VII Über Waffengänge der Zukunft in:

Lutz Unterseher

Krieg und Kriegsvermeidung, page 129 - 152

Theoretisch-praktische Schriften

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4412-4, ISBN online: 978-3-8288-7414-5, https://doi.org/10.5771/9783828874145-129

Tectum, Baden-Baden
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129 VII Über Waffengänge der Zukunft 130 Diskussion von gefährlichen Tendenzen – Auszug aus Unterseher, L. 2019: Gesichter des Krieges. Schlaglichter und Visionen, Berlin (gekürzt/bearbeitet) – Risikoscheu: Hybride Strategien Es war bereits von den Bürgerkriegen die Rede, denen die internationale Großpoli tologie unter dem Rubrum „neue“ Kriege irrtüm licher weise eine große Zukunft vorhergesagt hat. Solche bewaffneten Aus ein an der set zun gen – typischerweise in der Dritten Welt – wurden als öko no misch ver mit telt gesehen: als Resultat der politischen und gesellschaft li chen Anpas sungsschwierigkeiten weniger entwickelter Länder an die mit dem Prozess der Globalisierung sich entfaltenden Zwänge. Die Annahme schien fol gerichtig zu sein, dass sich mit der Be schleu nigung und Intensivierung dieses Prozesses auch die Anpas sungs probleme und die sich daraus erge ben den offenen Konflikte verstärken be zie hungs wei se vermehren würden. Allerdings: Der kurzzeitige Anstieg der Häufigkeit kriegerischer Zu sammen stö ße in der Dritten Welt während der 1990er Jahre war im We sent lichen den Nach wehen der Beendigung des Kalten Krieges geschuldet. Die Hilfe aus dem „Norden“ für manche problematische Regime im „Sü den“ blieb aus, und das entstehende Vakuum wurde in bewaffnetem Auf stand gefüllt. Und die zu gleicher Zeit wirkenden Zwänge der Globalisierung, sie stell ten den längerfristigen Trend dar, hatten nicht die vorhergesagten Aus wir kungen. Zwar war diese Entwicklung durchaus konfliktträchtig. Aller dings brachen die in diesem 131 Kontext auftretenden bewaffneten Aus ein an der set zungen weniger häufig aus als vielfach angenommen und ließen sich bei al ler Zügellosigkeit und Grausamkeit des Geschehens mitunter doch beenden oder eindämmen. Sei es, weil vermittelnde Akteure von innerhalb oder auch außerhalb der Konfliktzone, etwa die Vereinten Nationen, unerwartet wirkungsvoll ope rierten, sei es, weil die unmittelbar beteiligten Streithähne aufgaben: Man denke an den Warlord, der die Früchte der Opposition gegen die schwache Regierung seines Landes endlich genießen will! Es dürfte wohl für einen längeren Zeitraum weiterhin Bürgerkriege ge ben, deren Hinter grund der Prozess der Globalisierung bildet – freilich, im Weltmaßstab ge sehen, auf etwas kleinerer Flamme. In Fällen, in denen sich dies in Ländern entwickelt, die im Hinblick auf ihre wahrgenommene strategi sche Bedeutung oder auch ih ren Roh stoff reichtum für interessierte Staaten mit größerem Potential relevant erscheinen, mögen sich Sze narien folgender Art ergeben: Strategisch – beziehungsweise auch ökonomisch – interessierte Staa ten mischen sich ein und führen vermittels ihrer Verbündeten oder Vasallen ‚vor Ort‘ gleichsam „über die Bande“ Kriege, ohne unmittelbar miteinander in offenen Konflikt zu geraten. So lässt sich das Eskalationsrisiko mini mie ren, das jedem unmittelbaren Zusammenstoß sol cher Streithähne innewohnt. Hinzukommt noch der Gesichtspunkt der Minderung des erforder lichen Aufwandes an Menschen und Material. Doch besteht auf der Seite dieser Streithähne das Bedürfnis, das je weilige Geschehen in der Problemregion kontrollieren zu können. Dies ge schieht teil weise durch den Einsatz begrenzter 132 Elemente der Luft streit kräfte, um der „eigenen“ Partei Vorteile verschaffen zu können. Wichtiger aber ist die Entsendung von Bodentruppen, die aus einem kleinen Elitekern, etwa SOF (Special Operations Forces) beziehungsweise Spetsnaz, und einer Korona aus Söldnern als „Kanonen futter“ bestehen. Denn das Po tential solcher Bodentruppen, die rele vanten militärischen und politi schen Ent wicklungen be ein flussen zu kön nen, hat sich im Vergleich mit der Luftun ter stützung als größer erwiesen. Neben den Vorteilen der Risiko- und Kostenminderung hat der skiz zierte Ansatz noch einen weiteren: Da die Kriege dieser Art unter anderem – oder vor allem – auch ge gen die Zivilbevölkerung der einen oder anderen Seite geführt werden, kommt es, um maximale Wirkung zu erzielen, auf deren Terrorisierung (etwa als „Ermutigung“ zur Flucht) an. Daran können sich in