Content

6. George Harrison und Transcultural Agency. Zusammenfassung, Zuschreibungen, und Ausblicke in:

Christopher Li

George Harrison und die Komplementarität von "Ost" und "West", page 517 - 558

Ein biografischer Versuch

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4411-7, ISBN online: 978-3-8288-7413-8, https://doi.org/10.5771/9783828874138-517

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Musikwissenschaft, vol. 13

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
517 6. George Harrison und Transcultural Agency. Zusammenfassung, Zuschreibungen, und Ausblicke 6.1 »…nice agents like the Beatles…«: Zuschreibungen und offene Fragen Brainwashed by computer Brainwashed by mobile phones Brainwashed by the satellite Brainwashed to the bone […] Namah Parvati Pataye Hare Hare Mahadev Shiva Shiva Shankara Mahadeva George Harrison (2002): Brainwashed Sofern eine Zusammenfassung nicht lediglich als eine aufzählende Zusammenstellung zentraler Gedanken definiert wird, die einen inhaltlich feststehenden Abschluss mit eindeutigem Ergebnis vorgibt, kann der von der Arbeitsarchitektur her vorgesehene Abschluss ein Ort sein, um einige Gedanken der Arbeit nochmals aufzugreifen, sie in einen Kontext zu stellen und damit zur Diskussion zu öffnen. Die »Biografie« von Harrison ist – im Unterschied zu seinem »Lebenslauf« – mit seinem Tod noch keineswegs abgeschlossen: Das Concert For George etwa, ein von Olivia Harrison, Dhani Harrison, Eric Clapton und Jeff Lynne am 29. November 2002 (Harrisons erster Todestag) veranstaltetes Gedenkkonzert in der Royal Albert Hall, auf dem auch Paul McCartney und Ringo Starr 518 auftraten, drängt sich quasi nachträglich in die Biografie hinein.1 Denn das Konzert veranschaulicht in der Kontinuität von Harrisons Lebensironie posthum nochmals die Widersprüchlichkeit zwischen seiner Aversion gegen die Heroisierung seines Status als Beatle und der Unvermeidlichkeit dieser gigantischen Festveranstaltung, die von seinen Verwandten und engsten Freunden initiiert wurde. Ebenso ist das posthum veröffentlichte Album Brainwashed (2002) freilich als Teil der künstlerischen Biografie Harrisons zu sehen. Bereits am Beispiel der Anthology-Dokumentation der Beatles ist in der vorliegenden Arbeit die Position vertreten worden, dass die Geschichte der Beatles mit ihrer Auflösung im Jahr 1970 nicht als abgeschlossen betrachtet werden kann, sondern noch wesentlich später in voller, autopoietischer Bewegung war (und ist).2 Unabhängig von der autopoietischen Bewegung der involvierten Individuen wäre diese Sichtweise aber auch im Hinblick auf die Biografik sinnvoll. Wenn einerseits die »Biografie« von George Harrison mit seinem Tod noch nicht abgeschlossen, sondern durch posthume Events noch in Bewegung ist3 und andererseits dadurch auch die Biografik als deutende Instanz stets offen, zeitgebunden und vorläufig bleibt, so erscheint es gerechtfertigt, eine »Zusammenfassung« mit der Diskussion offener Fragen in Bezug auf George Harrisons Verhältnis zur ISKCON und des posthum veröffentlichten Songs Brainwashed zu verbinden. – Im Folgenden werden zunächst zentrale Zuschreibungen, die im Verlau- ______ 1 Es traten unter anderem auf: Paul McCartney, Ringo Starr, Ravi Shankar, Anoushka Shankar, Eric Clapton, Jeff Lynne, Dhani Harrison, Billy Preston, Joe Brown, Tom Petty, Gary Brooker und Klaus Voormann sowie vier Mitglieder von Monty Python (Terry Gilliam, Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin). Es fehlten: Gary Wright und Bob Dylan. (Zum Line-up vgl. Voormann 2003: 289–299; vollständiges Line-up siehe CD-Booklet Various Artists 2003). 2 Siehe Kapitel 5.2 der vorliegenden Arbeit. 3 Noch im Jahr 2011 hat Olivia Harrison das Kompendium Living In The Material World herausgegeben, das als »illustrierte Biografie« nicht etwa als ein Blick auf etwas Abgeschlossenes verstanden werden darf, sondern vielmehr als Teil einer sich noch in Entwicklung befindenden Biografik. Vgl. Harrison 2011a [Harrison 2011b]. 519 fe der einzelnen Kapitel dieser Arbeit herausgearbeitet oder neu entwickelt wurden, aufzählend zusammengefasst. Sichtbar werden auf diese Weise noch offene Fragen, die im Rahmen dieser Zusammenfassung als Ausblick diskutiert werden sollen. Zuschreibungen in Bezug auf George Harrisons Rolle und Position im Spannungsfeld zwischen »östlicher« und »westlicher« Musik- und Religionskultur, die im Rahmen dieser Arbeit entwickelt und herausgearbeitet worden sind, sind im Hinblick auf Perspektive und Inhalt vielfältig. – Ausgangspunkt für Harrisons Begegnung mit indischer Kultur war der Plot des Beatles-Films Help!; die Zuschreibung, bei der Filmhandlung handele es sich um orientalistische Verzeichnung (»shameless Orientalism«4) ist vor dem Hintergrund des selbstironischen Charakters der Comedy hinterfragt worden. Schlägt man den Bogen zu den von George Harrison produzierten Filmen der 1980er-Jahre, so fällt auf, dass Harrison später Drehbücher realisiert hat, in denen es in der Tradition der Goons um die unzweideutige Verballhornung kolonialistischer Imagines ging. – Innerhalb der biografisch herausragenden Begegnung George Harrisons mit Ravi Shankar erscheint zentral eine Charakterbeschreibung durch Shankar: die Demut und Bescheidenheit (»humility«5) Harrisons angesichts seiner musikalischen Selbsteinschätzung gegenüber der indischen Musikkultur und dem Sitarvirtuosen. Diese Haltung Harrisons kann wohl als eine biografisch schlechthin konstante Charakterhaltung gegenüber indischer Kultur identifiziert werden. – Was den Einbezug von Elementen indischer Musik in das Songwriting George Harrisons anbelangt, so ist herausgearbeitet worden, dass Zuschreibungen bisheriger Analytiker die Tendenz zeigen, »Raga Rock« vor dem Hintergrund von puristisch gesetzten Idealbildern indischer Musikformen als defizitär zu bewerten. Demgegenüber ist der Standpunkt entwickelt worden, dass das Streben der vollständigen Realisierung einer indischen Musikform im Rah- ______ 4 Lavezzoli 2006: 173. 5 Shankar 1968: 92; deutsch: Shankar 1969: 180/183. 520 men eines Popsongs nicht als gesetztes Ziel George Harrisons nachgewiesen werden kann. Die umgekehrte Blickweise ist vorgeschlagen worden, »Raga Rock« als ein Positiv zu setzen, aus dem Aspekte und Elemente herausgearbeitet werden können, welche transkulturelle Bewegungen mit progressiver Bedeutung beschreiben. – Die Suche nach »Anubhava« (nach einer unmittelbaren Gotteserfahrung), die Kritik an »Ahaṅkāra« (am Egoismus) und eine pluralistische religiöse Haltung, bilden die drei zentralen religiösen Impulse in Harrisons Leben. Diese Zuschreibungen konnten aus dem »I really want to see you« in My Sweet Lord, dem »All through the day: I me mine« in I Me Mine und Harrisons Vorwort zu Bhaktivedantas Buch Kṛṣṇa. The Supreme Personality of Godhead (1970) abgeleitet werden. – Die Frage, ob sich in George Harrisons künstlerischen Handlungen auch ein ungleiches Machtverhältnis zwischen »West« und »Ost« reproduziert habe, ist vor allem im Hinblick auf das Concert For Bangladesh diskutiert worden. Dabei ist gezeigt worden, dass die unterschiedlichen Zuschreibungen maßgeblich davon abhängig sind, welches ethische Denkmodell der Argumentation zugrunde liegt. Werbeplakat und Artwork für das Album Concert For Bangladesh konnten hingegen eindeutig als Beispiel einer »White Charity«-Werbeästhetik identifiziert werden. Die von George Harrison produzierte Filmkomödie Water und sein Cameoauftritt im Rahmen des fiktiven Concert For »Cascara« weist allerdings darauf hin, dass Harrison in den 1980er-Jahren sein Concert For Bangladesh mit einem durchaus kritischen Augenzwinkern gesehen haben muss. So vielfältig die Zuschreibungen im Hinblick auf eine Komplementarität von »Ost« und »West« ausfallen mögen, so auffällig ist es, dass in der Literatur zu George Harrison eine eingehendere Untersuchung, womit Harrison es bei der Hare Krishna-Bewegung, der Self-Realization Fellowship und der Transzendentalen Meditation weltanschaulich zu tun hatte, fehlt. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit ist auf Aspekte der dvaitischen Weltanschauung Bhaktivedantas und die Art und Weise, wie sich diese in George Harrisons Musik gespiegelt hat, eingegangen worden. Darüber hinaus wurde im Zusammenhang mit Harrisons Unterstützung von Maharishis Natural Law Party die Begrifflichkeit »Natural Law« 521 untersucht. Offen ist jedoch eine detaillierte Untersuchung der mit den jeweiligen Gurus verbundenen Institutionen. George Harrisons Verbundenheit etwa mit der Hare Krishna- Bewegung assoziiert ihn auch mit der institutionellen Form der Bewegung, der ISKCON. Kann jedoch eine kritische Diskussion der ISKCON in einer George Harrison-Biografie ausgeklammert bleiben? In der bestehenden Harrison-Biografik findet zwar durchaus etwa die Rolle George Harrisons bei der Verbreitung der Hare Krishna-Bewegung in Europa Erwähnung.6 Insgesamt wirkt es jedoch so, als ob eine tiefergehende, kritische Besprechung der ISKCON entweder wie eine Peinlichkeit ausgeklammert wurde – möglicherweise um eine tendenziell hagiografische Schreibweise über den Beatle nicht hinterfragen zu müssen –, oder die Hare Krishna-Bewegung kurzerhand als unseriös verworfen und Harrisons Assoziation mit der Bewegung mit hämischen Formulierungen bedacht wurde. Letzteres ist zum Beispiel der Fall, wenn Geoffrey Giuliano in seiner George Harrison-Biografie das Kapitel über Harrisons Verhältnis zur Religion mit dem Titel »Spot the Loony« (»Entdecke den Spinner«) überschreibt.7 Dass Harrison nichts von bestimmten öffentlichen Kontroversen wusste, die seit den 1970er-Jahren um die Hare Krishna-Bewegung geführt wurden, darf als höchst unwahrscheinlich gelten, weil er – wenngleich er sich nach Bhaktivedantas Tod im Jahr 1977 nach eigener Aussage weitestgehend von der Hare Krishna-Bewegung zurückgezogen hatte8 – beispielsweise noch im Jahr 1982 Mukunda Das ein ausführliches Interview gewährte.9 Harrison pflegte also noch nach dem Tod von Bhaktivedanta mit einem Verantwortungsträger der Bewegung den Gedankenaustausch – mit Mukunda, einer Person, die zudem von kontroversen Vorfällen innerhalb der Bewegung wusste und diese missbilligte.10 Umso erstaunlicher ist es, dass Har- ______ 6 Vor allem bei Greene 2006a [Greene 2006b]. 7 Giuliano 1990: 125ff. 8 Ebda.: 203. 9 Bhaktivedanta Book Trust 2011 [1982]: 17–51. 10 Mukunda Goswami 2011: 424. 