Lutz Unterseher

Krieg und Kriegsvermeidung

Theoretisch-praktische Schriften

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4412-4, ISBN online: 978-3-8288-7414-5, https://doi.org/10.5771/9783828874145

Tectum, Baden-Baden
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Te ct um Te ct um Lutz Unterseher Krieg und Kriegsvermeidung Theoretisch-praktische Schriften Lu tz U nt er se he r Kr ie g un d Kr ie gs ve rm ei du ng Lutz Unterseher Krieg und Kriegsvermeidung Lutz Unterseher Krieg und Kriegsvermeidung Theoretisch-praktische Schriften Tectum Verlag Lutz Unterseher Krieg und Kriegsvermeidung Theoretisch-praktische Schriften © Tectum Verlag – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2019 ePDF: 978-3-8288-7414-5 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4412-4 im Tectum Verlag erschienen.) Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Frieden schaffen mit anderen Waffen! VII Inhalt Einführung 1 I Gegen die herrschenden Strömungen 5 Bewegung, Bewegung! Zur Kritik eingefahrener Vorstellungen vom Krieg 6 II Die Initiativen der anderen 35 Der Osten macht ernst: Über die militärische und politische Bedeutung der einseitigen Truppenreduzierungen der UdSSR und ihrer Verbündeten 36 III „Neue“ Kriege im Visier 45 Problematische politologische Projektion 46 IV Über Ursachen von Kriegen 63 Der Krieg: Menschenschicksal oder Sozialprodukt? 64 Was zum Krieg führt: Unterschiedliche Variablen 70 V Für eine vertrauensbildende Verteidigung 75 Stabilitätskalküle: Mittel und Zweck 76 Vertrauensbildende Verteidigung: Universalität 83 Aus der Werkstatt: Entwurfskalküle und ihre Entfaltung 86 VIII VI Militärinterventionen in der Analyse 103 Test im Irak: Eine Expedition und die Chancen ihrer Repetition 104 Zur Entwicklung der Interventionitis 120 VII Über Waffengänge der Zukunft 129 Diskussion von gefährlichen Tendenzen 130 VIII Aus dem militärischen Lexikon 141 „Überlebensfähigkeit“ 142 IX Kurze Kritik zweier Projekte 153 Eine Mesalliance 154 Der Autor 159 1 Einführung Dies ist eine kleine Auswahl meiner Schriften – gleichsam die Spitze des Eis bergs. Der Fokus ist so eindeutig wie unerbittlich. Es geht um ein zen trales Thema: die Natur des Krieges und die Möglichkeiten sei ner Ver meidung. Die Beiträge stammen aus über drei Jahrzehnten. Ausgeblendet wurden Arbeiten auf anderen Inter essengebieten – et wa der Soziologie des Arbeitsrechts, der Gewerkschaften und der Par teien. Auch die Beschäftigung mit der Machtstruktur des National sozia lismus oder deutscher Militärgeschichte sowie mit der Erforschung von Da men- und Herrenmode fand keinen Platz. Der Reigen der Beiträge wird (Kapitel I) mit einer Studie eröffnet, die eine immanente Kritik der auf den Landkrieg bezogenen militä ri schen Kon zeptionsentwicklung in der NATO während des Kal ten Krieges liefert. Diese Kritik geschieht von der Position einer Denk schule aus, deren un terschiedliche Ausprägungen unter dem Begriff „Al ternative Verteidi gung“ bekannt wurden. Es ging um die Entwicklung einer – im Vergleich zur NATO – stabileren und weniger provokativen Defensive für Mittel eu ro pa: offener für Entspannung und Abrüstung. Um Politik mit militä rischen Mitteln, wie Horst Afheldt, der spiritus rector der Denkrichtung, es da mals aus drückte. Diese Botschaft schien jedoch eher im Osten als im Westen anzukom men. Dafür spricht die von Michail Sergejewitsch 2 Gorbat schow 1988 eingeleitete, Abrüstung und defensive Umrüstung ver knüp fen de Reform der konventionellen Streitkräfte des Warschauer Pak tes (Ka pitel II). Dabei erscheint bemerkenswert, dass nach intensi ven Explo ra tio nen in Moskau der US-amerikanische Politikwissenschaftler Ma tthew Evange lis ta zu dem Ergebnis gelangt ist, der wohl wichtigste Be rater Gorbat schows bei besagtem Reformunternehmen, Andrej Andreje witsch Koko schin, sei aus einer ganz bestimmten Richtung beeinflusst worden: „Un ter seher’s work became particularly influential in Koko shin’s thinking“ (Evan gelista 2002: 314). Zum Verständnis: Ich war langjähriger Vor sit zender der Studien grup pe Alternative Sicherheitspolitik (SAS) und zeich nete für die Entwick lung und fortlaufende Anpassung einer umfassen den Defensivkonzeption, die unter der Bezeichnung „Ver trauensbildende Ver tei digung“ beträchtliche Auf merksamkeit genoss, alleinverantwortlich. Kapitel III ist der sich in den 1990er Jahren entwickelnden Annahme gewidmet, nach der im Zuge der konfliktträchtigen Globali sie rung die Zu kunft den angeblich „neuen“ Kriegen, also hauptsächlich in nerstaat lichen Auseinandersetzungen, gehören würde. Womit zwischen staatliche Krie ge, an deren Vermeidung sich die alternative Schule wesent lich ab gearbeitet hat te, an Relevanz verlieren müssten. Die entsprechende Argu mentation wird präsentiert und anschließend empirisch fundierter Kri tik aus gesetzt. In Kapitel IV geht es um die Ursachen von Kriegen: um den phi losophischen und psychologischen Hintergrund ihrer Erforschung sowie um die Systematik des Wirkungsgeflechts, das den Prozess von Kriegsent schei dungen prägt. 3 Kapitel V stellt das Konstrukt der Vertrauensbildenden Ver teidigung in den Mittelpunkt. Es geht um eine Entfaltung der in diesem Zusammen hang wichtigen militärisch-sicherheitspolitischen Stabilitätskalküle, um die Beantwortung der Frage nach einer möglichen universellen Geltung dieses Denkansatzes sowie schließlich um einen Blick in die Werkstatt des De signers konkreter alternativer Strukturen (wohl nur für Spezialisten). Dabei stehen die Landstreitkräfte im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die anderen Teilstreitkräfte bleiben aus geblendet. Zu notieren ist aller dings, dass – im Gegensatz zu weiteren an der Debatte teilnehmenden Au to ren oder Teams – nur die Studiengruppe auch elaborierte Entwürfe zu Ma rine und Luftwaffe vorlegte (Bebermeyer/Unterseher 1989, Unterseher 1989). Das Kapitel VI ist den Militärinterventionen gewidmet, die nach der Jahrtausendwende ihre Konjunktur hatten. (Die Pro pheten der „neuen“ Krie ge verhalfen solchen Abenteuern zu Le gitimität.) In einer Fallstudie wird der Bush-Krieg gegen den Irak aufs Korn genommen. Gefolgt von ei ner kleinen Analyse, die generelle Trends der ‚Interventionitis‘ heraus ar beitet und auch deren Motive beleuchtet. In Kapitel VII finden sich Gedanken zu künftigen Kriegsgefahren: zum einen zur Wiederkehr des Staates als Hauptakteur, der sich allerdings ‚vor Ort‘ Erfüllungsgehilfen sucht, und zum anderen mit Blick auf die Pro blematik er neu ten nuklearen Wettrüstens vor dem Hintergrund sich zu spit zender Großmachtkonkurrenz. Außerhalb des Reigens dieser Beiträge, die sich durchaus als Ganz heit denken lassen, steht ein differenzierter lexikalischer Artikel (Kapitel XIII) – als Beispiel für andere ent spre chen de Ar beiten aus meiner Feder. 4 Kapitel IX schließlich enthält eine ältere Glosse, die systematische Kritik an verfehlter Rüstungspolitik mit einer Prise Sarkasmus würzt. Die Aktu alität noch im Jahre 2020 ist offenkundig. Literatur Bebermeyer, H. /Unterseher, L. 1989: Wider die Großmannssucht zur See. Das Profil einer defensiven Marine, in: SAS (Hg.), Vertrauensbildende Verteidigung, Gerlingen, S. 165–187. Evangelista, M. 2002: Unarmed Forces. The Transnational Movement to End the Cold War, Ithaca, N. Y. Unterseher, L. 1989: Umrisse einer stabilen Luftverteidigung, in: SAS (Hg.), a. a. O., S. 187–203. 5 I Gegen die herrschenden Strömungen 6 Bewegung, Bewegung! Zur Kritik eingefahrener Vorstellungen vom Krieg – erschienen in Sicherheit und Frieden, 2/1987 – Dieser Beitrag gründet sich auf die altfränkische Überzeugung, dass mili tärische Maßnahmen, die zwecks Abschreckung, also Kriegsverhin de rung, angedroht werden, notfalls auch durchführ bar sein müssen. Wie es begann Vor dem NATO-Beitritt der Bundesrepublik Deutschland gab es un ter den Militärplanern alternative Vorstellungen über die künftige Ver tei di gung und damit auch einen Krieg in Mittel europa. Die Position der über wie genden Mehrheit ist durch das Stichwort „Himmeroder Denk schrift“ zu kenn zeichnen (Rautenberg/ Wiggershaus 1977); Minderheits mei nung war im Wesentlichen die des Obersten a. D. Bogislaw von Bonin (Brill 1986). Dieser pommersche Generalstäbler entwickelte – in offenbar naivem Glauben an den neu-alten Primat der Politik – eine Verteidigungskon zep ti on, die fol gen de drei Kernaussagen der damaligen Adenauer-Regierung sinn gemäß zu berück sich tigen bean spruchte: • Erstens: Die „Soffjets“ stehen vor der Tür! • Zweitens: Wir können uns auf die Verbündeten verlassen! • Drittens: „Wiedervereinigung“ ist das oberste Ziel deutscher Politik! 7 Für von Bonin folgten aus diesen Prämissen die Notwendigkeit des schnel len Aufbaus einer deutschen Verteidigung aus noch tauglichen alten Ka dern, das Erfordernis einer betont defensiven Struktur, um die Sowjetunion nicht zu provozieren und die Perspektive der Wieder vereinigung offenzu halten, sowie die Möglichkeit, alliierte mobile Reserven als Teil der Ab wehr einzuplanen, zumindest solange die deutschen „Schildkräfte“ noch re lativ schwach sein würden. Konkret sah das Konzept ein grenznah ansetzendes, lückenloses und gestaffeltes Verteidigungssystem von etwa 50 bis 70 Kilometern Tiefe vor, das sich im Wesentlichen auf panzerabwehrstarke Spezialverbände (mit ho her sekundärer Resistenz gegen Infanteriean griffe) sowie auf relativ klei ne mobile Reserven, vor allem Panzerverbände und Artillerie, stützen sollte, die für besonders gefährdete Räume als doppelte Sicherung vor gesehen wa ren. Auf taktischer Ebene beanspruchte von Bonin für seine De fen siv struktur hohe Widerstands kraft: bedingt zum einen durch Auflo cke rung gut getarnter, gedeckter Stellungen und zum anderen durch be trächt liche Fle xibilität ‚vor Ort‘, d. h. die Möglichkeit der begrenzten Ver dichtung (Bo nin 1954). Die militärische Philosophie war offenbar: Durch zäh-flexible, lü cken lose Resistenz lassen sich auch massivste Vorstöße eines panzer star ken Angreifers – kumulativ – so sehr zermürben und fesseln, ja teilwei se schla gen, dass der Verteidiger zum Schutz gegen drohende Durchbrüche mit relativ knappen operativ beweglichen Eingreifverbänden auskommen kann, was die willkommene politische Nebenwirkung hat, die Verteidigung in ihrem Gesamtaufzug möglichst wenig provokativ halten zu können. 8 Der hier – notgedrungen – nur kurz skizzierte Bonin-Plan ist aus vie ler lei Gründen zurück gewiesen worden. Wir lassen dahingestellt, ob – wie gelegentlich behauptet – die westlichen Verbündeten ihn der Bundesre gie rung ausgeredet haben, und es tut an dieser Stelle auch nichts zur Sache, ob die illusionslose – nicht gegnerische (!) – Haltung von Bonins gegenüber der Inneren Führung viel zur Ablehnung seines Planes beigetragen hat. Von Be lang ist in diesem Zusammenhang nur die militärische bzw. militär po litische Kritik jener Offiziere, die damals obsiegten. General Heusinger, der Vorgesetzte von Bonins im Amt Blank, hielt im Rückblick den „so genannten Bonin-Plan“ für militärisch äußerst ris kant, „weil ein Durchbruch der russischen Panzermassen bei entspre chen der Schwerpunktbildung auch durch einen von Bonin geplanten Sperr gür tel nicht zu verhindern gewesen wäre“ (zit. n. Brill: 155 f). Und weiter: „Eine Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland wä re damit allein von einer erfolgreichen Gegenoffensive der Alliierten ab hän gig gewesen. Ob diese dazu bereit gewesen wären, nachdem die deut schen Kräfte im Sperrgürtel überrannt waren, erscheint mir sehr zwei fel haft! Ich hatte hierfür nur allzu deutliche Hinweise.“ Zudem: „Die Deut schen wären mit diesem Plan zu Hiwis der Alli ierten geworden. Die von uns angestrebte Gleichberechtigung wäre nicht er reicht! Wir hätten nur die Waffen für eine begrenzte Aufgabe erhal ten und keinerlei Mitwirkung bei der militärischen Entschlussfassung und Führung erreicht.“ Heusinger meinte ferner, dass der Boninsche „Sperrgürtel … bereits in Friedenszeiten eine erhebliche Belastung und Unruhe bei der Bevölke rung ausgelöst“ haben würde. „… mit großen Sperr- und Sprenganlagen hät te er versehen sein müssen … 9 und das zu einem Zeitpunkt, wo man eine Wiedervereinigung Deutschlands nicht für unmöglich hielt. Die De mar ka ti onslinie wäre damals schon zur Grenzlinie geworden.“ General de Maizière, im Amt Blank einer der jüngeren Stäbler, gab – ebenfalls im Rückblick – folgende militäri sche Kritik der Mehrheits frak tion zu Protokoll: „Soweit ich mich erinnere, sah das operative Konzept von Bonins ei nen durchlaufenden Panzerabwehr- und hindernisstarken Sper rriegel an der Grenze zur DDR vor. Es basierte also auf dem Gedanken einer stati schen Ver teidigung. Das deutsche operative Denken hat sich aber immer auf den Grundsatz der operativen Beweglichkeit gestützt. In der neueren Mi litär geschichte haben statische Verteidigungsriegel, ja sogar aus gebaute Fes tungs linien, das zu verteidigende Gebiet nicht vor dem Zugriff eines Angrei fers bewahren können. Sperrriegel – sie mögen noch so feuerstark sein – können durch eine Feuerkonzentration des Angreifers auf engem Raum örtlich immer zer schla gen werden. Luftlandetruppen sind in der Lage, einen Riegel in der Luft zu überspringen und von hinten zu öffnen. Richtig verstandene Vertei digung heißt flexibles Reagieren auf den Angriffsplan des Gegners unter Fest halten bestimm ter Geländeräume und rechtzeitige Konzentration der ei genen Kräfte zum Gegenangriff an selbst gewählten operativen und tak tischen Schwerpunkten“ (zit. ebd.: 157 f). Der Bonin-Plan, in der Ausarbeitung vom Juli 1954, war bis 1986 „streng geheim“. Die Kritiker, sie waren übrigens für diese Klassifizierung mitverantwortlich, haben den Plan von Anfang an verfälscht dargestellt und dann gemeinschaftlich an ihrer Version festgehalten. Von einem sicht bar-massiven Befestigungsgürtel, schmal und deswegen leicht zu durch- 10 stoßen oder zu überspringen, kann zum Beispiel bei genauer Kennt nis des Konzeptes nicht die Rede sein! Und auch das Etikett „Statik“ er scheint so nicht begründet: Vielmehr ging es um eine argumentativ wohl fundierte Akzentverlagerung – von starken operativen Elementen hin zu fle xibler tak tischer Widerstandskraft. Neben der absichtlichen Verfremdung der ungeliebten Alternative fällt ein etwas sonderbarer Umgang mit den „Lehren der Geschichte“ auf: Mit der Totschlagsformel „Statik funktioniert nicht“ wird die Einsicht in die Erfolge tiefgestaffelter, flexibler Verteidigung (mit Anlehnung an auf ge lockerte, „unsichtbare“ Befestigungssysteme) zugedeckt – als hätte es die leistungsstarke Abwehr der Finnen im Winterkrieg 1939/40 und deren ab schreckende Androhung im Jahre 1944 nie gegeben, als seien die ge lun genen Verteidigungsschlachten von Alam Halfa (1942) und Kursk (1943) usw. Märchen. Was die Kritiker bei ihren intellektuellen Anstrengungen getrieben hat? Da ist zum einen das Misstrauen gegenüber den Verbündeten, und da ent wickelt sich zum anderen – in der Perspektive des baldigen NATO-Bei tritts – ein recht kräftiges militärisches Statusinteresse. Etwa nach dem Mot to: Mitspracherecht gibt es nur, wenn man über möglichst viele „or dent liche“ Großverbände mit Gegenangriffsfähigkeit verfügt. Nur dann wird man wieder respek tiert. Für den Aufbau solcher Kräfte ist durchaus ei nige Zeit zu ver an schlagen, so nah ist die rote Gefahr nun auch wieder nicht, und die Per spek tive baldiger Wiedervereinigung erscheint so vage, dass man sich über die möglicherweise negativen Auswirkungen des Aufb aus provoka tiver Streit kräfteelemente nicht allzu große Sorgen macht. 11 So wird im Wesentlichen die Strukturkonzeption der „Himmeroder Denkschrift“ von 1950 mit ihrem starken Akzent auf schweren, (ge gen) an griffsfähigen Großverbänden beibehalten. Dies gilt freilich nicht für die da mit verbundene militärische Ab schreckungsphilosophie, die eine An dro hung weitreichender Operatio nen gen Osten vorsah. Ganz wie von Bo nin woll te man auf bundesdeutschem Terri torium vorne verteidigen und ggf. nur die Integrität des eigenen Ge bie tes wiederherstellen, allerdings mit – mil de ausgedrückt – etwas doppel deutigen Mitteln. In den Worten von General Uhle-Wettler: „Die offensive Konzeption Himmerods ist … längst aufgegeben, de facto war sie wohl schon tot, noch be vor der erste Soldat En de 1955 seine Uniform anzog. … Ein Gegen schlag, wie er in Himmerod skizziert wurde, könnte … den umfas senden Atomkrieg auslösen. … Mit der offensiven Konzeption fiel jedoch nicht die dazugehörende Heeres struk tur. … So haben wir von 1955 bis heute mit zu nehmender Ausschließ lichkeit ein Heer entwickelt, das am besten für weit reichende Angriffsope rationen in offenem Gelände geeignet wäre, in dessen aber in zentral europäischem Gelände die (Vorne-)Verteidi gung durch führen soll“ (Uhle-Wettler 1980: 75). Anders ausgedrückt: Politisch war und ist nur eine Vornever teidi gung legitimierbar, die kalkulierte großzügige Raumaufgabe ebenso aus schließt wie nach „drüben“ gerichtete Risikostrategien; militärisch haben wir es aber mit einer Struktur zu tun, die solche Optionen prinzipiell nicht aus schließt. 12 In gleicher Münze heimzahlen Wie hat sich das so früh etablierte Konzept forcierten Bewegungs krie ges bis heute ent wickelt? Bevor wir diese Frage in groben Zügen be ant worten, sei ein Blick auf die andere Seite geworfen, denn zum Krieg füh ren gehören mindestens zwei. Vom Warschauer Pakt als potentiellem Ag gressor wird immer wieder und fast unisono Folgendes gesagt: Krieg in Mitteleuropa beginnt, weil unser Gegenüber ihn anfängt. Die an dere Seite wird überraschend, fast aus dem Stand, zuschlagen, oder – wenn die eigenen Kräfte dazu als unzureichend erachtet werden – die schwerfällige Kommunikation in der NATO ausnutzen und uns täuschen. Als plausibel vorgestellt wird etwa die Nutzung einer – tatsächlichen oder angeblichen – blockinternen Krise zur Mobilisierung von Trup pen, die dann blitzartig gen Westen dirigiert werden könnten. Wenn die andere Seite den Krieg beginnt, wird sie ihn mit einem Feuer schlag eröffnen, der – hochselektiv – die gesamte Tiefe des zu verteidi genden Raumes umfasst. Potentielle Ziele sind Atomwaffenträger und -de pots, sonstige Munitionslager, Ansammlungen von militärischem Groß gerät, Kommandozentralen und Knotenpunkte der Kommunikation, Em pfangsstationen für atlantische Reserven usw. An dem Feuerschlag be teiligen sich koordiniert weitreichende Artillerie, Boden-Boden-Rake ten, Jagdbomber, aber auch vorher eingesickerte Kommandotruppen („spets naz“). 13 Synchronisiert mit dem Feuerschlag haben die Landstreitkräfte der ande ren Seite schnell in die Tiefe des zu verteidigenden Raumes vorzu stoßen. Dabei versuchen sie, Lücken in der Abwehr auszunutzen, die „Ar beit“ des initialen Schlages zu vollenden, überraschte westliche Trup pen ein zu schließen oder erst noch anmarschierende NATO-Ver bän de in Begeg nungsgefechten zu werfen, auf die sie speziell vorbereitet sind und bei denen der Verteidiger seines Heimvorteils beraubt ist (Dick 1985: 664). Im Zentrum der Angriffsoperationen der Landstreitkräfte steht nach wie vor der Kampf panzer. Der stoßkräftige Kampfpanzer ist eingebunden in ein Konzert der „verbundenen Waffen“ – von mechanisierter Infanterie, gepanzerter Begleit artillerie, Kampfhubschraubern, vorauseilenden Luft sturmkräften usw. – jeweils in lageabhängiger Dosierung. Interessante Frage: Wie erscheint – umgekehrt – die NATO in der offi ziel len Sicht der anderen Seite? Antwort: Ganz genauso. Drüben ist das west liche Bündnis der potentielle Aggressor, der unter Täuschung über seine wahren Absichten plötzlich einen Krieg vom Zaun bricht, in dem er Feuer gegen die Tiefe des Warschauer Paktes richtet und seine panzer star ken Landstreitkräfte in der Manier der „verbundenen Waffen“ in die Wei te öst licher Räume schickt. Doch Propaganda beiseite: Wie sieht die Verteidi gung der Bundes republik Deutschland sich selbst? Antwort: Es gibt immer noch erhebliche Ähnlichkeiten mit der anderen Feldpost nummer. 14 Zwar wird ausgeschlos sen, dass die NATO den Krieg anfängt, doch wenn dieser einmal begonnen hat, geht es um überraschende Bildung von Gegenschwerpunkten, um se lek tives Feuer gegen die Tiefe des gegenüber liegenden Raumes (nicht zu vergessen: weitreichende Einsätze amerikani scher Special Forces) und um extrem schnelle Operationen panzerstarker, die Leistungskraft unterschied licher Truppengattungen geschickt integrie ren der Landstreitkräfte unter Aus nut zung von Lücken und Schwachstellen im Dispositiv des Angreifers. Allerdings: Um nennenswerte Territorialgewinne auf der anderen Sei te der Demarkationslinie soll es den westlichen Verbänden nicht gehen; ihre Stoßkraft und Beweglichkeit soll vor allem zum flankierenden Schla gen der Angriffskräfte „in kurzen Haken“ und zur Wieder herstellung der Integrität des eigenen Gebietes eingesetzt werden. Im Prinzip müssen die mobilen Gegenangriffsverbände schneller sein als die eindringenden Angriffsformationen. Nur so glaubt man, das wesent liche Privileg des Angreifers, nämlich das der initialen Schwer punkt bil dung, durch Gegenkonzentration neutralisieren zu können. In diesem Zu sam menhang mag es vorkommen, dass der Verteidiger möglichst ge schwind und friktionsarm einzelne oder mehrere Brigaden längs der De mar kationslinie bewegen muss, um drohenden Einbrüchen zuvorzu kom men bzw. diese zu bereinigen. Eine derartige Reallokation von Kräften ist – wie wir noch sehen werden – mit Tücken behaftet. Sie erscheint aber vor allem dann not wen dig, wenn im Sinne der politisch gebotenen Vorneverteidigung die zur De fensive aufmarschierten NATO-Verbände in einem Abstand von et wa 30 bis 50 Kilometern zur deutsch-deutschen Grenze qua si linear auf ge reiht werden. 15 Mit dieser Skizze entsteht vor unseren Augen ein Kriegsszenario, das von Bewegung dominiert wird. Da nutzt ein jeder Lücken im Dispositiv des anderen: Der Aggressor sucht dort einzudringen, wo NATO-Verbände möglicherweise noch nicht „in Linie“ stehen bzw. dort, wo Bewegungen des Verteidigers schlecht koordiniert sind. NATO-Kräfte wiederum streben danach, die weichen Flanken der gegnerischen Angriffsformation zu ent decken und durch entschlossene Stöße auszunutzen. Es scheint, als drehe sich ein jeglicher um jeden. Und da sich beide Seiten in ihrer Struktur nicht allzu unähnlich sind, ließe sich – etwas mokant – von den „Zwillingen in der Drehtür“ sprechen. Fragt sich allerdings, ob in der Realität die Rochaden der mobilen Truppen örtlich so sehr begrenzt werden können, wie diese Metapher es unterstellt. Selbst wenn man, wie der erfahrene Troupier General Niepold (Nie pold 1981: 70), von der „Vorneverteidigung in einer möglichst tiefen Zo ne“ spricht, muss man doch befürchten, dass bei einer bewegungs beton ten De fensive, die Lücken als konzeptbedingt tolerieren muss, Durch brü che ei nes Angreifers prinzipiell nicht auszuschließen sind. Das Bild eines beweglichen Tohuwabohu, das durchaus nicht auf den grenznahen Raum beschränkt sein muss, wird vervollständigt durch die re a le Vision tiefenwirksamen, potentiell allgegenwärtigen Feuers, dessen Schwer punkte schnell wechseln und das – wegen der militärisch lohnenden Zie le in der Nähe von Bevölkerungszentren – die Kriegsrisiken von Solda ten und Zivilisten egalisiert. Stichwort „Zivilisten“: Das Wogen einer möglichst frei beweglichen Kriegführung kann – so der interne NATO-Kon- 16 sens – selbstverständlich nicht die besiedelten Räume in der grenznahen Zone aussparen. Was in der Bundeswehr kaum einer ausspricht (gelegentlich aber doch geübt wird), das ist von unseren Verbündeten in großer Offenheit zu hö ren: Vor allem klei nere Ortschaften, aber auch die Randzonen der Bal lungsgebiete, geben hervorragende Deckungen für bewegliche NATO-Kräft e ab. Kein Wunder, wenn solche Ansiedlungen im Ernstfalle zu loh nenden Zielen für gegne risches Feuer oder die Besetzung durch Truppen wür den! Trotz dieses Sachverhalts werden die Anhänger von „Alternativ kon zepten der Verteidigung“, die bei einer bewaffneten Auseinandersetzung kleinere Ortschaften gerne evakuiert sähen und größere bewohnte Gebiete sinnvollerweise militärfrei wünschen (diese Konzepte beanspruchen, den Kampf in, aus und um größere Ansiedlungen durch Raumkontrolle sinnlos zu machen), durch Amtsvertreter bei öffentlichen Diskussionen immer wie der mit Horror szenarien konfrontiert – Tenor: „Wenn der Russe unsere Ort schaften besetzen kann, wird er, wir wissen ja wie, die Bevölkerung quä len!“ Anmerkung: Angesichts der einschlägigen Belastung der deutschen Wehr macht sollten deutsche Offiziere, die sich mitunter derartiger Schreck bilder bedienen, ein wenig vorsichtiger sein! Die geistige Haltung: Unser Vorteil? Merke: „Die Lage ist meist ungewiss.“ „Freie Räume und Lü cken zwischen den Verbänden sind alltägliche Erscheinungen“ (Hervorhebung im Original). „Auch in ungeklärter Lage muss 17 entschlossen gehandelt wer den.“ „Stets im Sinne des Ganzen handeln!“ (Middeldorf 1968: 51/54) Diese zusammengewürfelten Zitate aus einem populären, offiziösen Tak tik-Handbuch der 60er Jahre leiten über zu der Frage: Wie kann man sich im Bewegungskrieg behaupten, wenn man keinen numerischen Vorteil besitzt? Kurze Antwort siehe oben: durch entschlossenes Handeln im Sinne des Ganzen, auch wenn die Lage unklar ist und man nicht genau weiß, son dern eher nur ahnt, was das „Ganze“ denn beabsichtigt. Gefordert ist wahre Führerschaft, die sich auf eine „geistige Haltung“ gründet, die wiederum gekennzeichnet ist durch überlegen-kühles Durch drin gen selbst unübersichtlichster Lagen, Initiative und ruhige Entschluss kraft (nur keine undeutsche Hast!) sowie die Fähigkeit, mit – geistig – Wahl verwandten möglichst zwanglos zu kommunizieren und zu koope rie ren. Vor allem letzteres, nämlich Initiative und Kooperationsfähigkeit, ma chen „Auftragstaktik“ möglich, ein Führungsverfahren, das den jeweils nachgeordneten Hierarchiestufen nur Ziele vorgibt, aber nicht den modus operandi, und dadurch dem Erfordernis „nicht-willkürlicher Selbständig keit“ im modernen Bewegungskrieg am besten entspricht. In der Tat lässt sich in diesem Zusammenhang mit gewisser Plausi bilität ein Vorteil des Westens, besonders aber der Bundeswehr, erkennen, sind doch die Zeugnisse für systembedingten Mangel an Initiative – vor allem auf der taktischen Ebene – in der Sowjetarmee Legion, erscheint doch „drüben“ die Befehlsgebung bis hinunter zur kleinsten Einheit immer noch sehr rigide und anfällig für Störungen aller Art (Erickson 1981). Leider muss an dieser Stelle dennoch etwas Wasser in den Wein deutschen Selbstbewusstseins geschüttet werden: 18 Zum einen machen sich auch in der Bundeswehr, als einer komplexen hochtechnisierten Großorganisation, Tendenzen der Bürokratisierung und „Über- oder Scheinprofessiona lisierung“ breit, die in Verantwor tungs scheu bzw. Absicherungsdenken und demzufolge in Karrieren re sultieren, die weniger auf militärische Leistung als vielmehr auf die stück chenweise Anhäufung oft sachfremder Beförderungsansprüche ge gründet sind. Zum anderen lösen sich die Bande des Führungskorps, und damit die Vertrauens beziehungen, die für reibungslose professionelle Kooperation Voraussetzung sind, auf grund langfristig wirksamer gesamtgesell schaft licher Trends zunehmend auf (zu nennen sind da zum Beispiel: die Ver breiterung der Rekrutierungsbasis, die abnehmende Präge kraft mili tä ri scher Sozialisation und der Bedeutungsgewinn ziviler Werte). Das Offi zier korps spürt diese Veränderungen, fürchtet instinktiv eine Gefähr dung der internen Ko operationsfähigkeit, verarbeitet das Problem aber nicht bewusst: Stattdessen wird – auf Teufel komm’ raus – versucht, die Reste der Integrität des Korps zu retten (Unterseher 1986). Das geschieht durch eine verbiesterte Homogenisierung nach der politischen Couleur und die Ent wicklung einer „militärischen Gegenkultur“, die angesichts ei ner sich weiter „zivilisieren den“ Umwelt aufgesetzt wirkt wie eine Papp nase (Gessenharter 1986: 116 ff). Die skizzierte Entwicklung hat im doppelten Sinne politische Kosten: Die Tendenzen zur Über- bzw. Scheinprofessionalisierung führen zur Austrock nung des innermilitärischen Diskurses und 19 möglicherweise auch dazu, dass Alternativen militärischer Umsetzung politi scher Ziele gar nicht erst erör tert werden. Schlimmer aber ist, dass ein Infragestellen der vir tuellen poli ti schen Homogenität des Offizierkorps mehr und mehr als Be drohung der Funk tions tüchtigkeit des militärischen Apparats erscheint. Ei ne derartige Entwicklung ist schlicht nicht demokratieverträglich. Atomwaffen: Nicht mehr so wohlfeil? Zwar stehen Führungs- und Kooperationsfähigkeit schon im moder nen konventionellen Be wegungskrieg unter extrem hohen Ansprüchen, doch bildet erst das atomare Gefecht die absolute Herausforderung. In ei ner Zeit, in der die Sowjetunion noch nicht auf allen möglichen Ebenen atomarer Eskalation praktisch gleichgezogen hatte und infolge des sen ein (Erst-)Einsatz von Kernwaffen durch den Westen noch eine ge wis se Plau sibilität besaß, hat sich die Bundeswehr dieser Herausforderung durch aus ge stellt. Es stimmt nicht, dass die Bundeswehr, der „reinen Kriegsverhinde rung“ verpflichtet, nur bis zum ersten Atom waffen einsatz dachte. Ganz im Ge gen teil: Nukleare Abschreckung erschien von Anfang an nur möglich durch konkret verfügbare atomare Einsatzoptionen. So gelten mit Recht die Aus führungen über den Atomeinsatz in dem bereits zitierten Taktik-Handbuch als ein Höhepunkt militäri schen Denkens in Deutschland. Klar wird hier erkannt, dass Bewegungskrieg unter „Ein mischung atomarer Waffen“ die Führung mit einem mehrfachen Dilemma konfron tiert. „Das atomare Ge fecht wird“ noch viel mehr als das kon venti onelle 20 „cha rak te risiert durch: weite Auflockerung der Truppen, schnelle Bewe gung mechani sier ter Ver bände, Hin- und Herwogen des Kampfes mit vie len uner warteten Wechselfällen und oft inselartigem Charakter der Käm p fe, Unterbrechung der Verbindungen, Ausfall ganzer Führungs be rei che, Zer reißen der Ge fechts gliederungen“ (Middeldorf 1968: 54 f). Pro blem: „Auflockerung er schwert feindliche Aufklärung und ist ent scheidendes Mittel des Schutzes, zu weite Auflockerung jedoch mindert die Fähigkeit zu schnellem Han deln.