefahren sind in diesem Sinne eher mit dem Schicksal und damit Hoffnung und Zuversicht verbunden als mit Vertrauen. Gefahren stellen somit Bedrohungen dar, die sich unserer Einflussnahme entziehen. (Sztompka (1999), S. 30) Risiken sind dagegen in besonderem Maße von unseren Handlungen und Entscheidungen abhängig und können dabei verschiedene Erscheinungsformen annehmen (Sztompka (1999), S. 30ff): (1) Es entstehen für den Vertrauensgeber nachteilige Konsequenzen unabhängig vom eingesetzten Vertrauen bzw. das erwiesene Vertrauen hat keinerlei Einfluss auf das Verhalten des Vertrauensnehmers. (2) Das erwiesene Vertrauen wird enttäuscht, weil der Vertrauensnehmer fälschlicherweise als vertrauenswürdig eingestuft wurde. (3) Das Vertrauen wird von einem als vertrauenswürdig eingestuften und dem Vertrauensgeber verpflichteten Vertrauensnehmer gebrochen. (4) Das bezüglich eines spezifischen Objektes in einen Vertrauensnehmer gesetzte Vertrauen wird missbraucht. Vertrauen impliziert darüber hinaus ein Bekenntnis zu den Konsequenzen der Vertrauensentscheidung und die Erwartung das die Handlungen des anderen positive Konsequenzen für einen selbst haben werden. Die Verpflichtung auf ein bestimmtes Handeln des anderen kann dabei drei verschiedene Formen annehmen (Sztompka (1999), S. 27f): (1) Anticipatory trust: Die Annahme, dass die Handlungen der anderen immer eine für mich positive Konsequenz beinhalten werden. (2) Responsive trust: Die Annahme, dass ein anvertrautes Objekt bzw. eine anvertraute Aufgabe verantwortungsvoll behandelt wird. 65 Soziales Vertrauen (3) Evocative trust: Die Annahme, dass erwiesenes Vertrauen erwidert werden wird. Außerdem hängt die Stärke der Verpflichtung davon ab, welches Ausmaß die Konsequenzen der Verpflichtung für uns haben, wie lange die Vertrauensbeziehung andauern wird, ob die Verpflichtung widerrufbar ist, wie groß das Risiko eines möglichen Verlustes ist, ob eine Versicherung für den Fall eines Vertrauensbruchs besteht und welchen Wert ein möglicherweise anvertrautes Objekt für uns besitzt. Zuletzt beinhaltet Vertrauen die Erwartung, dass der Vertrauensnehmer vertrauenswürdig ist, d. h. Eigenschaften wie Berechenbarkeit, Effizienz, Zuverlässigkeit, soziales Engagement, Universalismus, Verantwortlichkeit und Uneigennützigkeit besitzt. (Sztompka (1995), S. 256f; Sztompka (1996), S. 39f; Sztompka (1999), S. 25f) Im Detail unterscheidet Sztompka an dieser Stelle in (Sztompka (1999), S. 53f): (1) Instrumental trust, das Eigenschaften wie Regelmäßigkeit, Vernünftigkeit und Effizienz erwartet. (2) Axiological trust, das moralische Eigenschaften wie Verantwortlichkeit, Freundlichkeit, Authentizität und Fairness erwartet. (3) Fiduciary trust, das Eigenschaften wie Uneigennützigkeit, Prozessstandschaft und Wohlwollen bzw. Großzügigkeit erwartet. Vertrauen und die damit verbunden Erwartungen stehen dabei immer in Relation zum jeweiligen Bezugsobjekt des Vertrauens. Es gilt: „Absolute trust is a rarity. (…) Most often trust is relative. (…) Typically, I trust you to do certain kinds of things. I might distrust you with respect to some other things and I may merely be skeptical or unsure with respect to still other things. (…) There is another relativization, too. Expectations involved in trust are congruent or incongruent with the nature of objects toward which trust is directed. Specific expectations fit to specific objects, and do not fit to others.“ (Sztompka (1999), S. 55) 66 Vertrauen Entsprechend speist sich die Bereitschaft, Vertrauen zu schenken, aus verschiedenen Quellen, die die Mehrdimensionalität des Vertrauens widerspiegeln. Vertrauen ist dabei als Eigenschaft einer (Kooperations)-Beziehung, als Persönlichkeitsdisposition oder als kulturabgeleitete Regel zu verstehen. In der Regel sind diese Dimensionen allerdings nicht als unabhängig voneinander zu betrachten, sondern treten konzertiert auf. (Sztompka (1998), S. 19ff; Sztompka (1999), S. 60ff) 2.1.1.1.4.1 Reflected trustworthiness und basic trustfulness „Actions that involve the investment of trust toward others are based on some estimates of their credibility; on the ‚reflected trustworthiness‘ of the targets.“ (Sztompka (1998), S. 20) Reflected trustworthiness bezieht sich auf die Rechtfertigung von Vertrauen in Beziehungen bzw. Kooperationen und wird von Sztompka nochmals in primary trust und secondary trust unterschieden. (Sztompka (1995), S. 259; Sztompka (1996), S. 42f; Sztompka (1999), S. 71ff) Primary trust bezieht sich auf die Vertrauenswürdigkeit, die sich aus den persönlichen Eigenschaften des Vertrauensnehmers ableitet (primary trustworthiness). Sie wird bestimmt anhand der Reputation12, der Performanz13 sowie dem Aussehen und Auftreten einer Person. Aussehen und Auftreten ergeben sich dabei aus den drei Indikatoren Kleidungsstil, körperliche Disziplin14 und gute Manieren. Secondary trust bezieht sich auf die Vertrauenswürdigkeit, die sich aus dem Kontext ergibt, in dem sich eine Person bewegt (derived trustworthiness). Sie ergibt sich aus der Haftungsverpflichtung15 und der Vorver- 12 „(…) the record of past deeds“ (Sztompka (1999), S. 71) 13 „(…) actual deeds, present conduct, currently obtained results. The past is suspended, ‚bracketed‘, and one focuses on what the potential beneficiary of trust is doing now.“ (Sztompka (1999), S. 77) 14 „(…) control of the body, health, fitness, as well as cleanliness and neatness“ (Sztompka (1999), S. 79) 15 „(…) means the enforcement of trustworthiness, or more precisely the presence of agencies monitoring and sanctioning the conduct of the trustee, or at least po- 67 Soziales Vertrauen pflichtung16 einer Person. Außerdem spielt auch die Situation und das Setting, in dem sich Vertrauensgeber und -nehmer befinden eine große Rolle. Positiv wirken sich beispielsweise Situationen aus, die von Intimität, Emotionalität, Interdependenz, einem sakralen Charakter oder Sanktionsmöglichkeiten geprägt sind. (Sztompka (1999), S. 93ff) „But the measure of trust we are willing to deploy – the amount of risk we are ready to take – is not exclusively dependent on the qualities of the target toward which our actions are directed, on the estimated trustworthiness of the trusted. It also depends on our own predilections to trust, on the trustfulness of the truster. The pool of trust people command, as well as the propensity to spend it, is variable. (…) Trustfulness may be treated as a psychological trait (…).“ (Sztompka (1998), S. 20) Basic trustfulness bezieht sich auf eine grundlegende Persönlichkeitsdisposition, Vertrauen zu schenken, die sich aus der Sozialisation ergibt. Sie kann auf bestimmte Personen gerichtet sein oder universal wirksam werden. (Sztompka (1999), S. 65f, S. 97ff) 2.1.1.1.4.2 Culture of trust Die culture of trust schließlich beschreibt ein allgemeines Vertrauensklima innerhalb einer Gesellschaft. Vertrauen wird hier zu einer typical orientation, die eine gesamte Gesellschaft erfasst. „Trust culture (…) is a system of rules – norms and values – regulating granting trust and meeting, returning, and reciprocating trust; in short, rules about trust and trustworthiness.“ (Sztompka (1999), S. 99) tentially available for such monitoring and sanctioning if the breach of trust occurs“ (Sztompka (1999), S. 87) 16 „(…) that trustees purposefully change the context of their own action, making it more rigid and demanding, and forfeiting the usual degree of freedom.“ (Sztompka (1999), S. 91) 68 Vertrauen Am Anfang der Entwicklung einer culture of trust steht eine historisch verinnerlichte Vertrauenskultur, die entweder von Vertrauen oder Misstrauen geprägt sein kann. (Sztompka (1999), S. 132) Ausgehend hiervon sind verschiedene Entwicklungen möglich, die Sztompka als virtuous loop, vicious loop oder Durchbrechung der jeweiligen Zirkelbewegung beschreibt. Die virtuous loop beginnt mit einer bereits existierenden Kultur des Vertrauens und setzt deren Tradition fort. In einer solchen Gesellschaft wird einander Vertrauen erwiesen und bestätigt. Eine virtuous loop kann durchbrochen werden, indem Vertrauen sukzessive enttäuscht wird, woraufhin sich eine sich selbst verstärkende Kultur des Misstrauens entwickelt. (Sztompka (1999), S. 120f) Die vicious loop beginnt mit einer Kultur des Misstrauens, die fortgesetzt Vertrauen zurückhält, was in einer Kultur des Argwohns resultiert. Sie kann durchbrochen werden, indem erwiesenes Vertrauen immer wieder bestätigt wird, was schlussendlich eine Etablierung von Vertrauen zur Folge hat. (Sztompka (1999), S. 121) Die Rahmenbedingungen für die Entwicklung einer culture of trust setzen makrosoziale Determinanten, wie normative Kohärenz, Stabilität der sozialen Ordnung, Transparenz der sozialen Organisation, Vertrautheit der Umwelt und die Verlässlichkeit von Personen und Institutionen. Normative Kohärenz beschreibt dabei die Gültigkeit und bindende Kraft sozialer Normen, sodass die Handlungen anderer einer gewissen Ordnung folgen und dementsprechend berechenbar sind. Eine normative Ordnung des sozialen Miteinanders erhöht somit die Wahrscheinlichkeit, dass erwiesenes Vertrauen bestätigt wird. Die Stabilität sozialer Ordnung schließt direkt hieran an und meint eine Habitualisierung bestimmter Handlungsweisen. Die Wahrscheinlichkeit von Handlungen, die der sozialen Ordnung widersprechen wird als gering bis nicht existent eingestuft, entsprechend wird davon ausgegangen, das eingegangene Verpflichtungen eingehalten werden. Das Anbieten von Vertrauen wird dadurch erleichtert, muss man doch davon ausgehen, dass dem erwiesenen Vertrauen entsprochen werden wird. Die Transparenz sozialer Organisation meint den Grad der Zugänglichkeit von Informationen über die Funktionsweisen und -prinzipien sowie die Kompetenzen 69 Soziales Vertrauen und Effizienz von Gruppen, Vereinigungen, Institutionen und Organisationen des öffentlichen Lebens. Je offener mit solchen Informationen umgegangen wird und je einfacher sie zu ermitteln und zu verstehen sind, desto leichter fällt es diesen Organisationen mit Vertrauen zu begegnen. Vertrautheit mit der Umwelt bezieht sich darauf, wie gewohnt die jeweilige Lebenswelt ist, in der man sich bewegt. Vertrauen entsteht eher in solchen Umgebungen, die einem bekannt sind und die einer gewissen Routine folgen. Die Verlässlichkeit von Personen und Institutionen spielt insofern eine große Rolle, als dass ein funktionierendes System von Institutionen bestimmte Standards für das soziale Miteinander setzt und diese Standards sowohl kontrolliert als auch durchsetzt. Es kann sich somit darauf verlassen werden, dass Vertrauensbrüche von diesen Institutionen geahndet werden, was eine wechselseitige Begegnung mit Vertrauen begünstigt. (Sztompka (1999), S. 122ff) Neben den strukturellen Begebenheiten einer Gesellschaft haben die soziale Gemütslage einer Gesellschaft und die individuelle Ausstattung der Einzelpersonen mit bestimmten Ressourcen einen großen Einfluss auf die Etablierung einer culture of trust. So bilden die hier vorgestellten makrosozialen Determinanten lediglich die Rahmenbedingungen für eine culture of trust, die eigentliche Entscheidung zu vertrauen wird allerdings von Menschen getroffen. Hierzu muss zunächst eine gesamtgesellschaftliche Stimmung vorherrschen, die Vertrauen begünstigt. Kennzeichen eines solchen Gemütszustandes ist eine generelle Bereitschaft, aktiv Vertrauen zu schenken. Flankiert wird diese generelle Vertrauensbereitschaft von Optimismus, Zukunftsorientiertheit, hohen Ansprüchen, Erfolgsorientierung und Innovationsdrang. Zunächst stellen diese Kennzeichen lediglich Eigenschaften von einzelnen Individuen dar, mit Beginn der gesamtgesellschaftlichen Verbreitung dieser Stimmungslage setzt allerdings ein Selbstverstärkungsprozess ein, in dessen Folge sie durch Imitation und wechselseitiger Bestätigung zu einem makrosozialen Phänomen wird, sogenannten social moods. (Sztompka (1999), S. 125f) Neben einer kollektiven Disposition Vertrauen zu schenken, spielt sogenanntes collective capital eine zweite Rolle bei der Etablierung einer culture of trust. Dieses collective capital stellt ein Aggregat aus verschiede- 70 Vertrauen nen sozialen Ressourcen dar, die nach Sztompka erheblichen Einfluss auf die individuelle Vertrauensbereitschaft haben. Im Einzelnen nennt er hierbei Reichtum, einen guten und sicheren Job, Vielfalt sozialer Rollen, Macht, Bildung, soziale Verbindungen und Netzwerke, eine stabile Familie, enge Freundschaften sowie religiöse Überzeugungen. Im Allgemeinen stellt jede dieser Ressourcen einen Ankerpunkt bzw. eine Versicherung im Falle eines potenziellen Vertrauensbruchs dar. Reichtum verringert das Risiko von Vertrauensbeziehungen, weil potenzielle Verluste nicht mehr so sehr ins Gewicht fallen. Ein sicherer Job fungiert als sichere Basis für eine vertrauensvolle Orientierung gegenüber der Welt. Indem man eine Vielzahl von sozialen Rollen in verschiedenen sozialen Kontexten innehat, verringert sich die Abhängigkeit von den einzelnen Rollen. Macht kann in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden, um Vertrauen abzusichern. In letzter Instanz können mit ihrer Hilfe Menschen zu vertrauenswürdigem Verhalten gezwungen werden. Bildung stellt eine Voraussetzung dafür dar, Vertrauensfallen zu erkennen und nicht aufgrund naiven Verhaltens ausgenutzt zu werden. Soziale Netzwerke können ein Auffangbecken darstellen im Falle eines Vertrauensmissbrauchs und wirken gleichermaßen auch als Vertrauenskatalysator, indem sie potenzielle Vertrauenspartner bzw. –objekte in die Reichweite des Individuums befördern. Die Unterstützung durch die Familie erlaubt es, besonders risikoreiche Transaktionen zu unternehmen. Freundschaften können als Substitute für einen niedrigen sozioökonomischen Status dienen, indem sie Unterstützung im Falle von Vertrauensbrüchen und daraus resultierenden Verlusten gewähren. Zuletzt wirken sich religiöse Überzeugungen positiv auf Vertrauensbereitschaft aus, weil der Glaube eine gewisse Sicherheit beim Umgang mit irdischen Belangen vermittelt. (Sztompka (1999), S. 128ff) Zusammenfassend entwickelt sich eine Vertrauenskultur auf Basis einer bereits bestehenden culture of trust. Es müssen dabei zunächst bestimmte strukturelle Rahmenbedingungen gegeben sein, die in Abhängigkeit von der gesamtgesellschaftlichen Stimmungslage und der Ausstattung der Gesellschaftsmitglieder mit bestimmten Ressourcen unterschiedlich gut genutzt werden können. Sowohl die social moods als auch das collective 71 Soziales Vertrauen capital können somit stimulierend oder hemmend auf die Entwicklung einer Vertrauenskultur einwirken. Am Ende resultiert eine neue culture of trust, in der entweder Vertrauen oder Misstrauen zur allgemeinen gesellschaftlichen Handlungsmaxime geworden sein können: „When a culture of trust – or the culture of distrust – appears, the people are constrained to exhibit trust or distrust in all their dealings, independent of individual convictions, and departures from such a cultural demand meet with a variety of sanctions. In this way, through social mechanisms of enforcing conformity, trust or distrust becomes contagious.“ (Sztompka (1996), S. 42) Vertrauen bzw. eine Kultur des Vertrauens erfüllen verschiedene Funktionen. (Sztompka (1995), S. 259f; Sztompka (1996), S. 42f; Sztompka (1998), S. 21f; Sztompka (1999), S. 102ff) Vertrauen erzeugt zunächst eine Atmosphäre der Offenheit, die frei von Angst und Argwohn ist. Es verringert die Notwendigkeit sozialer Kontrolle und ermöglicht so eine Erweiterung des Handlungsspielraumes, die für Kreativität und Innovation genutzt werden kann. Vertrauen begünstigt soziale Kontakte sowie Kommunikation und trägt so zur Entwicklung von sozialen Netzwerken und der Intimität von Beziehungen bei. Es fördert die Toleranz gegen- über anderen Personen und Weltanschauungen und reduziert auf diese Weise Feindseligkeit. Gleichzeitig stärkt es die kollektive Solidarität und unterstützt Reziprozität. Zuletzt führt Vertrauen zu einer Senkung von Transaktionskosten und einer damit einhergehenden Erhöhung der Kooperationschancen. 2.1.1.1.4.3 Misstrauen Den Übergang von Vertrauen zu Misstrauen bzw. von Misstrauen zu Vertrauen bezeichnet Sztompka als Argwohn (mistrust). „The term ‚mistrust‘ will for my purposes refer to a neutral situation, when both trust and distrust are suspended. It means the lack 72 Vertrauen of clear expectations, as well as hesitation about commiting oneself. I use the term ‚mistrust‘ to indicate a temporary, intermediate phase in the dynamics of trust-building, or trust depletion. Mistrust is either a former trust destroyed, or former distrust healed.“ (Sztompka (1999), S. 26f) Argwohn kann dabei viel leichter in Misstrauen umschlagen, als dass aus ihm Vertrauen generiert wird. Misstrauen (distrust) stellt dann das Gegenteil von Vertrauen (trust) dar und wird von Sztompka wie folgt definiert: „It is also a bet, but a negative bet. It involves negative expectations about the actions of others (of their harmful, vicious, detrimental actions toward myself), and it involves negative, defensive commitment (avoiding escaping, distancing myself, refusing actions, taking protective measures against those I distrust).“ (Sztompka (1999), S. 26) Die Konsequenzen von Misstrauen bzw. dem Entzug von Vertrauen verhalten sich diametral zu den Effekten der Vertrauensvergabe. Misstrauen lähmt Innovationen und führt zu Konformismus. Es fördert Isolation und zerstört soziale Netzwerke. Es begünstigt die Entstehung von negativen Stereotypen und Vorurteilen. Misstrauen führt des Weiteren zu Entfremdung und Entwurzelung von Individuen und letztendlich zu einer Etablierung einer culture of distrust. (Sztompka (1998), S. 22) Für den einzelnen Vertrauensnehmer bedeutet Misstrauen einen Verlust seiner Kreditwürdigkeit und die Einschränkung seiner Handlungsfreiheit. (Sztompka (1995), S. 260; Sztompka (1996), S. 44) 2.2.1.1.5 Vertrauen als Instrument zum Umgang mit Systemgrenzen (Seligman) Im Zentrum der Vertrauenskonzeption von Seligman steht der Kontrast zwischen Zuversicht (confidence) und Vertrauen (trust). Während Zuver- 73 Soziales Vertrauen sicht Kennzeichen eines funktionierenden Systems normativ definierter Rollenerwartungen ist, entwickelt sich Vertrauen in den Zwischenräumen bzw. an den Grenzen solcher Systeme, wo die Anwendung dieser Normen nicht klar geregelt ist. Zuversicht befindet sich in der Regel in einem Zustand der Symbiose mit einem System. Während Zuversicht an das Funktionieren eines Systems gebunden ist, kann das System nur durch die Zuversicht gegenüber seinem Funktionieren bestehen. „For confidence in a system, i. e., in its institutions – in the continued functioning of patterned, normative role expectations – could not itself mediate or limit the flow of resources in the system (society). Rather, confidence is itself the flow of resources, is the system itself (its operating code, as it were).“ (Seligman (1997), S. 20) Erlischt die Zuversicht gegenüber dem System, bricht dieses zusammen. Ebenso bedrohen Mängel in der Funktion des Systems die Zuversicht gegenüber diesem und dementsprechend seinen Fortbestand. Zuversicht entspricht somit einer Art von Vertrauen in die Existenz und den Bestand einer institutionellen bzw. sozialen Ordnung. (Seligman (1997), S. 7f, S. 13, S. 21) Diese institutionelle bzw. soziale Ordnung reguliert die Rollen der Akteure innerhalb des Systems sowie die an diese Rollen geknüpften Erwartungen. Den Akteuren ist somit bewusst, welche Handlungen innerhalb eines spezifischen Kontextes von ihnen erwartet werden und welche Handlungen sie ausführen dürfen. Dieser Umstand gilt dabei für alle an einer Interaktions- oder Austauschbeziehung beteiligten Akteure. Zuversicht beschreibt dann eine Art von Verlassen darauf, dass Interaktionen sich in einem spezifischen Kontext abspielen, der durch ein System institutioneller Normen definiert ist und durch dieses geregelt wird. Gleichzeitig ist es ein Verlassen darauf, dass die Akteure innerhalb dieses Kontextes eine ihrer jeweiligen Rolle entsprechende Performanz zeigen werden. (Seligman (1997), S. 70; Seligman (1998), S. 391f; Seligman (2000), S. 65f) Die beteiligten Akteure können auf dieser Basis wechselseitig die Handlungen des jeweils anderen vorhersagen, sodass gilt: 74 Vertrauen „Control or confidence is what you have when you know what to expect in a situation; (…).“ (Seligman (1998), S. 391) Nach Seligman basiert Zuversicht dabei im Wesentlichen auf zwei Aspekten: (1) Sanktionen und (2) Vertrautheit. Die Möglichkeit Zuversicht mittels Sanktionen sicherzustellen, ergibt sich aus der Verbundenheit von Zuversicht und System. Interaktionen, die auf Basis von Zuversicht ausgeführt werden, finden innerhalb einer systemisch vorgegebenen Rahmung statt, die vorgibt, welches Verhalten innerhalb der spezifischen Austauschsituation zu erwarten ist. Abweichungen von diesen Handlungsvorgaben bedrohen die Zuversicht, mit der sich die beteiligten Akteure begegnen und werden entsprechend bestraft. Die ausgesprochenen Sanktionen können dabei sowohl formeller als auch informeller Natur sein. Das heißt: Sie können beispielsweise Folge von Rechtsvorgaben des Systems oder Strafmaßnahmen von Verpflichtungsnetzwerken sein. (Seligman (1998), S. 391f; Seligman (2000), S. 65f) Zuversicht aus Vertrautheit ergibt sich aus dem Umstand, dass man mit dem Interaktionspartner bestimmte Verhaltenscodes, moralische Überzeugungen und Arten des Seins und Handelns teilt. Dies impliziert eine Wahrnehmung der Gleichheit, auf deren Grundlage die Handlungen des anderen vorhergesagt werden können. Die Gleichheitsannahme ist dabei oft eine Schlussfolgerung aus der Art und Weise des Sprechens, der Kleidung, der Herkunft und der Überzeugungen des anderen. (Seligman (1998), S. 392f; Seligman (2000), S. 66) Werden die an eine Austauschsituation gebundenen Rollenerwartungen vom Interaktionspartner nicht ausreichend erfüllt, so erlaubt Vertrautheit anzunehmen, dass man selbst und der Interaktionspartner mit der Interaktion gemeinsame Ziele und Werte verfolgt, und kann auf diese Weise Zuversicht aufrechterhalten. (Seligman (1997), S. 69f) Vertrauen (trust) unterscheidet sich von Zuversicht (confidence) nach Ansicht von Seligman nun folgendermaßen: „Trust is distinguished from confidence in that the latter rests on knowledge or predictability of the alter’s actions, while trust is nec- 75 Soziales Vertrauen essary to maintain interaction in the absence of such knowledge.“ (Seligman (1998), S. 391) Ausgangspunkt dieses Resümee ist die Erkenntnis, dass im Zuge der Moderne eine Ausdifferenzierung und Verbreitung von Rollen stattgefunden hat. Dies hat zur Folge, dass Individuen nun oft multiple Rollen ausüben und den jeweiligen Rollenerwartungen Rechnung tragen müssen, wobei es hierbei auch zu Konflikten zwischen den verschiedenen Rollenanforderungen kommen kann. Die Steigerung der Komplexität des Rollengefüges erhöht im gleichen Maße die Wahrscheinlichkeit der Verhandelbarkeit von Rollenerwartungen, was die Entstehung von Räumen innerhalb des gesellschaftlichen Systems ermöglicht, die nicht durch die Vorgaben des Systems reguliert sind. (Seligman (1997), S. 38f; Seligman (2000), S. 72f) „In short, the greater the differentiation of system and concomitant proliferation of roles, the more it becomes possible to assign a degree of liability to any particular role (or role-set) and hence the more a certain degree of negotiability of role expectations becomes possible – perhaps even necessary. The greater indeterminacy and the greater negotiability of role expectations lead to the greater possibility for the development of trust as a form of social relations.“ (Seligman (1997), S. 39) Die Überbrückung dieser Systemzwischenräume oder –grenzen wird durch die Entwicklung von Vertrauen bewerkstelligt. Mit anderen Worten: Überall dort, wo Interaktions- und Austauschbeziehungen nicht durch systemische Normen geregelt sind, ist Vertrauen zu deren Etablierung notwendig. (Seligman (1997), S. 24f, S. 27f, S. 42; Seligman (1998), S. 393f; Seligman (2000), S. 67, S. 72) Eine weitere Konsequenz der gesellschaftlichen Entwicklung in der Moderne ist die Möglichkeit des Individuums autonom, losgelöst von normativ festgelegten Verhaltensmustern, zu handeln. Diese Handlungsmacht ist die eigentliche Voraussetzung für die Verhandelbarkeit von 76 Vertrauen Rollen und Rollenerwartungen und deshalb eng verbunden mit Vertrauen. (Seligman (1997), S. 54, S. 62) Die Möglichkeit zu autonomem Handeln macht das Verhalten eines Individuums unberechenbar. Entsprechend risikoreich ist eine Interaktion. Vertrauen stellt nun eine Strategie dar, mit diesem Risiko umzugehen, indem es die Undurchsichtigkeit des Willens des anderen und damit die Individualität des anderen anerkennt. Der andere wird nicht mehr auf eine Rolle, an die entsprechende Erwartungen geknüpft sind, reduziert, sondern seine Handlungsmacht wird respektiert und bestätigt. Ihm ist es aufgrund dieses freien Willens auch möglich, unser Ersuchen abzulehnen, bzw. er hat die Wahl dem Vertrauen zu entsprechen oder es zu enttäuschen. Vertrauen wohnt in diesem Sinne eine Bedingungslosigkeit inne, die sich auf die Reaktion des anderen bezieht. Der Interaktionspartner ist nicht auf ein dem in ihn gesetzten Vertrauen entsprechendes reziprokes Verhalten festgelegt. Das oben angesprochene Risiko entspricht nun genau diesem potenziellen Ausfall von Reziprozität. (Seligman (1997), S. 44, S. 62ff; Seligman (1998), S. 398f; Seligman (2000), S. 68f) Vertrauen findet Anwendung bzw. ist notwendig, wenn der Interaktionspartner unberechenbar ist bzw. wenn er ein Fremder ist. Nach Seligman kann das Verhalten eines anderen nicht vorhergesagt werden, „because either a.) there is no system within which sanctions can be imposed or b.) there is no underlying familiarity or sameness which would allow such predictions“ (Seligman (2000), S. 66f). Vertrauen setzt somit dort ein, wo die Restriktionen des Systems und damit Zuversicht unwirksam werden und überwindet dabei sogar Differenzen hinsichtlich Werte und Normen: „Trust, by contrast, recognizes difference including the different possible bases for alter’s strong evaluations and ,trusts’ that these will limit alter’s freedom, channeling the use of others’s agency in ways not inimicable to our own interests or desires.“ (Seligman (1997), S. 69f) Bezugspunkt von Vertrauen ist die Unbestimmtheit und damit auf die Unvorhersagbarkeit der Reaktionen des anderen, wobei daraufgesetzt wird, dass der andere ein Verhalten zeigen wird, das vorteilhaft für einen 77 Soziales Vertrauen selbst sein wird. Ausgehend von dieser Einsicht kommt Seligman zu folgender Definition von Vertrauen: „We may now assume that trust is some sort of belief in the goodwill of the other, given the opaqueness of other’s intentions and calculations. The opaqueness, we recall, rests precisely on that aspect of alter’s behavior that is beyond the calculable attributes of role fulfillment; if it were otherwise, alter’s actions would not be unknown but assessable within the framework of the defining system of role expectations and hence reflect confidence and not trust.“ (Seligman (1997), S. 43) Die Verbindung von Zuversicht und Vertrauen besteht nun darin, dass „the more confidence in a system of role expectations cannot be taken for granted (…), the more difficult it becomes to establish role reciprocity which can only be met by the establishment of trust“ (Seligman (1997), S. 39f). 2.1.1.1.6 Urvertrauen (Erikson) Erikson betrachtet Vertrauen aus einer entwicklungspsychologischen Perspektive und wird von ihm wie folgt definiert: „Unter ‚Vertrauen‘ verstehe ich sowohl ein wesenhaftes Zutrauen zu anderen als auch ein fundamentales Gefühl der eigenen Vertrauenswürdigkeit.“ (Erikson (1970), S. 97) Seiner Auffassung nach wird bereits im frühesten Kindesalter der Grundstein für die individuelle Ausstattung mit Vertrauen, das sogenannte Urvertrauen, bzw. die individuelle Ausstattung mit Misstrauen, das sogenannte Urmisstrauen, gelegt. Urvertrauen bzw. Urmisstrauen entwickeln sich dabei aus dem subjektiven Erlebnis von Konstanz und Zuverlässigkeit in Verbindung mit individueller Bedürfnisbefriedigung. (Erikson (1974), S. 241ff) Vertrauen wird dann auf zwei Ebenen wirksam: Die 78 Vertrauen erste Ebene betrifft die Zuverlässigkeit anderer Personen und die Konstanz der Umwelt. Durch wiederkehrende positive Erfahrungen mit den Mitmenschen wird man sich gewahr, dass man sich auf andere verlassen kann. (Erikson (1970), S. 102f; Erikson (1974), S. 241f) Misstrauen wird hierbei als „Misstrauen gegen die Zeit“ (Erikson (1970), S. 187) wirksam und generiert sich aus einer Verzögerung der Befriedigung individueller Bedürfnisse. Ein misstrauischer Mensch fordert somit eine zeitnahe Einlösung des gewährten Vertrauens, da jede Zeitverzögerung als potenzieller Vertrauensbruch angesehen wird. Die zweite Ebene betrifft das Selbstvertrauen. Durch die positive Rezeption der Umwelt und die positiven Reaktionen der Umwelt auf einen selbst entwickelt sich ein positives Selbstbild. Es ergibt sich dann eine individuelle Vertrauenswürdigkeit, die sich auf der einen Seite nach innen auswirkt, indem man sich selbst als „in Ordnung“ (Erikson (1974), S. 243) wahrnimmt, gleichzeitig aber auch nach außen auf die Mitmenschen wirkt und anzeigt, dass man sich entsprechend der gesellschaftlichen Erwartungen entwickelt und andere nicht vor einem „auf der Hut sein müssen“ (Erikson (1974), S. 242). Ein Mangel an Urvertrauen kann sich in späteren Krisen dahingehend manifestieren, dass in einer besonderen Heftigkeit auf Enttäuschungen reagiert wird. (Erikson (1970), S. 97, S. 100; Erikson (1974), S. 242f) Insbesondere in Bezug auf Institutionen spielt das Urvertrauen eine gro- ße Rolle, da sich hier einer Macht vertrauensvoll unterworfen werden muss. Diese Verbindung funktioniert allerdings nur solange, wie die Institutionen die infantilen Vertrauenserfahrungen bestätigen. (Erikson (1974), S. 244) 2.1.1.1.7 Vertrauen als Phänomen sozialstruktureller und kultureller Variablen (Barber) Barber betrachtet Vertrauen weniger als individuelles Persönlichkeitsattribut, sondern vielmehr als „phenomenon of social structural and cultural variables“ (Barber (1983), S. 5) und ist hierbei stark von Parsons, Luhmann und Garfinkel beeinflusst. (Barber (1983), S. 5, S. 8, S. 10ff) 79 Soziales Vertrauen Nach Barbers Auffassung stellt Vertrauen eine Erwartungshaltung gegenüber der Welt, der Gesellschaft bzw. spezifischen Interaktionspartnern dar und differenziert sich in drei voneinander verschiedene Arten: „For my purpose, I have selected three kinds of expectations that involve some of the fundamental meanings of trust. The most general is expectation of the persistence and fulfillment of the natural and the moral social orders. Second is expectation of technically competent role performance from those involved with us in social relationships and systems. And third is expectation that partners in interaction will carry out their fiduciary obligations and responsibilities, that is, their duties in certain situations to place others’ interests before their own.“ (Barber (1983), S. 9) Die Erwartung der Beständigkeit der sozialen Ordnung ist dabei die Grundvoraussetzung für die Kontinuität menschlichen Handelns. Sie sorgt für eine Reduktion der Komplexität der sozialen Umwelt und macht diese handhabbar. Eine Verletzung des Vertrauens in die bestehende soziale Ordnung ist dabei nur schwerlich umsetzbar und würde nicht toleriert werden. (Barber (1983), S. 10ff) Die Erwartung von Fachkompetenz bezieht sich auf die Komplexität der Wissensbestände in differenzierten Gesellschaften. So besteht eine Notwendigkeit, Vertrauen in das Vermögen von Experten zu haben, die ihre Rollen entsprechend der jeweiligen Anforderungen erfüllen. Das Vertrauen in Experten kann dabei durch eine Kontrolle ihres Wissens und ihrer Expertise sichergestellt werden. (Barber (1983), S. 14f) Die besondere Qualität treuhänderischer Verpflichtung liegt in der Effizienz ihrer Anwendung. Sie basiert auf der Annahme einer moralischen Verpflichtung, die Interessen anderer über die eigenen Interessen zu stellen. Dabei wird außerdem angenommen, dass es sich um eine gesamtgesellschaftlich geteilte moralische Verpflichtung handelt. Eine treuhänderische Verpflichtung beinhaltet immer auch eine gewisse Unsicherheit, stellt sie doch kein erschöpfendes Werkzeug sozialer Kontrolle dar. (Barber (1983), S. 14ff) 80 Vertrauen Vertrauen erfüllt im Wesentlichen zwei gesellschaftswirksame Funktionen: (1) soziale Ordnung und (2) soziale Kontrolle. Die Funktion von Vertrauen als ordnende Kraft korrespondiert mit der oben beschriebenen Erwartung der Persistenz der natürlichen und sozialen Ordnung sowie der Erwartung, dass man sowohl die Rolle, die man innerhalb einer sozialen Beziehung einnimmt, und die damit verbundenen Pflichten erfüllen wird. Die Ordnungsfunktion von Vertrauen beschreibt dann ein „(…) providing cognitive and moral expectational maps for actors and systems as they continously interact“ (Barber (1983), S. 19). Vertrauen rahmt in diesem Sinne soziale Beziehungen und legt auf diese Weise fest, was die involvierten Akteure wechselseitig voneinander erwarten können. Die Kontrollfunktion von Vertrauen ist mit der Erwartung kompetenter Rollenperformanz und der Erwartung treuhänderischer Verpflichtung verbunden. Dabei soll soziale Kontrolle hier als „the mechanism for providing the necessary means and goals for the achievement of social system requirements“ (Barber (1983), S. 19) verstanden werden. Soziale Kontrolle vermittelt durch Vertrauen kann auf zwei verschiedene Arten wirksam werden: (1) So stellt Vertrauen in Verbindung mit Macht ein bedeutendes Instrument sozialer Kontrolle dar. Mit Hilfe von Macht lassen sich die Ziele einer sozialen Beziehung spezifizieren, die Mittel generieren, mit deren Hilfe diese Ziele erreicht werden können, sowie die den Zielen zugrundeliegenden gemeinsamen Werte festlegen. Um dies allerdings zu bewerkstelligen muss dieser Macht, im Sinne einer Akzeptanz und Bewilligung dieser Macht vertraut werden. Auf diese Weise macht die Bewilligung von Vertrauen soziale Kontrolle auf Basis von Macht möglich, während gleichzeitig die Erfüllung des Vertrauens durch die, denen es gewährt wurde, vor einem Missbrauch dieser Macht schützt. (Barber (1983), S. 20) (2) Die zweite Kontrollfunktion von Vertrauen ergibt sich aus der Formulierung und Erhaltung der dem Vertrauen zugrundeliegenden gemeinsamen Werte, um auf diese Weise die Solidarität innerhalb sozialer Beziehungen und Systeme aufrechtzuerhalten. (Barber (1983), S. 21) 81 Soziales Vertrauen 2.1.1.1.8 Vertrauen als Grundvoraussetzung sozialer Ordnung (Garfinkel) Für Garfinkel stellt Vertrauen eine Bedingung stabiler konzertierter Handlungen dar. Er entwickelt diese Vorstellung auf der Basis von sechs Annahmen über die Bedingungen der Produktion, Reproduktion und Modifikation sozialer Strukturen (Garfinkel (1963), S. 187ff): (1) Die Konditionen gemeinschaftlicher Handlungen sind determiniert durch die Ereignisse, die im jeweiligen sozialen Umfeld bzw. in den jeweiligen Interaktionsbeziehungen als normal wahrgenommen werden. (2) Die Wahrnehmung eines Ereignisses als normal ergibt sich aus dessen Typizität, seiner Eintrittswahrscheinlichkeit, seiner Vergleichbarkeit mit vergangenen oder zukünftigen Ereignissen, seiner kausalen Beschaffenheit, seiner instrumentellen Wirksamkeit im Sinne einer Ziel-Mittel-Beziehung und seiner moralischen Wünschbarkeit. (3) Abweichungen zwischen erwarteten und realen Ereignissen werden „normalisiert“, was bedeutet, dass eine Situation auf Basis der als „normal“ angesehenen Ausprägungen der obengenannten Faktoren interpretiert wird. (4) Die „Normalisierung“ hängt von den Routinestrukturen der jeweiligen Gruppe ab. (5) Die Stabilität sozialer Strukturen ergibt sich als Produkt der als normal wahrgenommenen Werte und den auf diesen Werten basierenden Handlungen. (6) Die Abstimmung zwischen den feststehenden Eigenschaften sozialer Strukturen und der individuellen interpersonalen Interaktion fußt dabei auf zwei Theoremen: a.) Die soziale Struktur besteht aus den institutionalisierten Mustern einer normativen Kultur. b.) Die sich aus konzertierten Handlungen ergebenden stabilen Eigenschaften dieser sozialen Struktur werden durch die Befolgung einer legitimen Ordnung garantiert. 82 Vertrauen Soziale Ordnung stellt somit ein Produkt aufeinander abgestimmter Handlungen von Einzelpersonen dar, wobei die Art und Weise der Sinnhaftigkeit und Ausführung dieser Handlungen auf einem gemeinschaftlich geteilten Regelkatalog basieren. In Anlehnung an Spielregeln nennt Garfinkel diesen Regelkatalog die basic rules. Sie definieren, was als normale Situation bzw. was als normales Ereignis im Rahmen der alltäglichen lebensweltlichen Erfahrung gilt und bestimmen die Abgrenzungen zwischen den jeweils möglichen Situationsdefinitionen. Betrachtet man die Lebenswelt als Spiel, so sorgen sie dafür, dass man spezifische Spiele voneinander unterscheiden kann. Sie stellen spezielle Hintergrunderwartungen dar, die konstitutiv für jede Spielsituation sind (Garfinkel (1963), S. 190; Patzelt (1987), S. 125): (1) Die basic rules setzen den Rahmen für die vom Spiel erlaubten Handlungsmöglichkeiten, aus denen ungeachtet von eigenen Begehrlichkeiten, Umständen, Plänen, Interessen oder Handlungskonsequenzen, die einen selbst oder andere treffen würden, gewählt werden muss, um weiterhin Teilnehmer des Spiels zu sein. (2) Jeder Teilnehmer des Spiels ist an das gleiche Repertoire an Handlungsoptionen gebunden. (3) Es herrscht die wechselseitige Erwartung, dass andere in gleicher Weise die Geltung der obengenannten Regeln erwarten, wie man selbst sie erwartet. Für Garfinkel stellt diese letzte Regel die Kernaussage seines Vertrauenskonzeptes dar. Vertrauen ist danach eine Grundvoraussetzung für das alltägliche Routinehandeln im Sinne der Befolgung einer „constitutive order of events“, wobei „compliance to this order will be developed as a general definition of the term ‚trust‘“ (Garfinkel (1963), S. 190): „To say that one person ‚trusts‘ another means that the person seeks to act in such a fashion as to produce through his action or to respect as conditions of play actual events that accord with normative orders of events depicted in the basic rules of play. Alternatively stated, the 83 Soziales Vertrauen player takes for granted the basic rules of the game as a definition of his situation, and that means of course as a definition of his relationships to others.“ (Garfinkel (1963), S. 193f) An anderer Stelle heißt es weiter: „These trusted, taken for granted, background features of a person’s situation, that is, the routine aspects of the situation that permit ‚rational action‘, are commonly referred to in sociological discourse as the mores and folkways.“ (Garfinkel (1967), S. 173) Es wird in diesem Sinne darauf vertraut, dass eine wechselseitige Selbstverständlichkeit bestimmter Hintergrundbedingungen vorherrscht, die wiederum die Grundlage für die Produktion und Reproduktion gemeinsamer Deutungshorizonte bilden. (Garfinkel (1967), S. 35) Dieses Vertrauen in die als selbstverständlich gegeben hingenommene Alltäglichkeit führt schließlich zur sozialen Ordnung, da erst auf Basis der „et cetera assumption17“ und der „thesis of the reciprocity of perspectives18“ (Garfinkel (1963), S. 212f) eine reziproke Abstimmung von Handlungen statt- 17 „By this is meant the assumption that as events have occured in the past, they will occur again in the future.” (Garfinkel (1963), S. 212) 18 „This thesis consists of two assumptions: (a) the assumption of the ‚interchangebility of standpoints‘, and (b) the assumption of the ‚congruency of relevances‘. (a) By the person’s assumption of the interchangeability of the standpoints is meant that the person takes for granted, assumes that the other person does the same, and assumes that as he assumes for the other the other assumes for him, that if they were to change places so that the other person’s here-and-now became his, and his became the other person’s, that the person would see events in the same typical way as does the other person, and the other person would see them in the same typical way as he does. (…) (b) By assumption of the congruency of relevances is meant that the person assumes, assumes that the other person also assumes, and assumes that as he assumes it for the other the other assumes it for him, that differences in perspective that the person knows originate in his own and in the other person’s and in the other person’s particular biographical situations are irrelevant for the purposes at hand of either, and that both have selected and interpreted the actually and potentially common objects and their features in an ‚empirically identical‘ manner that is sufficient for all their practical purposes.“ (Garfinkel (1963), S. 212f) 84 Vertrauen finden kann. Dabei gilt je stärker eine Situation institutionalisiert ist und je mehr Routineaspekte sie aufweist, desto mehr wird sie als allgemein bekannt angenommen. (Garfinkel (1963), S. 216) Entsprechend gilt für denjenigen, der sich außerhalb der geteilten Sinndeutungen bewegt, dass er sich auch außerhalb der sozialen Ordnung bewegt: „The major institutionalized statuses for those who lack commonsense would seem to be alternative ones of criminality, illness, immorality, or incompetence. Organizationally speaking, those who lack commonsense are not only not trusted, but themselves do not trust. Indeed, one might preliminary think of the trustworthy and trusting person as someone who managed the discrepancies with respect to these attributions in such fashion as to maintain a public show of respect for them.“ (Garfinkel (1963), S. 238) Erst durch das Verständnis für die Hintergrundbedingungen der sozialen Ordnung und die daraus abgeleitete Fähigkeit zur Reproduktion der sozialen Ordnung wird man zu einem vertrauenswürdigen und vertrauensvollen Mitglied der Gesellschaft. 2.1.1.1.9 Vertrauen als moralische Verpflichtung zu Ehrlichkeit (Rose-Ackerman) Rose-Ackerman betrachtet Vertrauen im Kontext von Ehrlichkeit und Korruption. Ehrlichkeit ist für Rose-Ackerman eng mit Vertrauen verbunden. So kann jemand darauf vertrauen, dass ein anderer die Wahrheit sagt und ein verantwortliches Verhalten an den Tag legt, dabei macht das Attribut der Ehrlichkeit eine Person aber nicht automatisch auch vertrauenswürdig. Grundsätzlich stellt allerdings der Glaube an die moralische Verpflichtung des anderen zur Ehrlichkeit die Basis für Vertrauensbeziehungen dar. Korruption dagegen stellt ein unehrliches Verhalten dar, welches Vertrauen in eine andere Person entwertet. (Rose-Ackerman (2001), S. 526f) 85 Soziales Vertrauen Vertrauen ist nach Rose-Ackerman im Spannungsfeld von Zuversicht und Unsicherheit zu verorten und bezieht sich auf die Kontingenz sozialen Handelns: Trust implies confidence, but not certainty, that some person or institution will behave in an expected way. A trusting person decides to act in spite of uncertainty about the future and doubts about the reliability of others’ promises. The need for trust arises from human freedom.