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5. Zusammenfassung in:

Dominik Weigand

Das Confidence-Trust-Modell, page 371 - 380

Zur Entwicklung einer integrativen Vertrauenstheorie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4421-6, ISBN online: 978-3-8288-7430-5, https://doi.org/10.5771/9783828874305-371

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 90

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
371 5. Zusammenfassung Im Rahmen der vorangegangenen Ausführungen werden verschiedene Dinge geleistet. Insgesamt wird eine Systematisierung der bestehenden Theorieansätze zur Erklärung und Beschreibung des Phänomens Vertrauen vollzogen, die einen umfassenden Überblick über die verschiedenen, innerhalb dieses Feldes aktiven, Denkschulen ermöglicht. Eingebettet in diese Systematisierung ist eine Aufschlüsselung generalisierten Vertrauens (generalized trust) und dessen Determinanten bzw. Genese sowie eine Beschreibung des Unterschieds zwischen partikularem und generalisiertem Vertrauen. Übergeordnetes Ziel und Endpunkt der Ausführungen stellt ein aus den wiederkehrenden Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen Theorieansätzen extrahiertes bzw. synthetisiertes vereinheitlichtes Vertrauensmodell dar. Dreh- und Angelpunkt dieses als Confidence-Trust-Modell sozialen Vertrauens bezeichneten Erklärungsansatzes ist der Dualismus von Zuversicht (confidence) und Vertrauen (trust), aus dem sich der Unterschied zwischen GENERALISIERTEM und PARTI- KULAREM VERTRAUEN ergibt. Die Formulierung dieses Modells zieht außerdem eine Neudefinition bzw. Erweiterung der Definitionen generalisierten und partikularen Vertrauens (generalized trust und particularized trust) nach sich.47 47 Im Verlauf der weiteren Ausführungen beschreiben die Begriffe „generalisiertes Vertrauen“ bzw. „generalized trust“ und „partikulares Vertrauen“ bzw. „particularized trust“ die Vertrauenskategorien entsprechend ihrer Verwendung in den theoretischen Ansätzen, die in den Kapiteln „2. Vertrauen“ und „3. Generalisiertes Vertrauen“ vorgestellten werden. Die Begriffe „PARTIKULARES VERTRAU- EN“ und „GENERALISIERTES VERTRAUEN“ beziehen sich dagegen auf die Die theoretischen Ansätze zur Erklärung und Beschreibung sozialen Vertrauens gliedern sich in normative, emotionsbasierte, identitätsbasierte und rationale Theoriemodelle. Dabei nimmt ausgehend von den normativen Ansätzen hin zu den rationalen Ansätzen die Relevanz einer verallgemeinerten Vertrauenseinstellung ab, während Vertrauen stärker als Kalkulation zur Überbrückung eines Informationsdefizites begriffen wird. Normative Vertrauensansätze nehmen an, dass Vertrauen weniger durch persönliche Erfahrungen beeinflusst ist, als dass es eine innerhalb einer Gesellschaft vererbte kulturelle Maxime darstellt. Vertrauen beschreibt hier demnach eine generelle Verhaltensdisposition, die jedem Mitglied einer Gesellschaft, in der ein Klima des Vertrauens vorherrscht, innewohnt und qua Sozialisation weitergegeben und reproduziert wird. Vertrauen wird zu einer moralischen bzw. kulturellen Ressource eines Gesellschaftsgefüges, wobei Vertrauen dann im Kern auf gemeinsame und miteinandergeteilte soziale Regeln gerichtet ist. Das wechselseitige Vertrauen in die Allgemeingültigkeit dieser gesellschaftlichen Normen und Regeln sowie die daran gebundene Annahme, dass diese Regeln und Normen auch von allen pflichtgemäß befolgt werden, können dann als Stifter von sozialer Ordnung wirken. Als innerhalb eines Gesellschaftsgefüges verankertes Vertrauen ist normbasiertes Vertrauen dabei weitestgehend unempfindlich