III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx in:

Karin Weingartz-Perschel

Hegels anthropologische Axiomatik, page 79 - 134

Zur Aktualität der Hegelschen Dialektik

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4417-9, ISBN online: 978-3-8288-7424-4, https://doi.org/10.5771/9783828874244-79

Tectum, Baden-Baden
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Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx Der Hegelianer Marx Wer den historisch-dialektischen Materialismus von Marx verstehen will, kommt am Hegelstudium nicht vorbei, besonders nicht an dem Studium der „Phänomenologie des Geistes“ und der „Wissenschaft der Logik“, da diese, alleine schon wegen der Diktion, zum Teil Begriffe in einer unserem Verständnis diametral entgegengesetzte Bedeutung haben, aber Schlüsselfunktionen für das Verständnis beinhalten. Zum Beispiel meint Hegel unter Abstraktem etwas für uns Konkretes – und umgekehrt; das für uns Abstrakte nennt Hegel das Konkrete. Abstrakt nennt Hegel die Einzelheit, weil sie ein vom Ganzen Abstrahiertes sei; konkret sei dagegen das Ganze, die Totalität, weil sie eben ein von Nichts Abstrahiertes ist, sondern ein in sich ein Ganzes, das wir in unserer Umgangssprache aber eher als abstrakt bezeichnen. Allein dieser Umstand macht ein weitverbreitetes Missverständnis bis hin zum Unverständnis, nicht nur von Hegel, sondern in unserem Falle auch von Marx, erklärbar. Wenn Marx sagt: „Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehn.“189 Das soll heißen, dass sich Gesellschaft zwar aus Einzelnen zusammensetzt, aber als Ganzes eine besondere Qualität besitzt. Auch der junge Marx hatte selbst große Schwierigkeiten, Hegel zu begreifen. 1837 schrieb er an seinen Vater: „Ich hatte Fragmente der Hegelschen Philosophie gelesen, deren groteske Felsenmelodie mir nicht behagte.“190 Und im selben Jahr verfasste er ein Hegel-Epi- III. 1. 189 Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 189 190 Marx, Karl: Brief an den Vater, in: Karl Marx, Frühschriften, MEW Ergänzungsband, Erster Teil, Berlin 1973, S. 8 79 gramm, um seinem Unbehagen, das ihm die Auseinandersetzung mit der Hegellektüre bereitete, Ausdruck zu verleihen: „Weil ich das Höchste entdeckt und die Tiefe sinnend gefunden, bin ich grob, wie ein Gott, hüll‘ mich in Dunkel, wie er … Worte lehr‘ ich, gemischt in dämonisch verwirrtem Getriebe, Jeder denke sich dann, was ihm zu denken beliebt.“191 Erst Jahre später, 1844, beschäftigt sich Marx intensiv mit dem Werk Hegels, besonders mit der „Phänomenologie, und gelangt zur Erkenntnis, wie wichtig dessen Dialektik für sein eigenes Denken ist. „Das Große der Hegelschen Phänomenologie und ihrem Endresultat – der Dialektik der Negativität als dem bewegenden und erzeugenden Prinzip – ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß, die Vergegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und als Aufhebung dieser Entäußerung; daß er also das Wesen der Arbeit faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren weil wirkliche Menschen, als Resultat seiner eignen Arbeit begreift. Das wirkliche, tätige Verhalten des Menschen zu sich als Gattungswesen oder die Betätigung seiner als eines wirklichen Gattungswesens, d.h. als menschlichen Wesens, ist nur möglich dadurch, daß es wirklich alle seine Gattungskräfte – was wieder nur durch das Gesamtwirken der Menschen möglich ist, nur als Resultat der Geschichte – herausgeschafft, sich zu ihnen als Gegenständen verhält, was zunächst wieder nur in der Form der Entfremdung möglich ist.“192 Diesen Kern von Hegels dialektischer Methode, Geschichte als Selbsterzeugungsprozess des Menschen begreifbar zu machen, herausgearbeitet zu haben und so vor dem Vergessen zu retten, ist Marxens große Leistung, denn die Besonderheit der dialektischer Methode er- öffnet den Gesellschaftswissenschaften eine völlig neue Herangehensweise an soziale Probleme, die über die bis dahin allgemeingültige formal-logische Methode der Naturwissenschaften hinausgeht. Ihr Prinzip ist es, den Widerspruch ausdrücklich ein, statt auszuschließen, wie es die Logik fordert, dass A gleichzeitig auch Nicht-A sein kann, also Subjekt gleich Objekt. Marx hat, im Gegensatz zu manch anderem Denker seiner Zeit und auch noch manchem heutigen, durchaus verstanden, was Hegel 191 Ebd.: S. 607 192 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband, Erster Teil, Berlin 1973, S., S. 574 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 80 mit „Negation der Negation als Position“ ausdrücken will und stimmt mit dessen Aussprüchen: „Alle Dinge sind an sich widersprechend“193 völlig überein, denn dadurch wird der Prozess durch Bewegung erst möglich. „Was überhaupt die Welt bewegt, das ist der Widerspruch.“194 Besonders beeindruckt hat Marx Hegels Entdeckung, dass der Mensch ein tätiges, arbeitendes Wesen ist und so seine Welt selbst erzeugt. Dass Hegel den arbeitenden Menschen zum ausführenden Medium eines Weltgeistes degradiert, sieht Marx diesem nach, weil er dies nur dem Hegelschen Zeitgeist zuschreibt. Immerhin, so begreift Marx, gibt es für Hegel keinen jenseitigen Gott mehr, sondern nur einen Weltgeist, der sich aber innerhalb dieser Welt befindet und für uns erkennbar ist. Marx befreit Hegels Denken aus dieser geistigen „Umklammerung“ und bezieht sich ausdrücklich auf Hegels Praxis-Begriff. „Praktisch verhält sich der Mensch zu der Natur als zu einem Unmittelbaren und Äußerlichen selbst als ein unmittelbar äußerliches und damit sinnliches Individuum, das sich aber auch so mit Recht als Zweck gegen die Naturgegenstände benimmt.“195 Es bedient sich der Mittel der Natur und setzt sie zu eigenen Zwecken ein. Der Mensch benutzt den Baum als Holz, das Wasser zum Trinken, Baden, Waschen und Stauen, das Feuer zum Wärmen, Kochen und Braten, und so unendlich fort. Er entwickelt Werkzeuge und lässt die Objekte der Natur sich aneinander abarbeiten, indem er sie zwischen sich und die Natur einschiebt und sich damit selbst entlastet. „Daß der subjektive Zweck, als die Macht dieser Prozesse, worin das Objektive sich aneinander abreibt, … ist die List der Vernunft … Der erreichte Zweck ist daher (wiederum, d.V.) nur ein Objekt, das auch wieder Mittel oder Material für andere Zwecke ist, und so fort ins Unendliche.“196 Dieser unendliche Prozess äußert sich als Resultat in der menschlichen Praxis. Es ist die Tätigkeit, die Arbeit, welche die Geschichte, die Zivilisation entstehen lässt. Die Quintessenz der Hegelschen Philosophie gipfelt darin, erkannt zu haben, dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich zu entäußern, tä- 193 Hegel, GWF: Die Wissenschaft der Logik II, Frankfurt a.M. 1986, S. 74 194 Hegel, GWF: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, Frankfurt a.M. 1987, S. 247 195 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 199, § 245 196 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 180 f., § 209, 211 1. Der Hegelianer Marx 81 tig zu werden, zu arbeiten. Diesen Kern der Hegelschen Philosophie hat Marx herausgearbeitet und macht ihn zur Axiomatik seines eigenen Denkens. Doch die Arbeit, „welche Hegel allein kennt und anerkennt, ist die abstrakt geistige.“197 Hegel erklärt den Denkprozess, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelte, zum Schöpfer der Wirklichkeit, die er selbst nur als äußere Erscheinung herabstuft.198 „Wichtig ist, daß Hegel überall die Idee zum tätigen Subjekt macht und das eigentliche, wirkliche Subjekt … zum passiven Resultat.“199 Zwar beschreibt Hegel den Arbeitsprozess als realen, den die wirklichen Menschen praktisch vollziehen, doch unterstellt er ihm als das eigentliche Movens ein rein geistiges Prinzip, das als List der Vernunft die Art und Weise der menschlichen Arbeit bestimmt: „Die Vernunft ist ebenso listig als mächtig. Die List besteht überhaupt in der vermittelnden Tätigkeit, welche, indem sie die Objekte ihrer eigenen Natur gemäß aufeinander einwirken und sich aneinander abarbeiten läßt, ohne sich unmittelbar in diesen Prozeß einzumischen, gleichwohl nur ihren Zweck zur Ausführung bringt.“200 Dass zielgerichtete menschliche Tätigkeit ohne die Vorbestimmung eines „absoluten Geistes“ geschieht, das traut Hegel den Individuen nicht zu. Aber er war davon überzeugt, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, hinauf auf die höchste Stufe dieses Weltgeistes mittels Wissenserwerb zu gelangen, wenn er sich nur genügend anstrengt. Dass die schwachen Menschen ihre Geschichte einzig und allein selbst bewerkstelligt haben und bewerkstelligen, konnte er nicht glauben. Er war aber davon überzeugt, dass in jedem Menschen dieser Weltgeist mehr oder weniger vertreten ist und sich dieser nur durch die Menschen realisieren kann. Deshalb war Hegel auch davon überzeugt, dass die Menschen, wenigstens durch ihre gebildeten Vertreter, diese Idee der Vernunft, nämlich in der dialektischen Erkenntnis, dass alle Men- 197 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband, Erster Teil, Berlin 1973, S. 574 198 Vgl. Marx, Karl: Das Kapital Bd. 1, MEW 23, a.a.O., S. 27 199 Marx, Karl: Kritik des Hegelschen Staatsrecht, MEW 1, Berlin 1968, S. 209 200 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie I, zit. In: Marx, Karl: Das Kapital Bd. 1, MEW 23, a.a.O., S. 194 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 82 schen von allen Menschen abhängig sind, weil sie in beständigem Ent- äußerungs- und Austauschprozess stehen, verwirklichen können. Den Beweis dafür sah Hegel im Gelingen der Französischen Revolution. Mit der Verwirklichung der bürgerlichen Gesellschaft und im Ansatz des Preußischen Staates schien ihm dieses Ziel annähernd realisiert zu sein. Mit der Idee des Preußischen Staates wie mit dem Weltgeist räumte Marx gründlich auf. Man kann sagen, indem er Hegel quasi entrümpelte, rettete er ihn für die Nachwelt. Derart entrümpelt, bildet Hegels dialektische Axiomatik die eigentlich grundsätzliche Methode für seine eigene Theorie, den historisch – dialektischen Materialismus. Das Kapitel über den Fetischcharakter der Ware, zu Anfang des „Kapital“, muss unverständlich bleiben, wenn man die Frühschriften von Marx, besonders die ökonomisch-philosophischen und die Auseinandersetzung hauptsächlich mit der Hegelschen Dialektik nicht kennt, nur überflogen, nicht ernst genommen oder verstanden hat. Deshalb wird das Fetisch-Kapitel auch heute noch manchmal als unlesbar oder unverständlich ausgeklammert. Doch liegt gerade hier der Schlüssel zu Marxens gesamtem Werk und seiner Bezogenheit auf Hegel. Die Erkenntnisse seiner frühen Beschäftigung besonders mit Hegel und den Begriffen der Entäußerung, der Tätigkeit und der Arbeit als Prinzipien menschlicher Selbsterzeugung, setzt Marx bei der Lektüre des „Kapital“ voraus. Im Fetischkapitel spielt die Frage, wie sich die Produkte der menschlichen Arbeit in Waren verwandeln können, die keinen besonderen Bezug mehr zu den Menschen, die sie produzierten, haben, sondern ihre Bedeutung lediglich im Kaufakt mit dem Tauschwert gewinnen, der den Preis bestimmt. Natürlich muss die Ware auch für den Gebrauch geeignet sein, sonst würde sie ja nicht gekauft. Aber der Preis ergibt sich nicht mehr aus dem Gebrauchswert selbst, wie es noch in der Tauschgesellschaft der Fall war, in der jeder wusste, wie viel das zu erwerbende Produkt wert ist, wie viel Arbeit, Zeit Material und Können in ihm steckt. Der Preis ergibt sich nun aus dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage, wie es sich auf dem anonymen Warenmarkt herstellt, sein Entstehungsprozess bleibt für den Käufer undurchschaubar und insofern irrational, was besonders in den sogenannten Sonderangeboten und Ausverkäufen deutlich wird. Die Ware erhält den Wert, den die Nachfrage ihr gibt. Wollen sie viele haben, gilt 1. Der Hegelianer Marx 83 sie als wertvoll, will sie keiner, ist sie wertlos; die wirkliche Qualität spielt keine Rolle mehr. Ihre wichtigste Qualität ist die Austauschbarkeit und da das Geld die optimalste Austauschbarkeit besitzt, weil es sich gegen alles und jedes austauschen lässt, nennt Marx sie auch die absolute Ware, die du in der Tasche mit dir herumtragen kannst, wie der Wilde seinen Fetisch an seinem Körper, oder die du jederzeit verfügbar am Geldautomaten ziehen kannst. Aus diesem Grunde deklariert Marx den Begriff der Ware zur zentralen Kategorie in der Analyse der bürgerlichen Gesellschaft und des Kapitalismus. Im Vorwort zur ersten Auflage des ersten Bandes Kapital betont Marx, dass die Analyse der Ware dem Leser die größten Verständnisschwierigkeiten bereiten wird, weil sie ihm eher als Spitzfindigkeit denn als der Springpunkt der kapitalistischen Produktionsweise einleuchten will.201 Auf den ersten Blick scheint die Ware ein selbstverständliches, triviales Ding zu sein, wie z.B. ein Tisch, der aus Holz gemacht ist. „Es ist sinnenklar, daß … die Form des Holzes verändert (wird), wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Er steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen andren Waren gegenüber auf den Kopf und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.“202 Marx will an diesem Beispiel verdeutlichen, dass der Kauf des Tisches nicht mehr nur von seinem Verwendungszweck allein abhängt, sondern davon, was er kostet und wie repräsentativ er ist. Der Käufer weiß nicht, ob sein Preis dem Wert wirklich angemessen ist, selbst wenn er an dessen Produktion beteiligt gewesen sein sollte. Es ist die Nachfrage auf dem anonymen Markt, wo alle Waren angeboten werden und miteinander in Konkurrenz stehen, wo selbst die Arbeitnehmer zur Ware werden, weil sie ebenfalls nur dem Prinzip von Angebot und Nachfrage untergeordnet sind und nicht primär nach ihren menschlichen Qualitäten beurteilt werden. Auch die Nichtarbeiter, nicht zu verwechseln mit den Arbeitslosen oder Arbeitsunfähigen, die 201 Marx, Karl: Kapital I, MEW 23, Berlin 1973, S. 11 202 Marx, Karl: Ebd. S. 85 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 84 Kapitalisten und Großgrundbesitzer werden nicht primär an ihren menschlichen Werten gemessen, sondern an ihrem Besitz, an ihrer Macht und ihrem Einfluss, aber nicht an ihrer Arbeitskraft, wie der Arbeitnehmer. Der Wert des Menschen muss in Geld wechselbar sein, das er hat oder beschaffen und schützen kann. Noch im dritten Band des „Kapital“ spricht Marx von „Monsieur le Capital und Madame la Terre“203, die als bloße Dinge ihren Spuk treiben. Die Macht des Geldes bewirkt natürlich auch die affektive Besetzung desselben und tritt offen als Geldfetischismus auf, z.B. als Dagobert – Duck – Syndrom in der Psychologie. Adorno brachte dieses Phänomen auf den Punkt; „Im Warenfetischismus neuen Stils, im sadomasochistischen Charakter und im Akzeptanten der heutigen Massenkunst stellt sich die gleiche Sache nach verschiedenen Seiten dar. Die masochistische Massenkultur ist die notwendige Erscheinung der allmächtigen Produktion selber. Die affektive Besetzung des Tauschwertes ist keine mystische Transsubstantion. Sie entspricht der Verhaltensweise des Gefangenen, der seine Zelle liebt, weil nichts anderes zu lieben ihm gelassen wird.“204 Wie für den Gefangenen die Zelle bleibt dem Individuum nichts anderes übrig, als die Waren affektiv zu besetzen, die ihm zur Befriedigung seiner Bedürfnisse angeboten werden. Und da es mit Geld scheinbar all seine Wünsche erfüllen kann, besetzt es dieses mit den höchsten Gefühlen. Marx erklärt: „Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dieses Quidproquo werden die Arbeitsprodukte zu Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge … Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt.