Content

1. Einleitung in:

Dominik Weigand

Das Confidence-Trust-Modell, page 1 - 6

Zur Entwicklung einer integrativen Vertrauenstheorie

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4421-6, ISBN online: 978-3-8288-7430-5, https://doi.org/10.5771/9783828874305-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 90

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 1. Einleitung „Man kann nicht leben, ohne Erwartungen in Bezug auf kontingente Ereignisse zu entwickeln, und man muss die Möglichkeit der Enttäuschung dabei mehr oder minder vernachlässigen. Man vernachlässigt diese, da sie eine sehr selten eintretende Möglichkeit ist, aber auch weil man nicht weiss, was man sonst tun könnte. Die Alternative ist, in einer Welt permanenter Ungewissheit zu leben und seine Erwartungen zurückzuziehen, ohne irgend etwas zu haben, das sie ersetzen könnte.“ (Luhmann (2001), S. 148) Im Rahmen der Lebenswelt sind wir permanent mit Entscheidungen für verschiedene Handlungsmöglichkeiten konfrontiert. Dabei bleibt offen, welche der uns offenstehenden Optionen die jeweils vorteilhafteste Initiative darstellt. Mit anderen Worten: Es bleibt offen bzw. es ist nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, welches Ergebnis mit einer bestimmten Handlungsweise einhergeht. Insbesondere die Interaktion mit anderen Personen ist von dieser Unsicherheit betroffen. Selbst wenn der Interaktionspartner bisher immer kooperativ gehandelt hat, könnte er sich nun entgegengesetzt seiner bisherigen Handlungsweise verhalten. Als Konsequenz hieraus jegliche Kooperationsbeziehung aufzugeben, erweist sich dabei als kaum praktikabel und auch nicht funktional, würden dadurch doch nicht nur negative, sondern auch positive Effekte vermieden. Besondere Brisanz besitzt das hier beschriebene Problem der Handlungs- und Ergebnisungewissheit, wenn man mit fremden Personen interagiert, d. h. mit Personen, über deren bisherige Verhaltensweisen man kaum oder keine Informationen besitzt. In einem solchen Fall ist strenggenommen keinerlei Folgenabschätzung möglich. Engverbunden hiermit ist auch die Anbahnung von Beziehungen im Allgemeinen. So ist eine Person, die man zum ersten Mal trifft per se ein Fremder. Es stellt sich dann die Frage, auf welche Art und Weise eine Beziehung ihren Anfang nehmen kann? Mindestens einer der Beziehungspartner müsste zunächst mit einer Annäherungsgeste in Vorleistung treten, aus der sich die weitere Beziehung entwickelt. Unklar bleibt jedoch, auf welcher Basis diese Vorleistung stattfindet. In heutigen ausdifferenzierten Gesellschaften sind es aber gerade die Interaktionen mit vollkommen fremden Personen, die den Löwenanteil der täglichen Wechselbeziehungen ausmachen. Daran, dass solche Gesellschaften funktionieren und überlebensfähig sind, lässt sich ablesen, dass die Konsequenz keineswegs die Vermeidung von Interaktionsbeziehungen ist und dass es einen Mechanismus geben muss, der die Gesellschaftsmitglieder dazu befähigt, die beschriebene Ungewissheit zu überbrücken. Je nach Bezugsebene handelt es sich bei diesem Mechanismus um Vertrauen (trust) oder Zuversicht (confidence)1. „Wenn man keine Alternative in Betracht zieht (jeden Morgen verlassen fast alle von uns das Haus ohne Waffe!), ist man in einer Situation der Zuversicht. Wenn man die eine Handlungsweise der anderen vorzieht, obwohl die Möglichkeit besteht, durch die Handlungsweise anderer Menschen enttäuscht zu werden, definiert man die Situation als eine des Vertrauens. Im Falle der Zuversicht reagiert man auf Enttäuschung, indem man sie den äußeren Umständen zuschreibt. Im Falle des Vertrauens wird man die Zuschreibung interner Faktoren in Betracht ziehen müssen und schliesslich die vertrauensvolle Wahl bereuen.“ (Luhmann (2001), S. 148) 1 Nachfolgend werden die englischsprachigen Begriffe trust und confidence verwendet, um zwischen Vertrauen und Zuversicht zu differenzieren. Dies geschieht, um bei der Verwendung des Begriffs „Vertrauen“ für Vertrauen im allgemeinen Sinn Verwechselungen mit der Kategorie „Vertrauen“ im Sinne von trust zu vermeiden. 2 Einleitung „Eine Beziehung der Zuversicht kann zu einer Vertrauensbeziehung werden, wenn es möglich wird (oder möglich erscheint), jene Beziehung zu vermeiden. Somit können Wahlen politische Zuversicht in gewissem Maße in politisches Vertrauen verwandeln, zumindest, wenn die eigene Partei gewinnt. Umgekehrt kann Vertrauen wieder in bloße Zuversicht umschlagen, wenn die Meinung um sich greift, dass man politische Entscheidungen durch Wahlen nicht wirklich beeinflussen kann.