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VI.4. Sechs Chorale (Schübler-Choräle) in:

Felix Pachlatko

Die letzten fünf gedruckten Werke von Johann Sebastian Bach, page 288 - 288

Innere und übergreifende Strukturen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4416-2, ISBN online: 978-3-8288-7422-0, https://doi.org/10.5771/9783828874220-288

Tectum, Baden-Baden
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288 VI FOLGERUNGEN werten. Was Bach dazu veranlasst hat, die überaus kunstvolle Anlage der Druckfassung durch Umstellung der Variationen zu durchbrechen, wird an Hand der Analyse der Leipziger-Originalhandschrift noch zu untersuchen sein. VI.4. Sechs Chorale (Schübler-Choräle) Bachs Edition der Sechs Chorale im Umfeld der anderen vier Drucke hat in der Bach-Forschung lange Zeit für Irritationen gesorgt. Es war nicht deut lich erkennbar, weshalb er dies tat und wie er selber diese Choräle in sein musikalisches Testament einordnete. Immerhin erklärt Bachs schlechte gesundheitliche Verfassung zur Zeit der Publikation seine vertiefte Hinwendung zu Texten mit endzeitlicher Ausrichtung. Dass Bach dabei auf Transkriptionen zurückgriff und nicht neue Choräle komponierte, ist ebenfalls mit Bachs gesundheitlichem Zustand erklärbar. Infolge starker Abnahme seiner Arbeits leistung geriet er wohl zunehmend unter zeitlichen Druck.457 Die Anordnung der Choräle wirft an dieser Stelle keine Fragen auf. Bemer kenswert ist jedoch die Konstruktion eines Goldenen Schnittes innerhalb des Choralzyklus. Die einzelnen Choräle lagen ja als Kompositionen bereits vor und waren in ihrer Länge für die Konstruktion des Goldenen Schnittes nicht wesentlich veränderbar.458 Eine Ausnahme bildet der fünfte Choral Ach bleib bei uns, Herr Jesu Christ. Die Vorlage in der Kantate beinhaltet zwei Stro phen, während die Schübler-Fassung nur eine Strophe bringt. Letztere ist iden tisch mit der Kantatenvorlage bis zum Beginn der zweiten Strophe, d.h. sie endet nach der Einleitung vor Beginn der zweiten Strophe. Im Anschluss an die zweite Strophe folgt in der Kantatenvorlage jedoch ein anderer Schluss , der von der Einleitung abweicht. Geht man von der Vermutung aus, Bach ha be in der Schübler-Fassung an die zweite Strophe gedacht, die das persönliche Lebensende in den Blick nimmt,459 hätte er logischerweise auch den Original- 457 Siehe die ausführlichere Darstellung dieser Sachverhalte in Kapitel III.4. 458 Mit Ausnahme des zweiten Chorals, für den keine Kantatenvorlage existiert. Sollte dieser Choral eine Originalkomposition sein, so hätte Bach hier einen e rheblichen Spielraum in der Längengestaltung gehabt. 459 Clement sieht beide Strophen vertont. Clement B, S. 296.

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Zusammenfassung

Johann Sebastian Bach bereitete in seinen letzten drei Lebensjahren fünf Werke zum Druck vor: „Canon triplex“, „Musicalisches Opfer“, „Canonische Veränderungen über ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her‘“, „Sechs Choräle“ und „Die Kunst der Fuge“ (posthum erschienen). Auf den ersten Blick gibt es wenig Veranlassung, eine nähere Verbindung dieser Werke miteinander zu vermuten. Sie wurden bei verschiedenen Stechern, Druckern und Verlegern hergestellt und publiziert. Dennoch bilden diese fünf Werke eine Einheit, wenn auch eine verborgene.

Felix Pachlatko gelingt in der vorliegenden Studie der Nachweis versteckter innerer und übergreifender arithmetischer Strukturen wie Magischer Quadrate, äußerst genauer Goldener Schnitte sowie Kreis- und Kugelberechnungen, die darauf schließen lassen, dass die Gestalt aller dieser Werke – dies gilt besonders auch für „Die Kunst der Fuge“ – Bachs letztem kompositorischen Willen entspricht.