“205 203 Marx, Karl: Kapital III, MEW 25, Berlin 1976. S. 838 204 Adorno, Theodor Wiesengrund: Dissonanzen, Göttingen 1956, S. 21 205 Marx, Karl: Kapital I, MEW 23, Berlin 1973, S. 86 1. Der Hegelianer Marx 85 Hier zeigt Marx, wie nahe er der Subjekt – Objekt – Dialektik von Hegel steht. Die Subjekt-Objekt-Dialektik, der Prozess menschlicher Entäußerung, Tätigkeit, Arbeit, die Hegels anthropologische Axiomatik ausmachen, dienen als Schlüssel zum Verständnis der Gedanken von Marx, aber auch von Bloch und Habermas, wie später noch ausgeführt werden wird. Der dialektische Widerspruch zwischen Subjekt und Objekt zwingt beide, einander wahrzunehmen, ihr Bewusstsein zu bewegen und zwischen beiden zu vermitteln, um einander zu verstehen. „Denn Vermittlung ist ein Anfang und ein Fortgegangensein zu einem Zweiten, so daß dies Zweite nur ist, insofern zu demselben von einem gegen dasselbe Andern gekommen worden ist.“206 Die Fähigkeit der Vermittlung ist nur dem Menschen gegeben. Nur er ist in der Lage, Jemanden oder Etwas außerhalb seiner Selbst wahrzunehmen, sich in ihn oder etwas hineinzuversetzen, dessen besondere Qualitäten zu erkennen, sich damit zu identifizieren (bewusst oder unbewusst) und beeinflussen zu lassen. Er kann gar nicht anders, weil keine Instinktregulation ihn daran hindert, wie das Tier. Alles, was er wahrnimmt, und mag es auch noch so ein kurzer Augenblick sein, hinterlässt seine Spuren in seinem Bewusstsein. Wenn dies nicht so wäre, würde es keinerlei Werbung in den Medien geben. Dieser Prozess spielt sich nach Marx auch zwischen den Menschen und den Waren ab, sodass der Konsumcharakter der Waren den Charakter auch der Menschen bestimmt und sich die Menschen schließlich im Umgang miteinander nicht mehr von den Waren unterscheiden, weil sie sich mit ihnen identifizieren. Die Ware wird vermenschlicht und die Menschen versachlicht, verdinglicht. Dialektischer Materialismus So lautet die wissenschaftliche Bezeichnung der marxistischen Theorie, um den Gegensatz zur idealistischen Philosophie zu unterstreichen. Damit ist nicht gemeint, was wir heute allgemein unter „materialistisch“ verstehen, nämlich nach materiellen Besitztümern zu streben. Marx nennt seine Theorie materialistisch, um ihre Bezogenheit auf die 2. 206 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 45, § 12 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 86 reale Wirklichkeit der Menschen, ihre Lebenspraxis zu betonen. Statt primär einer Idee zu folgen, fordert Marx, die unmittelbare Alltagsrealität der Individuen zur Grundlage aller Freiheits-, Gleichheits- und Brüderlichkeitsforderungen zu machen, wie sie seit der Französischen Revolution auf der Agenda des Bürgertums stehen, welches die besondere Rolle des Proletariats noch nicht als historische wahrgenommen hatte. Bereits in den „Ökonomisch – philosophischen Manuskripten“ spricht Marx vom „wahren Materialismus Feuerbachs“, die Gesellschaft nicht aus der Perspektive des Denkens, der Vernunft oder der Religion, sondern der Perspektive, die das „gesellschaftliche Verhältnis des Menschen zum Menschen … zum Grundprinzip der Theorie macht.“207 Zwar kritisiert er später Feuerbachs eindimensionale Definition dieses Verhältnisses als Liebesverhältnis, das man nur als solches erkennen müsse, um sich dann darauf zu verständigen. Dennoch geht für Marx von ihm der gravierende Impuls aus, Hegel materialistisch zu wenden. Die Menschen sind im Dienste ihres Lebens tätig, sie arbeiten, um ihr Lebensumfeld zu gestalten und zu optimieren. Sie irren, korrigieren, verbessern, verwerfen, erfinden, wünschen und erzeugen so ihre eigene Welt, ihre Zivilisation, ihre Geschichte. Sie befinden sich im ständigen Austausch mit ihren Mitmenschen sowie mit der Natur und entwickeln ein ständig differenzierteres Bewusstsein von sich, der Welt, den Dingen und deren Zusammenhängen. „Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion,“208 Der Begriff „historisch – dialektischer Materialismus“ stammt von Engels, der sich nach Marxens Tod um die Verbreitung der Theorie bemühte. Marx selbst spricht stets von seiner „materialistischen Methode“ und der „materialistischen Basis“ seiner Theorie. Dennoch ist Engels‘ Bezeichnung des Marxismus durchaus angemessen, da das Untersuchungsfeld die Geschichte ist und die Untersuchungsmethode die Dialektik, welche vom Zusammenhang aller historisch – gesellschaftli- 207 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, a.a.O., S. 570 208 Marx, Karl: Deutsche Ideologie, in: Die Frühschriften, a.a.O., S. 347 2. Dialektischer Materialismus 87 chen Phänomene ausgeht, eben von deren Totalität im Hegelschen Sinne – von ihrer idealistischen Hülle natürlich befreit. Mit Hilfe Hegels Begriff der Entäußerung entdeckt Marx den Menschen als eigentlichen Demiurgen der Geschichte. Dies hat Marx selbst immer wieder betont, er hätte Hegel lediglich „vom Kopf auf die Füße gestellt“, vom absoluten Geist befreit und den Menschen als realen Produzenten der Geschichte darunter gefunden. Seine große Bewunderung für Hegel, dessen Dialektik er lebenslang treu blieb, zeigt sich in folgendem Zitat: „Das Große der Hegelschen Phänomenologie und ihrem Endresultat – der Dialektik der Negativität als dem bewegenden und erzeugenden Prinzip – ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß, die Vergegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und als Aufhebung dieser Entäußerung; daß er also das Wesen der Arbeit faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eignen Arbeit begreift. Das wirkliche, tätige Verhalten des Menschen zu sich als Gattungswesen oder die Betätigung seiner als eines wirklichen Gattungswesens, d.h. als menschlichen Wesens, ist nur möglich dadurch, daß es wirklich alle seine Gattungskräfte – was wieder nur durch das Gesamtwirken der Menschen möglich ist, nur als Resultat der Geschichte – herausgeschafft, sich zu ihnen als Gegenständen verhält, was zunächst wieder nur in der Form der Entfremdung möglich ist.“209 Die materialistische Wendung der Hegelschen Dialektik durch Marx erfährt ihren zentralen Impuls durch Hegels Beispiel des Verhältnisses zwischen Herrn und Knecht, mit dem er seine Dialektik verdeutlichen will.210 Hier beschreibt Hegel das Verhältnis zwischen dem Herrn und dem Knecht als Subjekt – Objekt – Beziehung, in der sich beide miteinander identifizieren und als für einander notwendig akzeptieren. Der Herr identifiziert sich mit dem Knecht, weil dieser für ihn arbeitet; der Knecht identifiziert sich mit dem Herrn, weil dieser für das Leben des Knechts sorgt und es verteidigt und im Notfall für ihn kämpft, also sein Leben für ihn einsetzt. Dieses Bewusstsein vereint beide, weil sich 209 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, a.a.O., S. 574 210 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt, Berlin, Wien 1970, S. 177 ff. III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 88 beide gleichzeitig als der jeweils Andere verstehen. Auch für Hegel sind Herr und Knecht zwar autonome Subjekte, in der dialektischen Beziehung aber „zwei entgegengesetzte Gestalten des Bewußtseins … jenes der Herr, dies der Knecht“211 Beide sind im Bewusstsein der wechselseitigen Abhängigkeit ebenbürtig und fühlen sich miteinander auf dialektische Weise identisch. Somit ist das, „was der Knecht tut, … eigentlich Tun des Herrn“212 und umgekehrt. Marx hingegen macht deutlich, dass sich der Widerspruch zwischen Herrn und Knecht nicht bewusstseinsdialektisch auflösen lässt, sondern nur in der praktischen Wirklichkeit als Klassenwiderspruch, als Aufhebung von Herrschaft und Knechtschaft überhaupt. Und dies könnte nur durch die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln geschehen und deren Überführung in Gemeineigentum, damit die Ausbeutung der Arbeiter durch den Kapitalisten, des Besitzlosen durch den Besitzenden und damit des Menschen durch den Menschen endlich ein Ende hätte. Unter Privateigentum versteht Marx keineswegs den persönlichen Besitz der Leute, wie zum Beispiel eigenes Werkzeug, Musikinstrumente, einen Garten oder die Wohnung, in der man wohnt. Ausschließlich das Privateigentum an Produktionsmitteln, mit dem Kapital akkumuliert und Gewinn maximiert wird und das auf Kosten der Arbeitnehmer, ist gemeint. Bereits im Manifest der Kommunistischen Partei betont er: „Wenn also das Kapital in ein gesellschaftliches, allen Mitgliedern der Gesellschaft angehöriges Eigentum verwandelt wird, so verwandelt sich nicht persönliches Eigentum in gesellschaftliches. Nur der gesellschaftliche Charakter des Eigentums verwandelt sich. Er verliert seinen Klassencharakter.“ Marx entwickelt seinen dialektischen Materialismus zwar am Leitfaden von Hegels Dialektik, aber deren materialistische Wendung erfährt ihren zentralen Impuls durch Hegels Beschreibung des Verhältnisses zwischen Herrn und Knecht, mit dem er seine Dialektik verdeutlichen will.213 Hegel wählt als Beispiel das Verhältnis von Herr und Knecht als Subjekt – Objekt – Beziehung, in der sich beide miteinan- 211 Hegel, G.W-F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 117 212 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 118 213 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt, Berlin, Wien 1970, S. 177 ff. 2. Dialektischer Materialismus 89 der identifizieren und als für einander notwendig akzeptieren. Der Herr identifiziert sich mit dem Knecht, weil dieser für ihn arbeitet; der Knecht identifiziert sich mit dem Herrn, weil dieser für das Leben des Knechts sorgt und es verteidigt. Dieses Bewusstsein vereint beide, weil sich beide gleichzeitig als den jeweils anderen verstehen. Für Hegel sind Herr und Knecht zwar autonome Subjekte, in der dialektischen Beziehung aber „zwei entgegengesetzte Gestalten des Bewußtseins … jenes der Herr, dies der Knecht“214 Beide sind im Bewusstsein der wechselseitigen Abhängigkeit ebenbürtig und fühlen sich miteinander auf dialektische Weise identisch. Somit ist das, „was der Knecht tut, … eigentlich Tun des Herrn“215 und umgekehrt. So können beide in gegenseitiger Akzeptanz in Frieden mit einander leben, da sich beide im Bewusstsein außer sich selbst auch als der Andere fühlen. Der ursprüngliche Widerspruch zwischen Herrn und Knecht gilt für Hegel damit als überwunden, indem sich beide einander als notwendige Einheit auf einer höheren Bewusstseinsebene als Einheit empfinden. Marx hingegen macht deutlich, dass sich der Widerspruch zwischen Herrn und Knecht nicht bewusstseinsdialektisch auflösen lässt, weil Herr und Knecht sich nicht als ebenbürtige Menschen begegnen in einer freien Subjekt-Objekt-Beziehung. Dies wäre erst möglich in einer klassenlosen Gesellschaft, in der es keine Herrschaft des Menschen über den Menschen mehr gäbe. Der Widerspruch zwischen Herrn und Knecht kann nur in der praktischen Wirklichkeit als Klassenwiderspruch aufgehoben werden, als Aufhebung von Herrschaft und Knechtschaft überhaupt. Und dies könnte nur durch die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln möglich werden und deren Überführung in Gemeineigentum, damit die Ausbeutung der Arbeiter durch den Kapitalisten, des Besitzlosen durch den Besitzenden und damit des Menschen durch den Menschen endlich ein Ende hätte. Zur differenzierteren Charakterisierung seiner Vorstellung von Gesellschaft unterscheidet Marx sie in den „ideologischen Überbau“ einerseits und die „ökonomische Basis“ andererseits, wobei er der ökonomischen Basis einen gewissen Primat zuspricht. Dabei ist er sich 214 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 117 215 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 118 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 90 durchaus der dialektischen Wechselwirkung bewusst ist. Um das, was er unter ökonomischer Basis verstanden wissen will, näher zu bestimmen, formuliert er die Begriffe a) „Produktivkräfte“ und b) „Produktionsverhältnisse“. Dabei bezeichnet er die „Produktivkräfte“ als dynamisch-progressiv und die „Produktionsverhältnisse“ als statisch-konservativ. Zu a) Schon in der „Deutschen Ideologie spricht Marx von Produktionskräften als die Substanz der Geschichte überhaupt und gleichbedeutend mit dem Begriff Produktivkräfte. „Die Geschichte ist nichts als die Aufeinanderfolge der einzelnen Generationen, von denen jede die ihr von allen vorhergegangenen übermachten Materiale, Kapitalien, Produktionskräfte exploitierte.“216 Später, 1859, konkretisiert er: „In der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit der Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt.“ 217 Die Produktivkräfte sind es, das wirtschaftliche und technische Wissen, welche die ökonomische Qualität einer Epoche bestimmen und die Verhältnisse, in denen die Menschen leben und arbeiten, nennt Marx die Produktionsverhältnisse. Die entscheidende Dynamik gesellschaftlicher Entwicklung geht von den Kräften aus, welche wir dem gesellschaftlichen Umgang mit dem technischen Fortschritt zuschreiben. Den Kern der Produktivkräfte bildet die menschliche Arbeit, die trotz fortschreitender Automatisierung und Computerisierung unverzichtbar ist. Besonders ihre schöpferische Qualität, die sie von jeder anderen Spezies unterscheidet und der wir unsere Zivilisation und Kultur verdanken, bildet die Besonderheit menschlichen Seins überhaupt. Die immerwährende Dynamik dieser Kraft treibt jede gesellschaftliche Stufe über sich hinaus. Die Menschen müssen sich nur darüber 216 Marx, Karl: Deutsche Ideologie, MEW 3, a.a.O., S. 45 217 Marx, Karl: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, MEW 13, a.a.O., S. 9 2. Dialektischer Materialismus 91 klar und bewusst werden, welche Zukunft sie wollen. Dazu müssen sie die Verhältnisse, in denen sie leben, reflektieren, um sie in die Richtung zu lenken, in die sie wollen, statt sich in vorgegebene, scheinbar unabänderliche Schicksale zu fügen, welche ihnen von Machthabern aufgezwungen werden. Marx war wie auch Hegel davon überzeugt, dass die Menschheit in der Lage sein wird, eines Tages Kriege, Ausbeutung und Unterdrückung überhaupt zu überwinden. Um diesen Prozess zu unterstützen, ihn zu beschleunigen, entwickelt er seine Theorie der Gesellschaft, seinen dialektischen Materialismus. Die unerschöpfliche Dynamik der Produktivkräfte, der schöpferischen Potenz menschlicher Tätigkeit, gerät zunehmend in Widerspruch zur gesellschaftlichen Realität, zu den Verhältnissen, in denen die Menschen leben und die davon geprägt sind, über wie viel Privateigentum sie an Produktionsmitteln verfügen, welche den gesellschaftlichen Arbeitsprozess dominieren. Haben sie nichts, so müssen sie ihre Arbeitskraft verkaufen, um zu leben. Werden sie arbeitslos, sind sie von der Unterstützung des Gemeinwesens abhängig. Dieser Widerspruch zwischen Produktionsverhältnissen, die immer weniger, aber verwertbarere, qualifiziertere Menschen im Produktionsprozess benötigen, und Produktivkräften, die z.B. als menschliche Arbeitskräfte brachliegen, weil sie keine bezahlte Arbeitsstelle finden und ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft nicht finanzieren können, oder Erfindungen, die aus Konkurrenzgründen zurückgehalten werden, führt zu gesellschaftlichen Unruhen. Diese bewirken, dass sich die Menschen über diesen Widerspruch Gedanken machen, sich seiner bewusst werden und ihn schließlich „auskämpfen“, meint Marx. Die Strategien dieses Auskämpfens sind stets ideologische. Sie sind die Folgen dieses ökonomischen Spannungsverhältnisses, das selbst der Auslöser, die Ursache des Konfliktes ist. Es folgt dann eine kürzere oder längere Epoche der Unruhen, sagt Marx. Doch wenn die Menschen nicht in der Lage sind, sie auszufechten und Kompromisse zu finden, drohen Aufruhr, Kriege, Zerstörung und auch einen Rückfall in die „Barbarei“ schließt Marx nicht aus. Der entwickelte Stand der Produktivkräfte, der gesamtgesellschaftliche Reichtum, erfordert eine entsprechende Veränderung des gesellschaftlichen Produktionssystems. Die bürgerlichen Produktionsver- III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 92 hältnisse, so revolutionär sie auch einmal waren, sind an die Grenzen ihrer Kapazität gestoßen, weil sie nicht in der Lage sind, den erwirtschafteten Reichtum menschlich angemessen zu verteilen. Die abstrakte Macht des Geldes, das Finanzkapital, beherrscht den Markt. Das Streben nach maximaler Rendite steht im Mittelpunkt des Interesses seiner Vertreter. Die Menschen werden als Mittel dazu betrachtet, anstatt als Hauptzweck zu gelten. Ihre schöpferischen Ressourcen werden auf die Kapitalverwertbarkeit eingeschränkt, statt ihre Universalität gesellschaftlich nutzbar zu machen. Zu b) Neben den Produktivkräften zählt Marx die Produktionsverhältnisse zur ökonomischen Basis einer Gesellschaft, worauf sich ein immenser ideologischer Überbau erhebt. Diese Produktionsverhältnisse nennt er gleichbedeutend mit den Eigentumsverhältnissen, welche das Leben der Menschen bestimmen. „In großen Umrissen können asiatische, antike, feudale und moderne bürgerliche Produktionsweisen als progressive Epochen der ökonomischen Gesellschaftsformation bezeichnet werden. Die bürgerlichen Produktionsverhältnisse sind die letzte antagonistische Form des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, antagonistisch nicht im Sinn von individuellem Antagonismus, sondern eines aus den gesellschaftlichen Lebensbedingungen der Individuen hervorwachsenden Antagonismu; aber die im Schoße der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.