“ (Rose-Ackerman (2001), S. 526) Vertrauen bezieht sich dabei genuin auf menschliches Handeln und unterscheidet sich somit fundamental von Kalkulationen auf der Grundlage von natürlichen oder physikalischen Phänomenen. (Rose-Ackerman (2001), S. 529) Vertrauen kann prinzipiell aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachtet werden: Zum einen kann Vertrauen in Bezug auf soziale Beziehungen betrachtet werden, zum anderen kann der Ursprung von Vertrauen betrachtet werden. Bezüglich sozialer Beziehungen unterscheidet Rose-Ackerman in generalized trust und relational trust, wobei letztere Kategorie sich in die Klassen onesided reliability und reciprocal trust ausdifferenziert. Generalized trust meint dabei, dass „one’s trust in others is part of a general attitude, not an evaluation of the particular, interpersonal situation” (Rose-Ackerman (2001), S. 539). Ursprung generalisierten Vertrauens können Erfahrungen mit einseitigem und wechselseitigem Vertrauen sein. Onesided reliability beschreibt eine Vertrauensbeziehung bei der „individual A’s trust in a particular person, B, depends upon an estimate of B’s trustworthiness” (Rose-Ackerman (2001), S. 539). Es handelt sich um eine einseitige Vertrauensbeziehung, bei der einer der Involvierten entscheiden muss, ob der andere vertrauenswürdig ist, während der andere entscheiden muss, ob er das gewährte Vertrauen bestätigen oder enttäuschen möchte. (Rose-Ackerman (2001), S. 532) Reciprocal trust schließlich beschreibt eine Vertrauensbeziehung auf der Basis von Wechselseitigkeit für die gilt, dass „trustworthy behavi- 86 Vertrauen or is influenced by the degree of trust and trustworthiness expressed by others“ (Rose-Ackerman (2001), S. 539). Für die Generierungszusammenhänge der hier aufgezeigten Formen von Vertrauensbeziehungen existieren sowohl Unterschiede als auch Überschneidungen. Typisch für onesided reliability sind dabei expertenbasiertes und regelbasiertes Vertrauen. Vertrauen in Experten ist auf das Spezialwissen und die professionelle Expertise bestimmter Personen bzw. Personengruppen bezogen. Dieses Vertrauen muss von den Experten allerdings nicht erwidert werden. Vertrauen in Regeln und Normen bezieht sich auf Institutionen und Organisationen, von denen erwartet wird, dass sie sich an institutionell festgelegte Regeln in einer vorhersehbaren Art und Weise halten, unabhängig davon, auf wen und von wem diese Regeln angewendet werden. (Rose-Ackerman (2001), S. 533f, S. 539f) Typisch für reciprocal trust sind affektbasiertes und moralbasiertes Vertrauen. Ersteres ergibt sich dabei aus der interpersonalen Reflexion von Liebe und Freundschaft. Dabei besteht zwar keine unbedingte wechselseitige Vertrauenswürdigkeit, allerdings wird wechselseitig Vertrauen geschenkt, was zu einer Stabilisierung der Beziehung führt. Vertrauen auf der Basis moralischer Verpflichtungen meint eine wechselseitige Reflexion von geteilten Werten und Zielen. Solches Vertrauen entwickelt sich in der Regel aus wiederholten Interaktionen. (Rose-Ackerman (2001), S. 536, S. 540) Sowohl one-sided reliability als auch reciprocal trust können sich als Folge von „encapsuled interest“ entwickeln. Dies beschreibt ein „trustworthy behavior that develops over time as a part of a person’s effort to develop a reputation for reliability“ (Rose-Ackerman (2001), S. 539). Auf der Ebene der one-sided reliability wird diese Reputation aus bloßem Selbstinteresse entwickelt. Während auf der Ebene von reciprocal trust dieser Reputation die Rolle einer Zukunftsinvestition zukommt, die längerfristige Beziehungen ermöglichen soll, um noch weitere Ziele zu erreichen oder Transaktionen abschließen zu können. (Rose-Ackerman (2001), S. 532f, S. 536, S. 539) 87 Soziales Vertrauen 2.1.1.1.10 Vertrauen als norm of trust (Lewis/Weigert) Lewis/Weigert verstehen Vertrauen als notwendige Bedingung des sozialen Miteinanders und damit als „an essential feature of social reality“ (Lewis/Weigert (1985b), S. 468). „In a word, society is possible only through trust in its members, institutions, and forms.“ (Lewis/Weigert (1985b), S. 455) Vertrauen kann dabei prinzipiell aus zwei verschiedenen Blickwinkeln, als „individual characteristic or interactional response“ (Lewis/Weigert (1985b), S. 456), betrachtet werden. Ersterer spiegelt eine atomistische Perspektive19 auf Vertrauen wider, die vor allem von der Psychologie eingenommen wird. Vertrauen wird hier als „the product of individuals sequentially reacting to each other’s behavioral displays“ (Lewis/Weigert (1985b), S. 456) verstanden. Vertrauen wohnt somit dem Individuum inne und ist auf ein bestimmtes Objekt gerichtet. Ausgedrückt wird Vertrauen dann durch ein spezifisches Verhalten. Demgegenüber steht eine holistische Perspektive20, wie sie von der Soziologie eingenommen wird. Vertrauen wird hier als „reciprocal orientation and interpretive assumption that is shared“ (Lewis/Weigert (1985b), S. 456) begriffen. Objekt des Vertrauens ist dann die soziale Beziehung selbst, wobei es sich durch ein bewusstes und auf das Objekt gerichtetes Handeln ausdrückt. Das Verständnis 19 „(…) ‚social atomism‘, suggests that social order is brought about through the free negotiations of autonomous individuals seeking to advance their interests. This view of social order is expressed in the ‚social contract‘ theory associated with Hobbes, Locke, Rousseau, Spencer and others. Comtemporary variations of social atomism include types of social psychological theory (…).“ (Lewis/Weigert (1985b), S. 455) 20 „The contrary position – ‚social holism‘ – attempts to account for social order by reference to assumptive or emergent properties of collectivities that are independent of, and antecedent to, interaction among particular individuals. Such properties are regarded by the social holist as the bedrock for social organization. (…) the common element is the belief that social life depends upon members of the social group placing their futures not only in each other’s confidence as individuals but also in their mutual commitment to the welfare and continuance of the group itself.“ (Lewis/Weigert (1985b), S. 455) 88 Vertrauen von Vertrauen, wie es von Lewis/Weigert vertreten wird, schließt sich dabei eher der letzteren Konzeption von Vertrauen an. Nach ihrer Auffassung ist Vertrauen vornehmlich im Kollektiv und nicht im Individuum zu verorten. Es verhält sich vielmehr so, dass Vertrauen als Attribut von sozialen Beziehungen verstanden wird und außerhalb dieser Beziehungen keinerlei Notwendigkeit bzw. Funktionalität besitzt. (Lewis/Weigert (1985a), S. 968f) Lewis/Weigert schließen daraus, dass „like its function, the bases on which trust rests are primarily social as well“ (Lewis/ Weigert (1985a), S. 969). Kernelement der Vertrauenskonzeption von Lewis/Weigert ist dessen Zukunftsgerichtetheit. Vertrauen befasst sich mit der Reduktion einer Komplexität, die sich aus den Risiken und Zweifeln gegenüber einer kontingenten Zukunft ergibt. Die Komplexität besteht in diesem Zusammenhang dann darin, dass es unmöglich ist, alle potenziell möglichen zukünftigen Ereignisse bei der Planung des eigenen Handelns zu berücksichtigen. Dies wird erst möglich, indem „the cognitively expected probabilities of most of the contingently possible future events are thought as zero for all practical purpose“ (Lewis/Weigert (1985a), S. 968f). Es müssten somit alle potenziellen zukünftigen Ereignisse ausgeschlossen werden, die für den Vertrauenden negative Konsequenzen beinhalten würden. Da für eine rationale Zukunftsprognose auf der Basis erschöpfender Informationen in einer ausdifferenzierten modernen Gesellschaft weder die Zeit noch die Ressourcen zur Verfügung stehen, stellt Vertrauen eine sinnvolle funktionale Alternative zur Bewerkstelligung der notwendigen Komplexitätsreduktion dar: „Indeed, trust succeeds where rational prediction alone would fail, because to trust is to live as if certain rationally possible futures will not occur. Thus, trust reduces complexity far more quickly, economically, and thoroughly than does prediction. Trust allows social interactions to proceed on a simple and confident basis where, in the absence of trust, the monstrous complexity posed by contingent futures would again return to paralyze action.“ (Lewis/Weigert (1985a), S. 969) 89 Soziales Vertrauen Ein weiteres funktionales Äquivalent zur Prognose auf rationaler Basis stellt Misstrauen dar. Hier wird Komplexität reduziert, indem Handlungen durch Argwohn, Überwachung und institutionelle Sicherungsmechanismen gelenkt werden. Nach Lewis/Weigert lässt sich Vertrauen in eine kognitive, eine emotional-affektive und eine Verhaltensdimension unterscheiden. Auf der kognitiven Ebene wird Vertrauen durch das Wissen um die Vertrauenswürdigkeit einer Person oder Institution generiert. Vertrauen stellt sich auf dieser Ebene dann ein, wenn keine weiteren Informationen bezüglich des Vertrauensobjekts mehr notwendig sind, um ihm zuversichtlich gegenüberzustehen. Ist dieser Informationssättigungslevel erreicht, entsteht Vertrauen durch den sogenannten cognitive leap. Rationale Gründe spielen nun keine Rolle mehr, vielmehr wird nun einer kollektiv-geteilten norm of trust gehorcht. Lewis und Weigert beschreiben dies als „trust in trust“. Das heißt: Es stellt sich eine Art von Verselbständigung der Vertrauensbeziehung ein, bei der wechselseitig auf das Vertrauen des anderen vertraut wird. (Lewis/Weigert (1985a), S. 970; Lewis/Weigert (1985b), S. 464) Auf der emotional-affektiven Ebene ergibt sich Vertrauen aus der emotionalen Verbundenheit der Beteiligten bzw. der emotionalen Involviertheit des Einzelnen in die Vertrauensbeziehung. (Lewis/Weigert (1985a), S. 971; Lewis/Weigert (1985b), S. 464) Auf der Verhaltensebene bedeutet Vertrauen „to depend voluntarily upon the actions of others under circumstances wherein the violation of this expectation would yield negative results for all” (Lewis/Weigert (1985b), S. 464) bzw. „to act as if the uncertain future actions of others were indeed certain in circumstances wherein the violation of these expectations results in negative consequences for those involed“ (Lewis/Weigert (1985a), S. 971). Der Verhaltensaspekt von Vertrauen hat dabei erheblichen Einfluss auf die Bereitschaft zur Reziprozität. Zeigen andere durch ihr Verhalten an, dass sie ihren Partnern vertrauen, erhöht diese die Wahrscheinlichkeit der Vertrauenserwiderung. (Lewis/Weigert (1985a), S. 971) Aus diesen drei Dimensionen des Vertrauens ergeben sich zwei grundlegende Typen von Vertrauensbeziehungen, die sich aus dem Mischungs- 90 Vertrauen verhältnis von kognitiver Komponente, emotionalaffektiver Komponente und Verhaltenskomponente zusammensetzen. Jede dieser Komponenten bewegt sich dabei auf einem Kontinuum zwischen zwei Extrempunkten. Für die kognitive Komponente sind dies Limitation und Extension, für die emotionale Komponente Schwäche und Stärke und für die Verhaltenskomponente Spezifität und Offenheit. Spielen Informationen hinsichtlich der Vertrauenswürdigkeit des Vertrauensobjektes eine dominante Rolle bei der Vergabe von Vertrauen, so sprechen Lewis/Weigert von kognitivem Vertrauen (cognitive trust). Spielt dagegen emotionale Bindung und Involviertheit die dominante Rolle, so sprechen sie von emotionalem Vertrauen (emotional trust). Die Verhaltenskomponente ist in beiden Vertrauenstypen vertreten, wobei kognitives Vertrauen ein eher spezifisches Verhalten erfordert, während emotionales Vertrauen auch diffuses Verhalten zulässt. Prinzipiell wird in alltägliche Vertrauensbeziehungen allerdings ein Mix aus Emotion und Rationalität wirksam. Denn würde man entweder die emotionale Komponente des Vertrauens oder die kognitive Komponente des Vertrauens entfernen, so würde man sich entweder auf dem Gebiet der rationalen Kalkulation oder des blinden Glaubens bewegen. (Lewis/Weigert (1985a), S. 972f; Lewis/ Weigert (1985b), S. 464) Die Stärke und Relevanz der vorgestellten Vertrauensdimensionen variiert somit je nach Beziehungstyp, Situation oder sozialem System. Entsprechend lautet die Definition des Vertrauensbegriffes bei Lewis/Weigert: „Operationally, we may take as a working definition of trust, observations which indicate that ‚members of that system act according to and are secure in the expected futures constituted by the presence of each other or their symbolic representations‘. The specific observations that would qualify under this definition must be determined contextually within the social scientist’s research problem and its social setting.“ (Lewis/Weigert (1985b), S. 465) 91 Soziales Vertrauen 2.1.1.1.11 Zusammenfassung Normative Vertrauensansätze gehen im Wesentlichen davon aus, dass Vertrauen weniger durch persönliche Erfahrungen beeinflusst ist, als dass es eine innerhalb einer Gesellschaft vererbte kulturelle Maxime darstellt. Vertrauen beschreibt hier demnach eine generelle Verhaltensdisposition, die jedem Mitglied einer Gesellschaft, in der ein Klima des Vertrauens vorherrscht, innewohnt und qua Sozialisation weitergegeben und reproduziert wird. Vertrauen wird zu einer moralischen bzw. kulturellen Ressource eines Gesellschaftsgefüges, wobei Vertrauen dann im Kern auf gemeinsame und miteinandergeteilte soziale Regeln gerichtet ist. Das wechselseitige Vertrauen in die Allgemeingültigkeit dieser gesellschaftlichen Normen und Regeln sowie die daran gebundene Annahme, dass diese Regeln und Normen auch von allen pflichtgemäß befolgt werden, können dann als Stifter von sozialer Ordnung wirken. Als innerhalb eines Gesellschaftsgefüges verankertes Vertrauen, ist normbasiertes Vertrauen dabei weitestgehend unempfindlich für Vertrauensbrüche bzw. -verletzungen. Elemente dieses Aspektes finden sich in allen normativen Vertrauenskonzeptionen wieder. Am deutlichsten tritt er in den Konzeptionen von Sztompka, Baier, Govier, Erikson, Barber, Garfinkel und Seligman zu Tage. Sztompka beschreibt mit seiner culture of trust ein innerhalb einer Gesellschaft allgemeingültiges und alles durchdringendes Klima des Vertrauens, in dem Vertrauen zu einer typischen Leitlinie des Handelns wird. Eriksons Urvertrauen wird bereits im Kindesalter angelegt und ist als ein Gebot, andere als vertrauenswürdig zu betrachten, zu verstehen. Baier spricht von einem climate of trust, nach dem im alltäglichen Handeln Vertrauen als selbstverständlich angenommen wird. Es wird dabei darauf vertraut, dass gesellschaftliche Rollen pflichtgemäß befolgt werden. Govier beschreibt ein basic trust, das es in erster Linie möglich machen soll, mit Fremden zu interagieren, und in diesem Sinne eine Notwendigkeit für die Wechselbeziehungen in modernen differenzierten Gesellschaften darstellt, in denen ein Großteil der Interaktionspartner des täglichen Lebens einem persönlich unbekannt sind. Auch hier wird im Speziellen auf eine pflichtkonforme Rollenperformanz der 92 Vertrauen einzelnen Gesellschaftsmitglieder vertraut. Aber auch Institutionen oder Kollektive können Gegenstand solchen Vertrauens werden. Barber ordnet Vertrauen als eine Erwartungshaltung gegenüber der Beständigkeit sozialer Ordnung ein. Als solches ist Vertrauen Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Interaktion und reduziert gleichzeitig die Komplexität der sozialen Umwelt. Vertrauen in die Beständigkeit sozialer Ordnung verringert dabei die als legitim geltenden Optionen innerhalb der sozialen Interaktion. Bestimmte Handlungsweisen in der alltäglichen Interaktion können ausgeschlossen werden, weil sie nicht mit den Vorgaben bestimmter innerhalb des Gesellschaftsgefüges geltender sozialer Normen konform gehen. Entsprechend verringern sich auch die Möglichkeiten des Anschlusshandelns. Garfinkel hält Vertrauen für eine Bedingung stabiler konzertierter Handlungen. Auch hier spielt wieder die wechselseitige Erwartung der Gesellschaftsmitglieder, dass spezifische gemeinsame Regeln befolgt werden, die entscheidende Rolle. Alltägliches Routinehandeln wird dabei erst durch das Vertrauen in die fraglose Gültigkeit bestimmter basic rules bzw. Hintergrunderwartungen möglich. Dabei entspricht das Einverständnis mit diesen Regeln und die Annahme, dass alle anderen diese Regeln in gleicher Weise befolgen wie man selbst, dem Vertrauen. Auch Seligman verortet Vertrauen als ein Wissen dessen, was erwartbar ist. So erlaubt das Vertrauen in die Existenz und Persistenz eines Systems normativer Rollenerwartungen eine wechselseitige Vorhersagbarkeit der Handlungen der Akteure. In etwas abgeschwächter Form findet sich das obengenannte Charakteristikum normativer Vertrauenskonzeptionen auch bei Simmel, Luhmann und Giddens. Simmel beschreibt mit seinem Verständnis von Vertrauen als einer Form induktiven Wissens eine Zuversicht gegen- über der Konstanz der gesellschaftlichen bzw. natürlichen Ordnung. Im Fokus eines solchen Vertrauens steht dabei auch der gesamtgesellschaftliche Konsens über die Allgemeingültigkeit der innerhalb der sozialen Interaktion genutzten Kommunikationsträger. Luhmann rekurriert auf ein Systemvertrauen, wonach wir uns in einer uns selbstverständlich vertrauten Lebenswelt bewegen. Diese intersubjektiv geteilte Wahrnehmung von Selbstverständlichkeit und Kontinuität der sozialen Umwelt erlaubt 93 Soziales Vertrauen eine Reduktion der Komplexität von Interaktionsbeziehungen in differenzierten Gesellschaftsgefügen. Vertrauen fungiert gleichermaßen als Funktionsgarant des Systems und ist ordnende Kraft innerhalb des Systems. Dabei ist dieses Systemvertrauen losgelöst von persönlichem Vertrauen und stellt die Kontinuität intersubjektiv-geteilter Wirklichkeit sicher. Auch Giddens verbindet Vertrauen mit einem Glauben an die Stabilität und Kontinuität der sozialen Umwelt und die Gültigkeit der innerhalb dieser Umwelt vollzogenen alltäglichen Routinehandlungen. Daneben spielt auch explizit das Vertrauen in die Funktion sogenannter abstrakter Systeme und deren Vertreter eine große Rolle. Bei Schweer, Weber/Carter, Mayer/Davis/Schoorman, Rose-Ackerman und Lewis/Weigert findet sich eine moralisch-normative Vertrauenskomponente, die eher auf der Individualebene wirksam wird und an unmittelbare Interaktionsbeziehungen von einzelnen sozialen Akteuren gebunden ist. Schweer verortet die normative Komponente des Vertrauens im einzelnen Individuum. So ist jede Person im Besitz einer individuell verschiedenen impliziten Vertrauenstheorie, die festlegt, welchen normativen Erwartungen ein potenzieller Vertrauenspartner entsprechen muss, damit ihm Vertrauen gewährt wird. Weber/ Carter identifizieren Vertrauen als bedeutenden Faktor sozialer Beziehungen, der gleichzeitig aus diesen entsteht und sie aufrechterhält. Dabei spielt insbesondere das Vertrauen in die wechselseitige Befolgung der Beziehungsnormen eine große Rolle. Es wird darauf vertraut, dass der Vertrauenspartner in der Lage ist, sich in einen selbst hineinzuversetzen und auf Basis dieses Perspektivenwechsels zu handeln. Die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel stellt dabei sicher, dass ein Konsens bezüglich der die Beziehung begleitenden Normen gefunden werden kann. Nach Mayer/ Davis/Schoorman ist Vertrauen u. a. von den Fähigkeiten des Vertrauten, seinem Wohlwollen dem Vertrauenden gegenüber und zuletzt von der moralischen Integrität des Vertrauten abhängig. Bei Rose-Ackerman stellt die moralische Verpflichtung des Einzelnen zu Ehrlichkeit die Grundlage von Vertrauen dar. Auf der Ebene reziproken Vertrauens kommt zusätzlich noch die moralische Verpflichtung zu einer wechselseitigen Reflexion geteilter Werte und Normen hinzu. Lewis/Weigert 94 Vertrauen verankern Vertrauen in sozialen Beziehungen, wobei es als deren Attribut außerhalb solcher Beziehungen keine Bedeutung hat. In dieser von ihnen als holistisch beschriebenen Perspektive steht die reziproke Orientierung von Vertrauen auf der Basis geteilter interpretativer Annahmen über die Natur der Beziehung im Vordergrund. Die normative Komponente dieser Vertrauenskonzeption zeigt sich dann infolge der Salienz der Vertrauenswürdigkeit des Vertrauenspartners. Ist ein gewisses Maß an Information über die Zuverlässigkeit des anderen erreicht, entsteht Vertrauen durch einen sogenannten cognitive leap und eine kollektiv-geteilte norm of trust übernimmt die weitere Gestaltung der Vertrauensbeziehung im Sinne einer Verselbständigung des wechselseitigen Vertrauens. Vertrauen stellt innerhalb der normativen Vertrauensansätze keineswegs ein einheitliches Konzept dar. Vielmehr wird Vertrauen innerhalb der Mehrzahl der hier vorgestellten normativen Vertrauenskonzeptionen je nach Theoretiker in verschiedene Ebenen untergliedert. Eine verhältnismäßig basale Differenzierung des Vertrauensbegriffes findet sich bei Luhmann, Giddens, Seligman, Mayer/Davis/Schoorman, Sztompka. Die grundlegende Unterscheidung findet innerhalb dieser Ansätze zwischen den Ebenen Vertrauen (trust) und Zuversicht (confidence) statt. Ausgangspunkt beider Differenzierungsebenen ist jeweils der Umgang mit einer unsicheren Zukunft. In Bezug auf Vertrauen (trust) ist dies im Speziellen das Problem doppelter Kontingenz, welches jedweder Art von sozialer Beziehung und Vertrauensbeziehungen im Besonderen anhaftet. Während Zuversicht (confidence) sich auf Unsicherheiten bezieht, auf die keine aktive Einflussnahme möglich ist und die damit mit einer nicht näher bestimmten Gefahr eines Fehlschlages verbunden sind, bezieht sich Vertrauen (trust) auf unsichere Situationen, die mit einem Risiko der Enttäuschung verbunden sind, wobei man dieses Risiko bewusst eingeht bzw. ihm auch aus dem Weg gehen könnte. Während Luhmann, Mayer/Davis/Schoorman und Seligman auf dieser Stufe der Differenzierung verharren, wird sie von Giddens und Sztompka noch um die Begriffe Glaube (faith) und Hoffnung (hope) erweitert. Glaube bezeichnet dabei die Überzeugung von der Zuverlässigkeit von Personen und Dingen. Hoffnung bezieht sich dagegen vornehmlich auf 95 Soziales Vertrauen natürliche Ereignisse und bezeichnet ein rational nicht begründbares Gefühl der Zuversicht. Simmel und Baier schließen an die vorangegangene Systematisierung an. So unterscheidet Simmel zwei Differenzierungsebenen. Auf der ersten Ebene unterscheidet er ein persönliches, ein versachlichtes und ein universales Vertrauen. Auf der zweiten Ebene unterscheidet er in Vertrauen als Glauben, Vertrauen als Gefühl und Vertrauen als Wissen. Persönliches und versachlichtes Vertrauen sowie Vertrauen als Wissen korrespondieren dabei mit der bereits zuvor aufgestellten Kategorie Vertrauen (trust) und beschreiben dementsprechend ein reflexives und auf die persönlichen Qualitäten eines Individuums bezogenes Vertrauen. Universales Vertrauen sowie Vertrauen als Glaube und Vertrauen als Gefühl entsprechen der Kategorie Zuversicht (confidence). Allen dreien ist gemeinsam, dass sie ein Vertrauen beschreiben, das unreflektiert bleibt bzw. dem eine gewisse Fraglosigkeit innewohnt. Baier unterscheidet lediglich zwischen einem SichVerlassen auf die Gewohnheiten eines anderen (=Verlass) und einem SichVerlassen auf das Wohlwollen des anderen (=Vertrauen). Verlass kommt dabei Zuversicht (confidence) gleich, während Vertrauen dem bereits beschriebenen Vertrauen (trust) entspricht. Rose-Ackerman und Govier unterscheiden im Wesentlichen zwischen einem Vertrauen in Fremde und einem Vertrauen in bekannte Personen. Rose-Ackerman unterscheidet zwischen generalized trust, wonach Vertrauen als generelle Einstellung zu verstehen ist, und relational trust, wonach Vertrauen einseitig oder wechselseitig ausgehandelt wird. Govier schließlich unterscheidet Vertrauen in Personen, mit denen man eine intime Beziehung pflegt, Vertrauen in vertraute Fremde und Vertrauen in vollkommen fremde Personen. Schweer, Weber/Carter, Lewis/Weigert wählen eine andere Art der Untergliederung des Vertrauens. Einig sind sich alle darin, dass Vertrauen eine kognitive Komponente besitzt, d. h. dass Informationen hinsichtlich der Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten bekannt sein müssen bzw. man zum Perspektivenwechsel mit dem Vertrauten in der Lage sein muss. Schweer und Lewis/Weigert stimmen weiter darin überein, dass Vertrauen zusätzlich eine affektiv-emotionale und eine behaviorale 96 Vertrauen Komponente beinhaltet. Die affektive Komponente beschreibt dabei eine emotionale Involviertheit in die Vertrauensbeziehung und positive oder negative emotionale Verbundenheit mit dem Vertrauten. Die Verhaltenskomponente ist gleichzeitig Resultat der kognitiven und affektiven Komponente wie Verstärker der Vertrauensbereitschaft des Vertrauenden. So führen die Ausprägungen der kognitiven und affektiven Komponenten zu einem spezifischen Vertrauenshandeln, während die Anzeige von Vertrauen durch das Verhalten anderer sich positiv auf die eigene Vertrauensbereitschaft auswirkt. Weber/Carter ordnen Vertrauen neben der kognitiven Komponente noch eine moralische und eine soziale Komponente zu. Die moralische Komponente beschreibt dabei die Annahme, dass der Vertraute sich in seinem Verhalten an bestimmten Normen orientieren wird, während die soziale Komponente darauf verweist, dass Vertrauen aus sozialen Beziehungen entsteht und diese aufrechterhält. Erikson unterscheidet zwischen Vertrauen in die Zuverlässigkeit anderer Personen sowie der Konstanz der Umwelt und Selbstvertrauen. Ausgangspunkt ist hierbei das sogenannte Urvertrauen, das die individuelle Ausstattung des Einzelnen mit Vertrauen darstellt. Während die erstgenannte Komponente dieses Urvertrauens auf die Umwelt gerichtet ist, sorgt das Selbstvertrauen dafür, dass man eine individuelle Vertrauenswürdigkeit entwickelt, die sowohl nach innen als auch nach außen wirksam wird. Barber und Garfinkel beziehen sich in ihren Vertrauenskonzeptionen vornehmlich auf die Rolle von Vertrauen für die soziale Ordnung, die soziale Kohäsion und die soziale Kontrolle. Ein weiterer Aspekt normativer Vertrauensansätze ist die Diskussion der Relevanz von Vertrauen in modernen differenzierten Gesellschaften. Die Vielfalt der Rollen, die ein Individuum in modernen Gesellschaften ausübt, und die gleichzeitige Informationsfülle des Alltags macht es notwendig, bestimmte Kompetenzen auf andere gesellschaftliche Akteure auszulagern. Es ist dem Einzelnen schlichtweg nicht mehr möglich in allen Bereichen, die für das tägliche Leben relevant sind, erschöpfend informiert und qualifiziert zu sein. Deshalb wird es nun notwendig, Experten und deren Fachwissen Vertrauen entgegenzubringen, um diese Wissensund Informationslücken zu schließen und dadurch das Funktionieren der 97 Soziales Vertrauen Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Insbesondere Simmel, Luhmann, Giddens, Sztompka und Seligman weisen in ihren Vertrauenskonzeptionen auf diesen Umstand hin. So beschreibt Simmel eine Versachlichung sozialer Beziehungen und Objektivierung von Kulturinhalten, die sich aus der Ausdifferenzierung moderner Gesellschaftsgefüge und der daraus resultierenden Zunahme gesellschaftlicher Komplexität ergeben. Luhmann und Giddens betonen den fortschreitenden Bedeutungsverlust von persönlichem Vertrauen in modernen Gesellschaften und eine Verschiebung hin zu Vertrauen in das System. Luhmann bezieht sich dabei u. a. darauf, dass nicht mehr nur uns unmittelbar bekannte und vertraute Personen Einfluss auf unser Leben ausüben, sondern auch Personen, zu denen kein unmittelbarer persönlicher Bezug besteht bzw. die uns mitunter nicht einmal bekannt sind, Teil unserer Lebenswelt sind. Giddens spricht in diesem Kontext von einer Entbettung sozialer Beziehungen aus lokalen Kontexten, sodass Gesellschaft zu einem Makrophänomen wird, das ohne das Vertrauen seiner Mitglieder nicht existieren kann. War Vertrauen zuvor noch auf ein lokales Gemeinwesen bezogen, in dem man sich wechselseitig bekannt war, ist es nun notwendig sich auf die Funktion sogenannter symbolischer Zeichen und Expertensysteme zu verlassen. Sztompka trägt dieser Facette normativer Vertrauensansätze Rechnung, indem er auf die verschiedenen Gegenstände hinweist, auf die Vertrauen in modernen Gesellschaften gerichtet sein kann. Dies können u. a. konkrete Personen, soziale Kategorien oder soziale Rollen, aber auch soziale Gruppen, Organisationen oder Institutionen sein. 2.1.1.2 Emotional oder affective trust Emotions- bzw. affektbasierte Vertrauensansätze begreifen Vertrauen als Gefühl oder Empfindung, die auch körperlichen Ausdruck haben kann. Ausgangspunkt ist in der Regel eine affektive Reaktion auf die Wahrnehmung bzw. Annahme eines normativen Konsenses mit einem anderen Individuum. Diese Auffassung miteinander bestimmte Werte und Normen zu teilen, färbt die Weltwahrnehmung, sodass der andere 98 Vertrauen vertrauenswürdig erscheint. Dabei ist diese Wahrnehmung relativ stabil gegenüber negativen Informationen. Nachfolgend soll mit dem Vertrauensansatz von Dederichs in die Thematik emotionalen Vertrauens eingeführt werden, bevor sich ausdifferenziertere Vertreter dieser Lesart des Vertrauens anschließen. Dederichs unterscheidet verschiedene Formen des Vertrauens: das intrapersonale Vertrauen, das interpersonelle Vertrauen, das Systemvertrauen, dialogisches Vertrauen und Vertrauen zu nicht-sozialen Objekten. Während intrapersonales Vertrauen ein Vertrauen in das eigene Selbst darstellt, entsteht interpersonelles Vertrauen zwischen zwei sozialen Akteuren. Systemvertrauen bezeichnet das Vertrauen eines Akteurs in die Funktionen eines entpersonalisierten Systems, dialogisches Vertrauen das Vertrauen in ein metaphysisches Objekt und Vertrauen in nicht-soziale Objekte ein Vertrauen in unbelebte Gegenstände. (Dederichs (1997), S. 63f) Allen diesen Vertrauensformen ist gemeinsam, dass sie eine Reduktion von Komplexität herbeiführen, deren Resultat eine Verringerung von Unsicherheit ist. Vertrauen ist somit eine Möglichkeit mit dem Risiko umzugehen, das mit Entscheidungen bei unbekannten Erfolgsaussichten einhergeht. Vertrauen ermöglicht es in diesem Zusammenhang Ressourcen einzusparen, die ansonsten für die Beschaffung von Informationen zur Bestätigung und Untermauerung der getroffenen Entscheidung eingesetzt werden müssten. (Dederichs (1997), S. 65f) Dederichs begreift nun Vertrauensbeziehungen als emotionales Verhältnis zwischen zwei Personen in der Form, dass „Vertrauen in Entscheidungssituationen als emotionale Festlegungsstrategie“ (Dederichs (1997), S. 75) fungiert. Vertrauen als affektives Handeln hat dann zwei Anwendungsgebiete. Zum einen überbrückt es ein Informationsdefizit, das aus der jeweiligen Situationskomplexität und dem jeweiligen Entscheidungsdruck resultiert und rationale Entscheidungen unmöglich macht. Zum anderen wird eine emotionale Verbindlichkeit zwischen den Vertrauenspartnern hergestellt, die einen Vertrauenskredit für zukünftige Interaktionen zur Folge haben kann. (Dederichs (1997), S. 71ff) 99 Soziales Vertrauen 2.1.1.2.1 Vertrauen als Empfindung bzw. Gefühl (Barbalet) Barbalet betrachtet Zuversicht (confidence) und Vertrauen (trust) als Empfindungen (feelings) bzw. Gefühle (emotions) des Vertrauensgebers21 gegenüber dem Vertrauensnehmer. Zuversicht stellt hierbei „the emotional basis of social action and agency” (Barbalet (1996), S. 91) dar und kann sich seiner Auffassung nach auf „a persons’s trust in another, as when one is confident of anothers’s ability to perform a particular task“, „a person’s judgement of certainty about a future event or outcome“ oder „confidence in oneself, indicating a willingness to act“ (Barbalet (1993), S. 229; Barbalet (1998), S. 83) beziehen. Jegliche Form von Zuversicht stellt dabei allerdings lediglich eine Ableitung des Selbstvertrauens einer Person dar. Entsprechend beschreibt Barbalet Zuversicht wie folgt: „In summary, then the emotion of confidence can be treated in the following way. It can be characterized as self-projected assured expectation, it functions to promote social action, it arises in (or is caused by) relations of acceptance and recognition, and its object is the future.“ (Barbalet (1993), S. 233f; Barbalet (1998), S. 88) Nach Barbalets Ansicht besitzt Zuversicht alle Eigenschaften, die Gefühle ausmachen. Auf Empfindungsseite werden Inhalt und Tonus der Zuversicht subjektiv erfahrbar. Barbalet beschreibt dies als „one knows when one feels confident“ (Barbalet (1998), S. 84). Zusätzlich werden aber auch Sinneswahrnehmungen und Ausdruck von Zuversicht in Form von körperlichen Erfahrungen und Verhalten wirksam. Er beschreibt dies als „others can see that one is confident“ (Barbalet (1998), S. 84). Darüber 21 Die Begriffe Empfindung (feeling) und Gefühl (emotion) sind voneinander zu unterscheiden. So beschreiben Empfindungen die Phänomenologie der Gefühle oder mit anderen Worten: Das was im Falle von Gefühlen gespürt oder bemerkt wird. Empfindungen sind somit eine Form des Ausdrucks von Gefühlen und können mehr oder weniger intensiv sein. Gefühle hingegen stellen psychische Zustände oder Dispositionen dar, die nicht unbedingt auch mit einer Empfindung verbunden sein müssen. Beispiele hierfür sind Scham, Schuld, Hass, Wut, Neid, Ekel, Furcht, Eifersucht Empathie oder Mitleid. (Hartmann (2010), S. 31f) 100 Vertrauen hinaus beinhaltet Zuversicht kognitive und dispositionale Komponenten. Auf kognitiver Ebene erzeugt Zuversicht Vorstellungen vom zukünftigen Ich und Überzeugungen von zukünftigen Ereignissen. Als Disposition wirkt Zuversicht dann in Form von Handlungen, die auf diesen Vorstellungen und Überzeugungen bezüglich der Zukunft fußen. Zuversicht ist in diesem Sinne „the feeling which encourages one to go one’s own way: confidence is a feeling state of self-projection” (Barbalet (1993), S. 232; Barbalet (1996), S. 77; Barbalet (1998), S. 86) Daneben bedeutet Zuversicht, dass man überzeugt ist von den eigenen Vorstellungen bezüglich der Zukunft. Sie stellt somit eine „emotion of assured expectation“ (Barbalet (1993), S. 231; Barbalet (1996), S. 76; Barbalet (1998), S. 86) dar. Zuversicht kann hier also als Vertrauen eines Akteurs in die eigenen Fähigkeiten, als das Empfinden von Selbstvertrauen, verstanden werden. Ohne diese Empfindung wird soziales Handeln unmöglich. Grundlage für die Entwicklung des Empfindens von Zuversicht sind die Erfahrung von Akzeptanz und Anerkennung in sozialen Beziehungen sowie die Art und der Umfang der durch diese sozialen Beziehungen zugänglichen Ressourcen. Zuversicht wird demnach sowohl auf einer psychischen Ebene als auch auf einer sozialen Ebene generiert. (Barbalet (1993), S. 233; Barbalet (1998), S. 86f) Zuversicht stellt die Vorbedingung für soziales Handeln dar. Die Begründung hierfür liegt in der Tatsache, dass soziales Handeln immer auf die Zukunft bezogen ist. Hierbei besteht allerdings immer auch das Problem eines Informationsdefizits bezüglich zukünftiger Ereignisse. Die Zukunft ist unbekannt und kann deshalb nicht rational kalkuliert werden. Zuversicht überwindet diese Unsicherheit gegenüber der Zukunft, indem sie die Gegenwart in die Zukunft projiziert und so eine Pseudo-Rationalität erzeugt, die Ordnung schafft, wo sonst Unschlüssigkeit herrschen würde. (Barbalet (1993), S. 235f; Barbalet (1996), S. 81ff) Mit Barbalets Worten: „As action brings a possible future into the present, and as the future is unknown and therefore information about it unavailable, reason as calculation cannot provide the basis for action. All action is ultimately founded on the actor’s feeling of confidence in their capaci- 101 Soziales Vertrauen ties and the effectiveness of those capacities. The actor’s confidence is a necessary source of action; without it, action simply would not occur.“ (Barbalet (1998), S. 89f) Vertrauen ist nach Barbalet eine spezielle Form der Zuversicht und stellt „the emotional basis of cooperation“ (Barbalet (1996), S. 77) dar. Dabei gilt, dass „trust may assume confidence, but confidence does not imply trust“ (Barbalet (2009), S. 371). Während sich Zuversicht auf kontingente Ereignisse bezieht, ist Vertrauen auf das subjektive Engagement gerichtet. (Barbalet (2009), S. 375) Die Definition von Vertrauen lautet dann: „Trust (…) is the confidence that another’s actions will correspond with one’s expectations (benign or otherwise) of them. Trust therefore includes the feeling that one can somehow rely upon others. (…) An actor who forms an expectation about the future actions of another which positively influences their own actions is operating on trust.“ (Barbalet (1996), S. 77f) „Trust is premised on the fact of alternative possible futures, and the realization of one possible future through a present commitment to a particular outcome.“ (Barbalet (1996), S. 89) „Trust is the confident expectation of the intentions of others; (…).“ (Barbalet (1998), S. 96) „Trust is understood in terms of a.) acceptance of dependency in b.) the absence of information about the other’s reliability in order to c.) create an outcome otherwise unavailable. The first of these is the cost of trust; the second, the situation of uncertainty it faces and may overcome; the third, its purchase.“ (Barbalet (2009), S. 367) Vertrauen stellt in der Regel eine Beziehung zwischen zwei Personen dar, die charakterisiert ist durch eine asymmetrische Abhängigkeit vom Vertrauensgeber gegenüber dem Vertrauensnehmer. Diese Asymmetrie 102 Vertrauen schlägt sich im Risiko des Treuebruchs und der Ausnutzung durch den Vertrauensnehmer nieder, das vom Vertrauensgeber auf sich genommen wird. Dieses Risiko ist gleichzeitig der Preis, den man zahlen muss, um eine Zukunft zu erschaffen, die ohne die Vergabe von Vertrauen unerreichbar gewesen wäre. (Barbalet (2009), S. 368f) Vertrauen gründet auf unzureichenden Informationen über das zukünftige Verhalten des Vertrauensnehmers. Unsicherheit bezüglich zukünftiger Ereignisse stellt eine notwendige Bedingung der Vertrauensvergabe dar. Eine Versicherung des Vertrauens durch den Rückgriff auf die Vertrauenswürdigkeit des Vertrauensnehmers würde die Vergabe von Vertrauen obsolet machen. Entsprechend spielt nach Barbalet bei der Vergabe von Vertrauen die Vertrauenswürdigkeit des anderen keine Rolle. Vielmehr kann der Vertrauensgeber nur Annahmen bezüglich der zukünftigen Handlungen des Vertrauensnehmers formulieren, wobei auch die subjektive Überzeugung von diesen Annahmen eine Rolle für die Vergabe von Vertrauen spielt. (Barbalet (2009), S. 369, S. 371f, S. 375f) „The basis of trust, then, is the feeling of confidence in another’s future actions and also confidence concerning one’s own judgement of another. Thus there is a double confidence within trust.“ (Barbalet (2009), S. 375) Vertrauen wohnt in diesem Sinne immer eine gewisse Einseitigkeit inne, die auch bei wechselseitigem Vertrauen nicht beseitigt werden kann. 2.1.1.2.2 Vertrauen als Folge einer affective lens of trust (Jones) Nach Auffassung von Jones setzt sich Vertrauen aus einem affektiven und einem kognitiven Element zusammen: „(…) trust is an attitude of optimism that the goodwill and competence of another will extend to cover the domain of our interaction with her, together with the expectation that the one trusted will be 103 Soziales Vertrauen directly and favorably moved by the thought that we are counting on her.“ (Jones (1996), S. 4) Die optimistische Einstellung gegenüber dem Wohlwollen und der Kompetenz des Vertrauten beschreibt dabei die affektive Komponente des Vertrauens und stellt dessen zentrales Element dar. Der Optimismus bezieht sich dabei ausschließlich auf das Wohlwollen des Vertrauten, der Glaube an den Erfolg der gemeinsamen Unternehmung ist hierbei nicht eingeschlossen. Erst Vertrauen führt zu der Annahme, dass ein wünschenswertes Ergebnis aus der Verbindung mit dem Vertrauten hervorgehen wird. Es ist in diesem Sinne möglich zu vertrauen, ohne zunächst an das Gelingen des gemeinsamen Vorhabens zu glauben. Weiterhin ist der Optimismus bezüglich der Kompetenz eines Vertrauten immer nur auf einen bestimmten abgegrenzten Bereich bezogen. Gebunden an die oben beschriebene optimistische Einstellung ist zudem die Erwartung, dass der Gedanke daran, jemand zählt auf ihn22, beim Vertrauten eine emotionale Ergriffenheit bewirkt. Hieraus soll nun eine Verbindlichkeit zwischen Vertrauendem und Vertrautem resultieren, die durch kein anderes Interesse überbrückt werden kann. (Jones (1996), S. 6ff) Die Erfüllung dieser Erwartung ist die Grundvoraussetzung dafür, dass jemand als vertrauenswürdig eingestuft wird. Die Tatsache, dass auf den Vertrauten seitens des Vertrauenden gebaut wird, muss unmittelbares Handlungsmotiv des Vertrauten sein. Es darf hierbei somit keine weitere Zwischenebene existieren. (Jones (1996), S. 8f) Zudem muss der Vertraute die Abhängigkeit erkennen, in die sich der Vertrauende ihm gegenüber begibt, und angemessen darauf reagieren. Als angemessene Reaktion gilt Verhalten, das im Sinne des erwiesenen Vertrauens ist. (Jones (2012), S. 63ff) Jones unterscheidet zwei Qualitäten von Vertrauenswürdigkeit, die aufeinander aufbauen. Die Grundform stellt dabei die sogenannte three-place trustworthiness dar, die wie folgt definiert ist: 22 „To count on something or someone is to embed in your plans and goals an expectation that, if false, means you risk being left worse off than you otherwise would have been.“ (Jones (2012), S. 64) 104 Vertrauen „Three-place trustworthiness: B is trustworthy with respect to A in domain of interaction D, if and only if she is competent with respect to that domain, and she would take the fact that A is counting on her, were A to do so in this domain, to be a compelling reason for acting as counted on.“ (Jones (2012), S. 70f) Als vertrauenswürdig im Sinne der Grundform gilt somit eine solche Person, die die Tatsache, dass auf sie gezählt wird, als zwingenden Grund ansieht, sich entsprechend dieser Erwartung zu verhalten. Dabei bleibt die Vertrauenswürdigkeit dieser Person allerdings auf den spezifischen Interaktionsbereich beschränkt, auf den sich das Vertrauen beziehen soll. Vertrauenswürdigkeit ergibt sich aus einer Veranlagung und ist in diesem Sinne an eine Person, gegenüber der man sich vertrauenswürdig zeigt oder an einen Gegenstandsbereich innerhalb dessen man vertrauenswürdig ist, gebunden. So kann man bezüglich etwas vertrauenswürdig sein, obwohl man hierfür noch nicht in Erwägung gezogen wurde. Erst in dem Moment, in dem auf jemanden bezüglich dieses Etwas gezählt wird und man entsprechend diesem Vertrauen handelt, wird diese Vertrauenswürdigkeit aktiviert. Als vertrauenswürdig gilt man allerdings nur dann, wenn auch tatsächlich bezüglich dieses Etwas auf einen gezählt wurde. Es können hierbei zwei Arten von Fehleinschätzung eintreten: (1) excess und (2) deficiency. Im Falle von excess ist eine Person übermäßig davon überzeugt, andere würden auf sie zählen, während im Falle von deficiency eine Insuffizienz hinsichtlich dieser Annahme vorliegt. (Jones (2012), S. 71f) Um die Unbestimmtheit von Vertrauenswürdigkeit zu überwinden schlägt Jones eine Erweiterung der oben beschriebenen Grundform der Vertrauenswürdigkeit vor, die sogenannte rich trustworthiness. Potenzielle Vertraute sollen hiernach aktiv signalisieren, dass sie in bestimmten Bereichen als vertrauenswürdig gelten und so das Risiko fehlgeleiteten Vertrauens mindern. (Jones (2012), S. 74f) „Rich trustworthiness is two-place in structure: B is richly trustworthy with respect to A just in case (i) B is willing and able reliably 105 Soziales Vertrauen to signal to A those domains in which B is competent and will take the fact that A is counting on her, were A to do so, to be a compelling reason for acting as counted on an (ii) there are at least some domains in which B will be responsive to the fact of A’s dependency in the manner specified in i.“ (Jones (2012), S. 74) Die Signalisierung von Vertrauenswürdigkeit im Sinne von rich trustworthiness soll nach Möglichkeit in zwei Richtungen verlaufen. Auf der einen Seite sollen Bereiche angezeigt werden, in denen man Kompetenzen besitzt, auf der anderen Seite sollen auch solche Bereiche angezeigt werden, in denen man weniger Kompetenz besitzt oder sogar vollkommen inkompetent ist. Die Voraussetzung hierfür ist die Fähigkeit, das eigene Potenzial zu erkennen und sichtbar zu machen. (Jones (2012), S. 75f) Die kognitive Komponente des Vertrauens ergibt sich als Folge der affektiven Komponente und beschreibt die Konsequenz, dass jegliches Handeln des Vertrauten nun nur noch vor dem Hintergrund des erwiesenen Vertrauens interpretiert wird. Diese affective lens of trust beschränkt die Wahrnehmung des Vertrauenden hinsichtlich der möglichen Motive des Vertrauten und blendet etwaige für den Vertrauenden potenziell schädliche Beweggründe des Vertrauten aus. Sie trägt damit entscheidend dazu bei, dass der Vertrauende überhaupt bereit ist, das mit Vertrauen verbundene Risiko der Abhängigkeit vom Vertrauten einzugehen. (Jones (1996), S. 11f; Jones (2013), S. 5212) Abschließend sind noch einige Anmerkungen und Implikation zur Vertrauenskonzeption von Jones zu formulieren. Zunächst ist Vertrauen von Verlass zu unterscheiden. Vertrauen kann in der Regel nur belebten Dingen entgegengebracht werden, die über einen Willen verfügen. Dagegen verlässt man sich in der Regel darauf, dass bestimmte Maschinen in einer bestimmten Art und Weise funktionieren werden. Ebenso spricht Jones von einem Sich-verlassen, wenn andere Handlungsmotive als das Auf-jemanden-zählen im Spiel sind. Beispiele hierfür sind Gewohnheit, Angst, Einbildung oder Dummheit. Außerdem wird sich auf etwas verlassen, wenn keine Möglichkeit für Alternativen besteht oder es unmöglich ist, eine Vorhersage über ein Ereignis zu treffen. (Jones (1996), S. 14f) 106 Vertrauen Des Weiteren stellt Jones fest, „that trust and distrust are contraries but not contradictories, that trust cannot be willed, and that trust can give rise to beliefs that are abnormally resistant to evidence” (Jones (1996), S. 15). Die Beschreibung der Beziehung von Vertrauen und Misstrauen als gegenteilig im Kontrast zu gegensätzlich trägt dem Umstand Rechnung, dass die Abwesenheit von Vertrauen nicht zwingend die Anwesenheit von Misstrauen bedeutet. „Distrust is trust’s contrary and is synonymous with wary suspicion. Distrust is pessimism about the goodwill and competence of another (again, relativized to a certain domain), but to be pessimistic about someone’s goodwill is to expect that it is likely that she will harm your interests, and thus to treat her warily and with suspicion.