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4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten in:

Jan Kerkmann

Dike und Physis, page 201 - 224

Philosophische Studien zu einer Schlüsselkonstellation bei Heidegger, Nietzsche und Heraklit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4420-9, ISBN online: 978-3-8288-7425-1, https://doi.org/10.5771/9783828874251-201

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 37

Tectum, Baden-Baden
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Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten Einführung und Leitthesen Rasch ist des Rechtes Verlauf, wohin es auch käufliche Männer Zerren und schleppen, indem unehrlich sie fällen das Urteil. Dike durchwandelt mit Klagen die Stadt und die Sitze der Menschen, Dicht von Nebel umhüllt, das Verderben den Menschen zu bringen, Welche verdrängt sie hatten und nicht nach Gebühr sie verteilten. Die dagegen den Fremden sowie den Einheimischen geben Ehrlichen Spruch und nie abweichen von dem, was Gesetz ist, Denen gedeihet die Stadt, und es blühen darin die Bewohner.877 In diesem Kapitel soll der Gehalt derjenigen Fragmente Heraklits, in denen die Δίκη explizit erwähnt und charakterisiert wird, mit den anderen Leittiteln Heraklits – dem λόγος, dem Feuer und dem Kosmos – zusammengedacht werden. Dabei sollen gliedernde Zwischenüberschriften die Abfolge der Argumentationsschritte veranschaulichen. In dem Versuch, die wesentlichen Grundworte Heraklits zu verknüpfen und sie in ihrer Zusammengehörigkeit sichtbar zu machen, weiß sich die folgende Exposition durchaus in einer wesentlichen Nähe zu den Intentionen der heideggerschen Heraklit- Deutung. Darüber hinaus soll in diesem Kapitel auch ein Verwandtschaftsbezug zu Nietzsches Entschlüsselung der Δίκη als kosmischer Elementarkraft angestrebt werden. Dementsprechend sollen die von Heraklit ausdifferenzierten Ausstrahlungsbereiche der Δίκη entfaltet und die Beschaffenheit ihrer Einheitsfügung analysiert werden. Damit soll einer Lesart vorgebeugt werden, welche die Δίκη als eine primitive Vorform der politischen Gerechtigkeit desavouiert, die mythologischen Vorstellungen verhaftet bleibe. Die thematischen Präferenzen und Erkenntnisziele dieses Kapitels werden anhand der folgenden Fragmente (nummeriert nach der Zählung von Diels) entwickelt und dokumentiert: 1, 2, 11, 23, 28, 30,33, 41, 44, 51, 52, 53, 54, 66, 80, 94, 102 und 114. Heraklit, der den Beinamen „der Dunkle“ (ὁ Σκοτεινός) erhielt, stammt aus der kleinasiatischen Stadt Ephesus und wurde wahrscheinlich um 520 v. Chr. geboren. Er starb etwa 460 v. Chr. in Ephesus. Es ist in der Forschung nach wie vor umstritten, ob und in welcher Weise er Kenntnis von der milesischen Naturphilosophie nahm. Hingegen muss gegenüber verbreiteten Forschungstendenzen eindeutig dafür plädiert werden, dass er seine Philosophie vor Parmenides gestaltete. Heraklit kritisiert Pythagoras, Homer und Hesiod in aller Schärfe. Er wendet sich jedoch nie gegen die typisch-eleatische Behauptung eines statischen Seins. Stattdessen richtet er das Haupt- 4. 4.1. 877 Hesiod, Werke und Tage, Griechisch/deutsch, Ditzingen 1995, V. 220–227. 201 augenmerk seiner Polemik stets gegen das Nichtdurchschauen der gegensätzlichen Verfasstheit alles Seienden: οὐ ξυνιᾶσιν, ὅκως διαφερόμενον ἑωυτῶι ὁμολογέει. Sie verstehen nicht, wie Sichabsonderndes sich selbst beipflichtet.878 Umgekehrt gilt für Parmenides, dass der Eleate – in der beiden Denkern eignenden Haltung des unverbrüchlichen Wahrheitsanspruches und des souveränen Stolzes879 – die von Heraklit apostrophierte Gleichzeitigkeit des Zusammengehens und Auseinanderweisens der Gegensätze im sechsten Fragment zitiert und diese Auffassung kompromisslos zurückweist: χρὴ τὸ λέγειν τε νοεῖν τ' ἐὸν ἔμμεναι· ἔστι γὰρ εἶναι, μηδὲν δ' οὐκ ἔστιν· τά σ' ἐγὼ φράζεσθαι ἄνωγα. πρώτης γάρ σ' ἀφ' ὁδοῦ ταύτης διζήσιος <εἴργω>, αὐτὰρ ἔπειτ' ἀπὸ τῆς, ἣν δὴ βροτοὶ εἰδότες οὐδὲν πλάττονται, δίκρανοι· ἀμηχανίη γὰρ ἐν αὐτῶν στήθεσιν ἰθύνει πλακτὸν νόον· οἱ δὲ φοροῦνται κωφοὶ ὁμῶς τυφλοί τε, τεθηπότες, ἄκριτα φῦλα, οἷς τὸ πέλειν τε καὶ οὐκ εἶναι ταὐτὸν νενόμισται κοὐ ταὐτόν, πάντων δὲ παλίντροπός ἐστι κέλευθος. Man soll es aussagen und erkennen, dass es Seiendes ist; denn es ist [nun einmal der Fall], dass es ist, nicht aber, dass es Nichts ist; ich fordere dich auf, dies gelten zu lassen. Denn der erste Weg der Untersuchung, von dem ich dich zurückhalte, ist jener. Ich halte dich aber auch zurück von dem Weg, den die nichtswissenden Menschen sich bilden, die Doppelköpfigen. Denn Machtlosigkeit lenkt in ihrer Brust den irrenden Verstand; sie treiben dahin, gleichermaßen taub wie blind, verblüfft, Völkerschaften, die nicht zu urteilen verstehen, denen das Sein und das Nichtsein als dasselbe und auch wieder nicht als dasselbe gilt und für die es eine Bahn gibt, auf der alles in sein Gegenteil umschlägt.880 Es lässt sich nicht leugnen, dass Parmenides mit der Nennung der Bahn, „auf der alles in sein Gegenteil umschlägt“, ostentativ auf das Proprium der Philosophie Heraklits anspielt. Zudem wirft er Heraklit die Verletzung des Satzes vom Widerspruch vor, insofern in dem permanenten Umschlagen der Gegensätze das Sein und das Nichtsein nicht dasselbe und zugleich dasselbe sein sollen.881 878 Heraklit, DK 22 B 51, S. 265. 879 Die biographischen, charakterlichen und philosophischen Parallelen zwischen Parmenides und Heraklit werden von Karl Jaspers meisterhaft porträtiert. Vgl. Jaspers, Die grossen Philosophen I, S. 653f.: „Sie [Heraklit und Parmenides, J.K.] wußten ihr eigenes Wesen als Sprache des Seins. Durch ihren Mund sprach die Wahrheit selber, eingegeben von der Göttin (im Bilde des Parmenides), eingeatmet von der alldurchdringenden Weltvernunft (in der Vorstellung Heraklits). Sie sahen den unüberbrückbaren Abstand zwischen ihrer Einsicht in den Grund der Dinge und der gewohnten Denkungsart aller anderen Menschen. Daher setzten sie sich in eine Distanz zu den Menschen, die, trotz des beschwörenden Wirkungswillens in ihren Schriften, sie die Kommunikation zu allen anderen abbrechen ließ. Sie verlangten Gehorsam, nicht Freundschaft. Sie verwirklichten die Lebensform des einsamen aristokratischen Denkers, steigerten den Sinn ihrer adligen Herkunft in einer aristokratischen Welt durch den neuen Anspruch ihrer geistigen Überlegenheit.“ 880 Parmenides, DK 28 B 6, S. 324. 881 Zur Rivalität zwischen Heraklit und Parmenides und zum ‚doppelten Anfang‘ der abendländischen Philosophie vgl. Margot Fleischer, Anfänge europäischen Philosophierens, S. 115ff. 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 202 Im Rahmen dieses Kapitels sollen im Wesentlichen vier Thesen vertreten und belegt werden: Erstens soll nochmals unterstrichen werden, dass die Gerechtigkeit bei Heraklit die Stellung des Weltprinzips einnimmt, das nicht als metaphysische Substanz zu privilegieren ist. Die Gerechtigkeit kann als Beschreibungstitel eines immerwährenden Geschehens verstanden werden. Daher kann sie nicht von der Immanenz des Werdens abgehoben werden. Die Gerechtigkeit, so ist zu zeigen, versinnbildlicht die Koordinationsform der Enantiodromie. In dieser Funktion repräsentiert die Gerechtigkeit den wiederkehrenden und doch niemals stillstehenden Rhythmus der Welt. Sie ist die in den Anschein hineingereichte Sichtbarwerdung des Weltgesetzes. Einen ähnlichen Deutungspfad beschreitet auch Bertrand Russell, wenn er die erstaunliche These wagt, Heraklits Gott sei „zweifellos als Verkörperung der kosmischen Δίκη“882 aufzufassen. Zweitens ist die Δίκη als Mittelbegriff transparent zu machen, in dem die Segmente des Ritus, der Politik, des Religiösen und die Kosmologie vereinigt sind. Drittens soll die Δίκη als höchste Gattung der besänftigenden, die Gegensätze vereinigenden Erkenntnis exponiert werden. Es soll bekräftigt werden, dass allein der Gott und der auf den λόγος hörende Weise imstande sind, sich in der Kultivierung dieser außergewöhnlichen Erkenntnisart zum Weltganzen zu verhalten. Aus dieser allumfassenden Betrachtungshöhe beurteilt, kann die ewige Ordnung in ihrer Unab- änderlichkeit als gerecht und wünschenswert empfunden werden. Viertens soll demonstriert werden, dass Heraklit die Gerechtigkeit nicht aus einer Idealvorstellung der politischen Verfahrungsweise gewinnt. Heraklit verfolgt den umgekehrten Ableitungsweg, indem er die Allgemeinheit und faktische Stabilität des Gesetzes aus der angemessenen Einsicht und Befolgung der Klarheit des widerwendigen λόγος erschließt. Indes stellt sich auch hier die bereits von Nietzsche aufgeworfene Frage, ob es im Hinblick auf eine kosmische Weltgesetzlichkeit Formen der Ungerechtigkeit, moralische Phänomene und werthafte Hierarchien geben kann. Wenn auch der Gegenwurf, der Widerstand und die Auflehnung zum Kosmos gehören, ist jedes Geschehen prinzipiell gerechtfertigt, da die darin zum Austrag kommende Gerechtigkeit dem Spiel des Brettsteine verrückenden Kindes entspricht. Läuft die Einsicht in eine unbeeinflussbare Gerechtigkeit, die alles durchherrscht, auf einen Fatalismus hinaus? Um diese Frage zu beantworten, soll dafür votiert werden, dass in der Δίκη eine normative Komponente insofern mitschwingt, als die Orientierung an einem Geschehen, das Widersprüche aufrechterhält, sie befördert und zusammenbringt, keine Insistenz auf 882 Um Bertrand Russells Dekodierung der kosmischen Gerechtigkeit als Chiffre des Gottes und die Privilegierung zum Haupttitel des heraklitischen Denkens zu veranschaulichen, seien an diesem Ort zwei Zitate angeführt. Vgl. Russell, Philosophie des Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und sozialen Entwicklung, Frankfurt a. M. 1950, S. 54: „In Heraklits Metaphysik herrscht wie bei Anaximander ein Begriff der kosmischen Gerechtigkeit vor; sie verhindert es, dass jemals einer der Gegensätze im Kampf den vollen Sieg davonträgt.“ Vgl. ebd., S. 55: „Heraklit spricht wiederholt von ‚Gott‘ zum Unterschied von ‚den Göttern‘. […] Gott ist zweifellos die Verkörperung kosmischer Gerechtigkeit.