II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ in:

Karin Weingartz-Perschel

Hegels anthropologische Axiomatik, page 57 - 78

Zur Aktualität der Hegelschen Dialektik

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4417-9, ISBN online: 978-3-8288-7424-4, https://doi.org/10.5771/9783828874244-57

Tectum, Baden-Baden
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Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ Goethe ist, wie auch Hegel, ein Sommerkind. Am 28. August 1749 geboren, erblickt er nur einen Tag später als Hegel – wenn auch einundzwanzig Jahre früher, das Licht der Welt. Ähnlich wie Hegel fühlt er sich schon in jungen Jahren vom Drang nach Erkenntnis erfasst, der ihn die Existenz eines Gottes oder von Göttern überhaupt bezweifeln lässt. Sein „Prometheus“-Gedicht beweist dies eindringlich. Auch in reiferen Jahren betont er in einem Brief an Fritz Jacobi 1813: „Ich für mich kann, bei den mannigfaltigen Richtungen meines Wesens, nicht an einer Denkweise genug haben; als Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Pantheist hingegen als Naturforscher und eins so entschieden als das andre. Bedarf ich eines Gottes für meine Persönlichkeit, als sittlicher Mensch, so ist dafür auch schon gesorgt. Die himmlischen und die irdischen Dinge sind so ein weites Reich, daß die Organe aller Totalität, in der alles mit allem zusammenhängt und es darum so schwierig ist, sie zu erkennen“. Um diese Schwierigkeit eindrucksvoll hervorzuheben, lässt Goethe sein Faust-Drama in einem engen gotischen Zimmer beginnen, in dem der Gelehrte Faust in der Nacht seiner Verzweiflung Ausdruck gibt. „Habe nur, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor!“131 Faust begreift, dass er über die ganze Theorie das wirklich, sinnliche Leben verpasst hat. ‚Das will ihm schier das Herz verbrennen‘132; er ist darüber derart betrübt, dass er gar bereit ist, aus dem Leben zu scheiden. Zuvor will er jedoch noch einmal versuchen, ob ihm vielleicht die Magie hilft, das Versäumte nachzuholen: „Es möchte kein II. 131 Goethe, Johann Wolfgang von: Faust, Teil I, Hamburg 1949, S. 20 (Hg. Erich Trunz) 132 Ebd. 57 Hund so länger leben! Drum hab‘ ich mich der Magie ergeben.“133 Nach einigen Fehlschlägen ist er endlich bereit, sich mit dem Teufel einzulassen, der ihm verspricht, ihn mit Zauberkraft zu verjüngen und ihm alle Genüsse dieser Erde zuzuführen. Als Preis fordert er Fausts Seele, wenn dieser zugeben muss, dass er den „höchsten Augenblick“ der Befriedigung verspürt. Faust willigt ein: „Werd‘ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! Du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, dann will ich gern‘ zugrunde gehen!“134 Wie wir wissen, verliert Mephisto die Wette. Aber was Goethe zeigen will, ist, dass es doch für den Menschen möglich sein muss, Vernunft und Sinnlichkeit, Willen und Emotionen miteinander zu vereinen, um ein sinnvolles Leben zu führen. Er wendet sich entschieden gegen einen moralischen Rigorismus, wie ihn z.B. Kant und Schiller vertreten, von Schopenhauer ganz zu schweigen. Mit der Figur des Faust, eines Prototypen des Menschen, wendet sich Goethe, wie später auch Hegel, von der damals gängigen Auffassung vom Menschen ab und entwickelt in seinem Drama ein modernes Menschenbild, in dem beides zusammengehört, Vernunft und Sinnlichkeit und worin sich Wille und Gefühl nicht gegenseitig ausschließen oder bekämpfen. Dass zwischen ihnen eine Spannung besteht, Hegel würde sagen: ein dialektischer Widerspruch zwischen zerteilendem Verstand und vereinender Vernunft, wird durch Fausts Einlassung auf den Teufel demonstriert. Was der Teufel bei Goethe, ist der Widerspruch bei Hegel, nämlich das bewegende, forttreibende Element des Lebens. Georg Lukács hat einmal zu Recht bemerkt, dass Hegel der einzige Philosoph der Periode nach Kant sei, der an die Probleme der Epoche grundsätzlich herantritt, indem er sich mit der Französischen Revolution und der industriellen Revolution in England intensiv auseinandergesetzt habe. Gleichzeitig verweist Lukács auf Goethe: „Historisch lässt sich Hegel in seiner Zeit nur mit Goethe auf eine Stufe stellen. Es ist kein Zufall, daß in den Vorarbeiten zur ‚Phänomenologie des Geistes‘ sich lange und ausführliche Auseinandersetzungen mit Goethes ‚Faust‘ finden. In beiden kommt nämlich ein ähnliches Bestreben, der Versuch, die Entwicklungsmomente der menschlichen Gattung bis zu 133 Ebd. 134 Ebd.; S. 57 II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ 58 ihrer damals erreichten Stufe enzyklopädisch zu umfassen und in ihrer immanenten Bewegung, in ihrer Eigengesetzlichkeit darzustellen … Ihre Größe besteht … darin, daß sie diesen Widersprüchen (innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft) unerschrocken ins Gesicht sehen und den Versuch machen, für diese Widersprüche den höchsten, dichterischen oder philosophischen, Ausdruck zu finden.“135 Der alte Goethe hat selber einmal über sich gesagt, „Ich habe einen großen Vorteil, daß ich zu einer Zeit geboren wurde, wo die größten Weltbegebenheiten an die Tagesordnung kamen und sich durch mein langes Leben fortsetzten, sodaß ich vom Siebenjährigen Kriege, sodann von der Trennung Amerikas von England, ferner von der Französischen Revolution und endlich von der ganzen Napoleonischen Zeit bis zum Untergang des Helden und den folgenden Ereignissen lebendiger Zeuge war.“136 Ähnliches trifft auch auf Hegel zu. Seit 1804 pflegten Hegel und Goethe ein durchaus freundschaftliches Verhältnis zueinander, zumal Hegel Goethes Farbenlehre, die er als Kritik an Newton entwickelt hat, zustimmend unterstützte. Am 24. Februar 1804 schrieb Hegel einen Bittbrief an den Minister Goethe zu Weimar, weil er sich in der Reihenfolge der Professurvergabe der Universität in Jena zurückgesetzt fühlte: „Indem ich höre, daß einige meiner Kollegen der gnädigsten Ernennung zum Professor der Philosophie entgegensehen und hierdurch daran erinnert werde, daß ich der älteste der hiesigen Privatdozenten der Philosophie bin, so wage ich, der Beurteilung Euer Exzellenz es vorzulegen, ob ich nicht durch eine solche, von den höchsten Autoritäten erteilte Ausgleichung in der Möglichkeit, nach meinen Kräften auf der Universität zu wirken, beschränkt zu werden befürchten muß … Ich weiß zu sehr, daß diese Umstände der Ergänzung durch die gnädigsten Gesinnungen Euer Exzellenz bedürfen … zugleich aber auch, wie sehr dadurch, daß die Durchlauchtigsten Erhalter wenigstens diese gnädige Rücksicht auf mich nähmen, mich nicht anderen nachzusetzen, meine Bestrebungen angefeuert würden.“137 Goethe kümmerte sich umgehend und verschaffte Hegel eine außerordentliche, wenn auch gering bezahlte, Professur in Jena. An Hegel schrieb Goethe: „Sehen Sie Bei- 135 Lukács, Georg: Der junge Hegel, Bd. 2, Frankfurt a.M. 1973, S. 871f. 136 Goethe im Gespräch mit Eckermann, zit. in: Paul Wiegler: Geschichte der Deutschen Literatur, Berlin 1930, S. 501 137 Hegel, G.W.F.: Sämtliche Werke I, Stuttgart 1949 ff., S. 84 f. II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ 59 kommendes, mein lieber Doktor, wenigstens als einen Beweis an, daß ich nicht aufgehört habe, im Stillen für Sie zu wirken. Zwar wünschte ich mehr anzukündigen; allein in solchen Fällen ist manches für die Zukunft gewonnen, wenn nur einmal der Anfang gemacht ist.“138 Goethe befasste sich besonders mit Hegels „Phänomenologie des Geistes“, wenngleich es ihm schwerfiel, wie so manchen anderen Zeitgenossen, diese zu verstehen. Deshalb freute er sich, wenn er Hegel persönlich treffen und mit ihm diskutieren konnte, weil er Hegels Werk dann viel besser verstand. Nach einem Besuch Hegels im Oktober 1827 schrieb Goethe in einem Brief am Knebel, wie sehr er es bedaure, dass Hegel nicht länger bleiben konnte: „denn, was an gedruckten Mitteilungen eines solchen Mannes uns unklar und abstrus erscheint, weil wir solches nicht unmittelbar unserem Bedürfnis aneignen können, das wird im lebendigen Gespräch alsbald unser Eigentum, weil wir gewahr werden, daß wir in den Grundgedanken und Gesinnungen mit ihm übereinstimmen.“139 Das „Faust“-Thema hat Goethe sein ganzes dichterisches Leben begleitet. Er vollendet das Drama erst 1831, kurz vor seinem Tod ein Jahr später. Bereits in Kindertagen hat ihn die Figur des Dr. Faust auf einer Puppenspielerbühne beeindruckt, wenngleich er dort hauptsächlich als Scharlatan, Quacksalber oder Nichtsnutz zur Volksbelustigung vorgeführt wurde. Als Goethe im Jahre 1775 nach Weimar reist, hat er bereits einen Entwurf des Faustdramas im Gepäck und präsentierte ihn bei Hofe. Dieses Fragment wäre verlorengegangen, wenn es nicht eine Weimarer Hofdame abgeschrieben und später unter der Bezeichnung „Urfaust“ veröffentlicht hätte. Im Laufe der Literaturgeschichte haben sich viele Dichter mit dem Faust-Stoff beschäftigt. Marlowe, Lessing und auch Heinrich Heine waren von dieser Figur fasziniert, um nur einige zu nennen; doch erst mit Goethes Version des Dr. Faust als Prototyp des ewig sich bemühenden, strebenden, mit sich ringenden, widerspruchsvollen Menschen hat die Figur ihre weltbewegende Bedeutung erreicht. 138 Ebd.: S. 111 139 Zit. in Wiedemann, Franz (H.g.): Hegel, Reinbek b. Hamburg 2003, S. 88 f. II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ 60 Der mephistophelische Widerspruch Im Prolog zum „Faust“ lässt Goethe Gott, den Herrn, zu Mephistopheles sagen: „Von allen Geistern, die verneinen, ist mir der Schalk am wenigsten zur Last, des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen, er liebt sich bald die unbedingte Ruh; drum geb‘ ich gern ihm den Gesellen zu, der reizt und wirkt und muß als Teufel schaffen.“140 Das hat zur Folge, dass Faust sich mit dem Zwiespalt zwischen Wollen und Sollen herumschlagen muss: „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen; die eine hält in,derber Liebeslust, sich an die Welt mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen.“141 Das gesamte Drama ist von Fausts Sehnsucht nach Erfüllung seiner Lebensträume durchwoben; kein Abenteuer ist ihm zu abwegig, zumal ihm ja Mephisto alle Hindernisse aus dem Wege räumt und seine Wünsche erfüllt. Kraft seiner Zaubergewalt realisiert dieser auch die noch so unmöglich erscheinenden Wünsche von Faust und hält diesen in seinem Bann, in der Gewissheit, dafür Fausts Seele aus Gottes Hand zu reißen und die, mit dem Herrn abgeschlossene, Wette zu gewinnen. Der folgende Ausspruch von Mephisto könnte auch in Hegels „Phänomenologie“ vorkommen: „Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht, denn alles, was entsteht, ist wert, daß es zugrunde geht.“142 Und wörtlich zitiert Hegel Goethes Faust in seiner „Phänomenologie“, um die Bedeutung des Denkens, der Vernunft und der Wissenschaft hervorzuheben und die vernichtende Macht zu kennzeichnen, welche die einseitige Hingabe an das Sinnliche, rein Genüssliche nach sich zieht: „Es verachtet Verstand und Wissenschaft, der Menschen allerhöchste Gaben – es hat dem Teufel sich ergeben und muß zu Grunde gehn.“143 Noch in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ bezieht sich Hegel auf Goethes Faust: „Mephistopheles bei Goethe, – eine gute Autorität –, sagt darüber ungefähr, was ich auch sonst ausgeführt: Verachte nur Verstand und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Ga- 1. 140 Trunz, Erich (Hg.): Faust, Hamburg 1949, S. 18 141 Trunz, Erich (Hg.): Faust, Hamburg 1949, S. 41 142 Goethe, Johann Wolfgang von : Faust, Hamburg 1949, S. 47 (Hg. Erich Trunz) 143 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt a.M, Berlin, Wien 1970, S. 208 1. Der mephistophelische Widerspruch 61 ben – so hast dem Teufel dich ergeben und mußt zugrunde gehen.