“ (Jones (1996), S. 7) Vielmehr existiert zwischen Vertrauen und Misstrauen eine Vielzahl von Abstufungen von Optimismus bzw. Pessimismus bezüglich des Wohlwollens anderer. (Jones (1996), S. 16) Aufgrund seiner affektiven Komponente ist Vertrauen gleichermaßen nicht dem Willen unterworfen, wie es relativ unempfindlich hinsichtlich von Gegenbeweisen für die Vertrauenswürdigkeit einer Person ist. Affektive Einstellungen können nicht nach Belieben angenommen und abgelegt werden. Entsprechend kann auch Vertrauen, das teilweise affektgesteuert ist, nicht beliebig an- und abgeschaltet werden. Aus dem gleichen Grund stellt sich Vertrauen als relativ robust für Beweise dar, die die Vertrauenswürdigkeit einer Person diskreditieren. Wurde Vertrauen erwiesen, so bedarf es einer hohen Anzahl von Beweisen, um es zu erschüttern. Die weiter oben angesprochene affective lens of trust zeichnet hierfür verantwortlich. Sowohl Vertrauen als auch Misstrauen sorgen dafür, dass Informationen im Sinne des jeweiligen Gemütszustandes interpretiert werden und bestätigen sich auf diese Art und Weise zu einem gewissen Grad selbst. (Jones (1996), S. 16ff) 107 Soziales Vertrauen 2.1.1.2.3 Vertrauen als affektive Haltung (Miller) Der Ansatz zur Beschreibung von Vertrauen von Miller orientiert sich in seinen grundlegenden Prinzipien an dem von Jones, erweitert und differenziert allerdings deren Konzeption an einigen Stellen. Nach Miller stellt Vertrauen eine affektive Einstellung gegenüber einer anderen Person dar, die durch kognitive Komponenten ergänzt wird: „(…), trust is a kind of affective attitude. The affective base of trust may be bodily or psychological, but it always involves a sense of security, hopefulness, or optimism about the benevolence and competence of the trustee in a particular sphere of interaction. This sense of security or confidence functions as a perception-guiding mental tone or color, such that trust is a way of seeing that guides our attention. In this way, trust gives rise to certain beliefs and precludes others about the one trusted.“ (Miller (2002), S. 142) Das affektive Element des Vertrauens bezeichnet dabei ein Gefühl, sich des Wohlwollens und der Kompetenz des Vertrauten bezüglich des Gegenstandes der Interaktion mit ihm sicher zu sein. Die Reichweite dessen, was als Gegenstand der Interaktion angenommen werden kann, und die Abstufung des erwarteten Wohlwollens richten sich dabei nach der Art der Beziehung in der Vertrauender und Vertrauter zueinanderstehen. Hinsichtlich der für eine Vertrauensbeziehung notwendigen Kompetenz differenziert Miller in (a) technical competence, die sich auf die Fähigkeit des Vertrauten bezieht, das tun zu können, was der Vertrauende erwartet, und (b) die Fähigkeit zu verstehen, was der Vertrauende vom Vertrauten erwartet. (Miller (2003), S. 18; Miller (2000), S. 46f) Die grundlegende Erwartung des Vertrauenden ist es, dass sein Vertrauen für den Vertrauten bedeutsam wird. Alleinige Handlungsmotivation des Vertrauten sollte das Bewusstsein sein, dass jemand anderes durch seine Handlungen beeinträchtigt werden könnte und dieses unbedingt zu vermeiden sei. Handelt der Vertraute konsistent nach dieser Maxime, so festigen sich seine Vertrauenswürdigkeit und das erwiesene Vertrauen. (Miller (2000), S. 47; Miller (2002), S. 142; Miller (2003), S. 18f) 108 Vertrauen Die kognitive Komponente des Vertrauens resultiert aus der Eigenschaft von Emotionen, die Art und Weise der Wahrnehmung entsprechend dieser Emotion zu färben. Die Entscheidung zu vertrauen, erzeugt ein Gefühl der Sicherheit, das negative Interpretationen hinsichtlich des Verhaltens und der Motive des Vertrauten ausblendet. Dies hat zur Folge, dass als risikoreich geltende Interaktionen nicht mehr länger als riskant angesehen werden. (Miller (2000), S. 46; Miller (2003), S. 18) Nach Millers Auffassung wird innerhalb von Vertrauen sowohl auf der Seite des Vertrauenden als auch auf der Seite des Vertrauten eine sogenannte moral identity wirksam. Diese beinhaltet „valuing certain things over others, cultivating specific character traits, and having special moral responsibilities which arise in relationships with specific others“ (Miller (2000), S. 49). Vertrauen ist damit nicht mehr bloße Folge eines verlässlich vertrauenswürdigen Verhaltens, sondern basiert auf der Integrität der jeweils beteiligten Personen. Für den Vertrauenden gilt: moral identity stellt die Grundlage von Selbstvertrauen dar, welches wiederum einen positiven Einfluss auf die Bereitschaft hat, Vertrauensbeziehungen mit anderen Personen einzugehen. Personen mit Selbstvertrauen haben ein positives Selbstbild, was diese dazu bewegt, ihren Urteilen eine hohe Verlässlichkeit zu zusprechen. Ein Mangel an Selbstvertrauen hätte demnach eine konstante Infragestellung der eigenen Beurteilungen von Ereignissen, der eigenen Motive und der eigenen Werte zur Folge. Durch die Entscheidung zu vertrauen, macht sich der Vertrauende anfällig für Vertrauensbrüche, d. h. er wird verletzbar. Das Interesse des Vertrauenden liegt demnach darin, die Möglichkeit eines Betruges abzuschätzen. Ein Mangel an Selbstvertrauen reduziert in diesem Fall die Zuversicht gegenüber der eigenen Urteilsfähigkeit, eine weise Vertrauensentscheidung getroffen zu haben oder einen Betrug zu überstehen, und damit auch die Bereitschaft, Vertrauensbeziehungen einzugehen. Für den Vertrauten hingegen gilt: moral identity ist die Grundlage für eine Selbstdarstellung als integere Person. Wem vertraut wird, der wird als Person mit einer moralischen Identität anerkannt und ihm wird gleichzeitig ermöglicht, sich im Sinne des geschenkten Vertrauens als kooperativ, selbstlos und wohlwollend zu erweisen. (Miller (2000), S. 49ff; Miller (2002), S. 142f) 109 Soziales Vertrauen Misstrauen stellt für Miller das Gegenteil von Vertrauen dar und grenzt sich wie folgt von Letzterem ab: „Distrust is the contrary of trust. Just as trust is a sense of security or optimism which gives rise to the confident expectation that the other will respond benevolently to the trust placed in him, so distrust is a sense of unease or pessimism about the other’s goodwill. To distrust is to be warily suspicious, to worry that the other will harm you in some way. Like trust, distrust is an emotional attitude which gives rise to beliefs and expectations that are self-reinforcing and relatively resistant to counter-evidence. Also like trust, the attitude of distrust can help to create the very conditions for its justification. That, to distrust someone is to withhold an important kind of moral affirmation from her.“ (Miller (2002), S. 143) Misstrauen versagt damit anderen Personen, sich entsprechend ihrer moralischen Identität zu verhalten, und unterstellt ihnen Böswilligkeit und Inkompetenz. Außerdem beschneidet sich die misstrauende Person um potenziell gewinnbringende Beziehungen und verweigert denjenigen, denen sie misstraut, die Möglichkeit sich zu rehabilitieren. (Miller (2000), S. 52) Zwar trifft Miller eine Unterscheidung zwischen public trust und private trust, allerdings sind die Unterschiede zwischen beiden Vertrauensformen marginal. Während private trust der oben beschriebenen Konzeption von Vertrauen entspricht und sich auf Vertrauen in Vertraute bezieht, bezeichnet public trust Vertrauen in Fremde, welches auf einem Gefühl der Zuversicht beruht. Ebenso wie gegenüber Vertrauten wird beim Vertrauen gegenüber Fremden davon ausgegangen, dass sich diese dem in sie gesetzten Vertrauen angemessen verhalten werden. (Miller (2003), S. 17, S. 20f) Im Allgemeinen ist die Entstehung von Vertrauen an das Zusammenspiel verschiedener Konditionen gebunden (Miller (2000), S. 48): 110 Vertrauen (1) Je nach sozialem Umfeld ergibt sich ein anderes Vertrauensklima, das sich in (bzw. durch) Erwartungen und Annahmen hinsichtlich der Vertrauenswürdigkeit der Menschen in diesem Umfeld niederschlägt. (2) Der Inhalt des Vertrauens und die Konsequenzen eines Vertrauensbetruges haben insofern Einfluss auf Vertrauen, als dass der Vertrauensgegenstand im einen Fall von besonderer Natur und Relevanz sein kann, während seine Rolle im anderen Fall eher marginal ist. (3) Die Dauer und Natur der Beziehung zwischen Vertrauendem und Vertrauten bestimmt, ob Vertrauen gerechtfertigt ist, was dem anderen anvertraut wird, und in welchem Spielraum sich die Ermessensfreiheit des Vertrauten bewegt. Als grundlegende Quellen des Vertrauens gelten dabei „direct personal knowledge (A encounters B), indirect personal knowledge (A knows C who knows B), book knowledge (A reads about B), mediahand knowledge (television accounts, etc., of B) and knowledge based on social role (B is a priest, a doctor, a police officer, etc.)“ (Miller (2000), S. 48f). Ergänzt werden diese durch den Rückgriff auf sogenannte socially salient identities, nach denen potenzielle Vertraute als Vertreter einer sozialen Gruppe betrachtet werden, die als vertrauenswürdig gilt. (Miller (2000), S. 49) 2.1.1.2.4 Vertrauen als emotionale Bindung (Lahno) Nach Lahno beinhaltet Vertrauen behaviorale, kognitive und affektive Elemente, wobei sein Fokus auf dem Verständnis von Vertrauen als Emotion liegt. (Lahno (2004), S. 30f; Lahno (2005)) Vertrauen basiert dabei entweder auf positiven Kooperationserfahrungen mit der jeweiligen Person in der Vergangenheit oder einer generellen Disposition, anderen Vertrauen entgegen zu bringen. Dabei macht es erst diese Neigung zu grundsätzlichem Vertrauen möglich, positive Kooperationserfahrungen zu machen. (Lahno (1995), S. 446) 111 Soziales Vertrauen Der Ausgangspunkt jeder Vertrauensbeziehung liegt dabei allerdings in einem Konsens der beteiligten Personen über den normativen Rahmen der vorliegenden Situation. In der Regel steht die Initiation einer Vertrauensbeziehung vor dem Problem, das die potenziell beteiligten Personen nur dann in sie eintreten werden, wenn sie wechselseitig erwarten, dass der andere kooperieren wird. Die Unsicherheit dahingehend, ob dieser Kooperationserwartung auch tatsächlich entsprochen werden wird, kann allerdings nicht auf Basis eines von der Struktur der Situation unabhängigen Grundes überwunden werden. Lahno geht davon aus, dass an dieser Stelle gemeinschaftlich anerkannte Normen wirksam werden, die determinieren, welche Handlungen und Erwartungen in der gegebenen Situation angebracht sind. Besonderes Kennzeichen dieser Normen ist die Fraglosigkeit ihrer Anwendung. Für die beteiligten Personen ergibt sich ein automatischer normativer Konsens bezüglich der Situationsrahmung, auf den mit affektivem Vertrauen reagiert wird. Auf diesem affektiven Vertrauen beruhen in der Folge die Vertrauenserwartungen und die Vertrauenshandlungen. Grundlage für die Wirksamkeit der situationsrahmenden Normen bildet die Gebundenheit einzelner Individuen an diese Normen sowie deren Auffassung, dass auch andere an diese Normen gebunden sind. Die Kooperationsbereitschaft dieser Individuen gründet auf affektivem Vertrauen, das wiederum anderen die Möglichkeit gibt, mit kognitivem Vertrauen zu reagieren. (Lahno (1999), S. 313; Lahno (2004), S. 43f; Lahno (2005), S. 104ff) Die behaviorale Komponente des Vertrauens, die eigentliche Vertrauenshandlung, ist gekennzeichnet durch das Risiko sich verletzbar zu machen, obwohl man die Möglichkeit hätte sich diesem Risiko zu entziehen. Gewähren wir Vertrauen, so begeben wir uns willentlich in die Hände eines Vertrauten und machen uns dadurch abhängig von dessen Handeln. Es besteht dabei das Risiko, dass der Vertraute sich nicht entsprechend dem gewährten Vertrauen verhalten wird, sondern uns durch seine Handlungen auch Schaden zufügen könnte. Dieses Risiko wird dabei allerdings meist durch die Möglichkeit, die sich aus einer wechselseitig gewinnbringenden Zusammenarbeit ergeben, aufgewogen. (Lahno (1999), S. 311; Lahno (2000), S. 80ff; Lahno (2001), S. 171f; Lahno (2004), S. 32f; 112 Vertrauen Lahno (2005), S. 93ff; Lahno (2011), S. 675) Darüber hinaus existieren weitere Mechanismen, die das Vertrauensrisiko vermindern, indem sie Kooperationsanreize erzeugen: Internalized morals, Institutional enforcement und Reputation. (Lahno (2004), S. 33f; Lahno (2005), S. 95f) Behaviorales Vertrauen lässt sich nun folgendermaßen fassen: „A person is showing trusting behavior or behavioral trust, if she (he) is making herself (himself) vulnerable to the actions of another person.“ (Lahno (2004), S. 32) Eine Vertrauenshandlung wird nur dann ausgeführt, „wenn der mögliche Verlust durch unerwünschtes Verhalten des Partners hinreichend gering ist und die Wahrscheinlichkeit einer kooperativen Antwort des Partners hinreichend groß ist“ (Lahno (2005), S. 97). Eine Vertrauenshandlung ist demnach an Informationen über den potenziellen Vertrauten und die aus diesen Informationen resultierenden Erwartungen des Vertrauenden an den Vertrauten gebunden.23 Diese Vertrauenserwartungen stellen die kognitive Komponente des Vertrauens dar und spiegeln die Annahme des Vertrauenden wider, dass der Vertraute sich ihm gegenüber in vorteilhafter Art und Weise verhalten wird. (Lahno (2001), S. 172; Lahno (2004), S. 35ff; Lahno (2005), S. 96ff; Lahno (2011), S. 675) Kognitives Vertrauen stellt demnach eine Art von positiver mentaler Einstellung gegenüber den potenziellen Handlungen anderer dar und wird von Lahno wie folgt definiert: „A person is in the state of cognitive trust, if he or she expects another person, not to abuse options given to this other person as a result of trusting behavior.“ (Lahno (2004), S. 38) 23 Lahno stellt drei Bedingungen für rationales Vertrauensverhalten auf: „1. ‚Trustworthiness‘ must be possible, that is, there must be some incentive to reciprocate a cooperative move. 2. The possible loss due to an unanswered cooperative move must be sufficiently small. 3. The trusting person must be sufficiently assured that his partner will abstain from abusing his trusting move.“ (Lahno (2004), S. 36) 113 Soziales Vertrauen Folgt man Lahno, so geht Vertrauen über kognitive Überzeugungen und bloßes Verhalten hinaus. Die bisher vorgestellten Komponenten des Vertrauens beschreiben seiner Ansicht nach lediglich eine Bereitschaft, sich auf jemanden zu verlassen. Tatsächliches Vertrauen benötigt allerdings mehr als ein Handeln, das auf positiven Erwartungen gegenüber dem Vertrauten beruht. (Lahno (2000), S. 85; Lahno (2004), S. 38f; Lahno (2011), S. 675) Vertrauen stellt vielmehr eine emotionale Einstellung dar, die in einer bestimmten Art der Weltwahrnehmung resultiert. Vertrauen besitzt danach den Charakter einer emotionalen Bindung zwischen Vertrauendem und Vertrauten, die sowohl die Welt als auch den Vertrauten in einer bestimmten Art und Weise erscheinen lässt.24 (Lahno (2001), S. 177; Lahno (2002), S. 200ff; Lahno (2005), S. 99f) Vertrauen ist in diesem Sinne „eine Grundlage der Erwartung des Vertrauenden“ (Lahno (1999), S. 313). Der Vertrauende begegnet dem Vertrauten zunächst in einer personalen bzw. teilnehmenden Haltung, die ihn den Vertrauten als vollkommen verantwortlich für sein Handeln wahrnehmen lässt. Aus dieser Haltung heraus ist der Vertrauende bereit, unmittelbare emotionale Reaktionen auf das Verhalten des Vertrauten zu zeigen. Diese reaktiven Gefühle ergeben sich als Folge des Anspruchs gegenüber Absichten, Motiven und Gefühlen des Vertrauten seitens des Vertrauenden und der Involviertheit des Vertrauenden in die Handlungen des Vertrauten. Sichtbar wird diese emotionale Gerichtetheit im Falle eines Vertrauensbruchs, bei dem man beispielsweise mit Wut oder Enttäuschung auf den Vertrauten reagiert. Der Vertraute verstößt an dieser Stelle aufgrund der Tatsache, dass er als verantwortlich handelnd wahrgenommen wird, wissentlich gegen die normativgeleitete Erwartung, dass Vertrauen nicht bewusst enttäuscht werden 24 „Gefühle wirken wie eine Brille, durch die wir die Wirklichkeit betrachten. Drei Aspekte, wie Gefühle unsere Gedanken formen, können unterschieden werden: 1. Gefühle bestimmen unser Bild der Welt direkt, indem sie uns eine ganz bestimmte Perspektive vermitteln, sie leiten unsere Aufmerksamkeit, heben manche Aspekte hervor und verbergen andere. 2. Sie leiten uns in unseren Gedanken und Urteilen, indem sie bestimmte Assoziationen nahelegen und uns bestimmte Interpretationsmuster vorgeben. 3. Sie leiten uns in der Bewertung des Geschehens und motivieren uns zu handeln.“ (Lahno (2005), S. 100) 114 Vertrauen darf. Die Folge ist eine negative auf den Vertrauensbrüchigen gerichtete emotionale Reaktion. (Lahno (2000), S. 88ff; Lahno (2001), S. 181f; Lahno (2002), S. 167ff; Lahno (2005), S. 100f; Lahno (2011), S. 675) Affektives Vertrauen setzt darüber hinaus voraus, dass „der Vertrauende sich selbst und den Partner durch gemeinsame Ziele oder Wertvorstellungen verbunden sieht“ (Lahno (2000), S. 88). Der Vertrauende nimmt den anderen als eine Person wahr, die mit ihm die gleichen normativen Überzeugungen teilt und seine Handlungen an diesen orientiert. Der Vertraute ist demnach den gleichen Verhaltensgrundsätzen wie der Vertrauende verpflichtet und gilt deshalb als vertrauenswürdig. Auf eine Verletzung dieser angenommenen Vertrauenswürdigkeit wird entsprechend emotional reagiert. Anzumerken ist, dass diese Verbundenheit eine subjektive Empfindung des Vertrauenden darstellt und keineswegs tatsächliche Eigenschaft der Beziehung zwischen Vertrauendem und Vertrautem sein muss. (Lahno (2000), S. 93f; Lahno (2001), S. 182; Lahno (2004), S. 40f; Lahno (2005), S. 101; Lahno (2011), S. 675) Zusammenfassend ergibt sich für affektives Vertrauen nun folgende Definition: „Trust as an emotional attitude toward a person includes a participant attitude and a feeling of connectedness to him or her by shared aims, values or norms. This attitude allows the trusting person to incur risks concerning the actions of the trusted person, as they are perceived as being guided by the normative fundament of trust, which is perceived as shared.“ (Lahno (2004), S. 41) Setzt man die behavioralen, kognitiven und affektiven Elemente des Vertrauens zueinander in Beziehung so ergibt sich nach LAHNOs Auffassung nun folgende Definition des Vertrauens: „Vertrauen ist eine emotionale Einstellung eines Individuums A gegen- über einem anderen Individuum B in einer bestimmten Situation, in der A und B interagieren. Diese Einstellung ist dadurch gekenn- 115 Soziales Vertrauen zeichnet, wie der Vertrauende A, seinen Partner B und die Situation selbst erlebt. A’ s Bild der Situation enthält die Möglichkeit für A, sich durch eine Handlungsentscheidung für die Entscheidungen von B verletzlich zu machen. A nimmt B als eine Person wahr, d. h. er schreibt B Ziele und Überzeugungen zu sowie die Fähigkeit, diese zu reflektieren und sein Handeln nach ihnen auszurichten. A’ s Einstellung zu B ist gekennzeichnet durch Verbundenheit, d. h. A sieht B als jemanden, mit dem er normative Überzeugungen teilt, und er besitzt die Disposition, emotional auf die Verletzung solcher Überzeugungen zu reagieren. A erlebt die Situation als eine solche, in der es um die Verfolgung geteilter Ziele oder um die Wahrung gemeinsamer Werte geht, und er erlebt seinen Partner als jemanden mit einer entsprechenden Weltsicht. Dies induziert eine vertrauensvolle Erwartung und motiviert vertrauensvolle Handlungsentscheidungen.“ (Lahno (2002), S. 210) 2.1.1.2.5 Zusammenfassung Emotionsbasierte Vertrauenskonzeptionen begreifen Vertrauen als eine emotionale Verbindung zwischen den Vertrauenspartnern, die jegliche Weltwahrnehmung beeinflusst. Auf Seiten des Vertrauenden ist dabei ein affektgesteuerter Optimismus hinsichtlich des Wohlwollens und der Kompetenz des Vertrauten handlungsleitend. Der Vertraute erscheint dann auf Basis dieser Emotion als vertrauenswürdig, wobei diese Wahrnehmung gegenüber nachfolgenden eventuell negativen Informationen sehr robust ist. Sowohl die Vertrauenserwartung, nämlich sich auf den Vertrauten dahingehend verlassen zu können, dass dessen Handlungen zu einem positiven Ergebnis für einen selbst führen werden, und die 116 Vertrauen anschließende Vertrauenshandlung, das Eingehen des Risikos sich verletzbar zu machen durch die Handlungen des Vertrauten, sind hierdurch determiniert. Auf Seiten des Vertrauten soll sich durch das ihm entgegen gebrachte Vertrauen eine emotionale Ergriffenheit einstellen, die in einer Verbindlichkeit zwischen Vertrauendem und Vertrautem resultiert. Die Erfahrung, dass jemand auf ihn baut, soll dann das leitende Handlungsmotiv für den Vertrauten darstellen. Bei Dederichs wird dieser Aspekt emotional-affektiven Vertrauens sichtbar, indem Vertrauen als emotionale Festlegungsstrategie beschrieben wird. Als emotionales Verhältnis dient Vertrauen bei ihr zur Überbrückung eines Informationsdefizites und die resultierende Verbindlichkeit zwischen Vertrauendem und Vertrautem bietet die Möglichkeit zur Etablierung eines Vertrauenskredites. Barbalet deutet Zuversicht und Vertrauen als Empfindungen bzw. Gefühle zwischen den Vertrauenspartnern, die auch in Form von körperlichen Erfahrungen wirksam werden können. Vertrauen stellt dann die emotionale Basis von Kooperationsbeziehungen dar und ist gekennzeichnet durch die Zuversicht, dass die Handlungen des Vertrauten mit den eigenen Erwartungen korrespondieren. Wenn man vertraut, so herrscht nach Barbalet das Gefühl vor, sich auf den Vertrauten verlassen zu können. Dabei akzeptiert man die Abhängigkeit, in der man zum Vertrauten steht, ebenso wie die Abwesenheit von Informationen über die Verlässlichkeit des anderen, um einen ansonsten nicht realisierbaren Mehrwert zu erzeugen. Jones beschreibt den affektiven Aspekt des Vertrauens als optimistische Einstellung bezüglich dem Wohlwollen des Vertrauten gegenüber dem Vertrauenden seitens des Vertrauenden. Der Vertraute wird in der Folge durch eine affective lens of trust betrachtet, sodass jede seiner Handlungen nur noch vor dem Hintergrund des ihm erwiesenen Vertrauens interpretiert wird. Vertrauen bestätigt sich auf diese Weise ständig selbst und ist verhältnismäßig beständig gegenüber Ausdrücken von Vertrauensunwürdigkeit. Durch die Tatsache, dass auf ihn gezählt wird, entsteht beim Vertrauten eine emotionale Ergriffenheit, die ihn dazu anhält, sich dem erwiesenen Vertrauen als würdig zu erweisen. Miller zeichnet eine affektive Komponente des Vertrauens, deren Inhalt ein Gefühl ist, sich des Wohlwol- 117 Soziales Vertrauen lens des Vertrauten und dessen Kompetenz hinsichtlich des Vertrauensgegenstandes sicher zu sein. Ebenso wie bei Jones stellt sich dann eine dem erwiesenen Vertrauen entsprechende Wahrnehmungsfärbung ein. Lahno begreift Vertrauen als Emotion. Ausgangspunkt dieses affektiven Vertrauens sind gemeinschaftlich anerkannte Normen, die determinieren, ob in einer spezifischen Situation Vertrauen angebracht ist oder nicht. Die Etablierung von Vertrauen verläuft dabei entlang eines automatischen normativen Konsenses über die jeweilige Situationsrahmung, an dessen Ende eine affektive Vertrauensreaktion steht. Die Folge ist auch hier eine Färbung der Weltwahrnehmung auf Basis dieser emotionalen Bindung zwischen den Vertrauenspartnern. Der Vertrauende nimmt den Vertrauten nun als eine Person wahr, mit der er gemeinsame Ziele und Werte zu teilen scheint, was wiederum diesen als grundlegend vertrauenswürdig erscheinen lässt. In der Folge werden vertrauensvolle Handlungsentscheidungen wahrscheinlicher. Ähnlich wie schon bei den normativen Vertrauensansätzen stellen auch die emotionsbasierten Vertrauenskonzeptionen kein homogenes Vertrauenskonzept dar. Entsprechend der Heterogenität des Vertrauensbegriffes ergeben sich auch hier je nach betrachtetem Theoretiker verschiedene Gliederungsebenen des Vertrauens. Verhältnismäßig ähnlich in ihrer Aufschlüsselung des Vertrauens sind sich Barbalet, Jones und Miller. Barbalet unterscheidet zunächst zwischen Zuversicht und Vertrauen, wobei Vertrauen eine besondere Form der Zuversicht darstellt, die im Speziellen auf Kooperation zwischen Individuen bezogen ist. Zuversicht stellt die emotionale Basis sozialen Handelns dar und kann auf die Überzeugung von der Fähigkeit eines anderen, etwas Bestimmtes zu tun, die Beurteilung der Sicherheit, mit der ein zukünftiges Ereignis eintritt, oder die Bereitschaft, auf Basis von Selbstvertrauen zu handeln, bezogen sein. Zuversicht wirkt dabei sowohl kognitiv als auch als Disposition, indem es Vorstellungen vom zukünftigen Ich und zukünftigen Ereignissen erzeugt sowie Handlungen auslöst, die auf Basis dieser Vorstellungen ausgeführt werden. Auf psychischer Ebene wird Zuversicht durch das Empfinden von Selbstvertrauen generiert, während es auf sozialer Ebene durch die Erfahrung von Akzeptanz und 118 Vertrauen Anerkennung in sozialen Beziehungen entsteht. Jones unterscheidet zunächst Vertrauen von Verlass. Dabei bezieht sich Vertrauen auf belebte Dinge, die über einen eigenen Willen verfügen, bzw. wenn das leitende Handlungsmotiv ein Auf-jemanden-zählen ist. Dagegen bezieht sich Verlass auf Maschinen oder ähnliche Dinge und kommt zum Einsatz, wenn Handlungsmotive wie Gewohnheit oder Angst etc. im Spiel sind, wenn keine Alternative besteht oder wenn keine Vorhersage über ein Ereignis möglich ist. Vertrauen gliedert sich dann in eine affektive und eine kognitive Komponente, wobei die affektive Komponente eine optimistische Einstellung gegenüber dem Wohlwollen des Vertrauten dem Vertrauenden gegenüber beschreibt und die kognitive Komponente, die aus dieser Einstellung resultierende Interpretation der Handlungen des Vertrauten seitens des Vertrauenden charakterisiert. Miller trennt zwischen public trust und private trust. Public trust beschreibt Vertrauen in Fremde, wobei davon ausgegangen wird, dass sich diese dem in sie gesetzten Vertrauen angemessen verhalten werden. Private trust spaltet sich in eine affektive und eine kognitive Komponente auf. Die affektive Komponente meint ein Gefühl, sich des Wohlwollens und der Kompetenz eines Vertrauten bezüglich eines spezifischen Vertrauensgegenstandes sicher zu sein. Dabei kann die Kompetenz als Fähigkeit des Vertrauten, etwas Bestimmtes tun zu können, oder als Fähigkeit des Vertrauten, die Erwartungen des Vertrauenden zu antizipieren, verstanden werden. Die kognitive Komponente beschreibt dann ähnlich wie bei Jones die Färbung der Wahrnehmung des Vertrauenden durch die affektive Komponente. Lahno unterscheidet innerhalb des Vertrauens affektive, kognitive und behaviorale Elemente. Das affektive Element beschreibt die Verbundenheit zwischen Vertrauendem und Vertrautem, die sich als Folge der Annahme geteilter normativer Überzeugungen ergibt. Der Vertraute wird nun in einer spezifischen Art und Weise als vertrauenswürdig wahrgenommen. Gleichzeitig stellt das affektive Element die Grundlage der Vertrauenserwartung und der Vertrauenshandlung dar. Das kognitive Element ist durch die Auffassung gekennzeichnet, dass der Vertraute ebenso wie der Vertrauende an die gleichen Normen gebunden ist und der Vertraute sich dementsprechend für den Vertrauenden vor- 119 Soziales Vertrauen teilhaft verhalten wird. Es besteht somit eine positive mentale Haltung gegenüber den potenziellen Handlungen des Vertrauten. Das behaviorale Element schließlich drückt die eigentliche Vertrauenshandlung aus, in der man Vertrauen vergibt und sich verletzbar durch die Handlungen des Vertrauten macht. Es beschreibt die Abhängigkeit vom Handeln des Vertrauten, in die man sich begibt, wenn man Vertrauen schenkt. Dederichs unterscheidet verschiedene Formen des Vertrauens. Das emotionale Element, welches Vertrauen begleitet, ist dabei jeglicher dieser Formen immanent. 2.1.1.3 Identity oder group-based trust Identitäts- bzw. gruppenbasiertes Vertrauen geht davon aus, dass für die Vertrauensvergabe eine wechselseitige Identifikation mit bestimmten Überzeugungen bzw. eine geteilte Gruppenmitgliedschaft leitend ist. Innerhalb dieser Vertrauensansätze wird angenommen, dass den Vertrauenspartnern bereits Informationen über diese Gemeinsamkeiten vorliegen und ihr Verhalten entsprechend danach ausrichten. Die Vertrauenspartner klassifizieren jemanden demnach entlang der Annahme als vertrauenswürdig, welche die Zugehörigkeit zur gleichen sozialen Kategorie die Werte und Normen determiniert, denen man sich verpflichtet fühlt. Angehörige der gleichen sozialen Gruppe sollten sich demnach einheitlicher Prinzipien verbunden fühlen, sodass die Handlungsweise dieser Personen für andere Gruppenmitglieder antizipativ wird. Gleichzeitig sollen die Verbundenheit mit der sozialen Gruppe und die potenzielle Sanktionierung von Fehlverhalten durch die Gruppe einen Vertrauensmissbrauch verhindern. Tyler unterscheidet zwei Formen des Vertrauens: (1) rational oder calculative trust und (2) social oder motivebased trust. Rational trust entspricht dabei einem Vertrauen, das sich an Erwartungen und Abschätzungen hinsichtlich des Verhaltens des Vertrauenspartners orientiert. Vertrauen wird hier gewährt, wenn davon ausgegangen werden kann, dass der andere reziprokes Verhalten zeigen wird. Zudem 120 Vertrauen werden die möglichen Gewinne und Verluste, die sich aus einem kooperativen Verhalten ergeben würden, gegeneinander abgewogen. Ziel ist es den eigenen Nutzen möglichst zu maximieren. (Tyler (2001), S. 287, S. 301f; Tyler (2003), S. 559) „Trust is seen as a subjective probability calculation of the potential costs and benefits of future interactions.“ (Tyler/Degoey (1996), S. 332) Im Einzelnen besteht rational trust aus den folgenden Komponenten (Brockner/Siegel/Daly/Tyler/Martin (1997), S. 558): (1) Risiko, sich gegenüber dem Vertrauenspartner verletzbar zu machen. (2) Erwartung, dass der Vertrauenspartner sowohl Lust hat als auch die Fähigkeit besitzt, das gewünschte Verhalten auszuführen. (3) Das vom Vertrauenspartner gewünschte Verhalten besitzt erhebliche Relevanz für einen selbst. (4) Der Vertrauenspartner gilt als vertrauenswürdig und ist motiviert das gewünschte Verhalten auch ohne Überwachung seines Handelns auszuführen. Social trust bzw. motivebased trust hingegen entwickelt sich aus sozialen Bindungen bzw. der Identifikation mit Gruppen, Organisationen oder Gesellschaften. Die Gruppenidentifikation lässt den Vertrauenden darauf vertrauen, dass der Vertrauenspartner motiviert sein wird ihm gegen- über in wohlwollender und fürsorglicher Art und Weise zu handeln. Vertrauen verläuft dabei entlang von Gruppennormen, die eine Bereitschaft induzieren, die eigenen Interessen denen der Gruppe unterzuordnen bzw. eine Verpflichtung gegenüber den Werten der Gruppe hervorrufen. Für social trust spielen somit weniger Erwartungen hinsichtlich des Verhaltens des Vertrauenspartners eine Rolle als dessen Motive. (Boeckmann/ Tyler (2002), S. 2071; Tyler (2001), S. 288f, S. 302; Tyler (2003), S. 559, S. 566f; Tyler/Degoey (1996), S. 344ff) Zwei Faktoren sind für die Entstehung von social trust entscheidend (Tyler (2003), S. 562): 121 Soziales Vertrauen (1) Ein gemeinsamer sozialer Hintergrund und gemeinsame Werte. (2) Ein Gefühl des Verständnisses für das Handeln des Vertrauenspartners. Im Allgemeinen wird die Bereitschaft zu vertrauen von drei Faktoren determiniert: dem Grad der Vertrauenswürdigkeit des Vertrauenspartners, der für verlässliches Verhalten sorgenden Kraft externer Faktoren sowie dem Charakter der Beziehung zwischen den Vertrauensparteien. Der Ansatz von Shapiro/Sheppard/Cheraskin fokussiert auf die Eigenschaften von Beziehungen als Basis von Vertrauen und propagiert ein hierarchisches Vertrauensmodell, das sich in drei Stufen gliedert: deterrence-based trust, knowledge-based trust und identification-based trust. Dabei beinhaltet jede Stufe unterschiedliche Anforderungen, Kosten und Gewinne, die ausgehend von deterrence-based trust über knowledge-based trust bis zu identification-based trust sukzessive ansteigen. (Shapiro/ Sheppard/Cheraskin (1992), S. 366; S. 374) Deterrence-based trust basiert auf der Annahme, dass Abschreckung eine wirksame Methode ist, um die Unsicherheit bezüglich des Verhaltens eines anderen zu reduzieren und sich auf diese Weise vor feindseligen Handlungen zu schützen. „Deterrence-based trust exists when the potential costs of discontinuing the relationship or the likelihood of retributive action outweigh the short-term advantage of acting in a distrustful way.“ (Shapiro/ Sheppard/Cheraskin (1992), S. 366) Nach Shapiro/Sheppard/Cheraskin kann auf Abschreckung basierendes Vertrauen auf drei verschiedene Art und Weisen erzeugt werden (Shapiro/Sheppard/Cheraskin (1992), S. 367f): (1) Wiederholte Interaktion: Vertrauensunwürdiges Verhalten seitens des Vertrauten wird umso unwahrscheinlicher, je eher dadurch mögli- 122 Vertrauen che zukünftige gewinnbringende Transaktionen mit dem Vertrauenden in Gefahr geraten. (2) Multiple Interaktion: Mehrere parallel verlaufende Transaktionen mit der gleichen Person bewahren vor einem potenziellen Vertrauensbruch, da die vertrauensunwürdig handelnde Person dann annehmen muss, dass auch die übrigen Transaktionen von einem Vertrauensbruch betroffen wären. (3) Reputation: Der potenzielle Verlust des guten bzw. vertrauenswürdigen Rufs, schreckt den Vertrauten von einem Vertrauensbruch ab. Damit die hier genannten vertrauensabsichernden Verfahren auch wirksam sind, müssen die folgenden Bedingungen erfüllt sein: „(…) the potential loss of future business must outweigh the profit potential for untrustworthy behavior; each party must be sufficiently diligent to reveal to other that it would know that harm has been done; and the potentially harmed party must be willing to withdraw benefits from or introduce harm to the party acting distrustfully.“ (Shapiro/Sheppard/Cheraskin (1992), S. 368) Knowledge-based trust fußt auf der Fähigkeit, Voraussagen über das Verhalten eines anderen machen zu können. Dabei spielt ausschließlich die Verlässlichkeit des Verhaltens eines Anderen eine Rolle, ob dieses Verhalten dann Vertrauenswürdigkeit oder Vertrauensunwürdigkeit impliziert, ist irrelevant. Letztlich bietet beides einen Orientierungspunkt für das Handeln des Vertrauenden. „Even when one expects uncooperative behavior, however, we argue that trust can result if the behavior is predictable. (…) Describing predictably uncooperative as a type of trust may seem out of place if one views trust as accuracy or truth of if one attributes trust to an individual rather than a situation. At its core, trust is simply dependability. The benefits of dependability are reduced uncertainty and 123 Soziales Vertrauen less need for contingent planning.“ (Shapiro/Sheppard/Cheraskin (1992), S. 369) Grundvoraussetzung für die Berechenbarkeit des Verhaltens einer anderen Person ist ein Verständnis für deren Art und Weise zu handeln. Abgesehen von den drei bereits im Zuge von deterrence-based trust thematisierten Möglichkeiten zur Erzeugung von Vertrauen spielen bei knowledge- based trust noch die folgenden zusätzlichen Verfahren eine Rolle (Shapiro/Sheppard/Cheraskin (1992), S. 369ff): (1) Regelmäßige Kommunikation: Häufige Treffen erhöhen das Wissen über einander, was sich positiv auf die Befähigung, das Verhalten des anderen vorauszuberechnen, auswirkt. (2) Umwerben: Recherche über einen potenziellen Vertrauenspartner im Vorhinein einer Beziehung dient dazu, die Kompatibilität zwischen einander auszuloten und dazu in Erfahrung zu bringen, ob der andere verlässlich ist. Identification-based trust bezeichnet ein Vertrauen, das sich aus einer wechselseitigen Identifikation der Vertrauenspartner mit den Präferenzen des anderen ergibt. „The highest order of trust assumes that one party has fully internalized the other’s preferences. This type of trust is identification.“ (Shapiro/Sheppard/Cheraskin (1992), S. 371) Neben den bisher angesprochenen Methoden der Vertrauensgenerierung können zur Etablierung von identification-based trust zusätzlich noch folgende Techniken angewendet werden (Shapiro/Sheppard/Cheraskin (1992), S. 372ff): (1) Gemeinsame Produkte und Ziele: Die Arbeit an gemeinsamen Projekten wirkt sich positiv auf den Grad der Identifikation aus. 124 Vertrauen (2) Name: Die Bezeichnung zweier bisher getrennter Teile mit dem gleichen Namen kann sich identitätsstiftend auswirken. (3) Nähe: Die Identifikation mit Personen, die in der unmittelbaren Umgebung von einem selbst beheimatet sind, ist größer. (4) Gemeinsame Werte: Gemeinsame Werte erzeugen ein Gefühl der Interdependenz und leiten zu der Annahme, dass die eigenen Interessen am ehesten erreicht werden können, indem man die Interessen des anderen verwirklicht. Lewicki/Bunker entwickeln das Vertrauensmodell von Shapiro/Sheppard/Cheraskin weiter, indem sie annehmen, dass das Erreichen einer Vertrauensstufe die Voraussetzung für die Entwicklung von Vertrauen auf der nächsthöheren Stufe ist. (Lewicki/Bunker (1996), S. 119) Während deterrence-based trust bei Shapiro/Sheppard/Cheraskin ein Vertrauen beschreibt, das durch die Angst vor Bestrafung für einen Vertrauensbruch sichergestellt wird, erweitern Lewicki/Bunker zu calculus-based trust und nehmen nun an, dass sich auch Belohnungen, die sich aus der Vermeidung von Vertrauensverletzungen ergeben, auf die Stabilität solchen Vertrauens auswirken. Calculus-based trust stellt in der Regel eine Form fragilen und potenziell instabilen Vertrauens dar, das, falls notwendig, rasch und ohne größere Verluste für den Vertrauenden dem Vertrauten wieder entzogen werden kann. Als solches kommt es oft zu Beginn einer neuen Beziehung zum Einsatz, wo man meist noch nicht bereit ist, ein hohes Risiko einzugehen. Ein Vertrauensbruch führt zwar zu einem Beziehungsabbruch, allerdings hat er aber meist keine nachhaltigen Auswirkungen auf die vormaligen Vertrauenspartner. (Lewicki/Bunker (1995), S. 145ff, S. 163; Lewicki/Bunker (1996), S. 119ff, S. 126) Die Grundlage von knowledge-based trust stellen Informationen über den Vertrauenspartner dar, die es möglich machen, seine Handlungen zu antizipieren. Solches Wissen wächst im Zuge der Interaktionsgeschichte der beiden Vertrauenspartner und ermöglicht je nach Stärke der Ausprägung mehr oder weniger akkurate Vorhersagen des Verhaltens des anderen. Vertrauen dieser Form basiert somit auf einer Berechenbarkeit des Verhaltens des anderen, die sich aus vorhergehenden Erfahrungen speist. 125 Soziales Vertrauen Entsprechend kommt es dann zu einer Vertrauensverletzung, wenn diese Vorhersagbarkeit von einem der Vertrauenspartner wissentlich und ohne äußerlichen Zwang untergraben wird. War der Vertrauensbruch die freie Wahl des Vertrauten, so ist der Vertrauende nun gezwungen, sein Wissen über den Vertrauten und seine Wahrnehmung des Vertrauten zu revidieren und beides vor dem Hintergrund der Vertrauensverletzung neu zu ordnen. Handelt es sich bei der Vertrauensverletzung um keinen vernachlässigbaren Fehltritt seitens des Vertrauten, so kann die Revision des Wissens über den Vertrauten in einen erheblichen Konflikt mit dessen bisherigem Image geraten, was eine permanente Destabilisierung der Vertrauensbeziehung zur Folge haben kann. (Lewicki/Bunker (1995), S. 149ff, S. 163ff; Lewicki/Bunker (1996), S. 121f, S. 127) Identification-based trust basiert auf der vollkommenen Internalisierung der Wünsche und Intentionen des Vertrauenspartners. Solches Vertrauen ist geprägt von einem wechselseitigen Verständnis füreinander und der Überzeugung, dass der Vertrauenspartner für die Interessen von einem eintreten wird, ohne dass er dahingehend überwacht werden muss. Außerdem besteht ein Bewusstsein dafür, was getan werden muss, um das Vertrauen zu festigen. Verletzungen von identification-based trust haben eine besondere Qualität und betreffen in der Regel die basalen Werte einer Vertrauensbeziehung. Vertrauensbrüche auf diesem Vertrauenslevel richten sich gegen gemeinsame Interessen und Abmachungen, sodass eine Vertrauensbeziehung nach einem Vertrauensbruch niemals wieder die gleiche Verfassung erreicht, wie vor einem Vertrauensbruch. Vertrauensverletzungen können dabei asymmetrischen Charakter haben, da es meist nur einen der Vertrauenspartner braucht, um die Beziehung ins Wanken zu bringen. (Lewicki/Bunker (1995), S. 151ff, S. 165ff; Lewicki/Bunker (1996), S. 122ff, S. 127f) In der Lesart von Lewicki/Bunker findet von calculus-based trust über knowledge-based trust hin zu identification-based trust eine stufenweise evolutionäre Entwicklung von Vertrauen statt. Mit anderen Worten: Um die Stufe von identification-based trust innerhalb einer Vertrauensbeziehung zu erreichen, müssen zunächst die beiden vorherigen Stufen durchlaufen werden. Nicht jede Vertrauensbeziehung erreicht dabei 126 Vertrauen allerdings automatisch irgendwann die höchste Vertrauensstufe. Manche Beziehungen kommen auch über bestimmte Stufen nicht hinaus. Zudem können Vertrauensverletzungen einen Rückfall auf ein vorheriges Vertrauenslevel bewirken. (Lewicki/Bunker (1995), S. 156ff; Lewicki/ Bunker (1996), S. 124f) 2.1.1.3.1 Depersonalized trust (Brewer) Brewer betrachtet das Phänomen Vertrauen vor dem Hintergrund eines sogenannten ingroup-outgroup-Differentials. So führt eine gefestigte Gruppenidentität oft dazu, dass Individuen anderen Personen nicht mehr auf Basis ihrer persönlichen Identität begegnen, sondern sich selbst und das Gegenüber auf der Grundlage ihrer jeweiligen sozialen Kategorie bewerten. In der Regel werden dabei Individuen, die der eigenen sozialen Gruppe angehören, favorisiert. Dies bedeutet beispielsweise, dass Angehörige der ingroup hinsichtlich ihrer Vertrauenswürdigkeit, Ehrlichkeit und Loyalität besser eingestuft werden, als Mitglieder der outgroup bzw. Personen, die einer anderen als der eigenen sozialen Kategorie angehören. (Brewer (1981), S. 351f) Insbesondere für die Vergabe von Vertrauen an Fremde bzw. Personen, über die man nur wenige oder keine persönlichen Informationen besitzt, hat dieser Zusammenhang eine große Bedeutung. So kann das Wissen um eine geteilte Gruppenzugehörigkeit hierbei als Vertrauenskatalysator dienen. (Maddux/Brewer (2005), S. 161; Yuki/Maddux/Brewer/Takemura (2005), S. 50) Brewer definiert Vertrauen zunächst im Rahmen einer Kooperation von zwei Individuen. Vertrauen impliziert hierbei für beide Individuen sowohl die Möglichkeit eines Gewinns als auch die Möglichkeit eines Verlustes. Ein Gewinn stellt sich ein, wenn hinsichtlich des Vertrauens Reziprozität besteht, während sich ein Verlust einstellt, wenn das Vertrauen nicht erwidert wird. Beide Individuen sind somit immer dem Risiko eines Vertrauensmissbrauchs ausgesetzt. (Kramer/Brewer/Hanna (1996), S. 360) Allgemein verläuft die Vertrauensentscheidung entlang dreier Grö- ßen: (1) den Folgen für das Individuum, wenn es keine Vertrauensbezie- 127 Soziales Vertrauen hung eingeht; (2) dem Wert des Nutzens, den man durch das Vertrauen gegenüber der anderen Person erhält und (3) den Kosten des Individuums für den Nutzen, den es der anderen Person durch den Eingang einer Vertrauensbeziehung ermöglicht. Dabei gilt, dass der Wert des Nutzens für das Individuum die Kosten für das Individuum in der Regel übersteigt. Für beide beteiligten Individuen gilt nun „that each individual has a choice between trusting/trustworthy behavior (…) that benefits the other at some cost to self, versus untrusting/untrustworthy behavior (…) that withholds the benefit“ (Brewer (1981), S. 352). Sind die Entscheidungen der beiden Individuen unabhängig voneinander, d. h. können beide Individuen einen Gewinn erzielen, ohne einander zu vertrauen, so müssten beide prinzipiell defektieren. Die Folge ist, dass keine Vertrauensbeziehung zustande kommen würde. Ist die Ausschüttung eines Gewinnes vom Verhalten des anderen abhängig, so besteht die Notwendigkeit von reziprokem Verhalten, um einen Vorteil aus der Interaktion zu ziehen. Reziprozität ist dann gegeben, wenn die Wahrscheinlichkeit für symmetrische Handlungen maximal wird. Symmetrische Handlungsweisen sind dabei sowohl wechselseitiges Vertrauen als auch wechselseitiges Misstrauen, wobei nur wechselseitiges Vertrauen einen Gewinn in Aussicht stellt. Überwiegt dagegen die Wahrscheinlichkeit für asymmetrische Handlungsweisen, d. h. einseitiges Vertrauen bzw. einseitiges Misstrauen von jeweils einem der beteiligten Individuen, so besteht eine Unsicherheit bezüglich der Kooperationsbereitschaft des anderen. Das Risiko eines Nutzenausfalls erhöht sich und begünstigt ein Misstrauen gegenüber dem Kooperationspartner. Hierbei können allerdings zwei Entscheidungsfehler auftreten, die mit entsprechenden Kosten verbunden sind. Deplatziertes Vertrauen bedeutet dabei die Entscheidung zu vertrauen, wobei dieses Vertrauen nicht erwidert wird. Als Kosten entstehen dem Vertrauenden hierbei die Verluste, die sich aus dem Gefallen für den vermeintlichen Vertrauten ergeben. Deplatziertes Misstrauen bedeutet dagegen die Entscheidung zu misstrauen, während einem selbst Vertrauen erwiesen wird. Als Kosten entstehen dem Misstrauenden hierbei die Verluste, die sich aus der Einbuße des Nutzens aus der Vertrauensbeziehung ergeben, abzüglich der möglichen Kosten bei einer Misstrauens- 128 Vertrauen entscheidung des Vertrauenden. (Brewer (1981), S. 352f; Kramer/Brewer/ Hanna (1996), S. 360f) Brewer fasst dies wie folgt zusammen: „Thus, a trusting choice involves an uncertain benefit and a certain cost, whereas a distrusting choice involves an uncertain loss of benefit with a certain avoidance of cost.