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Karin Weingartz-Perschel

Hegels anthropologische Axiomatik, page I - XIV

Zur Aktualität der Hegelschen Dialektik

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4417-9, ISBN online: 978-3-8288-7424-4, https://doi.org/10.5771/9783828874244-I

Tectum, Baden-Baden
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Karin Weingartz-Perschel Hegels anthropologische Axiomatik Karin Weingartz-Perschel Hegels anthropologische Axiomatik Zur Aktualität der Hegelschen Dialektik Tectum Verlag Karin Weingartz-Perschel Hegels anthropologische Axiomatik. Zur Aktualität der Hegelschen Dialektik © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 eBook 978-3-8288-7424-4 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4417-9 im Tectum Verlag erschienen.) Umschlagabbildung: Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831), commons.wikimedia.org Alle Rechte vorbehalten Informationen zum Verlagsprogramm finden Sie unter www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Bibliographic information published by the Deutsche Nationalbibliothek The Deutsche Nationalbibliothek lists this publication in the Deutsche Nationalbibliografie; detailed bibliographic data are available online at http://dnb.ddb.de. Inhaltsverzeichnis Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Hegels Menschenbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .I. 11 Die Bedürfnisstruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 14 Verstand und Vernunft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 21 Entäußerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 30 Die dialektische Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4. 34 Der Weltgeist . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5. 50 Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .II. 57 Der mephistophelische Widerspruch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 61 Vernunft und Begierde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 63 Der strebende Mensch. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 66 Der höchste Augenblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4. 73 Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .III. 79 Der Hegelianer Marx . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 79 Dialektischer Materialismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 86 Tätigkeit – Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 97 Entfremdung – Verdinglichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4. 117 Seine Kritik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5. 128 V Hegel und Ernst Blochs Geist der Utopie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .IV. 135 Kritik zunächst. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 138 Der tätige Mensch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 141 Subjekt – Objekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 147 Natura naturans . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4. 154 Heimat – Sehnsucht nach dem „Zu Hause Sein“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5. 158 Der Dialektiker Habermas . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .V. 165 Der Methodenstreit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 168 Technologische Rationalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 173 Herrschaftsfreier Dialog und kommunikatives Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 178 Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Literaturliste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 Inhaltsverzeichnis VI Vorwort Am 28. August 2020 hätte Georg Wilhelm Friedrich Hegel seinen zweihundertfünfzigsten Geburtstag feiern können. Über sein philosophisches Wirken ist bis heute viel Heterogenes gesagt und geschrieben worden. Besonders die von ihm entwickelte Dialektische Methode hat zu viel Kritik, bis hin zur völligen Fehlinterpretation