“144 Allerdings missversteht Hegel hier Goethe. Während Hegel mit der Aussage Mephistos übereinstimmt und die Wissenschaft als solche als die höchste Tugend des Menschen ansieht, die es möglichst vollkommen zu erreichen gilt, lässt Goethe gerade darum Mephistopheles zum Verlierer der Wette werden, weil sein Protagonist Faust sich von der Dominanz der Wissenschaftlichkeit frei macht und begreift, dass erst die Tat, die Arbeit, die Praxis – also das Resultat, welches das Ergebnis einer jeden Theorie sein sollte – den Menschen zur Selbstzufriedenheit führen kann. Goethe lässt gerade deshalb seinem Helden Erlösung zukommen, weil dieser sich sein Leben und seine Freiheit in der Arbeit für Millionen Menschen und der Schaffung einer paradiesischen Zukunft für dieselben erobern möchte. Es ist also gerade die handgreifliche Seite, die Faust zur Erlösung gereicht. Der Dichter ist hier dem Philosophen um eine entscheidende Länge voraus, weil er die Selbsterzeugung des Menschen als wesentlich praktische sieht. Ein Hegelscher Faust hätte bereits in der Studierstube erlöst werden müssen, als dieser auf der Höhe seiner und Wissenschaft steht. Bei Goethe beginnt allerdings erst hier die eigentliche Menschwerdung Fausts. Er lässt Mephisto erst ins Leben von Faust treten, als dieser, in höchster Verzweiflung, sein Leben zu verpassen, die Vergeblichkeit all‘ seiner wissenschaftlichen Bemühungen beklagt und sich nach sinnlicher Erfahrung sehnt. Und mit der Sinnlichkeit tritt auch Mephisto, der dialektisch personifizierte Widerspruch in Fausts Leben. Es ist also ein abstrakter Hegel- Mephisto, auf den sich Hegel hier beruft, nicht der Goethesche. Zwar sagt Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes“: „Das wahre Sein des Menschen ist … seine Tat.“145 Jedoch hat diese nur in ihrem „Begriffe“ Wirklichkeit und nicht in der realen Praxis. Er betont immer wieder: „Nur in seinem Begriffe hat etwas Wirklichkeit; insofern es von seinem Begriffe verschieden ist, hört es auf, wirklich zu sein, und ist ein Nichtiges; die Seite der Handgreiflichkeit und des sinnlichen Außersichseins gehört dieser nichtigen Seite an.“146 Verstand, Ver- 144 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Hamburg 1955, S. 9 145 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt a.M., Wien, Berlin 1970, S. 187 146 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik, Bd. I, Frankfurt a.M. 1969, S. 44 f. II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ 62 nunft und Wissenschaft zeichnen den Menschen als solchen aus. Die Seite der Sinnlichkeit und Handgreiflichkeit lässt für Hegel nur die tierische Abstammung des Menschen durchscheinen, die es zu überwinden gilt. Er meint, dass, erst, wenn alle sinnlichen Gestalten des Lebens grau und verblasst sind, die Eule der Minerva, die wahre Erkenntnis, in dieser Dämmerung ihre Flügel ausbreiten und den Flug ins Licht des absoluten Wissens beginnen kann, in dem der Weltgeist als reine Idee seiner selbst zu sich kommt; dass er begreift, dass er das, was er „an sich“ ist, auch „für sich“ ist. Obwohl Hegel, besonders in seiner „Phänomenologie“, den geschichtlichen Weg des Weltgeistes stets durch die menschlichen Individuen, die in jeder Epoche ihr Leben selbst organisieren und praktizieren, geschehen lässt, rückt er immer wieder von seiner anthropologischen Begründung der Geschichte ab und wendet sich der reinen Reflexion zu. Wahrscheinlich konnte er es zu seiner Zeit nicht glauben, dass es die Menschen ganz ohne Gott und Weltgeist so weit geschafft haben. Immerhin ist ihm zugute zu halten, dass er vom Glauben an einen jenseitigen, sich im Himmel befindenden Gott Abstand genommen hat und nur von einem absoluten Geist ausgeht, der alles geschaffen hat; aber dieser Geist ist innerhalb dieser Welt angesiedelt und jeder kann sich ihm annähern und anverwandeln, wenn er Verstand und Vernunft nur gehörig anstrengt. Mephisto verkörpert das Prinzip der Negation, durchaus auch als Prinzip des dialektischen Widerspruchs in Hegels Sinne. Denn auch der Weltprozess befindet sich in stetiger Bewegung und nichts bleibt so, wie es einmal war; alles ist in Veränderung begriffen, auch wenn dies oft unmerklich geschieht. Vernunft und Begierde Im „Prolog im Himmel“ lässt Goethe seinen Mephistopheles zu Gott, dem Herrn, sagen, was er über den Menschen denkt. Er bedauert ihn, weil er sich auf der Erde so plagen muss und dass er sich auf seine Vernunft so viel einbildet, die er doch nur dazu nutzt, sich das Leben schwerer zu machen und in ewigem Zwiespalt zwischen Wollen und Sollen, zwischen Begierde und Moral hin- und hergerissen zu sein. „Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, um tierischer als jedes Tier zu 2. 2. Vernunft und Begierde 63 sein“.147 Mephisto ist der Ansicht, dass es dem Menschen besser ginge, wenn ihm die Vernunft nicht im Wege stünde, um seinen Begierden ungestört nachgehen zu können. Hierauf basiert auch seine Wette mit dem Herrn. Er nennt es ein Dilemma des Menschen, den der ewige Widerspruch in seinem Leben plagt: „Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne und von der Erde jede höchst Lust.“148 Er glaubt, wenn er dem Menschen in Gestalt des Heinrich Faust all’ dessen Begierden in Form von Genüssen erfüllt, dieser bereit wäre, dafür sein Leben, seine Seele dem Teufel zu übergeben. Mephisto ist sich seiner Sache derart sicher, weil sich Faust in einer Situation befindet, in der er aller Wissenschaft und Vernünftigkeit überdrüssig ist und nur noch den sinnlichen Genüssen nachjagt. Er will gar nicht wissen, mit welchen Mitteln Mephisto seine Wünsche erfüllt, er will nur noch Genuss, Genuss um jeden Preis. Und Mephisto triumphiert: „Verachte nur Vernunft und Wissenschaft, der Menschen allerhöchste Kraft, laß nur in Blend- und Zauberwerken dich von dem Lügengeist bestärken … Den schlepp‘ ich durch das wilde Leben, durch flache Unbedeutendheit, er soll mir zappeln, starren, kleben und seiner Unersättlichkeit soll Speis‘ und Trank vor gier’gen Lippen schweben; er wird Erquickung sich umsonst erflehn. Und hätt‘ er sich auch nicht dem Teufel übergeben, er müßte doch zugrunde gehen!“149 Mephisto glaubt, dass der Mensch immer seiner Begierde folgen würde, gäbe es keine Pflichten, Gesetze oder Bestrafungen. Doch Goethe weiß es besser, wenngleich er mit der Figur des Faust die Verführbarkeit des Menschen eindrucksvoll demonstriert. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich von Hegel, der die geistige Potenz im Menschen favorisiert und der Sinnlichkeit nur untergeordnete Bedeutung zumisst. Goethe antizipiert den heraufziehenden ausbeuterischen Kapitalismus der bürgerlichen Gesellschaft, indem er Mephisto zu dem zweifelnden Faust sagen lässt: „Wenn ich sechs Hengste zahlen kann, sind ihre Kräfte nicht meine? Ich renne zu und bin ein rechter Mann, als hätt‘ ich vierundzwanzig Beine.