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5. »Tyāga«. Projekte in den 1990er-Jahren und Loslösung vom Leben (1991–2001) in:

Christopher Li

George Harrison und die Komplementarität von "Ost" und "West", page 467 - 516

Ein biografischer Versuch

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4411-7, ISBN online: 978-3-8288-7413-8, https://doi.org/10.5771/9783828874138-467

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Musikwissenschaft, vol. 13

Tectum, Baden-Baden
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467 5. »Tyāga«. Projekte in den 1990er-Jahren und Loslösung vom Leben (1991–2001) 5.1 »Look to this day…«: Japan-Tournee & George Harrisons Benefizkonzert für Maharishis Natural Law Party Look to this day, For it is life, The very life of life. In its brief course lie all The realities and verities of existence, […] Look well, therefore, to this day. Kalidasa George had something which we call in our language tyagi, which means the feeling of unattachment. Ravi Shankar Das dem indischen Dichter Kalidasa (4./5. Jh. n. Chr.) zugeschriebene Gedicht, das George Harrison der von Brian Roylance herausgegebenen Dokumentation seiner Japan-Tournee Live In Japan. George Harrison with Eric Clapton & Band als Motto voranstellte1, bringt einen Gedanken zum Ausdruck, der in verschiedenen Bedeutungsschattierungen auch in der angloamerikanischen Rockmusik auftaucht: den Gedanken, für den Augenblick zu leben. »One day at a time is all we do / One day at a time is good for us two« sang John ______ 1 Zit. nach Roylance 1993: 6. 468 Lennon 1973 selbsttherapeutisch; »Let’s live for today / Tomorrow may never come« sang Steve Lukather 1981 hedonistisch. Auch George Harrison hatte bereits 1973 – inspiriert von Richard Alperts Buch Be Here Now (1971)2 – den Gedanken, für den Augenblick zu leben, besungen: Remember, Now, Be Here Now […] Why try to live a life, that isn’t real3 Die Japan-Tournee, auf die George Harrison im Jahr 1991 gemeinsam mit Eric Clapton und dessen Band ging, umfasste zwölf Konzerte in sechs Städten Japans. Sie eröffnete am 1. Dezember 1991 in Yokohama und schloss am 17. Dezember 1991 in Tokio.4 Die Hauptquellen zu dieser Tournee stellen eine Live-CD, die Transkription einer Pressekonferenz am 29. November 1991 in Tokio sowie das bereits erwähnte von Roylance herausgegebene Buch zur Tournee dar.5 Jedes Bandmitglied, einschließlich George Harrison, hat zu dem Tournee-Buch ein Kapitel über seine/ihre jeweiligen Tournee- Impressionen beigetragen. Erstaunlicherweise geht aus den genannten Quellen jedoch nirgends eindeutig hervor, weshalb die Tournee ausgerechnet in Japan durchgeführt wurde. Auf die entsprechende Frage »Why did you come to Japan?« bei der Pressekonferenz in Tokio antwortete Harrison lediglich: »Well, the reason that I came to Japan was because Eric suggested to me that this time of year would be good if I wanted to do a concert tour. He was not working and his band was available to become my band. […] And the reason we came to Japan was, he likes Japan and he suggested that we come here.«6 ______ 2 Ram Dass 1978 [1971]; Harrison 2004 [1980]: 252. 3 Harrison 2004 [1980]: 251. 4 Roylance 1993: 266–271; vgl. auch Harry 2003: 371–378; Rohde 2013: 399/400. 5 Harrison 1992a. Zur Transkription der Pressekonferenz vom 29. November 1991 im Tokio Hilton siehe Harry 2003: 371–378. Das Tournee-Buch (Roylance 1993) ist in einer limitierten Auflage von 3500 Exemplaren erschienen; die British Library und die Bayerische Staatsbibliothek halten jeweils ein Exemplar. 6 Harry 2003: 376. 469 Eine derart unspezifische Antwort hätte man wohl in jedem anderen Land auch erwarten können. Möglicherweise standen bei der Entscheidung, die Tournee in Japan durchzuführen, die Abgelegenheit vom Heimatpublikum und/oder finanzielle Interessen aufgrund einer besonders verlässlichen Popularität Harrisons und Claptons in Japan im Vordergrund. Kritisch-erinnernde Bezugnahmen auf die Kontroverse um die Konzerte der Beatles im Nippon Budōkan im Sommer 1966 blieben jedenfalls aus.7 Die Motive, die George Harrison genannt hat, überhaupt auf Tournee zu gehen – er wolle die Tournee als Anlass nehmen, aufzuhören zu rauchen und er wolle Eric Clapton dabei helfen, eine private Krise zu überwinden8 – werden durch den naheliegenden Gedanken ergänzt, dass er vom Erfolg seines Albums Cloud Nine sowie vom Erfolg der von ihm mitgegründeten Supergroup Traveling Wilburys beflügelt war.9 Im Rampenlicht zu stehen war jedoch nach wie vor nicht wirklich George Harrisons Sache: Eric Clapton zufolge war Harrison vor und während der Tournee »scared to death«.10 Die Setlist setzte sich teils aus Harrisons Solomaterial, teils aus alten Beatles-Songs und teils aus Eric Claptons Solomaterial zusammen.11 Auf die Frage, ob er vorhabe, sich Sehenswürdigkeiten in Japan anzuschauen, antwortete Harrison: »I’d like to go to Kyoto and see some temples and some gardens […].«12 Bekannt ist, dass Harrison vom Publikum in Hiroshima bewegt war, wo er am 6. Dezember 1991 im Hiroshima Sun Plaza spielte.13 Harrison hat den Gig in Hiroshima sowie einen Besuch des Hiroshima Peace Memorial Park in seinen ______ 7 Zu dieser Kontroverse vgl. auch Kapitel 2.6 der vorliegenden Arbeit. 8 Roylance 1993: 13. 9 Auf die Traveling Wilburys (George Harrison, Bob Dylan, Jeff Lynne, Tom Petty, Roy Orbison) kann im Rahmen der vorliegenden Arbeit aus Platzgründen nicht näher eingegangen werden. 10 Harry 2003: 374. 11 Zur Setlist vgl. ebda.: 377. 12 Ebda.: 376. 13 Roylance 1993: 268; vgl. Harry 2003: 378; Rohde 2013: 399. 470 Tournee-Impressionen beschrieben. Da die Publikation von Roylance schwer zugänglich ist, sei an dieser Stelle ein längerer Abschnitt wiedergegeben: »I thought that the audience in Hiroshima was special. They seemed to be so nice; although I’m not sure if I was projecting that on to them because of all the suffering they had been through. I was certainly feeling more sorry for them than I was for anyone else, and they genuinely seemed to have a kind of inner peace. For me it was sad, and it was hard not to keep thinking of what had happened to them. I could see all the faces in the crowd and could imagine that all those people in the hall must have had somebody close to them who was killed or is still suffering from the A-bomb radiation. We visited the Peace Park there, which is the site where the bomb hit on 6th August 1945. It’s actually an island, covering an area of about ten blocks in the middle of the river, and there’s one building still standing with the windows and roof knocked out by explosion. […] The bomb exploded above the ground where the park is now and it was strange, looking out of the window and imagining an atomic bomb going off right there by those trees. Around the area there are signs telling you to wash your hands if you touch the pigeons […].«14 Dass Harrison seine Aussage, das Publikum in Hiroshima sei »special« gewesen, mit der Bemerkung »I’m not sure if I was projecting that on to them« einschränkt, spricht für einen hohen Selbstreflexionsgrad, der sich von einem theatralischen Betroffenheitsduktus abhebt, der von Musikstars in diesem Zusammenhang üblicherweise zu erwarten wäre. Das letzte abendfüllende Livekonzert und zugleich das erste und einzige Solokonzert, das George Harrison jemals in England gegeben hat, war ein Benefizkonzert zur Unterstützung einer von Maharishi Mahesh Yogi im März 1992 gegründeten politischen Partei: der Natural Law Party. Das Konzert fand am 6. April 1992 in der Londoner Royal Albert Hall statt – drei Tage vor den britischen Unterhauswahlen am 9. April 1992.15 Wofür diese Partei stand, die George Harrison mit diesem Konzert durch seinen Namen unterstützte, ist in der einschlägigen Harrison-Biografik entweder gänzlich unthematisiert oder inhaltlich undiskutiert geblieben: Marc ______ 14 Roylance 1993: 30/31. 15 Harry 2003: 104; Rohde 2013: 400. 471 Shapiro etwa erwähnt die Natural Law Party gar nicht, während andere Autoren das Thema zwar nicht ausgeblendet, jedoch eine eingehende inhaltliche Auseinandersetzung, womit Harrison sich hier assoziierte, vermieden haben.16 Elliot J. Huntley, der das Konzert als Fan gesehen hat, spricht im Zusammenhang mit dem inhaltlichen Anlass für dieses Benefizkonzert von einem »belated April Fool’s [sic] Day joke«.17 Stand Harrisons Assoziation mit Maharishis Natural Law Party derartig quer zu einem Bild, welches sich Fans oder Biografen von Harrison als Ex-Beatle gemacht haben, dass deshalb entweder – wie bei Shapiro – eine eingehende Beschäftigung mit dem Konzertanlass nicht in die Darstellung integriert werden konnte oder – wie bei Huntley – der Konzertanlass von vornherein als Lachnummer verbucht wurde? Madinger und Easter haben festgestellt, dass die Natural Law Party nur wenig öffentliches Interesse geweckt hat: »[…] a political party that has seen little interest in the UK or elsewhere […]. It’s doubtful the concert helped the NLP’s cause […].