Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit in:

Christian Tepe

Wege zum nachhaltigen Denken, page 23 - 36

Ein philosophisches Traktat über Naturschutz, Ethik und Umweltpolitik

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4414-8, ISBN online: 978-3-8288-7418-3, https://doi.org/10.5771/9783828874183-23

Tectum, Baden-Baden
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Falschmünzer der Nachhaltigkeit Überblickt man die Geschichte der Nachhaltigkeits- und Umweltschutzinitiativen von den frühen Bürgerprotesten und gro- ßen Demonstrationen der 1970er Jahre bis hin zu den Fridays for future, so sind alle engagierten Gruppen von dem Bewusstsein durchdrungen, dass wir in diesem Jahr, heute noch, einfach jetzt sofort umkehren und handeln müssen. Vor diesem Hintergrund erscheinen die UN-Klimakonferenzen wie eine immerwährende Verschiebung des Anfangens. Der Verdacht drängt sich auf, dass Umweltpolitik unter dem Label nachhaltiger Entwicklung den Versuch darstellt, die Spontanität und den Tatendrang der zum Handeln entschlossenen Menschen zu unterlaufen: Nachhaltigkeit als Verzögerungstaktik. Symptomatische Beispiele hierfür sind das von der sogenannten Kohlekommission für 2038 ausgehandelte Ende der Kohleverstromung in Deutschland oder der von der Bundesregierung für frühestens 2030 versprochene Deutschlandtakt im Eisenbahnverkehr. Es ist stets das gleiche: Ankündigungen ersetzen Handlungen, alles soll grundlegend anders und besser werden, nur bitte nicht sofort. Diese Aushöhlung der Umweltethik kommt aber nicht von ungefähr, sondern hängt mit einem Paradigmenwechsel zusammen, der mit dem globalen Siegeszug des politisch so massiv beworbenen Konzepts nachhaltiger Entwicklung einhergeht. Hans Jonas’ Imperativ der Nachhaltigkeit war ganz entschieden auf die Zukunft der Menschheit ausgerichtet: „Hand- Drittes Kapitel: 23 le so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ (Jonas 1984, 30) Dieser Imperativ schließt für Jonas sogar die Forderung ein, dass wir, die wir heute leben, für das gute, echte Leben künftiger Generationen in Vorleistung treten und persönliche Opfer bringen müssen. Dies erscheint ihm notwendig, um eine die Freiheit der Menschen vollends zerstörende Ökodiktatur noch abzuwenden, die über die Zuteilung der noch verbliebenen Ressourcen autoritär gebieten müsste: „Es liegt an uns, die Notwendigkeit der Tyrannei zu vermeiden, indem wir uns in die Hand nehmen und wieder strenger mit uns selbst werden. Freiwillige Opfer an Freiheit jetzt können die Hauptsache davon für später retten.“ (Jonas 1997, 181) Bereits die Brundtland-Kommission der Vereinten Nationen, deren Arbeit gemeinhin als Meilenstein bei der Prägung des Begriffskonzepts nachhaltiger Entwicklung gerühmt wird, schwächt den Aspekt der Zukunftsorientierung bei Jonas zugunsten der heute lebenden Generationen ab, wenn sie definiert: „Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ (WCED 1987, 41) Mit einer fast unmerklichen Akzentverschiebung wird hier im Unterschied zu Jonas eine Gleichrangigkeit der Bedürfnisse der heute existierenden Generationen und der künftig lebenden Menschen konstatiert. Das scheint auf den ersten Blick auch vernünftig zu sein. Es soll darum gehen, den Menschen, die jetzt da sind, gerecht zu werden und dabei zugleich die Lebensgrundlagen der nachfolgenden Generationen nicht zu gefährden. Die Frage ist, ob das tatsächlich möglich ist, ob das im Konfliktfall nicht wieder und wieder auf eine Bevorzugung der gegenwärtig lebenden Menschen hinausläuft. Die Umweltpolitik der vergangenen