I. Hegels Menschenbild in:

Karin Weingartz-Perschel

Hegels anthropologische Axiomatik, page 11 - 56

Zur Aktualität der Hegelschen Dialektik

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4417-9, ISBN online: 978-3-8288-7424-4, https://doi.org/10.5771/9783828874244-11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Hegels Menschenbild Georg Wilhelm Friedrich Hegel gilt im Allgemeinen als der letzte philosophische Hauptvertreter des Deutschen Idealismus‘. Seine ersten philosophischen Ideen entwickelte er während seines Studiums im Tübinger Stift, zusammen mit den Freunden Schelling und Hölderlin. Nach seinem Examen 1893 arbeitete er zunächst als Hauslehrer, wie es damals für junge Gelehrte, die gezwungen waren, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, üblich war. Bevor er seine erste ordentliche Professur 1816 in Heidelberg erhielt, war er noch als Privatdozent, Redakteur und als Rektor eines Gymnasiums in Nürnberg tätig. 1818 wurde er auf den philosophischen Lehrstuhl der Universität in Berlin berufen. Bereits 1807 erschien sein erstes Hauptwerk, die „Phänomenologie des Geistes“, als er noch Privatdozent in Jena war. Hier erlebte er die Besatzung 1806 durch Truppen Napoleons, dessen Bewunderer er damals war. Als die französischen Truppen am 13. Oktober 1806 die Stadt Jena eingenommen haben und mit ihnen Napoleon eintraf, soll Hegel bei dessen Anblick seine Bewunderung folgendermaßen geäu- ßert haben: „Den Kaiser, die Weltseele, sah ich durch die Stadt zum Rekognoszieren hinausreiten; es ist in der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuum zu sehen, das hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt übergreift und sie beherrscht …, solche Fortschritte (sind) nur diesem außerordentlichen Manne möglich, den es nicht möglich ist, nicht zu bewundern.“17 Hegel bewunderte Napoleon als Vollzieher der Errungenschaften der Französischen Revolution, weil dieser in Preußen den Code Civil, das Bürgerliche Gesetzbuch, einführte und unter anderem für die Abschaffung der Leibeigenschaft sorgte. Er schätzte Napoleon als den Vertreter der revolutionären Maximen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Den ethischen Rigorismus eines Robespierre und die später ausufernden I. 17 Hoffmeister, Johannes (Hg.): Briefe von und an Hegel, Bd. I, Hamburg 1952, S. 120 11 kriegerischen Aktivitäten Napoleons lehnte er ab. Auch spürte er die negativen Folgen der französischen Besatzung in Form von Plünderungen am eigenen Leibe und floh aus seiner Wohnung zu dem befreundeten Prorektor Gabler, der von den plündernden Soldaten verschont geblieben war, weil sich in dessen Haus ein höherer französischer Offizier einquartiert hatte. Als er später in seine eigene Wohnung zurückkehrte, beklagte er, dass er diese in völligem Chaos vorgefunden habe. Glücklicherweise konnte er sein Manuskript der „Phänomenologie“ noch vor den plündernden Soldaten in Sicherheit bringen. Zwischen 1812 und 1816 veröffentlichte er seine „Wissenschaft der Logik“, die als sein zweites Hauptwerk betrachtet wird. 1817 folgte eine Art Zusammenfassung seiner Werke, welche er zu dem Zweck verfasste, sie als Grundlage seiner Lehrtätigkeit zu verwenden. „Das Bedürfnis, meinen Zuhörern einen Leitfaden zu meinen philosophischen Vorlesungen in die Hände zu geben, ist die nächste Veranlassung, daß ich diese Übersicht des gesamten Umfanges der Philosophie früher ans Licht treten lasse, als sonst mein Gedanke gewesen wäre.“18 Sie wurde unter dem Titel „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse“ veröffentlicht. Auch hier findet sich ein eigenes Kapitel zum Thema „Anthropologie“, aber es fehlt die Axiomatik.19 Zwar betont Hegel auch hier die besondere Sinnlichkeit des Menschen: „Alles ist in der Empfindung, und wenn man will, alles, was im geistigen Bewußtsein und in der Vernunft hervortritt, hat seine Quelle und Ursprung in derselben; denn Quelle und Ursprung heißt nichts anderes als die erste unmittelbarste Weise, in der etwas erscheint.“20 Und er führt weiter aus: „Jedes Individuum ist ein unendlicher Reichtum von Empfindungsbestimmungen, Vorstellungen, Kenntnissen, Gedanken usf … (Aber) Erst wenn Ich mich an eine Vorstellung erinnere, bringe ich sie aus jenem Innern heraus zur Existenz, vor das Bewußtsein.“21 Doch er bleibt auch hier die Erklärung dafür schuldig, warum dies so ist. Auch in dem Kapitel „Die Phänomenologie des Geistes“ in der Ent- 18 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie der Philosophischen Wissenschaften, Hamburg 1969, S. 20 19 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie der Philosophischen Wissenschaften, Hamburg 1969, S. 317 ff. 20 Hegel: Ebd., S. 325 f. 21 Hegel: Ebd., S. 329 I. Hegels Menschenbild 12 yklopädie, das den zusammenfassenden Rekurs auf sein erstes Hauptwerk darstellen soll, fehlt die anthropologische Axiomatik.22 Nur in der „Phänomenologie des Geistes“ aus dem Jahre 1807, die Hegel als Einführung in sein gesamtes wissenschaftliches System verstand, ist seine anthropologische Axiomatik, seine Erklärung, wie denn die menschliche Vernunft überhaupt in die Welt kommt, in einer gewissermaßen ausführlichen Weise zu finden. Und ihr Verständnis ist grundlegend für das Verständnis seiner dialektischen Methode sowie seines gesamten Werkes. Nur hierin liegt das Besondere und die aktuelle Bedeutung Hegels, welche die Beschäftigung mit seinem Werk überhaupt begründet. Denn obwohl es der „Weltgeist“ ist, um den sich sein Denken hauptsächlich dreht, ist es der empathische, tätige, sich entäußernde, arbeitende Mensch, welcher Hegels wirklicher Protagonist ist, wie im Folgenden nachzuweisen sein wird. Das mag Hegel selbst nicht als sehr wesentlich vorgekommen sein, denn er betont immer dann, wenn der tätige Mensch als Hauptakteur der Geschichte sein Denken dominiert, dass aber die wirkliche Bewegung auf der Seite des Weltgeistes vor sich gehe. Ihm ist wahrscheinlich die eigentlich revolutionäre Seite seiner dialektischen Methode, die ihn heute überhaupt noch für uns interessant macht und unsere Reflexionsfähigkeit weiterbringen kann, verborgen geblieben. Denn seine Weltgeistprojektion und die daraus folgende Staatsphilosophie ist nichts wirklich Neues in unserer Geistesgeschichte. Vielleicht hat an seiner Favorisierung des Preußischen Staates auch ein gewisses Maß an Opportunismus beigetragen, weil er so sehr eine Ernennung zum Professor angestrebt hat. Man weiß es nicht. Das schmälert auch nicht sein Verdienst, eine Methode entwickelt zu haben, die dem menschlichen Denken nicht formal übergestülpt, sondern aus diesem selbst abgeleitet wird. Dies erkannt und so vor dem Vergessen geschützt zu haben, ist das besondere Verdienst von Karl Marx und nicht dessen Entwurf einer „Diktatur des Proletariats“. Dass sich die vorliegenden Ausführungen im Wesentlichen mit der „Phänomenologie“ befassen, liegt daran, dass Hegel sich hierin am ausführlichsten mit der Entwicklung des denkenden Menschen, der Fähigkeit, sich zu entäußern, tätig zu werden, auseinandersetzt hat, 22 Hegel: Ebd., S. 344 ff. I. Hegels Menschenbild 13 ohne zu moralisieren, wie die meisten seiner Vorgänger. Er geht weder von einem von Natur aus guten oder schlechten Menschen aus, sondern einfach von einem Wesen, das, im Unterschied zu Pflanzen und Tieren, denken kann und der Ausgangspunkt eines jeden Gedankens die unbegrenzte Empathie-Fähigkeit, die Sinnlichkeit ist. Natürlich wird zur genaueren Begründung auch auf andere Werke Hegels zurückgegriffen, da Hegel sich darin immer wieder auf seine anthropologischen Ausführungen in der „Phänomenologie“, wenn auch oft nur in ganz marginaler Form, bezieht. Die Bedürfnisstruktur Das Erste, wovon Hegel ausgeht, ist natürlich die sinnliche Unmittelbarkeit des Menschen und die Problematik, die daraus folgt, dass ihm die Welt, die Natur, die Gesellschaft zunächst fremd gegenüberstehen. Aber um leben, seine unmittelbaren Bedürfnisse stillen zu können, ist er auf Hilfe angewiesen; denn seine Instinkte sind derart mangelhaft ausgebildet, dass er als Neugeborener nicht einmal den Weg zu seiner Nahrungsquelle finden würde. Er ist also von Geburt an auf wenigstens einen anderen Menschen angewiesen, der ihm hilft zu überleben. Sein Schicksal besteht also in erster Linie aus seiner Subjekt-Objekt- Gebundenheit. Aber er ist in der Lage zu lernen, weil er über eine Denkfähigkeit verfügt, die ihn vom Tier unterscheidet. „Das Denken (ist) das Eigenste, wodurch sich der Mensch vom Vieh unterscheidet.“23 Doch er muss diese Denkfähigkeit entwickeln, weil er sein Leben lang auf sie angewiesen bleibt. „Das rein einzelne Tun und Treiben des Individuums bezieht sich auf die Bedürfnisse, welche es als Naturwesen, das heißt, als seiende Einzelheit hat. Daß selbst diese seine gemeinsten Funktionen nicht zunichtewerden, sondern Wirklichkeit haben, geschieht durch das allgemeine erhaltende Medium, durch die Macht des ganzen Volks.“24 Mit dem Begriff „Volk“ spannt Hegel den Bogen schon sehr weit von der Bedürftigkeit des Einzelnen zur Abhän- 1. 23 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, Hamburg 1969, S. 346, § 400 24 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt a.M., Berlin, Wien 1970, S. 204 I. Hegels Menschenbild 14 gigkeit von nicht nur anderen Einzelnen, sondern letztendlich von der gesamten menschlichen Gemeinschaft. Hieraus leitet er seine Subjekt- Objekt-Dialektik ab, welche die Fähigkeit voraussetzt, mit dem Gegen- über kommunizieren, sich emphatisch in es hineinversetzen, verstehen zu können. Herbert Marcuse beschreibt diesen Prozess folgendermaßen: „Hegel beginnt mit der Erfahrung des gewöhnlichen Bewußtseins im Alltagsleben. Er zeigt, daß diese Art von Erfahrung wie jede andere Elemente enthält, die das Vertrauen auf ihre Fähigkeit, das Wirkliche wahrzunehmen, untergraben und das Forschen nötigen, zu immer höheren Weisen des Verstehens fortzuschreiten … er wird von der sinnlichen Gewißheit zur Wahrnehmung übergehen, von der Wahrnehmung zum Verstand, … die Phänomenologie des Geistes stellt so die immanente Geschichte der menschlichen Erfahrung dar.“25 Hegels Ausgangspunkt ist also ein ganz banaler, nämlich das sinnliche Bewusstsein, das sich vom Tier nur dadurch unterscheidet, dass der Mensch denken kann. „Alles ist in der Empfindung, und wenn man es will, alles, was im geistigen Bewußtsein und in der Vernunft hervortritt, hat seine Quelle und Ursprung in derselben; denn Quelle und Ursprung heißt nichts anderes als die erste und unmittelbarste Weise, in der etwas erscheint.“26 Aufgrund seiner nur sehr mangelhaft ausgebildeten Instinkte, muss er sein Überleben allein mit Hilfe seines Verstandes organisieren, den es gilt, erst auszubilden, um begreifen zu können und selbständig tätig zu werden. Erst dann kann der Mensch als Subjekt gelten, wenn er eigenständig tätig werden kann. Dazu muss er sich „entäußern“, aus sich herausgehen, sich mit seiner Umwelt auseinandersetzen. So löst er sich ganz allmählich aus der Natur, der Tierwelt heraus und beginnt, seine Umwelt zu bearbeiten, zu verändern und seinen Bedürfnissen unterzuordnen. Immer wieder versucht Hegel, seine Gedankengänge mit Beispielen zu untermauern: „Hier ist zum Beispiel der Baum, ich wende mich um, so ist diese Wahrheit verschwunden und hat sich in die entgegengesetzte verkehrt: Das Hier ist nicht ein Baum, sondern ein Haus. Das Hier selbst verschwindet nicht, 25 Marcuse, Herbert: Vernunft und Revolution, Darmstadt/Neuwied 1972, S. 91 26 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 325 f., § 400 1. Die Bedürfnisstruktur 15 sondern es ist bleibend im Verschwinden des Hauses, Baumes und so fort.“27 In diesem Zitat wird bereits die ganze Hegelsche Dialektik und ihre Begründung deutlich: Der Mensch geht in den Wald und sieht einen Baum. Er dreht sich um und der Baum ist aus seinen Augen verschwunden. Stattdessen erblickt er in der Nähe auch ein Haus. Dichter Nebel zieht auf und auch das Haus ist aus seinem Blickfeld verschwunden. Vorsichtig tastet sich der Mensch aus dem Wald heraus und erblickt endlich ein freies Feld. Der Nebel verzieht sich allmählich aber ein schweres Gewitter zieht ganz plötzlich herauf und der Mensch sucht Schutz. Er erinnert sich an den Baum mit seiner mächtigen Blätterkrone; der könnte Schutz vor Regen und Blitzen spenden. Gleichzeitig erinnert er sich aber auch an das Haus und entscheidet sich für dieses, weil es in der Nähe ist und ihm als sichererer Schutz erscheint. Er läuft hin, klopft an und ihm wird Zutritt gewährt. Die Leute erweisen sich als gute Gastgeber und werden zukünftig gute Freunde des Menschen werden, die er gerne und häufig besucht – „und so fort“, um es mit Hegels Worten zu sagen. Ist dieser Mensch dann wieder zu sich zurückgekehrt, sind Baum, Haus und Leute nicht verschwunden, sondern in seinem Bewusstsein gespeichert, aufgehoben. Dort haben sie eigentlich erst ihre wirkliche, wahre Existenz erreicht. „Jedes Individuum ist ein unendlicher Reichtum von Empfindungsbestimmungen, Vorstellungen, Kenntnissen, Gedanken usf.; … Erst wenn Ich mich an eine Vorstellung erinnere, bringe Ich sie aus jenem Innern heraus zur Existenz.