“ 4.1. Einführung und Leitthesen 203 privaten Einsichten gewährt. Illegitim sind in Heraklits Konzeption allein jene dogmatischen Verfestigungen, die das Spiel der Widersprüche zu bändigen und aufzulösen suchen, die jeweils entgegengesetzte Qualität tilgen wollen oder einem der Relate ein Übergewicht verleihen. Wenn sich die Gerechtigkeit tatsächlich als Verfasstheit des Kosmos kundgibt und etabliert, wird eine ernsthafte Verhältnisklärung der Δίκη im Hinblick auf die anderen Haupttitel des heraklitischen Denkens unausweichlich. In diesem Kapitel wird für die Ansicht optiert, dass Heraklit ein Geflecht oberster Begriffe wählt, die jeweils die gleiche Grundgesetzmäßigkeit des Auseinandergehens und der Zusammenfügung in verschiedenen Seinsbezirken ausdrücken und beleuchten sollen. Somit opponieren den scheinbar rein kosmologischen Termini des Feuers und des Blitzes weder die Abstrakta (λόγος) noch die Faktoren einer vermeintlich politischen Semantik (Δίκη und Streit). Vielmehr wird das Eine und Ganze in all denjenigen Bereichen nachgewiesen, die erst menschliche Trennung in divergierende Sphären aufspaltete. Die im λόγος hinterlegte Wesensgleichheit von Gerechtigkeit, φύσις, Feuer, Kosmos, Blitz und Streit (Ἔρις/Πόλεμος) kann anhand einiger Fragmente dokumentiert werden. Nichtsdestotrotz lässt sich diese Kernverwandtschaft niemals nach Maßgabe einer schlichten Identifikation interpretieren. Angesichts dieser Sachlage ist es unumgänglich, die mit den einzelnen Grundworten verknüpften Verhaltensarten, Wirkungsfelder und Attribute zu konkretisieren, um Parallelen aufzuspüren. Wenn der Nachweis gelingt, dass Heraklit die Gerechtigkeit, das Feuer und den Streit in einen gemeinsamen begrifflichen Kontext rückt, ist der Schlüssel für das Verständnis der Gerechtigkeit gewonnen. Selbstverständlich hat jede Heraklit-Deutung mit der Problematik der sachgerechten Auswahl und der jeweiligen Gewichtung der Fragmente zu kämpfen und ist daher von vornherein dem Einwand der Überinterpretation und Interpolation ausgesetzt. Um die Gefahr der Rückübertragung eigener Gedanken möglichst gering zu halten, sollen besonders diejenigen Fragmente des Heraklit besprochen werden, in denen die Δίκη namentlich oder zumindest thematisch erwähnt wird. Aufgrund der unverzichtbaren Kontextualisierung werden unweigerlich auch Fragmente zitiert werden müssen, die bereits in dem Kapitel zu Heideggers Heraklit-Lektüre herangezogen wurden. In diesem Kapitel sollen sie im Horizont der Δίκη analysiert werden, wohingegen sie von Heidegger unter der Signatur der φύσις betrachtet werden. Der λόγος und die Natur der Gegensätze Nietzsches Auffassung, dass die kosmogonische Frage bei Heraklit in den Hintergrund tritt, kann durchaus beigepflichtet werden. Obschon Anaximander die mythische Vorstellung einer Theogonie und die Möglichkeit einer demiurgischen Schöpfung abgelehnt hatte, geriet er in das Dilemma, die Individuation der Lebewesen nicht einwandfrei mit dem ἄπειρον vermitteln zu können. Deswegen musste er die Verzeitlichung der Dinge und die Vielfalt des Werdens mit einer Art Abfallstheorem erklären. Wie im Kapitel zu Nietzsches Werk Die Philosophie im tragischen Zeitalter 4.2. 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 204 der Griechen validiert werden konnte, existiert für Heraklit keine ursprüngliche, transzendent-abstrakte oder räumlich unbeschränkte Einheit, aus der sich die Myriaden der seienden Dinge entwickeln. Einheit und Vielheit gehören aufgrund der Verschränkung und Interdependenz der Gegensätze immer schon zusammen. Die Attraktion und Repulsion des Widersprüchlichen wirkt sich im Einzelnen und im Ganzen gleichermaßen aus. Vor diesem Hintergrund kann das Fragment 30 nochmals gelesen werden: κόσμον τόνδε, τὸν αὐτὸν ἁπάντων, οὔτε τις θεῶν οὔτε ἀνθρώπων ἐποίησεν, ἀλλ' ἦν ἀεὶ καὶ ἔστιν καὶ ἔσται πῦρ ἀείζωον, ἁπτόμενον μέτρα καὶ ἀποσβεννύμενον μέτρα. Die gegebene schöne Ordnung [Kosmos] aller Dinge, dieselbe in allem, ist weder von einem der Götter noch von einem der Menschen geschaffen worden, sondern sie war immer, ist und wird sein: Feuer, ewig lebendig, nach Maßen entflammend und nach [denselben] Maßen erlöschend.883 Das ewig lebendige Feuer mitsamt seiner periodischen Entflammungsbewegung und deren Rückgang wird von Heraklit zwar als das primäre Element hervorgehoben. Wenn das Feuer die Bewegungsform des Kosmos in all seinen Filiationen illustriert, kann es jedoch nicht ausschließlich physikalisch-stofflich verstanden werden. Die Periodik von Sättigung und Erlöschen mündet niemals in eine Stagnation ein, weil sie in ihrer Unerschöpflichkeit die Alteration des in mannigfaltigen Kraftkonstellationen organisierten Weltganzen veranlasst. Das Gefüge der Abwechslung, Anreicherung, Auflösung und das Wiederanbranden von Gegensätzen betrifft alle Ebenen des Lebens.884 Daher ist das allgemeingültige und permanente Vorgangsszenario prinzipiell der menschlichen Erkenntnis zugänglich, wie Heraklit bereits am Anfang seiner verschollenen Schrift im Fragment 1 exponiert: τοῦ δὲ λόγου τοῦδ' ἐόντος ἀεὶ ἀξύνετοι γίνονται ἄνθρωποι καὶ πρόσθεν ἢ ἀκοῦσαι καὶ ἀκούσαντες τὸ πρῶτον· γινομένων γὰρ πάντων κατὰ τὸν λόγον τόνδε ἀπείροισιν ἐοίκασι, πειρώμενοι καὶ ἐπέων καὶ ἔργων τοιούτων, ὁκοίων ἐγὼ διηγεῦμαι κατὰ φύσιν διαιρέων ἕκαστον καὶ φράζων, ὅκως ἔχει. τοὺς δὲ ἄλλους ἀνθρώπους λανθάνει, ὁκόσα ἐγερθέντες ποιοῦσιν, ὅκωσπερ ὁκόσα εὕδοντες ἐπιλανθάνονται. Gegenüber der hier gegebenen, unabänderlich gültigen Auslegung [Logos] erweisen sich die Menschen als verständnislos, sowohl bevor als auch wenn sie sie einmal gehört haben. Denn obwohl alles in Übereinstimmung mit der hier gegebenen Auslegung geschieht, gleichen sie Unerfahrenen, sobald sie sich überhaupt an solchen Aussagen und Tatsachen versuchen, wie ich sie darlege, indem ich jedes Einzelne seiner Natur gemäß zerlege und erkläre, wie es sich damit verhält. Den anderen Menschen aber entgeht, was sie im Wachen tun, genau wie das, was sie im Schlaf vergessen.885 Die den λόγος charakterisierenden Gegensätze können nur aufrechterhalten und in die notwendige Konfrontation mit dem jeweils Anderen gesteuert werden, wenn eine 883 Heraklit, DK 22 B 30, S. 269. 884 Vgl. Heraklit, DK 22 B 10, S. 263: συνάψιες· ὅλα καὶ οὐχ ὅλα, συμφερόμενον διαφερόμενον, συνᾷδον διᾷδον, καὶ ἐκ πάντων ἓν καὶ ἐξ ἑνὸς πάντα. „Verbindungen: Ganzheiten und keine Ganzheiten, Zusammentretendes – Sichabsonderndes, Zusammenklingendes – Auseinanderklingendes; somit aus allem eins wie aus einem alles.“ 885 Heraklit, DK 22 B 1, S. 249. Zur ausführlichen Deutung des ersten Heraklit-Fragments vgl. Geyer, Die Vorsokratiker zur Einführung, S. 71–76. 4.2. Der λόγος und die Natur der Gegensätze 205 Einheit waltet. Angesichts ihrer Zusammengehörigkeit in dem Einen können die Pole nicht kontradiktorisch verschieden sind. Stattdessen muss jedem als mikrokosmische Einheit betrachteten Relat seinerseits die stets zweiseitige Selbigkeit inhärieren, sodass es seinen Gegensatz in sich selbst verwahrt. Auf der einen Seite wird die Einheit von den Gegensätzen ermöglicht. Auf der anderen Seite gehen die Gegensätze zugleich aus der Einheit hervor. Heraklits entscheidende Pointe lautet, dass die Gegensätze niemals indifferent in der Einheit zusammenfallen dürfen, weil dergestalt auch und gerade die Einheit aufgelöst würde, die sich einzig in der dynamischen Bogenspannung zu konsolidieren vermag: τὸ ἀντίξουν συµφέρον καὶ ἐκ τῶν διαφερόντων καλλίστην ἁρµονίαν καὶ πάντα κατ' ἔριν γίνεσθαι. Das Widerstreitende zusammentretend und aus dem Sichabsondernden die schönste Harmonie.886 Die Reziprozität, Gleichursprünglichkeit und Ebenbürtigkeit von Einheit und Gegensatz wird besonders in Heraklits Kritik an Homer und an Hesiod transparent. So wendet sich Heraklit gegen Homer, weil dieser den Urgegensatz zwischen den Göttern und den Menschen zugunsten einer Priorität der Harmonie zu versöhnen trachtete: Heraklit verübelt es [Homer], dass er schrieb: ‚Schwände doch jeglicher Zwiespalt unter Göttern und Menschen.‘887 Hesiod wird von Heraklit kritisiert, weil er – gewissermaßen die Gegenposition zu Homer beschreibend – nicht in die Tiefe der inneren Kohäsionskraft der Gegensätze sieht und ihre wechselseitige Ermöglichung verkennt. Deswegen achtet Hesiod – wie die meisten Menschen, die von ihm lernten oder unbewusst in diesem Gedankenkreis stehen – nach Heraklit allein auf die vermeintliche Unvereinbarkeit und Entzweiung der Gegensätze: διδάσκαλος δὲ πλείστων Ἡσίοδος· τοῦτον ἐπίστανται πλεῖστα εἰδέναι, ὅστις ἡµέρην καὶ εὐφρόνην οὐκ ἐγίνωσκεν· ἔστι γὰρ ἕν. Lehrer der meisten ist Hesiod; sie sind überzeugt, jener wisse das meiste, der Tag und Nacht nicht kannte: Die sind ja doch eins!888 Heraklit hingegen ist überzeugt, dass das Eine und Alles sowohl die Einheit von Tag- Nacht als auch ihre Trennung ist: ὁ θεὸς ἡµέρη εὐφρόνη, χειµὼν θέρος, πόλεµος εἰρήνη, κόρος λιµός (τἀναντία ἅπαντα· οὗτος ὁ νοῦς), ἀλλοιοῦται δὲ ὅκωσπερ (πῦρ), ὁπόταν συµµιγῇ θυώµασιν ὀνοµάζεται καθ΄ ἡδονὴν ἑκάστου. Der Gott ist Tag-Nacht, Winter-Sommer, Krieg-Frieden, Sättigung-Hunger; er wandelt sich, genau wie Feuer, wenn es sich mit Duftstoffen verbindet, nach dem angenehmen Eindruck eines jeden [der Dufstoffe] benannt wird.889 886 Heraklit, DK 22 B 8, S. 265. 887 Heraklit, DK 22 A 22, S. 253. 888 Heraklit, DK 22 B 57, S. 255. 889 Heraklit, DK 22 B 67, S. 263. 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 206 Diese epochale Einsicht bezeichnet Heraklit stolz und triumphierend als die Auslegung, den λόγος, das Walten der Welt. Überlegungen zur Gemeinsamkeit der Δίκη mit dem Streit und dem Feuer Für die Bedeutungsübereinkunft der Gerechtigkeit mit dem Streit ist das Fragment 80 von grundlegender Relevanz: εἰδέναι δὲ χρὴ τὸν πόλεμον ἐόντα ξυνόν, καὶ δίκην ἔριν, καὶ γινόμενα πάντα κατ' ἔριν καὶ χρεών. Es gehört sich, dass man weiß, dass der Krieg etwas Allgemeines ist und Recht Zwiespalt und dass alles geschieht in Übereinstimmung mit Zwiespalt und so auch verwendet wird.890 4.3. 890 Heraklit, DK 22 B 80, S. 265. In diesem sachlichen Kontext verdient Klaus Helds Kommentar zum Heraklit-Fragment Nr. 80 eine explizite Berücksichtigung, weil Held das für Heideggers Anaximander-Interpretation von 1946 unschätzbar wichtige Signalwort χρεών (mit dem auch Heraklits Fragment 80 endet) in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen rückt. Durchaus mit Heideggers philosophischem Anliegen im Aufsatz Der Spruch des Anaximander vergleichbar, deutet Held das χρεών als irreversible Notwendigkeit einer zeitlichen Bemessung der Weileaktualität. Da jede vorprädikativlebensweltliche Ansicht dieser Regelmäßigkeit des Umlaufs unterstellt ist und dennoch auf der Beständigkeit ihres Eigenrechts insistiert, muss sie – darin überschneidet sich Helds Interpretation des Fragmentes 80 mit Heideggers Auslegung des Fuges im Originalspruch des Anaximander – den anderen Gestalten der Ansicht unweigerlich das Recht einer endlichen Weile konzedieren und sich selbst in konturierten Grenzen befestigen. Vgl. hierzu Held, Heraklit, S. 296f.: „Zu wissen tut not, daß der Krieg gemeinsam ist und Recht Streit und daß Jegliches geschieht gemäß Streit und so wie es sich gehört. ‚Mit ‚so wie es sich gehört‘ ist hier kata…chreon übersetzt, das meist entweder mit ‚gemäß der Schuldigkeit‘ oder mit ‚gemäß der Notwendigkeit‘ wiedergegeben wird. Was besagt kata chreon? Es gehört in den Zusammenhang des letzten Teils des Spruches. Dieser Schlußteil macht zunächst die Aussage: ‚Alles geschieht gemäß dem Streit.