V Für eine vertrauensbildende Verteidigung in:

Lutz Unterseher

Krieg und Kriegsvermeidung, page 75 - 102

Theoretisch-praktische Schriften

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4412-4, ISBN online: 978-3-8288-7414-5, https://doi.org/10.5771/9783828874145-75

Tectum, Baden-Baden
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75 V Für eine vertrauensbildende Verteidigung 76 Stabilitätskalküle: Mittel und Zweck – Auszug aus Unterseher, L. 2011: Frieden schaffen mit anderen Waffen? Alternativen zum militärischen Muskelspiel, Wiesbaden (gekürzt/bearbeitet) – … Im Kern geht es darum, die Entwicklung von Streitkräften, was ih re Struktur, den Bewaffnungsmix und die Doktrin betrifft, als integralen Teil der Außen- und Sicherheitspolitik zu betrachten. … Eine Politik der Entspannung sollte mit dem Aufbau kongenialer Strukturen im Verteidi gungs bereich einhergehen. Andernfalls werden widersprüchliche, verunsi chern de Signale gesendet: sowohl an benachbarte Staaten als auch die je weils eigene Bevölkerung. … So ist mit Vertrauensbilder Verteidigung eine Streitkräfte-Entwick lung gemeint, die in doppeltem Sinne positiv wirkt: indem sie nicht nur bei den Nachbarn, sondern auch im eigenen Lande Unsicherheitsängste ab baut. (Es) sind … jene Grundorientierungen für die Entwicklung insbe son dere von konventionellen Streitkräften (auf welche sich unsere Arbeit konzentriert) zu benennen, die wesentlich dazu beitragen können, die „Sta bilität“ zu erhöhen. … 1. Minimierung grenzüberschreitenden Offensivpotentials Die Landstreitkräfte (ggfs. auch die amphibische Komponente) einer Ver teidigungsorganisation sollten keine Invasionsfähigkeit besitzen, also nicht provokativ wirken. Auszuschließen oder möglichst zu minimieren ist darü ber hinaus die Befähigung, mit 77 Flugzeugen, ballistischen Raketen oder Lenk flugkörpern massive Schläge gegen das Hinterland eines Kontra hen ten zu führen. Die neuere technolo gische Entwicklung hat zumindest zu der Diskussion geführt, ob in einer bestimmten militärstrategischen Kon stellation ein Land durch konzentriert-konzertierte Schläge aus der dritten Dimension so ge lähmt bzw. geschädigt werden kann, dass am Ende eine Invasion durch Landstreitkräfte (fast) überflüssig würde. Im Übrigen ist da r an zu erinnern, dass die Androhung weitreichender Schläge aus der drit ten Dimension eine Konfliktpartei, deren Mi litärstrukturen im Hin ter land besonders verwundbar sind, da zu bringen kann, der befürchte ten Ak tion zu vor zukommen und damit einen unbeabsichtigten Krieg auszulösen. 2. Vermeidung struktureller Verwundbarkeit Streitkräfte sollten so beschaffen sein, dass sie einem möglichen Angriff keine Gelegenheiten bieten, die relativ einfach auszunutzen sind. Dies be deu tet …, dass Konzentrationen und leicht zu unterbrechende Bewegungen wichtiger militärischer Elemente – insbesondere solcher hoher Kampfkraft – nach Möglichkeit vermieden werden sollten. Zudem muss es darauf an kommen, die Gefahr operativ-taktischer „Aushebelung“ zu minimieren: (D. h.), dass Lücken im eigenen Dispositiv und mangelnde Tiefe, als Ein ladung zum „Überspringen“, höchst unwillkommen sind. (Auch) ist darauf zu achten, dass der Bewaffnungsmix und das Kommunikations system des Ver teidi gers jene Robustheit besitzen, die es einem mög li chen Angreifer er schwert, mit technologischer „Gegenoptimierung“ zu antworten. D. h., um 78 nur ein Beispiel zu nennen, dass nicht nur auf ein Wirkprinzip beim Pan zerbrechen gesetzt werden darf, gegen das die andere Seite zu erträg lichen Kosten ei nen spezialisierten Schutz entwickeln kann. … Schließlich ist … noch auf zu führen, dass die Verteidigung für ihren begrenzten Bedarf über eine gesi cherte personelle und materielle Basis verfügen, also … Durchhaltefähig keit besitzen muss. 3. Effizienz und Kosteneffektivität Dabei geht es zunächst darum, die Intention einer „Abhalte“- Vertei di gung im Falle eines Falles möglichst verzugslos in die Tat umzusetzen: d. h. einen Angreifer wirksam, also mit für ihn sehr frus trierendem Ergeb nis ab zuweisen. (Systematisch gesehen, zeigt sich hier eine enge Bezie hung zur Forderung nach Vermeidung struk tureller Verwundbarkeit.) Die Effi zienz sollte allerdings … mit einer möglichst hohen Kosteneffektivität ver knüpft sein: was bedeutet, dass sich zu verteidigen „billiger“ zu stehen kommen muss als der An griff. Für beides, Effizienz und Kos teneffekivität, ist be haup tet worden, dass es sich relativ leicht durch jene Seite erreichen ließe, welche den „Heimvorteil“ des Verteidigers besitzt. … Einschränkend muss aber hinzugefügt werden, dass sich ein Heimvorteil eher dann nach weisen lässt, wenn es um die taktische Ebene geht: also, auf die Land kriegführung bezogen, um das unmittelbare Halten von Ge lände und nicht das Problem der optimalen Allokation der Truppen in einem größeren Raum. … Es sind (also) besondere intellektuelle Anstrengungen erforderlich, um den An spruch des Heim vor teils auch auf höherer Ebene einzulösen. 