522 rison sich – wie auch Gary Wright bemerkt hat – nie öffentlich kritisch zur Hare Krishna-Bewegung geäußert hat: »Over the years, I observed that George had a broad view of the teachers and spiritual leaders he met during his spiritual journey. I don’t remember him ever openly criticizing or judging any of them.«11 Bei Gary Wright bleibt allerdings die Kritik unberücksichtigt, die George Harrison im Jahr 1968 vor seiner Abreise aus Rishikesh an Maharishi Mahesh Yogi übte, eine Kritik, die Harrison freilich mit der versöhnenden Geste seines Benefizkonzerts für Maharishis Natural Law Party im Jahr 1992 versucht hat, wieder aufzuheben.12 Eine bemerkenswerte posthume Distanzierung von allen spirituellen Organisationen, mit denen George Harrison im Verlaufe seines Lebens zu tun hatte, kann in Olivia Harrisons stellvertretender Erklärung diesbezüglich gesehen werden: »Though he often quoted spiritual greats in this way, George did not, contrary to popular belief, ›belong‹ to any spiritual organization, although many claimed him as their own.«13 Ob der Passus »did not […] ›belong‹« über die offenkundige Intention Olivia Harrisons hinaus, Vereinnahmungsversuchen spiritueller Organisationen entgegenzutreten, hier auch im Sinne eines grundsätzlichen Dementis im Hinblick auf Mitgliedschaft zu spirituellen Organisationen zu lesen ist, ist allerdings fraglich. Stellt doch beispielsweise eine Mitgliedschaft in Paramahansa Yoganandas Self-Realization Fellowship die Voraussetzung dafür dar, die Technik des Kriya Yoga kennenzulernen – eine Yogaform, die George Harrison gekannt hat, wie sein Vorwort zu Bhaktivedantas Buch Kṛṣṇa. The Supreme Personality of Godhead beweist.14 Allerdings kann mit einiger Sicherheit davon ausgegangen werden, dass George Harrison kein Mitglied der ISKCON geworden ist. Das geht aus einem Brief hervor, den Bhaktive- ______ 11 Wright 2014: 96. 12 Siehe hierzu die Kapitel 2.8 und 5.1 der vorliegenden Arbeit. 13 Fine 2002a: 10; deutsch: Fine 2002b: 10. 14 Bhaktivedanta 1970b: viii/ix; deutsch: Bhaktivedanta 1974: 11/12. Teile aus dem Vorwort sind zitiert in Allison 2006: 15. 523 danta am 12. April 1970 an seinen Schüler Shyamasundar schrieb, in welchem er betont, dass er es für nicht erforderlich halte, George Harrison als »formal disciple« aufzunehmen, offenbar weil er in ihm genügend Eigeninitiative sah, »Krishna Consciousness« zu entwickeln: »I understand that George has got a nice chapel in his house and he is also anxious to devleop [sic] his Krishna Consciousness, so it is not necessary that he has to become my formal disciple, […].«15 Ebenda schreibt Bhaktivedanta auch: »I think George does not require to become my formal disciple because he is already more than my disciple.«16 Wenn bei Bhaktivedanta die Rede davon ist, George Harrison sei bereits »more than […] disciple«, dann stellt sich die Frage, ob diese Worte auf die spirituelle Ebene bezogen werden können. Diesbezüglich führt Bhaktivedanta weiter aus: »Regarding how George may continue his meditation, that meditation may be done by keeping one picture of Krishna, keeping his mind concentrated on the picture of Krishna and softly chanting the Hare Krishna Mahamantra as long as hi [sic] likes. That will complete both his meditation and Krishna Consciousness perfectly according to the last verse of the sixth chapter of Bhagavad Gita which says, ›And of all yogis, he always abides in Me with great faith, worshiping [sic] Me in transcendental loving service, is most intimately united with Me in Yoga, and is the highest of all.‹ But I do not know whether he is following the four regulative principles. That will help him very rapidly.«17 Die Erwähnung in diesem Zusammenhang der vier regulativen Prinzipien der ISKCON (Verzicht auf den Verzehr von Fleisch/Fisch/Eiern, kein Glücksspiel, kein Drogenkonsum, keine außereheliche Sexualität), verweist ebenso wie Bhaktivedantas Empfehlungen in Bezug auf Meditationstechnik darauf, dass mit »more than my disciple« nicht nur die spirituelle Ebene gemeint gewesen sein kann. Vielmehr lässt sich aus dem Kontext dessen, was Bhaktivedanta schreibt, schlie- ßen, dass für ihn die Unterstützung, welche die ISKCON von ______ 15 Bhaktivedanta 1987c: 1294–1296. 16 Ebda.: 1295. 17 Ebda.: 1294/1295. 524 Harrison erhalten hatte oder noch erhalten könnte, im Vordergrund stand. Immer wieder ist in Briefen Bhaktivedantas aus dieser Zeit an seine Schüler die Rede von Verdiensten oder bevorstehenden Hilfeleistungen George Harrisons für die Bewegung, so etwa: »George has rendered some valuable service, […].«18; »His [George Harrisons] proposal to offer us a five story building is very welcome.«19 Hierbei ist jedoch zu berücksichtigen, dass Bhaktivedanta Harrisons Unterstützung der ISKCON vermutlich nicht als rein »materiell« eingestuft hat. Denn es gehörte zur Weltanschauung Bhaktivedantas, sich die potenzielle Verbreitung und Popularisierung der Hare Krishna-Bewegung gleichsam in Abhängigkeit von Krishnas Willen vorzustellen. Auch Harrisons Engagement für die Bewegung, seine »Agency«, stand für Bhaktivedanta in dieser Abhängigkeit. So schrieb Bhaktivedanta am 21. Dezember 1968 an Shyamasundar: »It is understood from your letter that Mr. George Harrison has a little sympathy for our movement and if Krishna is actually satisfied on him surely he will be able to join with us in pushing on the Samkirtan Movement throughout the world.«20 Insofern wäre Bhaktivedantas Rede, Harrison sei für ihn »more than my disciple«, so zu verstehen, dass George Harrison für ihn zwar eine außerhalb der Organisation, jedoch innerhalb der spirituellen Bewegung stehende Rolle als ein von Krishna inspirierter Förderer spielte. Eine andere Primärquelle wiederum verweist allerdings auf eine skrupellose Einstellung und Praxis Bhaktivedantas, Fördergelder einzuwerben, die wenig spirituell anmutet. In den Conversations between His Divine Grace A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupāda and Bob Cohen, a Peace Corps worker in India (1977) findet sich eine Schilderung der Wer- ______ 18 Brief von Bhaktivedanta an Lilavati vom 3. Mai 1970 (Bhaktivedanta 1987c: 1335). 19 Brief von Bhaktivedanta an Shyamasundar vom 21. Dezember 1968 (Bhaktivedanta 1987b: 647/648). 20 Ebda. 525 bepraxis Bhaktivedantas gegenüber potenziellen finanziellen Unterstützern. Bhaktivedanta lehrte seine Schülerinnen und Schülern wie folgt: »Therefore we go as beggars: ›My dear sir, you are a very nice man. I am a sannyāsī beggar, so I want to construct a temple. Can you spare some money?‹ So he will think, ›Oh, here is a beggar. Give him some money.‹ [They laugh.] But if I say, ›Dear sir, you have millions of dollars at your disposal. That is Kṛṣṇa’s money. Give it to me. I am Kṛṣṇa’s servant.‹ Oh, he’ll … [Everyone laughs.] He will not be very satisfied. Rather, if I go as a beggar, he will give me something. And if I tell him the truth, he will not give me a farthing. [They laugh.] We convince him as beggars.«21 [Hervorhebungen und Auslassung im Original] Das war die ungeschminkte Aufforderung Bhaktivedantas an seine Schülerinnen und Schülern, potenziellen Geldgebern nicht mit der Wahrheit ihres Selbstverständnisses entgegenzutreten. Dies betraf jedoch nicht George Harrison, der um die spirituellen Anliegen der Bewegung wusste, als er sie unterstützte. Indem Harrison die ISKCON unterstützt hat (Produktion des Albums The Radha Krishna Temple; Mietbürgschaft für Räumlichkeiten der Bewegung in Bury Place; Finanzierung von Bhaktivedantas Buch Kṛṣṇa. The Supreme Personality of Godhead; Erwerb einer Immobilie in Hertfordshire22), hat er der Hare Krishna-Bewegung das materielle Gerüst bereitgestellt, sich in England zu einer stabilen Organisation zu entfalten. Und indem er sich auch als Musiker mit der Hare Krishna-Bewegung – vor allem durch die Produktion des Albums The Radha Krishna Temple – assoziieren ließ, öffnete er der Bewegung die Tür zur weltweiten Hörerschaft der Beatles und trug damit dazu bei, dem altehrwürdigen Hare Krishna-Mantra aus der Gaudiya Vaishnava-Tradition einen wirkmächtigen Bekanntheitsgrad zu verleihen. In einem weiteren Brief an Shyamasundar Das (alias Sam Speerstra) hat Bhaktivedanta die Beatles einmal als »nice ______ 21 Bhaktivedanta/Cohen 1977: 75; deutsch: Bhaktivedanta/Cohen 1979 [1977]: 88. 22 Mukunda Goswami 2011: 341ff.; Bhaktivedanta 1987c: 1219/1220; Bhaktivedanta 1987e: 2273. 526 agents« bezeichnet. Am 11. Januar 1969 schrieb Bhaktivedanta an Shyamasundar: »[…] it is understood that Mr. George Harrison is arranging for a first class temple, better than the one to be had on Baker Street. […] As I stated in my last letter to you that London is still a leading city of the world, and if Mr. George Harrison cooperates with us, certainly we shall be able to deliver something sublime to the world by joint endeavor. I am so glad that Mr. Harrison is composing songs like ›Lord which we so long ignored‹. He is very thoughtful. When we actually meet, I shall be able to give him thoughts about separation from Krishna, and they will be able to compose very attractive songs for public receptions. The public is in need of such songs, and if they are administered through nice agents like the Beatles, it will surely be a great success. In your previous letter you advised me that Mr. Harrison has desired to have me live in the house which they are counting to give us because he has many questions to ask me. I am very much pleased to meet persons who put sincere questions in the matter of Krishna Consciousness. So it will be a great event if the Beatles try to understand this science of Krishna Consciousness with intelligent questions and try to understand it seriously.«23 Damit bezog er sich – noch bevor er Lennon und Harrison am 11. September 1969 persönlich kennenlernte – auf den zu erwartenden Erfolg für den Fall, dass die Beatles sich musikalisch der spirituellen Anliegen Bhaktivedantas annehmen würden. Tatsächlich hat sich von den Beatles nur George Harrison extensiv und längerfristig mit der Hare Krishna- Bewegung beschäftigt und Aspekte dvaitischer Weltanschauung in seiner Musik gespiegelt.24 In dem von Bhaktivedanta ______ 23 Bhaktivedanta 1987b: 668/669. Teile dieses Briefes haben auch Eingang in Publikationen von Bill Harry und Geoffrey Giuliano gefunden. Allerdings wird Bhaktivedantas Brief dort ohne Quellennachweis und inhaltlich fehlerhaft zitiert. So heißt es bei Harry und Giuliano abweichend vom Wortlaut der Primärquelle: »When we actually meet I shall be able to compose very attractive songs for public reception.