«18 Doch wäre zu fragen, ob ein nur geringes öffentliches Interesse an Maharishis Natural Law Party es rechtfertigt, das Interesse George Harrisons an der Natural Law Party in einer biografischen Darstellung inhaltlich undiskutiert zu belassen. Spielte doch der Maharishi und dessen Technik der Transzendentalen Meditation seit Ende der 1960er-Jahre eine wichtige Rolle in seinem Leben. Im Rahmen eines biografischen Versuchs, der das Verhältnis von »Ost« und »West« in Harrisons Leben untersucht, kann jedenfalls sein Interesse an der von Maharishi Mahesh Yogi gegründeten Natural Law Party – in Indien unter dem Namen Ajeya Bharat Party (AJBP) resp. Invincible India Party bekannt –, nicht unberücksichtigt bleiben. – Die Fragen diesbezüglich lauten: Was hat George Harrison dazu bewogen, sich Anfang der 1990er- Jahre zwecks Unterstützung eines Projekts des Maharishi noch einmal in das Spotlight der Medien zu begeben? Wofür ______ 16 Shapiro 2002: 171; Leng 2003: 208/209; Allison 2006: 45/75; Tillery 2011: 138; Rohde 2013: 400/401. 17 Huntley 2006 [2004]: 240. 18 Madinger/Easter 2000: 484/485. 472 stand die Natural Law Party? Mit welchem Gedankengut assoziierte Harrison sich durch sein Engagement für diese Partei? Wie ernst nahm er den Gegenstand seines Engagements? Was bedeutete der Begriff »Natural Law« in der Lehre des Maharishi? Dass Harrison nach seiner eigenen Parodie des Concert For Bangladesh im Film Water19 überhaupt noch einmal ein Benefizkonzert veranstaltete, verweist auf einen janusköpfigen, widersprüchlichen Charakter. Der Maharishi-Biograf Paul Mason führt Harrisons Engagement für die Natural Law Party auf eine Begegnung mit dem indischen Alternativmediziner Deepak Chopra (*1946), einen Meditationsschüler des Maharishi, zurück: »George Harrison’s involvement seems to have been spurred by his attendance at a lecture on Ayur-Ved by Dr Chopra some weeks earlier in London. When he was approached to lend his support to the campaign he unhesitatingly agreed and set about rehearsing.«20 Diese Information ist allerdings vorsichtig formuliert (»seems to have been«) und die Quellenlage ansonsten derartig dünn, dass vorerst offen bleiben muss, wie die konkreten Kommunikationswege verliefen, die zu Harrisons Engagement führten. Ebenso wenig ist Gary Tillerys Aussage belastbar, dass es im September 1991, vermittelt von Deepak Chopra, noch einmal zu einer Begegnung zwischen George Harrison und dem Maharishi gekommen sei – der mutmaßlich ersten Begegnung seit dem Eklat im Jahr 1968, als Harrison und Lennon Rishikesh aufgrund des Gerüchts, der Maharishi habe Mia Farrow sexuell belästigt, verlassen hatten. Tillery schreibt: »In September [1991], while agonizing about the tour of Japan, he had reconciled with the Maharishi Mahesh Yogi. He flew to the guru’s headquarters in Holland in the company of Deepak Chopra. Presenting the Maharishi with a single rose, he offered his sincere apology for the way the Beatles had behaved at Rishikesh. – ›We were very young.‹ The Maharishi was magnanimous, saying that in his mind the Beatles were angels. ›It doesn’t matter what John said or did, I could ______ 19 Siehe hierzu Kapitel 4.5 der vorliegenden Arbeit. 20 Mason 1994: 281. 473 never be upset with angels.‹ Chopra said that, upon being relieved of the ›karmic baggage,‹ George broke into tears.«21 Tillery gibt keine Quelle für dieses Narrativ an. Die belastbarste Quelle dafür, dass es im Vorfeld zu dem Benefizkonzert für die Natural Law Party zu einem Kontakt zwischen Harrison und Maharishi gekommen sei, stellt ein Interview dar, das Barry Miles mit Paul McCartney geführt hat. Demzufolge hat Harrison McCartney eine Woche vor den Unterhauswahlen 1992 angerufen und ihm von Maharishis Vorschlag erzählt, dass die drei noch lebenden Beatles als Unterhausabgeordnete für Liverpool kandidieren: »A week before the British elections of 1992, the ones where the Maharishi’s Natural Law Party took double-page ads in all the papers, George asked me to stand as the Natural Law Party member of parliament for Liverpool. Just one week before the last general election. George rang me giggling from LA. He said, ›I’ve been up all night and you may think this is a bit silly, but Maharishi would like you, me and Ringo to stand as members of parliament for Liverpool.‹ He said, ›We’ll win.‹ I said ›Yeeeessss!‹ He said, ›It’ll be great.‹ I said, ›Why, what’ll we do?‹ He said, ›Well, we’ll introduce meditation for everyone.‹«22 Dem könnte man entnehmen, dass 1992 zwischen Maharishi und Harrison Kommunikation bestanden habe. Freilich stellte sich keiner der Beatles zur Wahl. Wenn Paul McCartney aber erzählt »George rang me giggling from LA«, so scheint es, dass Harrison Maharishis Vorschlag, für die Wahl zu kandidieren, nicht sonderlich ernst genommen haben kann. Plausibel wäre hingegen, dass es bei Harrisons Motiv zur Unterstützung der Natural Law Party um das Interesse ging, Transzendentale Meditation weiter zu verbreiten. Seine ungebrochene Sympathie für Transzendentale Meditation hat George Harrison auch in einer Presseerklärung dieser Zeit zum Ausdruck gebracht: »I still practice Transcendental Meditation and I think it’s great. Maharishi only ever did good for us, and although I have not been with him physically, I never left him.«23 ______ 21 Tillery 2011: 137/138. 22 Miles 1997: 429–430. 23 Zit. nach Mason 1994: 282. 474 Indessen besteht ein gewichtiger Unterschied zwischen dem Anliegen, Transzendentale Meditation weiter zu verbreiten und der Befürwortung, dass dies über eine Regierungsbeteiligung der Natural Law Party geschehe. Was bedeutete der Begriff »Natural Law« in der Lehre des Maharishi? Die Begrifflichkeit »Natural Law« lässt sich auf Maharishis Grundlagenschrift Science Of Being And Art Of Living (1963) zurückführen.24 Was war mit diesem scheinbar sich selbst erklärenden Begriff im Kontext von Maharishis Lehren gemeint? Welche Bedeutungsfacetten hatte dieser Begriff im speziellen Sprachgebrauch des Maharishi (von Paul Mason einmal treffend als »Maharishi-speak«25 bezeichnet)? Wie verbanden sich Bedeutungsgehalte des Begriffs »Natural Law« mit dem politischen Selbstverständnis und Programm der Natural Law Party? – Eine Bedeutungsfacette des Adjektivs »natural« im Sprachgebrauch des Maharishi könnte so formuliert werden: »natural« bedeutete im Zusammenhang mit Transzendentaler Meditation soviel wie ohne forcierte Einflussnahme des Menschen. Dergestalt wollte Maharishi seine Technik der Transzendentalen Meditation verstanden und ausgeübt wissen. Maharishis Idee, wie ein »natürliches« Meditieren funktioniere, hat sein Meditationsschüler John Lennon einmal klar gespiegelt. Im Interview mit David Frost am 29. September 1967 beschrieb Lennon den Vorgang – mitsamt einer potenziellen Widersprüchlichkeit – wie folgt: »You know, you just sort of sit there and you let your mind go, whatever [sic] it’s going, doesn’t matter what you’re thinking about. Just let it go. And then you just introduce the … the mantra or the … the vibration just to take over from the thought. You don’t will it or use your willpower.«26 Dass der Akt des Meditierens etwas willkürlich aus dem Alltag Herausgehobenes darstellt und dass das »Hineinplatzieren« des Mantras in den gewöhnlichen Gedankenstrom einen Willensakt voraussetzt, steht im Widerspruch zur Maxime eines schlichten Fließenlassens des Gedankenstromes. Aller- ______ 24 Maharishi 2016 [1963]. 25 Mason 1994: 267. 26 Living In The Material World 2011 (DVD 1). TC: 01:14:37–01:14:55. 475 dings wird mit »You don’t will it or use your willpower« wohl lediglich gemeint gewesen sein, dass das Hineinsetzen des Mantras in den Gedankenstrom resp. das Halten des Mantras im Gedankenstrom nicht auf eine forcierte Weise geschehen sollte. In den Worten Maharishis: »[…] if the mind engages itself in the activity in an easy, unstrained, simple, and natural manner, the infusion of the faculty of Being into the nature of the mind becomes greater. If, on the other hand, the mind is strained during activity, the infusion of Being into the nature of the mind becomes less effective.«27 Das großgeschriebene »Being« ist für Maharishi der spirituelle Bereich einer transzendentalen Seinswelt, aus der die Mantren stammen, und »natural« bezeichnet hier gewissermaßen die Ausübung einer Aktivität ohne forcierte Konzentration. Der Begriff »nature« taucht bei Maharishi außerdem im Zusammenhang mit evolutionistischen, kosmologischen Vorstellungen auf. Hier erscheint der Begriff »nature« als Teil des Begriffs »laws of nature«: »Cosmic means all-inclusive; it means ›of the entire universe.‹ All that there is in nature in its static state of existence or in its dynamic state of life is included when we say cosmic. […] The cosmic law is that absolute state of pure consciousness which knows no change. It is the basis of all the laws of nature and it maintains the status quo of the different strata of creation and at the same time evolves them into higher ones in conformity with the cosmic purpose of creation and evolution and thus maintains the stream of evolution.