79 Die skizzierten Grundorientierungen bzw. die in ihrem Sinne avi sier ten Mittel lassen sich auf Zwecke beziehen, deren Realisierung die Erhöhung sicherheitspolitischer Stabilität ver heißt: A – Zu allererst geht es um die die Vermeidung von Krieg … Im Hin blick darauf er geben sich die folgenden Beziehungen: Dadurch, dass eine Ver teidigung effizient und finanzierbar ist sowie im Wesentlichen keine struk tu rellen Ver wundbarkeiten aufweist, die entwaffnende Schläge einla den, wird sub stan ziell dazu beigetragen, dass Aggres sionskalküle, die auf Nutzung eines Machtvakuums aus sind, frus triert werden (stabile Ab hal tung). Im Übri gen wird dadurch, dass eine Verteidigung entsteht, die zwar effizient und wenig verwundbar (ist), aber auch mittelund länger fristig für die Nach barn keine Bedrohung darstellt, kein Grund für Präven tionsbe strebungen gebo ten – in dem Sinne, dass die Führung einer anderen Partei ei ner zu künftig erwarteten Herausforderung durch ein „recht zeiti ges“ Zu vor kommen zu begegnen trachtet (Präventionsstabilität). Schließ lich: Weil die in ihren Grundorientierungen skizzierte Verteidigung keine – oder nur in sehr geringem Maße – Mittel umfasst, mit denen sich blitzartig auf be nachbarte Staaten (Militärpotentiale) einwirken lässt, gibt es auch kei nen Zwang, während einer Krise eine solch unmittel bare Gefahr mög lichst un ver züglich ausräumen zu müssen (Krisen oder Präemptions stabili tät). B – Wichtig auch ist die Schadensbegrenzung, die Stabilität im Kon flikt. Ein defensives Dispositiv, das in seiner Abweise-Funktion wirk sam ist und nicht zu weiträumigem Manövrieren auf eigenem Boden ein lädt (Be wegungshemmung) sowie keine lukrativen Ziele für kon zen trier tes Feu er bietet (Zielverwei 80 gerung), hat eine gute Chance, den Scha den für Bevölkerung und Infrastruktur zu mini mieren, wenn es – trotz aller systematischen Anstrengungen zur Kriegs vermeidung – dennoch zum offe nen Kon flikt kommen sollte. Zur Schadensminimierung trägt im Übrigen bei, dass die hier in ihren Grundorientierungen skizzierte Defensive Eska lati onskalküle eines etwaigen Kontrahenten wenig sinnvoll erscheinen lässt und dadurch entmutigt (Eskalationseindämmung). Weil es effizient und zu gleich wenig verwundbar ist, kann nämlich das Dispositiv des Ver teidi gers ohne Eskalation auskommen. Für eine Eskalation fehlen im Übrigen ei ner Vertrauensbildenden Verteidigung alle we sentlichen Mittel. Damit ent fällt für die andere Seite ein Motiv, selbst zu eskalieren. Er scheint es plau sibel, die Möglichkeit einer Begrenzung der Schäden samt einer Ein dämmung von Eskala tions kalkülen anzunehmen, ergibt sich ein we sentli cher Vorteil: Vertei digung ist nicht mehr Selbstmord, wird „mach bar“ und gerade auch für die Soldaten moralisch akzeptabel. Eine realisierbare, glaub würdige Option der Abhaltung wirkt eher kriegsverhin dernd als eine selbstabschreckende. C – Schließlich ist eine Abkopplung von der Rüstungsdy namik an zu streben. Wenn es gelingen sollte, technisch und taktisch „mit anderer Mün ze heimzuzahlen“, würde ein Ausstieg aus dem Wettrüsten zur realen Per spek tive. Für eine solche Aussicht spricht vor allem zwei erlei: Eine Ver trauens bildende Verteidigung bedarf – vor dem Hin ter grund der … Über legungen zur Kriegsvermeidung – durchaus nicht jener Mittel zumeist hoch techno logischer Provenienz, die zur Op tion von gezielten, massiven Schlägen in das Hinterland des Ge genüber ver helfen. Hinzu kommt, dass eine Defensive, welche die Ge fahr ei ner In- 81 vasion nicht durch eine Gegen-In vasion beantworten will, sich den Schutz, den der eigene Raum bietet, systematisch zu nutze ma chen kann. Sollte dies über Einzelelemente der Ver teidigung hinaus gelingen, … müsste der potentielle Angreifer nicht „nachge äfft“ wer den. Die Verteidigung … würde lohnender erscheinen als als ihre He r ausforderung. Damit wären der Offensive, wenn sie Maß nah men ei ner bewussten Verteidigung durch zusätzliche Angriffs stärke kom pen sieren wollte, weit überproportionale Ausgaben aufge bür det, wo mit sich die Perspektive einer Umkehr der Rüstungs spi rale ergäbe. (Es) wür den bei allen Beteiligten Ressourcen für eine fried liche Ent wicklung frei ge setzt, von der wir … annehmen dürfen, dass sie … die innenpoli ti sche Stabilität erhöht, was wiederum zu grö ße rer Sicherheit im Um gang mit be nachbarten Staaten führen dürfte. Das Denkmodell der Vertrauensbildenden Verteidigung setzt unter dem As pekt der „intervenierenden Variable“ an, Es geht darum, jene Kalküle zu durchkreuzen, die einen Krieg zu annehmbaren Kosten mit raschem Erfolg versprechen und ihn dadurch attraktiv machen. Generell stellt sich der Ansatz als eine asymmetrische Antwort auf eine Bedrohung durch herkömmliche – tendenziell hochtechnisierte – kon ven tionelle Streitkräfte dar. Um zu „Stabi lität“ in ihren unterschied li chen Dimensionen zu gelangen, ist also kein Gleichgewicht strukturell ähnlicher militärischer Mittel erforderlich. Es eröffnet sich die Chance, durch selbständige Maßnahmen einer stabilitäts orientierten Umrüstung sowohl dem eigenen Schutz als auch der Sicherheit des anderen dienen zu können. 