diesem Kon text auch die Interventionsstreitkräfte der „interessierten Staaten“ beteili gen, man denke an Luftwaffen- und Artillerie-Einsätze gegen Wohnviertel, ohne Gefahr zu laufen, dafür unmittelbar an den internationalen Pranger gestellt zu werden. Solcher Terror lässt sich nämlich … den „be kanntermaßen zu Gräuel taten neigenden“ lokalen Akteuren in die Schu he schieben. In diesem Zu sam menhang hat eine offensive In for ma tions po litik, die mit wohl prä parier ten Lügen (fake news) und inge niö sen Formen der Verschleierung arbeitet, ihre besondere Bedeutung. Eine noch größere Rolle als im Syrienkrieg, der hier als Modell der Skizze gedient hat (Lange/Unterseher 2018: 87 ff), spielen nicht mili täri sche Mittel der Einflussnahme im Konflikt Russlands mit der Ukrai ne: Cy ber War, Propa ganda, gezielte Fehlinfor mation sowie auch das syste ma ti sche Werben um Verständ nis, 133 einschließlich des Säens von Zwie tracht im La ger der nicht unmittelbar Betroffenen, aber in ihren Interessen Berühr ten. Dies ist eine besondere Spielart der hybriden Konflikte, mit ihrer kom plizierten, mitunter wechselnden Verquickung der unterschied lich sten politischen und militärischen Akteure, von offener Gewalt und indirekter Be einflussung: Der Krieg in der Ukraine, in den eine außenstehende Partei inter ve niert, ist von dieser ursprünglich veranstaltet worden. Beide Tatsachen – Initiierung des Bürgerkrieges und Intervention – werden verschleiert, und es wird auf der Ebene nichtmilitäri scher Mittel alles unternom men, um an dere Parteien von substanzieller Unterstützung des Aggres si ons opfers, oder gar mili täri schem Eingreifen, abzu halten. Das, was in den erwähnten Krisenherden geschehen ist, könnte sich in deren Nachbarschaft oder in anderen Regionen dieser Welt prinzipiell wiederholen – wobei allerdings die Formen variieren dürften. Auch könn ten die bereits genannten Krisengebiete als solche noch für län gere Zeit be stehen. Wie übrigens auch ein anderer blutiger Konflikt, der eben falls Merkmale des Hybriden aufweist: der Jemen-Krieg. Den Hintergrund bildet ein global zu beobachtender Trend in Rich tung ethno-kulturell oder religiös verbrämter nationalistischer Macht poli tik, die sich vor allem auch in militärischen Muskel spielen ausdrückt – ohne Rücksicht auf früher etwa bestehende inter nati onale Bindungen oder Ver pflichtungen. So ließe sich in diesem Rahmen auf etliche Staaten hindeuten, deren innere Streitigkeiten machtpolitische Machenschaften anderer anlocken könn ten. Zu nennen wären etwa weitere Länder, die der früheren Sowjet union zu gehörten, an Syrien grenzende Staaten, das zerrissene Libyen oder auch das chaotisierte Venezuela. 134 Atomrüstung: Bedrohliche Entwicklung „Kampf dem Atomtod“ ist eine Parole, mit der eine Bewegung be sorgter Bürgerinnen und Bürger öffentlich auftritt – eine Bewegung, die be reits ein ehrwürdiges Alter erreicht hat. Ähnliche Zusammenschlüsse gab und gibt es auch in anderen Ländern des westlichen Bündnisses. Doch konn ten deren Bemühungen bislang nie die Masse der Menschen errei chen. Nicht einmal zu Anfang der 1980er Jahre, im Gefolge des NATO-Doppelbeschlusses zwecks atomarer Rüstung zur Kompen sation einer an ge nommenen Bedrohung aus dem Osten, als die Anhän ger der – kurz le bigen – Friedensbewegung auf die Straße gingen. Bemer kens wert, dass die Aktivitäten der Friedensbewegten bereits zu erlahmen be gannen, bevor Gorbatschow, als neuer General sekretär der KPdSU, fri schen Wind in die damaligen Bemühungen um Ab rüstung brachte. Die Masse der Bürgerinnen und Bürger in den Staaten der großen Ost-West-Konfrontation hatte das Grauen eines Atomkrieges verdrängt. Da bei half ganz wesentlich, dass die Existenz von Atomwaffen nie wirk lich delegitimiert worden war. Im Gegenteil: Diese Mittel des Horrors wurden als Menschenleben rettende Kriegsbeendiger verklärt, und der relative Frieden, der seit dem Zweiten Weltkrieg in der nördlichen He misphäre geherrscht hatte, erschien vielen als positives Ergebnis des auf einer annähernden Parität bei den stra tegischen Nuklearwaffen ruhenden Gleichgewichts des Schreckens. Doch sind die damit behaupteten Zusammenhänge letztlich überzeugend? Zur Frage der Kriegsbeendigung durch den Einsatz von Atom waffen: Als am 6. und 8. August 1945 zuerst Hiroshima und 135 dann Nagasaki einge äschert worden waren, besaß Japan bereits seit etlichen Monaten keine Kriegsflotte mehr, die als operativ verwendbare Größe hätte betrachtet wer den können. Mehrere Großstädte des Landes waren durch gewalti ge kon ventionelle Bombardements aus der Luft zerstört beziehungsweise niedergebrannt wor den, wobei die Opferzahlen jeweils diejenigen über stiegen, die in Hiro shi ma und Nagasaki unmittelbar nach dem Geschehen zu bekla gen waren. Ein Geschehen übrigens, das von der Führung im entfernten To kio in seiner Einzigartigkeit wohl nicht verstanden wurde. So kommt Liddell Hart zu dem Schluss, dass die japanische Führung schon vor dem US-amerikanischen Atombomben einsatz dem Gedanken ei ner Kapitulation gegenüber grundsätzlich offen war und dass der Einsatz die in diese Richtung gehende Beschlussfassung vermutlich nicht wesent lich beschleunigt hat. „Die Wirkung (des Bombenabwurfes) war jedoch weit geringer, als man auf westlicher Seite dachte. Sie stimmte die drei Mitglieder des Rates der Sechs (eine Art inneres Kriegskabinett: L. U.) nicht um, die gegen eine bedingungslose Kapitulation gewesen waren …“ (Liddell Hart 1970: 862). „Die Kriegserklärung Russlands am 8. August und sein sofortiger Ein marsch in die Mandschurei … scheinen die Entscheidung (nämlich eine bedingungslose Kapitulation hinzunehmen: L. U.) mindes tens ebenso sehr beschleunigt zu haben …“ (ebd.). Einmarsch in die Mandschurei? Innerhalb nur weniger Tage zer schlu gen starke Panzertruppen der Sowjetunion dort die Kwan tung-Armee: den letzten einsatzfähigen Großverband des kaiserlich japani schen Hee res (Vigor 1983: 102 ff). 136 Zur „Friedensfunktion“ des strategischen Gleichgewichts: Die Idee, ver mittels der Fähigkeit beider Seiten der Ost-West-Konfrontation die jeweils andere mit totaler Vernichtung bedrohen zu können, um internationale Sta bilität zu erreichen, war von vornherein mit einem Glaubwürdigkeits pro blem behaftet. Wäre man bereit gewesen, bei begrenzten, mit konven tio nellen Truppen betriebenen Aggressionen des Opponenten auf der strate gi schen Ebene zu antworten und in der Konsequenz das eigene Ende zu ris kieren? Vor diesem Hintergrund wurde bereits früh an einschlägigen Optio nen unterhalb der nuklearstrategischen Ebene gearbeitet. So kam es schon Mitte der 1950er Jahre zur Stationierung US-amerikanischer Atomwaffen für tak tisch-operative Zwecke in der Bundesrepublik, also für die Ver wen dung auf dem Gefechtsfeld. Wenn das Abschreckungskonzept vorsah, im Ernstfall als erste Partei auf dem Gefechtsfeld Atomwaffen einzusetzen, musste dafür Sorge ge tra gen werden, dass man damit – bei Versagen der Abschreckung – keinen Es kalationsprozess auslöste, der letztlich doch auf die strategische Ebene mit der Perspektive totaler Vernichtung durchschlug. Die Eskalation sollte also möglichst kontrolliert und in ihrem Verlauf so beherrscht werden („Eskalationsdominanz“), dass der Abbruch des atomaren Gefechts zu ei genen Bedingungen möglich sein würde. Die in diesem Sinne entwickelten Einsatzverfahren und Technologien resultierten in einer hohen Flexibilität der atomaren Einsatzmittel – in zunehmender Kriegführungsfähigkeit mit eindeutig offensiver Konno ta ti on. Der Erstgebrauch der Schreckensmittel, eine (dem Gegner unmittelbar zuvorkom men de) Präemption, versprach im Falle des Falles entscheidende Vor- 137 teile: besorgniserregend, wenn mit voll zo gen wird, dass die Ost-West-Beziehungen immer wieder von Krisen er scheinungen belastet waren – von Kri sen, deren Zuspitzung mitunter zu ernsthaften Missverständnissen und Fehlwahrnehmungen führte. Mindestens ebenso besorgniserregend war, dass die Idee, Atom waff en für die Kriegführung tauglich zu machen, statt sie etwa auf die Rolle einer letzten Rückversicherung gegen einen Angriff mit solchen Mitteln zu beschränken, sich – parallel zur operativ-taktischen – auch auf der strate gischen Ebene durchsetzte. Im Jahre 1983, von sich verschärfenden Spannungen zwischen Ost und West geprägt, stand die Welt am Abgrund, weil die sowjeti sche Früh warnung fälschlicherweise ein NATO-Manöver als Auftakt zu ei nem stra te gische Waffen einschließenden Generalangriff gemeldet hatte. Nur durch den regelwidrigen, aber beherzten Eingriff eines sowjetischen Offi ziers konnte der atomare Gegenschlag vermieden werden (SPIEGEL ON LINE 2013). Henry Shue, der amerikanische Moralphilosoph und Strategie for scher, konstatiert, dass die Menschheit den guten alten Kalten Krieg nur deswegen überlebte, weil sie dumb luck hatte: Idiotenglück. Gegenwärtig sehen wir die Welt