für Vertrauensbrüche bzw. -verletzungen. Emotions- bzw. affektbasierte Vertrauensansätze begreifen Vertrauen als Gefühl oder Empfindung, die auch körperlichen Ausdruck haben kann. Vertrauen beschreibt hier eine emotionale Verbindung zwischen den Vertrauenspartnern, die jegliche Weltwahrnehmung beeinflusst. Auf Seiten des Vertrauenden ist dabei ein affektgesteuerter Optimismus hinsichtlich des Wohlwollens und der Kompetenz des Vertrauten handlungsleitend. Der Vertraute erscheint dann auf Basis dieser Emotion als vertrauenswürdig, wobei diese Wahrnehmung gegenüber nachfolgenden eventuell negativen Informationen sehr robust ist. Sowohl die Vertrauenserwartung, nämlich sich auf den Vertrauten dahingehend verlassen zu können, dass dessen Handlungen zu einem positiven Ergebnis für einen Definitionen und Ausführungen in Kapitel „4. Generalisiertes Vertrauen vs. Partikulares Vertrauen“. 372 Zusammenfassung selbst führen werden, und die anschließende Vertrauenshandlung, das Eingehen des Risikos, sich verletzbar zu machen durch die Handlungen des Vertrauten, sind hierdurch determiniert. Auf Seiten des Vertrauten soll sich durch das ihm entgegengebrachte Vertrauen eine emotionale Ergriffenheit einstellen, die in einer Verbindlichkeit zwischen Vertrauendem und Vertrautem resultiert. Die Erfahrung, dass jemand auf ihn baut, soll dann das leitende Handlungsmotiv für den Vertrauten darstellen. Identitäts- bzw. gruppenbasierte Vertrauensmodelle nehmen an, dass die wechselseitige Identifikation der Vertrauenspartner mit den Präferenzen des Anderen bzw. die Identifikation mit der gleichen sozialen Gruppe leitend für die Vertrauensvergabe ist. Auf der Mikroebene stellt die am höchsten entwickelte Form des Vertrauens dann die vollkommene Internalisierung der Wünsche und Intentionen des Vertrauenspartners dar. Es wird dabei davon ausgegangen, dass ein wechselseitiges Verständnis füreinander vorherrscht und man ohne notwendige Überwachung für die Interessen des Anderen eintritt. All dies geschieht im Bewusstsein dafür, welche Handlungen angebracht sind, um die Vertrauensbeziehung zu festigen. Auf der Makroebene ergibt sich Vertrauen aus einem ingroup-outgroup-Differential. Die Mitgliedschaft in sozialen Gruppen dient nun als Möglichkeit der Überbrückung von persönlicher Bekanntschaft. Die individuelle persönliche Identität einer Person wird dabei durch eine kollektive soziale Identität ersetzt, die ihrer Zugehörigkeit zu einer spezifischen sozialen Gruppe entspricht. Die Bewertung eines Individuums erfolgt dann anhand dieser sozialen Kategorie, wobei solche sozialen Gruppen favorisiert werden, denen man selbst angehört. Mitgliedern dieser sogenannten ingroup werden hinsichtlich ihrer Vertrauenswürdigkeit, Ehrlichkeit und Loyalität besser bewertet als Mitglieder der sogenannten outgroup. Eine geteilte bzw. gemeinsame Gruppenzugehörigkeit fungiert dann als Vertrauenskatalysator. Es wird dabei im Wesentlichen davon ausgegangen, dass Mitglieder der gleichen sozialen Gruppe sich den gleichen Normen und Werten verpflichtet fühlen und entsprechend ihrer Gruppenmitgliedschaft handeln werden. Als Versicherung dieses Handelns gilt gleichermaßen die jeweilige Gruppenmit- 373 Zusammenfassung gliedschaft, muss doch davon ausgegangen werden, dass Fehlverhalten gruppenintern sanktioniert wird. Rationale bzw. strategische Vertrauensmodelle nehmen an, dass die Vergabe von Vertrauen entlang einer rationalen Kosten-Nutzen-Abwägung verläuft, in deren Fokus die Verwirklichung der eigenen Interessen steht. Um Vertrauen zu gewähren, muss dabei eine Vertrauensschwelle