82 66 83 Vertrauensbildende Verteidigung: Universalität – Auszug aus Unterseher, L. 2011: Frieden schaffen mit anderen Waffen? Alternativen zum militärischen Muskelspiel, Wiesbaden (gekürzt) – Bereits in der zweiten Hälfte der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts begann eine Diskussion darüber, ob denn das, was im Rahmen der alter nativen Ansätze für eine Verteidigung Mitteleuropas entwickelt wor den war, sich – in der Essenz oder im Hinblick auf einzelne Lösungs vorschläge – auf andere Gefilde rund um den Globus übertragen ließe. Ei ne sich als bald zu Wort meldende Kritik zog in Zweifel, dass es eine solche uni ver selle Relevanz geben könnte (Prins 1990). Die alternativen Modelle wären doch sehr auf die Lage Mitteleuropas be zogen und entstammten einer für den Westen typischen Diskus si ons kultur. Weil sie sich in ihrer Entwicklung am NATO-Mainstream ab ge ar bei tet hätten, wären sie auch von diesem mitgeprägt. Das zeige sich vor allem an der Fixierung auf Hochtechnologie, die sogar noch stärker sei als beim etablierten Militär. Schon von daher wäre eine Übertragung auf an dere Kulturen und geostrategische Kontexte problematisch. Wir haben es hier mit einem ‚Interkulti-Lackmus-Test‘ zu tun, der von gewissen Kreisen offenbar immer dann angewendet wird, wenn einem sonst nichts einfällt. Jedenfalls ignoriert diese Kritik zumindest drei As pek te: 1. Es gab eine breite Palette von Anregungen sowie auch durchgear beiteten Konzeptionen zur militärischen Stabilisierung Mittel eu ro pas. Von diesen erschienen durchaus nicht alle 84 auf Hochtech nolo gie fi xiert. Etliche Lösungsvorschläge waren im Hinblick auf den Be waff nungs mix sowie auch die Gliederungs for men recht pragma tisch. Dies gilt um so mehr, wenn der sowjetische Reformansatz mit be rücksichtigt wird (siehe Kapitel II in diesem Band). 2. Wichtige Entwürfe alternativer Strukturen zeigten sich von einer au ßer europäischen Kultur militärischer Reflexion inspi riert. Man denke an das Alte China, dessen Philosophie und Mi litär the o rie insbeson dere für die Studiengruppe Alternative Sicher heits politik (SAS) von beträchtlicher Bedeutung war … (Un terse her 1999: 29 ff, 52 ff). Auch Horst Afheldt (ein wichtiger Ideengeber der alter nativen Denk schu le) sei in diesem Zu sammenhang genannt: Er bezog Anre gun gen al ler dings eher aus dem ‚Neuen China‘, dessen Guerilla tradition sich ihm durch die Ar bei ten von Guy Brossollet er schloss, eines franzö sischen Beobachters und frühen Proponenten ei ner an deren Verteidi gung (Brossollet 1976, Afheldt 1976). 3. Zu verzeichnen bleibt im Übrigen, dass nicht wenige Alternativ ent würfe sich in … Verwandtschaft zu dem sahen, was es bereits an real-existierenden Modellen einer Spezialisierung auf die Defensive gab. … Wobei es zum einen um die Palette von Ent wick lungen in Europa ging, die sich vor allem im Lager der „Blockfreien“ fanden und die eine nicht unbeträchtliche Artenvielfalt – typischerweise ohne High-Tech-Fixierung – erkennen ließ. Zum anderen aber auch um außer euro päische Muster und Geschehnisse. Man denke etwa an die Ver teidi gung Vietnams angesichts des chinesischen Überfalls (1979). 85 Es darf also zumindest vorsichtig angenommen werden, dass es auch au ßer europäische Relevanz für eine Verteidigung gibt, die nicht mit gleicher Münze zurückzahlt (Unterseher 1995). Literatur Afheldt, H. 1976: Verteidigung und Frieden. Politik mit militärischen mitteln, München. Brossollet, G. 1976: Das Ende der Schlacht, in: E. Spannocchi/ Ders., Verteidigung ohne Schlacht, München, S. 97–214. Prins, G. 1990: Military Restructuring and the Challenge of Europe, in: UNIDIR (Hg.), Nonoffensive Defense: A Global Perspective, New York, N. Y., S. 52–105. Unterseher 1995: Confidence-building Defence as a Universal Prin ciple, in: M. Salla/W. Tonetto/E. Martinez (Hg.), Essays on Peace, Rock hamp ton, Queensland, S. 185–195. 1999: Defensive ohne Alternative. Kategorischer Imperativ und mili tärische Macht, Wiesbaden. 86 Aus der Werkstatt: Entwurfskalküle und ihre Entfaltung – Auszug aus Unterseher, L. 1999: Defensive ohne Alternative. Kategorischer Imperativ und militärische Macht, Wiesbaden (gekürzt/bearbeitet) – Das Grunddesign Die Studiengruppe Alternative Sicherheitspolitik (SAS) hat aus den Grundorientierungen einer stabilitätsadäquaten Verteidigung bezogen auf die Verteidigung zu Lande die folgenden systematisch miteinander zu ver knüpfenden Hauptmerkmale abgeleitet: Erstens: Das tragende Element der Defensive ist eine netzartige, raum kontrollierende Struktur, die auf unmittelbare Geländeausnutzung op timiert ist. Sie wirkt durch Feuer und Sperren; Bewegung ist nur von lo kaler Re levanz und soll den Schutz vor Feindeinwirkung erhöhen. Haupt auf gabe die ser Grundstruktur ist es, den zu schützenden Raum so zu ‚kon diti o nieren‘, dass die Operationen hier eingesetzter anderer Kräfte wesent lich erleichtert werden. Es geht, um ein Bild aus der Guerillakriegslehre Mao Tse-tungs in abgewandelter Form zu gebrauchen, letztlich dar um, je nes Wasser künstlich zu schaffen, das der Fisch zum fröhlichen Schwim men benötigt. Ein anderes Bild ist kon servativer: In seinem Rahmen bleibt das Netz ein Netz, wird also nicht zu Wasser, und dient als unverzichtbare Voraussetzung für das optimale Operieren von Spinnen-Kräften. 