‘ ‚Alles‘ bezeichnet, wie früher dargelegt, alle Ansichten, und d. h. […] alles Sich-Zeigende im situationsbedingten Wie seines Vernommenseins. ‚Streit‘ in diesem Teil des Spruches besagt, entsprechend dem ebenfalls bereits geklärten Doppelsinn des Wortes bei Heraklit, nicht die eine der beiden einseitigen Ansichten von der Identität, zwischen denen der Vollzug des Ansichtenhabens beständig schwankt, sondern die Identität als Identität. […] ‚Alles geschieht gemäß dem Streit‘ besagt: das ‚Geschehen‘ der Ansichten, und das kann nur heißen: ihr Auftreten in Form der Jeweiligkeit, ist durch die Identität als Identität geregelt. Welcher Art diese Regelung ist, wird durch das erläuternde kai (kata) chreon (kai im Sinne von ‚und zwar‘) ausgesprochen: Die Regelung durch die Identität von Recht und Streit schlägt sich in einer gewissen Notwendigkeit (daher das relative Recht dieser Übersetzung) nieder, die die zeitliche Folge der Ansichten beherrscht: Diese Notwendigkeit ist die eben festgestellte Hin- und Rückläufigkeit des Umschlagens der Zustände, d. h. der vorprädikativen Gestalten von Ansicht ineinander. Durch die Wechselseitigkeit des Umschlagens ist für jeglichen Ansichtsvollzug einerseits gewährleistet, daß die Ansichten einander ihre Weile (ihr Recht) einräumen, anders gesagt, daß sie einander das überlassen, was sie sich gegenseitig schuldig sind (daher das relative Recht der Übersetzung ‚gemäß der Schuldigkeit‘), andererseits, daß sie sich gegenseitig im Streite der Selbstbehauptung in ihre Grenzen einweisen. Auf diese Weise geschieht jeglicher Ansichtsvollzug ‚so wie es sich gehört‘.“ In der Fortsetzung seines stringenten Gedankenganges apostrophiert Held, dass die von Heraklit geschilderte Notwendigkeit des Streits nicht als numinos-mythische Entität verstanden werden darf. χρεών ist nach Held als Ausdruck der immanenten Prozessualität zu definieren, die sich im temporal koordinierten Wechsel der aufeinander referierenden Ansichten aufbaut und spiegelt. Zudem ist es angesichts der in der vorliegenden Arbeit diskutierten Autorenauswahl von fundamentalem Interesse, dass Held einen möglichen Einfluss der von Anaximander und Heraklit thematisierten Notwendig- 4.3. Überlegungen zur Gemeinsamkeit der Δίκη mit dem Streit und dem Feuer 207 Der Streit ist das Universal-Allgemeine, das überall Vorzufindende, weil er die höchste Verkörperung einer Intensität der Anziehung, des Aufeinanderprallens und des Abstoßens feindlicher Komplexe deskribiert. Diese suchen und brauchen sich trotz ihres antagonistischen Wesens. In der konsequenten Anwendung dieser Lesart lässt sich auch das berühmte Fragment 53 entschlüsseln und auf Heraklits weitreichende Ausblendung der Kosmogonie zurückbeziehen: Πόλεμος πάντων μὲν πατήρ ἐστι, πάντων δὲ βασιλεύς, καὶ τοὺς μὲν θεοὺς ἔδειξε τοὺς δὲ ἀνθρώπους, τοὺς μὲν δούλους ἐποίησε τοὺς δὲ ἐλευθέρους Krieg ist von allem der Vater, von allem der König, denn die einen hat er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien gemacht.891 Die Vaterschaft des Krieges manifestiert sich nicht in einem vorweltlichen Schöpfungsvorgang. Die Hegemonie des Streites bezeugt sich in der mit königlicher Befehlsgewalt ausgeübten, unumstößlichen Einschreibung und Wahrung einer jedes Seiende trennscharf konturierenden Differenz. Dadurch wird verfügt, dass sich jede Parteiung nur bei gleichzeitigem Einbezug ihrer Negation aufrechterhalten kann. Der Streit ist dem λόγος in einem doppelten Sinne verbunden: Zum einen baut sich der zwiespältige λόγος immer wieder im Medium des Streites der Ansichten auf. Zum ankeitschiffre des χρεών auf die stoische Konzeption der kosmischen heimarmene ernsthaft erwägt. Im Hinblick auf die Herausschälungsintention eines potentiellen Brückenschlages zwischen den Grundgedanken Anaximanders, Heraklits und Marc Aurels ist darüber hinaus erwähnenswert, dass Held die Verfügungsart des Schicksals mit der einräumend-abgrenzenden Formierung der Zeit zusammenbringt. Vgl. Held, Heraklit, S. 297: „Doch der Notwendigkeitscharakter der Regelung ist dem Vollzugsgeschehen nicht von einer geheimnisvollen Instanz außerhalb seiner auferlegt, sondern liegt in der dargestellten eigentümlichen rechtlich-strittigen Bezogenheit der gegensätzlichen Ansichten aufeinander von vornherein beschlossen. Es ist nicht auszuschließen, daß Heraklit die recht verstandene Notwendigkeit in der Regelung des Nacheinander der Gegensätze durch eine oder mehrere dem chreon äquivalente Wendungen zum Ausdruck gebracht hat. So lassen sich die Äußerungen des Sextus Empiricus und Skythinos über die Rolle der Zeit, die wir angeführt haben, vielleicht auf verlorengegangene Heraklit-Stellen zurückführen, an denen die besagte Regelung in irgendeiner (von uns nicht rekonstruierbaren) Form der Zeit zugeschrieben wurde, so ähnlich wie dies im erhaltenen Originalsatz des Anaximander geschieht. Einen wesentlich höheren Grad von Wahrscheinlichkeit hat die Vermutung, daß die Stoiker das Vorbild für den in ihrem Denken so wichtigen Begriff der heimarmene in einer Wendung bei Heraklit gefunden haben, die selbstverständlich noch nicht die spezifisch stoische Bedeutung von heimarmene hatte, sondern eben dem chreon sinnverwandt war.“ 891 Heraklit, DK 22 B 53, S. 265. In den Beiträgen zur Philosophie würdigt Heidegger das Heraklit-Fragment 53 als eine der „größten Einsichten der abendländischen Philosophie“, weil darin die Eröffnung des ‚Zwischen‘ (d. i. der durch das Sein gewährte Aufriss des offenen Bereiches) genannt werde. Nichtsdestotrotz sei das innere Gewicht des Spruches bei Heraklit selbst ungedacht geblieben, da Heraklit inmitten des Wesens des Streites nicht die intrinsische Zugehörigkeit des Nichts zum Sein erfahren habe und deswegen die Stellung des Nichts nicht eigens zu erfragen wusste. Vgl. Heidegger, Beiträge zur Philosophie, GA 65, Nr. 144, S. 265: „Der Streit als Wesung des ‚Zwischen‘, nicht als das Auchgeltenlassen des Widrigen. Zwar liegt im πόλεμος-Spruch des Heraklit eine der größten Einsichten der abendländischen Philosophie, und dennoch konnte sie nicht für die Frage nach der Wahrheit so wenig wie für die nach dem Sein entfaltet werden. Woher aber die Innigkeit des Nicht im Seyn? Woher solche Wesung des Seyns? Immer wieder stößt sich das Fragen hieran; es ist die Frage nach dem Grunde der Wahrheit vom Seyn.“ 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 208 deren exemplifiziert der Streit als von der Einsicht erfasste Identität892 von Recht (Zusammengehen der Ansichten) und Krieg (Auseinanderstreben der Ansichten) den sich ungehindert ausfaltenden Selbstwerdungsprozess der Welt.893 Diese widerwendige Autopoiesis muss die sachgerechte Auslegung des λόγος als wahr verkündigen, wenn sie sich auf das immerwährend Gültige richtet. Als allgemeines Gesetz des Zwiespalts verhindert der Streit eine einseitige Harmonie im Sinne des bloßen Ausgleichs, der Ruhe und der Stagnation. Ein solches Equilibrium müsste insofern unweigerlich in Disharmonie und Ungerechtigkeit umschlagen, als es das Selbstbehauptungsstreben der Gegensätze erstarren ließe und ihre agonale Natur unterdrücken müsste. Im Kontrast dazu, evoziert das zugelassene, freie Spiel der Widersprüche eine Form der zusammenklingend auseinandergehenden Disharmonie, die in sich die verborgene, tiefe und echte Harmonie repräsentiert. Die Gerechtigkeit ist zwiespältig, weil sie weder ein bloßes Geltenlassen im Sinne der beidseitig-quantitativen Durchschnittsverteilung offeriert noch in einem präferenzorientierten menschlichen Richten vollständig habitualisiert werden kann. Die Gerechtigkeit vollzieht und arrangiert permanent das Mithervorgehenlassen des Strittig-Entgegengesetzten. Wie Klaus Held in seiner brillanten Heraklit-Untersuchung eindrucksvoll und kenntnisreich gezeigt hat, kann die privilegierte Einsicht diese mit dem Streit identische Gerechtigkeit entdecken, wenn sie darauf verzichtet, ‚Recht‘ (im Sinne von ‚Frieden‘ und ‚Ausgleich‘) und ‚Streit‘ (in der Bedeutung von ‚Trennung‘ 892 Zur heraklitischen Semantik des prima facie einseitigen Verhältnisbegriffs des Streits als Indikator und Titel der privilegierten Identität der Gegensätze vgl. Held, Heraklit, S. 242: „Es ist nämlich nicht in jedem Fragment dieselbe Einseitigkeit, deren Bezeichnung Heraklit zugleich als Titel für die Identität geeignet erscheint, sondern Heraklit benennt die Identität bald mit dem Begriff für das Auseinandergehen der Ansichten als ‚Streit‘, bald mit dem für ihr Zusammengehen als ‚Recht‘.“ 893 In seiner scharfsinnigen Übersetzung und Deutung des Fragments B 8 exemplifiziert Klaus Held, dass für den adäquaten Austrag des Streites zwischen divergierenden (jeweils mit einem ultimativen Sendungsbewusstsein auftretenden) Parteien eine unerbittliche Verteidigung der zugeteilten Positionen konstitutiv ist. Weil die Konfliktpartner dergestalt das ‚ihnen Zustehende‘ zu konservieren streben, erfüllen und generieren sie unwillkürlich die Wesensart der Δίκη, insofern diese als Sachwalterin der Zuteilungsmaßstäbe figuriert. Dass die – einer oberflächlichen Betrachtung nur als chaotisches Gegeneinander subjektiver Meinungen zugängliche – lebensweltliche Erfahrung des Streites in sich die Perpetuierung des von der Gerechtigkeit geleiteten Verteilungsvollzuges ist, kann freilich erst von der philosophischen Einsicht reflektiert werden. Vgl. die entsprechenden Erläuterungen bei Held, Heraklit, S. 171f.: „(B 8) Das Wider[einander]stehende zusammengehend. […] Der Streit ist dasjenige Verhältnis der Ansichten untereinander, in dem jede Ansicht mit unversöhnlichem Ausschließlichkeitsanspruch das ihr Eigene (idion), d. h. die ihr gegebene Sicht, als die richtige behauptet. Im Austrag des Streites also gelangt jede Ansicht zu dem ihr Eigenen. Dieses verteidigt sie jeweils als die Erfahrung, die sie sich durch die gegenteilige Ansicht nicht nehmen läßt. Der ein ihm Eigenes als ein solches beansprucht, das ihm nicht genommen werden darf, behauptet, daß es ihm ‚zusteht‘. Der Austrag des Streites der Ansichten hat demnach den Charakter einer Zuteilung des den Ansichten jeweils Zustehenden. ‚Zuteilung des Zustehenden‘ aber ist nichts anderes als eine Bestimmung dessen, was ‚Recht‘ überhaupt und auch im Sinne des griechischen Wortes dike heißt. Dike kann deswegen auch ‚Rechtsstreit, Prozeß‘ heißen, weil ‚Recht‘ seiner einfachen Grundbedeutung nach von vornherein einen Vollzug bezeichnet, in dem die Verteilung bzw. Übereignung des jeweils Zustehenden vorgenommen wird. Im Streit der Ansichten fällt jedem Erfahrenden ‚das Seine‘ zu, und demnach tritt der Rechtszustand im Verhältnis der Ansichten nicht erst nach einer (im übrigen ja von der Verfassung der Ansichten her unmöglichen) Schlichtung ihres Streites ein, sondern ist dasselbe wie dieser.