«28 Die Inklusion von Naturgesetzen in eine übergeordnet gedachte kosmische Gesetzmäßigkeit bedeutet, dass für Maharishi Naturgesetze ihrem Ursprung nach selbst kosmisch sind: »cosmic law« bildet die Grundlage (»basis«) für die »laws of nature«. Und die Gedankenkomponente, dass der Zweck der Evolution darin bestehe, verschiedene »strata« der Schöpfung »into higher ones in conformity with the cosmic purpose« zu entwickeln, impliziert ein hierarchisches Weltbild. ______ 27 Maharishi 2016 [1963]: 37. 28 Ebda.: 10. 476 Seit 1972 hatte der Maharishi jedem Kalenderjahr ein Namensmotto gegeben und anhand dieser Motti lässt sich eine zunehmende Politisierung seiner Interessen beobachten: 1972: Year of the World Plan 1973: Year of Action for the World Plan 1974: Year of Achievement for the World Plan 1975: Dawn of the Age of Enlightenment […] 1976: Year of Government […] 1982: Year of Natural Law […] 1991: Year of Support of Nature’s Government 1992: Year of the Constitution of the Universe 1993: Year of Administration Through Natural Law29 Was nun unter »Natural Law« zu verstehen war, ergibt sich aus dem Vorangegangenen: »Natural Law« ist im Ursprung kosmisch bedingt und unterliegt solchermaßen einer universellen, hierarchisch gedachten kosmischen Gesetzmäßigkeit. Gleichzeitig schwingt im Begriff »Natural Law« die Bedeutungsfacette eines nicht durch menschlichen Einfluss gegebenen Gesetzes mit. »Natural Law« ist gewissermaßen eine Variante des Begriffs »Cosmic Law«, die nicht auf Anhieb das dahinterstehende kosmologisch-hierarchische Weltbild erkennen lässt. Insofern verwundert es nicht, dass die 1992 von Maharishi ins Leben gerufene Natural Law Party diesen Namen erhielt und nicht den Namen »Cosmic Law Party«. Hinter der Begrifflichkeit »Natural Law« stand ein kosmologischhierarchisches Weltbild, das sich auf die Kosmologie der Veden bezog und das sich mit dem politischen Selbstverständnis der Natural Law Party verband. Bevan Morris, ein Schüler Maharishis und Mitbegründer der Natural Law Party zitierte 2001 im Nachwort der Neuauflage von Maharishis Science Of Being And Art Of Living unter der Überschrift »Administration Through Natural Law – Automation in Administration« einen Vers aus dem Rigveda: »Yatīnāṁ brahmā bhavati sārathiḥ – (Ṛk Veda 1.158.6) For those who are established in the singularity of fully awake, selfreferral consciousness, the total potential of pure knowledge and its ______ 29 Mason 1994: 223ff. 477 infinite organizing power – the lively Constitution of the Universe, Natural Law – becomes the charioteer of all activity.«30 [Hervorhebungen im Original] Damit bekannte sich das Gründungsmitglied der Natural Law Party zu einer naturgegebenen »Verfassung des Universums« (»Natural Law«), die zum Wagenlenker menschlicher Aktivität werden sollte. Hierin steckte der Gedanke, zeitgenössische Gesellschaften mit Gedankengut aus vedischer Offenbarung zu bereichern. Dieser Gedanke kam auch im UK Manifesto der Natural Law Party zum Ausdruck: »Everything in the universe is already administered by Natural Law. There is a natural hierarchy in the administration of the universe, from the universe as a whole, to our galaxy and solar system, to our planet Earth. This hierarchy in Nature’s administration results in perfect integration and harmony in the functioning of all parts of the cosmos. What has been lacking so far is the application of this principle in national and local government, as well as in international affairs. […] The ancient knowledge of Vedic Science (recently brought to light in a complete form by Maharishi Mahesh Yogi), deals not only with the physical world, but also with the basis of the physical world in the field of intelligence or consciousness. Through Maharishi’s Vedic Science, complete knowledge of Natural Law is available, with the procedures to enliven Natural Law in every field of life.«31 Innerhalb der von Maharishi geleiteten Organisation »Transcendental Meditation movement« herrschte freilich bereits Anfang der 1970er-Jahre eine hierarchische Ordnung, die sich allerdings nach wesentlich profaneren Kriterien formierte, ohne dass hierzu die Veden bemüht werden mussten. Paul Mason, ein ehemaliger Schüler des Maharishi und späterer Maharishi-Biograf, hat die Verhältnisse Anfang der 1970er-Jahre innerhalb der Organisation folgendermaßen beschrieben: ______ 30 Maharishi 2016 [1963]: 342/343. 31 Natural Law Party 1997. Eine Programmschrift der Partei aus dem Jahr 1992 ist auf Nachfrage bei den Parliamentary Archives nicht erhältlich gewesen. 478 »Within the Movement, the pyramid of power that had begun with the training of teachers and checkers, was by now spreading to encompass the ranks of volunteers who manned the typewriters and telephones. The emerging hierarchy was based roughly on two criteria – how long a person had meditated and their age – whilst additional merit points were awarded to those who had received personal instruction from the Master and to those in possession of rare advanced techniques.«32 Anzeichen eines allgemeineren gesellschaftlichen Wirkungsanspruchs der Organisation hatten sich gezeigt, als der Maharishi das Jahr 1972 als »Year of the World Plan« ausrief und 1975 den Beginn einer »Dawn of the Age of Enlightenment« verkündete.33 Maharishis Verwendung des Begriffs »Age of Enlightenment« reicht wiederum bis auf sein Grundlagenwerk Science Of Being And Art Of Living von 1963 zurück. Der Kontext von Maharishis Gebrauch dieses Begriffs lässt darauf schließen, dass er mit »Age of Enlightenment« nicht etwa philosophiegeschichtlich an das Zeitalter der Aufklärung (1650–1800) im Sinne eines sich durch rationales Denken emanzipierendes Bürgertum anknüpfte, sondern dass er damit – in Kenntnis oder Unkenntnis des philosophischen Begriffs der Aufklärung – ein noch bevorstehendes Zeitalter der Erleuchtung im religiösen Sinne meinte. In der Einleitung zu seiner Grundlagenschrift von 1963 spricht Maharishi von »Age of Enlightenment« nicht in der Vergangenheitsform, sondern im Futur: »If the golden era is ever to dawn on human society, if the Age of Enlightenment is ever to be on earth, this book will provide a freeway for it to come.«34 Fragt man nach konkreten Zielen der Natural Law Party, so lassen sich diese dem UK Manifesto der Partei aus dem Jahr 1997 entnehmen: »The first action of a Natural Law Party government will be to implement a reliable and tested technology to create this effect in national consciousness. This technology, which has been examined rigorously by scientific research, involves setting up a group of experts in Maha- ______ 32 Mason 1994: 220. 33 Ebda.: 223, 232. 34 Maharishi 2016 [1963]: xiii. 479 rishi’s Transcendental Meditation and TM-Sidhi programme, including Yogic Flying. The creation of such a group is easy to accomplish, and the results are reliable and profound.«35 Ob George Harrison zu dem Zeitpunkt, als er das Benefizkonzert für die Natural Law Party im April 1992 gab, ein konkretes Programm der Partei kannte, muss offen bleiben, ebenso wie die Frage, wie fundiert er – abgesehen von Transzendentaler Meditation – sich über Inhalte und Begrifflichkeiten informiert hatte. War doch die Natural Law Party nur einen Monat vor seinem Konzert gegründet worden. In einem Interview, das die BBC am 5. April 1992 mit George Harrison führte, sagte dieser: »I believe this party offers the only option to get out our problems and create the beautiful nation we would all like to have. The General Election should be a celebration of democracy and our right to vote. The Natural Law Party is turning this election into a wonderful, national celebration and I am with them all the way.«36 Wenn George Harrison von einer »celebration of democracy« spricht, dann klingt das weniger nach einer fundierten Kenntnis von der ehernen hierarchischen – und damit in gewisser Weise auch undemokratischen – Struktur, die der Begriff »Natural Law« in sich barg und die laut Programm der Natural Law Party »in national and local government[s]«37 implementiert werden sollte, sondern mehr nach dem Selbstverständnis einer pro-demokratischen Haltung Harrisons im langen Fahrwasser der Counterculture der 1960er-Jahre. Es scheint, als ob der ansonsten tiefgründige George Harrison hier an der Oberfläche verblieb: Seine langwährende Sympathie für Transzendentale Meditation und seine persönliche Verbundenheit mit dem Maharishi verstellten ihm den Blick auf die problematische politische Struktur der Organisationen des Maharishi. In England ist die Natural Law Party sowie deren Spitzenkandidat Geoffrey Clements grosso modo als unbedenklich eingestuft worden. Paul Mason zitiert diesbe- ______ 35 Natural Law Party 1997; vgl. auch Nemeth 2006. 36 Zit. nach Mason 1994: 281; vgl. auch Huntley 2006 [2004]: 240; Turner 2006: 179; Tillery 2011: 138. 37 Natural Law Party 1997. 