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TEIL II. DIE LETZTEN FÜNF GEDRUCKTEN WERKE. EINE ÜBERSICHT in:

Felix Pachlatko

Die letzten fünf gedruckten Werke von Johann Sebastian Bach, page 71 - 78

Innere und übergreifende Strukturen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4416-2, ISBN online: 978-3-8288-7422-0, https://doi.org/10.5771/9783828874220-71

Tectum, Baden-Baden
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TEIL II DIE LETZTEN FÜNF GEDRUCKTEN WERKE EINE ÜBERSICHT II DIE LETZTEN FÜNF GEDRUCKTEN WERKE EINE ÜBERSICHT 73 II.1. Einleitung Die letzten fünf gedruckten Werke von Johann Sebastian Bach sind im Zeitraum zwischen 1747 und 1752 erschienen. Trotz der Eindeutigkeit dieses zeitlichen Rahmens kennen wir teilweise weder das Jahr noch den Zeitpunkt ihres Erscheinens genau. Obwohl ihr Notentext als weitgehend gesichert gelten kann in drei Fällen sind sogar Bachs Korrekturen überliefert werfen sie zahlreiche Fragen auf.104 Entsprechend groß ist der Umfang der Sekundärliteratur. Es handelt sich um folgende fünf Werke (in der Reihenfolge ihrer Ver- öffentlichung): Canon triplex Musicalisches Opfer Einige canonische Verænderungen über das Weynacht-Lied: Vom Himmel hoch da komm ich her Sechs Chorale (Schübler-Choräle) Die Kunst der Fuge Ein innerer oder äusserer Zusammenhang zwischen diesen Werken ist zu nächst nicht ersichtlich. Einzig der Canon triplex und die Canonischen Veränderungen sind als gemeinsame Eintrittsgabe bei Bachs Eintritt in die Miz lersche Sozietät belegt. Aber auch diese beiden Werke zeigen auf den ersten 104 Von den Sechs Choralen sind mindestens zwei Exemplare mit eigenhändigen Korrekturen von Bach überliefert. In den 17 bekannten Exemplaren des Musicalischen Opfers sind die Druckfehler von Hand überschrieben. Siehe Wolff B, S. 55. Die Canonischen Verænderungen über Vom Himmel hoch sind nicht nur im Druck überliefert, sondern von Bach selber auch in die Leipziger-Originalhandschrift eingetragen worden. Diese Fassung unterscheidet sich allerdings erheblich von der Druckfassung und kann nur bedingt als Korrekturversion betrachtet werden. In der Druckfassung sind zahlreiche Fehler stehen geblieben. Der Canon triplex ist in den Fassungen nach 1746 gegenüber der vermutlich früheren Fassung leicht verändert. In der Kunst der Fuge gibt es sowohl eigenhändige Korrekturen im Autograph, als auch ein von C.Ph.E. Bach geschriebenes Korrekturblatt für den Druck. Dennoch sind im Druck zahlreiche weitere Fehler stehen geblieben. 74 II DIE LETZTEN FÜNF GEDRUCKTEN WERKE EINE ÜBERSICHT Blick keinen inneren Bezug zueinander. Sie wurden auch nicht gleichzeitig gedruckt und stehen in verschiedenen Tonarten.105 II.2. Canon triplex (Ct)106 Die erste bekannte Version steht als Nummer 13 in den Verschiedene Canones in Bachs Handexemplar des Erstdruckes der Goldberg-Variationen . Die zweite Fassung wurde als Beilagedruck dem Sendschreiben der Mizlerschen Sozietät vom Mai 1747 beigelegt.107 Außerdem ist die Zweitfassung auf den beiden Bach-Porträts von Haußmann und im Nekrolog über Bach in Mizlers Bibliothek abgebildet.108 II.3. Musicalisches Opfer (MO) 105 Der Canon triplex (G-Dur) erschien 1747. Die Canonischen Verænderungen (C-Dur) wurden möglicherweise erst 1748 gedruckt. 106 In den nachfolgenden Wiedergaben der Titelschriften entsprechen die gewählten Schriften nicht den Originalen, sondern sind den Vorbildern nur nachempfunden. 107 Dass die Fassung in Bachs Handexemplar der Goldbergvariatonen die ältere sein muss, ist in erster Linie aus der Änderung des vorgezeichneten Taktes von 2/2 zu 4/4 zu schließen. Diese Änderung ist relevant bezüglich der Bedeutung der gesamten Schlagzahl der CV (unter Einschluss des Ct als Vertonung der ersten Strophe) und damit aller fünf letzten Drucke. 108 Mizler IV, S. 185. Canon tr iplex á 6 vo c. per J.S. Bach Musicalisches Opfer Sr. Königlichen Majestät in Preußen allerunterthänigst gewidmet von Johann Sebastian Bach. II DIE LETZTEN FÜNF GEDRUCKTEN WERKE EINE ÜBERSICHT 75 Die Widmung datiert vom 7.7.1747. Der Druck erschien vermutlich im September desselben Jahres. II.4. Einige canonische Verænderungen über das Weynacht-Lied: Vom Himmel hoch, da komm ich her (CV) Dieser Druck erschien vermutlich 1748. Komponiert wurden die Variationen jedoch anscheinend vor seinem Eintritt in die Mizlersche Sozietät. 