“28 Der Mensch kann sich nach Bedarf an sie erinnern und sie zu seinem Zwecke aufsuchen. Der Baum ist aus Holz und er kann ihn mittels eines Werkzeuges fällen, um damit z.B. seinen Ofen zu heizen oder auch daraus eine Skulptur zu fertigen. Das Haus kann er erwerben, falls es zum Verkauf steht, oder seinen neuen Freunden auch bei notwendigen Reparaturen helfen. Er könnte auch einen der Freunde, eine Freundin zwecks Heirat zu sich nehmen, eine Familie gründen und hierfür ein neues Haus bauen – „und so fort“ … Mit diesem Beispiel wird das Verständnis der ganzen Hegelschen Dialektik möglich: 27 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 67 28 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 329, § 403 I. Hegels Menschenbild 16 Der Mensch negiert den Baum, indem er ihm den Rücken zukehrt und ihn aus den Augen verliert. Aber er hat ihn als möglichen Holzlieferanten in Erinnerung und kehrt nach Bedarf zu ihm zurück und hebt die erste Negation auf. Er fällt den Baum mit einer besonderen Axt, die er zu diesem Zweck entwickelt hat. Es ergibt sich nach Hegel nun eine „neue Qualität“ im Leben dieses Menschen, die er „Position“ nennt, weil dieser z.B. mit wärmendem Feuer in seinem Ofen im kalten Winter seine Stube heizen kann. Diesen Prozess nennt Hegel die „Negation der Negation gleich Position“, den der Mensch im Laufe seiner Geschichte nahezu zur Perfektion gebracht hat. Nur er ist in der Lage, die vielfältigsten Dinge und Subjekte mittels seiner Reflexionsfähigkeit und zu seinem Zwecke derart zueinander zu vermitteln, dass er sich auf eine immer höhere Stufe der Erkenntnis und damit Zivilisation hinaufgearbeitet hat – aller Rückschläge zum Trotz. Mittels seiner Fähigkeit der empathischen Wahrnehmung, der Entäußerung, sich in Objekte außerhalb seiner selbst hineinversetzen zu können, also von sich als Subjekt zu abstrahieren, zu negieren und sich mit dem Objekt, wenn auch vorübergehend, zu identifizieren, um dann zu sich selbst zurückzukehren, seine erste Negation aufzuheben, wiederum zu negieren – aber als mit einem bestimmten Wissen um das Andere, den Anderen erweitertes Subjekt. So bringt es sich und die Umwelt in stete Bewegung. Es denkt, wird tätig, entwickelt Mittel, Werkzeuge, um die Befriedigung seines Begehrens immer besser zu ermöglichen, zu optimieren und entwickelt gleichzeitig damit immer neue Bedürfnisse wie auch Möglichkeiten. Damit offenbart sich auch der, angeblich so schwer verständliche, Hegel-Ausspruch der „Identität von Identität und Nicht-Identität“: Ich bin zunächst als Subjekt mit mir identisch, dann entäußere ich mich in ein Anderes, in ein Objekt, eine Nicht-Identität, denn sie ist ja nicht Ich, und sehe von mir selbst ab, um das Objekt zu erkennen, zu begreifen, zu verstehen. Wenn ich dann zu mir zurückkehre, zu meiner eigenen Identität, das Objekt verlassen habe, bleibt das Objekt, das Nicht-Identische, in einer gewissen Weise in meiner Erinnerung zurück und hier, in meinem Bewusstsein, werden alle diese Weisen aller dieser Objekte zueinander vermittelt und tragen zu immer neuen Qualitäten meines Selbst als Subjekt bei. Ich bleibe ständig in Bewegung und so auch die Umwelt mit mir, letztendlich die gesamte Geschichte, 1. Die Bedürfnisstruktur 17 die ich als Erzeugnis meiner eigenen Entäußerung, Tätigkeit, Arbeit erkenne. Meine Identität ist durch das Nicht-Identische erweitert worden, wenn ich zu mir zurückkehre. Dies ist das Geheimnis von Hegels Ausspruch der „Identität von Identität und Nicht-Identität“, wobei die erste Identität als die erweiterte, neue Qualität, zu begreifen ist. Immer wieder kommt Hegel auf sein Baum-Beispiel zurück, um auf die Bedeutung der sinnlichen Gewissheit für das sich entwickelnde Bewusstsein hinzuweisen. Denn es ist das Bedürfnis, das die Notwendigkeit der Vermittlung zwischen Subjekt und Objekt auslöst und zur Tätigkeit Anlass gibt, die wiederum zur Werkzeugentwicklung führt. Bereits in seiner „Jenenser Realphilosophie“ sagt Hegel: „Der befriedigte Trieb ist die aufgehobene Arbeit des Ich; Begierde kommt nicht dazu, die Arbeit von sich abzutrennen. Der Trieb aber ist die Einheit des Ich als eines zum Dinge gemachten. Die bloße Tätigkeit ist reine Vermittlung, Bewegung; die bloße Befriedigung der Begierde ist reines Vernichten des Gegenstandes.“29 Da es dem Menschen eigentümlich ist, seine Begierde vermittels Arbeit zu stillen und nicht in der unmittelbaren Vernichtung, Einverleibung des Gegenstandes steckenzubleiben, unterscheidet er sich von der tierischen Naturunterworfenheit. Aus einer ursprünglichen Duade von zwei sich gegenüberstehenden, sich zunächst negierenden, nur als Objekte der Bedürfnisbefriedigung existierenden Subjekte, ist im Prozess der Entäußerung, Vermittlung und gegenseitiger Anerkennung eine neue Qualität entstanden, worin sich einer in dem andern spiegeln kann. Um dies besonders deutlich zu machen, nennt Hegel die Liebe als Beispiel: „Jedes ist darin dem Anderen gleich, worin es sich ihm entgegensetzt …, daß ihm für es selbst seine Entgegensetzung in die Gleichheit umschlägt oder dies, wie es im Anderen sich anschaut, als sich selbst weiß … Dies Sein des Bewußtseins, das als einzelne Totalität ist, als eine, die auf sich Verzicht getan hat, schaut sich ebendarin in einem anderen Bewußtsein an … In jedem andern Bewußtsein ist sie, was sie unmittelbar für sich selbst ist – eine aufgehobene Totalität; dadurch ist die Einzelheit absolut gerettet.“30 Liebe ist demnach, nach Hegel, das Resultat der Bewegung, die sich zwischen den Liebenden als Subjekt und Objekt ereignen muss, 29 Hegel, G.W.F.: Jenenser Realphilosophie, Leipzig 1931, S. 197 30 Ebd.: S. 201 I. Hegels Menschenbild 18 um die gegenständige Fremdheit zu überwinden. Um die Bedeutung der Liebe zu betonen, zitiert der ein Gedicht von Friedrich Rückert: „Denn aller Rätsel Lösung ist allein die Liebe … Denn wo die Lieb‘ erwachet, stirbt Das Ich, der dunkle Despot, Du laß ihn sterben in der Nacht Und atme frei im Morgenrot!“31 Im Prozess der Identifizierung des Einen mit dem Anderen hebt sich nicht nur die gegenseitige Fremdheit auf, sondern ich kann mich in den Augen des Anderen erst wirklich erkennen, mein Selbstbewusstsein um die Anerkennung des Anderen erweitern. „Das Selbstbewußtsein erreicht seine Befriedigung nur in einem anderen Selbstbewußtsein.“32 Die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse ist nur möglich mittels Befriedigung der Bedürfnisse des Anderen. Denn „jedes tut selbst, was es an das Andre fordert; und tut darum, was es tut, auch nur insofern als das Andre dasselbe tut; das einseitige Tun wäre unnütz, weil, was geschehen soll, nur durch beide zustande kommen kann.“33 Wenn wir uns an das Beispiel der Liebe erinnern, dann leuchtet dieses Hegel- Zitat unmittelbar ein. Denn nur einseitige, unerwiderte Liebe ist unnütz. Dieser Prozess, der zwischen Subjekt und Objekt abläuft, ist von Hegel nicht nur als immer harmonisch verlaufender dargestellt, sondern kann sogar als Kampf auf Leben und Tod verstanden werden. Dies veranschaulicht er mit seinem Herr-Knecht-Beispiel.34 Dieses Beispiel nimmt er in seiner Enzyklopädie wieder auf. „Es ist ein Selbstbewusstsein für ein Selbstbewusstsein, zunächst unmittelbar als ein Anderes für ein Anderes. Ich schaue in ihm als Ich unmittelbar mich selbst an … Dieser Widerspruch gibt den Trieb, sich als freies Selbst zu zeigen und für den Andern als solches da zu sein, – als Prozeß des Anerkennens … Er ist ein Kampf…Der Kampf des Anerkennens geht also auf Leben und Tod; … aber nur als in Gefahr, denn ebenso ist jedes auf die Erhaltung seines Lebens als des Daseins seiner Freiheit gerichtet …, dem Dasein des Anerkennens, welches darin zugleich aufgehoben 31 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, Hamburg 1969, S. 457 f., § 572 32 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 112 33 Ebd.: S. 114 34 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 116 ff. 1. Die Bedürfnisstruktur 19 wird.“35 Der Widerspruch zwischen zwei Individuen kann kaum grö- ßer sein als der zwischen einem Herrn und einem Knecht. Zwar ist einer vom anderen abhängig, weil der eine die Macht über den anderen hat und der andere mittels der Resultate seiner Arbeit die Bedürfnisse des Herrn befriedigt. Keiner kann ohne den anderen existieren oder sich definieren. Doch sind sich die Beteiligten dieser Tatsache oft nicht bewusst. Dieses Bewusstsein kann sich also erst entwickeln, indem jeder von beiden begreift, wie wichtig die Arbeit des Knechtes für den Herrn ist und der Knecht einsieht, dass der Herr ihn beschützt und im Kriegsfall sein Leben für ihn riskiert. Dass sie in gegenseitiger Anerkennung ihre jeweilige Bedeutung des Anderen für sich selbst erkennen und sich miteinander identifizieren können, sodass der Herr auch das knechtische Bewusstsein für sich entdeckt und umgekehrt der Knecht sein Selbstbewusstsein um das des Herrn erweitern kann. Jeder ist so gleichzeitig auch der Andere und weiß, dass das, was er gegen den Knecht tut, er gleichzeitig gegen sich selbst tut; und auch dem Knecht wird bewusst, dass das, was er gegen den Herrn tut, auch sich selbst antut. In diesem gewordenen Bewusstsein der Abhängigkeit voneinander wird keiner gegen den Anderen etwas unternehmen, was ihm schaden könnte. Hegel betont aber, wie wichtig die Tätigkeit, die Arbeit in diesem Prozess gegenseitiger Identifizierung sind, indem er sie über die Selbständigkeit des Herrn stellt: „Die Wahrheit des selbständigen Bewußtseins ist demnach das knechtische Bewußtsein … Durch die Arbeit kommt es zu sich selbst. In dem Momente, welches der Begierde im Bewußtsein des Herrn entspricht, schien dem dienenden Bewußtsein zwar die Seite der unwesentlichen Beziehung auf das Ding zugefallen zu sein“, doch „im Dienen vollbringt es sie wirklich.“ 36 Dieser Prozess ist keineswegs leicht, das ist Hegel klar, sondern er hat aus der Geschichte gelernt, dass dieser Weg zu häufig einer des Kampfes auf Leben und Tod ist. Doch er war davon überzeugt, dass sich das Wissen über die Notwendigkeit der gegenseitigen Anerkennung – natürlich unter der Ägide des Weltgeistes – letztendlich als ab- 35 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 351 f., § 430 ff. 36 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 119/ vgl. auch: Enzyklopädie, a.a.O., §§ 434, 435 I. Hegels Menschenbild 20 solute Vernünftigkeit durchsetzen würde. Ansätze dazu sah er bereits im Preußischen Staat seiner Zeit. Natürlich konnte Karl Marx mit der Herrschaft-Knechtschaft-Metapher Hegels nicht einverstanden sein. Doch erkannte er den Kern darin, nämlich die Entäußerung, die Tätigkeit, die Arbeit, welche im Vermittlungsprozess zwischen Herrn und Knecht die zentrale Rolle spielen. Hegel wollte mit seinem Beispiel den dialektischen Zusammenhang zwischen Individuum und Gattung deutlich machen: Das Individuum, das nur seine eigene unmittelbare Bedürfnisbefriedigung im Sinn hat, für dieses ist der Tod etwas Absolutes, weil es keine Spuren in der Gesellschaft hinterlässt, die es als Gattungswesen Mensch auszeichnen können. Es stirbt und ist fort, sein Tod ist die absolute Negation seiner selbst. Eine „Negation der Negation“ gibt es für es nicht, da es nichts seiner Gattung hinterlassen hat. Und hinterlassen kann ich nur etwas, was mit Tätigkeit, Entäußerung, Arbeit zu tun hat. Darunter versteht Hegel nicht nur etwas Greifbares, Dinghaftes, sondern auch das geistige und schöpferische, künstlerische Werk. Das Individuum muss sich als Gattungswesen erweisen, der Einzelne als gesellschaftliches, der Allgemeinheit zugehöriges Mitglied zeigen, erst dann verliert der Tod seine Endgültigkeit für das Individuum. Deshalb zählt Hegel auch die Familie zum Hort des gattungsspezifischen Daseins, weil durch den Akt der Fortpflanzung und sorgsamen Aufzucht der Kinder der Einzelne seine Gene an die Gattung weitergibt und die Nachkommenschaft wieder in den Gattungsprozess eintritt und ihn fortführt. All‘ dies nennt Hegel „die harte Arbeit gegen die bloße Subjektivität des Benehmens, gegen die Unmittelbarkeit der Begierde, sowie gegen die subjektive Eitelkeit der Empfindung und die Willkür des Beliebens.“37 Verstand und Vernunft Mit Sicherheit kann angenommen werden, dass Hegel die „Phänomenologie des Geistes“ nicht für den in der Geisteswissenschaft unkundigen Leser geschrieben hat, sondern für diejenigen, welche die Sprache 2. 37 Hegel, G.W.F: Grundlinien des Rechts, Hamburg 1955, S. 169, § 187 2. Verstand und Vernunft 21 der Philosophie beherrschen. Denjenigen, die meinen, nur weil sie über einen „gesunden Menschenverstand“ verfügen, überall mitreden zu können, ist Hegel zeitlebens aus dem Weg gegangen. Seine Überzeugung besteht in der These: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“38 In der Vorrede zur „Phänomenologie“ nimmt er mit wenigen Worten zu seinen dahingehenden Vorbehalten Stellung: „Von allen Wissenschaften, Künsten, Geschicklichkeiten, Handwerken gilt die Überzeugung, daß, um sie zu besitzen, eine vielfache Bemühung des Erlernens und Übens derselben nötig ist. In Ansehung der Philosophie dagegen scheint jetzt das Vorurteil zu herrschen, daß, wenn zwar jeder Augen und Finger hat, und wenn er Leder und Werkzeug bekommt, er darum nicht imstande sei, Schuhe zu machen, – jeder doch unmittelbar zu philosophieren und die Philosophie zu beurteilen verstehe, weil er den Maßstab an seiner natürlichen Vernunft damit besitze, – als ob er den Maßstab eines Schuhes nicht an seinem Fuße ebenfalls besäße.