“ (Brewer (1981), S. 353) 2.1.1.3.1.1 Depersonalized trust und social identity processes Basis solcher dyadischer Vertrauensbeziehungen sind in der Regel eine wechselseitige Bekanntheit über einen längeren Zeitraum, die eine detaillierte Kenntnis persönlicher Informationen hinsichtlich der Beteiligten impliziert, sowie eine positive Vorgeschichte was sozialen Austausch angeht. Auf der Makroebene ist eine solche Art und Weise der Vergabe von Vertrauen kaum praktikabel, hat man es hier doch vermehrt mit Personen zu tun, über die nur wenige Informationen bekannt sind bzw. die einem vollkommen fremd sind. Zur Lösung dieses Problems schlägt Brewer vor, die Mitgliedschaft in einer hervorstechenden sozialen Gruppe als Überbrückung der Notwendigkeit persönlicher Bekanntheit zur Vergabe von Vertrauen zu verwenden. Die individuelle persönliche Identität einer Person wird hierbei durch eine kollektive soziale Identität ersetzt, welche dann die Basis für eine Zuschreibung von Vertrauenswürdigkeit darstellt. Voraussetzung ist allerdings, dass es sich bei der fraglichen sozialen Kategorie, auf deren Grundlage Vertrauen gewährt wird, um eine klar abgegrenzte soziale Gruppe handelt, innerhalb deren Grenzen Kooperation obligatorisch ist. (Brewer (1981), S. 355f; Brewer (2008), S. 215f) Brewer bezeichnet diese Art von Vertrauen als depersonalized trust und spezifiziert dieses folgendermaßen: „Common membership in a salient social category can serve as a rule for defining the boundaries of low-risk interpersonal trust that bypasses the need for personal knowledge and the costs of negotiating reciprocity with individual others. As a consequence of shifting from the personal to the social group level of identity, the indi- 129 Soziales Vertrauen vidual can adopt a sort of ‚depersonalized trust‘ based on category membership alone.“ (Brewer (1981), S. 356) Als Voraussetzung für depersonalized trust werden die folgenden Konditionen genannt: „All that is required for group-based trust and cooperation is (1) mutual knowledge that oneself and the other share a common ingroup membership and (2) the expectation that the other will act in terms of that group membership in dealings with a fellow group member (and vice versa). In effect, one’s own and the other’s behavior is perceived to be constrained by the requirements of group membership and the desire to retain one’s status as an accepted group member. As a consequence, within ingroups the probability of reciprocal cooperation is presumed, a priori, to be high, in contrast to intergroup exchanges where trust and cooperation is contingent on personalized knowledge of the other or a history of negotiated reciprocity.“ (Brewer (2008), S. 215f) Depersonalized trust führt demnach dazu, dass die Opportunitäts- und Transaktionskosten innerhalb einer spezifischen sozialen Kategorie gesenkt werden. Dagegen basieren Vertrauensbeziehungen zu Individuen, die außerhalb dieser sozialen Kategorie stehen, nach wie vor auf persönlicher Bekanntschaft und müssen entsprechend ausgehandelt werden. Gruppenbezogenes Vertrauen wiederum verlässt sich auf die Erwartungen, die an eine Gruppenmitgliedschaft geknüpft sind. Die Basis solchen Vertrauens bilden somit Zuschreibungen über das Verhalten und Eigenschaften einer Person, die sich aus der Teilhabe an einer spezifischen sozialen Kategorie ergeben müssten: „The term depersonalized trust was intended to refer to a willingness to engage in cooperative behavior at some risk to self-interest under the assumption that others in the social exchange will also choose to cooperate, when that assumption is not based on personal knowl- 130 Vertrauen edge of the motives or intents of the other individuals or any existing interpersonal relationships with them. Of interest here is depersonalized trust that is based on knowledge of social category or social group membership and the expectations that are associated with that group membership.“ (Brewer (2008), S. 216f) Die Etablierung von depersonalized trust verläuft dabei nach Brewer entlang von Normen und Sanktionen innerhalb der sozialen Kategorie, welche in zwei Kontexten wirksam werden können. Der erste Kontext betrifft Erwartungen an ein Mitglied einer sozialen Gruppe, die auf sozialen Stereotypen basieren, und wird vornehmlich über eine normative Komponente realisiert. Hierbei wird die Zuschreibung von positiven Eigenschaften zu einer spezifischen sozialen Kategorie Grundlage einer Vertrauens- bzw. Kooperationsbeziehung. (Brewer (2008), S. 217) Im zweiten Kontext spielen sowohl Gruppennormen als auch Sanktionen gleichermaßen eine Rolle. Gruppenbasiertes Vertrauen entsteht hierbei in dem Wissen darum, dass der Kooperations- bzw. Vertrauenspartner Mitglied der eigenen sozialen Gruppe ist und allein deshalb kooperieren wird. Gruppenmitgliedern wird somit die Befolgung von Prinzipien wechselseitiger Reziprozität zugeschrieben, wobei die Vertrauenswürdigkeit bzw. die Vertrauensreziprozität des anderen durch die Möglichkeit einer Sanktionierung durch die Gruppe oder einzelne Gruppenmitglieder gewährleistet wird. Dies gilt allerdings nur insofern, als dass Defektieren nicht Teil der Gruppennorm ist. (Brewer (1981), S. 356; Brewer (2008), S. 217f) Gruppenbasiertes Vertrauen bleibt trotz der Androhung von Sanktionen anfällig für Ausbeutung. Insbesondere unter Bedingungen von Anonymität, Verantwortungsdiffusion, amorphen Gruppengrenzen oder geringer Wahrscheinlichkeit zukünftiger Interaktion ist das Risiko des Vertrauensmissbrauchs groß. (Brewer (1986), S. 357; Brewer (2008), S. 220) Brewer kommt daher zu dem Schluss, dass rein normbasierte Erwartungen hinsichtlich einer sozialen Kategorie nicht ausreichend sein können für die Sicherstellung von Kooperation in Gruppen. Um diese Problematik 131 Soziales Vertrauen zu überwinden, wird eine zweite Kategorie von Vertrauensmechanismen eingeführt, die auf die soziale Identität der Gruppenmitglieder abzielt, sogenannte social identity processes. Hierbei wird unterschieden in: (1) heuristic decision making, (2) egoistic projection und (3) social identification bzw. goal transformation. (Brewer (2008), S. 220f) Heuristic decision making beschreibt ein automatisches Handeln, das sich aus positiven Erfahrungen mit Intragruppenkooperation ergibt. Das Wissen um eine geteilte Gruppenmitgliedschaft macht es unnötig, die Bedingungen des Vertrauens auszuhandeln, sodass unmittelbar Vertrauen geschenkt wird. (Brewer (2008), S. 221) Egoistic projection meint die Übertragung der eigenen Einstellungen und Überzeugungen auf andere. Es wird angenommen, dass Intentionen und Verhalten anderer deckungsgleich sind mit den eigenen Vorstellungen. Die Folge ist die Überzeugung, dass Menschen, mit denen man dieselbe soziale Kategorie teilt, in gleicher Weise handeln werden, wie man selbst handeln würde, und deshalb vertrauenswürdig sind. Problematisch hierbei ist eine Überschätzung der Verbreitung der eigenen Einstellungen und des eigenen Verhaltens. (Brewer (2008), S. 221f) Social identification bzw. goal transformation bezeichnet die Reduktion der psychologischen Distanz zwischen dem Individuum und anderen. Es geschieht eine Umstellung der individuellen Identität auf eine kollektive Identität, deren Folge es ist, dass nun keine Unterscheidung mehr zwischen kollektiven Interessen und Individualinteressen gemacht wird bzw. dass Kollektivinteressen einen größeren Stellenwert bekommen als die individuellen Interessen. Es findet somit eine soziale Identifikation mit der Gruppe statt, sodass das Wohl der Gruppe eigene Interessen überwiegt. (Brewer (1981), S. 356; Brewer (2008), S. 223; Maddux/ Brewer (2005), S. 161; Yuki/Maddux/Brewer/Takemura (2005), S. 50) Während die erste Klasse (depersonalized trust), die Unsicherheit betont, die mit Vertrauen einhergeht, beschreibt die zweite Klasse (social identity processes) eine fraglose Kooperationsbereitschaft. In der Regel werden beide Wege bei der Generierung von Intragruppenkooperation beschritten. (Brewer (2008), S. 227) 132 Vertrauen 2.1.1.3.2 Swift trust (Kramer et al.) Kramer et al. stützen sich in ihrer Konzeption von Vertrauen weitestgehend auf das Modell von Brewer und differenzieren dieses weiter aus. Vertrauen wird von ihnen als kognitiver Zustand verstanden, der wie folgt definiert ist: „First and foremost, trust entails a state of perceived vulnerability when dealing with others. This vulnerability is derived from individuals’ uncertainty regarding the motives, intentions, and prospective actions of others on whom they depend. Despite this uncertainty, however, trust entails the willingness to undertake such action with the positive expectation that others will not abuse or violate that expectation.“ (Kramer (2012), S. 1146) Verletzlichkeit und Unsicherheit stellen dabei die Kernkomponenten der Vertrauenskonzeption von Kramer et al. dar, anhand denen sowohl die Entwicklung von Vertrauen als auch Misstrauen im Gruppenkontext beschrieben wird. Das Hauptaugenmerk liegt auf der Betrachtung von Vertrauen aus dem Blickwinkel einer Gebundenheit an soziale Kategorien und kann in diesem Zusammenhang, wie folgt, begriffen werden: „With respect to trust within and between groups, trust based on social category – defined as trust predicated on information regarding a trustee’s membership in a particular social category – may be an important form of both intragroup and intergroup trust. For at least two reasons, membership in a salient social category can provide a basis for such presumptive trust. First, shared membership in a given category can serve as a basis for defining the boundaries of a low-risk form of interpersonal trust. By so doing, such information eliminates the need for more personalized, individuating knowledge. Second because of the cognitive consequences of categorization, individuals tend to attribute positive characteristics such as honesty, cooperativeness, reliability, and trustworthiness to other ingroup members.“ (Kramer (2010), S. 937f) 133 Soziales Vertrauen Betrachtet man Vertrauen auf der Individualebene, so entsteht dieses in der Regel entlang einer dyadischen Beziehung zweier Einzelpersonen, die durch eine Historie erfolgreicher Interaktionen gekennzeichnet ist. Innerhalb von Kollektiven ist es meist unmöglich eine durchgängige Interaktionsgeschichte zu etablieren. Kramer et al. nehmen daher an, dass in kollektiven Kontexten deshalb die Identifikation mit der Gruppe als Basis von Vertrauen herangezogen wird. Die durch die Mitgliedschaft in einer Gruppe hervorgerufenen Interdependenzen zwischen den verschiedenen Gruppenmitgliedern führen dabei zu vornehmlich unbewusst verlaufenden psychischen Transformationsprozessen, die die individuellen Überzeugungen hinsichtlich der Konsequenzen von Vertrauen und Misstrauen beeinflussen. Kramer et al. unterscheiden hinsichtlich dieser Transformationen in kognitive, motivationale und affektive Grundlagen. (Kramer/Brewer/Hanna (1996), S. 364ff) Kognitive Transformationen ergeben sich aus Kategorisierungseffekten und deren Auswirkungen auf soziale Wahrnehmung und Beurteilung. Mit anderen Worten: Die Einteilung von Personen in spezifische Gruppen beeinflusst die Art und Weise wie diese Personen wahrgenommen und beurteilt werden. So werden Personen, mit denen man eine Gruppenmitgliedschaft teilt, als ehrlicher, vertrauenswürdiger und kooperativer eingestuft. Außerdem wird angenommen, dass Personen, die eine gemeinsame Gruppenmitgliedschaft teilen, ähnlich wahrnehmen und handeln werden. Ebenso werden solche Personen verglichen mit Personen, die anderen Gruppen angehören, positivere Veranlagungen, Motive und Intentionen zugeschrieben. (Kramer/Brewer/Hanna (1996), S. 366ff) Motivationale Transformationen ergeben sich als Konsequenz einer gemeinsamen sozialen Kategorie. So wird hierbei die Wahrnehmung verstärkt, dass zwischen einem selbst und anderen Gleichheit besteht. Zudem reduziert sich die wahrgenommene soziale Distanz zwischen einem selbst und anderen Gruppenmitgliedern. Die Folge ist eine weniger strenge Unterscheidung zwischen eigenen Erträgen und den Erträgen anderer. (Kramer/Brewer/Hanna (1996), S. 369) Affektive Transformationen ergeben sich als Folge des Vergnügens, das sich aus der Beteiligung an kollektiven Unternehmungen ergibt. Die Iden- 134 Vertrauen tifikation mit der Gruppe wird verstärkt und die Beziehungen unter den Gruppenmitgliedern festigen sich. Diese positiven Erfahrungen wirken sich wiederum förderlich auf die Bereitschaft zur zukünftigen Kooperation aus. (Kramer/Brewer/Hanna (1996), S. 370) Durchläuft ein Individuum die oben beschriebenen Transformationen, so ergeben sich Beeinflussungen der Erwartungen hinsichtlich der Konsequenzen einer Vertrauensentscheidung. Die Reziprozitätserwartung beschreibt die Erwartung, dass andere Gruppenmitglieder erwiesenes Vertrauen erwidern werden. Innerhalb des Kontextes von Kollektiven ist eine solche Erwartung nur dann hinreichend für die Rechtfertigung von Vertrauen, wenn auch alle anderen Gruppenmitglieder die gleiche Erwartung haben. Ist dem nicht so, so läuft das vertrauende Individuum Gefahr einem Vertrauensmissbrauch zu erliegen. (Kramer/Brewer/ Hanna (1996), S. 371f) Die Wirksamkeitserwartung betrifft die Überzeugungen eines Individuums hinsichtlich des Einflusses ihrer Handlungen auf die Lösung einer Problemlage. Hierbei werden zwei Arten von Wirksamkeit unterschieden: Causal efficacy beschreibt dabei den mutmaßlichen Einfluss des eigenen Verhaltens auf die Problemsituation, während perceived social influence das Vermögen des Individuums beschreibt, bei anderen Gruppenmitgliedern durch das Erweisen von Vertrauen, Vertrauen hervorzurufen. (Kramer/Brewer/Hanna (1996), S. 372) Hedonistische Erwartungen beziehen sich auf das Vergnügen, das ein Individuum aus dem Vertrauen zu anderen Personen ziehen kann. Dabei spielen neben den Risiken und Profiten, die aus einer Vertrauensentscheidung erwachsen können, auch der soziale Status, der sich aus erwiesenem Vertrauen ergeben kann, eine Rolle. (Kramer/Brewer/ Hanna (1996), S. 372f) Ausgehend von den bisherigen Ausführungen schließen Kramer et al. auf vier verschiedene Motive, die identity-based trust begleiten (Kramer/Brewer/Hanna (1996), S. 373ff): 135 Soziales Vertrauen (1) Reciprocity-Based Trust betrifft die Annahme, dass man Vertrauen erweist, weil es wahrscheinlich ist, dass der Vertraute ebenso Vertrauen erweist. (2) Elicitative Trust Behavior betrifft die Annahme, dass eigenes Vertrauen den anderen zu Vertrauen animieren wird. (3) Compensatory Trust verläuft entlang der Wahrnehmung, dass kollektives Vertrauen ein schützenswertes Kollektivgut ist. Um dieses Gut wirksam zu schützen, ist es notwendig, dass eine bestimmte kritische Anzahl an Personen Vertrauensverhalten zeigt. (4) Moralistic Trust stellt ein Vertrauen dar, das auf der Basis von ethischen Überzeugungen und intrinsischen Werten, die mit der Gruppenmitgliedschaft verbunden sind, gewährt wird. Es ist unabhängig von den Reaktionen anderer Gruppenmitglieder. Identity-based trust fußt keineswegs auf einer Verbundenheit zwischen einzelnen Gruppenmitgliedern. Vielmehr bietet die kollektive Identität die Basis für Vertrauensentscheidungen. Identity-based trust ist in diesem Sinne nicht an eine Verantwortung für den Einzelnen gebunden, sondern ergibt sich aus kognitiven, motivationalen und affektiven Prozessen, die in unterschiedliche Motive münden, in kollektiven Kontexten Vertrauen zu erweisen. Die Dauerhaftigkeit und Belastbarkeit von identity-based trust ist dann eine Konsequenz der fortdauernden Kultivierung der zugrundeliegenden kollektiven Identität. Vertrauen ergibt sich somit vielmehr als Nebenprodukt organisationaler Faktoren. (Kramer/Brewer/Hanna (1996), S. 376f) 2.1.1.3.2.1 Temporary groups und swift trust Besondere Anwendung findet dieser Umstand in Situationen, die eine traditionelle Vertrauensbildung nicht erlauben. Kramer et al. führen hierzu sogenannte temporary groups an, die sich in der Regel für eine kurze Zeit zusammenfinden, um eine spezielle Aufgabe zu erfüllen oder ein spezifisches Problem zu lösen. Charakteristisch für solche Gruppen ist, dass ein Verhalten gezeigt wird, als ob Vertrauen vorhanden wäre, 136 Vertrauen obwohl die klassischen Vertrauensquellen, wie Vertrautheit, gemeinsame Erfahrung, erfahrene Reziprozität, Abschreckung vor Vertrauensbruch etc., nicht gegeben sind. Kramer et al. nennen diese Form von Vertrauen swift trust und untersuchen dessen Entstehung und Kultivierung innerhalb solcher Kontexte anhand deren Mechanismen zur Egalisierung von Verletzlichkeit, Unsicherheit und Risiko. (Meyerson/Weick/ Kramer (1996), S. 186ff) Vertrauen und Verletzlichkeit sind dabei folgendermaßen verbunden: „Trust, in this view, is defined by two things: (a) the grounds for expecting that others will not take advantage of one’s vulnerability and varieties of vulnerabilities and (b) the grounds for expecting that one will not be harmed by those who are entrusted with the valued items (…).“ (Meyerson/Weick/Kramer (1996), S. 170) Wobei Verletzlichkeit wie folgt definiert ist: „Vulnerability is defined in terms of the goods or things one values and whose care one partially entrusts to someone else, who has some discretion over him or her.“ (Meyerson/Weick/Kramer (1996), S. 170) Verletzlichkeit wird innerhalb von temporary groups auf verschiedene Art und Weisen überwunden (Meyerson/Weick/Kramer (1996), S. 170ff): (a) Aussicht auf zukünftige Interaktion: Zwar besteht in einer temporary group vordergründig eine geringe Interdependenz, dennoch ist der Kreis an Spezialisten für die Bearbeitung einer bestimmten Aufgabe oft nur sehr klein, was zukünftige Engagements in einer ähnlichen Gruppenzusammensetzung wahrscheinlich macht. (b) Implizite Bedrohungen innerhalb der Gruppe: Weak ties stellen eine größere Bedrohung für die Reputation eines Gruppenmitglieds dar als strong ties. Den Mitgliedern der temporary group wäre es wechselseitig möglich den jeweils anderen zu diskreditieren, sodass dieser keine weiteren Aufträge erhalten würde. Die Tatsache dieser wech- 137 Soziales Vertrauen selseitigen Schicksalskontrolle macht vertrauenswürdiges Verhalten wahrscheinlicher und reduziert die Verletzlichkeit. (c) Rollenklarheit: Die Interaktion innerhalb einer temporary group verläuft in der Regel entlang der Rolle, die der Einzelne in der Gruppe einnimmt. Die Kooperation basiert deshalb auf klar definierten und standardisierten Verhaltensregeln, anders als wenn zwischen den Gruppenmitgliedern persönliche Beziehungen bestehen würden. Der Zusammenhang von Vertrauen und Unsicherheit gestaltet sich wie folgt: „Trust, in other words, is coincident with uncertainty. And uncertainty is coincident with temporary structures enacted to deal with transient events singled out from ongoing change. The uncertainty tends to focus on the ease with which others can dissappoint our expectations.“ (Meyerson/Weick/Kramer (1996), S. 176) Außerdem gilt: „Uncertainty on matters of trust is highest when there is a 50–50 chance (‚a midpoint of uncertainty‘) that an unmonitored person will take advantage of our trust.“ (Meyerson/Weick/Kramer (1996), S. 177) Sowohl eine Vertrauens- als auch eine Misstrauensentscheidung würden in einer solchen Situation eine Verringerung der Unsicherheit bedeuten. Swift trust tritt dann ein, wenn Hinweise innerhalb der Situation die Annahme zulassen, dass der andere als eher vertrauenswürdig einzustufen ist. Hierbei werden individuelle Prädispositionen, kategoriale Annahmen und implizite Theorien aktiviert, um eine entsprechende Entscheidung herbeizuführen. Swift trust entsteht somit auch zu einem gewissen Teil unabhängig vom Objekt des Vertrauens. (Meyerson/Weick/ Kramer (1996), S. 177f) 138 Vertrauen Vertrauen und Risiko sind untrennbar miteinander verbunden, wie sich an dieser Stelle zeigt: „Trust, which is a way people assert expectations, presupposes a situation of risk and the possibility of disappointment which depends in part on our own previous behavior and choices.“ (Meyerson/Weick/ Kramer (1996), S. 178) Da Risiko einen elementaren Bestandteil von Vertrauenshandlungen darstellt, entsteht swift trust als Konsequenz risikobehafteter Handlungen innerhalb der Gruppe. Je größer die Aktivität innerhalb einer Gruppe, desto größer wird die Bereitschaft zu vertrauen. (Meyerson/Weick/ Kramer (1996), S. 180) Die Besonderheit von temporären Systemen scheint es, ausgehend von den bisherigen Ausführungen, zu sein, dass Vertrauen als gegeben angenommen wird. Ohne die Etablierung von swift trust könnten die Gefahren der Verletzlichkeit, die Unsicherheit und das Risiko, welche mit Vertrauen einhergehen, nicht überwunden werden und Stillstand wäre die Folge. Swift trust ist dabei als Folge einer wechselseitig korrekt interpretierten Rahmung einer Situation zu verstehen, wobei diese Interpretation auf allgemeinen und aufgabenbezogenen Annahmen und Erwartungen beruhen. Swift trust stellt in diesem Sinne auch eine wirksame Möglichkeit zur Entwicklung von Vertrauensbeziehungen zwischen Fremden dar. (Messick/Kramer (2001), S. 113f; Meyerson/Weick/Kramer (1996), S. 191f) 2.1.1.3.2.2 Abstufungen des Misstrauens Innerhalb der Vertrauenskonzeption von Kramer et al. existiert Misstrauen in verschiedenen Abstufungen. Zunächst wird es allerdings wie folgt definiert: „In particular, distrust and suspicion arise when individuals attribute hostile motives or untrustworthy intentions to others’ actions, espe- 139 Soziales Vertrauen cially in situations where uncertainty or ambiguity is present regarding the cause of their behavior.“ (Kramer (1996), S. 4) Von rationalem Misstrauen sprechen Kramer et al. unter den folgenden Voraussetzungen: „According to these models, when individuals act on faith only to discover subsequently that faith has been abused, their trust declines. Distrust and suspicion of this sort are rational in that they are tied to a concrete history that legitimates or justifies the revision of social expectations.“ (Kramer (1996), S. 4) Misstrauen im Kontext von identity-based trust ist dabei eng verbunden mit sozialer Unsicherheit, die aus der Unklarheit des sozialen Status innerhalb der Gruppe erwachsen kann. So gilt Vertrauen nur für die Personen als fraglos gegeben, deren sozialer Status innerhalb der Gruppe klar umrissen und gefestigt ist. Alle anderen sind gezwungen Vertrauen entsprechend des jeweiligen Anlasses auszuhandeln. (Kramer (2001), S. 173; Kramer/Wei (1999), S. 147) Unsicherheit bezüglich des sozialen Status innerhalb einer Gruppe ergibt sich nach Kramer et al. aus sozialen Kategorisierungsprozessen. Die Mitgliedschaft in diversen verschiedenen Gruppen ermöglicht multiple Möglichkeiten der Selbstkategorisierung und der Kategorisierung durch andere. Insbesondere die Selbstkategorisierung spielt für die Entwicklung von Misstrauen eine große Rolle. Individuen tendieren hierbei dazu, sich selbst in solche Kategorien einzuordnen, die in der gegebenen Situation einzigartig sind und sie von anderen Personen unterscheiden. Die Zuordnung zu einer innerhalb einer Gruppe distinkten sozialen Kategorie kann dann zur Folge haben, dass der eigene soziale Status innerhalb der Gruppe zur Disposition steht. Dieser Umstand bedroht das Selbstwertgefühl, was sich wiederum negativ auf die proaktive Suche nach Informationen bezüglich des sozialen Status in der Gruppe auswirkt. Es entsteht ein Konflikt zwischen dem Wunsch, etwas über den eigenen Stand herauszufinden, und der Angst vor einem Schwund des eigenen Standes. Es entwickelt sich eine überhöhte Selbst- 140 Vertrauen wahrnehmung, die eine soziale Paranoia zur Folge hat (Kramer (1996), S. 6ff; Kramer (2001), S. 175f): „This group based form of paranoia can be characterized as a tendency for group members to overattribute hostile intentions and malevolent motives to other group members, even in the absence of concrete evidence on which to base such attributions.“ (Kramer (1996), S. 3) Die sich aus dieser Form der Paranoia ergebenden Wahrnehmungsverschiebungen25 führen schließlich zu sogenanntem irrationalem Misstrauen: „Defined in these terms, irrational distrust represents a form of presumptive distrust that is conferred ex ante on other social actors. In this sense, it reflects an exaggerated propensity towards distrust, which can arise even in the absence of specific experiences that justify or warrant it.“ (Kramer (1996), S. 5) Im Einzelnen werden hierbei die folgenden Mechanismen wirksam. Zunächst stellt sich ein Zustand von dysphoric self-consciousness ein, der das Gefühl beschreibt, dass das eigene Verhalten unter besonderer Beobachtung steht. (Kramer (1996), S. 21f; Kramer (2001), S. 177) Kennzeichen dieses dysphorischen Selbstbewusstseins sind (1) ein gesteigertes Selbstbewusstsein, (2) die Wahrnehmung unter besonderer Beobachtung zu stehen und (3) eine Unsicherheit bezüglich des sozialen Status. Unter gesteigertem Selbstbewusstsein ist dabei die Tendenz zu verstehen, sich selbst übermäßig stark als Mittelpunkt der Aufmerksamkeit anderer wahrzunehmen. Dies führt zu der irrationalen Annahme, dass andere Personen einen selbst überwachen und bewerten würden. Die Wahrnehmung, unter besonderer Beobachtung zu stehen, schließt hieran an und beschreibt die Interpretation, dass das Verhalten anderer grundsätzlich auf die eigene Person bezogen ist und entsprechend persönlich genom- 25 „Paranoid cognitions represent a special class of social cognition characterized by the misattribution and overattribution of malevolent motives and sinister intentions to others’ behavior.“ (Kramer (1996), S. 5) 141 Soziales Vertrauen men wird. Die Unsicherheit bezüglich des eigenen sozialen Status innerhalb der Gruppe schließlich bezieht sich auf die Wahrnehmung einer Ungewissheit bezüglich des eigenen Platzes innerhalb der sozialen Ordnung der Gruppe. (Kramer (2004), S. 143ff; Kramer/Wei (1999), S. 151ff) Als Konsequenzen der dysphoric self-consciousness ergeben sich eine übermäßige Wachsamkeit und dysphorisches Nachsinnen. Beides führt zu einer Beeinflussung der Verarbeitung sozialer Informationen und verstärkt sich dabei wechselseitig. So führt übermäßige Wachsamkeit zu Missinterpretationen und Beeinträchtigungen der Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit anderer, während dysphorisches Nachsinnen durch wiederkehrendes Analysieren vergangener Situationen negatives Denken fördert und den Glauben an die daraus resultierenden Interpretationen verstärkt. (Kramer (1996), S. 23; Kramer (2001), S. 177; Kramer (2004), S. 147) Die Beeinträchtigung der Kognition sozialer Informationen manifestiert sich dabei auf drei Arten und Weisen (Kramer (1996), S. 20; Kramer (2004), S. 148f; Kramer/Wei (1999), S. 159ff): (1) Sinister Attribution Error: Tendenz dazu, anderen übermäßig stark feindselige Intentionen und Motive zuzuschreiben. (2) Biased Punctuation of Social Interaction: Tendenz dazu, die Historie interpersonaler Transaktionen in einer selbstdienlichen Art und Weise umzuinterpretieren. (3) Exaggerated Perception of Conspiracy: Tendenz dazu, das Ausmaß, in dem Widersacher konzertiert feindselige Aktionen gegen einen unternehmen, zu überschätzen. Aus der beschriebenen sozialen Paranoia ergeben sich dann affektive und Verhaltenskonsequenzen wie moral aggression und defensive noncooperation. Moral aggression beschreibt dabei aggressive Reaktionen auf als unfair und ungerecht wahrgenommene Behandlung. Defensive Noncooperation meint dagegen die Konstruktion nicht-kooperativen Verhaltens als Verteidigung gegen vermeintliche Vertrauensverletzungen. Der defensive und vermeidende Charakter der beiden beschriebenen Verhaltenswei- 142 Vertrauen sen erzeugt dabei in der Regel Gegenreaktionen, die soziale Unsicherheit und Vertrauenszweifel fördern. Soziale Paranoia erzeugt somit eine Folge wechselseitiger Enttäuschung, die schlussendlich das Misstrauen innerhalb und zwischen Gruppen im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung aufbauen. (Kramer (2001), S. 178; Kramer (2004), S. 149f) 2.1.1.3.3 Zusammenfassung Vertrauensansätze, die Vertrauen als identitäts- bzw. gruppenbasiert ansehen, gehen davon aus, dass die wechselseitige Identifikation der Vertrauenspartner mit den Präferenzen des anderen bzw. die Identifikation mit der gleichen sozialen Gruppe leitend für die Vertrauensvergabe ist. Auf der Mikroebene stellt die am höchsten entwickelte Form des Vertrauens dann die vollkommene Internalisierung der Wünsche und Intentionen des Vertrauenspartners dar. Es wird dabei davon ausgegangen, dass ein wechselseitiges Verständnis füreinander vorherrscht und man ohne notwendige Überwachung für die Interessen des anderen eintritt. All dies geschieht im Bewusstsein dafür, welche Handlungen angebracht sind, um die Vertrauensbeziehung zu festigen. Auf der Makroebene ergibt sich Vertrauen aus einem ingroup-outgroup-Differential. Die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen dient nun als Möglichkeit der Überbrückung von persönlicher Bekanntschaft. Die individuelle persönliche Identität einer Person wird dabei durch eine kollektive soziale Identität ersetzt, die ihrer Zugehörigkeit zu einer spezifischen sozialen Gruppe entspricht. Die Bewertung eines Individuums erfolgt dann anhand dieser sozialen Kategorie, wobei solche sozialen Gruppen favorisiert werden, denen man selbst angehört. Mitgliedern dieser sogenannten ingroup werden hinsichtlich ihrer Vertrauenswürdigkeit, Ehrlichkeit und Loyalität besser bewertet als Mitglieder der sogenannten outgroup. Eine geteilte bzw. gemeinsame Gruppenzugehörigkeit fungiert dann als Vertrauenskatalysator. Es wird dabei im Wesentlichen davon ausgegangen, dass Mitglieder der gleichen sozialen Gruppe sich den gleichen Normen und Werten verpflichtet fühlen und entsprechend ihrer Gruppenmitgliedschaft handeln werden. Als Versicherung dieses Handelns gilt gleichermaßen die jeweilige Gruppenmit- 143 Soziales Vertrauen gliedschaft, muss doch davon ausgegangen werden, dass Fehlverhalten gruppenintern sanktioniert wird. Shapiro/Sheppard/Cheraskin und Lewicki/Bunker betrachten identitätsbasiertes Vertrauen auf der Mikroebene und fokussieren dabei auf die wechselseitige Identifikation mit den Präferenzen des anderen bzw. die Internalisierung der Erwartungen des anderen. Brewer und Kramer et al. beziehen sich verstärkt auf die Makroebene und haben die Identifikation mit spezifischen sozialen Gruppen als leitendes Vertrauensmotiv im Blick. Bei Brewer dient die Kenntnis der Mitgliedschaft in einer sozialen Gruppe als Mittel, um mangelnde persönliche Bekanntschaft auszugleichen. Innerhalb einer spezifischen sozialen Kategorie wird es auf diese Weise möglich, Opportunitäts- und Transaktionskosten von Kooperationsbeziehungen zu reduzieren. So wird angenommen, dass Individuen mit der gleichen Gruppenmitgliedschaft wie man selbst einem bestimmten sozialen Stereotyp entsprechen. Auf dieser Basis erfolgen eine Zuschreibung positiver Eigenschaften und die Annahme, dass man sich bei seinen Handlungen an die gleichen Prinzipien hält. Kramer et al. gehen davon aus, dass die Mitgliedschaft in einer sozialen Gruppe dazu führt, dass psychische Transformationsprozesse einsetzen, in deren Folge Mitglieder dieser Gruppe in einer bestimmten Art und Weise wahrgenommen werden. Zwischen den Mitgliedern einer sozialen Gruppe reduziert sich auf diese Weise die soziale Distanz, sodass eine erhöhte Gleichheit untereinander wahrgenommen wird. Weitere Motive eine Vertrauensentscheidung zu treffen, sind außerdem die Annahmen, dass Vertrauen in gleicher Weise erwidert werden würde und dass Vertrauen innerhalb der Gruppe ein schützenswertes Kollektivgut darstellt. Vertrauen ergibt sich bei Kramer et al. dann nicht aus der Verbundenheit der einzelnen Gruppenmitglieder, sondern aus der geteilten sozialen Identität. Bei Tyler ergibt sich Vertrauen u. a. durch die sozialen Bindungen zwischen den Mitgliedern einer sozialen Gruppe. Vertrauen entsteht aus Gruppennormen, die dazu animieren, die eigenen Interessen denen der Gruppe unterzuordnen und sich ganz den Regeln der Gruppe unterzuordnen. Wichtig für die Etablierung solchen Vertrauens sind dabei gemein- 144 Vertrauen same Werte und das wechselseitige Verständnis für die Handlungen des Vertrauenspartners. Auch identitäts- bzw. gruppen-basiertes Vertrauen stellt kein einheitliches Konstrukt dar, sondern wird je nach Theoretiker anders gefasst. Im Wesentlichen lassen sich Ansätze finden, die speziell auf die Mikroebene zugeschnitten sind, während andere Ansätze stärker die Makroebene betonen. Eher auf der Mikroebene anzusiedeln sind dabei die Ansätze von Kramer et al., Lewicki/Bunker und Tyler. Während die beiden Erstgenannten in ihren Konzeptionen sehr ähnlich sind bzw. aufeinander aufbauen, ist das Konzept von Tyler vergleichsweise eigenständig, dabei aber auch weniger ausdifferenziert. Tyler unterscheidet rational bzw. calculative trust von social bzw. motive-based trust. Rational trust beschreibt ein Vertrauen, bei dem es das Ziel ist, den Nutzen einer Vertrauensbeziehung zu maximieren. Hierzu wird sich bei der Vergabe von Vertrauen an Abschätzungen hinsichtlich des Verhaltens des Vertrauenspartners orientiert. Social trust wird den Mitgliedern einer spezifischen sozialen Gruppe entgegengebracht und ergibt sich aus der Identifikation mit dieser sozialen Gruppe. Vertrauensleitend sind dabei gemeinsame Werte und wechselseitiges Verständnis für das Handeln des Vertrauenspartners. Kramer et al. schlagen ein hierarchisches Vertrauensmodell vor. Die erste Stufe markiert dabei deterrence-based trust, welches davon ausgeht, dass Abschreckung durch Sanktionierung ein wirksamer Schutz vor Vertrauensmissbrauch ist. Auf der zweiten Ebene befindet sich knowledge-based trust, welches auf der Möglichkeit zur Voraussage der Vertrauenswürdigkeit eines anderen basiert. Auf der dritten Ebene folgt schließlich identification-based trust, welches sich aus der wechselseitigen Identifikation der Vertrauenspartner mit den Präferenzen des anderen ergibt. Das Modell von Lewicki/Bunker baut auf dem von Kramer et al. auf, geht allerdings davon aus, dass die einzelnen Vertrauensstufen nacheinander erklommen werden müssen und auch ein Rückfall auf die nächstniedrigere Stufe möglich ist. Dies kann beispielsweise bei einer besonders schweren Form des Vertrauensmissbrauchs geschehen. Calculus-based trust bildet dabei die erste Vertrauensebene und ist neben der Andro- 145 Soziales Vertrauen hung von Sanktionen für Vertrauensverletzungen durch eine Belohnung der Vermeidung von Vertrauensverletzungen gekennzeichnet. Knowledge-based trust, auf der nächsten Vertrauensebene, basiert darauf aufgrund von Informationen über den Vertrauenspartner, dessen Verhalten antizipieren zu können. Identification-based trust auf der letzten Ebene fußt auf der vollkommenen Internalisierung der Erwartungen und Intentionen des Vertrauenspartners. Die Ansätze von Brewer und Kramer et al. zielen dagegen stärker auf die Etablierung von Vertrauen auf der Makroebene. So verlaufen nach Brewer Vertrauensentscheidungen entlang von Überlegungen hinsichtlich der Folgen, keine Vertrauensbeziehung einzugehen, hinsichtlich des Wertes des Nutzens, den man aus einer Vertrauensbeziehung erhält und hinsichtlich der Kosten, die einem aus dem Nutzen für den Vertrauten entstehen. Dabei ist in der Regel eine wechselseitige Bekanntschaft der Vertrauenspartner notwendig, die allerdings mit Hilfe von depersonalized trust überbrückt werden kann. In diesem Fall wird die individuelle Identität einer Person durch eine kollektive Identität ersetzt und Vertrauensentscheidungen auf Basis dieser kollektiven Identität getroffen. Depersonalized trust benötigt dabei ein wechselseitiges Wissen der Vertrauenspartner um eine geteilte Gruppenmitgliedschaft und basiert zusätzlich auf der Erwartung, dass sich der andere entsprechend dieser Gruppenmitgliedschaft verhalten wird. Grundlage des Vertrauens bildet somit die Überzeugung davon, dass innerhalb der fraglichen sozialen Gruppe bestimmte Normen gültig sind und Sanktionen durchgesetzt werden. Die Überbrückung mangelnder persönlicher Bekanntschaft bei der Vertrauensentscheidung kann allerdings auch auf dem Wege sogenannter social identity processes erfolgen. Hierbei ergibt sich Vertrauen als Folge eines automatischen Handelns auf der Basis von positiven Intragruppenerfahrungen (heuristic decision making), als Folge der Annahme der Kongruenz der eigenen Vorstellungen und der Intentionen anderer Gruppenmitglieder (egoistic projection) oder als Folge der vollkommenen Identifikation mit der sozialen Gruppe, wobei die eigenen Interessen den Interessen des Kollektivs untergeordnet werden (social identification). 146 Vertrauen Kramer et al. gehen davon aus, dass die Identifikation mit einer sozialen Gruppe psychische Transformationsprozesse auslöst, die die individuellen Überzeugungen der Konsequenzen von Vertrauen und Misstrauen beeinflussen. Kognitive Transformationen lassen Mitglieder der eigenen sozialen Gruppe positiver erscheinen als Mitglieder anderer sozialer Gruppen. Motivationale Transformationen verstärken die Wahrnehmung von Gleichheit zwischen einem selbst und den anderen Gruppenmitgliedern. Affektive Transformationen betreffen den Spaß, der sich aus der Beteiligung an Gruppenprojekten ergibt. Dabei begleiten identitäts-basiertes Vertrauen verschiedene Motive. Reciprocity-based trust beschreibt die Vergabe von Vertrauen auf Basis der Annahmen, dass der Vertrauenspartner einem selbst ebenso Vertrauen schenken wird. Elicitative trust behavior nimmt an, dass der andere durch das Erweisen von Vertrauen der Vertrauenspartner dazu angeregt wird, ebenfalls zu vertrauen. Compensatory trust nimmt an, dass kollektives Vertrauen nur bewahrt werden kann, wenn man einer ausreichenden Menge an Personen Vertrauen entgegenbringt. Moralistic trust beschreibt ein Vertrauen, das auf ethischen Überzeugungen und Wertvorstellungen fußt. Um Vertrauen zu Fremden zu erklären, führen Kramer et al. zusätzlich noch die Kategorie des swift trust ein, bei dem Vertrauen aus einem Handeln und Verhalten heraus entsteht, nach dem Vertrauen vorhanden sein müsste. Tatsächlich fehlen allerdings die klassischen Quellen des Vertrauens. Das vertrauensvolle Handeln ergibt sich dabei aus individuellen Prädispositionen, kategorialen Annahmen und impliziten Theorien. Swift trust ist dann auch eine Folge einer wechselseitig korrekt interpretierten Rahmung einer Situation. 2.1.1.4 Strategic oder rational trust Rationale Vertrauensansätze begreifen Vertrauen als Kalkulation zukünftiger Kooperationsbeziehungen. Grundannahme ist, dass Vertrauen immer vom Risiko eines Vertrauensbruches begleitet wird. Ein Vertrauensbruch wird dabei mit einem Verlust für denjenigen gleichgesetzt, 147 Soziales Vertrauen der vertraut hat. Vertrauen sollte demnach nur dann geschenkt werden, wenn zum einen aus der Vertrauensbeziehung zu erwartenden Gewinne die potenziellen Verluste aus einem Vertrauensmissbrauch übersteigen und wenn der Vertrauenspartner als hinreichend vertrauenswürdig angesehen wird. Vertrauen wird auf diese Weise zu einer Kosten-Nutzen-Relation. Um die Vertrauenswürdigkeit eines potenziellen Vertrauenspartners bzw. die Wahrscheinlichkeit eines Vertrauensmissbrauchs beim Eingang einer Vertrauensbeziehung mit dem Vertrauenspartner zu bestimmen, wird auf dessen Reputation zurückgegriffen oder dessen Performanz bei früheren Interaktionen zu Rate gezogen. Ziegler betrachtet Vertrauen aus einer Perspektive begrenzter Rationalität, die um normative Regelungssysteme ergänzt ist. Vertrauen stellt hierbei eine riskante Vorleistung im Sinne einer Entscheidung unter Risiko dar, wobei das Risiko darin besteht, dass sich der Vertrauenspartner als vertrauensunwürdig entpuppen könnte bzw. das erwiesene Vertrauen missbraucht. (Ziegler (1997), S. 241, S. 245, 252) Das von ihm angenommene Vertrauensproblem besitzt dabei für zwei Akteure folgende Eckpunkte: „(1) Beide ziehen es vor, daß jeweils der Andere sich kooperativ verhält, d. h. vertraut bzw. sich als vertrauenswürdig erweist. (2) der Vertrauende erleidet einen Schaden, wenn sein Vertrauen mißbraucht wird. (3) Häufig hat die Vertrauensperson einen Anreiz, das Vertrauen zu mißbrauchen. (4) In der Regel würden es beide vorziehen, daß beide sich kooperativ, anstatt daß beide sich unkooperativ verhalten. (5) Häufig muß der Vertrauende den ersten für ihn irreversiblen Schritt tun (…).