87 Zweitens: Das Gros der erwähnten Spinnen-Kräfte ist so zu dislo zie ren, dass ein Operieren innerhalb der raumkontrollierenden Struktur nahe zu verzugslos möglich wird. Diese die netzartige Grundkonfiguration der Ver teidigung überlagernden Kräfte sind funktional differenziert: Sie umfas sen mechanisierte Kavallerie (hauptsächlich für Aufgaben der Verzö ge rung), leichte mechanisierte Infanterie mit begrenzter Stopp wirkung ge genüber einem gepanzerten Angreifer (Sekundärfunktion: Ab wehr geg neri scher Infanterie) sowie auch ein schweres Element: etwa für ‚kur ze Haken‘ zur Neutralisierung eingedrungener Trup pen. … Hauptaufga be der inner halb der Basisstruktur dislozierten Kräfte ist es, der Verteidi gung jene Resistenz und Flexibilität zu ver leihen, die es ermöglicht, im Fal le einer Invasion Ge biets verluste zu mi ni mieren bzw. rückgängig zu machen. Drittens: Für die Eventualität einer extremen Gefährdung des de fen siven Netzverbundes aus Grundstruktur und unmittelbar verfügbaren Ein greifk räften sind operative Reserven vorzuhalten, die auch über größere Ent fer nungen hinweg anmarschieren können, um ‚vor Ort‘ die Defensive ge gen über besonders hohen Angriffskonzentrationen zu verstärken. Das Er for dernis schneller Allokation von Truppen auch über größere Distanzen macht spezielle Vorkehrungen not wendig: So sollten diese Reser ven mög lichst mit leichten, gepanzerten Rad fahrzeugen ausgestattet sein, die sich durch hohe operative Beweglichkeit auszeichnen. Damit ist das Risiko ei ner Marsch unterbrechung durch Feindeinwirkung aber noch nicht aus der Welt geschafft: vor allem dann nicht, wenn die Truppenbewegung durch ei nen Raum führt, der nicht durch de fen sive Netzstrukturen geschützt ist. Dies stützt das Argument, für Räu me, die z. B. aus Ressourcengründen 88 ‚netz frei‘ bleiben, einfach ausge rüs tete Heimwehrkräfte vorzusehen, die vor allem Aufgaben des Objekt schut zes wahrzunehmen hätten. Damit ließe sich das Risiko einer Marsch un ter brechung durch gegnerische Kommando-Ak tionen minimieren. Sind die ope rativen Reserven nach schnellem Marsch an dem bedrohten Abschnitt an ge kommen, ist ihre Aufgabe nicht der Gegenangriff, sondern die Stärkung der Defensive (s. o.). Dazu sind sie durch reich liche Ausstattung mit Pioniermitteln und Panzerabwehrwaffen optimiert. Die Beweglichkeit sol cher Truppen dient also vor allem der Al lo kation (zur rechten Zeit am richtigen Ort erscheinen) und nicht der Op tion eines Sto ßes ‚in den Feind hinein‘, wofür übrigens wegen des dann zu erwartenden dichten Feuers besonderer Panzerschutz erforderlich wäre. Viertens: Die Struktur dieser Verteidigung macht ihre Defensivität aus. Dies impliziert eine Absage an den Aberglauben, dass es reine ‚De fen sivwaffen‘ gäbe. Panzerabwehr-Lenkwaffen z. B. dürften eine durch aus off en sive Bedeutung annehmen, wenn sie für eine leichte, auf Motor rädern bewegliche Infanterie mit der Spezialisierung auf weitreichende Infil tra ti ons angriffe vorgesehen wären. Eine eher defensive Bedeutung be kä men sol che Waffen erst, wenn man sie einer Netzinfanterie zuordnet, die durch struk turelle Maßnahmen mit dem zu schützenden Land relativ fest ver bun den ist. Dabei müsste diese raumgebundene Infanterie die Ver tei digung deut lich dominieren und nicht die Dienstmagd starker Gegen angriffskräfte sein, sondern, im Gegenteil, diese in die Abwehr einbinden. Wenn die Art der Waffe ein Verteidigungsdispositiv nicht defensiv macht, ist durchaus plau sibel, dass es im SAS-Design einen Ausrüstungs mix gibt, dessen Bestandteile nicht dramatisch von dem abweichen, 89 was auch in den NATO-Arsenalen insbesondere für Abwehraufgaben vorge se hen ist. Gleichwohl lässt sich eine deutliche Akzentverschiebung erken nen. So wird in der SAS -Konzeption ein größeres Gewicht gelegt auf: Pio nier mittel zum schnel len Schaffen von Sperren und Feldbefesti gungen, fern bediente leich te Waffen für direktes Feuer zur Trennung des Schützen von der sich selbst verratenden Abschussstelle und robuste Mörser beson ders hoher Ka denz zur unmittelbaren Feuerunterstützung. (Mittel für einen Deep Strike gibt es demgegenüber gar nicht.) Generell gilt, man könnte es die technologische Hausphilosophie nen nen, dass nach den Vorstellungen von SAS sehr viel mehr in die In tel ligenz der Organisation investiert würde als in die einzelner Waffen sys te me. Durch die systematische Nutzung des Heim vorteils sollen die für ein ziel sicheres Schießen erforderlichen Informa tions grundlagen so verbessert