- Es scheint gerade in den Mangel von Kenntnissen und von Studium der Besitz der Philosophie gesetzt zu werden und diese da aufzuhören, wo jene anfangen. Sie wird häufig für ein formelles inhaltsleeres Wissen gehalten, und es fehlt sehr an der Einsicht, daß … die andern Wissenschaften … ohne sie nicht Leben, Geist, Wahrheit in ihnen zu haben vermögen.“39 Hegel hat die „Phänomenologie“ also für diejenigen geschrieben, die in den Geisteswissenschaften geschult sind und sie als Lehrende an Studierende weitervermitteln, wie auch er es in seiner späteren Lehrtätigkeit getan hat. Ganz im Gegensatz zu Kant, der lediglich an die menschliche Vernunftbegabung mit seinem kategorischen Imperativ appelliert und das Sollen, die moralische Forderung, ethisch vertretbar zu handeln und die Bedürfnisse, die Sinnlichkeit der Vernunft zu unterwerfen, erklärt Hegel die Vernunft des Menschen als grundsätzlich selbst in der Lage, sein Wollen, seine Handlungen, seine Ziele als Selbstverwirklichung zu betreiben und so aus eigenem Impuls die Welt vernünftig zu gestalten, wenngleich ihm in diesem Prozess auch immer wieder Irrtümer unterlaufen. Hier hält Hegel es mit Goethe, auf dessen Nähe zu Hegel im folgenden Kapitel eingegangen wird: „Es irrt der Mensch, solang‘ er 38 Hegel, Georg, Wilhelm, Friedrich, Phänomenologie des Geistes, Frankfurt a. M. 1970, S. 28 39 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie, a.a.O., S. 49 I. Hegels Menschenbild 22 strebt“, jedoch „ein guter Mensch in seinem dunklen Drange ist sich des rechten Weges wohl bewußt.“40 Doch was ihn weit über Kant, Goethe und die übrigen Denker, nicht nur seiner Zeit, hinaushebt, ist, dass er die menschliche Vernunft nicht als von Natur aus vorgegeben, sondern als Resultat der menschlichen Tätigkeit fasst und somit als Prozess der Selbsterzeugung. Die Rolle des „Weltgeistes“ wollen wir zunächst außer Acht lassen; sie wird in einem eigenen Unterpunkt besprochen. Nur in seiner „Phänomenologie“ gibt Hegel nähere Auskunft über diesen Prozess der menschlichen Selbsterzeugung. Hierin ist seine Definition des Menschenbildes, seine Anthropologie zu finden, wenngleich sie nicht sofort erkennbar für den Leser auf der Hand liegen. Deshalb wird er auch heute noch in die Reihe der Vernunftphilosophen, der Idealisten gestellt. Darin liegt auch ein wesentlicher Grund, warum Marx nicht wirklich als Hegelschüler Berücksichtigung findet, sondern hauptsächlich als Begründer des Sozialismus/Kommunismus missverstanden und dessen dialektische, von Hegel entlehnte Methode in „Diamat“ und „Histomat“ auseinanderdividiert wird, was in der Hauptsache der Stalinistischen Epoche zugeschrieben werden muss. In Wahrheit ist Hegel der erste Denker seiner Zeit, dessen Theorie ein analytisch abgeleitetes Menschenbild zugrunde liegt: der Mensch als tätiges Wesen, das aus eigener Kraft seine Welt, seine Geschichte und sich selbst erschaffen hat. Wenngleich er permanent bestrebt ist, den Menschen nur als Werkzeug eines „Weltgeistes“ zu verstehen, der die Welt in ihrer Komplexität und letztlichen Vernünftigkeit längst geschaffen hat, sich aber nicht an sein Werk erinnern kann, weil ihm dazu ein Subjekt fehlt, das fähig ist, sich seiner Geistigkeit anzuverwandeln, ihn zu verstehen, sich mit ihm zu identifizieren, ihm die Augen zu öffnen und ihm zu helfen, sich zu erinnern, damit er erkennen kann, dass er der Demiurg der Welt, der er „an sich“ ist, endlich auch „für sich“ ist. Eben dazu habe der Weltgeist den Menschen geschaffen, um über ein ihm verwandtes, mit Denkfähigkeit ausgestattetes Wesen zu verfügen, das ihm die Möglichkeit der Selbsterkenntnis verschafft. Die erste Stufe, auf welcher der Weltgeist den Prozess seiner Selbster- 40 Goethe, Johann Wolfgang von: Faust, Prolog im Himmel, Hamburg 1949 (Hg. Erich Trunz), S. 18 2. Verstand und Vernunft 23 kenntnis beginnen kann, ist der menschliche Verstand. Er ist „die erste Form, weil sie die unmittelbare ist, ist sie die abstrakte des Verstandes.“41 Dass sich die Menschen von alleine aus der Natur herausentwickelt haben und ihre Geschichte, ihre Gesellschaft, ihre Kultur und ihre Institutionen aus eigener Kraft geschaffen haben, das konnte Hegel nicht glauben, angesichts der beobachteten Hilflosigkeit und Tragik vieler Individuen – nicht nur seiner Epoche. Immerhin verortet er diesen Weltgeist innerhalb der Welt, dem sich jeder Mensch mittels reflexiver Anstrengung anverwandeln und mit Erkenntnis versehen kann und positioniert ihn nicht in jenseitige, außerirdische, himmlische unerreichbare Sphären. Hegel kritisiert eindrucksvoll die Religion, die den Menschen dafür bestraft, dass er vom Baume der Erkenntnis gegessen hat und von Gott deshalb aus dem Garten Eden vertrieben wurde. Dass das menschliche Erkenntnisvermögen als eine Ursünde betrachtet wurde. „Der Mensch wird so vorgestellt, daß es geschehen ist, als etwas nicht Notwendiges, – daß er die Form der Sichselbstgleichheit durch das Pflücken vom Baume des Erkenntnisses des Guten und des Bösen verlor, und aus dem Zustande des unschuldigen Bewußtseins, aus der arbeitslos sich darbietenden Natur und dem Paradiese, dem Garten der Tiere, vertrieben wurde.“42 Mit dem Menschen hat sich der Weltgeist eine Körperlichkeit geschaffen, derer er sich bedient, um seiner selbst als Weltschöpfer bewusst werden zu können. „In dieser Entäußerung zur völligen Körperlichkeit hat der Geist die besonderen Eindrücke und Anklänge der Natur abgelegt“43, die bis dahin seine Selbsterkenntnis behinderten. Indem der Mensch die Fähigkeit entwickelt, sich über die Tätigkeit zu entäußern, ist er auch in der Lage, sich aus seinem zunächst individuellen Status zu einem Gattungswesen auszubilden und was er an sich ist, auch für sich werden kann. Die Vereinigung beider Seiten, des individuellen wie des gattungsmäßigen Bewusstseins, lässt dem Weltgeist die Weltgeschichte als eine Reihe von ihm selbst erzeugter Gestalten erscheinen und kommt dazu, „sich zu wissen nicht nur wie er an sich … noch nur wie er für sich …, sondern wie er an und für sich ist.“44 41 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 385 42 Ebd.: S. 425 43 Ebd.: S. 400 f. 44 Ebd.: S. 438 I. Hegels Menschenbild 24 Eine zentrale Aussage über sein Verständnis des Verhältnisses zwischen Individuum und Gattung, das sich durch sein gesamtes Werk zieht, findet man bereits in der Vorrede zur „Phänomenologie des Geistes“. Hier versucht er, den Lesern zu erklären, wie der Mensch zu seinem Wissen gelangt ist und deshalb auch auf immer höhere Stufen der Erkenntnis gelangen kann – und auch gelangen wird, denn Hegel sieht die geschichtliche Entwicklung der Menschengattung optimistisch: „Die Aufgabe, das Individuum vom seinem ungebildeten Standpunkt aus zum Wissen zu führen, war in ihrem allgemeinen Sinn zu fassen, und das allgemeine Individuum, der selbstbewußte Geist, in seiner Bildung zu betrachten … Das besondere Individuum ist der unvollständige Geist, eine konkrete Gestalt, in deren ganzem Dasein eine Bestimmtheit herrschend ist, und worin die andern nur in verwischten Zügen vorhanden sind … Der Einzelne muß auch dem Inhalte nach die Bildungsstufen des allgemeinen Geistes durchlaufen …, die wie im Schattenrisse nachgezeichnete Geschichte der Bildung der Welt.“45 Die Aufgabe der „Phänomenologie“ soll also sein, das Individuum aus seinem beschränkten Selbstverständnis, das es seit seiner Geburt unverschuldet begleitet, herauszuführen und zum Verständnis seiner eigenen menschlichen Gattung sowie der ganzen Weltgeschichte zu befähigen. Um diesen notwendigen Prozess der Aneignung seiner geschichtlichen Vergangenheit, welcher Voraussetzung für die Bewältigung der Zukunft ist, dem Individuum klarzumachen, entwickelt Hegel diesen Prozess stufenweise in seiner „Phänomenologie“. Das Erste, von dem Hegel ausgeht, sind natürlich die Sinnlichkeit, die Bedürfnisstruktur des Menschen und die spontane Art und Weise der Wahrnehmung seiner unmittelbaren Umwelt, wie ich bereits im 1. Punkt ausgeführt habe. Als das Nächste und Wichtigste der Gedankenfolge innerhalb der „Phänomenologie behandelt Hegel die Rolle des menschlichen Verstandes. Er ist der Dreh- und Angelpunkt, aus dem sich alle weiteren Bildungsstufen des Bewusstseins ergeben, nämlich die Vernunft und schließlich die Wissenschaft. Als letzte Stufe dieser Entwicklung nimmt Hegel das absolute Wissen des Weltgeistes an, der, was er „an 45 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt a.M., Berlin, Wien 1970, S. 26 f. 2. Verstand und Vernunft 25 sich“ ist, nämlich der eigentliche Demiurg der Welt, auch „für sich“ geworden ist, weil er über den schwierigen, vielfältigen und langen Weg der individuellen Tätigkeiten, der Gattungsgeschichte der Menschen, sich selbst endlich auch als Erzeuger des Weltganzen, in dem alles mit allem zusammenhängt, erkennen kann. Hinter dem Prozess der Weltgeschichte verbirgt sich, nach Hegel, immer der Weltgeist, welcher der eigentliche Motor dieses Prozesses sei; Er konnte nicht glauben, dass die Menschen ohne Gott und Götter, ohne wenigstens ein bestimmtes Medium, das er den Weltgeist nennt und das mit einer absoluten Vernunft, einem absoluten Wissen ausgestattet ist, ihre Welt aus eigener Kraft, mittels eigener Tätigkeit, Arbeit erschaffen haben. Immerhin verortet er den Weltgeist nicht außerhalb der irdischen Welt, wie die Philosophen vor ihm, sondern siedelt ihn innerhalb derselben an, sodass er für jeden begreifbar bleibt, sofern er sich nur genug anstrengt, sich ihm und seinem absoluten Wissen anzuverwandeln. Hegel selbst hat sich selbst zu seiner Zeit als den geeignetsten Repräsentanten dieses Weltgeistes angesehen. Der Kernpunkt der „Phänomenologie“ ist also der Begriff des Verstandes und die dynamische Rolle, die Hegel ihm im Prozess der Geschichte zuweist. Der Verstand ist das Phänomen, dass den dialektischen Widerspruch als bewegendes Prinzip überhaupt in die Welt bringt und dessen Dynamik den Menschen erst in die Vernünftigkeit und zum Wissen führt. Hat man das erkannt, liest sich die „Phänomenologie“ viel leichter als eine Anleitung zum vernünftigen Denken. Der Verstand, wie Hegel ihn erklärt, liefert den Schlüssel zum Verständnis des gesamten Hegel-Werks. Er selbst hebt seine Bedeutung als für seine dialektische Theorie wichtigste hervor: „Die Tätigkeit des Scheidens ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, der wundersamsten und größten, oder vielmehr der absoluten Macht“ …, weil „in ihm die ungeheure Macht des Negativen (ist) … Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet …, er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt.“46 Der Verstand zerteilt die Wirklichkeit, indem er eine Einzelheit wahrnimmt, die im unmittelbaren Dienst des menschlichen 46 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie, a.a.O., S. 28 f. I. Hegels Menschenbild 26 Überlebens zum Zwecke der Selbsterhaltung steht. Erinnern wir uns an den Baum, auf den Hegel selbst immer wieder als Beispiel zurückgreift. Ein Mann nimmt ihn zunächst als Schutz vor dem Regen wahr, indem er sich unter das üppige Blätterdach desselben flüchtet. Er abstrahiert also zunächst von allen anderen Eigenschaften des Baumes und Möglichkeiten seiner Verwendung. Indem er von den anderen Möglichkeiten und Eigenschaften des Baumes abstrahiert, verhält er sich gegenüber diesen negativ. Als der Regen aufgehört hat, betrachtet er den Baum näher und bemerkt, dass er dessen Holz gut gebrauchen kann, um eine Hütte oder ein Boot zu bauen oder es auch zum Heizen seines Ofens zu nutzen oder, oder, oder … Denkt er an das Blätterdach als Schutz vor Regen, abstrahiert er vom Gedanken an die Hütte usw.; denkt er an die Hütte, negiert er den Gedanken an das Boot usw.; denkt er an den Baum als Holzlieferanten für das Feuer in seinem Ofen, abstrahiert er von all‘ dem anderen Abstrahierten. „Der Verstand isoliert beide als wahr und geltend; hingegen die Vernunft erkennt das eine in dem anderen, daß in dem einen Sein Anderes enthalten ist.“47 Dieser Prozess der Abstraktion und Negation ist notwendig, um das Überleben des Menschen zu gewährleisten; aber er wird nicht darin verharren, sondern zwischen all‘ dem Wahrgenommenen vermitteln, indem er seine Erfahrungen in seiner Erinnerung, in seinem Bewusstsein aufbewahrt hat und nach Bedarf abrufen kann. „Das viele Einzelne der Sinnlichkeit wird daher ein Breites, – eine Mannigfaltigkeit von Beziehungen, Reflexionsbestimmungen und Allgemeinheiten.