geführt. Nicht selten findet man auch totales Unverständnis in den Reihen derer, die sich mit Hegels Philosophie befassten und auch heute noch, wenn auch selten geworden, befassen. Seitdem die empirischen Naturwissenschaften ihren Siegeszug seit den 1850er Jahren angetreten haben, scheint Hegels Dialektik heute kaum noch jemanden zu interessieren. Unser sogenanntes technisches Zeitalter gehört in zunehmendem Ma- ße der formalen Logik des instrumentellen Machbaren. Grund genug, Hegel wieder ins Gedächtnis der Zeit zurückzurufen, ehe er noch weiter in Vergessenheit gerät. Seine große Bedeutung für die geisteswissenschaftliche Forschung in unserer Zeit besteht nicht in seiner Rolle als Staatstheoretiker oder als Schöpfer eines „Weltgeistes“, der mit absoluter Vernunft die Weltgeschichte schon in die richtigen Bahnen lenken wird, sondern darin, dass er als Erster in der langen Reihe der Philosophen eine Methode entwickelt hat, welche er aus einer spezifisch menschlichen Fähigkeit ableitet: Die Dialektik. Das mag so manchen, der sich mit Hegel beschäftigt, verwundern, irritieren oder gar mit Ablehnung erfüllen. Dennoch ist es gerade seine anthropologische Axiomatik, welche die Entwicklung seiner Dialektischen Methode erst recht verständlich macht. Und diese Axiomatik lässt sich nur in seinem ersten Hauptwerk, der „Phänomenologie des Geistes“, erkennen. Alle seine weiteren Werke unterstellen dieses Wissen. Wer sich also nur mit Hegels „Wissenschaft der Logik“ befasst, weil er die „Phänomenologie“ nur als Frühwerk oder lediglich als zu vernachlässigende Einleitung in sein Hauptwerk versteht, dem kann die Dialektische Methode nur als Irrweg des logischen Denkens vorkommen, sofern er sie nicht gar als spekulativen Unsinn abtut. Auch der eindimensionale Bezug auf He- VII gels „Enzyklopädie“, die Hegel zu Vorlesungszwecken und als Zusammenfassung seiner Philosophie verfasst hat, wird kein besseres Verständnis seiner Dialektik bewirken können, weil Hegel auch hier seine anthropologische Axiomatik in ihrer Kernaussage schuldig bleibt. Mag sein, dass Hegel selbst diese seine Kernaussage im Laufe seines Schaffens als unwesentlich begriffen hat, da er ja nur auf das Beweisen der absoluten Notwendigkeit und Vernünftigkeit des Weltgeschehens aus war und seinen Mitmenschen die große Bedeutung der reflexiven Bildung so nahe wie möglich bringen wollte; dass sich die Individuen bereitwillig in den Dienst des Weltgeistes stellen, sich sozusagen opfern sollten, um so der Geschichte als absolut vernünftige und damit sittliche zur Verwirklichung zu verhelfen. Das Bleibende und Vorwärtswirkende an seiner Philosophie ist jedoch seine anthropologische Axiomatik, wie er sie nur in der „Phänomenologie des Geistes“ erkennen lässt. Die Grundlage der von Hegel entwickelten dialektischen Methode ist die besondere Befähigung des Menschen zur Empathie im Sinne von Interaktion. Auch die hoch- bis höherentwickelten Tiere sind, bis zu einem bestimmten Grade, dazu fähig, jedoch setzt ihnen die, je nach Spezies entwickelte, Instinktregulation die absolute Schranke der Weiterentwicklung. Beim Menschen aber, dessen extreme Instinktmangelhaftigkeit ihn eigentlich zum Aussterben verurteilt hat, bewirkt dieser Mangel geradezu seine Überlegenheit über alle tierischen Naturwesen, denn seiner Empathie-Entwicklung steht keinerlei Instinktregulation mehr im Wege. Seine Interaktions-, Kommunikations- und Identifikationsfähigkeit bilden die Basis seiner Denkfähigkeit und damit seines Überlebens. Empathie steht hier nicht primär für z.B. Mitleid, Sympathie, Nächstenliebe oder Einfühlsamkeit, sondern bedeutet die unbegrenzte Möglichkeit der Wahrnehmung von Objekten, seien es Dinge, Ereignisse, Zustände oder Menschen, außerhalb seiner selbst, und diese in Beziehung zu sich zu setzen. Dies dient zunächst der Befriedigung seiner unmittelbaren Bedürfnisse und kann zu Zufriedenheit und Genuss führen, zu Glück und auch Liebe, aber