“218 Im Unterschied zu den Produktivkräften beschreibt Marx die Produktionsverhältnisse als prinzipiell konservativ, weil sie grundsätzlich bestrebt sind, ihre Eigentumsstruktur zu erhalten. Sie fördern also die Produktivkräfte nur insofern, als diese ihnen nützlich sind und ihre kapitalistische Struktur nicht gefährden. Sie versuchen, alles an den Realisierungsmöglichkeiten zu verhindern oder zu unterdrücken, was die vorherrschende Klassenstruktur der kapitalistischen Gesellschaft gefährden könnte oder gar als überflüssig erscheinen lassen würde. Sie ziehen es zum Beispiel vor, 218 Marx, Karl: Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, a.a.O., S. 9 2. Dialektischer Materialismus 93 Produkte, die schlecht oder nicht mehr verkäuflich sind oder nicht genug Profit abwerfen, zu vernichten, statt sie an jene zu verteilen, denen sie durchaus nützlich wären und die sie sich käuflich nicht leisten können. Sie lassen Patente von Erfindungen aufkaufen und verschließen sie in ihren Tresoren, weil sie den Absatz ihrer profitablen Produkte gefährden könnten. Sie versuchen, die fortschrittliche Entwicklung der Produktivkräfte zum Vorteil der Kapitaleigner zu steuern. Damit wirken sie deren Dynamik entgegen, sie verhalten sich restriktiv ihnen gegenüber. Nicht dass sie fortschrittfeindlich wären; jedoch fördern sie die Entwicklung der Produktivkräfte nur, indem diese profitmaximierend genutzt werden können und der Existenz der kapitalistischen Gesellschaftsordnung nicht gefährlich werden. Deshalb bezeichnet sie Marx als konservativ. Eine solche Gesellschaftsordnung nennt er „verkehrte Welt“, in der nicht der wirkliche Mensch regiert, sondern „Monsieur le Capital und Madame la Terre“219. Was das Kapital in der bürgerlichen Gesellschaft als ökonomische Basis von Macht und Herrschaft bedeutet, war die Grundrente im Feudalismus, also der Besitz an Grund und Boden. „Im Kapital-Profit … Boden-Grundrente, Arbeit-Arbeitslohn, in dieser ökonomischen Trinität als dem Zusammenlauf der Bestandteile des Werts und des Reichtums überhaupt mit seinen Quellen ist die Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise, die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse …; die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital und Madame la Terre als soziale Charaktere und zugleich unmittelbar als bloße Dinge ihren Spuk treiben.“220 Der Charakter einer Gesellschaft wird durch die Produktionsverhältnisse, also ökonomischen Verhältnisse, geprägt. Er verliert sein Humanum, wenn Kapital und Arbeit auseinandertreten und ersteres den Wert der letzteren bestimmt. Die besondere Qualität der menschlichen Arbeit verliert ihre axiomatische Bedeutung und wird zur Ware, die, wie jede andere, von Angebot und Nachfrage bestimmt wird. Das Geld bestimmt letztlich auch über den Wert des Menschen. Das führt, wie Marx folgert, zu einem verkehrten Weltverständnis, zur Mystifikation des Geldes, einer Sache, eines Dinges, das die Herrschaft 219 Marx, Karl: Das Kapital, Bd.III, MEW 25, Berlin 1964, S. 838 220 Ebd. III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 94 über die Menschen gewonnen hat. Diese Mystifikation ist aufzuheben, fordert Marx. Die Menschen müssen sich eine neue Gesellschaftsordnung schaffen, in der sie ihre Herrschaft über die Dinge haben statt umgekehrt. Sie sollen die verkehrte Welt zu durchschauen lernen und sie als die Wirklichkeit begreifen, in der sie die gestaltenden Subjekte sind, anstatt die bloßen Objekte zu sein, die vom Geld regiert werden. Zwar wird auch in dieser Wirklichkeit der menschlichen Befreiung die Notwendigkeit zu arbeiten nicht aufgehoben sein, das ist Marx durchaus bewusst, aber die Arbeit verliert ihren repressiven Klassencharakter, da sie nicht mehr vom Kapital bestimmt wird, sondern selbstbestimmt ist. „Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört … Die Freiheit in diesem Gebiet kann darin bestehen, daß der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als einer blinden Macht beherrscht zu werden. Aber es bleibt dies immer ein Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kräfteentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann. Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.“221 Dass dies geschehen würde, davon war Marx überzeugt, da er den Widerspruch in den Produktionsmethoden, die das Kapital anzuwenden pflegt, als den Grund für den Niedergang des Kapitalismus selber sah: „Die kapitalistische Produktion strebt beständig, diese ihr immanenten Schranken zu überwinden, aber sie überwindet sie nur durch Mittel, die ihr diese Schranken aufs neue und auf gewaltigerem Maßstab entgegenstellen. Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: daß das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint; daß die Produktion nur Produktion für das Kapital ist und nicht umgekehrt die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der Produzenten sind … Das Mittel – unbedingte Entwicklung der gesell- 221 206 Marx, Karl: Das Kapital, Bd. III, a.a.O., S. 828 2. Dialektischer Materialismus 95 schaftlichen Produktivkräfte – gerät in fortwährenden Konflikt mit dem beschränkten Zweck, der Verwertung des vorhandenen Kapitals. Wenn daher die kapitalistische Produktionsweise ein historisches Mittel ist, um die materielle Produktivkraft zu entwickeln und den ihr entsprechenden Weltmarkt zu schaffen, ist sie zugleich der beständige Widerspruch zwischen dieser ihrer historischen Aufgabe und den ihr entsprechenden gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen.“222 Auf Grund dieses Widerspruchs schließt Marx darauf, dass sich im Spätkapitalismus die Anzahl der Kapitalisten qua Konkurrenz und immer größerer Monopolbildungen extrem verringern wird und die Krisen sich häufen, bis sich die Widersprüche schließlich in einer höheren, freiheitlicheren, eben kommunistischen Gesellschaftsordnung auflösen werden und dass dieser Prozess nicht mehr fern ist. „Daß der Moment einer solchen Krise gekommen ist, zeigt sich, sobald der Widerspruch und Gegensatz zwischen den Verteilungsverhältnissen, daher auch der bestimmten historischen Gestalt der ihnen entsprechenden Produktionsverhältnisse einerseits und den Produktivkräften, der Produktionsfähigkeit und der Entwicklung ihrer Agentien andrerseits, Breite und Tiefe gewinnt. Es tritt dann ein Konflikt zwischen der materiellen Entwicklung der Produktion und ihrer gesellschaftlichen Form ein.“223 Auch hier ist Hegels Dialektik deutlich zu erkennen, wenn Marx formuliert: „Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkräfte der Gesellschaft in Widerspruch mit den Produktionsverhältnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafür ist, mit den Eigentumsverhältnissen, innerhalb deren sie sich bisher bewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte schlagen diese Verhältnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolution ein. Mit der Veränderung der ökonomischen Grundlage wälzt sich der ganze ungeheure Überbau langsamer oder rascher um.“224 Auch hier gilt für Marx der dialektische Widerspruch als das entscheidende Element, welches den historischen Prozess bewegt und vorantreibt. Noch im dritten Band des „Kapital“ heißt es: „Auf einer 222 Ebd.: S. 260 223 Ebd.: S. 891 224 Marx, Karl: Zur Kritik der politischen Ökonomie, MEW 13, Berlin 1974, S. 9 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 96 gewissen Stufe der Reife angelangt, wird die bestimmte historische Stufe abgestreift und macht einer höheren Platz.“225 Aber im Gegensatz zu Hegel, nimmt Marx zwei Formen von Widersprüchen an, die ontischen und die historischen. Die ontischen Widersprüche versteht Marx ganz im Sinne Hegels. Jedoch die historischen Widersprüche, die Hegel unter die ontischen subsumiert, wie man am Beispiel seines Herr-Knecht-Verhältnisses erkennen kann, versteht Marx nicht als ontisch-dialektische, sondern als antagonistische, die nicht im gegenseitigen Verständnis aufgehoben werden, sondern beseitigt werden müssen, indem es keine Herren und Knechte mehr geben darf, sondern alle Menschen als freie Produzenten ihres Lebens arbeiten können. Im folgenden Kapitel über den Begriff der Tätigkeit – Arbeit, wie Marx ihn verstanden wissen will, wird der Unterschied zwischen ontologischer und historischer Herangehensweise an das Phänomen der menschlichen Entäußerung dargestellt und damit die Grenzen der Hegel-Schülerschaft von Marx aufgezeigt. Tätigkeit – Arbeit Marx fasst den Begriff der Arbeit, im Gegensatz zu Hegel, auf zweifache Weise, einmal ontologisch und einmal historisch-ökonomisch. Einerseits begreift er sie als spezifisch menschliche Tätigkeit, wie sie den Menschen überhaupt, also zu allen Zeiten, als besondere Fähigkeit und im Unterschied zu allen anderen Spezies, eigen ist. Hier stimmt er mit Hegels Definition der menschlichen Tätigkeit überein, sofern diese nicht vom Weltgeist als die seinige, nur als geistige, aufgefasst wird. Aber andererseits fasst Marx die besondere Form der Entäußerung auch als historisch gewordene auf, welche keine ontische, unabänderliche, ewige Form des Produzierens ist, sondern eine, die verändert werden kann, ja muss, indem sie dem Charakter der ontischen, nämlich wirklich menschlichen Tätigkeit angepasst wird, wie sie unter ganz spezifischen gesellschaftlichen Bedingungen getätigt wird. Hegel dagegen subsumiert jede Form der menschlichen Arbeit unter die ontische Qualität und anerkennt deshalb die kapitalistische Arbeitsteilung; er 3. 225 Marx, Karl: Kapital III, MEW Bd. 25, S. 89 f. 3. Tätigkeit – Arbeit 97 fordert lediglich eine vernünftige gesellschaftliche Verteilung und Vergütung seitens der Kapitalisten. Hegel berharrt deshalb, im Gegensatz zu Marx, auf der Überzeugung der englischen Sozialökonomen wie z.B. Adam Smith, welche die menschliche Arbeit schlechthin zur Quelle des gesellschaftlichen Reichtums erklärten und deren unmenschliche Ausformungen wenig beachteten. Marx unterscheidet die Arbeit als freie Äußerung menschlicher Fähigkeiten als ontische Qualität von der historisch gewordenen und ökonomisch praktizierten Qualität. Wie die englischen Nationalökonomen betrachtet Hegel die Arbeit lediglich als Quelle des Reichtums und als Medium, in dem sich die individuellen Bedürfnisse und die Weisen ihrer Befriedigung konkretisieren. Durch Vertrag wird das arbeitende Individuum zum vollwertigen, gleichwertigen und freien gesellschaftlichen Mitglied. Arbeitsteilung gilt als ausschließliches Mittel zur Verbesserung des Lebensstils und Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums. Als Möglichkeit der Selbstverwirklichung im spielerischen Sinne bleibt sie Hegel fremd. Zwar ist er ein ausgezeichneter Kenner besonders der englischen Ökonomie, jedoch gilt ihm die Verelendung und die wachsende Armut der Arbeiter als individuelle Unfähigkeit, die zur Erzeugung des Pöbels führt, „daß bei dem Übermaße an Reichtum die bürgerliche Gesellschaft nicht reich genug ist … dem Übermaße an Armut und der Erzeugung des Pöbels zu steuern.“226 Die Basis der bürgerlichen Gesellschaft bildet nach Hegel das besitzende Bürgertum, dessen Eigentum der Staat zu schützen die Aufgabe hat. Eigentum erzieht zur Sittlichkeit, weil es die Rücksicht auf das Eigentum des Mitbürgers fordert, wovon auch Kant und seine Vorläufer überzeugt waren. Wenn „die bürgerliche Gesellschaft sich in ungehinderter Wirksamkeit befindet, so ist sie innerhalb ihrer selbst in fortschreitender Bevölkerung und Industrie begriffen. Durch die Verallgemeinerung des Zusammenhangs der Menschen durch ihre Bedürfnisse und die Weisen, die Mittel für diese zu bereiten und herbeizubringen, vermehrt sich die Anhäufung der Reichtümer, – denn aus dieser gedoppelten Allgemeinheit wird der größte Gewinn gezogen, – auf der einen Seite, wie auf der anderen Seite die Vereinzelung und Beschränktheit der besonderen Arbeit und damit die Abhängigkeit und Not der an diese Arbeit gebunde- 226 Hegel, G.W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Hamburg 1955, § 245 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 98 ne Klasse, womit die Unfähigkeit der Empfindung und des Genusses der weiteren Fähigkeiten und besonders der geistigen Vorteile der bürgerlichen Gesellschaft zusammenhängt.“227 Die Auswüchse der bürgerlichen Gesellschaft hat Hegel durchaus erkannt, jedoch sind sie für ihn eine Folge persönlicher Unfähigkeit. Marx erklärt sie als Folge des Wirtschaftssystems, welches die Nichtbesitzenden wesentlich von der Partizipation am gesellschaftlichen Reichtum ausschließt und darüber hinaus an der Verwirklichung ihrer Fähigkeiten und Bedürfnisse hindert, eben an der Verwirklichung ihrer selbst als besondere menschliche Spezies im ontologischen Sinne. Bereits in seinen Anmerkungen zu James Mills „Élémens d’économie politique“ entwickelt er zentrale Thesen, mit denen er seine Auffassung vom menschlichen Wesen als tätiges darlegt228 und denen sein gesamtes weiteres Schaffen verpflichtet bleibt: „Indem das menschliche Wesen das wahre Gemeinwesen der Menschen, so schaffen, produzieren die Menschen durch Betätigung ihres Wesens das menschliche Gemeinwesen, das gesellschaftliche Wesen, welches keine abstrakt-allgemeine Macht gegenüber dem einzelnen Individuum ist, sondern das Wesen eines jeden Individuums, seine eigne Tätigkeit, sein eigenes Leben, sein eigner Geist, sein eigner Reichtum ist. Nicht durch Reflektion entsteht daher jenes wahre Gemeinwesen, es erscheint daher durch die Not und den Egoismus der Individuen, d.h. unmittelbar durch die Betätigung ihres Daseins selbst produziert … aber solange der Mensch sich nicht als Mensch erkennt und daher die Welt nicht als menschlich organisiert hat, erscheint dieses Gemeinwesen unter der Form der Entfremdung. Weil sein Subjekt, der Mensch, ein sich selbst entfremdetes Wesen ist … (ist es) daher ein identischer Satz, daß der Mensch sich selbst entfremdet und daß die Gesellschaft dieses entfremdeten Menschen die Karikatur seines wirklichen Gemeinwesens, seines wahren Gattungslebens sei, da daher seine Tätigkeit als Qual, seine eigne Schöpfung ihm als fremde Macht, sein Reichtum als Armut, das Wesensband, was ihn an den andren Menschen knüpft, als ein unwesentliches Band und vielmehr als Trennung vom andren Menschen als sein 227 Hegel, G-W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts, a.a.O., § 243 228 Marx, Karl: MEW Ergänzungsband 1.Teil, Berlin 1973, S. 449 ff. siehe hierzu auch; Weingartz-Perschel, Karin: Darstellung des Begriffs der Arbeit als marxistische Zentralkategorie, Frankfurt a. M. 1981, S. 182 ff. 3. Tätigkeit – Arbeit 99 wahres Dasein, daß sein Leben als Aufopferung seines Lebens, daß die Verwirklichung seines Wesens als Entwirklichung seines Lebens, daß sein Gegenstand als die Macht des Gegenstandes über ihn, daß er, der Herr seiner Schöpfung, als der Knecht dieser Schöpfung erscheint.