Fünftes Kapitel: Hinaus aufs Feld! in:

Christian Tepe

Wege zum nachhaltigen Denken, page 51 - 58

Ein philosophisches Traktat über Naturschutz, Ethik und Umweltpolitik

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4414-8, ISBN online: 978-3-8288-7418-3, https://doi.org/10.5771/9783828874183-51

Tectum, Baden-Baden
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Hinaus aufs Feld! Das Bild des versehrten Menschen, wie wir es im letzten Kapitel skizziert haben, verdeutlicht, wo wir ansetzen müssen: beim Menschen selbst, bei seiner Art zu leben. Ohne Zweifel ist ein Aspekt der geistigen Invalidität des Menschen sein Glaube, alle existentiell drängenden Probleme mit Hilfe von Wissenschaft und Technik rasch lösen zu können. Ja, vielleicht ist sogar schon die philosophische Attitüde, mit welcher der Mensch der Natur einen Wert zuschreibt, denken wir da zum Beispiel an die Ökosophie von Arne Naess, ein Symptom seiner Versehrtheit. Fast unmerklich nämlich rückt bei dieser Übung der Mensch erneut in das Zentrum des Daseins, denn er ist dann der Herr über Wert und Unwert, er verkörpert diejenige Instanz, die einen Wert erkennt, zuteilt oder auch aberkennt. Deshalb versetzt der Philosoph Martin Heidegger allen ethischen Bemühungen einer Rettung von Natur und Mensch durch deren Erhebung zu Werten eine scharfe Absage: „Vielmehr gilt es endlich einzusehen, dass eben durch die Kennzeichnung von etwas als ‚Wert‘ das so Gewertete seiner Würde beraubt wird. Das besagt: durch die Einschätzung von etwas als Wert wird das Gewertete nur als Gegenstand für die Schätzung des Menschen zugelassen. (…). Das Denken in Werten ist (…) die größte Blasphemie, die sich dem Sein gegenüber denken lässt.“ (Heidegger 1991, 39f.) Ob mit Heideggers Kritik tatsächlich die Tiefenökologie eines Arne Naess und andere ökoethische Ansätze, die der Natur einen Wert an sich zubilligen, einfach obsolet sind, sei einmal dahingestellt. Es wäre ja gewiss schon viel für eine Ethik der Nachhaltigkeit, die diesen Namen auch verdient, gewonnen, Fünftes Kapitel: 51 wenn der öffentliche Diskurs allgemein die Höhe der ökosophischen Position von Naess erreicht hätte. In jedem Fall bleibt aber von Heideggers Vorbehalt gegen die Werte die Eingebung zurück, dass der Weg zum nachhaltigen Denken nicht allein über theoretische Begriffsoperationen und abstrakte philosophische Kategorien führt. Hier handelt es sich nicht nur um einen Weg im übertragenen Sinne, sondern vielmehr darum, wirkliche Wege zu gehen, überhaupt wieder zu gehen, wieder das Gehen zu erlernen. Das leuchtet bereits unmittelbar ein, wenn wir bedenken, in welchem Maße uns die modernen Verkehrsmittel aus der Natur herausgerissen haben. Wir haben eine ganze Welt gegen das Automobil eingetauscht. Das gilt auch für den Verlust der urbanen Lebensqualität, wie der Architekt Daniel Libeskind hervorkehrt: „Wir müssen zuallererst erkennen, dass Autos die Städte zerstören. Der Individualverkehr hat die organisch gewachsenen Strukturen der Städte zersetzt, und dagegen müssen wir etwas unternehmen, wenn Städte ihre Bedeutung für die Gesellschaft behalten sollen. (…). Wenn wir uns vom Auto befreien, gewinnen wir insgesamt mehr Freiheit.