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3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals in:

Maria Schraud

Arbeitsfähigkeit durch Achtsamkeit, page 53 - 82

Entwicklung eines Trainingsmanuals zur Senkung der psychischen Arbeitsbelastung in Gesundheitsberufen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4413-1, ISBN online: 978-3-8288-7416-9, https://doi.org/10.5771/9783828874169-53

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 91

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals Eignung des Ansatzes der Achtsamkeit für das BGM Den Rahmen für die Erarbeitung des Trainingsmanuals zur Senkung der psychischen Arbeitsbelastung auf Basis von Achtsamkeit stellt die Gesundheitsförderung innerhalb des betrieblichen Gesundheitsmanagements dar. Die gezeigten Wirkungen der Achtsamkeit, die sich im Alltag sowie in beruflichen Kontexten zeigen, sind nach Auffassung der Autorin gleichzeitig die Rechtfertigung und die Notwendigkeit für die Erarbeitung des Manuals für Sandwichpositionen im Pflegebereich. Die Literaturrecherche in diesem Bereich macht deutlich, dass Manuals zur Stressreduktion vorhanden sind, ein Trainingsmanual auf Basis von Achtsamkeit für die Belastungssituationen speziell in Sandwichpositionen des Gesundheitswesens jedoch im Rahmen der Recherche für diese Arbeit durch Handsuche sowie Datenbankrecherche nicht recherchiert werden konnten. Um an dieser Stelle die Forschungslücke aufzufüllen, wird im nachfolgenden der Aufbau des Trainingsmanuals dargestellt, das auf Basis der formalen und informellen Übungen Zug um Zug zu einer Bewusstseinsveränderung der Teilnehmenden führen soll. Somit können die beschriebenen Wirkungen der Achtsamkeit in allen dargestellten Belastungssituationen der Mittelmanager (siehe Kapitel 2, Abschnitt 2.5.3) zum Tragen kommen. Die Repertoireerweiterung hinsichtlich des verbesserten psychischen Belastungserlebens leistet einen Beitrag zur Stärkung der Selbstkompetenzen sowie zu einem gesundheitsorientierten Führungsstil. Der Aufbau des Trainingsmanuals erfolgt in Basis- und Ergänzungsmodulen. Die Bausteine des Basismoduls sollen dazu dienen, die eigene Gesundheits- und Beanspruchungssituation einzuschätzen und im auf- 3. 3.1 53 bauenden Schritt, Kenntnisse über Stressentstehung, Wirkungsweisen zu erfahren, die Eigenverantwortlichkeit für gesundheitsförderliches Verhalten zu erkennen und schließlich zuverlässig Methoden zu reflektieren und zielführend einzuüben. Kern des Basismoduls stellen die Grundlagen der Achtsamkeit sowie die Einübung formaler Achtsamkeitsübungen dar. Deutlich wird an dieser Stelle, dass der gegenwärtige Augenblick Gegenstand der Achtsamkeit ist und sowohl äußere sowie innere Komponenten beinhaltet. Diese beiden Komponenten fließen ein in den Umgang mit sich selbst sowie auf den Umgang in der Interaktion mit Menschen und Situationen. Dieses Wissen sowie die dazugehörigen Strategien sollen zukünftig auch in belastenden Situationen abrufbar sein bzw. die Wirkung der Interventionen auch über den Übungszyklus hinaus anhalten. Mit diesen Voraussetzungen und den (neu) eingeübten Fähigkeiten hinsichtlich des achtsamen Umgangs mit sich selbst können darauf aufbauend – je nach Problemfeld – die Ergänzungsmodule ausgewählt und besucht werden. Lernprozesse und Merkmale des vorliegenden Manuals Die wichtigsten Werkzeuge des BGM stellen innerhalb der Lernprozesse die Ist-Stand-Analyse, die Interventionsplanung, die Interventionsdurchführung sowie deren Evaluation dar.165 Lernprozesse im BGM beziehen sich auf einzelne Personen, einzelne Maßnahmen bzw. Projekte sowie deren gesamte Organisation. Diese drei verschiedenen – und doch zusammen gehörenden Lernebenen – sind bei der Organisation von Lernprozessen in Organisationen zu berücksichtigen. Per se locken Lernsituationen Teilnehmer mit individuellem Gewinn und Kompetenzzuwachs – und gleichzeitig bedeutet es Aufwand für den Lernenden, um Neues einzubinden und stabile Gewohnheiten zu verändern. Die Gefahr, fortzusetzen was man kennt, anstelle dessen, was nützlich wäre, ist groß. Der Mensch weiß zwar häufig um die Wirkung von positiven Lebensgewohnheiten auf die 3.2 165 Vgl. Badura, B. / Ritter, W. / Scherf, M.: Betriebliches Gesundheitsmanagement. Ein Leitfaden für die Praxis, Berlin 1999, S. 47 ff. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 54 Gesundheit, die konsequente Umsetzung dessen in einen gesundheitsförderlichen Lebensstil ist jedoch nicht immer gegeben. Um Kompetenzentwicklung zu ermöglichen, ist hinsichtlich der Planung des Manuals didaktische Professionalität gefordert.166 Nach Erpenbeck und Rosenstiel handelt es sich bei Kompetenzen um Dispositionen selbstorganisierten Handelns. Das Erreichen bzw. Übertreffen des gewählten Zielerreichungsgrades wird demzufolge als Kompetenz bezeichnet – ein komplexer Prozess also, um sich günstige Strategien und Kompetenzen anzueignen.167 Zur Gestaltung des Kompetenzentwicklungsprozesses werden anhand der ermittelten Problemfelder Lernziele für die Mittelmanager definiert, deren Erreichung durch die entsprechende Auswahl an Lernformen bzw. Methoden angestrebt wird. Lernende erweitern ihre Bewältigungsstrategien dadurch, dass sie aus dem zur Verfügung gestellten „Buffet“ an Möglichkeiten anhand der individuellen Reflexion die passendsten Methoden letztlich selbst für sich auswählen. Der Lernende steigt in die aktive Rolle und gestaltet den individuellen Lernprozess mit.168 Der Einsatz von Medien und Materialien unterstützt dies im Ablauf. Anhand der Evaluierung am Ende eines jeden Modulbausteins wird die Praktikabilität für den Transfer in den (Übungs-)Alltag gemessen.169 Inhaltlich wird dabei abgefragt, ob die neu gewonnenen Impulse „Lust“ bereiten, eine konsequente Einübung zwischen den Modulbausteinen zu etablieren bzw. aufrecht zu erhalten. Die Ausrichtung der Modulbausteine auf praxis-, handlungs- sowie erfahrungsorientierte Bestandteile begünstigt dies und hilft die sog. Transferlücke (möglichst) zu schlie- ßen.170 166 Vgl. Arnold, R.: Bausteine der Erwachsenendidaktik, Studienbrief EB 0120 des Master-Fernstudiengangs Erwachsenenbildung der TU Kaiserslautern, unveröffentlichtes Manuskript Kaiserslautern 2014 S. 50 f. 167 Vgl. Erpenbeck, J. / von Rosenstiel, L. (Hrsg.) Handbuch der Kompetenzmessung. Erkennen, verstehen und bewerten von Kompetenzen in der betrieblichen, pädagogischen und psychologischen Praxis, Stuttgart 2003 S. IX-XL. 168 Vgl. Erpenbeck, J. / Sauter, W.: Kompetenzentwicklung ermöglichen, Studienbrief EB 0820 des Master-Fernstudiengangs Erwachsenenbildung der TU Kaiserslautern, unveröffentlichtes Manuskript Kaiserslautern 2010 S. 9. 169 Vgl. ebd. S. 144 f. 170 Vgl. Höffer-Mehlmer, M.: Handlungs- und Erfahrungsorientiertes Lernen in der Erwachsenenbildung. Studienbrief EB 0510 des Master-Fernstudiengangs Er- 3.2 Lernprozesse und Merkmale des vorliegenden Manuals 55 Komponenten der Gesundheitskompetenz und Lernziele171 Nach McKenna et al. unterstützen einige Komponenten die Wahrscheinlichkeit zur gelingenden Aneignung gesundheitsfördernder Verhaltensmuster. Hiernach liegt der Kern der Verhaltensänderung in günstigen physischen, psychischen und sozialen Rahmenbedingungen, damit Einzelpersonen oder ganze Gruppen ihr Verhalten zugunsten der Gesundheit positiv verändern können und auch wollen. So stellen Komponenten wie Dringlichkeit, Bedrohung oder Verletzbarkeit Faktoren dar, die dazu führen, dass der Mensch die Bereitschaft entwickelt, sein Verhaltensmuster zu verändern und anzupassen.172 Ste- Abbildung 7: wachsenenbildung der TU Kaiserslautern, unveröffentlichtes Manuskript Kaiserslautern2 2012 S. 43 ff.; vgl. Siebert, H. (2009) S. 101 ff. 171 Vgl. DGFP e. V.