“ (Ziegler (1997), S. 242) Handelt es sich um ein symmetrisches Vertrauensproblem, so stellt unkooperatives Verhalten die nutzenmaximierende Strategie für die beteiligten Akteure dar. Im Falle eines asymmetrischen Vertrauensproblems ist die Vertrauensperson grundsätzlich im Vorteil, da sie entscheidet, ob sie dem erwiesenen Vertrauen entspricht oder nicht. (Ziegler (1997), S. 243) Die oben angesprochene begrenzte Rationalität der am Vertrauensproblem beteiligten Akteure schlägt sich in der die Vertrauenserwartung 148 Vertrauen begleitenden doppelten Kontingenz nieder. Der Vertrauende erwartet von der Vertrauensperson vertrauenswürdiges Verhalten auf der Basis zweier Annahmen (Ziegler (1997), S. 245f): (1) Die Handlungsentscheidung des Vertrauten basiert u. a. auf Erwartungen hinsichtlich des Verhaltens des Vertrauenden. (2) Die Erwartungen des Vertrauten enthalten Prognosen über die Erwartungen des Vertrauenden. Aufgrund ihrer begrenzten Rationalität können die beteiligten Akteure hierbei allerdings Fehleinschätzungen unterliegen. Ist die Prognosefähigkeit allerdings ausreichend gut ausgeprägt, so stabilisiert sich die Vertrauensbeziehung. Daneben spielen auch Sanktionen eine große Rolle zur Konsolidierung von Vertrauensbeziehungen bzw. zur Abwendung von Vertrauensmissbrauch. Ziegler unterscheidet hierbei in spontane, der Vertrauenssituation inhärente Sanktionsmöglichkeiten, wie die Bewahrung einer Möglichkeit für zukünftige Interaktion oder die Bewahrung einer vertrauenswürdigen Reputation sowie in institutionalisierte Sanktionen, die sich aus einer Internalisierung von Werten und Normen ergeben und eine Verpflichtung auf eine moralische Form des Handelns nach sich ziehen. Solche Sanktionsmöglichkeiten unterliegen im Allgemeinen einer Kontrolle durch Dritte. (Ziegler (1997), S. 247ff) 2.1.1.4.1 Vertrauen als ambiguous path (Deutsch) Im Zentrum der Vertrauenskonzeption von Deutsch steht die Entstehung und Herbeiführung wechselseitigen Vertrauens. Ausgangspunkt hierfür ist die Forschung bezüglich der Determinanten menschlicher Kooperation. Vertrauen stellt hiernach einen integralen Bestandteil eines stabilen Kooperationssystems dar, der sowohl auf interpersonaler, politischer und sogar personal-dinglicher Ebene wirksam wird. (Deutsch (1958), S. 265; Deutsch (1962), S. 316; Deutsch (1976), S. 144) Dabei beschäftigt er sich hauptsächlich mit der Funktion und Entstehung von Vertrauen auf der 149 Soziales Vertrauen Mikroebene. In verschiedenen empirischen Untersuchungen zeigt sich, inwiefern Intention, Kommunikation, Persönlichkeitsstruktur, Sozialisation und Macht Auswirkungen auf Vertrauensbeziehungen haben. Deutsch stellt darüber hinaus eine der Grundlagen der Vertrauenskonzeptionen von Niklas Luhmann26 und James Coleman27 dar. Deutsch geht davon aus, „( ) that human cooperation is based upon man’s enlarged capacity to perceive that there is a reality which exists independently of himself and to recognize that other human beings with like experiences will perceive it in similar ways“ (Deutsch (1962), S. 316). Dies bedeutet, dass es sich bei der Entscheidung für eine Kooperation niemals nur um ein einseitiges Engagement handelt, vielmehr kann Kooperation erst durch die wechselseitige Erkenntnis, über ähnliche Interessenslagen zu verfügen, entstehen. Für ein Individuum, das vor einer Kooperationsentscheidung steht, stellen sich dabei die folgenden drei Probleme (Deutsch (1962), S. 296ff): (1) The problem of trust: Eine kooperative Beziehung bedarf in der Regel einer Initiationshandlung. Das Individuum tritt dabei in eine Vorleistung, die damit gerechtfertigt ist, dass es annimmt, die anderen Beteiligten seien vertrauenswürdig. (2) The bargaining problem: Innerhalb einer Kooperationsbeziehung müssen Differenzen bezüglich der Interessen der Beteiligten verhandelt 26 Luhmann greift gleich an mehreren Stellen auf Deutsch zurück. Im Einzelnen betrifft dies die situativen Voraussetzungen, unter denen Vertrauen möglich ist, die Relevanz von Sozialisation und Persönlichkeitsstruktur sowie psychologischer Gründe für die Vergabe bzw. Verweigerung von Vertrauen, die Zuschreibung von Motiven und der Ableitung von Verhaltensvorhersagen aus diesen, den Zusammenhang von Vertrauensbereitschaft und Vertrauenswürdigkeit, die Bedeutung der Möglichkeit der Einflussnahme auf das Schicksal des Vertrauenspartners und die Notwendigkeit einer Institution des Strafens und Verzeihens. (Luhmann (2001), S. 148; Luhmann (2009), S. 4, S. 27, S. 35, S. 41, S. 51, S. 101) 27 Coleman lehnt sich bei seiner Beschreibung der Vergabe von Vertrauen an die Definition vertrauensvollen Verhaltens von Deutsch an. (Coleman (1991), S. 126) 150 Vertrauen werden. Das Ergebnis dieser Verhandlungen hängt dabei von der Stärke der Interessen der Verhandlungspartner und ihrer Kompromissbereitschaft ab. (3) The problem of coordination: Die Handlungen innerhalb der Kooperationsbeziehung müssen in der Form organisiert werden, dass sich ein gemeinsamer Gewinn ergibt. Es wird dabei der Regel gefolgt „Each must try to guess what the other guesses he will guess the other to guess, and so on“ (Deutsch (1962), S. 300). Die Gewährung von Vertrauen stellt somit eine Grundvoraussetzung von Kooperation dar, die auf Basis ungesicherter Annahmen über die Realität einer Situation zustande kommt. Entsprechend entwickelt Deutsch sein Schema einer Vertrauensentscheidung entlang der Metapher eines ambiguous path: „The essential features of a situation confronting the individual with a choice to trust or not in the behavior of another person are in my view: (i) the individual is confronted with an ambiguous path, a path that can lead either to an event perceived to be beneficial (Va+) or to an event perceived to be harmful (Va-); (ii) he perceives that the occurrence of Va+ or Va- is contingent upon the behavior of another person; and (iii) he perceives the strength of Va- to be greater than the strength of Va+. If he chooses to take an ambiguous path with such properties, I shall say that he makes a trusting choice; if he chooses not to take the path he makes a distrustful choice.“ (Deutsch (1960a), S. 124; Deutsch (1962), S. 303) Gelten für beide, an der oben beschrieben Situation beteiligten, Individuen wechselseitig aufeinander bezogen die gleichen Bedingungen, so spricht man von wechselseitigem Vertrauen. Beide Individuen sind sich dabei den Absichten und des Vertrauens des jeweils anderen bewusst und sind bereit, diesen zu entsprechen. (Deutsch (1958), S. 267; Deutsch (1976), S. 140) 151 Soziales Vertrauen Die Gründe zu vertrauen können vielfältig sein, wie beispielsweise Vertrauen aus Verzweiflung, sozialer Anpassung, Arglosigkeit, Impulsivität, Tugend, Masochismus, Glauben, Risiko oder Zuversicht. Deutsch befasst sich vornehmlich mit Vertrauen aus Zuversicht. Das bedeutet: Er nimmt an, dass eine vertrauende Person immer davon ausgeht, dass eher das erwünschte Ereignis (Va+) als das befürchtete Ereignis (Va-) eintritt. (Deutsch (1960a), S. 124; Deutsch (1962), S. 303; Deutsch (1976), S. 136ff) In diesem Zusammenhang vollzieht er auch eine Differenzierung zwischen einer Vertrauensentscheidung und einer Risikoentscheidung. Geht man ein Risiko ein, so verändern sich die Eintrittswahrscheinlichkeiten für Va+ und Va-. Zwar sieht man sich immer noch einem ambiguous path gegenüber, allerdings ist die Wahrscheinlichkeit einer negativen Konsequenz nun niedriger als die einer positiven Konsequenz, während bei der Gewährung von Vertrauen der Eintritt einer negativen Konsequenz wahrscheinlicher ist verglichen mit der Eintrittswahrscheinlichkeit einer positiven Konsequenz. Deutsch bringt dies wie folgt auf den Punkt: „In the present terminology, one gambles when one has much to gain or little to lose and one trusts when one has much to lose or little to gain. Hence, one does not need much confidence in a positive outcome to gamble but one needs considerable confidence in a positive outcome to trust.“ (Deutsch (1960a), S. 124; Deutsch (1962), S. 304) Geht man also ein Risiko ein, so ist die Chance zu verlieren geringer, als wenn man Vertrauen gewährt. Eine Risikoentscheidung wird somit nur dann getroffen, wenn man sich bereits im Vorhinein besonders sicher ist, dass sich eine positive Konsequenz einstellen wird. Eine Vertrauensentscheidung wird dagegen auf der Basis einer gewissen Ungewissheit des Ausgangs einer Situation getroffen, was eine Zuversicht in den Eintritt der erwarteten positiven Konsequenzen notwendig macht. Unter Risikobedingungen ist diese Zuversicht nicht notwendig, da bereits ein gewisses Maß an Sicherheit über den Ausgang einer Situation besteht. Entsprechend gilt: 152 Vertrauen „(…) an individual is more likely to choose to take an ambiguous path the greater is the perceived strength of Va+ as compared to Va- and the greater is his confidence that Va+ rather than Va- will occur.“ (Deutsch, (1962), S. 304; Deutsch (1960a), S. 125) Entgegengesetzt zur Entscheidung Vertrauen zu gewähren, definiert Deutsch die Entscheidung, misstrauisch zu sein, folgendermaßen: „The essential features of a situation confronting the individual with a choice to be suspicious or not of the behavior of another person are, in my view: (i) the individual is confronted with the possibility that a potentially harmful event (Va-) will occur; (ii) he perceives that the occurrence of Va- is contingent upon the behavior of another person; and (iii) he perceives the possibility of enganging in behavior that will prevent or reduce the harmful consequences of the other person’s behavior, if it occurs. A suspicious choice, thus, is a choice to engage in behavior to prevent or reduce the harmful consequences of another person’s behavior. A choice not to take an ambiguous path may be considered as a type of suspicious choice.“ (Deutsch (1960a), S. 125; Deutsch (1962), S. 304) Wechselseitiges Misstrauen stellt sich dann ein, wenn die an der Situation beteiligten Individuen wechselseitig annehmen, der jeweils andere würde eine für einen selbst nachteilige Konsequenz erzeugen können, und beide Individuen bereit sind, auf Basis dieser Annahme ein, für den jeweils anderen mit einer negativen Konsequenz verbundenes, Ereignis herbeizuführen. (Deutsch (1958), S. 267; Deutsch (1976), S. 140) Allgemein gilt nach Deutsch für eine Misstrauensentscheidung dann: „(…) an individual is more likely to make a suspicious choice the greater is the perceived strength of Va-, the more confidence that he has that the suspected behavior of the other person will occur, and the more able he believes he is to prevent or reduce the harmful consequences of the other person’s behavior.“ (Deutsch (1960a), S. 125; Deutsch 1962), S. 304) 153 Soziales Vertrauen 2.1.1.4.2 Vertrauenskonstellationen (Coleman) Coleman nähert sich dem Phänomen Vertrauen in einer detaillierten Analyse verschiedener Vertrauensbeziehungen bzw. -konstellationen. Er beginnt bei einfachen Vertrauensbeziehungen zwischen zwei Personen und endet mit komplexen Vertrauenssystemen, in die sowohl Personen als auch Institutionen eingebettet sind. Er versteht Vertrauensbeziehungen dabei prinzipiell als „situations in which the risk one takes depends on the performance of another actor“ (Coleman (1990), S. 91). Das Risiko entsteht hierbei durch die Zeitverzögerung, mit der Handlungen und Transaktionen aufeinander folgen. Die an einer Vertrauensbeziehung beteiligten Akteure können sowohl Individuen als auch Institutionen sein, wobei Coleman ihnen grundsätzlich zielgerichtetes Handeln unterstellt, das der Befriedigung der eigenen Interessen dient. (Coleman (1982), S. 281, S. 291f; Coleman (1990), S. 91, S. 96; Coleman (1991), S. 115, S. 121, S.237f) Bei der Modellierung seines formalen Vertrauensmodells lehnt er sich an das Paradigma des sozialen Tausches an. Nach seiner Auffassung handelt es sich bei der Vergabe von Vertrauen in der Regel um einen einseitigen Transfer von Kontrolle über bestimmte Produktionsmittel und nicht um einen wechselseitigen Austausch: „I will call the placement of trust unilateral transfer of control over resources or actions or events, to distinguish it from the bilateral transfer that occurs in exchange.“ (Coleman (1982), S. 282) Die einfachste Vertrauenskonstellation besteht dann in einem Treuegeber („trustor“), der einem Treuhänder („trustee“) die Kontrolle über in seinem Besitz befindliche Ressourcen überträgt, wobei der Treuegeber keine absolut sichere Vorhersage über das zukünftige Verhalten des Treuhänders machen kann. Lediglich eine Abschätzung der Wahrscheinlichkeit, wie vertrauenswürdig der Treuhänder ist, kann getroffen werden. Der Treuegeber steht damit vor der problematischen Entscheidung, dem Treuhänder Vertrauen zu schenken oder es ihm zu verweigern. Hat sich der Treuegeber für die Vertrauensvergabe entschieden, 154 Vertrauen steht der Treuhänder vor der Entscheidung, das Vertrauen zu bestätigen oder zu enttäuschen. Für beide Teilnehmer ergibt sich die Wahl der jeweiligen Alternative auf Basis einer rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung. (Coleman (1982), S. 282f; Coleman (1991), S. 121f, S. 125f, S. 129ff, S. 137ff; Junge (1998), S. 39) Ausgehend von dem oben beschriebenen Basisfall einer Vertrauensbeziehung beinhaltet Vertrauen dann die folgenden Merkmale (Coleman (1991), S. 124f; Endress (2002), S. 36): Die Vergabe von Vertrauen bedeutet einen Transfer von Ressourcen an einen Treuhänder, der diese (a) zum eigenen Vorteil, (b) zum Vorteil des Treuegebers oder (c) zum Vorteil beider einsetzen kann. Ob sich die Situation des Treuegebers durch die Vergabe von Vertrauen verbessert oder verschlechtert, hängt von der Vertrauenswürdigkeit des Treuhänders ab. Der Treuegeber überlässt dem Treuhänder in vollem Bewusstsein Ressourcen, ohne dass Letzterem daraus eine Verpflichtung erwächst. Die Vergabe von Vertrauen beinhaltet immer eine Zeitverzögerung, bis sich das in den Treuhänder gesetzte Vertrauen bestätigt oder enttäuscht. 2.1.1.4.2.1 Der Treuegeber Im Rahmen der Vertrauensvergabe steht der Treuegeber vor der Wahl, dem Treuhänder Vertrauen zu schenken oder ihm das Vertrauen zu verweigern. Coleman versteht diesen Vorgang als Kosten-Nutzen-Rechnung, die von der Wahrscheinlichkeit der Vertrauenswürdigkeit des Treuhänders (p), dem möglichen Verlust im Falle, dass der Treuhänder nicht vertrauenswürdig ist (L), und dem Gewinn im Falle der Vertrauenswürdigkeit des Treuhänders (G), abhängig ist. Die Entscheidung für oder gegen eine Vertrauensvergabe erfolgt somit nicht auf Basis einer absoluten Unsicherheit über das Ergebnis der eigenen Entscheidung, sondern vor dem Hintergrund des Wissens um die Eintrittswahrscheinlichkeit eines bestimmten zukünftigen Verhaltens seitens des Treuhänders. Hinzu kommt außerdem noch die gegenseitige Verrechnung von Verlust bzw. Gewinn, der aus der Vertrauensentscheidung erwachsen 155 Soziales Vertrauen kann. Nach Coleman ergeben sich so folgende (Un-)gleichungen für die Bestimmung eines Schwellenwertes, ab dem sich Vertrauen lohnt, nicht lohnt oder es keinen Unterschied macht, ob man Vertrauen schenkt oder nicht (Coleman (1991), S. 126; Coleman (1994), S. 105; Endress (2002), S. 36; Junge (1998), S. 39): Der Wert der Variablen p, L und G ist dem Treuegeber oft in situationsspezifisch unterschiedlichem Maße bekannt. So weiß der Treuegeber über die möglichen Verluste, die aus einem Missbrauch des Vertrauens resultieren würden, meist sehr gut Bescheid. Besonders dann, wenn sich der Verlust in Form eines bestimmten Gutes (z. B. Geld, Zeit usw.) quantifizieren lässt, kann er besonders gut abgeschätzt werden. Auch der mögliche Gewinn aus einer erfolgreichen Vertrauensbeziehung lässt sich meist leicht bestimmen. Auch hier gilt wiederum, dass die Quantifizierung mit Hilfe eines bestimmten Gutes, das Inhalt der Vertrauensbeziehung war, am einfachsten vonstattengeht. In anderen Fällen ist es oft gerade der Gewinn aus der Vertrauensbeziehung, über den man sich zuerst Gedanken macht und den man genau versucht festzulegen. Am wenigsten weiß man in der Regel über die Vertrauenswürdigkeit des Treuhänders. Wie nah die subjektive Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass der Treuhänder vertrauenswürdig ist, an dem Wert der tatsächlichen Wahrscheinlichkeit liegt, hängt vom Umfang der Informationen ab, die man über den Treuhänder besitzt. Je näher man am tatsächlichen Wahrscheinlichkeitswert liegt, desto wahrp 1− p > L G : Vertrauen lohnt sich. p 1− p = L G : Vertrauen macht keinen Unterschied. p 1− p < L G : Vertrauen lohnt sich nicht. Der Wert der Variablen p, L und G ist dem Treuegeber oft in situationsspezifisch unterschiedlichem Maße bekannt. So weiß der Treuegeber über die möglichen Verluste, die aus einem Missbrauch des Vertrauens resultieren würden, meist sehr gut Bescheid. Besonders dann, wenn sich der Verlust in Form eines bestimmten Gutes (z.B. Geld, Zeit usw.) quantifizieren lässt, kann er besonders gut abgeschätzt werden. Auch der mögliche Gewinn aus einer erfolgreichen Vertrauensbeziehung lässt sich meist leicht bestimmen. Auch hier gilt wiederum, dass die Quantifizierung mit Hilfe eines bestimmten Gutes, das Inhalt der Vertrauensbeziehung war, am einfachsten vonstattengeht. In anderen Fällen ist es oft gerade der Gewinn aus der Vertrauensbeziehung, über den man sich zuerst Gedanken macht und den man genau versucht festzulegen. Am wenigsten weiß man in der Regel über die Vertrauenswürdigkeit des Treuhänders. Wie nah die subjektive Einschätzung der Wahrscheinlichkeit, dass der Tr uhänder vertrauenswürdig ist, an dem W rt der tatsächlichen Wahrscheinlichkeit liegt, hängt vom Umfang der Informationen ab, die man über den Treuhänder besitzt. Je näher man am tatsächlichen Wahrscheinlichkeits ert liegt, desto wahrscheinlicher wird dann, ob man als Treu geber die r chtige Entscheidung trifft. Die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit einer Person ist dabei allerdings auch immer mit dem Risiko d r Unter- bzw. Überschätzung verbunden. Wie wichtig die Vertrauenswürdigkeit eines Treuhänders für eine Vertrauensentscheidung wird, ergibt sich aus der Differenz des erwarteten Gewinns und des erwarteten Verlustes. So kann beispielsweise ein positives Verhältnis von Gewinn zu Verlust einen niedrigen Wert bei der Vertrauenswürdigkeit aufwiegen. Ebenso kann eine hohe Vertrauenswürdigkeit Ungewissheiten bei der Bestimmung von Gewinn oder Verlust ausgleichen. (Coleman (1982), S. 283ff; Coleman (1991), S. 127ff; Junge (1998), S. 40f) COLEMAN entwickelt auf der Basis der oben dargestellten Überlegungen die folgende grundlegende Richtlinie für die Vergabe von Vertrauen: „(...) individuals will rationally place trust if the ratio of the probability that the trustee will keep the trust to the probability that he will not is greater than the ratio of the potential loss to the potential gain (…).“ (Coleman (1990), S. 104) Für den Treuegeber ergeben sich aus der Entscheidung zwischen Vertrauensvergabe und Vertrauensverweigerung zwei mögliche Ergebnisse: (1) Die Vertrauensvergabe mündet verglichen mit den Folgen einer Vertrauensverweigerung in einen Gewinn für den Treuegeber oder (2) die Vertrauensvergabe mündet verglichen mit den Folgen einer Vertrauensverweigerung in einen Verlust für den Treuegeber. (Coleman (1982), S. 283) 156 Vertrauen scheinlicher wird dann, ob man als Treuegeber die richtige Entscheidung trifft. Die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit einer Person ist dabei allerdings auch immer mit dem Risiko der Unter- bzw. Überschätzung verbunden. Wie wichtig die Vertrauenswürdigkeit eines Treuhänders für eine Vertrauensentscheidung wird, ergibt sich aus der Differenz des erwarteten Gewinns und des erwarteten Verlustes. So kann beispielsweise ein positives Verhältnis von Gewinn zu Verlust einen niedrigen Wert bei der Vertrauenswürdigkeit aufwiegen. Ebenso kann eine hohe Vertrauenswürdigkeit Ungewissheiten bei der Bestimmung von Gewinn oder Verlust ausgleichen. (Coleman (1982), S. 283ff; Coleman (1991), S. 127ff; Junge (1998), S. 40f) Coleman entwickelt auf der Basis der oben dargestellten Überlegungen die folgende grundlegende Richtlinie für die Vergabe von Vertrauen: „( ) individuals will rationally place trust if the ratio of the probability that the trustee will keep the trust to the probability that he will not is greater than the ratio of the potential loss to the potential gain (…).“ (Coleman (1990), S. 104) Für den Treuegeber ergeben sich aus der Entscheidung zwischen Vertrauensvergabe und Vertrauensverweigerung zwei mögliche Ergebnisse: (1) Die Vertrauensvergabe mündet verglichen mit den Folgen einer Vertrauensverweigerung in einen Gewinn für den Treuegeber oder (2) die Vertrauensvergabe mündet verglichen mit den Folgen einer Vertrauensverweigerung in einen Verlust für den Treuegeber. (Coleman (1982), S. 283) 2.1.1.4.2.2 Der Treuhänder Nachdem sich der Treuegeber für die Vergabe von Vertrauen an einen Treuhänder entschieden hat, steht der Treuhänder vor der Entscheidung, das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen oder zu missbrauchen. Dabei muss die Annahme gelten, dass sich aus dem Missbrauch des Vertrauens ein Nutzen für den Treuhänder ergibt. Die Entscheidung des Treuhänders ist dann daran gebunden, inwiefern er selbst für den Missbrauch des Vertrauens zur Verantwortung gezogen werden kann bzw. 157 Soziales Vertrauen welche negativen Konsequenzen ihm für zukünftige Handlungen daraus entstehen. Im Falle einer persönlichen Haftung wird der Treuhänder direkt zur Rechenschaft gezogen, was als wirkungsvolle Abschreckung vor einem Vertrauensbruch wirken kann. (Coleman (1982), S. 285; Coleman (1991), S. 137f) Hat der Treuhänder keine persönlichen Konsequenzen zu befürchten, hängt seine Entscheidung für oder gegen einen Vertrauensbruch davon ab, ob es sich bei der Beziehung zwischen Treuegeber und Treuhänder um einen kurzfristigen Kontakt oder eine längerfristige Verbindung handelt. In ersterem Fall würde für ihn ein Vertrauensbruch sozial folgenlos bleiben. Wenn der Treuhänder allerdings weitere Vertrauensengagements mit einem bestimmten Treuegeber anstrebt, weil ihm dadurch ein größerer Nutzen entsteht, wird er sich eher gegen einen Vertrauensbruch entscheiden. Coleman zieht hieraus zwei Schlussfolgerungen: (1) Je länger die Beziehung zwischen Treuegeber und Treuhänder andauert und je größer der Nutzen ist, den sich der Treuhänder von dieser Beziehung erwartet, desto vertrauenswürdiger wird er sein. (2) Besteht ein hohes Maß an Kommunikation innerhalb eines Kreises von potenziellen Treuegebern, deren Vertrauen für den Treuhänder zukünftige Relevanz besitzt, wird er ebenfalls von einem Vertrauensbruch absehen. Würde der Treuhänder in den obengenannten Fällen das Vertrauen missbrauchen, würde dies seine Glaubwürdigkeit beschädigen. In Zukunft würde es ihm deshalb schwerer fallen, Vertrauen entgegengebracht zu bekommen. Schon ein einziger Vertrauensbruch kann somit zu folgenschweren Konsequenzen führen. (Coleman (1982), S. 285ff; Coleman (1991), S. 138ff; Junge (1998), S. 43ff) 158 Vertrauen Vertrauenswürdigkeit kann allerdings auch im Sinne eines Sozialen Kapitals28 angesammelt werden, um so die eigene Reputation bei poten- 28 Der Begriff des „Sozialen Kapitals“ findet sich bei verschiedenen Theoretikern. (Haug (1997), S. 2ff) Seine Einführung wird einerseits Glenn C. Loury zugeschrieben, andere Quellen wiederum sprechen Jane Jacobs seine erste Verwendung zu. Bei Loury wird Soziales Kapital zur Erklärung der Ungleichheit bei der Generierung von Humankapital, die sich aus dem jeweiligen sozialen Milieu ergeben, genutzt. (Loury (1977); Loury (1987)) Jacobs verwendet Soziales Kapital zur Beschreibung des Vertrauens in die potenziellen gegenseitigen Hilfeleistungen in sozialen Netzwerken. (Jacobs (1961)) Die prominentesten Vertreter des Begriffes „Soziales Kapital“ sind aber wohl James Coleman, Robert D. Putnam und Pierre Bourdieu. Coleman rekurriert bei seiner Verwendung von sozialem Kapital auf Loury. Coleman ist der Auffassung, dass sich Soziales Kapital aus seiner Funktion definiert. Kernmerkmale des Sozialen Kapitals sind dabei seine Verortung in Beziehungen zwischen zwei oder mehreren Personen, d. h. seine Einbettung in eine Sozialstruktur, und sein Potential, bestimmte Handlungen von Personen zu begünstigen. Die Wertigkeit von Sozialem Kapital basiert dabei auf dem Vertrauen in die Reziprozität von Handlungen. Coleman unterscheidet verschiedene Formen Sozialen Kapitals: Direkt anschließend an den Reziprozitätsgedanken ergeben sich Verpflichtungen und Erwartungen als Form Sozialen Kapitals. Hierbei spielen die Vertrauenswürdigkeit des sozialen Umfeldes und die Menge der einzulösenden Verpflichtungen eine große Rolle. Diese Kategorie Sozialen Kapitals bildet den Brückenschlag zur Vertrauenskonzeption von Coleman, da er hier Vertrauenswürdigkeit als einen Ausdruck Sozialen Kapitals herausstellt. Als zweite Form macht er das Informationspotential sozialer Beziehungen aus. Informationen aus verschiedenen sozialen Beziehungen können dabei als Basis für weitere Handlungen dienen. Als dritte Kategorie nennt Coleman Normen und wirksame Sanktionen. Sie können gleichermaßen handlungseinschränkend oder handlungserweiternd wirksam werden. Herrschaftsbeziehungen als vierte Kategorie ermöglichen die Kumulation von Sozialem Kapital, bspw. indem Kontrollrechte an bestimmte Personen übertragen werden. Als fünfte Form folgen übereignungsfähige soziale Organisationen. Es handelt sich hierbei um freiwillige Vereinigungen, die ursprünglich für andere Vorhaben gegründet wurden, aus deren sozialem Geflecht sich aber Synergien für folgende bzw. vom Ursprungsziel vollkommen abweichende Zwecke ergeben. Mitunter lösen sich solche Organisationen in eine der oben genannten Formen Sozialen Kapitals auf. Zuletzt nennt Coleman zielgerichtete Organisationen als Form Sozialen Kapitals. Soziales Kapital ergibt sich hier als Nebenprodukt von Aktivitäten zu anderen Zwecken. (Coleman (1988), S. 98, S. 102ff; Coleman (1991), S. 389, S. 392, S. 396ff) Nach Bourdieu ist das Sozialkapital „die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die im Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weni- 159 Soziales Vertrauen ziellen Treuegebern zu steigern. Das angesammelte Soziale Kapital kann dann auch, ganz im Sinne des Matthäus-Effektes29, als Verstärker wirken. ger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind; oder, anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen.“ (Bourdieu, (1983), S. 190f) Die Summe allen im sozialen Netzwerk eines Individuums vorhandenen Kapitals repräsentiert den Umfang des Sozialkapitals, über das dieses Individuum Verfügung hat. Im Einzelnen stellt Sozialkapital die Möglichkeit dar, Hilfe, Rat oder Informationen von anderen zu bekommen bzw. die eigenen Interessen mit Hilfe der Unterstützung durch andere durchzusetzen. Das Ausmaß des Sozialkapitals bemisst sich dann danach, wie groß das einsatzfähige Netzwerk ist und wie viel Kapital (ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital) die Netzpartizipanten ihr Eigen nennen. Aus dieser Ballung von Kapital innerhalb des Netzwerkes ergeben sich dann sogenannte Multiplikatoreffekte für das tatsächlich vorhandene Kapital. Sozialkapitalbeziehungen funktionieren auf Basis materiellen bzw. symbolischen Austausches, an dessen Beginn ein sogenannter Institutionalisierungsakt, meist in Form eines offiziellen Beitritts zu einer Gruppe, steht. Nach der Eröffnung einer Sozialkapitalbeziehung durch einen Institutionalisierungsakt setzt sich diese allerdings nicht automatisch fort, sondern bedarf einer andauernden und aufwändigen Beziehungsarbeit, die ihre Reproduktion sicherstellt. (Fuchs-Heinritz/König (2005), S. 166f; Bourdieu (1983), S. 190ff) Die Fülle des akkumulierten sozialen Kapitals kann dabei durch verschiedene Risiken bedroht werden. Diese Risiken sind nahezu deckungsgleich zu den Risiken, die bei der Vergabe von Vertrauen auftreten. Im Einzelnen: (1) Risiko der Undankbarkeit bzw. die Beziehungsfalle (Ausfall von Reziprozität); (2) Risiko der asymmetrischen Reziprozität bzw. die Statusfalle (Unterschiedlicher Status der Interaktionspartner führt zu ungleichen Beziehungsinvestitionen); (3) Risiko der Unzumutbarkeit bzw. die Freundschaftsfalle (Eine Veränderung der Beziehungskonstellation führt dazu, dass bestimmte Gefallen als unzumutbar gelten). Außerdem kann die Delegation des gesamten Kapitals eines Netzwerkes an einen einzelnen Repräsentanten Missbrauch Vorschub leisten. (Bourdieu (1983), S. 193f; FuchsHeinritz/König (2005), S. 167; Müller, (1986), S. 166) Putnam bezieht sich in seiner Verwendung des Begriffes soziales Kapital auf Jacobs. Auf Putnams Vertrauenskonzeption soll allerdings an anderer Stelle näher eingegangen werden. (Vgl. Abschnitt „3.2.2.1.1 Vertrauen und Soziales Kapital (Putnam)“) 29 Der sogenannte „Matthäus-Effekt“ geht auf den amerikanischen Soziologen Robert K. Merton zurück. Ausgangspunkt ist eine Textpassage aus dem Matthäusevangelium in der es heißt: „Denn, wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluß haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ (Mt 13,12) Merton entwickelt den Begriff des „Matthäus-Effekts“, um zu beschreiben, dass innerhalb des Feldes der Wissenschaft oft eine Fehlal- 160 Vertrauen Der Treuhänder bekommt in diesem Fall mit steigender Vertrauenswürdigkeit immer mehr Vertrauensangebote, während bei sinkender Vertrauenswürdigkeit die Vertrauensangebote weniger würden bzw. ganz versiegen würden. Auch dem Treuegeber ist daran gelegen, solche sozialen Strukturen zu schaffen, die den Treuhänder dazu anhalten, keine Vertrauensbrüche zu begehen. Die oben dargestellten Schlussfolgerungen Colemans bieten Hinweise darauf, welche Maßnahmen hierzu in Frage kommen. (Coleman (1991), S. 140ff; Endress (2002), S. 36) 2.1.1.4.2.3 Vertrauenskonstellationen Prinzipiell lassen sich Vertrauensbeziehungen in solche unterscheiden, in denen einseitig und wechselseitig Vertrauen vergeben wird. Außerdem muss man zwischen Vertrauensbeziehungen auf der Mikro- und der Makroebene unterscheiden bzw. die Konsequenzen beachten, die aus einem Übergang von Mikro- zu Makroebene und umgekehrt, für Vertrauensbeziehungen erwachsen können. lokation von Anerkennung für wissenschaftliche Leistungen stattfindet. So wird in vielen Fällen, bei denen zwei Wissenschaftler zu ähnlichen oder gleichwertigen Ergebnissen bezüglich eines Forschungsgegenstandes kommen, demjenigen der Verdienst der Entdeckung zugeschrieben, der in der scientific community etablierter ist. Zuckerman beschreibt diesen Umstand wie folgt: „Im Verhältnis zu ihrer Leistung erfahren die besser bekannten Autoren ein Übermaß an Anerkennung, während die weniger bekannten Kollegen, gemessen an ihrer Leistung, unterschätzt werden.“ (Zuckerman (2010), S. 314) Entsprechend des Konzepts vom kumulativen Vorteil werden dann bei der Zitation von Werken solche Wissenschaftler bevorzugt, die bereits über eine hohe Reputation verfügen, was das Ausmaß dieser Reputation weiter erhöht. Durch ihre Position bereits Begünstigte erhalten somit einen weiteren Vorteil, während die weniger Begünstigten leer ausgehen. Das Konzept des „Matthäus-Effekts“ lässt sich auch auf andere Gesellschaftsgebiete übertragen und beschreibt im Allgemeinen eine Kumulation von Vorteilen und eine daraus resultierende Ungleichheit zwischen Personengruppen. Umgangssprachlich lässt sich der Effekt dann auf die Formel „Wer hat, dem wird gegeben“ bringen. (Merton (1968); Merton (1988); Zuckerman (2010)) 161 Soziales Vertrauen 2.1.1.4.2.3.1 Einseitiges Vertrauen Die von Coleman beschriebene grundlegende Vertrauensbeziehung zwischen einem Treuegeber und einem Treuhänder stellt gleichzeitig den Prototypen für Vertrauenskonstellationen dar, in denen einseitig Vertrauen vergeben wird. Er erweitert diese Beziehungskonstellation durch drei Relationen, die er als Vertrauensintermediäre30 bezeichnet. Der Intermediär fungiert dabei als eine Art Vertrauensvermittler zwischen einem oder mehreren Treuegebern und Treuhändern. Im Einzelnen handelt es sich hierbei um (1) den Berater, (2) den Bürgen und (3) den Unternehmer. Die besondere Eigenschaft der Intermediären ist es, dass durch ihre Initiative Handlungsmöglichkeiten entstehen, die andernfalls nicht möglich gewesen wären. (Coleman (1991), S. 232) Der Berater (z. B. Empfehlung eines Arztes) vermittelt zwischen einem Treuegeber und einem Treuhänder in der Form, dass er den Kontakt zwischen beiden herstellt. Er fungiert als Leumundszeuge für den Treuhänder, allerdings muss die schlussendliche Vertrauensbeziehung direkt zwischen Treuegeber und Treuhänder entstehen. Das heißt: Der Treuegeber muss dem Treuhänder vertrauen, der Intermediär ist in diese Beziehung aber nicht mehr eingebunden. Seine Aufgabe besteht lediglich in der Kontaktvermittlung zwischen Treuegeber und Treuhänder sowie der Empfehlung des Treuhänders an den Treuegeber. Bricht der Treuhänder das Vertrauen, so kann der Berater an Reputation verlieren. (Coleman (1982), S. 288f; Coleman (1991), S. 232ff; Junge (1998), S. 47) Der Bürge (z. B. Kreditvergabe) fungiert als Bindeglied zwischen Treuegeber und Treuhänder und vereint dabei beide Rollen in sich selbst. Gegenüber dem Treuegeber tritt er als Treuhänder auf und bekommt von diesem Ressourcen zur Verfügung gestellt. Gegenüber dem Treuhänder 30 Während der Entwicklung von der vormodernen zur modernen Gesellschaft veränderte sich auch die Form, in der der Intermediär in Erscheinung tritt. Handelte es sich in vormodernen Gesellschaften noch um bestimme Personen, die eine zentrale Rolle innerhalb der Gemeinschaft einnahmen, findet in modernen Gesellschaften eine Verschiebung hin zu Institutionen als Intermediären statt. Die Rolle des Individuums gegenüber diesen Institutionen wird dabei nach Coleman weitestgehend auf die des Arbeitnehmers oder des Schuldners reduziert. (Coleman (1982), S. 291f; Coleman (1991), S. 237f) 162 Vertrauen tritt er dagegen als Treuegeber auf und gibt an ihn die Ressourcen weiter, die er zuvor vom Treuegeber erhalten hat. Bricht nun der Treuhänder das Vertrauen, so muss der Bürge für den Verlust, der dem Treuegeber entsteht, einstehen. Der Bürge läuft somit Gefahr einen Verlust an Ressourcen zu erleiden, wobei seine Vertrauenswürdigkeit nicht beschädigt werden kann. Um den Verlust an Ressourcen zu vermeiden, benötigt der Bürge möglichst viele und gute Informationen über die Vertrauenswürdigkeit des Treuhänders. Vergleicht man die Bürgenkonstellation mit dem Prototypen der Vertrauensbeziehung, so erkennt man, dass sich eine Art Verdopplung der Vertrauensvergabe eingestellt hat. Die Beziehung zwischen Treuhänder und Bürge sowie die Beziehung zwischen Bürge und Treuegeber lassen sich jeweils als prototypische Vertrauensbeziehung betrachten. (Coleman (1982), S. 288f; Coleman (1991), S. 233ff; Junge (1998), S. 47f) Der Unternehmer sammelt das Vertrauen und die Ressourcen verschiedener Treuegeber und übergibt diese wiederum an verschiedene Treuhänder, in die Investitionen einen Gewinn für die ursprünglichen Treuegeber erwarten lassen. Die Reputation des Unternehmers kann hier beispielsweise aus seiner Fähigkeit, das in ihn gesetzte Vertrauen geschickt und gewinnbringend weiter zu vermitteln, bestehen. (Coleman (1991), S. 233ff; Junge (1998), S. 48) Neben den Intermediären existiert eine weitere Form einseitiger Vertrauensvergabe, die den Charakter von Systemvertrauen besitzt. Es handelt sich hierbei um das sogenannte Drittparteien-Vertrauen (z. B. Wert von Geld). Hierbei beinhaltet die Vertrauensbeziehung zwischen Treuegeber und Treuhänder einen dritten passiven Akteur. Obwohl dieser dritte Akteur nicht aktiv in die Vertrauensbeziehung eingreifen kann, bildet er dennoch deren Zentrum und garantiert für die sich im Spiel befindlichen Ressourcen. Die Vertrauensbeziehung zwischen Treuegeber und Treuhänder basiert dabei auf einer Vergabe von Ressourcen, für die der Treuhänder keine unmittelbare Sicherheit bzw. keinen unmittelbaren Nutzen bieten kann. Allerdings befindet sich der Treuhänder in einer noch nicht abgeschlossenen Vertrauensbeziehung zum dritten Akteur. Da sowohl der Treuegeber als auch der Treuhänder gleicher- 163 Soziales Vertrauen maßen dem dritten Akteur vertrauen, besteht für den Treuhänder die Möglichkeit die offene Vertrauensbeziehung mit dem dritten Akteur an den Treuegeber zu überantworten. Der dritte Akteur wird damit zum passiven Teilhaber an der Vertrauensbeziehung zwischen Treuegeber und Treuhänder. (Coleman (1982), S. 290f; Coleman (1991), S. 239ff; Junge (1998), S. 48) 2.1.1.4.2.3.2 Gegenseitiges Vertrauen In den bisher betrachteten Fällen ging Coleman auf Beziehungen ein, in denen Vertrauen nur in eine Richtung vergeben wurde. Vertrauensbeziehung mit wechselseitigem Vertrauen führen im Vergleich zu einseitigen Vertrauensbeziehungen zu andersartigen Handlungsimplikationen für die Akteure, da sie zur gleichen Zeit sowohl Treuegeber als auch Treuhänder sind. Daraus resultiert wiederum, dass sie gleichzeitig mit den Verhaltenswahlmöglichkeiten des Treuegebers und des Treuhänders konfrontiert sind. Als Treuhänder müssen beide Akteure entscheiden, ob ein Vertrauensbruch und der daraus resultierende Nutzen einen grö- ßeren Gewinn darstellt oder ob eine langfristige Vertrauensbeziehung den größeren Nutzen ausmacht. Kommt es tatsächlich zum Vertrauensbruch, müssen sie als Treuegeber entscheiden, ob ebenfalls mit einem Vertrauensbruch reagiert werden soll oder ob dem anderen das Vertrauen entzogen werden soll. Durch die Tatsache, dass beide Akteure dieselben Maßnahmen zur Sanktionierung des Partners ergreifen können, wird die Gefahr eines Vertrauensbruchs allerdings minimiert. Setzt man also Vertrauen in den anderen, so wird die eigene Vertrauenswürdigkeit erhöht, was den anderen dazu animiert, Vertrauen zurückzugeben. Die Wahrscheinlichkeit, Vertrauen zu schenken, erhöht sich und die Wahrscheinlichkeit, Vertrauen zurückzuziehen, verringert sich, je mehr man vom Vertrauen des anderen profitiert. Mit anderen Worten: Gegenseitiges Vertrauen erzeugt ein positives Feedback, durch das die Vertrauensbeziehung aufrechterhalten wird. (Coleman (1982), S. 295ff; Coleman (1991), S. 228ff; Junge (1998), S. 46) Coleman zieht hieraus zwei Schlussfolgerungen: 164 Vertrauen „First, trustors involved in an asymmetric trust relation will have an incentive to transform that relation into one of mutual trust (…). Second, if a relation involves mutual trust, both parties should be more likely to be trustworthy than is the trustee in an asymmetric trust relation.“ (Coleman (1990), S. 178) 2.1.1.4.2.3.3 Vertrauen auf der Makroebene Bei den bisher vorgestellten Formen von Vertrauensbeziehungen bezieht sich Coleman vornehmlich auf die Vergabe und den Missbrauch von Vertrauen auf der Mikroebene. Bei der Betrachtung des Vertrauensphänomens auf der Makroebene legt Coleman besonderen Wert auf die Analyse von Vertrauensschwankungen und deren Auswirkungen auf die Dynamik eines sozialen Systems. Er beginnt mit der Diskussion zweier Kategorien von Systemen, die sich aus den gleichen Bausteinen zusammensetzen, wie die Beziehungen auf der Mikroebene. Mit der Diskussion dieser beiden Systeme erhebt Coleman allerdings keinen Anspruch darauf, alle möglichen Arten von Vertrauensgeflechten auf der Makroebene abgedeckt zu haben. Er unterscheidet an dieser Stelle zwischen der Gemeinschaft und einem System aus Beziehungen mit beratenden Intermediären. Eine Gemeinschaft stellt ein System gegenseitigen Vertrauens dar und ist eine Erweiterung der Zweierbeziehung mit wechselseitigem Vertrauen. Es setzt sich dabei aus mehreren Akteuren zusammen, die alle gleichermaßen an dem Ergebnis eines bestimmten Vorhabens interessiert sind. Darüber hinaus möchte keiner der beteiligten Akteure andere Interessen vernachlässigen, um an dem Unternehmen teilnehmen zu können, da sich natürlich sonst ihr individueller Nutzen schmälern würde. Jeder Akteur innerhalb der Gemeinschaft ist zugleich Treuegeber und Treuhänder. Entsprechend vertraut er auf der einen Seite darauf, dass sich alle anderen Akteure in gleichem Maße an der gemeinsamen Unternehmung beteiligen und muss auf der anderen Seite entscheiden, ob er das ihm entgegengebrachte Vertrauen missbraucht, indem er seinen eigenen Beitrag minimiert. Als Treuhänder, der einen Vertrauensbruch begeht, muss man allerdings immer mit möglichen Sanktionen gegen einen rech- 165 Soziales Vertrauen nen. In der Regel handelt es sich hierbei um den Entzug des Vertrauens. (Coleman (1991), S. 242f) Daneben können Gemeinschaften auch besondere Verhaltensweisen bei den teilnehmenden Akteuren auslösen. Im Einzelnen handelt es sich hierbei um das sogenannte Trittbrettfahren und den sogenannten Übereifer. Bei beiden Verhaltensweisen handelt es sich um rationale Abwägungen von Kosten und Nutzen. Trittbrettfahren könnte, folgt man den Rahmenbedingungen des Vertrauens in Gemeinschaften, als geglückter Vertrauensbruch bezeichnet werden. Der Trittbrettfahrer prosperiert vom Einsatz der anderen Akteure für eine Sache, ohne dass er sich selbst beteiligt. Die Rationalität des Übereifers besteht in der Erwartung positiver Sanktionen, die man für den besonderen Einsatz für die Sache erwartet. Im Zusammenhang mit Vertrauen kann der Übereifrige beispielsweise seine Reputation bei anderen erhöhen. (Coleman (1991), S. 243, S. 354ff) Systeme beratender Intermediäre stellen eine Erweiterung der Vertrauenskonstellation mit einem Berater dar. Der Berater fungierte dabei als Instanz, die einem Treuegeber einen Treuhänder empfiehlt. Gleich einem Schneeballsystem lässt sich diese Empfehlung auf immer mehr Akteure ausdehnen, sodass am Schluss das gesamte System dem Treuhänder vertraut. Der ehemalige Treuegeber wird in diesem Vorgang zum Berater eines weiteren Treuegebers usw. (Coleman (1991), S. 244) Bezüglich der Dynamik von Vertrauen in sozialen Systemen untersucht Coleman die Interdependenzen zwischen Treuegebern, die demselben Treuhänder Vertrauen schenken oder verweigern. Dabei kann es zu zwei entgegengesetzten Phänomenen kommen: (1) Einer plötzlichen Vertrauensexpansion oder (2) einer plötzlichen Vertrauensrezession. Diese beiden Phänomene scheinen neben der vorherrschenden Kommunikationsstruktur unter den Treuegebern von den folgenden Informationsquellen abzuhängen (Coleman (1982), S. 293ff; Coleman (1991), S. 244ff): „1. The trustee’s performance itself (for example, that of a graduate student being evaluated or a charismatic leader) 166 Vertrauen 2. Others who have a position similar to the trustor’s and similar interests in the placement of trust (for example, other faculty members, other members of a commune, or other members of a political movement) 3. Others who have a position different from the trustor’s and lack the similar interests (for example, other graduate students, or the persons seen as ‚wordly‘ or ‚heretical‘ by those within a movement).“ (Coleman (1990), S. 191) Je nachdem, welche Informationen innerhalb des Netzwerkes der Treuegeber zirkulieren, kommt es dann zu einem kollektiven Vertrauensentzug oder einer kollektiven Vertrauensvergabe. 2.1.1.4.2.4 Auswirkungen von Vertrauen Am Schluss seiner Ausführungen über Vertrauen zieht Coleman die folgende Bilanz (Coleman (1991), S. 136f; S. 253; Junge (1998), S. 49): Die Vergabe von Vertrauen bedeutet eine Erweiterung des Handlungsspielraumes des Vertrauten, während der Entzug von Vertrauen seinen Handlungsspielraum einschränkt. Vertrauensbeziehungen besitzen eine grundsätzliche Tendenz zur Instabilität. Auf eine Zunahme von Vertrauen folgt dabei meist eine weitere Vertrauenssteigerung, während auf eine Abnahme von Vertrauen meist ein weiterer Verlust von Vertrauen folgt. Es besteht ein Zwang Vertrauen zu vergeben. Zieht man Vertrauen aus einem System oder von einem Akteur ab, so muss man es an anderer Stelle wieder investieren. 2.1.1.4.3 Vertrauen und Kooperation (Gambetta) Gambetta stellt in seinem Ansatz die Funktion von Vertrauen für Kooperation in den Vordergrund. Vertrauen ist danach „an important lubricant for social an economic transactions“ (Ermisch/Gambetta/Lau- 167 Soziales Vertrauen rie/Siedler/Uhrig (2009), S. 749). Es ermöglicht die Senkung von Transaktionskosten durch die Möglichkeit informelle Abmachungen zu nutzen, wobei solche Kooperation besondere Anforderungen an den Grad des Vertrauens stellt. Je höher dabei der Grad des Vertrauens ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit der Kooperation. Gegenseitigem Vertrauen kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Funktionalität zu. So würde vollständiges Misstrauen Kooperation unmöglich machen, während blindes Vertrauen Betrugsabsichten Vorschub leistet. Wird nur einseitiges Vertrauen geschenkt, so ist die Wahrscheinlichkeit eines Scheiterns der Kooperationsbeziehung wahrscheinlich, da für eine erfolgreiche Kooperation ein Wohlwollen des Gegenübers notwendig ist. Vertrauen zu haben, bedeutet dann, mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit davon überzeugt zu sein, dass eine andere Person kooperieren wird. Wann diese Vertrauensschwelle erreicht ist, hängt sowohl von subjektiven als auch von objektiven Bedingungen ab. Auf der subjektiven Ebene sind dabei individuelle Neigungen wie Risikobereitschaft und Enttäuschungstoleranz betroffen, während auf objektiver Ebene die etwaigen Kosten einer Vertrauensenttäuschung oder einer Vertrauensenthaltung eine Rolle spielen. (Gambetta (2001), S. 209, S. 214, S. 218, S. 220, S. 226f) Gambetta definiert Vertrauen bzw. Misstrauen dann wie folgt: „Vertrauen (oder, entsprechend Misstrauen) ist ein bestimmter Grad der subjektiven Wahrscheinlichkeit, mit der ein Akteur annimmt, dass eine bestimmte Handlung durch einen anderen Akteur oder eine Gruppe von Akteuren ausgeführt wird, und zwar sowohl bevor er eine solche Handlung beobachten kann (oder unabhängig von seiner Fähigkeit jemals beobachten zu können) als auch in einem Kontext, in dem sie Auswirkungen auf seine eigene Handlung hat (…). Wenn wir sagen, dass wir jemandem vertrauen oder dass jemand vertrauenswürdig ist, dann meinen wir implizit, dass die Wahrscheinlichkeit, mit der er eine Handlung ausführen wird, die für uns vorteilhaft oder zumindest nicht schädlich ist, hoch genug ist, sodass wir in Erwägung ziehen, uns auf eine Art von Kooperation mit ihm 168 Vertrauen einzulassen. Wenn wir sagen, jemand sei nicht vertrauenswürdig, dann meinen wir entsprechend, diese Wahrscheinlichkeit sei niedrig genug, um uns daran zu hindern, eine derartige Kooperation in Erwägung zu ziehen.