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4. Fazit und Ausblick in:

Maria Schraud

Arbeitsfähigkeit durch Achtsamkeit, page 83 - 88

Entwicklung eines Trainingsmanuals zur Senkung der psychischen Arbeitsbelastung in Gesundheitsberufen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4413-1, ISBN online: 978-3-8288-7416-9, https://doi.org/10.5771/9783828874169-83

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 91

Tectum, Baden-Baden
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Fazit und Ausblick Aus den dargelegten theoretischen Grundlagen geht hervor, dass Mittelmanager bedeutenden Einfluss auf ihre Mitarbeiter haben. Dieser Einfluss ist u. a. davon abhängig, welchen Bezug die Führungskraft zur eigenen Gesundheit hat – und dies schließlich im Rahmen der Vorbildfunktion auch vorlebt. Kein leichtes Unterfangen, wie die Darstellung der Belastungsfelder in Kapitel 2, Abschnitt 2.5.3 deutlich machen. Ziel ist es deshalb, im Rahmen der BGF bei Mittelmanagern das Bewusstsein dafür zu schaffen, selbst aktiv Einfluss auf die individuelle Gesundheit zu nehmen, was sich wiederum auf die Mitarbeitergesundheit und die ökonomischen Folgen für das Unternehmen auswirkt (vgl. Gerardi 2014). Anhand der vorhandenen pflegerisch-medizinischen Fachausbildung der Mittelmanager im Gesundheitswesen könnte die Frage gestellt werden, ob es denn überhaupt ein Manual braucht – das im Rahmen des BGM Unternehmen veranlasst, die Bewältigungsstrategien des Einzelnen auf Basis von Achtsamkeit zu unterstützen. Besteht denn tatsächlich ein Zusammenhang zwischen Körper und Psyche? Die Antwort auf beide Fragen lautet klar – ja. Auch wenn medizinisch ausgebildete Menschen in der Regel um gesundheitsförderndes Verhalten wissen, zieht dies leider in der Realität keine konsequente Umsetzung ebendiesen Verhaltens und Handelns nach sich. Häufig haben Menschen durch die vielfältige Einbindung in Beruf, Privatleben oder sozialem Engagement kaum inneren Bezug zu aktiven gesundheitsfördernden Maßnahmen, um die psychische Gesundheit zu erhalten bzw. zu verbessern. Die dadurch entstehenden Folgen, dass sich Mitarbeiter des Unternehmens unzureichend um die individuelle Gesundheit sorgen, tragen die Unternehmen durch die hohen Ausfallzahlen mit – motivationale Einbußen hier nicht mit eingerechnet. Viele Krankheitstage, ein hohes Maß an Fluktuation und eine große Zahl an Frühverrentungen sind flankierend für Berufsbilder pflegerischen Bereich – kein Wunder, denn der Anteil psychosomatischer Beschwerden in diesen Berufen liegt circa 44 Prozent über dem Durchschnitt im 4. 83 Vergleich mit anderen Berufsgruppen.227 Folglich liegt Gesundheit bzw. gesundheitsförderndes Verhalten in der Verantwortung des Einzelnen – ist nicht länger ausschließlich gesellschaftliche oder unternehmerische Verantwortung228 – dies wurde in Kapitel 2.2 festgestellt. Die Realisierung, also die Bereitschaft sowie das Aufrechterhalten für die kennengelernten Achtsamkeitsübungen, liegen in der Verantwortung jedes Einzelnen – leicht ebben „gut gemeinte“ Impulse, die während der Zeit des aktiven Trainingsmoduls entstehen, wieder ab und verlieren sich in der Vielschichtigkeit des Alltags. Es mag zwar pardox klingen, dennoch fehlt häufig aufgrund von psychischen Belastungssituationen die Muße, für die bewusste Auseinandersetzung des Belastenden, um die gewohnten gedanklichen Endlosschleifen zu unterbrechen und den Autopiloten auszubremsen. Gerade für die Neubewertung kritischer Situationen im Alltag der Mittelmanager ist dies jedoch von großem Nutzen, da hierin die Stärke des achtsamen Umgangs mit sich und dem eigenen Umfeld im facettenreichen Führungskräftealltag liegt. Kabat-Zinn nennt dies einen Wandel im Bewusstsein – „ein Umschalten von der gewohnheitsmäßigen blinden Daseinsweise zu wacher Präsenz.