von nationalistischen Machtrivalitäten ge prägt. Der östliche Block gehört der Vergangenheit an. Der west liche hat sei ne Bindungs- und Verpflichtungskraft weitgehend ver loren. Rüstungs kon trolle erscheint zunehmend als Schnee von gestern. Nach einem Modernisierungsmoratorium im Hinblick auf substrate gische Atomwaffen während der Präsident schaft Ba- 138 rack Obamas hat sich offenbar wieder jene Linie in der US-Rüstungspolitik durchgesetzt, und noch verstärkt, die bereits über einen lan gen Zeitraum prägend war: Es geht um die stete Verbesserung und Ver feinerung des nuklearen Arsenals auf allen Ebenen, um den Anspruch der Vereinigten Staa ten, Welthegemon zu bleiben, vor allem auch mit militärischen Mitteln ein lösen zu können. Dies bedeutet in erster Linie, dass gegenüber allen mög lichen Kon kur renten um die Macht auf der Welt, die über Kernwaffen ver fü gen, Fä hig kei ten behauptet werden müssen, die im Fall der Fälle Es ka la tions do mi nanz versprechen (Rudolf 2018: 13 ff). Russland scheint sich auf dieses Strategiespiel eingelassen und Maß nahmen zur Steigerung der eigenen nuklearen Kriegführungsfähigkeit in sein Rüstungsprogramm aufgenommen zu haben, die ein Konterkarieren der Einsatzoptionen des alten und neuen Kontra hen ten ermöglichen sollen (Lange/Unterseher 2018: 54). Auch die Volksrepublik China, die bislang ein eher bescheidenes Ar senal an strategischen Nuklearwaffen hatte, und zwar im Sinne einer defen siven Rückversicherungskonzeption, scheint sich dem durch die USA ge setz ten Trend sehr vorsichtig, Schritt für Schritt, anzupassen: Flexibili sie rung der Ein satz mittel zur Eigensicherung, aber mit der Nebenfolge ge stei gerter Kriegführungsfähigkeit (Rudolf 2018: 18, Paul 2018). So werden Machtrivalitäten mit globalem Bezug auf gefährliche Wei se „militarisiert“. Bei einem Interessenkonflikt, der sich krisenhaft zu spitzt, diese Sorge klang bereits in anderem Zusammenhang an, mögen sich höchst riskante Präemptionskalküle ergeben. 139 Doch die skizzierte Tendenz steht quer zu jener, die sich im Hinblick auf die hybriden Kriege gezeigt hat: nämlich dem Bemühen der beteilig ten externen Mächte, in Syrien agier(t)en sowohl Russland als auch die USA, möglichst nicht unmittelbar miteinander ins Gehege zu geraten, um ei ner Eskalationsgefahr von vornherein auszuweichen. Es wäre wohl zynisch, darüber zu spekulieren, welche der beiden Ent wick lungslinien auf längere Sicht mehr weltpolitische Relevanz haben wird. Literatur Lange, S./Unterseher, L. 2018: Kriege unserer Zeit. Eine Typologie und der Brennpunkt Syrien, Berlin. Liddell Hart, B. H. 1970: Geschichte des Zweiten Weltkrieges, Wies baden. Paul, M. 2018: Chinas nukleare Abschreckung, SWP-Studie 17. Sep tember. Rudolf, R. 2018: Abschreckung in der Ära neuer Großmachtrivali tä ten, SWP-Studie 6, Mai. SPIEGEL ONLINE 2013: Geheimdokumente zu einem NATO- Ma növer. So nah kam die Welt 1983 einem Atomkrieg, 3. November. Vigor, P. H. 1983: Soviet Blitzkrieg Theory, London and Basingstoke. 141 VIII Aus dem militärischen Lexikon 142 „Überlebensfähigkeit“ – erschienen in Gerber, J./Kühr, M. (Hg.) 2004: Landkriegführung: Operation, Taktik, Logistik, Mittel, ein Handbuch, Bissendorf (gekürzt) – Breites Maßnahmenspektrum Der Königsweg, eine erfolgreiche militärische Operation zu führen und dabei möglichst wenig eigene Verluste zu haben, scheint für viele darin zu bestehen, dass der Gegner überrascht wird. Überraschung ist auf der strategischen Ebene allerdings etwas Problematisches, wie bereits von Clausewitz feststellen konnte. Schlägt ein Überraschungsversuch auf stra te gischer Ebene fehl, mögen die Folgen für denjenigen, der den Versuch unternommen hat, desaströs sein. Und, es ist alles andere als leicht, die Pla nungen für eine Kriegsmaschinerie als Ganzes hinreichend geheim zu hal ten. Praktikabler und im Übrigen weniger risikoanfällig scheint es eher zu sein, dass Überraschungsmoment auf der operativen und mehr noch auf der taktischen Ebene zu suchen. Ein anderer Beitrag zur Steigerung der Überlebensfähigkeit liegt da rin, die Truppe insbesondere auf der taktischen Ebene ‚agil‘ zu machen. Ziel gerichtete Bewegung allein genügt keineswegs, um eigene Ver luste zu minimieren. Eher im Gegenteil: Bewegung an sich kann auch einfach hei ßen, dass man sich exponiert und dadurch zum bekämpfbaren Ziel wird. Was also hinzukommen muss, das ist Agilität in dem Sinne, dass während der systematischen, gerichteten