werden, dass auch vergleichsweise ‚dumme‘ Geschosse mit Aussicht auf Wir kung eingesetzt werden können. Dies ist ei ne Absage an jene Art von künstlicher Intelligenz, die – in den Suchkopf ei nes Präzisionsflugkörpers integriert – es ermöglicht, auch in ‚Feindes land‘, also ohne die günstigen in formationellen Voraussetzungen des Ver tei di gers, automatisch Ziele zu ent decken und zu vernichten. Ein solcher An satz zeitigt wegen seiner hohen Kom plexität enorme Kosten: bei gleich sam eingebauter Störanfälligkeit. Darüber hinaus würden damit unnötigerweise offensive Optionen er öffnet. Was die Präzisionslenkung betrifft, liegt für SAS das Optimum aus Auf wand und Wirkung bei jenen Waffen, die den Einfluss mensch licher Intel ligenz nicht aus ihrem Regelkreis ausschließen, sondern diesen Fak tor systematisch integrieren. Gemeint sind zum Bei spiel: Artillerie ge schos se, die mit Hilfe 90 des Laser-Markierverfahrens ihr Ziel finden, sowie ‚gefessel te‘, Lichtleitfaser-gelenkte Flugkörper (Ziel infor mationen durch einen Sen sor in der Nase des Fluggerätes), deren Be die nung sich am Boden, in ei nem sicheren Unterstand, befindet (Bölkow 1990). Gerade sol che Waffen ‚hal ber‘ Intelligenz, die auf die Interaktion mit einem mensch lichen Akteur an ge wiesen bleiben, lassen sich besonders gut im Rah men einer Ver tei digung einsetzen, die alles daran setzt, die Lage durch raumkontrollierende Struk turen in den Griff zu bekommen. Das Netz, die Basis des Systems, bedarf weiterer Erläuterung. Vier Haupt funk tionen hat es zu leisten: Kampf: Diese Funktion besteht im Verzögern, Abnu tzen, Irritieren bzw. Zersplittern und Kanalisieren eindringender Kräfte. Für die se Zwecke sind vor allem ein ‚unsystematisches‘, also nicht leicht zu durchschauendes, System von Hindernissen und Sperren sowie eine Komponente flexiblen (vor allem auch indirekten) Feuers erforderlich. We gen der relativen Leich tigkeit der Netz-Struktur dürfte die Erfüllung der genannten Aufgaben mit un ter zur Überforderung führen. Es ist freilich immer mitzuberück sich ti gen, dass die beweglichen Eingreifkräfte, wegen ihrer raschen Ver füg bar keit, in solchen Fällen fast verzugslos aus helfen könnten. Deckung: Hiermit ist gemeint, dass die Kräfte des raumkontrollie renden Elementes – gegebenenfalls mit Unterstützung durch mechanisierte Kaval lerie bzw. Infanterie – die schnellen, leichten Voraustruppen eines Ag gres sors lokalisieren und soweit aufhalten können, dass eigene Gegen an griffs kontingente sich weitgehend unentdeckt und ungehindert zu bewe gen ver mögen. 91 Darüber hinaus wird das Verbergen von Bewegungen der Kräfte des Verteidigers dadurch erleichtert, dass von den Truppen der Ba sis-Struktur mit elektronischen Störmaßnahmen gearbei tet und ein ex ten siver Gebrauch von Täuschzielen gemacht wird. Unterstützung: In diesem Rahmen geht es um unterschiedliche Auf ga ben wie das fortlaufende Sammeln, Aufbereiten und Bereitstellen von Informa tionen (vor allem auch für eingreifende bewegliche Kräfte) und das Be treiben bzw. den Schutz eines dezentralisierten Systems vorwiegend sta ti o närer logistischer Depots: und zwar nicht nur zur Eigenversorgung, son dern auch als Service für das mobile Element. Dieses wird dadurch weit gehend von die Straßen verstopfenden und dadurch Ziele bietenden Nach schubkolonnen befreit. Damit erhöht sich seine Agilität – jedenfalls so lan ge es innerhalb des Versorgungssystems operiert. Militärisch politische Kontrolle: Dies bezieht sich darauf, dass sich mit der defensiven Grundstruktur der Vorteil einer … lückenlosen Raum kon trolle, eines klaren Bildes davon ergibt, wo die eigenen Kräfte und die des Aggressors stehen. Wenn zudem noch berücksichtigt wird, dass durch die Verzögerungs- und Deckungsleistung der Grundstruktur Zeit erwirt schaft et wird, lässt sich … ver mu ten, dass die damit zu gewinnende gute Übersicht über die Lage eine rationale militärische Entscheidungsfindung er leichtert: auch und gerade dann, wenn es um politische Implikationen geht. Denken wir in diesem Kontext z. B. daran, dass trotz aller Bemü hungen, die be weg lichen Kräfte des Verteidigers strukturell auf den zu schüt zenden Raum angewiesen zu machen, grenzüberschreitende Aben teu er nicht völlig aus zuschließen sind! Hier gilt: Je besser die Lageübersicht, um so größer die Chance, solche Entwicklungen unterbinden zu können. 