“48 Hat er also seine Hütte gebaut und sie mit Holz beheizt und erwärmt, denkt er z.B. daran, ein Boot zu bauen, um auf geeignetere Weise Fische zu fangen. Er vermittelt seine gemachten Erfahrungen, Abstraktionen zueinander und hebt damit sein früheres negatives zerteilendes Verhalten den Dingen gegenüber zielgerichtet auf und so kann die vereinende Kraft ins Spiel kommen. Aber stets nur dann, wenn vorher der zerteilende, abstrahierende Verstand am Werk gewesen ist. Er verhält sich wiederum negativ gegenüber den vollzogenen Abstraktionen, Negationen, negiert die Negation und gelangt zu einer neuen Qualität seines Daseins, zur „Position“ eines Menschen, der jetzt 47 Hegel, G.W.F.: Geschichte der Philosophie, Bd I, Frankfurt a.M. 1971, S. 327 48 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 347, § 418 2. Verstand und Vernunft 27 z.B. Fische mit einem Boot fangen kann. Während er sich mit dem Baum befassen musste, weil er Schutz vor Regen suchte, hat er sich auf ein Anderes als sich selbst bezogen, sich entäußert und so noch viele Möglichkeiten im Anderen erkannt, die ihm seine Vernunft miteinander verknüpft und ihm damit immer wieder neue Lebensperspektiven schafft. In Anbetracht der unendlichen Möglichkeiten der Wirklichkeit, welche Hegel die „Totalität“ nennt, weil in ihr alle Einzelheiten, alle Abstraktionen und Negationen als ein Ganzes aufgehoben sind, bezeichnet er sie deshalb auch als „konkret“. Der Verstand aber ist das Erste. „Begreifen heißt für die verständige Reflexion, die Reihe der Vermittlungen zwischen einer Erscheinung und anderem Dasein, mit welchen sie zusammenhängt, erkennen.“49 Nur erst durch den Verstand, seine abstrahierende Kraft der Tätigkeit und die Widersprüche, die er erzeugt, kann die vermittelnde Vernunft ihr dialektisches Vermögen entfalten und das Individuum auf immer höhere Stufen der Erkenntnis heben. „So ist also die Verständigkeit ein Werden und als dies Werden ist sie die Vernünftigkeit.“50 Diese grundlegende Bedeutung, die Hegel dem naiven, abstrahierenden Verstand zuschreibt, ist in der Hegelinterpretation bis heute weitgehend übersehen worden oder gar missverstanden, was im Allgemeinen das Verständnis der Hegelschen Dialektik überhaupt verhinderte. „Die einseitige Positiv-Setzung des Verstandes bleibt Willkür: denn der Begriff des Verstandes (den er in der Phänomenologie des Geistes vom Besonderen hat) wird zwar durch die reflektierende Vernunft bewiesen – aber … diese erste Annahme war eine Annahme auf gut Glück; wozu noch kommt, daß sich auf diese unfundierte Annahme alle weiteren alle weiteren Vermittlungsschritte der Vernunft aufbauen.“51 Zwar hat die Autorin richtig gesehen, dass Hegels Definition des Verstandes der Ausgangspunkt und die Basis seines Denkens ist, aber sie hat Hegels Betonung der bedeutenden Kraft des Zerteilens desselben, des Abstrahierens, als das Element, welches das Denken erst in Bewegung bringt und damit erst der Vernunft den Weg bereitet, 49 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 336, § 406 50 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie, a.a.O., S. 43 51 Krieger, Evelina: Grenzwege, Das Konkrete in Reflexion und Geschichte von Hegel bis Bloch, Freiburg/München 1968, S. 38 I. Hegels Menschenbild 28 übersehen. Und damit ist ihr fataler Weise die axiomatische Bedeutung der Entäußerung, der Tätigkeit, der Arbeit entgangen, welche aus dieser zerteilenden Kraft des Verstandes hervorgehen und damit die dialektische Methode erst erkennen lassen. Aber dieses zu erkennen, lässt Hegels Philosophie überhaupt für die Geisteswissenschaften in der Nachfolge wichtig und weiterführend werden. So ist es nicht verwunderlich, dass die Autorin mit ihren Ausführungen im rückwärtsgewandten Idealismus steckenbleibt. Der Mensch stammt aus der Natur, geht aus dem Tierreich hervor, aber unterscheidet sich von diesem dadurch, dass er Verstand besitzt. Für Hegel war bereits zu seiner Zeit klar, dass der Mensch nicht als solcher von einem Gott geschaffen worden ist, sondern als Produkt der Evolution die höchste Stufe derselben erreicht hat. „Praktisch verhält sich der Mensch zu der Natur als zu einem Unmittelbaren und Äußerlichen selbst als ein unmittelbar äußerliches und damit sinnliches Individuum, das sich aber auch so mit Recht als Zweck gegen die Naturgegenstände benimmt.“52 Es bedient sich der Mittel der Natur und setzt sie zu eigenen Zwecken ein. Der Mensch benutzt den Baum als Holz, das Wasser zum Trinken, Baden, Waschen und Stauen, das Feuer zum Wärmen, Kochen, Braten und so unendlich fort. Er entwickelt Werkzeuge und lässt die Objekte der Natur sich aneinander abarbeiten, indem er sie zwischen sich und die Natur einschiebt und sich damit selbst entlastet. „Daß der subjektive Zweck, als die Macht dieser Prozesse, worin das Objektive sich aneinander abreibt, … ist die List der Vernunft … Der erreichte Zweck ist daher (wiederum, d.V.) nur ein Objekt, das auch wieder Mittel oder Material für andere Zwecke ist, und so fort ins Unendliche.“53 Dieser unendliche Prozess äußert sich als Resultat in der menschlichen Praxis. Es ist die Tätigkeit, die Arbeit, welche die Geschichte, die Zivilisation entstehen lässt. 52 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 199, § 245 53 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 180 f., § 209, 211 2. Verstand und Vernunft 29 Entäußerung Wie bereits oben angeführt, liegt in der negativen, abstrahierenden Kraft des Verstandes das Movens, welches überhaupt das Denken in Gang bringt und die menschliche Gesellschaft in Bewegung. Indem das Subjekt seine verschiedensten Erfahrungen in Beziehung setzt, nachdem es sich zunächst mit jedem einzelnen der Objekte dieser Erfahrungen derart auseinandergesetzt hat, dass es sich, um die Bedeutung und Nützlichkeit jedes einzelnen dieser Objekte auszuloten, in sie hineinversetzt, sich in ihnen „entäußert“ hat, um dann später, um Erfahrungen reicher, wieder zu sich als Subjekt zurückzukehren. So bewegt es nicht nur sein Denken, sondern veranlasst auch bestimmte Tätigkeiten, worin es seine Erkenntnisse realisiert und das praktische Umfeld seiner selbst beeinflusst und verändert. Dieser Prozess der Ent- äußerung wird in seiner Tätigkeit sichtbar – sowohl für es selbst als auch für die es umgebenden Mitmenschen. In Ansehung seiner tätigen Resultate wird es zu neuen Gedanken, Vorstellungen angeregt, wie sie auch seine Umwelt zu Neuem inspirieren können. Grund hierzu ist überhaupt seine Fähigkeit, sich zu entäußern; Hegel bezeichnet diese Fähigkeit auch als „Entfremdung“, um sie auf den Punkt zu bringen: Das Subjekt wird sich in dem Moment fremd, in dem es sich mit seinem Gegenüber identifiziert, um es zu erkennen. Es verlässt sein Selbst zunächst, um sich in das Andere oder den Anderen zu vertiefen und seine Eigenschaften auszuloten, um dann später zu sich zurückzukehren – aber um die Erfahrung des Anderen bereichert, erweitert. Es hat eine neue Stufe in seiner Entwicklung, eine neue Qualität erreicht. „Die Erfahrung wird eben diese Bewegung genannt, worin das Unmittelbare, das Unerfahrne, d.h. das Abstrakte, es sei denn sinnlichen Seins oder des nur gedachten Einfachen, sich entfremdet, und dann aus dieser Entfremdung zu sich zurückgeht, und hiermit jetzt erst in seiner Wirklichkeit und Wahrheit dargestellt; wie auch Eigentum des Bewußtseins ist.“54 Indem sich das Subjekt entäußert, wird es tätig. Es bringt seine Gedanken in Bewegung, entwickelt neue Ideen und setzt sie in die Tat um. Diese Realsetzung von Gedanken bildet seine Praxis, die im Laufe seiner Geschichte immer komplexer wird. „Das wahre 3. 54 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 31 I. Hegels Menschenbild 30 Sein des Menschen ist … seine Tat; in ihr ist die Individualität wirklich, … sie ist Mord, Diebstahl, oder Wohltat, tapfere Tat und so fort, und es kann von ihr gesagt werden, was sie ist. Sie ist dies, und ihr Sein ist nicht nur ein Zeichen, sondern die Sache selbst. Sie ist dies und der individuelle Mensch ist, was sie ist.“55 Indem sich das Subjekt entäußert, tätig wird, tritt es in Beziehung zu etwas oder jemandem. Seine Tätigkeit ist nicht nur die Bestätigung seiner selbst als Individuum, sondern das Resultat seiner Arbeit ist auch für Anderes oder Andere von Bedeutung. „Was der Einzelne für sich tut, kommt auch Allgemeinen zugute; je mehr er für sich gesorgt hat, desto größer ist nicht nur seine Möglichkeit, andern zu nützen; sondern seine Wirklichkeit selbst ist nur dies, im Zusammenhang mit andern zu sein und zu leben.“56 Mit dem Prozess der Befriedigung seiner Bedürfnisse entwickelt das Subjekt auch weitere Bedürfnisse und damit ebenso weitere Mittel, Werkzeuge, um diese zu befriedigen. „Die immer sich erneuernde Hervorbringung austauschbarer Mittel durch eigene Arbeit … macht das eigene Vermögen aus.“57 Hegel führt selbst ein Beispiel dafür an, um die besondere Qualität der menschlichen Entäußerung, Tätigkeit, Arbeit zu beschreiben. Der Mensch stillt nicht nur seine unmittelbaren Genüsse, sondern er entwickelt auch Werkzeuge, um die Bedürfnisbefriedigung zu erleichtern, zu verfeinern und zu optimieren: „Das Werkzeug erhält sich, während die unmittelbaren Genüsse vergehen und vergessen werden. An seinen Werkzeugen besitzt der Mensch die Macht über die äußerliche Natur, wenn er auch nach seinen Zwecken ihr vielmehr unterworfen ist …, der Pflug ist ehrenvoller, als unmittelbar die Genüsse sind, welche durch ihn bereitet werden und die Zwecke sind.“58 Hegel, der die ökonomische Entwicklung seiner Zeit genau verfolgte, erkannte durchaus, dass der Prozess der zunehmenden Arbeitsteilung in der Bürgerlichen Gesellschaft nicht nur positiv zu betrachten ist. „Die damit zugleich abstraktere Arbeit führt einerseits durch ihre Einförmigkeit auf die Leichtigkeit der Arbeit und die Vermehrung der Produktion, andererseits zur Beschränkung auf Eine Geschicklichkeit und damit zur unbe- 55 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 187 56 Ebd.: S. 360 57 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 406, § 524 58 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik II, Frankfurt a.M. 1975, S. 453 3. Entäußerung 31 dingtern Abhängigkeit von dem gesellschaftlichen Zusammenhange. Die Geschicklichkeit selbst wird auf diese Weise mechanisch und bekommt die Fähigkeit, an die Steller menschlicher Arbeit die Maschine treten zu lassen.“59 Hegel unterstellt dem gesellschaftlichen Zusammenhang, also der Bürgerlichen Gesellschaft, diese Weiterentwicklung der Arbeit durch Technik nicht auf Kosten der Arbeiter zu betreiben, sondern Maschinen einzusetzen, um die arbeitenden Individuen von den monotonen Arbeiten zu befreien. Dabei appellierte er an die sittliche und moralische Verantwortung der Stände, um jedem Mitglied der Gesellschaft das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten.60 Ihm ist durchaus klar, dass es zischen Gewinnstreben und notwendiger Arbeit Diskrepanzen gibt, welche zu großen Ungerechtigkeiten führen können, und er fordert deshalb einen stetigen Ausgleich der Interessen: „Die verschiedenen Produzenten und Konsumenten können in Kollision miteinander kommen, … so bedarf die Ausgleichung auch einer über beiden stehenden, mit Bewußtsein vorgenommenen Regulierung.“61 Hier sind die entsprechenden Institutionen des Staates aufgerufen, sich um gerechte Lösungen zu kümmern, denn der Staat ist, nach Hegel, letztendlich die Verwirklichung der vernünftigen Idee, wenn der absolute Geist, der Weltgeist, endlich zu sich gekommen sein wird, wenn er für sich geworden ist, was er an sich ist. Dass dies einmal der Fall sein wird, davon war Hegel überzeugt. Aber dies würde erst dann der Fall sein, „wenn die Philosophie ihr Grau in Grau malt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau und Grau läßt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst in der einbrechenden Dämmerung ihren Flug.“62 Erst wenn der Weltgeist an das Ende seiner Weltentwicklung angekommen ist, wenn er alle sinnlichen Erfahrungen durchdrungen, erkannt und hinter sich gelassen hat, ist ihm die reine Erkenntnis seiner selbst als Demiurg der Welt möglich. Im Preußischen Staat sah Hegel bereits eine Vorstufe dieses Prozesses verwirklicht, der zu seiner Zeit einen durchaus liberalen Prozess erkennen ließ. Dass dann in einem zukünf- 59 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 406, § 524 60 Ebd.: S. 407, § 528 61 Hegel, G.W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Frankfurt a.M. 1972, S. 203, § 236 62 Ebd.: S. 14 I. Hegels Menschenbild 32 tigen Staat, in dem die absolute Idee reiner Vernünftigkeit und Sittlichkeit verwirklicht wäre und in dem sich die Stände – Hegel favorisierte den Ständestaat und betrachte die Pauperisierung so vieler Menschen als selbst verschuldet – entsprechend ethisch und moralisch verhalten würden, also der Weltgeist sein endgültiges Ziel erreicht hätte, der Geschichtsprozess zum Stillstand käme, widerspricht natürlich seiner eigenen dialektischen Methode. Deren Dynamik lässt keinen Stillstand zu, denn der von Hegel dargestellte dialektische Geschichtsprozess ist ein unendlicher, solange die menschliche Gesellschaft überhaupt existieren wird. Auch über diesen Widerspruch in seiner Theorie, wie auch über den, welcher sich aus seiner Annahme eines Weltgeistes ergibt, scheint Hegel sich keine Gedanken gemacht zu haben. Aber auch Hegel ist ein Mensch seiner Zeit und entsprechend mit Erkenntnisschranken behaftet. Doch immer wieder hebt Hegel die Bedeutung der Fähigkeit des Menschen, sich zu entäußern, tätig zu werden, zu arbeiten und so die eigenen wie die Bedürfnisse Aller zu befriedigen, hervor 63. Kritisch wendet er sich gegen die Schöpfungsgeschichte der Bibel, welche vom paradiesischen Zustand der Menschen Adam und Eva handelt, den sie durch Evas Schuld verloren hätten, weil sie, wider Gottes Gebot, vom Baum der Erkenntnis aßen. Hegel betont, dass, wenn dies nicht geschehen wäre, die Menschen sich heute noch im tierischen Zustand befänden und es gar keine Gesellschaft und Geschichte gäbe. „Der Mensch wird so vorgestellt, daß es geschehen ist, als etwas nicht Notwendiges, – daß er die Form der Sichselbstgleichheit durch das Pflücken vom Baume des Erkenntnisses des Guten und Bösen verlor, und aus dem Zustande des unschuldigen Bewußtseins, aus der arbeitslos sich darbietenden Natur und dem Paradiese, dem Garten der Tiere, vertrieben wurde.