III „Neue“ Kriege im Visier in:

Lutz Unterseher

Krieg und Kriegsvermeidung, page 45 - 62

Theoretisch-praktische Schriften

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4412-4, ISBN online: 978-3-8288-7414-5, https://doi.org/10.5771/9783828874145-45

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
45 III „Neue“ Kriege im Visier 46 Problematische politologische Projektion – Auszug aus Lange, S./Unterseher, L. 2018: Kriege unserer Zeit. Eine Typologie und der Brennpunkt Syrien, Berlin (gekürzt/bearbeitet) – Reiz des Neuen Drei als sachkundig etablierte Prominente waren es vor allem, die den internationalen Diskurs um die „neuen“ Kriege begründeten: Der israe lische, aus den Niederlanden stammende Strategieforscher Martin van Cre veld (Creveld 1998/1991), Mary Kaldor, eine britische Politikwissen schaft lerin, deren Eltern aus Ungarn immigrierten (Kaldor 2000), und der deut sche Politologe Herfried Münk ler (Münkler 2002). Die wesentlichen Aspekte des bereits von der ersten Hälfte der 1990er Jahre an geführten Diskurses sollen insbesondere entlang der Über legungen Münklers entfaltet werden. Aber auch weitere Autoren sind be rücksichtigt. Das Bild der angeblich „neuen“ Kriege, ihrer Haupt merkmale und des entsprechenden Kon textes, stellt sich da nach wie folgt dar: Zwischenstaatlicher Krieg als Auslaufmodell Herkömmliche Kriege zwischen Staaten mit regulären Armeen und ein deutiger politischer Autorität (oder zwischen Bündnissen, die aus sol chen Staaten bestehen) sind eine Ausnahme. Sie werden in langfristiger Tendenz noch mehr zur Ausnahme werden. 47 Charakteristisch für unsere Zeit, und wahrscheinlich für die Zukunft, sind bewaffnete Auseinandersetzungen unterhalb der staatlichen Ebene (Münk ler 2002: 42 f): Bandenkämpfe, Bürgerkriege, Terror und Gegen ter ror. Wobei solche Konflikte durchaus über Ländergrenzen „hin weg schwap pen“ können (was daraus aber noch keine zwischenstaatlichen Krie ge im traditionellen Sinne macht). In puncto Waffenwirkung und Operationsweise der in diesem Kon text Streitenden lässt sich zumeist von „low-intensity conflicts“ spre chen: was aber nicht bedeuten muss, dass Schäden und Opferzahlen gering sind. Deutliche Defizite staatlicher Kontrollmacht Bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen werden vor allem auch da durch möglich, dass es in etlichen Staaten, insbesondere in Südost asien und in weiten Teilen Afrikas, an staatlicher Kontrollmacht mangelt oder die se in einem Erosionsprozess begriffen ist. Viele Staaten genügen nicht (mehr) dem wesentlichen Kriterium von Staatlichkeit. Sie haben kein Ge waltmonopol oder sind dabei, es zu verlieren (Choj nacki 2005: 74 ff). Dies kann etwa heißen, dass die reguläre Armee aufgehört hat, ein verlässliches Instrument der Regierungspolitik zu sein: mit der Folge, dass sich das Territorium des betreffenden Landes beziehungsweise dessen Gren zen nicht mehr hinreichend kontrollieren lassen und andere waffen tra gende Gruppierungen regionale Autonomie beanspruchen oder gar nach der Zentralgewalt greifen (soweit davon noch die Rede sein kann). 