“ 4.3. Überlegungen zur Gemeinsamkeit der Δίκη mit dem Streit und dem Feuer 209 und ‚Zwietracht‘) einseitig als umfassende, sich jedoch gegenseitig ausschließende Ordnungsbestimmungen des reziproken Verhältnisses der Ansichten zueinander zu verwenden. In seiner Interpretation des Fragmentes 80 demonstriert Held dies paradigmatisch für die Synthesekraft des Streits: Wenn es am Ende von Fragment 80 heißt, daß alles gemäß dem ‚Streit‘ geschieht, so kann ‚Streit‘ hier nur das von der Einsicht begriffene Verhältnis der Ansichten bezeichnen. Der von der Einsicht begriffene Streit ist nicht das bloße Auseinandergehen der Ansichten, sondern im Sinne der gegenspännigen Zusammenfügung Auseinandergehen als Zusammengehen. Wenn die Einsicht das Verhältnis der Ansichten untereinander als solches durchschaut, dann begreift sie Krieg als Frieden und Unrecht als Recht. Das heißt aber: sie bringt die sich im Felde der Ansicht ausschließenden Einstellungen des Auch und des Oder, des sich Öffnens und des sich Verschließens gegenüber der feindlichen Ansicht zusammen. Sie ist so die Befreiung aus der Befangenheit der Ansichten in einem Streit, den sie nicht als solchen durchschauen können. Der nicht als Frieden begriffene, sondern als dessen Gegenteil verstandene Krieg ist der Titel für die Einstellung des ausschließenden Oder, für die (vermeintlich) private Einsicht, idia phronesis. Und umgekehrt: Der nicht als Krieg begriffene Frieden bezeichnet die Einstellung des kraftlos einschließenden Auch, der schwachen Zusammenfügung. Das Entsprechende gilt für das Gegensatzpaar ‚Recht‘ – ‚Unrecht‘ bzw. ‚Streit‘. Indem die Einsicht den Gedanken der gegenspännigen Zusammenfügung vollzieht, identifiziert sie also zwei Einstellungen zum Verhältnis von Ansicht und Ansicht, die im Felde der Ansicht überhaupt nicht in dieser Einheit, sondern alternativ auftreten. Zwei Einstellungen zu einer Sache, die abwechselnd eingenommen werden, sind aber nichts anderes als – Ansichten.894 Diese Äquivozität der verhältnisordnenden Zentralbegriffe veranschaulicht Held auch im Hinblick auf das heraklitische Grundwort der ‚Gerechtigkeit‘. In Strukturanalogie zum Streit zeigt Held auf, dass Heraklit diesen Terminus einerseits in der Bedeutungseinheit mit dem im Medium der überlegenen Einsicht erschlossenen Streit gebraucht, in welchem sich die Identität der vermeintlichen Widersprüche gerade in ihrer Distanzierungsbewegung bewährt. Andererseits verwendet Heraklit den Begriff der ‚Gerechtigkeit‘ nach Held als Kennzeichnungshabitus für eine ihrerseits ansichtshafte Verhältnisbestimmungsweise der Gesamtheit der Ansichten. Deren Zusammenhalt wird im einseitig-ausschließenden Gerechtigkeitsverständnis über die positiv ausgezeichneten und normativ aufgeladenen Phänomene des Friedens, der Moralität und des Einklangs fundiert. Durch diese Hegemonialprätention der Ausgleichsgerechtigkeit wird die scheinbar diametral entgegengesetzte Ansicht, die den Streit – im ansichtshaften Sinne der permanenten Erscheinung neuer Gegensätze respektive in der Gestalt des immer wieder aufkeimenden Dissens der Positionierungen zum Ganzen des Seienden – für die wahre Konfigurationsform der Lebenswelt hält, jedoch unterminiert und zugleich am Leben gehalten. Gerade in ihrer Ausblendung und Leugnung durch die einseitige Gerechtigkeitskonzeption wird es der bellizistischen Gegensatzentschlüsselung als Streit nämlich ermöglicht, gegen die harmonische Einheitsversion der Gerechtigkeit zu streiten. Die unter der Signatur des als Zwietracht verstandenen Streites vollzogene Systematisierung der Ansichten kann sich dergestalt in einem Gegensatzverhältnis zu 894 Held, Heraklit, S. 195. 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 210 der pazifistischen Kohäsionshypothese situieren und das Scheitern ihres übergreifenden Versöhnungsanspruches herbeiführen. Erst der wahren, selbstbewusst von Heraklit reklamierten Einsicht ist es vergönnt, das Sowohl-als-auch der konfligierenden Synthesehinsichten der Ansichtsmannigfaltigkeit zu begreifen. Die Einsicht versetzt sich dadurch in die Lage, die Gerechtigkeit und den Streit jeweils als in sich gleichbedeutende Verbindungstitel der ansichtshaften Gegensatzkomplexe von Recht und Krieg zu instantiieren: Die Begriffe ‚Krieg‘ und ‚Recht‘ […] haben bei Heraklit eine genau zu fassende Doppelbedeutung: ‚Krieg‘ bezeichnet einmal den Krieg als Verbundenheit bzw. Frieden, und entsprechend ‚Recht‘ das Recht als Streit bzw. Unrecht, d. h. das Verhältnis der strittigen Ansichten als Verhältnis, mit anderen Worten: das Verhältnis als von der Einsicht durchschautes und begriffenes. ‚Krieg‘ und ‚Recht‘ bezeichnen aber andererseits auch die eine von zwei möglichen Einstellungen der Ansicht in ihrem jeweiligen und undurchschauten Verhältnis zur feindlichen Gegenansicht, eine Einstellungsmöglichkeit, die in einem ausschließenden Gegensatz zu ihrem Gegenteil, nämlich ‚Frieden‘ und ‚Unrecht‘, steht und also selbst eine Ansicht darstellt. Kurz gesagt: ‚Krieg‘ und ‚Recht‘ verwendet Heraklit einmal als Titel für das von der Einsicht verstandene Verhältnis als Verhältnis, sie bedeuten bei ihm zum anderen mögliche Ansichten, die mit den entsprechenden Gegenansichten im Streit liegen.895 Im Ausgang von Fragment 80 lässt sich also mit Klaus Held konstatieren, dass nach Heraklit alles unausweichlich im Einklang mit dem Zwiespalt geschieht, weil der Zwiespalt die einzige Art des Einklangs selbst ist. Wenn keine höhere, jenseits der Übereinstimmung mit dem Kosmos angesiedelte Instanz nominiert werden kann und 895 Ebd., S. 195f. In dem abrundenden Fazit seiner großangelegten Heraklit-Interpretation argumentiert Klaus Held, dass Heraklits philosophisch-polemische Suprematsbegründung der reflektierten Einsicht über die alltägliche Ansicht gerade aufgrund ihrer ‚Lebensweltnähe‘ scheitern müsse. Dadurch habe Heraklit jedoch den strikten, von jeglicher Orientierung an der empirischen Realität radikal abstrahierenden Neuansatz der eleatischen Philosophie maßgeblich befördert. Als Kernproblematik des heraklitischen Denkens diagnostiziert Held die unumgängliche Referentialität, wonach sich der Verhältnisvollzug der Zusammengehörigkeit der Gegensätze stets auf die Diskrepanz zur alltäglich-ansichtshaften Erfahrung der Nicht-Identität beziehen müsse. Auf diese Weise werde die prätendierte Gegensatzenthobenheit der Einsicht gerade im Akt ihrer Bewährung durch sich selbst negiert und ihrerseits in den Konflikt der Ansichten hineingezogen. Vgl. ebd., S. 467f.: „Heraklit entläßt den Interpreten mit einem zuletzt offenkundig gewordenen Widerspruch: Die intendierte Selbstunterscheidung der Einsicht von der Ansicht macht in letzter Konsequenz ein ansichtshaftes Verhältnis der Verwiesenheit der höchsten Einsicht auf die Ansicht notwendig. Die vermeintlich schlechthin vollendete Einsicht schlägt damit in Ansicht um und erweist sich als das, was sie nicht sein dürfte. Daraus kann nur geschlossen werden, daß der Ansatz des heraklitischen Denkens trotz allem, was er in seiner Durchführung an fruchtbaren Erkenntnissen über die Lebenswelt, von der sich das philosophisch-wissenschaftliche Denken in seinem Ursprung abhebt, ermöglicht, selbst revisionsbedürftig ist. Gerade die Lebensweltnähe des reinen Verhältnisdenkens ist dasjenige, was es scheitern läßt. Die ständige Rückbezogenheit der Identität, um die es der Einsicht geht, auf die ansichtshafte Nicht-Identität verkehrt zuletzt die Einsicht, an deren Überlegenheit über die Ansicht Heraklit, wie der grundlegend polemische Charakter seine Denkens zeigte, alles gelegen war, in Ansicht. Von daher ergibt sich für ein konsequentes Weiterdenken unmittelbar die Aufgabe, die Identität, um die es der Einsicht beim Verhältnisdenken zu tun ist, radikal von der Bezogenheit auf die Ansicht, anders gesagt: von ihrer Bestimmung als Leben, zu befreien. Diesen Schritt hat das philosophisch-wissenschaftliche Denken in seiner Frühzeit bei Parmenides getan und damit zugleich die endgültige Vergessenheit der lebensweltnahen Lebensweltkritik in der beginnenden Metaphysik vorbereitet.“ 4.3. Überlegungen zur Gemeinsamkeit der Δίκη mit dem Streit und dem Feuer 211 die Gerechtigkeit keinem übergeordneten, moralischen Maßstab sekundiert, gruppiert sich notwendigerweise alles Seiende unter der vormoralischen Botmäßigkeit der strengen Gesetzmäßigkeit des Zwiespalts. Die Ordnung mündet daher nie in eine beruhigte Gleichförmigkeit ein. Vielmehr tituliert Heraklit diejenige Ordnung, die den Gehalt des Fragmentes 54 (ἁρμονίη ἀφανὴς φανερῆς κρείττων: „Nichtoffenkundige Harmonie ist stärker als offenkundige“896) am ehesten veranschaulicht, als die herrlichste Ausgestaltung des Weltspiels: σάρμα εἰκῇ κεχυμένον ὁ κάλλιστος, φησὶν Ἡράκλειτος, [ὁ] κόσμος Die Ordnung des aufs Geratewohl Zerronnenen [oder Aufgeschütteten] ist laut Heraklit die schönste.897 Weil die ‚schönste Ordnung‘ innerhalb des Zwiespalts das vermeintlich Zufällige, Widerspenstige und Abseitige einschließen und freilassen muss, verschließt sich das Wesen des λόγος den meisten Menschen. Diesen erscheint er zunächst disparat-immoralisch, fremd und kontraintuitiv. Wer hingegen dazu übergegangen ist, die untrennbare Verbundenheit des Begrüßten und des Abgelehnten, des Affirmierten und des Degoutierten, zu durchschauen, entdeckt das Leben als Spiel. In dem wohl berühmtesten Heraklit-Fragment 52 heißt es: αἰὼν παῖς ἐστι παίζων, πεσσεύων· παιδὸς ἡ βασιληίη Das ewige Leben ist ein Kind, spielend wie ein Kind, die Brettsteine setzend; die Herrschaft gehört einem Kind.898 Wie im Kapitel zu Nietzsches Heraklit-Rezeption untermauert werden konnte, folgt dieses Spiel keineswegs einer aleatorischen Beliebigkeit. Das Spiel hält sich innerhalb der vorgegebenen Maße, die eine beständige Wiederkehr des gegensatzgeprägten Werdens garantieren. Um seine Wirksamkeit beweisen zu können, muss der Streit auf die einhegenden Maße rekurrieren, die das Setzen der Brettsteine bestimmen und bändigen. Das Wesen dieser Maße kann – so die zentrale These – als die in den λόγος eingesenkte Gerechtigkeit entziffert und definiert werden. Dass das Hauptsignum der Gerechtigkeit folglich im liebend-streitenden, gemäß präfigurierten Ordnungskriterien koordinierten Einschluss des Gegensätzlichen reüssiert899, soll anhand einiger Fragmente verdeutlicht werden, in denen Heraklit den Fokus explizit auf die Δίκη 896 Heraklit, DK 22 B 54, S. 265. 897 Heraklit, DK 22 B 124, S. 289. 898 Heraklit, DK 22 B 52, S. 289. 899 Mit Klaus Held ist zur Verständniserhellung der hier bevorzugten Gerechtigkeitscharakterisierung als liebend-streitender Einschluss des Gegensätzlichen zu unterstreichen, dass Recht und Streit keineswegs nur als prädikativ ausgearbeitete Summierungsarten der Ansichtsrelationen zu fassen sind. Stattdessen bekunden sich ihre einseitigen Derivate in der Lebenswelt, indem sie den jeweiligen Vorrang des Sich-Öffnens oder Sich-Verschließens gegenüber den empirisch erfahrbaren Gegenpositionen dokumentieren. Vgl. Held, Heraklit, S. 243: „Zu ihrem Verständnis ist noch einmal daran zu erinnern, daß die Unterscheidung von Recht und Streit ursprünglich nicht die Unterscheidung zweier prädikativ artikulierter Ansichten ist, die in Sätzen zum Ausdruck gebracht würden wie z. B. ‚das Verhältnis (S) der Ansichten ist ausschließlich ein Auseinandergehen, d. h. Streit (p).‘ Vielmehr bezeichnen ‚Recht‘ und ‚Streit‘ ursprünglich die beiden einseitigen Weisen des vorprädikativen Vollzugs einer jeweiligen Ansicht, nämlich das Sich-Öffnen und das Sich-Verschließen gegenüber der Gegenansicht.“ 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 212 richtet. Dabei ist die Δίκη sowohl durch den von ihr aufrechterhaltenen, kosmischen Strukturholismus als auch durch die intellektuelle Einsicht in ihre Nomologie charakterisiert und umfasst somit zwei Ebenen: Die Einsicht in das Wesen der Δίκη ist das Wesen der Einsicht. Es ist der Gott, der als nahezu Einziger bis zu diesem Erkenntnisgrad vorzudringen vermag. Er hat erkannt, dass in der Vielfalt der Gegensätze eine universale Gesetzmäßigkeit waltet. Dies stellt der Anfang des auch von Nietzsche einbezogenen Fragments 102 markant heraus: τῷ µὲν θεῷ καλά πάντα καὶ ἀγαθὰ καὶ δὶκαια Dem Gott ist alles schön und gut und gerecht….900 Der Gott begreift, dass sich die Gegensatznatur des Seienden nicht erst in einem prozessualen Nacheinander ergibt, d. h. einer alternierenden Abfolge von Leben und Tod, warm und kalt, gut und böse. Dagegen ist es das Zugleichsein von Hinauf und Hinab, Anfang und Ende, wodurch das Eine auf das Andere seiner selbst hindeutet.901 Dem Gott erscheint alles – auch das Furchtbare und Sinnwidrige – als gut und gerecht, weil er in die Welt mit dem λόγος hineinsieht, indem er sie aus der richtigen Erkenntnisweise heraus betrachtet. Diese eine Kosmodizee bewährende Durchsicht findet jene Ordnung vor, die sie selbst in sich zu bringen und zu gewinnen vermochte. 