“64 Hegel sagt, dass der von der Religion favorisierte Garten Eden ein imaginierter Ort ist, an dem es keinen Fortschritt, keine Gesellschaft und damit auch keine menschliche Geschichte gibt, der lediglich ein Garten für Tiere sei und kein Ort für wirkliche Menschen. Denn das Wesen des Menschen besteht, im Gegensatz zu den Tieren darin, sich entäußern zu können, tätig zu werden, zu arbeiten. 63 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 406, § 524 64 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 425 3. Entäußerung 33 Er beschreibt die gesellschaftliche Praxis als das Werk der Individuen. Indem sie sich in eigennütziger Absicht reproduzieren, tragen sie zur objektiven Nützlichkeit der Gesellschaft bei. Doch immer wenn Hegel selbst bemerkt, dass er die Geschichte als Selbsterzeugungsprozess der Menschen darstellt, behauptet er, dass „allein das Geistige das Wirkliche ist.“65 Damit verweist er die Individuen in die Rolle der Dienenden, der Helfer des Weltgeistes, der sich ihrer lediglich bedient, um sich selbst als Demiurg der Welt zu erkennen und das, was er an sich ist, auch für sich werden zu können. Die dialektische Methode Das Besondere und qualitativ Neue an Hegels Dialektik ist, dass er sie nicht als eine bloße Methode versteht, die von außen an die zu untersuchenden Phänomene herangetragen und ihnen übergestülpt wird, sondern dass er sie als eine Methode versteht, die der Bewegung des Denkens selbst eigen ist. Er sagt, er habe diese Tatsache eigentlich nur entdeckt und damit das wirkliche Bewegungsprinzip der Geschichte überhaupt. „Dialektik ist die wissenschaftliche Anwendung der in der Natur des Denkens liegenden Gesetzmäßigkeit und zugleich – diese Gesetzmäßigkeit selbst. Die Einsicht, daß die Natur des Denkens selbst die Dialektik ist, daß es als Verstand in das Negative seiner selbst, in den Widerspruch, geraten muß, macht die Hauptseite der (dialektischen) Logik aus.“66 Schon in seiner Phänomenologie heißt es: „Die (dialektische) Methode ist nichts anderes als der Bau des Ganzen in seiner reinen Wesenheit.“67 Hegel setzt sich damit bewusst von der sogenannten „formalen Logik“ ab, die er zwar nicht ablehnt, aber lediglich für den Bereich der Naturwissenschaften gelten lässt und für die Geisteswissenschaften als nicht ausreichend erklärt. „Die Evidenz dieses mangelhaften Erkennens, auf welche die Mathematik stolz ist, und womit sie sich auch gegen die Philosophie brüstet, beruht alleine auf der Armut ihres Zwecks und der Mangelhaftigkeit ihres Stoffs … Die 4. 65 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie, a.a.O., S. 24 66 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 44, § 11 67 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 37 I. Hegels Menschenbild 34 Bewegung des Wissens geht darum auf der Oberfläche vor, berührt nicht die Sache selbst, nicht das Wesen …,ohne daß auf diese Weise ein notwendiger Zusammenhang durch die Natur der Sache selbst entstünde.“68 In den Geisteswissenschaften ist es jedoch wesentlich, die Einzelerscheinungen zueinander zu vermitteln und nicht bei Untersuchungen der Einzelheiten stehenzubleiben. Für den Chirurgen mag es ausreichen, mittels der formalen Logik den menschlichen Körper zu kennen und zu heilen; für Soziologen, Psychologen oder Philosophen jedoch genügt dies nicht, um wirkliche Erkenntnisse über die Natur des Menschen und die Gesellschaft zu gewinnen. Hierzu müssen sie darüber hinaus, ganz in Hegels Sinne, dialektisch vorgehen Dass Hegel dann diese von ihm entdeckte Natur des Denkens, wie er sie vom Menschen ableitet, einem sogenannten „Weltgeist“ unterwirft, immerhin keinem Gott, der außerhalb der Welt residiert, ist dem Zeitgeist zuzuschreiben, der den Menschen für unfähig hielt, seine Geschichte aus eigener Kraft erzeugt haben zu können. Doch er platziert den Weltgeist innerhalb der Welt und damit für den Menschen durchaus erkennbar, wenn er sich nur genügend anstrenge. Dies hebt ihn über alle seine Vorgänger hinaus. Der erste Denker, der die dialektische Methode in die Philosophie einführte, ist Heraklit. Er lebte und wirkte bereits im fünften Jahrhundert v.Chr. und gehörte der sogenannten Vorsokratischen Schule an. Sein Credo war: Alles fließt, panta rhei, alles ist ständig in Bewegung, in Veränderung begriffen und dafür sorgen die Widersprüche, die Gegensätze, indem sie ständig aufeinandertreffen und so ein ewiges Spannungsverhältnis zwischen den Bezugspolen bilden. Auf ihn bezieht sich Hegel explizit, als er seine eigene dialektische Methode entwickelt: „Es ist kein Satz des Heraklit, den ich nicht in meine Logik aufgenommen.“69 Auch Spinozas These: Omnis determinatio est negatio, alles Bestimmen ist Negieren, Jedes erhält nur durch ein Anderes seine Bedeutung, hebt Hegel „als großen Satz des Spinoza“ hervor, der seinen Begriff der „Negation“ nachhaltig bestimmt hat.70 Indem ich mich etwas Bestimmtem zuwende, lasse ich alles Übrige erstmal außer Acht, beziehe es nicht in meine Betrachtung ein, da meine ganze Auf- 68 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 35 69 Hegel, G.W.F.: Geschichte der Philosophie, Bd. I, Frankfurt a.M. 1971, S. 320 70 Hegel, G.W.F.: Geschichte der Philosophie, Bd. I, Frankfurt a.M. 1971, S. 288 4. Die dialektische Methode 35 merksamkeit auf das Hier und Jetzt gerichtet ist; ich verhalte mich also zunächst negativ gegenüber allem Übrigen, ich negiere es, um mich später wieder einem Anderen zuzuwenden und es zu meinem Hier und Jetzt zu vermitteln, das dadurch aber bereits ein anderes Hier und Jetzt geworden ist, usf.. Während Hegel sich in seiner „Phänomenologie“ hauptsächlich mit der Entstehung und Entwicklung des Bewusstseins, des Denkens, befasst, stellt er seine dialektische Methode, die er nicht als Ersatz der formal logischen Methode, wie sie die Naturwissenschaften angemessen benutzen, versteht, sondern als eine darüber hinaus gehende, wie sie für die Beurteilung gesellschaftlicher Phänomene notwendig ist, im Wesentlichen in seiner „Wissenschaft der Logik“ dar. Dort bezieht er sich jedoch immer wieder auf die Ausführungen in der „Phänomenologie“, was verdeutlicht, dass seine Dialektik nicht ohne seine anthropologische Ableitung der menschlichen Reflexionsfähigkeit verstanden werden kann. Außerdem reicht es nicht, wenn man sich auf seine „Enzyklopädie“, die allgemein als Zusammenfassung seines gesamten Werkes gilt, beschränkt, um Hegels Dialektik zu verstehen. Denn diese ist von Hegel lediglich als Vorlesungsleitfaden gedacht und kann, für sich allein betrachtet, die anthropologische Axiomatik seiner Theorie nicht freilegen. Dazu ist das Studium der „Phänomenologie“ unabdingbare Voraussetzung. Das hat u.a. Georg Lukács sehr genau erkannt, wenn er sagt: „Der allgemeine philosophische Prozeß, der die Grundlage der Phänomenologie bildet: das Entreißen des Reichtums durch das Subjekt, erhält hier in der Schilderung dieses Prozesses seine reinste und klarste Gestalt.“71 Hegel erklärt selbst: „Das Wissen, wie es zuerst ist, … ist das sinnliche Bewußtsein. Um zum eigentlichen Wissen zu werden … hat es sich durch einen langen Weg hindurch zu arbeiten.“72 Und diese Arbeit leistet der menschliche Verstand, dessen absolut notwendige Tätigkeit, ohne die der Mensch sich nicht aus dem Tierreich hätte herausarbeiten können, ohne die er nicht die Fähigkeit zur Vernunft hätte entwickeln können, Hegel über alle Maßen lobt. „Die Tätigkeit des Scheidens ist die Kraft und Arbeit des Verstandes, der ver- 71 Lukács, Georg: Nachwort zu Hegels Phänomenologie des Geistes, in: Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 500 72 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 26 I. Hegels Menschenbild 36 wundersamsten und größten, oder vielmehr der absoluten Macht.“73 Im Verstand liegt die „ungeheure Macht des Negativen“, „die Energie des Denkens“.74 Diese Macht des Negativen im Denken versucht Hegel immer wieder an Beispielen deutlich zu machen wie Baum-Haus, Tag- Nacht, Hier-Jetzt. Nehmen wir das Beispiel von Tag und Nacht heraus.75 Sie scheinen Gegensätze zu sein. Wenn Tag ist, gibt es die Nacht nicht und umgekehrt. Bei Tag ist es hell und der Mensch kann bequem seinen Tätigkeiten nachgehen und denkt nicht an die Nacht. Bei Nacht schläft der Mensch und denkt nicht an den Tag. Sein Verstand verhält sich negativ gegenüber dem jeweils Anderen. Er zerteilt etwas im Dienste seines täglichen Lebens, das eigentlich zusammengehört, denn Beides definiert sich durch das jeweils Andere. Außerdem ist es irgendwo auf der Welt Tag, wenn es hier und jetzt Nacht ist und umgekehrt. Das erfährt der Mensch spätestens dann, wenn er den Ozean mit dem Schiff überquert oder von denen berichtet wird, die dies getan haben. Er negiert seine erste unmittelbare Negation, nämlich dass es überall Tag ist, wenn es bei ihm gerade Tag ist. Er vermittelt also seine ursprüngliche Erfahrung mit einer neuen und betritt eine neue Stufe der Erkenntnis. Außerdem macht er die Erfahrung, dass man die Nacht mit einem Licht erleuchten kann und zu Dingen fähig wird, die man im Dunkeln nicht verrichten kann – und so unendlich fort, bis dass er vielleicht irgendwann der Erkenntnis gewinn, dass Alles mit Allem zusammenhängt und als Ganzes zusammengehört. Deshalb sagt Hegel: Das Wahre ist das Ganze und die Einzelerscheinungen sind das vom Ganzen Abstrahierte. Deshalb bezeichnet Hegel das Ganze auch als das Konkrete, in dem alles Einzelne zu einem Ganzen vermittelt gedacht werden muss. Und je mehr ein Mensch zu Vermittlungen von Einzelerscheinung fähig geworden ist, um so vernünftiger ist er, weil er den Denkprozess der Negation der Negation am optimalsten durchlaufen und sich von Position zu Position zu einem immer höheren Erkenntnisstand hinaufgearbeitet hat. „Die Bestimmung des Menschen ist die denkende Vernunft: Denken überhaupt ist seine einfache Bestimmtheit, er ist durch dieselbe vom Tier unterschieden; er ist Denken an sich, insofern dasselbe auch von seinem Sein-für-Anderes, sei- 73 Ebd.: S. 28 74 Ebd.: S. 29 75 Ebd.: S. 66 ff. 4. Die dialektische Methode 37 ner eigenen Natürlichkeit und Sinnlichkeit, wodurch er unmittelbar mit Anderem zusammenhängt, unterschieden ist … Er erfüllt seine Bestimmung, insofern die weitere Bestimmtheit, welche zunächst durch sein Verhalten zu Anderem mannigfaltig erwächst, seinem Ansichsein gemäß, seine Fülle wird.“76 Die immer wieder gemachten Erfahrungen sind es, die das Denken in Bewegung halten. „Die Erfahrung wird eben diese Bewegung genannt, worin das Unmittelbare, das Unerfahrne, d.h. das Abstrakte, es sei des sinnlichen Seins oder des nur gedachten Einfachen, sich entfremdet, und dann aus dieser Entfremdung zu sich zurückgeht, und hiermit jetzt erst in seiner Wirklichkeit und Wahrheit dargestellt, wie auch Eigentum des Bewußtseins ist.“77 Mit „Entfremdung“ ist der Begriff der „Entäußerung“ gemeint, wie er im vorigen Abschnitt behandelt wurde und der für den Dialektiker Marx und seine Nachfolger von so eminenter Bedeutung geworden ist. In der von Hegel entwickelten dialektischen Methode, die er auch „Logik oder spekulative Pfhilosophie“78 nennt, haben folgende vier Kategorien grundlegende Bedeutung: a. Widerspruch, b. Vermittlung, c. Bewegung, d. Neue Qualität oder Position. Zu a. Widerspruch: Die Kategorie des Widerspruchs hat eigentlich die zentralste Bedeutung innerhalb der dialektischen Methode, aus der sich alle weiteren Kategorien ableiten lassen. „Die Einsicht, daß die Natur des Denkens selbst die Dialektik ist, daß es als Verstand in das Negative seiner selbst, in den Widerspruch, geraten muß, macht eine Hauptseite der Logik aus.