“ (Gambetta (2001), S. 211) Vertrauen bewegt sich seiner Auffassung nach zwischen den Extrempunkten von blindem Vertrauen und Misstrauen und ist auf Beziehungen zwischen Akteuren gerichtet. Zentral für Vertrauen ist dabei, dass es dabei hilft, mit der Unwissenheit gegenüber dem Handeln anderer umzugehen. Würde eine Vollinformiertheit vorherrschen, so würde es kein Problem mehr darstellen, Vertrauen zu zeigen. Vertrauen ist damit auf die Freiheit anderer bezogen aus Vertrauensbeziehungen auszusteigen, zu betrügen oder unkooperatives Verhalten zu zeigen. (Gambetta (2001), S. 211ff) Bei der Gewährung von Vertrauen muss sich der Vertrauensgeber daher einem Vertrauensproblem erster Ordnung und einem Vertrauensproblem zweiter Ordnung stellen: Das Vertrauensproblem erster Ordnung (primary problem of trust) bezieht sich dabei auf die Frage „Can I trust this person to do X“ (Bacharach/Gambetta (2001), S. 148), während das Vertrauensproblem zweiter Ordnung (secondary problem of trust) sich damit beschäftigt, ob überhaupt den Zeichen für die Vertrauenswürdigkeit einer Person getraut werden kann. Das secondary problem of trust stellt dabei das gewichtigere dar und seine Lösung hängt davon ab, ob der Vertrauensgeber die Zeichen des Vertrauensnehmers korrekt deutet. Gambetta unterscheidet diese Zeichen für Vertrauenswürdigkeit in krypta und manifesta. Krypta stellen dabei Eigenschaften des Vertrauensnehmers dar, die sich einer direkten Beobachtung entziehen. Über sie können nur Schlussfolgerungen gezogen werden durch eine Kombination aus Hintergrundwissen, Quellenwissen und eigene Beobachtungen. Manifesta dagegen sind Eigenschaften des Vertrauensnehmers, die direkt beobachtbar sind. Sie beinhalten Aspekte des Körpers, das Verhalten und die Ausstattung des Vertrauensnehmers. Außerdem können manifesta Beweise für oder Hinweise auf krypta sein. (Bacharach/Gambetta (2001), S. 154f) Hierbei besteht allerdings auch immer die Gefahr, dass manifesta nur imitiert oder vor- 169 Soziales Vertrauen getäuscht werden, um einen vertrauenswürdigen Eindruck zu machen. (Bacharach/Gambetta (2001), S. 168ff) 2.1.1.4.4 Vertrauen als fragile commodity (Dasgupta) Dasgupta betrachtet Vertrauen aus seiner vornehmlich ökonomischen Perspektive. Vertrauen wird in seiner Perzeption zur „fragile commodity“ (Dasgupta (1988), S. 50), die „central to all transactions“ (Dasgupta (1988), S. 49) ist und „a sort of ever-ready lubricant that permits voluntary participation in production and exchange“ (Dasgupta (1988), S. 49) darstellt. Seine Definition von Vertrauen lautet: „(…) I am using the word ‚trust‘ in the sense of correct expectations about the actions of other people that have a bearing on one’s own choice of action when that action must be chosen before one can monitor the actions of those others.“ (Dasgupta (1988), S. 51) Vertrauen besitzt dabei sechs Voraussetzungen bzw. Implikationen (Dasgupta (1988), S. 50f): (1) Die Abwesenheit einer angemessenen Strafe für den Bruch von Vereinbarungen, führt zu einem Rückgang bzw. dem Ausbleiben interpersoneller Transaktionen. (2) Die Androhung einer Strafe für abweichendes Verhalten muss glaubhaft sein bzw. die zuständige Vollzugsmacht muss vertrauenswürdig sein. (3) Das Vertrauen zu Personen und zur Vollzugsmacht ist miteinander verbunden. Ein Verlust des Vertrauens in die Vollzugsmacht hat einen Verlust des Vertrauens in Personen zur Folge. Entsprechend hat der Verlust des Vertrauens in Personen, die Vollzugsmacht zur Rechenschaft zu ziehen, einen Verlust des Vertrauens in die Vollzugsmacht zur Folge. (4) Vertrauen wird einer Person oder einer Vollzugsmacht nicht auf Basis ihres Bekenntnisses zu einer Handlung geschenkt. Vielmehr spielt 170 Vertrauen das Wissen um dessen Gesinnung, dessen Fähigkeiten und dessen Handlungsmöglichkeiten sowie der daraus erwachsenden Konsequenzen eine Rolle. Die Verpflichtung einer Person oder einer Vollzugsmacht auf ein bestimmtes Handeln impliziert dabei nicht, dass dieses Handeln auch tatsächlich ausgeführt würde. Tatsächlich übt eine solche Handlungsverpflichtung nach Dasguptas Auffassung lediglich Einfluss auf unsere Erwartungen hinsichtlich der Handlungen des anderen aus. Entsprechend verändert sich auch die Erwartung des anderen bezüglich unserer zukünftigen Handlungen. (Dasgupta (1988), S. 55f) (5) Im Zuge der Entscheidung eine Vereinbarung mit jemandem einzugehen, sollte auch immer die Perspektive der Gegenseite eingenommen werden, um bestimmen zu können, ob der andere seinen Teil der Abmachung auch einhalten wird. Das heißt: Ein Perspektivenwechsel unterstützt die Bestimmung der Vertrauenswürdigkeit des anderen. (6) Vertrauen selbst ist nicht messbar, allerdings kann der Wert des Vertrauens innerhalb einer Beziehung bestimmt werden. Dasgupta unterscheidet zwei Anwendungsgebiete von Vertrauen. Vertrauen kommt in erster Linie dann zum Einsatz, wenn eine Überwachung anderer nicht möglich ist. Liegt es in meinen Möglichkeiten, andere zu überwachen, so wird Vertrauen überflüssig. In zweiter Linie spielt Vertrauen dann eine Rolle, wenn andere eine Information besitzen, die für mein Handeln notwendig ist, über die ich aber keine Verfügungsgewalt habe. In einem solchen Fall muss ich darauf vertrauen, dass die fraglichen Personen mir wahrheitsgemäß Auskunft geben. (Dasgupta (1988), S. 51f) Grundlegend für Vertrauen ist das, was er das „problem of trust“ nennt: Würden alle Menschen sich nach moralischen Gesichtspunkten korrekt verhalten, so wäre Vertrauen unnötig. Da aber immer eine Inkongruenz zwischen individuellen und moralischen Werten besteht, kann nicht per se davon ausgegangen werden, dass alle Menschen vertrauenswürdig sind. Vielmehr scheint Vertrauen bzw. Vertrauenswürdigkeit an 171 Soziales Vertrauen zwei Einflussfaktoren gebunden zu sein. Es sind diese: Reputation und situationsspezifische Gelegenheiten. Reputation ergibt sich dabei aus den vorgängigen Handlungen des anderen, seinem kulturellen, gesellschaftlichen und familiären Hintergrund sowie seinen Motiven und seinem Verhalten. Vertrauenswürdigkeit und darauf basierendes Vertrauen ergeben sich hier aus einem längerfristigen Engagement. Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit als Folge situationsspezifischer Gelegenheiten stellt demgegenüber eine kurzfristige Bereitschaft dar. Vertrauen, das an eine bestimmte Situation gebunden ist, ergibt sich aus den Interessen, der an der Vertrauensbeziehung beteiligten Personen. Auf diese Weise kann auch ansonsten als wenig vertrauenswürdig geltenden Personen Vertrauen geschenkt werden, sofern sich deren Motivation zur Situation passend gestaltet. (Dasgupta (1988), S. 53f) 2.1.1.4.5 Vertrauen als encapsulated interest (Hardin) Das Vertrauensmodell von Hardin begreift Vertrauen als encapsulated interest, was bedeutet, dass für eine Vertrauensvergabe die Interessen des Vertrauensgebers in die Interessen des Vertrauensnehmers eingeschlossen sein müssen. Es besteht darüber hinaus die Notwendigkeit, dass der Vertrauensnehmer ein Interesse am Bestand der Beziehung zum Vertrauensgeber hat und somit einen Anreiz hat, sich vertrauenswürdig zu verhalten. Mit eingeschlossenem Interesse ist dabei allerdings keinesfalls eine bloße Interessenskongruenz zwischen Vertrauensgeber und -nehmer gemeint. Vertrauen bezieht sich in diesem Sinne nicht primär auf die Interessen des Vertrauensnehmers, sondern vielmehr auf den Grad der Einbettung der Interessen des Vertrauensgebers in die Interessen des Vertrauensnehmers. Hierbei besteht das ständige Risiko, dass die Interessen des Vertrauensgebers von konfligierenden Interessen des Vertrauensnehmers überlagert werden und somit das in den Vertrauensnehmer gesetzte Vertrauen nicht erfüllt werden wird. Tatsächlich werden die Interessen des Vertrauensgebers immer nur bis zu einem gewissen Level in die Interessen des Vertrauensnehmers eingeschlossen, sodass dem Vertrauensnehmer auch nur bis zu diesem Level vertraut werden kann. (Hardin 172 Vertrauen (2001b), S. 295; Hardin (2002), S. 3ff; Hardin (2004), S. 6f; Hardin (2006), S. 17, S. 19) Vertrauen als encapsuled interest definiert Hardin wie folgt: „On this account, I trust you because it is in your interest to take my interests in the relevant matter seriously in the following sense: You value the continuation of our relationship, and you therefore have your own interest in taking my interest into account. That is, you encapsulate my interests in your own interests. My interests might come into conflict with other interests you have, and those interests of yours might trump mine, and you might therefore not actually act in ways that serve my interests. Nevertheless, you at least have some interest in doing so.“ (Hardin (2004), S. 6) Vertrauen stellt nach Hardins Lesart im Kern eine Relation dreier Bestandteile dar: „First, trust is generally a three-part relation that restricts any claim of trust to particular parties and to particular matters.“ (Hardin (2002), S. 7) Vertrauen wird somit immer einer bestimmten Person bezüglich eines bestimmten Gegenstandes geschenkt. Grundlage der Vertrauensvergabe sind dabei die Intention und Motivation des Vertrauensnehmers gegen- über dem Vertrauensgeber sowie die Befähigung des Vertrauensnehmers, die von ihm erwarteten Handlungen umzusetzen. (Hardin (1991), S. 187; Hardin (2002), S. 7f; Hardin (2004), S. 10; Hardin (2006), S. 17ff, S. 34) Vertrauen stellt für Hardin des Weiteren eine kognitive Kategorie dar. Es kann sich daher nicht entschieden werden zu vertrauen, sondern Vertrauen ergibt sich als Annahme über die Vertrauenswürdigkeit einer Person aus dem Wissen, das uns bezüglich dieser Person zur Verfügung steht. (Hardin (1998), S. 11; Hardin (2002), S. 7; Hardin (2006), S. 17f) In Verbindung mit dem Verständnis von Vertrauen als „dreistellige Relation“ (Hardin (2001b), S. 297) leitet Hardin ab, dass Vertrauen nicht auf Basis generalisierter Erwartungen entstehen kann und dementsprechend 173 Soziales Vertrauen nicht auf beliebige Andere erweiterbar ist. Vielmehr handelt es sich bei Vertrauen um ein rationales und kontextbezogenes Konzept, das spezielle Erwartungen an spezifische Andere voraussetzt. Sichtbar wird dies daran, dass bestimmten Personen in Bezug auf bestimmte Dinge mehr vertraut wird als anderen Personen. Darüber hinaus ergibt sich Vertrauen nach Hardin nur in fortlaufenden Beziehungen, da nur durch wiederholte und nutzenbringende Kooperation Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit erwachsen kann. (Hardin (2002), S. 3, S. 9f, S. 13ff; Hardin (2006), S. 31) „More generally, it is principally those with whom we have ongoing relationships that we trust. In addition, the richer and the more valuable it is to us, the more trusting and trustworthy we are likely to be in that relationship.“ (Hardin (2002), S. 3) Sichergestellt wird Vertrauenswürdigkeit mittels Sanktionen, die je nachdem, ob es sich um Beziehungen auf der Mikro- oder Makroebene handelt, sich unterscheiden. Hardin differenziert an dieser Stelle in ongoing dyadic relationships und ongoing group or societal relationships. (Hardin (2002), S. 14; Hardin (2006), S. 31) Innerhalb von ongoing dyadic relationships unterscheidet Hardin nochmals in oneway und mutual trust relationships. In one-way trust relationships wird Vertrauen einseitig an einen Vertrauensnehmer vergeben, wobei diesem freisteht, ob er dem erwiesenen Vertrauen entsprechen möchte oder nicht. Mutual trust relationships versteht Hardin als iterierte one-way trust relationships. Wechselseitiges Vertrauen stellt dann seiner Meinung nach lediglich eine Abfolge von Tauschakten mit der gleichen Person dar. Beide Vertrauenskonstellationen werden durch die gleiche Sanktion abgesichert, welche den potenziellen Rückzug des Vertrauenspartners aus der Vertrauensbeziehung beinhaltet und deren Folge es ist, dass zukünftige Nutzen aus der Beziehung unerreichbar werden. (Hardin (2002), S. 14ff) Ongoing group or societal relationships beziehen sich auf Vertrauensbeziehungen innerhalb von Gemeinschaften. Charakteristisch für solche Vertrauensbeziehungen ist es, dass sie nicht auf zwei Partner beschränkt sind, sondern 174 Vertrauen dass sich ein sich überlappendes Beziehungsgeflecht zwischen allen Mitgliedern der Gemeinschaft entwickeln kann. Der Missbrauch von Vertrauen wird in solchen Vertrauensbeziehungen durch den potenziellen Beziehungsabbruch, den Verlust der vertrauenswürdigen Reputation oder die Meidung durch andere Gruppenmitglieder gewährleistet. Alle drei Sanktionsmöglichkeiten haben zur Konsequenz, dass der Vertrauensbrüchige von zukünftigen Vorteilen aus den Vertrauensbeziehungen ausgeschlossen wird. (Hardin (2002), S. 21) Mit jeder Vertrauensvergabe ist auch immer das Risiko eines Vertrauensmissbrauchs verbunden. Hierbei ist nach Hardins Auffassung allerdings nicht das Vertrauen an sich risikoreich, sondern das Handeln auf Basis dieses Vertrauens. Das Risiko des Handelns drückt sich in einer Unsicherheit des Vertrauensgebers gegenüber der Performanz des Vertrauensnehmers aus und bewegt sich in einem unbestimmten Bereich zwischen Determinismus und Indeterminismus. Es kann nach Hardin vier verschiedene Ursachen haben (Hardin (2001a), S. 4f; Hardin (2001b), S. 298; Hardin (2002), S. 93f; Hardin (2006), S. 28): (1) Der Vertrauensnehmer kann sich zwischen Vertrauensvergabe und Vertrauenshandlung verändern.31 (2) Der Vertrauensnehmer stellt sich fälschlicherweise als vertrauenswürdig dar, um sich einen Vorteil zu verschaffen. (3) Die Bedingungen der Vertrauensbeziehungen können sich verändert haben, sodass nun ein größerer Anreiz besteht, zu defektieren. (4) Die kommunikativen Signale des potenziellen Vertrauensnehmers wurden als vertrauensbildende Maßnahmen fehlinterpretiert. 31 Ob Hardin hierbei eine physische Veränderung, im Sinne eines Austauschs des Vertrauenspartners, oder eine psychische Veränderung, im Sinne einer Gesinnungsänderung hinsichtlich der Vertrauenswürdigkeit des Vertrauenspartners, meint, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. (Anm. d. Verf.) 175 Soziales Vertrauen Vertrauen lässt sich nun folgendermaßen zusammenfassen: „To say that I trust you suggests several things. First, I expect you to do certain things. Second and third, I think you have the motivation and the capacity to do those things. And finally, if my trust is specific to you, I think you are motivated to do those things because they benefit me, not merely because you might have wanted to do them anyway or were being paid to do them independently of the fact that they are in my interest.“ (Hardin (2000), S. 33) Ebenso wie Vertrauen stellt auch Misstrauen eine Beziehung dreier Bestandteile dar: „Moreover, distrust is, like trust a three-part relation: A distrusts B with respect to X. A might trust B on many matters but not on others. Like trust, distrust is also a matter of degree. I may distrust Ruth on some matter more than I distrust George. Finally, far more than could be true of trust, I might distrust a large number of people with respect to virtually everything. I typically would not trust many, if any, people with respect to virtually everything.“ (Hardin (2002), S. 89) Misstrauen ist dabei keineswegs das Gegenteil von Vertrauen, sondern wird von Hardin als Negativ von Vertrauen verstanden. Sowohl für Vertrauen als auch für Misstrauen müssen spezifische Gründe vorliegen. Dass jemandem nicht vertraut wird, bedeutet dann noch nicht, dass diesem jemand auch misstraut wird. Vielmehr existiert zwischen beiden Konstellationen ein Zustand der Ignoranz bzw. Vorsicht, in dem weder vertraut noch misstraut wird, sondern Informationen gesammelt werden, um über die Vertrauenswürdigkeit des anderen zu befinden. (Hardin (2002), S. 90; Hardin (2004), S. 3, S. 8, S. 10f) Misstrauen meint dann einen Zustand, in dem der potenzielle Vertrauensgeber annimmt, dass seine Interessen und die Interessen des potenziellen Vertrauensnehmers sich diametral gegenüberstehen und dass der Vertrauensnehmer aus diesem Grunde die Interessen des Vertrauensgebers keinesfalls in seine eige- 176 Vertrauen nen einschließen wird bzw. sie bei seinen Handlungen berücksichtigen wird. (Hardin (2004), S. 11) 2.1.1.4.6 Vertrauen als generalisierte Erwartungshaltung (Rotter) Rotters Antrieb sich mit dem Phänomen Vertrauen zu beschäftigen, liegt in einer zeitgenössischen Diskussion über den Rückgang von Vertrauen innerhalb der Gesellschaft. (Rotter (1971), S. 443; Rotter (1980), S. 1) Vertrauen wird dabei aus der Perspektive der sozialen Lerntheorie betrachtet, woraus die folgende Definition resultiert: „Interpersonal trust is defined here as an expectancy held by an individual or a group that the word, promise, verbal or written statement of another individual or group can be relied on.“ (Rotter (1967), S. 651) Ergänzend heißt es an anderer Stelle: „(…) trust is defined as believing others in the absence of clear-cut reasons to disbelieve (…)“ (Rotter (1980), S. 1) Vertrauen stellt dann eine „generalisierte Erwartungshaltung“ (Rotter (1981), S. 23) dar, die sich je nach betrachtetem Individuum unterscheidet. Diese individuelle Unterschiedlichkeit von Vertrauen ergibt sich aus den positiven und negativen Erfahrungen mit den Versprechungen anderer, die sich von Person zu Person unterscheiden können. (Rotter (1967), S. 653) Vertrauen entsteht dann als Folge einer Verknüpfung zweier Erwartungsebenen, die sich in spezifische Erwartungen und generalisierte Erwartungen differenzieren. Die spezifische Ebene beschreibt eine Erwartungshaltung, die an die Erfahrungen und Begebenheiten einer bestimmten Situation gebunden sind und in ihrer Spezifität auch nur für diese eine spezielle Situation Geltung besitzen. Die generalisierte Ebene stellt dagegen eine Erwartungshaltung dar, die sich aus einer Verallgemeinerung der Gemeinsamkeiten verschiedener spezifischer Situationen ergibt. Beide Ebenen sind insofern miteinander verbunden, als dass beim 177 Soziales Vertrauen Umgang mit einer neuen Situation sowohl generalisierte Erwartungen und Erfahrungen als auch die situationsspezifischen Erwartungen und Erfahrungen in die Bewertung der Situation eingehen. (Rotter (1971), S. 445; Rotter (1980), S. 2; Rotter (1981), S. 23) Konkret bedeutet dies dann: „If expectancies that others’ communications can be relied on are generalized from one social agent to another, then the individual will build up a generalized expectancy for trust of others that might be viewed as a relatively stable personality characteristic.“ (Rotter (1980), S. 1) Die Ausprägung dieser generellen Erwartungen hängt davon ab, welche Menschen und welche Kommunikationsmittel einen besonderen Einfluss auf die individuelle Sozialisation haben. (Rotter (1967), S. 653) 2.1.1.4.7 Vertrauen versus Gewissheit (Yamagishi) Im Fokus der Vertrauenskonzeption von Yamagishi stehen die Konzepte Vertrauen (trust), Gewissheit (assurance), Verpflichtung (commitment) und ihr Beitrag zur Lösung des Problems sozialer Unsicherheit. Ansatzpunkt für seine emancipation theory of trust ist die Unterscheidung von Vertrauensbeziehungen und Verpflichtungsbeziehungen: Vertrauensbeziehungen führen danach eine subjektive Reduktion sozialer Unsicherheit herbei, da das Risiko einer Enttäuschung bestehen bleibt. Gleichzeitig stellt dieses Risiko eine der Voraussetzungen für Vertrauen dar. Verpflichtungsbeziehungen führen dagegen eine objektive Reduktion sozialer Unsicherheit herbei, indem nur noch Interaktionen mit bestimmten festen Partnern eingegangen werden und sich auf diese Weise eine Reduktion des Enttäuschungsrisikos ergibt. (Yamagishi (2001), S. 140; Yamagishi (2011), S. 25, S. 41ff; Yamagishi/Cook/Motoki (1998), S. 169f; Yamagishi/Kikuchi/ Kosugi (1999), S. 155; Yamagishi/Yamagishi (1994), S. 133) Die Etablierung von Verpflichtungsbeziehungen stellt nach Yamagishis Auffassung das prominenteste Verfahren zum Umgang mit sozialer Unsicherheit dar, führt allerdings auch zu erheblichen Handlungseinschränkungen für die Beteiligten. So verringern Verpflichtungsbezie- 178 Vertrauen hungen zwar die Transaktionskosten innerhalb einer Beziehung, haben aber auch eine Erhöhung der Opportunitätskosten zur Folge. Verpflichtungsbeziehungen reduzieren demnach das Risiko betrogen zu werden, schneiden aber gleichzeitig von möglicherweise gewinnbringenderen Verbindungen mit Partnern außerhalb der Beziehung ab. Je höher die Opportunitätskosten steigen, d. h. je besser die Angebote außerhalb der Verpflichtungsbeziehung werden, desto sinnvoller wird es, eine bestehende Beziehung zu verlassen und neue Möglichkeiten wahrzunehmen. (Yamagishi (2001), S. 140f; Yamagishi (2011), S. 50ff; Yamagishi/Cook/ Motoki (1998), S. 170; Yamagishi/Kikuchi/Kosugi (1999), S. 156) Eine bestehende Verpflichtungsbeziehung aufzukündigen, kann dabei allerdings aus verschiedenen Gründen scheitern: (1) die Auflösung einer Verpflichtungsbeziehung bedarf einer gewissen Zeitverzögerung, (2) Unwilligkeit des Partnerwechsels wegen wechselseitiger Anziehungskraft, (3) die bestehende Verpflichtungsbeziehung reduziert das Vertrauen in Außenstehende. Vertrauen, insbesondere generalisiertes Vertrauen, kann hierbei eine emanzipierende Wirkung haben und es ermöglichen, aus Verpflichtungsbeziehungen auszusteigen. Yamagishi schließt hieraus, dass im Falle von sozialer Unsicherheit sogenannte low truster eher dazu neigen, in Verpflichtungsbeziehungen verhaftet zu bleiben, während sogenannte high truster in einem solchen Fall eher dazu tendieren, neue Optionen wahrzunehmen, und so eine größere Chance haben, grö- ßere Gewinne zu machen. (Yamagishi (2001), S. 141; Yamagishi (2011), S. 54ff; Yamagishi/Cook/Motoki (1998), S. 171f; Yamagishi/Kikuchi/Kosugi (1999), S. 156) Yamagishi schließt weiter, dass eine positive Korrelation von Vertrauenslevel und sozialer Intelligenz bestehen muss. So ermöglicht ein hoher Level an Vertrauen, zwar neuen Optionen aufgeschlossen gegen- überzustehen, gleichzeitig besteht aber nun die Notwendigkeit, vertrauenswürdige von vertrauensunwürdigen Menschen unterscheiden können zu müssen. Personen, die einer solchen Situation ausgesetzt sind, entwickeln daher eine besondere Sensibilität für Zeichen von Vertrauenswürdigkeit. High truster besitzen deshalb einen höheren Level sozialer Intelligenz als low truster und können potenziell problematische Bezie- 179 Soziales Vertrauen hungen leichter und schneller erkennen. Low truster dagegen benötigen mehr Zeit, um zu erkennen, ob eine Beziehung besonders risikoreich ist und daher besser vermieden werden sollte. Umgekehrt hat ein hohes Maß an sozialer Intelligenz den Effekt, dass ein hoher Level an Vertrauen gegenüber anderen Personen beibehalten werden kann, werden doch Enttäuschungen durch das Training des Erkennens von Vertrauenswürdigkeit vermieden. Grundsätzlich lässt sich dann sagen, dass eine Umwelt mit niedriger sozialer Unsicherheit die Fähigkeit, Vertrauenswürdigkeit von Vertrauensunwürdigkeit zu unterscheiden, verkümmern lässt, während eine Umwelt mit hoher sozialer Unsicherheit diese Fähigkeit fördert. (Yamagishi (2001), S. 141f; Yamagishi (2011), S. 35; Yamagishi/Kikuchi/Kosugi (1999), S. 157ff) 2.1.1.4.7.1 Ausdifferenzierung von Vertrauen Dem Begriff des Vertrauens nähert sich Yamagishi in einem mehrstufigen Prozess an. Grundlegend unterscheidet er in seinem Vertrauensmodell, in Anlehnung an Barber, zwischen Erwartungen an die natürliche Ordnung (expectations of natural order) und Erwartungen an die moralische Ordnung (expectations of moral order). Erstere bezeichnen dabei die Überzeugung, dass Naturphänomene beständig sind, während Letztere sich auf die Beständigkeit der sozialen Ordnung beziehen. Gemeinsam ist beiden, dass sie auf ihrem jeweiligen Gebiet eine Reduktion von Komplexität ermöglichen. Yamagishi ist weiterhin der Auffassung, dass sich Vertrauen nicht aus der Vereinfachung von Informationen ergibt, sondern eine Folge der Verarbeitung komplexer Informationen ist. Er sieht daher lediglich die expectations of moral order als zum Konzept von Vertrauen zugehörig an. (Yamagishi (2011), S. 22f) Innerhalb der expectations of moral order differenziert Yamagishi in Erwartungen an die Fähigkeiten einer Person (expectations of competence) und in Erwartungen an die Absichten einer Person (expectations of intentions). Erstere stellen dabei die Zuversicht (confidence) dahingehend dar, dass ein anderer in der Lage ist, auch umzusetzen, was er versprochen hat. Letztere beziehen sich auf das Vorhaben eines anderen, 180 Vertrauen etwas Versprochenes umzusetzen. Beiden Vertrauenstypen ist gemeinsam, dass sie sich mit der Sicherheit von Interaktionen und Kooperationen beschäftigen. Allerdings sind die Gründe, die diese Sicherheit erzeugen, oft höchst unterschiedlich. (Yamagishi (2011), S. 23ff; Yamagishi/ Yamagishi (1994), S. 131) Die zentralen Begrifflichkeiten des Vertrauensmodells von Yamagishi ergeben sich aus der Ausdifferenzierung der expectations of intentions in Vertrauen (trust) und Gewissheit (assurance), die er wie folgt definiert: „Trust is, as defined above, an expectation of goodwill and benign intent. Assurance, on the other hand, is defined here as an expectation of benign behavior for reasons other than goodwill of the partner. Trust is based on the interference of the interaction partner’s personal traits and intention, whereas assurance is based on the knowledge of the incentive structure surrounding the relationship.“ (Yamagishi/ Yamagishi (1994), S. 132) „Trust can thus be defined as a bias in the processing of imperfect information about the partner’s intentions. A trusting person is the one who overestimates the benignity of the partner’s intentions beyond the level warranted by the prudent assessment of the available information.“ (Yamagishi/Yamagishi (1994), S. 136) „Assurance or assurance of security in this sense is the aspect of the expectation of someone’s benign behavior that is rooted in the evaluation of his self-interest. (…) In contrast, trust is the aspect of the expectation based on evaluations of his character or his feelings toward you.“ (Yamagishi (2011), S. 26) „Trust as defined here is expectations of benign behavior from someone in a socially uncertain situation due to the beliefs about the person’s dispositions (including his feelings toward you). Assurance, on the other hand, is the belief that such social uncertainty does not exist.“ (Yamagishi (2011), S. 27) 181 Soziales Vertrauen „(…), trust is expectations of others’ (particular individuals or others in general) intentions based on one’s judgment of their character traits or their feelings toward the trusting person. On the other hand, assurance comes from the judgment that there is no incentive for a partner to take advantage of you. In other words, assurance is defined in this book as the judgment that the relationship between you and an interaction partner involves no social uncertainty.“ (Yamagishi (2011), S. 31f) Vertrauen und Gewissheit beziehen sich auf unterschiedliche Beziehungskonstellationen. Während der Bezugspunkt von Vertrauen soziale Unsicherheit und das damit einhergehende Risiko der Enttäuschung und der Ausnutzung sind, bezieht sich Gewissheit auf sogenannte verpflichtende Beziehungen (commitment relationships). Vertrauen stellt dann eine Art Glauben an eine grundlegende Gutartigkeit des anderen dar. Da dieser Glaube auf der Basis unzureichender Informationen gewonnen wird, besteht allerdings immer das Risiko, mit der Einschätzung des anderen falsch zu liegen. Gewissheit entsteht in Situationen geringer sozialer Unsicherheit und beschreibt die Annahme, dass der andere aus reinem Selbstinteresse ein freundliches Verhalten zeigen wird. Gewissheit speist sich somit aus der Überzeugung, dass ein abweichendes Verhalten negative Konsequenzen haben würde. (Yamagishi (2011), S. 25ff, S. 33ff; Yamagishi/Kikuchi/Kosugi (1999), S. 156f) Vertrauen (trust) unterteilt Yamagishi in einem weiteren Schritt in information-based bzw. knowledge-based trust und general trust. Information-based bzw. knowledge-based trust beschreibt dabei die „evaluation of others’ trustworthiness through specific information about specific others (…)“ (Yamagishi (2011), S. 29). Solches Vertrauen basiert auf einer Annahme der Güte des anderen, die sich aus den Informationen einer längerfristigen Interaktionshistorie entwickelt. (Yamagishi/Yamagishi (1994), S. 139) General trust ist im Gegensatz dazu nicht „limited to particular objects (people or organizations), general trust is a belief in the benevolence of human nature in general (…)” (Yamagishi/Yamagishi (1994), S. 139). Und weiter: 182 Vertrauen „Thus, trust toward others in general instead of specific others is called ‚general trust‘. General trust can be defined as trust toward someone about whom no specific information is present, or trust toward someone about whom you know nothing except the fact that he or she is a human being. When one estimates the trustworthiness of someone about one knows nothing, one has to use the trustworthiness of people in general as a ‚default‘“ (Yamagishi (2011), S. 28) Information-based bzw. knowledge-based trust differenziert sich weiter in relational trust und character-based trust. Um jemanden als vertrauenswürdig einzustufen zu können, werden Informationen über die jeweilige Person benötigt. Prinzipiell kann dabei auf Informationen über deren Charakter (character-based trust) oder deren Empfindungen und Einstellungen gegenüber dem Vertrauenden selbst (relational trust) zurückgegriffen werden. Informationen über den Charakter einer Person können dabei auf ein bestimmtes Individuum bezogen sein (personal trust) oder aus Informationen über Personen einer bestimmten Kategorie (categorybased trust), beispielsweise Vorurteilen oder Stereotypen, bestehen. (Yamagishi (2011), S. 29f, S. 32) 2.1.1.4.8 Zusammenfassung Rationale bzw. strategische Vertrauensmodelle nehmen an, dass die Vergabe von Vertrauen entlang einer rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung verläuft, in deren Fokus die Verwirklichung der eigenen Interessen steht. Um Vertrauen zu gewähren, muss dabei eine Vertrauensschwelle erreicht werden, die sich aus dem Verhältnis der angenommenen Vertrauenswürdigkeit hinsichtlich des Vertrauten und der Höhe eines potenziellen Verlustes bzw. Gewinnes aus der Vertrauensbeziehung errechnet. Vertrauen ist dann lohnend, wenn die Vorteile aus der Vertrauensbeziehung die Risiken überwiegen bzw. die Eintrittswahrscheinlichkeit eines vorteilhaften Ereignisses größer ist als die eines nachteiligen Ereignisses. Grundlage sind dabei auf der einen Seite die Risikobereitschaft und die Enttäuschungstoleranz des Vertrauenden sowie Informationen über die Reputation der Vertrau- 183 Soziales Vertrauen ten und die daraus resultierenden Erwartungen hinsichtlich des potenziellen zukünftigen Verhaltens des Vertrauten. Dabei können die potenziellen Gewinne und Verluste einer Vertrauensbeziehung meist recht gut bestimmt werden, während hinsichtlich der Vertrauenswürdigkeit eines Vertrauten ein mehr oder weniger großes Informationsdefizit bestehen kann. Die Richtigkeit einer Entscheidung hängt davon ab, wie gut die Wahrscheinlichkeit vertrauenswürdigen Verhaltens antizipiert wird. Allerdings besteht auch immer das Risiko einer Unter- bzw. Überschätzung. Vertrauen bleibt in diesem Sinne eine riskante Vorleistung seitens des Vertrauenden, da sich der Vertraute immer noch als vertrauensunwürdig entpuppen kann. Es ist charakterisiert durch eine positiv gelagerte Voreingenommenheit auf der Basis unvollständiger Informationen hinsichtlich der Intentionen des Vertrauten, die Erwartung eines Wohlwollens seitens des Vertrauten, die Erwartung freundlichen Verhaltens in einer Situation, die durch Unsicherheit gekennzeichnet ist und die Erwartung, dass der Vertraute ein für den Vertrauenden vorteilhaftes Verhalten ausführen wird. In Reinform findet sich dieser Aspekt rationalen Vertrauens bei Deutsch und Coleman. Deutsch beschreibt die Vertrauensentscheidung als Abwägung der Eintrittswahrscheinlichkeiten eines positiven Ergebnisses (Va+) und eines negativen Ergebnisses (Va-). Dabei ist der Ausgang einer Vertrauenssituation nicht klar determiniert, sondern beinhaltet eine Ungewissheit. Für Coleman stellt die Vertrauensvergabe durch den Vertrauenden eine Kosten-Nutzen-Rechnung dar. Die Entscheidung zu vertrauen, basiert dabei auf dem Wissen um die Eintrittswahrscheinlichkeit eines bestimmten zukünftigen Verhaltens des Vertrauten. Es werden dabei der potenzielle Gewinn wie Verlust, die aus der Vertrauensbeziehung erwachsen können, miteinander verrechnet und mit der Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten in Beziehung gesetzt. Wird ein bestimmter Schwellenwert erreicht, so gilt die Vertrauensbeziehung als lohnend. Dabei liegen in der Regel recht genaue Informationen hinsichtlich der potenziellen Gewinne und Verluste vor, während hinsichtlich der Vertrauenswürdigkeit der Vertrauten normalerweise ein Informationsdefizit vorliegt, da diese nicht absolut genau bestimmt werden, sondern allenfalls abgeschätzt werden können. 184 Vertrauen Bei Ziegler, Dasgupta, Hardin, Rotter, Yamagishi und Gambetta stehen die mit Vertrauen verbundenen Erwartungen seitens des Vertrauenden an den Vertrauten im Vordergrund. Vertrauen wird auch hier entlang von Informationen über den Vertrauten und auf diesen Informationen basierenden Abschätzungen hinsichtlich des potenziellen zukünftigen Verhaltens des Vertrauten gewährt. Ziegler versteht Vertrauen als riskante Vorleistung des Vertrauenden gegenüber dem Vertrauten, die an die Erwartung vertrauenswürdigen Verhaltens gebunden ist. Eine Vertrauensentscheidung wird dabei aufgrund der soziale Interaktionen begleitenden doppelten Kontingenz immer auf Basis einer begrenzten Rationalität getroffen. Bei Dasgupta ist Vertrauen eine Erwartung hinsichtlich der Handlungen anderer, wenn diese Handlungen Auswirkungen auf die eigenen Handlungen haben werden und die Handlungen der anderen nicht im Vorhinein beobachtet werden können. Laut Hardin ergibt sich Vertrauen als Annahme über die Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten auf Basis des Wissens, das man über diesen Vertrauten besitzt. Dabei kann sich Vertrauen nur in fortlaufenden Beziehungen mit wiederholter und nutzenbringender Kooperation entwickelt werden, da nur in solchen Beziehungen die notwendigen Informationen über den Vertrauten generiert werden können. Vertrauen beschreibt dann die Erwartung, dass der Vertraute bestimmte für den Vertrauenden vorteilhafte Dinge tun wird sowie motiviert und befähigt ist, diese Dinge zu tun. Rotter begreift Vertrauen als Erwartung, dass man sich auf die Versprechen eines anderen verlassen kann. Diese Erwartung setzt sich dabei aus spezifischen situationsgebundenen Komponenten und generalisierten Komponenten zusammen. Erstere sind nur in der konkreten Vertrauenssituation anwendbar, während letztere verallgemeinerte Erfahrungen aus vorangegangenen Vertrauenssituationen darstellen. Yamagishi geht davon aus, dass Vertrauen einen Glauben an das Wohlwollen eines Vertrauten darstellt, wobei hinsichtlich dieses Wohlwollens eine gewisse Unsicherheit besteht. Die Annahme des Wohlwollens fußt dabei auf der Wahrnehmung der Charaktereigenschaften des Vertrauten. Für Gambetta bedeutet Vertrauen, mit einer bestimmten Sicherheit davon überzeugt zu sein, dass der Vertraute kooperieren wird. Wann diese Vertrau- 185 Soziales Vertrauen ensschwelle erreicht ist, hängt auf der einen Seite von den individuellen Veranlagungen des Vertrauenden und den objektiven Bedingungen der jeweiligen Vertrauenssituation ab. Auf der anderen Seite wird aber auch die Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten berücksichtigt. Diese wird dabei sowohl anhand subtiler als auch manifester Zeichen abgeleitet. Ebenso wie die vorangegangenen Vertrauenskategorien entwickeln auch die rationalen Vertrauensansätze kein homogenes Vertrauenskonzept und lassen sich grob in konzeptionelle Gruppen unterteilen. Yamagishi, Rotter und Deutsch unterscheiden dabei innerhalb ihrer Vertrauensansätze in mindestens zwei Ebenen. Während Yamagishi und Rotter im Wesentlichen in eine spezifische und eine generalisierte Ebene des Vertrauens unterscheiden, beschreibt Deutsch die Vertrauensentscheidung als ambiguous path und unterscheidet Vertrauensentscheidungen von Risikoentscheidungen. Die Beschreibung von Vertrauen als ambiguous path trägt dabei dem Umstand Rechnung, dass im Zuge von Vertrauen ein für den Vertrauenden vorteilhaftes oder nachteiliges Ergebnis resultieren kann, da er sich vom kontingenten Verhalten eines anderen Individuums abhängig macht. Die Gewährung von Vertrauen erfolgt nach Deutsch auf der Basis der Zuversicht, dass eher das vorteilhafte als das nachteilige Ereignis eintreten wird, wobei bei einer Vertrauensentscheidung die Eintrittswahrscheinlichkeit einer negativen Konsequenz größer ist als die einer positiven Konsequenz. Im Gegensatz dazu ist bei einer Risikoentscheidung die Eintrittswahrscheinlichkeit einer positiven Konsequenz höher als die einer negativen Konsequenz. Dies liegt darin begründet, dass bei einer Risikoentscheidung bereits einige Informationen hinsichtlich des Ausgangs einer Situation vorliegen, während bei einer Vertrauensentscheidung keine solchen Informationen verfügbar sind. Rotter versteht Vertrauen als eine generalisierte Erwartungshaltung, die sich von Individuum zu Individuum unterscheidet. Vertrauen beinhaltet dabei die Erwartung, dass man sich auf die Versprechen eines anderen verlassen kann. Die individuellen Unterschiede des Vertrauens ergeben sich aus positiven und negativen Erfahrungen mit den Versprechen anderer, wobei sich Vertrauen aus der Verknüpfung zweier Erwartungsebenen ergibt. Spezifische Erwartungen stellen Erfahrun- 186 Vertrauen gen und Begebenheiten dar, die an eine bestimmte Situation gebunden sind, während generalisierte Erwartungen aus Verallgemeinerungen von Gemeinsamkeiten verschiedener Situationen resultieren. Yamagishi entwickelt ein vergleichsweise stark ausdifferenziertes Vertrauenskonzept. Auf der ersten Differenzierungsebene unterscheidet er in expectations of natural order und expectations of moral order. Erstere beziehen sich auf die Annahme der Beständigkeit von Naturphänomenen, während letztere sich auf die Beständigkeit der sozialen Ordnung beziehen. Innerhalb der expectations of moral order unterscheidet er auf einer zweiten Ebene in expectations of competence, die die Zuversicht beschreiben, dass jemand auch in der Lage ist, das umzusetzen, was er versprochen hat zu tun, und expectations of intentions, die sich auf die Absicht eines anderen beziehen, etwas Versprochenes auch in die Tat umzusetzen. Die expectations of intentions differenziert er weiter aus in Vertrauen (trust) und Gewissheit (assurance). Dabei nimmt Vertrauen ein Wohlwollen seitens des Vertrauten an, das auf den Vertrauenden gerichtet ist, wobei sich diese Annahme aus den Charaktereigenschaften und Intentionen des Vertrauten ableitet. Vertrauen stellt darüber hinaus eine Voreingenommenheit seitens des Vertrauenden gegenüber dem Vertrauten dar, die auf die Verarbeitung unvollständiger Informationen hinsichtlich der Intentionen des Vertrauten wirkt. Vertrauen ist dann die Erwartung freundlichen Verhaltens seitens eines Vertrauten in einer sozialen Situation, in der Ungewissheit bezüglich dessen Handelns vorherrscht, die sich aus Überzeugungen hinsichtlich der Dispositionen des Vertrauten ergibt. Vertrauensbeziehungen sind somit dadurch gekennzeichnet, dass sie eine subjektive Reduktion sozialer Unsicherheit herbeiführen, objektiv gesehen allerdings das Risiko einer Enttäuschung weiterhin manifest bleibt. Gewissheit stellt dagegen eine Erwartung freundlichen Verhaltens dar, die sich aus anderen Motiven als Wohlwollen ergibt. Gewissheit basiert auf dem Wissen um die eine Beziehung umgebende Anreizstruktur, sodass die Annahme von freundlichem Verhalten seitens eines Interaktionspartners eine Folge der Überzeugung ist, dass solches Verhalten im Selbstinteresse des Interaktionspartners liegt. Gewissheit ergibt sich somit aus der Einschätzung, dass es für den Interaktionspartner kei- 187 Soziales Vertrauen nen Anreiz gibt, den anderen ausnutzen. Entsprechend enthalten von Gewissheit geprägte Beziehungen auch keinerlei soziale Unsicherheit. Mit Gewissheit verknüpft sind sogenannte Verpflichtungsbeziehungen innerhalb derer die wiederholte Interaktion mit festen Partnern zu einer objektiven Reduktion sozialer Unsicherheit führt. Verpflichtungsbeziehungen reduzieren dabei zwar die Transaktionskosten, da sich das Risiko eines Vertrauensmissbrauchs bei wiederkehrender Interaktion mit festen Partnern verringert, gleichzeitig sorgt dieser Umstand aber auch für eine Erhöhung der Opportunitätskosten, da die feste Bindung an einen bestimmten Partner die Möglichkeiten zu anderen möglicherweise vorteilhafteren Verbindungen vermindert. Innerhalb von Vertrauen unterscheidet Yamagishi weitere Ebenen. Auf der ersten Ebene differenziert er hier in information-based bzw. knowledge-based trust und generalized trust. Generalized trust beschreibt dabei ein Vertrauen, das sich auf Individuen bezieht, über die keine spezifischen Informationen zugänglich sind, und ist als ein Glaube daran zu verstehen, dass freundliches Verhalten ein Aspekt der menschlichen Natur ist. Information-based bzw. knowledge-based trust beschreibt dagegen ein Vertrauen, das auf Informationen basiert, die sich aus einer längerfristigen Interaktionshistorie mit dem Vertrauten ergeben. Yamagishi differenziert diese Vertrauensform weiter in relational und character-based trust aus. Ersteres betrifft Vertrauen, das sich aus Informationen über die Empfindungen und Einstellungen des Vertrauten gegenüber dem Vertrauenden ergibt, während Letzteres Vertrauen beschreibt, das sich aus Informationen über den Charakter des Vertrauten speist. Character-based trust wird außerdem noch in personal trust und category-based trust unterschieden. Dabei beschreibt personal trust Vertrauen, das sich aus Informationen über den Charakter eines bestimmten Individuums ergibt, und category-based trust, Vertrauen, das sich aus Informationen über die Zugehörigkeit eines Individuums zu einer spezifischen sozialen Gruppe ergibt. Die Ansätze von Gambetta, Dasgupta und Ziegler stellen das Vertrauensproblem in den Mittelpunkt ihrer Konzeptionen, welches im Wesentlichen darin besteht, dass Vertrauen eine Strategie zur Überbrückung von Ungewissheit innerhalb von sozialer Interaktion darstellt, 188 Vertrauen dabei aber ein nicht unerhebliches Informationsdefizit hinsichtlich der wahren Intentionen des Vertrauten hinnimmt. Gambetta unterscheidet ein Vertrauensproblem erster Ordnung (Kann ich Person X vertrauen?) und eines zweiter Ordnung (Kann den Zeichen für die Vertrauenswürdigkeit einer Person getraut werden?). Für die Vertrauensentscheidung stellt Letzteres das relevantere Problem dar. Die Zeichen für Vertrauenswürdigkeit teilt Gambetta in zwei Arten ein, krypta und manifesta. Dabei stellen krypta solche Vertrauenszeichen dar, die keiner direkten Beobachtung zugänglich sind und sich aus der Kombination von Hintergrundwissen und Beobachtungen ableiten lassen. Manifesta stellen dagegen Vertrauenszeichen, die sich direkt aus dem Verhalten des potenziellen Vertrauten ergeben. Dasgupta befasst sich im Rahmen des Vertrauensproblems mit dem Umstand, dass nicht alle Menschen vertrauenswürdig sind, sondern sich oft Diskrepanzen zwischen individuellen und moralischen Werten ergeben. Seiner Ansicht nach ist Vertrauen bzw. Vertrauenswürdigkeit sowohl an die Reputation eines potenziellen Vertrauten sowie situationsspezifische Gelegenheiten gebunden. Vertrauen auf der Basis von Reputation ergibt sich aus früheren Handlungen und den damals begleitenden Handlungsmotiven und dem kulturellen bzw. gesellschaftlichen Hintergrund des potenziellen Vertrauten. Daneben spielen situationsgebundene Interessen der beteiligten Vertrauenspartner eine Rolle. Ziegler umreißt das Vertrauensproblem anhand von fünf Punkten: (1) Es soll sich nach Möglichkeit der jeweils andere als vertrauenswürdig erweisen. (2) Es besteht das Risiko eines Schadens aufgrund eines Vertrauensbruches. (3) Der Vertraute hat in der Regel einen Anreiz zum Vertrauensmissbrauch. (4) Vorzugsweise sollte sich wechselseitiges Vertrauen ergeben. (5) Der Vertrauende muss in der Regel den ersten irreversiblen Schritt zur Etablierung einer Vertrauensbeziehung machen. Coleman und Hardin unterscheiden verschiedene Vertrauenskonstellationen und differenzieren dabei neben einseitigen und wechselseitigen Vertrauensbeziehungen auch zwischen Mikro- und Makroebene. Bei Coleman besteht der Prototyp einer Vertrauenskonstellation auf der Mikroebene aus einem sogenannten Treuegeber und einem sogenannten Treuhänder, wobei Ersterer Letzterem die Kontrolle über in seinem 189 Soziales Vertrauen Besitz befindliche Ressourcen übergibt, obwohl er keine gesicherte Aussage über dessen zukünftiges Handeln machen kann. Diese grundlegende Form der Vertrauensbeziehung kann auch als einseitiges Vertrauen beschrieben werden und wird im Folgenden von Coleman um sogenannte Vertrauensintermediäre erweitert. Der Berater fungiert als Kontaktvermittler zwischen einem Treuegeber und einem Treuhänder, indem er die Vertrauenswürdigkeit des Treuhänders bezeugt. Der Bürge fungiert als Mittler zwischen Treuegeber und Treuhänder, indem er die Ressourcen des Treuegebers an den Treuhänder weiterreicht und im Falle eines Vertrauensbruchs für den entstandenen Schaden haftet. Der Unternehmer vermittelt Treuegeber an passende Treuhänder, sodass dem Treuegeber ein möglichst hoher Nutzen erwächst. Neben den Vertrauensintermedi- ären verweist Coleman auf das sogenannte Drittparteien-Vertrauen, bei dem eine dritte passive Partei für die sich im Spiel befindenden Ressourcen garantiert. Eine wechselseitige Vertrauensbeziehung stellt sich dann ein, wenn beide Vertrauenspartner sowohl die Rolle des Treuegebers als auch die Rolle des Treuhänders innehaben. Auf der Makroebene existieren nach Coleman im Wesentlichen zwei Vertrauenskonstellationen, die der Gemeinschaft und eine, die sich als ein System beratender Intermediäre darstellt. Eine Gemeinschaft stellt dabei ein System wechselseitigen Vertrauens dar. Innerhalb eines Systems beratender Intermediäre setzt sich Vertrauen gleich einem Schneeballsystem durch Weiterempfehlung eines Treuhänders fort, sodass am Ende alle Beteiligten einem bestimmten Treuhänder Vertrauen entgegenbringen. Hardin betrachtet Vertrauen als encapsulated interest, bei dem die Interessen des Vertrauenden in die Interessen des Vertrauten eingeschlossen sind. Darüber hinaus hat der Vertraute ein Interesse am Fortbestand der Beziehung und damit einen Anreiz sich vertrauenswürdig zu verhalten. Vertrauen ist in diesem Sinne ein rationales, kontextabhängiges Konzept, das spezifische Erwartungen an spezifische Andere voraussetzt und keinesfalls auf Basis generalisierter Erwartungen vergeben wird. Hardin unterscheidet verschiedene Vertrauenskonstellationen. Zunächst unterscheidet er ongoing dyadic relationships von ongoing group or societal relationships und differenziert erstere nochmals in oneway trust relationsships und mutu- 190 Vertrauen al trust relationships aus. Ongoing dyadic relationships beziehen sich auf die Mikroebene und beschreiben Vertrauen zwischen einem Vertrauenden und einem Vertrauten, wobei Vertrauen hier sowohl einseitig als auch wechselseitig vergeben werden kann. Ongoing group or societal relationships beschreiben Vertrauensbeziehungen auf der Makroebene und stellen in der Regel ein sich überlappendes Beziehungsgeflecht innerhalb von Gemeinschaften dar. 2.1.2 Zweite Dimension Ausgehend von den bisherigen Ausführungen lässt sich nun folgende Definition für Soziales Vertrauen finden: SOZIALES VERTRAUEN stellt eine Verhaltensstrategie zum Umgang mit doppelter Kontingenz bzw. zur Überbrückung sozialer Unsicherheit infolge eines Informationsdefizites in Interaktionsbeziehungen dar. Es ist dabei im Wesentlichen auf die Interaktion und Kooperation von Individuen bezogen und ermöglicht eine Reduktion der sozialen Komplexität, die sich aus dem Aufeinandertreffen der Handlungsfreiheit der interagierenden Individuen ergibt. Die Vertrauensentscheidung nimmt hierzu die unbekannte Zukunft vorweg, indem sie die Erwartungen des Vertrauenden an ein wohlwollendes Handeln des Vertrauten als wahrscheinlichstes Ergebnis der Vertrauensbeziehung annimmt. Im weiteren Verlauf wird gezeigt werden, dass Soziales Vertrauen mit trust und confidence zwei voneinander zu unterscheidende Qualitäten annehmen kann, die sich innerhalb der realen Welt als PARTIKULA- RES und GENERALISIERTES VERTRAUEN manifestieren. Dabei wird PARTIKULARES VERTRAUEN auf der trust-Ebene und GENERALI- SIERTES VERTRAUEN auf der confidence-Ebene verortet werden.32 Das 32 Wird im weiteren Verlauf dieser Studie von „PARTIKULAREM VERTRAUEN“ oder „GENERALISIERTEM VERTRAUEN“ gesprochen, so beziehen sich die Ausführungen auf die im Abschnitt „4. Generalisiertes Vertrauen vs. Partikula- 191 Soziales Vertrauen resultierende Vertrauensmodell kann dabei als eine integrative Perspektive auf das Phänomen „Vertrauen“ begriffen werden, da es sich aus den Gemeinsamkeiten der im Rahmen dieser Studie vorgestellten Vertrauenskonzeptionen ableitet. 