Erstes Kapitel: Zu Besuch auf der Erde in:

Christian Tepe

Wege zum nachhaltigen Denken, page 1 - 8

Ein philosophisches Traktat über Naturschutz, Ethik und Umweltpolitik

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4414-8, ISBN online: 978-3-8288-7418-3, https://doi.org/10.5771/9783828874183-1

Tectum, Baden-Baden
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Zu Besuch auf der Erde Beginnen wir mit einem Gedankenexperiment. Stellen wir uns einen Menschen vor, der aus einer ganz anderen Kultur, einer anderen Welt, ja von einem fremden Planeten zu uns kommt, um als Journalist über den gegenwärtigen Status des Umweltschutzes in Deutschland nach daheim zu berichten. Stellen wir uns ferner vor, dass unser Gast zwar über exzellente ökologische Kenntnisse sowie über eine fundierte naturethische Bildung verfügt, jedoch den Begriff der Nachhaltigkeit noch niemals gehört hat. Dies ist eine wichtige Voraussetzung des Gedankenexperimentes: Der wissenschaftlich sonst überaus kompetente außerirdische Korrespondent ist mit der öffentlichen Diskussion zur nachhaltigen Entwicklung überhaupt nicht vertraut. Dieser Gastjournalist begibt sich nun also für seine geplante Reportage auf eine Entdeckungsreise durch die Bundesrepublik. Seine Fragestellung lautet: Wie steht es in Deutschland um Ökologie und Umweltschutz? Während seiner Reise über das Land fallen unserem Gast als Erstes die gewaltigen, künstlichen Mondlandschaften in der Lausitz, im Leipziger Becken und am Niederrhein auf. Wo, wie am Niederrhein, die fruchtbarsten Böden des Landes liegen, trifft unser Gastkorrespondent auf Verheerungen von apokalyptischen Dimensionen. Ganze Dörfer, Ökosysteme und Flusslandschaften fallen den gigantischen Schaufelrädern der angeblich größten Bagger der Erde zum Opfer. Hier ist alles überdimensional. Jede Beziehung zu menschlichen, natürlichen Größenordnungen wurde zerstört. Wo einst Gärten blüh- Erstes Kapitel: 1 ten, wo altvertrauter Glockenklang über Dächern, Bäumen und Feldern erschallte, wo die kleine Wildnis am Dorfrand den Kindern die Erfahrung der Freiheit gewährte, da klafft nun eine große Leere: das Nichts, ein Nicht-Ort. Alles wurde und wird, so erfährt unser Gast, der Braunkohleförderung geopfert. In dieser Sparte ist Deutschland, das sich lange Zeit als Klimaweltmeister rühmte, tatsächlich weltweiter Spitzenreiter. Bei seinem Besuch des Rheinischen Braunkohlereviers macht unser Gast noch eine weitere, sehr aufschlussreiche Entdeckung. Er stößt auf ein Wort, dem er bei seinem Deutschlandbesuch immer wieder begegnen wird. Das Wort, das ihn nicht mehr loslässt, heißt „nachhaltig“. Zum ersten Mal entdeckt er dieses Wort in einer Unternehmensvision des Energiekonzerns RWE, dessen Ableger RWE Power die Braunkohleförderung und Braunkohleverstromung im Rheinischen Revier betreibt. RWE schreibt über sich selbst: „Themen wie Umweltschutz, Naturschutz und Klimaschutz genießen bei RWE oberste Priorität.“ (RWE 2019a) Deshalb wirbt der Konzern auch mit dem Motto: „Wir wollen nachhaltig handeln (…).“ (RWE 2019b) „Nachhaltig“ ist das neue Wort, das sich unser Gast bei RWE zum ersten Mal erschließt. „Nachhaltig“ hat also hier faktisch die Bedeutung, so lange wie möglich an einer umweltethisch hochproblematischen, ja verwerflichen Form der Stromerzeugung festzuhalten. Einen anderen Sinn kann das Wort schlechterdings nicht haben, wenn jener Konzern, der für die ökologischen Verwüstungen im Rheinischen Revier verantwortlich ist, sagt: „Wir wollen nachhaltig handeln (…)“ und RWE-Manager Rolf Martin Schmitz beteuert: „Nachhaltigkeit ist zentraler Bestandteil der RWE Strategie.