Content

5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels in:

Jan Kerkmann

Dike und Physis, page 225 - 256

Philosophische Studien zu einer Schlüsselkonstellation bei Heidegger, Nietzsche und Heraklit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4420-9, ISBN online: 978-3-8288-7425-1, https://doi.org/10.5771/9783828874251-225

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 37

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels Was dir auch immer widerfahren mag, es ist dir von Ewigkeit her so vorher bestimmt, und die Verkettung der Ursachen hat von Anfang her dein Dasein und dieses dein Geschick miteinander verknüpft.930 Einleitende Bemerkungen In diesem Kapitel soll der Versuch unternommen werden, einige Kernaspekte der stoischen Philosophie Marc Aurels im dezidierten Hinblick auf die Konstellation von Δίκη und φύσις zu präsentieren. In diesem Kontext soll besonders die Verbindung zwischen dem praktischen Einübungscharakter sich wiederholender Meditationen931 und bildreicher Erinnerungsbrücken auf der einen Seite und der Ausarbeitung einer geschlossenen, theoretischen Weltsicht auf der anderen Seite thematisiert werden. Es soll ein antidogmatischer Wesenszug des Denkens Marc Aurels aufgezeigt werden. Der römische Kaiser, so die leitende These, sucht den stoischen Lebensweg als den bestmöglichen und glücksversprechenden zu profilieren, selbst wenn eine der stoischen Doktrin zuwiderlaufende, atomistische oder zufallsbasierte Physik wahr sein sollte. Die folgenden Darlegungen gliedern sich in vier Abschnitte, wobei jeweils mögliche Widersprüche in Marc Aurels Lehre als Orientierungsmarken dienen sollen. Anschließend soll expliziert werden, wie Marc Aurel die vermeintlich aporetischen oder gar fatalistischen Konsequenzen der stoischen Philosophie innerhalb seines Entwurfs einer Lebenskunst der Erhabenheit verortet. Marc Aurels Sentenzen, die der Nachwelt in den 12 Büchern der auf Altgriechisch verfassten Selbstbetrachtungen übereignet worden sind, tragen das Gepräge stilistischer Meisterschaft und unvergleichlicher Eleganz.932 Da die einzelnen Notizen und Abschnitte in sich teilweise sehr dicht formuliert und inhaltsreich sind, soll in diesem Kapitel eine möglichst textnahe Lektüre und Kommentierung ausgewählter Aphorismen erfolgen. 5. 5.1. 930 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, X. Buch, Nr. 5, S. 150. 931 Zur Biographie und zum Verhältnis zwischen dem Kaiseramt und der Philosophie bei Marc Aurel vgl. besonders die exzellente und materialreiche Untersuchung von Alexander Demandt, Marc Aurel. Der Kaiser und seine Welt, München 2018; sowie die prägnante und instruktive Studie von Klaus Rosen, Marc Aurel, Hamburg 1997. 932 Vgl. diesbezüglich die hervorragende Stilanalyse von Marcel von Ackeren, Die Philosophie Marc Aurels. 2 Bände, Berlin/New York 2011. 225 Die Disziplinierung des Handlungsantriebs und der Determinismus der Allnatur In diesem Abschnitt wird ein Grundtopos der stoischen Philosophie diskutiert, der zugleich einen der tradierten Zentraleinwände gegen diese Lehre in sich birgt: Die Theorie einer durch die All-Natur besiegelten, kosmischen Notwendigkeit, die alle Geschehnisse zusammenfügt. Zunächst ist in klärender Absicht voranzuschicken, dass die von Marc Aurel diskutierte φύσις in ihren Wesensmerkmalen kaum Gemeinsamkeiten mit der heideggerschen Seynseinheit von Verbergung und Entbergung besitzt. In ihrem Gehalts- und Bezugssinn entspricht die Allnatur Marc Aurels viel eher der von Nietzsche profilierten, anaximandrischen Notwendigkeit der Zeitordnung und der kosmischen Δίκη Heraklits, wie sie im vierten Kapitel dieser Arbeit analysiert und bestimmt wurde. Die virulente Hauptfrage lässt sich wie folgt formulieren: Wie ist angesichts der unausweichlichen Determination natürlicher Prozesse, die sich nicht nur auf passive, menschliche Widerfahrnisse erstreckt, sondern auch den Horizont der aktiven Handlungen, der Motivwahl und der Gedankenassoziation umgreift, die Verwirklichung der Freiheit und der Tugendhaftigkeit möglich? Schließlich ist es die gelingende Aus- übung des moralisch Guten, die Zenon, Chrysippos, Epiktet und Marc Aurel einhellig als Ziel und Grund eines glücklichen Lebens apostrophieren.933 Um die These plausibilisieren zu können, dass Marc Aurel die Freiheit vornehmlich in der Disziplinierung des Handlungsantriebes aufspürt, der allein dasjenige will und erstrebt, was für die universal ausgerichtete Erhaltung der Allnatur günstig ist, soll zunächst kurz auf die Freiheitstheorie der älteren Stoa934 eingegangen werden. Dazu sei die im zweiten Kapitel der vorliegenden Arbeit bereits zitierte Lehrüberlieferung des Hippolytos hier noch einmal wiedergegeben: Und sie selbst versichern, dass alles gemäß dem Schicksal sei, indem sie folgendes Beispiel verwenden: es ist, wie wenn ein Hund an einen Wagen gebunden ist: wenn er folgen will, wird er gezogen und folgt mit seinem freien Willen gemäß der Notwendigkeit des Schicksals. Wenn er aber nicht folgen will, wird er gänzlich gezwungen werden. Genau so verhält es sich mit den Menschen. Auch wenn sie nicht folgen wollen, werden sie gezwungen werden, gänzlich ins Vorbestimmte einzutreten.935 Schon an diesem paradigmatischen Zitat lässt sich trefflich veranschaulichen, weswegen für die stoische Philosophie die drei Disziplinen Logik, Ethik und Physik synthetisch ineinandergreifen.936 Eine sachgerechte Kenntnis der immerwährenden Verknüpfungsgesetze der Natur (Physik) ermöglicht es, das affektorientierte Begehren der unabhängigen Faktoren abzumildern, indem äußere Ereignisse aus der Perspektive 5.2. 933 Vgl. zu dieser eudämonistischen Grundorientierung der Stoa: Anna Schriefl, Stoische Philosophie. Eine Einführung, Ditzingen 2019, S. 121ff. 934 Einen lehrreichen Einblick in die geschichtlichen Stadien und Wandlungen der stoischen Theoriebildung bietet die luzide Textauswahl von Wolfgang Weinkauf (Hrsg.), Die Philosophie der Stoa. Ausgewählte Texte, Ditzingen 2001. 935 Hippolytus, Haer. 1.21 (SVF 2.975) LS1 386 / LS2 382 (A). 936 Vgl. zu dieser Dreiteilung der Philosophie in die Komponenten der Logik, der Physik und der Ethik sowie zu ihrer Begründung: Maximilian Forschner, Die Philosophie der Stoa. Logik, Physik und Ethik, Darmstadt 2018. 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 226 des sich selbst liebenden und wollenden Ganzen beurteilt werden. Die Logik erlaubt es, durch folgerichtige Schlüsse unpassende Wertkategorien aus den eigenen Urteilen zu entfernen und die Disziplinierung der Zustimmung937 durch die methodische Formierung objektiver Vorstellungen zu befördern. Die Ethik sichert in der Disziplinierung des Wollens einen autonomen Handlungsrahmen, der nach Maßgabe der allgemeinen Menschennatur gestaltet werden kann. Diese durch eine fortschreitende Differenzierung und in einer selbstkritischen Analyse der eigenen Willensmaxime zu gewinnende Autonomie wird von Epiktet prägnant geschildert: Unbesiegbar kannst du sein, wenn du dich auf keinen Kampf einläßt, in dem der Sieg nicht von dir abhängt. […] Du selber willst doch kein Prätor, Senator oder Konsul sein, sondern ein freier Mensch. Nur ein einziger Weg aber führt dahin: Alles zu verachten, worüber wir nicht gebieten.938 Trotzdem ist nicht zu leugnen, dass die in Hippolytos‘ Lehrbericht gewählte Hund- Wagen-Analogie auf den ersten Blick etwas abstrakt wirkt und sich der in der Formulierung „wenn er aber nicht folgen will, wird er gänzlich gezwungen werden“939 lancierte Zwangscharakter sowohl phänomenal als auch psychologisch-motivational schwerlich ausweisen lässt. Um sich ebendiesen begrenzten Aktionsradius der conditio humana und die Einrichtungskraft des Schicksals vor Augen zu führen, ruft Marc Aurel immer wieder das Gleichnis des Schauspiels auf, das die ewige Wiederkehr der gleichen Szenen und die Invarianz des Geschichtlichen allegorisiert: Denke stets daran, daß alles, wie es jetzt ist, auch ehemals war, und dann denke auch daran, daß es einst ebenso sein werde. Stelle dir alle die gleichartigen Schauspiele und Auftritte, welche du aus deiner eigenen Erfahrung oder aus der früheren Geschichte kennst, vor Augen, zum Beispiel den ganzen Hof Hadrians, den ganzen Hof Antonins, den ganzen Hof Philipps, Alexanders, des Krösus. Überall dasselbe Schauspiel, nur von anderen Personen ausgeführt!940 Jegliche affektive Erregung und jeder Wunsch einer abweichenden Ereignisgestaltung indizieren für Marc Aurel einen fundamentalen Irrtum, insofern sich in ihnen ein impliziter Vorwurf gegen das Notwendige verbirgt. Wie sich der auf der Hybris seiner unreflektierten Privatansicht beharrende Einzelne in Heraklits Philosophie der Δίκη widersetzt, so überschreitet der Affektgeleitete, Trotzige und Aufbegehrende bei Marc 937 Zum stoischen Theoriezusammenhang zwischen der Zustimmung, der adäquat erfassenden Vorstellung und dem differenzierenden Urteilsvermögen vgl. Schriefl, Die stoische Philosophie, S. 53: „Die Zustimmung bleibt auch bei den erfassenden Vorstellungen ein freiwilliger Akt. Entscheidend ist jedoch, dass sich die erfassenden Vorstellungen als so evident präsentieren, dass es unserer Natur zuwiederliefe, ihnen unsere Zustimmung zu verweigern. Viele erfassende Vorstellungen mögen weniger leicht zu identifizieren sein als die von Tageslicht verursachte Vorstellung, dass Tag ist. Doch den Stoikern zufolge kann es gelingen, das eigene Urteilsvermögen zu schulen. Die Herausforderung liegt dabei weniger darin, eine erfassende Vorstellung zu ‚übersehen‘ als unvorsichtigerweise einer unverlässlichen Vorstellung seine Zustimmung zu gewähren. Es gilt also, seine Zustimmung konsequent zu verweigern, wenn eine Vorstellung in irgendeiner Hinsicht zweifelhaft ist. Die entsprechende Tugend heißt ‚Nicht-Übereiltheit‘ oder ‚Nicht-Voreiligkeit‘ (aproptosia).“ 938 Epiktet, Handbüchlein der Moral, Nr. 19, Griechisch/deutsch, hrsg. u. übers. von Kurt Steinmann, Ditzingen 2004, S. 27. 939 Vgl. Hippolytus, Haer. 1.21 (SVF 2.975) LS1 386 / LS2 382 (A). 940 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, X. Buch, Nr. 27, S. 159. 5.2. Die Disziplinierung des Handlungsantriebs und der Determinismus der Allnatur 227 Aurel die präfigurierten Maßbahnen der Allnatur. Illustrierend sei hier auf Marc Aurels Einschätzung der Position des Zorns im Kosmos hingewiesen, die er luzide im XI. Buch vorträgt: […] So gehorchen demnach auch die Grundstoffe dem Ganzen und bleiben da, wo sie einmal hingestellt worden sind, notgedrungen, bis ihnen von dorther wieder das Zeichen zur Auflösung gegeben wird. Ist es nun nicht arg, daß nur der vernünftige Teil deines Wesens ungehorsam und über den ihm angewiesenen Posten ungehalten ist? Und doch wird diesem gerade nichts mit Zwang auferlegt, sondern das nur, was seiner Natur angemessen ist. Und dennoch läßt er sich’s nicht gefallen, sondern neigt sich zum Gegenteil hin; denn jeder Schritt zu Ungerechtigkeiten, Ausschweifungen, Ausbrüchen von Zorn, Schwermut und Furcht ist nichts anderes, als ein Abfall von der Natur. Und so oft deine Vernunft über irgendein Ereignis mißmutig wird, verläßt sie jedesmal ihren Posten. Bist du ja zur Gleichmütigkeit und Gottesfurcht nicht minder, als zur Gerechtigkeit geschaffen; denn auch jene Tugenden sind im Begriffe des Gemeingeistes enthalten, ja sie sind sogar noch älter als rechtliche Handlungen.941 Im Hinblick auf die Δίκη Heraklits beruht der erwähnenswerte Befund dieser Sentenz besonders auf Marc Aurels Akzentuierung der Primordialität der Gerechtigkeit gegenüber den positiv-rechtlichen Handlungsarten. Gleichwohl lässt sich ein einschneidender Unterschied im Gerechtigkeitsbegriff beider Denker statuieren. Während Heraklit die Gerechtigkeit als immanente Organisationskraft des Werdens und als Synonym der Wohlordnung erfährt, wird sie von Marc Aurel auch als subjektive Kardinaltugend begriffen, die sozialethisch und gemeinschaftspolitisch angereichert wird.942 941 Ebd., XI. Buch, Nr. 20, S. 177. 942 Marcel van Ackeren unterstreicht den exzeptionellen Rang der Gerechtigkeit bei Marc Aurel. Van Ackeren führt diese Hochschätzung der Gerechtigkeit auf Marc Aurels praktisch-politische Orientierung zurück. Vgl. Van Ackeren, Die Philosophie Marc Aurels, S. 637f.: „Nicht nur wenn man die Häufigkeit der Nennung vergleicht, fällt auf, dass Marc Aurel der Gerechtigkeit einen besonderen Stellenwert einräumt. Wie lässt sich diese herausragende Rolle verstehen? Einerseits hält Marc Aurel wie Platon in der Politeia Gerechtigkeit für die basale Tugend: ‚von ihr gegen die übrigen Tugenden aus.‘ Das erklärt, warum vorrangig die Gerechtigkeit erwähnt wird. Andererseits folgt Marc Aurel Platons Bestimmung in den Büchern II-IV der Politeia nur sehr eingeschränkt. Platon hatte die Gerechtigkeit dort als Kraft in der Seele aufgefasst, derzufolge jeder Seelenteil das Seinige tut, und die somit die Kraft ist, die die anderen Tugenden schafft. Platon versteht sie daher nicht unmittelbar (aber natürlich mittelbar) als Tugend, die den Umgang mit anderen Menschen oder eine Gemeinschaft betrifft. Für Marc Aurel hingegen ist Gerechtigkeit als Tugend viel stärker politisch-praktisch auf die Gemeinschaft und den Umgang mit anderen Menschen bezogen. Es ist also wahrscheinlich, dass seine über andere Stoiker hinausgehende Wertschätzung der Gerechtigkeit kein platonisches Einsprengsel ist, sondern ebenfalls seiner Akzentuierung des Gemeinschaftsgedankens geschuldet ist und sonach anzeigt, dass seine Ethik als Sozialethik verstanden werden kann.“ Auch Pierre Hadot optiert für einen Vorrang der Gerechtigkeit gegenüber den beigeordneten Tugenden der Wahrheit und der Mäßigung. Vgl. Hadot, Die innere Burg. Anleitung zu einer Lektüre Marc Aurels, Frankfurt a. M. 1997, S. 324: „Denn die Unfrömmigkeit gegen die Natur besteht in der Ungerechtigkeit, nicht nur, wenn man sich weigert, gegenüber den anderen Menschen gerecht zu sein, sondern auch, wenn man sie anlügt, und selbst wenn man unwillentlich das Wahre vom Falschen nicht zu unterscheiden weiß, bricht man doch so die Ordnung der Natur und stellt einen Mißton in der umfassenden Harmonie dar. Und auch, wenn man die Natur bezichtigt, ihre Lose ungerecht unter die Bösen und die Tugendhaften auszuteilen, begeht man eine Ungerechtigkeit. Eine ähnliche Idee läßt sich in Buch XI (10, 4) wiederfinden: ‚Die Gerechtigkeit wird nicht bewahrt, wenn wir Unterschiede zwischen gleichgültigen Dingen machen oder uns beim Betrachten der Dinge leicht täuschen lassen oder überstürzt oder unstet urteilen.‘“ 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 228 Bei dem römischen Kaiser vereinigt sich die Gerechtigkeit innerhalb des harmonischen Sinnverbundes des Gemeingeistes mit der Gleichmütigkeit und der Gottesfurcht. Die derivierte Hegemonie des Unausweichlichen wird von Aurel im VII. Buch seiner Selbstbetrachtungen aus einem Willensakt der Allnatur hergeleitet, nach dessen Aktualisierung alles Seiende unter der Ägide des Satzes vom Grunde organisiert wird: Die Allnatur fühlte den Drang zur Weltschöpfung. Nun aber geschieht alles, was geschieht, nach dem Gesetz der notwendigen Folge, oder es ist auch das wichtigste, dessen Verwirklichung die weltbeherrschende Vernunft eigens anstrebt, ohne Grund vorhanden. In vielen Fällen wird es deine Geistesruhe erhöhen, wenn du dessen eingedenk bist.943 Dass die vermeintlichen Schicksalsschläge als Bewährungsproben und Vorrichtungen der Allnatur zu verstehen sind, die sie zuteilt, um dem Menschen ein Exemplifizierungsfeld seiner Ataraxie zu gewähren, kann als eine der zentralen Einsichten Epiktets und Marc Aurels gewertet werden.944 Dies soll durch einige thematisch verwandte Zitate abgebildet werden. In der Aufzeichnung Nr. 49 des IV. Buches erörtert der Philosophen-Kaiser die axiologische Indifferenz des vordergründigen Unglücks, das dem Einzelnen erstens seit jeher von der Allnatur vorbestimmt war (Physik), ihn zweitens nicht davon abhält, eine gerechte und umsichtig zustimmende Urteilsdisposition (Logik) zu bewahren und ihn drittens nicht daran hindern kann, gegenüber den Mitmenschen bescheiden und großzügig zu agieren (Ethik): Sei wie ein Fels, an dem sich beständig die Wellen brechen! Er bleibt stehen, und rings um ihn legen sich die angeschwollenen Gewässer! Ich Unglücklicher, daß mir dieses Schicksal widerfahren mußte! Nicht doch, sondern glücklich bin ich, daß ich trotz diesem Schicksal kummerlos bleibe, weder von der Gegenwart gebeugt, noch von der Zukunft geängstigt! So etwas hätte ja jedem begegnen können, aber nicht jeder wäre dabei kummerfrei geblieben. Warum wäre nun jenes eher ein Unglück als dieses ein Glück? Nennst du aber überhaupt etwas ein Unglück für einen Menschen, was doch mit der Natur des Menschen in keinem Widerspruch steht? Oder scheint dir etwas der Natur zu widersprechen, was nicht gegen den Willen seiner Natur ist? Was ist aber dieser Wille? Du kennst ihn. Hindert dich nun wohl dein Schicksal, gerecht, hochherzig, besonnen, verständig, vorsichtig im Urteil, truglos, bescheiden, freimütig zu sein und die anderen Eigenschaften zu haben, in deren Besitz die Eigentümlichkeit der Menschennatur besteht? Erinnere dich also, bei jeder Veranlassung zur Unlust die Wahrheit geltend zu machen: dies ist kein Unglück, vielmehr es mit edlem Mute zu tragen, ein Glück.945 Es ist unschwer zu erkennen, dass Marc Aurel mit der Fels-Metapher eines der anschaulichsten Sinnbilder der stoischen Ataraxie aufruft. Die Gewinnung der Seelenruhe darf keineswegs als weltfremde Illusion verworfen werden. Marc Aurel ist sich der Schwierigkeit ihrer Erlangung für ein endliches Lebewesen vollkommen bewusst. In den Selbstbetrachtungen exemplifiziert die Unerschütterlichkeit der Seele die Gipfelhöhe und seltene Vollendung einer ausgefeilten Programmatik, deren logisch-methodische Grundoperation Pierre Hadot in seinem Werk Die innere Burg sehr treffend 943 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, VII. Buch, Nr. 75, S. 111. 