48 Es mag aber auch bedeuten, dass es im Zuge des Aufbaus neuer Staat lichkeit, etwa nach einem Regimewechsel, nicht gelingt, eine leis tungs fähige, regie rungsloyale Armee zu schaffen. Negative Wirkungen der Globalisierung Der Prozess der Globalisierung erscheint als etwas, wovon ökono misch ent wickelte Staaten profitieren – mit den Begleiterscheinungen in ten si vierten Austausches und einer „Verfriedlichung“ ihrer Beziehungen. Doch im Hinblick auf die weniger entwickelten Regionen der Welt gilt die Vervielfachung und Verdichtung der wirtschaftlichen Verflech tun gen als wesentliche Ursache des Kontrollverlustes von Staa ten. Dabei las sen sich zwei Zusammenhänge erkennen (Lock 2005): Zum einen ist zu verzeichnen, dass unter einem sich ausbreitenden Freihandelsregime die geballte wirtschaftliche Macht der großen Konzerne aus der Ersten Welt auf die virtuell ungeschützten lokalen Märkte von Staa ten mit noch wenig entwickelter Ökonomie trifft. Das Kapital aus der Ersten Welt kann in der Dritten im Hinblick etwa auf Handelsbeziehungen und Investitionen seine Bedingungen durchsetzen, mit dem Effekt der Schwächung staatlicher Autorität vor Ort. Den Ex tremfall bilden jene Konzerne, die – an der jeweiligen Zentralregierung vorbei – in bestimmten Re gionen eines Landes die Aus beutung von Rohstoffen durchsetzen und zu de ren Absicherung gewaltsame Sezessions be mühungen unterstützen. 49 Der andere Aspekt der Aushöhlung der Macht ökonomisch sehr schwa cher Staaten besteht darin, dass internationale, zur Regulierung von Ent wicklungshilfe und -krediten eingesetzte Institutionen (wie etwa die Welt bank), von neoliberaler Ideologie geleitet, etlichen sich ent wickel n den Ländern „Gesundungsprogramme“ vor allem im Sinne öffentlicher Spar samkeit verordnet haben, die sich auf die Autorität und die Handlungs spielräume der jeweiligen Regierungen negativ auswirkten. Es kam mit unter zum Abbau selbst rudimentärer Ansätze von Sozial staatlichkeit und da durch zu innenpolitischer Destabilisierung. Da der Prozess der Globa li sie rung weiter voranschreiten und sich zu nehmend dynamisieren dürfte, ist eine Zunahme bewaffneter Konflikte in „schwachen“ Staaten anzunehmen. Die Ethnisierung von Konflikten Bei zahlreichen, wenn nicht gar den allermeisten der als „neue“ Krie ge apo s trophierten Konflikten spielt die „ethnische“ Komponente eine ver schär fende, wenn nicht gar auslösende Rolle (Kühne 2001). Gemeint ist die Tatsache, dass sich bestimmte Gruppen in Abgren zung und Gegnerschaft zu anderen ihrer „ethnischen Identität“ versichern – was ein kollektives Bewusstsein impliziert, in das verschiede ne Variablen eingehen mögen: Gemeinsamkeiten der Geschichte, Herkunft, Sprache, Re li gion oder auch des Siedlungsraums. Ein wesentlicher Hintergrund entlang solcher Linien verlaufender Kon flikte ist die Tatsache, dass die Kolonialmächte ihre einstigen Be sit zun gen den neu entstandenen Staaten so 50 hinterließen, wie sie von ihnen „zugeschnitten“ worden waren: ohne Rücksicht auf historische Zu ge hörig keiten, etwa mit Grenzziehungen quer zu überkommenen Sprach gebieten. Statt einer Einigung: Sezession Die bewaffneten Auseinandersetzungen sind in aller Regel keine Eini gungs kriege: in dem Sinne, dass im Konfliktverlauf – potentiell – ab trünnige Regionen oder Kräfte niedergeworfen werden, um sie dann in ein Gebäude gemeinsamer Staatlichkeit „heimzuführen“. Selbst wenn ein solcher Versuch der Vereinigung mit Waffengewalt gemacht werden sollte, resultiert er in der Regel in einer Stärkung zentri fugaler Tendenzen. Will sagen: Sezession