900 Heraklit, DK 22 B 102, S. 283. In seiner Erläuterung des Fragmentes 102 betont Klaus Held mit Nachdruck, dass das Vermögen der göttlichen Einsicht, die alles als ‚gut‘ und ‚gerecht‘ begreift, keineswegs mit einem naiven Optimismus identifiziert werden dürfe. Held deutet den von Heraklit im Fragment 102 thematisierten Unterschied zwischen dem Gott und den Menschen dahingehend, dass die Vielen Rechtmäßiges und Ungerechtes in einem lebensweltlich beglaubigten Exklusionsverhältnis ansetzen, während die Einsicht in der Erfahrung des vermeintlich Ungerechten die Zuteilung der als Streit figurierenden Gerechtigkeit entdeckt. Vgl. Held, Heraklit, S. 197: „Wenn wir […] von der Annahme ausgehen, daß wir die menschliche Einsicht qua sophon mit der göttlichen Einsicht parallelisieren dürfen, so sagt der Satz unter anderem, daß die Einsicht alles als gerecht begreift. Das kann nicht heißen, daß die Einsicht in blindem Optimismus vor allem Ungerechten die Augen verschließt, sondern es besagt das Gleiche wie die Aussage in Fragment 80: Die Einsicht begreift Unrecht als Recht; sie sieht ein, daß die Zuteilung des Eigenen der Sichten der Streit ist. Was sie denkt, ist die Identität beider, und sie denkt diese Identität unter dem Titel des Rechts. Auf der anderen Seite bezeichnet ‚Recht‘ im Bereiche der zerfallenen Identität, d. h. im Felde der Ansicht, eine der beiden möglichen Ansichten, in die diese Identität zerfällt. Dies geht aus der zweiten Hälfte des Spruches hervor: Wenn Heraklit hier von der Erkenntnisart der Menschen im Unterschied zu der Gottes spricht, so sagt er damit […] etwas über die Erkenntnisart der Vielen aus. Die Menschen als die Vielen unterscheiden Gerechtes, d. h. Rechtmäßiges, und Ungerechtes, d. h. Unrechtmäßiges. Sie verteilen das Rechtmäßige und Unrechtmäßige auf verschiedenes ihnen Begegnende, was offenbar darin seinen Grund hat und nur haben kann, daß sie der Ansicht sind, Verhältnisse, Situationen u. dergl., in denen Recht herrscht, könnten nicht zugleich und in derselben Hinsicht solche sein, in denen Unrecht herrscht. Die Verteilung der Prädikate ‚gerecht‘ und ‚ungerecht‘ auf Verschiedenes beruht darauf, daß ‚Recht‘ und ‚Unrecht‘ selbst als gegensätzliche und sich ausschließende Verhältnisse auseinandergehalten werden.“ Die nahezu göttliche Betrachtungsweise der Gerechtigkeit drückt sich auch in dem Spruch Emersons aus, den Nietzsche als Motto für die Erstausgabe der Fröhlichen Wissenschaft wählte. Vgl. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, KSA 3, S. S. 343: „Dem Dichter und Weisen sind alle Dinge befreundet und geweiht, alle Erlebnisse nützlich, alle Tage heilig, alle Menschen göttlich.“ 901 Vgl. Heraklit, DK 22 B 60. 4.3. Überlegungen zur Gemeinsamkeit der Δίκη mit dem Streit und dem Feuer 213 Der Gott und der Weise lassen die Welt in der Fülle und Gemeinsamkeit ihrer Gegensätze auf sich wirken und trüben ihre Sichtbarwerdung nicht durch eine persönlich-egozentrische Vorteilserwartung. Die meisten Menschen, die diese Simultaneität des Diametralen nicht zu registrieren vermögen, trennen die Gegensätze in ein Davor und Danach.902 Dergestalt können die Menschen sowohl in der Kosmologie als auch in der Ethik eindeutige Aussagen treffen, die aber gegenüber der Gerechtigkeit als Weltgesetz unangemessen sind. Die antithetische Fortsetzung des Fragments 102 lautet dementsprechend: ἄνθρωποι δὲ ἅ µὲν ἄδικα ὑπειλήφασιν ἃ δὲ δίκαια. …die Menschen aber haben das eine als ungerecht, das andere als gerecht angesetzt.903 Der Weise hört hingegen auf die jedes Seiende rechtfertigende Gerechtigkeit des zwiespältigen, alles durchherrschenden und miteinander verbindenden λόγος und erlangt dadurch ein wohlwollendes Zutrauen zu dem Künftigen. In seiner Milde und Zuversicht lässt er sich weder von situativen Affekten beeinflussen noch von der Hoffnung leiten. Ebenso wenig glaubt der wahre Philosoph, die tiefe Einsicht durch eine mengenmäßige Ansammlung von Kenntnissen ersetzen zu können: 902 Insofern die Unverständigen die Gegensätze allein in einer alternierenden Disjunktion erblicken können, konsolidiert sich nach Margot Fleischer ihr Gegensatz zu den wenigen Weisen. Fleischer er- örtert, dass Heraklits intellektuell-anthropologische Fundamentaldifferenzierung eine ausgezeichnete Nennkraft besitzt, weil es die einzige der von Heraklit erwähnten Polarkonfrontationen sei, die sich nicht in einer Einheit zusammenfügen lasse oder in einem gegenseitigen Umschlagen angeordnet werden könne. Vgl. Fleischer, Anfänge europäischen Philosophierens, S. 46: „Die (wenigen) Weisen und die (vielen) Unverständigen sind, wie schon gesagt, ein Gegensatz ohne Einheit. Weisheit und Unverstand schließen einander schlechthin aus. Hier gibt es auch kein Umschlagen […]. Die Unverständigen wissen alles das nicht, was die Weisen wissen.“ 903 Vgl. Heraklit, DK 22 B 102, S. 283. In ihrer Interpretation des Fragments 102 stuft Fleischer die epistemisch-metaphysische Lesart zurück, die durchaus in die Richtung einer Kosmodicee weist, indem die göttliche Einsicht als Gutheißung aller Ereignisse dechiffriert werden könnte. Dass die Menschen etwas als ‚gerecht‘ und ein Anderes als ‚ungerecht‘ titulieren müssen, beurteilt Fleischer keineswegs als Ausdruck eines anthropologischen Erkenntnisdefizits. Vielmehr plädiert Fleischer für die Unverzichtbarkeit derartiger Unterscheidungsmuster, da nur dadurch der Nomos der Polis begründet und die politische Stabilität gesichert werden könne. Vgl. Fleischer, Anfänge abendländischen Philosophierens, S. 43f.: „Und wie steht es mit dem zweiten Teil von Fragment 102: ‚die Menschen aber fassen das eine als ungerecht auf, das andere als gerecht‘? Gemeint sein könnte, daß ‚die‘ Menschen (im Gegensatz zu dem Gott und auch zu den nach Heraklits Auffassung immer nur sehr wenigen weisen Menschen) im Blick auf solches, das für den Gott schön, gut und gerecht ist, anders werten, dann nämlich, wenn es ihnen abträglich ist (womit man beim malum physicum wäre). Ich halte eine andere Deutung des im Fragment Gesagten für möglich und gebe ihr den Vorzug. […] Meine bevorzugte Deutung geht davon aus, daß es bei Heraklit ganz offensichtlich einen genuin menschlichen Bereich gibt, für den die Menschen selbst als gründend und bewahrend in Anspruch genommen sind: die Polis, den Staat. Einer Polis liegt menschlicher Nomos zugrunde. Die Menschen, die ihn stiften und für seine Bewahrung Sorge tragen, können sich am göttlichen Nomos orientieren. […] Das Gerechte im Bereich der Polis ist das, was dem gründenden Nomos dieser Polis sowie ihren übrigen Gesetzen gemäß ist. Und da zeigt sich nun klar: In diesem Bereich müssen die Menschen die Gegensätze ‚gerecht‘ und ‚ungerecht‘ als sich ausschließende festhalten, wollen sie nicht ihren Lebensbereich ‚Polis‘ aufs Spiel setzen. Sie müssen ‚das eine als ungerecht, das andere als gerecht auffassen.‘ Und unter diesem Aspekt sind sie der Gegensatz zum Gott, der in dem von ihm mittels des Blitzes gesteuerten Bereich alles für schön, gut und gerecht befindet.“ 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 214 εἶναι γὰρ ἓν τὸ σοφόν, ἐπίστασθαι γνώµην, ὁτέη ἐκυϐέρνησε πάντα διὰ πάντων. Es gibt nur eine Weisheit: ein vertrautes Verhältnis zu der Einsicht, nach der überall alles gelenkt wird.904 Das Fragment 28 als wichtigstes Dokument der heraklitischen Gerechtigkeitsauffassung Ein typisches Merkmal der Philosophie Heraklits wird in der offensiv-elitären Abgrenzung zwischen den wenigen Verstehenden und den vielen Uneinsichtigen palpabel. Während sich die seltenen Denker in den λόγος integriert haben und die Welt in ihrer Zerrissenheit akzeptieren, schreiten die meisten Menschen zur Negation der widerwendigen Binnentension des λόγος fort und positionieren sich gerade durch diese Verkennung unweigerlich in jenem Gegensatzverhältnis, das die Wahrheit des λόγος bestätigt. Die paradigmatische Distinktion intellektueller Gradstufen prägt auch das Fragment 28, das als wichtigstes Zeugnis der heraklitischen Gerechtigkeitslehre umrandet werden kann. Es sei hier in jener Übersetzung noch einmal zitiert, die Heidegger in der Auslegung der Historienschrift wählt. Zum Vergleich soll auch die Übertragung von Mansfeld und Primavesi beigefügt werden: δοκέοντα γὰρ ὁ δοκιμώτατος γινώσκει, φυλάσσει· καὶ μέντοι καὶ Δίκη καταλήψεται ψευδῶν τέκτονας καὶ μάρτυρας. Denn nur Scheinhaftes ist es, was erkannt (das ihm gerade Sichzeigende, Erscheinende); erkennt auch der Berühmteste (am meist in Erscheinung und Ansehen Tretende), und er hält dieses fest (nimmt es als das Feste). Doch wahrlich die Gerechtigkeit wird auch die Zimmerer und Zeugen der Verrechnungen (Irrtümer) und (Verfestigungen) zu fassen wissen (von oben her fassen und unter sich bringen, d. h. überwinden).905 Das Annehmbare ist es, was der am meisten Bewährte erkennt und verteidigt; Δίκη wird aber ganz gewiss die Zimmerer und Zeugen der Lüge strafen.906 Es bieten sich zwei verschiedene Interpretationsoptionen an. Die erste lässt sich im Ausgang von Heideggers hermeneutischer Übersetzung entwickeln, während sich die zweite auf die wörtliche Übersetzung von Mansfeld stützt. Erstens könnte in wahrheitsskeptischer Absicht die Unausweichlichkeit des Scheinhaften, der bloßen Meinungen, betont werden: Sofern der Mensch erkennt, ist das einzig für ihn Erkennbare der Schein. In seiner Übersetzung federt Heidegger die Schärfe der Opposition zwischen dem „Berühmtesten“ auf der einen Seite und den „Zimmerern und Zeugen der Irrtümer und Verfestigungen“ auf der anderen Seite ab. 4.4. 904 Heraklit, DK 22 B 41, S. 263. 905 Heidegger, GA 46, S. 196. 906 Heraklit, DK 22 B 28, S. 255. 