944 Zu Marc Aurels Epiktet-Rezeption vgl. Hadot, Die innere Burg, S. 87–108. 945 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, IV. Buch, Nr. 49, S. 54f. 5.2. Die Disziplinierung des Handlungsantriebs und der Determinismus der Allnatur 229 als „physikalische Definition“946 klassifiziert hat. Im Akt der Perzeption vorgeblicher Unglücksfälle appelliert Marc Aurel an eine Ausklammerung sämtlicher Werturteile. Er nimmt den widrigen Ereignissen ihr Schwergewicht, indem er sie auf die Normalform ihrer naturalen Genese und Faktizität reduziert, wie sie in der bereinigten Rezeptivität der sinnlichen Wahrnehmung erscheint: Zu dem, was die sinnlichen Wahrnehmungen dir unmittelbar – in erster Linie – verkündigen, dichte dir nicht noch etwas in Gedanken hinzu. Man hat dir hinterbracht, dieser und jener rede schlimm von dir. Gut! Das aber, daß du hierdurch Schaden leidest, hat man dir nicht hinterbracht. Ich sehe, daß mein Kind krank ist. Gut! Das aber, daß es in Gefahr schwebt, sehe ich nicht. So, nun bleibe immer bei den ersten Eindrücken stehen und setze nichts aus deinem Innern noch selbst hinzu, und dir wird nichts geschehen. Oder vielmehr, setze etwas hinzu, als ein Mann, der alle Weltbegebenheiten durchschaut!947 Insofern die Menschen die Beurteilung notwendig erfolgender Geschehnisse nach Maßgabe der perspektivenabhängig-persönlichen Wertbegriffe von „gut“, „schlecht“, „nützlich“ und „schädlich“ gewohnheitsmäßig und nahezu mechanisch habitualisieren, enthüllen sie sich für Marc Aurel – ähnlich wie für Heraklit – als unfreie Diener und Vollstrecker täuschender Vorurteile. Gerade in dem ruhigen Verzicht auf derartige, assoziative Urteile manifestiert sich für Heraklit und Marc Aurel das Aufscheinen einer tieferen, den wahren Seinsgründen zugewandten Freiheit. In einer für ihn typischen, logisch-dialogischen Disjunktionskette grenzt Marc Aurel im IX. Buch den menschlichen Wirkungsradius differenziert ein, um die innewohnende Ursächlichkeit der Seele freizulegen. Er gelangt zu dem Resultat, dass die Attribute der Unabhängigkeitsauslotung, der Bedürfnislosigkeit und der Furchtlosigkeit gänzlich in das Bestimmungsvermögen des Einzelnen fallen. Als das lichtvollste und philosophisch ambitionierteste Merkmal der ἀπάθεια kann indes die von Marc Aurel konzipierte, negative Freiheit von der Performativität des eigenen Befreiungswillens gewürdigt werden: Entweder vermögen die Götter nichts, oder sie vermögen etwas. Wenn sie nun nichts vermögen, warum betest du? Vermögen sie aber etwas, warum flehst du sie nicht, statt um Abwendung dieses oder jenes Übels, oder um Verleihung dieses oder jenes Gutes, vielmehr um die Gabe an, nichts von all dem zu fürchten oder zu begehren oder darüber zu trauern? Denn wenn sie überhaupt den Menschen zu helfen vermögen, so können sie ihnen auch dazu verhelfen. Aber vielleicht entgegnest du: ‚Das haben die Götter in meine Macht gestellt.‘ Nun, ist es da nicht besser, das, was in deiner Macht steht, mit Freiheit zu gebrauchen, als zu dem, was nicht in deiner Macht steht, mit sklavischer Erniedrigung dich hinreißen zu lassen? Wer hat dir denn aber gesagt, daß die Götter uns in dem, was von uns abhängt, nicht beistehen? Fange doch nur einmal an, um solche Dinge zu beten, 946 Zur Begründung, Verfahrungsweise und Ausübung der ‚physikalischen Definition‘ vgl. Hadot, Die innere Burg, S. 191: „Wir finden stets dieselbe Methode der Kritik der Vorstellungen und der Werturteile wieder, die darin besteht, den Dingen ihren falschen Schein zu entreißen, der uns Furcht einflößt, sie adäquat zu definieren, ohne unserer ersten und objektiven Vorstellung von ihnen fremde Vorstellungen beizumischen. Diese Methode haben wir Methode der physikalischen Definition genannt. Nach Marc Aurel besteht sie nicht nur darin, eine Wirklichkeit auf das zu reduzieren, was sie ist, sondern auch darin, sie in ihre Teile zu zerlegen, um zu entdecken, daß sie lediglich eine Ansammlung von jenen Teilen und nichts anderes ist. Kein Objekt kann uns die Selbstbeherrschung verlieren lassen, wenn wir es dieser Methode der Teilung unterziehen.“ 947 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, VIII. Buch, Nr. 49, S. 126f. 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 230 und du wirst sehen! Der fleht: ‚Wie komme ich doch zu dem Genusse jener Geliebten?‘ Du: ‚Wie entreiße ich mich dem Verlangen danach?‘ Der: ‚Wie fange ich’s an, um von jenem Übel frei zu werden?‘ Du: ‚Wie fange ich’s an, um der Befreiung davon nicht zu bedürfen?‘ Ein anderer: ‚Was ist zu tun, daß ich mein Söhnchen nicht verliere?‘ Du: ‚Was ist zu tun, daß ich seinen Verlust nicht fürchte?‘ Mit einem Worte: Gib allen deinen Gebeten eine solche Richtung, und du wirst sehen, was geschieht!948 Vor diesem Hintergrund sind auch Marc Aurels enigmatische Aussagen aus dem V. Buch und XI. Buch der Selbstbetrachtungen zu verstehen, dass die Seele niemals unmittelbar durch die Außendinge tangiert werde, sondern dass es primär ihre Meinungen über die Außendinge seien, die in ihr eine ablehnende Gemütslage evozieren: Die Außendinge selbst berühren die Seele auf keinerlei Weise. Sie haben keinen Eingang zu ihr und können die Seele weder umstimmen noch irgendwie bewegen. Sie erteilt sich vielmehr selbst allein Stimmung und Bewegung, und nach Maßgabe der Urteile, welche sie über ihren eigenen Wert fällt, gestaltet sie auch die ihr vorliegenden Dinge.949 Die Außendinge, welche du mit leidenschaftlicher Unruhe suchst oder fliehst, kommen nicht zu dir, vielmehr kommst du gewissermaßen zu ihnen. Laß also doch dein Urteil über sie ruhen, und auch sie werden dann ruhig bleiben, wo sie sind, und dich wird man sie weder suchen noch fliehen sehen.950 Marc Aurels thematisch verwandte Auffassung, dass alles Vorstellung sei, darf also keinesfalls im Sinne eines subjektiven Idealismus interpretiert werden. Der korrespondierende Aphorismus, mit dem Marc Aurel auf eine Grundlehre Epiktets rekurriert, ist in der Nr. 22 des XII. Buches situiert: Alles ist Vorstellung, und diese hängt von dir ab. Räume denn, wann du willst, die Vorstellung aus dem Wege, und gleich dem Seefahrer, der das Vorgebirge umschifft hat, wirst du unter Windesstille auf ruhigere See in die wogenfreie Bucht einfahren.951 Der Terminus ‚Vorstellung‘ bezeichnet eine inadäquate Idee, die sich in der Seele des Rezipienten äußerer Einwirkungen und Wahrnehmungseinflüsse generiert und in der Gestalt eines Werturteils fälschlicherweise auf die insinuierte Wesensverfassung einzelner Dinge, Lebewesen und Personen projiziert wird. Demgegenüber versetzt sich 948 Ebd., IX. Buch, Nr. 40, S. 145f. 949 Ebd., V. Buch, Nr. 19, S. 66. 950 Ebd., XI. Buch, Nr. 11, S. 171. Anna Schriefl profiliert das Vermögen der Zustimmungsverweigerung gegenüber extern verursachten Vorstellungen und die stoische Einsicht in die Abhängigkeit aller Gefühle von der jeweiligen Beschaffenheit der Seele als privilegierte Manifestationsformen der menschlichen Freiheit innerhalb des determinierten Alls. Vgl. Schriefl, Die stoische Philosophie, S. 49f.: „Die Stoiker betonen, dass die Zustimmung ‚bei uns‘ liegt (eph’ hemin), d. h. freiwillig erfolgt. Die Vorstellungen, die sich in uns bilden, liegen im Gegensatz dazu nicht ‚bei uns‘: Sie werden von externen Gegenständen jenseits unserer Kontrolle in uns ausgelöst. […] Die Zustimmung ist eine wichtige Funktion der Vernunft und spielt in der stoischen Philosophie eine Schlüsselrolle. Sie steht im Zusammenhang mit der Frage, auf welche Weise unsere Freiheit in einem deterministischen Universum möglich ist. […] Der Akt der Zustimmung ist außerdem für die Gefühlstheorie bedeutend. In diesem Zusammenhang betonen die Stoiker, dass nicht die äußeren Gegenstände Gefühle in uns auslösen, sondern wir selbst, indem wir aktiv einer werthaft gefärbten Vorstellung unsere Zustimmung erteilen. […] Da die Zustimmung allein bei mir liegt, bin ich verantwortlich für die Gefühle, die ich empfinde, und imstande, sie zu ändern.“ 951 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, XII. Buch, Nr. 22, S. 189. 5.2. Die Disziplinierung des Handlungsantriebs und der Determinismus der Allnatur 231 die Tugend der Weisheit – wie in Heraklits λόγος-Lehre – in ihrer höchsten Ausprägung in eine auktoriale Perspektive.952 Die vernünftige Seele begreift nicht nur alle Fährnisse als Glieder einer ewigen Harmonie und als personal spezifizierte Beziehungsmomente. Vielmehr erhebt sie sich sogar zu der majestätischen Einsicht, dass sich das Weltganze von sich selbst dissoziierte, wenn der als potenzieller Repräsentant der Vernunft figurierende Einzelne das ihm Zugeteilte nicht ergeben und leidenschaftslos ertragen würde. Das prima facie von einer kosmischen Notwendigkeit erdrückte Individuum erhält im Angesicht seines Vermögens der bewussten Einwilligung eine Statthalterfunktion, durch die es zum Knotenpunkt des gesamten Seins avanciert: Gerade wie der Ausdruck zu verstehen ist: der Asklepiade habe diesem oder jenem Kranken das Reiten oder ein kaltes Bad oder das Barfußgehen verordnet, ebenso auch der: die Allnatur habe diesem oder jenem eine Krankheit oder Verstümmelung oder einen Verlust oder etwas anderes derart verordnet. Denn dort bedeutet der Ausdruck: ‚Er hat´s verordnet‘ soviel: ‚Er hat es ihm als zur Gesundheit dienlich angeordnet‘, hier aber soviel als: ‚Was jedem Menschen begegnet, ist für ihn als der Naturnotwendigkeit gemäß angeordnet.‘ In ähnlicher Weise sagen wir ja, dieses und jenes füge sich für uns, wie die Baukünstler von den Quadersteinen in den Mauern oder Pyramiden sagen: ‚Sie fügen sich‘, wenn sie durch irgend eine Zusammensetzung ineinander passen. Denn durch alles geht eine Harmonie; und gleichwie aus allen Körpern zusammengenommen die Welt ein so vollendeter Körper wird, so wird auch aus allen wirkenden Ursachen zusammengenommen eine so vollendete ursächliche Kraft, das Schicksal. […] Aus zwei Gründen mußt du also mit deinem Geschicke zufrieden sein: fürs erste nämlich, weil es dich traf und dir verordnet wurde und in Verkettung mit einer langen Reihe vorhergegangener Ursachen auf dich irgendwie Bezug hatte; fürs andere aber, weil es für den Beherrscher des Ganzen Grund seines gedeihlichen Wirkens, seiner Vollkommenheit, ja sogar seiner Fortdauer ist. Denn das Weltganze würde verstümmelt, wenn du am Zusammenhang und Zusammenhalt wie der Bestandteile, so denn auch der wirkenden Ursachen auch nur das geringste lostrennen wolltest. Du trennst es aber los, soviel an dir ist, wenn du damit unzufrieden bist und es gewissermaßen wegzuräumen suchst.953 Im Rekurs auf die Semantik des abgehärteten, alles Überwältigende souverän abweisenden Felsens ist anzumerken, dass Marc Aurel die vernünftige Seele auch einem Feuer vergleicht, welches in der Begegnung mit dem Fremden und vermeintlich Exis- 952 Ähnlich wie Marc Aurels Einsicht in die harmonisch verfasste All-Natur, basiert auch Nietzsches Philosophem des amor fati auf einer sowohl zeitlichen, die Ewigkeit umfassenden Einordnungsfähigkeit jedes scheinbar isolierten Ereignisses in die gewesene und künftige Verflechtung der Dinge als auch auf einem räumlich-vertikalen Verständnisvollzug der Gleichberechtigung der nebeneinander existierenden Lebewesen. Vgl. Nietzsche, Ecce homo, KSA 6, S. 297: „Meine Formel für die Grö- ße am Menschen ist amor fati: dass man Nichts anderes haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen – aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen –, sondern es lieben.“ Vgl. auch Nietzsche, Nietzsche contra Wagner, KSA 6, S. 436: „Ich habe mich oft gefragt, ob ich den schwersten Jahren meines Lebens nicht tiefer verpflichtet bin als irgend welchen anderen. So wie meine innerste Natur es mich lehrt, ist alles Nothwendige, aus der Höhe gesehn und im Sinne einer grossen Ökonomie, auch das Nützliche an sich – man soll es nicht nur tragen, man soll es lieben… Amor fati: Das ist meine innerste Natur.“ 953 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, V. Buch, Nr. 8, S. 59f. 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 232 tenzbedrohenden nicht erlischt, sondern sich das Zuwiderlaufende einverleibt und es als Vehikel der eigenen Stärkung nutzt: Wenn der in uns herrschende Geist sich in einem naturgemäßen Zustande befindet, so nimmt er den Ereignissen gegenüber eine solche Stellung ein, daß er sich jederzeit in das Mögliche und Gegebene mit Leichtigkeit zu finden weiß. Denn er hat ja alsdann keine Vorliebe zu einem für ihn besonders auserlesenen Stoffe der Tätigkeit, sondern die wünschenswerten Dinge sind nur mit Einschränkung Gegenstände seines Strebens; was ihm aber an deren Statt in den Weg tritt, das macht er sich selbst zu einem Mittel der Übung, der Flamme gleich, wenn diese einen in sie fallenden Stoff überwältigt, wovon ein schwächeres Licht erlöschen würde; aber ein flammendes Feuer pflegt das, was ihm zugeführt wird, sich gar schnell anzueignen und zu verzehren und lodert gerade davon nur um so höher empor.954 Die Problematik der Faktizität des Bösen Nachdem in der vorigen Sektion dargestellt wurde, wie Marc Aurel die menschliche Willensfreiheit austariert und stabilisiert, soll in diesem Abschnitt die Konzentration auf einen zweiten Problempunkt der stoischen Ethik erfolgen. Neben der Frage nach der Versöhnbarkeit des Weltgeschicks mit dem individuellen Handlungsvermögen kann die Umkreisung einer Faktizität des Bösen als größte Herausforderung des Stoizismus betrachtet werden kann. Die Schwierigkeit verdichtet sich in jener schwergewichtigen Frage, die Nietzsche in vergleichbarer Weise an Heraklit955 adressierte: Existiert das Böse und kann es ungerechte Handlungen geben, wenn alle menschlichen Taten letztendlich auf eine ubiquitäre Ursachenverkettung und auf eine Metamorphose der Urstoffe zurückzuführen sind, die aus dem Selbsterhaltungswillen der Allnatur entspringt? Darauf aufbauend, lassen sich zwei weitere Kerneinwände imaginieren. Müsste der konsequente Stoiker erstens nicht sogar die zynische Exkulpationsgeste des überzeugten Deterministen dulden, der sich der Verantwortung für seine moralisch intolerablen Handlungen mit dem Hinweis auf das irreversible, kosmische Fundament entzieht, das gewissermaßen durch ihn hindurch gewirkt habe?956 Ist zweitens eine sachgegründete Distinktion zwischen „gut“ und „böse“ überhaupt noch legitim, 5.3. 954 Ebd., IV. Buch, Nr. 1, S. 38. 955 Vgl. Nietzsche, Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen, KSA 1, S. 830: „Ist jetzt nicht der ganze Weltprozeß ein Bestrafungsakt der Hybris? Die Vielheit das Resultat eines Frevels? Die Verwandlung des Reinen in das Unreine Folge der Ungerechtigkeit? Wird jetzt nicht die Schuld in den Kern der Dinge verlegt, und somit zwar die Welt des Werdens und der Individuen von ihr entlastet, aber zugleich ihre Folgen zu tragen immer von Neuem wieder verurtheilt? Jenes gefährliche Wort, Hybris, ist in der That der Prüfstein für jeden Herakliteer; hier mag er zeigen, ob er seinen Meister verstanden oder verkannt hat. Giebt es Schuld Ungerechtigkeit Widerspruch Leid in dieser Welt?“ 956 Anna Schriefl votiert für die Auffassung, dass die Freiheitslehre der Stoiker als kompatibilistische Position gekennzeichnet werden kann. Um diese These zu plausibilisieren, rekurriert Schriefl auf die wichtige Unterscheidung zwischen der vorausgehenden und der hauptsächlichen Ursache. Als hauptsächliche Ursache wird die innere Qualität des Charakters markiert, wohingegen die vorausgehendverursachenden Zustände und Körper nur den allgemeinen Reaktionsrahmen umranden können. 5.3. Die Problematik der Faktizität des Bösen 233 wenn die sich notwendigerweise und unumstößlich durchsetzende Allnatur (beziehungsweise die Δίκη Heraklits) den übergeordneten Bewertungsmaßstab repräsentiert? Können sinnwidrige oder gar grausame und menschenfeindliche Gesinnungen und Taten noch als an sich schlechte Handlungsweisen definiert und bestraft werden, wenn normative Klassifikationen allein der Vorstellungswelt der uneinsichtigen Seele entstammen sollen? Wie kann Marc Aurel das kosmopolitische957 Ethos und die aufrichtige Emphase für eine disziplinierte Pflichterfüllung, für die tätige Förderung des Gemeinwohls und für die Privilegierung der Nächstenliebe gegenüber dem privaten Rückzug als ethisch geboten aufrichten, wenn der Eigensüchtige auf den ersten Blick der Ursachenordnung ebenso folgt wie der Hochherzige und Sanftmütige? Um die folgenden Überlegungen zu plausibilisieren, sei an diesem Ort zuvorderst daran erinnert, dass das Ziel der stoischen Philosophie in der glücklichen und unabhängigen Lebensführung kulminiert, die sich im Einklang mit der Allnatur bewegt. Bereits in der ersten Aufzeichnung des II. Buches der Selbstbetrachtungen entwickelt der römische Kaiser einen für die hier thematische, neuralgische Problemkonstellation ausgesprochen aufschlussreichen Bestimmungszusammenhang. Der wichtige Passus lautet: Vgl. Schriefl, Die stoische Philosophie, S. 116f.: „Die Stoiker verstehen die kausale Interaktion von Einzelkörpern als Zusammenspiel mehrerer Ursachen und unterscheiden dabei zwischen einer vorausgehenden (auch: helfenden) Ursache und einer hauptsächlichen (auch: vollendeten) Ursache. Die Unterscheidung wird in einem Text bei Cicero anhand eines berühmten Beispiels erläutert: Eine Walze wird angestoßen und rollt. Die vorausgehende Ursache ist ein Körper, der von außen auf sie einwirkt. Ohne diese Ursache würde sie nicht ins Rollen geraten. Doch die hauptsächliche Ursache für ihr Rollen liegt in ihrer eigenen Beschaffenheit, nämlich in ihrer runden Form. […] Ebenso verhält es sich mit unseren Handlungen: Die vorausgehenden Ursachen unserer Handlungen sind Körper, die von außen auf uns einwirken. Die hauptsächliche Ursache liegt jedoch in unserer eigenen, inneren Verfassung. Diese innere Verfassung ist die maßgebliche Ursache dafür, dass wir auf den äußeren Körper in bestimmter Weise reagieren. Von ihr hängt ab, welche Überzeugung wir bilden und welche Handlungen wir wählen.