als die Auflösung früherer Staat lichkeit ist die allgemeine Richtung (Münkler 2002: 18 ff). Akteure: Vielfalt und Profitinteresse Das Bild bewaffneter Konflikte wird von ei nem bun te ren Spektrum gewaltträchtiger Akteure geprägt, als das früher der Fall war. Zu nennen sind: terroristische Grup pierungen, Truppen religiös-fana tischer Bewegungen, bewaffnete „demo kra tische“ Oppositionelle, krimi nel le Banden, revolutionäre Organisatio nen, „Warlords“ mit ihren eigenen Milizen, Abtrünnige aus Regierungs armeen, Regierungstruppen oder deren Reste, private oder staatliche Sicher heitsunternehmen mit ihren Söld nern. Plausibel ist, dass die Sicherheitsfirmen mit ihrem professionellen Personal, das nach Ende des Ost-West-Konfliktes 51 vor allem auch aus frei ge setzten Militärs rekrutiert werden konnte, in erster Linie Profit an stre ben: im Dienst schwacher Regierungen, als entscheidende Ver stärkung der Mili zen ehrgeiziger Warlords oder auch zur Absiche rung der Aktivi täten von Rohstoffe ausbeutenden Unternehmen. Aber auch die anderen genannten Gruppen von Akteuren kämpfen in genereller Tendenz aus Profitinteresse, meist für die Kontrolle über wert vol le natürliche Ressourcen. Revolutionäres oder religiöses Programm oder der Kampf um und für die „ethnische Identität“ haben mitunter nur den Cha rakter von Vorwänden. Tendenziell besteht ein zynisches Verhältnis zu dem in den Ausein an dersetzungen eingesetzten Personal. Es wird eher manipuliert als dauer haft motiviert und integriert. In diesem Sinne ist auch die Rekru tierung von „Kin dersoldaten“ zu verstehen, von sehr jungen Kämpfern, die oft durch Bür ger kriegsgeschehnisse entwurzelt sind und in bewaffneten Ban den eine neue Heimat finden, am Ende aber doch wie Weg werf material behan delt werden (Russmann 2005). Die Verselbständigung der Gewalt Typisch erscheint eine „Mischung aus Massaker und Bürgerkrieg“. Die „neu en“ Kriege zeichnen sich durch hohe Gewaltintensität aus, obwohl die Wirkung der oft nur verwendeten Infanteriewaffen eher be grenzt ist. Diese außerordentliche Gewalttätigkeit erklärt sich durch die Nor men losigkeit der Auseinandersetzungen. Kaum jemand unter den Akteu ren fühlt sich an irgendwelche Regeln gebunden. 52 Zumal die Verbreitung von Schrecken, etwa durch Massaker an der Zivilbevölkerung, selbst zum strategischen Mittel wird. Diese Entwicklung hebt sich krass von den jahrhundertelangen Be mühungen in der Ersten Welt ab, den Krieg normativ einzuhegen und zu mindest in begrenztem Ma ße humanitären Standards zu unterwerfen (Kal dor 2000, Münkler 2002: 11, 28 ff). Kriege werden zu Dauerbrennern Die bewaffneten Konflikte in der Dritten Welt werden – vor dem Hinter gund der problematischen Auswirkungen der Globalisierung – wahr schein lich nicht nur zunehmen, sondern sich oft auch zu „endlosen Ge schich ten“ entwickeln. Es herrscht Chaos; es gibt keine stabile staatliche Autorität, keine kla re Verantwortlichkeit. Jede der meist zahlreichen involvierten Grup pie rungen verfolgt die konfliktorische Durchsetzung ihrer Interessen nach ei ge nem Belieben. Die Kampfhandlungen mögen einschlafen oder sich eine zeitlang auf niedrigem Niveau entwickeln, dann aber wieder aufflackern oder gar zum lodernden Feuer werden. Niemand ist oder fühlt sich für die Konfliktbe en digung zuständig. Es sei denn, diese wird von außen oktroyiert. So haben solche bewaffneten Aus einandersetzungen meist ein sehr langes Leben, was sich am Ende in ei ner Kumulation der Opferzahlen auswirkt (Münkler 2002: 24 ff). 