“ (Luhmann (2001), S. 149f) Vertrauen stellt im Wesentlichen eine Möglichkeit dar, mit der Unsicherheit bzw. Unvorhersagbarkeit von Ereignissen und Handlungen anderer Personen umzugehen. Dabei ergeben sich mit confidence und trust zwei voneinander verschiedene grundlegende Qualitäten des Vertrauens, die prinzipiell ineinander überführbar sind und sich auf unterschiedliche Art und Weise in der Lebenswelt manifestieren. Confidence meint ein fragloses Vertrauen in die Gültigkeit alltäglicher Begebenheiten, während mit trust eine Form des Vertrauens gemeint ist, der ein kalkulierendes Element innewohnt. Diese beiden Vertrauenstypen und ihre Ausdifferenzierungen werden auf verschiedenen Ebenen wirksam. Trust und mehr noch confidence sind in unserer ausdifferenzierten Gesellschaft notwendig und funktional. So ist den einzelnen Gesellschaftsmitgliedern immer weniger möglich, alle von ihnen erwarteten Rollen selbst bzw. parallel zu erfüllen oder sämtliche Kenntnisse, die zur Bewältigung des Alltages verlangt werden, in sich selbst zu vereinen. Vielmehr findet eine Professionalisierung der verschiedenen Lebensbereiche statt, die es erforderlich macht, auf die Kenntnisse und Fähigkeiten von entsprechenden Experten zurückgreifen zu müssen. Hat man selbst bspw. kein Medizinstudium absolviert oder bewegt sich beruflich nicht in einem medizinischen bzw. medizinnahen Bereich, so hat man allenfalls Laienwissen und muss den Aussagen des Arztes, als Spezialisten für Gesundheit, meist ohne Möglichkeit zur eigenständigen Überprüfung Vertrauen schenken. Abgesehen von diesem Beispiel existiert eine Vielzahl von Aufgabenstellungen, die aufgrund der ansteigenden Kom- 3 Einleitung plexität sämtlicher Lebensbereiche ohne die Hilfe von Experten für den Laien nicht mehr lösbar sind. Darüber hinaus dient Vertrauen im Allgemeinen als Schmiermittel für soziale Beziehungen und Kooperation. Vertrauen reduziert Opportunitäts- und Transaktionskosten, indem es die mit Kooperationsbeziehungen verbundenen Unsicherheiten überbrückt. Vertrauen nimmt insofern an, dass eine Kooperationsbeziehung vornehmlich gewinnbringend bzw. vorteilhaft sein wird und ein Scheitern eine vergleichsweise geringe Wahrscheinlichkeit besitzt. Auf diese Weise wird es möglich, auch solche Handlungsoptionen zu wählen, die ein hohes Risiko aufweisen. In gleichem Maße wird die Notwendigkeit sozialer Kontrolle verringert bzw. soziale Kontrolle durch Vertrauen ersetzt, weil die Wahrnehmung des Kooperationspartners als Vertrauensperson eine ständige Überprüfung, ob dieser im Sinne des Vertrauensgebers handelt, überflüssig macht. Es existiert eine Reihe von theoretischen Ansätzen zur Erklärung von Vertrauen, die sich in ein Kontinuum verschiedener Theorieschulen einordnen lassen. Die Pole dieses Kontinuums gehen im Wesentlichen davon aus, dass Vertrauen entweder ein ausschließlich auf der Mikroebene zu verortendes Phänomen darstellt oder Vertrauen sowohl auf der Mikroals auch der Makroebene wirksam werden kann. Das bedeutet: Manche Ansätze nehmen an, dass Vertrauen nur zwischen Einzelpersonen entstehen kann und insofern ein kalkulierendes Element aufweist. Daneben existieren Ansätze, die explizit dem Aspekt der notwendigen Interaktion mit fremden Personen und der Beziehungsanbahnung Rechnung tragen sowie dem Vertrauen gegenüber Gruppen von Personen oder Institutionen, indem sie eine Ebene generalisierten Vertrauens annehmen. Diese Form des Vertrauens ist nicht an spezifische Individuen gebunden, sondern bezieht sich auf Menschen im Allgemeinen. Betrachtet man die verschiedenen theoretischen Ansätze zur Beschreibung und Erklärung des Phänomens „Vertrauen“, ergeben sich in den meisten Fällen erhebliche konzeptionelle Übereinstimmungen. Diese lassen sich im Wesentlichen immer wieder auf einen Dualismus von Zuversicht und Vertrauen zurückführen. Eckpunkte dieser Koinzidenzen sind dabei in der Regel die Pole confidence und trust. Abweichungen 4 Einleitung von diesem Schema ergeben sich vornehmlich im Rahmen von Theoriegebäuden, die Vertrauensvergabe als reine Kosten-Nutzen-Entscheidung modellieren. Die nachfolgenden Ausführungen unternehmen nun eine Systematisierung der Gemeinsamkeiten der bestehenden Vertrauensansätze mit dem Ziel ein integriertes Vertrauensmodell zu synthetisieren, dass als Confidence-Trust-Modell sozialen Vertrauens bezeichnet werden wird. 5 Einleitung

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Vertrauen stellt als social lubricant eine der zentralen Ressourcen für die Funktionalität ausdifferenzierter Gesellschaften dar. Innerhalb der verschiedenen Theorieschulen zur Beschreibung dieses Phänomens ergeben sich dabei wiederkehrende begriffliche und konzeptuelle Gemeinsamkeiten. Im Wesentlichen sind dies die übergeordneten Vertrauenskategorien „Zuversicht“ (confidence) und „Vertrauen“ (trust) sowie deren praktische Manifestationen „generalisiertes Vertrauen“ und „partikulares Vertrauen“. Während sich die Paarung confidence/generalisiertes Vertrauen auf generalisierte Andere bezieht (z. B. Fremde), ist das Paar trust/partikulares Vertrauen auf spezifische Andere (z. B. Freunde) bezogen. Im Confidence-Trust-Modell wird diese Koinzidenz zu einer integrativen Vertrauenstheorie synthetisiert.