Einleitung in:

Karin Weingartz-Perschel

Hegels anthropologische Axiomatik, page 1 - 10

Zur Aktualität der Hegelschen Dialektik

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4417-9, ISBN online: 978-3-8288-7424-4, https://doi.org/10.5771/9783828874244-1

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Wer Hegel verstehen möchte, sich überhaupt noch die Mühe macht, sich im Zeitalter von Internet und Wikipedia an sein Werk, seine Bücher, heranzuwagen, dem sei die „Phänomenologie des Geistes“ ans Herz gelegt, denn hier findet man in der Hauptsache seine anthropologische Axiomatik, worauf sich sein ganzes Gedankengebäude erhebt und kann deshalb als sein opus magnum, als sein Hauptwerk betrachtet werden. Nur hier kann man den Schlüssel zu seiner Dialektik in Form seiner anthropologischen Grundannahmen finden. Hierzu verhelfen Einleitung und Vorrede besonders gut als Einstieg. Zwar gilt bis heute hartnäckig das Vorurteil, Hegels „Phänomenologie“ könne keinesfalls als Beitrag zur Anthropologie verstanden werden. „Eine anthropologische Interpretation der PhdG kann dem Werk unmöglich gerecht werden.“2 Auch Werner Marx behauptet, die Phänomenologie habe „ausschließlich das Bewußtsein zum Thema; Bewußtsein aber bedeutet für Hegel immer wissenden Bezug eines Selbst auf Gegenständlichkeit.“3 Der Autor dieser Zeilen wirft Ludwig Feuerbach und auch Karl Marx ausdrücklich vor, sich dieses Missverständnisses schuldig gemacht zu haben. Dabei ist es gerade sein anthropologischer Ansatz, der Hegels Philosophie für die Nachwelt besonders interessant und fruchtbar gemacht hat, wie in der vorliegenden Arbeit ausgeführt werden wird. Hegel ist der erste Geisteswissenschaftler, der die abstrahierende Kraft des menschlichen Verstandes als Movens des Denkens überhaupt entdeckt hat. „Denn der Mensch ist denkend; dadurch unterscheidet er sich von dem Tier. Alles was menschlich ist, Empfindung, Kenntnis und Erkenntnis, Trieb und Wille – insofern es menschlich ist und nicht tierisch, ist ein Denken darin.“4 Der Mensch 2 Heinrichs, Johannes: Die Logik der Phänomenologie des Geistes, Bonn 1974, S. 515 3 Marx, Werner: Marx, Werner: Hegels Phänomenologie des Geistes, Bestimmung ihrer Idee in Vorrede und Einleitung, Frankfurt a.M. 1981, S. 22 4 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, Frankfurt a.M. 1986, S. 557 1 wird im Dienste seines unmittelbaren Überlebens tätig, nimmt so seine Umwelt wahr und, je nach besonderem Bedürfnis, zerteilt er sie, greift sich Einzelheiten heraus und nutzt sie für sich, ehe er sich wieder Anderem zuwendet. Die Bedürfnisse sind die Ersten, die seine Handlungen leiten. Erst später ist er in der Lage, seine Erfahrungen zueinander zu vermitteln und Erkenntnisse daraus zu ziehen; erst dann kann die Vernunft ins Spiel kommen. Eine Philosophie, die von vorneherein nur von der menschlichen Vernunftbegabung ausgeht und ausblendet, wodurch diese denn überhaupt entsteht, entbehrt ihre eigentliche Basis, nämlich die menschliche Sinnlichkeit. Außerdem wird vielfach von der „Gleichursprünglichkeit“ der beiden, als Hauptwerke bezeichneten, wissenschaftlichen Arbeiten, „Phänomenologie des Geistes“ und der später veröffentlichten „Wissenschaft der Logik“, gesprochen, wobei die „Phänomenologie“ als „Erfahrungshermeneutik“ verstanden wird und der „Logik“ die „spekulative, vermittelte, überreflexive Ebene zukommt.5 Als ob es sich bei der „Phänomenologie“ um eine Erfahrungswissenschaft handelt, welche sich um die „erste, bestimmte