I Gegen die herrschenden Strömungen in:

Lutz Unterseher

Krieg und Kriegsvermeidung, page 5 - 34

Theoretisch-praktische Schriften

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4412-4, ISBN online: 978-3-8288-7414-5, https://doi.org/10.5771/9783828874145-5

Tectum, Baden-Baden
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5 I Gegen die herrschenden Strömungen 6 Bewegung, Bewegung! Zur Kritik eingefahrener Vorstellungen vom Krieg – erschienen in Sicherheit und Frieden, 2/1987 – Dieser Beitrag gründet sich auf die altfränkische Überzeugung, dass mili tärische Maßnahmen, die zwecks Abschreckung, also Kriegsverhin de rung, angedroht werden, notfalls auch durchführ bar sein müssen. Wie es begann Vor dem NATO-Beitritt der Bundesrepublik Deutschland gab es un ter den Militärplanern alternative Vorstellungen über die künftige Ver tei di gung und damit auch einen Krieg in Mittel europa. Die Position der über wie genden Mehrheit ist durch das Stichwort „Himmeroder Denk schrift“ zu kenn zeichnen (Rautenberg/ Wiggershaus 1977); Minderheits mei nung war im Wesentlichen die des Obersten a. D. Bogislaw von Bonin (Brill 1986). Dieser pommersche Generalstäbler entwickelte – in offenbar naivem Glauben an den neu-alten Primat der Politik – eine Verteidigungskon zep ti on, die fol gen de drei Kernaussagen der damaligen Adenauer-Regierung sinn gemäß zu berück sich tigen bean spruchte: • Erstens: Die „Soffjets“ stehen vor der Tür! • Zweitens: Wir können uns auf die Verbündeten verlassen! • Drittens: „Wiedervereinigung“ ist das oberste Ziel deutscher Politik! 7 Für von Bonin folgten aus diesen Prämissen die Notwendigkeit des schnel len Aufbaus einer deutschen Verteidigung aus noch tauglichen alten Ka dern, das Erfordernis einer betont defensiven Struktur, um die Sowjetunion nicht zu provozieren und die Perspektive der Wieder vereinigung offenzu halten, sowie die Möglichkeit, alliierte mobile Reserven als Teil der Ab wehr einzuplanen, zumindest solange die deutschen „Schildkräfte“ noch re lativ schwach sein würden. Konkret sah das Konzept ein grenznah ansetzendes, lückenloses und gestaffeltes Verteidigungssystem von etwa 50 bis 70 Kilometern Tiefe vor, das sich im Wesentlichen auf panzerabwehrstarke Spezialverbände (mit ho her sekundärer Resistenz gegen Infanteriean griffe) sowie auf relativ klei ne mobile Reserven, vor allem Panzerverbände und Artillerie, stützen sollte, die für besonders gefährdete Räume als doppelte Sicherung vor gesehen wa ren. Auf taktischer Ebene beanspruchte von Bonin für seine De fen siv struktur hohe Widerstands kraft: bedingt zum einen durch Auflo cke rung gut getarnter, gedeckter Stellungen und zum anderen durch be trächt liche Fle xibilität ‚vor Ort‘, d. h. die Möglichkeit der begrenzten Ver dichtung (Bo nin 1954). Die militärische Philosophie war offenbar: Durch zäh-flexible, lü cken lose Resistenz lassen sich auch massivste Vorstöße eines panzer star ken Angreifers – kumulativ – so sehr zermürben und fesseln, ja teilwei se schla gen, dass der Verteidiger zum Schutz gegen drohende Durchbrüche mit relativ knappen operativ beweglichen Eingreifverbänden auskommen kann, was die willkommene politische Nebenwirkung hat, die Verteidigung in ihrem Gesamtaufzug möglichst wenig provokativ halten zu können. 8 Der hier – notgedrungen – nur kurz skizzierte Bonin-Plan ist aus vie ler lei Gründen zurück gewiesen worden. Wir lassen dahingestellt, ob – wie gelegentlich behauptet – die westlichen Verbündeten ihn der Bundesre gie rung ausgeredet haben, und es tut an dieser Stelle auch nichts zur Sache, ob die illusionslose – nicht gegnerische (!) – Haltung von Bonins gegenüber der Inneren Führung viel zur Ablehnung seines Planes beigetragen hat. Von Be lang ist in diesem Zusammenhang nur die militärische bzw. militär po litische Kritik jener Offiziere, die damals obsiegten. General Heusinger, der Vorgesetzte von Bonins im Amt Blank, hielt im Rückblick den „so genannten Bonin-Plan“ für militärisch äußerst ris kant, „weil ein Durchbruch der russischen Panzermassen bei entspre chen der Schwerpunktbildung auch durch einen von Bonin geplanten Sperr gür tel nicht zu verhindern gewesen wäre“ (zit. n. Brill: 155 f). Und weiter: „Eine Verteidigung der Bundesrepublik Deutschland wä re damit allein von einer erfolgreichen Gegenoffensive der Alliierten ab hän gig gewesen. Ob diese dazu bereit gewesen wären, nachdem die deut schen Kräfte im Sperrgürtel überrannt waren, erscheint mir sehr zwei fel haft! Ich hatte hierfür nur allzu deutliche Hinweise.“ Zudem: „Die Deut schen wären mit diesem Plan zu Hiwis der Alli ierten geworden. Die von uns angestrebte Gleichberechtigung wäre nicht er reicht! Wir hätten nur die Waffen für eine begrenzte Aufgabe erhal ten und keinerlei Mitwirkung bei der militärischen Entschlussfassung und Führung erreicht.“ Heusinger meinte ferner, dass der Boninsche „Sperrgürtel … bereits in Friedenszeiten eine erhebliche Belastung und Unruhe bei der Bevölke rung ausgelöst“ haben würde. „… mit großen Sperr- und Sprenganlagen hät te er versehen sein müssen … 9 und das zu einem Zeitpunkt, wo man eine Wiedervereinigung Deutschlands nicht für unmöglich hielt. Die De mar ka ti onslinie wäre damals schon zur Grenzlinie geworden.