“ Und wenn man nicht handeln, also Schwerpunkte bilden kann, verliert man die Initiative, damit das Gefecht und möglicher weise mehr. Doch dies ist nur eine Facette des Führungsdilemmas, die andere besteht darin, dass einerseits Auflockerung und inselartige Lagen Selb stän dig keit erfordern, andererseits eigener Atom waffen einsatz straffer Koor di nation und des „Führens am kürzeren Zügel“ bedarf, um nicht den ver tei digenden Truppen die Kernladungen aus Versehen auf die Füße zu schmei ßen. Gerade dieser Gesichtspunkt der Sicherheit hat in zahlreichen Lagen zur Rigidität der Befehlsgebung und damit zur mangelhaften Aus nutzung knapper militärischer Ressourcen geführt: Feuer hat gewitzte Be weg lich keit erschlagen. Langfristig ging dieses Mehrfach-Dilemma den professionellen Sol da ten auf die Nerven. Wichtiger noch für die Absage an den zugespitzt mi litä rischen Gebrauch von Kernwaffen durch viele Militärs war aber wohl das Gleichziehen der Sowjetunion auf allen Ebenen und die daraus resul tierende Unmöglichkeit, in der Dynamik eines atomaren Schlagabtausches auf Eskalationskontrolle hoffen zu können. Weniger, aber doch auch, dürft en zur wachsenden Skepsis deutscher Militärs gegenüber militärischem Atom waffeneinsatz in Mitteleuropa die zu erwartenden Verluste 21 in der Zi vil bevölkerung beigetragen haben. Doch: Noch bis zu den WINTEX-Übun gen der letzten Jahre wurde, nach in der Regel mehrtägigem kon ventionellen Konflikt, auf deutschem Boden nuklear eskaliert. Früher ge schah dies meist im Sinne eines strikt militärischen Gebrauches, der sich durchaus in den Austausch voller Sal ven hineinsteigern konnte. Seit einiger Zeit mag es eher um symbolisch-politische Schläge ge hen. Wir wissen es nicht genau. Zivilisten, die gelegentlich ihre Insider-Kennt nisse aus dem Bunker durchsickern lassen, werden nämlich mit dem ersten Atomschlag nach Hause geschickt. So sind wir auf die Beteuerungen bundesdeutscher Militärs verwie sen, dass man die Atomwaffen „repolitisiert“ habe. Ein Einsatz komme al lenfalls als gezieltes politisches Signal zur Beendigung eines untolerier bar lan gen und zerstörerischen konventio nellen Konfliktes in Frage.. Auf Unverständnis stößt diese Behauptung bei jenen Kritikern, die beobachtet haben, dass die NATO – bei Abzug obsoleter Atomwaffen – die in Zentraleuropa verbleibenden so modernisiert, dass sich mehr konkrete Ein satzoptionen ergeben als vorher. Für diese wachsende militärische Ka pazität wird amtlicherseits meistens das Argument nachgeschoben, dass man über Mittel verfügen müsse, die mögliche Konzentrationen eines An grei fers von vornherein unter Strafe stellen und somit verhindern können. Dem lässt sich freilich entgegnen, dass sich mit gar nicht so exoti schen kon ven tionellen Technologien (Salvenwerfer, Bomblets, Minelets, Sensor mu nitionen) ein entsprechender Effekt zu kleineren Preisen und ex trem höherer militärischer Flexibilität erreichen lässt (beträgt doch – nach einer Information von Ge- 22 neral Gerber – die Zeit von der Beantragung bis zur Frei gabe eines nuklearen Einsatzes in der Regel länger als 12 Stunden). Zwischen nuklearem Patt und westlicher Ersteinsatzdoktrin erscheint es heillos, darüber zu spekulieren, wie wahrscheinlich bei einer mili tä ri schen Auseinandersetzung in Mitteleuropa ein Atomwaffenge brauch wäre. Sinnvoller ist es demgegenüber wohl, darüber nachzudenken, welche Prä mie unsere Nuklearwaffen mit ihrer potentiellen Gefährlichkeit und dem lukrativen Zielangebot, das sie darstellen, der anderen Seite in einer sich zu spitzenden Krise für einen zuvorkommenden konventionellen Schlag bieten. Lästiges: Flüchtlinge, Logistik und Verwundete Fraglos würde der Einsatz – zunächst – eigener Atomwaffen in Mit tel europa eine militärische Auseinandersetzung vor allem auch für uns jeg licher Kalkulierbarkeit berauben. Doch gibt es schon auf der Ebene „dar unter“ manch üble Unwägbarkeit: Da sind zum Beispiel die Flüchtlinge. Nach NATO-Lesart sollen die Bürger, falls Kampfhandlungen ausbrechen, zu Hause bleiben. Interne Schät zungen der Bundes regierung nehmen hingegen an, dass schon bei einer konventionellen Aus einandersetzung, die zunächst vorwiegend auf den unmittel baren Grenz raum beschränkt bleibt, sich zwei Millionen Deut sche und weitere zwei Millionen Gastarbeiter motorisiert in General rich tung Süden auf die Straße begeben würden. Schon im Rahmen dieser konservativen Annahme besteht wenig Hoff nung auf Kontrolle und Kanalisie rung der Ströme durch die Polizeien bzw. den Bundesgrenzschutz. Kräfte des Territorial heeres kämen zu spät und hätten im Übrigen über- 23 wiegend andere Aufgaben zu erfüllen. Ein sol cher Strom würde quer zu den Nachschubsträngen und den Aufmarsch we gen der Reserven verlaufen: ein Alptraum für eine beweg liche Verteidigung, die zumindest im Großen den Zusammenhang wahren will. Übri gens, dass sich sehr viel schlimmere – und wohl plausiblere – Szenarien denken lassen, dürfte auf der Hand liegen. Ein weiteres Handikap für eine bewegliche Vorneverteidigung liegt in logistischen Prob lemen. Wie bereits kurz angedeutet, ist es organisa torisch und planerisch höchst kompliziert, über Divisionsgrenzen hinweg Großverbände oder Teile von Großverbänden die „Linie herauf oder her unter“ zu verschieben. Solche Verschiebungen müssten die Nachschub strän ge der jeweiligen Nachbarverbände kreuzen und können ein Chaos zei ti gen (Huntington 1983–84: 49). Vergessen sollte schließlich nicht werden, dass eine halbwegs geord nete Verwundeten versorgung quer zu den Erfordernissen einer Krieg füh rung extrem schneller Bewegungen steht. Ein Beispiel: Zwar kann eine erste Wundversorgung bzw. -behand lung durch dezen trale, mobile Teams ‚vor Ort‘ durchgeführt werden, diese können auch hinreichend mit Blutplasmavorräten ausgestattet sein, die relativ preisgünstig und haltbar sind, doch erfordern Bluttransfusionen (der echte rote Stoff ist sehr wertvoll und hat eine nur kurze Lagerzeit) und eine angemessene chirurgische Versor gung der Verwundeten leistungsfähige, über längere Zeit stationäre Ein richtun gen: möglichst nicht zu weit, 15 bis 20 Kilometer gelten als Richt wert, vom vorderen Rand der Vertei di gung ent fernt, aber sinnvollerweise auch nicht zu nah (Hannon 1986: 621 ff). Schwer vorzustellen, dass sich diese Anforderungen unter den Be dingungen einer Kriegführung reali sieren lassen, in der 24 es nach dem An fangsaufmarsch keine Linie mehr gibt, in der sich alles ständig dreht und wendet. Wohlgemerkt, hier geht es um systembedingte, um „hausge mach te“ Störungen. Ver gessen wir nicht, dass es im Krieg auch immer noch den Feind gibt, der mit seinem tiefenwirksamen Feuer ein Übriges zur Ver wirrung in den rückwärtigen Räumen beitragen kann (vor allem, wenn er dort empfindliche militärische Ziele und komplizierte, leicht stör bare Be wegungsabläufe findet)! „Vorwärts“ als Ausweg und die Wiederentdeckung der operativen Ebene An den eingebauten Widersprüchen einer quasi-linearen Vornever teidigung mit beweglichen schweren Verbänden setzt der angesehene ame ri ka nische Politologe und ehemalige Präsidentenberater Samuel P. Hun ting ton an, um dann deren Überwindung im Gewand einer neu-alten Ab schreckungs philo sophie zu verkaufen. Huntington konstatiert ein nukleares Patt und, daraus resultierend, die tendenzielle Neu tralisierung der Atomwaffen als Droh- bzw. Kriegs verhin derungsmittel. Deswegen müsse die konventionelle Abschreckung ver stärkt werden. Solches könne nur durch eine Befreiung der beweglichen Großverbände der NATO von der widernatürlichen Fessel der Vornevertei digung geschehen. Durch Bewegung entlang ihrer Versorgungsstränge könn ten die westli chen Großverbände leistungsfähiger sein und friktions ärmer eingesetzt werden. Gedacht ist dabei vor allem an eine Bewegung gen Osten. D. h., es geht um den Aufbau eines konven tionellen Ver gel tungs potentials, das nach Hun- 25 tington die andere Seite mehr vom Kriege ab schreckt als die bisherige „Abhalte-Verteidigung“, die mit der Behaup tung bzw. Wieder gewinnung von Territorium zufrieden war (Huntington 1983–84: 45 ff). Interessanterweise soll ein Eindringen von Angriffsverbänden des War schauer Paktes durch neu aufzubauende Defensivstrukturen des Wes tens aufgefangen werden, die den Schriften von Bonins entstammen könn ten (taktische Defensive als Dienstmagd operativer Offensive). Huntington übersieht, dass – historisch betrachtet – die Entwicklung von Streitkräfte- bzw. Doktrinelementen, die sich an „Bestrafung“ orien tieren, per saldo eher ein Zuvorkommen der Gegenseite, Krieg also, zur Folge hatten, als stabile Abschreckung (Mearsheimer 1983). Für eine sta bile Abschreckung, so sagt die Kritik an Huntington, muss man nicht mehr – und nicht weniger – aufbringen als eine erfolgversprechende Abhalte- Ver teidigung. (Soll diese kosteneffektiv sein, wäre sie allerdings ganz an ders zu instrumentieren als mit entfremdeten Elementen weiträumigen Be we gungs krieges.) Sich an einer Abhalte-Verteidigung eine blutige Nase zu holen, wäre für die Sowjetarmee schon Strafe genug. Wenn wir an die Funktion der Sow jetstreitkräfte als Stabilisator des Ostblockes denken, wird klar, dass die Führung in Moskau nach dem Misslingen einer Aggression – anders als oft behauptet – nicht wieder zum politi schen status quo ante zurückkehren könnte: sicherlich ein abschreckendes Kalkül. Amtlicherseits wird bei uns in öffentlichen Diskussionen immer wie der behauptet, die Logistik der NATO-Verbände gestatte keine grenzüber schreitenden Operationen. Huntington würde antworten: Sicherlich gibt es da Probleme; doch diese 26 Aufgabe ist leichter zu lösen als die der lateralen Verschiebung hinter der Linie! Zudem, könnte er sagen, müssten westliche Angriffsoperationen ja gar nicht allzu weit reichen – die Stimulierung von Unruhe unter der Zivilbevölkerung „drüben“ sei schon Drohung – oder Stra fe – genug. Hier gibt es Anklänge an Überlegungen von Offizieren der Bun des wehr, zum Beispiel von Dieter Farwick und auch Elmar Dinter (Far wick 1983; Dinter 1985). Sie mögen zu den Außenseitern unserer Streit kräft e gehören, doch hat zumindest der eine eine entsprechende Pub li ka tion mit Bil ligung seines Ministers vorgenommen. Wohlgemerkt: Ihnen geht es nicht um Angriffskonzepte, sondern um die Erwirtschaftung von grenz über schreitenden Optionen, nachdem unser Gegenüber den Krieg be gon nen hat. Die Androhung solcher Optionen soll – was fragwürdig ist – Krieg verhindern, ihre Realisierung beabsichtigt Faustpfänder zu gewin nen, die als Hebel zur Kriegsbeendigung empfohlen werden. Vor dem Hintergrund dieser Diskussion irritiert eine Entwicklung, die sich verkürzt als „Wiederentdeckung der operativen Ebene“ kennzeich nen lässt. Nachdem man, um Einheitlichkeit mit den Angelsachsen herzu stellen, auf den preußischen Begriff des Opera tiven als Vermittlung von Strategie und Taktik verzichtet hatte, entdeckt man ihn nun wieder neu – in Reaktion darauf, dass ihn sich die Amerikaner zum ersten Mal erschließen (AirLand-Battle Doktrin, Field Manual 100-5). Nun wird wieder an „Be we gungen von Truppenkörpern in Korpsgröße“ gedacht, und das Zusam menkratzen von starken operativen Reserven erhält eine ganz besondere Be deutung (Kielmannsegg 1986). In aller Munde ist nämlich, dass die Sowjets uns auf der operativen Ebene voraus sind: an Doktrin, Führungsorganisation und 27 Einsatzmitteln. Hier gilt es wieder einmal nachzurüsten. Die Jahre, in denen man sich da rin übte, operative Verstöße des Warschauer Paktes auf taktischer Ebene – kumulativ – zu neutralisieren, geraten mehr und mehr in Vergessenheit (vielleicht, weil das alles nicht so recht funktionierte oder weil man es nach dem Rezept von Bonins bzw. dessen modernen Varianten nie versucht hat?). So mag manch einer die beklemmende Vision haben, dass sich die Bundeswehr – langsam, aber nicht unmerklich – auf dem Marsch zurück in ihre Gründerjahre befindet: „Himmerod“ heißt das Eifelkloster, in dem ein frühes brainstorming die Einheit von Struktur, nämlich der gepanzerter Groß verbände, und Doktrin, nämlich der des operativen Gegenangriffs, postulierte. Auf das Kriegsbild bezogen heißt das: Falls die Abschreckung versagt, könnte mit erheblich weitgreifenderen Operationen der Land streit kräfte diesseits und jenseits der Demar ka tionslinie zu rechnen sein. Kon ventionelle Kriegführung scheint sich zu radikalisieren. Bewegungshemmnisse: Augen zu und durch? Während die einen über bewegliche Operationen herkömmlicher Groß verbände in neuen Weiten nachdenken, haben andere die Sorge, ob sich die vielgepriesene Beweglichkeit angesichts der künftigen mili tä ri schen und technischen Entwicklung überhaupt durchhalten lassen wird. Da ist zum Beispiel István Csoboth, einer der führenden Theoretiker des Hub schraubereinsatzes in der Bundeswehr. Der gebürtige Ungar hat seine Zweifel an der überlegenen Mobilität westlicher Großverbände und „unter stellt …, dass 28 die Divisionen von Ost und West sich in ihrer Beweg lichkeit neutralisieren“ (Csoboth 1984: 299). Für ihn „ist es die luftbewegliche Komponente der Landkrieg füh rung, die man für das Wieder gewinnen der Hand lungsfreiheit einsetzen muss.“ Ähnliches war von General von Senger und Etterlin zu hören, als er noch den Posten eines Oberbefehlshabers der NATO in Mitteleuropa be kleidete. Ihm ging es um die Befähigung zu weitreichenden Gegenoffen si ven, gestützt auf luftmobile Divisionen: Und wenn es auf der Erde nicht mehr geht, sucht man die Bewegung im anderen Medium. Diese Denkrich tung, der offenbar eine besondere Dynamisierung des Kriegsgeschehens am Herzen liegt, ist allerdings in jüngster Zeit etwas kleinlaut geworden. Das Kooperations- bzw. Entwicklungsdesaster im Zusammenhang mit dem deutsch-französischen Kampfhubschrauber scheint deren argumenta tive Grund lagen ziemlich zu unterminieren. Eine andere Denkschule rechnet weniger mit der wechselweisen Neu t ralisierung der Bewegung strukturähnlicher militärischer Formatio nen, als vielmehr mit Mobilitäts hemm nissen, die in der Entwicklung mo der ner Technologie liegen. So wird ein Referent auf einer Kom man deur tagung des Heeres über die „Herausforderung durch neue Tech nologie“ folgen der maßen zitiert: „Mit künftigen Systemen … werde es möglich sein, den operativen und taktischen Verantwortungsbereich wirksam mit Feu er abzudecken. Das Feuer sei somit … zum dominierenden Faktor auf dem Gefechtsfeld geworden. Die Bewegung scheint in ihrer operativen und taktischen Aus wirkung beträchtlich an Bedeutung verloren zu haben. Die Wirksamkeit moderner, dynamischer Sperr- und Minensysteme scheine dies noch zu un terstreichen“ (Kommandeurtagung 1986: 438). 29 Doch es geht weiter: „Auf die Beweglichkeit werde der Verteidiger … schon deswegen nicht verzichten können, weil er – gewissermaßen per manent rochierend – die gegnerische Aufklärungs- und Waffenwirkung un terlaufen müsse. Nur durch höhere Beweglichkeit seiner Kräfte werde es dem Verteidiger auch künftig möglich sein, schnell dort ein genügendes Maß an eigener Kampfkraft zu konzentrieren, wo der Gegner mit Schwer punkt angreift und eine Entscheidung erzwingen will. Die eigene Beweg lich keit werde dabei sogar in ihrer Bedeutung zunehmen, weil es nur durch Gegenangriffe oder schnelle, harte Gegenstöße und Einsatz mittel möglich sein werde, das gegnerische Führungs- und Aufklärungsnetz zu zerreißen und mindestens die örtliche Initiative wiederzugewinnen.“ Ähnlich sieht es General Bernhardt, der die Steigerung der Feuer kraft durch moderne Technologien griffig beschreibt und daraus die Forde rung nach „wuseliger“ Bewegung zum Schutz mechanisierter Verbände ableitet, zudem aber auf die „aktive Bewegung“ zum Wiedergewinnen der Initiative bzw. zum Durchkreuzen gegnerischer Angriffsplanung nicht ver zichten will (Bernhardt 1986). Selbst angesichts wachsender technischer Hemmnisse muss es Bewe gung einfach geben. Diese Ansicht der beiden zuletzt zitierten Auto ren verdeckt allerdings nicht die Einsicht in die zunehmenden Probleme, die in diesem Zusammenhang entstehen. Bei beiden ist deswegen auch viel von modernen, flexiblen Sperrsystemen sowie von Deckungen im Gelände die Rede, auf die Bewegung zu beziehen sei. Ähnlich äußert sich General von Sandrart, in seiner Rolle als Hee res inspekteur, wenn er mehr Mobilität, aber auch die 30 verstärkte Nut zung von vorbereiteten wie schnell verlegbaren Barrieren zur Anlehnung und De ckung fordert (Sandrart 1986). Liest man zwischen den Zeilen, will es scheinen, dass den risiko behafteten, grenzüber schreitenden Missionen möglicherweise doch nicht die Zukunft gehört: Der Schutz eigener Bewegung vor zunehmender geg nerischer Feuerkraft lässt sich wohl nur in vorbereiteten, „freundlichen“ Räu men diesseits der Demarkationslinie ge währ leisten. Denkt man dies zu En de, zeigt sich eine Verbindung zur „Alter nativen Verteidigung“: größerer Akzent auf Deckung und flexiblem Feuer – als Sanktuarium für kleinere, quecksilbrige Elemente zur be weglichen Gegen konzentration. Heilsame Ernüchterung durch eine kürzere Ressourcendecke? Nicht nur die Technik wird die Vorstellung vom Krieg beeinflussen, auch die Verknappung der Verteidigungsressourcen dürfte erhebliche Kor rek turen notwendig machen. Von Verknappung muss in doppeltem Sinne geredet werden: Zum einen geht es um in den 90er Jahren und danach feh len des Personal, zum anderen um wachsende gesellschaftliche Anspruchs konkurrenz um den Bundeshaushalt (der „eigentliche“ Rentenberg kommt erst noch, und der Umweltschutz hat einen gigantischen Nachholbedarf), die das amtlich geplante Wachstum des Verteidigungsbudgets auf jeden Fall ausschließt (Bebermeyer/Grass 1984; SALSS 1985). Vor dem Hintergrund der Personalkrise erscheint es unmöglich, die heutige Zahl weitgehend aktiver, mechanisierter Großverbände der Bun des wehr auch in den 90er Jahren beizubehalten. 31 Da das Betreiben solch kom plexer Verbände mit Reservisten alles an dere als einfach ist und im Übri gen eine Vergeudung wertvoller Res sour cen darstellt, ist an eine ver rin gerte Zahl mechanisierter Verbände ho her Prä senz zu denken, dafür aber an die Schaffung defensivorientierter, feuer starker Infanterieverbände tiefer Staffelung, die für eine Verwen dung von Reservisten besser geeignet sind. Auf jeden Fall lassen die Finanzierungsprobleme des Verteidigungs bud gets es als illusionär erscheinen, zusätzliches Großgerät für die Be stückung operativer Reserven zu beschaffen. Selbst die Moderni sierung der beweglichen Kräfte in heutigem Umfang und das Hinzufügen einer eher sta tischen oder nur kleinräumig beweglichen Defensiv kompo nente er scheint angesichts knapper Mittel nicht vertretbar. Es sind also Ent scheidungen über Schwerpunkt verschiebungen zu treffen, die einen Struktur wan del unserer Streitkräfte einleiten und damit auch zum Wandel des Kriegs bildes führen werden. Literatur Bebermeyer, H./Grass, B. 1984: Unsere Streitkräfte in der Ressour cen kri se, in: H. G. Brauch (Hg.), Sicherheitspolitik am Ende? Eine Be stands auf nahme, Perspektiven und neue Ansätze, Gerlingen, S. 176–189. Bernhardt, G. 1986: Alte Frage aus neuer Sicht: Feuer oder Bewe gung? Europäische Wehrkunde/WWR, Heft 11, S. 662–666. Bonin, B. v. 1954: Studie vom Juli 1954, unveröff. Manuskript (Ge heimschutz bis 1986). 32 Brill, H. 1986: Bogislaw von Bonin im Spannungsfeld zwischen Wie der bewaffnung – Westintegration – Wiedervereinigung. Ein Beitrag zur Ent stehung der Bundeswehr 1952–1955, Göttinger politikwissenschaftliche For schungen (Bd. I: Studie). Csoboth, I. 1984: Wird der Landkrieg luftbeweglich? Europäische Wehr kunde/WWR, Heft 5, S. 299. Dick, C. 1985: Sowjetische Gefechtsausbildung – Verwundbarkeit oder Stärke? Internationale Wehrrevue, Mai, S. 663–665. Dinter, E. 1985: Nie wieder Verdun. Überlegungen zum Kriegsbild der 90er Jahre, Herford. Erickson, J. 1981: Führungsfähigkeit und Führungsmethoden in der Sowjetarmee, Heere International, Bd. 1, S. 26–40. Farwick, D. 1983. Dynamische Vorwärtsverteidigung statt statischer Vorneverteidigung, ÖMZ, Heft 2, S. 117–120. Gessenharter, W. 1986: Politische Kultur im Wandel: Auswirkungen auf die Streitkräfte, in: W. R. Vogt (Hg.), Militär als Gegenkultur, Opladen, S. 109–120. Hannon, J. 1986: Medizinische Versorgung auf dem Gefechtsfeld, Internationale Wehrrevue, Heft 5, S. 621–628. Huntington, S.  P. 1983–84: Conventional Deterrence and Conven tional Retaliation in Europe, International Security, Bd. 8, Heft 3, S. 32–56. Kielmannsegg, H. Graf v. 1986: Forderungen an die Vorneverteidi gung. Mangel an Geld keine Fessel des Geistes, Europäische Wehr kun de/WWR, Heft 3, S. 153–158. Kommandeurtagung des Heeres in Hannover 1986: Die Herausfor derung des Heeres durch neue Technologien, Soldat und Technik, Heft 8, S. 438. Mearsheimer, J. J. 1983: Conventional Deterrence, Ithaca, N. Y. 33 Middeldorf, E. 1968: Führung und Gefecht. Grundriss der Taktik, Frankfurt am Main. Niepold, G. 1981: Sind hochmechanisierte Streitkräfte die Garantie für maximale Abschreckung? Heere International, Bd. 1, S. 68–74. Rautenberg, H.-J./Wiggershaus, N. 1977: Die „Himmeroder Denk schrift“ vom Oktober 1950. Politische und militärische Überlegungen für ei nen Beitrag der Bundesrepublik Deutschland zur westeuropäischen Ver teidigung, hrsg. Vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, Karlsruhe. SALSS 1985: Die Zukunft der Bundeswehr: Eine Durchleuchtung der amtlichen Planung, Gutachten für den Vorstand der SPD, Bonn, Ok to ber. Sandrart, H.-H. v. 1985: Forward Defence – Mobility and the Use of Barriers, NATO’s Sixteen Nations, Special I, S. 43. Uhle-Wettler, F. 1980: Gefechtsfeld Mitteleuropa. Gefahr der Über tech nisierung von Streitkräften, Gütersloh. Unterseher, L. 1986: Mehr als Kameraderie? Über Funktion, Genese und Verfall des Korpsgeistes, in: W. R. Vogt (Hg.), a. a. O., S. 283–293. 