“ (RWE 2019c) Diese Interpretation des Begriffes „nachhaltig“ findet schon bei der nächsten Gelegenheit ihre klare Bestätigung. Unser Deutschlandkorrespondent ist im Flugzeug von Köln nach Hamburg unterwegs. Gerne hätte er grundsätzlich die Eisen- Erstes Kapitel: Zu Besuch auf der Erde 2 bahn für seine Erkundungsreise benutzt. Nachdem jedoch zuerst ein Zug ersatzlos gestrichen wurde und der nächste Zug durch eine Systemstörung der neuen digitalen Stellwerkstechnik von der Strecke gebracht wurde, ist er dann doch auf das Flugzeug umgestiegen – wenn auch schweren Herzens wegen der hohen Lärm- und Schadstoffemissionen. Während des kurzen Fluges erfährt er in einer Broschüre des Unternehmens, dessen Dienste er gerade in Anspruch nimmt, von der Vision „Nachhaltig fliegen“ (Lufthansa 2018, 10) und liest die von Manager Carsten Spohr ausgegebene Losung: „Wir wollen auch beim wichtigen Aspekt der Nachhaltigkeit eine führende Rolle in unserer Industrie einnehmen.“ (Lufthansa 2018, 3) So gewinnt der Begriff „Nachhaltigkeit“ allmählich Konturen. Wenn die jeweils klimaschädlichste und umweltschädlichste Form der Energiegewinnung und der Fortbewegung als besonders „nachhaltig“ beworben und klassifiziert werden können, dann handelt es sich bei diesem Begriff eindeutig um einen Indikator für gravierende umweltethische Defizite. Diese Einsicht wird durch den Blick in eine beliebige Tageszeitung unterstrichen. Dort heißt es über die aktuelle UN- Klimakonferenz in Kattowitz: Die 30000 Teilnehmer aus 96 Ländern wollten ein deutliches Zeichen in Richtung einer Nachhaltigkeitsoffensive setzen. Wieder dieses Unwort, das für maximal umweltschädliches Verhalten steht, denkt unser au- ßerirdischer Gastjournalist. Aber er zweifelt nicht daran, dass eine Konferenz zum Klimaschutz, zu der 30000 Menschen überwiegend per Flugzeug anreisen, um dann weitgehend ohne verbindliche Handlungskonsequenzen wieder abzufliegen, während gleichzeitig die Kohlendioxidemissionen weltweit steigen, völlig zu Recht mit dem Warnbegriff „nachhaltig“ indiziert wird. Unser Journalist gewinnt nach diesen Beobachtungen die feste Überzeugung: Nachhaltigkeit ist ein Synonym für umweltethische Verantwortungslosigkeit! Erstes Kapitel: Zu Besuch auf der Erde 3 Ganz im Kontrast zu diesem Befund stehen die Begegnungen mit einzelnen Menschen in Deutschland. Eine besondere Bewunderung bringt unser Gast zum Beispiel seiner Zimmervermieterin entgegen. Die 80jährige Dame lebt von einer kargen Rente in einer kleinen Wohnung, deren Mobiliar noch überwiegend aus der Zeit ihres Einzugs vor vielen Jahrzehnten stammt. Ihre Bekannten bedauern sie schon seit langem: Nicht einmal für eine kleine Weltreise habe das Geld in all den Jahren gereicht! Und ein Auto stehe auch nicht vor der Tür. Was diese Bekannten der alten Dame aber nicht sehen und nicht wissen: Durch die regelmäßigen Einkäufe in den Geschäften des Stadtteils erhält sie sich ihre ganz eigene fußläufige Form von Mobilität aufrecht und sie genießt dabei die vielfältigen Kontakte, die ihre soziale Lebenswelt