“ General de Maizière, im Amt Blank einer der jüngeren Stäbler, gab – ebenfalls im Rückblick – folgende militäri sche Kritik der Mehrheits frak tion zu Protokoll: „Soweit ich mich erinnere, sah das operative Konzept von Bonins ei nen durchlaufenden Panzerabwehr- und hindernisstarken Sper rriegel an der Grenze zur DDR vor. Es basierte also auf dem Gedanken einer stati schen Ver teidigung. Das deutsche operative Denken hat sich aber immer auf den Grundsatz der operativen Beweglichkeit gestützt. In der neueren Mi litär geschichte haben statische Verteidigungsriegel, ja sogar aus gebaute Fes tungs linien, das zu verteidigende Gebiet nicht vor dem Zugriff eines Angrei fers bewahren können. Sperrriegel – sie mögen noch so feuerstark sein – können durch eine Feuerkonzentration des Angreifers auf engem Raum örtlich immer zer schla gen werden. Luftlandetruppen sind in der Lage, einen Riegel in der Luft zu überspringen und von hinten zu öffnen. Richtig verstandene Vertei digung heißt flexibles Reagieren auf den Angriffsplan des Gegners unter Fest halten bestimm ter Geländeräume und rechtzeitige Konzentration der ei genen Kräfte zum Gegenangriff an selbst gewählten operativen und tak tischen Schwerpunkten“ (zit. ebd.: 157 f). Der Bonin-Plan, in der Ausarbeitung vom Juli 1954, war bis 1986 „streng geheim“. Die Kritiker, sie waren übrigens für diese Klassifizierung mitverantwortlich, haben den Plan von Anfang an verfälscht dargestellt und dann gemeinschaftlich an ihrer Version festgehalten. Von einem sicht bar-massiven Befestigungsgürtel, schmal und deswegen leicht zu durch- 10 stoßen oder zu überspringen, kann zum Beispiel bei genauer Kennt nis des Konzeptes nicht die Rede sein! Und auch das Etikett „Statik“ er scheint so nicht begründet: Vielmehr ging es um eine argumentativ wohl fundierte Akzentverlagerung – von starken operativen Elementen hin zu fle xibler tak tischer Widerstandskraft. Neben der absichtlichen Verfremdung der ungeliebten Alternative fällt ein etwas sonderbarer Umgang mit den „Lehren der Geschichte“ auf: Mit der Totschlagsformel „Statik funktioniert nicht“ wird die Einsicht in die Erfolge tiefgestaffelter, flexibler Verteidigung (mit Anlehnung an auf ge lockerte, „unsichtbare“ Befestigungssysteme) zugedeckt – als hätte es die leistungsstarke Abwehr der Finnen im Winterkrieg 1939/40 und deren ab schreckende Androhung im Jahre 1944 nie gegeben, als seien die ge lun genen Verteidigungsschlachten von Alam Halfa (1942) und Kursk (1943) usw. Märchen. Was die Kritiker bei ihren intellektuellen Anstrengungen getrieben hat? Da ist zum einen das Misstrauen gegenüber den Verbündeten, und da ent wickelt sich zum anderen – in der Perspektive des baldigen NATO-Bei tritts – ein recht kräftiges militärisches Statusinteresse. Etwa nach dem Mot to: Mitspracherecht gibt es nur, wenn man über möglichst viele „or dent liche“ Großverbände mit Gegenangriffsfähigkeit verfügt. Nur dann wird man wieder respek tiert. Für den Aufbau solcher Kräfte ist durchaus ei nige Zeit zu ver an schlagen, so nah ist die rote Gefahr nun auch wieder nicht, und die Per spek tive baldiger Wiedervereinigung erscheint so vage, dass man sich über die möglicherweise negativen Auswirkungen des Aufb aus provoka tiver Streit kräfteelemente nicht allzu große Sorgen macht. 11 So wird im Wesentlichen die Strukturkonzeption der „Himmeroder Denkschrift“ von 1950 mit ihrem starken Akzent auf schweren, (ge gen) an griffsfähigen Großverbänden beibehalten. Dies gilt freilich nicht für die da mit verbundene militärische Ab schreckungsphilosophie, die eine An dro hung weitreichender Operatio nen gen Osten vorsah. Ganz wie von Bo nin woll te man auf bundesdeutschem Terri torium vorne verteidigen und ggf. nur die Integrität des eigenen Ge bie tes wiederherstellen, allerdings mit – mil de ausgedrückt – etwas doppel deutigen Mitteln. In den Worten von General Uhle-Wettler: „Die offensive Konzeption Himmerods ist … längst aufgegeben, de facto war sie wohl schon tot, noch be vor der erste Soldat En de 1955 seine Uniform anzog. … Ein Gegen schlag, wie er in Himmerod skizziert wurde, könnte … den umfas senden Atomkrieg auslösen. … Mit der offensiven Konzeption fiel jedoch nicht die dazugehörende Heeres struk tur. … So haben wir von 1955 bis heute mit zu nehmender Ausschließ lichkeit ein Heer entwickelt, das am besten für weit reichende Angriffsope rationen in offenem Gelände geeignet wäre, in dessen aber in zentral europäischem Gelände die (Vorne-)Verteidi gung durch führen soll“ (Uhle-Wettler 1980: 75). Anders ausgedrückt: Politisch war und ist nur eine Vornever teidi gung legitimierbar, die kalkulierte großzügige Raumaufgabe ebenso aus schließt wie nach „drüben“ gerichtete Risikostrategien; militärisch haben wir es aber mit einer Struktur zu tun, die solche Optionen prinzipiell nicht aus schließt. 12 In gleicher Münze heimzahlen Wie hat sich das so früh etablierte Konzept forcierten Bewegungs krie ges bis heute ent wickelt? Bevor wir diese Frage in groben Zügen be ant worten, sei ein Blick auf die andere Seite geworfen, denn zum Krieg füh ren gehören mindestens zwei. Vom Warschauer Pakt als potentiellem Ag gressor wird immer wieder und fast unisono Folgendes gesagt: Krieg in Mitteleuropa beginnt, weil unser Gegenüber ihn anfängt. Die an dere Seite wird überraschend, fast aus dem Stand, zuschlagen, oder – wenn die eigenen Kräfte dazu als unzureichend erachtet werden – die schwerfällige Kommunikation in der NATO ausnutzen und uns täuschen. Als plausibel vorgestellt wird etwa die Nutzung einer – tatsächlichen oder angeblichen – blockinternen Krise zur Mobilisierung von Trup pen, die dann blitzartig gen Westen dirigiert werden könnten. Wenn die andere Seite den Krieg beginnt, wird sie ihn mit einem Feuer schlag eröffnen, der – hochselektiv – die gesamte Tiefe des zu verteidi genden Raumes umfasst. Potentielle Ziele sind Atomwaffenträger und -de pots, sonstige Munitionslager, Ansammlungen von militärischem Groß gerät, Kommandozentralen und Knotenpunkte der Kommunikation, Em pfangsstationen für atlantische Reserven usw. An dem Feuerschlag be teiligen sich koordiniert weitreichende Artillerie, Boden-Boden-Rake ten, Jagdbomber, aber auch vorher eingesickerte Kommandotruppen („spets naz“). 