Jahrzehnte hat darauf inzwischen eine eindeutige Antwort gegeben. Und was sind überhaupt die Bedürfnisse der heute lebenden Menschen? Die philosophische Fo- Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 24 kussierung der Verantwortung auf die Zukunft der Menschheit scheint hier tendenziell schon in ihr Gegenteil verkehrt. Gemessen an den strengen Maßstäben der philosophischen Urahnen der Nachhaltigkeit ist zumindest eine Relativierung der Zukunftsverpflichtung der Verantwortung unverkennbar. Zudem verharrt die Definition auf einer völlig anthropozentrischen Ebene. Die Öffnung der Naturethik für einen moralischen Eigenwert des nicht-menschlichen Lebens, gar für eine Ehrfurcht vor dem Leben, wird nicht weiterverfolgt. Einst hatte Hans Jonas das Wachstumsdogma der Industriegesellschaften mit harten Worten gegeißelt; es habe aus der Todsünde der Völlerei eine sozialökonomische Tugend gemacht. Um die Plünderung des Planeten zu stoppen, plädierte Jonas für das Prinzip der Frugalität. Die Menschen müssen ihre Konsumgewohnheiten auf eine neue Bescheidenheit und Genügsamkeit umstellen. Diesem asketischen Ideal gegenüber präsentiert sich nachhaltige Entwicklung als eine Wachstumsideologie im neuen Gewande. Zum Inbegriff nachhaltiger Entwicklung avanciert die Norm von der gleichwertigen Berücksichtigung ökologischer, ökonomischer und sozialer Aspekte des Handelns, wie sie durch das Nachhaltigkeitsdreieck oder das Drei-Säulen-Modell kreiert wird: „Ausgehend von der Vorstellung einer prinzipiellen Gleichrangigkeit von ökologischen, ökonomischen und sozialen Belangen wird nachhaltige Entwicklung in der Regel aus der Sicht jeder einzelnen Dimension definiert.“ (Grunwald/Kopfmüller 2006, 51) Doch mit der ökonomischen Dimension werden in Wirklichkeit vor allem die Profitinteressen der ökonomischen Akteure restituiert und nebenbei auch noch zum konstitutiven Element nachhaltiger Entwicklung ethisch geadelt: „Würde Nachhaltigkeit als Innovationsspritze wahrgenommen, die am Kern eines Problems ansetzt und dieses dauerhaft zu lösen versucht, böten sich viele Geschäftschancen. (…). Positiv stimmt, dass eine Vielzahl von Branchen – wie etwa Mobilität, Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 25 Architektur, Ernährung – von diesen Veränderungsprozessen bereits ergriffen wurden (…).“ (Pufé 2014, 17) Geschäftschancen, Innovationsspritze, Branchen – allein schon die Sprache gibt zu verstehen: Hier herrscht das Primat der kapitalistischen Ökonomie. So rechtfertigt denn auch ein börsennotiertes Wohnungsunternehmen seine exorbitanten Mieterhöhungen mit der ökologisch notwendigen nachhaltigen Gebäudesanierung. Und wenn im ÖPNV für die Hin- und Rückfahrt zwischen zwei 40 Kilometer voneinander entfernten benachbarten Städten nicht selten Beförderungsentgelte zwischen 25 € Euro und 30 € Euro fällig sind, so ist das der Preis, den der irgendwann nach 2030 kommende nachhaltige Deutschlandtakt im Schienenverkehr die Fahrgäste bereits heute kostet. Mieten, welche die Mieter aus der sozialen Gemeinschaft verstoßen, Beförderungsentgelte, welche für die Nutzer nachhaltiger Verkehrsmittel der faktischen Abschaffung des Grundrechts auf Bewegungsfreiheit gleichkommen, dies alles und noch viel mehr soll im Namen nachhaltiger Entwicklung gerechtfertigt sein. Selten hat die ungezügelte Profitgier einen solchen Trumpf in die Hand gespielt bekommen. Die Unterwerfung des Sozialen und der Ökologie unter die Verwertungslogik des Kapitals ist in den theoretischen Konzepten zur nachhaltigen Entwicklung oft schon expressis verbis angelegt: „Ganz gleich, wie die Trennlinie zwischen den drei zentralen Kapitalarten Ökonomie, Ökologie, Soziales gezogen wird – um dem Geiste, Prinzip und Kern von Nachhaltigkeit gerecht zu werden, gilt es stets, alle drei zusammenzuführen, zu verbinden – oder (…) zu ‚integrieren‘.