Bewegung zugleich auch 143 unsyste matische Zu fallsbewegungen gemacht werden können, welche die Zielfin dung durch den Gegner erschweren. Ein militärischer Praktiker hat einmal in diesem Zu sammenhang vom Erfordernis vorbedachter „Wuseligkeit“ ge sprochen. Offenkundig ist der Beitrag zur Überlebensfähigkeit, wenn Truppen überlegener gegnerischer Waffenwirkung gezielt entzogen werden: Durch geordneten Rückzug, rechtzeitige Ausweichmanöver (bevor die eigentliche Feindwirkung eintritt) oder Verzögerung. Dabei erscheint die Verzögerung, insbesondere auf der taktisch-ope ra tiven Ebene, bei der ein Teil der Truppe befristeten Feindkontakt hält, um durch hinhaltendes Fechten dem wo möglich größeren Teil zu ermöglichen, sich gegnerischer Wirkung zu entziehen, als ganz besonders anspruchsvoll, was militärische Führungs kunst anbelangt. Es gehört zur preußischdeut schen Militärtradition, in die sem Zusammenhang auch die Option wohlge zielter, begrenzter Gegen angriffe vorzusehen, um dadurch einen Angreifer gleich sam ‚aus dem Tritt‘ zu bringen und auf diese Weise eine Verzö ge rungs wirkung zu erreichen. Sowohl bewegliche Truppen als auch eher statische Dispositive stei gern ihre Überlebensfähigkeit auch dadurch, dass sie sich aufl ockern. Und um – insbesondere bei statischen Dispositiven – die Über le bensfähigkeit noch weiter zu steigern, muss dafür Sorge getragen wer den, dass die Ver tei lung im Raum eine unsystematische Form annimmt. Dies vor dem Hin tergrund der Erkenntnis, dass eine systematische Verteilung dem Geg ner die Zielfindung erleichtert. (In diesem Gedanken gang findet sich übri gens eine Forderung des altchinesischen Kriegstheoretikers Sun Tze re flektiert, der dekretierte, dass eine auf marschier te Armee aus der Per spek tive des Gegners ‚formlos‘ erscheinen 144 müsse.) Mit solcher Auflo cke rung erhöhen sich allerdings die Schwierig keiten, Bewegungen zu koor dinieren bzw. – im Fall einer eher statischen Grundstruktur – das Feuer der einzel nen im Raum verteilten Stel lungen zu leiten und zusam men zufassen. Es erscheint fast zu simpel: Wenn man sich schützen, also die Über lebensfähigkeit erhöhen will, muss man sich vor allem auch ange messener Deckung vergewissern. Dies gilt sowohl für bewegliche als auch für eher statische Kräfte. Dabei gibt es aber einen nahezu fundamentalen Unter schied: Bewegliche Truppen können sich eigene Deckungen eher nur in Ausnahmefällen und in nur sehr begrenzter Zeit schaffen (etwa in Bereit stellungsräumen zum Schutz vor indirektem Feuer). Ganz anders sieht es im Falle von Truppen aus, die aus festen Stellungen heraus kämpfen bzw. deren Beweglichkeit an ein statisches Po si tions system gebunden ist. Hier besteht in aller Regel erheblich größere Vorbereitungszeit, was durchaus dazu passt, dass die fraglichen Stellungen nicht nur vorübergehend – und zwar nicht nur zu Schutzzwecken, sondern auch zum (Feuer-) Kampf – genutzt werden sollen. Fast überflüssig zu sagen: Solche Stellungen sind ty pischerweise von höherem militärischen Wert als das, was bewegliche Truppen improvisieren oder an Gelände deckungen (einschließlich von Kunst bauten) im Zuge ihrer Operationen vorfinden. Wenden wir uns nun den verschiedenen Vorkehrungen des Schutzes zu, die eigentlich nichts anderes als am Körper bzw. am Fahrzeug mitfüh rbare Deckungen darstellen! Die in den letzten Dekaden sich immer mehr verbreitenden Körperpanzerungen (insbesondere Westen unterschied lichen Schutzniveaus) gewinnen ihre besondere Bedeutung bei Einsätzen zur Friedensunterstützung im Auftrag der internationalen Gemeinschaft. Dabei 145 müssen sich die Soldaten nämlich, ihrem antrainierten Instinkt zuwider, immer wieder exponieren – also aus dem Schutz ihrer Fahrzeuge oder anderer Deckungen herausbegeben. Geht es aber um genuin militäri sche Einsätze, ist der Nutzen einer gewichtigen Schutzbekleidung durchaus fragwürdig: Der Schutzeffekt muss abgewogen werden gegenüber dem, was die Agilität eines weniger schwer zu tragen habenden Soldaten diesem an Überlebensfähigkeit bringt. Schwer vorzustellen ist z. B., dass eine Trup pe mit Schutzwesten von mehr als 5 kg Gewicht im Häuserkampf wirk lich etwas leisten kann. (Gleichwohl waren in Bagdad US-amerika nische Spezialkräfte mit noch schwererer Schutzbekleidung im Einsatz.) Das hier bezeichnete Dilemma gilt in sinngemäßer Übertragung auch für den Panzerschutz von Gefechts- und Unterstützungsfahrzeugen. Diese spezielle