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1. Einleitung in:

Maria Schraud

Arbeitsfähigkeit durch Achtsamkeit, page 1 - 8

Entwicklung eines Trainingsmanuals zur Senkung der psychischen Arbeitsbelastung in Gesundheitsberufen

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4413-1, ISBN online: 978-3-8288-7416-9, https://doi.org/10.5771/9783828874169-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 91

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Ausgangslage und Zielsetzung der Arbeit „Die wahre Entdeckungsreise besteht nicht darin, neue Länder zu suchen, sondern mit neuen Augen zu sehen.“ (Marcel Proust 1871–1922) Die Zunahme psychischer Arbeitsbelastungen ist ein Faktum unserer Arbeitswelt – auch in der Gesundheitsbranche.1 Die Zahlen der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund entsprechender Erkrankungen innerhalb der Gesundheitsbranche sind in den letzten 20 Jahren fast um das doppelte angestiegen. So kommen auf 100 AOK-versicherte Mitglieder innerhalb der Dienstleistungsbranche im Jahr 2011 245,7 Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Erkrankungen – im Jahr 1995 handelte es sich noch um 131,2 Fehltage pro 100 Versicherter.2 Bezieht man diese Größe auf alle AU-Tage, dann bilden sie aufgrund der langen Ausfallzeiten die traurige Spitze – mit 29 Tagen pro Fall. Sie stellen die zweithäufigste Krankheitsart nach Muskel/Skelett Erkrankungen dar.3 Auch in Bezug auf die Frühverrentung bilden psychische Erkrankungen eine besorgniserregende Spitze: Im Jahr 2011 verursachten psychische Diagnosen ca. 41 Prozent aller Fälle von gesundheitsbedingter vorzeitiger Verrentung.4 Deutlich wird: Die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit ist ein wichtiger Eckpfeiler in der Unternehmenswelt von heute – auch aus ökonomi- 1. 1.1 1 Vgl. Robert Koch-Institut (Hrsg.): Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Berlin 2015, S. 120. 2 Vgl. Badura, B. / Ducki, A. / Schröder, H. / Klose, J. / Meyer, M. (Hrsg.): Fehlzeiten Report 2012. Gesundheit in der flexiblen Arbeitswelt: Chancen nutzen – Risiken minimieren, Berlin 2012, S. 370. 3 Vgl. Badura, B. / Ducki, A. / Schröder, H. / Klose, J. / Meyer, M. (Hrsg.): Fehlzeiten Report 2018. Sinn erleben – Arbeit und Gesundheit, Berlin 2018, S. 372 f. 4 Vgl. Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2015), S. 120. 1 scher Sicht. Zudem haben Organisationen ihren Mitarbeitern gegen- über eine Fürsorgepflicht, die über das ausschließliche Reagieren auf Unfälle oder Missstände hinausgeht. Die Novellierung des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) im Jahr 2013 macht dies deutlich. Erstmals wird die Erhebung arbeitsbedingter psychischer Belastungen dort aufgegriffen und die Verpflichtung des Arbeitgebers zum Arbeitsschutz diesbezüglich gesetzlich verankert. Unternehmen sind seitdem verpflichtet, neben physischen auch psychische Arbeitsbelastungen der Mitarbeiter zu erheben und zu beurteilen – auch in Organisationen des Gesundheitswesens.5 Die NEXT-Studie – eine Erhebung über die Arbeitssituation von Pflegepersonal sowie die Ursachen für vorzeitigen Berufsausstieg in zehn europäischen Ländern – kommt zu dem Ergebnis, dass jeder vierte Befragte beabsichtigt, die Organisation zu verlassen.6 Schwerwiegende Folgen sind der deutliche Anstieg von Arbeitsunfähigkeitstagen und Frühverrentungen aufgrund psychischer Belastungen, die sich auf die betroffenen Mitarbeiter sowie auf die Unternehmen auswirken.7 Die Pflegebranche stellt bundesweit den Berufszweig mit den längsten krankheitsbedingten Fehlzeiten sowie einer hohen personellen Fluktuation dar.8 Laut Erhebung von Perschke-Hartmann und Drupp können sich ca. 55 Prozent der befragten Pflegefachpersonen (n=1.187 Personen) nicht vorstellen, ihren Beruf bis zum Renteneintrittsalter auszuüben.9 Nach Ehresmann et al. fühlt sich keine andere Berufsgruppe emotional und physisch so erschöpft wie Pflegekräfte. Studien belegen beispielsweise ein Burnout-Ausmaß von 32,1 Prozent bei Pflegekräften (Führungskräfte eingeschlossen) in Rehabilitations- 5 Vgl. https://beck-online.beck.de/?vpath=bibdata%2Fkomm%2FKollmerKoArbSchG _3%2Fcont%2FKollmerKoArbSchG.Vorw.htm aufgerufen am 18.9.2018. 