Content

VI.2. Musicalisches Opfer in:

Felix Pachlatko

Die letzten fünf gedruckten Werke von Johann Sebastian Bach, page 285 - 286

Innere und übergreifende Strukturen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4416-2, ISBN online: 978-3-8288-7422-0, https://doi.org/10.5771/9783828874220-285

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
VI FOLGERUNGEN 285 VI.2. Musicalisches Opfer Das Musicalische Opfer ist der zweite Druck innerhalb der letzten fünf Drucke. Er erschien Ende September 1747.450 Auf Grund seines Bestandes in Form loser Faszikel ist die Reihenfolge der einzelnen Stücke Gegenstand kontroverser Diskussionen. Der Nachweis des internen Goldenen Schnittes zwischen den Faszikeln 1b/3b und 2b hat nur teilweise Einfluss auf die Lösung dieser bisher ungeklärten Frage. Der Goldene Schnitt das ganze MO betreffend legt hingegen eine zweifelsfreie Reihenfolge fest. Diese Reihenfolge ist freilich auch ohne diesen Nachweis zu finden. Geht man davon aus, dass der Stecher seine Signatur am Schluss angebracht hat und nicht irgendwo zwischendurch , dann bildet Faszikel 3b den Schluss. Abbildung VI.1. J.S. Bach, Musicalisches Opfer, Faszikel 3b, letzte Seite. Signatur: J.G. Schübler sc[ulpsit]. Weiter ist es naheliegend, die beiden Faszikel 1a und 1b als zusammengehörig zu betrachten, weil sie erstens das gleiche Format haben, 451 und zweitens das Widmungsexemplar für Friedrich II. auf der ersten Seite von Faszikel 1b , dem rückseitig das Ricercar (a 3) folgt, den Titel und das Motto für den ganzen Zyklus trägt: das Akrostichon Ricercar, gewonnen aus Regis Iussu Cantio Et Reliqua Canonica Arte Resoluta. Als dritter Punkt der Argumentationsreihe kann angeführt werden, dass das Ricercar (a 3) unbestritten als Replik der Fuge zu betrachten ist, die Bach nach seiner Ankunft in Potsdam vor dem König improvisierte. Sie trägt auch in der 450 Bachs Widmungsdatum auf dem Titelblatt ist jedoch der 7. Juli 1747. 451 Faszikel 3b hat das gleiche Format. 286 VI FOLGERUNGEN niedergeschriebenen Form noch improvisatorische Züge.452 Es sieht so aus, als wollte Bach damit nicht nur auf sein glänzendes Gedächtnis verweisen, sondern auch die damalige Begegnung musikalisch dokumentieren. Offen bleibt somit nur noch die Reihenfolge für die beiden hochformatigen Faszi kel 2b und 3a. Im Widmungsexemplar tragen beide Faszikel einen Titel, im gewöhnlichen Druck trägt nur Faszikel 2 mit der Triosonate und dem Canon perpetuus (2) einen Titel.453 Daraus kann geschlossen werden, dass Faszikel 3a mit den Canones diversi und der Fuga canonica Faszikel 2 mit der Triosonate nachgeordnet ist. Diese Reihenfolge bestätigt der Goldene Schnitt mit seinem markanten Schnittpunkt im zweiten Satz der Triosonate. Um sie widerlegen zu können, müsste versucht werden, unter Berücksichtigung aller Querverbindungen und Abhängigkeiten einen hohen Zufälligkeitsgrad nachzuweisen. Dass dies gelingt, dürfte schwierig sein, auch wenn Zufälligkeit nie ganz ausgeschlossen werden kann. Erstmalig ist im MO zu beobachten, dass Bach für die Berechnung des Goldenen Schnittes die gegenüber der Schlagzählung noch genauere Achtelzählung anwendete. Angesichts der Tatsache, dass es sich bei der Takt- und Schlagteilung um ganzzahlige Teilungen handelt, der Goldene Schnitt aber eine irrationale Teilung darstellt, wird letztere in ganzzahligen Strukturen umso genauer, je kleiner das Zählmaß ist.454 Bei den bisherigen Nachweisen von Goldenen Schnitten, die allerdings erst einen kleinen Teil des Bachschen uvres umfassen, wurde dieses Zählmaß noch nicht beobachtet. Bach verwendete es auch bei den fast gleichzeitig mit dem MO publizierten CV und später bei der Gesamtheit der letzten fünf Drucke, nicht aber bei den zu diesem Zeit punkt schon vorliegenden Werken wie den SCh und der KF. Möglicherweise wählte Bach die Achtelzählung um der Genauigkeit willen, um zu zeigen, dass 452 Siehe Wolff B, S. 216 f. 453 In den überlieferten Druckexemplaren ist auf die Vorderseite der Canones diversi das Akrostichon Regis Iussu Cantio Et Reliqua Canonica Arte Resoluta eingeklebt. Dies ist ein Widerspruch zum Widmungsexemplar, dem bezüglich Authentizität sicher der Vorrang gebührt. 454 Die Achtelzählung ist ebenfalls ein ganzzahliges Zählmaß wie alle anderen Notenzählmaße zwangsläufig auch.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Johann Sebastian Bach bereitete in seinen letzten drei Lebensjahren fünf Werke zum Druck vor: „Canon triplex“, „Musicalisches Opfer“, „Canonische Veränderungen über ‚Vom Himmel hoch, da komm ich her‘“, „Sechs Choräle“ und „Die Kunst der Fuge“ (posthum erschienen). Auf den ersten Blick gibt es wenig Veranlassung, eine nähere Verbindung dieser Werke miteinander zu vermuten. Sie wurden bei verschiedenen Stechern, Druckern und Verlegern hergestellt und publiziert. Dennoch bilden diese fünf Werke eine Einheit, wenn auch eine verborgene.

Felix Pachlatko gelingt in der vorliegenden Studie der Nachweis versteckter innerer und übergreifender arithmetischer Strukturen wie Magischer Quadrate, äußerst genauer Goldener Schnitte sowie Kreis- und Kugelberechnungen, die darauf schließen lassen, dass die Gestalt aller dieser Werke – dies gilt besonders auch für „Die Kunst der Fuge“ – Bachs letztem kompositorischen Willen entspricht.