“229 Nichtsdestotrotz bleibt die Aufforderung, Zug um Zug Inhalte aus dem Manual in die Lebensrealität zu integrieren, um vom gewohnheitsmäßigen und häufig gedankenlos stattfindenden mentalen Alltag der Gefühle und reflexartigen Reaktionen, gerade in schwierigen und fordernden Managementsituationen, auf deeskalierende und innerlich beruhigende Strategien zuzugreifen – die sich in einem Zustand des „Seins“ begründet wissen. Besonders Alltagstätigkeiten laden ein, sich an bewusste Gedankengänge zu gewöhnen, um aus den vielen Facetten des Alltags verschiedene Perspektiven zu gewinnen – und ggf. die Perspektive auch zu wechseln, wahrnehmend und beobachtend. Die Basismodule legen den Grundstein für achtsamkeitsbasiertes Verhalten und Handeln im Arbeitsalltag der Mittelmanager. Zur Kompetenzerweiterung der Führungskräfte lohnen sich die Bausteine des Ergänzungsmoduls, da an dieser Stelle gezielt Problemlagen aufgegriffen werden, die durch achtsamkeitsbasiertes Training entschärft bzw. ver- 227 Vgl. Zimber, A. (2011), S. 157. 228 Vgl. Badura et al. (2010), S. 34. 229 Vgl. Kabat-Zinn, J. / Kesper-Grossman, U. (1999), S. 19. 4. Fazit und Ausblick 84 bessert werden können, und somit das im Basismodul Gelernte weiter vertieft und auf neue Situationen angewendet werden kann. Zeit in Verbindung mit Übung lässt allmählich eine innere Distanz zu Emotionen und gedanklichen Anhaftungen entstehen, was mit positiven Effekten auf das individuelle Belastungserleben sowie auf das soziale Arbeitsumfeld belohnt wird. Auch in Hinblick auf die Forschungen Ilmarinens bezüglich der Wirkung des Vorgesetztenverhaltens ist die Etablierung und Aufrechterhaltung einer achtsamkeitsbasierten Grundhaltung der Mitarbeiter sehr wünschenswert. Das vorgestellte Manual stellt anhand der Vielzahl an Möglichkeiten, Achtsamkeit formal sowie informell im Alltag zu integrieren, lediglich eine Auswahl an Möglichkeiten und Methoden dar. Das Ritualisieren nützlicher Methoden, wie beispielsweise einer achtsamen Tagesrückschau, die Entwicklung eines wohlwollenden und freundlichen Umgangs mit sich selbst, Mahlzeiten achtsam einzunehmen oder belastenden Gefühlen auf Abruf mit Achtsamkeit zu begegnen, fordern den Einzelnen, damit sich speziell in belastenden Führungssituationen die Wirkungen der Achtsamkeit einstellen. Gerade Führungsmethoden, Kommunikations- und Kooperationsstrukturen können von den weitreichenden Effekten zehren. Die Verbesserung des eigenen psychischen Erlebens sowie die Wirkung dessen auf Arbeitsbedingungen, einhergehend durch eine höhere Mitarbeiterzufriedenheit mit einer Steigerung der Leistungsbereitschaft, stellen anzustrebende positive Wirkungen dar, die sich unter Umständen auch auf Abwesenheitsquoten niederschlagen.230 Maßnahmen zur Gesunderhaltung sind eine Möglichkeit, die Mittelmanager zu stärken, um den Herausforderungen des facettenreichen Alltags gestärkt und klarer zu begegnen. Für das Gelingen ist die Einbindung weiterer Berufsgruppen in den Prozess des Achtsamkeitstrainings innerhalb der Organisation von gro- ßem Vorteil. Das Trainingsmanual stellt ein Unterstützungsinstrument zur Handhabe der hohen psychischen Arbeitsbelastung der Mittelmanager dar. Die Erweiterung der Bewältigungskompetenzen der Mittelmanager führt zur Festigung der Position sowie zu einem verbesserten teamorientierten Handeln. 230 Vgl. Schmidt, C. et al. (2013), S. 21 f. 4. Fazit und Ausblick 85 Für eine nachhaltige Wirkung ist es notwendig, regelmäßig zu üben, dabei gehen Regelmäßigkeit und Häufigkeit vor Dauer der Übung. Nach Kabat-Zinn ist es zwar einfach, Achtsamkeit zu praktizieren – jedoch nicht leicht.231 Das Anbieten einer Trainerhotline zwischen den einzelnen Modulbausteinen sowie im Anschluss daran, kann den Transfer in den Alltag ebenfalls unterstützen.232 Um das Einüben von Achtsamkeit zu vertiefen, eignen sich nach Beendigung des Trainingsmanuals auch sog. Retreats. Sie stellen Auszeiten dar, innerhalb derer in Stille und unter Anleitung eines Meditationslehrers