13 Synchronisiert mit dem Feuerschlag haben die Landstreitkräfte der ande ren Seite schnell in die Tiefe des zu verteidigenden Raumes vorzu stoßen. Dabei versuchen sie, Lücken in der Abwehr auszunutzen, die „Ar beit“ des initialen Schlages zu vollenden, überraschte westliche Trup pen ein zu schließen oder erst noch anmarschierende NATO-Ver bän de in Begeg nungsgefechten zu werfen, auf die sie speziell vorbereitet sind und bei denen der Verteidiger seines Heimvorteils beraubt ist (Dick 1985: 664). Im Zentrum der Angriffsoperationen der Landstreitkräfte steht nach wie vor der Kampf panzer. Der stoßkräftige Kampfpanzer ist eingebunden in ein Konzert der „verbundenen Waffen“ – von mechanisierter Infanterie, gepanzerter Begleit artillerie, Kampfhubschraubern, vorauseilenden Luft sturmkräften usw. – jeweils in lageabhängiger Dosierung. Interessante Frage: Wie erscheint – umgekehrt – die NATO in der offi ziel len Sicht der anderen Seite? Antwort: Ganz genauso. Drüben ist das west liche Bündnis der potentielle Aggressor, der unter Täuschung über seine wahren Absichten plötzlich einen Krieg vom Zaun bricht, in dem er Feuer gegen die Tiefe des Warschauer Paktes richtet und seine panzer star ken Landstreitkräfte in der Manier der „verbundenen Waffen“ in die Wei te öst licher Räume schickt. Doch Propaganda beiseite: Wie sieht die Verteidi gung der Bundes republik Deutschland sich selbst? Antwort: Es gibt immer noch erhebliche Ähnlichkeiten mit der anderen Feldpost nummer. 14 Zwar wird ausgeschlos sen, dass die NATO den Krieg anfängt, doch wenn dieser einmal begonnen hat, geht es um überraschende Bildung von Gegenschwerpunkten, um se lek tives Feuer gegen die Tiefe des gegenüber liegenden Raumes (nicht zu vergessen: weitreichende Einsätze amerikani scher Special Forces) und um extrem schnelle Operationen panzerstarker, die Leistungskraft unterschied licher Truppengattungen geschickt integrie ren der Landstreitkräfte unter Aus nut zung von Lücken und Schwachstellen im Dispositiv des Angreifers. Allerdings: Um nennenswerte Territorialgewinne auf der anderen Sei te der Demarkationslinie soll es den westlichen Verbänden nicht gehen; ihre Stoßkraft und Beweglichkeit soll vor allem zum flankierenden Schla gen der Angriffskräfte „in kurzen Haken“ und zur Wieder herstellung der Integrität des eigenen Gebietes eingesetzt werden. Im Prinzip müssen die mobilen Gegenangriffsverbände schneller sein als die eindringenden Angriffsformationen. Nur so glaubt man, das wesent liche Privileg des Angreifers, nämlich das der initialen Schwer punkt bil dung, durch Gegenkonzentration neutralisieren zu können. In diesem Zu sam menhang mag es vorkommen, dass der Verteidiger möglichst ge schwind und friktionsarm einzelne oder mehrere Brigaden längs der De mar kationslinie bewegen muss, um drohenden Einbrüchen zuvorzu kom men bzw. diese zu bereinigen. Eine derartige Reallokation von Kräften ist – wie wir noch sehen werden – mit Tücken behaftet. Sie erscheint aber vor allem dann not wen dig, wenn im Sinne der politisch gebotenen Vorneverteidigung die zur De fensive aufmarschierten NATO-Verbände in einem Abstand von et wa 30 bis 50 Kilometern zur deutsch-deutschen Grenze qua si linear auf ge reiht werden. 15 Mit dieser Skizze entsteht vor unseren Augen ein Kriegsszenario, das von Bewegung dominiert wird. Da nutzt ein jeder Lücken im Dispositiv des anderen: Der Aggressor sucht dort einzudringen, wo NATO-Verbände möglicherweise noch nicht „in Linie“ stehen bzw. dort, wo Bewegungen des Verteidigers schlecht koordiniert sind. NATO-Kräfte wiederum streben danach, die weichen Flanken der gegnerischen Angriffsformation zu ent decken und durch entschlossene Stöße auszunutzen. Es scheint, als drehe sich ein jeglicher um jeden. Und da sich beide Seiten in ihrer Struktur nicht allzu unähnlich sind, ließe sich – etwas mokant – von den „Zwillingen in der Drehtür“ sprechen. Fragt sich allerdings, ob in der Realität die Rochaden der mobilen Truppen örtlich so sehr begrenzt werden können, wie diese Metapher es unterstellt. Selbst wenn man, wie der erfahrene Troupier General Niepold (Nie pold 1981: 70), von der „Vorneverteidigung in einer möglichst tiefen Zo ne“ spricht, muss man doch befürchten, dass bei einer bewegungs beton ten De fensive, die Lücken als konzeptbedingt tolerieren muss, Durch brü che ei nes Angreifers prinzipiell nicht auszuschließen sind. Das Bild eines beweglichen Tohuwabohu, das durchaus nicht auf den grenznahen Raum beschränkt sein muss, wird vervollständigt durch die re a le Vision tiefenwirksamen, potentiell allgegenwärtigen Feuers, dessen Schwer punkte schnell wechseln und das – wegen der militärisch lohnenden Zie le in der Nähe von Bevölkerungszentren – die Kriegsrisiken von Solda ten und Zivilisten egalisiert. Stichwort „Zivilisten“: Das Wogen einer möglichst frei beweglichen Kriegführung kann – so der interne NATO-Kon- 16 sens – selbstverständlich nicht die besiedelten Räume in der grenznahen Zone aussparen. Was in der Bundeswehr kaum einer ausspricht (gelegentlich aber doch geübt wird), das ist von unseren Verbündeten in großer Offenheit zu hö ren: Vor allem klei nere Ortschaften, aber auch die Randzonen der Bal lungsgebiete, geben hervorragende Deckungen für bewegliche NATO-Kräft e ab. Kein Wunder, wenn solche Ansiedlungen im Ernstfalle zu loh nenden Zielen für gegne risches Feuer oder die Besetzung durch Truppen wür den! Trotz dieses Sachverhalts werden die Anhänger von „Alternativ kon zepten der Verteidigung“, die bei einer bewaffneten Auseinandersetzung kleinere Ortschaften gerne evakuiert sähen und größere bewohnte Gebiete sinnvollerweise militärfrei wünschen (diese Konzepte beanspruchen, den Kampf in, aus und um größere Ansiedlungen durch Raumkontrolle sinnlos zu machen), durch Amtsvertreter bei öffentlichen Diskussionen immer wie der mit Horror szenarien konfrontiert – Tenor: „Wenn der Russe unsere Ort schaften besetzen kann, wird er, wir wissen ja wie, die Bevölkerung quä len!