« (Vgl. Harry 2003: 298/299; Giuliano 1990: 96/97). 24 Siehe Kapitel 3.3 der vorliegenden Arbeit. »Hare Krishna« ist als Wortlaut in zwei Songtexte von John Lennon eingegangen, I Am The Walrus (1967) und Give Peace A Chance (1969). Diese Texte spiegeln aber im Gegensatz etwa zu George Harrisons The Lord Loves The One (That Loves The Lord) keine emphatische spirituelle Beschäftigung mit der Lehre Bhaktivedantas. 527 verwendeten Begriff »agent« schwingt sicherlich die Bedeutungsfacette des »endorsement« mit. Doch wäre es falsch, die Rolle, die George Harrison vor allem in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre für die Hare Krishna-Bewegung gespielt hat, auf seine wirtschaftliche Unterstützung der Bewegung zu verkürzen. Denn das Briefzitat Bhaktivedantas dokumentiert, dass George Harrison Shyamasundar zufolge viele Fragen an Bhaktivedanta hatte (»many questions to ask«). Hierin zeigt sich das emphatische Interesse an der Lehre Bhaktivedantas, das von Harrisons Seite die Voraussetzung für die transkulturelle »agency« bildete, die sich im lebendigen Wechselspiel zwischen Harrison und der Bewegung entfaltete. Die evidente Bewusstheit, die George Harrison in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre in Bezug auf die weltanschaulichen Grundlagen der Hare Krishna-Bewegung entwickelte und die sich in den besprochenen Songs Living In The Material World resp. The Lord Loves The One (That Loves The Lord) (1973) zeigt, ließe sich schwerlich hinterfragen. Der posthum veröffentlichte Song Brainwashed (2002) kann zum Anlass genommen werden, darüber nachzudenken, wie sich Harrisons Vorstellungen in Bezug auf Religion zum Ende seines Lebens hin formierten. Im Text von Brainwashed (2002) klingt vordergründig eine konservative Facette der Counterculture nach: Brainwashed by computer Brainwashed by mobile phones Brainwashed by the satellite Brainwashed to the bone25 Stellten in den 1960er-Jahren im alternativen Selbstverständnis der Hare Krishna-Bewegung spirituelle Reisen durch den Kosmos gewissermaßen einen Protest gegen die physikalische Raumfahrt dar26, so stellte George Harrison in seinem Song Brainwashed mit unüberhörbarem Degout Aspekte seiner Zeit wie zum Beispiel technische Errungenschaften unter das Verdikt, es handele sich hierbei um Gehirnwäsche (»Brain- ______ 25 Harrison 2002: Track 12. 26 Siehe Kapitel 2.9 der vorliegenden Arbeit. 528 washed by computer«). Im Zuge der beklagenden und ablehnenden Aufzählung alles dessen, wodurch der zeitgenössische Mensch aus George Harrisons Perspektive der Gehirnwäsche unterliegt, machte der Songwriter in Brainwashed jedoch zwei signifikante Ausnahmen: Religion und Beatles. Die Zeilen »Brainwashed by the Beatles« und »Brainwashed by religion« fehlen in der kulturkritischen Absage, die Harrison seiner Zeit erteilte. Eine indirekte selbstreferenzielle Kritik an den Beatles als massenmedial vermitteltes Phänomen könnte zwar in der Zeile »Brainwashed by the media« gesehen werden, in der seine lebenslange Abneigung gegen die Medien zum Ausdruck kommt. Doch wenngleich George Harrison das mediale Phänomen »Beatles« im Laufe seines Lebens zeitweise vehement öffentlich abgelehnt hatte27, so sparte er in seinem Song Brainwashed eine explizite Selbstkritik aus. Die Assoziation von John Lennons Song God (1970) drängt sich unmittelbar auf, der in seinem Song eine ähnlich ablehnende Aufzählung vornahm wie George Harrison in Brainwashed, hierbei aber vor allem auf Religion und Personenkult, einschließlich den Personenkult um die Beatles (»I don’t believe in Beatles«), abzielte.28 Brainwashed – der letzte Track auf dem gleichnamigen Album – mündet progammatisch in eine Perspektive nach »Osten«, genauer: in den Bhajan »Namah Parvati«. Die Trackposition am Schluss von Harrisons Œuvre suggeriert gleichsam einen Ausblick in die Ewigkeit.29 Unabhängig davon, ob diese Trackposition auf eine Anweisung George Harrisons zurückgeht oder von Jeff Lynne und Dhani Harrison nachträglich so gewählt wurde, ist hierin eine programmatische Symbolik zu sehen. So, wie sich in dem Song Living In The Material World (1973) die Idee der dualistischen Gegen- überstellung von materieller Welt und spiritueller Welt unmittelbar in der gegenüberstellenden Klangkonstruktion von rockig und indisch klingenden Songteilen spiegelte30, so stel- ______ 27 Giuliano 1990: 176. 28 Vgl. Posener 1998 [1987]: 108; Rohde 2013: 256. 29 Harrison 2002: Track 12. 30 Siehe Kapitel 3.3 der vorliegenden Arbeit und Rohde 2013: 255/256. 529 len auch in dem Song Brainwashed indisch instrumentierte Songteile wiederum die Antithese zu einer in sich selbst gefangenen materiellen Welt der Rockmusik und gleichzeitig den Ausblick in eine spirituelle Welt dar. Die rockigen und indischen Songteile in Brainwashed erscheinen sinnfällig gegeneinander gestellt: 00:00–01:49: Intro Strophe 1 Refrain 1 Strophe 2 Refrain 2 01:49–02:28: Indischer Mittelteil: »How To Know God« 02:28–03:53: Strophe 3 Strophe 4 Refrain 3 Refrain 4 03:53–06:02: Indischer Ausklang: »Namah Parvati« – Ausblick nach »Osten« Bei den Worten, die im Mittelteil des Songs von Izabela Borzymowska (einer in Henley-on-Thames ansässigen Sängerin, Komponistin und Gesangspädagogin) gesprochen wurden, handelt es sich – laut CD-Booklet – um einen kleinen Ausschnitt aus »›How to Know God‹ (The Yoga Aphorisms of Patanjali)«: »The soul does not love, it is love itself It does not exist, it is existence itself It does not know, it is knowledge itself How to Know God, page 130«31 [Hervorhebung im Original] Ob der Wortlaut der ersten drei Zeilen tatsächlich auf die Yoga-Aphorismen – auch unter dem Titel Yoga-Sutren bekannt – des indischen Gelehrten Patanjali (fl. 2. Jh. v. Chr. bis 4. Jh. n. Chr.) zurückgehen bzw. auf eine der zahlreichen neuzeitlichen Übersetzungen oder Ausgaben dieses Werks, wäre zu eruieren. Dass die »Quellenangabe« des angeblichen Zitats von Patanjali – »How to Know God, page 130« – mit auf den Track gesprochen wurde, die somit in gewissem Sinne einen Teil des Songtextes bildet, könnte als »tongue-in- ______ 31 Quellenangabe im CD-Booklet Harrison 2002: »Isabela Borzymowska: Reading From ›How to Know God‹ (The Yoga Aphorisms of Patanjali)«. 530 cheek« aufgefasst werden, als Anspielung des Rockstars auf seine eigene Expertise in Sachen indischer spiritueller Literatur. Es könnte jedoch ebenso gut als eine ernstgemeinte Anregung Harrisons gehört werden, seine Rezipienten auf einen klassischen indischen Text zum Yoga aufmerksam machen zu wollen. In der Harrison-Biografik hat sich bislang niemand bemüßigt gefühlt, der »Quellenangabe« Harrisons nachzugehen. Andreas Rohde etwa hat die Information Harrisons von der CD resp. dem CD-Booklet übernommen und die Info zur Quellenangabe ungeprüft als Sachverhalt präsentiert, überdies ohne auf das Booklet zu verweisen.32 Woher genau das Zitat und die angegebene Seitenzahl stammt, ist indessen nicht ohne Weiteres zu verifizieren, stellt aber eine interessante Frage dar, weil wir bislang wenig über die genauen Ausgaben und Editionen indischer spiritueller Literatur wissen, die Harrison gelesen hat. Die Sängerin Izabela Borzymowska, die von George Harrison engagiert wurde, jene Worte auf Brainwashed zu sprechen, hält es für möglich, dass Harrison die Worte selbst erfunden hat. Sie erinnert sich wie folgt an die Aufnahmesession: »At the time of the recording, George presented me with a piece of paper with the words written down by hand. I wouldn’t be surprised if the words were actually created by George himself.«33 Allerdings wäre der im CD-Booklet angegebene Verweis auf die Yoga-Sutren des Patanjali für den Fall, dass die Worte von Harrison selbst stammten, eine schon recht ungewöhnliche Differenz der Angabe. Aufgrund des im CD-Booklet angegebenen Titels »How to Know God« käme als mögliche Quelle die Übersetzung und Kommentierung der Yoga-Aphorismen des Patanjali durch Swami Prabhavananda und Christopher Isherwood aus dem Jahr 1953 in Frage, da die bibliografischen Daten späterer Auflagen dieser Übersetzung im Titel »How to Know God« enthalten. Hier findet sich ein Zitat Vivekanandas in einem ______ 32 Rohde 2013: 255/256. 33 E-Mail von Izabela Borzymowska, 3. November 2016. 531 Kommentar von Isherwood und Prabhavananda zu einem Aphorismus von Patanjali: »›There is a story,‹ writes Swami Vivekananda, ›that the king of the gods, Indra, once became a pig, wallowing in mire; he had a she-pig, and a lot of baby pigs, and was very happy. Then some gods saw his plight, and came to him, and told him, 'You are king of the gods, you have all the gods under your command. Why are you here?' But Indra said, 'Never mind; I am all right here; I do not care for heaven, while I have this sow and these little pigs.' The poor gods were at their wits’ end. After a time, they decided to slay all the pigs, one after another. When all were dead, Indra began to weep and mourn. Then the gods ripped his pig-body open and he came out of it, and began to laugh when he realized what a hideous dream he had had; he, the king of the gods, to have become a pig, and to think that pig-life was the life? Not only so, but to have wanted the whole universe to come into the piglife! The Atman, when it identifies itself with nature, forgets that it is pure and infinite. The Atman does not love, it is love itself. It does not exist, it is existence itself. The Atman does not know; it is knowledge itself.‹«34 Bei den letzten Worten des hier zitierten Abschnittes handelt es sich – in leichter Abweichung des Wortlautes – um jene Worte, die auf dem Song Brainwashed erklingen: »The Atman does not love, it is love itself. It does not exist, it is existence itself. The Atman does not know; it is knowledge itself.« Wortlaut in Brainwashed: »The soul does not love, it is love itself It does not exist, it is existence itself It does not know, it is knowledge itself […]« Einzig die Substitution des indischen Terminus »Atman« durch »soul« ist erheblich. Ansonsten wäre durch die weitgehende Übereinstimmung des Wortlautes Borzymowskas Hypothese, Harrison habe die Verse selbst erfunden, wohl entkräftet. Die Quellenangabe aus dem CD-Booklet, dass die in Rede stehenden Worte aus den Yoga-Aphorismen von Patanjali stammen, muss vor diesem Hintergrund präzisiert werden: Sie stammen weder von Patanjali noch von seinen Kom- ______ 34 Prabhavananda/Isherwood 1953: 79/80. 