53 Konflikte mit anderer Grammatik Die thematisierten Konflikte verlaufen nach einer anderen „Gramma tik“, um einen Begriff des Carl von Clausewitz zu gebrauchen, als die her kömm lichen Kriege zwischen Staaten, insbesondere der Ersten Welt. We gen dieses „Andersseins“ können sie als „asymmetrisch“ gekenn zeich net werden (ebd.: 11, 48 f). Diese Asymmetrie, das Irreguläre, Normenlose, Unkontrollierbare, ist – neben der Ökonomisierung oder „Privatisierung“ – ein wesentliches Merk mal der „neuen“ Kriege. Realität als Korrektiv Häufigkeit, Verteilung und Beendigung „… die Kriegshäufigkeit (wies) trotz leichter Schwankungen von 1945 bis 1992 einen vergleichsweise kontinuierlichen Anstieg bis zum Höchststand von 55 Kriegen auf. Bis 1997 halbierte sich diese Zahl innerhalb von fünf Jahren … auf 29. Danach stieg die Zahl der Kriege bis 2000 wieder auf 35 an und ging seitdem auf … 28 im Jahr 2005 zurück. Eine niedrigere Zahl an jährlich geführten Kriegen registrierte AKUF zuletzt für das Jahr 1964“ (AKUF 2006: 13). Diese ernüchternde Beobachtung der Arbeitsgemeinschaft Kriegsur sachenfor schung der Universität Hamburg wurde zu einer Zeit publiziert, in der die Denkfigur der „neuen“ Kriege den sicherheitspolitischen Dis kurs, und damit auch die Annahme eines sehr dynamischen Kon flikt ge schehens in der Dritten Welt, noch deutlich beeinflusste. Mag sein, dass der vorüber gehende 54 Anstieg der Zahl der bewaffneten Ausein an derset zun gen um das Jahr 2000 die Politologenphan tasie beflügelt hatte. Die Verteilung der Kriege nach Regionen sah für das Jahr 2005 fol gen dermaßen aus: Über zwei Fünftel fanden in (Südost-) Asien statt, rund ein Fünftel entfiel auf Afrika sowie weniger als ein Drittel auf den Vorde ren und Mittleren Orient. Süd- und Mittelamerika hatten die wenigs ten be waff neten Auseinandersetzungen zu verzeichnen (AKUF 2006: 15). Bei jeweils über zwei Fünfteln ging es zum einen um regionale Au tonomie beziehungsweise Sezession oder zum anderen um einen Re gime wechsel. Damit bestand, wenig überraschend, die große Mehrheit der be waff neten Konflikte aus innerstaatlichen Auseinandersetzungen. Al ler dings zeigte sich auch, dass die Sezessionskriege zwar stark verbreitet wa ren, aber doch nicht so sehr, dass sie – wie von der Großpolitologie ver mu tet worden war û das prägende Muster darstellten. In der … Restkategorie fanden sich Phänomene wie der „Anti terror krieg“, in dessen Rahmen etwa die USA als staatlicher Akteur auf dem Ge biet anderer Länder agierten (und 2018 immer noch agieren), um dort den Kampf gegen nichtstaatliche, bewaffnete Gruppie run gen zu führen. In den Jahren darauf hat sich das weltweite Konfliktgeschehen bei ca. 30 jeweils laufenden bewaffneten Auseinandersetzungen eingependelt. Dabei wanderte der Schwerpunkt der Kriege und kriegsähnlichen Phäno me ne zunächst nach Afrika, um sich schließlich in den Nahen und Mittle ren Osten zu verlagern. Für 2016 waren 32 bewaffnete Auseinandersetzungen zu notieren; keine neue war seit dem Jahr zuvor zu verzeichnen. 