“ Anmerkung: Angesichts der einschlägigen Belastung der deutschen Wehr macht sollten deutsche Offiziere, die sich mitunter derartiger Schreck bilder bedienen, ein wenig vorsichtiger sein! Die geistige Haltung: Unser Vorteil? Merke: „Die Lage ist meist ungewiss.“ „Freie Räume und Lü cken zwischen den Verbänden sind alltägliche Erscheinungen“ (Hervorhebung im Original). „Auch in ungeklärter Lage muss 17 entschlossen gehandelt wer den.“ „Stets im Sinne des Ganzen handeln!“ (Middeldorf 1968: 51/54) Diese zusammengewürfelten Zitate aus einem populären, offiziösen Tak tik-Handbuch der 60er Jahre leiten über zu der Frage: Wie kann man sich im Bewegungskrieg behaupten, wenn man keinen numerischen Vorteil besitzt? Kurze Antwort siehe oben: durch entschlossenes Handeln im Sinne des Ganzen, auch wenn die Lage unklar ist und man nicht genau weiß, son dern eher nur ahnt, was das „Ganze“ denn beabsichtigt. Gefordert ist wahre Führerschaft, die sich auf eine „geistige Haltung“ gründet, die wiederum gekennzeichnet ist durch überlegen-kühles Durch drin gen selbst unübersichtlichster Lagen, Initiative und ruhige Entschluss kraft (nur keine undeutsche Hast!) sowie die Fähigkeit, mit – geistig – Wahl verwandten möglichst zwanglos zu kommunizieren und zu koope rie ren. Vor allem letzteres, nämlich Initiative und Kooperationsfähigkeit, ma chen „Auftragstaktik“ möglich, ein Führungsverfahren, das den jeweils nachgeordneten Hierarchiestufen nur Ziele vorgibt, aber nicht den modus operandi, und dadurch dem Erfordernis „nicht-willkürlicher Selbständig keit“ im modernen Bewegungskrieg am besten entspricht. In der Tat lässt sich in diesem Zusammenhang mit gewisser Plausi bilität ein Vorteil des Westens, besonders aber der Bundeswehr, erkennen, sind doch die Zeugnisse für systembedingten Mangel an Initiative – vor allem auf der taktischen Ebene – in der Sowjetarmee Legion, erscheint doch „drüben“ die Befehlsgebung bis hinunter zur kleinsten Einheit immer noch sehr rigide und anfällig für Störungen aller Art (Erickson 1981). Leider muss an dieser Stelle dennoch etwas Wasser in den Wein deutschen Selbstbewusstseins geschüttet werden: 18 Zum einen machen sich auch in der Bundeswehr, als einer komplexen hochtechnisierten Großorganisation, Tendenzen der Bürokratisierung und „Über- oder Scheinprofessiona lisierung“ breit, die in Verantwor tungs scheu bzw. Absicherungsdenken und demzufolge in Karrieren re sultieren, die weniger auf militärische Leistung als vielmehr auf die stück chenweise Anhäufung oft sachfremder Beförderungsansprüche ge gründet sind. Zum anderen lösen sich die Bande des Führungskorps, und damit die Vertrauens beziehungen, die für reibungslose professionelle Kooperation Voraussetzung sind, auf grund langfristig wirksamer gesamtgesell schaft licher Trends zunehmend auf (zu nennen sind da zum Beispiel: die Ver breiterung der Rekrutierungsbasis, die abnehmende Präge kraft mili tä ri scher Sozialisation und der Bedeutungsgewinn ziviler Werte). Das Offi zier korps spürt diese Veränderungen, fürchtet instinktiv eine Gefähr dung der internen Ko operationsfähigkeit, verarbeitet das Problem aber nicht bewusst: Stattdessen wird – auf Teufel komm’ raus – versucht, die Reste der Integrität des Korps zu retten (Unterseher 1986). Das geschieht durch eine verbiesterte Homogenisierung nach der politischen Couleur und die Ent wicklung einer „militärischen Gegenkultur“, die angesichts ei ner sich weiter „zivilisieren den“ Umwelt aufgesetzt wirkt wie eine Papp nase (Gessenharter 1986: 116 ff). Die skizzierte Entwicklung hat im doppelten Sinne politische Kosten: Die Tendenzen zur Über- bzw. Scheinprofessionalisierung führen zur Austrock nung des innermilitärischen Diskurses und 19 möglicherweise auch dazu, dass Alternativen militärischer Umsetzung politi scher Ziele gar nicht erst erör tert werden. Schlimmer aber ist, dass ein Infragestellen der vir tuellen poli ti schen Homogenität des Offizierkorps mehr und mehr als Be drohung der Funk tions tüchtigkeit des militärischen Apparats erscheint. Ei ne derartige Entwicklung ist schlicht nicht demokratieverträglich. Atomwaffen: Nicht mehr so wohlfeil? Zwar stehen Führungs- und Kooperationsfähigkeit schon im moder nen konventionellen Be wegungskrieg unter extrem hohen Ansprüchen, doch bildet erst das atomare Gefecht die absolute Herausforderung. In ei ner Zeit, in der die Sowjetunion noch nicht auf allen möglichen Ebenen atomarer Eskalation praktisch gleichgezogen hatte und infolge des sen ein (Erst-)Einsatz von Kernwaffen durch den Westen noch eine ge wis se Plau sibilität besaß, hat sich die Bundeswehr dieser Herausforderung durch aus ge stellt. Es stimmt nicht, dass die Bundeswehr, der „reinen Kriegsverhinde rung“ verpflichtet, nur bis zum ersten Atom waffen einsatz dachte. Ganz im Ge gen teil: Nukleare Abschreckung erschien von Anfang an nur möglich durch konkret verfügbare atomare Einsatzoptionen. So gelten mit Recht die Aus führungen über den Atomeinsatz in dem bereits zitierten Taktik-Handbuch als ein Höhepunkt militäri schen Denkens in Deutschland. Klar wird hier erkannt, dass Bewegungskrieg unter „Ein mischung atomarer Waffen“ die Führung mit einem mehrfachen Dilemma konfron tiert. „Das atomare Ge fecht wird“ noch viel mehr als das kon venti onelle 20 „cha rak te risiert durch: weite Auflockerung der Truppen, schnelle Bewe gung mechani sier ter Ver bände, Hin- und Herwogen des Kampfes mit vie len uner warteten Wechselfällen und oft inselartigem Charakter der Käm p fe, Unterbrechung der Verbindungen, Ausfall ganzer Führungs be rei che, Zer reißen der Ge fechts gliederungen“ (Middeldorf 1968: 54 f). Pro blem: „Auflockerung er schwert feindliche Aufklärung und ist ent scheidendes Mittel des Schutzes, zu weite Auflockerung jedoch mindert die Fähigkeit zu schnellem Han deln.