“ Auf dieser Grundlage gelangt Schriefl zu dem Schluss, dass die äußeren Ursachen für die Stoiker keineswegs hinreichend sein können, um eine handlungswirksame Motivlage vollständig zu bestimmen und die entsprechenden Willensakte zu generieren. Vgl. ebd., S. 118: „Die Annahme, die vollständige kausale Vernetzung der Dinge führe dazu, dass unsere Handlungen durch die äußeren Ursachen vollkommen determiniert sind, liegt somit daran, dass die stoische Ursachenlehre missverstanden wird. […] Inwiefern ist vor dem Hintergrund dieser Theorie also persönliche Verantwortung und Freiheit möglich? Sicherlich besteht unsere Freiheit nicht darin, dass wir uns in jeder Situation auch hätten anders verhalten können. Unter der Voraussetzung, dass sowohl mein Charakter als auch die äußeren Ursache dieselbe ist, werde ich stets unweigerlich dieselbe Handlung ausführen. Allerdings sind wir für unseren Charakter verantwortlich und angehalten, ihn stets zu verbessern.“ 957 Zu dieser kosmopolitischen Ausrichtung Marc Aurels vgl. besonders Marc Aurel, Wege zu sich selbst, IX. Buch, Nr. 9, S. 136f.: „Alle Dinge, die an etwas Gemeinschaftlichem teilhaben, streben zum Gleichartigen hin. Alles Erdige senkt sich zur Erde, alles Feuchte und gleichermaßen alles Luftige fließt zusammen, sodaß es der Gewalt bedarf, um solche Stoffe auseinander zu halten. Das Feuer zwar hat, vermöge des Elementarfeuers, seinen Zug nach oben, aber doch ist es zugleich geneigt, mit jedem hier befindlichen Feuer sich zu entzünden, sodaß alle Stoffe, die nur einigermaßen trocken und also weniger mit dem gemischt sind, was der Entzündung wehrt, leicht in Brand geraten. Ebenso nun, oder auch noch mehr, strebt alles, was an der gemeinschaftlichen Natur teilhat, dem ihm Verwandten zu. Denn je edler es ist, als alles übrige, um so geneigter ist es auch, mit dem Verwandten sich zu vermengen und zusammenzufließen.“ 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 234 Gleich in der ersten Morgenstunde sage zu dir: Heute werde ich mit einem vorwitzigen, undankbaren, übermütigen, ränkevollen, verleumderischen, ungeselligen Menschen zusammentreffen. Alle diese Fehler haften an ihnen wegen ihrer Unkenntnis des Guten und des Bösen. Ich hingegen sehe es ein, daß das Gute seinem Wesen nach schön, das Böse häßlich ist, und weiß von der Natur selbst des Fehlenden, daß sie mit der meinigen verwandt ist, nicht sowohl desselben Blutes und Samens, als vielmehr derselben Vernunft, des gleichen göttlichen Funkens teilhaftig. Auch weiß ich, daß weder er, noch sonst ein Mensch mich beschädigen kann; denn niemand vermag es, mich in etwas Schändliches zu verwickeln; aber ebensowenig kann ich dem, der mir verwandt ist, zürnen oder ihm gram sein; sind wir ja vielmehr zu gemeinschaftlicher Wirksamkeit da, wie die Füße, die Hände, die Augenlider, die oberen und unteren Reihen der Zähne. Einander entgegenwirken wäre mithin naturwidrig, auf jemand aber ungehalten sein und von ihm sich abwenden, hieße ihm entgegenwirken.958 Ein signifikanter Bestandteil des praktischen Übungsprogramms Marc Aurels wird bereits in der protreptischen Anfangssequenz sichtbar. In der mit Hilfe der schöpferischen Einbildungskraft vollzogenen Antizipation alltäglicher Negativerfahrungen wird deren Überraschungspotenzial abgemildert, indem sie vor dem geistigen Auge als bereits gegenwärtige Vorgänge entworfen werden. Für den hier verfolgten Fragenkomplex sind vor allem die darin anschließenden Gedankengänge Marc Aurels von Interesse. Aurel befindet sich gänzlich im Einklang mit dem sokratisch-platonischen Intellektualismus, wenn er exponiert, dass niemand freiwillig das für ihn Unvorteilhafte, d. h. das Böse, anstrebe und hervorbringe, sondern derartige Handlungen allein durch eine Unkenntnis der Charakteristika des Guten und des Bösen motiviert sind.959 Der Einzelne handelt gemäß dieser platonischen Lehradaption Marc Aurels 958 Ebd., II. Buch, Nr. 1, S. 18. 959 Vgl. den locus classicus bei Platon, Protagoras 358b-d, in: Platon, Sämtliche Werke Bd. 1, hrsg. von Ursula Wolf, 32. Aufl., Hamburg 2011, übers. von Friedrich Schleiermacher, S. 331: „Wenn nun, sprach ich, das Angenehme gut ist, so wird ja niemand, er wisse nun oder glaube nur, daß es etwas Besseres als er tut und auch ihm Mögliches gibt, noch jenes tun, da das Bessere in seiner Macht steht; und dieses Zuschwachsein gegen sich selbst ist also nichts anderes als Unverstand, und das Sichselbstbeherrschen nichts anderes als Weisheit. […] Wie nun? Nennt ihr das Unverstand, falsche Meinungen zu haben und sich zu täuschen über wichtige Dinge? – Auch dem stimmten alle bei. – Ist es nicht auch so, daß niemand aus freier Wahl dem Bösen nachgeht oder dem, was er für böse hält? Und daß das, wie es scheint, gar nicht in der Natur des Menschen liegt, dem nachgehn zu wollen, war er für böse hält, anstatt des Guten, wenn er aber gezwungen wird, von zwei Übeln eins zu wählen, niemand das größere nehmen wird, wenn er das kleinere nehmen darf?“ Zur stoischen Rezeption des sokratisch-platonischen Intellektualismus und zur damit einhergehenden Leugnung des Sachverhalts der Willensschwäche vgl. Schriefl, Die stoische Philosophie, S. 127f.: „Wissen – und somit Tugend – ist nicht erreicht, sobald man einzelne Erkenntnisse gewinnt. Vielmehr liegt Wissen erst dann vor, wenn man ausschließlich wahre Überzeugungen besitzt, die miteinander in Einklang stehen und sich gegenseitig stabilisieren. Tugend wird von den Stoikern daher auch als Wissenschaft bezeichnet, d. h. als ganzes System an Erkenntnissen (Diog. Laert. 7.89 – 90 = teilw. LS 61 A). Mit der Gleichsetzung von Tugend und Wissen übernehmen die Stoiker eine weitere sokratische Position: Sokrates betont, dass niemand wissentlich schlecht handelt (Platon, Men. 78a-b; Prot. 358c-d). Wer weiß, was gut und richtig ist, wird das Entsprechende tun. Sokrates bestreitet damit das Phänomen der Willensschwäche. Ist diese Position überzeugend? Erfahren wir nicht häufig an uns selbst, dass wir zwar wissen, was gut und richtig ist, aber dennoch das Gegenteil tun? Die Stoiker würden entgegen, jede derartige Inkonsequenz beweise, dass wir nie über Wissen verfügten. Vermutlich hatten wir lediglich eine Meinung darüber, was gut und richtig ist. Meinungen sind instabil und lassen sich in Frage stellen. Kennzeichen von Wissen ist dagegen die Unwiderleglichkeit: Wer wirklich 5.3. Die Problematik der Faktizität des Bösen 235 nur deswegen böse, weil er seine Stellung im Kosmos falsch taxiert. Er begreift nicht, dass sich die Beweggründe seiner Mitmenschen aus einer tieferen Notwendigkeit herschreiben und sich nicht direkt gegen ihn wenden. Der Einzelne fügt anderen Personen Leid zu, weil er sich von seinen situativen Leidenschaften überwältigen lässt und den Appell der Vernunft (willentlich) überhört. Es ist unbedingt zu berücksichtigen, dass Marc Aurel in dieser Sentenz an der klaren Unterscheidbarkeit des Guten und des Bösen und an einer eindeutigen, ästhetisch-moralischen Hierarchisierung festhält, wenn er das Gute als „seinem Wesen nach schön“ lobt und das Böse ostentativ als „häßlich“ tituliert. Hervorstechend ist des Weiteren, dass Marc Aurel durchaus ein Kriterium angibt, wie das Gute spezifiziert werden kann. Es lässt sich die These vertreten, dass sich das Gute in der praktischen Beachtung jenes „göttlichen Funkens“960 äußert, der nach Marc Aurel jedem Menschen innewohnt. Dass der göttliche Funken, den Marc Aurel an anderen Stellen auch als Ausfluss des Göttlichen in der menschlichen Seele beschreibt961, keinesfalls als allein theoretisch bedeutsame Kollektivverwurzelung ohne praktische Valenz marginalisiert werden kann, wird im weiteren Fortgang des obigen Zitats ersichtlich. Gerade aufgrund der Einsicht in die gemeinsame Partizipation an der gleichsam organisch konstituierten Vernunft kann Marc Aurel selbst den vernunftwidrigen Akteur als Teil des Ganzen erfassen. Er verzichtet generös darauf, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Im Falle der kompromisslosen Anwendung des Talionsprinzips wäre nämlich er selbst derjenige, der sich von der Natur dissoziierte, indem er den Anderen – der trotz seiner Verfehlung die Zugehörigkeit zur allgemeinen Vernunft niemals einbüßt – als Exkludierten betrachtete. Für Marc Aurel gibt es demnach nur zwei Möglichkeiten, mit den vernunftkonträr agierenden Menschen zu koexistieren, ohne das Weltgesetz zu verletzen: Die Uneinsichtigen sind entweder zu dulden oder vorsichtig und rational zu belehren.962 weiß, was gut ist, wird entsprechend handeln und sich nicht von Begierden oder gegenteiligen Meinungen davon abbringen lassen. Die Stabilität von Wissen zeigt sich auch physikalisch: Die Seele des Tugendhaften weist einen hohen Grad an Spannung auf und besitzt somit größere Festigkeit als die Seele eines gewöhnlichen Menschen.“ 960 Vgl. Marc Aurel, Wege zu sich selbst, II. Buch, Nr. 1, S. 18. 961 Vgl. z. B. ebd., II. Buch, Nr. 4, S. 19f.: „Bedenke, wie lange du diese Betrachtungen verschoben und wie oft du die von den Göttern dir hierzu gebotenen Gelegenheiten nicht benutzt habest. Du solltest es doch endlich einmal empfinden, von welcher Welt du ein Teil, von welchem Weltregenten du ein Ausfluß seiest, daß für dich die Grenze der Zeit bereits festgestellt sei und daß, wenn du sie nicht zur Aufheiterung deines Gemütes benutzest, dieselbe dahingehe und du auch dahingehest und sie nicht wiederkehre.“ 962 Dieses Ethos der Nachsicht entfaltet Marc Aurel in mehreren Aufzeichnungen der Selbstbetrachtungen. Vgl. ebd., VIII. Buch, Nr. 59, S. 130: „Die Menschen sind für einander geboren. Also belehre oder dulde sie! Vgl. ebd., IX. Buch, Nr. 11, S. 137: „Vermagst du es, so belehre den Fehlenden eines Bessern, wo nicht, so erinnere dich, daß dir für diesen Fall Nachsicht verliehen ist. Sind doch auch die Götter gegen solche nachsichtig, ja sie sind ihnen zu einigem, wie Gesundheit, Reichtum, Ehre, behilflich. So gütig sind sie! Auch dir steht es frei; oder sage: Wer hindert dich daran?“ Vgl. ferner ebd., X. Buch, Nr. 4, S. 150: „Irrt sich jemand, so belehre ihn mit Wohlwollen und zeige ihm, was er übersehen hat! Vermagst du das aber nicht, so klage dich selbst an, oder auch dich selbst nicht einmal?“ 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 236 Neben der Lokalisierung in der alldurchwaltenden Vernunft entwickelt der römische Kaiser ein zweites aussagekräftiges Argument, weswegen er nicht nach der Proportionalitätsmaxime verfahren muss. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang das Theorem der uneinnehmbaren, „feste[n] Burg“.963 Dieses Prinzip begegnete oben bereits in der Formulierung, dass die Außendinge die Seele nicht berühren können. In einer wutgeleiteten Reaktion auf das Verhalten des Unbedachtsamen und des Zürnenden würde der Stoiker seine Souveränität verlieren, weil er sich dazu verführen ließe, seine eigene Erkenntnis der notwendigen Weltbegebenheiten situativ auszuklammern. Der stoische Philosoph würde in diesem Falle vergessen, dass eine individuell ausgerichtete Vorsehung ihm jede Einschränkung durch die Mitmenschen, jedes Leiden und jede Verletzung unweigerlich zugeteilt hat. Entsprechend heißt es im XII. Buch: Trägst du an irgend etwas schwer, so hast du vergessen, daß alles sich der Allnatur gemäß ereigne und daß fremde Vergehungen dich nicht anfechten sollen, ferner vergessen, daß alles, was geschieht, immer so geschehen sei, immer so geschehen werde und überall jetzt so geschehe, vergessen, welch innige Verwandtschaft zwischen dem einzelnen Menschen und dem ganzen Menschengeschlecht bestehe; denn hier findet nicht sowohl eine Gemeinschaft von Blut oder Samen, als vielmehr von Denkkraft statt. Du hast aber auch das vergessen, daß der denkende Geist eines jeden ein Gott und ein Ausfluß der Gottheit sei, vergessen, daß niemand etwas ihm ausschließlich Eigenes besitze, sondern sein Kind sowohl, als sein Leib und selbst seine Seele aus jener Quelle ihm zugekommen sei, vergessen endlich, daß jeder nur den gegenwärtigen Augenblick lebe und folglich auch nur diesen verliere.964 In der Aufzeichnung Nr. 16 aus dem III. Buch der Selbstbetrachtungen entfaltet Aurel seine anthropologische Unterteilung der epistemischen Resonanzvermögen und liefert eine konkrete Programmatik des tugendhaften Ethos, das gleichbedeutend mit dem guten Leben ist. Auch hier folgt Marc Aurel sokratischen Pfaden, indem er den inneren Genius als Garanten der grundsatzmotivierten Gerechtigkeitsrealisierung und der wahrheitsbezogenen Redlichkeit965 markiert: 963 Vgl. ebd., VIII. Buch, Nr. 48, S. 126: „Erinnere dich daran, daß die herrschende Vernunft, wenn sie, in sich selbst gesammelt, daran ein Genüge findet, nichts zu tun, was sie nicht will, unüberwindlich wird, selbst wenn sie einmal ohne genügenden Grund eine solche kriegerische Stellung nimmt. Wie nun, wenn sie mit Grund und mit Bedacht über etwas urteilt? Deshalb ist die denkende Seele, von Leidenschaft frei, eine feste Burg. Denn der Mensch hat keine stärkere Schutzwehr, wohin er seine Zuflucht nehmen könne, um fortan unbezwinglich zu sein. Wer nun diese nicht kennt, ist ungelehrig, wer sie aber kennt, ohne zu ihr seine Zuflucht zu nehmen, der ist unglücklich.“ 964 Ebd., XII. Buch, Nr. 26, S. 190f. 965 Nietzsche charakterisiert die Redlichkeit in seinem Werk Jenseits von Gut und Böse als höchste Tugend und porträtiert sich in diesem Kontext selbst als den ‚letzten Stoiker‘, dem alles an der Realisierung dieses Ethos der Aufrichtigkeit liegt. Vgl. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, § 227, KSA 5, S. 162f.: „Redlichkeit, gesetzt, dass dies unsre Tugend ist, von der wir nicht loskönnen, wir freien Geister – nun, wir wollen mit aller Bosheit und Liebe an ihr arbeiten und nicht müde werden, uns in unsrer Tugend, die allein uns übrig blieb, zu ‚vervollkommnen‘: mag ihr Glanz einmal wie ein vergoldetes blaues spöttisches Abendlicht über dieser alternden Cultur und ihrem dumpfen düsteren Ernste liegen bleiben! Und wenn dennoch unsre Redlichkeit eines Tages müde wird und seufzt und die Glieder streckt und uns zu hart findet und es besser, leichter, zärtlicher haben möchte, gleich einem angenehmen Laster: bleiben wir hart, wir letzten Stoiker! und schicken wir ihr zu Hülfe, was wir nur an Teufelei in uns haben – unsern Ekel am Plumpen und Ungefähren, unser ‚nitimur in 5.3. Die Problematik der Faktizität des Bösen 237 Leib, Seele, Geist – dem Leibe gehören die Empfindungen an, der Seele die Triebe, dem Geiste die Grundsätze. Das Vermögen, durch Eindrücke von außen Vorstellungen zu empfangen, besitzen auch unsere Haustiere. […] Wenn nun nach dem Gesagten dies und anderes derart allen gemeinschaftlich ist, so bleibt als eigentümlich für den Guten nur das übrig, daß er zu allem, was ihm als Pflicht erscheint, die Vernunft zu seiner Führerin habe, alles, was ihm durch die Verkettung der Geschicke begegnet, mit Liebe umfasse, den im Innern seiner Brust thronenden Genius nicht beflecke, noch durch ein Gewirre von Einbildungen beunruhige, sondern ihm seine Heiterkeit bewahre mit Anstand, wie einem Gotte ihm folge, und ebensowenig etwas rede, was der Wahrheit, als etwas tue, was der Gerechtigkeit widerstreitet. Sollte aber auch alle Welt in sein einfaches, sittsames und wohlgemutes Leben Zweifel setzen, so wird er darüber weder jemand zürnen, noch auch von dem Pfade abweichen, welcher zu einem Lebensziele führt, bei dem man rein, ruhig, bereit und mit ungezwungener Ergebung in sein Schicksal anlangen muß.966 Die gravierende Quintessenz, die sich aus der Theorie der vernunftbegründeten Seelenverwandtschaft aller Menschen ziehen lässt, ist, dass auch die weniger intelligenten, egoistischen oder boshaften Menschen zur Allnatur gehören müssen, weil diese nur so die größtmögliche Vielfalt und Bandbreite ihrer Erscheinungsformen zu evozieren vermag. Im Umkehrschluss könnte proponiert werden, dass es gerade auf einen Mangel und eine einseitige Merkmalsverteilung indizieren würde, wenn sie nur Philosophen und Weise entstehen ließe. Dieses Argument lässt sich zunächst mit einer Aufzeichnung Marc Aurels stützen, die sich auf mögliche Gradunterschiede innerhalb der Flora und Fauna bezieht und auf dieser Basis eine Kosmodizee entwickelt: Ebenso verdient der Umstand unsere Beachtung, daß auch Erscheinungen, welche sich Naturerzeugnissen zufällig beigesellen, für uns etwas Reizendes und Anziehendes haben. So fallen uns die Risse und Spalten, welche sich hin und wieder am gebackenen Brot zeigen, obleich sie der Absicht des Bäckers einigermaßen zuwider sind, doch in einem gewissen Grade angenehm auf und erregen in eigentümlicher Weise die Eßlust. […] Die niederhängenden Ähren, die in Falten gelegte Stirnhaut des Löwen, der aus des Ebers Rachen triefende Schaum und viele andere Erscheinungen sind, an und für sich betrachtet, fern von allem Liebreiz, und doch, weil sie im Anschluß an Werke der Natur sich zeigen, tragen sie mit zu deren Schmuck bei und üben dadurch eine gewisse Anziehungskraft aus. Hat daher jemand Empfänglichkeit und ein tieferes Verständnis für alles, was im Weltganzen geschieht, so wird ihm auch unter solchen Nebenumständen kaum etwas begegnen, das sich ihm nicht auf gewisse Weise empfehlen sollte. […] Solcher Dinge nun gibt es viele, die nicht jedermann, sondern nur denjenigen ansprechen werden, der sich mit der Natur und mit ihren Werken in ein echtes Einverständnis gesetzt hat.967 Im ostentativen Rekurs auf Heraklits Lehre des sich widerstrebend vereinigenden λόγος968 überträgt Marc Aurel diese ästhetisch und zoologisch koordinierte Kritik an anthropozentrischen Rangabstufungen auf den Bereich der menschlich-sittlichen vetitum‘, unsern Abenteuerer-Muth, unsre gewitzte und verwöhnte Neugierde, unsern feinsten verkapptesten geistigsten Willen zur Macht und Welt-Überwindung, der begehrlich um alle Reiche der Zukunft schweift und schwärmt, – kommen wir unserm ‚Gotte‘ mit allen unsern ‚Teufeln‘ zu Hülfe!