6 Vgl. Zimber, A.: Selbstmanagement und Belastungen in der Altenpflege, in: Hoefert, H.-W. (Hrsg.): Selbstmanagement in Gesundheitsberufen, Bern 2011 S. 156 ff. 7 Vgl. Badura, B. et al. (2012), S. 370. 8 Vgl. Bendig, H.: iga.wegweiser. Gesundheit für Pflegekräfte im Berufsalltag. Empfehlungen für die betriebliche Gesundheitsförderung und Prävention in der Pflege, Dresden 2017 S. 4. 9 Vgl. Badura, B. et al. (2018), S. 307. 1. Einleitung 2 kliniken. Unter anderem wird die Führungsqualität in dieser Erhebung als Burnout-Prädikator dominierend festgestellt.10 Was beeinflusst jedoch das Belastungsempfinden der Mitarbeitenden im Gesundheitswesen? Zum einen sind die Rahmenbedingungen im deutschen Pflegesystem stark in Bewegung geraten, Pflegestärkungsgesätze in der Altenhilfe sowie Gesundheitsmodernisierungsgesetze, welche die Versorgung der Patienten in den Kliniken beeinflussen, wirken auf Arbeitsbedingungen sowie auf das (Belastungs-)Erleben der Mitarbeiter. Pflegepersonal, das mit leitenden Aufgaben betraut ist, sogenannte „Mittelmanager“, stehen deshalb vor beträchtlichen Herausforderungen. So ist das Gelingen um den Spagat zwischen Fach- und Führungsaufgaben im mittleren Management häufig Mittelpunkt der „Zerrissenheit“ der Stations- oder Wohnbereichsleitungen.11 Diese grundsätzlichen Gegebenheiten bringen für Stelleninhaber dieser Positionen Effekte mit sich und wirken auf die psychische Befindlichkeit der Sandwichpositionen-Inhaber. Gerade in Zeiten des Fachund Führungskräftemangels sind Mittelmanager noch stärker in die Situation gedrängt, operative Aufgaben der Pflege mit zu übernehmen. Einen Großteil der Zeit verbringen erwachsene Menschen in ihrem beruflichen Umfeld. Der positive Effekt, ausgelöst durch eine strukturierte bzw. sinnspendende berufliche Tätigkeit, ist zwar vielfach nachgewiesen, trotzdem sind Individuen innerhalb dieses Gefüges neben angenehmen Empfindungen auch vermehrt mit körperlichen und mentalen Stresssituationen konfrontiert. Anlass genug, den Mittelmanagern wirksame Werkzeuge – primär im Umgang mit sich selbst – zum professionelleren Gelingen des Arbeitsalltags sowie zur Aufwertung des Berufsbildes durch den Ausbau nützlicher Bewältigungsstrategien anzubieten. In der vorliegenden Arbeit wird die Zielgruppe innerhalb der Gesundheitsberufe auf Pflegepersonal mit Führungsverantwortung in 10 Vgl. Ehresmann, C. et al.: Burnout bei Pflegekräften in der medizinischen Rehabilitation – Spezifische Ansatzpunkte für das Betriebliche Gesundheitsmanagement, in Badura, B. / Ducki, A. / Schröder, H. / Klose, J. / Meyer, M. (Hrsg.): Fehlzeiten- Report 2015. Neue Wege für mehr Gesundheit – Qualitätsstandards für ein zielgruppenspezifisches Gesundheitsmanagement, Heidelberg 2015, S. 81 f. 11 Vgl. Sewtz, S.: Karrieren im Gesundheitswesen. Eine geschlechtervergleichende Analyse der Professionen Medizin und Pflege, Weinheim 2006, S. 154 ff. 1.1 Ausgangslage und Zielsetzung der Arbeit 3 den sog. Sandwichpositionen eingeschränkt. Nicht selten entstehen besonders in dieser Berufsgruppe Emotionen, die in den (vorübergehenden) Zustand der psychischen Belastung übergehen (siehe Kapitel 2, Abschnitt 2.5.3). Europäische Erhebungen kommen zu dem Ergebnis, dass Stress das am zweithäufigsten angeführte