480 züglich einen Artikel von Simon Garfield aus dem Independent vom 4. April 1992: »There appears to be nothing illegal about the activities of the Natural Law Party, but there is a vaguely sinister air to its HQ; amid dripping candles and incense, secret doors and dank passageways, cracked masonry and tarnished gilt, it is as though New Agers were making gothic horror movies. Visitors to Mentmore may arrive with an open mind, but they will almost certainly come away converted. The problem is, they will be converted to Conservatism.«38 Simon Garfields Verortung der Natural Law Party im konservativen Lager erscheint triftig. Es bleibt zusammenfassend festzustellen, dass die Idee von »Natural Law« auf der Grundlage von »ancient knowledge of Vedic Science«39 sich als inkompatibel mit der zeitgenössischen demokratischen englischen Gesellschaft erwies: Steve Turner zufolge hat die Natural Law Party bei den britischen Unterhauswahlen 1992 auf nationaler Ebene 62,888 Stimmen erhalten.40 Der dreifache Pleonasmus »knowledge of Vedic Science« (»knowledge«: Wissen; »Veda«: Wissen; »science«: Wissenschaft) – also ein »Wissen von der Wissenschaft des Wissens« – impliziert einen begrifflichen Verkehrsstau, in dem die einstmals ursprüngliche Absicht des Maharishi, die Veden des alten Indien mit einem wissenschaftlichen Denken der »westlichen« Welt zu verheiraten41, auf der Stelle stand. In Form eines politischen Programms gelangte der ursprüngliche transkulturelle Impuls des Maharishi, die Technik einer indischen Meditationspraxis in den »Westen« zu tragen, an seine Grenzen. Harrison trat mit seinem Konzert für die National Law Party in der Royal Albert Hall für etwas ein, was er wohl nicht überschaute, worüber er sich aber offenbar auch nicht gründlich informiert hat. Dies mag dazu beigetragen haben, dass eine inhaltliche Thematisierung der Natural Law Party in bisherigen Harrison-Biografien wie eine Peinlichkeit ausgeklammert worden ist. ______ 38 Zit. nach Mason 1994: 282. 39 Natural Law Party 1997. 40 Turner 2006: 179. 41 Maharishi 2016 [1963]: xi. 481 5.2 Beatles-Anthology und hüpfende Flöhe aus Hawaii Nach seiner Japan-Tournee (1991) und dem Benefizkonzert für die Natural Law Party (1992) traten für George Harrison Mitte der 1990er-Jahre noch einmal die Beatles in den Fokus. Im Februar 1994 fanden sich Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr – die »Threetles«, wie sie auch genannt worden sind42 – in Paul McCartneys Mill Studios in Sussex zusammen, um aus Demoaufnahmen von Songs, die John Lennon in den 1970er-Jahren gemacht hatte, neue »Beatles- Songs« zu produzieren. Aus den Demoaufnahmen, die den »Threetles« von Yoko Ono zur Bearbeitung anvertraut wurden, entstanden zwei neue Songs: Das Ergebnis der Aufnahmesessions im Februar 1994 war Free As A Bird; aus weiteren Sessions im Februar 1995 ging Real Love hervor.43 Die neuen Songs dienten als Zugpferd für eine groß angelegte Beatles- Anthology, die in den Jahren 1995 bis 1997 auf drei Doppel- CDs erschien und die in chronologischer Ordnung Outtakes von Beatles-Songs bis 1970 präsentierte. Begleitend wurde 1996 ein achtteiliger Dokumentarfilm auf VHS veröffentlicht (Regie: Geoff Wonfor & Bob Smeaton), der die Karriere der Beatles bis zu ihrer Auflösung darstellt; supplementär erschien im Jahr 2000 eine Interviewsammlung als Buch, bestehend sowohl aus Interviewmaterial der 1960er-Jahre als auch aus retrospektiven Interviews der Beatles nach ihrer Auflösung im Jahr 1970.44 – Das Kapitel greift die in dieser Arbeit bereits thematisierten Aspekte von Performance, urheberrechtlicher Würdigung und Werkauffassung im Hinblick auf das Gefüge der Beatles nochmals auf und stellt diese Aspekte in den Kontext der Zusammenarbeit zwischen den »Threetles« im Rahmen der Anthology-Produktion. Ein kurzer Exkurs in Harrisons Leidenschaft für das Spiel der Ukulele, deren Beginn punktuell nicht zu datieren ist, die aber in ______ 42 Everett 1999: 289; Leng 2003: 216; Wölfer 2013: 55. Schreibweise »Threatles« bei Rohde 2013: 405. 43 Zur Datierung vgl. Harry 2003: 107/108; Rohde 2013: 404/405. 44 Tonträger: The Beatles 1995, 1996a & 1996b; Filmdoku: Anthology 2003 [1995]; Buch: The Beatles 2000a. 482 den 1990er-Jahren an Bedeutung zu gewinnen scheint, sei aufgrund der transatlantischen Geschichte dieses Instruments eingeschoben. Die Anthology-Produktion entstand als Gesamtprojekt unter der Ägide von Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr und es kann kein Zweifel daran bestehen, worum es (neben finanziellen Interessen) ging: Es war der Versuch der drei noch lebenden Beatles, ein Narrativ ihrer Geschichte aus ihrer eigenen Sicht festzuschreiben. Erin Torkelson Weber hat das Anthology-Projekt in ihren Untersuchungen The Beatles and the Historians. An Analysis of Writings About the Fab Four (2016) diesbezüglich kritisiert: »Because Anthology’s purpose is to serve as the Beatles’ mouthpiece, no dissenting, outside evaluations are allowed.«45 [Hervorhebung im Original] Welchen Anlass aber sollten die Beatles im Rahmen eines von ihnen selbst geformten Narrativs gehabt haben, abweichende Sichtweisen und Bewertungen von Außenstehenden einzubeziehen, die anderweitig reichlich publiziert wurden und werden? Die Bedeutung des Anthology-Projekts für die Forschung liegt gerade in der subjektiven Erlebnisperspektive der Darstellungen, die als wertvolle Quelle einen Ausgangspunkt kritisch-interpretativer Rekonstruktion, Kontextualisierung und Historisierung bilden können. So räumt Erin Torkelson Weber dann andererseits auch ein: »[…] Lennon, McCartney, Harrison and Starr’s Anthology accounts are among the most valuable sources in Beatles history […].«46 [Hervorhebung im Original] Dass das Narrativ der Anthology-Dokumentation als eine Quelle zur Interpretation angesehen werden kann, nicht aber als eine festgeschriebene, vollständige Darstellung »wie es wirklich war«, ergibt sich nicht erst aus der Ungleichheit, dass Kommentare von John Lennon nach 1980 fehlen, während Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr die ______ 45 Weber 2016: 174. 46 Ebda.: 173. 483 Gelegenheit wahrnahmen, ihre jeweiligen Sichtweisen auf die Geschichte der Beatles aus der »Distanz« der 1990er-Jahre zu vermitteln. Auch die zeitliche »Distanz« der Anthology-Dokumentation, in der Erin Torkelson Weber die Chance einer historischen Kontextualisierung der Beatles-Geschichte sieht47, verbürgt aber als solche noch keine höhere Objektivität, denn das Projekt, die Bandgeschichte ex post festzuschreiben, bot freilich im Gegenteil die Möglichkeit, Ereignisse im Interesse eigener Bewertungen neu zu rekonstruieren. Allerdings kann andererseits das Anthology-Narrativ auch nicht gänzlich verworfen werden, schließlich stellt es Informationen zur Verfügung, die für das Nachdenken über die Beatles von unschätzbarem Wert sind. Von daher wäre die Veröffentlichung des Anthology-Projekts (CDs, Videodokumentation, Interviewkompendium) selbst zu historisieren und zu kontextualisieren, anstatt die Inhalte der Anthology-Veröffentlichungen als bereits erfolgte »distanzierte« Historisierungen der Beatles aufzufassen oder sie per se zu verwerfen. Die Konstruktion der Geschichte der Beatles war mit Veröffentlichung der Beatles-Anthology in den 1990er-Jahren nicht abgeschlossen, sondern – trotz Auflösung der Band im Jahr 1970 und trotz des Todes von John Lennon im Jahr 1980 – noch in voller, autopoietischer Bewegung. Musikalisch zeigt sich dies in plakativster Weise an dem Song Free As A Bird, einem neuen »Beatles-Song«, den Paul McCartney, George Harrison und Ringo Starr aus einer Solo- Demoaufnahme von John Lennon entwickelten. Bemerkenswert sind die Angaben zur Urheberschaft dieses Songs: John Lennon/Paul McCartney/George Harrison/Richard Starkey. Eine solche paritätische Anerkennung der Urheberschaft bei einem ausgewachsenen und als Single veröffentlichten Beatles-Track war Mitte der 1990er-Jahre ein Novum, sieht man von einigen wenigen früheren Kuriositäten ab, wie etwa den Songs Flying (1967), Christmas Time (Is Here Again) (1967) oder Dig It (1970). Die Nennung der Mit-Urheberschaft etwa Ringo Starrs bei Free As A Bird bedeutete im Klartext, dass ______ 47 Weber 2016: 173. 