“ 966 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, III. Buch, Nr. 16, S. 37. 967 Ebd., III. Buch, Nr. 2, S. 27f. 968 Marcel van Ackeren arbeitet heraus, dass das Konsistenzprinzip für die Stoa das formale Grundkriterium der Handlungsausrichtung bildet. Als inhaltlich-bestimmende Orientierungsmarke der tugendhaft-weisen Lebenspraxis firmiert allerdings nicht die Natur im Sinne des basal-allumfassenden Ereignisspielraums, sondern allein die monistische φύσις, insofern sie in ihrer Identität mit der allge- 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 238 Ordnung. In einer analogen Figur statuiert er, dass auch der Unzufriedene, Unbesonnene und selbst der Trotzige, der dem notwendig Geschehenden aktiv Widerstand zu leisten sucht, nicht nur subliminal von dem göttlichen Willen der übermächtigen Allnatur dirigiert werden. Vielmehr werden diese Charaktere sogar nachdrücklich von der Allnatur zugelassen, um das Weltganze anzureichern.969 Die Universalvernunft versetzt sich durch diese Pluralisierung in die Lage, in einer zentripetal koordinierten meingültigen Wahrheit des vernünftigen λόγος durchschaut wird. Auf dieser Basis beleuchtet und untermauert van Ackeren die heraklitische Provenienz der für die Stoa konstitutiven Verschränkung von φύσις und λόγος. Vgl. Van Ackeren, Die Philosophie Marc Aurels, S. 619f.: „In einigen Fragmenten erwähnt Heraklit, dass man dem Allgemeinen oder der Wahrheit folgen oder entsprechend handeln soll. Konsistenz oder Korrespondenz mit einem monistischen Prinzip oder allgemein der Physis, sind also bereits bei ihm Bestimmungsmerkmale von Tugend und Signum von Praxis. […] Für die Stoiker ist die Übereinstimmung mit einem vernünftigen harmonischen λόγος nicht nur eine Frage der formalen Konsistenz. Da sie mit dem λόγος auch das aktive Prinzip meinen, das alles bestimmt, ist ein Leben in Übereinstimmung mit dem Logos auch notwendig ein Leben in Übereinstimmung mit der Natur. Aber es gilt auch der umgekehrte Fall: Wer in Übereinstimmung mit der Natur lebt, lebt auch in Übereinstimmung mit der Vernunft, die die Natur bestimmt.“ In seinem einschlägigen Aufsatz zur stoischen Heraklit-Rezeption akzentuiert A. A. Long besonders den gravierenden Einfluss heraklitischer Gedanken auf die Oberhäupter der älteren Stoa (Zenon von Kition und Kleanthes). Zu dieser Amalgamierung vgl. A. A. Long, Heraclitus and Stoicism, in: ders: Stoic Studies, S. 35–57, hier S. 56, zitiert nach: Van Ackeren, Die Philosophie Marc Aurels, S. 618: „Kleanthes‘ interest in Heraclitus, probably stimulated by Zeno, was so strongly imprinted in what he wrote that later Stoics inevitably accepted Heraclitus as precursor of comparable stature to Socrates or Diogenes of Sinope. Thus the Stoics themselves helped to propagate that confused amalgam of Stoic and Heraclitean notions which permeates the later Greek tradition of the history of philosophy.“ Als markantes Zeugnis der heraklitischen Tendenz Marc Aurels kann die Aufzeichnung Nr. 46 aus dem IV. Buch der Selbstbetrachtungen hervorgehoben werden. In dieser Aufzeichnung entwickelt Marc Aurel im Medium des Selbstdialoges einen Handlungsimperativ, der sich aus der kunstvollen Zusammenfügung mehrerer Fragmente Heraklits generiert. Vgl. Marc Aurel, Wege zu sich selbst, IV. Buch, Nr. 46, S. 53: „Stets erinnere dich des Ausspruchs von Heraklit, daß es der Erde Tod sei, zu Wasser zu werden, des Wassers Tod, zu Luft zu werden, der Luft, zu Feuer zu werden, und umgekehrt. Erinnere dich aber auch jenes Menschen, der es vergaß, wohin sein Weg führe, und so vieler anderen, welche mit der alles regierenden Vernunft, mit der sie doch allermeist ununterbrochen verkehren, sich im Zwiespalt befinden, weil ihnen dasjenige, worauf sie doch täglich stoßen, als fremd erscheint; ferner, daß wir nicht wie Schlafende handeln und reden müssen; denn auch in diesem Zustand scheinen wir zu handeln und zu reden, und daß wir es endlich ebensowenig wie Muttersöhnchen machen sollen, bei denen es heißt: Wir bleiben eben schlechtweg bei dem uns Überlieferten.“ 969 Nichtsdestotrotz fügt sich Marc Aurel auch in diesem Aspekt einer Gesamtbeurteilung der menschlichen Natur keineswegs der komplikationslosen Subsummation unter ein stoisches Lehrgebäude. Dies wird transparent, wenn Marc Aurel die Todesfurcht in einer anderen Aufzeichnung der Selbstbetrachtungen mit dem Argument ablehnt, dass der Tod insofern zu begrüßen sei, als er von der Interaktion mit den zumeist keineswegs tugendhaft handelnden Menschen befreie. Aus dem thematischen Zitat, das dem IX. Buch der Selbstbetrachtungen entnommen ist, spricht also durchaus Marc Aurels klares Bewusstsein einer moralischen Überlegenheit gegenüber seinen Mitmenschen sowie eine reflektierte Skepsis gegenüber einem lebensbejahenden Sinnoptimismus. Vgl. Marc Aurel, Wege zu sich selbst, IX. Buch, Nr. 3, S. 134f.: „Willst du aber ein allbekanntes, herzstärkendes Mittel anwenden, so wird der Hinblick auf die Gegenstände, von denen du dich trennen sollst, und auf die Menschen, mit deren Sitten deine Seele nicht mehr in Berührung kommen soll, dich mit dem Tode vollkommen aussöhnen. Denn du sollst zwar an ihnen möglichst wenig Anstoß nehmen, vielmehr für sie sorgen und sie mit Sanftmut tragen, indessen darfst du doch daran denken, daß es nicht eine Trennung von gleichgesinnten Menschen gelte. Dies allein nämlich, wenn irgend etwas, könnte uns anziehen und im Leben festhalten, wenn es uns vergönnt wäre, mit Menschen zusammenzuleben, 5.3. Die Problematik der Faktizität des Bösen 239 Versammlung auf ein und dasselbe Telos zuzustreben.970 Nichtsdestotrotz spricht Aurel allein dem Philosophen die genuine Freiheit zu, sich entweder aus eigener Willenskraft den reflektierten Mitagenten der Selbsterhaltung der Natur beizugesellen oder sich weiterhin den Taumelnden, Ungefestigten und Schlafenden zu assoziieren. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Marc Aurel zur Fundierung dieser Disjunktion explizit auf Heraklits erstes Fragment referiert: Wir alle wirken zusammen auf ein Ziel hin, die einen mit Bewußtsein und Einsicht, die anderen unbewußterweise. Ja, sogar die Schlafenden sind, wie, glaube ich, Heraklit sagt, Arbeiter und Mitarbeiter an dem, was in der Welt geschieht. Jeder arbeitet aber auf andere Art mit, selbst im Übermaß der Tadler, welcher dem, was geschieht, entgegenzutreten und es wegzuräumen sucht. Denn auch eines Menschen von solchem Gelichter bedurfte die Welt. Siehe du nun übrigens zu, welchen du dich anschließen willst! Zwar wird der Beherrscher des Alls dich auf jeden Fall gehörig zu verwenden wissen und dich als ein Glied unter die Zahl der Mitarbeiter und Gehilfen aufnehmen. Du aber hüte dich, daß du ein solches Glied darunter werdest, wie jener schlechte und lächerliche Vers in dem Schauspiele, dessen Chrysipp gedenkt!971 Es wäre vermessen, die Komplexität des aurelianischen Gerechtigkeitsdenkens und seine durchaus vielschichtige Wesensumrandung des Bösen in der gebotenen Brevität adäquat entfalten zu wollen. Nachdem ansatzweise demonstriert wurde, dass Marc Aurel die Triebfeder guter Handlungen in der sittlichen Orientierung am Einklang mit dem organischen Gemeinwohl entdeckt, soll zum Abschluss dieser Sektion noch die ambivalent zu beurteilende Marginalisierung des Bösen exemplifiziert werden, die sich in den Selbstbetrachtungen ebenfalls findet. Die auktoriale Weltsicht beibehaltend, welche sich dieselben Grundsätze angeeignet haben. Nun aber siehst du ja mit Augen, wie viel Unannehmlichkeiten aus dem Zwiespalt mit Zeitgenossen entspringen, sodaß du wohl ausrufen möchtest: ‚Komm doch schneller heran, lieber Tod, damit ich nicht etwa noch meiner selbst vergesse!‘“ 970 Zur stoischen Konzeption der auf die passiv-unbestimmte Materie einwirkenden Lenkungstätigkeit der Allvernunft und zur Stofflichkeit der kooperierenden Prinzipiendyas vgl. die instruktiven Darlegungen von Anna Schriefl, Die stoische Philosophie, S. 88f.: „Nach stoischer Ansicht lassen sich alle körperlichen Einzeldinge (und somit alles, was existiert) auf zwei Prinzipien (archai) zurückführen, nämlich auf ein aktives (to poioun) und ein passives (to paschon) Prinzip. Im Gegensatz zu den einzelnen Körpern unserer Erfahrungswelt, die entstehen und vergehen, sind diese Prinzipien ewig. Gemeinsam konstituieren sie den Kosmos und alles in ihm. […] Das passive Prinzip […] wird mit der Materie (hyle) gleichgesetzt. Es ist völlig unbestimmt. Das aktive Prinzip wird hier mit der Vernunft (logos) und Gott (theos) identifiziert. In anderen Texten erhält es noch eine Reihe weiterer Namen, etwa ‚Fatum‘, ‚Zeus‘, ‚Vorsehung‘, ‚kreatives Feuer‘ oder ‚heißer Luftstrom‘ (pneuma). Dieses Prinzip wirkt auf die Materie ein, durchdringt sie überall und konstituiert dadurch die einzelnen Körper – den Kosmos als Ganzen sowie alles, was er enthält: Steine, Artefakte, Pflanzen, Tiere, Menschen, ihre Seelen, ihre Vernunft, ihre Tugend oder Schlechtigkeit und ihre stimmlichen Äußerungen. […] Während die beiden Prinzipien unvergänglich und unzerstörbar sind, unterliegen alle einzelnen Körper dem Entstehen und Vergehen. Dies gilt nicht nur für Lebewesen und Artefakte, sondern auch für den Kosmos als Ganzen, der in zyklischen Abständen in einem Weltbrand untergeht und sich anschließend wieder neu konstituiert (Diog. Laert. 7.141 – 2 = LS 46 J). Die Stoiker sind der Ansicht, dass die beiden ersten Prinzipien ebenfalls Körper sind. Dies folgt aus der Annahme, dass sie kausal interagieren. Die kausale Beziehung zwischen den beiden Prinzipien ist zwar asymmetrisch: Das aktive Prinzip wirkt auf die Materie ein, das passive Prinzip ist für diese Einwirkungen empfänglich. Dennoch können beide nach stoischer Ansicht ihre jeweilige kausale Rolle nur deswegen übernehmen, weil sie körperlich sind.“ 971 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, VI. Buch, Nr. 42, S. 86. 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 240 stellt Marc Aurel energisch in Frage, dass egozentrische oder destruktive Handlungen den Gesamtnexus der Allnatur ernsthaft bedrohen oder verändern könnten. Zudem hebt er hervor, dass die situativ oder habituell ausgeübte Bosheit eines Individuums weder holistisch noch interpersonal von Relevanz ist, weil sie den vernünftigen Seelenteil des passiv Betroffenen nicht streifen und verletzen kann. Die Bosheit kann offenbar nur denjenigen negativ beeinflussen, der in dem oben thematisierten Zwischenstadium zwischen Schlafen und Wachen angesiedelt ist und an sich das Erkenntnispotenzial besäße, den entfremdeten Zustand seiner selbst zugunsten der Ausübung der Tugendhaftigkeit aufzuheben: Die Bosheit schadet weder der Welt im allgemeinen, noch dem Nebenmenschen insbesondere. Sie ist nur dem schädlich, der es ganz in seiner Gewalt hat, sich, sobald er zuerst nur will, von ihr loszumachen.972 Der ewige Zyklus und die menschliche Vergänglichkeit: Marc Aurels Philosophie der Erhabenheit Ein prägendes Leitmotiv in Marc Aurels Selbstbetrachtungen bilden die anhaltenden Reflexionen über den transitorischen Gang der Dinge, über die Unbedeutsamkeit des sich verflüchtigenden Ruhmes und über die permanenten Metamorphosen der Allnatur. Vor dem Hintergrund der Konstanz der conditio humana führt die Allnatur eine endlose Iteration der gleichen Szenen auf, in der einzig die Masken und die konkreten Gestaltwerdungen variieren. Marc Aurels Apostrophierung des permanenten, flusshaften Wandels inmitten der endlosen Zeit gemahnt unzweifelhaft an Heraklit.973 Dieser heraklitische Rezeptionsstrang kann besonders durch die folgende Schlüsselaufzeichnung aus dem VI. Buch der Selbstbetrachtungen belegt werden: Jenes eilt ins Dasein, dieses aus dem Dasein, und doch ist von dem, was im Werden begriffen ist, manches bereits wieder verschwunden. Eine unaufhörliche Flut von Veränderungen erneuert stets die Welt, sowie der ununterbrochene Lauf der Zeit uns immer wieder eine neue unbegrenzte Dauer in Aussicht stellt. Wer möchte nun in diesem Strome, wo man keinen festen Fuß fassen kann, irgend etwas von den vorübereilenden Dingen besonders wertschätzen? Gerade wie wenn jemand in einen vorüberfliegenden Sperling sich verlieben wollte, der ihm schon wieder aus den Augen entschwunden ist. Ist doch selbst jegliches Menschenleben von ähnlicher Art, nichts anderes, als da Aufdampfen von Blut und das Einatmen der Luft. Denn ganz dasselbe ist es, die Luft einmal einzuziehen und sie dann wieder von sich zu geben, was wir alle Augenblicke tun, oder dein ganzes Atmungsvermögen, das du gestern oder ehegestern mit deiner Geburt bekamst, wieder dahin zurückzugeben, von woher du es anfänglich an dich gezogen hast.974 5.4. 972 Ebd., VIII. Buch, Nr. 55, S. 129. 973 Die heraklitischen Reminiszenzen in Marc Aurels Philosophie würdigt auch Wilhelm Capelle in seiner Einleitung zu den Selbstbetrachtungen. Vgl. Capelle, Einleitung zu den Selbstbetrachtungen, XX- XIX: „Neben der stoischen Welt- und Lebensanschauung, die durch jenen eudämonistischen Zug besonders stark beeinflußt ist, hat auf das Denken des Kaisers besonders die Lehre des Herakleitos von dem Fluß der Dinge, von ihrer ständigen Veränderung und Erneuerung, nachhaltig eingewirkt.“ 974 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, VI. Buch, Nr. 15, S. 77. 5.4. Der ewige Zyklus und die menschliche Vergänglichkeit: Marc Aurels Philosophie der Erhabenheit 241 Hingegen weist Marc Aurels Deutung der Metamorphosensequenz auf Nietzsches Philosophie der ewigen Wiederkunft des Gleichen voraus.975 Marc Aurels Bereitschaft, alle Schicksalsschläge nicht nur hinzunehmen, sondern sie als weise Vorrichtungen der All-Natur sogar zu lieben, kann mit Nietzsches Motiv des amor fati parallelisiert werden.976 Im Gegensatz zu Nietzsche, sind Marc Aurels Reflexionen über die keinerlei Neuanfang initiierenden Umwandlungsprozesse allerdings von einem resignativen Tenor durchzogen. Dergestalt erinnern Marc Aurels tiefsinnige Aufzeichnungen an die melancholische Weisheit des Predigers Salomo, wonach auf der Welt und in der Zeit nichts Neues geschehe.977 Es lässt sich die These vertreten, dass die im weiteren Verlauf dieses Abschnittes herangeführten Aphorismen aus den Selbstbetrachtungen eine innige Geistesverwandtschaft mit jener desillusionierten Betrachtung der weltumfassenden Wiederholungsstruktur und der sich über alles Seiende legenden Macht des Vergessens besitzen, die der Koheleth vorträgt: 975 Diesbezüglich ist Nietzsches Rekonstruktion der ersten Erwähnung der Lehre der ewigen Wiederkehr von gewichtiger Bedeutung, weil Nietzsche ihre Entstehung nicht nur mit dem Namen Heraklits in einen Zusammenhang setzt, sondern auch die Möglichkeit einer stoischen Initiierung dieser Lehre erwägt. Vgl. nochmals Nietzsche, Ecce homo, KSA 6, S. 313: „Die Lehre von der ‚ewigen Wiederkunft‘, das heisst vom unbedingten und unendlich wiederholten Kreislauf aller Dinge – diese Lehre Zarathustras könnte zuletzt auch schon von Heraklit gelehrt worden sein. Zum Mindesten hat die Stoa, die fast alle ihre grundsätzlichen Vorstellungen von Heraklit geerbt hat, Spuren davon.“ In seinem direkten Kommentar zu dieser Stelle bejaht Günter Wohlfart die Interpretationsoption, dass Nietzsches Gedanke der ewigen Wiederkehr stoische Wurzeln haben könnte und Nietzsche diese Provenienz in dem obigen Zitat auch als solche anerkennt. Dieser Befund ist für die vorliegende Arbeit von höchstem Interesse, da sich auf diese Weise die Geistesverwandtschaft zwischen Marc Aurel und Nietzsche hinsichtlich der ihnen gemeinsamen Exposition der Verkettung aller Ereignisse und der limitierten Kombinationsvielfalt der Weltvorgänge erklären ließe. In seiner differenzierten Analyse bespricht Wohlfart noch weitere Deutungsvarianten des geheimnisvollen ‚könnte‘, mit dem Nietzsche die Potenzialität der heraklitischen Urheberschaft des Gedankens der ewigen Wiederkehr in der Schwebe hält. Vgl. Wohlfart, Also sprach Herakleitos, S. 337f.: „In der Zusatz-Bemerkung über die Stoa könnte man dann einen Anhaltspunkt dafür sehen, daß auch in Nietzsches Selbsteinschätzung die Spuren seiner Wiederkunftslehre zu den stoischen Heraklit-Erben zurückführen, und zwar insbesondere zu deren Ekpyrosis-Lehre. […] Der Konjunktiv ‚könnte‘ erklärte sich dann so, daß Nietzsche bei der Suche nach Spuren seiner Wiederkunftslehre nur bis zu der erst von den Stoikern – wie Nietzsche aber weiß –, noch nicht von Heraklit so genannten ἐκπύρωσις-Lehre zurückgelangte, sowie zu der damit in Zusammenhang gebrachten Lehre vom μέγας ὲνιαυτος, deren Authentizität als genuin Heraklitische von Nietzsche ebenfalls in Zweifel gezogen wurde. ‚Diese Lehre Zarathustras könnte zuletzt auch schon von Heraklit gelehrt worden sein‘ wäre dann zwar ein Ausdruck der faktischen Irrealität: ‚Sie ist aber in Wirklichkeit nicht von ihm gelehrt worden – zumindest wissen wir nichts genaues darüber –, sondern erst von Zarathustra bzw. von mir, Nietzsche‘, aber auch ein Ausdruck der theoretischen Possibilität: ‚sie könnte möglicherweise auch von Heraklit gelehrt worden sein, aber wir können den sicheren Nachweis dafür nicht erbringen und müssen deshalb vorsichtiger im Konjunktiv sprechen‘.“ 976 Die beruhigend-gelassene Denkhaltung der Selbstbetrachtungen Marc Aurels beschreibt bereits der junge Nietzsche in einem Brief an Erwin Rohde vom 22. März 1873. Vgl. Nietzsche, BVN-1873,300: „Ich wünsche Dir reinen Himmel, heitres Gemüt und empfehle, als mein Stärkungsmittel, Dir den Marcus Antoninus [Marc Aurel, J.K.]; man wird so ruhig dabei.