einige Tage zur inneren Sammlung dienen. Zustände tiefer innerer Ruhe und Ausgeglichenheit führen zur Verfestigung der gesundheitsfördernden Verhaltensweisen, so dass diese im Alltag leichter abrufbar werden. Auch der Einsatz von Handyapps will den achtsamen Umgang mit sich und der eigenen Lebenszeit unterstützen – immer verfügbar, bietet eine wachsende Zahl an Appherstellern ihre Dienste auch im Themenbereich der Achtsamkeit an. Erste Studien kommen laut Lehr zu dem Ergebnis, dass sich aufgrund einer 2016 durchgeführten Metaanalyse in den Niederlanden „kleine aber signifikante“ Verbesserungen u.a. im Bereich der Achtsamkeit feststellen lassen. Für gesunde Menschen ein leichter Einstieg, der noch auf viel Potential hoffen lässt.233 Dennoch bleiben Grenzen des achtsamkeitsbasierten Ansatzes. Strukturelle Problemstellungen an sich können mit Hilfe des Manuals nicht gelöst werden, jedoch kann sich die Herangehensweise an Fachund Führungsaufgaben in eine positive Richtung verändern. Siegel bezeichnet Achtsamkeit als eine Form der gesunden Beziehung zu sich selbst.234 „Einfach ein bisschen auf den Atem achten, dann kommt man viel besser mit den Anforderungen der Arbeitswelt klar.“ Ganz so einfach 231 Vgl. Kabat-Zinn, J.: Im Alltag Ruhe finden: Meditationen für ein gelassenes Leben. München 2010 S. 21. 232 Vgl. Besser, R.: Transfer: Damit Seminare Früchte tragen. Strategien, Übungen und Methoden, die eine konkrete Umsetzung in die Praxis sichern, Weinheim3 2004, S. 179. 233 Vgl. v. Rutenberg, J.: Buddha to go. Meditations-Apps sind zu einem Massenphänomen geworden. Können Sie die Ruhe zurückbringen, die andere Apps geraubt haben?, in: ZEIT Magazin No 9 22.2.2018, S. 18 ff. 234 Vgl. Siegel, D. J.: Das achtsame Gehirn, Freiamt 2007, S. 11. 4. Fazit und Ausblick 86 stellt sich die Realität leider nicht dar. Vielmehr ist es häufig so, dass gerade anfänglich beim Training auch negative Effekte auftreten können, wie Ängste oder Traurigkeit – hier ist es von Vorteil, die innen aufsteigenden Emotionen wahrzunehmen und weiterziehen zu lassen. Die Tatsache, dass sich körperliche Schmerzen oder starke Unruhe entfalten, kann irritieren. Viele Prozesse aus dem Unbewussten treten in diesen Phasen in das Bewusstsein des Einübenden. Um die Auswirkungen des achtsamkeitsbasierten Trainings mit all seinen Facetten und Herausforderungen zu erfahren, ist es notwendig, mit Entschlossenheit, Wohlwollen und Geduld – in erster Linie sich selbst gegen- über – ans Werk zu gehen, und diese auftretenden fordernden Phasen mit Durchhaltevermögen auszuhalten.235 Es bleibt festzuhalten, dass die Folgen der psychischen Belastung und Beanspruchung für Mittelmanager im Gesundheitswesen ein erhebliches Ausmaß besitzen, und die Stärkung des eigenverantwortlichen Umgangs mit der physischen und psychischen Gesundheit im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung eine zunehmend wichtigere Rolle erhalten soll – nicht zuletzt auch aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit. 235 Vgl. Michalak J. et al. (2018), S. 47 ff. 4. Fazit und Ausblick 87

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Zusammenfassung

Psychische Arbeitsbelastungen sind ein Faktum unserer Arbeitswelt. Was sind die Ursachen, die bei Stations- und Wohnbereichsleitungen in Kliniken und Altenheimen zu einem Burnout führen und wie kann ihnen begegnet werden? Führungskräfte und Mitarbeitende profitieren gleichermaßen von einem achtsamkeitsbasierten Ansatz in der Personalführung, da die individuellen Ressourcen zum Umgang mit belastenden Situationen im Beruf und im Alltag von ihnen gestärkt werden.

Der Inhalt des Buches zeigt zum einen die vielschichtige Situation für Leitungskräfte und auch Beschäftigte in der Pflege im Gesundheitswesen auf. Zum anderen wird im Anschluss praxisnah verdeutlicht, wie sich auf Basis von Achtsamkeit individuelle Lernprozesse positiv beeinflussen lassen.