Nachwort in:

Karin Weingartz-Perschel

Hegels anthropologische Axiomatik, page 189 - 192

Zur Aktualität der Hegelschen Dialektik

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4417-9, ISBN online: 978-3-8288-7424-4, https://doi.org/10.5771/9783828874244-189

Tectum, Baden-Baden
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Nachwort In der heutigen Zeit stellt sich die Frage, ob Philosophie überhaupt noch sinnvoll ist – außer das Fach Religion an den Schulen zu ersetzen. Schon Anfang der neunzehnhundertsechziger Jahren hat sich Adorno diese Frage gestellt und darauf geantwortet: „Philosophie, wie sie nach allem allein zu beantworten wäre, dürfte nicht länger des Absoluten sich mächtig dünken, ja, müßte den Gedanken daran sich verbieten, um ihn nicht zu verraten, und doch vom emphatischen Begriff der Wahrheit nichts sich abmarkten lassen. Dieser Widerspruch ist ihr Element.“456 Adorno problematisiert mit dieser Frage, dass eine zukünftig noch Geltung beanspruchende Philosophie ihr Selbstverständnis, absolute, für alle Ewigkeit geltende Erkenntnisse zeitigen zu können, abzulegen hat, ohne zugleich auch die emphatische Suche nach der Wahrheit aufzugeben. Diesem Widerspruch zwischen der Negation des absoluten Erkenntnisvermögens und der Position, dennoch Wahrheiten erkennen zu können, soll eine zukünftig noch zu akzeptierende Philosophie gerecht werden. Dazu ist es notwendig, die traditionelle klassische Philosophie nicht einfach unter den Tisch fallen zu lassen, sondern auf diesen Widerspruch hin abzuklopfen und ihre fortschrittlichen Elemente herauszuarbeiten. Marx hat dies mit Hegel gemacht, Bloch mit Marx und Hegel und Habermas, beinahe enzyklopädisch, mit fast allen bedeutenden Theoretikern, aber besonders auch mit Hegel und Marx. Auch Habermas stellt sich mit Adorno die Frage: „Wozu noch Philosophie?“457 Diese Frage bildet auch das grundlegende Thema der vorliegenden Arbeit. Gerade in der heutigen, von Technik dominierten Zeit ist die Frage nach dem Sinn des Lebens, das sich nicht mehr mit einem Gott über den Tod hinwegtrösten kann und im Glauben und im Gebet Ruhe und Frieden findet, virulenter denn je. Habermas stellt zu Recht fest: „Einige Indikatoren sprechen dafür, daß sich als Reaktion auf den 456 Adorno, Theodor W.: Eingriffe, Frankfurt a.M. 1963, S. 14 457 Habermas, Jürgen: Philosophisch-politische Profile, Frankfurt a.M. 1973, S. 11 189 massenhaften Verlust religiöser Heilsgewißheit ein neuer Hellenismus abzeichnet, also eine Regression hinter die in den monotheistischen Hochreligionen erreichte Stufe der in der Kommunikation mit dem Einen Gott gebildeten Identität. Die vielen kleinen subkulturellen Ersatzreligionen bilden sich in regional, inhaltlich und sozial außerordentlich differenzierten Randgruppen und Sekten aus. Sie reichen von transzendentaler Meditation über neue Kommunerituale, halbwissenschaftlicher Trainingsprogramme, über die oft nur zum Scheine pragmatischen Zielsetzungen kollektiver Selbsthilfeorganisationen bis zur radikalen Ideologie kleiner aktionistischer Gruppen im Zeichen politischer-theologischer, anarchistischer oder sexual-politischer Weltveränderung.