“229 Noch im „Kapital“ ist es Marx wichtig, zu erklären, was er unter Arbeit und Arbeitsprozess versteht: „Der Arbeitsprozeß ist daher zunächst unabhängig von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form zu betrachten. Die Arbeit ist zunächst ein Prozeß zwischen Mensch und Natur, ein Prozeß, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigne Tat vermittelt, regelt, kontrolliert. Er tritt dem Naturstoff selbst als eine Naturmacht gegenüber. Die seiner Leiblichkeit angehörigen Naturkräfte, Arme und Beine, Kopf und Hand, setzt er in Bewegung, um sich den Naturstoff in einer für sein eignes Leben brauchbaren Form anzueignen. Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Er entwickelt die in ihr schlummernden Potenzen und unterwirft das Spiel ihrer Kräfte seiner eignen Botmäßigkeit … Nicht daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muß.“230 Marx zitiert Benjamin Franklin zustimmend, indem er den Menschen, wie dieser, als „a tool making animal“, als Werkzeuge fabrizierendes Tier, bezeichnet.231 Im selben Zusammenhang bezieht er sich auch in Übereinstimmung auf seinen Lehrer Hegel und dessen Begriff der List der Vernunft: „Die Vernunft ist ebenso listig wie mächtig. Die List besteht überhaupt in der vermittelnden Tätigkeit, welche, indem sie die Objekte ihrer eigenen Natur gemäß aufeinander einwirken und sich aneinander abarbeiten läßt, ohne sich unmittelbar in diesen Prozeß einzumischen, gleichwohl nur ihren Zweck zur Ausführung bringt.“232 229 Marx, Karl: MEW Ergänzungsband 1. Teil, a.a.O., S. 451 230 Marx, Karl: Kapital I, MEW 23, Berlin 1973, S. 192 f. 231 Ebd: S. 194 232 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, Erster Teil, Die Logik, Berlin 1840, S. 382, zit. In: Karl Marx, Kapital I, a.a.O., S. 194 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 100 Folgende Thesen zur Bestimmung seines Menschenbildes lassen sich aus diesen Zitaten herausfiltern: 1. Jedes Individuum ist gesellschaftliches Wesen 2. Gesellschaft ist Produkt des Menschen 3. Wie die Menschen sind, so ist ihr Gemeinwesen beschaffen Zu 1: Jeder Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen. Es ist kein Individuum denkbar, dass nicht als vergesellschaftetes zu definieren wäre. Wo immer es sich aufhält, nimmt es am gesellschaftlichen Leben teil; selbst als Einsiedler oder als Bewohner einer einsamen Insel wie ein gestrandeter Robinson Crusoe repräsentiert es seine Epoche und deren Kulturstufe, die seine Verhaltensweisen bestimmt. Marx greift selbst auf das Robinson-Beispiel zurück, als er – noch im „Kapital“ – seinen Begriff der Vergesellschaftung illustrierte: „und unser Robinson, der Uhr, Hauptbuch, Tinte und Feder aus dem Schiffbruch gerettet, beginnt als guter Engländer bald Buch über sich selbst zu führen.“233 Der Mensch wird in die Gesellschaft hineingeboren, ohne die er nicht überleben könnte. Uns sind zwar Fälle bekannt, wo Kinder, die in der Natur ausgesetzt waren, von Tieren aufgezogen wurden, z.B. von Wölfinnen. Trotz größter Bemühungen von Erziehern konnten sie später, nachdem sie aufgefunden wurden, nicht zu Menschen erzogen werden. Sie blieben auf der Stufe ihrer tierischen Mütter in ihrer Entwicklung stehen, bewegten, ernährten und äußerten sich wie diese, nur weniger geschickt. Äußerlich waren sie Menschen, aber nur der Gestalt nach, in ihrem Wesen blieben sie Tiere. 233 Marx, Karl: Kapital I, MEW 23, Berlin 1973, S. 89 3. Tätigkeit – Arbeit 101 Zu 2: Der Mensch erzeugt die Gesellschaft, indem er tätig wird. Dies ist eine Notwendigkeit, da er auf keine naturgegebenen zureichenden Instinkte zurückgreifen kann wie das Tier, um sein Leben zu erhalten. Zunächst muss er sich stets Gedanken darüber machen, wie, wo und womit er sein Leben am besten gewährleisten kann. Deshalb nennt Marx die Not und den Egoismus als Movens der menschlichen Tätigkeit. Dieser Prozess der Selbsterhaltung vollzieht sich stets zum Zweck der Optimierung von Befriedigung der Bedürfnisse, was zur immer weiteren Steigerung derselben führt und Gesellschaft immer komplexer werden lässt. Tätigkeiten werden immer effizienter entwickelt und eingesetzt; vom Jagen, Sammeln und Nomadisieren zu Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftwerdung, von der natürlichen Arbeitsteilung nach Fähigkeiten, zur gesellschaftlichen Arbeitsteilung nach Status und Besitz. Der Mensch hat sich durch seine Tätigkeit nicht nur immer unabhängiger von der Natur gemacht, sondern seine eigene gesellschaftliche Natur geschaffen. Sie ist Produkt seiner Tätigkeit. Er ist also Produkt seiner selbst. Hier würde Hegel einwenden, dass die menschliche Tätigkeit eigentlich unter der Ägide des Weltgeistes zum Erfolg geführt habe, der Mensch also lediglich Medium desselben auf dem Wege zur Selbsterkenntnis sei. Marx hingegen hat die individuelle Tätigkeit aus der Umklammerung des Weltgeistes befreit und so „vom Kopf auf die Füße“ gestellt. Zu 3: Wie der Mensch also je nach Epoche sein Leben gestaltet, so ist seine Gesellschaft geartet. Mensch und Gesellschaft sind auf dialektische Weise identisch. Immer wieder weist Marx als Kritik an Hegel darauf hin, dass die Menschen ihre Gesellschaft selbst geschaffen haben, dass sie diese deshalb, je nach Bedarf, auch ändern können. Wenn so viel Elend auf der Welt herrscht, das, trotz des immensen Reichtums, der nur einer Minderheit zugutekommt, nicht beseitigt wird, wäre es an der Zeit, die Ursachen für diese Ungleichheit der Menschen zu ergründen und sie entsprechend zu beheben und nicht auf einen Weltgeist zu warten, der es früher oder später schon richten wird. III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 102 Freiheit, Gleichheit und ein gutes Leben für alle Menschen wären möglich, wenn die entwickelten Produktionsmittel allen zugänglich gemacht würden, anstatt in den Händen immer weniger Besitzer zu wachsender Macht über Mehrheiten zu führen. Die Gesellschaft würde ihren Entfremdungscharakter verlieren und die Menschen ihre wahre Bestimmung erkennen lassen; nämlich ein zufriedenes, mitmenschliches, glückliches und selbst bestimmtes Leben zu führen. Menschen könnten endlich ihr wirkliches Wesen entfalten und Tätigkeit als Selbstverwirklichung erleben, anstatt Arbeit als Zwang, für Arbeitgeber arbeiten zu müssen. Die gesellschaftlich notwendige Arbeit würde auf alle Gesellschaftsmitglieder nach ihren Fähigkeiten verteilt und könnte extrem zeitlich reduziert werden. Und der geschaffene Reichtum käme allen zugute und würde endlich gerecht nach Bedürfnissen der Einzelnen aufgeteilt. Der zerstörerische Glaube, dass nur Besitz und Eigentum glücklich machen können, dass man mit Geld alles kaufen kann, sogar Liebe, Ehre, Ansehen, Freundschaft, hätte endlich seine alles beherrschende Faszination verloren und die Menschen könnten sich als Menschen, als je besondere Individuen auf Augenhöhe begegnen. In den ökonomisch-philosophischen Manuskripten wendet Marx die ontologische Seite seines Arbeitsbegriffes schon wesentlich historisch-ökonomisch. Er benutzt ihn hauptsächlich als Folie, um seine Kritik an der entfremdeten Arbeit deutlich zu machen und deren verheerenden Folgen für Mensch, Gesellschaft und auch Natur aufzuzeigen und gleichzeitig die dringende Notwendigkeit der gesellschaftlichen Veränderung anzumahnen. Besonders im Kapitel über die entfremdete Arbeit zeigt Marx anhand von sieben Verhältnissen des Menschen zur Arbeit den Unterschied zwischen ontologischem und historischem Begriff der Arbeit auf. Zunächst werden die drei ontologischen Arbeitsbegriffe in Abschnitt a. erläutert; im folgenden Abschnitt b. folgen die vier historisch-ökonomischen Arbeitsbegriffe. 3. Tätigkeit – Arbeit 103 a. ontologischer Arbeitsbegriff „Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozeß bleiben muß, um nicht zu sterben.“234 In erster Linie ist der Mensch Naturwesen, darin unterscheidet er sich nicht von allen anderen Lebewesen. Die Natur bildet die erste Voraussetzung von Leben überhaupt. Der Mensch nutzt sie einerseits als „unmittelbares Lebensmittel“ und andererseits als „Gegenstand und … Werkzeug seiner Lebenstätigkeit“235 Er nutzt sie als „unorganischen Körper“, wie Marx sagt. Er benutzt die chemischen, physikalischen, mechanischen und organischen Eigenschaften der ihn umgebenden Dinge, um damit seine Zwecke durchzusetzen und seine Ziele zu erreichen. Er setzt sie so ein, dass sie sich aneinander abarbeiten, wie Hegel bereits erkannt und als „List der Vernunft“ bezeichnet hat. Und dies erreicht er zunehmend mittels Werkzeugen, ohne sich selbst körperlich einzusetzen. Soweit die Natur nicht selbst menschlicher Körper ist, macht der Mensch sie zu seinem unorganisch erweiterten Leib. „So wird das Natürliche selbst zum Organ seiner Tätigkeit, ein Organ, das er seinen eignen Leiborganen hinzufügt, seine natürliche Gestalt verlängernd.“236 Das erklärt Marx noch später im „Kapital“. Die Erde ist dem Menschen sowohl „ursprüngliche Proviantkammer wie ursprüngliches Arsenal von Arbeitsmitteln. Sie liefert ihm z.B. den Stein, womit er wirft, reibt, drückt, schneidet usw.“237 Auch hier äußert er sich ganz im Sinne seiner Frühschriften, wo er erklärt, „Wie Pflanzen, Tiere, Steine, Licht etc. theoretisch einen Teil des menschlichen Bewußtseins … bilden …, so bilden sie auch praktisch einen Teil menschlichen Lebens und der menschlichen Tätigkeit.“238 Menschliche Tätigkeit bedeutet den Stoffwechsel mit der Natur. Vom geschichtlichen Anfang der Menschheit, sagt Marx, dass er so tierisch sei, wie das gesellschaftliche Leben dieser Kulturstufe selbst, und dass sich der Mensch vom Hammel nur dadurch unterscheide, dass sein Bewusstsein ihm die Stelle des Instinktes vertritt, oder dass 234 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband 1, Teil, Berlin 1973, S. 516 235 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, ebd., S. 516 236 Marx, Karl: Kapital I, a.a.O., S. 194 237 Marx, Karl: Kapital, ebd. 238 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, a.a.O., S. 515 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 104 sein Instinkt ein bewusster ist.239 Doch im Unterschied zum Tier muss der Mensch sich zunächst stets Gedanken über das, was er tun will, machen. „Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vorneherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs gebaut hat. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung … also schon ideell vorhanden war.“240 Zwar sind Plan und Resultat nicht absolut deckungsgleich, es kommt, im Unterschied z.B. zu Biene oder Biber, deren Werke stets perfekt vom Instinkt gesteuert sind, oft mehr oder weniger dabei heraus, was aber wiederum zu Weiterentwicklung, Verbesserung oder Korrektur anregt. Vor dem Beginn des Arbeitsprozesses ist die Herstellung des Produktes lediglich als Plan im Kopf des Produzenten vorhanden. Während des Arbeitsprozesses nimmt der Plan Gestalt an und liegt nach der Fertigstellung als konkretes Produkt vor. Es verfügt über eine Doppelexistenz, einmal ideell und zum anderen als realer Gegenstand. Dazwischen liegt der Prozess menschlicher Entäußerung in Form von Arbeit. Das Resultat ist etwas Neues, das dem Produzenten als eigenständige Sache begegnet und diesen zu weiteren Überlegungen anregen kann, z.B. zu Verbesserungen, Änderungen oder Ergänzungen. In diesem Sinne tritt sie dem Produzenten quasi als fremd gegenüber, da sie als neue Qualität ihrem Erzeuger entgegentritt, also über den Prozess menschlicher Entäußerung erst existent geworden ist. Dies bezeichnet Hegel als den Prozess der Entfremdung und definierte diesen, im Gegensatz zu Marx, als positiv. Marx stimmt zwar mit Hegels Definition der Entäußerung überein, jedoch bezeichnet er die lohnabhängige Arbeit als entfremdete im negativen Sinne. „Lohnarbeit ist selbst-entfremdete Arbeit, der der von ihr geschaffene Reichtum als fremder Reichtum ihre eigene Produktivkraft als Produktivkraft ihres Produkts, ihre Bereicherung als Selbstverarmung, ihre ge- 239 Marx, Karl: Die deutsche Ideologie, MEW 3, a.a.O., S. 31 240 Marx, Karl: Kapital I, a.a.O., S. 193 3. Tätigkeit – Arbeit 105 sellschaftliche Macht als Macht der Gesellschaft über sie entgegentritt.“241 Indem der Mensch durch seine Tätigkeit, Arbeit die Natur verändert, wirkt er auch verändernd auf seine eigene Natur, seine Gesellschaft, ein. Deshalb ist er auch grundsätzlich in der Lage, gesellschaftliche Änderungen vorzunehmen, wenn die aktuellen Strukturen unzureichend sind oder den menschlichen Bedürfnissen nicht mehr zureichend. Marx unterscheidet verschiedene Phasen der Menschheitsgeschichte: Die freie Urgesellschaft der Jäger und Sammler, die Ackerbaugesellschaft, die Sklavenhaltergesellschaft, den Feudalismus und den Kapitalismus, worauf Sozialismus und Kommunismus folgen sollen. In der freien Urgesellschaft galt die naturwüchsige Arbeitsteilung aufgrund individueller Fähigkeiten. Marx nimmt diese Urgesellschaft als ursprüngliches Gemeinwesen an, „wo naturwüchsiger Kommunismus herrscht.“242 Das änderte sich mit der Sesshaftwerdung vor ca. 20Tausend Jahren, als Ackerbauer und Viehzüchter den Grund und Boden in Besitz nahmen und mehr produzieren konnten, als für den Eigenbedarf nötig war. Dazu waren Arbeitskräfte gefragt, welche keinen Grund und Boden oder nur die weniger fruchtbaren, übrig gebliebenen Flächen besetzen konnten. Aus der naturwüchsigen Arbeitsteilung wurde gesellschaftlich geregelte, die weniger von der individuellen Begabung als vom Besitz an Grund und Boden abhängig war. Der Grundstein der Klassengesellschaft war gelegt, der in der Folge zu Sklaverei, Leibeigenschaft und schließlich kapitalistischen Lohnarbeit führte. Erst in der letzteren Form der Produktionsweise scheint sich der Schleier des Warencharakters über alle menschlichen Beziehungen zu legen, denn noch „selbst in den antiken städtischen Gemeinwesen ist es dies Gemeinwesen selbst mit seinen Bedingungen, das sich als Basis der Produktion darstellt, wie seine Reproduktion als ihr letzter Zweck. Selbst im mittelalterlichen Zunftwesen erscheint weder das Kapital noch die Arbeit ungebunden, sondern ihre Beziehungen durch das Korporationswesen und mit denselben zusammenhängende Verhältnisse und 241 Marx, Karl: Theorien über den Mehrwert III, MEW 26, a.a.O., S. 255 242 Marx, Karl: Kapital III, a.a.O., S. 839 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 106 ihnen entsprechende Vorstellungen von Berufspflicht, Meisterschaft etc. bestimmt,“ unterscheidet Marx noch im letzten Band des „Kapital“.243 Dies änderte sich erst unter der „kapitalistischen Produktionsweise und beim Kapital, welches ihre herrschende Kategorie, ihr bestimmendes Produktionsverhältnis bildet, entwickelt sich die verzaubert und verkehrte Welt.