auch zu Abneigung, Neid und Hass. Später hat auch Ludwig Feuerbach die Empathie-Fähigkeit des Menschen zur Grundlage seines anthropologischen Atheismus gemacht, indem er die Liebe als Axiomatik seiner Philosophie behaupte- Vorwort VIII te. Aber er benutzte sie als Setzung und lieferte keine Begründung. Er erkannte das methodische Novum bei Hegel, im Gegensatz zu Marx, Bloch, Habermas u.a., nicht, sonst hätte er diesen vielleicht nicht so vehement kritisiert. Das mag Hegel selbst nicht einmal so bewusst oder wichtig gewesen zu sein, weil er diese anthropologische Axiomatik nur in seiner „Phänomenologie“ nachvollziehbar gemacht hat. Er hat sich primär als Staatstheoretiker verstanden, dem es auf eine ständisch geordnete, aber ethisch und moralisch korrekt freiheitlich geführte Welt ankommt. Deshalb wird er überhaupt vom preußischen Staat auch auf einen Lehrstuhl berufen worden sein, den er so sehr angestrebt hat. Aber er weist als Erster nach, dass die Art und Weise unserer Fähigkeit zu denken, auf dialektischem Wege vor sich geht, nämlich zunächst, im Dienst unseres Lebens, die Welt zerteilend und dann vermittelnd. Um sein Überleben zu ermöglichen, muss der Mensch zunächst Dinge außerhalb seiner selbst erkennen, von allem Übrigen abstrahieren und explizit für seine speziellen unmittelbaren Zwecke der Bedürfnisbefriedigung einsetzen können. Dazu ist erforderlich, dass er tätig wird, sich entäußert, etwas als außerhalb seiner selbst Existierendes wahrnimmt, dessen Nutzen erkennt und in Gebrauch nimmt, es vielleicht auch zu seinem Vorteil bearbeitet und zur Nutzenoptimierung Werkzeuge entwickelt. Er verhält sich verstandesmäßig, wie ein jeder Mensch. Weil diese Prozesse auf vielfache Weise stattfinden, kommt er in die Lage, seine Erkenntnisse zueinander zu vermitteln und neue Erkenntnisse zu entwickeln. Damit erst, mit der Fähigkeit der Vermittlung, kommt die Vernunft in die Welt, sagt Hegel, und so entsteht erst die Möglichkeit für den Menschen, in einen Prozess der Geschichte einzutreten, welcher nur durch die unendlich vielen Möglichkeiten menschlicher Tätigkeiten entstehen kann. Denn auch das Denken ist eine menschliche Tätigkeit. Es ist sein zweckmäßiges Tun im Dienst seiner Bedürfnisbefriedigung, was zunächst sein Denken in Bewegung bringt und damit die Vernunft auf den Plan ruft und die menschliche Gesellschaft entstehen lässt. Vernunft ist also kein angeborenes Phänomen, wie es die meisten Philosophen vor Hegel unterstellten, sondern sie entwickelt sich erst aus der besonderen Fähigkeit des Menschen, tätig zu werden, sich zu entäußern, Objekte außerhalb seiner selbst zu erkennen und, um diese Erkenntnis bereichert, mit neuem Wissen zu sich zurückzu- Vorwort IX kehren. Vernunft entsteht also erst aus dem befriedigten Bedürfnis. Letzteres ist Bedingung und nicht nur etwas, das uns mit dem Tier verbindet und domestiziert, zurückgedrängt, überwunden oder dem kategorischen Imperativ unterworfen werden muss, wie noch von Kant gefordert wird. Erst das befriedigte erste Bedürfnis macht es möglich, dass Vernunft entstehen kann. Man kann diese Entdeckung Hegels als revolutionär verstehen, weil er der erste seiner Zunft ist, Bedürfnis und Vernunft zusammenzubringen, anstatt auf ihrer Gegensätzlichkeit zu bestehen, lediglich die Vernunft als absolute menschliche Qualität auszurufen und die Bedürfnisse allein dem Tierischen zuzuordnen. Die Hegelsche anthropologische Axiomatik erkannt zu haben, ist die besondere Leistung von Karl Marx und zum Verständnis seines Historisch-Dialektischen-Materialismus kaum zu überschätzen. Auch so bekannte Theoretiker wie zum Beispiel Ernst Bloch, Herbert Marcuse, Theodor W. Adorno, Georg Lukács und besonders Jürgen Habermas sind ohne Hegel und durch ihn auch Marx nicht verstehbar. Hegel verdanken wir eine völlig neue Betrachtungsweise der Geschichte, der Gesellschaft und auch des menschlichen Individuums, die dialektische, die mit dem Siegeszug