532 mentatoren, sondern wären ursprünglich Vivekananda zuzuschreiben – sofern Prabhavanandas und Isherwoods Zitat sich in Vivekanandas Gesamtwerk ausfindig machen ließe. Tatsächlich findet sich die betreffende Passage in der Mayavati Memorial Edition der Schriften Vivekanandas: »The Purusha does not love, it is love itself. It does not exist, it is existence itself. The Soul does not know, It [sic] is knowledge itself.«35 Im Hinblick auf den begrifflichen Austausch von »Purusha« in der Primärquelle Vivekanandas durch »Atman« in der Sekundärquelle Prabhavanandas und Isherwoods sowie schließlich durch »soul« in der tertiären Version George Harrisons ist zu differenzieren, dass es sich bei »Purusha« (Sanskrit पु ष, hier soviel wie: Urseele) um einen speziellen Begriff handelt, der vor allem in der dualistischen Samkhya- Philosophie eine Rolle spielt (Gegenbegriff »Prakriti«: Urstoff). »Atman« hingegen (Sanskrit आ न्: Lebenshauch) hat als Begriff im Sinne eines weniger engen Bedeutungsfeldes von »Seele« eine wesentliche weitere Verbreitung gefunden, so etwa auch durch den Buddhismus. Im Sinne des weiteren Bedeutungsfeldes von »Atman« mag George Harrison, der ansonsten nicht vor der Verwendung spezieller indischer Begrifflichkeiten zurückgeschreckt ist, wohl »Atman« durch »soul« ersetzt haben. In den Ausgaben von 1981 und 1983 der von Isherwood und Prabhavananda übersetzten und kommentierten Yoga- Aphorismen Patanjalis findet sich das Vivekananda-Zitat auf Seite 129.36 Es ist freilich eine geistreich-witzige Idee, das Zitat samt Verweis auf eine Seitenzahl als gesprochenes Wort in den Rocksong einzubetten. Der, wenn man so will, »bibliografische« Verweis, den Harrison der Sprecherin Izabela ______ 35 Vivekananda 1976–1979 (Vol. I): 249. 36 Prabhavananda/Isherwood 1981: 127–130; Prabhavananda/Isherwood 1983: 127–130. Eine Ausgabe, in der sich das Zitat auf Seite 130 befindet, konnte nicht ausfindig gemacht werden. Konsultiert wurden alle verfügbaren Exemplare in der British Library sowie in der University Of Birmingham Library. Möglicherweise hat Harrison sich bei der handschriftlichen Vorbereitung des von Izabela Borzymowska zu sprechenden Textes um eine Seite vertan. 533 Borzymowska vorgegeben hat, legt aber auch nahe, dass Harrison seine Rezipienten auf die Authentizität dieses speziellen Wortlautes hinweisen wollte. Dale C. Allison findet, dass Harrison seinen Fans mit dem Song Brainwashed einmal mehr eine Predigt gehalten hat: »Here he once again becomes the preacher, […].«37 Die Perspektive nach »Osten« hingegen, in die der Song Brainwashed mit dem Bhajan »Namah Parvati« mündet, wirkt weniger predigend-dozierend, sondern vielmehr wie ein lebendiges Bekenntnis von George Harrison, der sich am Ende seines Lebens auf seine hinduistischen Vorstellungen über das Leben nach dem Tod besinnt. In dem traditionellen Bhajan, hier gesungen von George Harrison und seinem Sohn Dhani Harrison, geht es um das Ineinanderspiel von zerstörenden und lebenserhaltenden Kräften: Namah Parvati Pataye Hare Hare Mahadev Shiva Shiva Shankara Mahadeva38 Das Mantra ist eine gebetsartige Anrufung des Gottes Shiva (Sanskrit िशव, wörtl. »Glücksverheißender«) bzw. seiner verschiedenen Namen Mahadeva (wörtl. »großer Gott«) oder Shankara (wörtl. »der segensreich Wirkende«) und seiner Frau, der Göttin Parvati (Sanskrit पावती, wörtl.: »Tochter der Berge«). Parvati wird in der Mythologie als Leben spendende und lebenserhaltende Mutter dargestellt, während Shiva der Gott der Entsagenden ist, dessen Aufgabe sowohl die Zerstörung als auch der Wiederaufbau aller Dinge darstellt. Die Art und Weise, wie George Harrison den rockigen Teil des Songs Brainwashed singt, erinnert stark an den Gesangsstil von Bob Dylan39: Man richte seine Aufmerksamkeit darauf, wie Harrison beispielsweise in der Zeile »Brainwashed to the bone« (bei 03:02–03:05) den Vokal des Wortes »bone« gleichsam verbiegt, indem er die Tonhöhe zunächst nach oben zieht und sie dann wieder nach unten abfallen lässt, wie ______ 37 Allison 2006: 138. 38 Harrison 2002: Track 12. 39 Vgl. hierzu auch Inglis 2010: 124. 534 als ob eine angestrengte Emphase urplötzlich in völliges Desinteresse umschlägt. Es wirkt geradezu so, als ob die Worte und Töne der Melodie ausgespuckt werden. Die Gesangsart korreliert semantisch mit dem Text, der in den Strophen Ekel gegen den aus seiner Perspektive manipulativen Charakter der Medien und der Politik ausdrückt. Ausweg aus der allgegenwärtigen Gefahr der Gehirnwäsche ist für Harrison allein die Religion bzw. Gott: God, God, God You are the wisdom that we seek God, God, God The lover that we miss God, God, God Your nature is eternity God, God, God You are Existence, Knowledge, Bliss40 Nirgends aber in seiner Musik hat George Harrison Gott jemals starrer und lebloser angerufen, als im Refrain von Brainwashed. Das dreimalige God, God, God des Refrains wirkt musikalisch wie in Kälte erstarrt, wie ein Backgroundgesang, der auf den schweren Zählzeiten in lebloser Gleichförmigkeit mechanisch vorwärts zu schreiten scheint. Allein das rockige Riff der E-Gitarre erzählt im Refrain noch vom Leben. Der rockige Teil von Brainwashed wirkt insgesamt wie der Ausdruck einer umfassenden persönlichen Desillusionierung George Harrisons. Bill Harry hat mit Bezugnahme auf ein Billboard-Interview darauf aufmerksam gemacht, dass der Song von Denis O’Brien handelte, Harrisons Manager und Geschäftspartner bei HandMade Films, der mutmaßlich 16 Millionen Pfund von George Harrisons Vermögen veruntreut hatte: »The number was said to be about George’s former manager Denis O’Brien. In a 1999 Billboard interview, George described it as ›a blistering anthem about social delusions in a world running down. I need to get that last song out of my system. To have someone sit at your table with your family every night and then betray your trust is one of the ______ 40 Harrison 2002: Track 12. 535 worst experiences imaginable. Sometimes songwriting is the only way I can respond to the outside world, to exorcise its demons.‹«41 Die beiden indischen Songteile in Brainwashed versinnbildlichen musikalisch Harrisons Ausweg aus der Desillusionierung. Gerade den Begriff der Gehirnwäsche, der als Song- und Albumtitel auf George Harrisons posthum veröffentlichter CD im Fokus steht, wird man aber nicht umhinkommen, auch in Relation zu Harrisons biografischer Verbundenheit mit der Hare Krishna-Bewegung und ihrer institutionellen Rahmenorganisation, der ISKCON, zu reflektieren. War doch Gehirnwäsche ein Schlagwort, mit dem sich sowohl Kritiker als auch Apologeten der ISKCON seit den 1970er-Jahren immer wieder auseinandergesetzt haben.42 So schrieb zum Beispiel Harvey Cox – die ISKCON gegen den Vorwurf der Gehirnwäsche verteidigend – in seinem Aufsatz »Krishna-Bewusstsein und Christentum« (1985): »Hinter all dem hysterischen Gerede, daß Menschen einer Gehirnwäsche unterzogen und gegen ihren Willen bekehrt würden, verbirgt sich als psychologische Triebfeder die Angst: ›Das könnte mir auch passieren; ich habe meinen eigenen Verstand nicht wirklich unter Kontrolle.‹«43 Dagegen hat Eberhard Fuchs in seinem Buch Jugendsekten. Kinder Gottes. Mun Sekte. Hare Krishna. Transzendentale Meditation. Scientology-Kirche. Ananda Marga (1979) den Begriff der Gehirnwäsche explizit mit der ISKCON assoziiert.44 Dass die Lebensweise, die den jugendlichen Mitgliedern der ISKCON vorgeschrieben war (täglich 1728-maliges Chanten des Mahāmantras, Verzicht auf den Verzehr von Fleisch, Fisch und Eiern, kein Drogenkonsum, keine außereheliche Sexualität, kein Glücksspiel), sich nicht mit einem ______ 41 Harry 2003: 41. Der Fall O’Brien kann hier aus Platzgründen und thematischen Gründen nicht detailliert erörtert werden. Siehe hierzu auch Harry 2003: 287/288. 42 Vgl. im Folgenden Fuchs 1979; Weber 1985; Mukunda Goswami 2011: 421–435. 43 Weber 1985: 23. 44 Fuchs 1979. 536 Leben der Mitglieder außerhalb der ISKCON vereinbaren lasse, galt Fuchs als Kennzeichen einer Jugendsekte. In Deutschland verlor die ISKCON nach der Darstellung von Fuchs dar- über hinaus bereits in den 1970er-Jahren als Institution öffentlich massiv an Glaubwürdigkeit, als bekannt wurde, dass die deutsche Tempelleitung – Hansadutta Das (alias Hans Kary) – in einen Prozess verwickelt war, in dem es um illegalen Waffenbesitz, Kindesentziehung und Verstoß gegen das Sammlungsgesetz ging.45 Fuchs zufolge umfassten die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auch eine Untersuchung über die Werbemethoden der in den Fußgängerzonen singenden Anhänger Bhaktivedantas. Die Untersuchung habe ergeben, dass der Name George Harrison gegenüber Jugendlichen (ebenso wie angeblich die Namen Herbert von Karajan und Willy Millowitsch gegenüber älteren Generationen) von Anhängern Bhaktivedantas bewusst als Werbemittel eingesetzt worden sei. Fuchs hat das Vorgehen der Anhänger Bhaktivedantas wie folgt nachgezeichnet: »›Dieses Buch schenke ich Ihnen‹. Als Gegenleistung wird lediglich um ›Aufmerksamkeit für einen kurzen Vortrag‹ gebeten. Dann folgt meist eine Geschichte von einem uralten indischen Meister, der in einer Höhle im Himalaja lebt und dieses Buch – meist die ›Bhagavadgita‹ [sic] – als einziger aus dem Sanskrit übersetzt haben soll. […] Oft folgt auch der Hinweis, heute sei das Buch noch umsonst zu bekommen, aber ab morgen sei es zu einem immensen Preis nur noch über den Buchhandel zu beziehen. Danach kommt der verkleidete Mönch meist schnell auf eine Spende zu sprechen, die für hungernde Kinder in Indien bestimmt sei – als Dank und Gegenleistung. Auch Karajan, Willy Millowitsch und George Harrison gehörten zu den Gönnern. […] In […] Unterrichtsstunden über Verkaufsstrategie, Marktkunde und Gestik brachten die Angeschuldigten ihren Untergebenen in strengen Unterweisungen bei, wie sie einzelne Menschentypen am besten anzusprechen hatten: jüngere Menschen in der Art, daß man George Harrison ins Gespräch brachte, der mitgeholfen habe, die Schallplatte [Radha Krishna Temple: Hare Krishna Mantra] zu produzieren; bei älteren Personen war das Gespräch mehr unter wissenschaftlichen, humanitären und karitativen Aspekten zu führen.