35 II Die Initiativen der anderen 36 Der Osten macht ernst: Über die militärische und politische Bedeutung der einseitigen Truppenreduzierungen der UdSSR und ihrer Verbündeten – erschienen in Sicherheit und Frieden, 4/1989 (gekürzt) – Am 7. Dezember 1988 hielt der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York eine Rede, deren Inhalt im Westen immer noch nicht verdaut ist. Hauptpunkt dieser Rede war die Ankündigung, dass die konven tio nel len Streitkräfte der UdSSR bis 1991 – ohne auf einen etwaigen Ab rüs tungs erfolg in den Wiener Gesprächen zu warten – erheblich reduziert wer den sollen. Und was 1988 noch Plan war, ist im Jahre 1989 schon teil wei se verwirklicht worden. Worum geht es im Einzelnen? Insgesamt sollen die sowjetischen Streitkräfte um 500.000 aktive Soldaten schrumpfen. Das entspricht etwa 12 Prozent der bisherigen Per sonalstärke. Von den 500.000 entfallen 240.000 auf den europäischen Teil der Sowjetunion und deren westliches Vorfeld, 200.000 auf Sibirien und 60.000 auf Zentralasien, das Gebiet gegenüber Iran und Afghanistan. Aber es geht nicht nur um den Abbau von Truppen, sondern auch um Redu zierungen bei der Bewaffnung. So soll das Kampfpotential der sowje tischen Kräfte, die im europäischen Teil der UdSSR und auf dem Gebiet ihrer Verbündeten stehen, um 10.000 Panzer, 8.500 Artilleriesy ste me und 800 Kampfflugzeuge vermindert werden. Was die erwähnten Pan zer be trifft, ist geplant, etwa 5.000 davon zu verschrotten und die andere Hälfte 37 nach Ausbau der Waffen- und Feuerleitanlagen zivil zu nutzen: als schwe re Erd bewegungs- oder Zugmaschinen. Auflösung von Kampfdivisionen Der eigentliche Clou der Ankündigung Gorbatschows war und ist je doch die Absicht, aus der DDR, der ČSSR und Ungarn 50.000 dort stati onierte sowjetische Soldaten und 5.300 Panzer abzuziehen. Konkret geht es um Abzug und Auflösung (!) von 6 Panzerdivisionen – vier davon aus der DDR, je eine aus der ČSSR und Ungarn. Insgesamt hatte die Sow jetunion 1988, wenn man noch zwei in Polen stationierte Großverbände mitberücksichtigt, in ihrem Vorfeld 30 Kampf divi sionen postiert. Mit dem Abzug soll also ein Fünftel der Divisionen, die in den genannten vier Län dern stehen, verschwinden. Zusätzlich sollen noch einige unabhängige Pan zerausbildungsregimenter, Luftsturmbrigaden und Pio nier verbände, die auf angriffsweise Flussüberquerungen speziali siert sind, abgezogen wer den. Dieses Maßnahmenbündel wurde offenbar ganz besonders mit der Absicht konzipiert, im Westen Ängste vor der Stoßkraft jener sowjetischen Truppen abzubauen, denen die NATO – mehr oder weniger – direkt kon frontiert ist. Vor allem den Besorgnissen gegenüber einer sowjetischen Blitzkrieg strategie mit stark verkürzter Warnzeit für den Westen … will man nun von der Sache her, was die zur Verfügung stehen den militärischen Mittel be trifft, die Begründung entziehen. In diesem Zu sam menhang fällt auf, dass je ne vier Panzerdivisionen, die den Sow jetstreitkräften in der DDR ent zogen 38 werden sollen (zum Teil ist dies bereits geschehen), vor allem für Ein sätze gegen NATO-Truppen in der norddeutschen Tiefebene in Frage kamen … So viel zu Inhalt und Kontext der sowjetischen Initiative, die alsbald ihre Entsprechung in ähnlichen Ankündigungen der Partnerländer (außer Rumänien) in der Warschauer Vertragsorganisation (WVO) fand. So zum Beispiel wird die Nationale Volksarmee der DDR (die entsprechenden Maß nahmen sind schon nahezu abgeschlossen), ihr Potential um 10.000 Soldaten, sechs Regimenter mit 600 Panzern und ein Geschwader mit 50 Kampfflugzeugen reduzieren. Damit haben die Panzerdivi sionen der NVA künftig kaum mehr Kampfkraft als die Panzerbrigaden der Bundeswehr … Sicherlich waren diese Maßnahmen der DDR-Regierung nicht über raschend – war doch unter Honecker der außen- und verteidigungs po li ti sche Konsens mit der sowjetischen Führung größer als der innenpoli ti sche. Dennoch muss hervorgehoben werden, dass – auch – die DDR-Füh rung sich zu selbständigen Abrüstungsmaßnahmen durchgerungen hat. War sie doch zuvor, mehr noch als die Regierungen der Partnerländer in der WVO, auf ausschließlich verhandelten und ausgewogenen Abrüs tungs fortschritt festgelegt. Was drüben geschieht, „dramatisch“ zu nennen, ist schon fast eine Untertreibung. So mancher musste dort über seinen ei ge nen Schatten springen. Um so enttäuschender sind die Reaktionen im Wes ten: 39 Enttäuschende Reaktionen im Westen Da gibt es zunächst einmal die notorischen Falken, die regierungsna hen „defense analysts“ in den USA, aber auch etwa in Großbritannien. Sie ha ben sich das böse Schlagwort „leaner and mea ner“ (etwa: „durch Ab specken gefährlicher“) ausgedacht. Der Schrumpfungsprozess der Sow jet streitkräfte sei in erster Linie an Modernisierung orientiert; das abzu bau en de Gerät sei nämlich zu allermeist veraltet und stünde eh’ zum Ver schrot ten an … Richtig ist, dass Schrumpfung in der Tat auch Modernisierung be deuten dürfte. Für uns im Westen muss das aber nicht automatisch be droh lich sein. Es kommt immer auf die Richtung dieser Maßnahmen an. Spe zialisierung auf den Angriff oder auf die Verteidigung? … Neben den von Berufs wegen Argwöhnischen gibt es noch die un verbesserlich Bornierten. Da heißt etwa der NATO- Generalsekretär Wörner die östlichen Maßnahmen als „einen Schritt in die richtige Richtung“ will kommen, und ähnlich äußert sich auch der christsoziale Teil der Bun des regierung. Nur weiter so, ist der Tenor, der Osten sei ja bei den kon ventionellen Rüstungen so haushoch überlegen, dass er noch etliche sol cher Ein schnitte in das eigene Potential machen müsse, bis Gleichgewicht – und damit Stabilität – erreicht sei. Vorerst müsse der Westen – fast – gar nichts tun und könne abwarten, bis der Osten (getrieben von seiner öko nomischen Dauerkrise, so heißt es hinter vorgehaltener Hand) klein beigebe. Demgegenüber ist Folgendes festzuhalten: Die haushohe konventi onelle Überlegenheit der WVO ist ein wohlgepflegter, aber nicht fundierter Mythos. Die relativ großen Stückzahlen sowjetischer Waffensysteme sind vor allem darin begründet, 40 dass man versucht hat, zum Teil extreme quali tative Vorteile der NATO durch Masse zu kompensieren. Und, ein großer Teil der Divisionen der WVO steht in Friedenszeiten nur auf dem Papier. Diese Verbände müssten im Falle eines Falles erst mobilisiert werden. Dies wird dort aber selten geübt, und wenn, dann oft mit organisatorischen De sa s tern. Zugespitzt formuliert: Die Ausdünnung von angriffsfähigen Kräften im westlichen Vorfeld der Sowjetunion macht diese so schwach, dass sie un ter die Parität mit entsprechenden westlichen Truppen fallen. Konkret: Die Sowjetarmee wird künftig in der ČSSR und der DDR über erheblich weniger Panzer verfügen als allein die Bundeswehr zu ihrem Bestand zählt. Berücksichtigt man noch die angesprochenen qualitativen Defizite östlicher Waffentechnik, scheint es ganz so, als sei Gorbatschow ein enormes Risiko eingegangen – ganz im Sinne einer die eigene Sicherheit beeinträchtigenden „Vorleistung“. Doch ist dies wirklich so? … Viel Rätselraten haben anfänglich scheinbare Widersprüche in Gor bat schows Ankündigungen ausgelöst. Abgezogen werden sollen 5.300 Pan zer aus drei Vorfeldstaaten, aber die sechs genannten Panzerdivisionen samt der ebenfalls aufzulösenden Panzerausbildungsregimenter haben nur etwa 2.500 Panzer! Und: Sechs Panzerdivisionen, dazu die erwähnten Re gimenter sowie die zusätzlich herauszulösenden Luftbrigaden und die Pio nierverbände mit dem schweren Fähr- und Brückengerät umfassen nach den Erkenntnissen westlicher „Dienste“ zusammen deutlich über 70.000 Soldaten. Es sollen aber doch nur 50.000 abgezogen werden! 41 Abrüstung durch Umrüstung Die Lösung liegt in der Formel „Abrüstung durch Umrüstung“. Bis lang unterhielt die Sowjetarmee in Polen, der DDR, der ČSSR und Ungarn insgesamt 30 Kampfdivisionen, davon 16 Panzerdivisionen und 14 moto ri sier te Schützendivisionen (mechanisierte Infanterie). Künftig wird es, durch den Abzug der sechs Panzerdivisionen aus Ungarn, der ČSSR und der DDR, im gesamten Vorfeld nur noch zehn Panzer- und weiterhin 14 Infanteriedivisionen der UdSSR geben. Allein darin liegt schon eine deut liche Strukturverschiebung. Es ist nicht nur absolut, sondern auch rela tiv mit weniger hauptsächlich für den Angriff spezialisierten Großver bänden zu rechnen. Doch die Umstrukturierung geht tiefer. Die verbleibenden Divisionen geben jeweils ein Panzerregiment ab und bekommen dafür ein mo tori sier tes Schützenregiment. Damit sinkt ihre Panzerzahl, während ihre Kopf zahl steigt. Verstärkt werden nicht nur die infanteristischen Elemente, die übri gens mehr Panzerabwehr-Lenkraketen bekommen sollen, sondern auch die Pio niere: jedenfalls soweit sie nicht für Flussüberquerungen, sondern für die Schaffung von Sperren … und defensive Geländeausnutzung vorge se hen sind. Ferner sollen zusätzliche Flugabwehrsysteme eingegliedert wer den, und die Artillerie wird wahrscheinlich neue Salvenwerfer erhalten, mit de nen sich größere Räume bestreichen lassen. Nun wird klar, dass mit dieser Reform per Saldo mehr Panzer, aber weniger Soldaten verschwinden müssen, als anfänglich vorschnell kalku liert wurde. Und zählt man noch eine begrenzte Menge von abzuziehenden Depot-Panzern hinzu, stimmt die Rechnung. Es entsteht das Bild einer Streit macht, die mit In- 42 fanterie, Sperrtruppen und Artillerie auf Raum de ckung und Verteidigung spezialisiert ist. Ihre Stoßkräfte werden so abgemagert, dass sie sich weniger für grenz überschreitende Abenteuer als für eine „Ausputzerfunktion“ in der Abwehr eignen. Die Defensive wird gestärkt, der Gedanke einer Parität bei den Offensivkräften aber aufgegeben – wohl in der Einsicht, dass Stabilität aus wechselseitiger Be drohung ohnehin nicht erwachsen kann … Konstruktive Antwort gefordert … Alles in allem lässt sich sagen, dass sich die Militärmaschinerie der Sowjetunion in die richtige Richtung bewegt. Freilich geht es dabei kei neswegs um eine „einseitige Vorleistung“ im Sinne der Selbst schwä chung. Was wir stattdessen sehen, ist ein selbständiges, die Stabilität erhö hen des Pro gramm, das Offensivorientierung entbehrlich macht, aber den Ei gen schutz optimiert. Dürfen wir der anderen Seite „Mut zum Frieden“ attestieren, wenn diese doch den Eigenschutz gar noch ausbaut und ihre Sicherheitsrisiken minimiert? Was riskiert man drüben eigentlich dem Frieden zuliebe? Nun, unter dem Primat der Politik mutet man dem Militär Extremes zu: Wandel der Doktrin, des Apparates, der Karrieremuster etc. etc. Ein solcher Pro zess kann nicht ohne Störungen und Stockungen ablaufen, an denen wir aber nicht interessiert sein können. Deshalb ist von uns, in der NATO, eine kon struktive, ebenso selbständige Antwort an Gorbatschow gefordert, um den Abrüstungsprozess ins – „fortlaufende“ – Rollen zu bringen … 43 Redaktionelle Anmerkung: Geschrieben vor dem Durchbruch in den Wie ner KSE-Verhandlungen (KSE: Konventionelle Streitkräfte in Europa). 45 III „Neue“ Kriege im Visier 46 Problematische politologische Projektion – Auszug aus Lange, S./Unterseher, L. 2018: Kriege unserer Zeit. Eine Typologie und der Brennpunkt Syrien, Berlin (gekürzt/bearbeitet) – Reiz des Neuen Drei als sachkundig etablierte Prominente waren es vor allem, die den internationalen Diskurs um die „neuen“ Kriege begründeten: Der israe lische, aus den Niederlanden stammende Strategieforscher Martin van Cre veld (Creveld 1998/1991), Mary Kaldor, eine britische Politikwissen schaft lerin, deren Eltern aus Ungarn immigrierten (Kaldor 2000), und der deut sche Politologe Herfried Münk ler (Münkler 2002). Die wesentlichen Aspekte des bereits von der ersten Hälfte der 1990er Jahre an geführten Diskurses sollen insbesondere entlang der Über legungen Münklers entfaltet werden. Aber auch weitere Autoren sind be rücksichtigt. Das Bild der angeblich „neuen“ Kriege, ihrer Haupt merkmale und des entsprechenden Kon textes, stellt sich da nach wie folgt dar: Zwischenstaatlicher Krieg als Auslaufmodell Herkömmliche Kriege zwischen Staaten mit regulären Armeen und ein deutiger politischer Autorität (oder zwischen Bündnissen, die aus sol chen Staaten bestehen) sind eine Ausnahme. Sie werden in langfristiger Tendenz noch mehr zur Ausnahme werden. 47 Charakteristisch für unsere Zeit, und wahrscheinlich für die Zukunft, sind bewaffnete Auseinandersetzungen unterhalb der staatlichen Ebene (Münk ler 2002: 42 f): Bandenkämpfe, Bürgerkriege, Terror und Gegen ter ror. Wobei solche Konflikte durchaus über Ländergrenzen „hin weg schwap pen“ können (was daraus aber noch keine zwischenstaatlichen Krie ge im traditionellen Sinne macht). In puncto Waffenwirkung und Operationsweise der in diesem Kon text Streitenden lässt sich zumeist von „low-intensity conflicts“ spre chen: was aber nicht bedeuten muss, dass Schäden und Opferzahlen gering sind. Deutliche Defizite staatlicher Kontrollmacht Bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen werden vor allem auch da durch möglich, dass es in etlichen Staaten, insbesondere in Südost asien und in weiten Teilen Afrikas, an staatlicher Kontrollmacht mangelt oder die se in einem Erosionsprozess begriffen ist. Viele Staaten genügen nicht (mehr) dem wesentlichen Kriterium von Staatlichkeit. Sie haben kein Ge waltmonopol oder sind dabei, es zu verlieren (Choj nacki 2005: 74 ff). Dies kann etwa heißen, dass die reguläre Armee aufgehört hat, ein verlässliches Instrument der Regierungspolitik zu sein: mit der Folge, dass sich das Territorium des betreffenden Landes beziehungsweise dessen Gren zen nicht mehr hinreichend kontrollieren lassen und andere waffen tra gende Gruppierungen regionale Autonomie beanspruchen oder gar nach der Zentralgewalt greifen (soweit davon noch die Rede sein kann). 48 Es mag aber auch bedeuten, dass es im Zuge des Aufbaus neuer Staat lichkeit, etwa nach einem Regimewechsel, nicht gelingt, eine leis tungs fähige, regie rungsloyale Armee zu schaffen. Negative Wirkungen der Globalisierung Der Prozess der Globalisierung erscheint als etwas, wovon ökono misch ent wickelte Staaten profitieren – mit den Begleiterscheinungen in ten si vierten Austausches und einer „Verfriedlichung“ ihrer Beziehungen. Doch im Hinblick auf die weniger entwickelten Regionen der Welt gilt die Vervielfachung und Verdichtung der wirtschaftlichen Verflech tun gen als wesentliche Ursache des Kontrollverlustes von Staa ten. Dabei las sen sich zwei Zusammenhänge erkennen (Lock 2005): Zum einen ist zu verzeichnen, dass unter einem sich ausbreitenden Freihandelsregime die geballte wirtschaftliche Macht der großen Konzerne aus der Ersten Welt auf die virtuell ungeschützten lokalen Märkte von Staa ten mit noch wenig entwickelter Ökonomie trifft. Das Kapital aus der Ersten Welt kann in der Dritten im Hinblick etwa auf Handelsbeziehungen und Investitionen seine Bedingungen durchsetzen, mit dem Effekt der Schwächung staatlicher Autorität vor Ort. Den Ex tremfall bilden jene Konzerne, die – an der jeweiligen Zentralregierung vorbei – in bestimmten Re gionen eines Landes die Aus beutung von Rohstoffen durchsetzen und zu de ren Absicherung gewaltsame Sezessions be mühungen unterstützen. 49 Der andere Aspekt der Aushöhlung der Macht ökonomisch sehr schwa cher Staaten besteht darin, dass internationale, zur Regulierung von Ent wicklungshilfe und -krediten eingesetzte Institutionen (wie etwa die Welt bank), von neoliberaler Ideologie geleitet, etlichen sich ent wickel n den Ländern „Gesundungsprogramme“ vor allem im Sinne öffentlicher Spar samkeit verordnet haben, die sich auf die Autorität und die Handlungs spielräume der jeweiligen Regierungen negativ auswirkten. Es kam mit unter zum Abbau selbst rudimentärer Ansätze von Sozial staatlichkeit und da durch zu innenpolitischer Destabilisierung. Da der Prozess der Globa li sie rung weiter voranschreiten und sich zu nehmend dynamisieren dürfte, ist eine Zunahme bewaffneter Konflikte in „schwachen“ Staaten anzunehmen. Die Ethnisierung von Konflikten Bei zahlreichen, wenn nicht gar den allermeisten der als „neue“ Krie ge apo s trophierten Konflikten spielt die „ethnische“ Komponente eine ver schär fende, wenn nicht gar auslösende Rolle (Kühne 2001). Gemeint ist die Tatsache, dass sich bestimmte Gruppen in Abgren zung und Gegnerschaft zu anderen ihrer „ethnischen Identität“ versichern – was ein kollektives Bewusstsein impliziert, in das verschiede ne Variablen eingehen mögen: Gemeinsamkeiten der Geschichte, Herkunft, Sprache, Re li gion oder auch des Siedlungsraums. Ein wesentlicher Hintergrund entlang solcher Linien verlaufender Kon flikte ist die Tatsache, dass die Kolonialmächte ihre einstigen Be sit zun gen den neu entstandenen Staaten so 50 hinterließen, wie sie von ihnen „zugeschnitten“ worden waren: ohne Rücksicht auf historische Zu ge hörig keiten, etwa mit Grenzziehungen quer zu überkommenen Sprach gebieten. Statt einer Einigung: Sezession Die bewaffneten Auseinandersetzungen sind in aller Regel keine Eini gungs kriege: in dem Sinne, dass im Konfliktverlauf – potentiell – ab trünnige Regionen oder Kräfte niedergeworfen werden, um sie dann in ein Gebäude gemeinsamer Staatlichkeit „heimzuführen“. Selbst wenn ein solcher Versuch der Vereinigung mit Waffengewalt gemacht werden sollte, resultiert er in der Regel in einer Stärkung zentri fugaler Tendenzen. Will sagen: Sezession als die Auflösung früherer Staat lichkeit ist die allgemeine Richtung (Münkler 2002: 18 ff). Akteure: Vielfalt und Profitinteresse Das Bild bewaffneter Konflikte wird von ei nem bun te ren Spektrum gewaltträchtiger Akteure geprägt, als das früher der Fall war. Zu nennen sind: terroristische Grup pierungen, Truppen religiös-fana tischer Bewegungen, bewaffnete „demo kra tische“ Oppositionelle, krimi nel le Banden, revolutionäre Organisatio nen, „Warlords“ mit ihren eigenen Milizen, Abtrünnige aus Regierungs armeen, Regierungstruppen oder deren Reste, private oder staatliche Sicher heitsunternehmen mit ihren Söld nern. Plausibel ist, dass die Sicherheitsfirmen mit ihrem professionellen Personal, das nach Ende des Ost-West-Konfliktes 51 vor allem auch aus frei ge setzten Militärs rekrutiert werden konnte, in erster Linie Profit an stre ben: im Dienst schwacher Regierungen, als entscheidende Ver stärkung der Mili zen ehrgeiziger Warlords oder auch zur Absiche rung der Aktivi täten von Rohstoffe ausbeutenden Unternehmen. Aber auch die anderen genannten Gruppen von Akteuren kämpfen in genereller Tendenz aus Profitinteresse, meist für die Kontrolle über wert vol le natürliche Ressourcen. Revolutionäres oder religiöses Programm oder der Kampf um und für die „ethnische Identität“ haben mitunter nur den Cha rakter von Vorwänden. Tendenziell besteht ein zynisches Verhältnis zu dem in den Ausein an dersetzungen eingesetzten Personal. Es wird eher manipuliert als dauer haft motiviert und integriert. In diesem Sinne ist auch die Rekru tierung von „Kin dersoldaten“ zu verstehen, von sehr jungen Kämpfern, die oft durch Bür ger kriegsgeschehnisse entwurzelt sind und in bewaffneten Ban den eine neue Heimat finden, am Ende aber doch wie Weg werf material behan delt werden (Russmann 2005). Die Verselbständigung der Gewalt Typisch erscheint eine „Mischung aus Massaker und Bürgerkrieg“. Die „neu en“ Kriege zeichnen sich durch hohe Gewaltintensität aus, obwohl die Wirkung der oft nur verwendeten Infanteriewaffen eher be grenzt ist. Diese außerordentliche Gewalttätigkeit erklärt sich durch die Nor men losigkeit der Auseinandersetzungen. Kaum jemand unter den Akteu ren fühlt sich an irgendwelche Regeln gebunden. 52 Zumal die Verbreitung von Schrecken, etwa durch Massaker an der Zivilbevölkerung, selbst zum strategischen Mittel wird. Diese Entwicklung hebt sich krass von den jahrhundertelangen Be mühungen in der Ersten Welt ab, den Krieg normativ einzuhegen und zu mindest in begrenztem Ma ße humanitären Standards zu unterwerfen (Kal dor 2000, Münkler 2002: 11, 28 ff). Kriege werden zu Dauerbrennern Die bewaffneten Konflikte in der Dritten Welt werden – vor dem Hinter gund der problematischen Auswirkungen der Globalisierung – wahr schein lich nicht nur zunehmen, sondern sich oft auch zu „endlosen Ge schich ten“ entwickeln. Es herrscht Chaos; es gibt keine stabile staatliche Autorität, keine kla re Verantwortlichkeit. Jede der meist zahlreichen involvierten Grup pie rungen verfolgt die konfliktorische Durchsetzung ihrer Interessen nach ei ge nem Belieben. Die Kampfhandlungen mögen einschlafen oder sich eine zeitlang auf niedrigem Niveau entwickeln, dann aber wieder aufflackern oder gar zum lodernden Feuer werden. Niemand ist oder fühlt sich für die Konfliktbe en digung zuständig. Es sei denn, diese wird von außen oktroyiert. So haben solche bewaffneten Aus einandersetzungen meist ein sehr langes Leben, was sich am Ende in ei ner Kumulation der Opferzahlen auswirkt (Münkler 2002: 24 ff). 53 Konflikte mit anderer Grammatik Die thematisierten Konflikte verlaufen nach einer anderen „Gramma tik“, um einen Begriff des Carl von Clausewitz zu gebrauchen, als die her kömm lichen Kriege zwischen Staaten, insbesondere der Ersten Welt. We gen dieses „Andersseins“ können sie als „asymmetrisch“ gekenn zeich net werden (ebd.: 11, 48 f). Diese Asymmetrie, das Irreguläre, Normenlose, Unkontrollierbare, ist – neben der Ökonomisierung oder „Privatisierung“ – ein wesentliches Merk mal der „neuen“ Kriege. Realität als Korrektiv Häufigkeit, Verteilung und Beendigung „… die Kriegshäufigkeit (wies) trotz leichter Schwankungen von 1945 bis 1992 einen vergleichsweise kontinuierlichen Anstieg bis zum Höchststand von 55 Kriegen auf. Bis 1997 halbierte sich diese Zahl innerhalb von fünf Jahren … auf 29. Danach stieg die Zahl der Kriege bis 2000 wieder auf 35 an und ging seitdem auf … 28 im Jahr 2005 zurück. Eine niedrigere Zahl an jährlich geführten Kriegen registrierte AKUF zuletzt für das Jahr 1964“ (AKUF 2006: 13). Diese ernüchternde Beobachtung der Arbeitsgemeinschaft Kriegsur sachenfor schung der Universität Hamburg wurde zu einer Zeit publiziert, in der die Denkfigur der „neuen“ Kriege den sicherheitspolitischen Dis kurs, und damit auch die Annahme eines sehr dynamischen Kon flikt ge schehens in der Dritten Welt, noch deutlich beeinflusste. Mag sein, dass der vorüber gehende 54 Anstieg der Zahl der bewaffneten Ausein an derset zun gen um das Jahr 2000 die Politologenphan tasie beflügelt hatte. Die Verteilung der Kriege nach Regionen sah für das Jahr 2005 fol gen dermaßen aus: Über zwei Fünftel fanden in (Südost-) Asien statt, rund ein Fünftel entfiel auf Afrika sowie weniger als ein Drittel auf den Vorde ren und Mittleren Orient. Süd- und Mittelamerika hatten die wenigs ten be waff neten Auseinandersetzungen zu verzeichnen (AKUF 2006: 15). Bei jeweils über zwei Fünfteln ging es zum einen um regionale Au tonomie beziehungsweise Sezession oder zum anderen um einen Re gime wechsel. Damit bestand, wenig überraschend, die große Mehrheit der be waff neten Konflikte aus innerstaatlichen Auseinandersetzungen. Al ler dings zeigte sich auch, dass die Sezessionskriege zwar stark verbreitet wa ren, aber doch nicht so sehr, dass sie – wie von der Großpolitologie ver mu tet worden war û das prägende Muster darstellten. In der … Restkategorie fanden sich Phänomene wie der „Anti terror krieg“, in dessen Rahmen etwa die USA als staatlicher Akteur auf dem Ge biet anderer Länder agierten (und 2018 immer noch agieren), um dort den Kampf gegen nichtstaatliche, bewaffnete Gruppie run gen zu führen. In den Jahren darauf hat sich das weltweite Konfliktgeschehen bei ca. 30 jeweils laufenden bewaffneten Auseinandersetzungen eingependelt. Dabei wanderte der Schwerpunkt der Kriege und kriegsähnlichen Phäno me ne zunächst nach Afrika, um sich schließlich in den Nahen und Mittle ren Osten zu verlagern. Für 2016 waren 32 bewaffnete Auseinandersetzungen zu notieren; keine neue war seit dem Jahr zuvor zu verzeichnen. 2017 kamen zwar zwei neue Konflikte hinzu, es wurden aber drei beendet (AKUF 2017). Die relative Konstanz der Entwicklung, 55 bei Hinzutreten neuer Aus ein ander set zungen, impliziert, dass es trotz oft mehrjähriger Dauer immer wieder auch Konfliktbeendigungen gibt: durch externe Vermitt lung, aber auch nach Auf geben von Konfliktparteien im Gefolge des Schei terns von Um sturz versu chen oder Sezessionen. Dauerbrenner bilden eher die Aus nahme. Über die tieferen Ursachen Was sind die tieferen Ursachen der beschriebenen Phänomene – und zwar nicht nur ihrer Entstehung, sondern auch der Beendigung? Den Ein stieg liefert ein Ansatz, mit dem versucht worden ist, insbe sondere den An stieg der Kriegshäufigkeit bis 1992/93 und deren starken Rückgang un mit telbar danach zu verstehen – Überlegungen, die im Rah men des Dis kurses über die „neuen“ Kriege nicht zu finden sind (AKUF 2006: 13 f): Die Erklärung liegt, erstens, darin, dass es mit Ende des Ost-West-Konfliktes auf den Territorien der früheren UdSSR und vor allem Ju go slawiens Sezessionskonflikte gab, die danach mehr oder weniger schnell be en det waren. Zweitens erschien der Anstieg der Kriegshäufigkeit da durch mitbedingt, dass – vor allem in Afrika – einige Regime unter Be gleit er scheinungen offener Gewalt zusammenbrachen, die zuvor stark von Un terstützungen profitiert hatten, die ihnen von dieser oder jener Seite des Kal ten Krieges zuteil geworden waren. „Das Ausbleiben von derartigen Un ter stützungen hatte aber auch in nicht wenigen Fällen einen umgekehr ten Eff ekt, indem es einigen Kriegen die materielle Grundlage entzog und somit zu deren Beendigung beitrug“ (ebd.: 14). 56 Schließlich bleibt, drittens, zu erwähnen, dass die damalige Schwä chung des Sozialismus als alternatives Gesellschaftsmodell etlichen Krie gen die ideologische Grundlage nahm. Dies war recht deutlich an der Ab nahme der bewaffneten Auseinandersetzungen in Süd- und vor allem Mit telamerika zu erkennen. Die im generellen Trend seit 1992/93 zurückgegangene Kriegs häu figkeit gibt Anlass zu weiteren Erklärungsversuchen: „Zwei Inter preta tio nen des Kriegsgeschehens, die nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes pro minent diskutiert wurden, haben sich … als von recht kurzer Halb wertszeit erwiesen: In der ersten Hälfte der 1990er Jahre wurden Konflikte zunehmend mit dem Etikett ‚ethnisch‘ versehen. Insbesondere die Annah me, dass solche Konflikte um Identitäten schwieri ger zu befrieden seien als solche um (materielle) Interessen, kann an ge sichts des Rückgangs der Zahl der Kriege nicht als bestätigt angesehen werden. Die anschließende These, insbesondere auf Rohstoffen basierende Kriegs ökonomien seien die eigentliche Triebfeder aktueller Konflikte, hat sich ebenfalls nicht unbedingt bestätigt: Gerade die häufig als Beispiele an geführten afrikanischen Kriege in Angola, Liberia und Sierra Leone wur den in den letzten Jahren beendet. Beide Versuche, das Kriegsgeschehen auf einen Hauptfaktor zu reduzieren, haben sich gegenüber der Realität als zu vereinfachend erwiesen“ (ebd.). A propos „ethnische Identität“: Dass vielerorts eine prononcierte Rück besinnung auf „Ethnizi tät“ erfolgt ist, liegt vor allem am Verlust staat licher Autorität, wodurch integrative Nationen- und Gesellschaftsbildung er schwert und regionale In teressenpolitik begünstigt wird. Sowie wesent lich auch an partikularen, zum Teil externen Ansprüchen, die zum Zweck 57 ih rer Durchsetzung „ethni sche“ Divergenzen ausnutzen und zuspitzen. Alles in allem erscheint „ethnische Identität“, oder die Suche danach, aber eher als eine Veranstaltung, eine Konstruktion, und weniger als etwas Genuines, per se Konflikte Beförderndes (Lentze 1998). Zum Komplex der „rohstoffbasierten Kriegsökonomien“: Zwar ha ben Indikatoren, die mit guten Finanzierungs möglichkeiten (vor allem Par tizi pation an den Preisen von Rohstoffexporten, aber auch preiswerte Käm p fer, Verfügbarkeit von Waffen) und günstigen Ope ra tions bedin gun gen in Zusammenhang stehen, einen relativ hohen Er klärungswert für den Aus bruch von Bürgerkriegen – deutlich höher als herkömmlicherweise he r an ge zogene Indikatoren. Worunter rangieren: eine ungleiche Verteilung von Ein kommen/Vermögen beziehungsweise Land oder auch gesellschaft liche Po larisierung (Collier/ Hoeffl er 2001: 16 f). Da es letztlich also um Kost-Nutzen-Kalküle wesentlicher Akteure geht, könnte dies aber auch in die friedliche Richtung zeigen: „Der ‚General-Unternehmer‘, oder Warlord, geht in der Regel mit der Ressource Gewalt zur Regulierung seiner Kriegs- ökonomie sparsam um, um zu vermeiden, dass die sensiblen Tauschsphären, die ihn mit dem Welt markt verbinden, in das Fadenkreuz staatlicher Aufmerksamkeit geraten“ (Lock 2005: 69). 58 Die Vorbilder des Horrors Tatsächlich bildet die Kampfweise in vielen Bürgerkriegen unserer Zeit einen schrecklichen Kontrast zu den seit Jahrhunderten unternom me nen, zum Teil von Erfolg gekrönten Bemühungen, den Krieg zu domes ti zie ren, humaner zu machen, die Schäden für die involvierten und be troff enen Menschen möglichst zu minimieren. Dies fällt besonders dann auf, wenn etwa zu verzeichnen ist, dass bei einem der neueren Konflikte nicht nur die Zivilbevölkerung, sondern vor allem auch die medizinischen Ein rich tungen zu deren Versorgung zu Zie len der Gewalteinwirkung werden (Simmank 2017). Es ist aber problematisch, auf jene, die für solchen Horror verant wort lich sind, von der Warte der „Zivilisation“ herabzuschauen. Denn die se war Vorbild für jede Art von Horror, die sich nur den ken lässt. Die Liste ist lang: Verbrechen der Wehrmacht (inklusive Waff en-SS) vor allem in Russland und Polen, der japanischen Armee in China und Korea, der an gloamerikanischen Bomber über Deutschland, der Roten Armee auf ihrem Siegeszug, des US-amerikanischen Bombenkrieges ge gen Japan (nicht nur wegen der Atombombenabwürfe), der US-Krieg füh rung in Viet nam usw. Asymmetrie als bedenkliche Charakterisierung Schließlich ist da noch das Etikett der Asymmetrie, das sich zur Be zeichnung, der für „neu“ gehaltenen Kriege schnell eingebürgert hat. 59 Auch in dieser Hinsicht, lässt sich fragwürdige Herablassung er ken nen. Diese Kriege sind nämlich nur dann asymmetrisch, wenn die Technik, die Strukturen und militärischen Prozeduren der Akteure mit dem Standard von Armeen der Ersten Welt verglichen werden. ‚Vor Ort‘ zeigt sich hinge gen eher Sym metrie. Vor allem auch wenn Elemente einer (früheren) Regie rungsarmee beteiligt sind, führen die strei tenden Parteien typischer wei se ähnliche mi litä rische oder paramilitärische Kontin gen te ins Feld, die sich folgen der ma ßen skizzieren lassen (Unterseher 2011: 149): • (zumindest in Ansätzen) … „zentralisierte Struktur, aber mit nur … lückenhafter Kontrolle über alle Elemente der Streitkräfte, • (mitunter) amateurhafte Führung und oft geringe soziale Ko hä sion, • eher zufällig gemischte Verbände: Fußinfanterie, motorisierte, aber zum Teil auch mechanisierte – also bis zu einem gewissen Grad ge panzerte – Kräfte, • gemischte, meist leichte Bewaffnung: ein Sammelsurium aus aller Her ren Länder auf älterem Technologieniveau mit Einsprengseln von Hochleistungsgerät, • bunteste Rekrutierung (Söldner, ehemalige reguläre Soldaten, örtli che Milizen, Kinder) und • virtuelle Abwesenheit einer wirksamen logistischen Unterstützung (Ver sorgung aus dem Land).