Negation“ dreht und bei der „Logik“ um das reine Begreifen, das mit der „zweiten Negation“ beginnt.6 Dabei wird dem Leser der beiden Werke klar, dass ohne das vorhergehende Verständnis der „Phänomenologie“ die Logik kaum zu verstehen ist. In seinem Artikel „Phänomenologie des Geistes“ erklärt Alfred Schmidt zu Recht: „Die 1807 veröffentlichte Schrift, welthaltig und spekulativ zugleich, hätte ihrem Verfasser auch ohne seine späteren Logik, Naturund Geistesphilosophie umfassenden Werke zu Weltruhm verholfen … Wie kaum ein anderes philosophisches Werk verlangt die „Phänomenologie“ vom Leser gespannteste Aufmerksamkeit, intensivsten Mit- und Nachvollzug jeder einzelnen Stufe des dialektischen Ganges der Sache, in den er unentrinnbar einbezogen wird.“7 Hegel selbst hat seine „Phänomenologie“ 1807 mit dem Titel „System der Wissenschaft, von Ge. Will. Fr. Hegel, D. u. Professor der Philosophie zu Jena, … Erster Theil, die Phänomenologie des Geistes“ veröffentlicht. Es ist also anzunehmen, dass diese Schrift als Einleitung in 5 Heinrichs, Johannes: Die Logik der Phänomenologie des Geistes, Bonn 1974, S. 73 6 Heinrichs, Johannes: Die Logik der Phänomenologie des Geistes, a.a.O., S. 74 7 Schmidt, Alfred: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Artikel in der „Zeit“ v. 20. Januar 1984 Einleitung 2 sein Gesamtsystem zu verstehen ist. Alfred Schmidt, ein Vertreter der „kritischen Theorie“, behauptet zu Recht, dass Hegels „Phänomenologie“ sein schwierigstes und tiefsinnigstes Werk sei,“8 das noch heute Raum für Interpretation bietet, wie die vorliegende Arbeit zu Hegels Anthropologie beweist. Besonderen Aufschluss der Hegelschen Theorie erhält man in dem Vorwort und in der Einleitung zur „Phänomenologie“. Sie bilden quasi die Verständnisklammer des Werkes, da die Vorrede nach Fertigstellung desselben verfasst wurde und die Einleitung zu Anfang. Hierin werden von Hegel wesentliche und grundlegende Begriffe behandelt, die in seinem Gesamtwerk immer wiederkehren, aber nicht mehr näher erklärt, sondern als bekannt vorausgesetzt werden. Wer auf das Studium von Vorwort und Einleitung verzichtet, verfängt sich leicht in Missverständnisse der Hegelschen Dialektik, wie am Beispiel des Philosophen Werner Becker, der auf die Lektüre von Vorwort und Einleitung bewusst verzichtete, ganz deutlich wird.9 Für ihn bleibt Hegels dialektische Methode ein irrationales Geheimnis. Sein Fazit lautet: Hegels Dialektik ist gleich Idealismus und für die heutige Geisteswissenschaft nutzlos, weil veraltet; deshalb sei auch Karl Marx als Idealist zu bezeichnen, weil er sich ausdrücklich auf die Hegelsche Dialektik bezieht.10 Für Becker ist die dialektische Methode bestenfalls nur eine Leerformel. „Da nämlich ihre zentralen Kategorien wie Gegensatz, Widerspruch, Vermittlung u.a. keine Bestimmungen einer empirisch zu legitimierenden Methodologie sein können, degenerierten sie zu methodischen Leerformeln.“11 Mit dieser negativen Einschätzung befindet sich Becker in geistiger Gesellschaft von Schopenhauer, Popper und vielen anderen Hegel-Kritikern. Natürlich ist Hegel zu kritisieren, weil der Weltgeist in seinem Denken die Hauptrolle spielt. Aber es ist gerade die von ihm entwickelte dialektische Methode, die ihn zum Protagonisten einer neuen Dimension geisteswissenschaftlicher Forschung macht. Erst mittels dieser Methode kann die menschliche Geschichte als Selbsterzeugungsprozess der Individuen entschlüsselt und der Mensch ins Zentrum unseres Weltbildes gerückt