4.4. Das Fragment 28 als wichtigstes Dokument der heraklitischen Gerechtigkeitsauffassung 215 Dadurch wird die von Heraklit besonders in den Fragmenten 78907, 79908, 83909 und im oben diskutierten Fragment 102 exponierte Kluft zwischen dem Wissen des Gottes und den Ansichten der Menschen zementiert. Im Rekurs auf Heideggers Übersetzung kann die Interpretation vorgeschlagen werden, dass auch der Berühmteste (als der am meisten in die Erscheinung hervortretende) aufgrund der Unergründlichkeit des Werdens wie jeder andere Mensch gezwungen ist, das Sichzeigende für das Beständige, Feste und Gültige zu halten und es als solches festzuhalten.910 Auch der Ruhmreichste ist dem von der Gerechtigkeit ausgeübten, kurzzeitig der Fluidität des Werdens entzogenen Arrangement des festgewordenen Seins ausgeliefert. Diesen Schein der Beständigkeit nimmt er in den sensuellen Wahrnehmungen und in den ein immanentes Substrat erfordernden Gedanken unweigerlich auf und bestätigt dergestalt das Feste. Der Berühmteste wäre demnach ebenfalls ein notgedrungener Zeuge der Lüge (im Sinne der Hemmung des Werdens), die von der Gerechtigkeit gezimmert wird. Die vollkommen autonome Gerechtigkeit überwindet ihre eigene Verfertigung des Irrtums und „fasst“ den Zeugen der Lüge, indem sie das für wahr gehaltene Sein wieder in das Werden auflöst und es damit als Schein kenntlich macht. Zweitens kann der am meisten Bewährte beziehungsweise der Angesehenste im Rekurs auf die Übersetzung von Mansfeld und Primavesi mit dem Weisen identifiziert werden, der eine nahezu göttliche Kognitionsweite besitzt. Flankiert von dem Inhalt der Fragmente Nr. 113911 und 116912, in denen Heraklit es generell als menschenmöglich bezeichnet, den allwaltenden λόγος zu vernehmen, lässt sich die epistemische Differenz zwischen dem Weisen und dem Gott verringern.913 Der am meisten 907 Heraklit, DK 22 B 78 : ἦθος γὰρ ἀνθρώπειον μὲν οὐκ ἔχει γνώμας, θεῖον δὲ ἔχει. „Denn menschliches Wesen hat keine Einsicht, göttliches aber hat sie.“ 908 Heraklit, DK 22 B 79, S. 266: ἀνὴρ νήπιος ἤκουσε πρὸς δαίμονος ὅκωσπερ παῖς πρὸς ἀνδρός. „Mit einem Gott verglichen darf der Erwachsene unmündig heißen, wie das Kind verglichen mit dem Erwachsenen.“ 909 Heraklit, DK 22 B 83, S. 266: ἀνθρώπων ὁ σοφώτατος πρὸς θεὸν πίθηκος φανεῖται καὶ σοφίαι καὶ κάλλει καὶ τοῖς ἄλλοις πᾶσιν. „Der weiseste Mensch schneidet, mit dem Gott verglichen, wie ein Affe ab, in Weisheit, in Schönheit und in allen anderen Dingen.“ 910 Vgl. Heidegger, GA 46, S. 204: „Schein ist das Aufscheinen des Ungekannten und dessen, was alles Vorhandene (Seiende) überholt und verklärt, was das Feste in seiner Verfestigung wieder in das Werden zurücknimmt und somit das eigentlich Wirkende, Werdehafte, zugleich aber meint es auf das Feste beschränkt das nur Scheinhafte, Täuschende.“ 911 Vgl. Heraklit, DK 22 B 113, S. 258: ξυνόν ἐστι πᾶσι τὸ φρονέειν. „Einsicht zu haben ist etwas Allgemeines.“ 912 Vgl. Heraklit, DK 22 B 116, S. 258: ἀνθρώποισι πᾶσι μέτεστι γινώσκειν ἑωυτοὺς καὶ σωφρονεῖν. „Es ist allen Menschen gegeben, sich selbst zu erkennen und vernünftig zu sein.“ 913 In seiner Analyse des Fragmentes 78 deutet Marcel van Ackeren die heraklitische Fundamentaldisjunktion zwischen dem menschlichen und dem göttlichen Wissen als metaphorische Umschreibung der unüberbrückbaren Distanz zwischen der philosophischen und der alltäglichen Anschauung des Weltzusammenhanges. Vgl. Van Ackeren, Heraklit, S. 30: „Entscheidend ist die Überlegung, dass Heraklit noch nicht namentlich zwischen philosophischen und nicht-philosophischen Sichtweisen der Dinge unterscheidet. Vielmehr verwendet er (wie viele Philosophen nach ihm) zur Beschreibung dieser zwei menschlichen Perspektiven Attribute der Göttlichkeit und Menschlichkeit. Indem er die menschliche Position, von der aus unterschieden und kritisiert wird, als göttlich charakterisiert, wird die angenommene Überlegenheit dieser Reflexion ausgedrückt. Diese zeichnet sich […] durch eine wahre Beurteilung der Dinge und durch eine bessere Praxis aus.“ 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 216 Bewährte hat eingesehen, dass nichts eine absolute, dem Werden enthobene Geltung beanspruchen kann. Alles, was ihn affiziert, was er sieht und begreift und wie die meisten anderen Menschen als wahr erachten müsste, wird von ihm – gegen den einzigen Maßstab des λόγος gehalten – als beschränkte Empfindung, als einseitige Meinung, als scheinhafte δόξα durchschaut. Dennoch hält er es innerhalb des zeiträumlichen Umkreises fest, solange die innewohnende Gegensätzlichkeit einer vermeintlich eindeutigen Ansicht noch nicht für die Meisten zum Vorschein gekommen ist. Er verteidigt diese unterbestimmte Erscheinung als eine durchaus Annehmbare, obgleich in ihr nur das Überwiegen eines Gegensatzaspektes kulminiert. Der Ruhmreichste hat – wie Heraklit selbst – rekognosziert, dass die in den Oberflächenphänomenen pulsierende Wahrheit des λόγος für die meisten Menschen unerreichbar ist. Nichtsdestotrotz vermag er jede temporär gültige und situativ gewonnene Ansicht zu verteidigen, zu hüten und zu respektieren, weil er sie in ihrer Zugehörigkeit zum λόγος würdigt.914 914 Während in diesem Interpretationsstrang die Figur des „Ruhmreichsten“ (ὁ δοκιμώτατος) als Agent einer kritischen Selbstbescheidung und als Vorreiter einer verständnisvoll-reflektierten Verteidigung des temporär aufleuchtenden, ansichtshaft Erscheinenden durchaus positiv gewürdigt wird, existiert in der Forschung auch die diametral entgegengesetzte, zugegebenermaßen naheliegendere Deutungsvariante. In dieser Auslegungstendenz des Fragmentes 28, die beispielsweise von Karl-Heinz Volkmann-Schluck und von Klaus Held verfochten wird, wird die Überlegenheit des „Ruhmreichsten“ nicht an einen faktischen Einsichtsvorsprung geknüpft, der den δοκιμώτατος dazu befähigte, den erscheinenden Charakter des Begegnenden im Gegensatzgefüge des Streites zu verorten und dementsprechend zu relativieren. Stattdessen gewinnt der δοκιμώτατος sein Prestige gemäß diesem Ansatz allein aus dem kollektiv-meinungsbasierten Zuspruch der Vielen. Dieser Zuspruch gründet sich nicht auf eine wahre Einsicht in die Allgemeinheit des λόγος, sondern konstituiert sich aus dem eindrucksvollen, auf die Mitmenschen wirkenden Schein der Selbstbehauptung seiner Position (diese Deutung wählt Karl-Heinz Volkmann-Schluck) oder basiert auf der Eingängigkeit der Urteile des δοκιμώτατος (diese These wird von Klaus Held vertreten). Deswegen sei es die Aufgabe und das Vermögen der Δίκη, dieses imaginierte Wissensvermögen des ‚Lügenschmieds‘ (ψευδῶντέκτονες) selbst als eine bloße Ansicht durchsichtig zu machen, indem sie dem intellektuellen Supremat des Ruhmreichsten eine temporär begrenzte Gültigkeit zuteilt und den ‚Zimmerer der Lüge‘ in den Streit der Gegensätze reintegriert. Vgl. zu dieser ‚strafenden‘ Funktion der Δίκη im Fragment 28 paradigmatisch Volkmann-Schluck, Die Philosophie der Vorsokratiker, S. 105: „Indem Heraklit sagt, Δίκη werde die Lügenschmiede und ihre Parteigänger ergreifen, stellt er das Denken unter den Anspruch, die Δίκη walten zu lassen, d. h. daran mitzuarbeiten, daß jedem das Seine zuerteilt, daß die φρόνησις im Menschen zu sich selbst befreit und das wahre Wesen des λόγος freigelegt werde.“ Volkmann-Schluck charakterisiert den δοκιμώτατος als maßgeblichen ‚Architekten‘ einer täuschenden Überdeckung des allgemeingültigen λόγος sowie als hauptsächlichen ‚Baumeister‘ der δόξα, sodass er sich als gefährlichster Antipode der Δίκη herauskristallisiert: Vgl. ebd., S. 104f.: „Der Superlativ δοκιμώτατος (dokimotatos) vereinigt in sich zwei zusammengehörige Bedeutungen: ὁ δοκιμώτατος ist derjenige, der es in seinen Ansichten am weitesten gebracht hat und der daher bei denen, die in das Ansichthafte, δοκέοντα (dokeonta) eingeschlossen sind, als der Angesehenste gilt. Als solcher dünkt er sich den anderen überlegen. Der Umfang und die Art dessen, was sich dem einzelnen oder einer einzelnen Gruppe in der δόξα zeigt, sind verschieden. Daher tritt die δόξα immer schon in der Pluralität auf, als eine Vielfalt von δόξαι, die miteinander im Streit liegen. Die des Angesehensten gilt als die stärkste. Aber der δοκιμώτατος ist in Wahrheit der Unverständigste von allen; denn er geht ganz in der Selbstbehauptung seiner δόξα auf und schließt sich in sie ein. […] So tritt die δόξα unter dem Schein einer eigenen φρόνησις in den Gegensatz zu dem λόγος als dem Gemeinsamen dergestalt, daß die ständige Vergabe des Denkens an das Ansichthafte verborgen bleibt und sich die eigene Einsicht, die ίδια φρόνησις, für das allgemeine Richtmaß hält und erklärt. Die Gemeinsamkeit dieses Allgemeinen ist eine Scheingemeinsamkeit, und der λόγος, auf den sie 4.4. Das Fragment 28 als wichtigstes Dokument der heraklitischen Gerechtigkeitsauffassung 217 In der zweiten Interpretation offenbart sich der Zimmerer der Lüge als derjenige, der den pendelnd-aufglänzenden Charakter des Begegnenden nicht in seinem Verweisungszusammenhang mit dem vermeintlich Beharrenden erfahren kann. Er ist nicht imstande, die Macht des permanenten Wandels zu honorieren. Er kann sich nicht mit der Einwilligung in den unablässigen Streit zwischen Ansichnehmen und Frei-Lassen, Sättigung und Zeugung, begnügen, weil er die Gegensätze niemals in ihrer gegenseitigen Bedingtheit beleuchtet. Deswegen versucht er, gegenüber dem ihn fortziehenden Spiel des αἰών eigene Ankerpunkte und Überzeugungen zu verfestigen. Diese fungieren keineswegs als Sprungbrett oder als kurzweiliger Aufenthaltsort, der durchlässig wäre für belebende Einflüsse. Vielmehr erwecken diese Surrogate den Anschein der Unzerstörbarkeit, den die Zeugen der Lüge beglaubigen und zur Wahrheit aufrichten. Gegen diesen Irrtum schreitet die Δίκη ein: Heideggers Übersetzung des καταλήψεται mit „fassen“ und den beigestellten Attributen „unter sich bringen“ und „überwinden“ ist daher besonders im Rahmen der zweiten Interpretationslinie des Fragmentes 28 triftig. Die Δίκη hält nichts statisch fest, sondern überwindet das Hemmende, das die im kosmischen Gleichgewicht vorgesehenen Maße der anderen Mitspieler restringiert. Auf diese Weise bestreitet sie das zuvor freigesetzte Überwindende, sobald es in seiner aufflammenden Maßlosigkeit seinerseits zum gewaltaus- übenden Hemmnis der noch verborgenen Gegensatzkomplexe wird. Der Mensch, der sich dem Gang der Zeit und dem allgemeingültigen λόγος verweigert, indem er von ihm Bevorzugtes zu verewigen sucht und den Dingen scheinbar unabänderliche Namen verleiht, wird von der Gerechtigkeit bestraft und unter sich gebracht, indem er in den Fluss zurückgeholt wird. Die Δίκη reaktiviert die Ausgewogenheit der Verflechtung, indem sie das vermeintlich relationslos Einzelne, an welchem sich die Zeugen der Lügen orientieren, in sein Gegenteil übergehen lässt. Das scheinbar Isolierte, Autsich in der Vergabe des Denkens an den Schein beruft, ist ein Schein-Logos, ein ψευδο-λόγος. […] Der δοκιμώτατος wird als Baumeister, als τέκτων (tekton), als Archi-tekt des Verdeckenden entlarvt: als Lügenschmied. Er verdeckt das wahre Gemeinsame, das wahre κοινόν, in welchem auch die wahre Gemeinsamkeit der Menschen beruht, durch seine δόξα. Die Zeugen, μάρτυρες (martyres), von denen die Rede ist, sind die Anhänger des δοκιμώτατος, die Parteigänger.