109 109 Laut Nekrolog, erschienen 1754 im Band IV/1 von Mizlers Musikalischer Bibliothek, S. 173, trat Bach im Juni 1747 in die Mizlersche Sozietät ein und lieferte als Eintrittsgabe die Canonischen Verænderungen und den Canon triplex. Die Komposition kann jedoch auch früher entstanden sein. über das Weynacht-Lied: Vom Himmel hoch da komm ich her. und dem Pedal von Johann Sebastian Bach Capellm. u. Direct. Chor. Mus. Lips. Nürnberg in Verlegung Balth: Schmids. N. XXVIII. Einige canonische Verænderungen, vor die Orgel mit 2. Clavieren Königl: Pohl: und Chur-Sæchß: Hoff Compositeur 76 II DIE LETZTEN FÜNF GEDRUCKTEN WERKE EINE ÜBERSICHT II.5. Sechs Chorale (SCh, Schübler-Choräle) SECHS CHORALE von verschiedener Art auf einer Orgel mit 2 Clavieren und Pedal vorzuspielen verfertiget von Johann Sebastian Bach Königl: Pohln: und Chur.Sæchß: Hoff=Compositeur Capellm: u: Direct: Chor:Mus:Lips: In Verlegung Joh: Georg Schüblers zu Zella am Thüringer Walde. Sind zu haben in Leipzig beÿ Herr Capellm: Bachen, beÿ dessen Herrn Söhnen in Berlin und Halle, u: beÿ dem Verleger zu Zella. Erscheinungszeitpunkt nicht gesichert. Vermutlich nach Herbst 1748. II.6. Die Kunst der Fuge (KF) Die Kunst der Fuge durch Herrn Johann Sebastian Bach ehemahligen Capellmeister und Musikdirector zu Leipzig. Erschienen vermutlich 1751. und Die Kunst der Fuge durch H E R R N Johann Sebastian Bach ehemahligen Capellmeister und Musikdirector zu Leipzig. Erschienen 1752. II DIE LETZTEN FÜNF GEDRUCKTEN WERKE EINE ÜBERSICHT 77 II.7. Ungeklärte Fragen Trotz der vergleichsweise guten und zuverlässigen Überlieferung dieser Werke bestehen, wie oben schon erwähnt, bis heute zahlreiche ungeklärte Fragen, wie etwa: Weshalb gibt es aus dem gleichen Zeitraum zwei erheblich unterschiedliche Fassungen der CV?110 Welches ist die von Bach gedachte Abfolge der einzelnen Kompositionen des Musicalischen Opfers und gibt es überhaupt eine definierte Abfolge? Ist der 2. Schübler-Choral, Wo soll ich fliehen hin / Auf meinen lieben Gott ebenfalls eine Bearbeitung eines Kantatensatzes, oder eine Originalkomposition? Welches ist der von Bach vorgesehene Inhalt der Kunst der Fuge? Stimmt die Abfolge? Gehören die unvollendete Fuge, der Choral Wenn wir in höchsten Nöten, der mit Contrap. bezeichnete Cp.14 ein Vorläufer von Cp.10 und die auf 4 Stimmen erweiterten Spiegelfugen 13b und 13c dazu? Zu diesen noch immer ungeklärten Fragen gibt es als Antwortversuche zahlreiche Vermutungen, die aber allesamt nicht wirklich überzeugen können. Angesichts dieses eklatanten Mangels an Klarheit ist interessanterweise noch nie die Frage aufgeworfen worden, ob die hier zur Diskussion stehenden Werke zueinander in direkter Beziehung stehen könnten und ein solches Beziehungsnetz Antworten ermöglichen würde. Zu unterschiedlich sind die je eigenen Anlagen der Werke, als dass eine unmittelbare Verbindung zu einander vermutbar schien, auch wenn bei allen oben genannten Werken, mit Ausnahme der Sechs Chorale, der Kanon und das strenge kontrapunktische Arbeiten ein verbindendes Charakteristikum sind. Vereinzelt wurde sogar die Frage aufgeworfen, ob die Fugen und Kanons von Kunst der Fuge und Musicalischem 110 Nach Butler sind die Lesarten der Variationen 1-3 des Originaldrucks (OD) älter und diejenige der Variation 5 aus gleicher Zeit wie die Handschrift. Die Lesart der Variation 4 im OD soll jedoch jünger sein als diejenige der Handschrift. Die Entstehungsgeschichte der einzelnen Variationen ist aber von diesem Befund unabhängig. Siehe Butler D. 78 II DIE LETZTEN FÜNF GEDRUCKTEN WERKE EINE ÜBERSICHT Opfer überhaupt für eine Aufführung und nicht eher nur für Studienzwecke gedacht seien. Dabei wurden diese beiden Zyklen gerne als spekulatives Spät werk bezeichnet.111 111 Siehe Musik-Konzepte 17/18. Hrsg. H.-K. Metzger/R. Riehn, Johann Sebastian Bach. Das spekulative Spätwerk. Autoren: G. Zacher, M. Kopfermann, U. Duse und R. Hauser. München, edition text + kritik 1981.

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Zusammenfassung

Johann Sebastian Bach bereitete in seinen letzten drei Lebensjahren fünf Werke zum Druck vor: „Canon triplex“, „Musicalisches Opfer“, „Canonische Veränderungen über ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her‘“, „Sechs Choräle“ und „Die Kunst der Fuge“ (posthum erschienen). Auf den ersten Blick gibt es wenig Veranlassung, eine nähere Verbindung dieser Werke miteinander zu vermuten. Sie wurden bei verschiedenen Stechern, Druckern und Verlegern hergestellt und publiziert. Dennoch bilden diese fünf Werke eine Einheit, wenn auch eine verborgene.

Felix Pachlatko gelingt in der vorliegenden Studie der Nachweis versteckter innerer und übergreifender arithmetischer Strukturen wie Magischer Quadrate, äußerst genauer Goldener Schnitte sowie Kreis- und Kugelberechnungen, die darauf schließen lassen, dass die Gestalt aller dieser Werke – dies gilt besonders auch für „Die Kunst der Fuge“ – Bachs letztem kompositorischen Willen entspricht.