für sie bereithält. Zudem ist sie eine ausgezeichnete Kennerin der Stadtlandschaft, sie hat die besten Tipps für Ausflüge in die Umgebung und weiß genau um die schönsten Winkel ihres Stadtviertels. Unübertroffen ist ihre Geschicklichkeit beim Reparieren alter Sachen und Gebrauchsgegenstände. Für ihren Untermieter steht fest: Diese Dame lebt einfach vorbildlich umweltbewusst! Er beschließt, sie zu fragen, ob sie denn das seltsame Wort „nachhaltig“ kenne, das ihm während seiner ökoethischen Bestandsaufnahme in Deutschland immer wieder im Zusammenhang mit Naturzerstörung und Umweltverschmutzung aufgestoßen sei. Seine Zimmervermieterin verneint: Nachhaltigkeit? Nein, davon habe ich noch nie etwas gehört. Doch dann zögert sie und ergänzt nachdenklich: Allerdings habe ich neulich einen Brief von meinem Wohnungsunternehmen bekommen. Darin wird mir eine Mieterhöhung von fast 30% für die geplante nachhaltige Gebäudesanierung angekündigt. Und dann fällt mir noch eine Bundesministerin ein, die für das Ziel eines nachhaltigen Klimaschutzes darauf drängt, die Mineralölpreise zu verdoppeln. Ich heize zwar nur einen Raum, aber zusammen mit dem starken Anstieg der Miete würde mich das finan- Erstes Kapitel: Zu Besuch auf der Erde 4 ziell zugrunde richten und ich wüsste nicht mehr, wie ich meine Wohnung noch halten könnte, wenn diese sogenannten Nachhaltigkeitsvorhaben realisiert werden sollten. Gebannt hört unser Gastjournalist seiner Zimmervermieterin zu. Hätte es noch einer Bestätigung bedurft, um die überaus negative Bedeutung des Wortes „nachhaltig“ vollends zu erfassen, hier wäre sie: Wenn ein Mensch wie seine Zimmervermieterin, die ein unter umweltethischen Gesichtspunkten so schlechthin tugendhaftes Leben führt, um der Nachhaltigkeit willen aus ihrer Lebenswelt vertrieben zu werden droht, dann ist dieses Wort „nachhaltig“ nicht allein eine Chiffre für ökologische Verantwortungslosigkeit, sondern offenkundig auch das Kennwort für soziale Ungerechtigkeit. Es bedarf gewiss nicht noch weiterer Episoden, um die Schlussfolgerung, die wir aus dieser Recherche zum Thema Nachhaltigkeit gewinnen können, vorzubereiten: Der Begriff der Nachhaltigkeit ist, man verzeihe die Wortwahl, so nachhaltig instrumentalisiert worden, dass sein ursprünglicher Sinn gänzlich verloren gegangen ist. Selten ist ein Fachterminus, der einmal mit ethischem Fortschritt und Verantwortungsbewusstsein konnotiert wurde, so gründlich zuschanden gemacht worden. Der Soziologe Harald Welzer konstatiert, das Wort Nachhaltigkeit werde „(…) ja schließlich auch für alles benutzt. Wir haben nachhaltige Geldanlagen, nachhaltigen militärischen Erfolg und so weiter. Nachhaltigkeit ist ein vollkommen beliebiges Wort geworden – und einfach auch total unsexy. Damit kann man keine faszinierenden Inhalte bieten.“ (Welzer 2015) Doch bleibt es nicht nur bei der inhaltlichen Aushöhlung des Wortes Nachhaltigkeit. Wie die oben angeführten Beispiele gezeigt haben, kommt der Begriff „nachhaltig“ häufig dann ins Spiel, wenn es darum geht, das ökonomische Ziel der Profitmaximierung ethisch zu nobilitieren. Was das Siegel der Nachhaltigkeit trägt, ist jedem Zweifel und jeder Kritik enthoben. Der Chemiker Michael Braungart analysiert: „Diese Firmen perfek- Erstes Kapitel: Zu Besuch auf der Erde 5 tionieren (mit dem Begriff Nachhaltigkeit – C.T.) ihre Kommunikation, aber nicht ihre Handlungen. In Europa stellt die Nachhaltigkeits-Berichterstattung einen Markt von 7 Milliarden Euro für PR-Berichte und Agenturen pro Jahr dar.