2.1.2.1 Trust vs. Confidence Betrachtet man die hier vorgestellten Vertrauensansätze über die verschiedenen Vertrauenskategorien hinweg, so fällt auf, dass sich eine Vielzahl in eine Ebene eher spezifisch-reflexiven Vertrauens und eine Ebene eher systembasierten Vertrauens aufspalten. Darüber hinaus lässt sich beobachten, dass alle hier behandelten Vertrauensansätze mindestens eine dieser beiden Ebenen enthalten. Die spezifisch-reflexive Ebene des Vertrauens bezieht sich dabei auf Vertrauen in konkrete Individuen, wobei dieses Vertrauen in der Regel situationsspezifisch und gegenstandsspezifisch ausgehandelt wird und dabei darauf basiert, dass der andere als vertrauenswürdig erscheint. Die systembasierte Ebene des Vertrauens bezieht sich dagegen auf den Menschen bzw. Gruppen von Menschen im Allgemeinen und ist dabei weitestgehend losgelöst von der jeweiligen Situation oder dem spezifischen Individuum. Sie bezieht ihre Legitimation im Wesentlichen aus den systemischen bzw. gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, innerhalb derer die Interaktion zwischen den Vertrauenspartnern verläuft. Wobei diese Rahmung als ein alles durchdringender commonsense zu verstehen ist, von dem angenommen wird, dass er jedem Individuum, das sich innerhalb dieses gesellschaftlichen Rahmens bewegt, immanent ist. Dem Vertrauen auf dieser Ebene wohnt somit eine gewisse Fraglosigkeit inne, die Voraussetzung für den täglichen Umgang mit kontingenten res Vertrauen“ formulierten Definitionen. Andere Schreibweisen (z. B. partikulares Vertrauen, particularized trust bzw. generalisiertes Vertrauen, generalized trust etc.) entsprechen der Konzeption dieser Vertrauensformen in den Theorien, die in den Kapiteln „2. Vertrauen“ und „3. Generalisiertes Vertrauen“ vorgestellt werden. 192 Vertrauen Ereignissen und Handlungen ist. Ohne eine solche Form des Vertrauens ist es unmöglich, sich ohne erheblichen kognitiven Aufwand innerhalb der uns umgebenden Umwelt zu bewegen oder mit Personen, über die kaum oder keine Informationen vorliegen, zu interagieren. Sie ist grundlegende Bedingung für die Anerkennung und Wirksamkeit allgemeingültiger Normen und Werte in dem Sinne, dass sie das Vertrauen darin beschreibt, dass sich ausnahmslos alle Gesellschaftsmitglieder in ihren Handlungen an den gleichen Normen und Werten orientieren und dementsprechend anderen ein grundlegendes Vertrauen, ein generalisiertes Vertrauen, entgegengebracht werden kann. Nachfolgend sollen diese beiden Ebenen als trust- bzw. confidence-Ebene bezeichnet werden. Wobei die trust-Ebene der Ebene spezifisch-reflexiven Vertrauens entspricht, während die Ebene des Systemvertrauens der confidence-Ebene entspricht. Ausgangspunkt für die theoretische Entwicklung und Abgrenzung der beiden Vertrauensebenen sind dabei die Vertrauenskonzeptionen von Luhmann, Giddens, Sztompka, Seligman und Barbalet. Die grundlegende Differenzierungsebene des Vertrauens bildet bei allen diesen Theoretikern stets die Unterscheidung zwischen confidence (Zuversicht oder Zutrauen) und trust (Vertrauen). Ebenso gleicht sich die Lesart dieser beiden Vertrauensebenen über die Theoriegrenzen hinweg. Der Ansatz von Luhmann stellt gleichsam die Keimzelle der Gliederung des Vertrauensphänomens in trust und confidence dar. So heißt es bei ihm: „Ich möchte eine Unterscheidung zwischen Zuversicht (confidence) und Vertrauen (trust) vorschlagen. Beide Begriffe beziehen sich auf Erwartungen, die in Enttäuschungen umschlagen können. Der Normalfall ist jener der Zuversicht. Der Mensch ist zuversichtlich, dass seine Erwartungen nicht enttäuscht werden: (…) Man kann nicht leben, ohne Erwartungen in Bezug auf kontingente Ereignisse zu entwickeln, und man muss die Möglichkeit der Enttäuschung dabei mehr oder minder vernachlässigen. Man vernachlässigt diese, da sie eine sehr selten eintretende Möglichkeit ist, aber auch, weil man nicht weiß, was man sonst tun könnte. Die Alternative ist, in einer 193 Soziales Vertrauen Welt permanenter Ungewissheit zu leben und seine Erwartungen zurückzuziehen, ohne irgendetwas zu haben, das sie ersetzen könnte. Auf der anderen Seite erfordert Vertrauen ein vorangegangenes Engagement. Es setzt eine Risikosituation voraus. (…) Man kann vermeiden, ein Risiko einzugehen, aber nur, wenn man gewillt ist, auf die damit verbundenen Vorteile zu verzichten. Man ist von Vertrauensbeziehungen nicht in gleicher Weise abhängig, wie von der Zuversicht, aber Vertrauen kann wie diese eine Sache der Routine und des normalen Verhaltens sein. Die Unterscheidung zwischen Zuversicht und Vertrauen hängt also von Wahrnehmung und Zuschreibung ab. Wenn man keine Alternativen in Betracht zieht (jeden Morgen verlassen fast alle von uns das Haus ohne Waffe!), ist man in einer Situation der Zuversicht. Wenn man die eine Handlungsweise der anderen vorzieht, obwohl die Möglichkeit besteht, durch die Handlungsweise anderer Menschen enttäuscht zu werden, definiert man die Situation als eine des Vertrauens. Im Falle der Zuversicht reagiert man auf Enttäuschungen, indem man sie äußeren Umständen zuschreibt. Im Falle des Vertrauens wird man die Zuschreibung interner Faktoren in Betracht ziehen müssen und schließlich die vertrauensvolle Wahl bereuen. Darüber hinaus ist Vertrauen nur in einer Situation möglich, in der der mögliche Schaden größer wäre als der erstrebte Vorteil. Andernfalls wäre es einfach eine Frage rationaler Berechnung, und wir würden uns in jedem Fall für unsere Handlung entscheiden, weil die Risiken in akzeptablen Grenzen blieben. Vertrauen ist nur dann erforderlich, wenn ein schlechtes Ergebnis uns unsere Handlung bedauern ließe.“ (Luhmann (2001), S. 147ff) Sowohl trust (Vertrauen) als auch confidence (Zuversicht) stellen hiernach eine Strategie zum Umgang mit Kontingenz dar. Confidence ist dabei eine Vertrauenseinstellung, die die Ergebnisse kontingenter Ereignisse 194 Vertrauen als fraglos annimmt. So wird mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit angenommen, dass bestimmte Begebenheiten innerhalb der Lebenswelt konstant sind und man sich dementsprechend darauf verlassen kann, dass sie immer in der gleichen Art und Weise verlaufen werden und zum gleichen Ergebnis kommen werden. Der Zustand der confidence sorgt somit für eine Reduktion von sozialer Komplexität, indem die Annahme einer bestimmten Routine und Regelhaftigkeit der sozialen Welt die Ungewissheit und Unsicherheit dieser Welt verringert. So schließt confidence beispielsweise aus, dass man Opfer devianten bzw. anomischen Verhaltens wird, bzw. reduziert die subjektive Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses gegen null. Beispielhaft für eine Anwendung dieses Zustandes der Zuversicht kann u. a. das Vertrauen darauf sein, dass Autos an einem Zebrastreifen für einen Fußgänger anhalten und warten bis er die Straße überquert hat und nicht in dem Moment, wo dieser einen Fuß auf die Straße setzt, Gas geben und ihn überfahren. Ein weiteres Beispiel ist die Überzeugung eines jeden, dass sobald er sein Haus verlässt, er von seinen Mitbürgern nicht angegriffen und umgebracht wird. Ein harmloseres Beispiel stellt die Annahme dar, dass sich Personen, die ein bestimmtes Amt bekleiden, den Anforderungen und Gepflogenheiten dieses Amtes entsprechend verhalten werden und die anhängigen Aufgaben kompetent erfüllen werden. Luhmann nennt darüber hinaus auch die Erwartung, dass Autos keine Panne haben als Beispiel für Zuversicht. (Luhmann (2001), S. 147) Da Zuversicht auf die Konstanz und Routine der Lebenswelt vertraut und sie als alternativlos ansieht, d. h. innerhalb des auf diese Weise Vertrauenden keine Selbstreflexion über den möglichen Ausgang einer Situation stattfindet, müssen etwaige Abweichungen von dieser Annahme ihre Ursache in einem Fremdverschulden bzw. äußeren Bedingungen haben. Entsprechend wird eine Enttäuschung der Zuversicht demnach auch immer auf äußere Bedingungen attribuiert. Demgegenüber beschreibt trust ein reflexives Vertrauen, bei dem man mit seiner Entscheidung auf einen bestimmten Ausgang eines kontingenten Ereignisses zu vertrauen, auch aktiv das Risiko einer Vertrauensenttäuschung eingeht. Eine Vertrauensentscheidung im Sinne von trust 195 Soziales Vertrauen beinhaltet somit die Möglichkeit einer Alternative, die demjenigen, der die Vertrauensentscheidung trifft, auch bewusst ist. Unter der Bedingung von trust geschieht somit eine Abwägung des Risikos, das mit der Wahl einer bestimmten Handlungsweise verbunden ist im Kontrast zu dem Verlust, den man erfährt, wenn man eine andere Handlungsweise wählt. Eine Vertrauenssituation stellt somit eine soziale Interaktion dar, auf die, im Gegensatz zu einer Zuversichtssituation, noch ein gewisser Einfluss seitens des Vertrauenden genommen werden kann. Aus dieser Selbstverantwortlichkeit für das eingegangene Risiko ergibt sich dann, dass man Vertrauensenttäuschungen intern attribuiert. Beispiele für eine Vertrauenssituation sind die Vergabe eines Kredites an einen Vertrauten oder das Verleihen bzw. Anvertrauen eines Gegenstandes. In beiden Fällen besteht das Risiko, dass es zu einer Vertrauensenttäuschung kommt. Im ersten Fall würde der Kredit nicht zurückgezahlt und im zweiten Fall würde der Gegenstand möglicherweise beschädigt oder nicht zurückgegeben. In beiden Fällen besteht allerdings auch die Möglichkeit, das jeweilige Risiko zu vermeiden, indem man kein Vertrauen schenkt. Luhmann nennt außerdem den Kauf eines Gebrauchtwagens oder das Engagement eines Babysitters als Beispiele für trust. In beiden Fällen könnte sich die Handlungsweise des Vertrauenden als Fehlschlag erweisen. (Luhmann (2001), S. 148) Vertrauen und Zuversicht unterscheiden sich nach Luhmann, wie schon angedeutet, darin, dass Zuversicht lediglich eine Gefahr impliziert, während Vertrauen durch das Eingehen eines Risikos gekennzeichnet ist: „Zuversicht erscheint demgegenüber in Situationen, die sich durch Kontingenz und Gefahr auszeichnen (…).“ (Luhmann (2001), S. 151) „Vertrauen basiert auf einer zirkulären Beziehung zwischen Risiko und Handlung, wobei beide komplementäre Voraussetzungen sind. Handlung bestimmt sich im Verhältnis zu einem bestimmten Risiko als externer (zukünftiger) Möglichkeit, obwohl Risiko zugleich der Handlung inhärent ist und nur existiert, falls der Akteur sich entscheidet, die Möglichkeit ungünstiger Konsequenzen auf sich zu nehmen und zu vertrauen.“ (Luhmann (2001), S. 152) 196 Vertrauen Es ist nun gerade diese Differenz von der Möglichkeit aktiver Einflussnahme unter der Bedingung von trust und der Fraglosigkeit unter der Bedingung von confidence, die diese beiden Vertrauensebenen grundlegend voneinander unterscheidet. So ist mit confidence eine nicht näher bestimmte diffuse Gefahr verbunden, die vom Vertrauenden einfach hingenommen werden muss und nicht unterlaufen werden kann. Diese Gefahr muss sich aber nicht unbedingt in einem konkreten Ereignis manifestieren. Wie schon weiter oben beschrieben, besteht auch bei Handlungen unter confidence-Bedingung die Möglichkeit, dass ein für den Handelnden unvorteilhaftes Ereignis eintritt. Allerdings wird die Eintrittswahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses als sehr gering eingestuft. Mit anderen Worten: Es existiert unabhängig von der Handlungsweise auch unter Bedingungen der confidence immer die Möglichkeit bzw. Gefahr eines Scheiterns. Risiko bzw. die bewusste Inkaufnahme potenziell negativer Konsequenzen ist nach Luhmann die grundlegende Bedingung für Vertrauen (trust). Trust wird notwendig, weil die zukünftigen Handlungen eines Vertrauten nicht bestimmt werden können. So besteht hinsichtlich zukünftiger Ereignisse eine Ungewissheit bzw. Unsicherheit, die mittels trust überbrückt werden kann. Trust ist dann eine Entscheidung dahingehend, dass man, obwohl negative Konsequenzen bzw. unvorteilhafte Ergebnisse des eigenen Handelns als wahrscheinlich gelten, von einem positiven Ausgang überzeugt ist. Ob man in einer gegebenen Situation trust schenkt, hängt nicht zuletzt von den charakterlichen Neigungen des Vertrauenden und der Vertrauenswürdigkeit des potenziellen Vertrauten ab: „Ob man Vertrauen in zukünftige Ereignisse setzt oder nicht: Die Wahrnehmung und Bewertung des Risikos ist eine höchst subjektive Angelegenheit. Sie unterscheidet die Menschen voneinander und befördert unterschiedliche Typen risikofreudiger und risikovermeidender, vertrauensvoller oder misstrauischer Individualität.“ (Luhmann (2001), S. 152f) 197 Soziales Vertrauen „Vertrauen ist dann die generalisierte Erwartung, daß der andere seine Freiheit, das unheimliche Potential seiner Handlungsmöglichkeiten, im Sinne seiner Persönlichkeit handhaben wird – oder genauer, im Sinne der Persönlichkeit, die er als die seine dargestellt und sozial sichtbar gemacht hat.“ (Luhmann (2009), S. 48) „Der Vertrauende muß eine Situation definieren, in der er auf seinen Partner angewiesen ist. Sonst kommt das Problem gar nicht auf. Er muß sich sodann in seinem Verhalten auf diese Situation einlassen und sich einem Vertrauensbruch aussetzen. Er muß, mit anderen Worten, das einbringen, was wir oben ‚riskante Vorleistung‘ genannt haben. Der Partner muß, als Rahmenbedingung, die Möglichkeit haben, das Vertrauen zu enttäuschen, und nicht nur die Möglichkeit, sondern auch ein gewichtiges Interesse daran. Er darf nicht schon von sich aus, in eigenem Interesse, auf der Vertrauenslinie laufen.“ (Luhmann (2009), S. 53) Vertrauen (trust) scheint im Gegensatz zu Zuversicht (confidence) verhandelbar zu sein. Das heißt: Die Bedingungen von trust richten sich nach der Situation und den an dieser Situation beteiligten Akteuren. Die Situation ist insofern von Bedeutung, als dass der Vertrauende in ein Abhängigkeitsverhältnis zum Vertrauten gerät und bereit ist, dieser Abhängigkeit nachzugeben. So kann es durchaus der Fall sein, dass der Gegenstand des Vertrauens für den Vertrauenden eine solche Wertigkeit besitzt, dass er nicht bereit ist, sich dem Risiko auszusetzen, welches mit der Vergabe von trust einhergeht. Dieser Aspekt steht dabei meist in direkter Verbindung mit der Reputation oder Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten. Nur wenn der Vertraute einen guten Leumund besitzt, wird trust in Erwägung gezogen. Trotz allem besteht auch dann noch eine gewisse Unsicherheit ob des zukünftigen Verhaltens des Vertrauten, sodass die Vergabe von trust eine riskante Vorleistung darstellt. Das Risiko des Vertrauens ist zusätzlich dadurch gekennzeichnet, dass der Vertraute die Möglichkeit und auch den Willen hat bzw. haben kann, das Vertrauen zu enttäuschen bzw. zu missbrauchen. Wäre dem nicht so, sondern würde 198 Vertrauen Sicherheit bezüglich des zukünftigen Verhaltens seitens des Vertrauten bestehen, so wäre trust unnötig und man würde sich allenfalls in einer Situation der Zuversicht (confidence) befinden. Confidence ist verankert innerhalb der sozialen Ordnung eines Gesellschaftsgefüges und wird im Sinne eines common sense im Alltag kaum hinterfragt: „So wird das Systemvertrauen im Alltag kaum zum Thema werden, und auch diese Latenz dient seiner Sicherstellung. Ferner ist für Systemvertrauen eine eigentümliche Unabhängigkeit von der Motivationslage bezeichnend. Wie bemerkt, hat der einzelne kaum Gelegenheit, seine Motive zu befragen, ob er sich dem Geld, der politischen Macht, den fachlich geprüften Wahrheiten anvertrauen will oder nicht. Ebensowenig kommt es dabei auf die Motivation dessen an, dem im konkreten Fall durch Annahme seiner Kommunikation vertraut wird (sofern dabei überhaupt noch konkrete Personen relevant auftreten). Damit ändert sich zugleich das Täuschungsproblem und die ihm zugrundeliegende Darstellungsproblematik. Während man bei persönlichem Vertrauen Darstellungen durchschauen und sich gegen Täuschungen vorsehen und wappnen muß, wird man von diesen Vertrauensanforderungen im Fall des Systemvertrauens entlastet. (…) Das Vertrauen ist in diesen Fällen durch Generalisierung und durch Indifferenz gegen Fragen der Motivation über die Ebene hinausgehoben, in der Täuschungen zu erwarten und gefährlich sind.“ (Luhmann (2009), S. 76f) Bestimmte Aspekte des täglichen Lebens werden als gegeben angenommen und in ihrer Funktion weitestgehend nicht in Frage gestellt. Gleichzeitig stellt das Vertrauen in die Funktion und Allgemeingültigkeit dieser Aspekte eine grundlegende Bedingung für den Bestand einer sozialen Grundordnung dar. Beispiele für solche systemrelevanten Faktoren sind Geld, die politische Ordnung, Expertenwissen, die Rechtsordnung und ethische Grundsätze. Auf einen Nenner gebracht, wird darauf vertraut, 199 Soziales Vertrauen dass eine bestimmte Kontinuität in der Gültigkeit von Normen und Werten besteht, sodass das Handeln anderer Individuen auf einer grundlegenden Ebene antizipativ wird. Confidence beschreibt dann ein Vertrauen in den Bestand einer sozialen Ordnung, aus der sich grundlegende Verhaltensmuster für die innerhalb dieser Ordnung lebenden Menschen ergeben, und kann dabei als eine Form grundsätzlichen Vertrauens in das Wohlwollen anderer interpretiert werden. Demgegenüber nimmt Vertrauen auf der trust-Ebene kein grundsätzliches Wohlwollen seitens der Vertrauten an, sondern rechnet mit einer Vertrauensenttäuschung bzw. einem Vertrauensmissbrauch. Hieran wird wiederum deutlich, dass trust eine Form reflektierten Vertrauens darstellt, die sich aus der Wahrnehmung von Vertrauenswürdigkeit ergibt. So besteht seitens des Vertrauenden ein Bewusstsein dafür, dass seine Vertrauensentscheidung mit einem Risiko verbunden ist. Gleichzeitig stellt das im Vertrauen vorweggenommene vorteilhafte Ereignis einen bedeutenden Nutzen für den Vertrauenden dar, der das eingegangene Risiko einer Vertrauensenttäuschung rechtfertigt. Confidence im Sinne eines grundsätzlichen und grundlegenden Weltvertrauens besitzt insbesondere in differenzierten modernen Gesellschaften eine besondere Funktionalität: „Auf dem Boden der alltäglichen Weltvertrautheit ist Vertrauen zunächst personales (und damit begrenztes) Vertrauen. Es dient der Überbrückung eines Unsicherheitsmomentes im Verhalten anderer Menschen, das wie die Unvorhersehbarkeit der Änderungen eines Gegenstandes erlebt wird. In dem Maße, als der Bedarf für Komplexität wächst und der andere Mensch als alter ego, als Mitverursacher dieser Komplexität und ihrer Reduktion, in den Blick kommt, muß das Vertrauen erweitert werden und jene ursprünglich-fraglose Weltvertrautheit zurückdrängen, ohne sie doch je ganz ersetzen zu können. Es wandelt sich dabei in ein Systemvertrauen neuer Art, das einen bewußt riskierten Verzicht auf mögliche weitere Informationen, sowie bewährte Indifferenzen und laufende Erfolgskontrolle impliziert. Systemvertrauen läßt sich nicht nur auf soziale Systeme, 200 Vertrauen sondern auch auf andere Menschen als personale Systeme anwenden.“ (Luhmann (2009), S. 27) Sowohl Vertrauen auf der confidence-Ebene wie Vertrauen auf der trust-Ebene bezweckt eine Reduktion von sozialer Komplexität, indem es den Ausgang einer Interaktion oder Kooperation bereits quasi vorwegnimmt. Vertraut man, so nimmt man an, dass sich ein vorteilhaftes Ergebnis aus einer Kooperation ergeben wird. Trust ist dabei allerdings in der Regel nur auf personaler bzw. partikularer Ebene sinnvoll einsetzbar und auch nur dann, wenn über den potenziellen Vertrauten Informationen hinsichtlich seiner Vertrauenswürdigkeit vorliegen. Gegenüber unbekannten Personen kann das Risiko einer Vertrauensentscheidung nicht reflektiert werden, sodass nur ein blindes Vertrauen möglich wäre. Da in ausdifferenzierten modernen Gesellschaften die Interaktion mit Fremden im Alltag einen bedeutenden Anteil hat und Vertrauen als eine Voraussetzung für Kooperation gilt, muss eine andere Möglichkeit bereitgestellt werden, um das notwendige Vertrauen herzustellen. Eine funktionale Alternative stellt Vertrauen auf der confidence-Ebene dar. Wie schon weiter oben beschrieben, bedeutet confidence einen Vertrauenszustand, innerhalb dessen davon ausgegangen wird, dass die Mitmenschen den gleichen Werten und Normen unterliegen und gehorchen wie man selbst. Das Verhalten der Mitmenschen wird dann auf Basis des Wissens um diese Werte und Normen vorhersagbar, sodass im Sinne eines Vertrauens an die positiven Absichten der Mitmenschen geglaubt werden kann. Auf diese Weise wird es möglich, auch mit Fremden Kooperationsbeziehungen einzugehen. Giddens schließt in seiner Differenzierung des Vertrauens an Luhmann an, verwendet im Deutschen anstatt des Begriffes „Zuversicht“ den synonym zu gebrauchenden Begriff des „Zutrauens“. Zutrauen entspricht dabei der bereits skizzierten confidence, während der Begriff des Vertrauens, wie auch schon bei Luhmann zuvor, trust entspricht. Als dritten, innerhalb dieser Diskussion aber zu vernachlässigenden, Begriff führt Giddens die Vertrauenskategorie des Glaubens (faith) ein, welcher einerseits als „Vertrauen in die Zuverlässigkeit nichtmenschlicher 201 Soziales Vertrauen Gegenstände“ (Giddens (1996a), S. 124) und andererseits auch als Überzeugung von der Zuverlässigkeit von Personen und Systemen verstanden werden kann. Glaube ist als Vorform von Vertrauen (trust) einzuordnen. (Giddens (1996a), S. 48f) Vertrauen im Sinne von trust dient auch bei Giddens vornehmlich zur Überbrückung eines Informationsdefizites hinsichtlich des Ausgangs einer Kooperationssituation. So liegt die Erfüllung eines Vertrauensversprechens in der Regel in einer Zukunft, über die noch keine Informationen verfügbar sind. Die Nichtverfügbarkeit dieser Informationen ergibt sich dabei aus der Freiheit des Handelns der an einer Kooperationsbeziehung beteiligten Akteure. Vertrauen ermöglicht nun Kooperation im Angesicht solcher Kontingenz und entspringt dabei einem Glauben an die Zuverlässigkeit bzw. die Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten. Diese Zuverlässigkeit bzw. Vertrauenswürdigkeit kann allerdings nur in Bezug auf bestimmte Ereignisse bestimmt werden und besitzt auf trust-Ebene keine Allgemeingültigkeit. Vertrauen als trust stellt somit ein Vertrauen dar, welches auf einen konkreten Anderen bezüglich eines spezifischen Gegenstandes gerichtet ist: „1. Vertrauen steht in Zusammenhang mit zeitlicher und räumlicher Abwesenheit. Wenn man es mit jemandem zu tun hätte, dessen Handeln ständig sichtbar wäre und dessen Denkvorgänge offen zutage lägen, wäre Vertrauen ebensowenig nötig wie im Falle eines Systems, über dessen Funktionsweise man alles wüßte und die man durch und durch begriffen hätte. Man hat gesagt, Vertrauen sei ‚ein Mittel, um mit der Freiheit der anderen zurechtzukommen‘, doch die Hauptbedingung der Vertrauenserfordernisse ist nicht das Fehlen von Macht, sondern das Fehlen vollständiger Informationen. 2. In erster Linie ist das Vertrauen nicht mit Risiko, sondern mit Kontingenz verknüpft. Vertrauen hat stets auch die Bedeutung von Zuverlässigkeit angesichts kontingenter Ereignisse, einerlei, ob es dabei um die Handlungen von Einzelpersonen geht oder um das Funktionieren von Systemen. Im Falle des Vertrauens in mensch- 202 Vertrauen liche Akteure beinhaltet die Voraussetzung der Zuverlässigkeit die Zuschreibung von ‚Redlichkeit‘ (Ehrenhaftigkeit) oder Zuneigung. Eben darum hat das Vertrauen in Personen psychologische Konsequenzen für denjenigen, der vertraut, denn damit setzt man sich möglichen Verlusten aus. 3. Vertrauen ist nicht das gleiche wie Glaube an die Zuverlässigkeit einer Person oder eines Systems, sondern Vertrauen ist das, was aus diesem Glauben hervorgeht. Das Vertrauen ist gerade das Bindeglied zwischen Glauben und Zutrauen, und darum ist es etwas anderes als ‚abgeschwächtes induktives Wissen‘. Dieses ist ein Zutrauen, das auf einer gewissen Herrschaft über die Umstände beruht, unter denen dieses Zutrauen berechtigt ist. Dagegen ist alles Vertrauen in gewissem Sinne blindes Vertrauen! 4. Wir können zwar von einem Vertrauen in symbolische Zeichen oder Expertensysteme sprechen, doch dieses Vertrauen beruht nicht auf dem Glauben an die ‚moralische Rechtschaffenheit‘ (oder die guten Absichten) anderer Personen, sondern auf dem Glauben an die Richtigkeit von Prinzipien, über die man nicht Bescheid weiß. Natürlich spielt das Vertrauen in Personen auch im Hinblick auf den Glauben an Systeme stets eine gewisse Rolle, doch dieses Vertrauen betrifft nicht das Funktionieren der Systeme als solches, sondern deren richtiges Funktionieren. 5. An dieser Stelle gelangen wir zu einer Definition des Vertrauens. Der Begriff des Vertrauens läßt sich bestimmen als Zutrauen zur Zuverlässigkeit einer Person oder eines Systems im Hinblick auf eine gegebene Menge von Ergebnissen oder Ereignissen, wobei dieses Zutrauen einen Glauben an die Redlichkeit oder Zuneigung einer anderen Person bzw. an die Richtigkeit abstrakter Prinzipien (technischen Wissens) zum Ausdruck bringt.“ (Giddens (1996a), S. 48f) 203 Soziales Vertrauen Zutrauen oder confidence wird von Giddens in der Weise von trust unterscheiden, als dass es eine gewisse Allgemeingültigkeit beinhaltet. In Anlehnung an Simmel begreift Giddens Zutrauen als abgeschwächtes induktives Wissen, was nach ENDRESS „als (allgemeiner) ‚Glaube‘ an bestimmte konstante Elemente im menschlichen Leben oder aber als Form unspezifischer Erwartungen bzw. genereller Hoffnungen umschrieben werden“ (Endress (2002), S. 14) kann. Zutrauen (confidence) beschreibt dann ein Vertrauen in die Funktion von Systemen und ist damit losgelöst von einem spezifischen Subjekt und Objekt. Dabei spielt es keine Rolle, ob man die Funktionsweise des Systems durchdrungen hat. Wichtig ist nur, dass man an die Richtigkeit der dem System zugrundeliegenden Prinzipien, der systemleitenden Normen und Werte, glaubt. Confidence bedeutet somit auch bei Giddens ein Vertrauen in die Konstanz und Allgemeingültigkeit geteilter Normen und Werte innerhalb einer Gesellschaft. Zutrauen (confidence) stellt nach Giddens Auffassung sogar die Basis des Seins eines jeden dar: „Der Ausdruck ‚ontologische Sicherheit‘ bezieht sich auf das Zutrauen der meisten Menschen zur Kontinuität ihrer Selbstidentität und zur Konstanz der sie umgebenden sozialen und materialen Handlungsumwelt. Grundlegend für die Empfindung der ontologischen Sicherheit ist ein Gefühl der Zuverlässigkeit von Personen und Dingen, wie es auch für den Vertrauensbegriff maßgeblich ist; daher sind die beiden in psychologischer Hinsicht miteinander verwandt. Die ontologische Sicherheit hat mit dem ‚Sein‘ zu tun oder, um es in phänomenologischer Terminologie zu sagen, mit dem ‚In-der-Welt- Sein‘.“ (Giddens (1996a), S. 118) So scheint Zutrauen als ontologische Sicherheit zu fungieren, die die Grundlage jeglichen Vertrauens bildet. Erst wenn man sich seiner eigenen Identität im Sinne eines Selbstvertrauens sicher ist und auch Sicherheit bezüglich der sozialen Umwelt im Sinne einer geltenden sozialen Ordnung besteht, wird es möglich, anderen Personen Vertrauen entge- 204 Vertrauen genbringen zu können. An anderer Stelle geht Giddens davon aus, dass Zutrauen (confidence) und Vertrauen (trust) miteinander zusammenhängen bzw. Letzteres aus Ersterem hervorgeht, und bezeichnet Vertrauen als eine „bestimmte Art von Zutrauen“ (Giddens (1996a), S. 47). Ein weiterer Hinweis auf diesen Zusammenhang von Zutrauen und Vertrauen ergibt sich aus der Diskussion der von Luhmann vorgetragenen Differenz von Gefahr und Risiko. War bei Luhmann Gefahr mit Zuversicht (confidence) und Risiko mit Vertrauen (trust) verknüpft, so geht Giddens nun davon aus, dass wo ein Risiko vorhanden ist, auch Gefahr besteht. „Gefahr und Risiko sind eng miteinander verwandt, aber nicht dasselbe. Der Unterschied hängt nicht davon ab, ob es der Fall ist oder nicht, daß der Betreffende beim Nachdenken über eine bestimmte Handlungsweise oder beim Sicheinlassen auf diese Handlungsweise bewußt Alternativen gegeneinander abwägt. Risiko setzt ja gerade Gefahr voraus (allerdings nicht unbedingt ein Bewußtsein der Gefahr). Wer etwas riskiert, spielt mit der Gefahr, wobei Gefahr soviel heißt wie: eine Bedrohung der erwünschten Ergebnisse. Jeder, der ein ‚kalkuliertes Risiko‘ eingeht, ist sich im klaren über die Bedrohung oder Bedrohungen, die eine spezifische Handlungsweise mit sich bringt. Aber es ist gewiß möglich, sich auf Handlungen einzulassen oder Situationen ausgesetzt zu sein, die von sich aus riskant sind, ohne daß die beteiligten Individuen wüßten, wie riskant sie sind. Diese Personen sind sich, anders ausgedrückt, nicht im klaren über die Gefahr, der sie gegenüberstehen. Risiko und Vertrauen sind miteinander verflochten, wobei das Vertrauen normalerweise die Aufgabe hat, die Gefahren, denen bestimmte Arten von Tätigkeiten unterliegen, zu reduzieren oder auf ein Mindestmaß zu reduzieren.“ (Giddens (1996a), S. 50) Das Risiko, welches man mit einer Vertrauensentscheidung eingeht, impliziert dabei gleich zwei Gefahren. Auf der einen Seite besteht die Gefahr, 205 Soziales Vertrauen Opfer eines Vertrauensmissbrauchs zu werden, und auf der anderen Seite besteht die Gefahr, durch das Verwehren von Vertrauen einen Nachteil zu erleiden. Somit bedeutet auch Untätigkeit ein Risiko. (Giddens (1996a), S. 47) Zusätzlich ist zu unterscheiden, dass unter trust-Bedingungen dem Vertrauenden die Gefahr bewusst ist, während unter confidence-Bedingungen eine mögliche Bedrohung vom Vertrauenden nicht wahrgenommen werden wird. Sztompka unterteilt Vertrauen in eine Trias von Begrifflichkeiten. Hoffnung (hope) beschreibt „eine Einstellung zu Ereignissen, die außerhalb der menschlichen Kontrolle liegen und an die man sich höchstens anpassen kann, wenn sie eingetreten sind“ (Sztompka (1995), S. 256). Für die Differenzierung von Vertrauen in eine trust- und eine confidence-Ebene ist dieser Begriff allerdings in ähnlicher Weise zu vernachlässigen, wie zuvor der Begriff des Glaubens bei Giddens. Zuversicht (confidence) begreift Sztompka ähnlich wie Hoffnung als eine Art passiven Vertrauens. Der Bezugspunkt von confidence sind somit Ereignisse und Situationen, die außerhalb der Möglichkeit aktiver Einflussnahme durch das Individuum stehen: „There are three types of orientations with which we may face that human predicament. The first is hope (or its opposite, resignation) This is a passive, vague, not rationally justified feeling that things will turn out to the good (or to the bad). (…) Another orientation is confidence (and its opposite, doubt). It is a still passive, but more focused and to some extent justified, faith that something good will happen (or not). (…) Both orientations discussed so far – hope and confidence – are contemplative, detached, distanced, noncommittal. They fall within the discourse of fate, refer to something happening without our active participation, events we consider only in our thoughts.“ (Sztompka (1999), S. 24f) Confidence scheint somit, ähnlich wie schon bei Luhmann und Giddens, einen Zustand fraglosen Vertrauens zu beschreiben. So wird auch bei Sztompka darauf vertraut, dass bestimmte Situationen aus nicht 206 Vertrauen näher bestimmten Gründen einen guten oder schlechten Ausgang nehmen werden. Die Möglichkeit eines alternativen Ergebnisses wird dabei nicht in Erwägung gezogen. Ein besonderer Ausdruck von confidence scheint sich in der von Sztompka propagierten culture of trust zu finden. Hiernach entwickelt eine Gesellschaft entweder eine grundlegende Tendenz zu Misstrauen oder zu Vertrauen, welche die Ausprägung der generellen Vertrauensbereitschaft der Gesellschaftsmitglieder determiniert. (Sztompka (1999), S. 119ff) Fragloses Vertrauen oder auch Misstrauen im Sinne von confidence entwickelt sich demnach auf der Basis gesellschaftlicher Werte und Normen. Vertrauen (trust) beschreibt dagegen eine Form des Vertrauens, in die man aktiv involviert ist. Bezugspunkt ist dabei eine unbekannte Zukunft, die mit Hilfe der Entscheidung zu vertrauen, antizipiert werden soll. Dabei geht man durch die Überbrückung der Unsicherheit bezüglich einer unbekannten Zukunft mit Hilfe von Vertrauen das Risiko ein, dass dieses Vertrauen auch ungerechtfertigt sein könnte: „In situations when we have to act in spite of uncertainty and risk, the third orientation comes to fore, that of trust. Trusting becomes the crucial strategy for dealing with an uncertain and uncontrollable future. (…) This third type of orientation differs from hope and confidence in that it falls within the discourse of agency: actively anticipating and facing an unknown future. Acting in uncertain and uncontrollable conditions, we take risks, we gamble, we make bets about the future uncertain, free actions of others. Thus we have arrived at the simple, most general definition of trust: TRUST IS A BET ABOUT FUTURE CONTINGENT ACTIONS OF OTHERS. In this account trust consists of two main components: beliefs and commitment.“ (Sztompka (1999), S. 25) Vertrauen (trust) stellt eine Strategie dar, mit der Unbestimmbarkeit der Handlungen anderer umzugehen. Vertrauen nimmt dann die Form einer Wette auf das zukünftige Verhalten des Vertrauten an, die auf bestimmten 207 Soziales Vertrauen Überzeugungen hinsichtlich des Vertrauten basiert. Gleichzeitig beinhaltet die Wette auch ein Bekenntnis zu jedweder Konsequenz, die sich aus dem geschenkten Vertrauen ergibt. Dies unterstreicht nochmals, dass es sich bei Vertrauensentscheidungen unter trust-Bedingungen um einen bewussten Beschluss zum Vertrauen handelt. Die von Sztompka beschriebene Konzeption eines solchen bewussten Vertrauens scheint somit dem Vertrauen zu entsprechen, das auch schon bei Luhmann und Giddens als Vertrauen auf der trust-Ebene verortet wurde. Auch Seligman unterscheidet innerhalb seiner Vertrauenskonzeption in confidence und trust. Und auch hier zeigt sich ein ähnliches Verständnis für diese beiden Begrifflichkeiten wie schon bei Luhmann, Giddens und Sztompka. So beschreibt confidence ein Vertrauen, das auf Wissen und Berechenbarkeit basiert und dabei als Vertrauen in die Gültigkeit bestimmter, das Handeln betreffender, gesellschaftlicher Normen die gesamte Gesellschaft durchdringt. Der bereits aufgezeigte normative Charakter von Zuversicht (confidence) zeigt sich an dieser Stelle, indem sie die Erwartungen hinsichtlich des Handelns anderer an ein normativ- determiniertes und gesellschaftlich-sanktioniertes spezielles Rollenverhalten knüpft. Auf diese Weise steht unter confidence-Bedingungen bereits fest, welches Verhalten von einem Vertrauten in einer bestimmten Situation zu erwarten ist. „What is naively seen as the trusting nature of premodern societies, is, in fact, nothing but confidence in well-regulated and heavily sanctioned role expectations (of an ascriptive nature). Systematically defined role expectations may be either ascribed or achieved, they may be based on either kinship relations (real or ‚fictitous’) or on contractual obligations (…). In both cases, the continued operation of the given system of social relations depends not on ‚trust‘ but on ‚confidence‘ in (what can ultimately only be termed the legitimacy of) the given forms of social relations.“ (Seligman (1997), S. 36f) 208 Vertrauen „Control or confidence is what you have when you know what to expect in a situation; trust is what you need to maintain interaction if you do not.“ (Seligman (2000), S. 65) Dagegen beschreibt trust ein Vertrauen unter der Bedingung, dass die Intentionen und zukünftigen Handlungen des Vertrauten nicht bestimmt werden können. Vertrauen wird hier zu einem Attribut des Individuums und hängt damit von der individuellen Bereitschaft, jemandem Vertrauen entgegenzubringen, ab. Trust ist demnach, wie auch schon bei Luhmann, Giddens und Sztompka beschrieben, verhandelbar und richtet sich nach dem Vertrauensobjekt sowie nach den an der Vertrauensbeziehung beteiligten Subjekten. „For central to the definition of trust (as opposed to confidence) is that it involves one in a relation where the acts, character, or intentions of the other cannot be confirmed.“ (Seligman (1997), S. 21) „Trust is distinguished from confidence in that the latter rests on knowledge or predictability of alter’s actions, while trust is necessary to maintain interaction in the absence of such knowledge. While confidence may have many different bases, trust is a preeminently modern phenomenon, resting, ultimately on the self-regulating, autonomous individual. It emerges concomitantly with the moral privileging of the private realm and of individual conscience.“ (Seligman (1998), S. 391) Vertrauen auf der trust-Ebene besitzt nach Seligman eine zusätzliche Funktionalität. So existiert confidence als ein allgegenwärtiges fragloses Hintergrundrauschen innerhalb einer Gesellschaft. Allerdings ist confidence nur dort wirksam, wo Handeln durch entsprechende Normen geregelt ist, d. h. die Erwartungen an eine bestimmte Rollenperformanz festgelegt sind. Ebenso kann confidence durch gesellschaftliche Wandlungsprozesse in Mitleidenschaft gezogen werden. In den Zwischenräumen des Systems bzw. überall dort, wo Rollenerwartungen verhandelbar 209 Soziales Vertrauen sind, ermöglicht Vertrauen auf der trust-Ebene soziale Interaktion. Trust bewegt sich dabei ähnlich, wie auch schon bei Giddens, zwischen Glaube und Zuversicht und unterstreicht damit, dass es kein blindes Vertrauen darstellt, sondern ein reflexives Element beinhaltet. „Confidence either exists in all forms of social organization or does not, in which case societies undergo periods of change and transformation.“ (Seligman (1997), S. 37) „Trust is something that enters into social relations when there is role negotiability, in what may be termed the ‚open spaces’ of roles and role expectations. Another way of saying this is that trust enters into social interaction in the interstices of system, or at system limit, when for one reason or another systematically defined role expectations are no longer viable. By defining trust in this way we manage to ‚save‘ the phenomenon sociologically from either a reduction to faith or belief on the one hand or to confidence in the fulfillment of role expectations on the other.“ (Seligman (1997), S. 24f) „In our reading, however, trust is to be understood as something emerging in the interstices of systematically defined role expectations – that very liability that is built into modern systems of confidence and which allows the emergence of trust in a manner that was not possible in other forms of social organization.“ (Seligman (1997), S. 40) Barbalet begreift Vertrauen als emotionalen Zustand, differenziert dabei allerdings in ähnlicher Weise in trust und confidence, wie schon die Erörterungen von Luhmann, Giddens, Sztompka und Seligman gezeigt haben. So beinhaltet seine Vorstellung von confidence ebenso das Element der Fraglosigkeit. Es wird unter confidence-Bedingung erwartet bzw. darauf vertraut, dass eine Situation in ein bestimmtes Ereignis konvergieren wird, wobei ein alternatives Resultat nicht in Erwägung gezogen wird. Man ist sich sicher, dass sich dieser spezifische Ausgang 210 Vertrauen ergeben wird. Die Omnipräsenz von confidence im gesellschaftlichen Hintergrund stellt die grundlegende Voraussetzung für soziales Handeln dar und scheint in diesem Sinne ordnungsstiftende Macht zu haben. Zusätzlich schließt confidence bei Barbalet auch das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten mit ein. „Confidence can be described, therefore, as an emotion of assured expectation. (…) Confidence is the feeling which encourages one to go one’s own way: confidence is an emotion of self-projection. Confidence can thus be characterized by the two attributes negatively indicated by the emotions of ‚low spirits‘ and ‚self attention‘. Assured expectation and self-projection are connected insofar as they are together essential for, indeed the necessary affective basis of human agency. Human agency, the ability to make a difference in the world, is only possible through action in which the actor projects his or her capacities into an extensive relationship. The function of confidence, then, is to promote social action. In the discussion which follows confidence will be understood as the emotion associated with willingness to act, or self-confidence.