«46 ______ 45 Fuchs 1979: 170–180; Mukunda Goswami 2011: 423ff. 46 Fuchs 1979: 163 und 173/174. 537 Demgegenüber ist seit Mitte der 1980er-Jahre etwa von Edmund Weber eine Reihe von Publikationen herausgegeben worden, in denen die Hare Krishna-Bewegung resp. die ISK- CON eine religionswissenschaftliche Würdigung erfahren hat, so zum Beispiel Krishna im Westen (1985), Interreligiöse Beziehungen. Konflikte und Konvergenzen (1993) und Hindu India. Another Approach To Its Multiflorous Religious Culture. Collected Essays (2006).47 In den genannten Publikationen wird die Hare Krishna-Bewegung religionswissenschaftlich besprochen. Im Geleitwort der von ihm herausgegebenen Sammelpublikation Krishna im Westen formuliert Edmund Weber seine zentrale Prämisse im Hinblick auf die Hare Krishna-Bewegung: »Diese weltweite, westöstliche Religion des Lobgesangs des Gottesnamens ist von Natur aus irenisch.«48 Dass Edmund Weber die hinduistische Tradition der Hare Krishna-Bewegung als »westöstliche Religion« bezeichnet, trifft die transkulturelle Intention Bhaktivedantas im Kern. Wie auch immer jedoch die Hare Krishna-Bewegung resp. die damit zusammenhängende ISKCON bislang bewertet worden ist: George Harrison selbst hat sich zu keiner Gelegenheit jemals zu öffentlichen Kontroversen geäußert. Auch in dem Song Brainwashed blieb die ISKCON von einer kritischen Absage Harrisons ausgespart. Offen bleibt daher, wie George Harrison zum Ende seines Lebens hin über die Hare Krishna- Bewegung und die ISKCON gedacht hat. ______ 47 Weber 1985; Stoodt/Weber 1993; Weber 2006. 48 Weber 1985: vii. 538 6.2 »…the breath of life itself…«: Ausblicke Cultures are no longer insular. Albert Bandura (1999): Social cognitive theory: An agentic perspective Zusammenfassend kann festgestellt werden: Unter allen Yogis, denen George Harrison im Laufe seines Lebens entweder persönlich begegnet ist (Swami Vishnu-Devananda, Maharishi Mahesh Yogi, Swami Bhaktivedanta, Sathya Sai Baba) oder deren Werke er gelesen hat (Vivekananda, Paramahansa Yogananda), scheint Paramahansa Yogananda den intensivsten und nachhaltigsten Eindruck auf ihn gemacht zu haben. George Harrison hat die Bedeutung Yoganandas für sich wie folgt beschrieben: »Yogananda … in 1952, as opposed to dying … left his body. And he’s been probably the greatest inspiration to me … Yogananda I never met personally in this body, but he had such a terrific influence on me for some very subtle reason, I can’t quite put my finger on it … A lot of my feelings are the result of what he taught and is teaching still in his subtle state.«49 [Hervorhebung und Auslassungspunkte im Original] Gary Wright schildert, Harrison habe Yogananda als seinen Guru angesehen: »›He’s the real thing,‹ George told me, and he clearly felt a true connection – especially since Ravi had given him the book initially. ›When I first saw the cover of the book with Yogananda’s picture looking directly at me, I felt like I was getting zapped, especially with those penetrating eyes,‹ he told me one day. […] Initially, George was searching for a living guru, whom he never found, but toward the end of his life he became a disciple of Yogananda, who had left his body consciously in 1952.«50 Dass Gary Wright schreibt, die Bedeutung von Yogananda für Harrison sei auch vor dem Hintergrund zu verstehen, dass dieser die Autobiography of a Yogi ursprünglich von Ravi Shankar geschenkt bekommen hatte, leuchtet ein. Denn Ravi ______ 49 Giuliano 1990: 109. 50 Wright 2014: 93/95. 539 Shankar bürgte wohl für eine gewisse nachhaltige Seriosität in Sachen Spiritualität. Shankar selbst hat hervorgehoben, dass ihm Yogananda – und Vivekananda – als seriöse Repräsentanten hinduistischer Religion galten, im Gegensatz zu Lehrern von Yoga- und Meditationsformen, deren Hauptinteresse aus Shankars Sicht auf finanziellen Gewinn ausgerichtet war: »The Ramakrishna Missions [von Vivekananda 1897 in Kolkata gegründet] and the SRF centres [von Yogananda 1920 in Los Angeles gegründet] are very dear to my heart. Their low-key followers are not into selling the Hindu religion, uninterested in earning millions of dollars through exploiting the appeal of its yogas, mantras, tantras, kundalinis and chakras.«51 [NB: Bereits 1917 hatte Yogananda in Dakshineswar die Yogoda Satsanga Society of India gegründet] Ob Shankar hier auf Maharishis Transzendentale Meditation anspielt, die der Maharishi explizit und unverhohlen als Produkt vermarktete, sei dahingestellt. Gary Tillerys Einschätzung jedoch, Bhaktivedantas Lehren hätten nachhaltig das Rückgrat für George Harrisons Spiritualität gebildet, kann nicht aufrechterhalten werden: »The version of Krishna worship that Swami Prabhupada introduced to the West served as the spine of George Harrison’s spiritual beliefs for the rest of his life.«52 George Harrisons jahrelange Beschäftigung mit den Gedanken Paramahansa Yoganandas erscheint im Text seines Songs Life Itself (1981) komprimiert.53 – Im Folgenden soll zunächst zusammenfassend dargestellt werden, wie die Idee einer Einheit der Religionen in der Traditionslinie Yoganandas gedacht wurde und inwiefern diese Idee in George Harrisons Musik eingeflossen ist. Sowohl im Hinblick auf Harrisons Lebzeiten als auch im Ausblick auf heute sei sodann nach der Zeitgemäßheit dieser Idee gefragt. Ein Ausblick auf die politischen Implikationen von George Harrisons Musik und seiner egalitär-pluralistischen Religionsauffassung schließt die Arbeit ab. ______ 51 Shankar 1999 [1997]: 147. 52 Tillery 2011: 75. 53 Harrison 2004 [1981]: Track 3. 540 In der Autobiography of a Yogi wird der mythische Babaji, der seit hunderten von Jahren im Himalaja lebe, als Initiator der Idee einer Einheit der Religionen für die Traditionslinie Yoganandas dargestellt. Dabei ist, genau genommen, zunächst nicht von einer Einheit der Religionen überhaupt die Rede, sondern von einer Harmonie, die hinduistischen und christlichen Schriften zugrunde liege. Das Judentum, der Islam und viele andere Religionen bleiben unangesprochen. Yogananda hat nacherzählt, wie Sri Yukteswar in einer persönlichen Begegnung mit Babaji von diesem die Mission erhalten haben soll, eine Abhandlung über die grundlegende Einheit zwischen den heiligen Schriften des Christentums und des Hinduismus zu schreiben: »›At my request, Swamiji [Yukteswar], please undertake another task,‹ the great master [Babaji] said. ›Will you not write a short book on the underlying harmony between Christian and Hindu scriptures? Their basic unity is now obscured by men’s sectarian differences. Show by parallel references that the inspired sons of God have spoken the same truths.‹«54 Dass die Haltung innerhalb der Traditionslinie der Kriya Yogis55 jedoch nicht exklusiv, sondern inkludierend war, wird in jener Abhandlung von Sri Yukteswar deutlich, die dieser auf Geheiß des mythischen Babaji geschrieben haben will. In Yukteswars Buch Kaivalya Darsanam. The Holy Science hat die Idee einer Einheit der Religionen, so wie sie in der Traditionslinie der Kriya Yogis zum Tragen kommt, somit ihren schriftlich-historischen Ursprung: »The purpose of this book is to show as clearly as possible that there is an essential unity in all religions; that there is no difference in the truths inculcated by the various faiths; that there is but one method by which the world, both external and internal, has evolved; and that there is but one Goal admitted by all scriptures. But this basic truth is one not easily comprehended. The discord existing between the different religions, and the ignorance of men, make it almost impossible to ______ 54 Yogananda 2015 [1946]: 374; deutsch: Yogananda 2007 [1946]: 379. 55 Die Traditionslinie der Kriya Yogis lautet: Babaji–Lahiri Mahasaya– Sri Yukteswar–Yogananda. Alle vier erscheinen auf dem Albumcover von Sgt. Pepper dargestellt. 541 lift the veil and have a look at this grand verity […] The object of this book is to point out the harmony underlying the various religions, and to help in binding them together.«56 Wenngleich in diesen einleitenden Sätzen Sri Yukteswars von »essential unity in all religions« die Rede ist, von der »harmony underlying the various religions« – also von einem allgemein einigenden Band zwischen den verschiedenen Religionen –, so beschäftigt sich seine Missionsschrift konkret jedoch nur mit einem einzigen, speziellen Fall, nämlich einem postulierten Verwandtschaftsverhältnis zwischen Christentum und Hinduismus. Genauer noch: Yogananda schreibt im Vorwort zu der Schrift, es gehe Yukteswar darum, die »harmony between the difficult biblical book, Revelation, and the Sankhya philosophy of India«57 [Hervorhebung im Original] herauszuarbeiten. Yukteswar wiederum erläutert seine methodische Vorgehensweise wie folgt: »The method I have adopted in the book is first to enunciate a proposition in Sanskrit terms of the Oriental sages, and then to explain it by reference to the holy scriptures of the West.«58 Es handelte sich also um, wenn man so will, synoptische Exegese. Aus einer Deutung von Lehrsätzen der Samkhya-Philosophie entwickelte Yukteswar eine Deutung von bestimmten Versen aus der Bibel (teils aus der Offenbarung des Johannes, teils aber auch aus den Evangelien und anderen Büchern des Neuen und Alten Testaments). An einem Beispiel soll Yukteswars Vorgehensweise illustriert werden, weil an ihr nachvollzogen werden kann, auf welche Weise umgekehrt hinduistisches Gedankengut für George Harrison als Weg zu seiner Auffassung des Christentums gedient haben mag. Das Beispiel bezieht sich auf das Verhältnis von Glauben und Erkennen, das ja, wie im Rahmen dieser Arbeit bereits gezeigt worden ist, für Harrison derart gelagert war, dass er für seine Religiosität – hierin vor allem Vivekananda folgend – die ______ 56 Yukteswar 1977 [1949; 1894]: vi/vii. 57 Ebda.: iii. 58 Ebda.: ix/x. 542 Möglichkeit einer unmittelbaren Wahrnehmbarkeit Gottes voraussetzte.59 Wie konstituierte Yukteswar für die Traditionslinie des Kriya Yoga das Verhältnis von Glauben und Erkennen? Ausgehend von dem Lehrsatz »Parambrahma (Spirit or God) is everlasting, complete, without beginning or end. It is one, indivisible Being.«60 konstatierte Yukteswar zunächst die Unerkennbarkeit, die Unfasslichkeit Gottes (»Why God is not comprehensible«): »The Eternal Father, God, the only Substance in the universe, is […] not comprehensible by man of this material world, unless he becomes divine by lifting his self above this creation of Darkness or Maya.