“79 Hierin liegt auch der wesentliche Unterschied zur formal-logischen Methode naturwissenschaftlichen Denkens. Hegel kritisiert in vielen Stellen seines Gesamtwerkes die rein formal vorgehende logische Methode, wie sie zwar für die Naturwissenschaften ausreicht, jedoch nicht für die Analyse der menschlichen Gesellschaft. Ziel seiner Kritik ist immer wieder Kants „Ding an sich“, mit dem dieser versucht, die Mängel seiner formalen Logik zu umgehen. Kant behauptet näm- 76 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik I, Frankfurt a.M. 1969, S. 132 77 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 31 78 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 31 79 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 44, § 11 I. Hegels Menschenbild 38 lich, dass wir das Wesen der Dinge niemals erkennen können, weil unser Denkapparat dafür nicht ausgelegt sei. Wie die Biene, die die Blume nicht erkennt, sondern nur auf die Farbe Gelb reagiert, die sie wahrnimmt, um dort Honig zu sammeln, so erkennt der Mensch auch nur was er wahrnehmen kann; was in Wahrheit hinter den Erscheinungen existiert, kann er nicht wissen. Dieses Nicht-Wissen-Können belegt er mit dem Begriff „Ding an sich“. Damit gibt er zwar zu, dass es ein Wesen hinter den Erscheinungen gibt, das uns aber auf ewig unerkennbar bleibt. Deshalb subsumiert er auch den Gottesbegriff unter das „Ding an sich“, weil wir das Wesen Gottes nicht erkennen können und auch keine Diskussion darüber anstellen sollten, ob es einen Gott gibt oder nicht. Hegel dagegen hält die Welt für als grundsätzlich erkennbar; es dauert nur seine Zeit, bis die Menschheit diesen absolut vernünftigen Status erreicht hat. „Das Ding-an-sich, das in der Kantischen Philosophie so berühmt geworden ist, zeigt sich hier in seiner Entstehung, nämlich als die abstrakte Reflexion-in-sich, an der gegen die Reflexion-in-Anderes und gegen die unterschiedenen Bestimmungen überhaupt als an der leeren Grundlage derselben festgehalten wird.80 Auch bereits in seiner „Phänomenologie“ kritisiert Hegel diese selbstgenügsame „Reflexion-in-sich“, wie sie schon in der griechischen Philosophenschule der Stoiker gelehrt wurde. Eine solche Art der reflexiven Anstrengung bleibe einseitig im subjektiven Denken verhaftet und entbehre jegliche Lebendigkeit, welche nur durch die Begegnung und Wahrnehmung eines Objektiven, scheinbar Widersprüchlichen zustande kommen kann. Die von den Stoikern angestrebte Freiheit der Gedanken „hat nur den reinen Gedanken zu ihrer Wahrheit, die ohne Erfüllung des Lebens ist, und ist also nur der Begriff der Freiheit, nicht die lebendige Freiheit selbst.“81 Während die formal-logische Methode stets bestrebt ist, jeden Widerspruch reflexiv zu überwinden, auszuschließen, macht Hegel diesen gerade zum axiomatischen Movens der Dialektik. Er wird nicht müde, seine dialektische Methode immer wieder zu beschreiben und Bespiele für ihre Bedeutung zu finden und ihre Wirkungsweise zu demonstrieren. Er wiederholt sich oft, ohne dass der Leser es bemerkt, da dies im- 80 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 131, § 124 81 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, Hamburg 1952, S. 153 4. Die dialektische Methode 39 mer mit anderen Worten erfolgt. In seiner „Logik“ versucht er, ausführlich zu erklären, wie der menschliche Verstand überhaupt erst den Widerspruch hervorbringt.82 Zunächst ist das Subjekt im Dienste seiner Lebenserhaltung auf sich bezogen und negiert damit alles Andere außerhalb seines unmittelbaren Interesses als Objekte, die es ignoriert. Das Andere oder die Anderen verhalten sich zunächst ebenso gegen das Subjekt, negieren es als Objekt und befinden sich ebenfalls im Widerspruch zu demselben, denn in Wahrheit gehören beide zusammen, wissen es aber noch nicht. Sie abstrahieren voneinander, als wären sie nicht existent. Das Subjekt verhält sich zunächst ignorant, also negativ, gegenüber dem Objekt und umgekehrt. Sie verhalten sich so, als wäre das oder der Andere nicht präsent. Erst als sie voneinander erfahren, aufeinandertreffen, nehmen sie einander wahr und es wird ihnen bewusst, dass der Andere ebenfalls Subjekt ist und dass es selbst zunächst nur Objekt für den Anderen ist, sich also auch im Widerspruch zu diesem befindet, von ihm abstrahiert hat. Sie heben also ihr erstes negatives Verhalten auf. Ihr erstes, je eigenes „Unmittelbare ist nach dieser negativen Seite in dem Anderen untergegangen, aber das andere ist wesentlich nicht das leere Negative, das Nichts, … sondern es ist das Andere des Ersten, das Negative des Unmittelbaren; also ist es bestimmt als das Vermittelte, – enthält überhaupt die Bestimmung des Ersten in sich. Das Erste ist somit wesentlich im Anderen aufbewahrt und erhalten.“83 Es ist also diese zunächst existierende Widersprüchlichkeit, welche die Beziehung zueinander, die Wahrnehmung voneinander erst möglich macht. Beiden, Subjekt wie Objekt, wird jetzt erst bewusst, dass jedes für das Andere Subjekt wie Objekt ist und sind in der Lage, diese ursprüngliche Fremdheit aufzuheben, sich selbst als Subjekt zu negieren, sich in den Anderen hineinzuversetzen, sich, wenn auch noch zu kurz, mit ihm zu beschäftigen, sich mit ihm zu identifizieren und danach zu sich selbst zurückzukehren – aber als um die Erfahrung mit dem Objekt bereichertes Subjekt. Mein zunächst negatives Verhalten gegenüber dem Subjekt negiere ich wiederum, indem ich mich in das Objekt hineinversetze, mich mit ihm, wenn auch nur für einen Augenblick, identifiziere. Dann kehre ich zu mir zu mir zu- 82 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik I, Frankfurt a.M. 1969, S. 136 ff. 83 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik II, Frankfurt a.M. 1969, S. 561 I. Hegels Menschenbild 40 rück, bin aber nicht dasselbe Subjekt, das ich vorher war, sondern ein, durch die Begegnung mit dem Anderen, bereichertes, um ein Neues erweitertes, das somit eine Neue Qualität darstellt und in seinem Leben eine neue Position erreicht hat – und immer so fort, denn in meinem Leben kann ich unendlich Vielem und Vielen begegnen. Diesen Prozess nennt Hegel die Negation der Negation=Position. Hieraus leitet sich auch Hegels Definition der Identität von Identität und Nicht- Identität ab: Zunächst bin ich mit mir identisch, weil ich nichts Anderes außerhalb meines unmittelbaren Interesses wahrnehme; dann lasse ich mich auf etwas Anderes oder jemanden Anderen ein, ein Nichtmit-mir Identisches und kehre, um dieses erweitert, zu mir zurück und bin ein Identisches und Nicht-Identisches zugleich. Doch ist und bleibt die abstrahierende Fähigkeit des Verstandes, der diesen Prozess erst auslösen kann. Indem er immer wieder Grenzen gegen Anderes setzt, um sich auf eigene Interessen konzentrieren zu können, bringt er den Widerspruch in die Welt, der immer wieder zum Überwinden reizt. Er ist „die Unruhe des Etwas in seiner Grenze, in der es immanent ist, der Widerspruch zu sein, der es über sich selbst hinausschickt.“84 Die Liebe zwischen zwei Menschen dient Hegel als Grundsatz-Metapher, mit der er die besondere Qualität des dialektischen Widerspruches, um den es ihm geht, deutlich machen will: „Das erste Moment in der Liebe ist, daß ich keine selbständige Person für mich sein will, und daß, wenn ich dies wäre, ich mich mangelhaft und unvollständig fühle. Das zweite Moment ist, daß ich mich in einer anderen Person gewinne, daß ich in ihr gelte, was sie wiederum in mir erreicht. Die Liebe ist daher der ungeheuerste Widerspruch, den der Verstand nicht lösen kann, indem es nichts Härteres gibt als diese Punktualität des Selbstbewußtseins, die negiert wird, und die ich doch als affirmativ haben soll. Die Liebe ist die Hervorbringung und Auflösung des Widerspruches zugleich.“85 Um dies noch deutlicher zu machen, wählt Hegel den Widerspruch zwischen dem Herrn und dem Knecht als Beispiel, der äu- ßerst krass und mittels der formalen Logik nicht aufzulösen ist, weil der Herr niemals der Knecht und der Knecht niemals der Herr sein könnte. Aber mittels der der dialektischen Methode kann dies gelin- 84 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik I, Frankfurt a.M. 1969, S. 138 85 Hegel, G.W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Werke, Bd. 7, Frankfurt a.M. 1979, S. 308, § 158 4. Die dialektische Methode 41 gen, indem der Herr erkennt, dass er ohne den Knecht, der für ihn arbeitet, seinen Status nicht hätte und der Knecht begreift, dass er ohne den Schutz des Herrn, dessen Entlohnung, die er unbedingt zur Sicherung seines Lebenserhalts benötigt, nicht existieren kann. Diese gegenseitige Wertschätzung führt dazu, dass sie nicht in dem Widerspruch zueinander steckenbleiben, sondern dass sie sich in den jeweils Anderen hineinversetzen und seine Besonderheit, seine Bedeutung füreinander erkennen, sich in Gedanken mit ihm identifizieren und, um den Anderen erweitert, zu sich zurückkehren; der Herr ist damit durch den Knecht und umgekehrt bereichert. Das Wissen darum lässt den Herrn auch zum Knecht und den Knecht zum Herrn werden. Auf dieser neuen qualitativen Stufe der Erkenntnis ist dieser formale Widerspruch mithin aufgelöst. „Was der Knecht tut, ist eigentlich Tun des Herrn“86 und umgekehrt. Um mit Hegel zu sprechen: „Die Wahrheit des selbständigen Bewußtseins ist demnach das knechtische Bewußtsein.87 Dass diese Wahrheit nicht von Anfang an im Bewusstsein des Herrn wie des Knechts vorhanden ist, hat Hegel durchaus berücksichtigt; dass dies eine Entwicklung des Bewusstseins beider erforderlich macht, formuliert er folgendermaßen: „Aber wie die Herrschaft zeigte, daß ihr Wesen das Verkehrte dessen ist, was sie sein will, so wird auch wohl die Knechtschaft in ihrer Vollbringung zum Gegenteil dessen werden, was sie unmittelbar ist; sie wird als in sich zurückgedrängtes Bewußtsein in sich gehen und zur wahren Selbständigkeit sich umkehren.“88 Damit deutet Hegel an, dass die Zeit des gegenseitigen Akzeptierens von Herrn und Knecht noch im Werden ist und in der Zukunft liegt, aber er war überzeugt, dass diese Zeit einmal kommen wird. „Wir müssen überzeugt sein, daß das Wahre die Natur hat, durchzudringen, wenn seine Zeit gekommen, und daß es nur erscheint, wenn diese gekommen und deswegen nie zu früh erscheint, noch ein unreifes Publikum findet.“ 89 Und diese Zeit sah Hegel zu seiner Zeit als noch nicht gekommen an, wenngleich mit der Französischen Revolution bereits eine hohe Qualität an Vernünftigkeit erreicht zu sein schien. Doch hat diese Vernünftigkeit bei Weitem noch nicht alle Individuen erfasst. Denn, 86 Ebd.: S. 118 87 Ebd.: S. 119 88 Ebd. 89 Ebd.: S. 51 f. I. Hegels Menschenbild 42 „was das Individuum betrifft, so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner Zeit. So ist auch die Philosophie ihre Zeit in Gedanken erfaßt.“90 Erst in der Zukunft sah Hegel eine derart entwickelte Welt, in der alle Menschen einen Vernunftstatus erreicht haben, in dem es weder Ausbeutung noch Erniedrigung des Menschen durch den Menschen gibt. Dieser Bildungsprozess ist aber bei Weitem noch nicht abgeschlossen und es hat sich somit noch kein Staat herausgebildet, welcher „die Wirklichkeit der sittlichen Idee“91 repräsentieren könnte. In dieser Welt erst wird es eine Wirklichkeit geben, die als vernünftig zu bezeichnen ist, wie Hegel sagt: „Was vernünftig ist, das ist wirklich und was wirklich ist, das ist vernünftig.“92 Zu b. Vermittlung: Wie Hegel den Begriff Vermittlung verstanden wissen will, versucht er z.B. an dem „Herr-Knecht“-Verhältnis deutlich zu machen. Dem selbständigen Bewusstsein des Herrn, der unabhängig seine Entscheidungen treffen kann, steht das unselbständige Bewusstsein des Knechts, der in der Abhängigkeit vom Herrn lebt und arbeitet, gegenüber. „So sind sie zwei entgegengesetzte Gestalten des Bewußtseins; die eine das selbständige, welchem das Fürsichsein, die andere das unselbständige, dem das Leben oder das Sein für ein Anderes, das Wesen ist; jenes ist der Herr, dies der Knecht.“93 Somit ist der anfängliche Widerspruch mit der Erkenntnis, dass der Eine nur durch den Anderen ist, auf einer höheren Stufe des Bewusstseins aufgehoben. „So ist jedes das Andere des Anderen als seines Anderen.“94 Der dialektische Widerspruch zwischen Subjekt und Objekt zwingt beide, einander wahrzunehmen, ihr Bewusstsein zu bewegen und zwischen beiden zu vermitteln, um einander zu verstehen. „Denn Vermittlung ist ein Anfang und ein Fortgegangensein zu einem Zweiten, so daß dies Zweite nur ist, insofern zu demselben von einem gegen dasselbe Andern gekommen worden 90 Hegel, G.W.F.: Grundlinien des Rechts, Hamburg 1967, S. 16 91 Hegel, G.W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Hamburg 1967, § 257 92 Hegel, G.W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Hamburg 1967, S. 14 93 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, Frankfurt a.M., Berlin, Wien 1970, S. 117 94 Hegel, G.W.F.: Geschichte der Philosophie, Bd. I, Frankfurt a.M. 1971, S 327 4. Die dialektische Methode 43 ist.