erreicht werden, die sich aus dem Verhältnis der angenommenen Vertrauenswürdigkeit hinsichtlich des Vertrauten und der Höhe eines potenziellen Verlustes bzw. Gewinnes aus der Vertrauensbeziehung errechnet. Vertrauen ist dann lohnend, wenn die Vorteile aus der Vertrauensbeziehung die Risiken überwiegen bzw. die Eintrittswahrscheinlichkeit eines vorteilhaften Ereignisses größer ist als die eines nachteiligen Ereignisses. Grundlage sind dabei auf der einen Seite die Risikobereitschaft und die Enttäuschungstoleranz des Vertrauenden sowie Informationen über die Reputation der Vertrauten und die daraus resultierenden Erwartungen hinsichtlich des potenziellen zukünftigen Verhaltens des Vertrauten. Dabei können die potenziellen Gewinne und Verluste einer Vertrauensbeziehung meist recht gut bestimmt werden, während hinsichtlich der Vertrauenswürdigkeit eines Vertrauten ein mehr oder weniger großes Informationsdefizit bestehen kann. Die Richtigkeit einer Entscheidung hängt davon ab, wie gut die Wahrscheinlichkeit vertrauenswürdigen Verhaltens antizipiert wird. Allerdings besteht auch immer das Risiko einer Unter- bzw. Überschätzung. Vertrauen bleibt in diesem Sinne eine riskante Vorleistung seitens des Vertrauenden, da sich der Vertraute immer noch als vertrauensunwürdig entpuppen kann. Es ist charakterisiert durch eine positiv gelagerte Voreingenommenheit auf der Basis unvollständiger Informationen hinsichtlich der Intentionen des Vertrauten, die Erwartung eines Wohlwollens seitens des Vertrauten, die Erwartung freundlichen Verhaltens in einer Situation, die durch Unsicherheit gekennzeichnet ist und die Erwartung, dass der Vertraute ein für den Vertrauenden vorteilhaftes Verhalten ausführen wird. Aus der Systematisierung der verschiedenen Vertrauensansätze geht hervor, dass die Mehrzahl der Theoretiker in letzter Instanz mindestens zwei grundsätzliche Formen des Vertrauens annehmen. Lediglich die Ver- 374 Zusammenfassung treter, die Vertrauen als strategisch-rationales Element verstehen, weichen hiervon ab und verorten Vertrauen als pure Kosten-Nutzen-Kalkulation, die es ermöglicht Opportunitäts- und Transaktionskosten zu reduzieren. In dieser Lesart basiert wechselseitiges Vertrauen auf der Reputation, die sich die Vertrauenspartner aufgebaut haben bzw. dem Wissen, das die Vertrauenspartner übereinander hinsichtlich vorangegangener Performanz in anderen Vertrauensbeziehungen haben. Dabei spielen sowohl Interaktionen miteinander als auch Interaktionen mit Dritten eine Rolle. Daneben gibt es jedoch auch Positionen, die der Auffassung sind, dass Vertrauensinteraktionen grundsätzlich losgelöst von vorausgegangenem Verhalten der beteiligten Personen betrachtet werden müssen. Mit anderen Worten: Jede Vertrauensbeziehung stellt ein sogenanntes one-shotgame dar, auf das vorheriges Verhalten nicht unbedingt Einfluss haben muss. Prinzipiell steht jedem Vertrauenspartner auch bei wiederholter Vertrauensinteraktion bzw. bei jeder Iteration die Möglichkeit zum Vertrauensbruch zur Verfügung. Schuldig bleiben solche Ansätze eine Erklärung dafür, wie Vertrauensbeziehungen untereinander vollkommen fremder Personen bzw. Personen, die keine Informationen übereinander besitzen, zustande kommen. Dies geht sogar so weit, dass die Existenz eines Phänomens wie einer grundlegenden Vertrauensdisposition negiert wird. Dass eine Erscheinung wie generalisiertes Vertrauen (generalized trust) existiert, notwendig und funktional ist, zeigt die Organisation heutiger ausdifferenzierter Gesellschaften. Die Ausdifferenzierung der Wissensbestände innerhalb des