(2004), S. 27 172 Vgl. McKenna, J. / Davis, M. Das Problem der Verhaltensänderung, in: Kerr, J. / Weitkunat, R. / Moretti, M. (Hrsg.): ABC der Verhaltensänderung. Der Leitfaden für erfolgreiche Prävention und Gesundheitsförderung, München 2007, S. 30 ff.; Vgl. Franke, F. et al. (2011), S. 282. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 56 vens definiert für gelingende gesundheitsfördernde Interventionen als notwendig: – die Motivation („Besitze ich die Einstellungen, Kognitionen zur Verhaltensänderung?“), – das Verständnis für die Bedeutung der Verhaltensänderung („Wie wird sich die Veränderung auf meine Lebensqualität auswirken?“), – die Selbstwirksamkeit („Habe ich die Kraft für die anstehende Anstrengung der Veränderung?“), – das Wissen um spezifische Fertigkeiten („Habe ich die notwendigen physischen und psychischen Ressourcen für den Aufwand der Veränderung?“), – die soziale Unterstützung („Wird mein familiäres oder freundschaftliches Umfeld unterstützend wirken?“) sowie – die Beziehung zwischen Lehrendem und Teilnehmendem („Besitzt der Lehrende Empathie, Präsenz und Kompetenz in der Vermittlung von Inhalten?). Diese von Stevens formulierten Faktoren stellen wichtige Voraussetzungen hinsichtlich des Settings dar.173 Schließlich sind es die jeweiligen Teilnehmenden, welche die (gesamte) Veränderungsarbeit leisten müssen. Organisationen lernen durch das Lernen der Organisationsmitglieder, deshalb ist es wichtig, einen Lehr- und Lernweg zu gehen, der die Bewältigungskompetenz der Zielgruppe erweitert – dies wird in der Planung des Manuals deutlich. Die Vermittlung von Wissen sowie das Einüben neuer kognitiver und praktischer Fähigkeiten sollen dazu führen, dass das individuelle Handlungsrepertoire der Teilnehmer zur Bewältigung in und nach belastend empfundenen Situationen erweitert wird.174 Durch das praktische Einüben in der Gruppe erhält die Maßnahme des Trainings Kontinuität und Berührungsängste reduzieren sich.175 Klassische Möglichkeiten der Kommunikation wie Newsletter, Informationsbroschüren oder Poster runden die Möglich- 173 Vgl. Stevens, V. Lernen von Gewohnheiten und Fertigkeiten in: Bamberg, E. / Ducki, A. / Metz, A. (Hrsg.): Gesundheitsförderung und Gesundheitsmanagement in der Arbeitswelt, Göttingen 2011, S. 253 ff. 174 Vgl. Treier, M.: Personalpsychologie kompakt, Basel 2011 S. 134 f. 175 Vgl. Badura, B. et al, (1999), S. 48 ff. 3.2 Lernprozesse und Merkmale des vorliegenden Manuals 57 keiten der Interaktion zwischen Lehrendem und Lernendem ab.176 Ökonomische Gesichtspunkte sind im Rahmen der Umsetzungsplanung zu berücksichtigen. Auch der Auswahl des Lehrenden kommt im Trainingsmanual eine zentrale Bedeutung zu. Voraussetzung ist nach Siebert für das Annehmenkönnen neuer Strategien eine Perspektivenverschränkung zwischen Lehrendem und Teilnehmendem. Die Verständigung und der Austausch über verschiedene Konstrukte, lebensweltliche Erfahrungen sowie das empathische Einfühlen sind nach Siebert begünstigende Faktoren der Bildungsarbeit.177 Teilnehmerorientiertes Lehrverhalten im Rahmen der Zielgruppenarbeit ermöglicht Prozesse des Anschlusslernens bei Erwachsenen.178 Bestätigung findet dies auch in der Therapieforschung (siehe Harrer und Weiss). Hiernach sind Präsenz und Empathie zentrale Fähigkeiten des Lehrenden, die zum Gelingen des Aneignungsprozesses beitragen. Damit ist gemeint, dass sich Lehrende offen und neugierig dem Gegenwärtigen zuwenden, um Toleranz gegenüber einengenden Sichtweisen und unter Umständen schwierigen Erfahrungen walten lassen zu können. Die Interaktion zwischen Lehrendem und Teilnehmendem wirkt sich deutlich auf die Veränderungsbereitschaft der Teilnehmenden aus. So ist die Einsicht in die Notwendigkeit von großer Bedeutung für die Korrektur bzw. Veränderung von Verhaltensmustern.179 Damit Kompetenzen erlernt bzw. erweitert werden, ist es zudem immer notwendig, neben kognitiven auch emotionale Strukturen und Prozesse zu verändern.180 Dies wird im Rahmen des Trainingsmanuals deutlich, da es immer wieder Emotionen sind, die das psychische Belastungserleben steuern und mitunter verschärfen. „Emotionale“ Achtsamkeit soll also eingeübt und in den Arbeitsalltag zur mentalen Entlastung der Führungskräfte integriert werden, und durch deren Vorbildfunktion folglich auch zur psychischen Entlastung der Mitarbeiter beitragen. 176 Vgl. Rössler, W. / Keller, H. / Moock, J. (Hrsg.): Betriebliches Gesundheitsmanagement. Herausforderungen und Chance, Stuttgart 2015, S. 73 f. 177 Vgl. Siebert, H. (2009), S. 105 ff. 178 Vgl. ebd. S. 109. 179 Vgl. Harrer, M. / Weiss, H. (2016), S. 58 ff. 180 Vgl. Wahl, D. (1995), S. 95 ff. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 58 Auch das Augenmerk für die Aufrechterhaltung des angestrebten Zielzustandes ist Aufgabe des Trainers. Lernende verlieren leicht den Blick für das Ziel, wenn Probleme auftreten oder sich Erfolge nur schleppend einstellen. Didaktisches Geschick hinsichtlich der anschaulichen und plastischen Zielsituation ist hier gefragt. Dies ist dann erreichbar, wenn ein klarer Fokus hinsichtlich Bedürfnissen und Zielgruppenorientierung vorliegt.181 Der hier erarbeitete Aufbau des Trainingsmanuals erfordert es außerdem, dass der Trainer eine Weiterbildung zum „Berater für Arbeitsbewältigungs-Coaching“ (kurz: ab-c®) auf Basis des Arbeitsbewältigungskonzepts nach Ilmanrinen (siehe hierzu: http://www.arbeitsbewaeltigungscoaching.eu/qualifizierung/) aufweist, damit die Erhebung des WAI auf korrekte Weise stattfindet. Schwerpunkt in der vorliegenden Arbeit ist die individuelle Lernebene. Die Interventionen wirken auf der Mikro-Ebene der Ressourcen, also im Bereich der psychosozialen Prozesse des Individuums und können schließlich nützliche Wirkungen auf der Meso-Ebene (soziale Netzwerke) sowie auf der Makro-Ebene (sozial-strukturelle Bedingungen) entfalten, um schließlich einen Kulturwandel innerhalb des Unternehmens nach und nach zu verankern.182 Die Kombination aus Wissensverarbeitung (Kognition) mit anschließender Einübung führt zu einer gesundheitsförderlichen achtsamkeitsbasierten Einstellung (Affekte), die sich im aktiven Verhalten (Psychomotorik) der Teilnehmenden wiederfinden soll.183 181 Vgl. Weidenmann, B.: Erfolgreiche Kurse und Seminare. Professionelles Lernen mit Erwachsenen, Weinheim6 2004, S. 30 f. 182 Vgl. Wüsten, G.: Soziale Ressourcen – Ein Schlüssel zur Gesundheit. Psychotherapie im Dialog, Jg.17 (2), S. 48 ff. 183 Vgl. Arnold, R. / Nolda, S. / Nuissl, E. (Hrsg.): Wörterbuch Erwachsenenpädagogik, Regensburg 2001 S. 209.; Nitschke, P.: Trainings planen und gestalten. Professionelle Konzepte entwickeln, Inhalte kreativ visualisieren, Lernziele wirksam umsetzen, Bonn3 2014, S. 19., DGFP e. V., S. 27. 3.2 Lernprozesse und Merkmale des vorliegenden Manuals 59 Zielsetzung des Trainingsmanuals „Unser Leben ist das, was unser Denken daraus macht.