“ Die Operationsweise kann zwischen Guerillataktik und der Anlehnung an Standardprozeduren regulärer Truppen variieren – und das überlagert durch den Hang zum Marodieren. In 60 jüngster Zeit gab es auch Ansätze zum Cy ber War – und zwar in Fällen, in denen Bürgerkriegsparteien Züge des Ter rorismus entwickelten. Literatur AKUF 2008: Das Kriegsgeschehen 2005. Daten und Tendenzen der bewaffneten Konflikte, hrsg. von W. Schreiber, Wiesbaden. 2017: Zwei neue Kriege, drei beendete Konflikte. Die Hamburger Arbeitsgemeinschaft für Kriegsursachenforschung zieht Bilanz für 2017, Pressemitteilung, Universität Hamburg, 18. Dezember. Chojnacki, S. 2005: Gewaltakteure und Gewaltmärkte: Wandel der Kriegs formen? in: S. Frech/P. I. Trummer (Hg.), Neue Kriege, Schwal bach/Ts., S. 73–99. Collier, P./ Hoeffler, A. 2001: Greed and Grievance in Civil War, World Bank. Creveld, M. van 1998: Die Zukunft des Krieges, München (Erstausgabe: The Transformation of War, New York, N. Y. 1991). Kaldor, M. 2000: Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeit alter der Globalisierung, Frankfurt am Main. Kühne, W. 2001: Kriege und Konflikte, Informationen zur politi schen Bildung, Heft 264, S. 15–20. Lentze, M. 1998: Ethnizität in der Konfliktforschung. Arbeitspapier Nr. 1, Forschungsstelle Rüstung und Entwicklung, Hamburg. Lock P. 2005: Ökonomie der neuen Kriege, in: S. Frech/P. I. Trum mer (Hg.), a. a. O., S. 53–72. Münkler, H. 2002: Die neuen Kriege, Reinbek b. Hamburg. 61 Russmann, P. 2005: Kindersoldaten, in: S. Frech/P. I. Trum mer (Hg.), a. a. O., S. 73–99. Simmank, J. 2017: Wer auf Ärzte schießt, gewinnt den Krieg, ZEIT ONLINE, 10. Oktober. Unterseher, L. 2011: Frieden schaffen mit anderen Waffen? Alter na tiven zum militärischen Muskelspiel, Wiesbaden. 63 IV Über Ursachen von Kriegen 64 Der Krieg: Menschenschicksal oder Sozialprodukt? – Auszug aus Unterseher, L. 2019: Gesichter des Krieges. Schlaglichter und Visionen, Berlin (bearbeitet) – Vor aus gesetzt es gibt keinen nuklearen Kurzschluss, der uns allen ein vor zeitiges Ende bereitet: Wird der Krieg die Menschen bis in alle Ewig keiten begleiten? Die Staatswissenschaft älterer Art, insbesondere die einflussreiche politologische Denkschule des „Realismus“, hat im Zusammenhang dieser Fragestellung zuvörderst auf Aussagen des eng lischen Philoso phen Tho mas Hobbes verwiesen, der von 1588 bis 1679 lebte. Dieser konnte sich als einer der ersten europäischen Denker nüchtern und illusionslos von mittelalterlichen Heilserwartungen und manchen Utopien der Renais sance frei ma chen (Hobbes 1980). In der ihm eigenen Zuspitzung formulierte er, dass der Naturzustand der Menschen im „Krieg aller gegen alle“ (bellum om nium contra omnes) bestehe. In der üblichen Interpretation wurde angenommen, Hob bes habe seine Annahme mit einer Art anthropologischer Konstante be gründet – näm lich damit, dass der Mensch prinzipiell, und damit unab änderlich, von seiner Selbstsucht beherrscht werde. Diese Sicht schien sich auch auf die Staatenwelt übertragen zu las sen: stehen doch nach Auffassung der „Realisten“ die einzelnen Staaten oder deren – temporäre – Zweckbündnisse in tendenziell anarchischer Kon kur renz zueinander: einer Konkurrenz, so insinuiert dieses Denk raster, die sich vor allem auch auf militärischer Ebene ausdrückt. 65 „Krieg“ wird damit zum gleichsam natürlichen Mittel zur (Re-) Jus tie rung der Kräfte verhältnisse. Und „Frieden“ zeigt dementsprechend einen Zustand der Ba lan ce an, der freilich prinzi piell zeitlich befristet ist, da die Re lationen sich durch unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten än dern können. Die Realisten unserer Tage, etwa in Gestalt der differenzierter auft re ten den „Neorealisten“, kaprizieren sich nicht mehr allzu sehr auf die An nahme einer anthropologischen Konstante. Will es doch kaum noch in un se re Zeit passen, in der alles „gesellschaftlich bedingt“ erscheint, der mensch lichen Gattung so etwas wie „böse Gene“ zuzuschreiben. Nun genügt es manchen von ihnen, mit betonter Nüchternheit zu no tieren, dass die Welt aus welchen Gründen auch immer bislang chaotisch gewesen sei und dass man – im Sinne einer Trendextrapolation – vermuten müsse, sie werde es auch bleiben (Howard 1986: 23 f). Unterstützend wird dann noch vielstimmig hinzugefügt, dass wir in Zeiten einer „globalen multikulturellen Explosion“ oder sonstwelcher grund stürzenden Kräfteverschiebungen leben, womit nahegelegt wird, dass bis auf weiteres mit einer zunehmend anarchischen Weltgesellschaft zu rech nen sei: also durchaus auch mit kriegerischen Tendenzen. So erscheint denn der Krieg, jenseits aller genetischen Spekulation, letztlich doch wie der als virtuelles Gat tungs geschick. Doch gehen wir noch einmal auf den Ursprung der These vom Krieg als Men schenschicksal zurück – nämlich das berühmte Diktum des Tho mas Hob bes! Dessen etablierte Deu tung erscheint nämlich mittlerweile in Frage ge stellt (Kro ckow 1962: 23 f): Ein genauerer Blick auf die Hobbes’schen Texte spricht dafür, dass des sen Argumentation letztlich nicht auf die Annahme 66 einer an thro polo gi schen Konstante angewiesen ist. Eher liegt ihr als Bezugsrahmen die Kon struk tion eines vorstaatlichen Handlungssystems konkurrierender Indi vi du en zugrunde. Was bedeutet dies? Nach Hobbes ist prinzipiell nicht auszuschließen, dass – immer wie der einmal – einer unter zahlreichen menschlichen Akteuren gleichsam „aus dem Ruder“ läuft oder den anderen zum Wolf wird. Auch, und gerade, wenn alle übrigen Lämmer wären, kann dies schon genügen, um in der menschlichen Gesellschaft Chaos ausbrechen zu lassen. Somit muss es Schutzvorkehrungen geben: nach dem Geschmack des Thomas Hobbes in Gestalt eines autoritären Staates, der seine Recht fer tigung daraus zieht, in ner gesellschaftlich Ruhe und Ordnung zu ge währ leisten. Auch auf die in ter nationalen Beziehungen lässt sich dieses Modell beziehen. Agiert auch nur einer der Staaten als Hecht im Kar pfenteich, sind Schutzmaßnahmen angezeigt. Ist aber keine höhere Autorität mit glaubwürdiger Wirkungs macht ver fügbar, müssen die einzelnen Staa ten sich selbst schützen: und zwar – in der Überzeugung der meisten Realisten – durch Maximierung der je wei ligen militärischen Macht (beziehungsweise den Anschluss an ein po tentes Bündnis). Die Chance, die in der Erkenntnis liegt, beim internationalen Ver kehr gehe es um ein Handlungssystem, das sich nicht notwendigerweise auf die Annahme einer anthropologischen Konstante oder von sonst etwas Schick sal haftem gründet, wurde im enge ren Kreis des politikwissen schaft lichen Realismus bislang nicht genutzt. Freilich hat es Abweichler gegeben, die begriffen haben, dass die An nahme eines Handlungssystems prinzipiell die Möglich- 67 keit eröffnet, des sen Spiel regeln durch menschlichen Einfluss, durch Politik, zu verän dern (MØller 1992). Um diesen Ansatz, er wurde gegen Ende des Kalten Krieges promi nent, nur kurz zu skizzieren: Es gab eine Verschiebung der Begrifflichkeit – von der Sicherung des Einzelstaates durch Rüstung an sich hin zum Kon zept einer „Gemeinsamen Sicherheit“, das Staaten unterschiedlicher Inter essen einbezieht. Und von der bloßen Maximierung militärischer Stärke, die eigene Sicherheit mit der relativen Schwächung eines Nachbarn erkauft (Sicherheitsdilemma!) hin zu Verteidigungsstrukturen, welche die Bedro hung anderer minimieren (SAS 1989). Doch kommen wir den Anhängern der Idee von der anthropolo gi schen Konstante ein Stück weit entgegen und nehmen ebenfalls an, dass es einen menschlichen Aggressionstrieb gibt! Aber selbst wenn solches zuträ fe, heißt dies noch lange nicht, dass dieser auch die Staaten welt re giert. Bisher jedenfalls ist es nicht gelungen, stringent zu argumen tieren, dass die Triebstruktur auf der Individualebene sich unmittelbar auch in je nen ver fassten Strukturen abbildet, in denen die Menschen zusammen leben. Im Gegenteil: In der Erklärung von Sevilla hat ein Kreis von an ge sehenen, auf Initiative der UNESCO versammelten Psychologen und Sozi alpsychologen festgestellt (Groebel/Hinde 1989: XIII f), dass ihren Er kennt nissen nach das Vorkommen von Kriegen aus gesellschaftlichen, al so beeinflussbaren Ursachen und nicht aus der Natur des Menschen er klärt werden muss. Ergo: Der Hinweis auf Hobbes greift nicht nur deswegen zu kurz, weil er genuin wissenschaftliche Arbeit nicht ersetzen kann, sondern auch, weil die Interpretation der Aussagen des englischen Staatsphilo so phen gar nicht so simpel ist, wie oft angenommen wird. 68 Von der Theorie zur schnöden Wirklichkeit unserer Tage: Abgesehen von der nach wie vor bestehenden Gefahr des Entgleisens in eine atomare Katastrophe sehen wir eine Welt, die in erheblich geringerem Maße von den so genannten „neuen“ Kriegen geplagt erscheint, als es noch vor 20 Jahren imaginiert wurde. Auch das neuartige Phänomen der hybriden Krie ge mutet, bei allerdings gewissen Entwicklungschancen, als ein eher be grenz tes Phänomen an. Dies alles fällt in eine Zeit, in der weltweit das Muster autokratischer Machtausübung auf dem Vormarsch ist – die Demokratie sich also in der Defensive befindet. Das lässt uns stutzen. Hatte nicht Immanuel Kant in seiner von Altersweisheit geprägten Schrift „Zum ewigen Frieden“ mit gro ßer Plausibilität argumentiert, dass gerade die Ablösung autokratischer Herr schaft durch republikanische Strukturen den Weg zur Abschaffung des Krieges bahne (Kant 1900)? Mit „Republik“ war für Kant ein System der Gewaltenteilung und repräsentativer Bürgerbeteiligung bezeichnet: also das, was heute „demo kratisch“ genannt wird. Raubkriege passen einfach nicht in ein derartiges System, wohl aber solche der Verteidigung gegen eine Autokratie oder auch Operationen zur Befreiung von illegitimer Herrschaft. Wenn – mit gewissem Vorbehalt – angenommen werden darf, dass „Autokratie“ eher mit Krieg korreliert als „Demokratie“, ist die Tatsache gegenwärtig relativ geringer statistischer Kriegshäufigkeit (AKUF 2017) er klärungsbe dürftig. Müsste nicht mit der Zunahme der Autokratien auch ein Anstieg der Zahl der bewaffneten Konflikte einhergehen? Da dies offenbar nicht der Fall ist, muss vermutet werden, dass es mittlerweile Mechanismen gibt, die den offenen Ausbruch 69 von Feind se lig keiten im mer wieder vermeiden helfen. Seien es Vermittlungs akti vi täten oder auch Sanktionen der internationalen Gemeinschaft, sei es öko no mi sche Verflechtung, welche die Kosten eines Krieges prohibitiv macht. Im Übrigen: Es sollte nicht übersehen werden, dass der Krieg weiten Teilen der Welt fremd geworden ist. Da ist das Europa der westlichen Bünd nisse, und da sind die beiden Amerikas, Australien samt Ozeanien sowie zunehmend größere Regionen Asiens und Afrikas. Literatur und Quellen AKUF 2017: Zwei neue Kriege, drei beendete Konflikte. Die Ham burger Arbeitsgemeinschaft für Kriegsur sa chenforschung zieht Bilanz für 2017, Pressemitteilung, Universität Ham burg, 18. Dezember. Groebel, J./Hinde, R. 1989: Aggression and War, Cambridge. Hobbes, T. 1980: Leviathan. Erster und zweiter Teil, Stuttgart. Howard, M. 1986: The Causes of War, in: Ø. Østerud (Hg.), Studies of War and Peace, Oslo, S. 17–43. Kant, I. 1900: Zum ewigen Frieden, Kants gesammelte Schriften, hrsg. Von der Preußischen Akademie der Wissenschaften (AA), Berlin, I, 8. Krockow, C. Graf v. 1962: Soziologie des Friedens, Gütersloh. Møller, B. 1992: Common Security and Non-Offensive Defense. A Neorealist Perspective, Boulder, CO. SAS, Studiengruppe Alternative Sicherheitspolitik (Hg.) 1989: Ver trau ensbildende Verteidigung, Ger lin gen. 70 Was zum Krieg führt: Unterschiedliche Variablen – Auszug aus Unterseher, L. 2011: Frieden schaffen mit anderen Waffen? Alternativen zum militärischen Muskelspiel, Wiesbaden (gekürzt) – Kriege … lassen sich nach zwei groben Kategorien unterscheiden (Howard 1986: 29 f): Diese werden geführt, um bestimmte Ziele einer Na tion oder eines Bündnisses zu erreichen, weil andere als militärische Mittel entweder ausgereizt sind oder zu diesem Zweck nicht tauglich er scheinen. Es geht also letztlich um die Mehrung von Macht. Dies ist die eine Seite. Die andere Seite wird repräsentiert durch jene Nationen oder Staaten gruppen, die einen Status quo, mit dem sie sich einigermaßen oder gar er folgreich arrangiert haben, durch aufsteigende Mächte oder Kräftegrup pie rungen gefährdet sehen, die einen Neuzuschnitt der Verhältnisse anstreben. Es geht in diesem Zusammenhang also um die Erhaltung einer bestehenden Machtverteilung und – zugespitzt – oft auch um die Sicherheit bzw. terri toriale Integrität derjenigen, die den Krieg (dann) vorbeugend beginnen. Hinter dieser Kategorisierung in ‚Machtmehrung‘ und ‚Machterhalt‘ ist analytisch gesehen das Feld der ‚treibenden Kräfte‘ angesiedelt. … Typi scherweise präsentieren sich diese Kräfte gleich im Bündel: Territoriale An sprüche, bevölkerungspolitische Interessen, ökonomische, ideologische, an ethnischer Identität oder etwa auch an Menschenrechten sich fest ma chen de Motive gehen je verschiedene Verbindungen ein. Um nur ein Beispiel zu nennen (Schumpeter 1918/19): Im Impe ria lis mus, der im 19. Jahrhundert im Zuge kapitalistischer 71 Entwicklung blühte und programmatisch formuliert wurde, aber auch noch später für das Kon flikt geschehen relevant gewesen ist, ging es um einen ganzen Korb von – meist ökonomisch gefärbten – Beweggründen: um die notfalls gewaltsame Aneignung von Territorien (in Konkurrenz mit anderen Mächten und durch Unterwerfung als kulturell unterlegen erachteter Völker), um Rohstoff quel len zu erschließen, Absatzmärkte zu gewinnen und Siedlungsraum für die je weilige eigene, wachsende Bevölkerung zu finden. Das mag an dieser Stelle genügen, um zu verdeutlichen, was gemeint ist, wenn von ‚treibenden Kräften‘ oder ‚tieferen Ursachen“ die Rede ist. Es geht also um das, was sich innergesellschaftlich an Kon fliktpotential entwickelt und prinzipiell zum Kriege treiben kann. Und wir notieren fer ner noch, dass sich dieses Potential plausiblerweise im Aus tausch mit – oder im Bezug zu – dem internationalen System heran bildet. In den So zi alwissenschaften sprechen wir im Hinblick auf eine solche Einfluss größe von einer „unabhängigen, erklärenden Variable“. Allerdings ist es so, dass keineswegs immer, wenn sich beträchtliches Konfliktpotential aufgestaut hat, dann daraus am Ende auch ein veritabler Krieg resultiert. Das, was innergesellschaftlich im Austausch mit dem in ter nationalen System geschieht, mag, wenn es um die Erklärung eines Kriegs ausbruches („abhängige, zu erklärende Variable“) geht, als notwen di ge Voraussetzung oder Bedingung gelten. Doch ist diese Erklärung des Phänomens keineswegs hinreichend. Es gibt nämlich auch noch eine „intervenierende Variable“. Diese besteht … im Wesentlichen aus Machbarkeitskalkülen. Typischerweise geht die Füh rung eines Staates oder eines Staatenbündnisse (bzw. eines anderen re levan ten Akteurs) 72 erst dann in den Krieg, wenn dies erfolgversprechend er scheint (zumindest für weniger nachteilig als ein Stillhalten gehalten wird). Und um die solchermaßen gefassten Erfolgsschancen beurteilen zu können, werden Kalküle angestellt, die den Zeitbedarf und die Kosten eines Krieges betreffen. A propos Zeitbedarf: (Es hat sich gezeigt), dass die Eröffnung von Feindseligkeiten durch eine Partei dann wahrscheinlicher wird, wenn sie meint, mit einem schnellen Gelingen rechnen zu können. Die Machbarkeitskalküle, die … wesentlichen Einfluss darauf haben, ob aus einem tiefer liegenden Kriegsmotiv auch ein tatsächlicher bewaff neter Konflikt wird, hängen selbst wiederum von verschiedenen, mitein ander verknüpften Einflussfaktoren ab. … Plausiblerweise sind solche Kalküle von der subjektiven Wahr neh mung und Einschätzung der relevanten Faktoren durch das jeweilige Ent scheidungszentrum abhängig. In diese Perzeption geht vor allem auch ein, wie sich das Kräfteverhältnis zwischen dem potentiellen Angreifer und dem betreffenden Verteidiger darstellt. … Die … Relation zwischen dem Offensivpotential des möglichen Angreifers und den Defensivkräften des Verteidigers erscheint wesent lich durch Maßnahmen beeinflussbar, die wir unter dem Etikett „Alternative Verteidigung“ haben figurieren lassen. (Ein besonders differenzierter An satz aus dieser Denkschule wird als „Vertrauensbildende Verteidigung“ im nächsten Kapitel präsentiert.) Die Perzeption der Relation zwischen Offensiv- und Defensivkräften dürfte allerdings typischerweise keineswegs die ‚nackte Wahrheit‘ abbilden: 73 Da ist zum einen die Variable der ‚Organisation‘. Ein potentieller Angreifer muss sich so organisieren, dass er relevante Informationen über das fragliche Kräfteverhältnis nicht nur angemessen wahrnehmen, sondern auch verarbeiten und entscheidungswirksam aufbereiten kann. Dies scheint aber wegen der Komplexität des Gegenstandes und notorischer Defizite der Organisation von Informationsgewinnung und -aufbereitung selten ohne be trächtliche Verzerrungen zu gelingen. Und da ist zum anderen der Aspekt der ‚Kultur‘. Denken wir in die sem Zusammenhang etwa an die historische Fiktion des teutonischen oder preußischen Angriffsgeistes, dem angeblich keiner widerstehen kann, weil er nämlich für eine überlegene Form von Manneszucht und Mut steht! Oder an sein Gegenstück: den gallischen ‚Elan‘. Bezeichnet sind damit kul tu relle Entwicklungen in bestimmten Gesellschaften oder deren Subsys te men, die ein nüchternes Kalkül der Erfolgschancen einer mögli chen Offen sive sehr erschweren (Evera 1983). Derartige kulturelle Ent wicklungen stehen meist in engem Bezug zu sich innergesellschaftlich in Relation zum internationalen System heraus bildenden Kriegsmotiven: seien diese imperialistischer, revanchistischer oder anderen Art. … Während das, was unter dem Aspekt der „unabhängigen Variablen“ ge fasst wurde, ein Hauptaugenmerk von Politikwissenschaft und Friedens for schung in Mitteleuropa ist, hat die Forschung im angelsächsischen Raum ein mindestens so starkes Gewicht auf die Erkundung dessen gelegt, was unter „intervenierend“ gefasst wurde. Dabei konzentrierte man sich sich insbesondere auf den „Kult der Offensive“ (ebd.). … 74 Literatur Evera, S. W. Van 1984: Causes of War, University of Berkeley, CA. Howard, M. 1986: The Causes of War, in: Ø. Østerud (Hg.) Studies of War and Peace, Oslo, S. 17–43. Schumpeter, J. 1918/19: Zur Soziologie des Imperialismus, Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Bd. 46. Variablen der Kriegsentscheidung Variablen der Kriegsentscheidung 59 75 V Für eine vertrauensbildende Verteidigung 76 Stabilitätskalküle: Mittel und Zweck – Auszug aus Unterseher, L. 2011: Frieden schaffen mit anderen Waffen? Alternativen zum militärischen Muskelspiel, Wiesbaden (gekürzt/bearbeitet) – … Im Kern geht es darum, die Entwicklung von Streitkräften, was ih re Struktur, den Bewaffnungsmix und die Doktrin betrifft, als integralen Teil der Außen- und Sicherheitspolitik zu betrachten. … Eine Politik der Entspannung sollte mit dem Aufbau kongenialer Strukturen im Verteidi gungs bereich einhergehen. Andernfalls werden widersprüchliche, verunsi chern de Signale gesendet: sowohl an benachbarte Staaten als auch die je weils eigene Bevölkerung. … So ist mit Vertrauensbilder Verteidigung eine Streitkräfte-Entwick lung gemeint, die in doppeltem Sinne positiv wirkt: indem sie nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch im eigenen Lande Unsicherheitsängste ab baut. (Es) sind … jene Grundorientierungen für die Entwicklung insbe son dere von konventionellen Streitkräften (auf welche sich unsere Arbeit konzentriert) zu benennen, die wesentlich dazu beitragen können, die „Sta bilität“ zu erhöhen. … 1. Minimierung grenzüberschreitenden Offensivpotentials Die Landstreitkräfte (ggfs. auch die amphibische Komponente) einer Ver teidigungsorganisation sollten keine Invasionsfähigkeit besitzen, also nicht provokativ wirken. Auszuschließen oder möglichst zu minimieren ist darü ber hinaus die Befähigung, mit 77 Flugzeugen, ballistischen Raketen oder Lenk flugkörpern massive Schläge gegen das Hinterland eines Kontra hen ten zu führen. Die neuere technolo gische Entwicklung hat zumindest zu der Diskussion geführt, ob in einer bestimmten militärstrategischen Kon stellation ein Land durch konzentriert-konzertierte Schläge aus der dritten Dimension so ge lähmt bzw. geschädigt werden kann, dass am Ende eine Invasion durch Landstreitkräfte (fast) überflüssig würde. Im Übrigen ist da r an zu erinnern, dass die Androhung weitreichender Schläge aus der drit ten Dimension eine Konfliktpartei, deren Mi litärstrukturen im Hin ter land besonders verwundbar sind, da zu bringen kann, der befürchte ten Ak tion zu vor zukommen und damit einen unbeabsichtigten Krieg auszulösen. 2. Vermeidung struktureller Verwundbarkeit Streitkräfte sollten so beschaffen sein, dass sie einem möglichen Angriff keine Gelegenheiten bieten, die relativ einfach auszunutzen sind. Dies be deu tet …, dass Konzentrationen und leicht zu unterbrechende Bewegungen wichtiger militärischer Elemente – insbesondere solcher hoher Kampfkraft – nach Möglichkeit vermieden werden sollten. Zudem muss es darauf an kommen, die Gefahr operativ-taktischer „Aushebelung“ zu minimieren: (D. h.), dass Lücken im eigenen Dispositiv und mangelnde Tiefe, als Ein ladung zum „Überspringen“, höchst unwillkommen sind. (Auch) ist darauf zu achten, dass der Bewaffnungsmix und das Kommunikations system des Ver teidi gers jene Robustheit besitzen, die es einem mög li chen Angreifer er schwert, mit technologischer „Gegenoptimierung“ zu antworten. D. h., um 78 nur ein Beispiel zu nennen, dass nicht nur auf ein Wirkprinzip beim Pan zerbrechen gesetzt werden darf, gegen das die andere Seite zu erträg lichen Kosten ei nen spezialisierten Schutz entwickeln kann. … Schließlich ist … noch auf zu führen, dass die Verteidigung für ihren begrenzten Bedarf über eine gesi cherte personelle und materielle Basis verfügen, also … Durchhaltefähig keit besitzen muss. 3. Effizienz und Kosteneffektivität Dabei geht es zunächst darum, die Intention einer „Abhalte“- Vertei di gung im Falle eines Falles möglichst verzugslos in die Tat umzusetzen: d. h. einen Angreifer wirksam, also mit für ihn sehr frus trierendem Ergeb nis ab zuweisen. (Systematisch gesehen, zeigt sich hier eine enge Bezie hung zur Forderung nach Vermeidung struk tureller Verwundbarkeit.) Die Effi zienz sollte allerdings … mit einer möglichst hohen Kosteneffektivität ver knüpft sein: was bedeutet, dass sich zu verteidigen „billiger“ zu stehen kommen muss als der An griff. Für beides, Effizienz und Kos teneffekivität, ist be haup tet worden, dass es sich relativ leicht durch jene Seite erreichen ließe, welche den „Heimvorteil“ des Verteidigers besitzt. … Einschränkend muss aber hinzugefügt werden, dass sich ein Heimvorteil eher dann nach weisen lässt, wenn es um die taktische Ebene geht: also, auf die Land kriegführung bezogen, um das unmittelbare Halten von Ge lände und nicht das Problem der optimalen Allokation der Truppen in einem größeren Raum. … Es sind (also) besondere intellektuelle Anstrengungen erforderlich, um den An spruch des Heim vor teils auch auf höherer Ebene einzulösen. 79 Die skizzierten Grundorientierungen bzw. die in ihrem Sinne avi sier ten Mittel lassen sich auf Zwecke beziehen, deren Realisierung die Erhöhung sicherheitspolitischer Stabilität ver heißt: A – Zu allererst geht es um die die Vermeidung von Krieg … Im Hin blick darauf er geben sich die folgenden Beziehungen: Dadurch, dass eine Ver teidigung effizient und finanzierbar ist sowie im Wesentlichen keine struk tu rellen Ver wundbarkeiten aufweist, die entwaffnende Schläge einla den, wird sub stan ziell dazu beigetragen, dass Aggres sionskalküle, die auf Nutzung eines Machtvakuums aus sind, frus triert werden (stabile Ab hal tung). Im Übri gen wird dadurch, dass eine Verteidigung entsteht, die zwar effizient und wenig verwundbar (ist), aber auch mittelund länger fristig für die Nach barn keine Bedrohung darstellt, kein Grund für Präven tionsbe strebungen gebo ten – in dem Sinne, dass die Führung einer anderen Partei ei ner zu künftig erwarteten Herausforderung durch ein „recht zeiti ges“ Zu vor kommen zu begegnen trachtet (Präventionsstabilität). Schließ lich: Weil die in ihren Grundorientierungen skizzierte Verteidigung keine – oder nur in sehr geringem Maße – Mittel umfasst, mit denen sich blitzartig auf be nachbarte Staaten (Militärpotentiale) einwirken lässt, gibt es auch kei nen Zwang, während einer Krise eine solch unmittel bare Gefahr mög lichst un ver züglich ausräumen zu müssen (Krisen oder Präemptions stabili tät). B – Wichtig auch ist die Schadensbegrenzung, die Stabilität im Kon flikt. Ein defensives Dispositiv, das in seiner Abweise-Funktion wirk sam ist und nicht zu weiträumigem Manövrieren auf eigenem Boden ein lädt (Be wegungshemmung) sowie keine lukrativen Ziele für kon zen trier tes Feu er bietet (Zielverwei 80 gerung), hat eine gute Chance, den Scha den für Bevölkerung und Infrastruktur zu mini mieren, wenn es – trotz aller systematischen Anstrengungen zur Kriegs vermeidung – dennoch zum offe nen Kon flikt kommen sollte. Zur Schadensminimierung trägt im Übrigen bei, dass die hier in ihren Grundorientierungen skizzierte Defensive Eska lati onskalküle eines etwaigen Kontrahenten wenig sinnvoll erscheinen lässt und dadurch entmutigt (Eskalationseindämmung). Weil es effizient und zu gleich wenig verwundbar ist, kann nämlich das Dispositiv des Ver teidi gers ohne Eskalation auskommen. Für eine Eskalation fehlen im Übrigen ei ner Vertrauensbildenden Verteidigung alle we sentlichen Mittel. Damit ent fällt für die andere Seite ein Motiv, selbst zu eskalieren. Er scheint es plau sibel, die Möglichkeit einer Begrenzung der Schäden samt einer Ein dämmung von Eskala tions kalkülen anzunehmen, ergibt sich ein we sentli cher Vorteil: Vertei digung ist nicht mehr Selbstmord, wird „mach bar“ und gerade auch für die Soldaten moralisch akzeptabel. Eine realisierbare, glaub würdige Option der Abhaltung wirkt eher kriegsverhin dernd als eine selbstabschreckende. C – Schließlich ist eine Abkopplung von der Rüstungsdy namik an zu streben. Wenn es gelingen sollte, technisch und taktisch „mit anderer Mün ze heimzuzahlen“, würde ein Ausstieg aus dem Wettrüsten zur realen Per spek tive. Für eine solche Aussicht spricht vor allem zwei erlei: Eine Ver trauens bildende Verteidigung bedarf – vor dem Hin ter grund der … Über legungen zur Kriegsvermeidung – durchaus nicht jener Mittel zumeist hoch techno logischer Provenienz, die zur Op tion von gezielten, massiven Schlägen in das Hinterland des Ge genüber ver helfen. Hinzu kommt, dass eine Defensive, welche die Ge fahr ei ner In- 81 vasion nicht durch eine Gegen-In vasion beantworten will, sich den Schutz, den der eigene Raum bietet, systematisch zu nutze ma chen kann. Sollte dies über Einzelelemente der Ver teidigung hinaus gelingen, … müsste der potentielle Angreifer nicht „nachge äfft“ wer den. Die Verteidigung … würde lohnender erscheinen als als ihre He r ausforderung. Damit wären der Offensive, wenn sie Maß nah men ei ner bewussten Verteidigung durch zusätzliche Angriffs stärke kom pen sieren wollte, weit überproportionale Ausgaben aufge bür det, wo mit sich die Perspektive einer Umkehr der Rüstungs spi rale ergäbe. (Es) wür den bei allen Beteiligten Ressourcen für eine fried liche Ent wicklung frei ge setzt, von der wir … annehmen dürfen, dass sie … die innenpoli ti sche Stabilität erhöht, was wiederum zu grö ße rer Sicherheit im Um gang mit be nachbarten Staaten führen dürfte. Das Denkmodell der Vertrauensbildenden Verteidigung setzt unter dem As pekt der „intervenierenden Variable“ an, Es geht darum, jene Kalküle zu durchkreuzen, die einen Krieg zu annehmbaren Kosten mit raschem Erfolg versprechen und ihn dadurch attraktiv machen. Generell stellt sich der Ansatz als eine asymmetrische Antwort auf eine Bedrohung durch herkömmliche – tendenziell hochtechnisierte – kon ven tionelle Streitkräfte dar. Um zu „Stabi lität“ in ihren unterschied li chen Dimensionen zu gelangen, ist also kein Gleichgewicht strukturell ähnlicher militärischer Mittel erforderlich. Es eröffnet sich die Chance, durch selbständige Maßnahmen einer stabilitäts orientierten Umrüstung sowohl dem eigenen Schutz als auch der Sicherheit des anderen dienen zu können. 