Gesundheitsproblem am Arbeitsplatz darstellt. Demnach sind ca. 22 Prozent der Erwerbstätigen in 27 Ländern betroffen. In einigen Branchen liegt die Zahl für „gängige psychische Störungen“ sogar bei 40 Prozent.12 Die Folgen dieser Phänomene reichen, wie bereits erwähnt, von somatischen Beschwerden bis hin oder letztlich zum Fernbleiben vom Arbeitsplatz. Hier greift der Ansatz des Betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM). Basierend auf den vier Säulen Arbeitsschutz (ArbSchG SGB VII), Betriebliches (Wieder-)Eingliederungsmanagement (§ 84 Abs. 2 SGB IX), Betriebliche Suchtprävention und Betriebliche Gesundheitsförderung § 20 SGB V) ist es Aufgabe des Arbeitgebers, die Arbeitsfähigkeit der Mitarbeiter zu erhalten und zu verbessern.13 Gegenstand der Arbeit soll aus diesem Grund die Darstellung der psychischen Belastungs- und Beanspruchungssituation der Mittelmanager, also der Wohnbereichs-, Stations- und / oder Teamleitungen im Altenheim- und Klinikalltag sein. Daraufhin eingerahmt in die betriebliche Gesundheitsförderung soll ein zielgruppenorientiertes Trainingsmanual entstehen, das den individuellen Umgang mit negativ psychischen Belastungen verbessern soll. Aus der Vielzahl der Optionen, um den individuellen Umgang mit den Auswirkungen in der Arbeitswelt der Gesundheitsbranche zu stärken und Folgen der psychischen Arbeitsbelastung in diesem Bereich zu reduzieren, soll die vorliegende Arbeit Bezug zum Themenfeld der Achtsamkeit nehmen. Achtsamkeitsbasierte Trainings und die zugehörige Literatur liegen gerade sehr im Trend. Unzählige Studien belegen die Wirksamkeit für die Stärkung der psychischen und „behavioralen“ Ressourcen des 12 Vgl. Flaxman, P. et al.: Achtsam und erflolgreich im Beruf. Mit ACT die psychische Gesundheit am Arbeitsplatz stärken, Paderborn 2015, S. 13 ff. 13 Vgl. Essinger A.-S. in Haring, Robin (Hrsg.): Lexikon Gesundheitswissenschaften, Berlin 2018 in print. 1. Einleitung 4 Einzelnen.14 Kern ist das Erlernen bzw. die Weiterentwicklung gesundheitsfördernder Kompetenzen, um die eigene psychische Gesundheit zu stärken sowie die Arbeitsfähigkeit des Einzelnen in der Gesundheitsbranche zu erhalten und ggf. zu verbessern. Es handelt sich damit um einen Ansatz der individuellen Prävention sowie um eine Strategie, die auch dann ansetzt, wenn psychische Probleme bereits belasten. Anders als bei Stressbewältigungsmaßnahmen, die letztlich darauf abzielen, berufliche Arbeitsabläufe so zu verändern, dass psychische Belastungen verringert oder vermieden werden können, erfolgt hier eine Konzentration auf die Verbesserung des individuellen Umgangs mit stressauslösenden Situationen, um die seelische Gesundheit zu stärken. Gesundheitsfördernde Kompetenzen sollen erweitert bzw. etabliert werden, um das eigene Bewältigungspotential zu erhöhen und Ressourcen der individuellen Gesundheitsförderung zu verbessern. Nicht zuletzt wird dadurch das Berufsfeld der Mittelmanager im Gesundheitswesen attraktiver gestaltet. Achtsamkeitsbasierte Verfahren zur Stressbewältigung (Mindfulness Based Stress Reduction, kurz MBSR) finden seit ca. 40 Jahren erfolgreiche Anwendung; vor allem um das persönliche Potential der Stressbewältigung zu schulen und zu stärken.15 Die Zielsetzung lautet somit: „Entwicklung eines Trainingsmanuals auf Basis von Achtsamkeit zur Senkung der negativ empfundenen Arbeitsbelastung der Zielgruppe.“ Auf Basis der geschilderten psychischen Belastungsfelder wird ein Aufbau mittels eines Bausteinsystems entwickelt, mit den jeweiligen Bestandteilen Zielstellung, Ablauf / Inhalt, Methoden und Evaluation des Manual-Bausteins. Daraus ergibt sich die Forschungsfrage, welche Bausteine sinnvoll erscheinen und wie diese in einem Manual sequenziell nutzenorientiert für die Zielgruppe anzuordnen sind, damit „die dem Geist bereits 14 Vgl. Esch, T.: Die neuronale Basis von Meditation und Achtsamkeit in: Sucht, 60 (1),2014, 21–28., Collard, Patrizia: Das kleine Buch vom achtsamen Leben. 