“ (Braungart 2015) Sarkastisch dekuvriert Braungart den Hype um die Nachhaltigkeit als eine kommunikative Überhöhung puren Unsinns. „Dann schauen Sie sich die CSR-Berichte an und lesen: ‚Durch den Druck dieser Broschüre auf Altpapier haben wir 50 Bäume gerettet.‘ Warum druckt ihr dann nicht doppelt so viele? Dann habt ihr 100 Bäume gerettet.“ (Braungart 2015) Nachhaltigkeit? Nonsens! Indes mutet es wie eine bittere Pointe an, wenn sowohl Welzer als auch Braungart ihre Kritik der Nachhaltigkeit als Teilnehmer an einer ausgerechnet von der damaligen „RWE- Stiftung für Energie und Gesellschaft“ organisierten Debattenreihe mit dem skeptischen Titel „Nachhaltig und gut?“ präsentiert haben. Gleichviel also, ob es um die ideologische Marketing-Instrumentalisierung des Begriffes geht oder ob Nachhaltigkeit dem Verdacht mangelnder wissenschaftlicher Seriosität ausgesetzt oder auch schlicht mit Welzer als „total unsexy“ hingestellt werden soll, RWE ist jedenfalls immer mit von der Partie. Was folgt aus alledem? Die notwendige Kritik an der Entstellung des Begriffes Nachhaltigkeit durch Marketing-Kampagnen, bei denen Nachhaltigkeit nur noch als Massenbetrug fungiert, darf nicht dazu verleiten, den Begriff voreilig ganz fallenzulassen. Dann würden wir Gefahr laufen, auch die Ansprüche an unser gemeinschaftliches Handeln, die mit dem Sinn dieses Wortes ursprünglich einhergehen, aufzugeben. Was aber ist Nachhaltigkeit? Worin besteht sie tatsächlich? Was macht sie aus? Wie können wir einen ethisch legitimen von einem ethisch illegitimen Gebrauch des Wortes Nachhaltigkeit unterscheiden? Auf welche Kategorien oder Kriterien können wir dafür zurückgreifen? Für diese Bestimmungsaufgaben benötigen wir die Hilfe der Philosophie. Jahrzehnte be- Erstes Kapitel: Zu Besuch auf der Erde 6 vor der Begriff Nachhaltigkeit sich der Umweltdebatte bemächtigte, haben Philosophen mit großer Klarheit und Konsequenz die naturethischen Dimensionen nachhaltigen Denkens und Handelns herausgearbeitet, seltsamerweise zumeist ohne sich dieses Begriffes selbst zu bedienen. Erstes Kapitel: Zu Besuch auf der Erde 7

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Zusammenfassung

Seit über 30 Jahren steht nachhaltige Entwicklung im Zentrum umweltethischer Debatten. Unentwegt wird getagt, geredet und beschlossen – aber wenig gehandelt. Diese Streitschrift demaskiert vieles, was unter dem Label der Nachhaltigkeit daherkommt, als Falschmünzerei und Massenbetrug. Sie entlarvt, wie Nachhaltigkeit häufig als Verzögerungstaktik und Wachstumslehre im neuen Gewande fungiert und zeigt auf, wie Nachhaltigkeit zur aktuellen Doktrin des Kapitalismus avanciert. So werden auch noch die soziale Welt und die Ökologie der Gewinnproduktion unterworfen.

Lange bevor diese Ideologie sich des öffentlichen Diskurses bemächtigte, haben philosophische Vordenker wie zum Beispiel Hans Jonas, Albert Schweitzer, Arne Naess oder Martin Rock mit großer Klarheit, Konsequenz und Weitsicht die politischen Dimensionen echten nachhaltigen Denkens und Handelns dargelegt. Nur durch eine Relecture ihrer Philosophie kann Nachhaltigkeit vor dem ethischen Scheitern bewahrt werden.