“ (Mark Aurel) Wie bereits beschrieben, ist oberstes Ziel die Senkung der empfundenen psychischen Arbeitsbelastung. Dies geschieht dadurch, dass Prinzipien des Erwachsenenlernens, wie im vorangegangenen Kapitel beschrieben, in die Gestaltung des Trainingsmanuals eingebunden werden. Das Individuum lernt durch Antizipation und Partizipation (beispielsweise Aneignungsstrategien) während des Seminarverlaufs.184 Die Einübung sowie die Wirkung achtsamkeitsbasierender Interventionen werden Zug um Zug kennengelernt und erfahrbar. Zentral ist die Erfahrung der bewusst eingeleiteten Selbststeuerung, die durch das Erleben der Selbstwirksamkeit in konkreten Situationen erworben wird. Selbstwirksamkeit bedeutet, dass der Mensch das konkrete Erlebnis der positiven Veränderung im Umgang mit einer bestimmten Situation erfährt. Diese entwickelt sich aus gelingenden Lernprozessen.185 Der Einzelne gelangt von der passiven Rolle in die aktive und kompetente Situation, aufgrund eigener entwickelter achtsamkeitsbasierter Kompetenzen schwierige Anforderungssituationen zielführender bewältigen zu können.186 Diese wurden in Kapitel 3, Abschnitt 3.4 ausführlich erläutert. Hinsichtlich des Lerneffekts stellt Freiwilligkeit einen entscheidenden Faktor bezüglich der Veränderungsbereitschaft dar. Um die Durchdringung der Organisation zu erreichen, sollen im Nachgang an die erstmalige Durchführung der Basismodule Zug um Zug möglichst viele Unternehmensmitglieder in den Ausbau der Trainingsmaßnahme eingebunden werden. 3.3 184 Vgl. Siebert, H. (2009), S. 109 ff. 185 Vgl. Weidenmann, B. (2004), S. 20.; vgl. Franke, F. et al. (2011), S. 382. 186 Vgl. Uhle, T. / Treier, M.: Betriebliches Gesundheitsmanagement. Gesundheitsförderung in der Arbeitswelt – Mitarbeiter einbinden, Prozesse gestalten, Erfolge messen, Berlin 2011, S. 43 ff. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 60 Aufbau des Trainingsmanuals Das Training ist als fortlaufendes, aufeinander aufbauendes Gruppentraining mit freiwilliger Teilnahme für maximal 12 Personen im geschlossenen Setting geplant. Bewusst wurde hier die Terminologie des Trainingsmanuals gewählt, da es um Einübung der in den angeleiteten Trainings erworbenen Fertigkeiten geht. Nur durch die Aspekte Übung, Wiederholung, Durchhaltevermögen sowie die Integration in den Alltag lassen sich die positiven Wirkungseffekte der Achtsamkeit erlangen. Die angeleiteten Trainingsmanuals finden im zweiwöchigen Rhythmus mit jeweils drei Stunden statt und wechseln methodisch zwischen verschiedenen Lernformen ab. Die dreistündigen Module bauen aufeinander auf und ermöglichen Übungskorridore zwischen den einzelnen Modulbausteinen. Das Ausfüllen von Trainingsprotokollen dokumentiert für den Teilnehmer den Übungsverlauf. Im Bedarfsfall – um der Zielgruppe aus dem Gesundheitswesen mit Schichtrhythmen gerecht zu werden, können eintägige Blockveranstaltungen durchgeführt werden. Der Aufbau in Modulen ermöglicht eine klare Struktur und Übersicht in der Konzeption und lässt gleichzeitig reaktiven Spielraum innerhalb der Veranstaltungen für besondere Anforderungssituationen seitens der Zielgruppe.187 Die Bausteine sollen dazu dienen, eingangs die eigene Gesundheits- und Beanspruchungssituation individuell im persönlichen Beratungsgespräch nach dem ab-c®-Konzept selbst einzuschätzen, um im darauf aufbauenden Schritt Kenntnisse über Stressentstehung, subjektive Wirkungsweisen, die Notwendigkeit zu eigenverantwortlichem gesundheitsfördernden Verhalten zu erfahren, um schließlich Aspekte der Achtsamkeit in praktischen Einheiten (formal und informell) zur Senkung der Belastungssituation für sich zu erkennen und weiter auszubauen. Im Hinblick auf den individuellen Umgang mit belastenden Situationen der Mittelmanager bildet das Kennenlernen formaler Achtsamkeitsübungen den Kern der Programmplanung innerhalb der jeweiligen Modulbausteine. Die Programmplanung innerhalb eines Moduls orientiert sich an der Zielgruppe mit Sandwichposition.188 Die praktischen Modulbestandteile werden erklärt, eingeübt und sollen 3.4 187 Vgl. Rössler, W. et al. (2015), S. 72 f. 188 Vgl. Faulstich, P. / Zeuner, C.: Erwachsenenbildung, Basel 2010 S. 57 ff. 3.4 Aufbau des Trainingsmanuals 61 Einzug in den Alltag der Mittelmanager halten. Mit diesen grundlegenden Modulinhalten hinsichtlich des verbesserten und aufmerksameren achtsamen Umgangs mit sich selbst soll positiver Einfluss genommen werden auf das individuelle Belastungserleben der Teilnehmer und gleichzeitig der Weg für darauf aufbauende Entlastung erzeugende Themenstellungen geebnet werden. Grundlegend in der Programmplanung ist die Lernzieldefinition innerhalb eines Modulbausteins. An dieser Stelle wird verdeutlicht, welche Lernergebnisse bzw. beobachtbaren Verhaltensänderungen beim Lernenden als Resultat des Trainingsmanuals angestrebt werden. Aus der Lernzieldefinition folgen im darauffolgenden Schritt auch die Planung der inhaltlichen Durchführung mittels Medien- und Methodeneinsatz sowie die Evaluation der Lehr-/Lernprozesse im jeweiligen Modul.189 Diese Zwischenevaluation ermöglicht es den Teilnehmern, den individuellen Lernfortschritt sowie den eigenen Grad der Zielerreichung einordnen und bewerten zu können.190 Zur Sicherstellung bzw. Unterstützung des Lerntransfers in die Praxis des Arbeitsalltags stehen den Kursteilnehmern ab Beginn des Trainings Arbeitsmaterialien und Checklisten (Arbeitsblätter, Bilder, Jonglierbälle, Musikempfehlungen) zur Vertiefung und Einübung bereit. Auch Übungen, in denen Alltagssituationen nachgestellt werden, um neue Verhaltensbestandteile erstmalig bewusst auf den Arbeitsalltag zu übertragen („die Praxis in das Seminar holen“), finden in den Trainings statt. Das individuell geführte Trainingsprotokoll dient dazu, den Verlauf des Einübens darzustellen und an einer gut sichtbaren Stelle aufbewahrt, immer wieder an das individuelle Training zu erinnern (Ankerwirkung). „Transfer bedeutet, dass Neues so stimmig in die Person integriert wird und zum Umfeld passt, dass es wie selbstverständlich umgesetzt wird.“191 189 Vgl. Arnold, R. et al. (2001) S. 208.; Meyerhoff, J. / Brühl, C.: Fachwissen lebendig vermitteln. Das Methodenhandbuch für Trainer und Dozenten, Leonberg 2004 S. 24 ff. 190 Vgl. Mayerhoff, J. / Brühl, C.: Fachwissen lebendig vermitteln. Das Methodenhandbuch für Dozenten, Leonberg 2004 S. 72 ff. 191 Besser, R.: Transfer: Damit Seminare Früchte tragen. Strategien, Übungen und Methoden, die eine konkrete Umsetzung in die Praxis sichern, Weinheim3 2004, S. 13. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 62 Durch das Achtsamkeitstraining lässt sich die Aufmerksamkeit in eine für den einzelnen „heilsame“ Richtung entwickeln. Damit sich aus den trainierten Methoden entlastende Verhaltensmuster verfestigen lassen, ist eine konsequente Wiederholung der Übungen über den Zeitraum des Manuals hinaus unabdingbar.192 Im Nachfolgenden ist der Aufbau des Trainingsmanuals dargestellt: Aufbau des Trainingsmanuals in Basis- und Ergänzungsmodule Die Basismodule bilden die Grundlage für den Einstieg in das achtsamkeitsbasierte Training. Diese werden im Nachfolgenden hinsicht- Abbildung 8: 192 Vgl. Steiner, A. (2016), S. 73. 