10 Minuten am Tag für weniger Stress und mehr Gelassenheit, München18 2016, S. 6. 15 Vgl. Esch, Tobias et. al.: Stressbewältigung mithilfe der Mind-Body-Medizin. Trainingsmanual zur Integrativen Gesundheitsförderung, Berlin 2013, S 3. 1.1 Ausgangslage und Zielsetzung der Arbeit 5 innewohnenden Fähigkeiten“16 (weiter-)entwickelt werden können, damit ein entlastender Umgang mit negativ psychisch belastenden Situationen entstehen bzw. weiterentwickelt werden kann. Methodik und Aufbau der Arbeit Methodisch wird sich anhand der einschlägigen Literatur der Thematik Achtsamkeit im Rahmen des BGM genähert. Dies erfolgt systematisch durch eine Analyse der folgenden Datenbanken: PubMed, PSYNDEX, PsycINFO, WISO, Pflegeportal.ch und LitSonar. Neben Studien werden Artikel aus Fachzeitschriften, interessante Konferenzbeiträge und best practice Cases ermittelt und als Grundlage zur eigenen Generierung des Manuals herangezogen. Zusätzlich wurde eine freie Internetrecherche über Google sowie Google Scholar und eine freie Literaturrecherche der Bibliothek der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt vollzogen. Aufgrund dessen wird im Rahmen der Masterarbeit eine Zusammenstellung und sequenzielle Anordnung der Bausteine zur Senkung der psychischen Arbeitsbelastung auf Basis von Achtsamkeit in Positionen des Mittelmanagements im Gesundheitswesen erarbeitet. Nachdem in Kapitel 1 der Hintergrund, die Fragestellung, die Methodik und nun der Aufbau der Arbeit beschrieben wird, werden in Kapitel 2 die theoretischen Grundlagen dargelegt. Zunächst erfolgen begriffliche Definitionen von Arbeitsfähigkeit, Gesundheit, psychischer Belastung und Beanspruchung, außerdem werden die Rolle des Stresserlebens für ebendiese Situationen dargelegt und die Begrifflichkeiten von Achtsamkeit kontextbezogen erläutert. Darüber hinaus erfolgt eine nähere Betrachtung der Zielgruppe, also Pflegefachpersonen mit Führungsaufgaben im Gesundheitswesen. Anschließend wird erläutert, mit welchen einhergehenden negativen Arbeitsbelastungen die Zielgruppe konfrontiert ist. Dies bildet zugleich den Ausgangspunkt für die Erarbeitung eines achtsamkeitsbasierten Trainingsmanuals auf der Grundlage von Basis- und Ergänzungsmodulen. Die Trainingsma- 1.2 16 Vgl. Marturano, J.: Mindful Leadership. Ein Weg zu achtsamer Führungskompetenz, Freiburg 2015 S. 62. 1. Einleitung 6 terialien zu den jeweiligen Modulen sind im Anhang zu finden. Den Abschuss der vorliegenden Masterarbeit bildet das Fazit mit Ausblick. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachformen verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichwohl für beiderlei Geschlecht. 1.2 Methodik und Aufbau der Arbeit 7

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Zusammenfassung

Psychische Arbeitsbelastungen sind ein Faktum unserer Arbeitswelt. Was sind die Ursachen, die bei Stations- und Wohnbereichsleitungen in Kliniken und Altenheimen zu einem Burnout führen und wie kann ihnen begegnet werden? Führungskräfte und Mitarbeitende profitieren gleichermaßen von einem achtsamkeitsbasierten Ansatz in der Personalführung, da die individuellen Ressourcen zum Umgang mit belastenden Situationen im Beruf und im Alltag von ihnen gestärkt werden.

Der Inhalt des Buches zeigt zum einen die vielschichtige Situation für Leitungskräfte und auch Beschäftigte in der Pflege im Gesundheitswesen auf. Zum anderen wird im Anschluss praxisnah verdeutlicht, wie sich auf Basis von Achtsamkeit individuelle Lernprozesse positiv beeinflussen lassen.