“150 Auch in der Gretchen-Szene, in der Faust über Mephisto seiner geliebten Margarete heimlich Schmuck zukommen lässt, um ihr mit diesem 147 Ebd.: S. 17 148 Ebd. 149 Ebd.: S. 61 150 Ebd.: S. 60 II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ 64 Geschenk seine Zuneigung zu beweisen, demonstriert Goethe seine kritische Haltung gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft wie auch gegenüber der Kirche. Zunächst schildert er Gretchens Begeisterung für den Schmuck: „Ein Schmuck! Mit dem könnt‘ eine Edelfrau am höchsten Feiertage gehen … Wenn nur die Ohrring‘ meine wären! Man sieht doch gleich ganz anders drein.“151 Sie freut sich, wird aber sogleich von einem schlechten Gewissen heimgesucht, weil sie dieser Zierrat derart in seinen Bann zieht, dass sie sich wünscht, er würde ihr wirklich gehören und sie beklagt, dass auch sie sich nicht vom Besitz, vom Haben weltlicher Güter freimachen kann: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen.“152 Als die Mutter den Schmuck später sieht, überredet sie ihre Tochter, ihn doch lieber der Kirche zu übergeben. „Mein Kind, rief sie, ungerechtes Gut befängt die Seele, zehrt auf das Blut. Wollen’s der Mutter Gottes weihen. Wird uns mit Himmels-Manna erfreuen!“153 Der „Pfaffe“ nimmt den Schmuck freudig in Empfang und Goethe legt ihm folgende Worte in den Mund, welche seine Kritik an der Kirche deutlich werden lassen: „So ist man recht gesinnt! Wer überwindet, der gewinnt. Die Kirche hat einen guten Magen, hat ganze Länder aufgefressen, und doch noch nie sich übergessen; die Kirch‘ allein, meine lieben Frauen, kann ungerechtes Gut verdauen.“154 Natürlich kritisiert auch Hegel die bürgerliche Gesellschaft als „egoistisch“ und die Rolle der Kirche darin. Jedoch glaubt er an einen Weltgeist, der die Menschen aus Vernunftgründen letztendlich zum moralischen Handeln führen wird. Goethe ist hier realistischer. Er kennt die Schwächen der Menschen, ihre Gier und ihren Hass, aber auch ihre Fähigkeit zur Entsagung, zum Mitleid, zur Vergebung, zur Opferbereitschaft und ihre Sehnsucht nach Glück, nach Frieden mit sich und der Welt. Mit Faust hat er einen Menschen erschaffen, der irrt, immer wieder Fehler macht, auch in bester Absicht Unheil verbreiten kann, aber immer danach strebt, seine Fehler, seine Grenzen zu überwinden, als ob er sich des „rechten Weges wohl bewusst“ wäre. Letztlich siegt das Gefühl in Faust, nachdem er sich von dem Glauben befreit hat, alles wissen zu können, sich auch aus der Ab- 151 Ebd.: S. 90 152 Ebd. 153 Ebd.: S. 91 154 Ebd. 2. Vernunft und Begierde 65 hängigkeit von Mephisto und dem Zaubermantel befreien zu können. Zum ersten Mal empfindet er das Glück, sich frei zu fühlen, und das aus eigener Kraft, die er aus seiner zielgerichteten Tätigkeit zieht, nämlich für „ein freies Volk auf freiem Grund“ zu arbeiten. Deshalb verliert Mephisto seine Wette, weil er nur den Widerspruch im Menschen zwischen Geist und Körper versteht und die Genussfähigkeit aller Individuen auf das Leibliche, quasi Tierische reduziert. Dass der Mensch seine eigene Tätigkeit, seine Fähigkeit zur Entäußerung, seine Arbeit mit Genuss besetzen kann, bleibt ihm fremd. Und deshalb versteht er Faust nicht mehr, der erkannt hat: „Das ist der Weisheit letzter Schluß: Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muß.“155 Aus Goethes Sicht, hat es der Mensch selbst in der Hand, sein irdisches Glück zu finden. Hegel dagegen konnte nicht glauben, dass sich der Mensch selbst aus seinen tierischen Anfängen bis hinauf in die Zivilisation emporgearbeitet hat; das hat er ihm in all‘ seiner Widersprüchlichkeit und trotz all‘ der Gefahren, kriegerischen Auseinandersetzungen, Katastrophen nicht zugetraut. Hegel war darum überzeugt, dass es einen Weltgeist geben muss, der sich der Vernunftbegabung des Menschen nur bedient, um zu sich selbst zu gelangen und die Welt endgültig frei und friedlich ordnet. Für Hegel bleibt der Mensch nur ein Werkzeug, mit dessen Hilfe er die Wahrheit ans Licht der Welt bringt. Für Goethe aber ist die Gesellschaft, die Welt das Resultat des tätigen Menschen selbst. Zwar nimmt auch er an, dass es eine lebensspendende Kraft in der Natur geben muss, welche auf die Entstehung des Menschen hin angelegt ist, aber die Kraft bleibt naturgebunden und wird nicht vergeistigt, wie bei Hegel. Doch beide, Goethe wie Hegel, lehnen die Existenz eines Gottes ab, der außerhalb der Welt sein Reich hat und über alles herrscht. Der strebende Mensch Goethe scheint mit seinem „Faust“, dem ewig Strebenden, der sich Zeit Lebens mit seinen Bedürfnissen, Sehnsüchten und Selbstzweifeln herumschlägt, das Bild vom Menschen, wie es Hegel später, besonders in 3. 155 Ebd.: S. 348 II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ 66 seiner „Phänomenologie“ entwirft, vorausgeahnt zu haben. Erstmals tritt hier der Mensch als Protagonist auf, der nicht das Geschöpf eines allmächtigen Gottes oder von Göttern ist, sondern welcher der Schöpfer seiner selbst, seiner eigenen Geschichte ist. Lange vor Darwin erahnten beide, Hegel wie Goethe, dass der Mensch zwar aus der Natur hervorgegangen ist, aber, einmal existent, dieselbe zu eigenen Zwecken beherrscht und verändert; dass er sich seine eigene Natur, seine Umwelt, seine Gesellschaft erschaffen hat und das mittels seiner ganz besonderen Begabung, der Fähigkeit, sich zu entäußern, tätig zu werden, zu arbeiten; dass er die Widersprüche, die sein Inneres bewegen, die er in seiner Familie, seinem Milieu, seiner gesamten Umwelt verspürt, wahrnimmt, die ihn beunruhigen und die er versucht zu bewältigen, zu lösen. „Zwei Seelen“ wohnen „ach“ in Faust, dem Prototypen des Menschen; der göttliche Teil, der gute, der sittliche liegt in permanentem Streit mit dem mephistophelischen, dem teuflischen, dem begehrlichen, dem triebhaften, dem bösen. Und obwohl er es gut meint, kann dennoch eine negative Wirkung herauskommen, was auch umgekehrt gilt. Deshalb lässt Goethe seinen Mephisto sagen, dass ‚er ein