“ Und wenn man nicht handeln, also Schwerpunkte bilden kann, verliert man die Initiative, damit das Gefecht und möglicher weise mehr. Doch dies ist nur eine Facette des Führungsdilemmas, die andere besteht darin, dass einerseits Auflockerung und inselartige Lagen Selb stän dig keit erfordern, andererseits eigener Atom waffen einsatz straffer Koor di nation und des „Führens am kürzeren Zügel“ bedarf, um nicht den ver tei digenden Truppen die Kernladungen aus Versehen auf die Füße zu schmei ßen. Gerade dieser Gesichtspunkt der Sicherheit hat in zahlreichen Lagen zur Rigidität der Befehlsgebung und damit zur mangelhaften Aus nutzung knapper militärischer Ressourcen geführt: Feuer hat gewitzte Be weg lich keit erschlagen. Langfristig ging dieses Mehrfach-Dilemma den professionellen Sol da ten auf die Nerven. Wichtiger noch für die Absage an den zugespitzt mi litä rischen Gebrauch von Kernwaffen durch viele Militärs war aber wohl das Gleichziehen der Sowjetunion auf allen Ebenen und die daraus resul tierende Unmöglichkeit, in der Dynamik eines atomaren Schlagabtausches auf Eskalationskontrolle hoffen zu können. Weniger, aber doch auch, dürft en zur wachsenden Skepsis deutscher Militärs gegenüber militärischem Atom waffeneinsatz in Mitteleuropa die zu erwartenden Verluste 21 in der Zi vil bevölkerung beigetragen haben. Doch: Noch bis zu den WINTEX-Übun gen der letzten Jahre wurde, nach in der Regel mehrtägigem kon ventionellen Konflikt, auf deutschem Boden nuklear eskaliert. Früher ge schah dies meist im Sinne eines strikt militärischen Gebrauches, der sich durchaus in den Austausch voller Sal ven hineinsteigern konnte. Seit einiger Zeit mag es eher um symbolisch-politische Schläge ge hen. Wir wissen es nicht genau. Zivilisten, die gelegentlich ihre Insider-Kennt nisse aus dem Bunker durchsickern lassen, werden nämlich mit dem ersten Atomschlag nach Hause geschickt. So sind wir auf die Beteuerungen bundesdeutscher Militärs verwie sen, dass man die Atomwaffen „repolitisiert“ habe. Ein Einsatz komme al lenfalls als gezieltes politisches Signal zur Beendigung eines untolerier bar lan gen und zerstörerischen konventio nellen Konfliktes in Frage.. Auf Unverständnis stößt diese Behauptung bei jenen Kritikern, die beobachtet haben, dass die NATO – bei Abzug obsoleter Atomwaffen – die in Zentraleuropa verbleibenden so modernisiert, dass sich mehr konkrete Ein satzoptionen ergeben als vorher. Für diese wachsende militärische Ka pazität wird amtlicherseits meistens das Argument nachgeschoben, dass man über Mittel verfügen müsse, die mögliche Konzentrationen eines An grei fers von vornherein unter Strafe stellen und somit verhindern können. Dem lässt sich freilich entgegnen, dass sich mit gar nicht so exoti schen kon ven tionellen Technologien (Salvenwerfer, Bomblets, Minelets, Sensor mu nitionen) ein entsprechender Effekt zu kleineren Preisen und ex trem höherer militärischer Flexibilität erreichen lässt (beträgt doch – nach einer Information von Ge- 22 neral Gerber – die Zeit von der Beantragung bis zur Frei gabe eines nuklearen Einsatzes in der Regel länger als 12 Stunden). Zwischen nuklearem Patt und westlicher Ersteinsatzdoktrin erscheint es heillos, darüber zu spekulieren, wie wahrscheinlich bei einer mili tä ri schen Auseinandersetzung in Mitteleuropa ein Atomwaffenge brauch wäre. Sinnvoller ist es demgegenüber wohl, darüber nachzudenken, welche Prä mie unsere Nuklearwaffen mit ihrer potentiellen Gefährlichkeit und dem lukrativen Zielangebot, das sie darstellen, der anderen Seite in einer sich zu spitzenden Krise für einen zuvorkommenden konventionellen Schlag bieten. Lästiges: Flüchtlinge, Logistik und Verwundete Fraglos würde der Einsatz – zunächst – eigener Atomwaffen in Mit tel europa eine militärische Auseinandersetzung vor allem auch für uns jeg licher Kalkulierbarkeit berauben. Doch gibt es schon auf der Ebene „dar unter“ manch üble Unwägbarkeit: Da sind zum Beispiel die Flüchtlinge. Nach NATO-Lesart sollen die Bürger, falls Kampfhandlungen ausbrechen, zu Hause bleiben. Interne Schät zungen der Bundes regierung nehmen hingegen an, dass schon bei einer konventionellen Aus einandersetzung, die zunächst vorwiegend auf den unmittel baren Grenz raum beschränkt bleibt, sich zwei Millionen Deut sche und weitere zwei Millionen Gastarbeiter motorisiert in General rich tung Süden auf die Straße begeben würden. Schon im Rahmen dieser konservativen Annahme besteht wenig Hoff nung auf Kontrolle und Kanalisie rung der Ströme durch die Polizeien bzw. den Bundesgrenzschutz. Kräfte des Territorial heeres kämen zu spät und hätten im Übrigen über- 23 wiegend andere Aufgaben zu erfüllen. Ein sol cher Strom würde quer zu den Nachschubsträngen und den Aufmarsch we gen der Reserven verlaufen: ein Alptraum für eine