“ (Pufé 2014, 17) Da es sich jeweils nur um drei Spielarten des Kapitals handelt, erfolgt ihre Integration logisch zwingend durch die Kategorie des Kapitals selbst: „Für eine quantitative Konkretisierung der Dimensionen hat sich eine Abgrenzung hinsichtlich unterschiedlicher Kapitalarten bewährt. Das Ziel innerhalb der Handlungsbereiche ist die Vermehrung, zumindest aber der Erhalt Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 26 von ökologischem, ökonomischem und sozialem Kapital.“ (Hauff/Schulz/Wagner 2018, 20) Ganz abgesehen davon, dass die Anwendung des Begriffes Kapital auf ökologische Parameter wie zum Beispiel den Erdboden oder den Wasserhaushalt im Grunde absurd ist, nährt dies die Befürchtung, dass zuletzt sogar noch das Trinkwasser oder Regionen mit schadstoffarmer Luft noch weitaus rigoroser als bisher schon eingepreist und besteuert oder privatwirtschaftlich erworben und wiederverkauft werden könnten. Überflüssig zu erwähnen, wie überdies die Anbiederung an die Sprache der kapitalistischen Ökonomie auch noch die letzte Erinnerung an eine Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben vertrieben hat. Wenn der Philosoph Arne Naess das Wohlbefinden und Gedeihen menschlichen und nicht-menschlichen Lebens auf der Erde für in sich selbst wertvoll erklärte, konnte man den Eindruck gewinnen, er spräche von etwas Heiligem. Kann eine Ethik der Nachhaltigkeit ohne dieses Moment wirklich bestehen? Wer den Kapitalbegriff absolut setzt – und sei dies auch nur in metaphorischer Redeweise – kennt zuletzt nur einen einzigen Wert, den des Geldes. Dann ist nichts mehr heilig und unverfügbar, sondern es gibt für alles ein Äquivalent. Dann ersetzt die Kapitalakkumulation das Prinzip Verantwortung und man kann im Emissionshandel sogar ein Recht auf Umweltverschmutzung erwerben. Dann hat die alte Wachstumsideologie abermals den Sieg davongetragen und es ist nur folgerichtig, wenn die „17 Sustainable Development Goals“ der Agenda 2030 ein „dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum“ und eine weltweite „breitenwirksame und nachhaltige Industrialisierung“ (Hauff/Schulz/Wagner 2018, 42f.) als hochrangige Nachhaltigkeitsziele ausrufen. Nachhaltigkeit wird auf diese Weise zur systematischen Trockenlegung der Naturethik. Die Überformung der Nachhaltigkeitsdebatte mit den Kategorien der kapitalistischen Ökonomie bringt eine nahezu Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 27 wahnhafte Fixierung auf das Konsumverhalten der Menschen mit sich. Man hat es fertiggebracht, den homo consumens, der doch im Zentrum aller Umweltprobleme steht, zu deren alleiniger Lösung hochzustilisieren. Der Sinn des menschlichen Daseins erschöpft sich jetzt endgültig im Kaufen. Der Soziologe Zygmunt Bauman bemerkt dazu: „Die Einkaufsliste nimmt kein Ende. Wie lang sie auch immer werden mag, nicht aufgelistet ist die Möglichkeit, auf das Einkaufen zu verzichten.