92 Wie bereits bemerkt: Das mobile Element operiert im Netz nach Art einer Spinne. Während die netzartige Struktur vergleichsweise aufge lockert ist und ernsthafte ‚Gegen-Konzentrationen‘ bei einem Vordringen des Aggres sors im Wesentlichen nur durch ein gegliederte Mittel indirekten Feuers zuwege bringt, sind die mobilen Ein greift ruppen durchaus in der Lage, sich für gewisse – zweckmäßigerweise kurze – Phasen zu massieren. Ihr Re pertoire umfasst u. a. das Fesseln, Blockieren, flankierende Angrei fen und schließlich das Zerstören ein dringen der Verbände. Da sie mit der kon ditionierenden Vorarbeit der raum kontrollierenden Struktur rechnen kön nen, d. h. mit der Behinderung der Bewegungen des Invasoren bei De ckung und Unterstützung der eigenen, darf ihr Gesamtum fang, aber auch der Umfang der je einzelnen Forma tionen, relativ klein sein. Doch es hilft nicht nur die defensive Basisstruktur dem Eingreif-Ele ment: Es gibt auch ein umgekehrtes Unterstützungsverhältnis. Die Eingreifk räfte helfen näm lich dem raumkontrollierenden System an seinen schwa chen Stellen entwe der durch die Evakuierung allzu exponierter Kampft eams, deren ei ge ne Evakuierungsmittel, durch Verluste bedingt, nicht mehr ausreichen mögen, oder durch eine ‚Reparatur kaputter Ma schen‘: also den Transport frischen Personals und Materials in freige kämpft e Netzteile. Es bietet sich das Gesamtbild einer kontinuierlichen, sehr flexi blen Verteidigung, die sich auf redundante, tiefe Strukturen stützt: Äußerst schwie rig oder gar unmöglich erscheint es, sie umgehen, ausmanövrieren oder überspringen zu können. Wegen der Auflockerung des raumkontrol lie renden Systems und des relativ kleinen Umfangs des Eingreif-Elements, sowohl was dessen Gesamtheit als auch die Verbandsebene betrifft, darf das Zielprofil eines solchen Dispositivs als recht niedrig gelten. 93 Bei einem solchen Ansatz kann, wie gesagt, nicht voll kommen aus ge schlossen werden, dass eigene mobile Kräfte im Falle eines Falles die Grenze über schreiten. Da das bewegliche Element jedoch stark reduziert und in einem hohen Maße auf Deckung und Unterstützung durch die Ba sisstruktur an ge wiesen ist, wäre es aber militärisch gesehen höchst irra tio nal, das Sank tuarium des Verteidigers eines Abenteuers wegen zu ver las sen. So erscheint dieser Ansatz eine pragmatische Annäherung an das Prin zip der Nichtprovokation. Die für diesen Ansatz behauptete tödliche Effizienz ist letztlich auf die synergetische Beziehung zurück zuführen, die zwischen Netzstruktur und Eingreifkräften besteht: Es geht um die intensive Interaktion und Koo peration zweier unterschiedlicher Elemente, die sich in ihren Stärken und Schwächen wechselseitig ergänzen. … Wir sehen die systematische Verzahnung zweier Strukturen, die jede für sich einfachen Zuschnitts ist, die aber ge meinsam einen Eindringling mit kaum zu bewältigender Kom plexität kon fron tieren. Die ser kann prinzipiell nie wissen, worauf er sich einstellen soll: auf leichte, raumdeckende Strukturen oder energischste Ge gen wehr. Diese Zusammenhänge lassen sich auch in einem informations theo re tischen Bezugsrahmen ausdrücken: Die beiden miteinander kooperie ren den Grundelemente der Verteidi gung stellen – jedes für das jeweils andere – black boxes dar. D. h., es wird an klar definierten Berührungspunkten mit einander kooperiert. Darü ber hinaus ist es für das jeweilige Subsystem der Verteidigung nicht von Be lang, was innerhalb des anderen abläuft. Dies führt zu einer erheblichen Entlastung der Informationsgewinnungs- und Ver arbeitungsprozesse. Jedes Subsystem präsentiert sich dem jeweils an deren als ‚bekannte Umwelt‘: 94 als eine Größe, die mit relativer Sicherheit ins taktische Kalkül einzubeziehen ist. Ist die Komplexität der Umwelt auf diese Weise reduziert, wird es möglich, mehr von der relativ knappen Res source „Aufmerksamkeit“ (also: Informationsbeschaffungs- und Verar beitungsfähigkeit) auf den Gegner zu richten. Zugleich sieht dieser sich aber durch die gesteigerte Komplexität seiner Umwelt, was in der Kombination un ter schied licher Strukturele men te begründet ist, in der eigenen Informa tionsaufnahme- und Verarbeitungs fähigkeit auf das Äußer ste strapaziert, wenn nicht gar über fordert (infor ma tion overload). Vier Aussagen zeigen die besondere Effizienz des skizzierten Dis posi tivs an (Grin/Unterseher 1990: 251 ff): 1. Die synergetische Kooperation verleiht sowohl den Kampfteams der raumkontrollierenden Struktur als auch den Eingreif-Verbänden je weils ei nen signifikant höheren Kampfwert, als diese iso liert betrachtet besitzen. 2. Das Kooperationsverhältnis konfrontiert den Eindring ling mit einer überkomplexen, sich stetig wandelnden Problemstruktur: und das nicht nur punktuell, sondern nahezu überall. Die sich daraus für einen Angreifer er gebenden Anpassungsprobleme sind von einer Größen ord nung, die eine bloß taktische Relevanz weit übersteigen. 3. Wegen der optimierten Kräfteallokation innerhalb des raumkon trol lierenden Systems lassen sich Krisen in der Ver- 95 teidigung schon im Mo ment ihrer Entstehung, also zu minimierten Kosten, bereinigen. 