“95 Die Fähigkeit der Vermittlung ist nur dem Menschen gegeben. Nur er ist in der Lage, Jemanden oder Etwas außerhalb seines Selbst wahrzunehmen, sich in ihn oder etwas hineinzuversetzen, dessen besondere Qualitäten zu erkennen, sich damit zu identifizieren (bewusst oder unbewusst) und beeinflussen zu lassen. Er kann gar nicht anders, weil keine Instinktregulation ihn daran hindert, wie das Tier. Alles was er wahrnimmt, und mag es auch noch so ein kurzer Augenblick sein, hinterlässt seine Spuren in seinem Bewusstsein. Wenn dies nicht so wäre, würde es keinerlei Werbung in den Medien geben. Sein abstrahierender Verstand ist der erste Beweger des Denkens, der den dialektischen Widerspruch überhaupt auf den Plan ruft. Der wahrgenommene Widerspruch beunruhigt das Denken und sucht nach vermittelnder Erkenntnis. Erst durch Vermittlung kann Neues entstehen, kann der Prozess des Werdens Resultate zeitigen, welche wir Zivilisation nennen. Das Beharren auf seiner eigenen Unmittelbarkeit führt zu Starrsinn, der die Widersprüche zu scheinbar unlösbaren Antagonismen verfestigt und im günstigsten Fall Stillstand bewirkt oder gar zerstörende oder kriegerische Auseinandersetzungen zur Folge haben kann. Nur in der Vermittlung der Widersprüche kann etwas Neues entstehen, etwas werden, das unser Leben bereichert und das erfordert vernünftige Reflexion. Zwar ist der Verstand das erste bewegende Element, was die menschliche Spezies auszeichnet, aber das unmittelbare Nächste muss die Vernunft sein, welche allein die Kraft der Vermittlung besitzt. Zwar bringt der Verstand nicht nur das Denken in Bewegung und ermöglicht damit der Vernunft, in Aktion zu treten, sondern er sorgt damit auch für praktische Resultate wie zum Beispiel für Werkzeuge wie den Pflug, den Hegel selbst als Beispiel nennt. Die Bearbeitung des Ackerbodens fällt ungleich leichter, indem ich einen Pflug statt der einfachen Hacke benutze und ermöglicht eine spätere Ernte der aufgegangenen Saat auf schnellere und optimalere Weise. Im menschlichen Kopf hat eine Vermittlung des Widerspruchs zwischen der Notwendigkeit des Hungerstillens und der Mühseligkeit des Ackerns und Pflanzens stattgefunden und eine neue Qualität hervorgebracht, das Werkzeug Pflug. 95 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 45, § 12 I. Hegels Menschenbild 44 Erst die Vermittlung zwischen den Widersprüchen ruft Bewegung hervor, die Neues möglich macht. Dass dies für den Menschen nicht so einfach ist, davon war Hegel selbst überzeugt. Die meisten sind der Meinung, dass jeder Mensch denken kann und deshalb glauben, überall mitreden zu können, besonders, wenn es ums Philosophieren geht. „Von allen Wissenschaften, Künsten, Geschicklichkeiten und Handwerken gilt die Überzeugung, daß, um sie zu besitzen, eine vielfache Bemühung des Erlernens und Übens derselben nötig ist. In Ansehung der Philosophie dagegen scheint jetzt das Vorurteil zu herrschen, daß, wenn zwar jeder Augen und Finger hat, und wenn er Leder und Werkzeug bekommt, er damit nicht imstande sei, Schuhe zu machen, – jeder doch unmittelbar zu philosophieren und die Philosophie zu beurteilen verstehe, weil er den Maßstab an seiner natürlichen Vernunft dazu besitze, – als ob er den Maßstab eines Schuhes nicht an seinem Fuße ebenfalls besäße.“96 Der sogenannte „gesunde Menschenverstand“ reicht eben nicht aus, richtige Erkenntnisse über den Sinn des Lebens, der Geschichte, zu gewinnen. Auch das Denken muss gelernt werden. Dazu wollte Hegel mit seinen Schriften und Vorlesungen beitragen. Zu c. Bewegung: Wie bereits erwähnt, bezieht sich Hegel ausdrücklich auf Heraklit: Alles fließt, panta rhei, alles ist ständig in Bewegung, in Veränderung begriffen, man steigt niemals in denselben Fluss. Es sind die Widersprüche, die Gegensätze, die das bewirken, indem sie ständig aufeinandertreffen und so ein ewiges Spannungsverhältnis zwischen Subjekt und Objekt bilden. „Es ist kein Satz des Heraklit, den ich nicht in meine Logik aufgenommen.“97 Auch in seiner „Logik“ bezieht sich Hegel ausdrücklich auf Heraklit: „Der tiefsinnige Heraklit … hob den höheren totalen Begriff des Werdens hervor und sagte: das Sein ist sowenig als das Nichts, oder auch: Alles fließt, das heißt: Alles ist Werden … Das Werden enthält, daß Nichts nicht Nichts bleibe, sondern in sein Anderes, in das Sein übergehe.“98 Werden meint Bewegung und es ist 96 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 49 97 Hegel, G.W.F.: Geschichte der Philosophie, Bd. I, Frankfurt a.M. 1971, S. 320 98 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik I, Frankfurt a.M. 1969, S. 84 f. 4. Die dialektische Methode 45 der Widerspruch, der die Bewegung, das Werden, erst in Gang bringt. Hegel spitzt dies noch zu: „Die Bewegung (ist) der daseiende Widerspruch selbst.“99 Er ist der Kern, die treibende Kraft des ewigen Widerstreits von Subjekt und Objekt, von Identischem und Nicht-Identischem, von Sein und Nicht-Sein. „Das Wesentliche ist, daß jedes Verschiedene, Besondere verschieden ist von einem Anderen, – aber nicht abstrakt irgendeinem Anderen, sondern seinem Anderen. (So ist die) Subjektivität … das Andere der Objektivität, und darin liegt eben ihre Identität. Dies ist das große Prinzip des Heraklit.“100 Für Hegel bedeutet Bewegung Prozess, der von der einfachsten Stufe des Bewusstseins zu immer höheren Qualitäten des Weltprozesses vorantreibt. Trotz aller Rückschläge ist Hegel davon überzeugt, dass sich die Geschichte letztendlich zum Guten, Friedlichen, Positiven weiterentwickeln wird. Auch Spinozas These: Omnis determinatio est negatio, alles Bestimmen ist Negieren, Jedes erhält nur durch ein Anderes seine Bedeutung, lobt Hegel „als großen Satz des Spinoza“. Den Anderen oder das Andere wahrnehmen, sich selbst negieren und sich mit dem Anderen identifizieren, dann wieder zu sich zurückkehren, die erste Negation aufheben als Negation der Negation, aber als erweitertes Selbst, das um die Erfahrung mit dem Anderen bereichert worden ist und sich damit auf eine neue Position weiterentwickelt hat, um dann diesen Prozess von Neuem zu durchlaufen, weil es immer neue Andere und unendlich viel Anderes gibt. „Das Individuum ist Beziehung auf sich dadurch, daß es allem anderen Grenzen setzt; aber diese Grenzen sind … wohl mehr als das nach allen Seiten“101 Beschränkende. Sie sind zugleich das provozierende Element, welches zur Überschreitung der Grenzen den Ur-Anlass bildet. Es provoziert das Denken, sich zu bewegen. Diese Bewegung im Denken, die mit dem abstrahierenden Verstand erst möglich und ausgelöst wird, führt in die praktische Umsetzung und schließlich zur Gestaltung, Veränderung der Umwelt und macht letztlich die ganze menschliche Geschichte aus. In seiner Logik betont Hegel: Der Widerspruch „aber ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit … die Bewegung (ist) der 99 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik II, Frankfurt a.M. 1969, S. 84 100 Hegel, G.W.F.: Geschichte der Philosophie, Bd. I, Frankfurt a.M. 1971, S. 327 101 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik I, Frankfurt a.M. 1969, S. 121 I. Hegels Menschenbild 46 daseiende Widerspruch selbst.“102 Die Bewegung von einer Gestalt des Bewusstseins zu einer anderen oder auch neuen nennt Hegel das Werden. Diese Bewegung ist Antrieb der geschichtlichen Entwicklung. Dieses Übergehen von einer Gestalt zur anderen, die Identifikation mit dieser und die erweiterte Rückkehr zu sich selbst „ist dasselbe als Werden.“103 Das Werden resultiert aus Entstehen und Vergehen; aber das Vergangene ist hierbei nicht verschwunden und ins Nichts versunken, sondern ein im Werden Aufgehobenes. „Was sich aufhebt, wird dadurch nicht zu Nichts …; ein Aufgehobenes dagegen ist ein Vermitteltes, es ist das Nichtseiende, aber als Resultat, das von seinem Sein ausgegangen ist; es hat daher die Bestimmtheit, aus der es kommt, noch an sich.“104 Es ist etwas Aufbewahrtes, um es zu erhalten, dem lediglich der Charakter der Unmittelbarkeit fehlt. „So ist das Aufgehobene ein zugleich Aufbewahrtes, das nur seine Unmittelbarkeit verloren hat, aber darum nicht vernichtet ist.“105 Was Hegel unter der Kategorie Bewegung verstanden wissen will, demonstriert er selbst an einem Beispiel: „1. Ich zeige das Jetzt auf, es ist als das Wahre behauptet; ich zeige es aber als Gewesenes, oder als ein Aufgehobenes, hebe die erste Wahrheit auf, und 2. Jetzt behaupte Ich als die zweite Wahrheit, daß es gewesen, aufgehoben ist. 3. Aber das Gewesene ist nicht; Ich hebe das Gewesen – oder kehr, wie somit zur ersten Behauptung zurück: Das Jetzt ist. Das Jetzt und das Aufzeigen des Jetzt ist also so beschaffen, daß weder das Jetzt noch das Aufzeigen des Jetzt ein unmittelbares Einfaches ist, sondern eine Bewegung, welche verschiedene Momente an ihr hat …; ein Jetzt, welches absolut viele Jetzt ist; und dieses ist das wahrhafte Jetzt.“106 In seiner Logik verwendet er noch deutlichere Beispiele, um seine dialektische Methode zu erklären: „Die trivialsten Beispiele – von oben und unten, rechts und links, Vater und Sohn und so fort ins Unendliche – enthalten alle den Gegensatz in Einem. Oben ist, was nicht unten ist; oben ist bestimmt nur dies, nicht unten zu sein, und ist nur, insofern ein unten ist, und umgekehrt; in der einen Bestimmung liegt ihr Gegenteil. Der 102 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik II, Frankfurt a.M. 1969, S. 73, 76 103 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik I, Frankfurt a.M. 1969, S. 97 104 Ebd.: S. 113 f. 105 Ebd.: S. 114 106 Hegel, G.W.F.: Geschichte der Philosophie, Bd. I, Frankfurt a.M. 1971, S. 70 4. Die dialektische Methode 47 Vater ist das Andere des Sohnes und Sohn das Andere des Vaters, und jedes ist nur als dies Andere des Anderen, und zugleich ist die eine Bestimmung nur in Beziehung auf die andere; ihr Sein ist ein Bestehen. Der Vater ist außer der Beziehung auf Sohn auch etwas für sich; aber so ist er nicht Vater, sondern ein Mann überhaupt; wie oben und unten, rechts und links auch in sich reflektierte, außer der Beziehung etwas sind, aber nur Orte überhaupt.“107 Zu d. Neue Qualität oder Position: „Das Positive im Negativen festzuhalten, dies ist das Wichtigste im vernünftigen Erkennen.“108 Als Resultat der Negation der Negation gilt Hegel die Position, die Neue Qualität, welche durch den stetigen Prozess des Abstrahierens und Vermittelns immer wieder neu entsteht. „Es sind hier Gestalten des Bewußtseins, deren jede in ihrer Realisierung sich zugleich selbst auflöst, ihre eigene Negation zum Resultate hat – und damit in eine höhere Gestalt übergegangen ist. Das Einzige, um den wissenschaftlichen Fortgang zu gewinnen – und um dessen ganz einfache Einsicht sich wesentlich zu bemühen ist … daß das Negative ebensosehr positiv ist oder daß das sich Widersprechende sich nicht in Null, in das abstrakte Nichts auflöst, sondern wesentlich nur in die Negation seines besonderen Inhaltes, oder daß eine solche Negation nicht alle Negation, sondern die Negation der bestimmten Sache, die sich auflöst, somit bestimmte Negation ist; daß also im Resultate wesentlich das enthalten ist, woraus es resultiert … Indem das Resultierende, die Negation, bestimmte Negation ist, hat sie einen Inhalt. Sie ist ein neuer Begriff, aber der höhere, reichere Begriff als der vorhergehende; denn sie ist um dessen Negation oder Entgegengesetztes reicher geworden, enthält ihn also, aber auch mehr als ihn, und ist die Einheit seiner und seines Entgegengesetzten.“109 Jedes Sein hat eine bestimmte Qualität, die es von einem anderen Sein unterscheidet. „Durch seine Qualität ist Etwas gegen ein Anderes, ist veränderlich und endlich, nicht nur gegen ein Anderes, sondern an ihm schlechthin 107 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik II, Frankfurt a.M. 1969, S. 77 108 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik, gesammelte Werke, Bd. 12, Frankfurt a.M. 1978, S. 245 109 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik I, Frankfurt a.M. 1969, S. 49 I. Hegels Menschenbild 48 negativ bestimmt.“110 Seiner besonderen Qualität steht eine andere besondere Qualität gegenüber. Beide negieren einander, bis sie miteinander in Beziehung treten. Der Prozess der wechselseitigen Identifikation beginnt und führt zur Aufhebung des zunächst negativen Verhaltens gegeneinander, zur Negation der Negation. Diese Bewegung des Bewusstseins zum Anderen und wieder zurück, als um das Andere erweiterte, führt zu einer neuen Stufe des Bewusstseins, zu einer neuen Qualität, die Hegel auch „Position “nennt. Dieser Prozess ist ein unendlicher, weil es unendlich Vieles und unendlich Viele gibt, die zueinander in Beziehung treten können und damit die reflexiven Wege der Vermittlung einschlagen. So entstehen immer neue Qualitäten, Positionen, welche schließlich die Struktur unserer Gesellschaft bestimmen und ausmachen. Sichtlicher Beweis für diesen dialektischen Prozess sind die jeweils praktischen Resultate, welche durch die vielfältigen menschlichen Entäußerungen, Tätigkeiten, die menschliche Arbeit hervorgerufen werden. „Diese sich selbst und seine Negation negierende Wechselbestimmung ist es, welche als der Progreß ins Unendliche auftritt.“111 Der erste Initiator dieses Progresses ist und bleibt die abstrahierende, zerteilende, also negative Kraft des Verstandes, des unmittelbaren, im Dienste der Lebenserhaltung tätigen Denkens. „Die Einsicht, daß die Natur des Denkens selbst Dialektik ist, daß es als Verstand in das Negative seiner selbst, in den Widerspruch geraten muß, macht eine Hauptseite der (dialektischen, d.V.) Logik aus … – in der Tat ist das Denken wesentlich die Negation eines unmittelbar Vorhandenen – so sehr als man das Essen den Nahrungsmitteln verdanke, denn ohne sie könnte man nicht essen; das Essen wird freilich in diesem Verhältnisse als undankbar vorgestellt, denn es ist das Verzehren desjenigen, dem es sich verdanken soll. Das Denken ist in diesem Sinne nicht weniger undankbar.