Gesellschaftsgefüges bewirkt eine zunehmende Professionalisierung der verschiedenen Lebensbereiche. Mit anderen Worten: Nicht jedes Gesellschaftsmitglied ist mehr ohne Weiteres in der Lage jede Aufgabe, die ihm gestellt wird, selbst oder ohne die Hilfe anderer zu bewältigen. In modernen Gesellschaften ist man somit genötigt zu vertrauen, sei es der Diagnose des Arztes, der Expertise von Anlageberatern, den Motiven und Aussagen von Politikern und vielem mehr. Eine umfassende und lückenlose Informiertheit über alle Aspekte, die für das eigene Leben relevant sind oder relevant werden, das heißt, ein Experte in jedem Lebensbereich zu sein, ist für das einzelne Individu- 375 Zusammenfassung um kaum bzw. nicht leistbar. Vielmehr werden bestimmte Wissensbestände und Aufgaben outgesourct bzw. an entsprechende Experten delegiert. Diesen Experten begegnet man in der Regel als Laie und muss auf deren Urteil vertrauen. Eine weitere Ebene generalisierten Vertrauens betrifft die Verfasstheit von (modernen) Gesellschaften. So funktionieren Gesellschaften in der Regel nur dann, wenn innerhalb dieser bestimmte Regeln Gültigkeit besitzen und diese von allen Gesellschaftsmitgliedern befolgt werden. So vertrauen wir darauf, dass sich die verschiedenen Verkehrsteilnehmer an die Verkehrsregeln halten oder dass Gesetze eingehalten werden. In diesem Zusammenhang vertrauen wir gleichermaßen darauf, dass entsprechende Zuwiderhandlungen sanktioniert werden. Dieser teilweise implizit verinnerlichte gesellschaftliche common sense stellt dabei auch eine Grundlage generalisierten Vertrauens dar. Wir nehmen an, dass Interaktionspartner oder andere Gesellschaftsmitglieder auf Basis der gleichen oder zumindest ähnlichen Regeln wie wir handeln und schenken deshalb Vertrauen. Es wird somit das Verhalten des Anderen auf dem Fundament allgemeiner Prämissen über das durchschnittliche Verhalten innerhalb der Gesellschaft antizipiert. Erschütterungen des Vertrauens ergeben sich, wenn die impliziten Regeln des Zusammenlebens gebrochen werden. Diese ergeben sich vornehmlich aus der direkten Konfrontation mit kriminellem oder anomischem Verhalten. Beispiele hierfür reichen von Erlebnissen mit verhältnismäßig leichtem Fehlverhalten, wie dem Überfahren einer roten Ampel, während man die Straße überqueren möchte, über persönliche Traumata, die bspw. aus Überfällen oder Einbrüchen resultieren können, bis hin zu die Integrität der Gesellschaft bedrohenden Ereignissen, wie Terroranschlägen. Zu unterscheiden sind im Wesentlichen zwei grundlegende Vertrauensqualitäten (Zuversicht bzw. confidence und Vertrauen bzw. trust), die sich innerhalb der Lebenswelt als generalisiertes bzw. partikulares Vertrauen manifestieren. Dabei meint partikulares Vertrauen, das kalkulierende auf Einzelpersonen oder spezifische Gruppen bezogene Vertrauen, während sich generalisiertes Vertrauen auf den generalisierten Anderen, d. h. Menschen im Allgemeinen, bezieht. Partikulares Vertrauen ergibt sich in der 376 Zusammenfassung Regel aus der wiederholten und erfolgreichen Interaktion mit einer spezifischen Person oder Gruppe und bleibt zunächst auf diese beschränkt. Generalisiertes Vertrauen kann auf verschiedene Art und Weisen generiert werden. Die wichtigsten Theorieschulen bilden dabei die gesellschaftszentrierten und die institutionen-zentrierten Vertrauenskonzepte. Gesellschaftszentrierte Ansätze gehen davon aus, dass sich generalisiertes Vertrauen aus den historischen und kulturellen Erfahrungen einer Gesellschaft ergibt, wobei formelle und informelle Vereinigungen als Katalysatoren fungieren. Generalisiertes