«61 [Hervorhebung im Original] Entscheidend ist jedoch das »unless«, mit dem Yukteswar auf die spirituelle Entwicklungspotenz des Menschen vermittels Kriya Yoga abzielt und das auf den Weg zu einer Erkennbarkeit Gottes verweisen soll. Yukteswars Erwägungen münden in ein Zitat aus dem Johannes-Evangelium, Kapitel 8, Vers 28: »Then Jesus said unto them, When ye have lifted up the son of man, then ye shall know that I am he.«62 Unter »son of man« verstehen Yukteswar und Yogananda jeden Menschen; jeder Mensch habe die Möglichkeit, sich derart zu entwickeln, dass ein Wissen, eine Erkenntnis Gottes erreicht werden könne. Wenn etwa Yogananda von Babaji als »Yogi-Christ« und von Lahiri Mahasaya sowie Yukteswar als »Christlike« spricht63, dann drückt dies aus, dass Jesus in der Lesart Yoganandas als ein hochentwickelter Mensch begriffen wird, dessen spiritueller Bewusstseinszustand grundsätzlich von jedem Menschen erlangt werden könne. Damit ist Jesus freilich das Alleinstellungsmerkmal genommen, Christus zu sein. Gleichzeitig verweist aber das dem Üben des Kriya Yoga ______ 59 Siehe Kapitel 2.5 der vorliegenden Arbeit; Vivekananda 1976–1979 (Vol. I): 127; deutsch: Vivekananda 1990: 4/5. 60 Yukteswar 1977 [1949; 1894]: 1. 61 Ebda.: 1/2. 62 Ebda.: 2. 63 Yogananda 2015 [1946]: 3, 332ff., 356ff. 543 inhärente Ziel, ein »Christusbewusstsein« zu erlangen, auf eine dezidierte christozentrische Ausrichtung dieser Yogaform. Yogananda schreibt: »›Theologians have misinterpreted Christ’s words,‹ [Yukteswar] said, ›in such passages as 'I am the way, the truth, and the life: no man cometh unto the Father, but by me' (John 14:6) Jesus meant, never that he was the sole Son of God, but that no man can attain the unqualified Absolute, the transcendent Father beyond creation, until he has first manifested the 'Son' or activating Christ consciousness within creation.‹«64 [Hervorhebung im Original] In diesen Worten Yoganandas ist ebenso deutlich Stellung gegen eine Vorstellung vom Christentum als einziger Weg zu Gott bezogen wie für eine christozentrische Haltung, welche in der Aktivierung eines »Christusbewusstseins« die Voraussetzung dafür sieht, eine Gotteserkenntnis zu erlangen. Dass bei Yogananda eine christozentrische Haltung zum Tragen kommt, wirft die Frage auf, ob und inwiefern in George Harrisons egalitärer Religionsauffassung auch eine latente oder manifeste Akzentuierung einer bestimmten Religion auszumachen wäre. Ähnlich, wie bei Yogananda und Yukteswar zwar der Anspruch besteht, ein einigendes Band zwischen allen Religionen der Welt zu behaupten, konkret jedoch das Verhältnis zwischen Christentum und Hinduismus im Vordergrund steht – wobei die besagte christozentrische Facette nicht zu übersehen ist –, so besingt George Harrison in Life Itself gleichsam eine allgemeine religiöse Vielblütigkeit, während sein eigenes konkretes Interesse sich zeit seines Lebens vor allem auf Hinduismus und Christentum bezog. Dem Text von Life Itself kann entnommen werden, dass Harrison von einem Gott ausging, der in verschiedenen Kulturen lediglich verschiedene Namen trägt: They call you Christ, Visnu, Buddha, Jehovah, Our Lord You are, Govindam, Bismillah, Creator of All […] You are the One You are my love ______ 64 Yogananda 2015 [1946]: 192. 544 You send the rain and bring the sun You stand alone and speak the truth You are the breath of life itself, oh yes you are65 »You are the breath of life itself«: In dieser Kehr- und Schlusszeile des Songtextes schwingt die hinduistische Vorstellung des Atman als Essenz des Lebens mit. Und insofern für Harrison Atman als Essenz des Lebens die verschiedenen Religionen unabhängig von ihren Namen wie ein einigendes Band durchzieht, kommt in Life Itself eine hinduzentrische Facette zum Tragen. So, wie bei Yogananda im Verhältnis zwischen Christentum und Hinduismus eine christozentrische Facette akzentuiert erscheint, so erscheint mit der Kehr- und Schlusszeile »You are the breath of life itself« im Songtext von Life Itself eine hinduzentrische Facette akzentuiert. Bei beiden Akzentuierungen handelt es sich aber weniger um Prädominanz im Sinne von Wertigkeit, sondern um Ideenpositionen, von denen aus Gemeinsamkeit innerhalb einer Vielfalt konstatiert wird. Simon Leng hat darauf aufmerksam gemacht, dass der Songtext von Life Itself zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung (1981) unzeitgemäß war: »Inevitably, the critics of the time hated ›Life Itself‹. The man could surely have expected nothing else in 1981 – what place did the music of belief have in a new age of reason, economic utilitarianism and cultural iconoclasm? His problem was that his belief system was not born from the fads of the Sixties, it was something he believed in until the end of his life.«66 Dass Harrison sein »belief system« bis an das Ende seines Lebens pflegte, ist zweifellos richtig. Man denke etwa an den Bhajan Namah Parvati in seinem Song Brainwashed, der im Angesicht des bevorstehenden Todes Harrisons Verehrung der Gottheiten Parvati und Shiva zum Ausdruck bringt. Dass sein »belief system« nicht aus »fads of the Sixties« heraus geboren sei, kann als monolineare Aussage allerdings hinterfragt werden. Einerseits ist Harrisons religiöse Haltung frei- ______ 65 Harrison 2004 [1981]: Track 3. 66 Leng 2003: 166. 545 lich unabhängig von den »fads of the Sixties« gewesen, weil sie die 1960er-Jahre überdauert hat. Andererseits bringt der Songtext von Life Itself aber den Zeitgeist der Sixties auf den Punkt: John Lennons »we are all together« (I Am The Walrus, 1967) erscheint in Harrisons Life Itself in Bezug auf Religion durchkonjugiert. Und es ist evident, dass das Interesse englischer und amerikanischer Rockmusiker an hinduistischer Kultur durchaus etwas mit dem Zeitgeist der 1960er- Jahre zu tun gehabt hat, da Musiker wie Donovan, Mike Love, Brian Wilson, Gary Wright, Roger McGuinn, David Crosby, John Lennon und George Harrison sich grosso modo zeitgleich »östlicher« Kultur öffneten. Bei George Harrison und Gary Wright etwa ist die Öffnung zum Hinduismus vor dem Hintergrund eines in den 1950er- bzw. 1960er-Jahren als unzulänglich erlebten Katholizismus zu sehen.67 Diese Öffnung wiederum fällt zeitgeschichtlich mit einer versuchten Neupositionierung der katholischen Kirche gegenüber »nichtchristlichen« Religionen in den 1960er-Jahren zusammen. Auf welche Weise suchte sich die katholische Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg zu »nichtchristlichen« Religionen zu positionieren und in welchem Verhältnis stand dies zum Zeitgeist der 1960er-Jahre, wie dieser sich in der Kultur der Rock- und Popmusik spiegelte? Wie die katholische Kirche in den 1960er-Jahren ihr Verhältnis zum Hinduismus bzw. zu »nichtchristlichen« Religionen überhaupt definierte, ist in dem theologischen Programm »Nostra aetate« (»In unserer Zeit«) dokumentiert, das 1965 im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils formuliert wurde und das eine zeitgemäße »Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen« darstellen sollte.68 Begreift man einerseits die »Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen« als theologiegeschichtliches Dokument und andererseits jene Songs, in denen George Harrisons Vorstellungen über das Verhältnis der Religionen untereinan- ______ 67 The Beatles 2000a: 26. Vgl. Gary Wright: »My Catholic upbringing couldn’t offer answers to the spiritual questions I was pondering, and neither could anyone else.« (Wright 2014: 6). 68 Wortlaut des Nostra aetate in: Müller 1968: 53–57. 546 der zum Ausdruck kommen, als musik- und kulturgeschichtliche Dokumente, so können im Vergleich wesentliche Unterschiede hinsichtlich der Art und Weise, wie jeweils das Christentum im Verhältnis zu anderen Religionen gedacht wurde, sichtbar gemacht werden. An der Oberfläche betrachtet, scheinen gewisse Aspekte der »Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen« zunächst der Aussage ähnlich zu sein, die in einem Text wie Life Itself von George Harrison zum Ausdruck kommt. Es geht um Gott als das eine, letzte Ziel aller »Völker« und Religionen. In der Erklärung der katholischen Kirche heißt es: »Alle Völker sind ja eine einzige Gemeinschaft […]; auch haben sie Gott als ein und dasselbe letzte Ziel.«69 Es gehe darum, »vor allem das ins Auge [zu fassen], was den Menschen gemeinsam ist und sie zur Gemeinschaft untereinander führt.«70 Die Kirche erwarte »den Tag […], an dem alle Völker mit einer Stimme den Herrn anrufen und ihm ›einträchtig dienen‹ (Soph 3,9).«71 Insbesondere in dem Gedanken, dass Fragen, mit denen Menschen sich in verschiedenen Religionen beschäftigen, von Religion zu Religion so unterschiedlich dann doch nicht sind, wurde in »Nostra aetate« als ein einigendes Band zwischen den Religionen angesprochen: »Die Menschen erwarten von den verschiedenen Religionen Antwort auf die ungelösten Rätsel des menschlichen Daseins, die heute wie von je die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Ziel unseres Lebens? […] Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?«72 ______ 69 Müller 1968: 53. 70 Ebda. 71 Ebda.: 56. 72 Ebda.: 53. 547 Dies scheint nicht weit weg zu sein von dem egalitär-anthropologischen Gedanken, den Harrison etwa in My Sweet Lord (1970) bewegte, als er im Ausdruck einer basalen emotionalen Gottessehnsucht vom jüdisch-christlichen Lobpreis zum hinduistischen Lobpreis wechselte. Im eingehenderen Vergleich zeigt sich jedoch eine tiefgreifende Prämissendifferenz. Sie bezieht sich auf den Begriff des Christentums: In der »Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen« wird, wie aus Titel und Text der Erklärung hervorgeht, erstens Kirche und Christentum und zweitens Kirche und katholische Kirche begrifflich gleichgesetzt. An keiner Stelle des Textes »Nostra aetate« ist von christlicher Religion die Rede, sondern stets von der »Kirche«. Des Weiteren wird der Begriff Kirche nirgends im Plural verwendet, sondern es ist stets im Kollektivsingular von »der« Kirche die Rede – womit freilich die katholische Kirche gemeint ist. Beide Gleichsetzungen gehören zum grundlegenden Selbstverständnis der katholischen Konfession. Daraus folgt, dass in »Nostra aetate« der Einbezug der »nichtchristlichen« Religionen in das Heilsgeschehen letztlich als unbedingt von der katholischen Kirche vermittelbar gedacht wurde. Das »Nostra aetate« der katholischen Kirche war mithin exklusiv: »Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist. […] Unablässig aber verkündet sie und muß sie verkündigen Christus, der ist ›der Weg, die Wahrheit und das Leben‹ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat.«73 In Songtexten wie Life Itself oder Awaiting On You All sowie in Interviewäußerungen Harrisons erscheint das Christentum hingegen unabhängig von institutionell-organisierter Religion gedacht. Überhaupt konnte Harrison sich offenbar mit organisierter Religion nicht wirklich anfreunden: »It’s the organization of religion that turns me off a bit. I just try to go into myself. […] It’s a very personal thing, spiritual life.«74 ______ 73 Müller 1968: 54. 74 Giuliano 1990: 112. 548 Das Christentum war für Harrison – wie es etwa durch das Nebeneinander der Aufzählung im Songtext von Life Itself zum Ausdruck kommt – eine unter vielen geografischhistorisch entstandenen Formen von Religion, deren Eigenart nicht über der Eigenart anderer Religionen steht. Insofern hat der katholisch getaufte George Harrison, der die katholische Kirche kritisiert hat75, das Ideal eines respektvollen Miteinanders der Religionen in seiner Musik mehr verwirklicht als die katholische Kirche durch ihre Programmschrift »Nostra aetate« der 1960er-Jahre. Seine Musik und seine Songtexte geben zu bedenken, dass innerhalb der Vielfalt der religiösen Kulturen ein Nebeneinander und Miteinander im Hinblick auf sowohl Gemeinsamkeiten und Verwandtschaften als auch Differenzen nicht nur möglich, sondern ästhetisch längst Wirklichkeit geworden ist. Dies führt zu der Frage, ob es überhaupt so etwas gebe oder einmal gegeben habe wie »reine« Kulturen, die sich klar voneinander abgrenzen ließen. Zwei Positionen stehen einander gegenüber. Auf der einen Seite steht eine transkulturelle Position. Im Bereich der Musikforschung hat die Fokussierung von Gemeinsamkeiten verschiedener Kulturen eine lange Tradition. Bereits 1943 hat Curt Sachs in seinem Buch The Rise of Music in the Ancient World East and West hervorgehoben, wie er auf Gemeinsamkeiten zwischen geografisch weit auseinanderliegenden Kulturen gestoßen ist: »Und noch faszinierender ist es […] wie, bei aller Verschiedenheit, räumlich weit voneinander getrennte Völker ähnliche Wege beschritten und sich in eigentümlicher, unbewußter Partnerschaft zusammenfanden: Griechen und Japaner, Hindus und Araber, Europäer und nordamerikanische Indianer.«76 ______ 75 Etwa in Awaiting On You All (vgl. hierzu Kapitel 3.1 der vorliegenden Arbeit) oder in P2 Vatican Blues – ein Song, der von der Verstrickung der Vatikanbank mit der italienischen Mafialoge Propaganda Due handelt. Auf letzteren Song einzugehen, würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten. Zum Thema Propaganda Due sei auf das Buch Geschäfte mit dem Vatikan. Die Affäre Sindona von Nick Tosches verwiesen (Tosches 1987); vgl. auch D’Alema 1984. 76 Sachs 1968 [1943]: 11/12. 549 In jüngerer Zeit hat Vijay Prashad in seinem Buch Everybody Was Kung Fu Fighting. Afro-Asian Connections and the Myth of Cultural Purity (2001) versucht, diese Position zu stärken: »The polycultural view of the world exists in the gut instincts of many people […]. Scholars are under some obligation to raise this instinct to philosophy, to use this instinct to criticize the diversity model of multiculturalism and replace it with the antiracist one of polyculturalism. Culture cannot be bounded and people cannot be asked to respect ›culture‹ as if it were an artifact, without life or complexity. Social interaction and struggle produces cultural worlds, and these are in constant, fraught formation. Our cultures are linked in more ways than we could catalog, and it is from these linkages that we hope our politics will be energized.«77 Hier wird davon ausgegangen, dass »kulturelle Reinheit« ein Mythos ist; es sei die Aufgabe der akademischen Forschung, diesen Mythos zu dekonstruieren und die Verwandtschaften zwischen Kulturen herauszuarbeiten. Auch Georgina Born und David Hesmondhalgh haben mit Bezug auf Guy Scarpettas Untersuchungen zum Begriff der Unreinheit L’Impureté (1985) das Ziel verfolgt, den Mythos einer »kulturellen Reinheit« zu dekonstruieren und davon gesprochen, dass »earlier Western high musics« eine »immanent hybridity« innewohne: ein Gedanke, den weiter zu explorieren und zu stärken sich jederzeit lohnen würde.78 Auf der anderen Seite steht eine Position, welche die Unterschiede zwischen den Kulturen herausstellt und welche letztlich zum Schluss gelangt, gewisse Besonderheiten einzelner Kulturen seien unvereinbar. Die Frage ist jedoch, ob erforschte und festgestellte kulturelle Unterschiede als ahistorisch gegeben und als zu bewahrende Unterschiede aufgefasst werden oder ob sie von der Forschung historisch kontextualisiert und ihrerseits als gewachsen und zusammenwachsende verstanden werden. Die Bedeutung George Harrisons und Ravi Shankars für das Verhältnis zwischen »östlicher« und »westlicher« Musik ist auf unterschiedliche Weisen zusammengefasst und bewertet worden: In ihrem Aufsatz »Asian Kool? Bhangra and ______ 77 Prashad 2001: 148. 78 Born/Hesmondhalgh 2000: 16. 550 Beyond« (1996) hat die britische Soziologin und Labour- Politikerin Rupa Asha Huq Harrisons von indischer Musik beeinflusste Songs als Grund dafür angeführt, weshalb asiatischen Musiken (insbesondere Bhaṅgṛā-Musik steht im Mittelpunkt ihrer Erwägungen) der Weg in den »UK Mainstream« lange Zeit verstellt gewesen sei. Dabei nahm sie Bezug auf einen Artikel aus der Zeitung The Independent: »A number of reasons can be advanced as to why it has taken Asian musics so long to arrive. The Independent points out: ›George Harrison has a lot to answer for. All those tedious sitar passages you skip over on the Beatles albums are not designed to dispose an audience favourably towards Asian sounds. And the muzak played in Indian restaurants doesn’t help either‹ (25 September 1992). Bhangra’s slow crossover into UK mainstream music can be partially explained by the fact that, to the Western ear, in its purest form Indian music is quite simply ›uneasy listening‹.«79 [Hervorhebung und Klammer im Original] George Harrisons Spiel der Sitar auf Beatlesalben ist für Rupa Huq ein Beispiel gleichsam für das Herabziehen indischer Musik in den Bereich des Easy Listening, was einer Öffnung der »westlichen« Zuhörerschaft für die reinsten (»purest«) Formen indischer Musik, z.B. Bhaṅgṛā, nicht förderlich gewesen sei. – Der amerikanische Theologe Peter Bebergal hingegen hat umgekehrt in Season of the Witch: How the Occult saved Rock and Roll (2014) der Popmusik die entscheidende Botenträgerschaft für den Impakt insbesondere der Musik von Ravi Shankar im »Westen« zugeschrieben, wodurch die Popmusik gleichzeitig über sich selbst hinausgewachsen sei: »Shankar had his fans, but alone he would not have the impact soon to come when sitar playing was woven into pop music. […] And the sound of the sitar in the hands of George Harrison elevated pop music beyond anything that had come before.«80 Peter Bebergal sieht demnach »Raga Rock« im Allgemeinen und den Einsatz der Sitar in Popsongs von George Harrison im Speziellen als potenzierende Faktoren für die Popularität ______ 79 Huq 1996: 62. 80 Bebergal 2014: 55/56. 551 Ravi Shankars. – Demgegenüber war Ravi Shankars Wirken im »Westen« gerade auch für indische Musikerkollegen von Shankar Anlass teils harscher Kritik.81 So äußerte sich etwa der Sarod-Spieler Amjad Ali Khan: »I hope to God that Ravi Shankar lives for at least 200 years so that he sees for himself what good and what damage he has done to our classical music.«82 V. Ramnarayan hat auf langjährige Kritik von indischer Seite hingewiesen: »For long accused of diluting Indian classical music to please Western audiences, the maestro was deeply hurt by such charges.«83 Der Journalist und Musikkritiker Allan Kozinn hingegen hob in seinem Nachruf »Ravi Shankar, Sitarist Who Introduced Indian Music to the West, Dies at 92« am 12. Dezember 2012 in der New York Times hervor: »[Ravi Shankar] created a passion among Western audiences for the rhythmically vital, melodically flowing ragas of classical Indian music […]. In particular, his work with two young semi-apprentices in the 1960s – George Harrison of the Beatles and the composer Philip Glass, a founder of Minimalism – was profoundly influential on both popular and classical music. And his interactions throughout his career with performers from various Asian and Western traditions – including the violinist Yehudi Menuhin, the flutist Jean-Pierre Rampal and the saxophonist and composer John Coltrane – created hybrids that opened listeners’ ears to timbres, rhythms and tuning systems that were entirely new to them.«84 Demnach schreibt Allan Kozinn Ravi Shankar sowohl Verdienste im Hinblick auf die Vermittlung klassischer indischer Kunstmusik im »Westen« zu als auch im Hinblick auf künstlerische Interaktionen mit George Harrison, Philip Glass, Yehudi Menuhin, Jean-Pierre Rampal und John Coltrane. ______ 81 Zur Kritik an Ravi Shankar von indischer Seite siehe z.B. Slawek 1991: 167; Keil/Feld 1994: 294; Ramnarayan 2009a: 13/16/17; Kozinn 2012. 82 Slawek 1991: 167. 83 Ramnarayan 2009a: 13. 84 Kozinn 2012. 552 Jede dieser Positionen geht genau genommen mehr oder weniger implizit von einer statischen Gegenüberstellung von »Ost« und »West« aus: »purest form Indian music«/»UK mainstream«, »sitar playing«/»pop music«, »Indian classical music«/»Western audiences« und »Asian and Western traditions«. Zu hinterfragen wäre allerdings, ob die Musiktraditionen, von denen bei diesen Kommentatoren jeweils die Rede ist, überhaupt als historisch »reine« Traditionen aufgefasst werden können oder nicht vielmehr – bereits im Ausgangspunkt ihrer Begegnung miteinander – selbst Hybride darstellen. Wenn Kulturen »no longer insular« sind, wie der kanadische Psychologe Albert Bandura in seinem Aufsatz »Social cognitive theory: An agentic perspective« (1999) schreibt85, so stellt sich im Hinblick auf die in der vorliegenden Arbeit im Fokus stehenden Beispiele die Frage: Sind die besagten Musikkulturen erst seit den 1960er-Jahren nicht mehr »insular« oder waren sie bereits zum Zeitpunkt ihrer Begegnung nur scheinbar »insular«? Bezüglich des stilistischen Aggregatzustandes von Rocksongs hat sich im Laufe dieser Arbeit gezeigt: Rocksongs sind freilich bereits im Ausgangspunkt der Begegnung von Harrison und Shankar in sich selbst genommen Hybride, in denen mehrmalige transatlantische Pendelbewegungen und damit historisch facettenreiche afroamerikanische Musiktraditionen mitschwingen. In der Arbeitsbegegnung mit George Martin trafen diese von den Beatles absorbierten Traditionen auf einen der europäischen Schulmusiktheorie verpflichteten Gestaltungswillen. Wenngleich jedoch die musikalischen Einflüsse auf die jungen Beatles – z.B. Tin Pan Alley-Songs, Skiffle, Rhythm and Blues, Rock ’n’ Roll, Rockabilly, Motown, klassisch-romantische Musik – nichts weniger als vielfältig waren, so wirkt doch das Beatlesœuvre insgesamt homogen. Und ein Song wie etwa Harrisons Within You Without You, in dem die Dilruba klanglich ebenso konstitutiv ist wie die von George Martin arrangierten Violoncelli, fällt zwar einerseits im Gesamtbild des Beatlesœuvres auf, fällt aber andererseits nicht heraus, sondern macht – neben ______ 85 Bandura 1999: 36. 