82 66 83 Vertrauensbildende Verteidigung: Universalität – Auszug aus Unterseher, L. 2011: Frieden schaffen mit anderen Waffen? Alternativen zum militärischen Muskelspiel, Wiesbaden (gekürzt) – Bereits in der zweiten Hälfte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts begann eine Diskussion darüber, ob denn das, was im Rahmen der alter nativen Ansätze für eine Verteidigung Mitteleuropas entwickelt wor den war, sich – in der Essenz oder im Hinblick auf einzelne Lösungs vorschläge – auf andere Gefilde rund um den Globus übertragen ließe. Ei ne sich als bald zu Wort meldende Kritik zog in Zweifel, dass es eine solche uni ver selle Relevanz geben könnte (Prins 1990). Die alternativen Modelle wären doch sehr auf die Lage Mitteleuropas be zogen und entstammten einer für den Westen typischen Diskus si ons kultur. Weil sie sich in ihrer Entwicklung am NATO-Mainstream ab ge ar bei tet hätten, wären sie auch von diesem mitgeprägt. Das zeige sich vor allem an der Fixierung auf Hochtechnologie, die sogar noch stärker sei als beim etablierten Militär. Schon von daher wäre eine Übertragung auf an dere Kulturen und geostrategische Kontexte problematisch. Wir haben es hier mit einem ‚Interkulti-Lackmus-Test‘ zu tun, der von gewissen Kreisen offenbar immer dann angewendet wird, wenn einem sonst nichts einfällt. Jedenfalls ignoriert diese Kritik zumindest drei As pek te: 1. Es gab eine breite Palette von Anregungen sowie auch durchgear beiteten Konzeptionen zur militärischen Stabilisierung Mittel eu ro pas. Von diesen erschienen durchaus nicht alle 84 auf Hochtech nolo gie fi xiert. Etliche Lösungsvorschläge waren im Hinblick auf den Be waff nungs mix sowie auch die Gliederungs for men recht pragma tisch. Dies gilt um so mehr, wenn der sowjetische Reformansatz mit be rücksichtigt wird (siehe Kapitel II in diesem Band). 2. Wichtige Entwürfe alternativer Strukturen zeigten sich von einer au ßer europäischen Kultur militärischer Reflexion inspi riert. Man denke an das Alte China, dessen Philosophie und Mi litär the o rie insbeson dere für die Studiengruppe Alternative Sicher heits politik (SAS) von beträchtlicher Bedeutung war … (Un terse her 1999: 29 ff, 52 ff). Auch Horst Afheldt (ein wichtiger Ideengeber der alter nativen Denk schu le) sei in diesem Zu sammenhang genannt: Er bezog Anre gun gen al ler dings eher aus dem ‚Neuen China‘, dessen Guerilla tradition sich ihm durch die Ar bei ten von Guy Brossollet er schloss, eines franzö sischen Beobachters und frühen Proponenten ei ner an deren Verteidi gung (Brossollet 1976, Afheldt 1976). 3. Zu verzeichnen bleibt im Übrigen, dass nicht wenige Alternativ ent würfe sich in … Verwandtschaft zu dem sahen, was es bereits an real-existierenden Modellen einer Spezialisierung auf die Defensive gab. … Wobei es zum einen um die Palette von Ent wick lungen in Europa ging, die sich vor allem im Lager der „Blockfreien“ fanden und die eine nicht unbeträchtliche Artenvielfalt – typischerweise ohne High-Tech-Fixierung – erkennen ließ. Zum anderen aber auch um außer euro päische Muster und Geschehnisse. Man denke etwa an die Ver teidi gung Vietnams angesichts des chinesischen Überfalls (1979). 85 Es darf also zumindest vorsichtig angenommen werden, dass es auch au ßer europäische Relevanz für eine Verteidigung gibt, die nicht mit gleicher Münze zurückzahlt (Unterseher 1995). Literatur Afheldt, H. 1976: Verteidigung und Frieden. Politik mit militärischen mitteln, München. Brossollet, G. 1976: Das Ende der Schlacht, in: E. Spannocchi/ Ders., Verteidigung ohne Schlacht, München, S. 97–214. Prins, G. 1990: Military Restructuring and the Challenge of Europe, in: UNIDIR (Hg.), Nonoffensive Defense: A Global Perspective, New York, N. Y., S. 52–105. Unterseher 1995: Confidence-building Defence as a Universal Prin ciple, in: M. Salla/W. Tonetto/E. Martinez (Hg.), Essays on Peace, Rock hamp ton, Queensland, S. 185–195. 1999: Defensive ohne Alternative. Kategorischer Imperativ und mili tärische Macht, Wiesbaden. 86 Aus der Werkstatt: Entwurfskalküle und ihre Entfaltung – Auszug aus Unterseher, L. 1999: Defensive ohne Alternative. Kategorischer Imperativ und militärische Macht, Wiesbaden (gekürzt/bearbeitet) – Das Grunddesign Die Studiengruppe Alternative Sicherheitspolitik (SAS) hat aus den Grundorientierungen einer stabilitätsadäquaten Verteidigung bezogen auf die Verteidigung zu Lande die folgenden systematisch miteinander zu ver knüpfenden Hauptmerkmale abgeleitet: Erstens: Das tragende Element der Defensive ist eine netzartige, raum kontrollierende Struktur, die auf unmittelbare Geländeausnutzung op timiert ist. Sie wirkt durch Feuer und Sperren; Bewegung ist nur von lo kaler Re levanz und soll den Schutz vor Feindeinwirkung erhöhen. Haupt auf gabe die ser Grundstruktur ist es, den zu schützenden Raum so zu ‚kon diti o nieren‘, dass die Operationen hier eingesetzter anderer Kräfte wesent lich erleichtert werden. Es geht, um ein Bild aus der Guerillakriegslehre Mao Tse-tungs in abgewandelter Form zu gebrauchen, letztlich dar um, je nes Wasser künstlich zu schaffen, das der Fisch zum fröhlichen Schwim men benötigt. Ein anderes Bild ist kon servativer: In seinem Rahmen bleibt das Netz ein Netz, wird also nicht zu Wasser, und dient als unverzichtbare Voraussetzung für das optimale Operieren von Spinnen-Kräften. 87 Zweitens: Das Gros der erwähnten Spinnen-Kräfte ist so zu dislo zie ren, dass ein Operieren innerhalb der raumkontrollierenden Struktur nahe zu verzugslos möglich wird. Diese die netzartige Grundkonfiguration der Ver teidigung überlagernden Kräfte sind funktional differenziert: Sie umfas sen mechanisierte Kavallerie (hauptsächlich für Aufgaben der Verzö ge rung), leichte mechanisierte Infanterie mit begrenzter Stopp wirkung ge genüber einem gepanzerten Angreifer (Sekundärfunktion: Ab wehr geg neri scher Infanterie) sowie auch ein schweres Element: etwa für ‚kur ze Haken‘ zur Neutralisierung eingedrungener Trup pen. … Hauptaufga be der inner halb der Basisstruktur dislozierten Kräfte ist es, der Verteidi gung jene Resistenz und Flexibilität zu ver leihen, die es ermöglicht, im Fal le einer Invasion Ge biets verluste zu mi ni mieren bzw. rückgängig zu machen. Drittens: Für die Eventualität einer extremen Gefährdung des de fen siven Netzverbundes aus Grundstruktur und unmittelbar verfügbaren Ein greifk räften sind operative Reserven vorzuhalten, die auch über größere Ent fer nungen hinweg anmarschieren können, um ‚vor Ort‘ die Defensive ge gen über besonders hohen Angriffskonzentrationen zu verstärken. Das Er for dernis schneller Allokation von Truppen auch über größere Distanzen macht spezielle Vorkehrungen not wendig: So sollten diese Reser ven mög lichst mit leichten, gepanzerten Rad fahrzeugen ausgestattet sein, die sich durch hohe operative Beweglichkeit auszeichnen. Damit ist das Risiko ei ner Marsch unterbrechung durch Feindeinwirkung aber noch nicht aus der Welt geschafft: vor allem dann nicht, wenn die Truppenbewegung durch ei nen Raum führt, der nicht durch de fen sive Netzstrukturen geschützt ist. Dies stützt das Argument, für Räu me, die z. B. aus Ressourcengründen 88 ‚netz frei‘ bleiben, einfach ausge rüs tete Heimwehrkräfte vorzusehen, die vor allem Aufgaben des Objekt schut zes wahrzunehmen hätten. Damit ließe sich das Risiko einer Marsch un ter brechung durch gegnerische Kommando-Ak tionen minimieren. Sind die ope rativen Reserven nach schnellem Marsch an dem bedrohten Abschnitt an ge kommen, ist ihre Aufgabe nicht der Gegenangriff, sondern die Stärkung der Defensive (s. o.). Dazu sind sie durch reich liche Ausstattung mit Pioniermitteln und Panzerabwehrwaffen optimiert. Die Beweglichkeit sol cher Truppen dient also vor allem der Al lo kation (zur rechten Zeit am richtigen Ort erscheinen) und nicht der Op tion eines Sto ßes ‚in den Feind hinein‘, wofür übrigens wegen des dann zu erwartenden dichten Feuers besonderer Panzerschutz erforderlich wäre. Viertens: Die Struktur dieser Verteidigung macht ihre Defensivität aus. Dies impliziert eine Absage an den Aberglauben, dass es reine ‚De fen sivwaffen‘ gäbe. Panzerabwehr-Lenkwaffen z. B. dürften eine durch aus off en sive Bedeutung annehmen, wenn sie für eine leichte, auf Motor rädern bewegliche Infanterie mit der Spezialisierung auf weitreichende Infil tra ti ons angriffe vorgesehen wären. Eine eher defensive Bedeutung be kä men sol che Waffen erst, wenn man sie einer Netzinfanterie zuordnet, die durch struk turelle Maßnahmen mit dem zu schützenden Land relativ fest ver bun den ist. Dabei müsste diese raumgebundene Infanterie die Ver tei digung deut lich dominieren und nicht die Dienstmagd starker Gegen angriffskräfte sein, sondern, im Gegenteil, diese in die Abwehr einbinden. Wenn die Art der Waffe ein Verteidigungsdispositiv nicht defensiv macht, ist durchaus plau sibel, dass es im SAS-Design einen Ausrüstungs mix gibt, dessen Bestandteile nicht dramatisch von dem abweichen, 89 was auch in den NATO-Arsenalen insbesondere für Abwehraufgaben vorge se hen ist. Gleichwohl lässt sich eine deutliche Akzentverschiebung erken nen. So wird in der SAS -Konzeption ein größeres Gewicht gelegt auf: Pio nier mittel zum schnel len Schaffen von Sperren und Feldbefesti gungen, fern bediente leich te Waffen für direktes Feuer zur Trennung des Schützen von der sich selbst verratenden Abschussstelle und robuste Mörser beson ders hoher Ka denz zur unmittelbaren Feuerunterstützung. (Mittel für einen Deep Strike gibt es demgegenüber gar nicht.) Generell gilt, man könnte es die technologische Hausphilosophie nen nen, dass nach den Vorstellungen von SAS sehr viel mehr in die In tel ligenz der Organisation investiert würde als in die einzelner Waffen sys te me. Durch die systematische Nutzung des Heim vorteils sollen die für ein ziel sicheres Schießen erforderlichen Informa tions grundlagen so verbessert werden, dass auch vergleichsweise ‚dumme‘ Geschosse mit Aussicht auf Wir kung eingesetzt werden können. Dies ist ei ne Absage an jene Art von künstlicher Intelligenz, die – in den Suchkopf ei nes Präzisionsflugkörpers integriert – es ermöglicht, auch in ‚Feindes land‘, also ohne die günstigen in formationellen Voraussetzungen des Ver tei di gers, automatisch Ziele zu ent decken und zu vernichten. Ein solcher An satz zeitigt wegen seiner hohen Kom plexität enorme Kosten: bei gleich sam eingebauter Störanfälligkeit. Darüber hinaus würden damit unnötigerweise offensive Optionen er öffnet. Was die Präzisionslenkung betrifft, liegt für SAS das Optimum aus Auf wand und Wirkung bei jenen Waffen, die den Einfluss mensch licher Intel ligenz nicht aus ihrem Regelkreis ausschließen, sondern diesen Fak tor systematisch integrieren. Gemeint sind zum Bei spiel: Artillerie ge schos se, die mit Hilfe 90 des Laser-Markierverfahrens ihr Ziel finden, sowie ‚gefessel te‘, Lichtleitfaser-gelenkte Flugkörper (Ziel infor mationen durch einen Sen sor in der Nase des Fluggerätes), deren Be die nung sich am Boden, in ei nem sicheren Unterstand, befindet (Bölkow 1990). Gerade sol che Waffen ‚hal ber‘ Intelligenz, die auf die Interaktion mit einem mensch lichen Akteur an ge wiesen bleiben, lassen sich besonders gut im Rah men einer Ver tei digung einsetzen, die alles daran setzt, die Lage durch raumkontrollierende Struk turen in den Griff zu bekommen. Das Netz, die Basis des Systems, bedarf weiterer Erläuterung. Vier Haupt funk tionen hat es zu leisten: Kampf: Diese Funktion besteht im Verzögern, Abnu tzen, Irritieren bzw. Zersplittern und Kanalisieren eindringender Kräfte. Für die se Zwecke sind vor allem ein ‚unsystematisches‘, also nicht leicht zu durchschauendes, System von Hindernissen und Sperren sowie eine Komponente flexiblen (vor allem auch indirekten) Feuers erforderlich. We gen der relativen Leich tigkeit der Netz-Struktur dürfte die Erfüllung der genannten Aufgaben mit un ter zur Überforderung führen. Es ist freilich immer mitzuberück sich ti gen, dass die beweglichen Eingreifkräfte, wegen ihrer raschen Ver füg bar keit, in solchen Fällen fast verzugslos aus helfen könnten. Deckung: Hiermit ist gemeint, dass die Kräfte des raumkontrollie renden Elementes – gegebenenfalls mit Unterstützung durch mechanisierte Kaval lerie bzw. Infanterie – die schnellen, leichten Voraustruppen eines Ag gres sors lokalisieren und soweit aufhalten können, dass eigene Gegen an griffs kontingente sich weitgehend unentdeckt und ungehindert zu bewe gen ver mögen. 91 Darüber hinaus wird das Verbergen von Bewegungen der Kräfte des Verteidigers dadurch erleichtert, dass von den Truppen der Ba sis-Struktur mit elektronischen Störmaßnahmen gearbei tet und ein ex ten siver Gebrauch von Täuschzielen gemacht wird. Unterstützung: In diesem Rahmen geht es um unterschiedliche Auf ga ben wie das fortlaufende Sammeln, Aufbereiten und Bereitstellen von Informa tionen (vor allem auch für eingreifende bewegliche Kräfte) und das Be treiben bzw. den Schutz eines dezentralisierten Systems vorwiegend sta ti o närer logistischer Depots: und zwar nicht nur zur Eigenversorgung, son dern auch als Service für das mobile Element. Dieses wird dadurch weit gehend von die Straßen verstopfenden und dadurch Ziele bietenden Nach schubkolonnen befreit. Damit erhöht sich seine Agilität – jedenfalls so lan ge es innerhalb des Versorgungssystems operiert. Militärisch politische Kontrolle: Dies bezieht sich darauf, dass sich mit der defensiven Grundstruktur der Vorteil einer … lückenlosen Raum kon trolle, eines klaren Bildes davon ergibt, wo die eigenen Kräfte und die des Aggressors stehen. Wenn zudem noch berücksichtigt wird, dass durch die Verzögerungs- und Deckungsleistung der Grundstruktur Zeit erwirt schaft et wird, lässt sich … ver mu ten, dass die damit zu gewinnende gute Übersicht über die Lage eine rationale militärische Entscheidungsfindung er leichtert: auch und gerade dann, wenn es um politische Implikationen geht. Denken wir in diesem Kontext z. B. daran, dass trotz aller Bemü hungen, die be weg lichen Kräfte des Verteidigers strukturell auf den zu schüt zenden Raum angewiesen zu machen, grenzüberschreitende Aben teu er nicht völlig aus zuschließen sind! Hier gilt: Je besser die Lageübersicht, um so größer die Chance, solche Entwicklungen unterbinden zu können. 92 Wie bereits bemerkt: Das mobile Element operiert im Netz nach Art einer Spinne. Während die netzartige Struktur vergleichsweise aufge lockert ist und ernsthafte ‚Gegen-Konzentrationen‘ bei einem Vordringen des Aggres sors im Wesentlichen nur durch ein gegliederte Mittel indirekten Feuers zuwege bringt, sind die mobilen Ein greift ruppen durchaus in der Lage, sich für gewisse – zweckmäßigerweise kurze – Phasen zu massieren. Ihr Re pertoire umfasst u. a. das Fesseln, Blockieren, flankierende Angrei fen und schließlich das Zerstören ein dringen der Verbände. Da sie mit der kon ditionierenden Vorarbeit der raum kontrollierenden Struktur rechnen kön nen, d. h. mit der Behinderung der Bewegungen des Invasoren bei De ckung und Unterstützung der eigenen, darf ihr Gesamtum fang, aber auch der Umfang der je einzelnen Forma tionen, relativ klein sein. Doch es hilft nicht nur die defensive Basisstruktur dem Eingreif-Ele ment: Es gibt auch ein umgekehrtes Unterstützungsverhältnis. Die Eingreifk räfte helfen näm lich dem raumkontrollierenden System an seinen schwa chen Stellen entwe der durch die Evakuierung allzu exponierter Kampft eams, deren ei ge ne Evakuierungsmittel, durch Verluste bedingt, nicht mehr ausreichen mögen, oder durch eine ‚Reparatur kaputter Ma schen‘: also den Transport frischen Personals und Materials in freige kämpft e Netzteile. Es bietet sich das Gesamtbild einer kontinuierlichen, sehr flexi blen Verteidigung, die sich auf redundante, tiefe Strukturen stützt: Äußerst schwie rig oder gar unmöglich erscheint es, sie umgehen, ausmanövrieren oder überspringen zu können. Wegen der Auflockerung des raumkontrol lie renden Systems und des relativ kleinen Umfangs des Eingreif-Elements, sowohl was dessen Gesamtheit als auch die Verbandsebene betrifft, darf das Zielprofil eines solchen Dispositivs als recht niedrig gelten. 93 Bei einem solchen Ansatz kann, wie gesagt, nicht voll kommen aus ge schlossen werden, dass eigene mobile Kräfte im Falle eines Falles die Grenze über schreiten. Da das bewegliche Element jedoch stark reduziert und in einem hohen Maße auf Deckung und Unterstützung durch die Ba sisstruktur an ge wiesen ist, wäre es aber militärisch gesehen höchst irra tio nal, das Sank tuarium des Verteidigers eines Abenteuers wegen zu ver las sen. So erscheint dieser Ansatz eine pragmatische Annäherung an das Prin zip der Nichtprovokation. Die für diesen Ansatz behauptete tödliche Effizienz ist letztlich auf die synergetische Beziehung zurück zuführen, die zwischen Netzstruktur und Eingreifkräften besteht: Es geht um die intensive Interaktion und Koo peration zweier unterschiedlicher Elemente, die sich in ihren Stärken und Schwächen wechselseitig ergänzen. … Wir sehen die systematische Verzahnung zweier Strukturen, die jede für sich einfachen Zuschnitts ist, die aber ge meinsam einen Eindringling mit kaum zu bewältigender Kom plexität kon fron tieren. Die ser kann prinzipiell nie wissen, worauf er sich einstellen soll: auf leichte, raumdeckende Strukturen oder energischste Ge gen wehr. Diese Zusammenhänge lassen sich auch in einem informations theo re tischen Bezugsrahmen ausdrücken: Die beiden miteinander kooperie ren den Grundelemente der Verteidi gung stellen – jedes für das jeweils andere – black boxes dar. D. h., es wird an klar definierten Berührungspunkten mit einander kooperiert. Darü ber hinaus ist es für das jeweilige Subsystem der Verteidigung nicht von Be lang, was innerhalb des anderen abläuft. Dies führt zu einer erheblichen Entlastung der Informationsgewinnungs- und Ver arbeitungsprozesse. Jedes Subsystem präsentiert sich dem jeweils an deren als ‚bekannte Umwelt‘: 94 als eine Größe, die mit relativer Sicherheit ins taktische Kalkül einzubeziehen ist. Ist die Komplexität der Umwelt auf diese Weise reduziert, wird es möglich, mehr von der relativ knappen Res source „Aufmerksamkeit“ (also: Informationsbeschaffungs- und Verar beitungsfähigkeit) auf den Gegner zu richten. Zugleich sieht dieser sich aber durch die gesteigerte Komplexität seiner Umwelt, was in der Kombination un ter schied licher Strukturele men te begründet ist, in der eigenen Informa tionsaufnahme- und Verarbeitungs fähigkeit auf das Äußer ste strapaziert, wenn nicht gar über fordert (infor ma tion overload). Vier Aussagen zeigen die besondere Effizienz des skizzierten Dis posi tivs an (Grin/Unterseher 1990: 251 ff): 1. Die synergetische Kooperation verleiht sowohl den Kampfteams der raumkontrollierenden Struktur als auch den Eingreif-Verbänden je weils ei nen signifikant höheren Kampfwert, als diese iso liert betrachtet besitzen. 2. Das Kooperationsverhältnis konfrontiert den Eindring ling mit einer überkomplexen, sich stetig wandelnden Problemstruktur: und das nicht nur punktuell, sondern nahezu überall. Die sich daraus für einen Angreifer er gebenden Anpassungsprobleme sind von einer Größen ord nung, die eine bloß taktische Relevanz weit übersteigen. 3. Wegen der optimierten Kräfteallokation innerhalb des raumkon trol lierenden Systems lassen sich Krisen in der Ver- 95 teidigung schon im Mo ment ihrer Entstehung, also zu minimierten Kosten, bereinigen. 4. Auch ein noch so energisch vorgetragener Angriff operativstrate gi scher Bedeutung bedarf einer Sequenz taktischer Erfolge. Diese können dem Aggressor in Sequenz verweigert werden, denn die Tiefe der Abwehr und die ihr durch die Eingreifkräfte verliehene Flexibilität erlauben dies. Fazit ist, dass es angesichts solcher Flexibilität und zä hen Resistenz keinen Bedarf an potentiell provokativen schweren Gegenangriffskräften grö ßeren Umfangs gibt. Die Netz-Entwicklung 1979 bis 1982: In dieser Zeit akzeptierte die Studiengruppe, ohne wesentliche Modifikationen vorzunehmen, das Netzkonzept Horst Afheldts (Afheldt 1976), ein leichtes Konstrukt mit homogener Lenkwaffen ausstat tung, um dieses allerdings durch bewegliche Eingreif-Elemente eige nen Strick musters zu ergänzen. Doch wurde bereits damals die Frage ge stellt, ob dem Afheldtschen Konzept nicht doch jene technolo gische Mindestkom plexität fehlte, die erforderlich ist, um angesichts mög licher ‚Gegen optimierungen‘ durch den Kontrahenten bestehen zu können. So entwickel te sich die Überlegung, die Netzaus stattung um schnellfeuernde Mehr zweck kanonen (auch zur Panzerabwehr geeignet) zu ergänzen. Dies ge schah bevor die „Juli-Studie“ von Bonins, in der ein ähnliches Element vorgesehen war, der Fachöffentlichkeit zugänglich wurde (Bonin 1954). 96 1983 bis 1985: In dieser Phase erarbeitete die Studiengruppe ihre erste eigene Netzkonzeption. Deren Hauptcharakteristikum bestand darin, dass die Truppendichte mit wachsender Tiefe des Abwehrsystems zunahm. Damit sollte einer Idee entsprochen werden, die von Liddell Hart ent wickelt und unter dem Kürzel „schrumpfendes Rohr“ (contracting funnel) in die Debatte eingebracht worden war (Liddell Hart 1966: 36 ff). Dem britischen Militärtheoretiker ging es darum, eine Defensivstruktur zu kon zi pie ren, die dem potentiellen Angreifer zunächst möglichst wenig hart näckigen Wider stand entgegensetzen sollte, also im Sinne Sun Tzes ‚form los‘ wäre (Sun Tze 1972: 54 f), die aber gegnerische Kräfte bei tiefe rem Ein dringen immer stärker strangu lieren würde. Die im Vergleich zu Afheldts Ansatz … dichtere Kräfteausstattung des SAS-Netzes führte zu einer deutlich verbesserten Ab nut zungswirkung gegenüber eingedrungenen feindlichen Kräften. So je den falls lautete das Er gebnis von damals durchgeführten OR-Analysen (Hof mann et al. 1984: 47 ff). Allerdings: Es stellte sich verschärft die Fra ge nach der Kosten eff ektivität: gab es doch in der SAS-Konzeption relativ viel raum ge bundenes Potential, das wohl im Falle eines Falles nie Feind be rüh rung gehabt hätte. Als Bemannung für die vordere, relativ weitmaschige Netzzone wa ren, um die Gefahr einer Überraschung auszuschließen, ausschließlich prä sente Soldaten vorgesehen. Mit größerer Tiefe der Abwehr, und damit auch deutlich dichterer Truppenaufstellung, sollte dann ein zunehmend hö herer An teil an Reservisten integriert werden. Für diesen Ansatz wurde ein Perso nal modell erarbeitet, das sich im Einklang mit der demographischen Entwicklung be fand (Thimann 1989). 97 1986 bis 1989: In dieser Periode wurde, was die Truppendislozierung und das Personalmodell anbelangt, mit nur relativ geringfügigen An pas sun gen an der früheren Netzkonzeption festgehalten: D. h., es galten prin zipiell unverändert das Grundmuster des „schrumpfenden Rohres“ und die Maxime der Präsenz nur am vorderen Rand der Verteidigung. Was sich al lerdings in dieser Zeit dramatisch ändern sollte, war der Zuschnitt des Be waff nungsmixes (Unterseher 1989). Der Gedanke einer weitgehenden Raumdeckung durch Panzerab wehr-Lenk raketen quasi-stationärer Art wurde wegen seiner beträchtlichen Kos ten zumindest für die vorderen Bereiche der Verteidigung aufgegeben (nur die hinteren sollten entsprechendes Gerät älterer Art behalten: also kei ne Neubeschaffungen!). An die Stelle dieser Ausrüstung sollte zum ei nen einfachstes, robustes Gerät treten, vor allem fernausgelöste Richtmi nen, Panzerfäuste und leichte Maschinenkanonen, zum anderen aber – auf der Bataillonsebene – Plattformen für die bereits erwähnten Lichtleitfaser-gelenkten Geschosse. Letzteres Element versprach besondere Effizienz und auch Kosteneffektivität: durch die Möglichkeit, ohne aufwendige „künst liche Intelligenz“ über Dutzende Kilometer auf sehr präzise Weise Punkt ziele bekämpfen zu können. Damit bot sich die Perspektive einer flexiblen, ‚nachbarlichen‘ Unterstützung innerhalb des Netzes und wegen der über lappenden Reichweiten die Möglichkeit beträchtlicher Feuerkon zentration. Sinnvoll erschien es, die Plattformen derartig essenzieller Feuer mittel beweglich zu machen und mit leichtem Panzerschutz zu versehen (also zu mechanisieren). Diese Maßnahme hätte kaum offensive Optionen eröffnet, gab aber die Möglichkeit, die entsprechenden Waffensysteme unter gegne rischem 98 Druck zurückgehen zu lassen, um weiter hinten die verfügbare Feu er kraft entsprechend zu stärken. Wiederum sehen wir das Bemühen, sich dem Modell des „schrumpfenden Rohrs“ anzunähern: Das syste ma tische Zurückfallen beweglicher Plattformen des Präzisionsfeuers hätte die mit der Tiefe zunehmende Aufstellungsdichte noch weiter akzentuiert. Die … Reichweite dieser Feuerkomponente wurde im Zuge weiterer Modellarbeiten als Voraussetzung dafür angesehen, inner halb des Netzes dort größere Lücken zulassen zu können, wo sich das Ge lände für den Einsatz leichter Infanterie besonders schlecht eignet. Diese Lücken sollten nur noch durch das Feuer der Lenkwaffen über wacht werden: gestützt auf die Lageinfor mationen von dort arbeitenden statio nären Sensoren. Mit die ser kon zep tio nel len Entwicklung war der Schritt hin zu einer tendenziell immer selek tiveren Raumdeckung durch Netz kräft e getan. Damit eröffnete sich die Per s pektive einer beträchtlichen Kos ten senkung: durch das Sta tio nieren von in fan teristischen Kampfteams nur dort, wo es auf robuste Re dun danz wirklich ankam. Gleichwohl wäre aber der Vorteil einer annä hernd lücken losen Raumkontrolle, freilich durch ver änderte Mittel, erhal ten geblieben. 1990 bis heute: In dieser Zeit hat sich – in unterschiedlichen Ausprä gungen – ein Modell der Raumkontrolle entwickelt, in dem netzartige Struk turen eher nur virtuellen Charakter haben. Der zu schützende Raum wird nach wie vor durch mehrfache, einander überlagernde „Service-Net ze“ strukturiert, in deren Rahmen das ursprüngliche Konzept einer über die Fläche verteilten Leichtinfanterie nur noch eine rudimentäre Rolle spielt (Personal wird immer knapper). 99 Was bleibt, ist vor allem Folgendes: Ein statisches, dadurch beson ders leistungsfähiges Basis-Kommunikationsnetz (Grin 1990) mit inte grier ten, über die Flä che verteilten Sensorsystemen, ein Netz dezentraler, lo gis tischer Depots (mit beweglichen Elementen nur für den Kurzstrecken-Trans port) sowie ein für den Betrachter weitgehend unsichtbares und erst im Konfliktfalle flexibel zu komplettierendes vernetztes System von Sper ren und ge deck ten Stellungen: hauptsächlich als Grundlage für den raum kontrol lie renden Ein satz von Plattformen weitreichenden, indirekten Feu ers. Diese würden so operieren, dass ihre Beweglichkeit nur zum Selbst schutz, zum Pendeln zwischen Wechselstellungen, genutzt wird, die Feuer allokation aber in der Regel nicht durch den Marsch der Waffensysteme, son dern deren Wirkradius geschieht. Wiederum sind dabei durch Reich wei ten-Überlappungen erhebliche Konzentrationen möglich. Es entsteht vor unseren Augen das Bild einer schützenden Glocke – oder eines Schirmes – aus weitreichendem indirekten Feuer, des sen Träger durch mehrfache, unterstützende Netzwerke an den zu ver teidi genden Raum gebunden werden (Unterseher 1995): nicht im Sinne einer engen Fes se lung, sondern wiederum so, dass es militärisch unsinnig wird, außer halb des Sys tems zu operieren. Wie das Netz alter Art ist die nun sich ergebende Schutzglocke die entscheidende Voraussetzung für den optima len Ansatz beweglicher Ein greifk räfte. 