“ 977 Vgl. zu dieser thematischen Parallele mit dem Prediger Salomo: Marc Aurel, Wege zu sich selbst, VIII. Buch, Nr. 6, S. 114: „Es ist die Aufgabe der Allnatur, die vorhandenen Dinge von einer Stelle zur anderen zu versetzen, sie umzuwandeln, sie von hier wegzuräumen und dorthin zu verpflanzen. Alles Wechsel! Man darf also nichts Neues befürchten. Alles gewöhnlich! Aber alles auch gleichmäßig verteilt!“ [Von mir kursiv, J. K.]. 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 242 Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. Was hat der Mensch für Gewinn von all seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt immer bestehen. Die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie dort wieder aufgehe. Der Wind geht nach Süden und dreht sich nach Norden und wieder herum an den Ort, wo er anfing. Alle Wasser laufen ins Meer, doch wird das Meer nicht voller; an den Ort, dahin sie fließen, fließen sie immer wieder. Alles Reden ist so voll Mühe, daß niemand damit zu Ende kommt. Das Auge sieht sich niemals satt, und das Ohr hört sich niemals satt. Was geschehen ist, eben das wird hernach sein. Was man getan hat, eben das tut man hernach wieder, und es geschieht nichts Neues unter der Sonne. Geschieht etwas, von dem sagen könnte: ‚Sieh, das ist neu‘? Es ist längst vorher auch geschehen in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. Man gedenkt derer nicht, die früher gewesen sind, und derer, die hernach kommen; man wird auch ihrer nicht gedenken bei denen, die noch später sein werden.978 In den Selbstbetrachtungen verwendet Marc Aurel zwei Perspektiven, um die abweichungslose Gleichförmigkeit der Weltordnung mit der chronischen, das Dasein des Menschen radikal limitierenden Sukzessionszeit979 zusammenzudenken. Diese sich wechselseitig ergänzenden Sichtweisen sollen durch ausgewählte Zitate verdeutlicht werden. Auf der einen Seite nimmt Marc Aurel seinen Ausgang von dem Kombinationsnexus des jeweils Anwesenden, um den ewigen Zyklus des Seins im Minimalpanorama des Augenblicks aufzuzeigen. Die Gesamtlage der in der Gegenwart versammelten Kräfte ist für Marc Aurel – wie in Heraklits Konfiguration der Gegensätze und in Nietzsches Konzeption der ewigen Wiederkehr – identisch mit dem einstmals Geschehenen und dem Sinnhorizont des zukünftig zu Erwartenden: 978 Koh, 1, 2–11, in: Die Bibel nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers, Wiesbaden 1964, S. 664f. 979 Vgl. dazu zwei zeittheoretische Aufzeichnungen Marc Aurels, deren heraklitisches Gepräge hervorsticht: Marc Aurel, Wege zu sich selbst, V. Buch, Nr. 23, S. 67: „Denk‘ oft daran, wie schnell alles, was ist und geschieht, fortgerissen und entführt wird! Ist ja doch das Wesen der Dinge in einem stetigen Flusse, und sind ihre Wirkungen einem unaufhörlichen Wechsel und deren Ursachen unzähligen Veränderungen unterworfen. Fast nichts hat Bestand, und uns nahe liegt jener gähnende Abgrund der Vergangenheit und Zukunft, in dem alles verschwindet. Sollte also der nicht ein Tor sein, welcher mit diesen Dingen sich brüstet oder ihretwegen sich quält oder darüber jammert, als über eine Beschwerde, die einige Zeit und nicht nur kurz dauere.“ Vgl. ebd., IV. Buch, Nr. 43, S. 52: „Ein Fluß, der aus dem Werdenden hervorgeht, ein reißender Strom ist die Zeit. Kaum war jegliches Ding zum Vorschein gekommen, so ist es auch schon wiederweggeführt, ein anderes herbeigetragen, aber auch das wird weggeschwemmt werden.“ Demgegenüber akzentuiert Seneca, dass der Eindruck einer rastlos dahinfließenden Lebenszeit vor allem aus der nachlässigen Nutzungsart der verfügbaren Zeit entspringe. Vgl. Seneca, De brevitate vitae / Von der Kürze des Lebens, Lateinisch/Deutsch, übers. u. hrsg. von Marion Giebel, Ditzingen 2008, S. 7f.: „Aber nein, wir haben keine zu geringe Zeitspanne, sondern wir vergeuden viel davon. Lang genug ist das Leben und reichlich bemessen auch für die allergrößten Unternehmungen – wenn es nur insgesamt gut angelegt würde. Doch sobald es in Verschwendung und Oberflächlichkeit zerrinnt, sobald es für keinen guten Zweck verwendet wird, dann spüren wir erst unter dem Druck der letzten Not: Das Leben, dessen Vergehen wir gar nicht merkten, ist vergangen. So ist es nun einmal: Wir haben kein kurzes Leben empfangen, sondern es kurz gemacht; keinen Mangel an Lebenszeit haben wir, sondern gehen verschwenderisch damit um. Es ist wie mit reichen und königlichen Schätzen: Sobald sie an einen schlechten Herrn kommen, sind sie im Nu vergeudet, während ein auch noch so bescheidenes Vermögen, wenn es einem tüchtigen Verwalter anvertraut ist, durch Nutzung wächst.“ 5.4. Der ewige Zyklus und die menschliche Vergänglichkeit: Marc Aurels Philosophie der Erhabenheit 243 Wer das jetzt Vorhandene gesehen, der hat alles überschaut, was von jeher war und was in alle Ewigkeit sein wird. Denn alles ist gleichbürtig und gleichartig.980 Diese augenblickszentrierte Betrachtungsart wählt Marc Aurel auch in der Aufzeichnung Nr. 14 des II. Buches, um dem Menschen die Angst vor dem Tode zu nehmen und den megalomanen Beharrungswillen auf der endlosen Perpetuierung der eigenen Existenz mit rationalen Argumenten zu problematisieren. Erstens bekräftigt Marc Aurel in therapeutisch-existenzieller Absicht, dass der Einzelne im Tod allein die jeweilige Gegenwart verlieren könne, da niemand jemals in der Vergangenheit oder in der Zukunft gelebt habe. Zweitens prononciert der römische Philosophenkaiser auf einer metaphysischen Wegbahn, dass das erreichte Lebensalter irrelevant sei, da bereits das junge Individuum aufgrund der kreisförmig-periodischen Allbewegung und der immer gleichen Handlungsweisen, Denkpräferenzen und Lebensläufe der Menschen alle überhaupt möglichen Szenarien perzipiert habe: Solltest du auch dreitausend Jahre und ebensoviele Myriaden noch dazu leben, so bleibe doch dessen eingedenk, daß niemand ein anderes Leben verliere, als dasjenige, welches er wirklich lebt, und kein anderes lebe, als dasjenige, welches er verliert. Das längste Leben ist also hierin dem kürzesten gleich. Ist ja doch der gegenwärtige Zeitpunkt bei allen derselbe, und der verloren gehende sollte nicht gleich sein? Wirklich erscheint auch der, den man verliert, nur so wie ein Augenblick; denn weder den vergangenen, noch den künftigen kann eigentlich jemand verlieren; denn wie sollte man ihm das, was er nicht hat, entreißen können? Folgende zwei Wahrheiten muß man sich also merken: einmal, daß von Ewigkeit her alles gleich sei und sich im Kreise bewege und daß es keinen Unterschied mache, ob einer dieselben Dinge hundert oder zweihundert Jahre oder eine grenzenlose Zeit hindurch beobachte; zum anderen, daß der Längstlebende und der sehr bald Dahinsterbende gleichviel verlieren; denn nur der gegenwärtige Augenblick ist es, dessen jeder verlustig gehen kann, da er ja diesen doch allein besitzt; was aber einer nicht besitzt, das kann er auch nicht verlieren.981 Auf der anderen Seite flankiert Marc Aurel diese bewusste Restriktion auf die Gegenwart mit der gegenläufigen Methode, in der sich seine Einbildungskraft in die grenzenlosen Räume der Unendlichkeit aufschwingt, um von dort die Nichtigkeit der irdischen Güter mit umso größerer Signalkraft untermalen zu können. Mit dieser Philosophie der Erhabenheit982 verfolgt Aurel das Kernziel, die affektauslösende, begeh- 980 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, VI. Buch, Nr. 37, S. 84. 981 Ebd., II. Buch, Nr. 14, S. 24f. 982 Auch Wiebrecht Ries honoriert Marc Aurels Einklammerung des Endlichen durch den philosophisch-vernunftgeleiteten Aufschwung zum Ewigen. Erwähnungswert ist, dass Ries die während der Feldzüge gesammelten Erfahrungen und die Wirrungen des Politischen als Erkenntnishintergrund für Marc Aurels Intonierung des ‚leeren Nichts‘ etabliert. Vgl. Ries, Die Philosophie der Antike, S. 146: „Spürbar wird der verzweifelte Kampf, den er geführt hat, der radikalen Entwertung aller menschlichen Angelegenheiten vor dem Sog des Verschwindens unzähliger Menschen, ganzer Völker und aller Dinge in die Unheimlichkeit eines leeren Nichts Widerstand zu leisten. Widerstand und Ergebung kommt in einer philosophisch gefassten Haltung zum Ausdruck, welche die Bedeutungslosigkeit des eigenen Daseins vor der Ewigkeit durch das Mittel der auf Vernunft gestützten Würde des Menschlichen kompensiert. Als Kompensation beruft sich dieser ‚Widerstand‘ der Humanität auf ruhige vernünftige Überlegung des in der Möglichkeit des Menschen Liegenden einerseits und der frommen Verehrung eines alle menschliche Vernunft übersteigenden göttlichen Geschicks andererseits.“ 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 244 renserweckende, urteilstrübende Herrschaft umstandshafter Vorgänge oder verführerischer Dingmotive über die menschliche Wahrnehmung durch eine strategische Ein- übungsmethode präventiv und durativ zu durchbrechen. Exemplarisch für diese Verfahrungsweise lässt sich die erste Sentenz des XI. Buches heranziehen. Hervorzuheben ist, dass Aurel sich im Medium der erhabenen Kontemplation der periodischen „Wiedergeburt der Dinge“983 zugleich den ethischen Geboten der Nächstenliebe, der ehrlichen Bescheidenheit und der kategorischen Befolgung des in der eigenen Vernunft hinterlegten Sollens zuwendet. Diese Tugenden sollen wiederum den „Eigentümlichkeiten der vernünftigen Seele“ korrespondieren, deren besonnenes Denken sich schließlich dem λόγος der „gerecht wirkenden Vernunft“ angleicht: Die Eigentümlichkeiten der vernünftigen Seele sind: Sie beschaut sich selbst, zergliedert sich selbst, bildet sich selbst nach eigenem Gefallen. Die Frucht, die sie trägt, genießt sich selbst, während von den Früchten der Pflanzen und der diesen Entsprechenden, der Tiere, nur andere den Genuß haben. […] Außerdem umwandelt sie die ganze Welt samt dem diese umgebenden leeren Raum und versteht die Form derselben; sie breitet sich über die grenzenlose Zeit aus, sie begreift und betrachtet allseitig die periodisch eintretende Wiedergeburt aller Dinge und erkennt daraus, daß unsere Nachkommen nichts Neues schauen werden, so wenig, als unsere Vorfahren etwas weiteres gesehen haben, sodaß gewissermaßen schon ein vierzigjähriger Mann, wenn er auch nur einigen Geist besitzt, nach dem Gesetze der Gleichförmigkeit in alles Vergangene und Zukünftige sein Einsehen hat. Endlich gehört auch das zu den Eigenthümlichkeiten der vernünftigen Seele, daß sie den Nächsten, sowie die Wahrheit und Bescheidenheit liebt und, was auch dem Gesetze eigen ist, nichts höher achtet als sich selbst. So findet mithin zwischen der richtig denkenden und der gerecht wirkenden Vernunft kein Unterschied statt.984 In der Aufzeichnung Nr. 28 aus dem IX. Buch verknüpft Marc Aurel die Schilderung des ewigen Kreislaufs mit der eingangs erwähnten, durchaus theorieoffenen Ausrichtung seiner Philosophie. Er stellt die stoische Doktrin, dass alles Seiende durch einen als immanente Ursache wirkenden Gott vernunftvoll geleitet werde, gravitätisch zur Disposition, indem er sie mit dem demokritisch-epikureischen Atomismus und Agnostizismus konfrontiert. Was vordergründig als Konzession an die konkurrierende Philosophenschule gelesen werden könnte, enthüllt sich bei genauerer Untersuchung als nachdrücklicher Aufruf zur stoischen Lebensgestaltung: Alles in der Welt ist in demselben Kreislauf, aufwärts, niederwärts, von Jahrhundert zu Jahrhundert. Entweder ist nun die Vernunft des Weltganzen bei jedem Dinge wirksam, und wenn sie dies dann ist, so sei dir, was sie hervortreibt, willkommen, oder sie hat sich nur einmal schöpferisch erzeigt, das übrige aber ist, eines in dem anderen, nach einer notwendigen Aufeinanderfolge gewissermaßen enthalten, oder es ist das Ganze nur ein Gewirr von Atomen oder unteilbaren Teilchen. Kurz, gibt es einen Gott, so steht alles gut; herrscht aber das Ungefähr, so folge du doch keinem blinden Ungefähr. Bald wird die Erde uns alle bedecken; hierauf wird auch sie selbst sich verwandeln und so auch jene Gegenstände wieder von einem Unendlichen ins andere. Denn wer diese übereinander wogenden Fluten von Verwandlungen und Veränderungen mit ihrer reißenden Schnelligkeit erwägt, der wird alles Sterbliche gering achten.985 983 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, XI. Buch, Nr. 1, S. 166. 984 Ebd., XI. Buch, Nr. 1, S. 166f. 985 Ebd., IX. Buch, Nr. 28, S. 141. 5.4. Der ewige Zyklus und die menschliche Vergänglichkeit: Marc Aurels Philosophie der Erhabenheit 245 Selbst wenn der gesamte Kosmos als Austragungsort eines „Gewirrs von Atomen“986 erkannt und bestimmt werden könnte, kann dies den Einzelnen nach Marc Aurel nicht daran hindern, sich auf seine unabänderliche Sterblichkeit zu besinnen, mit einem tugendhaften Lebenswandel zu beginnen und der chaotischen Mannigfaltigkeit die innere Ordnung seiner Vernunft entgegenzusetzen. Zu berücksichtigen ist, dass Aurel ein entscheidendes Trumpfargument in der Hinterhand behält, das auf der Teil-Ganzes-Konstellation beruht. Wenn der Mensch trotz der Myriaden zufällig aneinanderstoßender Atome in der Lage ist, sich selbst in einer ruhigen Haltung dem „blinden Ungefähr“987 zu entziehen, dekuvriert dies für Marc Aurel gerade, dass bereits die theoretische Prämisse des Atomismus falsch und inkompatibel mit der Weltverfassung sein musste. Wird nämlich zugestanden, dass der Mensch ein Teil des Ganzen ist – sei es der göttlich beherrschten Allnatur, sei es des atomistischen Attraktions- und Repulsionszusammenhanges – muss er das überzeugend unter Beweis gestellte Vermögen der Vernunft auch aus dem Alldurchwaltenden gewonnen haben. Dass das Ganze in einem seiner Teile die rationale Seelenbefähigung erzeugt hat, indiziert gemäß dem Gesetz der qualitativen Asymmetrie von Ursache und Wirkung darauf, dass das tragende und erste Prinzip selbst mehr sein muss als ein bloßes Konglomerat aus Atomen und dem zwischen ihnen existierenden Vakuum. Die Notiz Nr. 36 aus dem VI. Buch verdient aus zwei Gründen eine dezidierte Würdigung. Zum einen transzendiert Marc Aurel sogar die Betrachtung der kosmischen Irrelevanz des Individuums, indem er die für den finiten Geist unendlich und unerschöpflich erscheinenden Naturphänomene und Elementkombinationen ihrerseits mit der unübersteigbaren Größenkategorie des Alls kontrastiert. Diese Heuristik der Marginalisierung verwendet Aurel ebenfalls hinsichtlich der sowohl zeittheoretisch dimensionierten als auch historisch-taxonomisch einzuordnenden Komponente der Gegenwart, die immer wieder im ewigen und endlosen Fluss untergeht. Zum anderen unterstreicht Marc in dem Aphorismus Nr. 36 den gemeinsamen Ursprung und die Verbundenheit aller Dinge. Daraus ergibt sich, dass selbst das Schöne und Imposante nur subsistieren kann, wenn es mit den auf den ersten Blick schädlichen und geringfügigen Erscheinungen kooperiert. In einer deutlichen Wortwahl verwirft Aurel die Behauptung einer naturimmanenten, wertmäßigen Bifurkationslinie zwischen dem Prächtigen und dem angeblich Verwerflichen als „Wahn“: Asien, Europa – Winkel der Welt; der ganze Ozean – ein Tropfen des Alls! Der Athos – eine winzige Scholle des Weltganzen; die ganze Gegenwart – ein Augenblick der Ewigkeit! Alles klein, veränderlich, verschwindend! Alles hat einerlei Ursprung, von demselben gemeinsamen Allbeherrscher unmittelbar oder infolge seiner Wirksamkeit herrührend. Also auch der Rachen des Löwen, das Gift, alles Schädliche, wie Dornen und Sümpfe, sind ein Zubehör jener prachtvollen und schönen Welt. Fort also mit dem Wahne, als stünden sie mit dem Wesen, das du verehrst, in keiner Verbindung; beachte vielmehr die Quelle aller Dinge!988 986 Ebd., IX. Buch, Nr. 28, S. 141. 987 Ebd., IX. Buch, Nr. 28, S. 141. 988 Ebd., VI. Buch, Nr. 36, S. 84. 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 246 Zur Gesamtbeurteilung der Weltsicht Marc Aurels: Pessimismus oder Liebe zum Schicksal? Jener Kaiser hielt sich beständig die Vergänglichkeit aller Dinge vor, um sie nicht z u w ic h t i g zu nehmen und zwischen ihnen ruhig zu bleiben. Mir scheint umgekehrt Alles viel zu viel werth zu sein, als daß es so flüchtig sein dürfte: ich suche nach einer Ewigkeit für Jegliches: dürfte man die kostbarsten Salben und Weine ins Meer gießen? – und mein Trost ist, daß Alles was war ewig ist: – das Meer spült es wieder heraus.989 Im Zuge der bisherigen Zitatpräsentation konnte herausgearbeitet werden, dass Marc Aurel einerseits die verschwindende Partikularität des Individuums im Ganzen des Alls, die ewige Wiederkehr der gleichen Metamorphosen und die unverrückbare Prädisposition der individuellen Schicksalsschläge und Unglücksfälle analysiert. Andererseits erweist sich der römische Kaiser als gedankenreicher Apologet des praktisch-aktiven Einsatzes für das Gemeinwohl. Marc Aurel ist ein zuversichtlicher Verehrer des geringfügigen, moralischen Fortschritts990 sowie ein überzeugender und überzeugter Repräsentant humaner Güte, der an die Möglichkeit des tugendhaften Lebenswandels und an eine durch konsequente Vernunftübung habitualisierte Autarkie des Einzelnen glaubt. Diese scheinbar konträren Positionen, Wesenseinstellungen und Beurteilungen Marc Aurels haben in der Forschung eine lebhafte und kontroverse Debatte ausgelöst. Während Ernest Renan den resignativen und pessimistischen Tenor der Selbstbetrachtungen betont, vertritt Pierre Hadot in direkter Opposition zu Renan die These, dass Marc Aurels Werk vornehmlich durch die Stimmungen der Freude, der moralischen Generosität und des amor fati geprägt sei.991 Aus einer schopenhauerschen Perspektive ließe sich freilich argumentieren, dass jede tiefschürfende und rea- 5.5. 