Problematik wird bereits seit den Tagen des Ersten Weltkrieges im Sinne einer Optimierungsfrage diskutiert: Was ist im Sinne der Sys temwirksamkeit der beste Mix aus Panzerschutz, Beweglichkeit und Feuer kraft? Oder anders gewendet, von wo ab wird – bezogen auf ein spezifi sches Fahrzeug – die Investition in zusätzlichen Panzerschutz sinn los, weil dadurch Beweglichkeit und/oder Feuerkraft so leiden, dass da durch das System am Ende noch größerer Gefährdung ausgesetzt ist? Tarnung ist ein weiteres, bewährtes Mittel, um die Überlebensfähig keit von Truppen zu erhöhen. Man kann z. B. ‚im Gelände ver schwinden‘, in dem man sich ein Deckungsloch gräbt und dann diese Stelle so aussehen lässt, als wäre überhaupt nichts verändert worden. Und man kann das mili tä rische Personal wie auch dessen Fahrzeuge mit allerlei Zusatzvor keh rungen – z. B. Tarnnetzen, aber auch Nebelwerfern – ausstat ten, um sie 146 in die Lage zu versetzen, sich feindlichen Blicken möglichst zu entziehen. Der Königsweg wird hier gegenwärtig wohl darin gesehen, dass der einzel ne Soldat bzw. das Fahrzeug ‚von sich aus‘ kaum auffällig sind. Da gibt es den Tarnanzug, der die Infrarot-Signatur des Soldaten, ver schwimmen lässt. Und die Abgase von Fahrzeugmotoren werden nur ge kühlt ins Freie gelassen. In diesem Zusammenhang ist dann meist von der Verbesserung der „Stealth-Charakteristik“ die Rede. Manchmal ist da aber nicht so viel zu verbessern: Kettenfahrzeuge sind eben einfach lauter als Radvehikel. Ist Geräuscharmut ein herausragend wichtiges Kriterium, muss man sich kon sequenterweise für eine Rad- und gegen eine Ketten lösung entscheiden. Beim Täuschen eines Gegners, um die eigene Überlebensfähigkeit zu erhöhen, handelt es sich um ein besonders ehrwürdiges, schon in der Antike betriebenes Geschäft. Im Wesentlichen geht es darum, der jeweils anderen Seite falsche Annahmen über das eigene Dispositiv nahe zu legen. Dies kann z. B. dadurch geschehen, dass dem gegnerischen Nachrichten dienst irreführende Dokumente zugespielt werden. Ebenso ist in diesem Zu sam menhang aber auch die Verwendung von Attrappen und Schein stel lungen zu diskutieren. Nicht zu vergessen darüber hinaus etwa das (akus tische) Vortäuschen von Truppenbewegungen. All diese Maßnahmen kön nen im günstigen Falle dazu führen, dass die Aufmerksamkeit des Geg ners in die falsche Richtung gelenkt wird und dass er dann Kampf- bzw. Feuerkraft vergeudet. Während einerseits die Überlegungen und Planungen des Kontra hen ten soweit wie möglich zu beeinflussen sind, müssen – vor allem auch der Überlebensfähigkeit wegen – die eigenen Absichten geheim gehalten wer den. Es geht also um Sicherheit für Stabsarbeit und Führungsvorgänge. Es hat sich in modernen 147 Armeen ein bisweilen schon zu sehr ausuferndes Sys tem von technischen Vorkehrungen und Verfahrensregeln entwickelt, das diese Sicherheit garantieren soll … . Am Ende dieses kommentierten Katalogs von Maßnahmen bleibt tri vialerweise darauf hinzuweisen, dass die meisten davon nicht oder nur in ge ringem Maße funktionieren dürften, wenn es nicht eine verlässliche Ba sis aus differenzierten Aufklärungsergebnissen sowie deren zeit- und lage gerechter Verarbeitung gibt: Wie ist die eigene Situation, wie die des Ge genübers? Technologische Hilfen Zu all den genannten Aspekten hat der technologische Fortschritt gerade in den letzten Jahren im Sinne einer Steigerung der Überlebens fä hig keit beträchtliche Beiträge geleistet, und weitere sind zu erwarten. Da bei handelt es sich um ein weites Feld, auf das hier nur exemplarisch und kursorisch eingegangen werden kann: Es haben sich militärische Konfrontationen ergeben, und weitere zeich nen sich ab, bei der eine der Seiten eine extreme Infor mati ons über legenheit genießt. Man hat extrem leistungsfähigere Sensoren als der Kon trahent und kann diesen sogar noch bei der eigenen Informations ge win nung auf verheerende Weise stören. … Eine weitere, mit der Entwicklung moderner Informationstechno lo gie verwandte Tendenz besteht in der „Digitalisierung“ der Landstreit kräft e, die in den Vereinigten Staaten bereits weit fortgeschritten ist und die auch von anderen – insbesondere westlichen – Armeen angestrebt wird. 148 Die elektronische Vernetzung auch bis zur untersten taktischen Ebene her un ter macht es möglich, große Datenmengen aus unterschiedlichsten Quel len und differenzierteste Informationen praktisch allen blitzschnell zu gäng lich zu machen. Dies