IX Kurze Kritik zweier Projekte in:

Lutz Unterseher

Krieg und Kriegsvermeidung, page 153 - 158

Theoretisch-praktische Schriften

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4412-4, ISBN online: 978-3-8288-7414-5, https://doi.org/10.5771/9783828874145-153

Tectum, Baden-Baden
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153 IX Kurze Kritik zweier Projekte 154 Eine Mesalliance – SAS-Arbeitspapier, Berlin, Dezember 2009 (gekürzt) – Es ist von einer rüstungspolitischen Mesalliance zu erzählen: von ei ner Ehe anbahnung, die nicht zur Hochzeit führen kann. Verheiratet werden soll ten das A400M, ein nach seiner Mutterfirma auch MilitAirbus genann tes mittelschweres Transportflugzeug für strategische Distanzen, mit einem Schützenpanzer, der nach etlichen Umtaufen PUMA geheißen wird. Wäh rend der Zeit der rotgrünen Koalition gerieten beide Vorhaben öfter mal ins Schlingern. Jene Vertreter von Rüstungsindustrie, Militär po litik sowie von Luft waffe und Heer, denen die Projekte am Herzen lagen, konnten diese den noch vor einem frühzeitigen Aus bewahren – und zwar dadurch, dass sie die Taktik der gegenseitigen Absicherung anwand ten. Der Schützenpanzer, mit im internationalen Vergleich anspruchs vol len Leis tungsvorgaben, sollte für den Lufttransport, nach Befreiung von seiner ab nehm baren Zusatzpanzerung, nur etwa 30 Tonnen wiegen. So wür de den vorge sehe nen technischen Merkmalen gemäß der MilitAirbus das Fahrzeug auch in ent fern te Krisengebiete fliegen können. Für den Einsatz sollte dann die getrennt trans portierte Zusatzpanzerung wieder ange bracht werden. Auf dieser Basis ent wickelte sich dann die Argumentation, dass nur beides zusammen, Flugzeug und Panzer, einen Sinn ergäbe. Was zugleich bedeutete, dass beide Teil streitkräfte im Sinne einer TSK-über greifenden Kumpanei gut beraten schienen, sich für das jeweils andere Vorhaben einzusetzen. 155 Man redete von Synergie-Effekten und hatte dabei wohl vor allem eines im Sinn: Dieser Systemverbund versprach bei Einsätzen fern der Hei mat kräftig ge gen die Konkurrenz der Verbündeten anstinken zu kön nen, verhieß also Sta tus gewinn. Keiner hätte eine so flexibel-kampfk räftige Kom bination gehabt, hät te da draußen so schnell und so hart auftreten kön nen – und wenn doch, dann zum Preis, uns Deutsche kopieren zu müssen. Oft kommt es aber anders, als man denkt. Beide Projekte sind in tech nische und finanzielle Schwierigkeiten geraten: so groß, dass es gro tesk er schiene, weiterhin mit einem synerge tischen Verbund zu argumen tieren. Dies lässt sich erläutern: Projekt A400M: Dieses Vorhaben stammt noch aus der Zeit des Kalten Krieges. Vor allem ging es um den langfristigen Ersatz der in die Jahre kommenden TRANSALL-Flotte. Als dies in der Amtsperiode der ersten rot grünen Koalition konkrete Zü ge annahm, war vorgesehen, gemeinsam mit anderen europäischen Verbündeten ins gesamt 288 neue Maschinen zu beschaffen. Auf die Luftwaffe sollten davon 73 Flugzeuge entfallen, deren Systempreis 1998 mit 50 Millionen US-Dol lar angegeben wurde. Fiska lische Zwänge führten dazu, dass man unter Verteidigungsminister Struck, in der zweiten rotgrünen Periode, die Zahl der Systeme für die Luftwaffe auf 60 reduziert hat. … Damals, nämlich im Jahre 2002, war die Gesamtzahl der Bestel lun gen um etwa 100 Maschinen zurück gegangen. Offenbar hatten auch manch andere Ver bündete Probleme mit der Finanzierung. Großbritannien verrin gerte die geplante Zahl an MilitAirbussen drastisch und kaufte statt dessen die moderne Variante eines bewährten US-amerikanischen Musters. Die 156 Kostenschätzung für das eu ro päische Produkt lag mittlerweile bei 100 Mil li onen US-Dollar pro System. Eine interne Studie der Luftwaffe kam damals zu dem Schluss, dass ein Flottenmix aus nur 35 A400M und acht US-amerikanischen Maschinen des Typs C-17 mehr Flexibilität, Reichweite und Transportkapazität für weniger Geld verspräche als die Beschaffung einer Einheitsflotte. Aus schlag gebend wa ren also wohl schon damals rüstungs- und europa po liti sche, aber nicht sachliche Überlegungen. Inzwischen ist die Entwicklung des A400M zum Trauerspiel gewor den. Außerhalb der alten Sowjetunion ist in Europa ein militärisches Fracht flugzeug dieser Größenordnung noch nicht projektiert worden. Vor allem im Hinblick auf die als Antrieb vorgesehenen Propellerturbinen gibt es abgesehen von östlichen Hochleistungsprodukten nichts, woran man im restlichen Europa anknüpfen könn te. So hapert es an wesentlichen Stellen: Die neuentwickelten Triebwerke erbringen nicht die verlangte Leistung, den Tragflächen mangelt es an Stabilität, und die Zelle des Flugzeuges lei det unter starken Vibrationen. Sascha Lange, Ana lytiker der Stiftung Wis senschaft und Politik, sagt: „Von den zunächst anvi sierten 30 Tonnen Nutz last, die 4.500 Kilometer weit trans portiert werden soll ten, ist auf In du strieseite keine Rede mehr.