werden. Nicht 8 Schmidt, Alfred: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, ebd. 9 Becker, Werner: Hegels Phänomenologie des Geistes, Stuttgart u.a. 1971, S. 19 10 Becker, Werner: Idealistische und Materialistische Dialektik, Stuttgart 1970, S. 11 11 Ebd.: S. 10 Einleitung 3 nur Karl Marx hat dies begriffen und zur Axiomatik seines dialektischen Materialismus genutzt, sondern auch aktuelle Geisteswissenschaftler wie z.B. Iring Fetscher12, Hans Heinz Holz13, Dieter Henrich14 und Ernst Bloch15, um nur einige zu nennen. Die von Hegel entwickelte Dialektik eröffnet nur ihren Sinn, wenn sie auf der Basis seines Menschenbildes reflektiert wird. Überhaupt gilt, wenn man sich einer Theorie zuwendet, weil man sich für sie interessiert, dass man sich den besten Zugang dazu verschafft, wenn man zunächst das Menschenbild des Autors herausfindet, das in jeder Theorie, wenn auch nicht selten verborgen, herausfindet. Denn in jedem Theoretiker, so wie auch in uns allen, befindet sich eine Vorstellung vom Menschsein, die sich in uns von Kindheit an entwickelt hat und die wir zeitlebens in uns tragen. So waren zum Beispiel die Philosophen in der Antike davon überzeugt, dass die Menschen Spielbälle der Götter und ihrer Launen wären. Man muss sie gnädig stimmen, sie mit Opfergaben bestechen, ihnen schmeicheln, sie anbeten, sich ihnen unterwürfig zeigen, um nicht wie Odysseus auf Irrfahrt geschickt oder in Steine, Pflanzen oder Tiere verwandelt zu werden. Die Christen glauben bis heute an die Erbsünde, weil der Stammvater Adam, auf Drängen seines Weibes Eva, die Sünde begangen hat, vom verbotenen Baum der Erkenntnis den Apfel zu essen. Deshalb hat Gott ihn mit seinem Weibe aus dem Paradies vertrieben. Schlimmer noch wirkt die Sünderin Eva auf das vorherrschende Menschenbild, weil sie ja diejenige ist, die Adam dazu verführt hat, in den von ihr gepflückten Apfel zu beißen. Deshalb haftet dem weiblichen Geschlecht noch heute das Vorurteil an, die eigentliche Sünderin zu sein, die an der Vertreibung aus dem Paradies die wahre Schuld trägt. Dieses Vorurteil wird ein wenig gemildert durch die Jungfräulichkeit der Mutter Jesu, Maria, die vor ihrem eigenen Sohn kniet; auch die reuige Sünderin Magdalena, die sich aus der Prostitution löst, Jesus nachfolgt und ihm dient, ihm regelmäßig die Füße wäscht und mit ihren schönen langen Haaren trocknet. 12 Fetscher, Iring: Hegels Lehre vom Menschen, Stuttgart 1970 13 Holz, Hans Heinz: Herr und Knecht bei Leibniz und Hegel, Neuwied 1968 14 Henrich, Dieter: Hegels philosophische Psychologie, Bonn 1979 15 Bloch, Ernst: Subjekt – Objekt, Frankfurt a.M. 1972 Einleitung 4 Wie nachhaltig das sündige Frauenbild der Bibel wirkt, hat besonders eindringlich der Philosoph Schopenhauer demonstriert. Er verurteilt die Menschen, die sich von ihrer Sinnlichkeit dominieren lassen und die Ausbildung ihrer Vernunft vernachlässigen. Besonders das weibliche Geschlecht macht er dafür verantwortlich, den Mann zur Sinnlichkeit anzustacheln, zu reizen, zu verführen. Besonders sein negatives Frauenbild und die Verführbarkeit des Mannes durch das Weib, spiegelt sich in seiner Theorie wider. Mit Martin Luther kehrt eine besondere Bußmöglichkeit des sündigen Menschen in die herrschende Ideologie ein. Die Arbeit und die fleißige Bereitschaft der tätigen Unterordnung unter die herrschende Elite erklärt er als besonders gottgefällig, als die höchste christliche Tugend. Max Weber hat sie als die „protestantische Ethik“ bezeichnet, die dem „Geist