553 zahlreichen anderen Aspekten – das Gesamtbild integral aus. Heterogene kulturelle Bestimmtheit hybrider Musik schließt demzufolge nicht aus, dass sie homogen und integral wirkt. Bezüglich des Sitar- und Musikunterricht, den George Harrison bei Ravi Shankar erhalten hat, hat sich gezeigt: Shankars Musikauffassung ist von Hause aus traditionell eklektizistisch gewesen. Das Alleinstellungsmerkmal der Maihar-Gharānā besteht gerade in einem starken Entwicklungswillen in Bezug auf überlieferte Tradition. Nicht nur angesprochen sind damit Crossover-Projekte von Ravi Shankar (die einen eigenen Bereich bilden), sondern auch Entwicklungsimpulse im Bereich der klassischen indischen Musik, wie etwa seine Offenheit für die Verbindung von südindischer (karnatischer) und nordindischer Musik. Dieses Merkmal der Maihar-Gharānā stand komplementär zur offenen musikalischen Haltung George Harrisons. Ein Song wie etwa The Inner Light, dessen musikalische Struktur von dem Shankar-Shishya Shambhu Das geprägt ist, dessen Songtext dem Dàodéjīng entstammt und dessen formale Struktur dem Strophenprinzip des Popsongs verpflichtet bleibt, stellt nicht lediglich eine Begegnung zwischen statisch vorausgesetztem »Ost« und »West« dar, sondern ein Ergebnis mehrdimensional kulturell offener Haltungen und Traditionen. Insofern war zwar Mitte der 1960er- Jahre im Ausgangspunkt der Begegnung von George Harrison und Ravi Shankar scheinbar eine gewisse kulturelle Insularität im Hinblick auf das Verhältnis von Rockmusik und klassischer indischer Musik gegeben. Die einander durch George Harrison und Ravi Shankar begegnenden Musiktraditionen waren jedoch in sich selbst nicht insular gewachsen, was freilich die Voraussetzung für die transkulturelle Produktivität der Begegnung bildete. Angesichts einer gegenwärtig zu konstatierenden kulturellen Kluft zwischen fundamentalistischen Extrempositionen, die von einer Unvereinbarkeit der Religionen ausgehen, ist George Harrisons Position heute aktueller denn je. In seiner Musik und seinen Texten ist das scheinbar Unvereinbare vereint und ästhetische Wirklichkeit geworden: gleichsam ein Weltparlament der Religionen, ein Nebeneinander von Religionen, die gleiche Gültigkeit genießen. George Harrisons egalitärer Religionsauffassung entsprach auch seine politi- 554 sche Position. Hierbei war Harrison vor allem von Swami Vishnu-Devananda beeinflusst, der als Verfechter offener Grenzen in den 1970er- und 1980er-Jahren eine Reihe spektakulärer »peace missions« durchführte, bei denen er Länder, die sich im Krieg befanden, in einem Zweimots überflog und mit Blumen sowie mit Flugblättern »bombardierte«, auf denen die Botschaft »Flowers, not Guns, to stop Wars!« zu lesen war.86 In der Öffentlichkeit erhielt Vishnu-Devananda deswegen auch den Titel »The Flying Swami«87, eine humoristische Anspielung auf die tradierte Vorstellung, es gebe Yogis, die (freilich ohne Motorflugzeug) fliegen könnten. Auf einer UNICEF-Pressekonferenz in New York 1974 artikulierte Harrison seine damalige politische Position mit folgenden Worten: »As soon as we can all have Planet Earth passports I’ll be grateful, because I’m tired of being British or being white, or being a Christian or a Hindu. I don’t have a philosophy, I just believe in the sap that runs throughout.«88 Damit brachte er sein egalitär-pluralistisches Credo nicht nur in Bezug auf Religion, sondern auch in Bezug auf Nationalität und Rasse zum Ausdruck. Mit dem »Planet Earth Passport« nahm Harrison direkten Bezug auf Swami Vishnu-Devananda, der sich durch die Ausstellung sogenannter »Planet Earth Passports« für offene Grenzen engagierte. Welche Informationen enthielt solch ein »Planet Earth Passport«? In Gopala Krishnas Monografie The Yogi. Portraits of Swami Vishnudevananda (1995) sind die persönlichen Angaben aus Swami Vishnu-Devavandas »Planet Earth Passport« abgedruckt: »Name – Swami Vishnu-devananda [sic], randomly born on the Earth Date of Birth – Immortal Residency – Earth Weight – Immeasurable ______ 86 Gopala Krishna 1995: 47–58. Im September und Oktober 1971 führte Vishnu-Devavanda diese Aktion über Belfast, dem Sueskanal, Jerusalem, Lahore und Bangladesch durch; vgl. auch Gopala Krishna 1995: xii–xvi. 87 Ebda.: 47. 88 Harrison 2011a: 297; deutsch: Harrison 2011b: 297. 555 Height – short as well as tall, big as well as small Hair – snow white Eyes – intuitive Present address: Street – Planet Earth; City – Vaikuntha; State – God.«89 Größe »short as well as tall, big as well as small«: Humor ist hier das Mittel, durch welches der Geist der messenden Begrenzung kalt gestellt werden soll. In dem von Olivia Harrison herausgegebenen Band Living In The Material World (2011) ist George Harrisons »Planet Earth Passport« abgebildet, aus dem die folgenden Daten entnommen werden können: »Name George Harrison Bearer was randomly born on earth in: Liverpool Country of: England Date of Birth 25.2.43 Height 5·10 ½ Weight 1361bs […] Present address: Street Friar Park City Henley on Thames State Oxon England Issued by the True World Order (TWO) Signed Swami Vishnudevananda [sic]«90 Es ist hier nicht der Ort, darüber zu spekulieren, ob solch ein Weltbürgerverständnis sich langfristig als politisch utopisch erweisen wird oder nicht. Fest steht, dass sich in Vishnu- Devanandas Idee eines »Planet Earth Passport« und in Harrisons Rezeption dieser Idee progressive Suchbewegungen ausdrücken. Derek Taylor, der ehemalige Pressesprecher der Beatles und spätere Freund von George Harrison, hat einmal in sei- ______ 89 Gopala Krishna 1995: 48. 90 Harrison 2011a: 296/297; deutsch: Harrison 2011b: 296/297. George Harrisons »Planet Earth Passport« war auch in der von Victoria Broackes und Geoffrey Marsh kuratierten Ausstellung You Say You Want a Revolution? Records and Rebels 1966–1970 im Victoria and Albert Museum zu sehen (10. September 2016 bis 26. Februar 2017). 556 nem Buch As Time Goes By (1973) hervorgehoben, dass die Beatles Suchende waren: »[…], I looked to the Beatles to show the way, and the poor devils were themselves crying out in pain and in vain that they were looking for a Way, a Truth and a Life, and not finding it. John through Yoko and Peace, Paul and Ringo through familial coziness, George through Krishna, all searching … all of them just like the next man … and when I discovered that, I was, again, myself. You too?«91 Alle vier Beatles erscheinen bei Taylor als Suchende »just like the next man«, aber dennoch bleiben sie in ihrer Suche Vorbilder: Jeder der vier Beatles suchte in Taylors Wahrnehmung nach einem Weg, der zum Vorbild für ihre jeweiligen Fans werden konnte. Zwar erscheint – auch wenn es sich bei Taylor um einen engen Vertrauten der Beatles handelt – die Behauptung, die Beatles hätten auf ihrem Weg nicht das gefunden, wonach sie gesucht haben, bemerkenswert. Doch ist es die Erkenntnis, dass die Beatles Suchende waren, die es Taylor offenbar ermöglichte, sich selbst zu finden, den Beatles als Individualität auf Augenhöhe zu begegnen und die er in seinem Buch akzentuierte, um seinen Lesern eine ähnliche Entmythisierung zu ermöglichen. Seiner autobiografischen Schrift I Me Mine hat Harrison bezeichnenderweise ein Zitat aus der heiligen Schrift des Hinduismus, der Bhagavad-gītā, als Motto vorangestellt, in dem es um Suche geht. Harrison zitiert die Übersetzung von Paramahansa Yogananda: »Lord Krishna to his devotee Arjuna: ›Among thousands of men, perhaps one strives for spiritual attainment; and, among the blessed true seekers that assiduously try to reach Me, perhaps one perceives Me as I am.‹ Bhagavad Gita (Ch. 7, Ver. 3)«92 [Hervorhebung im Original] Dass George Harrison »a Way, a Truth and a Life […] through Krishna« suchte, ist zweifellos der zentrale transkulturelle Impuls seines Lebens, ein Impuls, der zum Ausgangspunkt ______ 91 Taylor 1973: 220/221. 92 Harrison 2004 [1980]: 8; vgl. Yogananda 2001b [1995]: 665. Der Wortlaut in der Übersetzung von Bhaktivedanta: »Out of many thousands among men, one may endeavor for perfection, and of those who have achieved perfection, hardly one knows Me in truth.« (Bhaktivedanta 1972b: 364/365). 557 bzw. Verstärker für die Entwicklung kulturverbindender Interessen und Suchbewegungen seiner Rezipienten werden konnte. Diese Entwicklung ist – so hofft der Autor dieser Arbeit, der sich ebenfalls als Suchender versteht – nicht wieder rückgängig zu machen.

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Dieser Band widmet sich der Frage, auf welche Weise indische Kultur mit der Musik und der Biografie George Harrisons verbunden ist. Handelt es sich bei der Einbeziehung von Elementen indischer Musik in seine Songs um bloßes orientalistisches Kolorit? Oder geht es um den Ausdruck eines tiefer greifenden transkulturellen Interesses?

Im Rahmen einer biografischen Darstellung werden künstlerische Handlungen und Lebensstationen George Harrisons im Hinblick auf eine mögliche Komplementarität von »Ost« und »West« analysiert und interpretiert. Harrisons Filmproduktionen finden ebenso Berücksichtigung wie seine Songs und seine Beschäftigung mit hinduistischen Religionsströmungen. Die Biografie des Beatle wird hier erstmals aus musikwissenschaftlicher Sicht unter die Lupe genommen.

Das Buch richtet sich an Musiker, Musikwissenschaftler, Schüler, Studenten, Fans und Beatles-Nerds.