beweg liche Verteidigung, die zumindest im Großen den Zusammenhang wahren will. Übri gens, dass sich sehr viel schlimmere – und wohl plausiblere – Szenarien denken lassen, dürfte auf der Hand liegen. Ein weiteres Handikap für eine bewegliche Vorneverteidigung liegt in logistischen Prob lemen. Wie bereits kurz angedeutet, ist es organisa torisch und planerisch höchst kompliziert, über Divisionsgrenzen hinweg Großverbände oder Teile von Großverbänden die „Linie herauf oder her unter“ zu verschieben. Solche Verschiebungen müssten die Nachschub strän ge der jeweiligen Nachbarverbände kreuzen und können ein Chaos zei ti gen (Huntington 1983–84: 49). Vergessen sollte schließlich nicht werden, dass eine halbwegs geord nete Verwundeten versorgung quer zu den Erfordernissen einer Krieg füh rung extrem schneller Bewegungen steht. Ein Beispiel: Zwar kann eine erste Wundversorgung bzw. -behand lung durch dezen trale, mobile Teams ‚vor Ort‘ durchgeführt werden, diese können auch hinreichend mit Blutplasmavorräten ausgestattet sein, die relativ preisgünstig und haltbar sind, doch erfordern Bluttransfusionen (der echte rote Stoff ist sehr wertvoll und hat eine nur kurze Lagerzeit) und eine angemessene chirurgische Versor gung der Verwundeten leistungsfähige, über längere Zeit stationäre Ein richtun gen: möglichst nicht zu weit, 15 bis 20 Kilometer gelten als Richt wert, vom vorderen Rand der Vertei di gung ent fernt, aber sinnvollerweise auch nicht zu nah (Hannon 1986: 621 ff). Schwer vorzustellen, dass sich diese Anforderungen unter den Be dingungen einer Kriegführung reali sieren lassen, in der 24 es nach dem An fangsaufmarsch keine Linie mehr gibt, in der sich alles ständig dreht und wendet. Wohlgemerkt, hier geht es um systembedingte, um „hausge mach te“ Störungen. Ver gessen wir nicht, dass es im Krieg auch immer noch den Feind gibt, der mit seinem tiefenwirksamen Feuer ein Übriges zur Ver wirrung in den rückwärtigen Räumen beitragen kann (vor allem, wenn er dort empfindliche militärische Ziele und komplizierte, leicht stör bare Be wegungsabläufe findet)! „Vorwärts“ als Ausweg und die Wiederentdeckung der operativen Ebene An den eingebauten Widersprüchen einer quasi-linearen Vornever teidigung mit beweglichen schweren Verbänden setzt der angesehene ame ri ka nische Politologe und ehemalige Präsidentenberater Samuel P. Hun ting ton an, um dann deren Überwindung im Gewand einer neu-alten Ab schreckungs philo sophie zu verkaufen. Huntington konstatiert ein nukleares Patt und, daraus resultierend, die tendenzielle Neu tralisierung der Atomwaffen als Droh- bzw. Kriegs verhin derungsmittel. Deswegen müsse die konventionelle Abschreckung ver stärkt werden. Solches könne nur durch eine Befreiung der beweglichen Großverbände der NATO von der widernatürlichen Fessel der Vornevertei digung geschehen. Durch Bewegung entlang ihrer Versorgungsstränge könn ten die westli chen Großverbände leistungsfähiger sein und friktions ärmer eingesetzt werden. Gedacht ist dabei vor allem an eine Bewegung gen Osten. D. h., es geht um den Aufbau eines konven tionellen Ver gel tungs potentials, das nach Hun- 25 tington die andere Seite mehr vom Kriege ab schreckt als die bisherige „Abhalte-Verteidigung“, die mit der Behaup tung bzw. Wieder gewinnung von Territorium zufrieden war (Huntington 1983–84: 45 ff). Interessanterweise soll ein Eindringen von Angriffsverbänden des War schauer Paktes durch neu aufzubauende Defensivstrukturen des Wes tens aufgefangen werden, die den Schriften von Bonins entstammen könn ten (taktische Defensive als Dienstmagd operativer Offensive). Huntington übersieht, dass – historisch betrachtet – die Entwicklung von Streitkräfte- bzw. Doktrinelementen, die sich an „Bestrafung“ orien tieren, per saldo eher ein Zuvorkommen der Gegenseite, Krieg also, zur Folge hatten, als stabile Abschreckung (Mearsheimer 1983). Für eine sta bile Abschreckung, so sagt die Kritik an Huntington, muss man nicht mehr – und nicht weniger – aufbringen als eine erfolgversprechende Abhalte- Ver teidigung. (Soll diese kosteneffektiv sein, wäre sie allerdings ganz an ders zu instrumentieren als mit entfremdeten Elementen weiträumigen Be we gungs krieges.) Sich an einer Abhalte-Verteidigung eine blutige Nase zu holen, wäre für die Sowjetarmee schon Strafe genug. Wenn wir an die Funktion der Sow jetstreitkräfte als Stabilisator des Ostblockes denken, wird klar, dass die Führung in Moskau nach dem Misslingen einer Aggression – anders als oft behauptet – nicht wieder zum politi schen status quo ante zurückkehren könnte: sicherlich ein abschreckendes Kalkül. Amtlicherseits wird bei uns in öffentlichen Diskussionen immer wie der behauptet, die Logistik der NATO-Verbände gestatte keine grenzüber schreitenden Operationen. Huntington würde antworten: Sicherlich gibt es da Probleme; doch diese 26 Aufgabe ist leichter zu lösen als die der lateralen Verschiebung hinter der Linie! Zudem, könnte er sagen, müssten westliche Angriffsoperationen ja gar nicht allzu weit reichen – die Stimulierung von Unruhe unter der Zivilbevölkerung „drüben“ sei schon Drohung – oder Stra fe – genug. Hier gibt es Anklänge an Überlegungen von Offizieren der Bun des wehr, zum Beispiel von Dieter Farwick und auch Elmar Dinter (Far wick 1983; Dinter 1985). Sie mögen zu den Außenseitern unserer Streit kräft e gehören, doch hat zumindest der eine eine entsprechende Pub li ka tion mit Bil ligung seines Ministers vorgenommen. Wohlgemerkt: Ihnen geht es nicht um Angriffskonzepte, sondern um die Erwirtschaftung von grenz über schreitenden Optionen, nachdem unser Gegenüber den Krieg be