des Kapitalismus“ erst die rechte Dynamik verliehen hat. „Ora er labora“, bete und arbeite, ist heute noch an manchen Jugendstilfassaden, soweit sie erhalten sind, zu lesen, als „des Bürgers erste Tugend“. Für Hobbes gar war der Mensch von Natur aus eigennützig, selbstbezogen, der nur seinen Vorteil im Kopf hat und deshalb böse ist. Er muss von einem strengen Herrscher geführt, domestiziert werden, damit er überhaupt in der Lage ist, in einer Gemeinschaft zu leben. Denn eigentlich ist der Mensch des Menschen Wolf, „homo homini lupus est“, davon war Hobbes überzeugt. Um zu überleben, ist er deshalb zur Bildung eines gesellschaftlichen Miteinanders gezwungen, in welcher ein Monarch dafür sorgt, dass es einigermaßen friedlich und verträglich zugeht. Erst mit Rousseau und mit der Epoche der Aufklärung entwickelt sich ein gegenteiliges Menschenbild: Der Mensch ist von Natur aus gut und wird nur in der beengenden Gemeinschaft, Gesellschaft durch zu viel Nähe aggressiv, egoistisch und böse. Deshalb ist nicht der Mensch, sondern die Gesellschaft zu verändern und durch einen Gesellschaftsvertrag, durch Gesetze und Regeln zu gestalten, woraus sich Gebote und Verbote ergeben, an die sich jeder halten muss. Ansonsten droht Bestrafung derjenigen, die sich nicht daranhalten. Hinzu kommt noch eine Besonderheit, die sich Montesquieu hat einfallen lassen: Die Trennung der staatsbildenden Gremien in Legislative, Judikative und Exekutive, die voneinander unabhängige Institutionen sind. Einleitung 5 Rousseau und Montesquieu sind auch heute noch aktuell. Immanuel Kant hat uns zusätzlich sein Sittengesetz mit auf den Weg gegeben, dessen Maxime lautet, dass man sich stets so verhalten soll, dass unsere Handlungen dazu taugen sollen, zur allgemeinen Gesetzmäßigkeit erklärt zu werden. Kant leitet die Fähigkeit zum guten Handeln einfach aus der Vernunftbegabung des Menschen ab, über die jeder von Natur aus verfügt. Woraus diese Vernunft abzuleiten ist, wie sie entsteht und in der Lage ist, die menschlichen Bedürfnisse, die Sinnlichkeit zu beherrschen, das bleibt bei Kant im Dunkeln. Erst Ludwig Feuerbach rebelliert gegen diese aufgezwungene Askese. Er erhebt stattdessen die menschliche Sinnlichkeit in Gestalt der Liebesfähigkeit, die ihren Sitz im Herzen hat und nicht im Kopf, ins Zentrum seines Denkens und Lehrens. Zur Strafe dafür wurde er seines Lehrstuhls enthoben. Aber auch Feuerbach begründet seine These der Liebesfähigkeit nicht weiter, sondern behauptet sie einfach als Tatsache, als offensichtlichen Fakt und lässt diesen wie ein Abstraktum im Raum seiner Theorie stehen. Erst mit Hegel wird die Frage nach dem Wesen des Menschen analytisch zum Thema. Er hebt mit ganz besonderem Nachdruck hervor, dass es die unmittelbare Eigennützigkeit ist, die den Alltag eines jeden Individuums bestimmt und nicht seine moralische oder vernünftige Natur, wovon Kant oder Fichte ausgehen; er betont, dass es gerade dieses primär eigennützige Handeln ist, welches die Grundlage der menschlichen Gesellschaft bildet und sie in Bewegung bringt, also ihre Entwicklung erst möglich macht. Hier erweist sich Hegel ganz als Schüler von Adam Smith. Er geht also als Erster von der anthropologischen Grundtatsache aus, dass die Menschen zunächst nur zum Zwecke der eigenen Lebenserhaltung und -Verbesserung tätig werden. Dass das Wesen des Menschen von Natur aus auch nicht gut oder böse ist, wie Rousseau oder Hobbes behaupten, und es auch nicht die Liebe ist, wie Ludwig Feuerbach meint, die