2017 kamen zwar zwei neue Konflikte hinzu, es wurden aber drei beendet (AKUF 2017). Die relative Konstanz der Entwicklung, 55 bei Hinzutreten neuer Aus ein ander set zungen, impliziert, dass es trotz oft mehrjähriger Dauer immer wieder auch Konfliktbeendigungen gibt: durch externe Vermitt lung, aber auch nach Auf geben von Konfliktparteien im Gefolge des Schei terns von Um sturz versu chen oder Sezessionen. Dauerbrenner bilden eher die Aus nahme. Über die tieferen Ursachen Was sind die tieferen Ursachen der beschriebenen Phänomene – und zwar nicht nur ihrer Entstehung, sondern auch der Beendigung? Den Ein stieg liefert ein Ansatz, mit dem versucht worden ist, insbe sondere den An stieg der Kriegshäufigkeit bis 1992/93 und deren starken Rückgang un mit telbar danach zu verstehen – Überlegungen, die im Rah men des Dis kurses über die „neuen“ Kriege nicht zu finden sind (AKUF 2006: 13 f): Die Erklärung liegt, erstens, darin, dass es mit Ende des Ost-West-Konfliktes auf den Territorien der früheren UdSSR und vor allem Ju go slawiens Sezessionskonflikte gab, die danach mehr oder weniger schnell be en det waren. Zweitens erschien der Anstieg der Kriegshäufigkeit da durch mitbedingt, dass – vor allem in Afrika – einige Regime unter Be gleit er scheinungen offener Gewalt zusammenbrachen, die zuvor stark von Un terstützungen profitiert hatten, die ihnen von dieser oder jener Seite des Kal ten Krieges zuteil geworden waren. „Das Ausbleiben von derartigen Un ter stützungen hatte aber auch in nicht wenigen Fällen einen umgekehr ten Eff ekt, indem es einigen Kriegen die materielle Grundlage entzog und somit zu deren Beendigung beitrug“ (ebd.: 14). 56 Schließlich bleibt, drittens, zu erwähnen, dass die damalige Schwä chung des Sozialismus als alternatives Gesellschaftsmodell etlichen Krie gen die ideologische Grundlage nahm. Dies war recht deutlich an der Ab nahme der bewaffneten Auseinandersetzungen in Süd- und vor allem Mit telamerika zu erkennen. Die im generellen Trend seit 1992/93 zurückgegangene Kriegs häu figkeit gibt Anlass zu weiteren Erklärungsversuchen: „Zwei Inter preta tio nen des Kriegsgeschehens, die nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes pro minent diskutiert wurden, haben sich … als von recht kurzer Halb wertszeit erwiesen: In der ersten Hälfte der 1990er Jahre wurden Konflikte zunehmend mit dem Etikett ‚ethnisch‘ versehen. Insbesondere die Annah me, dass solche Konflikte um Identitäten schwieri ger zu befrieden seien als solche um (materielle) Interessen, kann an ge sichts des Rückgangs der Zahl der Kriege nicht als bestätigt angesehen werden. Die anschließende These, insbesondere auf Rohstoffen basierende Kriegs ökonomien seien die eigentliche Triebfeder aktueller Konflikte, hat sich ebenfalls nicht unbedingt bestätigt: Gerade die häufig als Beispiele an geführten afrikanischen Kriege in Angola, Liberia und Sierra Leone wur den in den letzten Jahren beendet. Beide Versuche, das Kriegsgeschehen auf einen Hauptfaktor zu reduzieren, haben sich gegenüber der Realität als zu vereinfachend erwiesen“ (ebd.). A propos „ethnische Identität“: Dass vielerorts eine prononcierte Rück besinnung auf „Ethnizi tät“ erfolgt ist, liegt vor allem am Verlust staat licher Autorität, wodurch integrative Nationen- und Gesellschaftsbildung er schwert und regionale In teressenpolitik begünstigt wird. Sowie wesent lich auch an partikularen, zum Teil externen Ansprüchen, die zum Zweck 57 ih rer