der Technik und der Naturwissenschaften im digitalisierten Zeitalter zunehmend der formalen Logik erliegt, die dazu angetreten ist, alle sich auftuenden Widersprüche möglichst perfekt aufzulösen. Da wird über eine Methode, wie sie Hegel entwickelt hat und die den Widerspruch zum zentralen Movens der Weltgeschichte sowie im Handeln der Einzelnen erklärt, verständnislos der Kopf geschüttelt, sie belächelt oder gar als Unsinn erklärt. Um die gesellschaftliche Notwendigkeit von Ethik und Moral zu erfüllen, wird auf Kant verwiesen und dessen kategorischen Imperativ. Kant bleibt in den Köpfen aktuell, weil er nach wie vor an den Schulen behandelt wird, sofern der Philosophie-Unterricht überhaupt größeren Raum einnimmt, von Leistungskursen ganz zu schweigen. Mathematik, Physik, Chemie und Biologie sind gefragt, will man nach dem Abitur Karriere machen. Die Frage nach dem Wesen des Menschen wird unter der Perspektive seiner Leistungsfähigkeit und -bereitschaft, seiner marktorientierten Verwertbarkeit behandelt; wer oder was er eigentlich ist, was ihm guttut, woher er kommt, was seine eigentliche Natur ist, bleibt im Allgemeinen unhinterfragt. Kants Sittengesetz, seine Maxime, die sich an jeden Einzelnen richtet, sich so zu verhalten, dass seine Handlun- Vorwort X gen zur allgemeinen Gesetzmäßigkeit erhoben werden könnten, scheint auszureichen. Existierende Gesetze, standardisierte Normen und Gewohnheiten bleiben unhinterfragt. Die „normative Kraft des Faktischen“, um mit Habermas zu reden, scheint die ganze Welt unter ihre Herrschaft zu zwingen. Und diese normative Kraft geht hauptsächlich vom Kapital, von Aktien, vom Besitz an Grund und Boden, Geld und Macht aus. Seit dem Versagen des sogenannten real existierenden Sozialismus scheinen diese Fakten als unumstößliche. Dass man aber mit dem Versagen der sozialistischen Idee nicht auch die gesamte marxistische Theorie und mit ihr die Hegelsche Dialektik verwerfen sollte, dafür soll die vorliegende Schrift den Nachweis antreten. Denn der anthropologische Kern in Hegels „Phänomenologie“ ist der gleiche wie in der Theorie von Karl Marx sowie von den hier behandelten weiteren Autoren. Alle sind in erster Linie Humanisten und ihr Denken ist dialektisch und nicht auf formale Logik reduziert. Humanist kann man aber nur sein, wenn man in der Lage ist, dialektisch zu denken und zu analysieren, und das ist nicht leicht, das muss gelernt werden. Das war Hegel durchaus bewusst, wenn er mahnt, dass nichts schwerer ist, als feste Gedanken in Bewegung zu bringen. Dass Überzeugungen, Gewohnheiten, Traditionen, eben das allgemein Bekannte kaum mehr hinterfragt oder kritisiert werden, weil das großer reflexiver Anstrengung bedarf und nicht selten zur Ausgrenzung derjenigen, die das wagen, führt. Hegel selbst hat sich darüber empört, dass ‚ein jeder glaube, in der Philosophie mitreden zu können, nur weil er denken kann, aber dass jeder davon überzeugt ist, dass man eine mehrjährige Ausbildung braucht, um Schuster zu werden‘. Als ob man das Denken, das kritische, durchschauende, analytische Denken nicht erst lernen müsse. Um Hegel aus seiner „Phänomenologie“ zu zitieren: „Das Bekannte ist überhaupt darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“1 Dass A nicht auch zugleich B sein kann, leuchtet jedem ein. Davon geht die formale Logik aus. Dass aber A auch zugleich Nicht-A, dass Identisches auch zugleich Nicht-Identisches sein kann, dies ist nur mittels der dialektischen Methode zu verstehen, die mit der Art und Weise ihres reflexiven Vorgehens viel größere Erkenntnismöglich- 1 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt a.M., Berlin, Wien 1970, S. 28 Vorwort XI keiten eröffnet als es die formale Logik vermag. Dass zum Beispiel jemand aus dem Fenster fällt, weil hier die Schwerkraft am Werk ist, wie die formale Logik zu Recht feststellt, wird dem, der fällt, nicht gerecht. Es kommt auf die Frage an, warum fällt er; ist es Zufall? Wurde