Einführung in:

Lutz Unterseher

Krieg und Kriegsvermeidung, page 1 - 4

Theoretisch-praktische Schriften

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4412-4, ISBN online: 978-3-8288-7414-5, https://doi.org/10.5771/9783828874145-1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 Einführung Dies ist eine kleine Auswahl meiner Schriften – gleichsam die Spitze des Eis bergs. Der Fokus ist so eindeutig wie unerbittlich. Es geht um ein zen trales Thema: die Natur des Krieges und die Möglichkeiten sei ner Ver meidung. Die Beiträge stammen aus über drei Jahrzehnten. Ausgeblendet wurden Arbeiten auf anderen Inter essengebieten – et wa der Soziologie des Arbeitsrechts, der Gewerkschaften und der Par teien. Auch die Beschäftigung mit der Machtstruktur des National sozia lismus oder deutscher Militärgeschichte sowie mit der Erforschung von Da men- und Herrenmode fand keinen Platz. Der Reigen der Beiträge wird (Kapitel I) mit einer Studie eröffnet, die eine immanente Kritik der auf den Landkrieg bezogenen militä ri schen Kon zeptionsentwicklung in der NATO während des Kal ten Krieges liefert. Diese Kritik geschieht von der Position einer Denk schule aus, deren un terschiedliche Ausprägungen unter dem Begriff „Al ternative Verteidi gung“ bekannt wurden. Es ging um die Entwicklung einer – im Vergleich zur NATO – stabileren und weniger provokativen Defensive für Mittel eu ro pa: offener für Entspannung und Abrüstung. Um Politik mit militä rischen Mitteln, wie Horst Afheldt, der spiritus rector der Denkrichtung, es da mals aus drückte. Diese Botschaft schien jedoch eher im Osten als im Westen anzukom men. Dafür spricht die von Michail Sergejewitsch 2 Gorbat schow 1988 eingeleitete, Abrüstung und defensive Umrüstung ver knüp fen de Reform der konventionellen Streitkräfte des Warschauer Pak tes (Ka pitel II). Dabei erscheint bemerkenswert, dass nach intensi ven Explo ra tio nen in Moskau der US-amerikanische Politikwissenschaftler Ma tthew Evange lis ta zu dem Ergebnis gelangt ist, der wohl wichtigste Be rater Gorbat schows bei besagtem Reformunternehmen, Andrej Andreje witsch Koko schin, sei aus einer ganz bestimmten Richtung beeinflusst worden: „Un ter seher’s work became particularly influential in Koko shin’s thinking“ (Evan gelista 2002: 314). Zum Verständnis: Ich war langjähriger Vor sit zender der Studien grup pe Alternative Sicherheitspolitik (SAS) und zeich nete für die Entwick lung und fortlaufende Anpassung einer umfassen den Defensivkonzeption, die unter der Bezeichnung „Ver trauensbildende Ver tei digung“ beträchtliche Auf merksamkeit genoss, alleinverantwortlich. Kapitel III ist der sich in den 1990er Jahren entwickelnden Annahme gewidmet, nach der im Zuge der konfliktträchtigen Globali sie rung die Zu kunft den angeblich „neuen“ Kriegen, also hauptsächlich in nerstaat lichen Auseinandersetzungen, gehören würde. Womit zwischen staatliche Krie ge, an deren Vermeidung sich die alternative Schule wesent lich ab gearbeitet hat te, an Relevanz verlieren müssten. Die entsprechende Argu mentation wird präsentiert und anschließend empirisch fundierter Kri tik aus gesetzt. In Kapitel IV geht es um die Ursachen von Kriegen: um den phi losophischen und psychologischen Hintergrund ihrer Erforschung sowie um die Systematik des Wirkungsgeflechts, das den Prozess von Kriegsent schei dungen prägt. 