“244 Da Marx diesen Geschichtsprozess als weitgehend unbewusst vom Menschen selbst gemachten versteht, ist er auch davon überzeugt, dass er diesen freiheitlich gestalten kann, sobald er sich dieses Prozesses völlig bewusstgeworden ist. „Die bewußte Lebenstätigkeit unterscheidet den Menschen unmittelbar von der tierischen Lebenstätigkeit. Eben nur dadurch ist er ein Gattungswesen. Oder er ist nur ein bewußtes Wesen, d.h. sein eigenes Leben ist ihm Gegenstand, eben weil es ein Gattungswesen ist. Nur darum ist seine Tätigkeit freie Tätigkeit.“245 Während sich das tierische Dasein in seiner unmittelbaren physischen Existenz je nach Gattungszugehörigkeit erschöpft, ist der Mensch in der Lage, sich bewusst zu sich selbst zu verhalten, sich selbst als Subjekt zum Gegenstand seiner Anschauung zu machen. Aufgrund seiner mangelhaften Instinktregulation hindert ihn die Instinktschranke zu keiner Zeit, diese zu durchbrechen, zu überwinden und nach der Art einer jeder Spezies zu produzieren. Und nicht nur das, sondern er ist darüber hinaus dazu fähig, frei seine eigene menschliche Spezies selbst zu entwickeln und je nach individueller Neigung, Begabung und seinem besonderen Bedürfnis zu prägen, ohne von vorgegebenen Instinkten gesteuert zu werden. Das Tier „produziert nur unter der Herrschaft des unmittelbaren physischen Bedürfnisses, während der Mensch selbst frei vom physischen Bedürfnis produziert.“246 Indem er sich zum Objekt und Resultat, zum Produkt seiner Tätigkeit, seiner Arbeit macht, tritt er sich selbst in Gestalt seines Arbeitsproduktes als objektive Existenz gegen- über, die ihrerseits auf ihn zurückwirkt und beeinflusst, verändert. Im Prozess der Tätigkeit werden Subjekt und Objekt, ganz im Sinne Hegels, zur dialektischen Einheit und bestimmen sich wechselseitig, ein 243 Ebd. 244 Ebd.: S. 835 245 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, a.a.O., S. 516 246 Marx, Karl: Ebd., S. 517 3. Tätigkeit – Arbeit 107 Drittes entsteht, Beziehung und Gesellschaft, quasi eine „zweite Natur“, die besondere menschliche Gattung, die jedes Individuum prägt und das Resultat seiner je eigenen individuellen Äußerungen und Tätigkeiten ist. Die dialektische Struktur dieses Subjekt – Objekt – Verhältnisses bildet die Grundlage der menschlichen Beziehungen; und wie diese sich gestalten, so fällt auch der Charakter der Gesellschaft aus, in der die Individuen Leben. Mit der Zerteilung der Individuen in Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wo letztere die Macht über die ersteren haben, die Mehrheit existenziell abhängig von der Minderheit ist, wird auch die dialektische Struktur des Subjekt – Objekt – Verhältnisses gestört, zerstört, mahnt Marx und um dies zu beweisen, studiert er die Ethnologie, Anthropologie, Ökonomie und Philosophie, um sein Menschenbild als ethischen Maßstab zu entwickeln, den er in ganz besonderem Maßstab in der Hegelschen „Phänomenologie“ findet. „Was von dem Verhältnis des Menschen zu seiner Arbeit, zum Produkt seiner Arbeit und zu sich selbst, das gilt von dem Verhältnis des Menschen zum andren Menschen, wie zu der Arbeit und dem Gegenstand der Arbeit des andren Menschen.“247 Die Qualität seines Arbeitsproduktes macht gleichzeitig die Qualität des Verhältnisses zu seinem Mitmenschen aus. „Überhaupt jedes Verhältnis, in dem der Mensch zu sich selbst steht, ist erst verwirklicht, drückt sich aus in dem Verhältnis, in welchem der Mensch zu dem andren Menschen steht … Das unmittelbare, natürliche, notwendige Verhältnis des Menschen zum Menschen ist das Verhältnis des Mannes zum Weibe. In diesem natürlichen Gattungsverhältnis ist das Verhältnis des Menschen zur Natur unmittelbar sein Verhältnis zum Menschen, wie das Verhältnis zum Menschen unmittelbar sein Verhältnis zur Natur, seine eigne natürliche Bestimmung ist. Diesem Verhältnis erscheint also sinnlich auf ein anschaubares Faktum reduziert, inwieweit dem Menschen das menschliche Wesen zur Natur oder die Natur zum menschlichen Wesen des Menschen geworden ist. Aus diesem Verhältnis kann man also die ganze Bildungsstufe des Menschen beurteilen. Aus dem Charakter dieses Verhältnisses folgt, inwieweit der Mensch als Gattungswesen, als Mensch sich geworden ist und erfaßt hat. Das Verhält- 247 Marx, Karl: Ebd., S. 518 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 108 nis des Mannes zum Weibe ist das natürliche Verhältnis des Menschen zum Menschen.“248 Auch Mann und Frau sollen sich auf Augenhöhe ebenbürtig begegnen, eben als gleichberechtigte Menschen, wo keiner dem anderen unter- oder übergeordnet ist. Dies kann als Seitenhieb auf die patriarchalische Struktur der Klassengesellschaft verstanden werden, die ebenfalls mit der Beseitigung des Kapitalismus aufgehoben würde. Marx hat gehofft, dass der Kommunismus den klassenspezifischen Antagonismus zwischen den Menschen und auch gegenüber der ausgebeuteten Natur aufheben würde. „Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus – Humanismus, als vollendeter Humanismus – Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung … (die) wahre(n) Resurrektion der Natur als dem durchgeführten Naturalismus des Menschen und dem durchgeführten Humanismus der Natur.“249 Diese recht euphorische Formulierung ist dem jungen Marx geschuldet, lässt jedoch nicht auf ein Subjekt der Natur schließen, wie es z. B. Ernst Bloch tut. Nur insofern der Mensch selbst auch Naturkörper ist und von der Natur als seinem verlängerten Leib die Rede ist, kann Resurrektion gemeint sein. b. historisch-ökonomischer Arbeitsbegriff Im Laufe ihrer Geschichte hat sich die Arbeitswelt vielfältig gestaltet und verändert. Besonders seit der beginnenden Industrialisierung wurde die Arbeit und die existenzielle Abhängigkeit von ihr als Lohnarbeit zunehmend zur Qual für die Arbeiter und als Quelle des Reichtums für die Kapitalisten. Dieser Widerspruch brachte nicht nur Karl Marx auf den Plan, die Gesellschaft zu verändern. Gerade die Arbeit war es, welche von den Ökonomen als Quelle des gesellschaftlichen Reichtums erkannt wurde, die das menschliche Elend aber eher aus- 248 Marx, Karl: Ebd., S. 518/535 249 Marx, Karl: Ebd., S. 538 3. Tätigkeit – Arbeit 109 blendeten oder vernachlässigten, was Marx dazu drängte, die Ursachen des Elends aufzudecken. Dazu studiert er besonders die historisch-ökonomischen Bedingungen der arbeitenden Klasse. Bereits in seinen sogenannten Frühschriften formuliert Marx diese Arbeitsverhältnisse und ihre zentralen Auswirkungen auf die Menschen.250 Der Arbeiter oder Arbeitnehmer, der in einem bürgerlichen Rechtsverhältnis zum Arbeitgeber steht, hat gegenüber der Natur keine autonomen Ansprüche. Die einzigen Ansprüche, die ihm bleiben, sind die gegenüber seiner eigenen Arbeitskraft. Über die kann er autonom verfügen, aber nicht über die Produkte derselben. Die gehen in das Eigentum des Arbeitgebers über, der die Arbeitskraft für eine bestimmte Zeit gekauft hat. Der Zweck der Produktion liegt nicht primär in der Erzeugung bestimmter Produkte durch Einsatz der Natur oder bereits erzeugter Werkzeuge und Maschinen, sondern in der Bezahlung des Arbeiters einerseits und dem Gewinn des Arbeitgebers oder des Kapitaleigners durch den Verkauf der Produkte andererseits. Der Arbeiter verwendet sein Arbeitsentgelt für den Lebensunterhalt und der Kapitalist einen Teil seines Gewinns. Den größeren Teil akkumuliert er und verwendet ihn dazu, sein Kapital und damit seine Wirtschaftsmacht zu vermehren. „Das Produkt wird als Wert, als Tauschwert, als Äquivalent, nicht mehr seiner unmittelbaren persönlichen Beziehung zum Produzenten wegen produziert.“251 Der Gegenstand der Produktion ist relativ gleichgültig, das Hauptinteresse besteht darin, wie viel Erlös sein Wert auf dem anonymen Markt im Austausch gegen Geld erzielt und wie viel Wert dem Arbeitgeber der Anteil der Arbeit an seiner Produktion ist, sich dies in der Höhe der Bezahlung des Arbeitnehmers ausdrückt. Als vollendetes, abstraktes Mittel des Tausches verkörpert das Geld die „vollständige Gleichgültigkeit sowohl gegen die Natur des Materials, gegen die spezifische Natur des Privateigentums, wie gegen die Persönlichkeit des Privateigentümers (es verkörpert, d.V.) die vollständige Herrschaft der entfremdeten Sache über den Menschen.“252 Es geht nicht mehr primär um den Gebrauchswert des Produktes, sondern um den Tauschwert, den Wert, der auf dem Markt durch Verkauf erzielt wird. 250 Weingartz-Perschel, Karin: Darstellung des Begriffs der Arbeit, a.a.O., S. 198 ff 251 Marx, Karl: Elémens d’économie politique, MEW Ergänzungsband, a.a.O., S. 454 252 Ebd.: S. 455 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 110 Ebenso ergeht es der Arbeitskraft. Sie wird so eingesetzt, dass sie den größten Nutzen im Zusammenspiel mit den übrigen Kräften, Maschinen, Tieren und Menschen bringt; sie wird – wenn nötig – derart zerteilt, dass Menschen nur Einzelteile herstellen, die als Zubehör zu anderen Gegenständen geplant und eingesetzt werden, deren fertige Gestalt sie niemals unmittelbar zu Gesicht bekommen. „Austausch und Teilung der Arbeit bedingen sich wechselseitig. Da jeder für sich arbeitet und sein Produkt nichts für sich ist, muß er natürlich austauschen, nicht nur, um an dem allgemeinen Produktionsvermögen teilzunehmen, sondern um sein eigenes Produkt in ein Lebensmittel für sich selbst zu verwandeln … er trägt seine gesellschaftliche Macht, wie seinen Zusammenhang mit der Gesellschaft in der Tasche mit sich,“ in Form des Geldes.253 Zwar begegnen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer als vertraglich Gleichberechtige auf dem freien bürgerlichen Markt, als Käufer und Verkäufer – auch der Arbeitskraft. Doch die Gleichberechtigung ist nur eine scheinbare, da der eine, im Gegensatz zum anderen, seine Lebenszeit einsetzen muss, weil er nichts anderes zu verkaufen hat, während sich der andere die Qualitäten des einen mittels Geldmitteln aneignet. Es ist nicht mehr meine Arbeit, womit ich mich zum Herrn über die eigene wie die äußere Natur machen kann, sondern der Besitz des Geldes entscheidet darüber, welche Bedeutung ich innerhalb der Gesellschaft habe. „Was durch das Geld für mich ist, was ich zahlen kann, d.h., was das Geld kaufen kann, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. Die Eigenschaften des Geldes sind meine – seines Besitzers Eigenschaften und Wesenskräfte – Das, was ich bin und vermag, ist also keineswegs durch meine Individualität bestimmt. Ich bin häßlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also bin ich nicht häßlich, denn die Wirkung der Häßlichkeit, ihre abschreckende Kraft ist durch das Geld vernichtet.“254 Als die Welt verkehrende Macht verwandelt das Geld „Treue in Untreue, Liebe in Haß, den Haß in Liebe die Tugend in Laster, das Laster in Tugend, den Knecht in den Herrn, den Herrn in den Knecht, den Blödsinn in Verstand, den Verstand in Blödsinn … Da das Geld nicht gegen eine bestimmte Qualität, gegen 253 Marx, Karl: Grundrisse, a.a.O., S. 47 ff. 254 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, a.a.O., S. 564 3. Tätigkeit – Arbeit 111 ein bestimmtes Ding menschliche Wesenskräfte, sondern gegen die ganze menschliche und natürliche gegenständliche Welt sich austauscht, so tauscht es also – vom Standpunkt des Besitzers angesehn – jede Eigenschaft gegen jede – auch ihr widersprechende Eigenschaft und Gegenstand – aus; es ist die Verbrüderung der Unmöglichkeiten, es zwingt das sich Widersprechende zum Kuß.“255 Das ursprüngliche Verhältnis des Menschen zur äußeren Natur, auch zu seiner eigenen wie auch zum Mitmenschen hat seine unmittelbare Sinnlichkeit verloren. Es wird vom Zweck des Geldverdienens beherrscht. „Je mehr also der Arbeiter die Außenwelt, die sinnliche Natur, durch seine Arbeit sich aneignet, um so mehr entzieht er sich Lebensmittel nach der doppelten Seite hin, erstens, daß immer mehr die sinnliche Außenwelt aufhört, ein seiner Arbeit angehöriger Gegenstand, ein Lebensmittel seiner Arbeit zu sein; zweitens, daß sie immmer mehr aufhört, Lebensmittel im unmittelbaren Sinn, Mittel für die physische Subsistenz für den Arbeiter zu sein.“256 Es tritt also das Paradoxon auf, dass, je mehr der Arbeiter arbeitet, er sich zunehmend die Möglichkeit entzieht, auf Naturressourcen zurückzugreifen, da diese im Produktionsprozess verwertet werden, was zu steigender Produktivität mittels Automatisierung führt; gleichzeitig macht er sich, kraft wachsendem Einsatz von Maschinen, selbst als menschliche Arbeitskraft, zunehmend überflüssig und verliert damit die einzige Basis seiner Existenzsicherung, den Arbeitsplatz. „Die Arbeit produziert Wunderwerke für die Reichen, aber sie produziert Entblößung für den Arbeiter … Sie ersetzt die Arbeit durch Maschinen, aber sie wirft einen Teil der Arbeiter zu einer barbarischen Arbeit zurück und macht den andern Teil zur Maschine.“257 Dem Arbeiter geht es nicht primär um das Produkt seiner Arbeit, sondern um den Arbeitslohn. Außerdem gehört es ihm nicht, daher kümmert es Ihn auch nicht weiter, was mit ihm geschieht. Es geht ihm nur um das Geld, das er für seine Arbeitsleistung erhält, damit identifiziert er sich, daraus bezieht er seinen Wert. Wie viel Geld er bekommt, so viel ist er wert. „Er arbeitet, um zu leben. Er rechnet die Arbeit nicht selbst in sein Leben ein, sie ist vielmehr ein Opfer seines Lebens … 255 Ebd.: S. 566 f 256 Ebd.: S. 513 257 Ebd.: S. 513 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 112 Das Produkt seiner Tätigkeit ist daher auch nicht der Zweck seiner Tätigkeit. Was er für sich selbst produziert, ist nicht Seide, die er webt, nicht Gold, das er aus dem Bergschacht zieht, nicht der Palast, den er baut. Was er für sich selbst ist Arbeitslohn … Das Leben fängt für ihn da an, wo diese Tätigkeit aufhört.“258 Der Arbeiter verhält sich zum Produkt seiner Arbeit wie zu einem fremden Gegenstand. Sein Wert bemisst sich allein am Preis, der ihm für die Nutzung seiner Arbeitskraft bezahlt wird. Nicht er beherrscht das Produkt, sondern das Produkt beherrscht ihn, weil er es, erstens, nicht besitzt, sondern es unmittelbar in den Besitz eines Dritten übergeht, zweitens, er allein durch das Produkt seine Wertigkeit beweisen kann und, drittens, er es auf einem anonymen Markt kaufen muss, sofern er es für seinen Lebensunterhalt benötigt. Der Arbeiter ist weder in der Lage, den Anteil seiner Arbeit an der Herstellung des Produktes, das er auf dem freien Markt kauft, zu erkennen, noch die Angemessenheit des Preises, für den es angeboten wird, zu durchschauen. Er kann es sich nur im Konsum aneignen. Im Herstellungs- und Aneignungsprozess selbst bleibt es ihm fremd und der Preis erscheint als irrationaler Charakter und willkürlich entstanden. Arbeiter und Produkt stehen sich als Fremde gegenüber. Und insofern die Menschen über Produkte miteinander kommunizieren, um über diese ihre Wertigkeit zu demonstrieren, bleiben sie einander ebenso fremd. Produktion und Konsum erscheinen also in diesem „nationalökonomischen Zustand als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung.“259 Nach Marx bleibt dem Arbeiter nicht nur sein eigenes Produkt fremd, sondern der gesamte Arbeitsprozess, „Erstens, daß die Arbeit dem Arbeiter äußerlich ist, d.h. nicht zu seinem Wesen (als Mensch, d. V.) gehört, daß er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern unglücklich fühlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert. Der Arbeiter fühlt sich daher erst außer der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich … Seine Arbeit ist daher nicht frei- 258 Marx, Karl: Lohnarbeit und Kapital, Berlin 1964, S. 26 259 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, a.a.O., S. 512 3. Tätigkeit – Arbeit 113 willig, sondern gezwungen, Zwangsarbeit. Sie ist daher nicht die Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern sie ist nur Mittel, um Bedürfnisse außer ihr zu befriedigen … Die äußerliche Arbeit, die Arbeit, in welcher der Mensch sich entäußert, ist eine Arbeit der Selbstaufopferung, der Kasteiung. Endlich erscheint die Äußerlichkeit der Arbeit für den Arbeiter darin, daß sie ihm nicht gehört, daß er in ihr nicht sich selbst, sondern einem anderen angehört.“260 Der Arbeitsprozess, der allein unter dem Aspekt des Profites verläuft, führt, nach Marx, zum Verlust des eigentlichen Lebenssinns, der Selbstverwirklichung. Indem der Mensch gezwungen ist, sein Leben allein im Dienste der Sicherung des Lebensunterhaltes zu verbringen, zu essen, zu trinken zu wohnen, für Nachkommen zu sorgen und einiges andere mehr, ist er in seinen menschlichen Funktionen auf der tierischen Ebene angelangt. Zwar sind auch diese Funktionen menschlich notwendige, jedoch ist die Befriedigung durch dieselben lediglich die Voraussetzung der Selbstverwirklichung und nicht der Endzweck. „In der Abstraktion aber, die sie (die Arbeit, d.V.) von dem übrigen Umkreis menschlicher Tätigkeit trennt, sind sie tierisch.“261 Marx beschreibt das Verhältnis des Arbeiters zum Kapitalisten, dem Arbeitgeber, folgendermaßen: „Zunächst ist zu bemerken, daß alles, was bei dem Arbeiter als Tätigkeit der Entäußerung, der Entfremdung, bei dem Nichtarbeiter als Zustand der Entäußerung, der Entfremdung, erscheint“ 262 Der Prozess der Entfremdung trifft also nicht nur den Arbeiter, sondern auch den Nichtarbeiter, den Arbeitgeber, den Kapitalisten. Er trifft sie allerdings auf unterschiedliche Art und Weise. Während sie den Arbeiter in tätiger Auseinandersetzung im Herstellungsprozess trifft, bedeutet sie für den Arbeitgeber einen Zustand arbeitspraktischer Untätigkeit. Er kann seine menschliche Autonomie erst gar nicht durch die besondere Fähigkeit der praktischen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand im Arbeits- und Herstellungsprozess gewinnen, da er darin nicht mit seiner lebendigen Arbeitskraft involviert ist, sie deshalb überhaupt nicht darin verlieren kann. Die produzierten Gegenstände bleiben ihm deshalb ebenso fremd wie dem Arbeiter. Da er sich diese jedoch dank seines Reich- 260 Marx, Karl: Ebd., S. 514 261 Marx, Karl: Ebd., S. 515 262 Marx, Karl: Ebd., S. 522 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 114 tums beliebig beschaffen kann, fühlt er sich, im Gegensatz zum Arbeiter, in seiner Entfremdung wohl. Auch er verspürt gelegentlich Unbehagen. Überdruss, Langeweile, Beliebigkeit und Opportunismus in den Beziehungen lassen ihn spüren, dass etwas fehlt, nicht richtig ist. Jedoch lassen sich diese mit ausgefeiltesten Konsumarten verdrängen, überbrücken, betäuben. Keinesfalls würde er mit der Entfremdung des Arbeiters tauschen, der seinerseits jedoch sofort dazu bereit wäre. Dieser empfindet sein Unbehagen weit drastischer, muss sich jedoch darein fügen, weil er keinen Ausweg sieht. Erst die Theorie des Kommunismus weist ihm diesen, postuliert Marx. Zwar ist der Kapitalist auch entfremdet von seiner eigentlichen menschlichen Bestimmung. Jedoch ist er, im Gegensatz zum Arbeiter, nicht daran interessiert, diesen Zustand der Entfremdung aufzuheben. Im Gegenteil, er fühlt sich darin wohl und will ihn unter allen Umständen beibehalten. Deshalb glaubt Marx, dass nur eine gewaltsame proletarische Revolution ihn dazu bringen kann, die kapitalistischen Verhältnisse aufzugeben. „Der Nichtarbeiter tut alles gegen den Arbeiter, was der Arbeiter gegen sich selbst tut, aber er tut nicht gegen sich selbst, was er gegen den Arbeiter tut.“263 Das Verhältnis zwischen Arbeiter und Kapitalist ist kein primär menschliches, sondern eines zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die sich nur scheinbar als Gleiche auf dem Arbeitsmarkt begegnen. Der Arbeitgeber kauft die Arbeitskraft des Arbeiters für eine bestimmte Zeit und gibt ihm dafür Geld. Der Arbeiter hat keine andere Wahl und ist gezwungen, sie zu verkaufen, um seine Existenz zu finanzierten. Der eine gibt seine Lebenszeit und der andere nur sein Geld. Er presst aus dieser Lebenszeit so viel heraus, wie, Maschinen und Arbeitsteilung sei Dank, es nur möglich ist. Er zahlt nur ein bestimmtes Entgelt, den Mehrwert nutzt er für sich allein. Obwohl vom Arbeitnehmer geschaffen, behält er diesem denselben vor. Marx nennt dies Ausbeutung. Indem sich der Arbeitgeber aufgrund eines auf dem sogenannten freien Arbeitsmarkt freiwillig geschlossenen Arbeitsvertrages an dem Arbeiter bereichern kann, begründet und festigt er seinen Status als Kapitalist und ist selbst von diesem Arbeitsprozess befreit. Je mehr 263 Marx, Karl: Ebd., S. 522 3. Tätigkeit – Arbeit 115 Vermögen er anhäuft, umso mehr wird er in die Lage versetzt, sich weitere und bessere Mittel der Produktion anzueignen und den Wirtschaftsprozess zu dominieren. Damit wachsen seine Macht, sein Einfluss und sein eigener Wohlstand. Er ist in der Lage, die schwächere Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen und diese sogar ins Proletariat hinab zu zwingen. Dieses vergrößert sich und damit die Konkurrenz untereinander. Marx bemerkt, dass der Arbeiter umso ärmer würde, je reicher der Kapitalist wäre. Die Menschen begegnen sich nicht als Ebenbürtige, sondern als Besitzende an Produktionsmitteln und als Nichtbesitzende, die nur über ihre lebendige Arbeitskraft verfügen. Sie begegnen einander nicht mehr als Menschen, sondern als Symbole, als Chiffren, für die sie in der Gesellschaft stehen, als Reiche, als Arme, als Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Arbeitslose, Wohnungslose usw. Wenn man sich jedoch als Mensch fühlen soll, meint Marx, so „setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen.“264 Marxens Differenzierung des Begriffs der menschlichen Tätigkeit, Arbeit, in die einmal ontologische und zum andern in die historisch- ökonomische Betrachtungsweise hat ihren Impuls aus Hegels Herr- Knecht-Kapitel der „Phänomenologie“ bezogen. In der besonderen Auseinandersetzung mit diesem Kapitel hat Marx gelernt, dass Hegels Begriff der Entäußerung, den dieser nur positiv begreift, auch eine negative Kehrseite hat, nämlich in Form von Entfremdung, Entfremdung des Produzenten von seinem Produkt. Und dieser Prozess der Entfremdung führt dazu, dass sich die Menschen nicht mehr mit dem Resultat ihrer Arbeit identifizieren können, sondern nur noch mit der abstrakten Bezahlung ihrer Tätigkeit. Ihr eigentliche menschliche Qualität bleibt ihnen verborgen, fremd, deshalb können sie sich auch nicht mehr als menschliche Subjekte begegnen, sondern nur noch als Fremde, deren Wert allein am Besitz von Geld, Reichtum, Kapital gemessen werden kann. Damit ist Hegels Idylle des Verhältnisses zwischen Herrn und Knecht in das Reich des romantischen Idealismus verbannt. Zwar hat Hegel die ontische Beziehung zwischen Subjekt 264 Marx, Karl: Ebd., S. 567 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 116 und Objekt als dialektische erkannt, aber dabei übersehen, dass es die besonderen historischen gesellschaftlichen Verhältnisse sind, die darüber entscheiden, ob diese Beziehung menschlich oder entfremdet, also unmenschlich ist. Herr und Knecht können sich niemals so begegnen wie gleichberechtigte freie Individuen, weil die existierenden Herrschaftsverhältnisse den Einen in die dominierende und den Anderen in die unterlegene, dienende Funktion verorten. Dieses erkannt zu haben, verdankt Marx dennoch zum großen Teil der Auseinandersetzung mit seinem Lehrer Hegel. Entfremdung – Verdinglichung In den Begriffen „Entfremdung“ und „Verdinglichung“ lässt sich besonders deutlich Marxens anthropologische Axiomatik sowie seine Hegeltradition erkennen, die sein gesamtes Werk bestimmen: Die Definition des Menschen als tätiges Wesen. Es ist die Tätigkeit, die Arbeit, welche die Geschichte, Gesellschaft und den Menschen selbst ausmacht, erzeugt hat. Der Begriff der Arbeit kann deshalb als die marxistische „Zentralkategorie“265 bezeichnet werden. Nur aus ihrem Verständnis heraus erschließt sich die Theorie des historisch-dialektischen Materialismus‘ von Marx. Das gesamte Denken von Karl Marx kreist um den Menschen: Wie ist er entstanden? Warum hat er sich derart entwickelt. Was wird bzw. kann aus ihm werden? Seine Versuche, diese Fragen zu beantworten, dienen nur dem einen Zweck: Die Menschheit von Not, Elend und Ausbeutung zu befreien und nicht, sie in erster Linie zur Vernünftigkeit zu erziehen, wie Hegel es wollte. In seinen Frühschriften kann man das Ringen um Antworten am deutlichsten erkennen und ohne deren Kenntnis ist ein Verständnis der Spätschriften wie des „Kapital“ nicht möglich. Das Herunteranalysieren auf eine rein ökonomische Interpretation, wie es in Folge der bolschewistischen Revolution geschah, hat mit zum Scheitern der sozialistischen Versuche beigetragen. Es folgte eben nicht auf die Beseitigung der ökonomischen Basis des Za- 4. 265 Weingartz-Perschel, Karin: Darstellung des Begriffs der Arbeit als marxistische Zentralkategorie, Frankfurt a.M., a.a.O. 4. Entfremdung – Verdinglichung 117 rismus und die Proklamation des Sozialismus/Kommunismus die Umwälzung des gesamten gesellschaftlichen „Überbaus“ und auf die Vergesellschaftung des Privateigentums eine freie und humane Gesellschaft. Zu diesem Scheitern hat nicht zuletzt beigetragen, dass die Frühschriften von Marx erst Anfang der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts veröffentlicht worden sind; sie aber als jugendliche unreife Gedankenäußerungen abzutun, war ein gravierender Fehler der Bolschewisten, denn in ihnen findet sich die gesamte anthropologische Axiomatik von Marx. Marx selbst hat davor gewarnt, den Kommunismus in einem technisch unentwickelten Land einzuführen, da dort nur die gesellschaftliche Armut verallgemeinert würde. Der Hinweis auf die Tradition des in Russland geltenden Rechts auf gemeinsame Bewirtschaftung und Nutzung bestimmter Ländereien hat ihn nicht wirklich von seiner Überzeugung abbringen können, dass der Kommunismus nur in einem technisch hochentwickelten Land erfolgreich sein könnte. Für Marx bedeutete die Französische Revolution die notwendige Durchgangsphase der Menschheit auf dem Weg zur Selbstbefreiung; auch das verbindet ihn mit Hegel. Doch während Hegel das Ziel der Emanzipation in einem vernünftigen Idealstaat sieht, bedeutet es für Marx die klassenlose Gesellschaft. Schon seit seiner Schulzeit geht es Marx um das Wesen des Menschen, um die vorsokratische Forderung „Mensch, erkenne Dich selbst!“ Und er formuliert als kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein „erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“266 Darin gründet sich sein politischer Radikalismus, der sich nicht nur auf die Befreiung des Proletariats beschränkt, sondern sich auf die gesamte Menschheit bezieht: „Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist der Mensch selbst.267 Dieses menschenzentrierte Weltbild ist nicht nur als Kritik an Hegels vom absoluten Geist gesteuertes Wesen Mensch, sondern gleichzeitig als radikale Religionskritik zu verstehen, ganz in der Tradition von Ludwig Feuerbach, der seinerzeit seinen Lehrstuhl verlor, weil er den Menschen zu des Menschen Gott erklärt hat. „Homo homini DEUS est – 266 Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Die Frühschriften, Stuttgart 1964, S. 216 267 Marx, Karl: Ebd. III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 118 dies ist der oberste praktische Grundsatz – dies der Wendepunkt der Weltgeschichte.“268 Und er behauptet weiter: „Nur das Menschliche ist das Wahre und Wirkliche; denn das Menschliche ist nur das Vernünftige; der Mensch ist das Maß der Vernunft.“269 Diese Aussage Feuerbachs ist nicht nur gegen Hegels Weltgeist gerichtet, sondern gegen den gesamten Idealismus seiner Zeit. Feuerbach erhebt erstmals in der philosophischen Tradition die Anthropologie zur Universalwissenschaft und die Liebe, die sinnliche eingeschlossen, zur Natur des Menschen. In dieser Tradition entwickelt auch Marx sein Menschenbild, wenn auch in kritischer Hinsicht. Denn während Feuerbach den Menschen im Allgemeinen, als Individuum an sich, als abstraktes Wesen fasst, dessen natürliche Bestimmung die Liebe sei, definiert es Marx als konkretes lebendiges, gesellschaftliches Wesen. Deshalb formuliert er in seiner sechsten Feuerbach-These: „Das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum innewohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“270. Der Mensch ist Resultat der realen Wirklichkeit, in der er lebt und wird von der konkreten Praxis, an deren Gestaltung er selbst beteiligt ist, geprägt. Er gestaltet sie mittels seiner Tätigkeit, je nach seiner gesellschaftlichen Stellung, selbst, weil sein Wesen die Tätigkeit, die Fähigkeit, sich tätig zu entäußern, zu arbeiten, ist. Das macht ihn zum Menschen und unterscheidet ihn qualitativ vom Tier. Und diese Fähigkeit zu arbeiten hat ihn, nach Marx, erst zum Menschen gemacht, der seine eigene Umwelt, seine Geschichte und letztlich sich selbst erschaffen, sich selbst aus dem Naturzustand herausgearbeitete hat. Denn: „Als Bildnerin von Gebrauchswerten, als nützliche Arbeit, ist die Arbeit daher eine von allen Gesellschaftsformen unabhängige Existenzbedingung des Menschen, ewige Naturnotwendigkeit, um den Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur, also das menschliche Leben zu vermitteln.“271 Dass er dies noch in seinem Spätwerk betont, beweist, dass es ihm zeitlebens darum ging, das Wesen des Menschen zu erforschen, es von gesellschaftlich entstandenen Fesseln zu befreien 268 Feuerbach, Ludwig: Das Wesen der Religion, Köln, 1967, S. 214 269 Feuerbach, Ludwig: Grundsätze der Philosophie der Zukunft, Frankfurt a. M., 1967, S. 50 270 Marx, Karl: Die deutsche Ideologie, in: Die Frühschriften, a.a.O., S. 340 271 Marx, Karl: Kapital I, MEW 23, Berlin 1973, S. 57 4. Entfremdung – Verdinglichung 119 und dies als zu verwirklichende Notwendigkeit ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu heben. Diese Notwendigkeit zu beweisen, dazu dient ihm sein Lebenswerk. Und gleichzeitig versucht er, zusammen mit Engels, den Weg in diese Freiheit zu beschreiben. Dabei konnten sich beide jedoch nur auf Freiheitskämpfe der historischen Vergangenheit beziehen, besonders auf die Französische Revolution, die von Gewalt und Blutvergießen geprägt war. Ihnen erschien dies, wie übrigens auch Hegel, noch als unvermeidliches Übel, das erst in der Zukunft überwunden werden kann. Dem Wesen des Menschen, dessen unbegrenzter schöpferischer Kraft, die optimalen gesellschaftlichen Möglichkeiten der Entfaltung zu verschaffen, das hat das Denken, Forschen und Schaffen von Marx geprägt. Erich Fromm sagt einmal über ihn: „daß er die Blüte der westlichen Humanität darstellt … Er repräsentiert die westliche Tradition in ihren besten Zügen: ihren Glauben an die Vernunft und den menschlichen Fortschritt.