3.4 Aufbau des Trainingsmanuals 63 lich Zielsetzung, Ablauf / Inhalt und Evaluation erläutert. Aufgrund der formalen Beschränkung der Masterarbeit bleiben die Ergänzungsmodule hinsichtlich Ausarbeitung für das Training lediglich in Abbildung acht dargestellt. Die Ergänzungsmodule knüpfen inhaltlich an die Basismodule an, damit weitere konkrete verhaltensbezogene Ergänzungsmodule für den achtsamen Umgang im Setting des beruflichen Umfeldes ihren Platz finden. Hier kann in Anlehnung an individuell festgestellte Problemfelder das zutreffende Ergänzungsmodul aus dem Katalog der Bausteine gewählt werden. Zur Durchdringung des achtsamkeitsbasierten Ansatzes lassen sich die Module zugänglich für alle hierarchischen Ebenen im Gesundheitswesen didaktisch vor- und aufbereiten, um achtsamkeitsbasierte Aspekte dauerhaft in der Unternehmenskultur zu etablieren, die sodann schließlich eine kulturelle Transformation ermöglichen. Um dem Regelkreis von Diagnose, Interventionsplanung, Interventionsdurchführung und Evaluation zu entsprechen, startet das Trainingsmanual mit der Identifikation der Arbeitsbelastungen der Mittelmanager.193 Der eingesetzte Fragebogen mit der Ermittlung des individuellen WAI zur Ist-Stand-Analyse im Vorfeld findet auch nach Abschluss der Trainingsmaßnahme Anwendung, um die Wirksamkeit der erlernten Bewältigungsmaßnahmen am Ende der Basismodule des Trainingsmanuals erneut zu messen. Vorstellung der Basismodule Analysemodul zur Standortbestimmung Vorab, zwei Wochen vor dem ersten Basismodul, erfolgt die strukturierte Einschätzung der individuellen psychischen Belastungs- und Beanspruchungssituation mittels standardisiertem Fragebogen des Arbeitsbewältigungs-Coachings nach Ilmanrinen (siehe Anhang A 1). Ziel des strukturierten Fragebogens sind die Ermittlung des Work Abi- 3.5 3.5.1 193 Vgl. Oppolzer, A.: Gesundheitsmanagement im Betrieb. Integration und Koordination menschengerechter Gestaltung der Arbeit, Hamburg 2006 S. 37 f. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 64 lity Index, um Förderfelder im Bereich der individuellen Ressourcen zu identifizieren, die es Teilnehmenden erleichtern und ermöglichen sollen, den Arbeitsanforderungen des Berufsfeldes zukünftig – möglichst unter geringerer psychischer Belastung – nachkommen zu können. Der Fragebogen dient als individuelles und beteiligungsorientiertes Instrument zur Früherkennung für physische und psychische Belastungssituationen, die auf die Arbeitsfähigkeit einwirken. Basisdaten für die Ist-Analyse hinsichtlich der arbeitsbedingten Risiken, die mittel- und langfristig zu arbeitsbedingten (psychischen) Erkrankungen führen können, werden erhoben. Darauf aufbauend erfolgt hier gezielt ein Maßnahmenprogramm, das möglichst den Verbleib bis zur Regelrente durch erlernte, gesundheitsfördernde belastungsreduzierende Strategien ermöglichen soll.194 Dies findet seinen Beginn durch die individuelle Beratung im einstündigen vertraulichen Coaching-Gespräch, bei dem der ab-c®-Fragebogen ausgefüllt und besprochen wird. Bereits an dieser frühen Stelle im Prozess wird der Teilnehmer ermutigt, Eigeninitiative für sein Gesundheitsverhalten zu übernehmen und (auch) durch Fördermaßnahmen seitens der Organisation ermuntert, gesundheitsfördernde Kompetenzen (weiter) zu entwickeln.195 Konkret angestrebt wird eine Verbesserung der persönlichen Voraussetzungen, um den bestehenden Arbeitsanforderungen auch in ansteigendem Lebensalter nachkommen zu können und den Verbleib in der Position der Mittelmanager möglichst bis zum Regeleintrittsalter in die Rente zu verlängern. Gleichzeitig dient der standardisierte Fragebogen nach Ilmarinen als Evaluationsinstrument nach Abschluss des Basismoduls. So lässt die Ermittlung des WAI (siehe Kapitel 2, Abschnitt 2.1) Rückschlüsse auf die individuelle Einschätzung zur Erhaltung und Verbesserung der Arbeitsfähigkeit zu und macht Entwicklungen bei einer Vorher-Nachher-Erhebung deutlich. 194 Vgl. Tempel, J.: Nachhaltiger Druck beugt das Knie. Ergebnisse der psychischen Gefährdungsbeurteilung in einer Stadtverwaltung, in: Giesert, M. (Hrsg.) Psychisch gesund bleiben. Betriebliche Gesundheitspolitik für die Praxis – in der Praxis, Hamburg 2010 S. 131–144. 195 Vgl. Tempel, J. / Ilmarinen, J. (2013), S. 103 ff.; Badura, B. et al. (2018), S. 303 ff. 3.5 Vorstellung der Basismodule 65 Darüber hinaus trägt das persönliche Coaching-Gespräch zum Aufbau einer adäquaten Beziehung zwischen Trainer und den einzelnen Teilnehmern bei, da Unklarheiten, Fragen, Vorerfahrungen mit Stressbewältigungsmaßnahmen sowie die Teilnahmemotivation ohne Zeitverlust geklärt werden können.196 Da die Autorin selbst die Weiterbildung zur Beraterin für Arbeitsbwältigungscoaching (ab-c®) nach dem Arbeitsfähigkeitsmodell von Ilmarinen erfolgreich absolviert hat, und folglich auch berechtigt ist diese Instrumente anzuwenden, dürfen der ab-c®-Fragebogen (Anhang A 1) sowie die standardisierte Kodieranleitung (Anhang A 2) im Anhang aufgenommen werden. Basismodul 1 – Achtsamkeit kennenlernen (Lern-)Ziele des Modulbausteins: – Aufbau und Ablauf des Trainingsmanuals sind erläutert und besprochen – Individuelle psychische Belastungen aus dem Arbeitsalltag sind durch die Analyse im Vorfeld bekannt und fließen in die Seminararbeit ein – Grundlagen der Balastungsentstehung und -wirkung sind bekannt – Motivation zum eigenverantwortlichen Gesundheitsmanagement ist gestärkt – Praktische Hinweise zur Einübung von Achtsamkeit sind vermittelt Methoden: Vortrag im Seminarstil, Kartenabfrage der konkreten individuellen Erwartungen an das Seminar, Einübung formaler Achtsamkeitsübungen, Storytelling, Feedback 3.5.2 196 Vgl. Krampen, G.: Entspannungsverfahren in Therapie und Prävention, Göttingen3 2013, S. 361 ff. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 66 Inhalt / Ablauf: (Er)Klärung der Rahmenbedingungen: Die Rahmenbedingungen des Trainingsmanuals werden hinsichtlich Terminen sowie deren Gestaltung und Taktung seitens des Trainers vermittelt und am Flip-Chart dargestellt. Die Erwartungen seitens der Teilnehmer sowie Voraussetzungen für die Teilnahme (beispielsweise Zuverlässigkeit in der Teilnahme, Bereitschaft zu Hausaufgaben) sowie die Zielvorstellungen werden mittels Kartenabfrage und Präsentation durch die Teilnehmer an der Pinnwand vorgestellt. Da der Trainer bereits durch das Analyse-Gespräch im Vorfeld bekannt ist, lassen sich schnell Berührungsängste abbauen und Vorbehalte minimieren. Grundlegendes zu Stress / Stressoren / Stresserleben: Ausgehend von der Analyse im Vorfeld werden individuelle Stressoren ermittelt sowie die klare Botschaft kommuniziert, dass Stress ein biologischer Vorgang ist, der zunächst neutral einzustufen ist und die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit erhöht. Die Stressantwort wird verursacht durch Stressoren in Verbindung mit individuellen Stressverstärkern wie Ungeduld, Perfektionismus, Einzelkämpfertum usw., welche wiederum durch Stresswarnsignale des Körpers begleitet werden. Lang anhaltender oder inadäquater Stress begünstigt die Entstehung von Krankheiten.197 Die Stress-Ampel (siehe Anhang B 1) nach Kaluza macht das deutlich. Mit Hilfe von Achtsamkeitstraining wird angestrebt, dass das individuelle Erleben positiv für den Einzelnen beeinflusst wird. Aus diesem Themenblock soll für den Teilnehmer auch die Einsicht in die Notwendigkeit in die Investition in ein eigenverantwortliches Gesundheitsmanagement gefördert werden. Ermunterung und Nutzendarstellung eigenverantwortlichen Gesundheitsmanagements durch Achtsamkeit: Aufgrund der vorab durchgeführten Coaching-Gespräche nach dem Arbeitsbewältigungskonzept wird die Dringlichkeit für das Eigenengagement der Teilnehmer