“ (Bauman 2003, 91) Man muss nur richtig konsumieren, um die Welt zu retten. Alles was wir dazu wissen müssen, wird uns von den Influencern, den Hohepriestern des ökologisch korrekten Konsums eingesagt. Wie bemerkte doch Kant schon so treffend: „Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, usw., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“ (Kant 1999, 20) Die Frage nach dem guten, gelingenden Leben im Einklang mit der Natur schrumpft auf ein paar armselige Lektionen über das richtige Einkaufen zusammen, die von sogenannten Konsumgöttinnen als finaler Gestalt menschlicher Selbstverleugnung unter das Internet-Volk gebracht werden. Gewiss wäre es ein Fehler, die Bedeutung einer ökologisch reflektierten Konsumtion für die Sanierung des Mensch-Natur- Verhältnisses zu verkennen, doch die Engführung auf nachhaltigen Konsum „blendet die politische Dimension der Nachhaltigkeit aus.“ (Grunwald 2012, 14) Wenn der ökologisch korrekte Konsum als das Patentrezept zur Lösung der Umweltkrise hingestellt wird, kommt dies einer Kampagne zur Entpolitisierung gleich: Die Kräfte des Marktes werden alles von selbst regulieren. Richtiges Konsumieren wird zum alleinigen Lebenszweck anstatt eines unter vielen Mitteln zur Bewältigung der Umweltkrise zu sein. Politisch eingreifendes Denken ist stillge- Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 28 legt. Gesellschaftliches Engagement pervertiert zur unnachgiebigen Stigmatisierung eines jeden, der mit der falschen Tafel Schokolade erwischt wird. Vergessen ist, dass Lebens- und Umweltschutz immer die ganze Persönlichkeit fordert und – wie Albert Schweitzer erkannte – die Frucht einer inneren geistigen Einstellung ist. Ohne philosophisches Fundament verkümmert nachhaltiger Konsum zu einem letztlich austauschbaren Lifestyle. Der entscheidende Konstruktionsfehler der über den Kapitalbegriff strukturierten Nachhaltigkeitsmodelle liegt darin, auch noch die Sphären des Sozialen und der Ökologie der Verwertungslogik der kapitalistischen Gewinnproduktion einzuverleiben. Während der Philosoph Arne Naess eine der vordringlichsten Aufgaben der Erziehung darin sah, „der Überbewertung von Dingen, die Preisschilder tragen, entgegen(zu)arbeiten“ (Naess 1997, 198), wird jetzt selbst den entlegensten Nischen der Natur und des Lebens ein Preisetikett aufgeklebt. Dabei hätte die Einbeziehung der ökonomischen Dimension in das Drei-Säulen-Modell oder das Dreiklangmodell die Chance geboten, endlich die Rolle des Eigentums an den Produktionsmitteln für die Hemmung bzw. Förderung nachhaltiger Entwicklung genauer zu beleuchten: Was bedeutet es jeweils für die nachhaltige Entwicklung, wenn die staatliche Eisenbahninfrastruktur für den Güterverkehr zugunsten des Speditionsgewerbes irreversibel zerschlagen wurde, wenn kommunale Wohnungsbaugesellschaften verkauft wurden und nun ein börsenorientiertes Unternehmen über Millionen Mietwohnungen verfügt oder wenn auf dem Lande das seit Jahrzehnten andauernde Höfesterben und das ungebremste Größenwachstum der verbliebenen Betriebe die vollkommene Industrialisierung der Landwirtschaft heraufbeschworen haben? Aber anstatt sich diese entscheidenden Fragen vorzulegen, wird die ökonomische Säule der Nachhaltigkeitsmodelle genutzt, um die ungleiche Verteilung des gesellschaftlichen Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 29 Reichtums und deren Folgen zu perpetuieren, wie die Idee einer Steuer auf die Verursachung von Kohlendioxid-Emissionen veranschaulicht. Nachdem versäumt wurde, zuerst die politischen Voraussetzungen für eine Verkehrs- und Energiewende zu schaffen, um dann auf die Einsicht mündiger Bürger zu vertrauen, setzt man nun auf die Gängelung der Bevölkerung und ökonomische Strafmaßnahmen, ohne dass eine brauchbare Infrastruktur zum Beispiel im ÖPNV vieler ländlicher Regionen auch nur ansatzweise existiert. Dabei bleiben ausgerechnet die größten individuellen Auslöser von Kohlendioxid- Emissionen im