Teil von jener Kraft sei, die das Böse will und das Gute schaffe‘. Wenn Goethe seinem Mephistopheles die Worte in den Mund legt: Ich bin „ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“156, so stimmt diese These mit Hegels Auffassung von Gut und Böse, Falsch und Wahr, Unrichtig und Richtig gut zusammen. Auch für Hegel sind das Böse und Gute, Wahre und Falsche nur zwei Seiten derselben Medaille. Das Eine kann es nicht ohne das Andere geben. Also stimmt diese These auch stets in Umkehrung, dass, wer das Gute will, auch möglicherweise das Böse schafft. Der Irrtum begleitet das Leben des Menschen und dennoch ist es derselbe, der ihn in Bewegung bringt, wenn er diesem auf den Grund geht, ihn erkennt und überwinden kann. Irren ist eben menschlich und Goethe hat erkannt, dass „der Mensch irrt, solang‘ er strebt“157; solange er tätig ist, begleitet ihn die Möglichkeit des Irrens. Und wenn er diesen Irrtum erkannt und bewältigt hat, findet er sich auf einer neuen Entwicklungsstufe seiner selbst, wo ihn neue Irrtümer und Wi- 156 Goethe: Faust, a.a.O., S. 47 157 Trunz, a.a.O.: S. 18 3. Der strebende Mensch 67 dersprüche erwarten – und so unendlich fort, solange Menschen existierten. Es ist deshalb kein Zufall, dass sich Hegel während der Vorarbeiten zu seiner „Phänomenologie des Geistes“ mit Goethes „Faust“ befasst hat. Auch Goethe hat versucht, Hegels dialektische Methode zu verstehen. Das kann man aus dem wechselseitigen Briefwechsel entnehmen. Er kommt ihr auch schon sehr auf die Spur, wenn er Faust über die Erscheinungen der Welt sagen lässt: „Wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern wirkt und lebt!“158 Aber er steht Hegels „Weltgeist“ zu ablehnend gegenüber, als dass er sich auf dessen Dialektik als Methode einlassen konnte. Goethe ist Pantheist, er steht der Natur sehr nahe und ist von ihrer lebensspendenden Macht und Kraft derart überzeugt, dass er jegliche Existenz eines Gottes, eines „absoluten Geistes“ oder überhaupt eines übernatürlichen Wesens ablehnt. Sein Pantheismus hat etwas Weibliches an sich, wenn er Faust ausrufen lässt: „Wo faß‘ ich dich, unendliche Natur? Euch Brüste, wo? Ihr Quellen allen Lebens, an denen Himmel und Erde hängt.“159 Man spürt auch die Verehrung für seine Frauengestalten Gretchen und Helena. Und am Ende seines Dramas lässt er Faust durch Gretchens Fürsprache bei den himmlischen Mächten aus den Fängen des Teufels erretten. Die Rettung wird durch eine Göttin möglich, durch das Ewig- Weibliche: „Jungfrau, Mutter, Königin, Göttin, bleibe gnädig … Das Unbeschreibliche, hier ist’s getan; das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.“160 Auch in seinem realen Leben ist die besondere Verehrung des weiblichen Geschlechtes zu beobachten. Die langjährige Beziehung zu Charlotte von Stein zeugt davon. Geduldig hat er ihre Launen ertragen und erhoffte sich stets die Erfüllung seiner Sehnsüchte, seiner körperlichen wie geistigen, durch sie. Bis zu ihrem Tode blieb er ihr treuer Freund, trotz ihres oft kränkenden, verletzenden Verhaltens. Als ob sie, wie auch die übrigen Frauen, die sein Leben bewegten, ihm den Sinn des Lebens offenbaren könnten, weil sie über dessen Geheimnis verfügen, das sie ihm verraten würden. Ständig scheint er auf der Suche nach dem geheimnisvollen weiblichen Element zu sein. Noch als Zweiundsiebzigjähriger verliebt Goethe sich in die erst siebzehn Jahre 158 Goethe: Faust, a.a.O., S. 22 159 Ebd. 160 Ebd.: S. 364 II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ 68 alte Ulrike von Levetzow. Er träumt gar von Heirat. Sein Freund und Gönner seit Jugendtagen, Großherzog Karl August von Sachsen- Weimar, unterstützt seine Werbung um das junge Fräulein, indem er Ulrike ein Haus in Weimar für sie und ihre Familie verspricht und für sie eine Witwenrente von zehntausend Talern aussetzt. Doch dezent lehnen Mutter und Tochter Levetzow ab. Wiederum ist Goethe verzweifelt, ähnlich wie zu den früheren Zeiten, als er seinen Roman „Die Leiden des jungen Werther“ schrieb. Er erkrankt und ein Besucher, der ihn auf seinem Krankenlager aufsucht, berichtet: „Was finde ich? Einen der aussieht, als hätte er Liebe, die ganze Liebe mit aller Qual der Jugend im Leibe.“161 Wiedermal bewältigt Goethe seinen Kummer literarisch; „Am 5. September 1823 beginnt Goethe die Elegie ‚Trilogie der Leidenschaft‘ … Sie ist die Anrufung Werthers.“162 Zu seinem Sekretär Eckermann äußert er sich später einmal, dass die Elegie das Produkt eines höchst leidenschaftlichen Zustandes gewesen sei, in den er um keinen Preis mehr hineingeraten möchte.163 Der Weltgeist bei Hegel hat eindeutig männlichen Charakter. Doch ebenso wie Hegel kritisiert Goethe Kants ethischen Rigorismus, der die Menschen mit Imperativen herausfordert, anstatt sie zu verstehen. Für Kant war der Mensch nur ein „krummes Holz“, für Hegel und Goethe aber gilt der Mensch als ein Tätiger, sich Entäußernder und die ganze Geschichte als Resultat des eigenen Selbsterzeugungsprozesses. Hegel lobt besonders Goethes Figur des Mephistopheles als eine „gute Autorität“, die er als Personifizierung seines dialektischen Begriffs des „Widerspruchs“ verstand, die das Geschehen im „Faust“ vorantreibe wie in der „Phänomenologie“ den Weltprozess. Ernst Bloch hat es einmal auf den Punkt gebracht, als er „Faust“ und die „Phänomenologie“ verglich: „Die Faust-Handlung ist die einer dialektischen Reise, wobei jeder erreichte Genuß durch eine eigene, darin erwachende neue Begierde ausgestrichen wird. Und jede erreichte Ankunft durch eine neue, ihr widersprechende Bewegung widerlegt … Die dialektische Weltfahrt Fausts hat in diesen ihren fortdauernden Berichtigungen nur eine einzige Parallele: Hegels Phänomenologie des 161 Wiegler, Paul: Geschichte der deutschen Literatur, Bd. I, Berlin 1930, S. 609 162 Ebd.: S. 608 163 Ebd.: S. 609 3. Der strebende Mensch 69 Geistes.