484 die vormals lediglich durch das Leistungsschutzrecht erfasste Dimension seiner musikalischen Performance nun auch als kreativer Beitrag urheberrechtlich gewürdigt und juristisch erfasst war. Das war mehr als überfällig, da sowohl Ringo Starr als auch George Harrison in den 1960er-Jahren zahlreiche kreative Beiträge zu Lennon/McCartney-Songs geleistet hatten (in der vorliegenden Arbeit an George Harrisons Beitrag zu And I Love Her exemplifiziert48), was aber zu keiner urheberrechtlichen Würdigung geführt hatte. Die paritätische Nennung der Urheber bei Free As A Bird spiegelte mithin eine Entwicklung weg von der essentialistischen Werkauffassung, dass ein Song sich lediglich durch Melodie, Text und Akkorde definieren lasse, hin zu der Auffassung, dass auch instrumentale Performances einen Song maßgeblich kreativ prägen und ausmachen können. Ein weiteres Novum war: McCartney und Harrison wechselten sich im Gesang des B- Teils von Free As A Bird ab. Der gesangliche Wechsel von Hauptstimmen innerhalb eines Songs war in den 1960er-Jahren Sache von Lennon und McCartney gewesen. Man ist versucht, die (unbeantwortbare) spekulative Frage aufzuwerfen, wie die Rollenverteilung bei Free As A Bird wohl ausgefallen wäre, wenn John Lennon noch gelebt hätte. Hätten Lennon und McCartney die Angelegenheit weiter unter sich ausgemacht? Neben seinem gesanglichen Beitrag prägte George Harrison Free As A Bird mit einem Intro und einem Solo auf der Slidegitarre, seinem unverwechselbaren Markenzeichen als Gitarrist, das er seit 1969 unabhängig von den Beatles entwickelt hatte. Dass Harrison einen Song, der im Jahr 1995 als »Beatles-Song« veröffentlicht wurde, mit seiner Handschrift als Slidegitarrist klanglich prägte, erschien Paul McCartney als eine Überschneidung zwischen der Klangästhetik George Harrisons als Solokünstler und als Bandmitglied der Beatles, was für McCartney zunächst offenbar ein Problem darstellte. Simon Leng zitiert hierzu Paul McCartney: ______ 48 Siehe Kapitel 1.6 der vorliegenden Arbeit. 485 »I was worried because it was going to be George on slide. […] I thought, ›Oh it’s 'My Sweet Lord' again‹, it’s George’s trademark.«49 Nachdem die Sessions zu Free As A Bird abgeschlossen waren, so Simon Leng, sei Paul McCartney jedoch voll des Lobes gewesen. So gesehen ist mit Free As A Bird im Rahmen des insgesamt rückwärtsgewandten Anthology-Projekts ein Stück weit gleichzeitig auch neue Beatles-Geschichte geschrieben worden, und zwar nicht nur durch einen neuen Song, sondern auch durch eine neue Rollenverteilung resp. eine paritätische Würdigung kreativer Leistungen. Bill Harry zufolge ist am Ende von Free As A Bird ein von John Lennon erhaltenes Audioschnipsel, technisch als Rückwärtsbotschaft maskiert, eingearbeitet, namentlich die Bemerkung »turned out nice again«, ein Zitat des Ukulelespielers George Formby (1904–1961): »At the close of the ›Free As A Bird‹ single there is a backwards message by John Lennon saying ›turned out nice again‹. That was Formby’s catchphrase.«50 Bei den besagten Worten, die auf Free As A Bird zu hören sind, handelt es sich jedoch nicht um eine audiotechnisch maskierte Rückwärtsbotschaft; der Wortlaut ist hinreichend deutlich bei 04:35–04:37 erkennbar.51 Der Bezug zu George Formby am Schluss von Free As A Bird steht allerdings außer Frage: Harrison zitierte (bei 04:31–04:46) in dem – wenn man so will – musikalischen »Anhang« von Free As A Bird auf der Ukulele eine Akkordfolge aus George Formbys Song Leaning On A Lamp-post.52 Ian Inglis sieht in Harrisons Einsatz einer Ukulele auf Free As A Bird den Ausdruck einer gewissen Nostalgie: ______ 49 Leng 2003: 214. 50 Harry 2003: 179; vgl. auch Everett 1999: 289. 51 The Beatles 1995: Track 1. 52 Leng hat das musikalische Ukulele-Zitat auf ein »solo from a George Formby classic, ›When I’m Cleaning Windows‹« bezogen (Leng 2003: 215). Die Schlusskadenz des Zitats auf Free As A Bird (Bb7–A7–D; bei 04:43–04:46) verweist aber eindeutig auf Leaning On A Lamp-post – eine Akkordfolge, die in When I’m Cleaning Windows nicht vorkommt. 486 »And there is a postscript to the song [Free As A Bird], in the form of a short ukulele solo by Harrison, which further increases the sense of nostalgia.«53 Außer auf Nostalgie verweist das kurze Ukulele-Zitat auf Free As A Bird aber auch auf ein Interesse George Harrisons, das für ihn in den 1990er-Jahren wohl zunehmend zur Leidenschaft wurde: das Spiel der Ukulele. Bill Harry verzeichnet in seiner Chronologie der Ereignisse in Harrisons Leben, dass dieser am 2. und 3. März 1991 an einer Tagung der George Formby Society teilgenommen und dabei – sich selbst an der Ukulele begleitend – Formbys Song In My Little Snapshot Album gesungen habe.54 In seinem Buch Beatles Gear (2002) hat Andy Babiuk dargestellt, dass George Harrison durch den Sänger, Gitarrist und Ukulelist Joe Brown an die Ukulele und an die George Formby Society herangeführt worden sei: »It was Brown who in more recent years introduced Harrison to the ukulele and the George Formby society [sic] – which celebrates Britain’s best known ukulele player.«55 Mit der zeitlichen Bestimmung »in more recent years« dürften – aus der zeitlichen Schreibperspektive von Babiuk – die 1990er-Jahre gemeint sein. Joe Brown und George Harrison kannten einander zwar schon seit Prefab-Zeiten: So waren die Beatles am 27. Juli 1962 als Vorgruppe von Joe Brown & The Bruvvers aufgetreten.56 Doch erst in den 1990er-Jahren rückte Harrison das Instrument zunehmend in den Vordergrund. 1991 nahm er für das Channel 4 TV-Special Mr. Roadrunner ______ 53 Inglis 2010: 114. 54 Harry 2003: 101; vgl. auch Rohde 2013: 397. 55 Babiuk 2002a [2001]: 68; deutsch: Babiuk 2002b [2001]: 68. 56 Lewisohn 1992: 74; vgl. Babiuk 2002a [2001]: 66–68; deutsch: Babiuk 2002b [2001]: 66–68. Die Beatles hatten in ihrer Prefab-Phase einige Songs von Joe Brown in ihrem Repertoire, so etwa A Picture Of You, I’m Henery The Eighth I Am, The Darktown Strutters’ Ball und The Sheik Of Araby. Die Leadvocals bei den Coverversionen der genannten Songs hat George Harrison gesungen – wohl ein Indiz dafür, dass Harrison sich unter den Beatles am meisten für die Musik von Joe Brown begeistert hat. Vgl. Lewisohn 2013: 459/649. 487 mit Jools Holland, Joe Brown et al. eine Coverversion des Cab Calloway-Songs Between The Devil And The Deep Blue Sea (Harold Arlen/Ted Koehler) auf: Harrisons erste ausgewachsene Klangaufnahme mit einer Performance an der Ukulele, die 2002 posthum auf dem Album Brainwashed erschien.57 Mitte der 1990er-Jahre stellte Harrison dann in einem Band- Interview der drei noch lebenden Beatles, das für die Anthology-Videodokumentationen entstand, sein Ukulele-Spiel zur Schau. In dem Interview, das am 23. Juni 1994 in Friar Park aufgenommen wurde, ist zu hören und zu sehen, wie Harrison McCartneys Ballade I Will, den Jazzstandard Ain’t She Sweet (Milton Ager/Jack Yellen) sowie seinen eigenen – unveröffentlicht gebliebenen – Song Dehradun, den er 1968 in Rishikesh geschrieben hatte, auf der Ukulele begleitet.58 Worin für George Harrison der Reiz der Ukulele und seine Begeisterung für seinen Namensvetter George Formby bestand, lässt sich unschwer deuten: George Formby war ein britischer Comedian und als solcher dazu prädestiniert, dass George Harrison ihn für sich entdeckte. Bill Harry hat im Zusammenhang mit Harrisons Sympathie für Formby darauf hingewiesen, dass sowohl John als auch George bereits in ihrer Jugend Fans von Formby gewesen seien. John Lennons Mutter Julia habe Ukulele gespielt und sei ihrerseits von George Formby beeinflusst gewesen.59 Bekannt ist auch, dass Paul McCartneys Vater Ukulele spielte; Simon Leng zufolge gehörte die Ukulele aufgrund von Formbys Popularität in den 1940er-Jahren zum Haushalt einer jeden britischen Familie: »So famous was Formby that the Hawaiian ukulele was [a] common household instrument in the 1940s […].«60 Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass die Ukulele bei den Beatles, die ihre Songs in den 1960er-Jahren teilweise ______ 57 Madinger/Easter 2000: 481; Harry 2003: 29/30; Leng 2003: 215; Rohde 2013: 254/255. 58 Anthology 2003 [1995] (part 7). TC: 00:49:36–00:50:30; Anthology 2003 [1995] (special features 1). TC: 00:15:31–00:16:16. Vgl. auch Rohde 2013: 404. 59 Harry 2003: 179. 60 Leng 2003: 215. 488 ausgesprochen verspielt instrumentiert haben, nur ein einziges Mal – auf dem Track All Together Now, gespielt von John Lennon – zum Einsatz gekommen ist.61 Harrison selbst ist auf seinem Solotrack Any Road (2002) an der Banjolele zu hören, ein Hybrid aus Banjo und Ukulele, das ebenfalls maßgeblich durch George Formby Popularisierung erfuhr; des Weiteren kam – neben dem bereits genannten Track Between The Devil And The Deep Blue Sea – auch auf dem Track Rocking Chair In Hawaii (2002) eine Ukulele zum Einsatz.62 Damit wurde die Ukulele und ihr Schwesterinstrument, die Banjolele, in George Harrisons Soloœuvre erst posthum auf dem Album Brainwashed prominent hörbar. Maßgeblich haben auch Paul McCartney und Joe Brown dazu beigetragen, dass George Harrison posthum mehr und mehr mit der Ukulele assoziiert wurde und als Ukulelist wahrgenommen worden ist. McCartney trägt seit 2002 bis dato in seinen Live-Konzerten als Hommage an Harrison dessen Komposition Something auf der Ukulele vor und beschreibt ihn in seinen Ansagen als versierten Ukulelisten. Joe Brown spielte als Würdigung von George Harrisons Vorliebe für die Ukulele ein Jahr nach Harrisons Tod auf dem Concert For George am 29. November 2002 als Ausklang des Konzerts den Song I’ll See You In My Dreams (Isham Jones/Gus Kahn) auf der Ukulele.63 Wollte man George Harrisons Entwicklungsphasen als Instrumentalist unter Überschriften gliedern, so könnte den drei vordergründigen Entwicklungsphasen »E-Gitarre«, »Sitar« und »Slidegitarre« eine weitere, eher unscheinbare Entwicklungsphase, hinzugefügt werden: »Ukulele«. Jan Wölfer hat in seinem Aufsatz »Der perfekte Lied-Gitarrist« (2013) treffend bemerkt, dass nach der Entwicklung von Harrisons Spielstil als Slidegitarrist – Wölfer sieht einen Höhepunkt in Harrisons Slidegitarren-Performance auf dem Track Give Me Love (Give Me Peace On Earth) (1973) – seine Leidenschaft ______ 61 The Beatles 1992 [1969]: Track 3; MacDonald 1994: 207. 