“272 Diesen Glauben teilt Marx mit Hegel und dieser steht ganz in der Tradition von Rousseau und den Aufklärern. Während Hegel auf die absolute Macht eines vernünftigen Weltgeistes setzt, glaubt Marx, mit der Analyse der menschlichen Tätigkeit, der Arbeit und deren Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse in ihrer Beziehung zur Ideologie und der gesellschaftlichen Gesamtentwicklung, eine Gesetzmäßigkeit gefunden zu haben. Dass diese Definition des menschlichen Wesens als tätiges, arbeitendes in späterer Zeit äußerst umstritten und als zu hegelianisch abgetan worden ist, bleibt auch heute zu bedenken. Für Marx ist Hegels Definition des Begriffs „Entäußerung“ von grundlegender Bedeutung. In seiner „Phänomenologie des Geistes“ ist der „zu sich kommende Weltgeist“ als ein Prozess beschrieben, der sich als Tätigkeit des absoluten Bewusstseins darstellt und sich der Bewusstseinsfähigkeit und -tätigkeit der Menschen, womit sich diese mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, mehr oder weniger bedient. Die Individuen sind also gezwungen, zwecks ihrer Lebenserhaltung und -verbesserung tätig zu werden, sich also zu „entäußern“273 272 Fromm, Erich: Das Menschenbild bei Marx, Frankfurt a.M. 1980, S. 80 273 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 118 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 120 Während Hegel die Begriffe Entäußerung und Entfremdung nur positiv, als identisch fasst, benutzte Marx den Begriff der Entfremdung als gesellschaftskritischen, nämlich als das Fremdwerden des Menschen seiner selbst und des Mitmenschen. Er kritisiert das Versöhnungsprinzip der Hegelschen Dialektik, wie es in Hegels Herr-Knecht- Kapitel seiner „Phänomenologie“ demonstriert wird und setzte dagegen seine Forderung, den Widerspruch zwischen Herrn und Knecht nicht allein bewusstseinsmäßig zu lösen, sondern praktisch, als konkrete Aufhebung der Klassengesellschaft. Die Fremdheit zwischen den Menschen und zu sich selbst lässt sich nicht mittels reiner Reflexion beseitigen. Das System der Gesellschaft muss sich ändern, damit sich Fremdheit, Entfremdung überwinden lassen. Der Begriff der Entfremdung geht mit dem der Verdinglichung einher. Doch verdient er eine gesonderte Betrachtung, weil Marx mit seiner Hilfe die Form der Entfremdung betont, die Menschen auf die Stufe von Dingen reduziert. Solange Freiheit auf die des Marktes beschränkt wird, bleibt auch die des Menschen eingeschränkt. Die Möglichkeiten seiner freien Entfaltung bleiben unentdeckt, unbekannt, fremd. Solange er seinen Wert mit dem Maßstab des Geldes misst, der absoluten Ware, die gegen alles austauschbar ist, sogar gegen Liebe, sich mit ihm identifiziert, reduziert er sich selbst zum Ding, macht sich zur Ware. Er verdinglicht, wie Marx es nennt. Sein Wert wird zum Tauschwert. „Im Tauschwert ist die gesellschaftliche Beziehung der Personen in ein gesellschaftliches Verhältnis der Sachen verwandelt; das persönliche Vermögen in ein sachliches“; die Beziehung besteht „als dem Eigner von Tauschwerten, von Geld. Er trägt seine gesellschaftliche Macht, wie seinen Zusammenhang mit der Gesellschaft, in der Tasche mit sich.“274 Im Tauschwert des Geldes verwandeln sich die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen in die von Sachen, Dingen. Hegels dialektische Logik, wie er sie als Grundlage seines gesamten Werkes erarbeitet hat, machte dem jungen Marx zunächst durchaus die größten Schwierigkeiten. Er nannte sie: Eine ‚dunkle Felsenmelodie‘, die ihr Geheimnis nicht preisgeben will. Sie erschließt sich ihm erst später, in einer intensiven Beschäftigung mit ihr. 274 Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 75 4. Entfremdung – Verdinglichung 121 Marx selbst hatte vor, die dialektische Methode in einer besonderen Schrift darzulegen und zu erläutern, sobald er die Zeit dafür finden würde. Noch 1868 schreibt er in einem Brief an Dietzgen: „Wenn ich die ökonomische Last abgeschüttelt habe, werde ich eine D(ialektik) schreiben. Die rechten Gesetze der Dialektik sind schon in Hegel enthalten, allerdings in mystischer Form.“275 Leider kommt er nicht mehr dazu. Es ist gerade die Kategorie des Widerspruchs, welche für Hegel und mit ihm auch für Marx das wichtigste Prinzip der Dialektik ist. Das Prinzip besteht darin, den Widerspruch ausdrücklich ein – statt ihn auszuschließen, wie es die formal wissenschaftliche Logik fordert, dass A gleichzeitig auch Nicht-A sein kann, das Identische mit dem Nichtidentischen identisch sein kann. Dieses Denken ist für die formale Logik ausgeschlossen; für sie kann A niemals auch Nicht-A sein. Hegel meint: „Alle Dinge sind an sich widersprechend.“276 Daher wird der Prozess durch Bewegung erst möglich. „Was überhaupt die Welt bewegt, das ist der Widerspruch.“277 Zwar bleibt die formale Logik, wie sie in den Naturwissenschaften gilt, auch für Dialektik gültig, jedoch als untergeordnete Form. Gesellschaftliche Phänomene benötigen eine weitreichendere Methode als Naturphänomene. Wenn sich in der Natur etwas ereignet oder in ihr etwas untersucht werden soll, dann geschieht dies immer nach dem Wenn-Dann-Prinzip, der formallogischen Methode. Wenn der Stein fällt, dann immer nach dem Fallgesetz. Um gesellschaftliche Phänomene zu verstehen und zu erklären, reicht dieses logische Gesetz jedoch nicht aus. Hier gilt die Dialektik. Wenn ein Mensch z.B. zu Boden fällt, so unterliegt er natürlich auch dem Gesetz des Freien Falles, wie jede andere Sache. Mit diesem Gesetz kann jedoch nicht erklärt werden, warum er fällt. Dazu ist dialektisches Denken nötig, welches die Gründe erforscht und zueinander vermittelt. Vielleicht ist er gestolpert, wurde gestoßen, ist ohnmächtig geworden oder wurde gar von einer tödlichen Kugel getroffen – mit Absicht oder aus Versehen usw.. Da reicht das Fallgesetz zur Erklärung nicht aus. „Die Gesellschaft ist ein Ge- 275 Marx, Karl: Brief an Dietzgen 1868, MEW 32, S. 547 276 Hegel, GWF: Die Wissenschaft der Logik II, Frankfurt a.M. 1986, S. 74 277 Hegel, GWF: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, Frankfurt a.M. 1987, S. 247 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 122 samtprozeß, in dem die von der Objektivität umfangenen, gelenkten und geformten Menschen doch auch wiederum auf jene zurückwirken … Die Einsicht in Gesellschaft als Totalität impliziert auch, daß alle in dieser Totalität wirksamen, und keineswegs ohne Rest aufeinander reduktiblen Momente in die Erkenntnis eingehen müssen“278, so brachte es der Dialektiker Adorno einmal auf den Punkt. Für Marx gilt die Hegelsche These: „Alle Dinge sind an sich widersprechend.“279 Daher wird der Prozess durch Bewegung erst möglich. „Was überhaupt die Welt bewegt, das ist der Widerspruch.“280 Jedoch gelten für ihn die Klassenwidersprüche nicht als dialektische Bewusstseinswidersprüche, sondern als Antagonismen, die nur in der wirklichen Aufhebung durch Klassenkampf beseitigt werden können. Das Beispiel der Liebesbeziehung, wie Hegel die Dialektik in seiner „Jenenser Realphilosophie“ erklärt 281, taugt für Marx keinesfalls zur Legitimation des Klassencharakters einer Gesellschaft und dessen Überwindung. Die Besonderheit der menschlichen Entäußerung, die Fähigkeit, sich auf einen anderen Menschen einzulassen, sich mit ihm zu identifizieren und sich selbst weitgehend aus seinem Blickfeld zu nehmen, zu negieren, wie Hegel sagen würde, sich gar opfern würde, kann sich für Marx nur in einer klassenlosen Gesellschaft realisieren und nicht in einer antagonistischen. „Wirkliche Extreme können nicht miteinander vermittelt werden, eben weil sie wirkliche Extreme sind.“282 Wirkliche Extreme nennt Marx auch Antagonismen. Marx unterscheidet zwischen Widerspruch und Antagonismus. Ersteren versteht er als ontisch-dialektischen, der grundsätzlich die menschliche Geschichte und Gesellschaft in Bewegung hält. Als Antagonismus bezeichnete er den historisch überwindbaren Gegensatz 278 Adorno, Theodor W.: Zur Logik der Sozialwissenschaften, in: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Darmstadt/Neuwied 1972, S. 141 279 Hegel, G.W.F.: Die Wissenschaft der Logik II, Frankfurt a.M. 1986, S. 74 280 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, Frankfurt a.M. 1987, S. 247 281 Hegel, G.W.F.: Jenenser Realphilosophie II, Leipzig 1931, S. 197 282 Marx, Karl: Kritik des Hegelschen Staatsrechts, MEW 1, S. 292 4. Entfremdung – Verdinglichung 123 zwischen den Menschen, wie zwischen den Armen und den Reichen, dem Proletariat und den Kapitalisten. Hegel selbst gibt Beispiele dazu, wie er die dialektische Methode verstanden wissen will. Bereits in der „Jenenser Realphilosopie“ erklärt er am Beispiel der Liebe zwischen zwei Menschen 283 die Besonderheit der menschlichen Entäußerung, die Fähigkeit, sich auf einen anderen Menschen derart einzulassen, sich mit ihm zu identifizieren und sich selbst weitgehend aus seinem Blickfeld zu nehmen, zu negieren, wie Hegel sagen würde, sich gar opfern würde, wofür die Weltliteratur reichhaltig und beeindruckende Beweise bereithält. Die Liebenden verschmelzen, werden eins, wie man zu sagen pflegt, das Subjekt wird zum Objekt und umgekehrt, sie werden als Liebespaar zu einer neuen Einheit, zu einem Ganzen, das vorher noch nicht bestanden hat. In ihrer Identifikation negieren sie sich selbst als Einzelne, ohne sich jedoch gänzlich zu verlieren. Die Liebenden müssen in ihren Alltag als Einzelne, zum Beispiel in den Beruf, das Studium, aus ihrer Zweisamkeit zurückkehren, jedoch nicht mehr als dieselben, die sie vorher waren, sondern als um den Geliebten erweiterten Einzelnen, als Neue Qualität. Sie negieren dann wiederum ihr vorheriges Einssein, heben also, um mit Hegel zu sprechen, ihre erste Negation als Einzelne wieder auf, wenn auch vor- übergehend, aber als Neue Qualität, als Position, als um die Liebeserfahrung mit dem Anderen erweiterten je Einen. Hegel nennt diesen Prozess auch: Die Identität von Identität und Nicht-Identität, das Beisichsein des Einen, der sich entäußert, um sich mit dem Anderen zu identifizieren und wieder zu sich selbst zurückzukommen, aber um die Erfahrungen mit und durch den Anderen bereichert, erweitert; es sind über diesen Prozess zwei neue Identitäten entstanden, die es so vorher nicht gab, eben zwei neue Identitäten, die über mehr Qualitäten als vorher verfügen. Beide sind nicht mehr dieselben, die sie vor ihrer Begegnung und Beziehung waren und sie werden nie mehr zu denselben zurückkehren können. Sie haben sich zu neuen Persönlichkeiten weiterentwickelt und damit einen neuen Ausgangspunkt für ihre Weiterentwicklung erreicht. 283 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Jenenser Realphilosophie II, a.a.O., S. 197 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 124 Diese Entäußerungsart in Form der Liebesbeziehung zu einem anderen Menschen ist natürlich sehr intensiv und beeindruckend. Aber prinzipiell vollzieht sich dieser Prozess zwischen allen Menschen, die sich begegnen. Er vollzieht sich auch zwischen Menschen, Tieren und auch Dingen; hier jedoch im Wesentlichen auf den Menschen bezogen, denn die Dinge können kein Verhältnis zum Menschen entwickeln, aber sie werden von diesem beeinflusst und gegebenenfalls verändert. Domestizierte Tiere bilden hier eine gewisse Ausnahme, da sie, wenn auch in eingeschränktem Maße, eine Beziehung zum Menschen entwickeln können. Der Mensch jedoch bleibt von keiner seiner Wahrnehmungen und Begegnungen unberührt, sei es auch nur eine Reklame, die er am Straßenrand oder in einer Illustrierten sieht. (Der Werbeindustrie ist dies durchaus bewusst, sonst würde sie nicht so viel Geld investieren, wäre sich nicht von der Wirkung bis hinein ins Unbewusste des Betrachters überzeugt). Dieser Prozess, diese Negation der Negation, diese Permanenz der Identität gleich Identität und Nicht-Identität, führt als Resultat, der Position, zu Neuer Qualität und so fort in einem unendlichen Prozess. Hegel nennt diesen Prozess: Die Negation der Negation gleich Position. Dabei kommt es Hegel darauf an, die Besonderheit der menschlichen Spezies herauszustellen, dass jeder Mensch, im Gegensatz zum Tier, mit der Empathie dieser Entäußerungsfähigkeit ausgestattet ist und diese Begabung sich in allen seinen Äußerungen zeigt, auch in den unscheinbarsten, unabhängig von seinem Willen. In seinem Hauptwerk, der „Phänomenologie des Geistes“. gibt er auch das Beispiel des Baumes: Der Mensch sieht den Baum. Auch wenn er sich von dem Baum entfernt, ihn gar aus seinem Blickwinkel verliert oder ihm den Rücken zugewandt hat, nimmt er die Vorstellung von ihm in seinem Bewusstsein mit sich. Der Baum existiert nun in seinem Kopf, wo schon so viele Dinge, Sachverhalte, Erlebnisse, Erfahrungen existieren, die er nach Bedarf abrufen und miteinander vermitteln kann. Zum Beispiel kann er sich, als es anfängt zu regnen, an den Baum erinnern und ihn als Schutz unter dessen Blätterdach aufsuchen. Oder er erinnert sich an den Baum als zweckmäßigen Holzlieferanten, als geeignetes Material für den Bau einer Hütte als zweckmäßige Unterkunft zum Schutz vor Unwetter. Er nimmt sich ein angemessenes Werkzeug, fällt den Baum, zerlegt ihn entsprechend und fertigt daraus eine Holzhütte 4. Entfremdung – Verdinglichung 125 zum Zweck eines optimaleren Schutzes für sich selbst und vielleicht seine Familie, als es die Höhle war. Diese neue Erfahrung und Tatsache fügt er allen seinen zuvor gemachten Erfahrungen hinzu, erweitert damit sich und sein Wissen, erreicht somit eine neue Qualität, die er in Gestalt der Hütte als Produkt dieses Prozesses in die Praxis umsetzt, eine neue Realität schafft. Auf diese Weise erschafft und gestaltet er seine Umwelt und das Verhältnis zu ihr und den Menschen immer wieder aufs Neue. Diese Perzeptionsfähigkeit entwickelten und werden die Menschen in ihrer Auseinandersetzung mit der Umwelt schlechthin ewig entwickeln. Dieser Entäußerungsprozess vollzieht sich gegenüber allen möglichen Dingen, Menschen, Tieren, Pflanzen, Sachen, Phänomenen usw., Theorien, Literatur, Gedanken, Gesetze, den Weltraum eingeschlossen, weil der Mensch gar nicht anders kann. Das bringt sein Menschsein mit sich. Deshalb hat er, im Gegensatz zum Tier, Geschichte und Kultur. Zwar stammt er aus dem Tierreich und ist in seiner Leiblichkeit von der Natur abhängig, hat sich mittels dieser seiner Besonderheit jedoch von der Natur derart emanzipiert, dass er seine eigene soziale Welt erschaffen konnte und weiterhin kann und sogar zum Herrscher über die Natur wurde. Das Wesentliche der Hegelschen Philosophie besteht eben darin, dies erkannt zu haben, nämlich dass der Mensch die Fähigkeit besitzt, sich zu entäußern, tätig zu werden, zu arbeiten. Man könnte diese Hegelsche Entdeckung auch eine anthropologisch-psychologische nennen, welche den Gottesbegriff außer Kraft setzt. Zwar bleibt es Hegel unverständlich, dass sich der Mensch allein mit dieser seiner besonderen Qualität selbst zu dem gemacht hat, was er ist, dass er seine Geschichte aus eigener Kraft, wie bisher unzulänglich auch immer, selber erzeugt hat. Deshalb erfindet er einen „absoluten Geist“, den „Weltgeist“ als Ursache und Lenker von Allem, der sich der Menschen und ihrer besonderen Fähigkeit der Entäußerung, des Denkens und Arbeitens nur bedient, um mit deren Hilfe zu sich kommen zu können, sich selbst als den Demiurgen der Welt erkennen zu können. Dies schmälert jedoch nicht Hegels erkenntnistheoretisches Verdienst, die Bewegungsgesetze der menschlichen Geschichte und Gesellschaft, des menschlichen Zusammenlebens entdeckt zu haben. Au- ßerdem führt Hegel damit den ersten zentralen Schlag gegen die Reli- III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 126 gionen, denn immerhin siedelte er den Weltgeist innerhalb unserer Welt an und nicht jenseits derselben in einem Himmel oder Paradies. Jeder könnte sich diesem Weltgeist anverwandeln, wenn er sich nur genügend anstrenge und sich Bildung aneigne. Diese anthropologische Axiomatik der Hegelschen Philosophie filtert Marx heraus und macht sie zur eigenen: „Das Große an der Hegelschen Phänomenologie … ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß faßt, … daß er also das Wesen der Arbeit faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen als Resultat seiner eigenen Arbeit begreift.