“164 Wie Goethes Faust ist Hegels Subjekt Mensch ein Strebender, von Widersprüchen getriebener in die Richtung des „erfüllten Augenblicks“ oder des „An und für sich Seins, oder der „Heimat“, wie Bloch sagen würde. Georg Lukács hat das Thema des Faust ebenfalls einmal auf den Punkt gebracht als er schrieb: „Wie im einzelnen Menschen diese Gattungskräfte entstehen, sich entwickeln, welche Hindernisse sie überwinden, welche Schicksale sie erleiden, die die naturhaft und historisch-sozial gegebene Welt als von ihm unabhängige Wirklichkeit auf ihn einwirkt und wie sie zugleich das Produkt oder … der Gegenstand seiner sich selbst schaffenden Tätigkeit ist, woher dieser Weg seinen Ausgangspunkt nimmt und wohin er führt – das ist das Thema des Faust.“165 Und zugleich nennt Lukács dieses Thema, das Verhältnis von Individuum und Gattung, das zentrale Thema In Hegels „Phänomenologie des Geistes“. „Aber mit entscheidender Klarheit haben dieses Problem nur der größte deutsche Denker und der größte deutsche Dichter dieser Periode in den Mittelpunkt gestellt: Hegel und Goethe … Goethes „Faust“ und Hegels „Phänomenologie des Geistes“ … beide großen Werke haben in der deutschen Aufklärung ihre bedeutenden Vorläufer. Was aber Goethe und Hegel hier ihren Vorgängern und Zeitgenossen gegenüber auszeichnet, ist, daß sie die Zentralfrage, die Beziehung und Wechselwirkung zwischen Individuum und Menschengattung, nüchterner, wirklichkeitsnäher und dramatischer zu stellen imstande sind. Schon im Faustfragment von 1790 erscheint diese Frage mit der ganzen lyrisch-dramatischen Pathetik Goethes. Faust sagt: „Und was der ganzen Menschheit zugeteilt ist, Will ich in meinem inneren Selbst genießen, Mit meinem Geis das Höchst‘ und Tiefste greifen, Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen, Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern …“166 Im Mittelpunkt steht hier ein Individuum, Faust, dessen Entwicklung und Schicksal gleichzeitig den Fortgang und das Geschick der gesamten Menschengattung darstellen sollen. Zur Entwicklung der Persön- 164 Bloch, Ernst: Über Methode und System bei Hegel, Frankfurt a.M. 1970, S. 38 165 Lukács, Georg: Goethe und seine Zeit, Berlin 1953 166 Lukács, Georg: Goethe und seine Zeit, Berlin 1953, S. 29 II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ 70 lichkeit von Faust, wie zur Entwicklung eines jeden Individuums, sagt Lukács, ist die Erfahrung der Macht der Liebe unverzichtbar. „Eine Selbstvollendung der Persönlichkeit ist ohne Liebe unmöglich, wenigstens sehr tief unvollständig. Ein Asket ist ein unvollkommener Mensch.167 Fausts dramatische Liebe zu Gretchen, wie Goethe sie zu Beginn seiner Faust-Tragödie gestaltet, hat dessen Leben bis zum Ende geprägt und wird letztlich zum Erlösungs- und Befreiungsmotiv in der Schlussszene, wo er sich von den Fallstricken Mephistos befreit. Auch die klassische, letztlich unerfüllbare Liebesbeziehung zu Helena symbolisiert Fausts Sehnsucht nach Lebenserfüllung, nach der sich eigentlich jeder Mensch sehnt. Hier finden wir auch eine Übereinstimmung mit Hegels Auffassung der Liebe. Sie wählt er als stärkstes Exempel, um seine dialektische Methode zu veranschaulichen: „Das wahre Wesen der Liebe besteht darin, das Bewußtsein seiner selbst aufzugeben, sich in eine anderen Selbst zu vergessen, doch in diesem Vergehen und Vergessen sich erst selber zu haben und zu besitzen.“168 Er zieht sogar Shakespeares „Romeo und Julia“ heran, um seine Argumentation zu erhärten.169 „Erst durch die Liebe (erhalten die Liebenden, d.V.) ihre Subjektivität … die ihre Persönlichkeit ist.“170 Der Eine entäußert sich im Anderen, identifiziert sich mit ihm und kehrt, um den Anderen bereichert, zu sich selbst zurück. „In der Liebe … ist man eins mit dem Objekt, es beherrscht nicht und wird nicht beherrscht.“171 Doch diese Schicksals-Thematik des menschlichen Strebens, Liebens und Überlebens in der Gattung gibt es nicht nur, literarisch gesehen, am Beispiel eines Titanen, wie es Goethe mit seinem Faust gelungen ist. Arnold Zweig zum Beispiel demonstriert diese Thematik an einem ganz unscheinbaren Typen wie dem kleinen Sergeanten Grischa. Ihn trifft ein ähnliches Schicksal wie Faust, wenn auch viel weniger dramatisch. Sergeant Grischa ist eher ein Anti-Typ zu Heinrich Faust, dem exponierten Gattungswesen. Er kann als Inkorporation der vielen Namenlosen unserer Zeit gelten, in deren Gestalt sich die tragische Realität des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts kristallisiert. Und 167 Ebd.: S. 228 f. 168 Hegel, G.W.F.: Vorlesungen über die Ästhetik II, Frankfurt a.M. 1971, S. 155 169 Hegel, G.W.F: Frühe Schriften, Werke 1, Frankfurt a.M. 1986, S. 248 170 Ebd.: S. 233 171 Hegel, G.W.F.: Vorlesungen über die Ästhetik II, Frankfurt a.M. 1971, S. 187 3. Der strebende Mensch 71 gerade deshalb hat ihn Arnold Zweig zum Protagonisten seines Romans gewählt.172 Wie Heinrich Faust gräbt Grischa sein Grab selbst. Doch während Faust in seiner Blindheit glauben kann, im Dienste der Freiheit vieler Millionen tätig zu sein, hat Grischa den Zweck seiner Tätigkeit, nämlich seine eigene Liquidierung vorzubereiten und sein späteres Grab auszuheben, klar vor Augen. Zweig will deutlich machen, dass Grischas Abordnung zu dieser Arbeit keine gesteigerte Grausamkeit sein soll, sondern eher eine Wohltat. Grischas Vorgesetzter, unter dessen Aufsicht sich seine Inhaftierung vollzog, dieser „erfahrene Mann wusste, daß manche Wohltat hart aussieht. Schlotternd in der Zelle zu sitzen und zu horchen, bis der Henker klopft, war bei weitem qualvoller, und so hatte der Verurteilte noch einen Marsch hin und zurück und eine körperliche Arbeit, die von Gedanken und Pein ablenkte. Und Grischa war es angenehm.“173 Er genießt die frische Luft und den Duft der Erde. Er fühlt sich verbunden mit den Männern der Wachmannschaft, die mitschaufeln und sein Grab vorbereiten. Er vergisst die Tragik seines Todes und sieht in diesem Grab nur seine zukünftige Behausung, die er so gut wie möglich gestalten will. „In taktfestem Schwunge stieß und warf er; angenehme Wärme gab seinen Gliedern freies Spiel … Die uralten Empfindungen des heidnischen Kriegers, der an den Tod auf dem Schlachtfeld nicht glaubt, sondern für weitere Geburten gerüstet sein muß, breiteten sich in ihm aus und gaben den Stößen seines rechten Stiefels und den Schwüngen seiner Arme Leidenschaft.