100 Literatur Afheldt 1983: Defensive Verteidigung, Reinbek b. Hamburg. Bölkow, L. 1990: Ist Verteidigerdominanz technisch möglich? in: C. F. v. Weizsäcker (Hg.), Die Zukunft des Friedens in Europa. Politische und militärische Voraussetzungen, München, S. 113–122. Bonin, B. v. 1954: Studie vom Juli 1954, unveröff. Manuskript (Ge heimschutz bis 1986). Grin, J. 1990: Military-Technological Choices and ImplicationS. Com mand and Control in Established NATO-Posture and a Non-Provo ca tive Defence, Amsterdam. Grin, J./Unterseher, L. 1990: … den Bedrohungszirkel unterbrechen: Spinnennetz. Ein mili tärtheoretischer Beitrag zur Um- und Abrüstung, in: W. R. Vogt (Hg.), Mut zum Frieden. Über die Möglichkeit einer Frie dens ent wick lung für das Jahr 2000, Darmstadt, S. 139–150. Hofmann, H. W./Huber, R. K./Steiger, K. 1984: On Reactive Defense Options, IASFOR, Bericht Nr. S-8403, Hochschule der Bundeswehr Mün chen. Liddell Hart, B. H. 1966: Lebenserinnerungen, Düsseldorf und Wien. Sun Tze 1972: Die dreizehn Gebote der Kriegskunst (Einleitung: G. Masch ke), München. Thimann, C. 1989: Das Personalmodell einer alternativen Verteidi gung, in: SAS (Hg.), Vertrauensbildende Verteidigung, Gerlingen, S. 204–212. Unterseher, L. 1989: Bauprinzipien alternativer Landstreitkräfte, in: SAS (Hg.), Vertrauensbildende Verteidigung, a. a. O., S. 149–164. 101 1995: Die Landesverteidigung der Schweiz: Ein praktisches Modell für die Zukunft (Expertise), SAS-Arbeitspapier, Bonn- Bern, Januar. 103 VI Militärinterventionen in der Analyse 104 Test im Irak: Eine Expedition und die Chancen ihrer Repetition – erschienen in Hubatschek, G. (Hg.) 2003: Irak Krieg 2003. Folgerungen für Deutschland und Europa, Bonn – Problem Eine Kritik am Irak-Krieg des George W. Bush suggeriert, dass es wohl auch um die Kontrolle des Zugangs zu einem sich verknappenden Schlüs selrohstoff, letztlich aber um etwas noch Wichtigeres gegangen sei: die Bekräftigung des hegemonialen Anspruches der Vereinigten Staaten durch die Statuierung eines drastischen Exempels. Die USA seien deswe gen auf eine militärische Abstützung globaler Dominanz angewiesen, weil ihr Wirtschaftspotential dazu immer weniger aus reiche. Das notorische Leistungsbilanzdefizit verschlimmere sich; das zeit weilig hohe Wirtschaftswachstum sei wesentlich auf Pump zustande ge kom men sowie z. T. auch das Resultat statistischer Neubewertungstricks. Hinzu kämen die Konkurrenz anderer, wirtschaftlich erstarkender Weltre gio nen und der Euro als Alternative zum Dollar als Leitwährung. Militärische Machtausübung oder deren Androhung erscheinen im gei s tigen Bezugsrahmen dieser Einschätzung als force multiplier eines Groß akteurs, der dadurch von seinem Dahinwelken ablenken will oder es ganz abzuwenden trachtet. Dazu gehört auch die Feststellung, dass sich der Hegemon in erster Linie Staaten als ‚schurkische‘ Gegner sucht, um sich an ihnen zu beweisen. 105 Darin werde mehr Statusgewinn gesehen als im Kampf gegen das schwer zu fassende Gespinst eines terroristischen Netz werks. Und gegen über „Staaten“, wie aufgebauscht in ihrer Bedrohlichkeit auch immer, kön ne man Rüstungsressourcen besser mobilisieren. Folge richtig wären im Bud get des Pentagon nicht wesentlich über 5 Prozent dem Kampf gegen den Terror gewidmet. Fragt sich freilich, wie denn überhaupt – mit Hilfe welcher Mecha nismen – militärische Macht auf Dauer ökonomische Schwäche ausglei chen könnte. Die Kritiker haben darauf keine Antwort (vielleicht meinen sie, dass es die gar nicht gibt), die dem Modell einer Militärhe ge mo nie anhängenden US-Konservativen aber ebenfalls nicht. Der Kritik steht die positive Sicht derjenigen gegenüber, die vom Se gen einer Pax Americana überzeugt sind. Die Argumentation dazu: Das Völkerrecht mit seiner Tendenz der Einhegung militärischer Gewaltan wen dung ist zwar an sich eine gute Sache, aber leider das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben steht, wenn es niemanden gibt, der dazu fähig und bereit ist, seine Einhaltung zu sanktionieren. Gott sei Dank gibt es aber die USA, deren christlich gebundener Prä si dent sich nicht den weltlichen Regeln des Völkerrechts, in diesem Sinne auch nicht der Charta der Vereinten Nationen, verpflichtet fühlt, weil da durch die nationale Handlungsfreiheit eingeengt würde. Doch ist diese Macht in der Lage und willens, überhaupt die Geltung von Regeln durch zu setzen. Diese mögen zwar nicht – oder nicht in Gänze – die der Weltge meinschaft sein, doch sind die Vereinigten Staaten demokratisch verfasst. Zudem blicken sie auf eine lange freiheitliche Tradition zurück. Dies lässt darauf vertrauen, dass die von dieser Macht gesetzten und in ihrer Ein haltung überwachten Regeln prinzipiell von 106 Werten geleitet sind, die dem in der westlichen Zivilisation erreichten Konsens zumindest im Geiste ent sprechen und die womöglich auch allgemeinere Geltung beanspruchen könn ten. Wenn beides in Betracht gezogen wird, Wertorientierung und Bereit schaft zur Regeldurchsetzung, erscheint eine Hegemonie der Vereinigten Staaten als optimale Lösung. Jene, die so reden, müssen sich von naiven Demokraten fragen las sen, welche Garantien es denn gebe, dass die USA ihr fast sakrales Amt des Hüters von Frieden und Freiheit auf lange Sicht getreulich ausüben wer den. Gab es denn nicht in der neueren US-Geschichte Anzeichen von Isolationismus – getragen von der Stimmung breiter Schichten in der Pro vinz? Wird es den weltoffenen Eliten weiterhin gelingen, den Volkeswillen in ihre Richtung zu steuern? Und welche Sicherheit gibt es im auf uns zukommenden Streit um weltweit knapper werdende natürliche Ressour cen, dass eine eigennützige Politik der USA zugleich auch anderen dient? Wie dem auch sei, es fällt auf, dass diese beiden Positionen anneh men bzw. eigentlich anzunehmen haben, dass die USA immer wieder ein mal Krieg führen oder damit glaubwürdig drohen müssen (welch Letzteres ohne erfolgreiche Praxis kaum funktionieren dürfte). Und zwar entweder, um Herausforderer der Herrschaft exemplarisch in die Schranken zu wei sen, oder um Verletzungen der Pax Americana abschreckend zu ahnden. Vor diesem Hintergrund ist zu fragen, ob die Kampagne gegen den Irak samt Vorbereitung und konzeptioneller Einbettung Züge trägt, die auf den Willen zur eventuellen Wiederholung bei anderer Gelegenheit schließen lassen. Wichtiger noch: Es sollte zumindest grob abgeschätzt werden, wie denn die Chancen solcher Repetitionsversuche stehen. 107 Wiederholbarkeit: Politische und militärische Maßnahmen Sowohl im Hinblick auf die Vorbereitung als auch die Durchführung des Irak-Feldzuges sind in der Tat Überlegungen und Vorkehrungen zu erkennen, in denen eine umfassende Strategie deutlich wird, die im Sinn hat, eine ähnliche Expedition relativ friktionsarm wiederholen zu können: Erstens, die US-Regierung koppelte sich von verpflichtenden Einbin dungen los. Ein Auftrag der UNO wäre aus legitimatorischen Gründen zwar erwünscht gewesen, und es wurde entsprechend energisch agiert (viel leicht aber auch nur zur Beschäftigung des gegenüber einem Irak-Krieg skeptischen Außenministers). Doch ließ sich die Administration durch den Fehlschlag dieser Bemühungen keineswegs in ihrem Willen ir ritieren, zur militärischen Tat zu schreiten. Indem sie dabei einen – als eher regelkonforme Präemption bezeichneten – Präventivkrieg führte, wur de geltendes Völkerrecht gebrochen. Auch von etwaiger Bündnisloyalität sah man sich frei: und wollte keinesfalls im Rahmen der Atlantischen Alli anz qua Allianz operieren, da dies mit gewisser Wahrscheinlichkeit die Verstrickung in institutionelle Abstimmungsmechanismen bedeutet hätte. Vor gezogen wurde stattdessen eine ad hoc mobilisierte Koalition der Wil ligen: zum einen, um die für erforderlich gehaltene Handlungsfreiheit zu behalten sowie zum anderen, um die für einen Aufmarsch nötigen Basen und eigene Anstrengungen entlastende Beiträge zu erlangen. Zweitens, sowohl in Bezug auf die Kampagne gegen den Irak als auch mit langfristiger Perspektive wurde und wird demonstriert, dass die Ver einigten Staaten in der Lage sein 108 sollen, Interventionskriege ohne oder jedenfalls doch mit stark reduzierter Unterstützung zu führen. Obwohl ursprünglich die östliche Türkei als zweite Ausgangsbasis für die Invasion vorgesehen war, wurde vom US-Verteidigungsminister, als das Parlament in Ankara Demokratie praktizierte und ein Veto einlegte, demonstrativ ent schieden, dass es – abgesehen vom Einsatz begrenzter Luftlandekräfte – auch ohne eine massive Bodenoperation aus dem Nordwesten gehen müs se. Ein nicht unwesentlicher, potenzieller Alliierter erschien damit plötz lich weitgehend entbehrlich. Zu diesem Muster passt, dass vom Pentagon ange strebt wird, das US-Militär noch weitaus unabhängiger von fremder Unter stützung zu machen, als dies im Irak-Krieg der Fall war. In diesem Sinne sind zu nennen: das Bekräftigen der noch vor wenigen Jahren umstrittenen Marinekonzeption von 12 Flugzeugträger- sowie ebenfalls 12 amphi bi schen Kampfgruppen samt einer leistungsfähigen schwimmenden Logistik, die Entwicklung von hypersonischen Langstreckendrohnen, die von Nord amerika aus die Welt mit Präzisionsmunitionen abdecken werden, und schließ lich der Ersatz der schwerfälligen Panzerkräfte des Heeres durch leich tere Verbände, ausgerüstet mit einer modernen Familie mobiler Rad panzer, die nach Freikämpfen von Basen im Einsatzland (durch Luft lan dungen) direkt aus den USA eingeflogen werden können. Drittens, der Mittel- und Truppenansatz für den Irak-Krieg war be tont knapp. Offenbar sollte politischen Besorgnissen wegen der Kosten, die künftigen Interventionen im Wege stehen könnten, von vornherein begeg net werden. Ursprünglich war in den USA vorgesehen, die Kriegführung aus dem regulären Verteidigungshaushalt für das Fiskaljahr 2003 zu bezah len. Als dann die Truppen zwecks Umgliederung und aus logistischen 109 Gründen wenige Tage vor Bagdad verharrten, bekam man auf dem Capitol in Befürchtung eines länger währenden Feldzuges kalte Füße und spendete zusätzliche Mittel von fast 80 Mrd. Dollar, deren Löwenanteil direkt an die US-Streitkräfte ging, ohne dass diese unmittelbar bedürftig gewesen wären (der Rest u. a. an die Koalition). Um dies in den Proportionen zu verstehen: Der ordentliche Verteidigungshaushalt entsprach knapp 3,5 Prozent des Brutto-Inlandsproduktes der USA, und mit der zusätzlichen Infusion wur den immer noch nicht 4 Prozent erreicht. Zum Vergleich: 1985, unter Präsi dent Reagan, lag der entsprechende Wert bei 6,5. Dem gebremsten Mit telansatz entsprach die Allokation von Truppen: Einschließlich des Per sonals auf Schiffen und Basen in der Region hatte die auch zahlen mä ßig von den USA dominierte Koalition eine Mannschaftsstärke von 300.000. Im Zweiten Golfkrieg waren es noch doppelt so viele Soldatinnen und Soldaten gewesen, und da ging es um erheblich weniger ehrgeizige Ziele. Während der Irak-Invasion operierten nie mehr als 100.000 Soldaten der Koalition innerhalb des Landes – gegen die insgesamt etwa 450.000 Saddam Husseins (reguläre Streitkräfte, Republikanische Garde und Paramilitärs). Die risikoscheue U.S. Army hatte erheblich mehr gefordert, war aber durch den mit Bedacht knausrigen Verteidigungsminister in die Schranken gewiesen worden. Er vertraute darauf, dass man fehlende man power durch leistungsfähige Aufklärung und allgegenwärtiges Präzisions feu er kompensieren könnte. Konkret: Fast 70 Prozent der aus der Luft ein ge setzten Bomben und Geschosse waren präzisionsgelenkt (Zweiter Golfk rieg: 9 %). Dabei war es aus der Sicht des Sparkommissars an der Spitze des Pentagon von großem Vorteil, dass die Präzisions- 110 munitionen einen Preisverfall erfahren hatten. Eine vormals ‚dumme‘ Bombe kann näm lich nun durch ein Steuerungsmodul mit GPS-Referenz zu einer Lenk waffe ak zep tabler Genauigkeit werden – zu nur einem Drittel der Kosten eines her kömmlichen lasergeleiteten Geschosses. Viertens, bei der Exekution des Feldzuges kam es den Verantwort lichen vor allem auf Tempo an. Nur ein Blitzkrieg erschien dem doppelten Ziel angemessen, nicht nur die Ressourcen zu schonen, sondern vor allem auch die Ansatzpunkte möglicher Kritik daheim sowie in der Weltgemein schaft zu minimieren. Von entscheidender Bedeutung war dabei der Rück griff auf altehrwürdige Verfahren des armored warfare: Der Bewe gungs krieg mit schwergepanzerten Verbänden spielte beim zügigen Vordrin gen in das Landesinnere sowie auch der Einnahme größerer Stadtge bie te eine Schlüsselrolle. Wichtig war in diesem Kon text, dass es – vor dem Hin tergrund britischer Pioniertaten in Basra – panzer starken US-Kräft en ge lang, Bagdad fast im Handstreich zu nehmen, was die ernüch tern de Aus sicht eines langwährenden, verlustreichen Häuser kam p fes ge gen stands los machte. Dies war letztlich aber wohl nur möglich, weil das Baath-Regime mit seiner irren Mischung aus Prahl- und Kontroll sucht die Großstädte durch die Anlage riesiger Plätze und breitester Stra ßenachsen re strukturiert hatte. Die Kampfführung mit schweren gepan zerten bzw. me chanisierten Truppen hatte zwar den Preis einer langen Aufmarschzeit und aufwen digster Logistik. ‚Vor Ort‘ hat sich aber die Beto nung des Panzer schutzes ausgezahlt, gehört doch etwa nach israelischer Weisheit zur (tak tischen) Be weg lichkeit in erster Linie die Fähigkeit, auch unter Feuer vor an zu kommen. Dies setzt übrigens hinter die Initiative jener zeitweilig in der Army dominierenden Fraktion ein Fragezeichen, 111 der es ursprünglich um den Ersatz aller schweren Plattformen durch Radpanzer ging. Anzu mer ken bleibt noch, dass den gepanzerten Kräften natürlich nicht allein der rasche Erfolg zu danken ist: Immer wenn man auf ungewöhnlichen Wider stand stieß, die Flanken zu exponiert erschienen, ein Gegenangriff abzu fangen war oder wenn es an Einfallsreichtum mangelte, wurde auf ‚Feuer aus der dritten Dimension‘ zurückgegriffen. Dessen Koordination geschah auf der Grundlage umfassender (digitaler) Vernetzung, die Aufklä rungs mittel, flie gende Plattformen und Bodentruppen verschiedener Hier ar chiestufen mit einander verband. Dass es dabei auch erhebliche Friktio nen gab, liegt in der Natur des Krieges. Fünftens, dem Bemühen um Schadensminimierung wurde erhebliche Priorität eingeräumt. Die Koalition beklagte etwa 200 Gefallene, wobei – wieder einmal – ein nicht unbeträchtlicher Anteil der Opfer durch „friendly fire“ verursacht war. Dem standen auf der anderen Seite nach Angaben des Pentagon wenige Tausend, nach Schätzungen unabhängiger Einrichtungen, wie der des Commonwealth Institute, 10.000–12.000 Todesopfer gegen über. Wobei beide Quellen darin übereinstimmen, dass die bewaffneten Organe des irakischen Regimes höhere Verluste hatten als die Zivil be völ kerung. Beides, die im Vergleich zu früheren militärischen Engagements der USA relativ niedrige Opferzahl und das von Friedensforschern und kri tischen Medien andersherum erwartete Verhältnis von zivilen zu nicht zivi len Opfern, war als Nebenergebnis der massiven Verwendung von Präzi si ons munitionen klar intendiert und geeignet, den Gesamteinsatz für manch einen Beobachter akzeptabler zu machen. Allerdings: Die aus ver engten militärischen Überlegungen heraus ebenfalls erfolgte 112 Verwendung von völ ker rechtlich höchst problematischen „nicht diskriminierenden“ Streu bom ben sowie von Bomblet-Gefechtsköpfen der Raketenartillerie hat den ei gentlich zu erwartenden Public-Relations-Erfolg weitgehend neutra lisiert. Gegner „Irak“: Ein Sonderfall oder schlechte Normalität? Das CENTCOM, die weiland von Samuel P. Huntington im Auftrag Präsident Carters konzipierte Kommando-Einrichtung für Interventionen im Nahen und Mittleren Osten, sowie Berater aus dem inneren Füh rungs zirkel des Pentagon haben Listen aufgestellt: von Ländern, die sich auf die Eventualität einer unfreundlichen Begegnung mit US-Militär ge fasst ma chen sollten. Solche Listen können ca. 20 oder gar mehr Objekte umfassen. Eine davon wurde besonders auffällig publiziert und führt Län der auf, die sich tendenziell vom freien Austausch von Gütern, Dienst leis tungen und Informationen aussperren. Damit werde jenes Merkmal ge nannt, das am engsten mit Instabilität, der Entstehung von Terrorismus, der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen und anderen Störungen des Friedens ver knüpft sei. Es werden einerseits Länder aufgelistet, die so klein an Potenzial sind, dass eine leicht zu bewerkstelligende Einschüchterung durch die Dro hung mit einer Militäraktion kaum Signalwirkung (für andere) hätte. Zu dem finden sich in dieser Kategorie auch so genannte failed states, bei denen ein erzwungenes Ja-und- Amen der Regierung für den Rest des be treff enden Landes ohne Bedeutung wäre. 113 Auf der anderen Seite wird auf Staaten als potenzielle Übeltäter ver wiesen, die wie der Noch-Er fül lungs gehilfe Pakistan oder das wirt schafts politisch aufmüpfige Brasilien mi litä risch möglicherweise – im ersteren Fall wohl nur mit Ach und Krach – überwindbar, aber als so große und in sich komplexe Brocken erscheinen, dass auf Dauer zielende Kon troll- oder Umgestaltungsversuche hoffnungs los anmuten wollen. Bleibt eine mittlere Gruppe von Staaten etwa im Kaliber des Irak. Hier mag das Kalkül einer Wiederholbarkeit der Übung vom Frühling 2003 noch am ehesten Sinn machen. Jedenfalls lohnt es, der Frage nachzugehen, ob sich solche Staaten ähnlich problemarm niederwer fen lassen wie der Irak oder ob es sich in letzterem Fall um eine Ausnahme gehandelt hat: Erstens, für einen Krieg gegen den Irak schien es besondere Legiti mität zu geben. Zwar lagen die Massaker Saddam Husseins bereits 10 oder noch mehr Jahre zurück, und der Diktator hatte schon lange keine Angriffs kriege gegen Nachbarn gestartet. Hinzu kam, dass im Hinblick auf die Ent wick lung von Massenvernichtungswaffen die Kontrollen und Verschrot tungs auflagen der internationalen Gemeinschaft ziemlich wirkungsvoll gewe sen waren. Gleichwohl entbehrte es vor dem Hintergrund dieser Ge schichte, an gesichts von Trickserei sowie einer staatsterroristischen All tags praxis nicht einer gewissen Plausibilität, von diesem Regime nur das Schlimmste zu erwarten. Es dürfte sehr schwer sein, rund um den Globus an dere „Schurkenstaaten“ zu finden, auf die ein ebensolcher Strauß nega tiver Merkmale zutrifft. Einzelne Merkmale lassen sich durchaus erkennen, aber kaum die im Irak einst zu beobachtende Kumulation des Bösen. Es käme wohl nur Nordkorea auf einen ähnlich hohen oder noch 114 höheren (?) Rang platz problematischer Staaten (Staatsterror, Hungerwirtschaft, skru pel lose Waffenexporte, weit gediehene Arbeit an Atomwaffen). Zweitens, geostrategische Lage und geografische Beschaffenheit be gün stig ten die Invasion im Zweistromland. Der Irak war für die US-Streit kräft e relativ gut erreichbar. Das Zielgebiet war und ist da durch at trak tiv, dass es sich als Basis für die Kontrolle eines strategisch wichtigen Rau mes eignet, jedoch nicht unmittelbar an Regionalmächte sehr beträcht licher Potenziale grenzt, die durch eine Invasion provoziert werden könn ten. Eine ähnliche Konstellation dürfte sonst schwer zu finden sein. Anders sieht es etwa im Falle Nordkorea aus: Hier mag die Er reich barkeit eben falls geringe Probleme machen, aber es handelt sich um ein Gebiet, dessen Kontrolle wenig strategischen Ertrag verspricht, statt des sen aber wichtige Akteure wie Russland, Japan und China irritieren dürft e. Vor allem aus diesem Risiko, kaum aus der Tatsache, dass Nordkorea Kernwaff en besitzt (die sich wahrscheinlich vorwegnehmend neutralisieren lie ßen), resultiert die seltsame Unlust der USA, sich mit dem stalinis tischen Re gime militärisch zu befassen. Im Hinblick auf die Geografie des Irak ist zu notieren, dass es – abgesehen von zu beach tenden klimatischen Restrik tionen – keine ex tre men (Gelände-)Hinder nisse gibt. Hinzu kam der Vorteil eines zwar nicht sehr dichten, aber relativ leistungsfähigen Straßen netzes mit für die Inva sion gut nutzbaren Fernverbindungen und großen Brücken über Euphrat und Tigris, die von den Verteidigern mysteriöser weise nicht gesprengt wur den. Nicht zu vergessen überdies das Anlegen von Schneisen im Häuser gewirr der Städte, das den Interventen bekannt lich 115 sehr half. Auch eine solche Konstellation dürfte es auf der Welt kaum zweimal ge ben. Drittens, die von Saddam Hussein einst geknebelte Bevölkerung ist auf vielfältige Weise heterogen. Da gibt es die Trennlinie zwischen schi itischer Mehrheit und sunnitischer Minderheit. Gleichsam quer dazu steht die Un ter scheidung in Kurden und Araber. Hinzu kommen innerhalb der religi ösen und ethnischen Gemeinschaften Muster differenzierter Stam mesloy alitäten mit abgestuften Privilegien. Dabei war für die alte Machtstruktur kennzeichnend, dass die einzelnen Gruppierungen in unterschied licher Nä he zum Regime standen: also mehr oder weniger schlimme Er fahrungen ge macht hatten. Zweifellos wurde die Kriegsplanung von dem Kal kül be flügelt, diese Verwerfungen ausnutzen zu können – was zwar nicht ganz so wie erhofft, zum Teil aber doch gelungen ist (Kurden als „fünfte Kolonne“, Kontakt zu irakischen Offizieren vor Kriegsbeginn, um sie zur frühzeitigen Aufgabe zu bewegen). Unter den problematischen Staa ten ‚mittleren Kali bers‘ sind ähnliche Ansatzpunkte entsprechender Re le vanz nicht zu erken nen (Teilaspekte allerdings in Syrien). Viertens, das Baath-Regime war schon seit langem zu einem nahezu totali tären Überwachungssystem mit Führerkult pervertiert. Es hatte sich der Dop pelansatz von Überkontrolle sowie Teile-und-Herrsche – verknüpft mit schlimmster Vetternwirtschaft – zur vollen Reife entfaltet. Den Streit kräften wurden durch die Konkurrenz der Republikanischen Garde Stolz und Ressourcen genommen, und die für herrschaftsrelevant befundenen Bür ger und Bürgerinnen sahen sich in den Faden- 116 kreuzen miteinander wett eifern der Inlandsgeheimdienste sowie der Parteispitzel. Infolgedessen er starben in weiten Kreisen Initiative und sozialer Zusammenhalt. Eine sol che Tendenz ist kontraproduktiv, wenn es darum geht, bewaffnete Organe kampft üchtig zu halten. Ohne Ideenreichtum und Selbständigkeit keine effi ziente Truppe, und ohne Kohäsion (Kameradschaft) keine Kampf moral! Die Ursachen für das Manko an Motivation und Durchhalte willen lagen min destens so sehr in den gestörten zwischenmenschlichen Beziehungen wie in der geballten Anwendung alliierten Präzisionsfeuers (shock and awe). Züge solcher Systemverfassung gibt es sicherlich auch in weiteren problematischen Staaten, vielleicht besonders rein in Nord ko rea, jedoch las sen sich bei einigen anderen durchaus Tendenzen zur Kohä sion und Par ti zipation erkennen. Jedenfalls machen die bewaffneten Orga ne des Iran nicht den Eindruck hirnloser Gleichschaltung. Nicht ausge schlos sen, dass sie notfalls mehr als nur sporadischen Widerstand leisten und zumindest die ‚großen Brücken‘ sprengen würden (soweit es dort denn welche gibt). Fünftens, die bewaffneten Organe des Irak waren in ihrer Ausrüs tung und Professionalität zum Papiertiger verkommen. Die Hauptursache dafür ist in den Kontroll-, Embargo- und Abrüstungsmaßnahmen der inter nationalen Gemeinschaft samt der Verfügung von Flugverbotszonen zu se hen, die durch die USA und Großbritannien strikt überwacht wurden. Der Irak war deswegen das in seinen militärischen Aktivitäten wohl am meisten eingeschränkte Land der Welt. Wodurch der Diktator vermutlich dazu ge bracht wurde, die Träume regionaler Machtausdehnung weitgehend aufzu ge ben und sich stattdessen 117 noch mehr auf Terror und Herrschaftssicherung im Inneren zu konzentrieren. Dies aber unterminierte die Kriegstaug lich keit der bewaffneten Organe des Regimes, besonders der regulären Streit kräfte, und zwar nicht nur, was den Ausrüstungsstand, sondern auch was de ren Professionalität betrifft. Man dümpelte vor sich hin und bereitete sich nur sehr unzureichend auf das vor, was bei einer Invasion zu erwarten war: Feuerüberlegenheit des Gegners. Bei weiteren Problemstaaten muss dies aber keineswegs genauso sein. Kaum ein anderes Regime war so blut rünstig und nepotistisch wie das des Mannes aus Tikrit. Woanders mag man in etwas freierem Klima und professioneller an der besten Reaktion auf Feuerdominanz arbeiten: Da die Übertragung von GPS-Daten an Präzisionswaffen prinzipiell störbar ist, wären entsprechende, breitan geleg te Maßnahmen naheliegend. Dies ist ein schwieriges Geschäft, wie Ver suche im Irak mit Moskauer Gerät gezeigt haben. Doch sagt Murphy’s Law: Was grundsätzlich gestört werden kann, ist schließlich auch tatsäch lich störbar. Parallel dazu wären Verfahren zu entwickeln, mit denen überlegene gegnerische Waffenwirkung neutralisiert werden kann (Hit-and-Run-Attacken zahlreicher kleiner Teams, was bereits im Irak von Para militärs sporadisch ausgeführt wurde, und die Steigerung der Überlebens fähigkeit statischer Defensivelemente durch unsystema tische Verteilung, Auflockerung und die Verwendung von multispektralen Täuschzielen). So war der Irak in vielerlei Hinsicht als Kriegsgegner ein Sonderfall. Dies gilt aber nicht, wenn der Blick auf die ‚Zeit danach‘ fällt. Das, was die Koalition vor dem Hintergrund ihrer – übrigens auch völkerrecht lich rele vanten – Inkompetenz als Besatzungs- 118 macht und als Ergebnis erheb licher Legitimationsdefizite an Kontrollverlust und Opfern hin neh men musste (bzw. noch muss), kann dem nächsten Inter ven tions unter nehmen grundsätz lich genauso blühen. In diesen so schwer zu kalkulie ren den, Ressour cen verzehrenden Folgen dürfte mindestens so viel Abschre ckung vor neu en Abenteuern stecken wie in der Erkenntnis, dass der Waff en gang gegen den Irak vergleichsweise leicht war. Schluss Vieles spricht dafür, dass Krieg auch in Zeiten hochtechnologischer Über legenheit ein heikles Geschäft bleibt. Dies scheint sich auch in Wa shing ton herumzusprechen. Sicherlich werden die Vereinigten Staaten ge le gentlich, und wie dies immer schon geschah, zur Sicherung eigener Inter essen zum Schwert greifen. Doch wird hoffentlich von solchem Eingreifen der glo ba le Status der USA weniger abhängig gemacht werden als von erfolg reicher zivil-ökonomischer Entwicklung. Literatur Barnett, T. P. 2003: The Pentagon’s New Map, Esquire (Magazine), März. Boot, M. 2003: The New American Way of War, Foreign Affairs, Juli/August. 119 Conetta, C. 2002: The Pentagon: New Budget, New Strategy, and New War, in: V. Kröning/L. Unterseher/G.Verheugen (Hg.), Hegemonie oder Stabi lität, Bremen, S. 71–89. 2002: Dislocating Alcyoneus: How to Combat Al Qaeda and the New Terrorism, in: V. Kröning et al. (Hg.), a. a. O., S. 110–121. Dossier 2003: Irak-Feldzug, Y. Magazin der Bundeswehr, Heft 6. Ilsemann, S. v. 2003: Im Visier des Falken, Der Spiegel, Heft 28. Knight, C. 2002: Bush and Europe: Neglect or Respect? in: V. Krö ning et al. (Hg.), a. a. O., 35–43. Kröning,V. 2003: Prävention oder Präemption? Humanitäres Völker recht, Informationsschriften des Deutschen Roten Kreuzes, Heft 2. 