Prinzip verschont, denn letztere sind zugleich häufig auch besonders wohlhabende Menschen, die somit kaum einen Anreiz haben, ihren Lebensstil und ihr Mobilitätsverhalten einer Revision zu unterziehen. In den reichen Stadtquartieren der Bundesrepublik kommt es nicht selten vor, dass einem Haushalt mit nur zwei Personen drei, vier oder gar noch mehr Kraftfahrzeuge zur Verfügung stehen! Eine Besteuerung von Kohlendioxid-Emissionen erfüllt nur dann elementare soziale Gerechtigkeitsprinzipien, wenn ihre Höhe proportional zum jeweils verfügbaren Einkommen bzw. Vermögen angesetzt wird. Grundsätzlich sind Steuern als erzieherische Maßnahmen der Umweltpolitik ein Mittel dritter Wahl. Die damit verbundene Sichtweise auf menschliches Verhalten ist genauso unterkomplex, wie es das zugrunde liegende wirtschaftswissenschaftliche Modell vom homo oeconomicus ist. Der Theologe Martin Rock betont: „Umweltbewusstsein setzt (…) echte Betroffenheit und innere Überzeugung voraus.“ (Rock 1983, 89) Das lässt sich nicht durch Steuern evozieren. Die Konzepte zur nachhaltigen Entwicklung tendieren häufig dazu, die ursprünglichen Impulse und ethischen Herausforderungen der Natur- und Umweltphilosophie abzuschwächen, zu relativieren oder sogar – wie im Falle der Wachstumsideologie – in ihr Gegenteil zu verkehren. Vor diesem Hintergrund verblüfft zunächst, wie bestimmte Teilberei- Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 30 che der öffentlichen Diskussion gleichwohl von einer offensiven, nahezu totalitären moralischen Tonlage beherrscht werden, die im völligen Kontrast zur verbreiteten Aushöhlung der Ethik im Namen der nachhaltigen Entwicklung zu stehen scheint. Hier sticht insbesondere das gesamte Themenfeld des Veganismus und Vegetarismus hervor. Der allgemeine Rückbau philosophischer Grundlagen in den Nachhaltigkeitsstrategien wird von der moralischen Idolatrie einzelner besonderer Gruppen flankiert. Um nun Missverständnissen vorzubeugen: Die industrielle Massentierhaltung widerstreitet tatsächlich sämtlichen Prinzipien einer authentischen, philosophisch fundierten Ethik der Nachhaltigkeit, wie wir sie im zweiten Kapitel skizziert haben. Hier ist eine ethische Rechtfertigung undenkbar und es gehört zu den vordringlichsten Aufgaben unseres Zeitalters, dieser Art von Fleischproduktion ein Ende zu bereiten. Tierrechtler wie der Philosoph Tom Regan setzen sich dafür ein, grundsätzlich anzuerkennen, dass den Tieren ein gleiches Recht auf Respekt wie den Menschen zustehe. Damit ziehen sie die Konsequenzen aus den philosophischen Vorarbeiten von Schweitzer und Naess, die über die Ehrfurcht vor dem Leben bzw. über den Eigenwert auch des nicht-menschlichen Lebens so tief nachgedacht haben. Als Tierrechtsethiker strebt Regan aber nicht nur einen Boykott der industriellen Massentierhaltung an, sondern er will in letzter Konsequenz die Abschaffung der sogenannten Nutztierhaltung im Ganzen erzwingen: „Wir wollen keine ‚artgerechte‘ Tierhaltung in der Landwirtschaft mit mehr Platz in den Tiergefängnissen, sondern das vollständige Ende des kommerziellen Handels mit dem Fleisch toter Tiere.