“174 Sein ungerechtfertigter Tod während des Ersten Weltkrieges verliert so seine Grausamkeit und bewahrt Grischa vor dem Zerbrechen seines menschlichen Kerns. Er steht wie auch Faust stellvertretend für die „überall mächtige Menschensubstanz … Wenn die Gesellschaft sie ins Quellen kommen ließe, was für großartige Gebilde könnten auf Erden nicht entstehen“, spekuliert Zweig.175 Was ihn über Goethe und Hegel, welche die menschliche Tätigkeit lediglich im positiven Modus der letztendlichen Selbstbefreiung und -erlösung betrachten, heraushebt, ist, dass Zweig in seiner Figur des Grischa und seinem ungerechten Schicksal, das er ohne Murren hinnimmt, andeu- 172 Zweig, Arnold: Der Streit um den Sergeanten Grischa, Frankfurt a.M. 1972 173 Ebd.: S. 346 174 Ebd.: S. 346 f. 175 Ebd.: S. 353 II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ 72 tet, dass die Menschheit durchaus in der Lage ist, vielleicht aus mangelndem Wissen, sich selbst auszulöschen und darin durchaus Befriedigung zu erleben. Damit steht er in unmittelbarer Beziehung zu Theodor W. Adorno und dessen „Negativer Dialektik“, in der das entropische Ende der Menschheit durch Selbstzerstörung unausweichlich ist. Grischa ist ein Exponent für diejenigen, die in einer von Entfremdung und Ungerechtigkeit instrumentalisierten Gesellschaft nur noch die Chance haben, Lust zu empfinden, nämlich ihren eigenen Untergang zu genießen. Grischa genießt das Schaufeln seines eigenen Grabes, weil ihm nichts anderes bleibt. Statt weiterhin gegen das ungerechte Urteil über ihn zu rebellieren, fügt er sich in sein Schicksal. Er regrediert auf die letztmögliche Lustebene, die ihm noch zu bleiben scheint und erliegt so dem bequemen, obwohl selbstzerstörerischen Frieden mit sich selbst. In der Gestalt des Grischa bewahrheitet sich das mephistophelische Urteil über den Menschen, dass ‚er Staub frisst, und das mit Lust‘, wenn er keine Alternative mehr zu haben glaubt. Das ist kompatibel mit Adornos Behauptung, dass der Gefangene seine Zelle anfangen muss zu lieben, wenn er die Haft überleben will. Der höchste Augenblick „Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön“176 Zu keinem früheren Ereignis, Erlebnis, und war es noch so außergewöhnlich, wie z.B die Liebesverbindung mit Gretchen oder gar Helena, empfand Faust eine so große, umfassende Befriedigung, als in dem Moment, wo er glaubt, „auf freiem Grund mit freiem Volk (zu) stehn.“177 Er hat das Glück entdeckt, mit seiner eigenen Tätigkeit etwas geschaffen zu haben, das unvergänglich ist, das bleibt, weil die Nachgeborenen die Ergebnisse seiner Arbeit genießen können. Seine Angst, dass, trotz seiner ganzen Gelehrtheit und der Anstrengungen, denen er sich ausgesetzt hat, keine Spur von seiner Existenz im Weltgeschehen übrigbleibt, dass auch alle teuflischen Genüsse ihm diese Angst nicht nehmen konnten, hat er besiegt. Keine Sorge kann ihm mehr etwas an- 4. 176 Goethe: Faust, a.a.O., S. 348 177 Ebd. 4. Der höchste Augenblick 73 haben. Auch seine Erblindung flößt ihm keine Furcht mehr ein. Während die Lemuren, auf Anweisung des siegesgewissen Mephisto, Fausts Grab schaufeln, ist dieser davon überzeugt, dass der Damm hin zum Meer gegraben wird. Sein Glaube an sich selbst, dass er fähig ist, freien Grund für freies Volk zu schaffen, für etwas Nützliches tätig zu sein, hat die Angst besiegt. Er ist jetzt davon überzeugt, dass ‚die Spur von seinen Erdentagen nicht in Äonen untergehen‘ wird.178 Und das gibt ihm endlich die Befriedigung, nach der er sich gesehnt hat. „Im Vorgefühl von solchem hohen Glück genieß‘ ich jetzt den höchsten Augenblick.“179 Mit den Menschen zu kommunizieren, mit ihnen und für sie etwas zu tun, das erst erfüllt Faust mit Befriedigung. Zwei Ur-Ängste plagen Faust: Erstens, dass er über die graue Theorie, die er „durchaus studiert (hat), mit heißem Bemühn“, das wirkliche, sinnliche, bunte Leben verpasst hat. „Da steh‘ ich nun, ich armer Tor, und bis so klug als wie zuvor.“ Als Wissenschaftler hat er zwar alles erreicht. Er ist Doktor der Geisteswissenschaften und gilt als bedeutender Lehrer in seinen Schülerkreisen. Er selbst jedoch glaubt, dass er nichts wirklich weiß und das will ihm „schier das Herz verbrennen“.180 Zweitens fürchtet Faust, dass nach seinem Tod nichts von ihm bleiben, dass „die Spur von meinen Erdentagen“ in „Äonen untergehen“ wird.181 Dass mit dem Tod alles zu Ende ist, danach nichts mehr kommt und er einfach aus der Welt verschwindet, sich in Nichts auflöst, ohne etwas hinterlassen zu haben. Das sind ur-menschliche Ängste, die Goethe hier beschreibt. Die Angst, das wirkliche wahre Leben zu verpassen, den Sinn des Lebens nicht zu finden und dann zu sterben, ohne etwas Bleibendes zu hinterlassen, das an mich erinnert. Die eigene leibliche Nachkommenschaft kann ein Trost sein, doch nur, wenn sie die Erinnerung an dich wachhält und pflegt. Bei Goethe war das jedoch nicht der Fall; sein einziger überlebender Sohn starb noch vor ihm selbst an Alkoholismus, seine Schwiegertochter scherte sich nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr um ihn und seine beiden En- 178 Ebd. 179 Ebd. 180 Ebd.: S. 20 181 Ebd.: S. 348 II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ 74 kel verloren sich in der Bedeutungslosigkeit. Geblieben ist nur sein Werk, seine Dichtung, wenngleich Goethe selbst nicht daran glaubte. Er sagte einmal, dass, auch wenn von seinem dichterischen Werk nichts mehr bliebe, so doch seine Farbenlehre ihn überdauern würde. Er war so stolz darauf, damit Newton widerlegt zu haben und langweilte seine Umgebung mit unerschöpflichen Ausführungen über dieselbe. Er wäre erstaunt darüber, dass es nach seinem Ableben genau andersherum gekommen ist. Hegel hingegen scheint diese Ängste nicht gehabt zu haben. Sein Vertrauen in den Weltgeist hat die herausragende Besonderheit seiner Individualität derart relativiert, dass ihm die sinnliche Vielfalt des Lebens nicht viel bedeutete. Als das Erstrebenswerteste für ihn gilt die Schulung und Entwicklung seiner Reflexionskraft, um mit Hilfe seiner Vernunft dem absoluten Geist so nahe wie möglich zu kommen. Sein Erkenntnisvermögen stellt er über