4. Auch ein noch so energisch vorgetragener Angriff operativstrate gi scher Bedeutung bedarf einer Sequenz taktischer Erfolge. Diese können dem Aggressor in Sequenz verweigert werden, denn die Tiefe der Abwehr und die ihr durch die Eingreifkräfte verliehene Flexibilität erlauben dies. Fazit ist, dass es angesichts solcher Flexibilität und zä hen Resistenz keinen Bedarf an potentiell provokativen schweren Gegenangriffskräften grö ßeren Umfangs gibt. Die Netz-Entwicklung 1979 bis 1982: In dieser Zeit akzeptierte die Studiengruppe, ohne wesentliche Modifikationen vorzunehmen, das Netzkonzept Horst Afheldts (Afheldt 1976), ein leichtes Konstrukt mit homogener Lenkwaffen ausstat tung, um dieses allerdings durch bewegliche Eingreif-Elemente eige nen Strick musters zu ergänzen. Doch wurde bereits damals die Frage ge stellt, ob dem Afheldtschen Konzept nicht doch jene technolo gische Mindestkom plexität fehlte, die erforderlich ist, um angesichts mög licher ‚Gegen optimierungen‘ durch den Kontrahenten bestehen zu können. So entwickel te sich die Überlegung, die Netzaus stattung um schnellfeuernde Mehr zweck kanonen (auch zur Panzerabwehr geeignet) zu ergänzen. Dies ge schah bevor die „Juli-Studie“ von Bonins, in der ein ähnliches Element vorgesehen war, der Fachöffentlichkeit zugänglich wurde (Bonin 1954). 96 1983 bis 1985: In dieser Phase erarbeitete die Studiengruppe ihre erste eigene Netzkonzeption. Deren Hauptcharakteristikum bestand darin, dass die Truppendichte mit wachsender Tiefe des Abwehrsystems zunahm. Damit sollte einer Idee entsprochen werden, die von Liddell Hart ent wickelt und unter dem Kürzel „schrumpfendes Rohr“ (contracting funnel) in die Debatte eingebracht worden war (Liddell Hart 1966: 36 ff). Dem britischen Militärtheoretiker ging es darum, eine Defensivstruktur zu kon zi pie ren, die dem potentiellen Angreifer zunächst möglichst wenig hart näckigen Wider stand entgegensetzen sollte, also im Sinne Sun Tzes ‚form los‘ wäre (Sun Tze 1972: 54 f), die aber gegnerische Kräfte bei tiefe rem Ein dringen immer stärker strangu lieren würde. Die im Vergleich zu Afheldts Ansatz … dichtere Kräfteausstattung des SAS-Netzes führte zu einer deutlich verbesserten Ab nut zungswirkung gegenüber eingedrungenen feindlichen Kräften. So je den falls lautete das Er gebnis von damals durchgeführten OR-Analysen (Hof mann et al. 1984: 47 ff). Allerdings: Es stellte sich verschärft die Fra ge nach der Kosten eff ektivität: gab es doch in der SAS-Konzeption relativ viel raum ge bundenes Potential, das wohl im Falle eines Falles nie Feind be rüh rung gehabt hätte. Als Bemannung für die vordere, relativ weitmaschige Netzzone wa ren, um die Gefahr einer Überraschung auszuschließen, ausschließlich prä sente Soldaten vorgesehen. Mit größerer Tiefe der Abwehr, und damit auch deutlich dichterer Truppenaufstellung, sollte dann ein zunehmend hö herer An teil an Reservisten integriert werden. Für diesen Ansatz wurde ein Perso nal modell erarbeitet, das sich im Einklang mit der demographischen Entwicklung be fand (Thimann 1989). 97 1986 bis 1989: In dieser Periode wurde, was die Truppendislozierung und das Personalmodell anbelangt, mit nur relativ geringfügigen An pas sun gen an der früheren Netzkonzeption festgehalten: D. h., es galten prin zipiell unverändert das Grundmuster des „schrumpfenden Rohres“ und die Maxime der Präsenz nur am vorderen Rand der Verteidigung. Was sich al lerdings in dieser Zeit dramatisch ändern sollte, war der Zuschnitt des Be waff nungsmixes (Unterseher 1989). Der Gedanke einer weitgehenden Raumdeckung durch Panzerab wehr-Lenk raketen quasi-stationärer Art wurde wegen seiner beträchtlichen Kos ten zumindest für die vorderen Bereiche der Verteidigung aufgegeben (nur die hinteren sollten entsprechendes Gerät älterer Art behalten: also kei ne Neubeschaffungen!). An die Stelle dieser Ausrüstung sollte zum ei nen einfachstes, robustes Gerät treten, vor allem fernausgelöste Richtmi nen, Panzerfäuste und leichte Maschinenkanonen, zum anderen aber – auf der Bataillonsebene – Plattformen für die bereits erwähnten Lichtleitfaser-gelenkten Geschosse. Letzteres Element versprach besondere Effizienz und auch Kosteneffektivität: durch die Möglichkeit, ohne aufwendige „künst liche Intelligenz“ über Dutzende Kilometer auf sehr präzise Weise Punkt ziele bekämpfen zu können. Damit bot sich die Perspektive einer flexiblen, ‚nachbarlichen‘ Unterstützung innerhalb des Netzes und wegen der über lappenden Reichweiten die Möglichkeit beträchtlicher Feuerkon zentration. Sinnvoll erschien es, die Plattformen derartig essenzieller Feuer mittel beweglich zu machen und mit leichtem Panzerschutz zu versehen (also zu mechanisieren). Diese Maßnahme hätte kaum offensive Optionen eröffnet, gab aber die Möglichkeit, die entsprechenden Waffensysteme unter gegne rischem 98 Druck zurückgehen zu lassen, um weiter hinten die verfügbare Feu er kraft entsprechend zu stärken. Wiederum sehen wir das Bemühen, sich dem Modell des „schrumpfenden Rohrs“ anzunähern: Das syste ma tische Zurückfallen beweglicher Plattformen des Präzisionsfeuers hätte die mit der Tiefe zunehmende Aufstellungsdichte noch weiter akzentuiert. Die … Reichweite dieser Feuerkomponente wurde im Zuge weiterer Modellarbeiten als Voraussetzung dafür angesehen, inner halb des Netzes dort größere Lücken zulassen zu können, wo sich das Ge lände für den Einsatz leichter Infanterie besonders schlecht eignet. Diese Lücken sollten nur noch durch das Feuer der Lenkwaffen über wacht werden: gestützt auf die Lageinfor mationen von dort arbeitenden statio nären Sensoren. Mit die ser kon zep tio nel len Entwicklung war der Schritt hin zu einer tendenziell immer selek tiveren Raumdeckung durch Netz kräft e getan. Damit eröffnete sich die Per s pektive einer beträchtlichen Kos ten senkung: durch das Sta tio nieren von in fan teristischen Kampfteams nur dort, wo es auf robuste Re dun danz wirklich ankam. Gleichwohl wäre aber der Vorteil einer annä hernd lücken losen Raumkontrolle, freilich durch ver änderte Mittel, erhal ten geblieben. 