das Wesen des Menschen ausmacht, sondern eine evolutionäre Tatsache, die er mit allen Lebewesen teilt; nur dass er wegen seiner mangelnden Instinktregulation, die den Tieren die Art und Weise ihres Überlebens vorbestimmt, sein eigenes Überleben aus ganz eigener Kraft bestreiten muss und das ist nur auf Grund der Tatsache möglich, dass ihm die Verstandesbegabung den Instinkt ersetzt. Einleitung 6 Der Verstand und seine ganz eigennützige Funktion ist es also, welcher die erste Voraussetzung bildet, seine gemachten Erfahrungen später zusammenzuführen und daraus Erkenntnisse zu ziehen, um letztendlich zum Wissen über sich selbst und seine Umwelt zu führen. Es ist also gerade die zerteilende Kraft des Verstandes, die jeweilige Beschränktheit individueller Wahrnehmungen und die daraus sich ergebenden Widersprüche, welche immer weitere neue Erkenntnisse erst möglich machen. Indem die Individuen zunächst von der unendlichen Vielfalt von Möglichkeiten abstrahieren müssen, um ihre alltäglichen Probleme bewältigen zu können, verhalten sie sich negativ gegenüber denselben; sie müssen sich der einzelnen Notwendigkeit voll und ganz widmen, um sie zu bewältigen und können sie erst später mit ihren bereits gemachten Erfahrungen vermitteln, um einen vielleicht gemachten Fehler nicht zu wiederholen. Hier haben wir Hegels erste Negation, die Grundkategorie der Dialektik, die das Denken überhaupt in Bewegung bringt und mit ihm die Tätigkeit auslöst, die wiederum zur Grundlage des gesamten gesellschaftlichen Zusammenlebens, der gesellschaftlichen Praxis führt. Es ist also gerade die Eigennützigkeit des Verstandes, von der überhaupt die Dynamik und die bewegende Kraft ausgehen, welche das individuelle Bewusstsein „zu einer Stufe geführt (haben), auf der es imstande ist, die eigene Geschichte, die Geschichte der menschlichen Gattung in ihrer Wirklichkeit zu begreifen.“16 Auch einen Gott als Schöpfer des Menschen lehnt Hegel ab. Zwar unterstellt er einen Absoluten Geist als Weltdemiurgen, weil er den Menschen allein für nicht in der Lage hält, seine Welt selbst gemacht zu haben; jedoch positioniert er diesen Geist innerhalb der menschlichen Wirklichkeit, wo ihn jedes Individuum erkennen kann, wenn es sich den Anstrengungen der Bildung unterzieht, und nicht außerhalb in ein göttliches Jenseits, das man nicht erkennen, sondern nur daran glauben kann. Man darf unterstellen, dass sich Hegel mit dem Weltgeist auf Grund seiner umfassenden Bildung als kompatibel gesehen hat. Doch es bleibt zu konstatieren, dass Hegel als Erster von der Anthropologie ausgeht, um das Wesen des Menschen zu bestimmen und stülpt diesem die Fiktion eines Weltgeistes lediglich über. 16 Lukács, Georg, Der junge Hegel, in: Nachwort zu Hegels Phänomenologie des Geistes, Frankfurt a.M., Wien, Berlin 1970, S. 493 Einleitung 7 Für ihn ist der Mensch ein von Natur aus mit Verstand ausgestattetes Wesen, das sich deshalb vom nur instinktregulierten Tier durch unbegrenzt mögliche Empathie-Fähigkeit unterscheidet. Er kann Objekte, die außerhalb seiner selbst existieren, wahrnehmen und als solche erkennen. Das gilt auch und besonders für seine Mitmenschen. Er ist in der Lage, sich mit anderen und anderem in Verbindung zu setzen und sie auf sich wirken zu lassen. Empathie-Fähigkeit ist die besondere Qualität, die ihn auszeichnet. Er kann sich mit anderen Menschen identifizieren. Diese Fähigkeit bildet die Grundlage der anthropologischen Axiomatik des gesamten Werkes von Hegel, wenn man einmal die Rolle