120 Zur Entwicklung der Interventionitis – Auszug aus Lange, S./Unterseher, L. 2018: Kriege unserer Zeit. Eine Typologie und der Brennpunkt Syrien, Berlin (gekürzt/bearbeitet) – Eine irritierende kleine Reminiszenz 14. Oktober 1994, abends. Großer Saal des Generalstabsgebäudes zu Bue nos Aires. Edward Luttwak, einer der prominentesten US-amerika ni schen defense analysts hält in einer Mischung aus Englisch, Spanisch und sogar Portugiesisch einen Vortrag über die „Zukunft der Streit kräfte“. Die Zuhörerschaft besteht in großer Mehrheit aus der Blüte des ar gen tinischen Offizierkorps. Auch ein wenig Presse und eine kleine Grup pe von Vertretern der liberalen militärischen Reformbewegung des Landes sind zu ge las sen (darun ter auch ich: L. U.). Luttwak führt aus, dass die Zeit des Gebrauchs von Streitkräften vor wiegend zu Zwecken der Kriegsvermeidung (endlich) vorbei sei. Kün ftig könne der internationale Status einer Nation vor allem auch an deren Be reitschaft und Fähigkeit erkannt werden, im sich entwickelnden Chaos der „neuen“ Welt nach Ende des Ost-West-Konfliktes ordnend zu inter ve nie ren, und zwar mit rück sichts losem Einsatz militärischer Macht. Diese Aus sage dürfe keineswegs abstrakt bleiben. Man müsse die jungen Sol da ten … dringend wieder dazu erziehen, „Blut sehen“ zu können. Militä rische Re formdebatten seien eher störend. Frene tischer Ap plaus aus dem Saal, in dem sicherlich nicht wenige Folterer und Mör der sitzen. 121 Die Attraktivität von Eingreiftruppen Gemäß der Denkschule der „Realisten“ in der Politikwissenschaft hät te die NATO sich nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes auflösen müs sen, denn der ursprüngliche Grund für den Zusammenschluss war die Verteidi gung gegen das als bedrohlich wahrgenommene Reich des „real- exi stieren den Sozialismus“ gewesen. Doch die Dinge entwickelten sich an ders – nämlich so, wie die Denk schule der „Institutionalisten“ es erwartet hatte. Die NATO, als kom plexe, relativ lebendige Großorganisation mit ihrem institutionellen Inte grationsangebot für unterschiedliche Nationen, einem etablierten Inter essengeflecht und eingefahrenen Prozeduren suchte nach neuen Aufgaben, statt sich an die höchst beschwerliche Selbstzer le gung zu machen. Nach relativ kurzer Reorientierungsphase, während der alle mög li chen und unmöglichen Aufgaben auf den Tisch kamen (die NATO als Um w elt schutzagentur) geriet die Rolle des Bündnisses als in ternatio naler mili tä rischer Ordnungsfaktor in den Fokus der Aufmerk sam keit. Hier ergab sich … eine vielversprechende Perspektive. Erst später wurde die Auf gabe entdeckt und im Bündnis allge mein ak zeptiert, die Anrainer Russ lands zu schützen, gegenüber dem sich po liti sche Entfremdung abzeich nete. Der Entwicklung der NATO zur internationalen Interventionsagentur war durchaus förderlich, dass die „Wissenschaft“ einen Dis kurs zu den an geblich „neuen“ Kriegen betrieb. Die Arbeiten vor allem von Martin van Cre veld, aber auch von Mary Kaldor und Herfried Münkler (S. 46 in die sem Band) wurden von interes sierter Sei te oft zitiert. Ihnen kam im Sinne der Vorbe rei tung auf ordnende Eingriffe legiti matorische Be- 122 deutung zu. Ins beson dere schien wichtig, dass die Arbeiten der Genannten ein künftig hohes Ni veau des Kon flikt ge schehens in der Drit ten Welt insinuierten. Hier eine kurze Zusammenfassung der entsprechenden Entwicklung in der NATO, und etwas zeitversetzt auch der Europäischen Union, welch Letztere mit dem Aufbau einer militärischen Interventions komponente eine (sehr) begrenzte Emanzipation vom Atlantischen Bündnis und damit den Vereinigten Staaten versuchte. In der ersten Hälfte der 1990er Jahre gebar die NATO das Allied Ra pid Reaction Corps (ARRC), das sich wegen des Runs auf die Be teiligung daran alsbald zu einem gigantischen Gebilde mit deutlich über 100.000 Sol daten entwickelte. Doch all das stand nur auf dem Papier. Struk tur re formen, die eine tatsächlich schnelle Reaktion auch nur von we sent lichen Teilen des multinationalen Konglomerats erlaubt hätten, blieben weit ge hend aus. Es ging denjenigen, die sich eifrigst zu den Fahnen gemel det hatten, zuvörderst um Statusgewinn durch Dabeisein. Das nächste einschlägige Großgebilde war ein EU-Produkt. Die Füh rungen der Mitgliedsländer beschlossen nämlich 1999, in unmittel barer Re ak tion auf die politische und militärische Dominanz der USA im Bal kan kon flikt, den Aufbau einer respektablen Eingreiftruppe: in ner halb von 60 Tagen Verfügbarkeit von bis zu 60.000 Heeressoldaten für Einsätze von mindestens Jahresdauer. Auch dies erwies sich bald als unrealistisch. In der Konsequenz machten sich beide Bündnisse daran, kleinere Bröt chen zu backen. Dabei wurde, auch vor dem Hintergrund unbe frie digender Resultate damaliger Militärinterventionen, die Himmels rich- 123 tung der Einsatzsze na rien in genereller Tendenz schrittweise von Süden nach Os ten ver schoben. In der Europäischen Union konzipierte man die EU-Battle Groups. Es ging dabei um multinationale Großverbände in Brigadestärke. Das At lantische Bündnis konnte mit der NRF (NATO Response For ce) aufwar ten, deren geplanter Umfang von 25.000 Soldaten zunächst zwar nicht erreicht wurde, die aber angesichts der wahrgenommenen Her aus forderung durch Russland auf deutlich über 30.000 gebracht werden soll. Um dem neu en, alten Opponenten gegenüber noch glaubwürdiger zu sein, wird in ner halb der NRF eine Very High Readiness Joint Task Force (VJTF) auf gebaut: und zwar mit ca. 8.000 Soldaten. Um den Willen zur Machtpro jek tion zu unterstreichen, kam dann noch die Festlegung hinzu, innerhalb von 30 Tagen Kontingente im Gesamtumfang von 30.000 ein satz be reit zu haben. All diese Formationen sind solche der Landstreitkräfte. Lageab hän gig müssen leistungsfähige Luft- und Seekomponenten hinzugedacht wer den, an denen der Westen so reich ist. Die Betonung von Luftmacht Im Kontext der Entwicklung von Interventionskontingenten ist von US-amerikanischen Militärs die Konzeption der jointness entwickelt und von ihren europäischen Ka mera den, insbesondere von jenen aus den See- und Luftstreitkräften, willigst auf gegriffen worden. Angestrebt wurde die enge Vernetzung der Kom man do strukturen von Land-, Luft- und – wenn von der Lage her geboten – See streitkräften, um mit gleichsam intim ver einten Kräften optimalen Eff ekt auch gegen starken 124 Widerstand erzielen zu können. Den Bezugsrah men für diesen Ansatz bil dete die Annahme, dass es darauf ankäme, geball te Kampfk raft über große Entfernungen zu proji zieren: etwa um einen rogue state niederzu werfen. Die häufigsten Interventionsszenarien, bei denen Infanterie, und die se meist allein, in „taktischer Kleinarbeit“ die Aufgabe der Konflikt unter drü ckung zu leisten hatte, kamen in diesem Denkraster nicht vor. Die Konzeption der jointness, die der Luft-, aber auch der Seekom ponente eminente Bedeutung verlieh, wurde von den Vertretern dieser Teil streit kräfte im Verein mit der hinter ihnen stehenden Rüstungs in dus trie da zu genutzt, ihre Ressourcen zu Lasten der Bodentruppen zu mehren. Die Vertreter der Luftstreitkräfte konnten sich darüber hinaus noch der Tat sa che erfreuen, dass die Politik in bestimmten Lagen aus legi ti matorischen Gründen danach trachtete, einen Gegner auch ohne einen Einsatz von Bo dentruppen in die Knie zu zwingen. Es ging – bei Ver drängung an de rer Ge sichtspunkte – zugespitzt darum, eigene Opfer zu ver meiden oder deren Zahl möglichst zu minimieren. Die NATO-Luftkampagne gegen Rumpf-Jugoslawien hat gezeigt, dass diese Option problematisch war. Es gelang keines wegs, wie angenom men, die Belgrader Führung innerhalb weniger Ta ge an den Verhand lungs tisch zu bomben, sondern es entfaltete sich ein mo nate langer Luft-Terror, der in Flüchtlings strömen resultierte, die es vor Beginn der Operation dem Umfang nach nicht gegeben hatte (Sommer 2001). Ein Großteil der in Massen geflohenen Kosovaren konnte allerdings bereits wenige Monate nach Ende des Bombenkrieges in die Heimat zu rück kehren. In derselben Zeit wurden 125 allerdings 170.000 der 200.000 im Ko sovo lebenden Serben vertrieben – und zwar ohne eine Chance, zu rück kommen zu können. Viele ihrer Kirchen und Klöster wurden zerstört. Die mittlerweile organisierte internationale Schutztruppe konnte dies nicht ver hindern (Polόnyi 2010: 285). In der Tat müssen auch andere wesentliche Militärinterventionen unter west licher Führung (die allerdings beträchtliche Bodenkontingente ein schlos sen) als gescheitert beziehungsweise in ihren Resulta ten als sehr un be friedigend angesehen werden. Man denke an die Aben teuer in Af gha ni stan und im Irak! Dies spricht allerdings nicht prinzipiell gegen ord nen de, be friedende Ein griffe – wie sich etwa an etlichen Ope rationen der Ver einten Nationen in Westafrika erkennen lässt. Die Fallstricke der Humanität 1994 geschah der Völkermord in Ruanda, und die Weltgemeinschaft schritt nicht ein. Im Rückblick liegt der Wunsch nahe, es hätte eine Nation oder eine Gruppe von Ländern mit dem Willen und der Bereitschaft ge geben, dem Morden ein schnelles Ende zu bereiten – selbst ohne eine Er mäch tigung der Vereinten Nationen, aus humanitären Moti ven. Solche hu mani tären Motive wurden geltend gemacht, als die NATO – ohne VN-Man dat – 1999 ihren Bombenkrieg gegen Rumpfjugoslawien führte, mit den bekann ten schlimmen Folgen für die Zivilbevölkerung. Vor dem Hin ter grund solcher Ereignisse entwickelte sich ein in die Öffentlichkeit der Verein ten Nationen hineinwirkender 126 Expertendiskurs, der mit respon sibility to pro tect überschrieben ist: Es geht darum, dass es in bestimmten Situationen, … bei gro ßer Gefahr für Menschen leben, mög lich und geboten sein sollte, das Hoheitsgebiet eines Staates auch ohne Er mächtigung des VN-Sicher heits rates, etwa bei dessen Hand lungsun fähig keit, zu verletzen – ein sol cher Akt aber an restringierende Re geln gebun den sein muss. Danach hätte eine Intervention folgende Kri terien zu erfüllen (Gierke 2012: 33): Es muss einen gerechten Grund (just cause) geben, der ein „Min destmaß“ an schweren Menschenrechtsverletzungen voraussetzt. Die Been digung oder Verhütung menschlichen Leids muss Hauptzweck der In ter vention sein (right intention). Diese ist nur als letztes Mittel zu recht fer ti gen (last resort). Die verwendeten militärischen Instrumente haben an ge mes sen zu sein (proportional means), also kein overkill. Und: Die Er folgs aussichten der getroffenen Maßnahmen sollten als günstig einge schätzt wer den können (reasonable prospects). Schließlich stellt sich die Frage der Autorisierung (right autho rity). Durch die Generalversammlung der VN? Oder doch durch den Sicherheitsrat? Aber im Nachhinein? Solche Unternehmungen, das Völkerrecht mit seiner Garantie staat licher Souveränität zu deren Lasten weiterzuentwickeln, sind auf Skep sis ge stoßen. Zu leicht könnten sich hinter Legitimationsfloskeln, die den Schutz vor Menschenrechtsverletzungen behaupten, problemati sche In ter essen verbergen: an der Sicherung des Zugangs zu Rohstoffen oder dem Sturz eines unliebsamen Machthabers. Auch Statusaspirationen einer der die Intervention betreibenden Mächte (oder eines Bündnisses) mögen re levant sein – und das zum Schaden der Menschen vor Ort … . 127 Literatur Gierke, T. 2012: „Responsibility to protect“ – ein zukunftsweisendes Projekt? in: A. Pradetto (Hg.), Studien zur Internationalen Politik, Heft 1, S. 25–52. Polónyi, C. 2010: Heil und Zerstörung. Nationale Mythen und Krieg am Beispiel Jugoslawiens 1980–2004, Berlin. Sommer, G. 2001: Menschenrechtsverletzungen als Legimationsgrund lage des Jugoslawien-Kosovo-Krieges? in: Der Jugoslawienkrieg, ei ne Zwi schen bilanz, Münster, S. 82–93. 129 VII Über Waffengänge der Zukunft 130 Diskussion von gefährlichen Tendenzen – Auszug aus Unterseher, L. 2019: Gesichter des Krieges. Schlaglichter und Visionen, Berlin (gekürzt/bearbeitet) – Risikoscheu: Hybride Strategien Es war bereits von den Bürgerkriegen die Rede, denen die internationale Großpoli tologie unter dem Rubrum „neue“ Kriege irrtüm licher weise eine große Zukunft vorhergesagt hat. Solche bewaffneten Aus ein an der set zun gen – typischerweise in der Dritten Welt – wurden als öko no misch ver mit telt gesehen: als Resultat der politischen und gesellschaft li chen Anpas sungsschwierigkeiten weniger entwickelter Länder an die mit dem Prozess der Globalisierung sich entfaltenden Zwänge. Die Annahme schien fol gerichtig zu sein, dass sich mit der Be schleu nigung und Intensivierung dieses Prozesses auch die Anpas sungs probleme und die sich daraus erge ben den offenen Konflikte verstärken be zie hungs wei se vermehren würden. Allerdings: Der kurzzeitige Anstieg der Häufigkeit kriegerischer Zu sammen stö ße in der Dritten Welt während der 1990er Jahre war im We sent lichen den Nach wehen der Beendigung des Kalten Krieges geschuldet. Die Hilfe aus dem „Norden“ für manche problematische Regime im „Sü den“ blieb aus, und das entstehende Vakuum wurde in bewaffnetem Auf stand gefüllt. Und die zu gleicher Zeit wirkenden Zwänge der Globalisierung, sie stell ten den längerfristigen Trend dar, hatten nicht die vorhergesagten Aus wir kungen. Zwar war diese Entwicklung durchaus konfliktträchtig. Aller dings brachen die in diesem 131 Kontext auftretenden bewaffneten Aus ein an der set zungen weniger häufig aus als vielfach angenommen und ließen sich bei al ler Zügellosigkeit und Grausamkeit des Geschehens mitunter doch beenden oder eindämmen. Sei es, weil vermittelnde Akteure von innerhalb oder auch außerhalb der Konfliktzone, etwa die Vereinten Nationen, unerwartet wirkungsvoll ope rierten, sei es, weil die unmittelbar beteiligten Streithähne aufgaben: Man denke an den Warlord, der die Früchte der Opposition gegen die schwache Regierung seines Landes endlich genießen will! Es dürfte wohl für einen längeren Zeitraum weiterhin Bürgerkriege ge ben, deren Hinter grund der Prozess der Globalisierung bildet – freilich, im Weltmaßstab ge sehen, auf etwas kleinerer Flamme. In Fällen, in denen sich dies in Ländern entwickelt, die im Hinblick auf ihre wahrgenommene strategi sche Bedeutung oder auch ih ren Roh stoff reichtum für interessierte Staaten mit größerem Potential relevant erscheinen, mögen sich Sze narien folgender Art ergeben: Strategisch – beziehungsweise auch ökonomisch – interessierte Staa ten mischen sich ein und führen vermittels ihrer Verbündeten oder Vasallen ‚vor Ort‘ gleichsam „über die Bande“ Kriege, ohne unmittelbar miteinander in offenen Konflikt zu geraten. So lässt sich das Eskalationsrisiko mini mie ren, das jedem unmittelbaren Zusammenstoß sol cher Streithähne innewohnt. Hinzukommt noch der Gesichtspunkt der Minderung des erforder lichen Aufwandes an Menschen und Material. Doch besteht auf der Seite dieser Streithähne das Bedürfnis, das je weilige Geschehen in der Problemregion kontrollieren zu können. Dies ge schieht teil weise durch den Einsatz begrenzter 132 Elemente der Luft streit kräfte, um der „eigenen“ Partei Vorteile verschaffen zu können. Wichtiger aber ist die Entsendung von Bodentruppen, die aus einem kleinen Elitekern, etwa SOF (Special Operations Forces) beziehungsweise Spetsnaz, und einer Korona aus Söldnern als „Kanonen futter“ bestehen. Denn das Po tential solcher Bodentruppen, die rele vanten militärischen und politi schen Ent wicklungen be ein flussen zu kön nen, hat sich im Vergleich mit der Luftun ter stützung als größer erwiesen. Neben den Vorteilen der Risiko- und Kostenminderung hat der skiz zierte Ansatz noch einen weiteren: Da die Kriege dieser Art unter anderem – oder vor allem – auch ge gen die Zivilbevölkerung der einen oder anderen Seite geführt werden, kommt es, um maximale Wirkung zu erzielen, auf deren Terrorisierung (etwa als „Ermutigung“ zur Flucht) an. Daran können sich in diesem Kon text auch die Interventionsstreitkräfte der „interessierten Staaten“ beteili gen, man denke an Luftwaffen- und Artillerie-Einsätze gegen Wohnviertel, ohne Gefahr zu laufen, dafür unmittelbar an den internationalen Pranger gestellt zu werden. Solcher Terror lässt sich nämlich … den „be kanntermaßen zu Gräuel taten neigenden“ lokalen Akteuren in die Schu he schieben. In diesem Zu sam menhang hat eine offensive In for ma tions po litik, die mit wohl prä parier ten Lügen (fake news) und inge niö sen Formen der Verschleierung arbeitet, ihre besondere Bedeutung. Eine noch größere Rolle als im Syrienkrieg, der hier als Modell der Skizze gedient hat (Lange/Unterseher 2018: 87 ff), spielen nicht mili täri sche Mittel der Einflussnahme im Konflikt Russlands mit der Ukrai ne: Cy ber War, Propa ganda, gezielte Fehlinfor mation sowie auch das syste ma ti sche Werben um Verständ nis, 133 einschließlich des Säens von Zwie tracht im La ger der nicht unmittelbar Betroffenen, aber in ihren Interessen Berühr ten. Dies ist eine besondere Spielart der hybriden Konflikte, mit ihrer kom plizierten, mitunter wechselnden Verquickung der unterschied lich sten politischen und militärischen Akteure, von offener Gewalt und indirekter Be einflussung: Der Krieg in der Ukraine, in den eine außenstehende Partei inter ve niert, ist von dieser ursprünglich veranstaltet worden. Beide Tatsachen – Initiierung des Bürgerkrieges und Intervention – werden verschleiert, und es wird auf der Ebene nichtmilitäri scher Mittel alles unternom men, um an dere Parteien von substanzieller Unterstützung des Aggres si ons opfers, oder gar mili täri schem Eingreifen, abzu halten. Das, was in den erwähnten Krisenherden geschehen ist, könnte sich in deren Nachbarschaft oder in anderen Regionen dieser Welt prinzipiell wiederholen – wobei allerdings die Formen variieren dürften. Auch könn ten die bereits genannten Krisengebiete als solche noch für län gere Zeit be stehen. Wie übrigens auch ein anderer blutiger Konflikt, der eben falls Merkmale des Hybriden aufweist: der Jemen-Krieg. Den Hintergrund bildet ein global zu beobachtender Trend in Rich tung ethno-kulturell oder religiös verbrämter nationalistischer Macht poli tik, die sich vor allem auch in militärischen Muskel spielen ausdrückt – ohne Rücksicht auf früher etwa bestehende inter nati onale Bindungen oder Ver pflichtungen. So ließe sich in diesem Rahmen auf etliche Staaten hindeuten, deren innere Streitigkeiten machtpolitische Machenschaften anderer anlocken könn ten. Zu nennen wären etwa weitere Länder, die der früheren Sowjet union zu gehörten, an Syrien grenzende Staaten, das zerrissene Libyen oder auch das chaotisierte Venezuela. 134 Atomrüstung: Bedrohliche Entwicklung „Kampf dem Atomtod“ ist eine Parole, mit der eine Bewegung be sorgter Bürgerinnen und Bürger öffentlich auftritt – eine Bewegung, die be reits ein ehrwürdiges Alter erreicht hat. Ähnliche Zusammenschlüsse gab und gibt es auch in anderen Ländern des westlichen Bündnisses. Doch konn ten deren Bemühungen bislang nie die Masse der Menschen errei chen. Nicht einmal zu Anfang der 1980er Jahre, im Gefolge des NATO-Doppelbeschlusses zwecks atomarer Rüstung zur Kompen sation einer an ge nommenen Bedrohung aus dem Osten, als die Anhän ger der – kurz le bigen – Friedensbewegung auf die Straße gingen. Bemer kens wert, dass die Aktivitäten der Friedensbewegten bereits zu erlahmen be gannen, bevor Gorbatschow, als neuer General sekretär der KPdSU, fri schen Wind in die damaligen Bemühungen um Ab rüstung brachte. Die Masse der Bürgerinnen und Bürger in den Staaten der großen Ost-West-Konfrontation hatte das Grauen eines Atomkrieges verdrängt. Da bei half ganz wesentlich, dass die Existenz von Atomwaffen nie wirk lich delegitimiert worden war. Im Gegenteil: Diese Mittel des Horrors wurden als Menschenleben rettende Kriegsbeendiger verklärt, und der relative Frieden, der seit dem Zweiten Weltkrieg in der nördlichen He misphäre geherrscht hatte, erschien vielen als positives Ergebnis des auf einer annähernden Parität bei den stra tegischen Nuklearwaffen ruhenden Gleichgewichts des Schreckens. Doch sind die damit behaupteten Zusammenhänge letztlich überzeugend? Zur Frage der Kriegsbeendigung durch den Einsatz von Atom waffen: Als am 6. und 8. August 1945 zuerst Hiroshima und 135 dann Nagasaki einge äschert worden waren, besaß Japan bereits seit etlichen Monaten keine Kriegsflotte mehr, die als operativ verwendbare Größe hätte betrachtet wer den können. Mehrere Großstädte des Landes waren durch gewalti ge kon ventionelle Bombardements aus der Luft zerstört beziehungsweise niedergebrannt wor den, wobei die Opferzahlen jeweils diejenigen über stiegen, die in Hiro shi ma und Nagasaki unmittelbar nach dem Geschehen zu bekla gen waren. Ein Geschehen übrigens, das von der Führung im entfernten To kio in seiner Einzigartigkeit wohl nicht verstanden wurde. So kommt Liddell Hart zu dem Schluss, dass die japanische Führung schon vor dem US-amerikanischen Atombomben einsatz dem Gedanken ei ner Kapitulation gegenüber grundsätzlich offen war und dass der Einsatz die in diese Richtung gehende Beschlussfassung vermutlich nicht wesent lich beschleunigt hat. „Die Wirkung (des Bombenabwurfes) war jedoch weit geringer, als man auf westlicher Seite dachte. Sie stimmte die drei Mitglieder des Rates der Sechs (eine Art inneres Kriegskabinett: L. U.) nicht um, die gegen eine bedingungslose Kapitulation gewesen waren …“ (Liddell Hart 1970: 862). „Die Kriegserklärung Russlands am 8. August und sein sofortiger Ein marsch in die Mandschurei … scheinen die Entscheidung (nämlich eine bedingungslose Kapitulation hinzunehmen: L. U.) mindes tens ebenso sehr beschleunigt zu haben …“ (ebd.). Einmarsch in die Mandschurei? Innerhalb nur weniger Tage zer schlu gen starke Panzertruppen der Sowjetunion dort die Kwan tung-Armee: den letzten einsatzfähigen Großverband des kaiserlich japani schen Hee res (Vigor 1983: 102 ff). 136 Zur „Friedensfunktion“ des strategischen Gleichgewichts: Die Idee, ver mittels der Fähigkeit beider Seiten der Ost-West-Konfrontation die jeweils andere mit totaler Vernichtung bedrohen zu können, um internationale Sta bilität zu erreichen, war von vornherein mit einem Glaubwürdigkeits pro blem behaftet. Wäre man bereit gewesen, bei begrenzten, mit konven tio nellen Truppen betriebenen Aggressionen des Opponenten auf der strate gi schen Ebene zu antworten und in der Konsequenz das eigene Ende zu ris kieren? Vor diesem Hintergrund wurde bereits früh an einschlägigen Optio nen unterhalb der nuklearstrategischen Ebene gearbeitet. So kam es schon Mitte der 1950er Jahre zur Stationierung US-amerikanischer Atomwaffen für tak tisch-operative Zwecke in der Bundesrepublik, also für die Ver wen dung auf dem Gefechtsfeld. Wenn das Abschreckungskonzept vorsah, im Ernstfall als erste Partei auf dem Gefechtsfeld Atomwaffen einzusetzen, musste dafür Sorge ge tra gen werden, dass man damit – bei Versagen der Abschreckung – keinen Es kalationsprozess auslöste, der letztlich doch auf die strategische Ebene mit der Perspektive totaler Vernichtung durchschlug. Die Eskalation sollte also möglichst kontrolliert und in ihrem Verlauf so beherrscht werden („Eskalationsdominanz“), dass der Abbruch des atomaren Gefechts zu ei genen Bedingungen möglich sein würde. Die in diesem Sinne entwickelten Einsatzverfahren und Technologien resultierten in einer hohen Flexibilität der atomaren Einsatzmittel – in zunehmender Kriegführungsfähigkeit mit eindeutig offensiver Konno ta ti on. Der Erstgebrauch der Schreckensmittel, eine (dem Gegner unmittelbar zuvorkom men de) Präemption, versprach im Falle des Falles entscheidende Vor- 137 teile: besorgniserregend, wenn mit voll zo gen wird, dass die Ost-West-Beziehungen immer wieder von Krisen er scheinungen belastet waren – von Kri sen, deren Zuspitzung mitunter zu ernsthaften Missverständnissen und Fehlwahrnehmungen führte. Mindestens ebenso besorgniserregend war, dass die Idee, Atom waff en für die Kriegführung tauglich zu machen, statt sie etwa auf die Rolle einer letzten Rückversicherung gegen einen Angriff mit solchen Mitteln zu beschränken, sich – parallel zur operativ-taktischen – auch auf der strate gischen Ebene durchsetzte. Im Jahre 1983, von sich verschärfenden Spannungen zwischen Ost und West geprägt, stand die Welt am Abgrund, weil die sowjeti sche Früh warnung fälschlicherweise ein NATO-Manöver als Auftakt zu ei nem stra te gische Waffen einschließenden Generalangriff gemeldet hatte. Nur durch den regelwidrigen, aber beherzten Eingriff eines sowjetischen Offi ziers konnte der atomare Gegenschlag vermieden werden (SPIEGEL ON LINE 2013). Henry Shue, der amerikanische Moralphilosoph und Strategie for scher, konstatiert, dass die Menschheit den guten alten Kalten Krieg nur deswegen überlebte, weil sie dumb luck hatte: Idiotenglück. Gegenwärtig sehen wir die Welt von nationalistischen Machtrivalitäten ge prägt. Der östliche Block gehört der Vergangenheit an. Der west liche hat sei ne Bindungs- und Verpflichtungskraft weitgehend ver loren. Rüstungs kon trolle erscheint zunehmend als Schnee von gestern. Nach einem Modernisierungsmoratorium im Hinblick auf substrate gische Atomwaffen während der Präsident schaft Ba- 138 rack Obamas hat sich offenbar wieder jene Linie in der US-Rüstungspolitik durchgesetzt, und noch verstärkt, die bereits über einen lan gen Zeitraum prägend war: Es geht um die stete Verbesserung und Ver feinerung des nuklearen Arsenals auf allen Ebenen, um den Anspruch der Vereinigten Staa ten, Welthegemon zu bleiben, vor allem auch mit militärischen Mitteln ein lösen zu können. Dies bedeutet in erster Linie, dass gegenüber allen mög lichen Kon kur renten um die Macht auf der Welt, die über Kernwaffen ver fü gen, Fä hig kei ten behauptet werden müssen, die im Fall der Fälle Es ka la tions do mi nanz versprechen (Rudolf 2018: 13 ff). Russland scheint sich auf dieses Strategiespiel eingelassen und Maß nahmen zur Steigerung der eigenen nuklearen Kriegführungsfähigkeit in sein Rüstungsprogramm aufgenommen zu haben, die ein Konterkarieren der Einsatzoptionen des alten und neuen Kontra hen ten ermöglichen sollen (Lange/Unterseher 2018: 54). Auch die Volksrepublik China, die bislang ein eher bescheidenes Ar senal an strategischen Nuklearwaffen hatte, und zwar im Sinne einer defen siven Rückversicherungskonzeption, scheint sich dem durch die USA ge setz ten Trend sehr vorsichtig, Schritt für Schritt, anzupassen: Flexibili sie rung der Ein satz mittel zur Eigensicherung, aber mit der Nebenfolge ge stei gerter Kriegführungsfähigkeit (Rudolf 2018: 18, Paul 2018). So werden Machtrivalitäten mit globalem Bezug auf gefährliche Wei se „militarisiert“. Bei einem Interessenkonflikt, der sich krisenhaft zu spitzt, diese Sorge klang bereits in anderem Zusammenhang an, mögen sich höchst riskante Präemptionskalküle ergeben. 139 Doch die skizzierte Tendenz steht quer zu jener, die sich im Hinblick auf die hybriden Kriege gezeigt hat: nämlich dem Bemühen der beteilig ten externen Mächte, in Syrien agier(t)en sowohl Russland als auch die USA, möglichst nicht unmittelbar miteinander ins Gehege zu geraten, um ei ner Eskalationsgefahr von vornherein auszuweichen. Es wäre wohl zynisch, darüber zu spekulieren, welche der beiden Ent wick lungslinien auf längere Sicht mehr weltpolitische Relevanz haben wird. Literatur Lange, S./Unterseher, L. 2018: Kriege unserer Zeit. Eine Typologie und der Brennpunkt Syrien, Berlin. Liddell Hart, B. H. 1970: Geschichte des Zweiten Weltkrieges, Wies baden. Paul, M. 2018: Chinas nukleare Abschreckung, SWP-Studie 17. Sep tember. Rudolf, R. 2018: Abschreckung in der Ära neuer Großmachtrivali tä ten, SWP-Studie 6, Mai. SPIEGEL ONLINE 2013: Geheimdokumente zu einem NATO- Ma növer. So nah kam die Welt 1983 einem Atomkrieg, 3. November. Vigor, P. H. 1983: Soviet Blitzkrieg Theory, London and Basingstoke. 