führt zu einer immensen Erleichterung der Koordina tion und Führung auch aufgelockertster Verbände – seien diese hochbe weg lich oder auch eher statischer Natur. Allerdings besteht in diesem Zusammenhang die Gefahr, dass der sich nun allwissend dünkende militärische Führer allzu sehr in die Ent schei dungskompetenzen unterer Ebenen hineinfunkt und dabei deren Effi zienz stiftende relative Selbständigkeit und Flexibilität (Stichwort: Auft rags taktik) untergräbt. Dies wiederum wäre auch im Hinblick auf die Über lebensfähigkeit der Truppe höchst problematisch. Eine weitere, die Überlebensfähigkeit erhöhende Entwicklung be steht darin, dass Truppen in vorbereiteten Stellungen sich nicht mehr wie früher beim Schießen exponieren müssen. Für die Trennung von Waffen system und Schützen gibt es nämlich nun taugliche technische Lösungen. Und wenn dann der Einwand kommt, dass immerhin das Waffensystem doch noch gefährdet bleibt, weil es sich nämlich beim Schießen verrät, dann lautet die Antwort, dass es auch neuartige Vorkehrungen gibt, mit denen Schieß-Signaturen getreulich vorgetäuscht werden können. Hinzuweisen ist auch darauf, dass sich in puncto Schutztechnologie für Gefechtsfahrzeuge interessante Entwicklungen abzeichnen (von verbes sertem reaktiven Schutz über die „elektrische“ Panzerung bis hin zu ab standsaktiven Maßnahmen), deren Ertrag aber gegenwärtig noch nicht wirklich abgeschätzt werden kann. 149 Was neue Ansätze der Tarnung anbelangt, ist etwa zu erwähnen, dass sich Textilien für Kampfanzüge in der Entwicklung befinden, deren Farb gebung sich – wie bei einem Chamäleon – immer der jeweiligen Umge bung anpasst. Was Kampffahrzeuge betrifft: Es gibt erste De sign lösungen für deren Oberflächengestaltung, mit denen offenbar die Ra darsignatur ganz beträchtlich reduziert werden kann. Die Gestaltung wirksamer Tarnmaß nahmen und die Herstellung ‚überzeugender‘ Attrappen schien eini ge Jahre lang schwieriger geworden zu sein, da die Sensoren insbeson dere der luft- und raumgestützten Aufk lärung zunehmend multispektral wurden. Hier scheinen allerdings auf der Seite des Tarnens und Täuschens Durch brüche erzielt worden zu sein: Es gibt jetzt multispektralen Tarn nebel zu annehmbaren Kosten, und auch die Entwicklung von Attrappen, die in un terschiedlichen Wellenbereichen ‚echt‘ wirken, scheint Erfolge zu ha ben … Um schließlich noch auf das Gebiet der Datensicherheit hinzuwei sen: Hier werden besondere Herausforderungen gesehen. So befindet sich die Arbeit an Gegen- bzw. Schutzmaßnahmen auf vollen Touren. Kritische Falldiskussion Die folgende Falldarstellung soll zeigen, wie komplex die Problematik ist, die sich im Hinblick auf das Ziel „Überlebensfähigkeit“ ergibt. Zu demonstrieren ist überdies, wie leicht dieses Ziel im Zuge strategischer Überlegungen aus dem Blickfeld geraten kann: 150 Kurz vor der Jahrtausendwende unternahm es Eric K. Shinseki, da mals Stabschef der U.S. Army, dieser Teilstreitkraft einen strategischen An stoß, ein neues Gesamtkonzept, zu geben: und zwar wohl nicht zuletzt mit dem Hintergedanken, im Wettstreit mit den U.S. Marines darüber, wer die beste Interventionstruppe ist, auf Dauer bestehen zu können. Sein Kon zept, das alsbald in Planung umgesetzt wurde, sah folgendermaßen aus: Innerhalb von 10 bis 15 Jahren sollten alle landbeweglichen Kampf plattformen der U.S. Army Radfahrzeuge sein – und zwar mit einem Ma ximalgewicht nicht wesentlich über 20 t. Dabei wurde auf den techno lo gischen Fortschritt gesetzt: Er sollte es möglich machen, in der ange ge be nen Frist Vehikel zu entwickeln, die im Hinblick auf Schutz und Feu erkraft schweren Kettenfahrzeugen gegenwärtiger Technologie zumindest ebenbür tig wären. Auch im Hinblick auf die taktische Beweglichkeit streb te Shin seki mindestens Gleichwertigkeit an, während für Radfahrzeuge der 20 t+-Klasse ohnehin und trivialerweise davon ausgegangen werden kann, dass sie operativ und strategisch (Stichwort: Lufttransport) beweglicher sind als schwerere Kettenplattformen. Um aber nicht 10 bis 15 Jahre warten zu müssen und um schon vor her mit „mittelschweren“ mechanisierten Truppen auch im Hinblick auf die Taktik-Entwicklung experimentieren zu können, wurde eine „Interims lö sung“ vorgesehen, die zunächst 6 neuartige Brigaden umfassen sollte. Da bei bediente man sich aktueller Technologie: Als Fahrzeugausstattung wur de die „Stryker“- Familie vorgesehen, die eine Entwicklung auf der Grund la ge eines Radpanzers aus der Schweiz (MOWAG) darstellt. Das Ge wichts limit wurde sogar noch niedriger gesetzt (bis zu 20 t), um den Trans port mit Flugzeugen vom Typ C 130 zu gewährleisten. 