62 Harrison 2002: Track 1, 10 & 11; Rohde 2013: 248/249/255. 63 McCartney 2002: Track 18 (CD 1); Various Artists 2003: Track 15 & 20 (CD 2). 489 für die Ukulele als weitere Entwicklung angesehen werden könnte: »Danach [nach 1973] wird er sich als Instrumentalist nicht mehr wesentlich weiterentwickeln, wenn man von seiner gegen Ende seines Lebens immer stärker werdenden Passion für die Ukulele absieht.«64 Harrisons spätere Leidenschaft für die Ukulele lässt sich au- ßer über seinen Bezug zu George Formby auch über seinen Bezug zu Hawaii deuten, wo er seit 1979 einen zweiten Wohnsitz hatte.65 Dort wird er unweigerlich mit der Ukulele in Berührung gekommen sein. War doch die viersaitige Kleingitarre Ende des 19. Jahrhunderts als Machête resp. Braguinha durch portugiesische Einwanderer von Madeira nach Hawaii gelangt und dort unter dem Namen Ukulele – hawaiisch: »hüpfender Floh« – zum musikalischen Nationalsymbol Hawaiis aufgestiegen. Es ist bekannt, dass George Harrison im Laufe der Jahre eine umfangreiche Ukulelensammlung aufgebaut hat.66 Doch nicht nur das: Er brachte die Ukulele nach dem Vorbild Joe Browns weiteren Kollegen aus dem Rockbusiness näher. In Martin Scorseses Dokumentarfilm Living In The Material World (2011) erzählt Jeff Lynne: »Well he first turned me onto the ukulele, quite a while ago. He went mad on collecting them. And I think he called it the market, you know, the world’s market of ukuleles, banjuleles […]. So we used to jam together, once I’d learned it, you know, it was a great treat to have a couple or three maybe ukulele-players all strumming together, kind of Ukulelemania.«67 Ebenda erinnert sich Tom Petty: »He showed up one day and he came here with two ukuleles and he gave me one: ›You got to play this thing, it’s great,‹ you know, ›let’s jam,‹ you know. I said ›I have no idea how to play a ukulele.‹ ›Aah, it’s no … no problem, I’ll show you,‹ you know. […] And when he was go- ______ 64 Wölfer 2013: 55. 65 Harry 2003: 225. 66 Babiuk 2002a [2001]: 68; deutsch: Babiuk 2002b [2001]: 68. 67 Living In The Material World 2011 (DVD 2; Extras 3). TC: 00:01:49– 00:02:38. 490 ing, I walked out to the car and he said: ›Well, wait I wanna, I wanna leave some ukuleles here.‹ And he’d already given me one, you know, I said: ›I’ve got….‹ ›No, we may need more!‹ And he opened his trunk, and he, he had a lot of ukuleles in the trunk, and I think he left four at my house and he said: ›Well, you know, you never know when we might need them, because everybody doesn’t carry one around.‹«68 Es bleibt abschließend festzustellen, dass die transatlantische Geschichte der Ukulele – der »Sprung« des Flohs von Europa nach Hawaii Ende des 19. Jahrhunderts und der Stellenwert, den das Instrument etwa durch Formbys Popularisierung Mitte des 20. Jahrhunderts in England genoss – Schnittmengen mit zwei Interessen George Harrisons aufweist: seiner Verbundenheit mit Hawaii einerseits und seinem Interesse für George Formby andererseits. ______ 68 Living In The Material World 2011 (DVD 2). TC: 01:27:12–01:28:24; vgl. auch Harrison 2011a: 347 und Fine 2002a: 224; deutsch: Fine 2002b: 224; Harrison 2011a: 347; deutsch: Harrison 2011b: 347. 491 5.3 Die Produktion von Ravi Shankars Chants of India als Komplementarität von »Ost« und »West« In musikalischer Hinsicht ist es vor allem George Harrisons Beziehung zu Ravi Shankar, die den Gedanken einer Komplementarität zwischen »Ost« und »West« anregen kann und die Anlass gibt, biografische Stationen Harrisons unter der Fragestellung, inwieweit und unter welchen Umständen sich in der musikalischen Zusammenarbeit dieser beiden Künstler transkulturelle Bewegungen realisiert haben, zu rekonstruieren. Der Begriff »komplementär« in Bezug auf das Verhältnis zwischen Harrison und Shankar ist zuerst von Ian Inglis in seiner Arbeit The Words and Music of George Harrison (2010) verwendet worden. Dort hat Inglis im Hinblick auf die Zusammenarbeit von Harrison und Shankar von einer »[…] partnership that was never competitive, but perfectly complementary«69 gesprochen. – Davor war bereits 1997 in der öffentlichen Rezeption das Bild von Shankar und Harrison als eine sich gegenseitig ergänzende Beziehung entstanden, was sich in dem Titel George Harrison & Ravi Shankar: Yin & Yang zeigte, eines am 14. Mai 1997 auf dem Musiksender VH-1 ausgestrahlten Fernsehinterviews, welches John Fugelsang mit den beiden Musikern führte. Der Titel der Sendung griff auf das aus dem Daoismus stammende Begriffspaar yīn–yáng zurück, um die Verwobenheit der aus scheinbar gegensätzlichen Kulturen kommenden Künstler zu illustrieren. Die Reihenfolge der Namen und Begrifflichkeiten impliziert die Zuweisungen Harrison/yīn–Shankar/yáng. Diese müssen aber nicht unbedingt als intendierte Zuweisungen aufgefasst werden, da das Begriffspaar yīn–yáng häufig in dieser Reihenfolge erscheint und da in der amerikanischen Musiksendung der Popmusiker wohl eher aus PR-Gründen zuerst im Titel genannt wurde, als aus inhaltlichen Gründen. Shankar und Harrison gaben das Interview zwecks Promotion des von Harrison produzierten Shankar-Albums Chants Of India, das am 6. Mai 1997 in ______ 69 Inglis 2010: 137. 492 Amerika erschienen war.70 – Auch in Harrisons Selbstdarstellung seiner Beziehung zu Shankar findet sich ein Bild, das die Idee einer wechselseitigen Ergänzung veranschaulicht. Im Vorwort zu Raga Mala (1997), der von George Harrison herausgegebenen Autobiografie Ravi Shankars, beschrieb Harrison sein Verhältnis zu Shankar mit dem Bild einer Steckschalttafel: »Ravi became the bridge between my Western and my Eastern sides. In many ways I’ve felt just like a patch board: I like to plug one person into another, one type of idea into something else.«71 Die Bedeutung, die Ravi Shankar und George Harrison im menschlichen, spirituellen und künstlerischen Sinne füreinander hatten, ist in gewisser Weise vergleichbar mit der menschlichen und musikalischen Bedeutung, die John Lennon und Paul McCartney füreinander hatten. Im Gegensatz zum Verhältnis zwischen Lennon und McCartney erscheint das Verhältnis zwischen Shankar und Harrison zwar von einer Asymmetrie geprägt, die vor allem durch den Altersunterschied (23 Jahre) und die Guru-Shishya-Beziehung gegeben war. Unter der Asymmetrie verbarg sich jedoch eine Disposition der Persönlichkeiten zur wechselseitigen kulturellen Offenheit, auf deren Grundlage musikgeschichtlich transkulturelle Bewegungen entstanden sind. Diese Bewegungen transzendierten den kulturellen, wenngleich nicht den geografischen Wirkungsradius der Beatles. Während das Verhältnis zwischen John Lennon und Paul McCartney von einer konstruktiven Konkurrenz geprägt war, die gewiss partiell auch Aspekte produktiver Rivalität aufwies, gestaltete sich trotz asymmetrischer Voraussetzungen die Beziehung zwischen George Harrison und Ravi Shankar als rivalitätslose gegenseitige Förderung. Dass das Verhältnis zwischen George Harrison und Ravi Shankar ein wechselseitiges Geben und Nehmen war, zeigt sich an langen Wegstrecken der gemeinsamen ______ 70 UK-Release: 1. September 1997. Zur Datierung der Albumveröffentlichung siehe Harry 2003: 110/111; Rohde 2013: 408; zur Datierung des Sendetermins auf VH-1 siehe Madinger/Easter 2000: 488; Harry 2003: 110; Rohde 2013: 408/409. 71 Shankar 1999 [1997]: 6. 493 Entwicklung: George Harrison und Ravi Shankar haben zwar nicht zusammen komponiert, sie haben sich aber aneinander menschlich und künstlerisch weiterentwickelt. War George Harrison nach der Begegnung mit Ravi Shankar im Juni 1966 zunächst dessen Schüler geworden, so rückte Harrison bereits in den 1970er-Jahren schnell in die Rolle des mäzenatischen Förderers der Kunst Shankars, etwa durch (a) Unterstützung von Shankars Film Raga (1971) über Apple Films, (b) Produktion des Albums Shankar Family & Friends (1974), (c) Finanzierung des Konzerts Ravi Shankar’s Music Festival From India (1974) in der Royal Albert Hall über seinen Material World Foundation Trust, (d) Produktion des Albums Ravi Shankar’s Music Festival From India (1976). Harrisons unterstützende Rolle im Kontext von Projekten Ravi Shankars kulminierte in den 1990er-Jahren in der Produktion von Shankars Album Chants Of India (1997) und der Herausgabe von Shankars Autobiografie Raga Mala (1997). Das Vater-Sohn-Verhältnis, das Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Ravi Shankar und George Harrison – die Guru- Shishya-Beziehung – hatte sich bis zur Produktion von Chants of India zu einem Verhältnis auf Augenhöhe entwickelt, innerhalb derer die Rollen austauschbar geworden waren. Ravi Shankar hat dies in seiner Autobiografie Raga Mala wie folgt formuliert: »It’s a deep and strong friendship that George and I have. Sometimes I am like a father to him, and sometimes he takes that role with me, while at the same time we are teacher and student, and along with that close friends.