Vertrauen stellt dann die Folge Sozialen Kapitals dar, welches sich über einen längeren Zeitraum, teilweise über Jahrhunderte, aufgebaut hat, und ist somit stark im jeweiligen historischen und kulturellen Kontext verwurzelt. Motor der Genese generalisierten Vertrauens ist hierbei die regelmäßige soziale Interaktion der Gesellschaftsmitglieder. In diesem Zusammenhang sind zusätzlich netzwerk-basierte und kulturbasierte Erklärungsansätze zu unterscheiden: Netzwerk-basierte Ansätze erklären die Genese generalisierten Vertrauens als Folge von Sozialisationsprozessen innerhalb sozialer Netzwerke. So werden in sozialen Netzwerken durch die Interaktion verschiedener Menschen bürgerliche Tugenden wie Vertrauen, Reziprozität und Kooperationsbereitschaft sowie demokratische Werte und Normen vermittelt. Die positiven Interaktionserfahrungen mit anderen Netzwerkmitgliedern werden dann auf Nicht-Mitglieder übertragen. Folgt man kultur-basierten Erklärungsansätzen, so fußt generalisiertes Vertrauen auf moralischen bzw. kulturellen Werten und Normen, die im Zuge der Sozialisation vermittelt werden und eine hohe Stabilität aufweisen. Eine Vertrauensdisposition wird hiernach bereits in den frühen Lebensjahren entwickelt und ist durch eine optimistische und egalitäre Weltsicht charakterisiert. Institutionen-zentrierte Ansätze machen staatliche Institutionen und deren Handlungsweise als Quelle generalisierten Vertrauens aus. Politische Institutionen erschaffen normative Standards und setzen diese gegen- über den Bürgern durch. Das Ausmaß generalisierten Vertrauens wird dabei umso größer, je mehr Bürger auf die Einhaltung dieser Normen verpflichtet werden können. Abgesichert wird diese Verpflichtung durch 377 Zusammenfassung Möglichkeiten der Sanktionierung bei Vertrauensmissbrauch, woraus auch eine Verminderung des mit dem Schenken von Vertrauen verbundenen Risikos resultiert. Von besonderer Relevanz sind in diesem Zusammenhang institutionelle Fairness und Unparteilichkeit bzw. Objektivität, werden doch allen Bürgern gleiche Rechte und Pflichten zugesprochen. Eine besondere Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Repräsentanten der Institutionen. Sie üben eine Vorbildfunktion für die übrigen Gesellschaftsmitglieder aus und fungieren als moralischer Kompass für universelle und adäquate Handlungsmaximen. Außerdem wird vom Fehlverhalten einzelner Institutionenvertreter mitunter auf die gesamte Institution geschlossen. Daneben besteht auch die Möglichkeit Institutionen als Substitute für Vertrauen zu nutzen, indem man das Risiko der Vertrauensbeziehung vollständig auf diese überträgt. Vertrauen wird in diesem Fall durch Recht bzw. die Fähigkeit der Institutionen, bindende Sanktionen auszusprechen, ersetzt. Institutionen-zentrierte Vertrauensmodelle lassen sich in einstellungsbezogene und institutionell-strukturelle Ansätze differenzieren. Im Rahmen einstellungsbezogener Ansätze wird die Beziehung zwischen Institutionenvertrauen bzw. politischem Vertrauen und generalisiertem Vertrauen betrachtet, wobei die kausale Richtung des Effekts unklar bleibt und derzeit von einer wechselseitigen Beeinflussung ausgegangen wird. Institutionell-strukturelle Ansätze nehmen an, dass Institutionen zur Produktion generalisierten Vertrauens beitragen, indem sie anomisches Verhalten sanktionieren sowie über die Verbreitung von kulturellen Prinzipien und Normen die Werte und Überzeugungen der Menschen gestalten. Dabei müssen sogenannte Repräsentations- und Implementationsinstitutionen unterschieden werden. So tragen vornehmlich letztgenannte