“ Eine ähnliche Definitionsklärung des δοκιμώτατος gibt auch Klaus Held. Er hebt hervor, dass der Ruhmreichste eine situativ aufscheinende Ansicht mit einem exklusiven Wahrheitsanspruch versieht und diese individuellrestringierte Erfahrung in der Folge zu einer immerwährenden Erscheinungsgesetzmäßigkeit hypostasiert. Weil er diese Transformation des ephemeren Scheins zum wesenhaften Sein mit vermeintlich stichhaltigen Argumenten fundieren könne, überzeuge der δοκιμώτατος schließlich seine Mitmenschen und werde von ihnen zum ‚Angesehensten‘ erkoren. Vgl. Held, Heraklit, S. 189: „Ho dokimotatos bezeichnet denjenigen, der am angesehensten ist, weil seine Meinungen und Urteile am meisten einleuchten. Den so verstandenen Angesehensten folgen auch die Vielen. Das, woran diese Angesehensten eine feste Orientierung, eine zuverlässige Erkenntnis finden zu können glauben […], ist Ansichtshaftes, dokeonta. Dokeonta – das meint: solches von der Art, wie es jeweils Jemandem ‚erscheint‘, d. h. in der jeweiligen Situation zu Gesicht kommt. Das Wort bezeichnet genau das, was in dieser Untersuchung ‚Ansicht‘ genannt wird, d. h. solches, was sich zeigt, offenbar ist, und doch nur occasionell für Jemanden in seiner beschränkten Erfahrungslage gegeben ist, mithin durch den Ausschließlichkeitsanspruch, den solche Erfahrung notwendigerweise mit sich führt, unwahr wird. So kann Heraklit hier an den Doppelsinn von Anschein (im Sinne des Offenkundigen) und bloßem Schein anknüpfen, den das griechische dokei (ähnlich wie das deutsche ‚es scheint‘) hat.“ 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 218 arke und Monolithische wird aufgrund dieser Polarität als wesenszugehöriges Ingredienz des Ἓν καὶ Πᾶν rehabilitiert. Das Wesen der Δίκη selbst ist dem menschlichen Nennen zunächst und zumeist entzogen. Diese Unverfügbarkeit und Anonymität beruht indes keineswegs darauf, dass sie sich absichtlich verbergen würde. Stattdessen wird ihr Walten von den meisten Menschen ignoriert, weil die Gerechtigkeit kein attributiv aufgeladenes Wesen jenseits der Welt des λόγος besitzt. Auch die vollkommene Absenz der Ungerechtigkeit könnte die Gerechtigkeit nach Heraklit nicht zum Vorschein bringen, da sie weder als Legalität oder Moralität begriffen werden kann noch als Qualifikationsmerkmal menschlicher Handlungen prädiziert werden darf. Die Menschen erhaschen nur eine dunkle Ahnung der Δίκη, wenn sie diese von ihrem mutmaßlichen Gegenteil (der Ungerechtigkeit, der Schuld, der Strafe, dem Bösen) abgrenzen. Gerade in der kategorischen Scheidung beider Geltungsregionen verkennen die Menschen die unauflösliche Zusammengehörigkeit zwischen der kosmisch-richtenden, versöhnendstrafenden Gerechtigkeit einerseits und den als ungerecht, sinnwidrig und furchtbar diskreditierten Vorgängen andererseits. Diese paradoxale Synthese, welche die moralisch-konventionellen Disjunktionen transzendiert, konstituiert allererst die wahre Gestalt der Δίκη. Daher heißt es im Fragment 23: ∆ίκης ὄνοµα οὐκ ἂν ᾔδεσαν, εἰ ταῦτα µὴ ἦν. Sie würden nicht einmal den Namen der Δίκη kennen, wenn es jenes [das Ungerechte] nicht gäbe.915 Dass die Gerechtigkeit die Zimmerer der Lüge irgendwann fassen, verurteilen und überwinden wird, äußert Heraklit in einer frappierend ähnlichen Weise auch von dem Feuer. Das Feuer kann als unentrinnbare Notwendigkeit der Einfügung markiert werden. Außerdem weist es eine eschatologische Komponente auf, weil es zwangsläufig über jedes Lebewesen und über alles Seiende richten wird: 915 Heraklit, DK 22 B 23, S. 283. Klaus Held beschreitet einen etwas anderen Deutungspfad. Er interpretiert das Fragment 23 dahingehend, dass die von Heraklit beschriebenen ‚Vielen‘ den ‚Namen der Δίκη‘– im Sinne der konventionellen Bezeichnung des Rechts – tatsächlich kennen. Dieses Wissen gewinnen sie jedoch nur durch die Unterscheidungspraxis der Gesamtheit kodifizierter Rechtsnormen von den als ungerecht klassifizierten Handlungen, sodass sie das in der Identität von Recht und Streit gründende, wahre Wesen der Gerechtigkeit nicht mehr erfassen können. Vgl. Held, Heraklit, S. 200f.: „Fragment 23 sagt: Über der geltenden und im Namen ausdrücklich geltend gemachten Ansicht vergessen die Vielen die unausgesprochene, doch ebenso mögliche Gegenansicht. Worin besteht dieses Vergessen: Die Ansicht hat sich derart beschränkt und sich in der ihr eigenen Sicht verfestigt, daß sie nicht bemerkt, daß die Möglichkeit ihrer eigenen Sicht allein auf ihrem Einbehaltensein in die Auseinandersetzung der Sichten beruht. Die eigene Sicht wäre überhaupt nicht als solche vollziehbar, wenn sie nicht im Streit mit der Gegensicht aufgestellt wäre. Eben dieses Verhältnis bringt Heraklit mit der ihm eigenen Genauigkeit zum Ausdruck, indem er darauf hinweist, daß ‚sie‘, d. h. die Vertreter der im Namen geltend gemachten herrschenden Ansicht, diese Ansicht gar nicht vollziehen könnten, d. h. den Namen des Rechts nicht wissen würden, wenn es das Gegenteil nicht gäbe. Der Spruch bezeugt demnach unmißverständlich, daß der Begriff des Rechts bei Heraklit nicht nur in der Bedeutung vorkommt, wie er von der Einsicht verstanden wird (Recht als Streit), sondern auch als Name einer Ansicht in ihrer Beschränktheit und Einseitigkeit, deren Verwiesenheit auf die Gegensicht von der Einsicht aufgedeckt werden muß.“ 4.4. Das Fragment 28 als wichtigstes Dokument der heraklitischen Gerechtigkeitsauffassung 219 πάντα γάρ, φησί, τὸ πῦρ ἐπελθὸν κρινεῖ καὶ καταλήψεται. Über alles wird das Feuer, sagt er, einmal herankommen, urteilen und es verurteilen.916 Es ist aufschlussreich, dass Heraklit sowohl in dem der Δίκη gewidmeten Fragment 28 als auch in dem von Hippolytos überlieferten Fragment 66, in dem das Feuer als zentraler Akteur proklamiert wird, dasselbe Wort verwendet, um die Restitution des Gleichgewichts und die bedrohliche Verwandlung der Δίκη in Νέμεσις zu beschreiben: καταλήψεται. Derjenige, der sich den periodischen Maßen dieses Feuers zu entziehen und sich übermütig von dem angestammten Platz (als in das weltbildende Feuer verschlungener Teilnehmer) zu entfernen sucht, begeht Hybris: ὕβριν χρὴ σβεννύναι μᾶλλον ἢ πυρκαιήν. Hybris soll man noch viel mehr löschen als ein Großfeuer.917 Mit Anaximander gesprochen: Der Megalomane versucht, sich der Ordnung der Zeit zu widersetzen. Aus dem Fragment 64 geht hervor, dass das Feuer mit dem λόγος konvergiert, weil es vernünftig ist.918 Da Heraklit dem Feuer konzediert, wie die Gerechtigkeit über alles Seiende urteilen und richten zu können, ist logisch zu schließen, dass auch die Gerechtigkeit in eine prinzipielle Nähe zur Vernunft respektive zum λόγος rückt. Es ist nochmals darauf zu insistieren, dass die Δίκη nicht nur das hybride Fehlverhalten des Einzelnen korrigiert, zurückweist und bestraft. Sie bezeugt ihre Herrschaft im gesamten Kosmos, wobei ihr die unaufhörlich Vergeltung übenden Erinnyen zur Seite stehen: Ἥλιος γὰρ οὐχ ὑπερβήσεται μέτρα· εἰ δὲ μή, Ἐρινύες μιν Δίκης ἐπίκουροι ἐξευρήσουσιν. Die Sonne wird die [ihr gegebenen] Maße nicht überschreiten; sonst werden sie die Erinnyen, die Helferinnen der Δίκη, ausfindig machen.919 916 Heraklit, DK 22 B 66, S. 271. 917 Heraklit, DK 22 B 43, S. 281. 918 Vgl. Heraklit, DK 22 B 64, S. 270: φρόνιμον τοῦτο εἶναι τὸ πῦρ. „Das Feuer sei vernünftig“. Indem Klaus Held den alles steuernden Blitz mit dem Feuer gleichsetzt und zugleich akzentuiert, dass die korrekt ausgeübte Tätigkeit des Steuerns mit der Erkenntnis der herrschenden oder anzustrebenden Maßverhältnisse konvergiert, kann er die von Heraklit bekräftigte ‚Verständigkeit‘ des Feuers untermauern und den Verdacht eines Animismus ausräumen. Vgl. Held, Heraklit, S. 414: „Das Vermögen, das Maß zu erkennen und einzuhalten, bezeichnen die Griechen längst vor der terminologischen Festlegung auf diese Bedeutung bei Aristoteles als phronesis. Es kann also nicht überraschen, daß Heraklit das lenkend-regelnde Feuer als pyr phronimon, ‚verständiges Feuer‘ bezeichnet hat.“ Die konkrete Ausgestaltung dieses Steuerungsvermögens manifestiert sich für Held in der periodischen Lokalisierung des Elementaren sowie in dem Wandel zwischen Helligkeit und Dunkelheit, der durch die jeweiligen Verlagerungen des Himmelsfeuers erwirkt wird: Vgl. ebd., S. 416: „Was gesteuert wird, sind die Heraufkunft oder der Schwund der lebenswelt-durchdringenden Wärme, Beweglichkeit, Helligkeit, Dunkelheit, Feuchtigkeit usw.: ‚es wird warm‘, ‚es wird lebendig‘, ‚es wird hell‘, ‚es tagt‘, ‚es dämmert‘, ‚es schmilzt‘, ‚es taut‘ usw. Was in dieser gegenwendigen Bewegung periodisch zum Vorschein kommt, ist der Einzug des Elementaren – des Himmelsfeuers als Luft oder Sturm, des Wassers als Regen, Schnee oder Nebel – in eine Weltgegend.“ 919 Heraklit, DK 22 B 94, S. 273. Klaus Held exponiert in seiner Deutung des Fragments 94, weswegen der von Heraklit entfaltete Nexus zwischen der irreversiblen Maßeinhaltung der Sonne und der Zuteilungskraft der Δίκη keineswegs als naiver Anthropomorphismus aufgefasst werden darf. Vgl. Held, Heraklit, S. 410f.: „Und schließlich, wenn der Bewegungscharakter des Himmelsfeuers durch das Maßverhältnis zwischen den ‚Elementen‘ geregelt ist, ist es nicht weit hergeholt, die Regelmäßig- 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 220 Zur Veranschaulichung greift Heraklit auf die mythische Überlieferung zurück, wonach der Sonnenwagen des Helios jeden Tag in einer maßvollen, das kosmische Gleichgewicht gewährleistenden Bewegung rotiert, die sich der menschlichen Wahrnehmung als Sonnenaufgang präsentiert. Die Gerechtigkeit gibt dem Wechsel von Tag und Nacht das Maß vor, leitet das Licht und konterkariert jedweden Überschreitungsversuch. Auf diese Weise hütet und bewacht sie das Seiende. In Anbetracht dieser kosmisch-ubiquitären Obhut der Δίκη können die im Fragment 11 thematisierte „Peitsche“ und das „niemals Untergehende“ aus dem von Heidegger bevorzugten Fragment 16 als Chiffren der Gerechtigkeit verstanden werden: πᾶν γὰρ ἑρπετὸν πληγῇ νέµεται. Jedes über die Erde hinkriechende Lebewesen wird mit der Peitsche gehütet.920 τὸ µὴ δῦνόν ποτε πῶς ἄν τις λάθοι; Wie könnte einer dem nie Untergehenden je verborgen bleiben?921 Die Gerechtigkeit regiert die Lebewesen auf Erden und herrscht über die Himmelskörper. Diejenige Instanz, die alles Seiende in die geordneten Bahnen des einheitsbildenden Umschlagens zurückführt und es in diesen Fugen hält, übernimmt offensichtlich die Funktion des Steuerns. Darin kommt die Gerechtigkeit mit dem Feuer überein, das die Kräfte im Kosmos reguliert. Angesichts ihrer emblematischen Lenkungsgewalt bezeugt sich die Allianz der Δίκη mit dem Blitz, dessen keraunologische Suprematie Heraklit im Fragment 64 prägnant schildert: τὰ δὲ πάντα οἰακίζει Κεραυνός. Alles steuert der Blitz.922 keit des Sonnenlaufs irgendwie (wir wissen nicht genau, wie) von der Geregeltheit des Bewegungscharakters des in ihr gesammelten Feuers her verständlich zu machen (Fragment 94). Das zuletzt genannte Fragment erscheint außerdem bemerkenswert, weil in ihm die Regelung des Maßverhältnisses (metra) mit dem Titel dike, Zuteilung des Zustehenden, benannt wird. Dieser Titel ist bereits aus früherem Zusammenhang als eine Bezeichnung für die in der Einsicht begriffene Identität von Auseinander- und Zusammengehen der Ansichten bekannt. Sofern er im vorliegenden Fragment im Zusammenhang einer heraklitischen Aussage über die Sonne auftaucht, bezeugt er, daß eine Unterscheidung von Themenbereichen wie ‚allgemeine Gegensatzlehre‘ einerseits und ‚Kosmologie‘ andererseits dem heraklitischen Denken ganz unangemessen bleiben muß. Die Aussagen über die Sonne gehören in den Kontext der heraklitischen Gedanken über das geregelte Verhältnis von Himmelsfeuer und unterer Welthälfte. Diese Gedanken sind nicht Bestandteil einer heraklitischen ‚Naturphilosophie‘ oder ‚Naturwissenschaft‘ und insofern von einer ‚allgemeinen Gegensatzlehre‘ zu unterscheiden, sondern haben ebenso wie alle Sprüche Heraklits über Gegensätze die gegensätzlichen Ansichten, nur diesmal in ihrer vorprädikativen Urgestalt als Weisen der Erschlossenheit des Befindlichkeitsspielraums, d. h. der Welt, zum Thema. Demgemäß kann von einer Verwendung des Wortes dike in einer ‚übertragenen‘ (nämlich auf ‚bloße Naturvorgänge‘ angewandten) Bedeutung im vorliegenden Spruch nicht die Rede sein. Begreift man das Denken Heraklits in seiner Einheitlichkeit als Rechenschaftsablage der Einsicht über die lebensweltliche Ansicht, kann das Auftreten desselben Wortes in den beiden (vermeintlich) verschiedenartigen Zusammenhängen nicht überraschen.