989 Nietzsche, NF-1887,11[94]. Dieses Zitat des späten Nietzsche verdeutlicht zum einen, dass er die Lehre der ewigen Wiederkunft des Gleichen in seiner letzten Werkperiode rehabilitiert. Zum anderen dokumentiert das bemerkenswerte Nachlassfragment, dass Nietzsche die im ‚schwersten Gedanken‘ implizierte, ewige Zukunftshaftigkeit des Gewesenen nicht nur zum Remedium des halterodierenden Flusses Heraklits stilisiert, sondern auch als Wendung gegen die von Marc Aurel in das Zentrum gerückte Daseinsverflüchtigung begreift. Die von Seiten Nietzsches kolportierte Antithese „Vergänglichkeit aller Dinge“ (Marc Aurel) versus „Ewigkeit für Jegliches“ (Nietzsche) darf indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass beide Denker mit ihren jeweiligen Grundlehren das gemeinsame Ziel der reflektierten Gelassenheit verfolgen. Während Marc Aurel die Irrelevanz der Dinge betont, um „zwischen ihnen“ Ruhe zu finden, so sucht Nietzsche „Trost“ in der Vorstellung, dass das scheinbare Verschwinden der Dinge in Wahrheit das Eintauchen in das Medium ihrer iterierten Resurrektion bedeutet. 990 Zu Marc Aurels Konzentration auf den moralischen Fortschritt vgl. besonders Marc Aurel, Wege zu sich selbst, IX. Buch, Nr. 29, S. 142: „Hoffe auch nicht auf einen platonischen Staat, sondern sei zufrieden, wenn es auch nur ein klein wenig vorwärts geht, und halte auch einen solchen kleinen Fortschritt nicht für unbedeutend. Denn wer kann die Grundsätze der Leute ändern? Ohne eine Änderung der Grundsätze aber, was ist anderes zu erwarten, als ein Knechtesdienst unter Seufzen, ein erheuchelter Gehorsam?“ 991 Um diese Forschungsauffassung zu validieren, zitiert Pierre Hadot eine Aufzeichnung aus dem V. Buch der Selbstbetrachtungen, in der Marc Aurel ein Ethos der Dankbarkeit gegenüber allen lebensweltlichen Erfahrungen artikuliert. Vgl. Marc Aurel, Wege zu sich selbst, V, 8, 12, hier zit. nach Hadot, Die innere Burg, S. 304: „[…] du mußt das dir Begegnende lieben, [...] weil es dir geschah und dir zugeordnet wurde und zu dir in einer gewissen Beziehung stand als etwas, das von oben aus den ältesten Ursachen mit dir zusammengesponnen war.“ Hadot gründet seine Exposition der Freude 5.5. Zur Gesamtbeurteilung der Weltsicht Marc Aurels: Pessimismus oder Liebe zum Schicksal? 247 listische Sicht auf die Welt notwendigerweise pessimistische Züge beinhalten muss. Ähnlich wie Marc Aurel, gründet Schopenhauer seine Diagnose der Nichtigkeit des Lebens im Kapitel 46 des zweiten Bandes der Welt als Wille und Vorstellung auf die Dominanz einer stets unbefriedigenden Gegenwartserfahrung: Das Leben stellt sich dar als ein fortgesetzter Betrug, im Kleinen, wie im Großen. Hat es versprochen, so hält es nicht; es sei denn, um zu zeigen, wie wenig wünschenswerth das Gewünschte war: so täuscht uns also bald die Hoffnung, bald das Gehoffte. Hat es gegeben; so war es, um zu nehmen. Der Zauber der Entfernung zeigt uns Paradiese, welche wie optische Täuschungen verschwinden, wann wir uns haben hinäffen lassen. Das Glück liegt demgemäß stets in der Zukunft, oder auch in der Vergangenheit, und die Gegenwart ist einer kleinen dunkeln Wolke zu vergleichen, welche der Wind über die besonnte Fläche treibt: vor ihr und hinter ihr ist Alles hell, nur sie selbst wirft stets einen Schatten. Sie ist demnach allezeit ungenügend, die Zukunft aber ungewiß, die Vergangenheit unwiederbringlich. Das Leben, mit seinen stündlichen, täglichen, wöchentlichen und jährlichen, kleinen größern und großen Widerwärtigkeiten, mit seinen getäuschten Hoffnungen und seinen alle Berechnung vereitelnden Unfällen, trägt so deutlich das Gepräge von etwas, das uns verleidet werden soll, daß es schwer zu begreifen ist, wie man dies hat verkennen können und sich überreden lassen, es sei da, um dankbar genossen zu werden, und der Mensch, um glücklich zu seyn.992 Sekundierend könnte auf einer psychologisch-biographischen Plausibilisierungsebene an das aristotelische Diktum erinnert werden, wonach alle Genies Melancholiker gewesen seien. Zuvorderst ist indes zu klären, welche Konnotationen mit dem Begriff ‚Pessimismus‘ verknüpft werden. Um einen höheren Anschaulichkeitsgrad zu erreichen, soll diese Sachfrage in einer direkten Bezugnahme auf eine ausgewählte Aufzeichnung Aurels erörtert werden. Selbstverständlich lässt sich hier insofern ein hermeneutischer Zirkel konstatieren, als die Selektion der Sentenz Nr. 17 aus dem II. Buch der Selbstbetrachtungen bereits durch eine zumindest diffuse Bedeutungsahnung des Pessimismus geleitet ist: Ein Punkt ist die Lebensdauer der Menschen, ihr Wesen in stetem Flusse, ihre Empfindung dunkel, das ganze Gewebe ihres Körpers der Fäulnis unterworfen, ihre Seele ein Kreisel, ihr Schicksal schwer zu bestimmen, ihr Ruf zweifelhaft: kurz, alles, was den Körper betrifft, ist ein Strom, was die Seele angeht, Traum und Dunst, das Leben ein Krieg und die Wanderung eines Fremdlings, der Nachruhm endlich Vergessenheit. Was kann nun dabei den Menschen sicher geleiten? Einzig und allein die Philosophie. Diese aber besteht darin, den Genius in seinem Innern unentweiht und unverletzt zu bewahren, erhaben über Lust und Unlust, sodaß er nichts ohne Zweck, noch mit Trug und Verstellung tue, mit seinen Bedürfnissen von fremdem Tun und Lassen unabhängig sei, überdies alle Beals Kernbefindlichkeit der Philosophie Marc Aurels auf die Verheißung einer kairologischen Glückserfüllung, die durch die Güte und Reinheit der moralischen Intention verwirklicht werden kann. Vgl. Hadot, Die innere Burg, S. 209: „Gleicherweise ist das moralisch Gute, im gegenwärtigen Augenblick gelebt, ein Absolutes von unendlichem Wert, einem Wert also, den weder die Dauer noch sonst irgend etwas Äußerliches vergrößern können. Auch hier kann und muß ich die Gegenwart, die ich in diesem Moment lebe, wie den letzten Augenblick meines Lebens leben. Denn selbst wenn kein anderer mehr auf ihn folgt, werde ich aufgrund des absoluten Wertes der moralischen Absicht und der Liebe zum Guten, die ich in diesem Augenblick lebe, in eben diesem Augenblick sagen können: Ich habe mein Leben verwirklicht, alles gehabt, was ich vom Leben erwarten konnte. Ich kann also sterben.“ 992 Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung II, Kap. 46, S. 670f. 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 248 gegnisse und das ihm zugeteilte Los als von daher kommend aufnehme, woher er selbst gekommen ist, zu allem dem aber mit gelassenem Sinne den Tod erwarte, der ja nichts anderes ist, als eine Auflösung in die Urstoffe, woraus jedes lebende Wesen zusammengesetzt ist. Wenn aber für diese Urstoffe selbst nichts Schreckliches darin liegt, daß jeder von ihnen immerfort in einen andern umgewandelt wird, warum sollte man die Umwandlung und Auflösung aller zusammen mit furchtsamen Blicke ansehen? Auch sie geschieht ja der Natur gemäß, ist kein Übel. Geschrieben zu Carnatum.993 Folgende Aspekte eines hypothetischen Pessimismus994 können aus dem Aphorismus Nr. 17 destilliert und systematisch aufgelistet werden: 1. Zuerst ist die punktuelle Lebensdauer des Menschen inmitten des indifferenten Universums herauszustreichen, die durch das einem kosmischen Augenschlag gleichende Ereignis des Todes jäh und unüberholbar beendet wird. Jegliches Streben nach Ruhm, nach dem Lob der Mitmenschen, nach großen Werken erweist sich als eitel und leer, da der Fluss der Zeit das Erworbene und Erinnerte mitsamt dem sich Erinnernden erbarmungslos verschlingt. 2. Während Marc Aurel das sittliche Ideal an zahlreichen Stellen der Selbstbetrachtungen in der praktischen Vereinigung der vernünftigen Seele mit der Weltvernunft entdeckt, untermalt er in der obigen Aufzeichnung die grundlegende Fremdheit des Menschen, der auf der Erde einer mühseligen, durch Schmerz, Rivalität und Krieg beherrschten Wanderschaft unterworfen ist.995 993 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, II. Buch, Nr. 17, S. 26. 994 Wilhelm Capelle optiert in seiner sehr lesenswerten Einleitung zu den Selbstbetrachtungen dafür, den philosophischen Pessimismus Marc Aurels nicht als genuin stoische Tonalität aufzufassen. In einem direkten Vergleich mit der eudämonistischen Freiheitsemphase Epiktets, gelangt Capelle zu dem Resultat, dass Marc Aurels Infragestellung einer lebensimmanenten Sinnhaftigkeit aus seiner charakterlichen Disposition entsprungen sei. Vgl. Capelle, Einleitung zu den Selbstbetrachtungen, XLIVf.: „Es muß aber doch gesagt werden, daß diese quasi pessimistische Grundstimmung des Marc Aurel gegenüber dem gesamten Erdendasein nicht im Wesen der stoischen Philosophie, sondern in seiner eigenen Veranlagung begründet ist. Das kann schon ein Vergleich mit der Grundstimmung des von ihm so hoch verehrten Epiktet zeigen. […] Dieser phrygische Freigelassene, […] ist so sehr von dem Evangelium der inneren Freiheit des Menschen, wie es Sokrates und Platon, Kynismus und Stoa verkünden, und von dem Vertrauen in die Weisheit und Güte der Vorsehung durchdrungen, daß pessimistische Stimmungen bei ihm gar nicht aufkommen. Eine tapfere, hochgemute Zuversicht diesem Leben gegenüber erfüllt ihn und all seine Diatriben, die der oft urwüchsige Eindruck seiner starken Persönlichkeit sind, auf Grund der in jeden Menschen gelegten seelisch-geistigen Anlagen und seines guten Willens und des geruhigen, frohen Vertrauens auf die Weisheit und Güte der Gottheit.“ 995 Pierre Hadot lehnt die Prädizierung eines pessimistischen Grundtenors ab, indem er Marc Aurels desillusionierte Beschreibung der Dinge stattdessen als probates Mittel exponiert, um die seelische Fokussierung von den körperlich-materiellen Vorgängen oder der täuschenden Anziehungskraft irdischer Güter abzulenken. Im Gegenhalt dazu, könne alsdann der unvergleichlichen Wertigkeit der wahren Tugend die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt werden. In einem weiteren Argumentationsstrang führt Hadot gegen die Subsummation Marc Aurels unter den Index des Pessimismus ins Feld, dass für die Stoiker materielle Phänomene weder genuin schlechte noch wahrhaft gute Eigenschaften besitzen könnten. Das Kriterium des Nichtseinsollenden und Verwerflichen kann gemäß dieser Lesart allein auf antimoralische Triebfedern und Affekte angewendet werden. Vgl. Hadot, Die innere Burg, S. 235f.: „Wenn man die Dinge so sehen will, wie sie sind, ist man auch gezwungen, ebenfalls die Wirklichkeiten, die unauflöslich mit dem Alltagsleben verbunden sind, so zu sehen, wie sie sind, d. h. die physikalischen und physiologischen Aspekte der Funktionsweise unseres Körpers und der ständigen Verwandlung der Dinge in und um uns, als da sind: Staub, Schmutz, 5.5. Zur Gesamtbeurteilung der Weltsicht Marc Aurels: Pessimismus oder Liebe zum Schicksal? 249 3. Es findet sich auch bei Marc Aurel die platonisch-gnostische Diskreditierung des Körpers, der dem Zerfall, dem Leiden und der Schwäche nicht entrinnen kann und als Rezeptionsfeld der Empfindungen die rationale Klarheit des Hegemonikons irritiert. 4. Ein typisches Moment einer pessimistischen Lebensanschauung prägt sich bei Marc Aurel aus, wenn er die traumartige Beschaffenheit der Welt erwähnt und die irreversible Begrenztheit der menschlichen Erkenntnis profiliert. In diesem skeptischen Moment überschneidet sich Marc Aurel erneut mit der Weisheit des Predigers Salomo, wenn dieser die Unergründlichkeit der inneren Prinzipien des Weltlaufs und das unaufhebbare Nichtwissen des Gedankenreichen eingesteht: Ich richtete mein Herz darauf, zu erkennen die Weisheit und zu schauen die Mühe, die auf Erden geschieht, daß einer weder Tag noch Nacht Schlaf bekommt in seine Augen. Und ich sah alles Tun Gottes, daß ein Mensch das Tun nicht ergründen kann, das unter der Sonne geschieht. Und je mehr der Mensch sich müht, zu suchen, desto weniger findet er. Und auch wenn der Weise meint: ‚Ich weiß es‘, so kann er’s doch nicht finden.996 Gleichwohl darf nicht übersehen werden, dass der stoische Philosoph in der Mitte der Aufzeichnung Nr. 17 einen fulminanten Umschlag einleitet, der durchaus mit dem Motiv des amor fati parallelisiert werden kann und den resignativen Anfangsgehalt in eine affirmative Haltung der Gelassenheit konvertiert. An dieser Stelle seien einige Ingredienzien dieser Inversion benannt. Vorrangig ist es die Beschäftigung mit der Philosophie, die dem Leben nach Marc Aurel einen verheißungsvollen Sinn zu geben vermag.997 Der sich auf die disziplinierte Zweckverfolgung kaprizierende, innere Genius erhebt sich über die Nänie, die Trostlosigkeit und die Müdigkeit. Die kontrollierschlechter Geruch, Gestank. Dieser realistische Blick wird uns erlauben, dem Leben, so wie es ist, zu begegnen. […] Diese gnadenlose Sichtweise wird die Objekte des Lebens aller falschen Werte berauben, mit denen unsere Urteile sie verkleiden. Der wahre Grund jenes angeblichen Pessimismus liegt darin, daß für Marc Aurel alles gemein, kleinlich, wertlos ist, wenn man es mit jenem einzigen Wert, nämlich mit der Reinheit der moralischen Absicht, mit dem Glanz der Tugend vergleicht. Aus dieser Perspektive gesehen ist das Leben ‚Schmutz‘ (VII, 47). Aber gleichzeitig fordert uns dieser Blick auf das Leben dazu auf, über den relativen und subjektiven Charakter des Begriffs von Schmutz und Abstoßendem nachzudenken. Wirklich abstoßend sind nicht gewisse Aspekte der Materie, sondern die Leidenschaften, die Laster. In der Tat: Wenn wir gewisse Aspekte der physischen Wirklichkeit als abstoßend betrachten, so weil und insofern wir Opfer eines Vorurteils sind und sie nicht aus der weiten Perspektive der Allnatur zu betrachten wissen. Alle diese Aspekte sind nichts anderes als notwendige, aber zusätzliche Folgen des ursprünglichen, am Anfang aller Dinge einmal von der Natur gegebenen Antriebs.“ 996 Koh, 8, 16–18, S. 670. 997 Auch Lucius Annaeus Seneca, der dritte wesentliche Vertreter der jüngeren Stoa (neben Epiktet und Marc Aurel), widmet sich ausführlich dem Topos der eng bemessenen Lebenszeit. Seneca entdeckt in der in Muße ausgeübten Beschäftigung mit den großen Werken der Philosophie einen Weg zur zeitüberschreitenden Weisheit, welche den Einzelnen von der punktuellen Dauer der Existenz emanzipiert. Erstaunlich ist, dass Seneca in diesem Zusammenhang eine perspektivenreiche Offenheit gegenüber den einzelnen philosophischen Schulen der Vergangenheit beweist und das therapeutische Moment der Philosophie hervorhebt. Die verheißungsvolle Wahl des jeweiligen Weisheitslehrers müsse sich an dem spezifischen Zweck orientieren, den der Einzelne in seiner aktuellen Lebenssituation verfolge. Vgl. Seneca, De brevitate vitae / Von der Kürze des Lebens, S. 51: „Nur die 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 250 te Gestaltung des Begehrungstriebes gestattet eine Unabhängigkeit von der Perturbation fremder Einflüsse. Der Tod verliert Marc Aurel zufolge seine ehrfurchtgebietende Gewalt über das Leben, wenn er nur eine physiologisch lückenlos erklärbare Umwandlung der Urstoffe und eine Rückkehr in den Naturnexus repräsentiert. Was jedoch unabänderlich erfolgen muss, so lautet das Kernargument Aurels, kann kein Übel sein, weil es stets der Allnatur zuträglich ist, die niemals etwas gegen ihren eigenen Willen unternimmt und erwirkt. Auf dieser Basis lässt sich die werkumfassende These proponieren, dass Marc Aurels Selbstbetrachtungen generell durch einen ambivalenten Duktus getragen werden. In den Selbstbetrachtungen verbinden sich die pessimistisch-desillusionierten Deskriptionen des Weltlaufs in einer faszinierenden Spannungseinheit mit der Privilegierung der seelischen Souveränität und Serenität, die sich von den widrigen Umständen emanzipiert und diese sogar gutzuheißen vermag. Wenn die Seele jedoch trotz des ubiquitären Determinismus über eine solch großartige, machterfüllte Fähigkeit verfügt, so ließe sich die Gedankenfolge fortsetzen, kann die Welt nicht als ein gerechtigkeitsberaubter Verblendungszusammenhang oder gar als ein gottloser Ort definiert werden. In diesem Kapitel der vorliegenden Arbeit soll keineswegs die Prätention lanciert werden, Marc Aurels reichhaltige Weisheit könne auf die starre Alternativformel ‚melancholischer Pessimismus‘ oder ‚willige Bejahung des Schicksals‘ reduziert werden. Stattdessen erscheint es ergiebiger, Marc Aurel zum Abschluss des fünften Kapitels noch einmal selbst zu Wort kommen zu lassen, um die These einer für ihn typischen Umkehrbewegung zu untermauern. Diesbezüglich bietet sich die Sentenz Nr. 10 aus dem V. Buch an, da dort einige der oben anhand der Aufzeichnung Nr. 17 aus dem II. Buch exemplifizierten Schilderungen und Attribute wiederkehren. Der stufenartig gegliederte Aphorismus lautet: Die Dinge in der Welt sind gewissermaßen in ein solches Dunkel gehüllt, daß sie nicht wenige Philosophen, und zwar nicht alltägliche, für durchaus unbegreiflich halten. Selbst den Stoikern kommen sie wenigstens schwer begreiflich vor. […] Geh nun mit deiner Betrachtung auf die vorliegenden Gegenstände selbst über! Wie kurzdauernd und wertlos sind sie und können sogar das Eigentum eines Unzüchtigen, einer Buhlerin oder eines Straßenräubers werden! Lenke nach diesem deinen Blick auf den Geist deiner Zeitgenossen! Man hat Mühe, selbst die Art und Weise des einnehmendsten unter ihnen erträglich allein leben in Muße, die ihre Zeit der Weisheit widmen: Sie allein leben. Sie hüten nämlich nicht nur ihre eigene Lebenszeit gut, sie fügen ihr auch noch jede Zeitepoche hinzu. Alle Jahre, die vor ihnen gelebt wurden, haben sie für sich gewonnen. Wenn wir nicht ganz und gar undankbar sind, dann sind doch all die berühmten Schöpfer des ehrwürdigsten Gedankengutes für uns geboren, haben uns den Weg zum rechten Leben gebahnt. Zum Edelsten und Schönsten, das uns durch die Mühe anderer aus der Finsternis ans Licht gebracht wurde, werden wir hingeführt. Kein Zeitalter ist uns verschlossen, zu allen haben wir Zutritt, und wenn wir hochgemut die Schranken menschlicher Schwäche überschreiten wollen, dann tut sich ein großer Zeitraum auf, den wir durchwandern können. Wir dürfen disputieren mit Sokrates, zweifeln mit Karneades, Ruhe finden mit Epikur, die menschliche Natur überwinden mit den Stoikern, mit den Kynikern sie hinter uns lassen. Da die Natur es uns gestattet, als Zeitgenosse in jede Epoche einzutreten, warum sollten wir uns da nicht von unserer kurzlebigen Augenblicksexistenz weg und mit ganzer Seele dem zuwenden, was unermesslich, was ewig ist, was uns mit Besseren in Verbindung bringt?