«72 In der Produktion von Chants Of India kam dies auf besondere Weise zum Ausdruck: Mit dem im Mai 1997 veröffentlichten Album Chants Of India haben die beiden Künstler gleichsam eine Summe ihrer Lebensbegegnung geschaffen. Ravi Shankar hat betont, dass er sich gerade im Hinblick auf die klangliche Umsetzung seiner Ideen für Chants Of India an George Harrison als Produzent gewandt hat. Ausgehend von ______ 72 Shankar 1999 [1997]: 230. 494 der Schülerschaft bei Ravi Shankar in den Jahren 1966 bis 1969 bis hin zur Produktion von Chants Of India im Jahr 1996 war Harrison im Laufe der Jahrzehnte derart in die Klanglichkeit indischer Musik und in die Entwicklung der Studiotechnik eingedrungen, dass Shankar ihm bei Chants Of India im Hinblick auf die Klanglichkeit der Produktion die Führung überließ: »When we were mixing the sound, I let him lead because that is something which he has so much experience in, but composition-wise, I made all the decisions.«73 Diese Einschätzung Ravi Shankars bezog sich allerdings nicht nur auf die studiotechnische Realisierung von Klangvorstellungen, sondern auch auf George Harrison als Musiker: »I have never before worked so closely with George in recording, overdubbing, balancing, mixing and editing, and I have been highly impressed by his expertise and sensitivity. My estimation of him as a musician has reached a very high level.«74 Die Aufnahmen für Chants Of India fanden im Januar und April 1996 in Madras (heute: Chennai) sowie im Juli 1996 in George Harrisons Friar Park Studios Henley-on- Thames statt.75 Bei dem Album handelt es sich um eine Sammlung von Rekonstruktionen traditioneller Sanskrit- Gesänge aus den Veden und Upanischaden bzw. der Bhagavad-gītā sowie einer Reihe von Neukompositionen Shankars. Es war typisch für Ravi Shankars Umgang mit seiner Musiktradition, dass er auch bei der Rekonstruktion der vedischen Gesänge nicht vorgab, sie in ihrer historischen Urform wiedergeben zu können, sondern dass er etwas kompositorisch Eigenes modellierte: »Sanskrit chants from the Vedas, Upanishads and other scriptures have been recorded by many in India and elsewhere, either in its original form by the Traditional Scholars who have kept it up for many centuries through their families and disciples; or sung within raga ______ 73 Harry 2003: 50. 74 Shankar 1999 [1997]: 308. 75 Ebda.: 324. Obwohl Madras 1996 offiziell in Chennai umbenannt wurde, heißt es bei Shankar 1997 noch Madras. Zur Datierung vgl. auch Harry 2003: 109; Rohde 2013: 406/407. 495 forms by eminent musicians with accompanying instruments. Some have even attempted to make them more popular by using a semiclassical and commercial approach. I wanted to make a version different from all these, but still maintain the tremendous spiritual force, and purity of the Suktas, Shlokas and Mantras and at the same time make it universally appealing.«76 Der Anspruch lässt sich wie folgt zusammenfassen: Ravi Shankar strebte weder die Rekonstruktion einer »Originalform« noch eine Popularisierung überlieferter Gesänge an; vielmehr scheint für ihn sein eigener Zugang zur spirituellen Kraft diverser Texte, aus der heraus er seine musikalischen Versionen formte, eine große Rolle gespielt zu haben. Philologisch ließ Shankar sich von Mattur Narayanavadhani Nandakumara, dem Direktor der Bharatiya Vidya Bhavan, einer Londoner Schule für indische Musik und Tanz, beraten.77 Neben seiner Funktion als Produzent sang Harrison bei den Sanskrit-Gesängen mit und spielte Gitarre, Bassgitarre, Autoharp, Glockenspiel und Vibraphon. Obgleich er an der kompositorischen Rekonstruktion der alten Sanskrit-Gesänge nicht beteiligt war, liegt es aufgrund von bestimmten Aspekten – die im Folgenden anhand von zwei Beispielen veranschaulicht werden sollen – nahe, Chants Of India als ein Album aufzufassen, das eine Komplementarität von »Ost« und »West« als Kollaboration von Shankar und Harrison spiegelt. Hört man sich Shankars Chants Of India unter dem Gesichtspunkt an, ob und inwieweit »westliche« Dur-Moll- Tonalität innerhalb der indischen Gesänge eine Rolle spielt, so fällt bei einigen Tracks eine gegenseitige Durchdringung von »westlicher« Dur-Moll-Tonalität und modaler indischen Tonalität auf. Bereits an den ersten Sekunden des ersten Albumtracks, Vandanaa Trayee, wird dies deutlich. Über einem für indische modale Musikkonzeption typischen Quintbordun (C und G)78, der klanglich als Mischung von Tanpura und Streichern den ganzen Track quasi durchstrahlt, entfaltet sich – ebenso simpel wie wirkungsvoll und plakativ – ein ______ 76 CD-Booklet Shankar/Harrison 2010. 77 Ebda. 78 Zur Rolle des Borduns im modalen Melodiekonzept »Rāga« vgl. Neuhoff 1997: 369–372. 496 klarer C-Dur Dreiklang (00:00–00:50).79 Dadurch befindet sich der Klangraum des Tracks solange in ambiger Schwingung zwischen »Ost« und »West«, bis das gesungene »Om« klarstellt, dass die musikalische Reise nach »Osten« führt (ab 00:51). Anschaulicher noch kann eine wechselseitige Durchdringung der Tonsysteme anhand von Shankars Eigenkomposition Prabhujee gezeigt werden.80 Hier begleitet George Harrison die Gesangsmelodie von Shankar über einem Quintbordun (D und A) auf einer akustischen Westerngitarre mit den Akkorden D-Dur, Asus4, A-Dur und h-Moll. Prabhujee: Gesang, Gitarrenakkorde, Tanpura, 00:26–00:50 Die Transkription greift Ravi Shankars handschriftliche Melodie-Notation von Prabhujee auf, wie sie in seiner Autobio- ______ 79 Shankar/Harrison 2010: Track 1 (CD 1). 80 Ebda.: Track 15 (CD 1). 497 grafie Raga Mala abgedruckt ist.81 Die Buchstaben in Ravi Shankars Notation der Melodie beziehen sich auf die Silben des indischen Solfeggio-Systems (sa–re–ga–ma–pa–da–ni). Hinzugefügt sind hier die Gitarrenakkorde und der Bordun. Shankars Melodie-Notation ist hier außerdem in ein metrisches System hineingestellt, da Harrisons Akkorde den Klangraum in einer gleichmäßigen Bewegung durchpulsen, die als Achtelbewegung innerhalb eines 4er-Taktes aufgefasst werden kann. Die Melodietöne können sowohl in ihrem jeweiligen intervallischen Spannungsverhältnis zum Bordun als auch im Verhältnis zu den Gitarrenakkorden gehört werden, die der Dur-Moll-Tonalität verpflichtet sind. Der Track ist, dem Anspruch von Shankar entsprechend, weder ein reiner »Popsong« noch ein Beispiel »klassischer indischer Musik«. Es handelt sich um sowohl als auch: Was Shankar und Harrison mit Prabhujee gemeinsam eingespielt und produziert haben, verbindet die musikalischen Erscheinungsformen »Dur- Moll-Tonalität« und »modales Melodiekonzept« und formt auf diese Weise ein Zusammenspiel der Kulturen. ______ 81 Shankar 1999 [1997]: 306. 498 5.4 Krebserkrankung – Messerattacke auf George Harrison an der Schwelle zum Millennium – Krebstod in Los Angeles Inwiefern sind in bisherige biografische bzw. journalistische Darstellungen der letzten Lebensjahre von George Harrison Vorstellungen der Autoren in Bezug auf »Ost« und »West« eingeflossen? Dass biografische Narrative und journalistische Kommentare im Zusammenhang mit Harrisons Krebserkrankung und Tod teilweise auf »östliches« Gedankengut Rekurs genommen haben, überrascht nicht, da Harrisons Interesse am Hinduismus gewissermaßen einen »östlichen« Beschreibungsrahmen nahelegt. So sehr es sich jedoch aufdrängt, Harrisons hinduistische (und teilweise buddhistische) Perspektive auf den Tod als Ausgangspunkt in die biografierende Perspektive zu übernehmen und sodann von Harrisons Erkrankung und Tod vor dem Hintergrund eines »östlichen« Beschreibungsrahmens zu erzählen, so problematisch erscheinen bestimmte Narrative zuweilen in Bezug auf konkrete Inhalte. – Im Folgenden wird die Frage nach »östlichen« Beschreibungselementen in biografischen Darstellungen im Hinblick auf die Krebserkrankung Harrisons, das Attentat auf Harrison an der Schwelle zum Millennium und seinen Tod in Los Angeles durchgespielt. Ein irritierendes Beispiel für »östliche« Beschreibungselemente im biografischen Narrativ stellen Marc Shapiros Bemerkungen zur Krebserkrankung Harrisons dar: »George Harrison had a history of not liking doctors going back to his Beatles days when he would often walk around with a cold or flu and only succumb to a doctor’s advice or treatment as a last resort. He preferred in later years to rely on prayer and the more spiritual elements of Indian mysticism to cure his ills, often with less than successful results. George knew it was time to consult a physician in July 1997 when, while pottering around in his garden, he discovered a lump on the back of his neck. Fearing it might be cancerous, he checked himself into a hospital and, in a matter of days, the lump was indeed diagnosed as being cancerous and surgically removed.