jegliche sinnliche Erfahrung und will das Streben nach Vernünftigkeit allen Menschen ans Herz legen. Erst wenn alle sinnlichen Gestalten verblasst sind, kann sich der Geist entfalten, die Eule der Minerva ihren Flug beginnen: „Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“182 Hegels angestrebtes Ziel ist die reine Erkenntnis. Goethe hingegen rückt den sinnlich tätigen Menschen ins Zentrum seiner Überlegungen, der nur in praktischer Interaktion mit anderen Menschen zu sich selber finden kann. Selbst in Gesellschaft ganz einfacher Leute, die ausgelassen ihr Dorffest feiern und die sein Schüler Wagner als ungehobeltes und rohes Volk verachtet, fühlt Faust sich wohl: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“183 Wagner versteht ihn nicht. „Das Fiedeln, Schreien, Kegelschieben“ ist ihm verhasst.184 Hegel würde sich zwar nicht zu einer solchen Aussage versteigen, doch gilt ihm der Mensch umso bedeutender, je gebildeter er ist. Obwohl Hegels Weltgeist nicht ohne den sinnlich tätigen Menschen zu sich selbst finden kann, um zu erkennen, dass er, was er „an sich“ auch „für sich“ ist, dass 182 Hegel, G.W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Hamburg 1955, S. 17 183 Goethe.: Faust, a.a.O., S. 36 184 Ebd. 4. Der höchste Augenblick 75 es die menschlichen Individuen sind, welche die Welt bewegen, betont er immer wieder, dass aber die wirkliche Geschichte, die wirkliche Bewegung nur auf Seiten des Geistes vor sich geht. Er entlässt so die praktisch, im Dienste ihres Lebens arbeitenden Menschen in die Subalternität. Aus dem Reich der Ideen, aus diesem „Geisterreich schäumt ihm die Unendlichkeit“185 des absoluten Wissens, in dem alle Gestalten des Lebens grau geworden sind. Hegel nennt dieses Geisterreich auch drastisch „die Schädelstätte des Geistes“, um die letztendliche Bedeutungslosigkeit des sinnlichen Menschen gegenüber der reinen Vernunft hervorzuheben. Es erweist sich hier Goethes Menschenbild dem Hegelschen als überlegen. Er ist überzeugt, dass die Menschen ihn ihrer irdischen Welt ihr Glück finden können, weil dem Streben der Individuen keine Grenzen gesetzt sind. Sie mögen sich in der Qualität ihrer Ziele, in der Erreichbarkeit derselben, unterscheiden, aber allen wohnt gleicherma- ßen ein Streben inne, das nie aufhört, solange sie leben. Und der Mensch irrt auch, solang er strebt.186 Aber er strebt auch, solange er lebt. Selbst als Faust an sein Lebensende angekommen und mit sich im Reinen ist, hört doch sein Streben nicht auf, denn noch lebt er ja. Es ist lediglich sein „Vorgefühl“ des höchsten Augenblicks, das er genießt. Er denkt bereits an zukünftige, weit umfassendere Projekte, die er realisieren will und die in seiner Vorstellung bereits als vollendet existieren. Den fauligen Sumpf will er trockenlegen und Räume für viele Millionen Menschen schaffen, „nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen. Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde sogleich behaglich auf der neusten Erde, gleich angesiedelt an des Hügels Kraft, den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft, im Innern hier ein paradiesisch Land … Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen: Verweile doch, du bist so schön! “187 Faust wünscht es nicht unmittelbar, er lebt nur im Vorgefühl des höchsten Augenblicks, wie alle Menschen, die auf ihr Ziel hinarbeiten und sobald sie es erreicht haben, eine neues Ziel sich einstellt, und so unendlich fort. Auch Goethe selbst, als er seinen Tod nahen 185 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 447. Hegel bezieht sich hier auf ein Zitat aus Friedrich Schillers Gedicht: „Die Freundschaft“: „Aus dem Kelche des ganzen Seelenreiches schäumt ihm die Unendlichkeit.“ 186 Ebd.: S. 18 187 Ebd.: S. 348 II. Goethes Spuren in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ 76 fühlt, gibt seine Tätigkeit nicht auf. Frühmorgens am 22. März 1832, seinem Todestag, begibt er sich in sein Arbeitszimmer. Er fragt nach dem Datum und man nennt es ihm. Daraufhin soll er gesagt haben: „Also hat der Frühling begonnen, und wir können uns eher erholen … Macht doch den zweiten Fensterladen in der Stube auf, damit mehr Licht hereinkommt.“188 Diese Worte klingen nicht nach Sterben, sondern eher nach weiterem Streben, ganz ähnlich den Gedanken des sterbenden Faust. Das menschliche Streben ist deshalb unendlich, weil immer neue Perspektiven sich ergeben, die aus den erreichten stets neu sich entwickeln. Hier kündet sich Hegels Dialektik an, welche aus dem ewigen Prozess menschlicher Entäußerungsfähigkeit, der Tätigkeit, der steten Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen wie Natur-Objekten, resultiert. Darum lässt Goethe Mephistopheles seine Wette verlieren, weil dieser die Menschennatur in ihrem ewigen Streben nicht versteht. Er verkörpert den Widerspruch zwischen Körper und Geist in ihr, der den Menschen nicht ruhen lässt und ihn zu immer neuen Überlegungen und Taten antreibt, zu immer höheren Zielen. 188 Wiegler, Paul Geschichte der deutschen Literatur, a.a.O., S. 618 4. Der höchste Augenblick 77

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References

Zusammenfassung

Am 28. August 2020 wäre Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) zweihundertfünfzig Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass setzt sich Karin Weingartz-Perschel mit der aktuellen Bedeutung der Hegelschen Dialektik für die geisteswissenschaftliche Forschung auseinander. Sie plädiert dafür, dass Hegels anthropologische Axiomatik als das Bleibende und Vorwärtsgerichtete an seinem philosophischen Wirken erachtet werden sollte.

In Hegels Frühwerk, der „Phänomenologie des Geistes“, findet sich seine anthropologische Axiomatik, auf der sich sein ganzes Gedankengebäude erhebt. Nur hier lässt sich der Schlüssel zu seiner Dialektik in Form seiner anthropologischen Grundannahmen finden. Alle seine weiteren Werke unterstellen dieses Wissen nur. Die „Phänomenologie“ sollte daher nicht lediglich als Frühwerk oder als zu vernachlässigende Einleitung in Hegels Hauptwerk abgetan werden, sondern einen deutlich höheren Stellenwert einnehmen.