“ (Regan 2000) Viele Veganer und Vegetarier verlangen nicht weniger als die Liquidierung der gesamten Kultur der Nutztierhaltung. Diese radikale Position, noch dazu nicht selten mit dem Impetus turmhoher moralischer Überlegenheit vorgetragen, Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 31 bringt nun aber für die Tierethik gravierende Probleme mit sich. Sie spaltet nämlich die Allianz derer, die sich aus unterschiedlichen Gründen für die Abschaffung der Massentierhaltung engagieren und nur im gemeinsamen Kampf Erfolg haben können. Die Fürsprecher eines ökologischen Landbaus und einer artgerechten Form der Tierhaltung, die sich allerdings nicht nur in der Erfüllung gesetzlicher Minimalvorgaben erschöpfen darf, verfallen dem Verdikt der rigorosen veganen Moral. Anstatt also vereint mit ökologisch wirtschaftenden Bauern gegen die industrielle Tierproduktion zu Felde zu ziehen, dringt die vegane Bewegung auf eine Kulturrevolution. Sie will mit den sogenannten Nutztieren zugleich einen Großteil der historisch ererbten Kulturlandschaften und die mit ihnen verwachsenen gemeinsamen Lebensformen von Menschen und Tieren aus der Welt schaffen. Im Gegensatz zum Ethikdefizit, das nicht wenigen aktuellen Konzepten nachhaltiger Entwicklung zu bescheinigen ist, liegt hier der umgekehrte Fall einer moralischen Hyperintention mit Perspektivverengung auf ein einziges, mit missionarischem Eifer verfolgtes Handlungsziel vor. Damit aber verspielt die vegane Bewegung weitgehend ihre Bündnisfähigkeit und droht langfristig ihre gesellschaftliche Relevanz einzubüßen. Freilich wird man den Veganern und Vegetariern ethisch nicht gerecht werden, wenn man in ihrer Unbeirrbarkeit und Unbedingtheit nicht zugleich das Wahrheitsmoment erkennt, gleichsam den Stachel im vermeintlich guten Gewissen der Fleischverzehrer verspürt. Der Veganismus und der Vegetarismus rufen in Erinnerung, dass die vollumfängliche Realisierung einer Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben auch für die Nicht-Vegetarier ohne eine grundsätzliche Revision der Praxis ihres Fleischverzehrs und ohne eine tiefreichende Umrüstung der Lebensmittelproduktion nicht zu haben sein wird. Als einer der prominentesten Vertreter der Tierethik gilt gemeinhin Peter Singer. Der utilitaristische Philosoph erhebt Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 32 die Leidensfähigkeit eines Wesens zum entscheidenden Kriterium für sein Recht auf moralische Anerkennung: „Wenn ein Wesen leidet, kann es keine moralische Rechtfertigung dafür geben, sich zu weigern, dieses Leiden zu berücksichtigen. Es kommt nicht auf die Natur des Wesens an – die Gleichberechtigung verlangt, dass sein Leiden ebenso zählt wie das gleiche Leiden (…) irgendeines anderen Wesens. Ist ein Wesen nicht leidensfähig oder nicht fähig, Freude oder Glück zu erfahren, dann gibt es nichts zu berücksichtigen.“ (Singer 1994, 85) In Analogie zum Begriff des Rassismus ächtet Singer die Befürworter einer ethischen Vorrangstellung des Menschen als Speziesisten: „Rassisten verletzen das Prinzip der Gleichheit, indem sie bei einer Kollision ihrer eigenen Interessen mit denen einer anderen Rasse den Interessen von Mitgliedern ihrer eigenen Rasse größeres Gewicht beimessen. (…). Ähnlich messen jene, die ich ‚Speziesisten‘ nennen möchte, da, wo es zu einer Kollision ihrer Interessen mit denen von Angehörigen einer anderen Spezies kommt, den Interessen der eigenen Spezies größeres Gewicht bei.“ (Singer 1994, 85f.) Eine typische Erscheinungsform des Speziesismus ist für Singer der bedenkenlose Fleischverzehr gerade in den angeblich hochentwickelten Ländern. Anstoß nimmt Singer nicht allein an der Tötung der Tiere, sondern mehr noch an der Realität der Massentierhaltung: „Tiere werden wie Maschinen behandelt, die Futter in Fleisch verwandeln, und jede Neuerung, die zu einer höheren ‚Konversationsrate‘ führt, wird einfach übernommen.“ (Singer 1997, 22) Unmissverständlich formuliert Singer deshalb den ethischen Imperativ: „Um Speziesismus zu vermeiden, müssen wir diese Praxis beenden, und jeder von uns hat die moralische Verpflichtung, diese Praxis nicht mehr zu unterstützen.