des „absoluten Geistes“ und des „absolut vernünftigen Staates“ bei Seite lässt. Sie ist ebenso die Grundlage der Werke von nachfolgenden Theoretikern wie Karl Marx, Ernst Bloch und Jürgen Habermas, die im Folgenden behandelt werden. Auch Goethe kann in diesem Sinne als Dialektiker bezeichnet werden, der mit seinem „Faust“ bereits einen Menschen gezeichnet hat, den auch Hegel als Prototypen seiner Vorstellung vom Menschen wählen könnte. Es ist die Subjekt- Objekt-Dialektik, der Prozess menschlicher Entäußerung, Tätigkeit, Arbeit, die Hegels anthropologische Axiomatik ausmachen und auch als Schlüssel zum Verständnis der Gedanken von Marx, Bloch, Habermas und rückwirkend auch von Goethes „Faust“ dienen können. Hegel hat seine „Phänomenologie des Geistes“ in VIII Kapitel eingeteilt, mit denen er die Entwicklungsstufen der Welt erklären will. Kapitel I bis V beschäftigen sich mit der Entwicklung des individuellen Bewusstseins, des „subjektiven Geistes“. Im VI. Kapitel geht es um Entwicklung des Gattungsbewusstseins, des „objektiven Geistes“ und in den Kapiteln VII und VIII um die Entwicklung des „Weltgeistes“, des „absoluten Geistes“. Da Hegels anthropologische Axiomatik das Thema der vorliegenden Studie ist, stehen die Kapitel I bis V im Mittelpunkt der Untersuchung, weil Hegel nur hier erkennbar offenlegt, wie er den Menschen definiert. Schon in der Vorrede und der Einleitung, die Hegel zwecks Erleichterung der Lektüre seiner „Phänomenologie“ verfasst hat, findet man zentrale Hinweise auf sein Menschenbild. Auch bereits in seiner „Jenenser Realphilosophie“ kann man seine anthropologischen Gedankengänge erkennen. Aber sein anthropologisches Verständnis wird, mehr oder weniger vermittelt, erst in der „Phänomenologie“ deutlich. Es findet sich letztlich in seinem gesam- Einleitung 8 ten Werk wieder, aber nur die ersten sechs Kapitel der „Phänomenologie“ ermöglichen es dem Leser, diesem Menschenbild von Hegel schärfere Konturen zu verleihen und sich damit den Schlüssel zum Verständnis seines gesamten Werkes und besonders seiner dialektischen Methode zu verschaffen, ohne den Hegels Gedankenwelt nur eine „dunkle Felsenmelodie“ bleiben würde, wie der junge Karl Marx einmal gesagt hat, weil er sich noch keinen Zugang zur Hegelschen Philosophie verschafft hatte. Als es ihm endlich gelungen war, den Kern von Hegels dialektischem Denken herauszuarbeiten, nämlich dessen Menschenbild, legte er damit den Grundstein seiner eigenen Theorie. Einleitung 9

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Zusammenfassung

Am 28. August 2020 wäre Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) zweihundertfünfzig Jahre alt geworden. Zu diesem Anlass setzt sich Karin Weingartz-Perschel mit der aktuellen Bedeutung der Hegelschen Dialektik für die geisteswissenschaftliche Forschung auseinander. Sie plädiert dafür, dass Hegels anthropologische Axiomatik als das Bleibende und Vorwärtsgerichtete an seinem philosophischen Wirken erachtet werden sollte.

In Hegels Frühwerk, der „Phänomenologie des Geistes“, findet sich seine anthropologische Axiomatik, auf der sich sein ganzes Gedankengebäude erhebt. Nur hier lässt sich der Schlüssel zu seiner Dialektik in Form seiner anthropologischen Grundannahmen finden. Alle seine weiteren Werke unterstellen dieses Wissen nur. Die „Phänomenologie“ sollte daher nicht lediglich als Frühwerk oder als zu vernachlässigende Einleitung in Hegels Hauptwerk abgetan werden, sondern einen deutlich höheren Stellenwert einnehmen.