Durchsetzung „ethni sche“ Divergenzen ausnutzen und zuspitzen. Alles in allem erscheint „ethnische Identität“, oder die Suche danach, aber eher als eine Veranstaltung, eine Konstruktion, und weniger als etwas Genuines, per se Konflikte Beförderndes (Lentze 1998). Zum Komplex der „rohstoffbasierten Kriegsökonomien“: Zwar ha ben Indikatoren, die mit guten Finanzierungs möglichkeiten (vor allem Par tizi pation an den Preisen von Rohstoffexporten, aber auch preiswerte Käm p fer, Verfügbarkeit von Waffen) und günstigen Ope ra tions bedin gun gen in Zusammenhang stehen, einen relativ hohen Er klärungswert für den Aus bruch von Bürgerkriegen – deutlich höher als herkömmlicherweise he r an ge zogene Indikatoren. Worunter rangieren: eine ungleiche Verteilung von Ein kommen/Vermögen beziehungsweise Land oder auch gesellschaft liche Po larisierung (Collier/ Hoeffl er 2001: 16 f). Da es letztlich also um Kost-Nutzen-Kalküle wesentlicher Akteure geht, könnte dies aber auch in die friedliche Richtung zeigen: „Der ‚General-Unternehmer‘, oder Warlord, geht in der Regel mit der Ressource Gewalt zur Regulierung seiner Kriegs- ökonomie sparsam um, um zu vermeiden, dass die sensiblen Tauschsphären, die ihn mit dem Welt markt verbinden, in das Fadenkreuz staatlicher Aufmerksamkeit geraten“ (Lock 2005: 69). 58 Die Vorbilder des Horrors Tatsächlich bildet die Kampfweise in vielen Bürgerkriegen unserer Zeit einen schrecklichen Kontrast zu den seit Jahrhunderten unternom me nen, zum Teil von Erfolg gekrönten Bemühungen, den Krieg zu domes ti zie ren, humaner zu machen, die Schäden für die involvierten und be troff enen Menschen möglichst zu minimieren. Dies fällt besonders dann auf, wenn etwa zu verzeichnen ist, dass bei einem der neueren Konflikte nicht nur die Zivilbevölkerung, sondern vor allem auch die medizinischen Ein rich tungen zu deren Versorgung zu Zie len der Gewalteinwirkung werden (Simmank 2017). Es ist aber problematisch, auf jene, die für solchen Horror verant wort lich sind, von der Warte der „Zivilisation“ herabzuschauen. Denn die se war Vorbild für jede Art von Horror, die sich nur den ken lässt. Die Liste ist lang: Verbrechen der Wehrmacht (inklusive Waff en-SS) vor allem in Russland und Polen, der japanischen Armee in China und Korea, der an gloamerikanischen Bomber über Deutschland, der Roten Armee auf ihrem Siegeszug, des US-amerikanischen Bombenkrieges ge gen Japan (nicht nur wegen der Atombombenabwürfe), der US-Krieg füh rung in Viet nam usw. Asymmetrie als bedenkliche Charakterisierung Schließlich ist da noch das Etikett der Asymmetrie, das sich zur Be zeichnung, der für „neu“ gehaltenen Kriege schnell eingebürgert hat. 59 Auch in dieser Hinsicht, lässt sich fragwürdige Herablassung er ken nen. Diese Kriege sind nämlich nur dann asymmetrisch, wenn die Technik, die Strukturen und militärischen Prozeduren der Akteure mit dem Standard von Armeen der Ersten Welt verglichen werden. ‚Vor Ort‘ zeigt sich hinge gen eher Sym metrie. Vor allem auch wenn Elemente einer (früheren) Regie rungsarmee beteiligt sind, führen die strei tenden Parteien typischer wei se ähnliche mi litä rische oder paramilitärische Kontin gen te ins Feld, die sich folgen der ma ßen skizzieren lassen (Unterseher 2011: 149): • (zumindest in Ansätzen) … „zentralisierte Struktur, aber mit nur … lückenhafter Kontrolle über