zu gesundheitsförderlichem Verhalten deutlich. An dieser Stelle wird darauf aufmerksam gemacht, dass sich der Blick für das Ganze -sowie die individuelle Einstellung dazu – als rele- 197 Vgl. Esch, T. / Esch S. (2013), S. 19.; vgl. Kaluza, G. (2018) S. 15 ff. 3.5 Vorstellung der Basismodule 67 vant für Bewältigung stressauslösender Situationen im Arbeitsalltag herausstellt. Die Teilnehmer werden aus diesem Grund motiviert, in die Meta-Ebene einzutauchen, um aus der Vogelperspektive „das Ganze“ und nicht lediglich die zergliederten Bestandteile des Arbeitsalltags wahrzunehmen.198 Der zugrunde liegende Achtsamkeitsbegriff wird für die Zielgruppe beschrieben sowie die Wirkungen der Achtsamkeit deutlich herausgestellt. Mittels Storytelling wird dies anhand der Geschichte „Die Maurer vom Petersdom“deutlich gemacht sowie durch die Darstellung des Zusammenhangs von Gedanken, Einstellungen, Verhalten und Schicksal (siehe Anhang B 2).199 In der anschließenden Reflexion treten die stattgefundenen Automatismen ans Tageslicht und lassen Raum für die Entwicklung wirksamer Strategien in vergleichbaren Belastungssituationen (siehe Anhang B 3). Persönliche Widerstandsfähigkeit – was ist Resilienz? Aufgenommen in das Trainingsmanual werden an dieser Stelle auch der Resilienzbegriff, sowie Faktoren, die die eigene Resilienzfähigkeit erhöhen. Dies wird durch die Erläuterung des Konzeptes der psychischen Widerstandsfähigkeit verdeutlicht, das zwei Arten von Phänomenen kennt: a) die Aufrechterhaltung normaler Entwicklung bzw. Funktionsfähigkeit trotz vorliegender Risiken und Beeinträchtigung b) die Wiederherstellung normaler Funktionsfähigkeit nach erlittenem Trauma.200 Im Anhang findet sich ein Arbeitsblatt mit den wichtigsten Resilienzfaktoren (Anhang B 4). 198 Vgl. Martens, J.-U.: Einstellungen erkennen, beeinflussen und nachhaltig verändern. Von der Kunst das Leben aktiv zu gestalten, Stuttgart 2009 S. 44 ff. 199 Vgl. ebd. S. 46 ff. 200 Vgl. Staudinger, U.: Grenzen der Bewältigung und ihre Überschreitung: Vom Entweder-Oder zum Sowohl-Als-Auch und weiter, in: Tesch-Römer, C. et al. (Hrsg.): Psychologie der Bewältigung Weinheim 1997 S. 249. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 68 Anleitung und Einüben des Body Scan: „Das Hier und Jetzt ist der einzige Ort, an dem Sie zur Ruhe kommen können. Tun Sie es mit einem Lächeln.“201 beschreibt Maex die Einleitung in die Übung des Bodyscan. Sie dient dazu, sich von innen heraus Aufmerksamkeit zu schenken. Die Konzentration der Bewusstheit liegt bei dieser Übung im Körper. Bewusst wird jeder Stelle milde Aufmerksamkeit entgegengebracht, da geistig niemals der ganze Körper auf einmal erfasst werden kann. Das „Wandern“ durch den Körper ist wichtig, da körperliche Empfindungen wie Pulsschlag, Anspannung, Schwere, Brennen oder Steifheit bewusst werden.202 Gerade an diesen Empfindungen ist Aufmerksamkeit wichtig, da der Geist dazu neigt, sich an unbehaglichen und unangenehmen (Körper-)Empfindungen festzusetzen. Die Übung soll deutlich machen, dass es trotz körperlicher Beschwerden immer auch angenehme und behagliche Körperempfindungen gibt. Es ist folglich eine tiefe Art der Entspannung möglich, wenn die Aufmerksamkeit bei der Konzentration auf die jeweiligen Körperregionen fokussiert bleibt und der Geist nicht abschweift in beispielsweise seelisches Leiden, Pläne oder Erinnerungen. Vielmehr soll die ganze Aufmerksamkeit auf den Körper gerichtet sein, während alle anderen geistigen Aktivitäten für diese Zeit ruhen – was nicht mit dem Ignorieren geistiger Prozesse gleichgesetzt werden soll. Nach Maex stellt sich genau aus diesem Grund Entspannung ein.203 Anhang B 5 zeigt die Anleitung zum Body-Scan. Hausaufgabe: In Anknüpfung an die Übung des Bodyscan sind die Teilnehmer aufgefordert, ihre eigenen Körperhaltungen bewusst wahrzunehmen. Wichtig ist es, mehrmals die eigene Haltung im Stehen, Sitzen oder Liegen wahrzunehmen. Daraus resultiert die formale Einübung des Bodyscan. Die Teilnehmer erhalten an dieser Stelle das Trainingsprotokoll zum Ausfüllen, und mit hilfreichen Tipps zum selbständigen Einüben (Anhang B 6). 201 Vgl. Maex, E.: Mindfulness. Der achtsame Weg durch die Turbulenzen des Lebens, Freiamt 2009 S. 65. 202 Vgl. Annesley, M. / Verni K.: Anleitung zur Achtsamkeit, München 2016 S. 120 f. 203 Vgl. Maex, E.: S. 63 ff. 3.5 Vorstellung der Basismodule 69 Evaluation des Modulbausteins: Das Feedback erfolgt hinsichtlich des individuell empfundenen Ablaufs des Modulbausteins sowie der Praktikabilität der Übungen für den Alltag. – Erscheint den Teilnehmern die Umsetzung im Alltag möglich? – Wurden die gelehrten Bestandteile verstanden? – An welchem Ort wird das Trainingsprotokoll zu Hause aufbewahrt? Basismodul 2 – Körperliche Achtsamkeit und mentale Achtsamkeit vertiefen (Lern-)Ziele des Modulbausteins: – Reflexion der durchgeführten Hausaufgaben – Eigene unbewusste Wahrnehmungsmuster (Autopilot) werden erkannt – Möglichkeiten zur Unterbrechung des Autopiloten sind bekannt – Einübung achtsamer Wahrnehmungsgewohnheiten auf körperlicher und mentaler Ebene – Einübung der achtsamen Atmung und Meditation (formale Achtsamkeitsübungen) Methoden: Vortrag im Seminarstil, Einübung formaler Achtsamkeitsübungen Inhalt / Ablauf: Wirkungsweise des Autopiloten: Da Erleben und Handeln oft schematisch ablaufen, sind sehr viele Bestandteile unbewusst. Bei vielen Tätigkeiten ist dies sinnvoll und handlungserleichternd, allerdings kann sich diese Dynamik auch in bis zu seelisch quälenden Prozessen niederschlagen. Es besteht die Gefahr, dass Betroffene Gedanken nicht als Gedanken wahrnehmen, sondern als wahre und valide Aussagen in Bezug auf Person und Situation. Die Gefahr, sich mit aktuellen Erlebnisinhalten zu identifizieren, in Gedanken und Gefühlen verstrickt zu werden, welche die ungünstige Eigen- 3.5.3 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 70 dynamik eher befördern als unterbrechen, ist in diesen als Belastung empfundenen Situationen sehr groß. Gedanken werden irrtümlicherweise als Tatsachen identifiziert, was fatalerweise die eigene Fähigkeit lähmt, fürsorglich und wohlwollend mit sich selbst umzugehen. Dargestellt ist die subjektiv empfundene Bedrohlichkeit durch die primäre Bewertung des Individuums in Kapitel 2, Abschnitt 2.4 anhand des transaktionalen Stressmodells nach Lazarus (Anhang C 1). Ziel der Bewusstmachung ist es, den sich gedanklich aufschaukelnden Prozess zu erkennen, zu unterbrechen und schließlich eine Änderung der eigenen inneren Haltung gegenüber inneren Bildern, Gedanken oder auch gerade stattfindenden Ereignissen gegenüber zu gewinnen.204 Anderssen-Reuster benennt dies das „ABC der Gefühle“. A – Auslösende Situation B – Bewertung C – Konsequenz hinsichtlich körperlicher, emotionaler, gedanklicher Reaktion.205 Das bewusste Nicht-Identifizieren, „decentering“, mit Erlebnisinhalten wird von der gedanklichen Ebene auf die emotionale und körperliche Sphäre ausgeweitet, um ein möglichst frühzeitiges Wahrnehmen von Veränderungen in Gefühlen und Gedanken zu erreichen, die das Verfestigen ungünstiger Geisteszustände bedingen. Grundlegend ist, allen wahrgenommenen Geisteszuständen mit einer offenen und akzeptierenden Haltung zu begegnen, die vorschnelles Reagieren und „Loswerden-Wollen“ verhindert, um die Etablierung kognitiv verarbeitender Prozesse zu ermöglichen. Diese werden gefördert durch die Einübung des aktiven Kontakts mit dem Hier und Jetzt, um ungünstige oder irrelevante Geistesinhalte Zug um Zug auszubremsen. Das trainieren des „Sich-Besinnens“ führt durch den anhaltenden Übungseffekt zu einer aktiven Verschiebung der Handlungssteuerung von häufig ungünstigen Lageorientierungen hin zu begünstigten handlungsorientierten Verhaltensregulationen.206 204 Vgl. Anderssen-Reuster, U. (2011), S. 281 ff. 205 Vgl. ebd. S. 225. 