“ (Libeskind 2018) Schon Anfang der 1940er Jahre erkannte Augustin Wibbelt, wie die Veränderung der Fortbewegungsgewohnheiten der Menschen auf eine anthropologische Zäsur hinausläuft: „Was ich jetzt in der Heimat ganz besonders vermisse, das ist der Fußweg, der früher so lustig und unermüdlich durch alle Wiesen und Kämpe und Felder lief und immer an den schönsten und lauschigsten Plätzen vorüberführte. Wo ist er geblieben? Wer geht heutzutage noch zu Fuß? Alles läuft auf Rädern durch die Welt, und es kommt noch so weit, dass die Menschen das Gehen verlernen und als Rädertierchen zur Welt kommen.“ (Wibbelt 1969, 17) Hinter diesen liebenswürdig ironischen Bemerkungen steckt ein wacher Beobachter der Paradoxien der modernen Mobilitätsgesellschaft: „Heute muss alles schnell gehen, und die Vehikel überbieten sich in der Ge- Fünftes Kapitel: Hinaus aufs Feld! 52 schwindigkeit; auch die Arbeit geht schnell mit Hilfe der Maschinen. Man spart viel Zeit, und ich habe oft darüber nachgedacht, wie es kommen möge, dass unsere Welt trotzdem niemals Zeit hat.“ (Wibbelt 1969, 17) Liegt es womöglich daran, dass die ziellose Bewegung, das ständige rastlose Unterwegssein oder gar Umherirren die moderne Zivilisation ausmachen? Schließlich wird heutzutage eine fast unbeschränkte räumliche Flexibilität von jedem Menschen nahezu selbstverständlich eingefordert. Schlagartig und beinahe übergangslos versetzt uns das Auto in andere Landschaftsbilder, katapultiert uns das Flugzeug in fremde Klimazonen. Wer es gewohnt ist, sein Wanderziel zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen, wird das schale Gefühl kennen, das von einem Besitz ergreift, wenn man die Gelegenheit erhält, schnell mit dem PKW nach draußen in die Natur zu gelangen. Die Mühelosigkeit der Anfahrt wird mit der spürbaren Verringerung der Freude über das Ankommen bezahlt. Eben noch das harte Pflaster der Großstadt unter den Füßen, befindet man sich unversehens auf dem leicht federnden Waldboden. Diese Art der Fortbewegung macht die Natur zur Ware und verstärkt die gefährliche Illusion von ihrer allgegenwärtigen Verfügbarkeit. Ganz zu schweigen davon, wie die Seele die Plötzlichkeit der permanenten Ortswechsel bewältigen soll, ohne in Erschöpfung und Substanzlosigkeit zu enden. Von dem hochbetagten, auf den Rollstuhl angewiesenen Altbundeskanzler Helmut Schmidt ist überliefert, wie er bei einem seiner letzten Besuche des Künstlerdorfes Fischerhude, dem Sehnsuchts- und Wanderziel seiner Jugend, noch kilometerweit vor dem Ziel den Chauffeur seines Wagens darum bat, sich dem Dorf nur im Schritttempo zu nähern. Dahinter steckt weit mehr als der nostalgische Einfall eines alten Mannes. Die gemessene Bewegungsart des Fußgängers, die Schmidts ungewöhnliche Form der Anreise imitiert, ermöglicht eine genuss- Fünftes Kapitel: Hinaus aufs Feld! 53 volle Wahrnehmung der Natur und erhält uns die Sensitivität für die Naturstimmungen. Durch den Rhythmus des Gehens vermag der Mensch eins zu werden mit der Landschaft. Er wird zum Teil einer Naturkomposition aus Wiese und Feld, aus Luft, Licht, Himmel und Erde; er ist darin kein Fremdkörper mehr, selbst wenn seine Gedanken vielleicht ganz woandershin schweifen. Am Anfang aller authentischen Nachhaltigkeit steht das Gehen, steht das Fußgängertum als Lebensart, als Öffnung der Wahrnehmung für alles, was uns umfängt. Das, was uns da umfasst, wird nicht immer die freundliche Natur sein, in der wir einfach „aufgehen“ können. Aber selbst dann wenn unsere Sinne dafür empfindlich werden, wie unaussprechlich hässlich, trostlos und öde die