“ 5.5. Zur Gesamtbeurteilung der Weltsicht Marc Aurels: Pessimismus oder Liebe zum Schicksal? 251 zu finden, zu geschweigen, daß mancher sich selbst kaum ertragen kann. Was nun bei solchem Dunkel und solcher Widerlichkeit der Zustände und dem so raschen Verlauf der Dinge und der Zeit, der Bewegung und des Bewegten, wohl der Hochschätzung oder des Strebens überhaupt noch wert sein könne, vermag ich nicht zu begreifen. Im Gegenteil ist es ja Pflicht, die natürliche Auflösung getrost zu erwarten und über ihren Verzug sich nicht zu beklagen, sondern mit folgendem allein sich zu beruhigen: ‚Erstens, es kann mir nichts begegnen, was nicht der Natur des Ganzen gemäß wäre, und dann, von mir selbst hängt es ab, meinem Gott und Genius nichts zuwider zu tun; denn niemand kann mich zwingen, diesen außer acht zu lassen.‘998 Ähnlich wie in der oben zitierten Aufzeichnung Nr. 17, beginnt Marc Aurel seine Überlegung zunächst mit einer pessimistischen Note, die hier allerdings nicht primär auf die temporale Flüchtigkeit des Daseins und die Nacht des Vergessens abzielt. Stattdessen weist die Aufzeichnung Nr. 10 anfangs einen wahrheitsskeptischen Grundton auf, indem sie die Undurchdringlichkeit, Schattenhaftigkeit und Unbegreiflichkeit der Objektwelt akzentuiert. Marc Aurel forciert in der Folge einen Nihilismus einer Wertlosigkeit der Dinge, dessen Kernaussage als desparates „Es lohnt sich nichts“999 und als mephistophelisches „Denn alles, was entsteht, // ist wert, daß es zugrunde geht; // Drum besser wär's, daß nichts entstünde“1000 zusammengefasst werden könnte. Trotz der ethischen Diskrepanzen der Menschen scheint das Schicksal eine wahllose Zuteilungslotterie zu befolgen, insofern sowohl den Gerechten als auch den Ungerechten Fährnisse wie auch Glücksserien treffen können. Dies legt zunächst eine fundamentale Gleichgültigkeit der Natur nahe. In Wahrheit ist es auch an dieser Stelle die Intention Marc Aurels, den innerweltlichen Gegenständen im Medium der Versinnbildlichung ihres unaufhaltsamen Verschwindens und ihrer willkürlichen Besitzbarkeit durch jeden beliebigen Menschen die repressive Gewalt über die Seele zu nehmen. Das Begehren irdischer Dinge soll 998 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, V. Buch, Nr. 10, S. 62. 999 Vgl. zu diesem Motiv des „Es lohnt sich nichts“ die Lehre des Wahrsagers, die Nietzsche im Zarathustra-Stück Der Nothschrei entfaltet: Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Der Nothschrei, KSA 4, S. 300: „Und wie er [Zarathustra, J.K.] schnell um sich blickte und aufstand, siehe, da stand der Wahrsager neben ihm, der selbe, den er einstmals an seinem Tische gespeist und getränkt hatte, der Verkündiger der grossen Müdigkeit, welcher lehrte: ‚Alles ist gleich, es lohnt sich nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt.‘ Aber sein Antlitz hatte sich inzwischen verwandelt; und als ihm Zarathustra in die Augen blickte, wurde sein Herz abermals erschreckt: so viel schlimme Verkündigungen und aschgraue Blitze liefen über dieses Gesicht.“ Für das Untersuchungsziel der vorliegenden Arbeit ist immens aufschlussreich, dass der Wahrsager im gleichnamigen Zarathustra-Stück die Diagnose des Nihilismus durch das Gleichnis des erlöschenden Feuers versinnbildlicht. Während das Feuer bei Heraklit – der nach Nietzsche den Gipfel der intuitiv geschauten Bejahung des ewigen Werdens erreicht hat – in einem unerschöpflichen Rhythmus und in ubiquitär entflammter Aktivität die Geschehnisse des Alls lenkt, verkündet der Wahrsager (als Inkarnation Schopenhauers) am anderen Ende der Philosophiegeschichte, dass die Kraft des Feuers im Zuge des sich ausbreitenden Eindruckes der Sinnlosigkeit jeglichen Strebens ‚ermüdet‘ sei. Vgl. Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Der Wahrsager, KSA 4, S. 172: „Umsonst war alle Arbeit, Gift ist unser Wein geworden, böser Blick sengte unsere Felder und Herzen gelb. Trocken wurden wir Alle; und fällt Feuer auf uns, so stäuben wir der Asche gleich: – das Feuer selber machten wir müde.“ 1000 Vgl. Goethe, Faust I, Vers 1338ff: „Ich bin der Geist, der stets verneint! // Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, // Ist wert, daß es zugrunde geht; // Drum besser wär's, daß nichts entstünde. // So ist denn alles, was ihr Sünde, // Zerstörung, kurz das Böse nennt, // Mein eigentliches Element.“ 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 252 relativiert werden, um der Vernunft zur Autonomie zu verhelfen und das glückselige Leben der Tugendhaftigkeit zu realisieren. Entscheidend ist allerdings, dass Marc Aurel die prima vista negativistische Sicht in der Aufzeichnung Nr. 10 des V. Buches nicht mehr nur auf die innerzeitlichen Vorgänge beschränkt. In der oben erörterten Sentenz Nr. 42 aus dem VI. Buch hatte Aurel exponiert, dass selbst der uneinsichtige, widerspenstige und ungerechte Mensch unweigerlich das übergreifende Ziel der Allnatur verfolge1001 und die Differenz zum vernünftigen Individuum sich nur in dem Grad des Bewusstseins dieser globalen Zweckhaftigkeit manifestiere. Hingegen ist die Aufzeichnung Nr. 10 von einer markanten Klage des hochbegabten Kaisers über die kognitive, moralische und charakterliche Qualität der Mitmenschen durchdrungen. Hervorstechend ist die sehr leicht misanthropisch fehlinterpretierbare Formulierung, dass selbst die geistige Disposition und der Charakter des sympathischsten und angenehmsten Menschen „schwer erträglich“1002 sei und sich die meisten Menschen selbst kaum ertragen könnten. Indes könnte der Deutungsansatz aufgebaut werden, dass sich Marc Aurel – in Analogie zur schwankenden und unbeständigen Verfassung der Dinge – auf die Täuschungsaffinität der menschlichen Meinungen inmitten des in Dunkelheit gehüllten Weltgeflechts bezieht, um den Mitmenschen einerseits mit aufrichtiger Nachsicht, mit einem einfühlsamen Verständnis und mit gerechter Milde begegnen zu können.1003 Andererseits kann Marc Aurel dergestalt die Einflusskraft ihrer Ansichten, ihrer Vorurteile und der immer wiederkehrenden Verhaltensmuster auf seine eigene Vernunft reduzieren und diese zur Tenazität sollizitieren. Zudem ist zu registrieren, dass Marc Aurel auch in der Aufzeichnung Nr. 10 des V. Buches eine eklatante Wende vollzieht, indem er auf den Begriff der Pflicht und den Schlüsselterminus des inneren Genius rekurriert. Es ist die maßgebende Zentraleinsicht in die Ausweglosigkeit und Natur- 1001 Vgl. Marc Aurel, Wege zu sich selbst, VI. Buch, Nr. 42, S. 86: „Ja, sogar die Schlafenden sind, wie, glaube ich, Heraklit sagt, Arbeiter und Mitarbeiter an dem, was in der Welt geschieht. Jeder aber arbeitet auf andere Art mit, selbst im Übermaß der Tadler, welcher dem, was geschieht, entgegenzutreten und es wegzuräumen sucht. Denn auch eines Menschen von solchem Gelichter bedurfte die Welt.“ 1002 Ebd., V. Buch, Nr. 10, S. 62. 1003 Im Rekurs auf diesen Korrespondenzbezug illustriert Pierre Hadot, dass die menschliche Freude für Marc Aurel vornehmlich auf dem harmonisch-tätigen Mitvollzug jener Bewegung der Natur beruht, in der sich ihre Liebe zum Ganzen ausdrückt, ausweitet und nährt. Vgl. Hadot, Die innere Burg, S. 329: „Diese Freude, die die naturgemäße Handlung gewährt, läßt teilhaben an der Liebe der Natur zum Ganzen, das sie hervorbringt, und an der wechselseitigen Liebe der Teile dieses Ganzen. Glücklich zu sein heißt für den Menschen, das Gefühl zu haben, Teil einer unvermeidlichen Bewegung zu sein, die vom Antrieb ausgeht, welcher dem Ganzen von der Urvernunft verliehen wurde, damit es sein Wohl verwirkliche. Das von uns mit ‚Natur‘ übersetzte griechische Wort physis vermittelte den Griechen die Idee einer Bewegung des Wachstums, von Entfaltung und ‚Aufgeblasensein‘ (emphusesis), wie die Stoiker sagten. Glücklich sein heißt, eins zu werden mit dieser sich nach außen ausdehnenden Bewegung, heißt also, sich im gleichen Sinn wie die Natur zu bewegen, gleichsam die Freude nachzufühlen, die die Natur selbst bei ihrer schöpferischen Bewegung verspürt. Darum beschreibt Marc Aurel die Freude in Bildern, die auf das Voranschreiten auf dem guten Weg, in die richtige Richtung, auf die Übereinstimmung der Begierden, Willen und Gedanken mit dem Weg der Natur anspielen.“ 5.5. Zur Gesamtbeurteilung der Weltsicht Marc Aurels: Pessimismus oder Liebe zum Schicksal? 253 gebundenheit des „raschen Verlaufes der Dinge und der Zeit“1004, die zu einer geduldigen Erwartung der natürlichen Metamorphose animiert. Selbst wenn es den Anschein erweckt, als würde die Allnatur dem Einzelnen das Prätendierte entziehen, das Erarbeitete nicht vergönnen und das Verdiente desavouieren, so kontert Marc Aurel auch hier mit dem paradigmatischen Monitum, dass nichts geschehen kann, was nicht in einem Entsprechungsverhältnis zur Allnatur situiert ist.1005 Als wesentliche Hintergrundannahme des in der Aufzeichnung Nr. 10 promulgierten, metaphysischen Nezessitarismus lässt sich markieren, dass die scheinbar kohärent wirkende Logik, wonach der gerechte und tugendhafte Charakter durch die Folgen seiner Handlung belohnt werden müsse und das rücksichtslos und agonal agierende Individuum lebensimmanent bestraft werde, einer regional verengten Weltsicht entspringt. Im gewissen Sinne ist selbst die Gedankenführung des Predigers Salomo ex negativo noch dem Proportionalitätsideal des Tun-Ergehen-Zusammenhanges unterworfen. Im Koheleth wird der Vorrang des Nicht-Geboren-Seins mitsamt dem Mühseligkeitsgepräge des Daseins aus einer unumstößlichen, von Gott selbst verfügten Prädetermination hergeleitet, die sich lebensweltlich in einer undurchschaubaren Indifferenz der Leidenszuteilung äußere. Aus der Beobachtung, dass nicht nur der gottlose Egoist von einschneidenden Vulnerabilitätserfahrungen getroffen werden kann, sondern auch der gutherzige und freigebige Mensch denselben Bedrohungen und Schmerzen unterworfen ist, folgert Salomo eine ubiquitäre Negativdiagnose des Lebens. Nach seiner langen Wahrheitssuche muss Salomo schließlich in das konsternierende Resultat einwilligen, dass im faktischen Dasein die Ungerechtigkeit und die menschliche Bosheit herrschen: Denn ich habe das alles zu Herzen genommen, um dies zu erforschen: Gerechte und Weise und ihr Tun sind in Gottes Hand. Auch über Liebe und Haß bestimmt der Mensch nicht; alles ist vor ihm festgelegt. Es begegnet dasselbe dem einen wie dem andern: dem Gerechten wie dem Gottlosen, dem Guten und Reinen wie dem Unreinen, dem, der opfert, wie dem, der nicht opfert. Wie es dem Guten geht, so geht’s auch dem Sünder. Wie es dem geht, der schwört, so geht’s auch dem, der den Eid scheut. Das ist das Unglück bei allem, was unter der Sonne geschieht, daß es dem einen geht wie dem andern. Und dazu ist das Herz des Menschen voll Bosheit, und Torheit ist in ihrem Herzen, solange sie leben; danach müssen sie sterben.1006 1004 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, V. Buch, Nr. 10, S. 62. 1005 Zur Spezifikation der stoischen Zentraldoktrin eines Lebens im ‚Einklang mit der Natur‘ vgl. die bereichernden Ausführungen von Anna Schriefl, Die stoische Philosophie, S. 140: „Die Stoiker unterscheiden terminologisch zwischen dem Leben ‚im Einklang mit der Natur‘ und dem ‚naturgemäßen Leben (kata physin). Ein naturgemäßes Leben führen auch Tiere, indem sie beispielsweise für sich und ihren Nachwuchs sorgen. Auch die gewöhnlichen Menschen leben lediglich ein naturgemäßes Leben: Sie kümmern sich um ihr Wohlergehen, verhalten sich dabei aber häufig irrational und inkonsistent. Im Unterschied dazu lebt der Tugendhafte nicht nur naturgemäß, sondern im Einklang mit der Natur, weil er in allen seinen Handlungen dem Standard der Vernunft folgt.“ 1006 Koh, 9, 1–4, S. 670. 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 254 Auch Salomos Klage über die Absenz des Trösters und die Exposition der Asymmetrie zwischen dem Erleiden und der Zufügung von Gewalt widerspricht dem stoischen Vertrauen auf die autarke Bastion der eigenen Vernunft: Wiederum sah ich alles Unrecht an, das unter der Sonne geschieht, und siehe, da waren Tränen derer, die Unrecht litten und keinen Tröster hatten. Und die ihnen Gewalt antaten, waren zu mächtig, so daß sie keinen Tröster hatten. Da pries ich die Toren, die schon gestorben waren, mehr als die Lebendigen, die noch das Leben haben. Und besser daran als beide ist, wer noch nicht geboren ist und des Bösen nicht innewird, das unter der Sonne geschieht.1007 Nach Marc Aurel wird die moralisch untermauerte Folgenerwartung der künftigen Belohnung respektive der Bestrafung von einem anthropozentrischen Zwecksetzungskalkül flankiert. Im Gegensatz dazu, offenbart sich die glücksaffine Tugendhaftigkeit und die einzige konsistente Form moralischer Güte nach Marc Aurel gerade darin, Widerfahrnisse, die jeden Menschen hätten treffen können, mit einer umsichtigen Würde und mit Anstand zu tragen, anstatt sie als vermeintlich unverdiente Unglücksfälle zu diskreditieren.1008 Wie herausgearbeitet werden konnte, prononciert Marc Aurel, dass sich die spekulativen Verlaufsantizipationen und die menschliche Präjudikation des Schicksals einer unkontrollierten Selbstbezüglichkeit des Begehrungstriebes verdanken. Nichtsdestotrotz soll zum Abschluss dieses Kapitels die Frage aufgeworfen werden, ob in den letzten Zeilen des Aphorismus Nr. 10 aus dem V. Buch eine theoriesubversive Rivalitätskonstellation zwischen der Allnatur und dem Individuum konzipiert wird. Wenn Marc Aurel expliziert, dass keines der äußeren Geschehnisse und keine der aufkeimenden Unzuträglichkeiten, die sich allesamt aus der Urquelle des Schöpfungsdranges der Allnatur speisen, seinen inneren Genius zwingen könnten, so vindiziert er einen Emanzipationsstatus der vernünftigen Seele, der sich nur schwerlich kausal aus der Allnatur ableiten lässt: Aufwärts, niederwärts, im Kreislauf bewegen sich die Grundstoffe. Die Bewegung der Tugend aber geht nach keiner von diesen Richtungen; sie ist vielmehr etwas Göttlicheres und schreitet auf guter, wenn auch schwer zu begreifender Bahn vorwärts.1009 Marc Aurel gelingt es also, einen Ort der wahren Freiheit einzugrenzen, dessen Genese und Realität sich nicht vollständig in der allgemeinen Notwendigkeitsordnung auflöst. Vielleicht ist es die innere Haltung des mit der Weltvernunft korrespondierenden Genius, die nicht von den unvorhersehbaren (wenn auch gedanklich zu antizipierenden) Fährnissen des Schicksals umgriffen, geleitet und instantiiert wird. In dieser Entdeckung könnte Marc Aurels weitreichender Nachruhm begründet sein, welcher der von ihm diagnostizierten Vergänglichkeit der großen Namen und Lehren eindrucksvoll Widerstand leistet. Nach einem bekannten Worte Schellings ist die Freiheit der 1007 Koh, 4, 1–3, S. 666. 1008 Diesen Aspekt der praktischen Bewährung der Gemütsruhe, deren gelungene Ausübung den intrinsischen Lohn der Glückseligkeit vollkommen in sich trägt, würdigt auch Marcel von Ackeren. Vgl. Van Ackeren, Die Philosophie Marc Aurels, S. 626ff. 1009 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, VI. Buch, Nr. 17, S. 78f. 5.5. Zur Gesamtbeurteilung der Weltsicht Marc Aurels: Pessimismus oder Liebe zum Schicksal? 255 Anfang und das Ende der Philosophie.1010 In dieser Hinsicht gewährt Marc Aurels Stoizismus ein unschätzbares Potenzial, indem er das Individuum vorbereitet und gestärkt in die abenteuerlichen Gefilde einer praktischen Lebensführung entlässt.1011 Dies sei durch ein letztes Zeugnis der Weisheit Marc Aurels bekräftigt, das den Geist der kosmopolitischen Liberalität in sich trägt. Marc Aurel unterstreicht die Immunität, Gleichgültigkeit und Souveränität des Weisen gegenüber der Bosheit der Anderen, ohne die wesensmäßig-natürliche Verbundenheit mit den Mitmenschen zu leugnen: Für meine Willensfreiheit ist die Willensfreiheit meines Nebenmenschen ebenso gleichgültig als sein ganzes geistiges und leibliches Wesen; denn sind wir auch in vorzüglichem Sinne für einander geboren, so haben doch die in uns herrschenden Kräfte je ihr eigenes Gebiet. Widrigenfalls müßte ja die Bosheit meines Nebenmenschen auch für mich etwas Böses sein, was jedoch der Gottheit nicht gefallen hat, damit nicht mein Unglück von der Willkür eines anderen abhänge.1012 1010 Vgl. Schelling, Vom Ich als Princip der Philosophie oder über das Unbedingte im menschlichen Wissen, § 6, SW I/1, S. 177: „Der Anfang und das Ende aller Philosophie ist – Freiheit!“ 1011 Wilhelm Capelle sieht gerade in dem praktischen Impetus eines angemessenen Umgangs mit den eigenen Schwächen, Ängsten und Zweifeln die ‚ewige Bedeutung‘ der Persönlichkeit Marc Aurels und seiner Selbstbetrachtungen. Vgl. Capelle, Einleitung zu den Selbstbetrachtungen, LIV: „Eine Persönlichkeit steht hinter diesem Buch, die ewige Bedeutung hat für alle Menschen, die ihrer Unvollkommenheiten und Mängel wohl bewußt, doch oder vielmehr gerade darum immer aufs neue an ihrer sittlichen Läuterung und Vervollkommnung, an ihrer sittlichen Wiedergeburt arbeiten, die das ‚Stirb und Werde‘ gerade auf ihr ethisches Leben anwenden, eine Persönlichkeit, die ewige Bedeutung haben wird für alle, ‚die immer strebend sich bemühen‘, auf daß ihnen der innere Friede, die ‚Erlösung‘ zuteil werde.“ 1012 Marc Aurel, Wege zu sich selbst, VIII. Buch, Nr. 56, S. 129. 5. Allnatur, menschliche Vernunft und Gerechtigkeit in der stoischen Philosophie Marc Aurels 256