206 Vgl. ebd. S. 281 ff. 3.5 Vorstellung der Basismodule 71 Übung zum achtsamen Atmen: Die Wirkungsweise des Autopiloten wurde bereits in der Bodyscan- Übung erfahren und wird in der Einübung des achtsamen Atmens fortgeführt. Die Teilnehmer erkennen dabei die Option, jederzeit aus dem Modus des Autopiloten auszusteigen und das Leben bewusst wahrzunehmen.207 Elementar ist, alle Empfindungen beim Atmen zu akzeptieren und wohlwollend wahrzunehmen, ohne dabei die Atmung auf eine bestimmte Weise zu verändern. Der Mensch befindet sich immer innerhalb des Atemkreislaufs von Ein- und Ausatmung sowie den Pausen. Da dieser Ablauf immer stattfindet, als selbstverständlich erlebt wird und unbewusst erfolgt, wird der Prozess des Atmens weitgehend ausgeblendet. Bei Meditationsübungen nähert sich die Aufmerksamkeit dem Atem auf behutsame und wohlwollende Weise. Zentral ist hierbei, die Atemempfindungen ähnlich wie Wellenbewegungen zu fühlen, um von Moment zu Moment zu gleiten. Das Beobachten des Atems soll dazu führen, dass Subjekt (Ich) und Objekt (der Atem) sich in ein schlichtes und einfaches „Gewahrsein“ auflösen, das kein „Ich“ des Wissenden und Denkenden braucht. Schweift der Geist ab in Denken, Erinnerungen oder Erwartungen, bringt die bewusste Fokussierung auf den Atem die Achtsamkeit für das Hier und Jetzt zurück.208 Die Praxis der Achtsamkeit fordert auf, im Hier und Jetzt zu sein. Körperbetonte Übungen wie die des Body-Scan oder der achtsamen Atmung fördern dies gerade im Zusammenhang mit täglichen Übungseinheiten, die zwar kurz sein können, dafür aber regelmäßig stattfinden sollen.209 Auch die Integration in den Alltag als informelle Achtsamkeits- übung sollte hier erläutert und somit in die Wege geleitet werden. Die Übung zum achtsamen Atmen findet sich im Anhang C 2. Angeleitete Meditation: Ziel der Meditation ist das Finden der eigenen Balance. Sie ist nach Linneweh die Voraussetzung zur individuellen Selbstverwirklichung, 207 Vgl. ebd. S. 284. 208 Vgl. Kabat-Zinn, J.: Zur Besinnung kommen. Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt, Freiamt3 2008, S. 289 f. 209 Vgl. Maex, E. (2009), S. 41.; Michalak, J. et al. (2018), S. 26. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 72 die es erst ermöglicht, Kraft und Bewältigungskompetenzen für die Anforderungen des beruflichen Alltags zu generieren.210 Der Geist, der häufig umherspringt und abschweift, wird durch die Fokussierung auf das Hier und Jetzt in der angeleiteten Meditation zentriert(er) und gesammelt(er). Nach Thich Nhat Hanh ist nicht die Form der Achtsamkeitsübung relevant, sondern das Prinzip der Achtsamkeit an sich. Dies findet in formalen Achtsamkeitsübungen statt sowie in normalen Alltagshandlungen.211 Diese informalen Achtsamkeitsübungen erleichtern den Transfer in den Alltag, da Routinetätigkeiten wie Duschen oder Abwaschen in achtsamer Aufmerksamkeit ausgeführt werden. Die damit einhergehende Bewusstheit im Alltag führt wiederum zu mehr Steuerungsmöglichkeiten des Individuums mit sich selbst.212 Eine Meditation zum Finden eines wohlwollenden Umgangs mit sich selbst findet sich im Anhang C 3. Im Anhang C4 ist eine Anleitung für Achtsamkeit im Alltäglichen. Hausaufgabe: Die Teilnehmer sind aufgefordert ihre Selbstbeobachtung im Alltag zu aktivieren. – Welche Situationen führen in meinem beruflichen Alltag dazu, dass sich der Modus des Autopiloten automatisch einstellt? – Kann ich diese Anfänge auf gedanklicher, emotionaler und körperlicher Ebene erkennen? – Einübung des Bodyscan – Informelle Achtsamkeitsübungen (Duschen, Abwaschen) einüben – Wiederholung bzw. Einübung der kennengelernten Achtsamkeits- übungen (Protokollierung) 210 Vgl. Linneweh, K.: Stressmanagement – Der erfolgreiche Umgang mit sich selbst, Weinheim 1998 S. 195. 211 Vgl. Thich N. (2005) S. 17. 212 Vgl. Knuf, A. / Hammer, M. (Hrsg.): Die Entdeckung der Achtsamkeit in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen, Köln 2013 S. 208 f. 3.5 Vorstellung der Basismodule 73 Evaluation des Modulbausteins: Das Feedback erfolgt hinsichtlich des individuell empfundenen Ablaufs des Modulbausteins sowie der Praktikabilität der Übungen für den Alltag. – Wurden die Themeninhalte verstanden? – Wurde etwas Neues hinzugelernt? Basismodul 3 – Erste Hilfe bei Stress am Arbeitsplatz (Lern-)Ziele des Modulbausteins: – Reflexion der durchgeführten Hausaufgaben – Innere Antreiber sind bekannt und identifiziert – weitere Stressauslösende Situationen im Arbeitsalltag identifizieren – Achtsamkeitsbasierende Körperübungen kennenlernen und ein- üben – Erste-Hilfe-Maßnahmen in Stresssituationen kennen und abrufen können Methoden: Vortrag im Seminarstil, eigenständiges Erschließen und Reflektieren von Informationen, Einübung formaler Achtsamkeitsübungen, kreative Methoden, Storytelling, Evaluation Inhalt / Ablauf: Erläuterung und Durchführung des Antreiber-Tests: Den inneren Antreibern liegen grundlegende Skripte, meist aus der Kindheit, zugrunde. Durch das (häufig elterliche) Umfeld entstehen nach Rüttinger unbewusste Lebenspläne, die Kindern von frühester Kindheit sagen, wie „man“ lebt, d. h. welche Gebote, Verbote, Prinzipien und Maximen gelten und welche Handlungen zu tun und zu lassen sind. Dies geschieht auf verbaler und nonverbaler Ebene. Im Kindesalter sind diese Botschaften absolut, d. h. es besteht keine Möglichkeit, diese gesetzten Normen anzuzweifeln, da erst im Laufe der Jahre Alternativen zu den elterlichen Botschaften erschlossen werden. Die Transaktionsanalyse hilft, sich dieser Skripte, die zum „Antreiben“ oder 3.5.4 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 74 „Stoppen“ veranlassen, zunehmend bewusst zu werden und ein realistisches Auseinandersetzen zu ermöglichen. Die typischen Antreiber / Stopper sind „Sei perfekt“, „Streng dich an“, „Beeil dich“, „Sei gefällig“ und „Sei stark“. Antreiber lassen sich durch sog. „Erlauber“ beeinflussen.213 Der Antreiber-Test sowie die Auswertung und deren Beschreibung inklusive „Erlauber“ sind im Anhang dargestellt (Anhang D 1 und D 2). Storytelling: Die Methode des Storytelling unterstützt im vorliegenden Trainingsmanual die Entwicklung der Achtsamkeitspraxis. Das Zuhören lässt beim Teilnehmer Bilder und das Erlebnis des Gehörten im Kopf entstehen. Die Geschichte des Wunschbrunnens zeigt die Haltung, in Stresssituationen reflexartig und vorschnell zu urteilen und automatisiert zu handeln. Im achtsamen Handeln tritt jedoch der Dreischritt der Stop-Look-Act-Formel nach Edel Maex an die Stelle des reflexartigen Handelns. Im Nachgang der Geschichte werden die sog. „Aha“-Erlebnisse der Teilnehmer erfragt. Die Geschichte „Der Wunschbrunnen“ ist im Anhang D 3 abgedruckt. „Erste Hilfe“ durch Achtsamkeit in akuten Stresssituationen: Dadurch wird angestrebt, entstehende Erregungsspitzen zu kappen, um die Eskalationsentstehung der betroffenen Person zu unterbrechen oder zumindest das Erregungsniveau zu