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Teil VII. J.S. BACH UND DIE "MUSIKALISCHE WISSENSCHAFT". Einige Anmerkungen und Nachwort in:

Felix Pachlatko

Die letzten fünf gedruckten Werke von Johann Sebastian Bach, page 297 - 302

Innere und übergreifende Strukturen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4416-2, ISBN online: 978-3-8288-7422-0, https://doi.org/10.5771/9783828874220-297

Tectum, Baden-Baden
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Teil VII J.S. BACH UND DIE MUSIKALISCHE WISSENSCHAFT Einige Anmerkungen und Nachwort VII J.S. BACH UND DIE MUSIKALISCHE WISSENSCHAFT NACHWORT 299 Die Aussage dieses Satzes über Bach aus dem Nekrolog im IV. Band von Mizlers Muskalischer Bibliothek ist nicht so eindeutig, wie man dies auf den ers ten Blick vermuten könnte.473 Einige Interpreten argwöhnen, er stamme von C.Ph.E. Bach, einem der Verfasser des Nekrologs, und sei als Spitze gegen Mizler gedacht, der glaubte, als theoretische Grundlage zur Erklärung und Deutung von Musik ein System entwickeln zu können, das allgemeine Gültigkeit habe.474 Als Praktiker war er bekanntermaßen wenig überzeugend und daher von den Renommierten unter den ausübenden Musikern in diesem Bereich wohl wenig geachtet. Dagegen besteht allerdings kein Zweifel, dass er über eine solide akademische Bildung verfügte und diese für seine Zwecke auch argumentativ einzusetzen wusste. Hierin hatten ihm die wenigsten prak tischen Musiker etwas entgegenzuhalten. So könnte der Satz dahingehend missverstanden werden, dass Bach an den theoretischen Belangen der Musik wenig Interesse gehabt habe. Hier ist zu fragen, was unter Theorie zu verstehen ist. Was wir heute als Musiktheorie verstehen, umfasste damals weitgehend das handwerkliche Rüst zeug und Wissen zur Ausübung von Musik in Komposition, Gesang und Instrument. Musiktheorie, wie sie Mizler verstand, untersuchte dagegen vorwiegend mathematische und historische Belange der Musik unter philologischen und philosophischen Aspekten. Die Vermittlung der Musiktheorie nach heuti gem Verständnis gehörte zu Bachs täglicher Arbeit in Unterricht und Probenarbeit. Sein Unwille gegen tiefe theoretische Betrachtungen kann deshalb nicht diese Aspekte der Musiktheorie betreffen. Vielmehr scheute er offenbar Diskussionen, in denen es um Fragen innerhalb der sogenannten musikali schen Wissenschaft nach Mizlers Verständnis ging.475 Es gibt jedoch keine Hin- 473 Mizler Mus. Bibl. IV/1, S. 173. 474 Siehe Felbick, S. 444. 475 Es gibt tatsächlich keine von Bach überlieferten Aussagen zu dieser Thematik, insbesondere gibt es von ihm, im Gegensatz zu den meisten anderen Sozietätskollegen, keine Beiträge z. H. der Mus. Bibl. Daraus kann man schließen, dass 300 VII J.S. BACH UND DIE MUSIKALISCHE WISSENSCHAFT NACHWORT weise, dass Bach kein Interesse an der musikalischen Wissenschaft hatte, sonst hätte er wohl kaum einen Grund gehabt, Mizlers Sozietät beizutreten. Jedoch dürften ihn innerhalb der musikalischen Wissenschaft in erster Linie die The men mit praktischen Problemstellungen interessiert haben. So könnten sich Bach und Mizler etwa in Fragen der mathematischen Ausgestaltung von Musik auf sichtbaren und nichtsichtbaren Ebenen gut verstanden haben. Hier sind wohl die Schnittmengen ihrer mathematischen Interessen zu suchen. Geht man davon aus, dass der Nekrolog verschiedene Aspekte von Bachs Leben aufzeigen wollte, die einerseits von den Mitgliedern der Sozietät als Andeutungen von Insider-Wissen verstanden werden, andererseits aber auch der Allgemeinheit zugänglich sein sollten, so sind im angeführten Satz gewissermaßen exoterische wie esoterische Elemente von Bachs und Mizlers Musikverständnis enthalten. Hier könnte auch eine der Begründungen liegen, weshalb Bach der Mizlerschen Sozietät doch noch beitrat, obwohl sich deren Ende nach dem Wegzug Mizlers 1743 von Leipzig nach Polen bereits abzeich nete. Es scheint, dass innerhalb der Sozietät ein verbreitetes Interesse an Fragen bestand, die auch Bach interessierten und deren Diskussion nicht von Mizlers Positionen