menschengemachte Umwelt mitunter geworden ist, stellt eine solche Ästhetik des Schocks doch ex negativo eine wichtige Erfahrung für das nachhaltige Denken dar. Die kontemplativen Gehübungen bringen die Aufgabe der Selbstzurücknahme mit sich. Sie können nur schweigend gelingen. Schon das bloße Mitführen von Handys und Photoapparaten verstellt jede Möglichkeit einer authentischen Wahrnehmung. Die dann unweigerlich einsetzende Motivsuche rastert und selektiert fortwährend die Perzeption, drängt sich zwischen Subjekt und Objekt, wo es doch auf die inneren Bilder der Seele ankäme: „Denn in dem innersten, empfänglichen Sinne spiegelt lebendig und wahr sich die physische Welt“, wie Alexander von Humboldt zum „Einfluss der physischen Welt auf die moralische“ (Humboldt 1992, 33/76) notiert. Die Präsenz eines Handys tut ihr Übriges, indem sie den Geist vollends versklavt, ihn an die soziale Welt der Kommunikationen und Verabredungen, der Geschäfte und Verpflichtungen fesselt. So kommt es gar nicht erst zu einem befreienden Ausatmen in der Natur, der kostbarsten Gabe, welche die Natur für die Menschen bereithält und für die Friedrich Nietzsche den Aphoris- Fünftes Kapitel: Hinaus aufs Feld! 54 mus prägte: „Wir sind so gern in der freien Natur, weil diese keine Meinung über uns hat.“ (Nietzsche 1960, 317) Es ist also gar nicht leicht und bedarf wohlüberlegter Vorkehrungen, um die Sinne überhaupt wieder für die Wahrnehmung der Natur, die am Anfang aller Umweltethik steht, zu öffnen. Nicht anders steht es um die Wege ins Innere des eignen Ichs. Auch hier wird die kontemplative Selbstreflexion durch die unzähligen Nöte des Alltags, durch die von der Außenwelt fortwährend aufgezwungene Kommunikation und Reaktion fast unmöglich gemacht. Es bleibt keine Zeit und keine Muße für das Nachdenken über Mensch und Natur. Gibt es ein Hilfsmittel gegen diese Barbarei der Gedankenlosigkeit? Goethe hat einer Figur seines Romans „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ die folgenden Worte in den Mund gelegt: „Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wo es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.“ (Goethe 1982, 296) So wird der Bannkreis des reibungslosen Funktionierens, in welchem die Menschen heute insbesondere durch die Zwänge des Erwerbslebens geraten sind, durchbrochen. Es tun sich Inseln der Kontemplation auf, die einem anderen Daseinszustand den Weg bahnen helfen. Damit ist ein echter Anfang im nachhaltigen Denken gemacht. Es ist kein Zufall, dass der ideologische Triumphzug der Falschmünzer der Nachhaltigkeit mit einem schon Jahrzehnte währenden Bildungskahlschlag an Schulen und Hochschulen zusammenfällt. Philosophie und Ethik, Kunst und Kunstgeschichte, Literatur, Musik und auch Religion als Quellen innerer geistiger Genesung und Orientierung sind im Fächerkanon weitgehend marginalisiert worden. Die inkompetente öffentliche Meinung gefällt sich darin, sie als sogenannte Laberfächer zu verunglimpfen. Der pragmatische und ökonomisch orientierte Grundzug in vielen aktuellen Nachhaltigkeitskonzepten, ihre Entkoppe- Fünftes Kapitel: Hinaus aufs Feld! 55 lung von den großen Ideen der Philosophie und den Sinndimensionen der Künste, sind auch ein Resultat dieser kulturellen Verarmung. Das kulturelle Gedächtnis ist das Fundament für das geistig-seelische Wachstum der Individuen zu menschlichen Persönlichkeiten, „die