“ 920 Heraklit, DK 22 B 11, S. 273. 921 Heraklit, DK 22 B 16, S. 259. 922 Heraklit, DK B 22 B 64, S. 271. 4.4. Das Fragment 28 als wichtigstes Dokument der heraklitischen Gerechtigkeitsauffassung 221 Die Gerechtigkeit und das menschliche Gesetz (Δίκη und νόμος) Weil die kosmische Gerechtigkeit generell darauf kapriziert ist, jedwede obstinate Einseitigkeit sowie die atavistische Dogmeninstallierung zu destruieren, erweist sie sich als entscheidende Ermöglichungsbedingung der Zivilisationsausbildung. Erst durch den Einfluss der Δίκη kann es gelingen, die Herrschaft von Privatmeinungen zugunsten des Gesetzes zurückzudrängen und das Politische zu stiften. Heraklits Geistesaristokratismus steht dieser Revokation der Individualansichten nicht entgegen. Gemäß seiner Philosophie besitzen nur wenige Einzelne das erforderliche Vernunftvermögen, um die Einheitsfülle der Gegensätze zu durchschauen und die Sphäre willkürlich-alltäglicher Meinungsgewinnung zu verlassen. Dies lässt sich anhand von zwei thematisch verwandten Fragmenten belegen. Zum einen unterstreicht Heraklit im Fragment 49 die unüberbietbare Relevanz und Deutungshoheit jenes Einzelnen, der sich – so ließe sich ergänzen – aus dem Privaten hin zum Allgemeinen bewegt hat, um von dort die Privatannahmen der Vielen zu unterminieren: εἷς ἐμοὶ μύριοι, ἐὰν ἄριστος ᾖ. Einer gilt mir Unzählige, so er der Ausgezeichnetste ist.923 Dergestalt verbindet sich die Gerechtigkeit, deren Verfasstheit Heraklit erblickt hat und von der er zugleich als Künder auserwählt wurde, mit dem politischen Gesetz der Polis.924 Das Gesetz fordert die Befolgung seiner Direktiven, sofern diese dem λόγος entsprechen. Angesichts seines elitären und skeptischen Menschenbildes kann Heraklit durchaus dafür votieren, die legislatorische Befugnis und die Exekutivgewalt in einer monarchischen Regierungsform zu verwalten. Aufgrund der Anbindung des Regenten an die Gesetzesnorm darf Heraklit nicht als Verfechter eines voluntativen Dezisionismus klassifiziert werden, auch wenn er im Fragment 33 stipuliert: νόµος καὶ βουλῇ πείθεσθαι ἑνός. Gesetz ist es auch, dem Willen eines einzelnen zu gehorchen.925 Weil die Gerechtigkeit jeden Anmaßungseifer bändigt und die Hybris zum Erlöschen bringt, kann die potentielle Peripetie einer monarchischen Herrschaftsform in die Tyrannis niemals von Dauer sein. Retrospektiv kann bilanziert werden, dass diese philosophisch gewonnene und aus dem Walten der Δίκη begründete Einsicht sich in einer historisch-empirischen Betrachtung vollkommen bestätigt. Schließlich lässt sich der selbstsüchtige Usurpator als personalisierter Inbegriff des Trotzes gegen das unerschütterliche Maß des allgemeingültigen λόγος illustrieren. An diesem Ort zeigt sich, weswegen Marc Aurel in seiner Konzeption der universalen Vernunft, in der Exposition der gebotenen Herrschertugenden und in der Erörterung der organisch verfassten Allnatur auf die Autorität heraklitischer Philosopheme zurückgreifen konnte. Zudem wird im Ausgang von der Motivlage der Tyrannis die gewichtige Nähe zwischen Ana- 4.5. 923 Heraklit, DK 22 B 49, S. 285. 924 Zu Heraklits politischer Tätigkeit in Ephesos vgl. Charlotte Schubert, Heraklit und die ionischen Isonomien, in: Enrica Fantino u.a. (Hrsg.): Heraklit im Kontext, S. 129–150. 925 Heraklit, DK 22 B 33, S. 285. 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 222 ximander und Heraklit palpabel. Beide Denker begreifen das innerzeitliche Beharren des egozentrisch Vereinzelten auf einem sich selbst illegitim zugesprochenen Recht als Signum und Beweis der Ungerechtigkeit. Anaximander und Heraklit teilen somit die feste Überzeugung, dass sich die Gerechtigkeit als unerschöpfliches, göttliches Gesetz im Medium der menschlichen Gesetze immer durchsetzen wird. Heraklit postuliert darüber hinaus, dass es den politischen Gesetzen Kraft verleihen wird, wenn sie in dem anerkennenden Verständnis des zugrundeliegenden Gemeinsamen verwurzelt sind. Das Fragment 114 ist diesbezüglich von stichhaltiger Tragweite: ξὺν νόῳ λέγοντας ἰσχυρίζεσθαι χρὴ τῷ ξυνῷ πάντων, ὅκωσπερ νόμῳ πόλις, καὶ πολὺ ἰσχυροτέρως. τρέφονται γὰρ πάντες οἱ ἀνθρώπειοι νόμοι ὑπὸ ἑνὸς τοῦ θείου· κρατεῖ γὰρ τοσοῦτον, ὁκόσον ἐθέλει καὶ ἐξαρκεῖ πᾶσι καὶ περιγίνεται. Indem man sich mit Verstand ausdrückt, muss man Kraft schöpfen aus dem, was allen gemeinsam ist, wie eine Stadt aus ihrem Gesetz, und noch viel stärker. Denn alle menschlichen Gesetze speisen sich aus dem einen, göttlichen Gesetz; dessen Kraft ist unbegrenzt, und es reicht für alles aus und setzt sich durch.926 Daraus leitet sich der Gedanke ab, dass die Bürger ihr Gesetz, das sich als Wesen und als kodifizierte Willensrichtung ihrer Polis konturiert, unbedingt verteidigen müssen. Das Gesetz signalisiert die Wirksamkeit des Vernünftigen, indem es die im permanenten Streit evozierte, verlässliche Periodizität von Schuld, Strafe und Sühne sichert. Das menschliche Gesetz prolongiert die omnipräsente Δίκη in den sozialen Zusammenhang. Dennoch darf das göttliche Gesetz nicht voreilig als unveränderliches Naturrecht definiert werden. Es erscheint plausibler, Δίκη als Stifterin einer politischen, Gegensätze vereinenden Solidität zu interpretieren, die sich verschiedenartig ausprägen kann und permanenten Formwandlungen unterliegt. Das in der konkreten Einheit der Polis kultivierte Gesetz ist das Schutzgewährende, das die Bürger vor der irritierenden Vielstimmigkeit genauso bewahrt wie vor der schematischen Einförmigkeit. Heraklit fordert die Bürger der Polis daher im Fragment 44 auf: μάχεσθαι χρὴ τὸν δῆμον ὑπὲρ τοῦ νόμου ὅκωσπερ τείχεος. Die Bürger sollen für ihr Gesetz kämpfen wir für die Mauer.927 926 Heraklit, DK 22 B 114, S. 285. 927 Heraklit, DK 22 B 44, S. 285. Margot Fleischer bezieht Heraklits Vergleich des Kosmos mit einem Mischkrug überzeugend auf die Kohäsionserhaltung der Gesellschaft und arbeitet die im Fragment 44 anklingende Unausweichlichkeit einer permanenten Wiedergewinnung des Einheitssinnes heraus. Vgl. Fleischer, Anfänge europäischen Philosophierens, S. 29: „Die Mischung ist aus einer (in diesem Fall von außen) erfolgten Bewegung, einem Vereinigen, hervorgegangen; und sie bleibt als Mischung bestehen, wenn die Bewegung in regelmäßigen Abständen wiederholt wird. Von sich her streben das Trockene und das Feuchte hier auseinander; sie bedrohen so die Mischung mit Zerfall. Vermutlich soll man das Gesagte auch als Gleichnis nehmen. Und vielleicht deutet es gar auf Gesellschaft und Staat und fordert dazu auf, gestiftete Gemeinschaft (zwischen Ständen, zwischen Volksgruppen unterschiedlichster Herkunft und mit ‚entgegengesetzten‘ Lebensweisen usw.) nicht sorglos sich selbst zu überlassen, sondern drohendem Zerfall durch tätigen Vollzug des Einigens immer wieder entgegenzuwirken. In diesen Zusammenhang hinein spricht das Fragment: ‚Kämpfen muß das Volk für den Nomos wie für die Stadtmauer‘ (B 44 / 138).“ 4.5. Die Gerechtigkeit und das menschliche Gesetz (Δίκη und νόμος) 223 Durch die ungebrochene Freigabe der Gegensätze und die zulassende Gestaltung des souveränen Werdens sorgt die Gerechtigkeit dafür, dass sich weder das eine Extrem der autokratisch-schrankenlosen Willkürherrschaft noch die entgegengesetzte Gefahr einer demagogieanfällig-unkontrollierten Präeminenz des Majoritätsprinzips durativ befestigen können. Deswegen ist jener νόμος928, welcher die Erfahrung des Widerstreitenden berücksichtigt und mit diesem koexistiert, der Garant für die Zurückweisung dessen, was im Kosmos Chaos und im Bereich des Politischen Anarchie heißt. Resümierend kann die Bilanz gezogen werden, dass erst aus der Universalität des λόγος die Möglichkeit eines übergreifenden, sich im Gesetz verbürgenden Sinngehalts zu schließen ist, der den Egozentrismus abstreift: διὸ δεῖ ἕπεσθαι τῷ [ξυνῷ, τουτέστι τῷ κοινῷ· ξυνὸς γὰρ ὁ κοινός. τοῦ λόγου δ' ἐόντος ξυνοῦ ζώουσιν οἱ πολλοὶ ὡς ἰδίαν ἔχοντες φρόνησιν. Daher hat man sich dem Allgemeinen anzuschließen – d. h. dem Gemeinschaftlichen, denn der gemeinschaftliche [Logos] ist allgemein; ungeachtet der Tatsache aber, dass die Auslegung eine allgemeine ist, leben die Leute, als ob sie über eine private Einsicht verfügten.929 Damit verwirklicht sich im Gesetz die spannungsvolle, stets auf die Probe gestellte Harmonie von Kosmos und Polis, die von der Gerechtigkeit gehütet und gegen Ausläufer verteidigt wird. 928 Vgl. zu diesem Begriffspaar die klassische Studie von Felix Heinimann, Nomos und Physis. Herkunft und Bedeutung einer Antithese im griechischen Denken des 5. Jahrhunderts, Darmstadt 1987. Zu der durch den Nomos gestifteten ‚Einheit von Ortung und Ordnung‘ vgl. Carl Schmitt, Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum, 4. Aufl., Berlin 1997, S. 36: „Das griechische Wort für die erste, alle folgenden Maßstäbe begründende Messung, für die erste Landnahme als die erste Raum-Teilung und -Einteilung, für die Ur-Teilung und Ur-Verurteilung ist: Nomos.“ 929 Heraklit, DK 22 B 2, S. 249. 4. Eigenständige Interpretation des Motivs der Δίκη in ausgewählten Heraklit-Fragmenten 224

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Schlagworte

Kosmos, Hybris, Stoizismus, Natur, Begriffsgeschichte, Gerechtigkeit

References

Zusammenfassung

Die Monographie widmet sich dem Verhältnis zwischen den Kernbegriffen der Δίκη (Dike) und der Φύσις (Physis) innerhalb der vorsokratischen Philosophie und thematisiert ihre fortwirkende Strahlkraft in der Epoche des postidealistischen Denkens. Dabei gewährt die Arbeit einen Einblick in die variantenreichen Pfade der Rezeption Anaximanders und Heraklits bei Marc Aurel, Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger.

Es wird gezeigt, dass Heraklit einen innigen Verbund zwischen der Selbstoffenbarungsweise der φύσις und jener bindenden Gesetzmäßigkeit der Gegensätze inauguriert, die er aus dem Wesensbezirk der kosmischen Gerechtigkeit erschließt. Die von Heraklit gedachte Einheit zwischen dem Weltspiel und der Gerechtigkeit fungiert als Distinktionskriterium, auf dessen Basis die spezifischen Hierarchiegewichtungen zwischen Δίκη und φύσις im Denken Marc Aurels, Nietzsches und Heideggers herausgearbeitet werden. Insgesamt soll die These plausibilisiert werden, dass die ausgewählten Philosophen auf die vorsokratischen Konzeptionen der Δίκη zurückgreifen, um der Problematik der Legitimität des Werdens adäquat begegnen zu können.

Schlagworte

Kosmos, Hybris, Stoizismus, Natur, Begriffsgeschichte, Gerechtigkeit