senken. Nach Wagner-Link sind vier Stressbewältigungstechniken zur kurzfristigen Erleichterung beschrieben. Diese teilen sich auf in spontane Entspannung, positive Selbstgespräche, kontrollierte Abreaktion und schließlich die aktive Wahrnehmungslenkung, auf die auch im Nachfolgenden eingegangen wird. Nach Wagener-Link ist diese nochmals in äußere und innere Wahrnehmungslenkung zu differenzieren, wobei der Gedankenstrom der Aufmerksamkeit bewusst kurzfristig auf neue, möglichst neutrale, nicht belastende bzw. positive Ereignisse und Bilder gelenkt wird. Dies kann beispielsweise durch das Denken an angenehme Freizeitaktivitäten, Hobbys, nette Menschen oder auch schöne Tagträume oder die 213 Vgl. Rüttinger, R.: Transaktions-Analyse. Hamburg10 2010, S. 37 ff. 3.5 Vorstellung der Basismodule 75 Konzentration auf individuell Ruhe auslösende Bilder (Wiese, Berglandschaft, Badewanne etc.) erreicht werden. Voraussetzung für das Gelingen ist nach Wagner-Link die bereits vorhandene Koppelung mit (emotionaler) Entspannung.214 Im Anhang D 4 ist eine Auswahl an Bildern dargestellt, die beispielhaft verschiedene Möglichkeiten der visuellen Aufmerksamkeitslenkung mit dem Ziel der Entspannung zeigen. Gehmeditation zum körperlichen und mentalen Entschleunigen: Ist der Geist unruhig und gehetzt, ist es der Körper auch. Ebenso verhält es sich mit Wahrnehmungen, die das Interesse meist unbewusst auf sich ziehen und fesseln.215 Die Ausübung einer (Geh-)Meditation wird im Rahmen des Manuals nicht als Bestandteil einer Religion verstanden, sondern als komplexe Technik zum bewussten Umgang mit der Konzentration auf die Gegenwart, und das Wiedererlernen des verbesserten Umgangs mit sich selbst – dem Körper, den Gefühlen und Gedanken. Die Methode fördert Konzentration auf den Augenblick und schult gleichzeitig die Achtsamkeit.216 Die Gehmeditation ist als Methode des absichtslosen Gehens zu verstehen – es wird gegangen um zu gehen, nicht um ein räumliches Ziel zu erreichen. Anstelle des Ankommens erfolgt die Fokussierung auf den gegenwärtigen Augenblick, auf die Kontinuität der Bewegung und auf die Monotonie der Abläufe. Während der Körper geht, ist der Geist automatisch mit gedanklichen Prozessen jenseits dessen beschäftigt. Durch das Erkennen des Abschweifens erfolgt die wohlwollende Steuerung der Aufmerksamkeit wieder auf den Bewegungsablauf der Schrittfolge. Gleichzeitig stellt diese Übung eine Art Brückenschlag zwischen formaler und informeller Achtsamkeitsübung dar. Das bewusste Erleben für aktuelle Erfahrungen und Körperempfindungen „erdet“ und hilft damit, unnütze Gedankenschleifen zu unterbrechen.217 214 Vgl. Wagner-Link, A.: Verhaltenstraining zur Stressbewältigung. Arbeitsbuch für Therapeuten und Trainer, Stuttgart 2010, S. 90 ff. 215 Vgl. Kabat-Zinn, J.: Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung, München 2011, S. 117. 216 Vgl. Esch, T. / Esch, S. (2013), S. 150. 217 Vgl. Crane, R.: Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie, Freiamt 2011, S. 144 f. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 76 Die achtsame Gehmeditation ist im Anhang D 5 dargestellt. Jonglieren mit Tüchern: Durch das Erlernen der Technik des Jonglierens ist die Aufmerksamkeit auf die körperlichen Prozesse und Handlungsabläufe unerlässlich. Ein erleichterter Einstieg in das Jonglieren kann durch Tücher gefunden werden.218 Auch aus dem Bereich des Mentaltrainings im Sport ist bekannt, dass die Aufmerksamkeit des Individuums Kapazitätsgrenzen unterliegt und somit die Fokussierung auf den gerade jetzt stattfindenden Augenblick in der Bewegung wesentlich für den Erfolg der Ausführung ist.219 Der Ablauf ist im Anhang D 6 dargestellt. Übung zum Loslassen am Abend: Gerade die auf belastende Weise fordernden Situationen führen häufig dazu, dass die Geschehnisse des Arbeitstages bis in den Feierabend geistig präsent sind und immer wieder repetiert werden. In diesen Situationen, wenn stattgefundene Handlungsabfolgen, stressauslösende Gesprächsbestandteile wie beispielsweise Ärger um abzudeckende Dienste aufgrund von Mitarbeitererkrankungen, Beschwerdegespräche mit Patienten bzw. Angehörigen usw. geistig nicht „abgelegt“ werden können, hat dies Folgen für das Individuum. Die Wahrnehmung ist fokussiert auf die Vergangenheit und verschließt sich in der Wahrnehmung dem Hier und Jetzt. Umgebungsfaktoren treten in diesen Situationen in der Bewusstmachung weit zurück sowie die Möglichkeit, trotz unangenehmer Belastungssituationen Positives und Angenehmes zu erleben. Durch das „Klammern“ an die vergangenen Situationen wird der gerade stattfindende Augenblick mit allen Facetten verpasst.220 Die Geschichte zum Loslassen ist im Anhang D 7 abgedruckt. 218 Vgl. Ebenherr, S. / Loeffl, T.: Das grosse Limpert-Buch der Zirkuskünste und Akrobatik. Ein umfassendes Praxisbuch für Schule und Verein, Wiebelsheim 2013, S. 67 f. 219 Vgl. Ziemainz, H. / Rentschler, W.: Mentaltraining im Triathlon. Ein Handbuch für Praktiker, Hamburg 2014, S. 51 f. 220 Vgl. Wilker, J.: Das Einmaleins der Achtsamkeit. Vom täglichen Umgang mit alltäglichen Gefühlen, Bielefeld 2010 S. 33 ff.; McCown, D. (2011), S. 278. 3.5 Vorstellung der Basismodule 77 Hausaufgabe: – Sensibilisierung der Selbstwahrnehmung: – Welche „Antreiber“ nehme ich im Arbeitsalltag wahr? Welche „Erlauber“ könnten konkret entlasten? – Einübung der Bewegungsabläufe beim Jonglieren mit Tüchern – Wiederholung bzw. Einübung der kennengelernten Achtsamkeits- übungen (Protokollierung) Evaluation des Modulbausteins: Das Feedback erfolgt hinsichtlich des individuell empfundenen Ablaufs des Modulbausteins sowie der Praktikabilität der Übungen für den Alltag. – War der Antreiber-Test hilfreich? – Wo konkret im eigenen Umfeld kann die Gehmeditation eingeübt werden? – Kann ich am Abend die Geschehnisse des Tages loslassen – vielleicht mit Unterstützung der Geschichte vom „Loslassen“? Basismodul 4 – Mindful Leadership Wie gehe ich gesundheitsorientiert mit meinen Mitarbeitern um? (Lern-)Ziele des Modulbausteins: Die Maximen des Mindful Leadership nach Fuhrhans 1. Mache Achtsamkeit mit dir selbst! 2. Mache Achtsamkeit mit deinem Team! 3. Mache Achtsamkeit mit deinen Patienten! sind bekannt und für die Praxistauglichkeit erläutert.221 3.5.5 221 Vgl. Fuhrhaus, C.: Implementierung von Achtsamkeit im Team einer Psychotherapiestation, in Knuf, A. / Hammer, M. (Hg.): Die Entdeckung der Achtsamkeit in der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen, Köln 2013 S. 222 ff. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 78 Methoden: Vortrag im Seminarstil, eigenständiges Erschließen und Reflektieren von Informationen, Einübung formaler Achtsamkeitsübungen, geführte Meditation, kreative Methoden, Storytelling, Evaluation Inhalt / Ablauf: Mache Achtsamkeit mit dir selbst – Selbstkompetenzen einüben: In den Basismodulen eins bis drei sind die grundlegenden Inhalte für einen achtsamen Umgang mit sich selbst gelehrt und eingeübt. Da der Arbeitsalltag der Mittelmanager häufig durch Veränderungen, Stress, Konfliktsituationen usw. geprägt ist, nach Malik der Managementberuf sogar als „Schlechtwetter-Beruf zu verstehen ist222, ist es elementar, dass die Mittelmanager diese Übungen nach und nach in belastungsauslösenden Situationen auch als präventive Methode abrufen und ausführen können.223 Davon ausgehend trägt die Inspiration durch das Vorbildverhalten der Mittelmanager dazu bei, dass bei Mitarbeitern deshalb das Interesse am Thema Achtsamkeit entsteht und schließlich zur Durchdringung des Teams führen kann.224 Mache Achtsamkeit mit deinem Team – wie stärke ich mein Team wohlwollend? „Wenn Ihre Handlungen andere dazu inspirieren, mehr zu träumen, mehr zu lernen, mehr zu tun und mehr zu werden, dann führen Sie.