alle Elemente der Streitkräfte, • (mitunter) amateurhafte Führung und oft geringe soziale Ko hä sion, • eher zufällig gemischte Verbände: Fußinfanterie, motorisierte, aber zum Teil auch mechanisierte – also bis zu einem gewissen Grad ge panzerte – Kräfte, • gemischte, meist leichte Bewaffnung: ein Sammelsurium aus aller Her ren Länder auf älterem Technologieniveau mit Einsprengseln von Hochleistungsgerät, • bunteste Rekrutierung (Söldner, ehemalige reguläre Soldaten, örtli che Milizen, Kinder) und • virtuelle Abwesenheit einer wirksamen logistischen Unterstützung (Ver sorgung aus dem Land).“ Die Operationsweise kann zwischen Guerillataktik und der Anlehnung an Standardprozeduren regulärer Truppen variieren – und das überlagert durch den Hang zum Marodieren. In 60 jüngster Zeit gab es auch Ansätze zum Cy ber War – und zwar in Fällen, in denen Bürgerkriegsparteien Züge des Ter rorismus entwickelten. Literatur AKUF 2008: Das Kriegsgeschehen 2005. Daten und Tendenzen der bewaffneten Konflikte, hrsg. von W. Schreiber, Wiesbaden. 2017: Zwei neue Kriege, drei beendete Konflikte. Die Hamburger Arbeitsgemeinschaft für Kriegsursachenforschung zieht Bilanz für 2017, Pressemitteilung, Universität Hamburg, 18. Dezember. Chojnacki, S. 2005: Gewaltakteure und Gewaltmärkte: Wandel der Kriegs formen? in: S. Frech/P. I. Trummer (Hg.), Neue Kriege, Schwal bach/Ts., S. 73–99. Collier, P./ Hoeffler, A. 2001: Greed and Grievance in Civil War, World Bank. Creveld, M. van 1998: Die Zukunft des Krieges, München (Erstausgabe: The Transformation of War, New York, N. Y. 1991). Kaldor, M. 2000: Neue und alte Kriege. Organisierte Gewalt im Zeit alter der Globalisierung, Frankfurt am Main. Kühne, W. 2001: Kriege und Konflikte, Informationen zur politi schen Bildung, Heft 264, S. 15–20. Lentze, M. 1998: Ethnizität in der Konfliktforschung. Arbeitspapier Nr. 1, Forschungsstelle Rüstung und Entwicklung, Hamburg. Lock P. 2005: Ökonomie der neuen Kriege, in: S. Frech/P. I. Trum mer (Hg.), a. a. O., S. 53–72. Münkler, H. 2002: Die neuen Kriege, Reinbek b. Hamburg. 61 Russmann, P. 2005: Kindersoldaten, in: S. Frech/P. I. Trum mer (Hg.), a. a. O., S. 73–99. Simmank, J. 2017: Wer auf Ärzte schießt, gewinnt den Krieg, ZEIT ONLINE, 10. Oktober. Unterseher, L. 2011: Frieden schaffen mit anderen Waffen? Alter na tiven zum militärischen Muskelspiel, Wiesbaden.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt von Analysen und Konzepten, die in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind, steht die Idee der „Vertrauensbildenden Verteidigung“. Diese erscheint theoretisch fundiert und in praxistaugliche Lösungen umgesetzt. Die Idee einer Umrüstung auf betont defensiven Schutz mit der Perspektive weitgehender Abrüstung lag auch der Militärreform Gorbatschows zu Grunde und trug wesentlich zur Überwindung des Kalten Krieges bei. Sie ist heute aktueller denn je. Im weiteren Kontext des Diskurses über eine Verteidigung, die nicht provoziert, stehen kritische Sondierungen: Sind die angeblich „neuen“ Kriege wirklich neu, oder diente deren Thematisierung der Legitimierung von Militärinterventionen der „zivilisierten“ Staaten? Welche Schwächen kennzeichnen solche Interventionen? Ist Krieg ewiges Menschenschicksal? Welche Bestimmungsgründe sind für Kriegsentscheidungen relevant? Welche Kriegsszenarien müssen wir fürchten?