Chapter Preview

Schlagworte

Kosmos, Hybris, Stoizismus, Natur, Begriffsgeschichte, Gerechtigkeit

References

Zusammenfassung

Die Monographie widmet sich dem Verhältnis zwischen den Kernbegriffen der Δίκη (Dike) und der Φύσις (Physis) innerhalb der vorsokratischen Philosophie und thematisiert ihre fortwirkende Strahlkraft in der Epoche des postidealistischen Denkens. Dabei gewährt die Arbeit einen Einblick in die variantenreichen Pfade der Rezeption Anaximanders und Heraklits bei Marc Aurel, Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger.

Es wird gezeigt, dass Heraklit einen innigen Verbund zwischen der Selbstoffenbarungsweise der φύσις und jener bindenden Gesetzmäßigkeit der Gegensätze inauguriert, die er aus dem Wesensbezirk der kosmischen Gerechtigkeit erschließt. Die von Heraklit gedachte Einheit zwischen dem Weltspiel und der Gerechtigkeit fungiert als Distinktionskriterium, auf dessen Basis die spezifischen Hierarchiegewichtungen zwischen Δίκη und φύσις im Denken Marc Aurels, Nietzsches und Heideggers herausgearbeitet werden. Insgesamt soll die These plausibilisiert werden, dass die ausgewählten Philosophen auf die vorsokratischen Konzeptionen der Δίκη zurückgreifen, um der Problematik der Legitimität des Werdens adäquat begegnen zu können.

Schlagworte

Kosmos, Hybris, Stoizismus, Natur, Begriffsgeschichte, Gerechtigkeit