gon nen hat. Die Androhung solcher Optionen soll – was fragwürdig ist – Krieg verhindern, ihre Realisierung beabsichtigt Faustpfänder zu gewin nen, die als Hebel zur Kriegsbeendigung empfohlen werden. Vor dem Hintergrund dieser Diskussion irritiert eine Entwicklung, die sich verkürzt als „Wiederentdeckung der operativen Ebene“ kennzeich nen lässt. Nachdem man, um Einheitlichkeit mit den Angelsachsen herzu stellen, auf den preußischen Begriff des Opera tiven als Vermittlung von Strategie und Taktik verzichtet hatte, entdeckt man ihn nun wieder neu – in Reaktion darauf, dass ihn sich die Amerikaner zum ersten Mal erschließen (AirLand-Battle Doktrin, Field Manual 100-5). Nun wird wieder an „Be we gungen von Truppenkörpern in Korpsgröße“ gedacht, und das Zusam menkratzen von starken operativen Reserven erhält eine ganz besondere Be deutung (Kielmannsegg 1986). In aller Munde ist nämlich, dass die Sowjets uns auf der operativen Ebene voraus sind: an Doktrin, Führungsorganisation und 27 Einsatzmitteln. Hier gilt es wieder einmal nachzurüsten. Die Jahre, in denen man sich da rin übte, operative Verstöße des Warschauer Paktes auf taktischer Ebene – kumulativ – zu neutralisieren, geraten mehr und mehr in Vergessenheit (vielleicht, weil das alles nicht so recht funktionierte oder weil man es nach dem Rezept von Bonins bzw. dessen modernen Varianten nie versucht hat?). So mag manch einer die beklemmende Vision haben, dass sich die Bundeswehr – langsam, aber nicht unmerklich – auf dem Marsch zurück in ihre Gründerjahre befindet: „Himmerod“ heißt das Eifelkloster, in dem ein frühes brainstorming die Einheit von Struktur, nämlich der gepanzerter Groß verbände, und Doktrin, nämlich der des operativen Gegenangriffs, postulierte. Auf das Kriegsbild bezogen heißt das: Falls die Abschreckung versagt, könnte mit erheblich weitgreifenderen Operationen der Land streit kräfte diesseits und jenseits der Demar ka tionslinie zu rechnen sein. Kon ventionelle Kriegführung scheint sich zu radikalisieren. Bewegungshemmnisse: Augen zu und durch? Während die einen über bewegliche Operationen herkömmlicher Groß verbände in neuen Weiten nachdenken, haben andere die Sorge, ob sich die vielgepriesene Beweglichkeit angesichts der künftigen mili tä ri schen und technischen Entwicklung überhaupt durchhalten lassen wird. Da ist zum Beispiel István Csoboth, einer der führenden Theoretiker des Hub schraubereinsatzes in der Bundeswehr. Der gebürtige Ungar hat seine Zweifel an der überlegenen Mobilität westlicher Großverbände und „unter stellt …, dass 28 die Divisionen von Ost und West sich in ihrer Beweg lichkeit neutralisieren“ (Csoboth 1984: 299). Für ihn „ist es die luftbewegliche Komponente der Landkrieg füh rung, die man für das Wieder gewinnen der Hand lungsfreiheit einsetzen muss.“ Ähnliches war von General von Senger und Etterlin zu hören, als er noch den Posten eines Oberbefehlshabers der NATO in Mitteleuropa be kleidete. Ihm ging es um die Befähigung zu weitreichenden Gegenoffen si ven, gestützt auf luftmobile Divisionen: Und wenn es auf der Erde nicht mehr geht, sucht man die Bewegung im anderen Medium. Diese Denkrich tung, der offenbar eine besondere Dynamisierung des Kriegsgeschehens am Herzen liegt, ist allerdings in jüngster Zeit etwas kleinlaut geworden. Das Kooperations- bzw. Entwicklungsdesaster im Zusammenhang mit dem deutsch-französischen Kampfhubschrauber scheint deren argumenta tive Grund lagen ziemlich zu unterminieren. Eine andere Denkschule rechnet weniger mit der wechselweisen Neu t ralisierung der Bewegung strukturähnlicher militärischer Formatio nen, als vielmehr mit Mobilitäts hemm nissen, die in der Entwicklung mo der ner Technologie liegen. So wird ein Referent auf einer Kom man deur tagung des Heeres über die „Herausforderung durch neue Tech nologie“ folgen der maßen zitiert: „Mit künftigen Systemen … werde es möglich sein, den operativen und taktischen Verantwortungsbereich wirksam mit Feu er abzudecken. Das Feuer sei somit … zum dominierenden Faktor auf dem Gefechtsfeld geworden. Die Bewegung scheint in ihrer operativen und taktischen Aus wirkung beträchtlich an Bedeutung verloren zu haben. Die Wirksamkeit moderner, dynamischer Sperr- und Minensysteme scheine dies noch zu un terstreichen“ (Kommandeurtagung 1986: 438). 29 Doch es geht weiter: „Auf die Beweglichkeit werde der Verteidiger … schon deswegen nicht verzichten können, weil er – gewissermaßen per manent rochierend – die gegnerische Aufklärungs- und Waffenwirkung un terlaufen müsse. Nur durch höhere Beweglichkeit seiner Kräfte werde es dem Verteidiger auch künftig möglich sein, schnell dort ein genügendes Maß an eigener Kampfkraft zu konzentrieren, wo der Gegner mit Schwer punkt angreift und eine Entscheidung erzwingen will. Die eigene Beweg lich keit werde dabei sogar in ihrer Bedeutung zunehmen, weil es nur durch Gegenangriffe oder schnelle, harte Gegenstöße und Einsatz mittel möglich sein werde, das gegnerische Führungs- und Aufklärungsnetz zu zerreißen und mindestens die örtliche Initiative wiederzugewinnen.