1990 bis heute: In dieser Zeit hat sich – in unterschiedlichen Ausprä gungen – ein Modell der Raumkontrolle entwickelt, in dem netzartige Struk turen eher nur virtuellen Charakter haben. Der zu schützende Raum wird nach wie vor durch mehrfache, einander überlagernde „Service-Net ze“ strukturiert, in deren Rahmen das ursprüngliche Konzept einer über die Fläche verteilten Leichtinfanterie nur noch eine rudimentäre Rolle spielt (Personal wird immer knapper). 99 Was bleibt, ist vor allem Folgendes: Ein statisches, dadurch beson ders leistungsfähiges Basis-Kommunikationsnetz (Grin 1990) mit inte grier ten, über die Flä che verteilten Sensorsystemen, ein Netz dezentraler, lo gis tischer Depots (mit beweglichen Elementen nur für den Kurzstrecken-Trans port) sowie ein für den Betrachter weitgehend unsichtbares und erst im Konfliktfalle flexibel zu komplettierendes vernetztes System von Sper ren und ge deck ten Stellungen: hauptsächlich als Grundlage für den raum kontrol lie renden Ein satz von Plattformen weitreichenden, indirekten Feu ers. Diese würden so operieren, dass ihre Beweglichkeit nur zum Selbst schutz, zum Pendeln zwischen Wechselstellungen, genutzt wird, die Feuer allokation aber in der Regel nicht durch den Marsch der Waffensysteme, son dern deren Wirkradius geschieht. Wiederum sind dabei durch Reich wei ten-Überlappungen erhebliche Konzentrationen möglich. Es entsteht vor unseren Augen das Bild einer schützenden Glocke – oder eines Schirmes – aus weitreichendem indirekten Feuer, des sen Träger durch mehrfache, unterstützende Netzwerke an den zu ver teidi genden Raum gebunden werden (Unterseher 1995): nicht im Sinne einer engen Fes se lung, sondern wiederum so, dass es militärisch unsinnig wird, außer halb des Sys tems zu operieren. Wie das Netz alter Art ist die nun sich ergebende Schutzglocke die entscheidende Voraussetzung für den optima len Ansatz beweglicher Ein greifk räfte. 100 Literatur Afheldt 1983: Defensive Verteidigung, Reinbek b. Hamburg. Bölkow, L. 1990: Ist Verteidigerdominanz technisch möglich? in: C. F. v. Weizsäcker (Hg.), Die Zukunft des Friedens in Europa. Politische und militärische Voraussetzungen, München, S. 113–122. Bonin, B. v. 1954: Studie vom Juli 1954, unveröff. Manuskript (Ge heimschutz bis 1986). Grin, J. 1990: Military-Technological Choices and ImplicationS. Com mand and Control in Established NATO-Posture and a Non-Provo ca tive Defence, Amsterdam. Grin, J./Unterseher, L. 1990: … den Bedrohungszirkel unterbrechen: Spinnennetz. Ein mili tärtheoretischer Beitrag zur Um- und Abrüstung, in: W. R. Vogt (Hg.), Mut zum Frieden. Über die Möglichkeit einer Frie dens ent wick lung für das Jahr 2000, Darmstadt, S. 139–150. Hofmann, H. W./Huber, R. K./Steiger, K. 1984: On Reactive Defense Options, IASFOR, Bericht Nr. S-8403, Hochschule der Bundeswehr Mün chen. Liddell Hart, B. H. 1966: Lebenserinnerungen, Düsseldorf und Wien. Sun Tze 1972: Die dreizehn Gebote der Kriegskunst (Einleitung: G. Masch ke), München. Thimann, C. 1989: Das Personalmodell einer alternativen Verteidi gung, in: SAS (Hg.), Vertrauensbildende Verteidigung, Gerlingen, S. 204–212. Unterseher, L. 1989: Bauprinzipien alternativer Landstreitkräfte, in: SAS (Hg.), Vertrauensbildende Verteidigung, a. a. O., S. 149–164. 101 1995: Die Landesverteidigung der Schweiz: Ein praktisches Modell für die Zukunft (Expertise), SAS-Arbeitspapier, Bonn- Bern, Januar.

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References

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt von Analysen und Konzepten, die in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind, steht die Idee der „Vertrauensbildenden Verteidigung“. Diese erscheint theoretisch fundiert und in praxistaugliche Lösungen umgesetzt. Die Idee einer Umrüstung auf betont defensiven Schutz mit der Perspektive weitgehender Abrüstung lag auch der Militärreform Gorbatschows zu Grunde und trug wesentlich zur Überwindung des Kalten Krieges bei. Sie ist heute aktueller denn je. Im weiteren Kontext des Diskurses über eine Verteidigung, die nicht provoziert, stehen kritische Sondierungen: Sind die angeblich „neuen“ Kriege wirklich neu, oder diente deren Thematisierung der Legitimierung von Militärinterventionen der „zivilisierten“ Staaten? Welche Schwächen kennzeichnen solche Interventionen? Ist Krieg ewiges Menschenschicksal? Welche Bestimmungsgründe sind für Kriegsentscheidungen relevant? Welche Kriegsszenarien müssen wir fürchten?