151 Schon vor dem Irak-Krieg von 2003, der zu einer Ernüchterung in Bezug auf die Überlebensfähigkeit von Radpanzern der bezeichneten Grö ßenordnung geführt hat, gab es vor dem Hintergrund genauerer Ana lysen und Simulationen substanzielle Kritik an dem neuen Konzept der U.S. Army: übrigens mit dem Ergebnis erster Abstriche am Umfang der interim force. Man sah zwar die Möglichkeit, durch strategische und ope rative Be weglichkeit schnell vor Ort zu beträchtlichen Kräftekon zentra tionen zu kommen. Da Krieg bekanntlich ein friktionsreiches Geschäft ist, konnte man freilich keinerlei Garantie dafür erkennen, dass der Gegner in allen Fällen durch schiere Masse und Feuerkraft zu überwältigen sein wür de. Da man aber von der Interimslösung mit ihren kaum geschützten Fahrzeugen zunächst nicht wegkam und auch der Glaube schwand, in 10 bis 15 Jahren bei der Schutztechnologie dramatische Durchbrüche erzielen zu können, verfiel man auf einen systematischen Notbehelf, der wiederum (das ist wohl typisch für die USA) technologischer Natur war. Im Klartext: Man wollte – und will – das Manko an Panzerschutz durch eine Erhöhung der „situational awareness“ zumindest teilweise kompensieren. Das heißt, der Fahrzeugkommandant soll sich durch kontinuierliche Versorgung mit al len für ihn relevanten Bedrohungsdaten in der Lage sehen, möglichen Ge fahren rechtzeitig ausweichen bzw. auf sie mit seinen Waffensystemen reagieren zu können. Zunächst einmal erscheint es als eine Selbstverständlichkeit, dass sich taktische Führung ihrer Lage bewusst sein muss. Was hier allerdings irritiert, das ist der technologische Akzent und die Betonung der Integration einer Vielzahl von Datenquellen, von der letztlich dann das Leben abhängt (da es keinen ange- 152 messenen Panzerschutz gibt, der im Falle einer Fehlein schätzung der Lage eine Art Rückversicherung darstellen würde). Zu be rücksichtigen ist auch, dass der Fahrzeugkommandant noch an de re Tätigkeiten als die der Lagebeobachtung zu verrichten hat (z. B. Fahr zeugbewegungen oder auch den Feuerkampf koordinieren). Soll er gleich wohl imstande sein, ein hochkomplexes, technisch vermitteltes La ge bild wahr zu nehmen, müssen die anfallenden Informationen wahrneh mungs psychologisch und didaktisch so aufbereitet sein, dass möglichst keine Über lastung eintritt. In diesem Zusammenhang hat ein Spötter ange merkt, dass der Fahr zeugkommandant der Zukunft vielleicht einen Vibra tor im Enddarm haben müsse, der ihm ggf. „Feind in 6 Uhr“ an zeigt. … Die Idee einer besonders projektionsfähigen mittelschweren Streit macht … muss wohl mit einem Fragezeichen versehen werden. Kampf plattformen, die beträchtliche Durchsetzungsfähigkeit mit ange messe nem Schutz auch in Lagen intensiver Bedrohung verbinden, werden wohl auch in Zukunft relativ schwer sein müssen (also eine Kettenlösung). Daneben wird es Plattformen in der Gewichtskategorie unter 10 t geben, deren Funk tionen eher in der Aufklärung und auch in raumkontrollierenden Patrouil len (Friedensunterstützung) liegen, wobei das Über leben der Be satzungen durch besondere Agilität und Kompaktheit (geringe Sig natur) und weniger durch Panzerung gesichert wird. Hier sind Rad plattformen angemessen …

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References

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt von Analysen und Konzepten, die in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind, steht die Idee der „Vertrauensbildenden Verteidigung“. Diese erscheint theoretisch fundiert und in praxistaugliche Lösungen umgesetzt. Die Idee einer Umrüstung auf betont defensiven Schutz mit der Perspektive weitgehender Abrüstung lag auch der Militärreform Gorbatschows zu Grunde und trug wesentlich zur Überwindung des Kalten Krieges bei. Sie ist heute aktueller denn je. Im weiteren Kontext des Diskurses über eine Verteidigung, die nicht provoziert, stehen kritische Sondierungen: Sind die angeblich „neuen“ Kriege wirklich neu, oder diente deren Thematisierung der Legitimierung von Militärinterventionen der „zivilisierten“ Staaten? Welche Schwächen kennzeichnen solche Interventionen? Ist Krieg ewiges Menschenschicksal? Welche Bestimmungsgründe sind für Kriegsentscheidungen relevant? Welche Kriegsszenarien müssen wir fürchten?