“112 Es nutzt die Widersprüche, um sie zu überwinden, aufzuheben und einer neuen Qualität zuzuführen. Das Denken benutzt die Widersprüche, um seine eigene Qualität zu realisieren, so wie das Essen der Nahrungsmittel dazu dient, die Besonderheit des menschlichen Lebens zu erhalten und seine Fähigkeiten zu realisieren. „Denn Vermittlung ist ein Anfangen und ein Fortgegan- 110 Ebd.: S. 115 111 Ebd.: S. 155 112 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O., S. 45, § 12 4. Die dialektische Methode 49 gensein zu einem Zweiten, so daß dies Zweite nur ist, insofern zu demselben von einem gegen dasselbe Andern gekommen worden ist.“113 Man kann nun erkennen, wie einfach Hegel zu verstehen ist, wenn man sich erst einmal mit seiner Sprache und seiner Denkstruktur vertraut gemacht hat. Dieses Denken dreht sich axiomatisch um den Menschen und die Art und Weise der Möglichkeiten, frei und glücklich zu werden. Dass er sich dabei des Weltgeistes als Denkkrücke bedient, ist seiner Zeit geschuldet. Der Weltgeist „Wir müssen überzeugt sein, daß das Wahre die Natur hat, durchzudringen, wenn seine Zeit gekommen, und daß es erscheint, wenn diese gekommen und deswegen nie zu früh erscheint, noch ein unreifes Publikum findet.“114 Und dieses Wahre ist natürlich für Hegel der Weltgeist. Aber es immerhin nicht Gott, der jenseits der menschlichen Welt regiert und das Schicksal der Menschen bestimmt, sondern ein absoluter Geist, der innerhalb der Welt existiert und die Menschen zur Vernünftigkeit führen wird. Jeder kann sich an diesem Prozess beteiligen, wenn er sein Denken nur genug anstrengt und sich diesem Geist so nah wie möglich anverwandelt und ihn begreift. In diesem Sinne hat jeder Mensch sein Schicksal selbst in der Hand und ist nicht von der Willkür eines jenseitigen Gottes abhängig. Dies ist, gegenüber der bis dahin vorherrschenden Philosophie, ein gewaltiger Fortschritt im Denken der Geisteswissenschaftler; und Darwin trat erst mehrere Jahrzehnte nach Hegels Tod in die Geschichtsdebatte ein. Dass die Menschen ihre Geschichte selbst gemacht haben, ohne das vorgegebene Muster eines Weltgeistes, hielt Hegel zu seiner Zeit für unmöglich. Dass eine z.B. Französische Revolution allein aus Menschenkraft resultieren sollte, schien für Hegel nicht möglich zu sein. Er glaubte, dass ein vernünftiges Grundmuster der ganzen Welt zugrunde läge, dass die Evolution von der anorganischen zur organischen Stufe und schließlich zum Menschen geführt habe, eben durch den Weltgeist. Und die- 5. 113 Ebd. 114 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 51 f. I. Hegels Menschenbild 50 ser hätte sich schließlich den Menschen als vernünftiges Wesen geschaffen, damit er über diesen und mit dessen reflexiver Hilfe sich selbst erkennen könne, dass er an sich der Demiurg der Welt ist und dies auch nun begreifen kann, also dass er, was er an sich ist, auch für sich ist. Sein Medium ist der tätige Mensch; aber unter Tätigkeit versteht Hegel in erster Linie die geistige. Dass dieser immer ganz praktisch im Dienste seines Lebens aktiv ist, beschreibt Hegel zwar, aber unterstreicht dann, wenn ihm dies selbst auffällt, dass er diese Tätigkeit allein als geistige verstanden wissen will. Natürlich hat Hegel die Missstände seiner Zeit durchaus gesehen und kritisiert. Dass die bürgerliche Klassengesellschaft und ihre technologische Entwicklung hauptsächlich auf Kosten der Arbeiterschaft besteht und dies ein zu überwindender Widerspruch ist. Die zunehmende Arbeitsteilung fördert „die Vereinzelung und Beschränktheit der besonderen Arbeit und damit die Abhängigkeit und Not der an diese Arbeit gebundenen Klasse, womit die Unfähigkeit der Empfindung und des Genusses der weiteren Fähigkeiten und besonders der geistigen Vorteile der bürgerlichen Gesellschaft zusammenhängt“. Das hat zur Folge, dass „das Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise, die sich von selbst reguliert, – und damit zum Verlust des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und Ehre, durch eigene Tätigkeit und Arbeit zu bestehen,“ führt.115 Man könnte annehmen, dass Hegel seine anthropologische Axiomatik mit der Fähigkeit des Menschen, tätig zu werden, wider Willen entdeckt hat. Und doch ist es gerade diese Entdeckung, die Hegel für uns Nachgeborenen von Bedeutung werden lässt. Ähnlich wie Goethe, der glaubte, mit seiner Farbenlehre Newton widerlegt zu haben und einmal geäußert haben soll, dass, wenn nach seinem Tode nichts bliebe, so aber doch seine Farbenlehre. Doch es ist der Dichter und nicht der Naturforscher, der überlebt hat. „Die Vernunft ist Geist, indem die Gewißheit alle Realität zu sein, zur Wahrheit erhoben, und sie sich ihrer selbst als ihrer Welt, und der Welt als ihrer selbst bewußt ist.“116 Und weiter: „Es ist Geist, welcher für sich, indem er im Gegenschein der Individuen sich,- und an sich 115 Hegel, G.W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Hamburg 1967, §§ 243.244 116 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 247 5. Der Weltgeist 51 oder Substanz ist, indem er sie in sich erhält. Als wirkliche Substanz ist er ein Volk, als wirkliches Bewußtsein, Bürger des Volkes … Der Geist kann das menschliche Gesetz genannt werden, weil er wesentlich in der Form der ihrer selbstbewußten Wirklichkeit ist.“117 Er ist also in der menschlichen Welt und vom Menschen erkennbar, und nicht in einer jenseitigen, vom Menschen nicht erkennbaren Welt, an die man nur glauben kann, oder ist ein Gott, der nicht begreifbar ist, weil er zu einem, vom Menschen nicht erkennbaren ‚Ding an sich‘ gehört, wie Kant dieses Problem bewältigt hat. „Die letzte Gestalt des Geistes, der Geist, der seinem vollständigen und wahren Inhalte zugleich die Form des Selbst gibt, und dadurch seinen Begriff ebenso realisiert als er in dieser Realisierung in seinem Begriffe bleibt, ist das absolute Wissen … Als der Geist, der weiß, was er ist, existiert er früher nicht, und sonst nirgends als nach Vollendung der Arbeit, seine unvollkommene Gestaltung zu bezwingen, sich für sein Bewußtsein die Gestalt seines Wesens zu verschaffen, und auf diese Weise sein Selbstbewußtsein mit seinem Bewußtsein auszugleichen.“118 Als die vorletzte Gestalt des Geistes betrachtet Hegel die christliche Religion, in welcher dieser bereits eine Vorstellung von sich hat, aber noch keine Erkenntnis, denn „das Vorstellen … ist nicht dies begreifende Denken.“119 Das begreifende Denken erhält erst mit dem absoluten Wissen, der absoluten Vernunft die endgültige Gestalt des Weltgeistes. Doch die Religion, besonders in der Form des Protestantismus, bringt es bereits fertig, das Göttliche aus dem Dunstkreis des Jenseitigen in das Irdische zu transformieren, indem sie die Figur des Jesus mit dem Göttlichen identifiziert. Das Göttliche ist menschlich geworden. „Daß das göttliche Wesen die menschliche Natur annimmt, darin ist es schon ausgesprochen, daß an sich beide nicht getrennt sind.“120 Die Religion hat somit den Menschen Jesus als Mittler zwischen den Menschen und Gott erschaffen. „Die göttliche Natur ist dasselbe, was die menschliche ist und diese Einheit ist es, die angeschaut wird.“121 Die Fähigkeit des Glaubens beweist bereits die Tatsache, dass die Men- 117 Ebd.: S. 251 118 Hegel, G.W.F.: Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 440 f. 119 Ebd.: S. 423 120 Ebd.: S. 428 121 Ebd.: S. 419 I. Hegels Menschenbild 52 schen sich auf dem Weg zum spekulativen Wissen befinden. Die Welt der Religion hat das Denken der Menschheit auf das Erkennen des Weltgeistes vorbereitet. „Die Hoffnungen und Erwartungen der vorhergehenden Welt drängten sich allein auf diese Offenbarung hin, anzuschauen, was das absolute Wesen ist, und sich selbst in ihm zu finden; diese Freude wird dem Selbstbewußtsein und ergreift die ganze Welt, im absoluten Wesen sich zu schauen, denn es ist Geist, es ist die einfache Bewegung jener reinen Momente, die dies selbst ausdrückt, daß das Wesen dadurch erst, daß es als unmittelbares Selbstbewußtsein angeschaut wird, als Geist gewußt wird.“122 Aber die Möglichkeit, dass die Menschen überhaupt zu diesem Wissen gelangen können, begründet sich allein in ihrer Fähigkeit zu denken, sich ihres Verstandes im Dienste ihrer Selbsterhaltung zu bedienen. Das betont Hegel immer wieder: „Dies Element des Denkens ist die Bewegung, zum Dasein oder der Einzelheit herunterzusteigen.“123 Noch eine Stufe vor der Religion siedelt Hegel die Kunst an. Im Gegensatz zur Religion, welche bereits die Vorstellung eines absoluten Geistes repräsentiert, liefert die Kunst dem Geist lediglich die Möglichkeit der Anschauung seiner selbst. Seine Gestalt erhält nur eine dingliche Bedeutung, während die Religion bereits eine geistige Qualität in Form des Glaubens darstellt. Die Kunst ist die „Tätigkeit, mit welcher der Geist sich als Gegenstand hervorbringt“ und sich als solchen anschauen kann.124 Die Religion geht über diese Gegenständlichkeit hinaus und gewinnt im Glauben bereits eine reflexive Qualität. Erst im absoluten Wissen erscheint der Geist als „die Wirklichkeit auf den Begriff gebracht … Das Ziel, das absolute Wissen, oder der sich als Geist wissende Geist hat zu seinem Wege … die Geschichte … (und die) Wissenschaft …; beide zusammen, die begriffene Geschichte, bilden die Erinnerung und die Schädelstätte des absoluten Geistes, die Wirklichkeit, Wahrheit und Gewißheit seines Throns.“125 Die Religion ist also die vorletzte „Gestalt des Geistes, der seinem vollständigen und wahren Inhalte zugleich die Form des Selbst gibt, und dadurch seinen Begriff ebenso realisiert als er in dieser Realisierung in seinem 122 Ebd.: S. 419 f. 123 Ebd.: S. 422 124 Ebd.: S. 389 125 Ebd.: S. 445 ff. 5. Der Weltgeist 53 Begriffe bleibt, ist das absolute Wissen … Der Geist in diesem Elemente dem Bewußtsein erscheinend, oder was hier dasselbe ist, darin von ihm hervorgebracht, ist die Wissenschaft.“ 126 Und im Medium der Wissenschaft ist der Mensch die Hauptperson, die sich mittels umfassender Bildung dem absoluten Geist anverwandeln und ihn erkennen kann. Die Fähigkeit zu denken führt den Menschen dazu, erkennen zu können, sich zu entäußern, tätig zu werden, zu arbeiten und die Welt zu gestalten, zu beherrschen. Doch Hegel behauptet, dass der Weltgeist es ist, dessen Arbeit die Welt, die menschliche wie die Natur-Geschichte, zum Resultat gemacht hat, obwohl er eindrucksvoll nachzeichnet, wie dies die Menschen selbst geschafft haben. „Die Bewegung, die Form seines Wissens von sich hervorzutreiben, ist die Arbeit, die er als wirkliche Geschichte vollbringt.“127 Hegel erklärt den Weltgeist zum absoluten Träger der Vernünftigkeit, welcher mit seinem absoluten Wissen die absolute Idee der Freiheit realisiert. Er unterstellt der Welt eine absolute Freiheit als Substanz, die im zu sich gekommenen Weltgeist auch ihn als absolutes Subjekt, als absoluten Repräsentanten derselben einschließt. Den Menschen gibt Hegel lediglich die Bedeutung, als Diener des Weltgeistes auf seinem langen Weg der Selbsterkenntnis zu fungieren. Der Weltgeschichte liegt das Prinzip zugrunde, dass sie von der Vernunft beherrscht wird und ihre Entwicklung deshalb sinnvoll und zielgerichtet, wenn auch über manche Umwege, verlaufen muss. „Die Weltgeschichte ist … die Auslegung und Verwirklichung des allgemeinen Geistes.“128 Oder: „Diese wissende Wahrheit ist der Geist.“129 Dennoch verhindern diese Behauptungen nicht, dass Hegel als erster Denker in der Geschichte der Geisteswissenschaften die Art und Weise der Selbsterzeugung des Menschen entdeckt hat und dies ist seine, über seine Zeit hinausweisende Leistung. Hierauf beruht seine dialektische Methode – wenn dies ihn auch zumindest verwundert hätte, wenn er diese Einschätzung seiner Theorie heute zur Kenntnis nehmen könnte. Aber auch für ihn gilt, was er über die Menschen im Allgemeinen sagt: 126 Ebd.: S. 440 127 Ebd.: S. 442 128 Hegel, G.W.F.: Grundlinien der Philosophie des Rechts, Hamburg 1967, § 324 129 Hegel, G.W.F.: Enzyklopädie, a.a.O. S. 354, § 439 I. Hegels Menschenbild 54 „Es kann niemand seine Zeit überspringen, der Geist seiner Zeit ist auch sein Geist.“130 130 Hegel, G.W.F.: Geschichte der Philosophie, Bd. II, Frankfurt a.M. 1971, S. 111 5. Der Weltgeist 55

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Am 28. August 2020 wäre Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) zweihundertfünfzig Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass setzt sich Karin Weingartz-Perschel mit der aktuellen Bedeutung der Hegelschen Dialektik für die geisteswissenschaftliche Forschung auseinander. Sie plädiert dafür, dass Hegels anthropologische Axiomatik als das Bleibende und Vorwärtsgerichtete an seinem philosophischen Wirken erachtet werden sollte.

In Hegels Frühwerk, der „Phänomenologie des Geistes“, findet sich seine anthropologische Axiomatik, auf der sich sein ganzes Gedankengebäude erhebt. Nur hier lässt sich der Schlüssel zu seiner Dialektik in Form seiner anthropologischen Grundannahmen finden. Alle seine weiteren Werke unterstellen dieses Wissen nur. Die „Phänomenologie“ sollte daher nicht lediglich als Frühwerk oder als zu vernachlässigende Einleitung in Hegels Hauptwerk abgetan werden, sondern einen deutlich höheren Stellenwert einnehmen.