in freier Spontaneität alle ihre Qualitäten entfalten“ (Lukács 1982, 361), um selbsttätig in der Gesellschaft zu wirken. Dieses Engagement schließt in besonderer Weise jenen Handlungsmodus ein, der am besten als Widerstand der Körper charakterisiert werden kann. Oft wird gefragt, was einem authentischen Verständnis von Nachhaltigkeit zu mehr politischer und gesellschaftlicher Durchschlagskraft verhilft. Die Antwort fällt denkbar einfach aus und fordert doch sehr viel von jedem. Am Ende ist es der Widerstand der verletzlichen Körper, sind es die Menschen, die sich mit der ganzen Verwundbarkeit ihres Leibes dem Übel entgegenwerfen. Wer sich für Nachhaltigkeit einsetzen will, der muss hinaus aufs Feld. Die Zahl und die Hartnäckigkeit der Menschen, die dazu willens sind, entscheiden über die Fortschritte wahrhaftiger nachhaltiger Entwicklung. Diese Opposition der Körper ist das genaue Gegenteil aller Arten von Randale oder gar Gewaltaus- übung. Sie steht auf dem Fundament einer hochreflexiven Auseinandersetzung mit dem Zeitalter, wie sie nur mit Hilfe der Philosophie und der ihr verwandten Disziplinen und Künste geleistet werden kann. Sie ist ohne Kontemplation, ohne die tiefinnere Freude an der Schönheit der Natur und ihrer Ordnung, zu der auch der Mensch gehört, unvorstellbar. Sie ist Ausdruck glückhafter optimistischer Weltbegegnung. Nichts steht ihr geistig ferner als pessimistische Weltuntergangshysterie, die man den engagierten Menschen gerne nachsagt. Nicht „No Future“ lautet die Parole, sondern die Gewissheit, dass eine gute Zukunft der Menschheit auf Erden möglich ist, leitet sie an. Fünftes Kapitel: Hinaus aufs Feld! 56 Die Geschichte der Bundesrepublik kennt eine lange Reihe von Ortsnamen, die symbolisch für diesen Widerstand der Körper als einer Form politisch eingreifenden Denkens stehen: Brokdorf, Wackersdorf, Wyhl, Grohnde, Stuttgart 21, Hambacher Forst, Garzweiler – um nur einige wenige zu nennen. Nicht selten gelang das Unerwartete, von vielen für unmöglich Gehaltene und eine neue Eskalation der Bedrohung der Lebensgrundlagen und der Naturzerstörung konnte abgewehrt werden. Bisweilen blieb dem Wagnis der Menschen und ihrem Mut zum Risiko der ersehnte Erfolg versagt. Doch noch im Scheitern haben diese Menschen durch ihr Handeln ihre Würde bewahrt. Fünftes Kapitel: Hinaus aufs Feld! 57

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Zusammenfassung

Seit über 30 Jahren steht nachhaltige Entwicklung im Zentrum umweltethischer Debatten. Unentwegt wird getagt, geredet und beschlossen – aber wenig gehandelt. Diese Streitschrift demaskiert vieles, was unter dem Label der Nachhaltigkeit daherkommt, als Falschmünzerei und Massenbetrug. Sie entlarvt, wie Nachhaltigkeit häufig als Verzögerungstaktik und Wachstumslehre im neuen Gewande fungiert und zeigt auf, wie Nachhaltigkeit zur aktuellen Doktrin des Kapitalismus avanciert. So werden auch noch die soziale Welt und die Ökologie der Gewinnproduktion unterworfen.

Lange bevor diese Ideologie sich des öffentlichen Diskurses bemächtigte, haben philosophische Vordenker wie zum Beispiel Hans Jonas, Albert Schweitzer, Arne Naess oder Martin Rock mit großer Klarheit, Konsequenz und Weitsicht die politischen Dimensionen echten nachhaltigen Denkens und Handelns dargelegt. Nur durch eine Relecture ihrer Philosophie kann Nachhaltigkeit vor dem ethischen Scheitern bewahrt werden.