“ (Singer 1997, 23) So unbedingt diesem Appell beizupflichten ist, es bleibt Singers Ethik doch mit einem gravierenden Webfehler behaftet, der überdies für große Teile der Tierethik charakteristisch ist. Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 33 Dieses Versagen betrifft den Schutz des menschlichen Lebens. Derselbe Autor, der so beeindruckende und mahnende Worte findet, um uns mit dem Leid zu konfrontieren, das unsere Duldung der Massentierhaltung über die Tiere bringt, räsoniert am Beispiel eines an Hämophilie erkrankten Säuglings über die Tötung behinderter Kinder: „Sofern der Tod eines behinderten Säuglings zur Geburt eines anderen Säuglings mit besseren Aussichten auf ein glückliches Leben führt, dann ist die Gesamtsumme des Glücks größer, wenn der behinderte Säugling getötet wird. (…). Wenn daher die Tötung des hämophilen Säuglings keine nachteilige Wirkung auf andere hat, dann wäre es nach der Totalansicht richtig, ihn zu töten.“ (Singer 1994, 238) Es ist dieses Plädoyer für den „Infantizid“ (Singer 1994, 232), der Vorschlag, behinderten Neugeborenen bis zu einem Zeitpunkt von einem Monat nach der Geburt das Recht auf Leben abzuerkennen, der Singers Ethik unter die Falschmünzer der Nachhaltigkeit einreiht. Die Einheit von Lebensschutz, Umweltschutz und Tierschutz ist hier zerrissen, Schweitzers Grundsatz, dass alles Leben im gleichen Maße schützenswert sei, aufgegeben. Der Lebensschutz ist der blinde Fleck nicht allein der Tierethik Singers, sondern überhaupt vieler zeitgenössischer Nachhaltigkeitsstrategien. Verwunderlich ist dies nicht. Das Engagement für die Ungeborenen, für die Neugeborenen und ihr Lebensrecht, wie es der Lebensschutz einfordert, ist heute genauso wenig opportun, wie es in Wirklichkeit auch eine Umweltethik ist, die den Fortbestand des menschlichen Lebens auf Erden, also das Leben der Kinder und der noch Ungeborenen, zum höchsten und wertvollsten und durch nichts relativierbaren Handlungsziel erhebt. Wo das Kind als „Urgegenstand der Verantwortung“ (Jonas 1984, 234) aus den Augen verloren wird, da kommt der ethische Kompass abhanden: Es ist „das Neugeborene dessen bloßes Atmen unwidersprechlich ein Soll Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 34 an die Umwelt richtet, nämlich sich seiner anzunehmen. Sieh hin und du weißt.“ (Jonas 1984, 235) Drittes Kapitel: Falschmünzer der Nachhaltigkeit 35

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References

Zusammenfassung

Seit über 30 Jahren steht nachhaltige Entwicklung im Zentrum umweltethischer Debatten. Unentwegt wird getagt, geredet und beschlossen – aber wenig gehandelt. Diese Streitschrift demaskiert vieles, was unter dem Label der Nachhaltigkeit daherkommt, als Falschmünzerei und Massenbetrug. Sie entlarvt, wie Nachhaltigkeit häufig als Verzögerungstaktik und Wachstumslehre im neuen Gewande fungiert und zeigt auf, wie Nachhaltigkeit zur aktuellen Doktrin des Kapitalismus avanciert. So werden auch noch die soziale Welt und die Ökologie der Gewinnproduktion unterworfen.

Lange bevor diese Ideologie sich des öffentlichen Diskurses bemächtigte, haben philosophische Vordenker wie zum Beispiel Hans Jonas, Albert Schweitzer, Arne Naess oder Martin Rock mit großer Klarheit, Konsequenz und Weitsicht die politischen Dimensionen echten nachhaltigen Denkens und Handelns dargelegt. Nur durch eine Relecture ihrer Philosophie kann Nachhaltigkeit vor dem ethischen Scheitern bewahrt werden.