“ Mehrfach wurde der Erstflug des Musters verschoben: von 2008 auf Mitte 2009 und fand dann erst Ende dieses Jahres statt. Mehrfach auch hätten die den Kundenkreis bildenden Regierungen Regressforderungen geltend machen kön nen. Sogar ein Abbruch des Projektes wäre möglich ge wesen. Doch haben sich die Kunden im Juli 2009 – aus rüstungs- und außenpolitischen Mo tiven – erneut auf eine Fortsetzung festgelegt und sind damit 157 am schwächeren Hebel, wenn Nachforderungen gestellt werden, um die technischen Probleme auszubügeln. Airbus-Chef En ders lässt dies durch blicken, wenn er sagt: „Ich ge he davon aus, dass wir mit den Re gierungen eine Lösung finden. Ansonsten gilt: Besser ein Ende mit Schre cken als ein Schrecken ohne Ende.“ Die Systemkosten für den MilitAirbus werden gegenwärtig bereits auf über 150 Millionen US-Dollar geschätzt. Die weitere Tendenz: rapide steigend. Und den Zulauf der ersten Maschinen wird die Luftwaffe wohl erst in der Mitte des nächsten Jahrzehnts erleben. Auch beim PUMA, einem rein deutschen Projekt, gab und gibt es Pro ble me. Das geplante Fahrzeug firmierte gegen Ende der 1990er Jahre noch als Schüt zen panzer 3, um dann nacheinander als Neuer Schützenpanzer, Pan ther (die Wehrmacht lässt grüßen) und Igel bezeichnet zu werden. Dieser Na menswechsel deutet auf konzeptionelle Unsicherheit hin. In der Tat: Be vor es zum PUMA kam, wurde beschlossen, das Vorhaben techno logisch weniger ehr geizig anzu legen als ursprünglich vorgesehen und zugleich die Zahl der zu be stel len den Sys teme von etwa 1.150 auf ca. 400 zu redu zie ren. Trotz technologischer Korrektur soll das Produkt ein wahrer Tausend sassa sein: ein überdurchschnittlich gut geschütztes Fahrzeug als Rückhalt leichter Ex peditionskräfte, das sich gegenüber Aufständischen und Banden durchsetzen, zu gleich aber auch Hubschrauber bekämpfen und gegnerische Kampfpanzer auf Distanz halten kann. Während der Entwicklung gab es schwerwiegende Probleme: mit der Sta bi lisierung der Maschinenkanone, aber insbesondere mit Kraftüber tra gung und Fahrwerk. Und das Fahrzeug wiegt nun ohne die Zusatz pan ze rung mehr als die vor gesehenen 158 30 Tonnen. So groß sind die Schwie rig kei ten, dass hinter vorgehaltener Hand von Fehlkon struk tion gesprochen wird. Die erforderliche Abhilfe ist nicht umsonst: So hat man sich von fünf Mil lionen Euro, dem ursprünglichen Systempreis, auf acht Millionen zu be wegt. Das Ende der wesentlichen Nachbesserungen ist allerdings abseh bar, so dass der PUMA wäh rend der nächsten Dekade vielleicht der Truppe zulaufen könnte: aber nicht als Hucke pack des MilitAirbusses. Die Eheanbahnung ist also gescheitert, hat aber beiden Partnern so lange über die Runden geholfen, dass sie nun – auf wackligsten Beinen – jeweils für sich in die Zukunft stolpern können.

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Zusammenfassung

Im Mittelpunkt von Analysen und Konzepten, die in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind, steht die Idee der „Vertrauensbildenden Verteidigung“. Diese erscheint theoretisch fundiert und in praxistaugliche Lösungen umgesetzt. Die Idee einer Umrüstung auf betont defensiven Schutz mit der Perspektive weitgehender Abrüstung lag auch der Militärreform Gorbatschows zu Grunde und trug wesentlich zur Überwindung des Kalten Krieges bei. Sie ist heute aktueller denn je. Im weiteren Kontext des Diskurses über eine Verteidigung, die nicht provoziert, stehen kritische Sondierungen: Sind die angeblich „neuen“ Kriege wirklich neu, oder diente deren Thematisierung der Legitimierung von Militärinterventionen der „zivilisierten“ Staaten? Welche Schwächen kennzeichnen solche Interventionen? Ist Krieg ewiges Menschenschicksal? Welche Bestimmungsgründe sind für Kriegsentscheidungen relevant? Welche Kriegsszenarien müssen wir fürchten?