abhing. Im Zentrum standen sicher Fragen die Musik betreffend, aber möglicherweise nicht nur. Dass hier auch aufklärerisches und allenfalls freimaurerisches Gedankengut ausgetauscht wurde, ist wohl anzu nehmen, aber nicht belegbar. Die Sozietätsmitglieder waren in dieser Hinsicht zu Verschwiegenheit verpflichtet. Aus Gründen der eigenen Sicherheit war dies auch ratsam. Um zu erfahren, was den inneren Zirkel der Sozietät bewegte, bleibt nur der Versuch, versteckten Themen und Gepflogenheiten in den Briefwechseln der Mitglieder, ihren musikalischen Werken, sowie ihrem gemeinsamen Werk, der Musikalischen Bibliothek der Sozietät, nachzuspüren. Die vorliegende Arbeit über die letzten gedruckten Werke Bachs gedruckt alle nach seinem Eintritt in die Mizlersche Sozietät geht mathematischen Problemstellungen nach, die möglicherweise in der Sozietät zur Debatte standen. Bach selber ließ sich dabei aber nicht in tiefe theoretische Betrachtungen ein, sondern war desto stärker in der Ausübung, d. h. in der Komposition. In umfangreichen eigenen Vorarbeiten zu dieser Publikation wurde deutlich, dass ähnliche Strukturen, wie sie hier dargestellt wurden, auch im übrier sich dazu gar nicht oder zumindest nicht öffentlich äußern wollte. VII J.S. BACH UND DIE MUSIKALISCHE WISSENSCHAFT NACHWORT 301 gen Werk Bachs zu finden sind. Dies ist nicht weiter erstaunlich. Für deren Aufarbeitung und Darlegung ist jedoch weitere Forschung erforderlich. Diese müsste auch die Sozietätsmitglieder Telemann, Händel und allenfalls Spieß diesbezüglich in den Blick zu nehmen. Diese Studie versucht, bisher ungeklärte Fragen bezüglich der letzten gedruckten Werke Bachs zu beantworten, darüber hinaus aber auch eine ergänzende Sicht auf Bachs Genialität im Bereich der Kombinatorik zu gewinnen, die über das bisher Bekannte bezüglich seines Umgangs mit Tönen weit hinausgeht. Hier werden kaum fassbare Dimensionen eines menschlichen Geistes sichtbar. Zum Freilegen der dargestellten arithmetischen Strukturen und dahinter lie gender möglicher symbolischer Verweise wurde eine große Menge an Zahlen durchforstet. Um diese Zahlenfülle bewältigen zu können, braucht es, zumin dest was den Schöpfer dieser Konstrukte betrifft, eine kaum nachvollziehbare Leichtigkeit im Umgang mit Zahlen. Die gleichzeitige Umsetzung von vorgegebenen musikalischen und mathematischen Strukturen erfordert die Fähigkeit eines weitreichenden Multitaskings, wie dies zu allen Zeiten nur einzelnen Genies in Kunst und Wissenschaft vergönnt war. In Ansätzen ist diese Fähigkeit zwar allgemein nachvollziehbar, kaum aber in solchem Ausmaß. Bei der Aufarbeitung und Darlegung einer derartigen Zahlenfülle ist es völlig unmöglich, dass keine Fehler unterlaufen. Dies kann Fehlinterpretatio nen zur Folge haben. Daher ist auch hier eine kritische Distanz erforderlich . Dennoch sollten allenfalls aufgefundene Fehler an der Gesamtheit der Ergebnisse gemessen werden und nicht eine generelle Ablehnung legitimieren. Nur so ist ein Weiterkommen in der Forschungsarbeit möglich.

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Zusammenfassung

Johann Sebastian Bach bereitete in seinen letzten drei Lebensjahren fünf Werke zum Druck vor: „Canon triplex“, „Musicalisches Opfer“, „Canonische Veränderungen über ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her‘“, „Sechs Choräle“ und „Die Kunst der Fuge“ (posthum erschienen). Auf den ersten Blick gibt es wenig Veranlassung, eine nähere Verbindung dieser Werke miteinander zu vermuten. Sie wurden bei verschiedenen Stechern, Druckern und Verlegern hergestellt und publiziert. Dennoch bilden diese fünf Werke eine Einheit, wenn auch eine verborgene.

Felix Pachlatko gelingt in der vorliegenden Studie der Nachweis versteckter innerer und übergreifender arithmetischer Strukturen wie Magischer Quadrate, äußerst genauer Goldener Schnitte sowie Kreis- und Kugelberechnungen, die darauf schließen lassen, dass die Gestalt aller dieser Werke – dies gilt besonders auch für „Die Kunst der Fuge“ – Bachs letztem kompositorischen Willen entspricht.