“ Ähnlich sieht es General Bernhardt, der die Steigerung der Feuer kraft durch moderne Technologien griffig beschreibt und daraus die Forde rung nach „wuseliger“ Bewegung zum Schutz mechanisierter Verbände ableitet, zudem aber auf die „aktive Bewegung“ zum Wiedergewinnen der Initiative bzw. zum Durchkreuzen gegnerischer Angriffsplanung nicht ver zichten will (Bernhardt 1986). Selbst angesichts wachsender technischer Hemmnisse muss es Bewe gung einfach geben. Diese Ansicht der beiden zuletzt zitierten Auto ren verdeckt allerdings nicht die Einsicht in die zunehmenden Probleme, die in diesem Zusammenhang entstehen. Bei beiden ist deswegen auch viel von modernen, flexiblen Sperrsystemen sowie von Deckungen im Gelände die Rede, auf die Bewegung zu beziehen sei. Ähnlich äußert sich General von Sandrart, in seiner Rolle als Hee res inspekteur, wenn er mehr Mobilität, aber auch die 30 verstärkte Nut zung von vorbereiteten wie schnell verlegbaren Barrieren zur Anlehnung und De ckung fordert (Sandrart 1986). Liest man zwischen den Zeilen, will es scheinen, dass den risiko behafteten, grenzüber schreitenden Missionen möglicherweise doch nicht die Zukunft gehört: Der Schutz eigener Bewegung vor zunehmender geg nerischer Feuerkraft lässt sich wohl nur in vorbereiteten, „freundlichen“ Räu men diesseits der Demarkationslinie ge währ leisten. Denkt man dies zu En de, zeigt sich eine Verbindung zur „Alter nativen Verteidigung“: größerer Akzent auf Deckung und flexiblem Feuer – als Sanktuarium für kleinere, quecksilbrige Elemente zur be weglichen Gegen konzentration. Heilsame Ernüchterung durch eine kürzere Ressourcendecke? Nicht nur die Technik wird die Vorstellung vom Krieg beeinflussen, auch die Verknappung der Verteidigungsressourcen dürfte erhebliche Kor rek turen notwendig machen. Von Verknappung muss in doppeltem Sinne geredet werden: Zum einen geht es um in den 90er Jahren und danach feh len des Personal, zum anderen um wachsende gesellschaftliche Anspruchs konkurrenz um den Bundeshaushalt (der „eigentliche“ Rentenberg kommt erst noch, und der Umweltschutz hat einen gigantischen Nachholbedarf), die das amtlich geplante Wachstum des Verteidigungsbudgets auf jeden Fall ausschließt (Bebermeyer/Grass 1984; SALSS 1985). Vor dem Hintergrund der Personalkrise erscheint es unmöglich, die heutige Zahl weitgehend aktiver, mechanisierter Großverbände der Bun des wehr auch in den 90er Jahren beizubehalten. 31 Da das Betreiben solch kom plexer Verbände mit Reservisten alles an dere als einfach ist und im Übri gen eine Vergeudung wertvoller Res sour cen darstellt, ist an eine ver rin gerte Zahl mechanisierter Verbände ho her Prä senz zu denken, dafür aber an die Schaffung defensivorientierter, feuer starker Infanterieverbände tiefer Staffelung, die für eine Verwen dung von Reservisten besser geeignet sind. Auf jeden Fall lassen die Finanzierungsprobleme des Verteidigungs bud gets es als illusionär erscheinen, zusätzliches Großgerät für die Be stückung operativer Reserven zu beschaffen. Selbst die Moderni sierung der beweglichen Kräfte in heutigem Umfang und das Hinzufügen einer eher sta tischen oder nur kleinräumig beweglichen Defensiv kompo nente er scheint angesichts knapper Mittel nicht vertretbar. Es sind also Ent scheidungen über Schwerpunkt verschiebungen zu treffen, die einen Struktur wan del unserer Streitkräfte einleiten und damit auch zum Wandel des Kriegs bildes führen werden. Literatur Bebermeyer, H./Grass, B. 1984: Unsere Streitkräfte in der Ressour cen kri se, in: H. G. Brauch (Hg.), Sicherheitspolitik am Ende? Eine Be stands auf nahme, Perspektiven und neue Ansätze, Gerlingen, S. 176–189. Bernhardt, G. 1986: Alte Frage aus neuer Sicht: Feuer oder Bewe gung? Europäische Wehrkunde/WWR, Heft 11, S. 662–666. Bonin, B. v. 1954: Studie vom Juli 1954, unveröff. Manuskript (Ge heimschutz bis 1986). 32 Brill, H. 1986: Bogislaw von Bonin im Spannungsfeld zwischen Wie der bewaffnung – Westintegration – Wiedervereinigung. Ein Beitrag zur Ent stehung der Bundeswehr 1952–1955, Göttinger politikwissenschaftliche For schungen (Bd. I: Studie). Csoboth, I. 1984: Wird der Landkrieg luftbeweglich? Europäische Wehr kunde/WWR, Heft 5, S. 299. Dick, C. 1985: Sowjetische Gefechtsausbildung – Verwundbarkeit oder Stärke? Internationale Wehrrevue, Mai, S. 663–665. Dinter, E. 1985: Nie wieder Verdun. Überlegungen zum Kriegsbild der 90er Jahre, Herford. Erickson, J. 1981: Führungsfähigkeit und Führungsmethoden in der Sowjetarmee, Heere International, Bd. 1, S. 26–40. Farwick, D. 1983. Dynamische Vorwärtsverteidigung statt statischer Vorneverteidigung, ÖMZ, Heft 2, S. 117–120. Gessenharter, W. 1986: Politische Kultur im Wandel: Auswirkungen auf die Streitkräfte, in: W. R. Vogt (Hg.), Militär als Gegenkultur, Opladen, S. 109–120. Hannon, J. 1986: Medizinische Versorgung auf dem Gefechtsfeld, Internationale Wehrrevue, Heft 5, S. 621–628. Huntington, S.  P. 1983–84: Conventional Deterrence and Conven tional Retaliation in Europe, International Security, Bd. 8, Heft 3, S. 32–56. Kielmannsegg, H. Graf v. 1986: Forderungen an die Vorneverteidi gung. 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References

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt von Analysen und Konzepten, die in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind, steht die Idee der „Vertrauensbildenden Verteidigung“. Diese erscheint theoretisch fundiert und in praxistaugliche Lösungen umgesetzt. Die Idee einer Umrüstung auf betont defensiven Schutz mit der Perspektive weitgehender Abrüstung lag auch der Militärreform Gorbatschows zu Grunde und trug wesentlich zur Überwindung des Kalten Krieges bei. Sie ist heute aktueller denn je. Im weiteren Kontext des Diskurses über eine Verteidigung, die nicht provoziert, stehen kritische Sondierungen: Sind die angeblich „neuen“ Kriege wirklich neu, oder diente deren Thematisierung der Legitimierung von Militärinterventionen der „zivilisierten“ Staaten? Welche Schwächen kennzeichnen solche Interventionen? Ist Krieg ewiges Menschenschicksal? Welche Bestimmungsgründe sind für Kriegsentscheidungen relevant? Welche Kriegsszenarien müssen wir fürchten?