er gestoßen? Hat er sich aus Liebeskummer hinabgestürzt, oder war er betrunken und hat beim Hinausschauen das Gleichgewicht verloren? und vieles mehr. Diese Fragen zu beantworten, gilt es, um den Fall zu verstehen und zu beurteilen. Dazu müssen die vielfältigsten Umstände, die den Hinabstürzenden betreffen, zueinander vermittelt werden. Und dazu reicht die formale Logik nicht aus; dazu bedarf es zusätzlich der Dialektik, welche die unterschiedlichsten Umstände, die zu dem Sturz geführt haben, berücksichtigt und zueinander in Beziehung setzt, um die wirklichen Ursachen aufzudecken, auch wenn sie vielleicht niemand wahrhaben will. Dieser Tatsache hat bereits unsere Rechtsprechung Rechnung gezollt, wenn sie letztendlich berücksichtigt: In dubio pro reo, im Zweifel für die Sache des Angeklagten, weil auch sie davon ausgeht, dass die Wahrheit hinter den Geschehnissen mit der gängigen Beweislogik nicht immer umfassend ans Licht befördert werden kann. Denn ‚es irrt der Mensch, solang er strebt‘, sagt bereits Goethe in seinem „Faust“ und zeichnet sich schon mit diesem Zitat als Dialektiker aus; denn der Irrtum gehört zur Wahrheit wie das Falsche zum Richtigen, das Negative zum Positiven, das Böse zum Guten, das Faktum zum Widerspruch, das Subjekt zum Objekt. Die Begründung hierfür liefert die Hegelsche Dialektik. Erst im Alter von einundvierzig Jahren heiratete Hegel die zwanzigjährige Tochter von Senator Freiherr Tucher von Simmelsdorf und Freiin Haller von Hallerstein, Marie von Tucher, mit der er zwei Söhne hatte, die beide Karriere im Öffentlichen Dienst machten und ein hohes Alter erreichten. Hegel hatte bereits einen 1807 geborenen unehelichen Sohn mit der Frau seines Hauswirtes, als er in Jena noch zur Untermiete gewohnt hat. Er kümmerte sich durchaus um ihn und auch seine Frau akzeptierte den Jungen und nahm ihn in ihre Familie auf. Aber der Sohn schien sich nirgendwo zu Hause zu fühlen und wurde sehr schwierig. Letztendlich wussten sich die Hegels keinen anderen Rat mehr und kauften ihm ein Offizierspatent im holländischen Kolonialdienst. Er soll 1831, im selben Jahr wie sein Vater, in Djakarta an den Folgen einer Krankheit gestorben sein. Vorwort XII Seit 1827 litt Hegel an Magenbeschwerden, die ihn für den Rest seines Lebens begleiten sollten. Als sie chronisch zu werden drohten, musste er eine zum Teil sehr strenge Diät einhalten. Seine physischen Kräfte nahmen zusehends ab und auch sein Gemütszustand verschlechterte sich bis hin zu zeitweisen schweren Depressionen. Dennoch dachte niemand daran, dass er sobald sterben würde. Noch vier Tage vor seinem Tod eröffnete er seine Vorlesung in scheinbar völligem Wohlbefinden. Georg Wilhelm Friedrich Hegel starb am 14. November 1831 im einundsechzigsten Lebensjahr wahrscheinlich an einem chronisch gewordenen Magenleiden und nicht an der zu dieser Zeit in Berlin wütenden Cholera. Vorwort XIII

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References

Zusammenfassung

Am 28. August 2020 wäre Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) zweihundertfünfzig Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass setzt sich Karin Weingartz-Perschel mit der aktuellen Bedeutung der Hegelschen Dialektik für die geisteswissenschaftliche Forschung auseinander. Sie plädiert dafür, dass Hegels anthropologische Axiomatik als das Bleibende und Vorwärtsgerichtete an seinem philosophischen Wirken erachtet werden sollte.

In Hegels Frühwerk, der „Phänomenologie des Geistes“, findet sich seine anthropologische Axiomatik, auf der sich sein ganzes Gedankengebäude erhebt. Nur hier lässt sich der Schlüssel zu seiner Dialektik in Form seiner anthropologischen Grundannahmen finden. Alle seine weiteren Werke unterstellen dieses Wissen nur. Die „Phänomenologie“ sollte daher nicht lediglich als Frühwerk oder als zu vernachlässigende Einleitung in Hegels Hauptwerk abgetan werden, sondern einen deutlich höheren Stellenwert einnehmen.