3 Kapitel V stellt das Konstrukt der Vertrauensbildenden Ver teidigung in den Mittelpunkt. Es geht um eine Entfaltung der in diesem Zusammen hang wichtigen militärisch-sicherheitspolitischen Stabilitätskalküle, um die Beantwortung der Frage nach einer möglichen universellen Geltung dieses Denkansatzes sowie schließlich um einen Blick in die Werkstatt des De signers konkreter alternativer Strukturen (wohl nur für Spezialisten). Dabei stehen die Landstreitkräfte im Zentrum der Aufmerksamkeit. Die anderen Teilstreitkräfte bleiben aus geblendet. Zu notieren ist aller dings, dass – im Gegensatz zu weiteren an der Debatte teilnehmenden Au to ren oder Teams – nur die Studiengruppe auch elaborierte Entwürfe zu Ma rine und Luftwaffe vorlegte (Bebermeyer/Unterseher 1989, Unterseher 1989). Das Kapitel VI ist den Militärinterventionen gewidmet, die nach der Jahrtausendwende ihre Konjunktur hatten. (Die Pro pheten der „neuen“ Krie ge verhalfen solchen Abenteuern zu Le gitimität.) In einer Fallstudie wird der Bush-Krieg gegen den Irak aufs Korn genommen. Gefolgt von ei ner kleinen Analyse, die generelle Trends der ‚Interventionitis‘ heraus ar beitet und auch deren Motive beleuchtet. In Kapitel VII finden sich Gedanken zu künftigen Kriegsgefahren: zum einen zur Wiederkehr des Staates als Hauptakteur, der sich allerdings ‚vor Ort‘ Erfüllungsgehilfen sucht, und zum anderen mit Blick auf die Pro blematik er neu ten nuklearen Wettrüstens vor dem Hintergrund sich zu spit zender Großmachtkonkurrenz. Außerhalb des Reigens dieser Beiträge, die sich durchaus als Ganz heit denken lassen, steht ein differenzierter lexikalischer Artikel (Kapitel XIII) – als Beispiel für andere ent spre chen de Ar beiten aus meiner Feder. 4 Kapitel IX schließlich enthält eine ältere Glosse, die systematische Kritik an verfehlter Rüstungspolitik mit einer Prise Sarkasmus würzt. Die Aktu alität noch im Jahre 2020 ist offenkundig. Literatur Bebermeyer, H. /Unterseher, L. 1989: Wider die Großmannssucht zur See. Das Profil einer defensiven Marine, in: SAS (Hg.), Vertrauensbildende Verteidigung, Gerlingen, S. 165–187. Evangelista, M. 2002: Unarmed Forces. The Transnational Movement to End the Cold War, Ithaca, N. Y. Unterseher, L. 1989: Umrisse einer stabilen Luftverteidigung, in: SAS (Hg.), a. a. O., S. 187–203.

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References

Zusammenfassung

Im Mittelpunkt von Analysen und Konzepten, die in den letzten drei Jahrzehnten entstanden sind, steht die Idee der „Vertrauensbildenden Verteidigung“. Diese erscheint theoretisch fundiert und in praxistaugliche Lösungen umgesetzt. Die Idee einer Umrüstung auf betont defensiven Schutz mit der Perspektive weitgehender Abrüstung lag auch der Militärreform Gorbatschows zu Grunde und trug wesentlich zur Überwindung des Kalten Krieges bei. Sie ist heute aktueller denn je. Im weiteren Kontext des Diskurses über eine Verteidigung, die nicht provoziert, stehen kritische Sondierungen: Sind die angeblich „neuen“ Kriege wirklich neu, oder diente deren Thematisierung der Legitimierung von Militärinterventionen der „zivilisierten“ Staaten? Welche Schwächen kennzeichnen solche Interventionen? Ist Krieg ewiges Menschenschicksal? Welche Bestimmungsgründe sind für Kriegsentscheidungen relevant? Welche Kriegsszenarien müssen wir fürchten?