“458 Viele neue, kleinere Ersatzreligionen bilden sich deshalb, wie z.B. esoterische Rituale, mentale Trainingsprogramme, Zen-Buddhismus, Yoga bis hin zum Körperkult zwecks ewiger Fitness und Jugend. Auch politische Gruppierungen entstehen auf Grund der wachsenden Angst vor der eigenen Ohnmacht, vor Bedrohungen durch die Willkür der Natur, vor Armut, terroristischen Anschlägen, Kriegen und vor Fremden, Immigranten, vor der immer zentrierter werdenden Macht des Kapitals und der Digitalisierung der Welt sowie des privaten Lebensbereiches. „Die Verluste an humaner Substanz, die gewalttätig fortschreitende Rationalisierung einer in naturwüchsigen Antagonismen gleichwohl verharrenden Gesellschaft, … die auf dem Hintergrund möglicher Rationalisierung erst recht hervortretende Barbarei der archaischen Lebensbereiche“459 machen Angst. Bildeten früher Philosophie und Wissenschaft eine Einheit, so ist diese Einheit heute in viele Einzelwissenschaften zerteilt. Wir haben nun die Soziologie, die Psychologie, die Ethik, die Ästhetik, die Politologie und besonders die Vielzahl moderner Naturwissenschaften. Alle diese Bereiche stehen nun für sich und eine gemeinsame Kommunikation scheint angesichts der Komplexität jedes einzelnen unmöglich zu werden. „Die Einheit von Philosophie und Wissenschaft ist inzwischen problematisch geworden. Die Philosophie mußte ihren Anspruch, Grundwissenschaft zu sein, gegenüber der Physik aufgeben, sobald sie eine Kosmologie nur mehr in Abhängigkeit 458 Habermas, Jürgen: Philosophisch-politische Profile, ebd., S. 36 459 Habermas, Jürgen: Philosophisch-politische Profile, ebd.: S. 20 Nachwort 190 von Ereignissen der naturwissenschaftlichen Forschung und nicht mehr kraft eigener Kompetenz entwickeln und begrünen konnte … Sie entbehrt fortan der ontologischen Begründung, die für Politik und Ethik seit Aristoteles selbstverständlich gewesen war. “460 Diese frühere Einheit von Philosophie und Wissenschaft und die Akzeptanz der Philosophie als Grundwissenschaft scheint heute unmöglich geworden zu sein. Der gesellschaftliche Fortschritt hat dazu geführt, dass sich wissenschaftliche Erkenntnisse derart vervielfacht haben, dass sie sich in die verschiedensten Teilgebiete differenzieren. Soziologie, Ökonomie, Psychologie, Ethik, Ästhetik, Politische Theorien und besonders die Naturwissenschaften sind Teilgebiete, die wegen ihrer Komplexität jeweils für sich stehen, weil die Reflexions- und Aufnahmefähigkeit der betroffenen Individuen nun mal nicht unendlich sind. Kommunikation zwischen den einzelnen Wissenschaftlern kann nur begrenzt geleistet werden und scheint tendenziell immer unmöglicher zu werden. Außerdem hält das Prinzip der schnellen Verwertbarkeit von Wissen immer rascheren Einzug in die Bildungsinstitute. Dabei ist Bildung ein mühsamer Reflexionsprozess, der neben viel Zeit besonders auch Muße verlangt. Das ist kostenintensiv und müsste seitens des Staates finanziell optimal unterstützt werden. Das Studium eines Hegel, Kant, Marx, Bloch und Habermas z.B. lässt sich nicht auf ein paar Monate, Wochen oder gar Tage beschränken; das braucht viele Jahre kognitiver Anstrengung und sollte nicht hauptsächlich zur Last der Familie gehen.461 Ein schneller Durchlauf durch diese Theorien, eventuell nur mittels des Internets, führt nur maximal zur Halbbildung, die sehr gefährlich werden kann, wie man aus der vergangenen und auch gegenwärtigen Geschichte lernen kann. Es bleibt eine unverzichtbare gesellschaftliche Notwendigkeit, die Zusammenhänge unserer Aktionen und Erkenntnisse zu reflektieren und ihre Ergebnisse öffentlich zu machen. Dazu gehören nicht zuletzt das Verständnis und die Analyse früherer Theorien, um nicht hinter diesen zurückzufallen oder auch, wie man landläufig sagt, das Rad zweimal zu erfinden. In erster Linie sind dazu die Schulen und besonders die Universitäten zuständig. Deshalb darf man deren finanzielle Kapazitäten nicht vom Interesse und der Unterstützung der Wirtschaft und des 460 Habermas, Jürgen: Ebd., S. 26 