“ (John Quincy Adams) Ausgangspunkt für die Etablierung von Achtsamkeit innerhalb des Teams stellt die Einigung auf die Arbeitsdefinition von Achtsamkeit dar. Davon ausgehend bieten Workshops die Möglichkeit, die einzelnen Teammitglieder in formalen und informellen Achtsamkeitsübungen zu unterrichten und diese direkt einzuüben. Wichtig ist die Über- 222 Vgl. Malik, F.: Führen Leisten Leben. Wirksames Management für eine neue Zeit, Frankfurt 2006 S. 65. 223 Vgl. Langer, E.: Mindfulness: Das Prinzip Achtsamkeit. Die Anti-Burn-out-Strategie, München 2015 S. 127 ff. 224 Vgl. Marturano, J. (2015), S. 143 ff. 3.5 Vorstellung der Basismodule 79 tragung der formalen Übungen in den Arbeitsalltag der Pflegekräfte. So lässt sich durch das Commitment, achtsamkeitsbasierte Bestandteile in den Alltag zu integrieren, eine Haltung des „tätigen Mitgefühls“ erreichen. Neben dem Bewusstsein der Freiheit der individuellen Wahrnehmung eines jeden wird durch gedankliche Aufgeschlossenheit angestrebt, die Gemeinsamkeiten im Team herauszustellen und auf das Ziel der Arbeitsaufgabe zu fokussieren, um ein wohlwollendes Miteinander zu fördern. Das bedeutet, dass im Umgang miteinander eine Kultur der wertschätzenden Achtsamkeit dazu führt, dass Unmut und Ärger respektvoll geäußert werden können, die Einleitung von Konfliktbearbeitung bzw. -lösung zeitnah stattfindet, damit die vorhandenen belastungsauslösenden Emotionen wie Ärger und Stress sich nicht in ungünstigen, häufig verstärkenden Kaskaden auf- und entladen, sondern durch den Rahmen des tätigen Mitgefühls als lediglich eine Facette der gerade stattfindenden Wirklichkeit wahrgenommen werden. Die Relativität der belastungsauslösenden Situationen wird dadurch vor Augen geführt und ein wohlwollendes Miteinander, das nicht im Ärger und der daraus entstehenden Belastung stecken bleibt, gefördert. Auch Grenzziehungen innerhalb des Teams durch die Mittelmanager finden auf diese Weise ihren Platz in diesem Kontext.225 Methodisch finden die Modulinhalte aus den Basisbausteinen eins bis drei an dieser Stelle statt. Zur Stärkung eines mitfühlenden Miteinanders wird eine Meditation über Freundlichkeit eingeübt. Sie ist im Anhang E 1 abgedruckt. Ebenso im Anhang sind Arbeitsmaterialien zu: – Achtsame Kommunikation im Arbeitsalltag (siehe Anhang E 2). – Wirkung des wertschätzenden Umgangs im Miteinander n. John Gottman (siehe Anhang E 3) 225 Vgl. Fuhrhaus, C.: (2013), S. 232 ff. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 80 Mache Achtsamkeit mit deinem Bewohner oder Patient – Beziehungen nachhaltig verbessern „Es gibt weder gute noch schlechte Jobs. Gut oder schlecht ist das, was jeder aus seinem Job macht.“ (Edward Teller) Gibt es problematische Patienten und Bewohner – oder haben problematische Patienten lediglich ein Problem? Empathie – das sich Einfühlen in das Gegenüber ist in der Pflege elementar. Erwartungen von Patienten, Angehörigen, gesellschaftlicher Natur und nicht zuletzt die hohen Erwartungen an sich selbst lassen Pflegende immer wieder an Grenzen des eigenen Ressourcenpotentials oder mitunter über Grenzen des mental Leistbaren treten, wenn keine oder kaum stabilisierende Strategien im eigenen Repertoire vorhanden sind. Schmidt schreibt dazu: „Der Patient befolgt alle Anordnungen, solle außerdem geduldig und verständnisvoll sein. Er muss motiviert sein, möglichst schnell gesund zu werden oder möglichst wenig Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Der Patient darf nicht zu anspruchsvoll sein. Verhaltensregeln sollten akzeptiert und berücksichtigt werden, ohne dass sie mehrfach erklärt werden müssen.“226 Diese von Schmidt formulierten Erwartungen an Patienten bauen in Verbindung mit dem noch immer historisch eingefärbten Berufsbild der Pflegenden und den straffen Rahmenbedingungen einen großen Spannungsbogen auf. Patienten oder Bewohner fühlen sich häufig unverstanden, da für sie die organisatorischen Abläufe nicht nachvollziehbar erscheinen – und seitens der Pflegenden eine zielführende und klärende Kommunikation fehlt. Wie lässt sich jedoch in jenen akuten Situationen und darüber hinaus ein Miteinander gestalten, das von Wahrnehmen anstelle von reflexartigem Bewerten und einer wertschätzenden Akzeptanz zu einem empathischen Umgang im Zwischenmenschlichen führen kann? Dabei wird deutlich, dass es nicht um die Beantwortung der Frage geht, welche Erwartungen oder welches Verhalten/Handeln richtig 226 Schmidt, S.: Achtsamkeit und Wahrnehmung in Gesundheitsfachberufen, Berlin 2012 S. 33. 3.5 Vorstellung der Basismodule 81 oder falsch sind – sondern vielmehr anzuerkennen, dass alle Haltungen vorhanden sind. Das Abrufen informeller Achtsamkeitsübungen sowie „Erste-Hilfe-Maßnahmen in Stresssituationen“ (siehe Modulbaustein 3) können neben der Einübung von achtsamkeitsbasierten Übungen, die eine Grundhaltung des Gleichmütigen entstehen lassen sollen, zur Deeskalation und folglich zu einem geringeren Maß an psychischer Belastung der Pflegenden führen. Die Schulung der Pflegekräfte mittels achtsamkeitsbasiertem Training führt dazu, dass die positiven Effekte der bewussten Aufmerksamkeitssteuerung auch im Kontakt zu Patienten und Bewohnern greifen. Siehe dazu Anhang E 4. Evaluation: Da die Einheiten der Basismodule vier Trainingsbausteine enthalten, die immer in zweiwöchigem Rhythmus stattfinden, wird zum Abschluss des Basismoduls erneut der Fragebogen des Arbeitsbewältigungscoachings nach Ilmarinen zur Ermittlung des WAI eingesetzt. Der Zeitpunkt der erneuten Erhebung ist zwar zeitlich verhältnismä- ßig nah an der Ersterhebung, kann aber bereits erste Informationen und Entwicklungen in Richtung individueller psychischer Gesundheitsförderung auf Basis von Achtsamkeit zeigen. Eine Kontrollerhebung des WAI ein Jahr nach Beendigung des Basismanuals ist auf jeden Fall anzustreben, da sich die Wirkungen der Achtsamkeit wie bereits in den vorangegangenen Kapiteln dargestellt, erst über die Zeit und Übungsspanne hin entfalten. Der Frage- und Auswertungsbogen zum Arbeitsbewältigungscoaching nach Ilmarinen ist im Anhang A 1 und A 2 zu finden. 3. Die Entwicklung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals 82

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Zusammenfassung

Psychische Arbeitsbelastungen sind ein Faktum unserer Arbeitswelt. Was sind die Ursachen, die bei Stations- und Wohnbereichsleitungen in Kliniken und Altenheimen zu einem Burnout führen und wie kann ihnen begegnet werden? Führungskräfte und Mitarbeitende profitieren gleichermaßen von einem achtsamkeitsbasierten Ansatz in der Personalführung, da die individuellen Ressourcen zum Umgang mit belastenden Situationen im Beruf und im Alltag von ihnen gestärkt werden.

Der Inhalt des Buches zeigt zum einen die vielschichtige Situation für Leitungskräfte und auch Beschäftigte in der Pflege im Gesundheitswesen auf. Zum anderen wird im Anschluss praxisnah verdeutlicht, wie sich auf Basis von Achtsamkeit individuelle Lernprozesse positiv beeinflussen lassen.