zur Umsetzung und Durchsetzung normativer Standards bei. Insbesondere Judikative und Administration üben durch ihren oft unmittelbaren Kontakt mit dem Bürger großen Einfluss auf generalisiertes Vertrauen aus. Voraussetzung für den Beitrag dieser Klasse von Institutionen zu generalisiertem Vertrauen ist die Wahrnehmung des Staates als vertrauenswürdig. Der Dualismus von Zuversicht (confidence) und Vertrauen (trust) bzw. generalisiertem und partikularem Vertrauen stellt eine auffallende Koin- 378 Zusammenfassung zidenz der meisten Vertrauensmodelle dar. Es handelt sich hierbei somit um den Nucleus des Verständnisses von Vertrauen. Entsprechend ist es nur folgerichtig, ganz im Sinne von Ockhams Rasiermesser, mit dem Confidence-Trust-Modell sozialen Vertrauens ein integriertes Vertrauensmodell zu schaffen, in dessen Zentrum die Beziehung der Vertrauenskategorien Zuversicht und Vertrauen sowie deren praktische Manifestationen stehen. Das Modell basiert auf den Vorüberlegungen des Vertrauensansatzes von Uslaner und nimmt eine latente und eine manifeste Ebene des Vertrauens an. Die manifeste Ebene wird dabei aus einem Kontinuum mit den Polen PARTIKULARES und GENERALISIERTES VERTRAUEN gebildet.48 Das bedeutet: Es wird angenommen, dass GENERALISIERTES VER- TRAUEN und PARTIKULARES VERTRAUEN prinzipiell wechselseitig ineinander überführbar sind. Dabei gestaltet sich der Weg von GENE- RALISIERTEM VERTRAUEN hin zu PARTIKULAREM VERTRAUEN einfacher, da in GENERALISIERTEM VERTRAUEN bereits auch schon PARTIKULARES VERTRAUEN enthalten ist. Ein Transfer von PARTI- KULAREM VERTRAUEN hin zu GENERALISIERTEM VERTRAUEN ist weit schwerer zu bewerkstelligen und ergibt sich in der Regel als Folge der Übertragung positiver Vertrauenserfahrungen mit einer Vielzahl von spezifischen Individuen auf Menschen im Allgemeinen. GENERALISIERTES VERTRAUEN und PARTIKULARES VERTRAU- EN sind jeweils auf unterschiedliche Sphären des Vertrauens bezogen. Während GENERALISIERTES VERTRAUEN gleichermaßen die Mikro-, Meso- und Makroebene bedient, bleibt PARTIKULARES VER- TRAUEN auf die Mikroebene beschränkt. Insofern hat GENERALISIER- TES VERTRAUEN einen universalen Charakter und lässt sich auf eine Vielzahl von Situationen adaptieren. 48 Vgl. Definition von PARTIKULAREM bzw. GENERALISIERTEM VERTRAU- EN im Abschnitt „4. Generalisiertes vs. Partikulares Vertrauen“. Bei den an dieser Stelle beschriebenen Formen des Vertrauens handelt es sich um die im obengenannten Abschnitt definierten Vertrauensformen. Sie sind als Synthese des im Rahmen der Beschreibung der Theorieschulen genannten partikularen bzw. generalisierten Vertrauens zu verstehen und als solche von diesen zu unterscheiden. 379 Zusammenfassung

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References

Zusammenfassung

Vertrauen stellt als social lubricant eine der zentralen Ressourcen für die Funktionalität ausdifferenzierter Gesellschaften dar. Innerhalb der verschiedenen Theorieschulen zur Beschreibung dieses Phänomens ergeben sich dabei wiederkehrende begriffliche und konzeptuelle Gemeinsamkeiten. Im Wesentlichen sind dies die übergeordneten Vertrauenskategorien „Zuversicht“ (confidence) und „Vertrauen“ (trust) sowie deren praktische Manifestationen „generalisiertes Vertrauen“ und „partikulares Vertrauen“. Während sich die Paarung confidence/generalisiertes Vertrauen auf generalisierte Andere bezieht (z. B. Fremde), ist das Paar trust/partikulares Vertrauen auf spezifische Andere (z. B. Freunde) bezogen. Im Confidence-Trust-Modell wird diese Koinzidenz zu einer integrativen Vertrauenstheorie synthetisiert.