f. 461 Weingartz-Perschel, Karin: Mythos Genie, die intellektuelle Erfahrung des Mangels, Baden-Baden 2019 Nachwort 191 Finanzkapitals abhängig machen, welche lediglich den beruflichen und ökonomischen Erfolg ihrer Klientel fördern, um selbst später davon zu profitieren. Wenn niemand mehr in der Lage ist, ‚das Ganze zu denken‘, wie Adorno befürchtet hat, und niemand mehr da ist oder, wenn es noch jemanden geben sollte, überhaupt gehört wird, gewinnen die selbstichen Prozesse der Profitmaximierung immer mehr die Oberhand über die Welt und das Humanum; die Menschen bleiben letztendlich auf der Strecke. Und wenn die Ausbeutung der Erde an das Ende ihrer Möglichkeiten angekommen ist, alle ihre Ressourcen aufgebraucht sind, ‚wird man merken, dass man Geld nicht essen kann‘. Dieser heute bereits sichtbare Prozess der Selbstzerstörung lässt sich nur mittels möglichst umfassender und breiter Bildung aufhalten. Erst wenn den Menschen ihre eigen Tragik zum Bewusstsein gebracht wird, erst wenn ihnen auch die Bedeutung der Subjekt-Objekt-Dialektik klar wird, dass die Menschen ihre Existenz überhaupt nur ihrer besonderen Fähigkeit zu kommunizieren, verdanken, dass nur diese besondere Fähigkeit der Interaktion und die sich daraus ergebenden Tätigkeiten, Aktionen, Arbeit eine Gesellschaft haben entstehen lassen und wir heute auf unsere Geschichte zurückblicken, die wir selber gemacht haben und weiter machen werden, werden wir eine Zukunft haben. Auch heute wissen wir noch nicht wirklich, wer wir sind, wer oder was der Mensch ist, was wir, außer Essen, Trinken, Kleidung, Wohnen und einiges andere mehr, wirklich benötigen. Mit Hegel sind wir erstmals auf die Spur gesetzt worden, diesem Wissen näher zu kommen. Goethe hatte schon eine Ahnung davon und in der Folge haben u.a. Marx, Bloch und Habermas dieses Wissen konkreter gemacht. Auch Herbert Marcuse und besonders Sigmund Freud haben diesen Weg weiter geglättet. Leider gehört Letzterer zu denen, welche zur narzisstischen Kränkung des Bürgertums so stark beigetragen haben, dass dessen so wichtige Libidotheorie missverstanden, auf reine Sexualität reduziert oder gar verdrängt wird. Doch auch seine Zeit wird kommen. Hier sollte zunächst erstmal die anthropologische Bedeutung Hegels, der als seine Axiomatik die menschliche Sinnlichkeit und die zerteilende Kraft des Verstandes als Ursache und Basis der Vernunft und damit unserer Geschichte als Selbsterzeugungsprozess des Menschen als erster Philosoph herausgestellt hat, deutlich und damit aktuell gemacht werden. Nachwort 192

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Zusammenfassung

Am 28. August 2020 wäre Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) zweihundertfünfzig Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass setzt sich Karin Weingartz-Perschel mit der aktuellen Bedeutung der Hegelschen Dialektik für die geisteswissenschaftliche Forschung auseinander. Sie plädiert dafür, dass Hegels anthropologische Axiomatik als das Bleibende und Vorwärtsgerichtete an seinem philosophischen Wirken erachtet werden sollte.

In Hegels Frühwerk, der „Phänomenologie des Geistes“, findet sich seine anthropologische Axiomatik, auf der sich sein ganzes Gedankengebäude erhebt. Nur hier lässt sich der Schlüssel zu seiner Dialektik in Form seiner anthropologischen Grundannahmen finden. Alle seine weiteren Werke unterstellen dieses Wissen nur. Die „Phänomenologie“ sollte daher nicht lediglich als Frühwerk oder als zu vernachlässigende Einleitung in Hegels Hauptwerk abgetan werden, sondern einen deutlich höheren Stellenwert einnehmen.