141 VIII Aus dem militärischen Lexikon 142 „Überlebensfähigkeit“ – erschienen in Gerber, J./Kühr, M. (Hg.) 2004: Landkriegführung: Operation, Taktik, Logistik, Mittel, ein Handbuch, Bissendorf (gekürzt) – Breites Maßnahmenspektrum Der Königsweg, eine erfolgreiche militärische Operation zu führen und dabei möglichst wenig eigene Verluste zu haben, scheint für viele darin zu bestehen, dass der Gegner überrascht wird. Überraschung ist auf der strategischen Ebene allerdings etwas Problematisches, wie bereits von Clausewitz feststellen konnte. Schlägt ein Überraschungsversuch auf stra te gischer Ebene fehl, mögen die Folgen für denjenigen, der den Versuch unternommen hat, desaströs sein. Und, es ist alles andere als leicht, die Pla nungen für eine Kriegsmaschinerie als Ganzes hinreichend geheim zu hal ten. Praktikabler und im Übrigen weniger risikoanfällig scheint es eher zu sein, dass Überraschungsmoment auf der operativen und mehr noch auf der taktischen Ebene zu suchen. Ein anderer Beitrag zur Steigerung der Überlebensfähigkeit liegt da rin, die Truppe insbesondere auf der taktischen Ebene ‚agil‘ zu machen. Ziel gerichtete Bewegung allein genügt keineswegs, um eigene Ver luste zu minimieren. Eher im Gegenteil: Bewegung an sich kann auch einfach hei ßen, dass man sich exponiert und dadurch zum bekämpfbaren Ziel wird. Was also hinzukommen muss, das ist Agilität in dem Sinne, dass während der systematischen, gerichteten Bewegung zugleich auch 143 unsyste matische Zu fallsbewegungen gemacht werden können, welche die Zielfin dung durch den Gegner erschweren. Ein militärischer Praktiker hat einmal in diesem Zu sammenhang vom Erfordernis vorbedachter „Wuseligkeit“ ge sprochen. Offenkundig ist der Beitrag zur Überlebensfähigkeit, wenn Truppen überlegener gegnerischer Waffenwirkung gezielt entzogen werden: Durch geordneten Rückzug, rechtzeitige Ausweichmanöver (bevor die eigentliche Feindwirkung eintritt) oder Verzögerung. Dabei erscheint die Verzögerung, insbesondere auf der taktisch-ope ra tiven Ebene, bei der ein Teil der Truppe befristeten Feindkontakt hält, um durch hinhaltendes Fechten dem wo möglich größeren Teil zu ermöglichen, sich gegnerischer Wirkung zu entziehen, als ganz besonders anspruchsvoll, was militärische Führungs kunst anbelangt. Es gehört zur preußischdeut schen Militärtradition, in die sem Zusammenhang auch die Option wohlge zielter, begrenzter Gegen angriffe vorzusehen, um dadurch einen Angreifer gleich sam ‚aus dem Tritt‘ zu bringen und auf diese Weise eine Verzö ge rungs wirkung zu erreichen. Sowohl bewegliche Truppen als auch eher statische Dispositive stei gern ihre Überlebensfähigkeit auch dadurch, dass sie sich aufl ockern. Und um – insbesondere bei statischen Dispositiven – die Über le bensfähigkeit noch weiter zu steigern, muss dafür Sorge getragen wer den, dass die Ver tei lung im Raum eine unsystematische Form annimmt. Dies vor dem Hin tergrund der Erkenntnis, dass eine systematische Verteilung dem Geg ner die Zielfindung erleichtert. (In diesem Gedanken gang findet sich übri gens eine Forderung des altchinesischen Kriegstheoretikers Sun Tze re flektiert, der dekretierte, dass eine auf marschier te Armee aus der Per spek tive des Gegners ‚formlos‘ erscheinen 144 müsse.) Mit solcher Auflo cke rung erhöhen sich allerdings die Schwierig keiten, Bewegungen zu koor dinieren bzw. – im Fall einer eher statischen Grundstruktur – das Feuer der einzel nen im Raum verteilten Stel lungen zu leiten und zusam men zufassen. Es erscheint fast zu simpel: Wenn man sich schützen, also die Über lebensfähigkeit erhöhen will, muss man sich vor allem auch ange messener Deckung vergewissern. Dies gilt sowohl für bewegliche als auch für eher statische Kräfte. Dabei gibt es aber einen nahezu fundamentalen Unter schied: Bewegliche Truppen können sich eigene Deckungen eher nur in Ausnahmefällen und in nur sehr begrenzter Zeit schaffen (etwa in Bereit stellungsräumen zum Schutz vor indirektem Feuer). Ganz anders sieht es im Falle von Truppen aus, die aus festen Stellungen heraus kämpfen bzw. deren Beweglichkeit an ein statisches Po si tions system gebunden ist. Hier besteht in aller Regel erheblich größere Vorbereitungszeit, was durchaus dazu passt, dass die fraglichen Stellungen nicht nur vorübergehend – und zwar nicht nur zu Schutzzwecken, sondern auch zum (Feuer-) Kampf – genutzt werden sollen. Fast überflüssig zu sagen: Solche Stellungen sind ty pischerweise von höherem militärischen Wert als das, was bewegliche Truppen improvisieren oder an Gelände deckungen (einschließlich von Kunst bauten) im Zuge ihrer Operationen vorfinden. Wenden wir uns nun den verschiedenen Vorkehrungen des Schutzes zu, die eigentlich nichts anderes als am Körper bzw. am Fahrzeug mitfüh rbare Deckungen darstellen! Die in den letzten Dekaden sich immer mehr verbreitenden Körperpanzerungen (insbesondere Westen unterschied lichen Schutzniveaus) gewinnen ihre besondere Bedeutung bei Einsätzen zur Friedensunterstützung im Auftrag der internationalen Gemeinschaft. Dabei 145 müssen sich die Soldaten nämlich, ihrem antrainierten Instinkt zuwider, immer wieder exponieren – also aus dem Schutz ihrer Fahrzeuge oder anderer Deckungen herausbegeben. Geht es aber um genuin militäri sche Einsätze, ist der Nutzen einer gewichtigen Schutzbekleidung durchaus fragwürdig: Der Schutzeffekt muss abgewogen werden gegenüber dem, was die Agilität eines weniger schwer zu tragen habenden Soldaten diesem an Überlebensfähigkeit bringt. Schwer vorzustellen ist z. B., dass eine Trup pe mit Schutzwesten von mehr als 5 kg Gewicht im Häuserkampf wirk lich etwas leisten kann. (Gleichwohl waren in Bagdad US-amerika nische Spezialkräfte mit noch schwererer Schutzbekleidung im Einsatz.) Das hier bezeichnete Dilemma gilt in sinngemäßer Übertragung auch für den Panzerschutz von Gefechts- und Unterstützungsfahrzeugen. Diese spezielle Problematik wird bereits seit den Tagen des Ersten Weltkrieges im Sinne einer Optimierungsfrage diskutiert: Was ist im Sinne der Sys temwirksamkeit der beste Mix aus Panzerschutz, Beweglichkeit und Feuer kraft? Oder anders gewendet, von wo ab wird – bezogen auf ein spezifi sches Fahrzeug – die Investition in zusätzlichen Panzerschutz sinn los, weil dadurch Beweglichkeit und/oder Feuerkraft so leiden, dass da durch das System am Ende noch größerer Gefährdung ausgesetzt ist? Tarnung ist ein weiteres, bewährtes Mittel, um die Überlebensfähig keit von Truppen zu erhöhen. Man kann z. B. ‚im Gelände ver schwinden‘, in dem man sich ein Deckungsloch gräbt und dann diese Stelle so aussehen lässt, als wäre überhaupt nichts verändert worden. Und man kann das mili tä rische Personal wie auch dessen Fahrzeuge mit allerlei Zusatzvor keh rungen – z. B. Tarnnetzen, aber auch Nebelwerfern – ausstat ten, um sie 146 in die Lage zu versetzen, sich feindlichen Blicken möglichst zu entziehen. Der Königsweg wird hier gegenwärtig wohl darin gesehen, dass der einzel ne Soldat bzw. das Fahrzeug ‚von sich aus‘ kaum auffällig sind. Da gibt es den Tarnanzug, der die Infrarot-Signatur des Soldaten, ver schwimmen lässt. Und die Abgase von Fahrzeugmotoren werden nur ge kühlt ins Freie gelassen. In diesem Zusammenhang ist dann meist von der Verbesserung der „Stealth-Charakteristik“ die Rede. Manchmal ist da aber nicht so viel zu verbessern: Kettenfahrzeuge sind eben einfach lauter als Radvehikel. Ist Geräuscharmut ein herausragend wichtiges Kriterium, muss man sich kon sequenterweise für eine Rad- und gegen eine Ketten lösung entscheiden. Beim Täuschen eines Gegners, um die eigene Überlebensfähigkeit zu erhöhen, handelt es sich um ein besonders ehrwürdiges, schon in der Antike betriebenes Geschäft. Im Wesentlichen geht es darum, der jeweils anderen Seite falsche Annahmen über das eigene Dispositiv nahe zu legen. Dies kann z. B. dadurch geschehen, dass dem gegnerischen Nachrichten dienst irreführende Dokumente zugespielt werden. Ebenso ist in diesem Zu sam menhang aber auch die Verwendung von Attrappen und Schein stel lungen zu diskutieren. Nicht zu vergessen darüber hinaus etwa das (akus tische) Vortäuschen von Truppenbewegungen. All diese Maßnahmen kön nen im günstigen Falle dazu führen, dass die Aufmerksamkeit des Geg ners in die falsche Richtung gelenkt wird und dass er dann Kampf- bzw. Feuerkraft vergeudet. Während einerseits die Überlegungen und Planungen des Kontra hen ten soweit wie möglich zu beeinflussen sind, müssen – vor allem auch der Überlebensfähigkeit wegen – die eigenen Absichten geheim gehalten wer den. Es geht also um Sicherheit für Stabsarbeit und Führungsvorgänge. Es hat sich in modernen 147 Armeen ein bisweilen schon zu sehr ausuferndes Sys tem von technischen Vorkehrungen und Verfahrensregeln entwickelt, das diese Sicherheit garantieren soll … . Am Ende dieses kommentierten Katalogs von Maßnahmen bleibt tri vialerweise darauf hinzuweisen, dass die meisten davon nicht oder nur in ge ringem Maße funktionieren dürften, wenn es nicht eine verlässliche Ba sis aus differenzierten Aufklärungsergebnissen sowie deren zeit- und lage gerechter Verarbeitung gibt: Wie ist die eigene Situation, wie die des Ge genübers? Technologische Hilfen Zu all den genannten Aspekten hat der technologische Fortschritt gerade in den letzten Jahren im Sinne einer Steigerung der Überlebens fä hig keit beträchtliche Beiträge geleistet, und weitere sind zu erwarten. Da bei handelt es sich um ein weites Feld, auf das hier nur exemplarisch und kursorisch eingegangen werden kann: Es haben sich militärische Konfrontationen ergeben, und weitere zeich nen sich ab, bei der eine der Seiten eine extreme Infor mati ons über legenheit genießt. Man hat extrem leistungsfähigere Sensoren als der Kon trahent und kann diesen sogar noch bei der eigenen Informations ge win nung auf verheerende Weise stören. … Eine weitere, mit der Entwicklung moderner Informationstechno lo gie verwandte Tendenz besteht in der „Digitalisierung“ der Landstreit kräft e, die in den Vereinigten Staaten bereits weit fortgeschritten ist und die auch von anderen – insbesondere westlichen – Armeen angestrebt wird. 148 Die elektronische Vernetzung auch bis zur untersten taktischen Ebene her un ter macht es möglich, große Datenmengen aus unterschiedlichsten Quel len und differenzierteste Informationen praktisch allen blitzschnell zu gäng lich zu machen. Dies führt zu einer immensen Erleichterung der Koordina tion und Führung auch aufgelockertster Verbände – seien diese hochbe weg lich oder auch eher statischer Natur. Allerdings besteht in diesem Zusammenhang die Gefahr, dass der sich nun allwissend dünkende militärische Führer allzu sehr in die Ent schei dungskompetenzen unterer Ebenen hineinfunkt und dabei deren Effi zienz stiftende relative Selbständigkeit und Flexibilität (Stichwort: Auft rags taktik) untergräbt. Dies wiederum wäre auch im Hinblick auf die Über lebensfähigkeit der Truppe höchst problematisch. Eine weitere, die Überlebensfähigkeit erhöhende Entwicklung be steht darin, dass Truppen in vorbereiteten Stellungen sich nicht mehr wie früher beim Schießen exponieren müssen. Für die Trennung von Waffen system und Schützen gibt es nämlich nun taugliche technische Lösungen. Und wenn dann der Einwand kommt, dass immerhin das Waffensystem doch noch gefährdet bleibt, weil es sich nämlich beim Schießen verrät, dann lautet die Antwort, dass es auch neuartige Vorkehrungen gibt, mit denen Schieß-Signaturen getreulich vorgetäuscht werden können. Hinzuweisen ist auch darauf, dass sich in puncto Schutztechnologie für Gefechtsfahrzeuge interessante Entwicklungen abzeichnen (von verbes sertem reaktiven Schutz über die „elektrische“ Panzerung bis hin zu ab standsaktiven Maßnahmen), deren Ertrag aber gegenwärtig noch nicht wirklich abgeschätzt werden kann. 149 Was neue Ansätze der Tarnung anbelangt, ist etwa zu erwähnen, dass sich Textilien für Kampfanzüge in der Entwicklung befinden, deren Farb gebung sich – wie bei einem Chamäleon – immer der jeweiligen Umge bung anpasst. Was Kampffahrzeuge betrifft: Es gibt erste De sign lösungen für deren Oberflächengestaltung, mit denen offenbar die Ra darsignatur ganz beträchtlich reduziert werden kann. Die Gestaltung wirksamer Tarnmaß nahmen und die Herstellung ‚überzeugender‘ Attrappen schien eini ge Jahre lang schwieriger geworden zu sein, da die Sensoren insbeson dere der luft- und raumgestützten Aufk lärung zunehmend multispektral wurden. Hier scheinen allerdings auf der Seite des Tarnens und Täuschens Durch brüche erzielt worden zu sein: Es gibt jetzt multispektralen Tarn nebel zu annehmbaren Kosten, und auch die Entwicklung von Attrappen, die in un terschiedlichen Wellenbereichen ‚echt‘ wirken, scheint Erfolge zu ha ben … Um schließlich noch auf das Gebiet der Datensicherheit hinzuwei sen: Hier werden besondere Herausforderungen gesehen. So befindet sich die Arbeit an Gegen- bzw. Schutzmaßnahmen auf vollen Touren. Kritische Falldiskussion Die folgende Falldarstellung soll zeigen, wie komplex die Problematik ist, die sich im Hinblick auf das Ziel „Überlebensfähigkeit“ ergibt. Zu demonstrieren ist überdies, wie leicht dieses Ziel im Zuge strategischer Überlegungen aus dem Blickfeld geraten kann: 150 Kurz vor der Jahrtausendwende unternahm es Eric K. Shinseki, da mals Stabschef der U.S. Army, dieser Teilstreitkraft einen strategischen An stoß, ein neues Gesamtkonzept, zu geben: und zwar wohl nicht zuletzt mit dem Hintergedanken, im Wettstreit mit den U.S. Marines darüber, wer die beste Interventionstruppe ist, auf Dauer bestehen zu können. Sein Kon zept, das alsbald in Planung umgesetzt wurde, sah folgendermaßen aus: Innerhalb von 10 bis 15 Jahren sollten alle landbeweglichen Kampf plattformen der U.S. Army Radfahrzeuge sein – und zwar mit einem Ma ximalgewicht nicht wesentlich über 20 t. Dabei wurde auf den techno lo gischen Fortschritt gesetzt: Er sollte es möglich machen, in der ange ge be nen Frist Vehikel zu entwickeln, die im Hinblick auf Schutz und Feu erkraft schweren Kettenfahrzeugen gegenwärtiger Technologie zumindest ebenbür tig wären. Auch im Hinblick auf die taktische Beweglichkeit streb te Shin seki mindestens Gleichwertigkeit an, während für Radfahrzeuge der 20 t+-Klasse ohnehin und trivialerweise davon ausgegangen werden kann, dass sie operativ und strategisch (Stichwort: Lufttransport) beweglicher sind als schwerere Kettenplattformen. Um aber nicht 10 bis 15 Jahre warten zu müssen und um schon vor her mit „mittelschweren“ mechanisierten Truppen auch im Hinblick auf die Taktik-Entwicklung experimentieren zu können, wurde eine „Interims lö sung“ vorgesehen, die zunächst 6 neuartige Brigaden umfassen sollte. Da bei bediente man sich aktueller Technologie: Als Fahrzeugausstattung wur de die „Stryker“- Familie vorgesehen, die eine Entwicklung auf der Grund la ge eines Radpanzers aus der Schweiz (MOWAG) darstellt. Das Ge wichts limit wurde sogar noch niedriger gesetzt (bis zu 20 t), um den Trans port mit Flugzeugen vom Typ C 130 zu gewährleisten. 151 Schon vor dem Irak-Krieg von 2003, der zu einer Ernüchterung in Bezug auf die Überlebensfähigkeit von Radpanzern der bezeichneten Grö ßenordnung geführt hat, gab es vor dem Hintergrund genauerer Ana lysen und Simulationen substanzielle Kritik an dem neuen Konzept der U.S. Army: übrigens mit dem Ergebnis erster Abstriche am Umfang der interim force. Man sah zwar die Möglichkeit, durch strategische und ope rative Be weglichkeit schnell vor Ort zu beträchtlichen Kräftekon zentra tionen zu kommen. Da Krieg bekanntlich ein friktionsreiches Geschäft ist, konnte man freilich keinerlei Garantie dafür erkennen, dass der Gegner in allen Fällen durch schiere Masse und Feuerkraft zu überwältigen sein wür de. Da man aber von der Interimslösung mit ihren kaum geschützten Fahrzeugen zunächst nicht wegkam und auch der Glaube schwand, in 10 bis 15 Jahren bei der Schutztechnologie dramatische Durchbrüche erzielen zu können, verfiel man auf einen systematischen Notbehelf, der wiederum (das ist wohl typisch für die USA) technologischer Natur war. Im Klartext: Man wollte – und will – das Manko an Panzerschutz durch eine Erhöhung der „situational awareness“ zumindest teilweise kompensieren. Das heißt, der Fahrzeugkommandant soll sich durch kontinuierliche Versorgung mit al len für ihn relevanten Bedrohungsdaten in der Lage sehen, möglichen Ge fahren rechtzeitig ausweichen bzw. auf sie mit seinen Waffensystemen reagieren zu können. Zunächst einmal erscheint es als eine Selbstverständlichkeit, dass sich taktische Führung ihrer Lage bewusst sein muss. Was hier allerdings irritiert, das ist der technologische Akzent und die Betonung der Integration einer Vielzahl von Datenquellen, von der letztlich dann das Leben abhängt (da es keinen ange- 152 messenen Panzerschutz gibt, der im Falle einer Fehlein schätzung der Lage eine Art Rückversicherung darstellen würde). Zu be rücksichtigen ist auch, dass der Fahrzeugkommandant noch an de re Tätigkeiten als die der Lagebeobachtung zu verrichten hat (z. B. Fahr zeugbewegungen oder auch den Feuerkampf koordinieren). Soll er gleich wohl imstande sein, ein hochkomplexes, technisch vermitteltes La ge bild wahr zu nehmen, müssen die anfallenden Informationen wahrneh mungs psychologisch und didaktisch so aufbereitet sein, dass möglichst keine Über lastung eintritt. In diesem Zusammenhang hat ein Spötter ange merkt, dass der Fahr zeugkommandant der Zukunft vielleicht einen Vibra tor im Enddarm haben müsse, der ihm ggf. „Feind in 6 Uhr“ an zeigt. … Die Idee einer besonders projektionsfähigen mittelschweren Streit macht … muss wohl mit einem Fragezeichen versehen werden. Kampf plattformen, die beträchtliche Durchsetzungsfähigkeit mit ange messe nem Schutz auch in Lagen intensiver Bedrohung verbinden, werden wohl auch in Zukunft relativ schwer sein müssen (also eine Kettenlösung). Daneben wird es Plattformen in der Gewichtskategorie unter 10 t geben, deren Funk tionen eher in der Aufklärung und auch in raumkontrollierenden Patrouil len (Friedensunterstützung) liegen, wobei das Über leben der Be satzungen durch besondere Agilität und Kompaktheit (geringe Sig natur) und weniger durch Panzerung gesichert wird. Hier sind Rad plattformen angemessen … 153 IX Kurze Kritik zweier Projekte 154 Eine Mesalliance – SAS-Arbeitspapier, Berlin, Dezember 2009 (gekürzt) – Es ist von einer rüstungspolitischen Mesalliance zu erzählen: von ei ner Ehe anbahnung, die nicht zur Hochzeit führen kann. Verheiratet werden soll ten das A400M, ein nach seiner Mutterfirma auch MilitAirbus genann tes mittelschweres Transportflugzeug für strategische Distanzen, mit einem Schützenpanzer, der nach etlichen Umtaufen PUMA geheißen wird. Wäh rend der Zeit der rotgrünen Koalition gerieten beide Vorhaben öfter mal ins Schlingern. Jene Vertreter von Rüstungsindustrie, Militär po litik sowie von Luft waffe und Heer, denen die Projekte am Herzen lagen, konnten diese den noch vor einem frühzeitigen Aus bewahren – und zwar dadurch, dass sie die Taktik der gegenseitigen Absicherung anwand ten. Der Schützenpanzer, mit im internationalen Vergleich anspruchs vol len Leis tungsvorgaben, sollte für den Lufttransport, nach Befreiung von seiner ab nehm baren Zusatzpanzerung, nur etwa 30 Tonnen wiegen. So wür de den vorge sehe nen technischen Merkmalen gemäß der MilitAirbus das Fahrzeug auch in ent fern te Krisengebiete fliegen können. Für den Einsatz sollte dann die getrennt trans portierte Zusatzpanzerung wieder ange bracht werden. Auf dieser Basis ent wickelte sich dann die Argumentation, dass nur beides zusammen, Flugzeug und Panzer, einen Sinn ergäbe. Was zugleich bedeutete, dass beide Teil streitkräfte im Sinne einer TSK-über greifenden Kumpanei gut beraten schienen, sich für das jeweils andere Vorhaben einzusetzen. 155 Man redete von Synergie-Effekten und hatte dabei wohl vor allem eines im Sinn: Dieser Systemverbund versprach bei Einsätzen fern der Hei mat kräftig ge gen die Konkurrenz der Verbündeten anstinken zu kön nen, verhieß also Sta tus gewinn. Keiner hätte eine so flexibel-kampfk räftige Kom bination gehabt, hät te da draußen so schnell und so hart auftreten kön nen – und wenn doch, dann zum Preis, uns Deutsche kopieren zu müssen. Oft kommt es aber anders, als man denkt. Beide Projekte sind in tech nische und finanzielle Schwierigkeiten geraten: so groß, dass es gro tesk er schiene, weiterhin mit einem synerge tischen Verbund zu argumen tieren. Dies lässt sich erläutern: Projekt A400M: Dieses Vorhaben stammt noch aus der Zeit des Kalten Krieges. Vor allem ging es um den langfristigen Ersatz der in die Jahre kommenden TRANSALL-Flotte. Als dies in der Amtsperiode der ersten rot grünen Koalition konkrete Zü ge annahm, war vorgesehen, gemeinsam mit anderen europäischen Verbündeten ins gesamt 288 neue Maschinen zu beschaffen. Auf die Luftwaffe sollten davon 73 Flugzeuge entfallen, deren Systempreis 1998 mit 50 Millionen US-Dol lar angegeben wurde. Fiska lische Zwänge führten dazu, dass man unter Verteidigungsminister Struck, in der zweiten rotgrünen Periode, die Zahl der Systeme für die Luftwaffe auf 60 reduziert hat. … Damals, nämlich im Jahre 2002, war die Gesamtzahl der Bestel lun gen um etwa 100 Maschinen zurück gegangen. Offenbar hatten auch manch andere Ver bündete Probleme mit der Finanzierung. Großbritannien verrin gerte die geplante Zahl an MilitAirbussen drastisch und kaufte statt dessen die moderne Variante eines bewährten US-amerikanischen Musters. Die 156 Kostenschätzung für das eu ro päische Produkt lag mittlerweile bei 100 Mil li onen US-Dollar pro System. Eine interne Studie der Luftwaffe kam damals zu dem Schluss, dass ein Flottenmix aus nur 35 A400M und acht US-amerikanischen Maschinen des Typs C-17 mehr Flexibilität, Reichweite und Transportkapazität für weniger Geld verspräche als die Beschaffung einer Einheitsflotte. Aus schlag gebend wa ren also wohl schon damals rüstungs- und europa po liti sche, aber nicht sachliche Überlegungen. Inzwischen ist die Entwicklung des A400M zum Trauerspiel gewor den. Außerhalb der alten Sowjetunion ist in Europa ein militärisches Fracht flugzeug dieser Größenordnung noch nicht projektiert worden. Vor allem im Hinblick auf die als Antrieb vorgesehenen Propellerturbinen gibt es abgesehen von östlichen Hochleistungsprodukten nichts, woran man im restlichen Europa anknüpfen könn te. So hapert es an wesentlichen Stellen: Die neuentwickelten Triebwerke erbringen nicht die verlangte Leistung, den Tragflächen mangelt es an Stabilität, und die Zelle des Flugzeuges lei det unter starken Vibrationen. Sascha Lange, Ana lytiker der Stiftung Wis senschaft und Politik, sagt: „Von den zunächst anvi sierten 30 Tonnen Nutz last, die 4.500 Kilometer weit trans portiert werden soll ten, ist auf In du strieseite keine Rede mehr.“ Mehrfach wurde der Erstflug des Musters verschoben: von 2008 auf Mitte 2009 und fand dann erst Ende dieses Jahres statt. Mehrfach auch hätten die den Kundenkreis bildenden Regierungen Regressforderungen geltend machen kön nen. Sogar ein Abbruch des Projektes wäre möglich ge wesen. Doch haben sich die Kunden im Juli 2009 – aus rüstungs- und außenpolitischen Mo tiven – erneut auf eine Fortsetzung festgelegt und sind damit 157 am schwächeren Hebel, wenn Nachforderungen gestellt werden, um die technischen Probleme auszubügeln. Airbus-Chef En ders lässt dies durch blicken, wenn er sagt: „Ich ge he davon aus, dass wir mit den Re gierungen eine Lösung finden. Ansonsten gilt: Besser ein Ende mit Schre cken als ein Schrecken ohne Ende.“ Die Systemkosten für den MilitAirbus werden gegenwärtig bereits auf über 150 Millionen US-Dollar geschätzt. Die weitere Tendenz: rapide steigend. Und den Zulauf der ersten Maschinen wird die Luftwaffe wohl erst in der Mitte des nächsten Jahrzehnts erleben. Auch beim PUMA, einem rein deutschen Projekt, gab und gibt es Pro ble me. Das geplante Fahrzeug firmierte gegen Ende der 1990er Jahre noch als Schüt zen panzer 3, um dann nacheinander als Neuer Schützenpanzer, Pan ther (die Wehrmacht lässt grüßen) und Igel bezeichnet zu werden. Dieser Na menswechsel deutet auf konzeptionelle Unsicherheit hin. In der Tat: Be vor es zum PUMA kam, wurde beschlossen, das Vorhaben techno logisch weniger ehr geizig anzu legen als ursprünglich vorgesehen und zugleich die Zahl der zu be stel len den Sys teme von etwa 1.150 auf ca. 400 zu redu zie ren. Trotz technologischer Korrektur soll das Produkt ein wahrer Tausend sassa sein: ein überdurchschnittlich gut geschütztes Fahrzeug als Rückhalt leichter Ex peditionskräfte, das sich gegenüber Aufständischen und Banden durchsetzen, zu gleich aber auch Hubschrauber bekämpfen und gegnerische Kampfpanzer auf Distanz halten kann. Während der Entwicklung gab es schwerwiegende Probleme: mit der Sta bi lisierung der Maschinenkanone, aber insbesondere mit Kraftüber tra gung und Fahrwerk. Und das Fahrzeug wiegt nun ohne die Zusatz pan ze rung mehr als die vor gesehenen 158 30 Tonnen. So groß sind die Schwie rig kei ten, dass hinter vorgehaltener Hand von Fehlkon struk tion gesprochen wird. Die erforderliche Abhilfe ist nicht umsonst: So hat man sich von fünf Mil lionen Euro, dem ursprünglichen Systempreis, auf acht Millionen zu be wegt. Das Ende der wesentlichen Nachbesserungen ist allerdings abseh bar, so dass der PUMA wäh rend der nächsten Dekade vielleicht der Truppe zulaufen könnte: aber nicht als Hucke pack des MilitAirbusses. Die Eheanbahnung ist also gescheitert, hat aber beiden Partnern so lange über die Runden geholfen, dass sie nun – auf wackligsten Beinen – jeweils für sich in die Zukunft stolpern können. 159 Der Autor Lutz Unterseher ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er war in der kom merziellen Sozialforschung tätig und arbeitet als sicherheitspoliti scher Berater im internationalen Rahmen. Vor Parlamentsausschüssen in Deutsch land, Österreich sowie der Schweiz wurde er zu Fragen der Streit kräfte re form gehört. Lutz Unter seher hat an vier deutschen Universitäten und an militärischen Ausbil dungs stät ten auf vier Kontinenten gelehrt. 1992 bis 1996 war er Mitglied des Planungs stabes der Untergrund armee (MK) des African National Congress (ANC) in Jo han nes burg. Er lebt als Spaziergänger in Spandau bei Berlin.

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt von Analysen und Konzepten, die in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind, steht die Idee der „Vertrauensbildenden Verteidigung“. Diese erscheint theoretisch fundiert und in praxistaugliche Lösungen umgesetzt. Die Idee einer Umrüstung auf betont defensiven Schutz mit der Perspektive weitgehender Abrüstung lag auch der Militärreform Gorbatschows zu Grunde und trug wesentlich zur Überwindung des Kalten Krieges bei. Sie ist heute aktueller denn je. Im weiteren Kontext des Diskurses über eine Verteidigung, die nicht provoziert, stehen kritische Sondierungen: Sind die angeblich „neuen“ Kriege wirklich neu, oder diente deren Thematisierung der Legitimierung von Militärinterventionen der „zivilisierten“ Staaten? Welche Schwächen kennzeichnen solche Interventionen? Ist Krieg ewiges Menschenschicksal? Welche Bestimmungsgründe sind für Kriegsentscheidungen relevant? Welche Kriegsszenarien müssen wir fürchten?

References

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt von Analysen und Konzepten, die in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind, steht die Idee der „Vertrauensbildenden Verteidigung“. Diese erscheint theoretisch fundiert und in praxistaugliche Lösungen umgesetzt. Die Idee einer Umrüstung auf betont defensiven Schutz mit der Perspektive weitgehender Abrüstung lag auch der Militärreform Gorbatschows zu Grunde und trug wesentlich zur Überwindung des Kalten Krieges bei. Sie ist heute aktueller denn je. Im weiteren Kontext des Diskurses über eine Verteidigung, die nicht provoziert, stehen kritische Sondierungen: Sind die angeblich „neuen“ Kriege wirklich neu, oder diente deren Thematisierung der Legitimierung von Militärinterventionen der „zivilisierten“ Staaten? Welche Schwächen kennzeichnen solche Interventionen? Ist Krieg ewiges Menschenschicksal? Welche Bestimmungsgründe sind für Kriegsentscheidungen relevant? Welche Kriegsszenarien müssen wir fürchten?