“284 So beschreibt Hegel den Arbeitsprozess, den die wirklichen Menschen vollziehen, als List der Vernunft: „Die Vernunft ist ebenso listig als mächtig. Die List besteht überhaupt in der vermittelnden Tätigkeit, welche, indem sie die Objekte ihrer eigenen Natur gemäß aufeinander einwirken und sich aneinander abarbeiten läßt, ohne sich unmittelbar in diesen Prozeß einzumischen, gleichwohl nur ihren Zweck zur Ausführung bringt.“285 Zwar ist Hegel nicht in der Lage, zu erkennen, dass zielgerichtete menschliche Tätigkeit ohne die Vorbestimmung eines „absoluten Geistes“ geschehen kann; die Gottgläubigkeit herrschte jedoch zu seiner Zeit noch fast unbestritten, sodass Hegel Gott zwar nicht voraussetzt, aber dafür einen „Weltgeist“ inauguriert, der jedenfalls den fortschrittlichen Vorteil hat, in dieser Welt zu existieren und nicht in einem paradiesischen Jenseits. Jeder Mensch hat also, nach Hegel, die Möglichkeit, hinauf auf die höchste Stufe dieses Weltgeistes mittels Wissenserwerb zu gelangen. Dass die schwachen Menschen ihre Geschichte einzig und allein selbst bewerkstelligt haben und bewerkstelligen, kann er nicht glauben. Er ist aber davon überzeugt, dass in jedem Menschen dieser Weltgeist mehr oder weniger vertreten ist und der Weltgeist sich nur durch die Menschen realisieren kann. Deshalb ist Hegel auch davon überzeugt, dass die Menschen diese Idee der Vernunft verwirklichen können. Den Beweis dafür hat er im Gelingen der Französischen Revolution gesehen, welche zur Verwirklichung der bürgerlichen Gesellschaft geführt hat. Im Preußischen 284 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, a.a.O., S. 574S 285 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie I, zit. In: Marx, Karl: Das Kapital Bd. 1, MEW 23, a.a.O., S. 194 4. Entfremdung – Verdinglichung 127 Staat hat er bereits die Ansätze der Realsetzung der vernünftigen Idee einer befreiten Gesellschaft vermutet. Marx hat die Hegelsche Dialektik vom absoluten Geist, vom Weltgeist, befreit und sie „vom Kopf auf die Füße“ gestellt und den handelnden Menschen den Stellenwert in der Welt, der ihnen wirklich zukommt, verschafft, nämlich die Erzeuger ihrer Geschichte, der Gesellschaft und ihrer selbst zu sein. Sie sind deshalb auch in der Lage, diese friedlich und menschlich zu gestalten – wenn sie dies endlich auch begriffen haben. Erst dann kann die Subjekt-Objekt-Beziehung, wie Hegel sie entdeckt hat, Wirklichkeit werden. Deshalb meint Marx, dass er Hegel vom Kopf des Weltgeistes auf die Füße der menschlichen Praxis gestellt habe, dass er die Klassenwidersprüche als praktische statt als ideelle begreife und sie deshalb auch real-praktisch auflösen möchte, anstatt sie ideell aufzuheben, also nur im Bewusstsein der Betroffenen, um eine friedliche, klassenlose Gesellschaft herbeizuführen. Denn er ist, seit seiner Auseinandersetzung mit Feuerbach, davon überzeugt, dass cum grano salis das Sein das Bewusstsein bestimmt, dass es die praktischen Lebensumstände sind, die das Leben der Menschen bestimmen und weniger bis gar nicht das, was sie darüber denken. Seine Kritik a. Ein grundsätzlicher Unterschied zu Hegel ist die Tatsache, dass Marxens Theorie sich ausschließlich mit der menschlichen Gesellschaft befasst und die „Natur da draußen“ den naturwissenschaftlichen Disziplinen überlässt. Er ist der Meinung, dass wir nur das verstehen können, was wir selber gemacht haben, nämlich unsere eigene Geschichte, während wir die äußere Natur nur vorgefunden haben, die wir zwar beherrschen und analysieren, sie aber nicht verstehen können. Hegel dagegen sieht die Welt als Einheitliches Ganzes, das als Erzeugnis des Weltgeistes zu betrachten ist. Dieser habe sich von der chemischen Stufe zur physikalischen bis zur organischen, pflanzlichen und tierischen, immer weiterentwickelt und sich auf der höchsten Stufe ein Subjekt geschaffen, dass mit Bewusstsein, mit Verstand und der Fähigkeit zur Vernunft begabt ist. Dieses Subjekt ist der Mensch und er 5. III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 128 benutzt ihn als Transfer seiner selbst, um das, was er „an sich“ ist, nämlich der Demiurg der Welt, auch zu erkennen, was er „für sich“ ist; dass er mit Hilfe des Subjektes Mensch die „Augen aufschlagen“ und auf alle Gestalten des Bewusstseins, seine ganze Weltentwicklung zurückschauen kann und sein Werk in absoluter Vernünftigkeit als das „an- und für sich“ Seinige zu erfassen. Marx hingegen unterscheidet die Welt in Natur und menschliche Geschichte in zwei, voneinander verschiedene Qualitäten, in Natur und Gesellschaft. Dabei gilt ihm die Natur als Voraussetzung der Menschwerdung, grenzt erstere aber dadurch ab, dass er sie den Erforschungen der Naturwissenschaftler überlässt, die sich ihr mittels der formalen Logik nähern und sie erkennen können. Marx wendet seine Untersuchungen ausschließlich auf die menschliche Gesellschaft an, weil wir nur diese verstehen können, weil sie das Produkt unserer eigenen Tätigkeit ist. Deshalb greift er auch Hegels Dialektik auf, weil sie dazu geeigneter ist als die formallogische der Naturwissenschaftler. Natürlich lehnt die Dialektik die formal-logische Methode nicht ab, sondern integriert sie und geht über sie hinaus. b. Marx kritisiert, dass Hegel die menschliche Tätigkeit, Arbeit nur positiv fasst, so wie die Nationalökonomen seiner Zeit, nämlich einseitig nur als Quelle gesellschaftlichen Reichtums. „Hegel steht auf dem Standpunkt der modernen Nationalökonomen. Er erfaßt die Arbeit als das Wesen, als das sich bewährende Wesen des Menschen; er sieht nur die positive Seite der Arbeit, nicht ihre negative.“286 Wenngleich auch Hegel den Verelendungsprozess des Proletariats zu Beginn der Industrialisierung und besonders in England mit Sorge beobachtet, so erkennt er jedoch nicht, dass dieser Prozess aus dem System der Produktionsweise selbst resultiert und nicht aus der Unmoral des Bürgertums oder der Faulheit der Proletarier. Er glaubt, dass dieser Notstand mit der Weiterentwicklung der vernünftigen Einsicht der Menschen beseitigt werden kann. Als Beispiel hierfür zieht Hegel die Beziehung zwischen Herrn und Knecht heran, die in wechselseitiger Akzeptanz die Widersprüche ihrer sozialen Herkunft auf dialektische Weise überwin- 286 Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband, Erster Teil, Berlin 1973, S. 574 5. Seine Kritik 129 den können. „So sind sie zwei entgegengesetzte Gestalten des Bewußtseins; die eine das selbständige, welchem das Fürsichsein, die andere das unselbständige, dem das Leben oder das Sein für ein Anderes, das Wesen ist; jenes ist der Herr, dies der Knecht.“287 Indem beide Verantwortung füreinander übernehmen, fallen Vorteil und Nachteil ineinander, heben sich dialektisch auf. „Es ist ein Selbstbewusstsein für ein Selbstbewusstsein, zunächst unmittelbar als ein Anderes für ein Anderes. Ich schaue in ihm als Ich unmittelbar mich selbst an … Dieser Widerspruch gibt den Trieb, sich als freies Selbst zu zeigen und für den Andern als solches da zu sein, – als Prozeß des Anerkennens … Er ist ein Kampf … Der Kampf des Anerkennens geht also auf Leben und Tod; … aber nur als in Gefahr, denn ebenso ist jedes auf die Erhaltung seines Lebens als des Daseins seiner Freiheit gerichtet …, dem Dasein des Anerkennens, welches darin zugleich aufgehoben wird.“288 Für Hegel besteht also die Möglichkeit, gar die Verpflichtung, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer miteinander ebenbürtig miteinander umgehen, dass jeder sich im Anderen wahrnimmt und ihn deshalb wie sich selbst behandelt. Diese Möglichkeit schließt Marx kategorisch aus, weil sich diese Widersprüche nicht aus dem ontologischen Verhältnis von Menschen zu Menschen ergibt, sondern aus dem historischen von Kapitalisten und Arbeitern, also keine ontischen Widersprüche sind, sondern systemisch kapitalistische, die nur aufgehoben werden können, wenn das System geändert wird. Für Hegel ist dies nur möglich zu denken, weil er die Menschen nicht primär über ihre praktische Tätigkeit definiert, sondern über ihr Selbstbewusstsein. Hier haben wir den dritten Kritikpunkt, den Marx an Hegel ansetzt c. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihre Existenz, ihr Dasein bestimmt, sondern es ist umgekehrt: Die reale Art und Weise ihres Lebens, ihr reales Sein, bestimmt ihr Bewusstsein, ihr Denken. Natürlich haben die allgemeinen Ideen und Vorstellungen, welche die Epoche beherrschen, auch ihrerseits Rückwirkung auf das alltägliche Leben der Menschen, wie es besonders am Beispiel der Religion zu beobachten ist. Aber axiomatisch für die individuellen Schicksale ist und 287 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 117 288 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 351 f., § 430 ff. III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 130 bleibt die Art und Weise, wie die Menschen ihren Lebensunterhalt praktisch erwirtschaften, erarbeiten und in welche soziale Schicht sie hineingeboren sind. Deshalb kritisiert Marx: „Die Arbeit, die Hegel allein kennt und anerkennt, ist die abstrakt geistige … Der Mensch wird = Selbst gesetzt. Das Selbst ist aber nur der abstrakt gefaßte und durch Abstraktion erzeugte Mensch.“289 Der konkrete Mensch ist aber kein an sich vernünftiger, sondern Resultat der Verhältnisse, in denen er lebt, sagt Marx. Auf die Abhängigkeit der Ideen und des Bewusstseins der Menschen und jeder Epoche von dem jeweiligen Stand der ökonomischen Entwicklung weist Marx schon in seinen Frühschriften immer wieder hin, als die wechselseitige Abhängigkeit von „Basis und Überbau“.290 Sie kann „kurz so formuliert werden: in der gesellschaftlichen Produktion ihres Lebens gehen die Menschen bestimmte, notwendige, von ihrem Willen unabhängige Verhältnisse ein, Produktionsverhältnisse, die einer bestimmten Entwicklungsstufe ihrer Produktivkräfte entsprechen. Die Gesamtheit der Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewußtsein bestimmt.“291 Das bedeutet, die Menschen sind nicht das, was sie glauben zu sein, sondern ihr Status bemisst sich daran, wie sie leben. Ludwig Feuerbach spitzte es einmal zu, als er sagte, dass der Mensch ‚ist, was er isst‘! Hierin steckt einer der Impulse, die der junge Marx von Feuerbach aufnimmt und nicht nur Hegel, sondern die gesamte Philosophie „vom Kopf auf die Füße“ stellt, wie er es nennt. Marx unterstellt, dass der Mensch von den Umständen, denen er ausgesetzt ist, geprägt wird. Zwar kann er Einfluss darauf nehmen und verändernd auf sie einwirken, aber zuvor muss er sich der Notwendigkeit der Veränderung bewusstwerden, ehe er tätig werden kann. Es 289 Marx, Karl: Marx, Karl: Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW Ergänzungsband, Erster Teil, Berlin 1973, S. 574 f. 290 Marx, Karl: Deutsche Ideologie, MEW 3, Berlin 1958, S. 37 ff. 291 Marx, Karl: Zur Kritik der Politischen Ökonomie, MEW 13, Berlin 1974, S. 8 5. Seine Kritik 131 gibt keinen Weltgeist, der die Welt letztendlich, ob früher oder später, in die Vernünftigkeit und Freiheit führen wird. Das muss der Mensch selbst fertigbringen, fordert Marx und dazu hat er erst einmal den Kapitalismus und die Ausbeutung zu überwinden. d. Hier geht es um Hegels Begriff der Entfremdung, den er mit Entäu- ßerung gleich verstanden wissen will. Hegels Definition des Begriffs „Entäußerung“ ist hier von grundlegender Bedeutung. In dessen „Phänomenologie des Geistes“ ist der „zu sich kommende Weltgeist“ als ein Prozess beschrieben, der sich als Tätigkeit des absoluten Bewusstseins darstellt und sich der Bewusstseinsfähigkeit und -tätigkeit der Menschen, womit sich diese mit ihrer Umwelt auseinandersetzen, bedient. Die Individuen sind also gezwungen, im Dienste ihrer Lebenserhaltung und -verbesserung tätig zu werden, zu arbeiten, sich also zu „ent- äußern“292. Sie konzentrieren sich auf das Objekt ihres Interesses, untersuchen es auf seine Bedeutung für sich selbst. Sie identifizieren sich mit ihm vorübergehend und versetzen sich so selbst in einen Quasi-Zustand des Außer-sich-seins, der Fremdheit, um früher oder später wieder zu sich zurückzukehren, aber als das, um die erkannten Möglichkeiten des Objekts, erweiterte Subjekt, um ein um Erfahrungen bereichertes. Während Hegel die Begriffe Entäußerung und Entfremdung nur positiv fasst, benutzt Marx den Begriff der Entfremdung als gesellschaftskritischen, nämlich als das Fremdwerden des Menschen seiner selbst und des Mitmenschen. Er kritisierte Hegels Versöhnungsprinzip, wie es besonders in dessen Herr-Knecht-Kapitel seiner „Phänomenologie“ zum Ausdruck kommt und setzt dagegen seine Forderung, den Widerspruch zwischen Herrn und Knecht nicht allein bewusstseinsmäßig zu lösen, sondern praktisch, als konkrete Aufhebung der Klassengesellschaft. Denn die Fremdheit zwischen den Menschen und zu sich selbst lässt sich nicht allein mittels Bewusstsein überwinden, weil dieses von der ökonomischen Lebenssituation jedes Einzelnen geprägt ist. Die Lebensumstände müssen sich ändern, damit sich Fremdheit und Entfremdung überwinden lassen. Der Begriff der Entfremdung geht mit 292 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 118 III. Hegels dialektische Methode im Werk von Karl Marx 132 dem der Verdinglichung einher. Doch verdient letzterer eine gesonderte Betrachtung, wie ich sie in Punkt 4. Vorgenommen habe, weil Marx mit seiner Hilfe die Form der Entfremdung betont, die Menschen auf die Stufe von Dingen reduziert. Solange Freiheit auf die des Marktes beschränkt wird, bleibt auch die des Menschen eingeschränkt. Die Möglichkeiten seiner freien Entfaltung bleiben unentdeckt, unbekannt, fremd. Solange er seinen Wert mit dem Maßstab des Geldes misst, der absoluten Ware, die gegen alles austauschbar ist, sogar gegen Liebe, sich mit ihm identifiziert, reduziert er sich selbst zum Ding, macht sich zur Ware. Er verdinglicht, wie Marx es nennt. Sein Wert wird zum Tauschwert. „Im Tauschwert ist die gesellschaftliche Beziehung der Personen in ein gesellschaftliches Verhältnis der Sachen verwandelt; das persönliche Vermögen in ein sachliches“; die Beziehung besteht „als dem Eigner von Tauschwerten, von Geld. Er trägt seine gesellschaftliche Macht, wie seinen Zusammenhang mit der Gesellschaft, in der Tasche mit sich.“293 Im Tauschwert des Geldes verwandeln sich die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen in die von Sachen, Dingen. 293 Marx, Karl: Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie, Berlin 1974, S. 75 5. Seine Kritik 133

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References

Zusammenfassung

Am 28. August 2020 wäre Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) zweihundertfünfzig Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass setzt sich Karin Weingartz-Perschel mit der aktuellen Bedeutung der Hegelschen Dialektik für die geisteswissenschaftliche Forschung auseinander. Sie plädiert dafür, dass Hegels anthropologische Axiomatik als das Bleibende und Vorwärtsgerichtete an seinem philosophischen Wirken erachtet werden sollte.

In Hegels Frühwerk, der „Phänomenologie des Geistes“, findet sich seine anthropologische Axiomatik, auf der sich sein ganzes Gedankengebäude erhebt. Nur hier lässt sich der Schlüssel zu seiner Dialektik in Form seiner anthropologischen Grundannahmen finden. Alle seine weiteren Werke unterstellen dieses Wissen nur. Die „Phänomenologie“ sollte daher nicht lediglich als Frühwerk oder als zu vernachlässigende Einleitung in Hegels Hauptwerk abgetan werden, sondern einen deutlich höheren Stellenwert einnehmen.