“ (Barbalet (1996), S. 76f) „In summary, confidence is the basis of action through which pseudorationality is created by projection. There is no meaningful calculation because none is possible. Confidence is prior to action for which calculation is not available.“ (Barbalet (1996), S. 86) Bezugspunkt von confidence ist die Zukunft und die Überbrückung der mit der Zukunft verbundenen doppelten Kontingenz, d. h. der Unsicherheit hinsichtlich der Handlungen anderer und des eigenen Handelns: „In summary, then the emotion of confidence can be treated in the following way. It can be characterized as self-projected assured expectation; it functions to promote social action; it arises in (or is 211 Soziales Vertrauen caused by) relations of acceptance and recognition; and its object is the future.“ (Barbalet (1998), S. 88f) „As action brings a possible future into the present, and as the future is unknown and therefore information about it unavailable, reason as calculation cannot provide the basis for action. All action is ultimately founded on the actor’s feeling of confidence in their capacities and the effectiveness of those capacities. The actor’s confidence is a necessary source of action; without it, action simply would not occur.“ (Barbalet (1998), S. 89f) Während confidence die Grundlage des sozialen Handelns an sich bildet, stellt trust die Grundlage von Kooperation dar. Barbalet scheint somit confidence ebenso wie die zuvor diskutierten Theoretiker als eine Form fraglosen Weltvertrauens zu verstehen, das eine unumgängliche Notwendigkeit für die Interaktion mit anderen Individuen darstellt. Ohne dieses grundlegende Vertrauen würde jedes andere Individuum als potenzielle Bedrohung angesehen, was den Umgang miteinander unmöglich machen würde. Trust bedeutet bei Barbalet die Anerkennung der Abhängigkeit von einem Vertrauten beim Erreichen eines spezifischen Nutzens unter der Bedingung eines Informationsdefizits hinsichtlich der Zuverlässigkeit dieses Vertrauten. Vertrauen (trust) beinhaltet somit auch hier wieder eine Risikokomponente, die sich durch die Möglichkeit einer Vertrauensenttäuschung ausdrückt. Außerdem trifft der Vertrauende im Angesicht dieser Unsicherheit eine bewusste Entscheidung zu vertrauen, was den schon weiter oben angesprochenen reflexiven Aspekt dieser Form des Vertrauens hervorhebt. „Confidence is the emotional basis of social action and agency. Trust is the emotional basis of cooperation.“ (Barbalet (1996), S. 91) „Trust is understood in terms of a.) acceptance of dependency in b.) the absence of information about the other’s reliability in order to 212 Vertrauen c.) create an outcome otherwise unavailable. The first of these is the cost of trust; the second, the situation of uncertainty it faces and may overcome; the third, its purchase.“ (Barbalet (2009), S. 367) 2.1.2.1.1 Die Confidence-Ebene Beispiele für Zuversicht (confidence) stellen das friedliche Miteinander von Menschen in Fußgängerzonen oder die Befolgung der Verkehrsregeln dar. In beiden Fällen ist es keinesfalls praktikabel mit jedem der anwesenden Personen ein gesondertes Vertrauensarrangement auszuhandeln. Vielmehr bedarf es hier eines allgemeinen Vertrauens, das alle Individuen umfasst. Aus der vorangegangenen Differenzierung von Vertrauen in zwei qualitativ zu unterscheidende Ebenen ergibt sich für Zuversicht (confidence) nun folgende Definition: ZUVERSICHT (CONFIDENCE) bezeichnet eine generelle Vertrauenseinstellung, die auf der Annahme einer Allgemeingültigkeit gesellschaftlicher Normen und Werte im Sinne eines commonsense beruht, und sie ermöglicht ohne besonderen kognitiven Aufwand mit der sozialen Umwelt zu interagieren. Sie stellt eine Form fraglosen Vertrauens dar, die sich aus einer Überzeugung von der Konstanz der sozialen Umwelt und der Beständigkeit einer sozialen Ordnung ergibt, und ist dabei weitestgehend losgelöst von spezifischen Individuen. ZUVERSICHT (CONFIDENCE) reduziert soziale Komplexität, indem sie annimmt, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft sich den gleichen sozialen Regeln und Rollenerwartungen verpflichtet fühlen und sich in ihrem Handeln an diesen orientieren. Auf diese Weise wird sie antizipativ, welche Handlungsweisen von anderen Individuen zu erwarten sind. Zuversicht (confidence) wird dabei zu einer habitualisierten allgemeinen Handlungsleitlinie, sodass sie auch auf Individuen anwendbar wird, die sich außerhalb des sie erzeugenden Gesellschaftsgefüges befinden. 213 Soziales Vertrauen Unter confidence-Bedingungen wird die Möglichkeit einer Vertrauensenttäuschung als vernachlässigbar angesehen. Um das Problem einer permanenten Ungewissheit gegenüber der Welt zu überbrücken, wird uneingeschränkt, selbstverständlich und zweifelsfrei darauf vertraut, dass der Verlauf und das Ergebnis von sozialen Ereignissen durch gesellschaftliche Normen vorherbestimmt sind und dabei eine stabile Regelmäßigkeit aufweisen. Vertrauenskonzepte, die allein die confidence-Ebene des Vertrauens thematisieren, lassen sich bei Garfinkel und Barber finden. Daneben kann auch der Ansatz von Erikson als Vertreter von Vertrauen auf der confidence-Ebene angesehen werden: Garfinkel beschreibt ein Vertrauen, das an einen wechselseitigen Konsens über die selbstverständliche Gültigkeit sogenannter basic rules gebunden ist. Diese basic rules haben impliziten Charakter und wirken als Hintergrundbedingungen des Alltagshandelns. Sie geben vor, welches Verhalten in einer gegebenen Situation erlaubt ist, um sich als kompetentes Mitglied eines Gesellschaftsgefüges auszuweisen. Vertrauen meint bei Garfinkel dann die wechselseitige Überzeugung, dass alle Mitglieder einer Gesellschaft sich den gleichen normativen Hintergrundbedingungen des Handelns verpflichtet fühlen und stets auf Basis dieser Regeln handeln werden. Mit anderen Worten: Es wird von der Existenz, Allgemeingültigkeit und Selbstverständlichkeit einer wechselseitig handlungsleitenden sozialen Ordnung ausgegangen, auf deren Basis das Handeln anderer Individuen antizipativ wird bzw. die als Grundlage eines Vertrauens in andere Individuen herangezogen werden kann. (Garfinkel (1963), S. 190, S. 193f, S. 238; Garfinkel (1967), S. 173) Das von Garfinkel beschriebene Vertrauen besitzt somit die von der hinsichtlich Zuversicht (confidence) aufgestellten Definition geforderten Eigenschaften. Es stellt eine fraglose, selbstverständliche und implizit wirksame Form des Vertrauens dar, die auf gemeinsamen Normen und Werten basiert. Diese Form von Vertrauen propagiert weiterhin eine Konstanz der dem Handeln zugrundeliegenden Regeln und ermöglicht eine Reduktion sozialer Komplexität durch die wechselseitige Anerkennung der Gültigkeit dieser Regeln. 214 Vertrauen Die Vertrauenskonzeption von Barber begreift Vertrauen in erster Instanz als „expectation of the persistence of the moral social order“ (Barber (1983), S. 14) und entspricht damit der Definition von Zuversicht (confidence) als einer Vertrauensform, die auf der Kontinuität der sozialen Umwelt und deren Regelhaftigkeit basiert. Zuversicht (confidence) speist sich hiernach aus der Existenz und Beständigkeit einer als fraglos hingenommenen sozialen Ordnung, die das gesellschaftliche Handeln bestimmt. In zweiter Instanz versteht Barber Vertrauen als „expectation of technically competent role performance“ (Barber (1983), S. 14). Dies korrespondiert mit der Aussage der Definition, dass Vertrauen soziale Komplexität reduziert, indem es ein Verhalten vom Vertrauten erwartet, das sich an festgeschriebenen sozialen Rollen orientiert. Zu vertrauen bedeutet somit, davon überzeugt zu sein, dass sich der Vertraute entsprechend der in ihn gesetzten Erwartungen verhalten wird. Unter confidence- Bedingungen sind diese Erwartungen durch die innerhalb der sozialen Ordnung festgelegten Normen und Werte determiniert. In letzter Instanz beschreibt Barber Vertrauen als „expectations of fiduciary obligation and responsibility, that is, the expectation that some others in our social relationships have moral obligations and responsibility to demonstrate a special concern for other’s interests above their own“ (Barber (1983), S. 14). In dieser Aussage spiegelt sich die wechselseitige Verpflichtung der an einer Vertrauensbeziehung beteiligten Akteure wider, sich entsprechend der das Vertrauen begleitenden sozialen Regeln und Rollenerwartungen zu verhalten. Bei Erikson gliedert sich Zuversicht (confidence) in zwei Ebenen. Die erste Ebene betrifft das sogenannte Urvertrauen, das sich auf die Zuverlässigkeit anderer Personen und die Konstanz der Umwelt bezieht. Es spiegelt die grundlegende Vertrauensbereitschaft eines Individuums wider und entwickelt sich im Zuge von Interaktionen im Kindesalter. (Erikson (1970), S. 97, S. 102f; Erikson (1974), S. 241ff) Das Urvertrauen kann somit im Sinne von Zuversicht (confidence) als eine generalisierte Vertrauenseinstellung verstanden werden, die sich in einem habitualisierten und fraglosen Vertrauen gegenüber anderen Individuen manifestiert. Handlungsleitend scheinen dabei auf Basis früherer Erfahrungen 215 Soziales Vertrauen verinnerlichte Normen und Werte zu sein, die als allgemeingültig angenommen werden. Das Urvertrauen geht somit davon aus, dass sich alle Gesellschaftsmitglieder entsprechend der im Kindesalter erlernten bzw. beobachteten Muster verhalten werden und deshalb als grundlegend vertrauenswürdig oder vertrauensunwürdig angesehen werden können. Auf der zweiten Ebene wird Zuversicht (confidence) bei Erikson in Form des Selbstvertrauens wirksam. Selbstvertrauen erfüllt zwei Funktionen. Auf der einen Seite bedeutet es ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und auf der anderen Seite ermöglicht es, sich nach außen als vertrauenswürdig darzustellen. Es verweist dabei darauf, dass man die gesellschaftlichen Normen und Werte sowie die daran geknüpften Rollenerwartungen verinnerlicht hat und in seinem Handeln befolgen wird. 2.1.2.1.2 Die Trust-Ebene Beispiele für Vertrauen auf der trust-Ebene sind das Vertrauen, welches man aufbringen muss, wenn man jemandem einen Kredit gewährt oder wenn man jemandem einen Gegenstand anvertraut, den man selbst sehr schätzt. In beiden Fällen spielt die Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten eine große Rolle für die Bereitschaft, sich dem Risiko eines Verlustes auszusetzen. Für Vertrauen (trust) ergibt sich nun aus der vorangegangenen Diskussion folgende Definition: VERTRAUEN (TRUST) beschreibt eine Form des Vertrauens, die vom jeweiligen Vertrauensobjekt und den Attributen, der in die Vertrauensbeziehung involvierten Individuen abhängig ist. Eine Vertrauensentscheidung bedeutet hier, in vollem Bewusstsein aktiv das Risiko einer potenziellen Vertrauensenttäuschung einzugehen. Gleichzeitig besteht die Möglichkeit, dieses Risiko zu vermeiden, indem man das Vertrauen verweigert. Wobei man aber auf einen aus der Vertrauensbeziehung resultierenden potenziellen Nutzen bzw. Gewinn verzichtet und möglicherweise sogar einen Verlust erleidet. 216 Vertrauen VERTRAUEN (TRUST) ist in diesem Sinne ein spezifisch-reflexives Vertrauen, das immer wieder von Neuem situations- und gegenstandsspezifisch ausgehandelt werden muss. Grundlage solchen Vertrauens ist auf der einen Seite die Vertrauensbereitschaft des Vertrauenden und auf der anderen Seite die Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten. Zu vertrauen bedeutet dann, von der Zuverlässigkeit und dem Wohlwollen des Vertrauten sowie dessen Bereitschaft, sich entsprechend der Erwartungen des Vertrauenden zu verhalten, überzeugt zu sein, obwohl hinsichtlich des wahren Wertes seiner Zuverlässigkeit, seines Wohlwollens und seiner Handlungsbereitschaft ein Informationsdefizit besteht. Gleichzeitig besitzt der Vertraute aber jederzeit die Gelegenheit und Motivation, das in ihn gesetzte Vertrauen zu missbrauchen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Vertrauen auf der trust-Ebene kommt in Situationen zum Einsatz, die nicht durch gesellschaftliche Normen determiniert sind bzw. wo die Rollenperformanz der beteiligten Akteure nicht geregelt ist, und ermöglicht dort eine Überwindung der sich hieraus ergebenden Ungewissheit hinsichtlich der zukünftigen Handlungen eines Vertrauten. VERTRAUEN (TRUST) nimmt die unbekannte Zukunft vorweg, indem es die Überzeugung generiert, dass sich der Vertraute zum Vorteil des Vertrauenden verhalten wird und ein Interesse daran hat, dessen Erwartungen zu erfüllen. Vertrauensansätze, die ausschließlich die trust-Ebene des Vertrauens thematisieren, finden sich vornehmlich innerhalb der strategisch-rationalen Vertrauenskonzeptionen. Dies ist damit zu begründen, dass Vertrauensansätze dieser Schule davon ausgehen, dass Vertrauen das Ergebnis einer Kalkulation der Vertrauenswürdigkeit des potenziellen Vertrauten, dem Risiko eines Vertrauensmissbrauchs und eines daraus resultierenden Verlustes, sowie der Vertrauensbereitschaft des Vertrauenden, darstellt. Vertrauen wird dann geschenkt, wenn sich ein positives Ergebnis aus dieser Kalkulation ergibt. Vertrauenskonzeptionen, die ausschließlich von einem Vertrauen auf der trust-Ebene ausgehen, stellen die Ansätze von Lahno, Shapiro/Sheppard/Cheraskin, Lewicki/Bunker, Ziegler, Deutsch, Coleman, Gambetta, Dasgupta und Hardin dar. 217 Soziales Vertrauen Lahno beschreibt Vertrauen als eine situationsspezifische emotionale Einstellung zwischen zwei Individuen, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sich der Vertrauende gegenüber dem Vertrauten verletzlich macht bzw. das Risiko eines Vertrauensmissbrauchs eingeht. Die Vertrauensbereitschaft des Vertrauenden ergibt sich dabei aus Informationen hinsichtlich der Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten. (Lahno (2002), S. 210) Lahnos Ansatz entspricht damit den Vorgaben der trust-Definition, wo es heißt, dass solches Vertrauen situations- und gegenstandspezifisch ausgehandelt wird und dabei von der Reputation des potenziellen Vertrauten abhängig ist. Shapiro/Sheppard/Cheraskin und Lewicki/Bunker unterscheiden sich nur marginal in ihrem Verständnis von Vertrauen als trust. Auf der ersten Ebene ihrer hierarchischen Vertrauensmodelle beschreiben sie ein auf Abschreckung (deterrence-based trust) bzw. Kalkulation (calculus-based trust) basierendes Vertrauen und entsprechen damit dem spezifisch-reflexiven Charakter von Vertrauen (trust). Vertrauen ergibt sich hier als Folge einer Kalkulation des begleitenden Risikos. Auf der zweiten Ebene ergibt sich knowledge-based trust als Folge von Informationen über die Zuverlässigkeit des Vertrauten, was ebenso eine Bedingung von Vertrauen auf der trust-Ebene darstellt. Auf der letzten Ebene entsteht Vertrauen als ein identification-based trust infolge einer wechselseitigen Identifikation mit den Präferenzen des anderen. Vertrauen ist hier auf einen konkreten Anderen hinsichtlich eines spezifischen Objektes bezogen, was wiederum der oben aufgetragenen Definition von trust entspricht. (Lewicki/Bunker (1995), S. 142ff; Lewicki/Bunker (1996), S. 119ff; Shapiro/Sheppard/Cheraskin (1992), S. 366ff) Ziegler begreift Vertrauen als eine Risikoentscheidung auf Basis einer begrenzten Rationalität. Der Vertrauende muss abschätzen, ob das zukünftige Verhalten eines potenziellen Vertrauten seinen Erwartungen entsprechen wird, hat aber nur eingeschränkte Informationen über den Vertrauten. Es tritt an dieser Stelle das spezifisch-reflexive Element von Vertrauen (trust) in Verbindung mit dem für Vertrauen charakteristischen Informationsdefizit zutage. Es besteht somit für den Vertrauenden das Risiko, Opfer eines Vertrauensmissbrauchs zu werden. 218 Vertrauen Deutsch begreift die Vertrauensentscheidung als einen ambiguous path, der zu einem vorteilhaften oder unvorteilhaften Ergebnis führen kann. Allerdings wird die Wahrscheinlichkeit des vorteilhaften Ergebnisses höher eingeschätzt als die des unvorteilhaften Ergebnisses. Trotzdem bleibt ungewiss, welchen Ausgang die Vertrauenssituation nehmen wird. (Deutsch (1976), S. 136ff; Deutsch (1962), S. 303; Deutsch (1960a), S. 124) Vertrauen enthält bei somit einen kalkulatorischen Aspekt, der auf seinen spezifisch-reflexiven Charakter im Sinne von Vertrauen auf der trust-Ebene hinweist. Bei Coleman steht das Verständnis von Vertrauen als rationale Risikokalkulation im Vordergrund. (Coleman (1991), S. 115, S. 132) Dabei bedeutet die Vergabe von Vertrauen, dass „man einer Partei Ressourcen an die Hand gibt, die diese zu ihrem eigenen Gewinn, zum Gewinn des Treugebers oder zum Gewinn beider einsetzen wird“ (Coleman (1991), S. 124). Weitere Bedingung ist, dass „der Treugeber seine Situation durch die Vergabe von Vertrauen verbessert, wenn der Treuhänder vertrauenswürdig ist, und seine Situation verschlechtert, wenn der Treuhänder nicht vertrauenswürdig ist“ (Coleman (1991), S. 124). Außerdem gilt dabei, dass „der Treugeber einer anderen Partei (dem Treuhänder) willentlich Ressourcen zur Verfügung stellt, ohne daß die andere Partei eine wirkliche Verpflichtung eingeht“ (Coleman (1991), S. 124). Aus der Vergabe von Vertrauen kann somit gleichermaßen ein Nutzen, wenn dem Vertrauen entsprochen wird, wie ein Defizit, wenn das Vertrauen missbraucht wird, resultieren, sodass Vertrauen nur dann gewährt wird, wenn „das Verhältnis der Gewinnchance zur Verlustchance größer ist als das Verhältnis des Ausmaßes des möglichen Verlustes zum Ausmaß des möglichen Gewinns“ (Coleman (1991), S. 126). Das Vertrauensverständnis von Coleman entspricht damit im Wesentlichen der Definition von trust. So spiegelt sich der spezifisch-reflexive Charakter von Vertrauen auf der trust-Ebene in der Risikokalkulation entlang des potenziellen Gewinnes bzw. Verlustes aus einer Vertrauensbeziehung wider. Außerdem zeigt die rationale Abwägung von Kosten und Nutzen an, dass die Vertrauensvergabe bei Coleman bewusst und auf einen bestimmten Gegenstand und eine bestimmte Person gerichtet erfolgt. 219 Soziales Vertrauen Gambetta verortet Vertrauen als einen Schwellenwert auf einem Kontinuum, das sich zwischen vollkommenem Misstrauen und vollkommenem Vertrauen bewegt. Dabei ist Vertrauen durch eine Unwissenheit hinsichtlich des Handelns anderer gekennzeichnet sowie durch eine Abhängigkeit zum Vertrauten, in die man sich mit der Vertrauensentscheidung begibt. Zudem ist Vertrauen bei ihm explizit auf andere Individuen bezogen. (Gambetta (2001), S. 211f) Der Ansatz von Gambetta spiegelt somit den kalkulatorischen Aspekt von Vertrauen (trust) und dessen spezifische Gerichtetheit wider. Dasgupta versteht Vertrauen als eine zerbrechliche Ware, die als Schmiermittel für Tauschbeziehungen fungiert. Vertrauen kommt zum Einsatz, wenn die Handlungen anderer nicht überwacht werden können, und ist gebunden an die Vertrauenswürdigkeit eines Vertrauten. (Dasgupta (1988), S. 49ff) Die Bezeichnung von Vertrauen als Ware in Verbindung mit der Betonung der Relevanz der wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten weißt auf das spezifisch-reflexive Element von Vertrauen auf der trust-Ebene hin. Außerdem lässt sich das in der trust-Definition beschriebene Informationsdefizit hinsichtlich der Intention des Vertrauten finden. Hardin beschreibt Vertrauen als ein eingebettetes Interesse. Hiernach geht der Vertrauende davon aus, dass er dem Vertrauten Vertrauen entgegenbringen kann, weil die Interessen des Vertrauten seine Interessen miteinschließen. Die Überzeugung von einem geteilten Interesse stellt allerdings kein gesichertes Wissen dar, vielmehr existieren seitens des Vertrauenden lediglich gute Gründe, um von einem gemeinsamen Interesse auszugehen. Ein typisches gemeinsames Interesse stellt dabei der Wunsch nach einer Fortsetzung der Beziehung dar, um auch weiterhin von dem mit ihr verbundenen Nutzen zu prosperieren. Vertrauen stellt dabei eine sogenannte three-part relation dar, wonach Vertrauen immer nur auf spezifische Individuen und Gegenstände beschränkt wird. So kann beispielweise jemandem in Bezug auf die eine Sache Vertrauen geschenkt werden, während dieselbe Person bezüglich eines anderen Gegenstandes nicht als vertrauenswürdig wahrgenommen wird. (Hardin (2001b), S. 295ff; Hardin (2002), S. 3, S. 7, S. 9f; Hardin (2004), S. 6; 220 Vertrauen Hardin (2006), S. 17ff, S. 31) Hardins Ansatz entspricht in vielerlei Hinsicht der Definition von trust. So ist auch Vertrauen auf der trust-Ebene immer auf spezifische Individuen und Gegenstände bezogen. Daneben beinhaltet Hardins Konzeption ein kalkulatorisches Element, indem Vertrauen auf einen Nutzen gerichtet ist, und wird spezifisch reflektiert, was an der Relevanz der Vertrauenswürdigkeit des potenziellen Vertrauten sichtbar wird, die eine große Rolle für die Etablierung einer Vertrauensbeziehung spielt. 2.1.2.1.3 Die Differenz von trust und confidence als grundlegendes Prinzip der Konzeption sozialen Vertrauens Eine Mehrzahl der hier vorgestellten Vertrauenskonzeptionen enthält sowohl trust- als auch confidence-Elemente. In diesem Zusammenhang ist außerdem festzustellen, dass die Verbreitung von Vertrauen auf der confidence-Ebene, ausgehend von den normativen Vertrauensansätzen über die affektiven und die identifikations- bzw. gruppenidentitätsbasierten hin zu den strategisch-rationalen Vertrauenskonzeptionen, abnimmt bzw. an Relevanz verliert. Vertrauenskonzeption, die sowohl Elemente von Vertrauen auf der trust- als auch auf der confidence-Ebene enthalten und somit von einem sozialen Vertrauen ausgehen, das sich aus mindestens zwei Dimensionen zusammensetzt, stellen die Ansätze von Baier, Schweer, Weber/Carter, Mayer/Davis/Schoorman, Govier, Simmel, Rose-Ackerman, Lewis/Weigert, Dederichs, Jones, Miller, Tyler, Brewer, Kramer et al., Deutsch, Yamagish und Rotter dar. Als Anlehnung an die confidence-Ebene von Vertrauen ist das von Baier beschriebene climate of trust zu verstehen, welches die gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit durchdringt und als eine Voraussetzung für Vertrauen im Sinne von trust fungiert: „Trust of any particular form is made more likely, in adults, if there is a climate of trust of that sort. Awareness of what is customary, as 221 Soziales Vertrauen well as past experience of one’s own, affects one’s ability to trust. We take for granted that people will perform their role-related duties and trust any individual worker to look after whatever her job requires her to.“ (Baier (1986), S. 245) Es wird an dieser Stelle der Aspekt der Fraglosigkeit von Vertrauen unter confidence-Bedingungen sichtbar. So wird es als selbstverständlich angenommen, dass Individuen sich entsprechend ihrer rollenspezifischen Pflichten verhalten. Zusätzlich zeigt sich hier die von Zuversicht (confidence) geforderte Allgemeingültigkeit gesellschaftlicher Normen und Werte und das Vermögen soziale Beziehungen zu vereinfachen bzw. deren soziale Komplexität zu reduzieren. Baier differenziert zusätzlich zwischen Verlass (reliance) und Vertrauen, wobei Verlass als eine praktische Anwendung von Zuversicht (confidence) interpretiert werden kann, während Vertrauen auf der trust-Ebene anzusiedeln ist. Verlass (reliance) bedeutet, sich auf die Gewohnheiten eines anderen zu verlassen bzw. zuversichtlich zu sein, dass der andere sich entsprechend seiner Gewohnheiten verhalten wird, und weist in diesem Sinne auf die von Zuversicht (confidence) prognostizierte Konstanz der sozialen Umwelt hin. Dagegen bedeutet Vertrauen, sich auf das Wohlwollen eines anderen zu verlassen, was als Charakteristikum von Vertrauen auf der trust-Ebene gilt. Außerdem kann Vertrauen nach Baiers Auffassung betrogen oder enttäuscht werden, was auf den Risikoaspekt von trust hinweist. (Baier (1986), S. 234f) Schweer geht innerhalb seines Vertrauensmodells von einer individuellen Vertrauenstendenz und einer individuellen impliziten Vertrauenstheorie aus, die in Verbindung mit den Merkmalen der jeweiligen Situation für die Entwicklung von Vertrauen sorgen. Die Vertrauenstendenz beschreibt die grundsätzliche Bereitschaft des Einzelnen, anderen gegenüber eine Vertrauensbeziehung aufzubauen. Die individuelle implizite Vertrauenstheorie legt fest, welche individuellen normativen Erwartungen an einen potenziellen Vertrauten gerichtet sein werden. (Schweer (1997), S. 4ff) Vertrauenstendenz und Vertrauenstheorie bilden dabei Elemente, die der confidence-Ebene des Vertrauens zugerech- 222 Vertrauen net werden können, während der Einfluss der spezifischen Situation auf das Vertrauen zweifelsfrei auf der trust-Ebene anzusiedeln ist und dessen spezifischer Reflexivität Rechnung trägt. So weist die individuelle Vertrauenstendenz auf den Aspekt der Fraglosigkeit sowie den Aspekt der Habitualisierung von Zuversicht (confidence) hin, während die individuelle implizite Vertrauenstheorie die Erwartungen hinsichtlich der Rollenkompetenz des potenziellen Vertrauten und der Gültigkeit gesellschaftlicher Normen und Werte betrifft. Nach Weber/Carter setzt sich Vertrauen aus einer kognitiven, einer moralischen und einer sozialen Komponente zusammen. Die kognitive Komponente beschreibt die Möglichkeit der an der Vertrauensbeziehung beteiligten Individuen zu einem Perspektivenwechsel, der es erlaubt, sich in den jeweils anderen hineinversetzen zu können. Die moralische Komponente bezieht sich auf die Überzeugung der beteiligten Individuen, dass sie sich in ihrem Handeln an den Erkenntnissen aus dem obengenannten Perspektivenwechsel orientieren und die Normen, denen die Vertrauensbeziehung unterliegt, befolgen werden. Die soziale Komponente weist daraufhin, dass es sich bei Vertrauen um ein grundlegend soziales Phänomen handelt, das außerhalb von sozialen Beziehungen nicht existiert. (Weber/Carter (2003), S. 3) Die Entwicklung geschieht schließlich über einen bestimmten Zeitraum, innerhalb dem es zwischen den an der Vertrauensbeziehung beteiligten Individuen zu einer wechselseitigen Selbstoffenbarung und zu einem fortgesetzten Perspektivenwechsel kommt. (Weber/Carter (1998), S. 11ff) Das Vertrauensmodell von Weber/Carter enthält größtenteils Elemente, die auf der trust-Ebene des Vertrauens anzusiedeln sind. So weist lediglich die moralische Komponente des Vertrauens, durch die Thematisierung handlungsleitender Normen auf die confidence-Ebene des Vertrauens hin. Sowohl die kognitive als auch die soziale Komponente sind aufgrund ihres spezifisch-reflexiven Charakters eher auf der trust-Ebene einzuordnen. Auch die Beschreibung der Etablierung einer Vertrauensbeziehung weist auf eine spezifische Aushandlung von Vertrauen hin und ist damit der trust-Ebene zuzurechnen. Mayer/Davis/Schoorman unterscheiden zwischen Vertrauen (trust) und Zuversicht (confidence) und lehnen sich dabei explizit an Luhmann 223 Soziales Vertrauen an. (Mayer/Davis/Schoorman (1995), S. 713) Ihr Verständnis von der Differenz zwischen Vertrauen und Zuversicht entspricht demnach der von den obengenannten Definitionen für Vertrauen auf der trust- bzw. confidence-Ebene vorgezeichneten Auffassung. Nach Govier kann Vertrauen sowohl auf bekannte als auch auf fremde Personen gerichtet sein. In beiden Fällen bedeutet Vertrauen, sich auf das Wohlwollen des anderen einem selbst gegenüber zu verlassen. Allerdings unterscheidet sich die Grundlage auf der Vertrauen gewährt wird je nachdem, ob es auf Fremde oder Bekannte gerichtet ist. Im Falle von Fremden bildet basic trust das Fundament des Vertrauens. Man verlässt sich dabei darauf, dass der Vertraute sich entsprechend vorgegebener sozialer Rollen verhalten wird und die an diese gebundenen Erwartungen kompetent erfüllen wird. Vertrauen gegenüber bekannten Personen resultiert dagegen aus der Vertrauenswürdigkeit der jeweiligen Person. Vertrauen gegenüber Fremden ist aufgrund seiner Bindung an gesellschaftliche Rollenerwartungen auf der confidence-Ebene einzuordnen. Basic trust weist zusätzlich Merkmale auf, die auf ein als selbstverständlich angenommenes Vertrauen hindeuten, dessen Grundlage allgemeingültige Normen sind. Dagegen scheint das Vertrauen, welches auf bekannte Personen gerichtet ist, auf der trust-Ebene zu verlaufen, muss es doch immer wieder von Neuem auf der Basis der wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit des potenziellen Vertrauten bestimmt werden. Simmel unterscheidet zunächst auf einer ersten Ebene in persönliches Vertrauen, versachlichtes Vertrauen und Vertrauen in symbolische Zeichen. Persönliches Vertrauen bezieht sich auf ein Wissen um die Persönlichkeit bzw. Vertrauenswürdigkeit eines Individuums und kann deshalb als ein Vertrauen auf der trust-Ebene eingeordnet werden. Vertrauen auf dieser Ebene ist abhängig von der Vertrauenswürdigkeit des potenziellen Vertrauten und kalkuliert u. a. auf dieser Basis das Risiko, Vertrauen zu gewähren. Versachlichtes Vertrauen bezieht sich auf ein Wissen um die sachliche Zuverlässigkeit eines Individuums und korrespondiert mit der Erwartung kompetenter Rollenperformanz unter confidence-Bedingungen. Vertrauen in symbolische Zeichen bezieht sich auf die universale Gültigkeit der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und kann als eine 224 Vertrauen Überzeugung von der Allgemeingültigkeit und der handlungsleitenden Funktion von Normen und Werten verstanden werden. Es ist in diesem Sinne ebenfalls auf der confidence-Ebene des Vertrauens einzuordnen. (Simmel (1989), S. 216; Simmel (1992), S. 383ff, S. 394f) Auf einer zweiten Ebene unterscheidet Simmel in Vertrauen als Glaube, Vertrauen als Gefühl und Vertrauen als Wissen. Vertrauen als Glaube beschreibt ein Vertrauen darin, dass die gesellschaftliche und natürliche Ordnung eine gewisse Konstanz aufweist, und ist dementsprechend auf der confidence-Ebene einzuordnen. Vertrauen als Gefühl beschreibt ein ungerechtfertigtes bzw. fragloses Vertrauen in ein anderes Individuum und entspricht somit ebenso Vertrauen auf der confidence-Ebene. Vertrauen als Wissen bezieht sich hingegen auf ein Vertrauen, das auf einem mit einem Informationsdefizit verbundenen Wissen hinsichtlich des zukünftigen Handelns eines Individuums basiert. Es besitzt demnach den spezifisch-reflexiven Charakter von Vertrauen auf der trust-Ebene. (Simmel (1989), S. 216; Simmel (1992), S. 393) Rose-Ackerman differenziert in generalized trust und relational trust. Ersteres beschreibt ein Vertrauen, das als Folge einer generellen Einstellung wirksam wird, und ist dementsprechend der confidence-Ebene zuzurechnen. Relational trust ergibt sich aus einseitigen und wechselseitigen Vertrauensbeziehungen mit spezifischen Individuen und ist auf der trust-Ebene zu verorten. (Rose-Ackerman (2001), S. 532ff, S. 536ff, S. 539f) Nach Lewis/Weigert lässt sich Vertrauen aus einer atomistischen und einer holistischen Perspektive betrachten. Die atomistische Perspektive begreift Vertrauen als Folge individueller Reaktionen auf das Verhalten anderer und weist damit die für Vertrauen auf der trust-Ebene charakteristische spezifische Reflexivität auf. Zudem ist solches Vertrauen auf bestimmte Personen gerichtet und orientiert sich an der Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten. Die holistische Perspektive bindet Vertrauen an die Existenz einer sozialen Ordnung. Vertrauen entsteht hier als Folge geteilter Situationsinterpretationen innerhalb des gesellschaftlichen Kollektivs. Die holistische Perspektive deutet somit auf Aspekte von Vertrauen auf der confidence-Ebene hin. Im Einzelnen scheint es 225 Soziales Vertrauen an die Notwendigkeit einer konstanten sozialen Ordnung gebunden zu sein sowie einen Konsens über geteilte Rollenerwartungen zu enthalten. (Lewis/Weigert (1985b), S. 455f) Dederichs differenziert in verschiedene Vertrauensformen, u. a. in interpersonelles Vertrauen und Systemvertrauen. Während interpersonelles Vertrauen auf spezifische Beziehungen der Akteure bezogen ist, ist Systemvertrauen auf ein unabhängig vom Akteur operierendes System gerichtet. Interpersonelles Vertrauen ist aufgrund seiner spezifischen Gerichtetheit auf einen speziellen Akteur und des daraus ableitbaren spezifisch-reflexiven Charakters auf der trust-Ebene einzuordnen. Dagegen ist aus Systemvertrauen ein Glaube an die Beständigkeit einer sozialen Ordnung und die Allgemeingültigkeit sozialer Regeln und Rollenerwartungen ableitbar, weshalb es auf der confidence-Ebene anzuordnen ist. (Dederichs (1997), S. 63f) Jones unterscheidet Vertrauen von Verlass. Vertrauen ist dabei dadurch gekennzeichnet, dass es belebten Objekten entgegengebracht wird, die über einen eigenen Willen verfügen. Es beschreibt einen Optimismus hinsichtlich der Kompetenz eines Vertrauten, ist auf einen bestimmten Gegenstandsbereich begrenzt und ergibt sich auf Basis der Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten. (Jones (1996), S. 6ff, S. 14f; Jones (2012), S. 63ff) Es stellt somit eine der Definition von trust entsprechende dreiwertige Relation dar, wonach Vertrauen auf ein spezifisches Individuum hinsichtlich eines spezifischen Gegenstandes gerichtet ist und weist demnach den spezifisch-reflexiven Charakter von Vertrauen auf der trust-Ebene auf. Verlass ist u. a. auf unbelebte Gegenstände und deren Funktionieren gerichtet. Verlass beschreibt eine Form des Vertrauens, die auf dem Wissen um Gewohnheiten basiert und kommt zum Einsatz, wenn die Wahrscheinlichkeit eines alternativen Ausgangs einer Situation besteht. Zudem verlässt man sich auf etwas, wenn keine Vorhersage über ein Ereignis gemacht werden kann. (Jones (1996), S. 14f) Verlass scheint somit den Aspekt der Fraglosigkeit und die Erwartung einer spezifischen Rollenperformanz zu beinhalten, die Vertrauen auf der confidence-Ebene auszeichnen. Außerdem erwartet Verlass ähnlich wie Zuversicht (confidence) eine konstante soziale Umwelt. 226 Vertrauen Miller thematisiert am Rande ihrer Vertrauenskonzeption den Unterschied zwischen private trust und public trust. Dabei beschreibt private trust ein Vertrauen, das sich an der Art der Beziehung zwischen Vertrauendem und Vertrautem sowie dem Vertrauensgegenstand orientiert und auf dem Vertrauenden bekannte Personen bezogen ist. Es beschreibt die Annahme eines Wohlwollens beim Vertrauten, das als Leitlinie seines Handelns fungiert. Private trust entspricht somit der innerhalb der Definition von trust propagierten Spezifität der Vertrauensbeziehung, wonach Vertrauen immer auf einen konkreten Anderen und einen bestimmten Gegenstand gerichtet ist. Public trust bezieht sich dagegen explizit auf Fremde und beschreibt die Zuversicht, dass sich der Vertraute dem in ihn gesetzten Vertrauen entsprechend angemessen verhalten wird. Public trust scheint somit ein bestimmtes, gesellschaftlichen Konventionen unterworfenes Rollenverhalten zu erwarten, was auf eine mögliche Verortung auf der confidence-Ebene hinweist. (Miller (2003), S. 17, S. 20f) Tyler unterscheidet zwischen rational bzw. calculative trust und social bzw. motive-based trust. Rational trust ergibt sich als Folge einer Kalkulation der Kosten und Nutzen einer Vertrauensbeziehung und der Abschätzung des zukünftigen Verhaltens des Vertrauten. Social trust verläuft entlang der Verpflichtung auf bestimmte Gruppennormen und einem gemeinsamen sozialen Hintergrund der an der Vertrauensbeziehung beteiligten Parteien. (Tyler (2003), S. 559, S. 562, S. 566f; Tyler (2001), S. 287ff, S. 301f) Rational trust beinhaltet zwei verschiedene Elemente von Vertrauen auf der trust-Ebene. Diese sind auf der einen Seite die Relevanz der Vertrauenswürdigkeit des potenziellen Vertrauten und auf der anderen Seite dessen spezifisch-reflexiver Charakter. Social trust beinhaltet dagegen die Erwartung einer kompetenten Rollenperformanz, die sich an gemeinschaftlich anerkannten Normen orientiert, was ein Attribut von Vertrauen auf der confidence-Ebene darstellt. Brewer entwickelt eine Vertrauenskonzeption, die die Vorstellung von einem interpersonalen Vertrauen (interpersonal trust), das auf dyadische Vertrauensbeziehungen einander bekannter Individuen bezogen ist und einem depersonalized trust, mit dessen Hilfe die Notwendigkeit persönlicher Bekanntschaft bei der Etablierung einer Vertrauensbeziehung über- 227 Soziales Vertrauen brückt werden kann, beinhaltet. Interpersonal trust ergibt sich infolge einer Kalkulation der Kosten und Nutzen, die mit einer Vertrauensbeziehung einhergehen und der Wahrscheinlichkeit vertrauenswürdigen bzw. vertrauensunwürdigen Verhaltens seitens des Vertrauten. Depersonalized trust entsteht dagegen infolge der Zuschreibung von bestimmten Eigenschaften auf Grundlage der Mitgliedschaft in einer spezifischen sozialen Kategorie und der Übertragung dieser Zuschreibungen auf die personale Ebene. Vertrauen wird hier somit auf der Basis wechselseitiger Kenntnis einer gemeinsamen Gruppenmitgliedschaft und der damit verbundenen positiven Erwartungen an das Verhalten des anderen gewährt. (Brewer (1981), S. 352ff, S. 356f; Brewer (2008), S. 215ff) Interpersonal trust ist ähnlich wie Vertrauen (trust) durch die Kalkulation des mit einer Vertrauensbeziehung verbundenen Risikos gekennzeichnet. Außerdem ist es an ein spezifisches Individuum gebunden, über das Informationen bekannt sein müssen. Depersonalized trust entspricht Vertrauen auf der confidence-Ebene in der Weise, als dass es auf Erwartungen hinsichtlich einer sozialanerkannten und kompetenten Rollenperformanz basiert. Kramer et al. gehen zunächst von einem Vertrauen aus, das durch eine Verletzlichkeit des Vertrauenden gekennzeichnet ist, die auf einer Ungewissheit hinsichtlich der Motive, Intentionen und zukünftigen Handlungen des Vertrauten beruht. Gleichzeitig geht dieses Vertrauen aber davon aus, dass der Vertraute diese Verletzlichkeit nicht ausnutzen wird, sondern positive Absichten gegenüber dem Vertrauenden verfolgt. (Kramer (2012), S. 1146) Um zu erklären, wie Vertrauen fremden Personen entgegengebracht werden kann, entwickeln Kramer et al. zusätzlich die Kategorie des swift trust. Swift trust stellt ein Vertrauen dar, das auf individuellen Prädispositionen, kategorialen Annahmen und impliziten Theorien basiert. Diese dienen als Grundlage, um eine Person entsprechend der Situationsrahmung als vertrauenswürdig zu klassifizieren. So entsteht swift trust unabhängig von den klassischen Bedingungen für Vertrauen und ist weitestgehend losgelöst vom konkreten Vertrauenssubjekt bzw. objekt. (Meyerson/Weick/Kramer (1996), S. 177f, S. 191f) Das zu Anfang beschriebene Vertrauen weist eindeutige Merkmale von trust auf. So beruht es auf der Annahme, dass der Vertraute dem Vertrauen- 228 Vertrauen den ein Wohlwollen entgegenbringt. Zusätzlich deutet die Thematisierung der Verletzlichkeit des Vertrauenden auf das mit Vertrauen (trust) verbundene Risiko hin. Swift trust dagegen ist auf der confidence-Ebene zu verorten, da es vom spezifischen Vertrauensgegenstand unabhängig ist und dabei auf implizit als gültig angenommenen sozialen Regeln und Rollenerwartungen zu beruhen scheint. Zwar differenziert Yamagish an einer Stelle seiner Vertrauenskonzeption in confidence und trust33, allerdings liegt der Fokus seines Ansatzes auf der Unterscheidung von Vertrauen (trust) und Gewissheit (assurance) und den daran angeschlossenen Vertrauens- bzw. Verpflichtungsbeziehungen. Zu vertrauen bedeutet, die Erwartung zu haben, dass der Vertraute dem Vertrauenden Wohlwollen und freundliche Intentionen entgegenbringt. Vertrauen basiert dabei auf den Charaktereigenschaften des Vertrauten und beschreibt eine Voreingenommenheit bei der Verarbeitung unvollständiger Informationen hinsichtlich der Absichten des Vertrauten. Bezugspunkt von Vertrauen sind dabei die soziale Unsicherheit innerhalb von interpersonellen Interaktionen und das daraus resultierende Risiko, durch das eigene Handeln ein unvorteilhaftes Ergebnis herbeizuführen. Vertrauensbeziehungen sorgen für eine subjektive Reduktion dieser sozialen Unsicherheit. Gewissheit geht von freundlichen Absichten des Vertrauten auf Basis dessen Selbstinteresses und den Anreizstrukturen der sozialen Beziehung zwischen Vertrauendem und Vertrautem aus. Gewissheit ist zudem davon überzeugt, dass die Beziehung aus diesem Grunde auch keine sozialen Unsicherheiten enthält. So hätten Abweichungen vom erwarteten Verhalten negative Konsequenzen für den Vertrauten zur Folge. Gewissheit (assurance) herrscht in sogenannten Verpflichtungsbeziehungen, die durch die feste und dauerhafte Bindung an einen spezifischen Interaktionspartner für eine objektive Reduktion sozialer Unsicherheit sorgen. In dessen Folge kommt es zwar zu einer Verringerung der Transaktionskosten, in gleicher Weise erhöhen sich aber durch die Vermeidung anderer, möglicherweise gewinnbringender Verbindungen, die Opportunitätskosten. (Yamagishi (1994), 33 „Confidence is expectation of competence, and trust is expectation of goodwill and benign intent.“ (Yamagishi (1994), S. 131) 229 Soziales Vertrauen S. 132ff, S. 136; Yamagishi (1998), S. 169f; Yamagishi (1999), S. 155; Yamagishi (2001), S. 140; Yamagishi (2011), S. 25ff, S. 31f, S. 41ff) Die hier beschriebenen Vertrauensbeziehungen weisen, mit ihrem Bezug auf spezifische Individuen, der Orientierung an der Vertrauenswürdigkeit des Vertrauten in Form der Bewertung seiner Charaktereigenschaften und der Thematisierung des Risikos aus sozialer Ungewissheit, Elemente von Vertrauen auf der trust-Ebene auf. Verpflichtungsbeziehungen weisen dagegen mit der Negierung von sozialer Unsicherheit und der fraglosen Alternativlosigkeit, mit der freundliche Absichten seitens des Vertrauten angenommen werden, auf die confidence-Ebene hin. Nach Rotter stellt Vertrauen eine generalisierte Erwartungshaltung dar und wäre deshalb auf der confidence-Ebene zu verorten. Allerdings ergibt sich diese generalisierte Erwartungshaltung als Folge von spezifischen Erwartungen und generalisierten Erwartungen an den Vertrauten. Die spezifischen Erwartungen an den Vertrauten sind an eine spezifische Vertrauenssituation gebunden und besitzen auch nur in Bezug auf diese Situation Gültigkeit, entsprechend ist dieser Aspekt der Vertrauenskonzeption von Rotter auf der trust-Ebene anzusiedeln. Dagegen ergeben sich die generalisierten Erwartungen an den Vertrauten aus der Verallgemeinerung von Erfahrungen aus verschiedenen Vertrauenssituationen. Dieser Aspekt der Vertrauenskonzeption von Rotter weist auf die Aspekte Allgemeingültigkeit von Normen und Annahme einer Konstanz der sozialen Umwelt bei Vertrauen auf der confidence-Ebene hin. (Rotter (1971), S. 445; Rotter (1980), S. 1f; Rotter (1981), S. 23) Wie die vorangehenden Ausführungen gezeigt haben, finden sich in der Mehrzahl der hier vorgestellten Vertrauenskonzeptionen sowohl Elemente von Vertrauen auf der trust-Ebene als auch Elemente von Vertrauen auf der confidence-Ebene. Aus der Verschiedenheit der Erscheinungsformen dieser Elemente wird zusätzlich ersichtlich, dass es sich bei trust und confidence lediglich um besondere übergeordnete Qualitäten bzw. Strömungen des Vertrauens handelt, die jeweils noch einer expliziten Ausdrucksmöglichkeit bedürfen. Als Ausdrucksform des Vertrauens auf trust-Ebene soll deshalb das sogenannte partikulare Vertrauen vorgeschlagen werden, das im Allgemeinen auch als particular, thick, per- 230 Vertrauen sonal oder specific trust bezeichnet wird. (Delhey/Newton (2005), S. 311; Delhey/Newton/Welzel (2011), S. 786) Dagegen soll die confidence-Ebene des Vertrauens ihren Ausdruck in Form des sogenannten generalisierten Vertrauens finden, das auch als generalized, thin, impersonal oder diffuse trust bezeichnet wird. (Delhey/Newton (2005), S. 311; Delhey/Newton/ Welzel (2011), S. 786) 231 Soziales Vertrauen

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References

Zusammenfassung

Vertrauen stellt als social lubricant eine der zentralen Ressourcen für die Funktionalität ausdifferenzierter Gesellschaften dar. Innerhalb der verschiedenen Theorieschulen zur Beschreibung dieses Phänomens ergeben sich dabei wiederkehrende begriffliche und konzeptuelle Gemeinsamkeiten. Im Wesentlichen sind dies die übergeordneten Vertrauenskategorien „Zuversicht“ (confidence) und „Vertrauen“ (trust) sowie deren praktische Manifestationen „generalisiertes Vertrauen“ und „partikulares Vertrauen“. Während sich die Paarung confidence/generalisiertes Vertrauen auf generalisierte Andere bezieht (z. B. Fremde), ist das Paar trust/partikulares Vertrauen auf spezifische Andere (z. B. Freunde) bezogen. Im Confidence-Trust-Modell wird diese Koinzidenz zu einer integrativen Vertrauenstheorie synthetisiert.