«82 ______ 82 Shapiro 2002: 179. 499 In Shapiros Darstellung der Krebserkrankung George Harrisons im Juli 1997 kommt – ähnlich wie in seiner Darstellung einer Hepatitiserkrankung George Harrisons im Sommer 197683 – eine Bewertung des Verhältnisses von »Ost« und »West« zum Tragen. »Indian mysticism« erscheint hier als etwas Unwirksames, auf das Harrison sich bis zu seiner Krebserkrankung angeblich bevorzugt verlässt: »often with less than successful results.« Shapiros Bewertung zielt nicht etwa auf Schulmedizin vs. Alternativmedizin (die es freilich auch im »Westen« gibt), sondern auf Schulmedizin vs. eine von ihm als unwirksam erachtete hinduistische Gebetskultur, wobei streng genommen offen bleiben muss, woher Shapiro überhaupt weiß, ob und in welchen Situationen George Harrison dem spirituellen Umgang mit einer Krankheit gegenüber einer schulmedizinischen Behandlung den Vorzug gegeben hat. Mit der Redeweise »George knew it was time to consult a physician« suggeriert Marc Shapiro jedoch seine Omniszienz: Er gibt vor, genau zu wissen, was in Harrison vor sich ging, als dieser im Juli 1997 während der Gartenarbeit einen vergrößerten Lymphknoten an seinem Hals entdeckte und schildert die »Szene« des im Garten arbeitenden Harrison im Indikativ. Shapiros Grundgerüst der Information – die Datierung der Entdeckung des vergrößerten Lymphknotens während der Gartenarbeit auf Juli 1997 – entstammt freilich keinem »Insider«-Wissen, sondern Presseberichten vom Juni 1998, die Shapiro mit der Polarisierung zwischen »Indian mysticism« und Schulmedizin ausgeschmückt hat.84 Dass George Harrison sich Tests zur Krebserkennung unterzogen hatte, ging – wie Elliot J. Huntley bemerkt hat – zuerst Anfang August 1997 durch die Presse.85 Erst im Juni 1998 gab Harrison allerdings bekannt, dass er im August 1997 ______ 83 Shapiro 2002: 133. Die vorliegende Arbeit bespricht im Abschnitt »F. Formalien – Zur Verwendung der Ich-Form des Biografierenden und zur Anrede des Biografierten« Shapiros Darstellung von Harrisons Hepatitiserkrankung im Sommer 1976 im Hinblick auf seine Bewertung des Verhältnisses von »Ost« und »West«. 84 New York Times 1998: A6. 85 Huntley 2006 [2004]: 275; vgl. auch z.B. Washington Post 1997: C3. 500 operiert worden war und danach Strahlentherapie im Royal Marsden Hospital in London erhalten habe. Kontrolluntersuchungen in der Mayo Clinic in Rochester, Minnesota hätten dann im Mai 1998 ergeben, dass er frei von Krebs sei.86 In der Zeit zwischen Sommer 1997 und Frühling 1998 waren mehrere Menschen aus dem engsten Freundeskreis von Harrison an Krebs gestorben – am 8. September 1997 Derek Taylor, am 19. Januar 1998 Carl Perkins und am 17. April 1998 Linda McCartney. Inwieweit George Harrison im Juni 1998, insbesondere angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit um die Erkrankung und den Tod von Linda McCartney, seine Krebserkrankung in der Öffentlichkeit heruntergespielt haben könnte, muss offen bleiben. Unvermeidlich jedoch geriet Harrison 1999 noch einmal in das öffentliche Rampenlicht, als in den letzten Tagen vor dem Millennium bekannt wurde, dass es – völlig unabhängig voneinander – zwei psychisch gestörte Fans geschafft hatten, in seinen privaten Lebensbereich einzudringen. Im Wahn, psychisch mit George Harrison verbunden zu sein, brach die 27-jährige Christin Keleher am 23. Dezember 1999 in Abwesenheit Harrisons in sein Haus auf Hawaii ein.87 Sieben Tage später, in der Nacht vom 29. zum 30. Dezember 1999, verschaffte sich um ca. vier Uhr morgens der 33-jährige Michael Abram Zugang zu George Harrisons Anwesen Friar Park in Henley-on-Thames, um ihn – im Glauben, die Beatles seien schwarze Magier – zu erstechen.88 Morddrohungen hatten alle vier Beatles seit der Beatlemania immer wieder erhalten.89 Nachdem John Lennon im Jahr 1980 von einem geistesgestörten Fan erschossen worden war, soll Harrison die Sicherheitsvorkehrungen für Friar Park drastisch erhöht haben, indem er Bewegungsmelder mit Infrarotsensoren und CCTV installieren ließ. Bill Harry schreibt, Harrison habe im Jahr 1996 aufgrund von anhaltenden Morddrohungen eine polizei- ______ 86 New York Times 1998: A6. 87 Harry 2003: 115; Rohde 2013: 412. 88 Harry 2003: 5–10; Rohde 2013: 412. 89 The Beatles 2000a: 216; Harrison 2004 [1980]: 39/40. 501 liche Untersuchung veranlasst.90 Dass Michael Abram es schaffte, trotz Infrarotsensoren unbemerkt auf Harrisons Anwesen zu gelangen und dass die Hausalarmanlage nicht reagierte, als Abram ein Fenster einschlug (mit dem steinernen Speer einer Statue des Erzengels Michael, die im Garten von Friar Park stand), ist so erklärt worden, dass die Sicherheitsvorkehrungen entweder versagten oder gar nicht in Betrieb gewesen waren.91 Der Ablauf dessen, was in der Nacht vom 29. zum 30. Dezember 1999 in Friar Park passierte, erscheint in Martin Scorseses Film Living In The Material World aus der Perspektive von Olivia Harrison beschrieben: Demzufolge hatte George Harrison, nachdem sie ca. vier Uhr nachts von dem Geräusch des zerbrechenden Fensterglases aufgewacht war, das Schlafzimmer verlassen und festgestellt, dass sich ein mit einem Messer und dem Speer von der Statue des Erzengels Michael bewaffneter Eindringling in seinem Haus befand. Olivia Harrison erinnert sich: »Anyway, George started chanting really loud at him. And this guy was saying, you know, ›Get down here. Get down here.‹ [George said:] ›What do you want?‹ He said: ›You know what I want.‹ It was just horrible. It was just like this voice from the bowels of hell.«92 Harrison und Abram seien – so Olivia Harrison – aufeinandergetroffen und es sei zu einem Handgemenge gekommen, bei dem Abram George Harrison mit einem Messer fünf Stichwunden zugefügt habe. Ein Stich in die Lunge habe eine lebenswichtige Arterie nur knapp verfehlt, bevor Olivia Harrison den Attentäter mit einer Stehlampe bewusstlos geschlagen habe. Als die Polizei eintraf, seien sowohl George und Olivia Harrison als auch der Täter verwundet gewesen.93 Das Ablaufdetail »George started chanting really loud at him«, welches in die Darstellung Olivia Harrisons eingeflochten ist, taucht auch in der einschlägigen Harrison-Biografik ______ 90 Harry 2003: 110. Vgl. auch Wilson 2000: 5. 91 Hopkins/Kelso 1999: 3. 92 Living In The Material World 2011 (DVD 2). TC: 01:39:27–01:39:48. 93 Ebda. TC: 01:38:12–01:42:54. 502 auf, allerdings derart, dass das »Chanten« als ursächlich für die eigentliche Messerattacke des Angreifers auf Harrison angesehen wird. In Gary Tillerys biografischem Narrativ etwa heißt es hierzu: »Staring down at the wild-eyed man he had never seen before, George made the worst decision he could have made under the circumstances. […] Thirty years earlier, filled with terror on the awful flight from Los Angeles to New York to prepare for the Concert for Bangladesh, George had loudly chanted the Hare Krishna mantra until the aircraft landed safely in New York. […] Now he began to chant it again, hoping also that it might confuse and distract the stranger. Abram later testified that at the moment he spied Harrison at the top of the stairs, he had been having second thoughts about going through with his plan. But when he heard him speaking mysterious words in a strange tongue, he feared it must be a curse. He rushed toward the staircase to kill the witch.«94 Tillery belässt es bei dieser Darstellung, ohne zu reflektieren, dass er mit seiner Bewertung, es sei die »worst decision« Harrisons gewesen, in dieser Situation das Hare Krishna- Mantra zu chanten (was Abram dazu bewegt habe, Harrison anzugreifen), die Perspektive des Attentäters stützt bzw. übernimmt. Es ist hier nicht der Ort, darüber zu spekulieren, ob Michael Abram den Entschluss, Harrison anzugreifen, wohl nicht gefasst hätte, wenn Harrison statt des Hare Krishna-Mantras etwa ein Ave Maria auf Latein gesprochen hätte. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, dass in der Darstellung Tillerys das altehrwürdige Hare Krishna-Mantra der Gaudiya Vaishnava-Tradition von dem Biografen als etwas bedrohlich Andersartiges, etwas Hexenartiges attribuiert erscheint (»strange«, »curse«, »witch«), was den Attentäter zum Angriff bewegt habe. Eine ähnliche Darstellung wie Gary Tillery, allerdings mit anderer Schlussfolgerung, bringt Elliot J. Huntley: »Harrison had said he tried to disorient Abram by chanting ›Hare Krishna, Hare Krishna!‹ Dr. Philip Joseph [psychiatrischer Gutachter] testified that Abram had told him he would have stopped the attack ›if George Harrison had talked normally to him,‹ but Harrison had ______ 94 Tillery 2011: 144. 503 ›cursed him in a devil’s tongue and spoken backward to him.‹ This psychobabble was enough to convince Judge Astill to instruct jurors to find the defendant innocent by reason of insanity.«95 Wenngleich die Bewertung Huntleys der Aussagen des psychiatrischen Gutachters und Abrams als »psychobabble« diametral der Bewertung Tillerys entgegengesetzt ist, so bleibt dennoch auch bei Huntley unhinterfragt bzw. undiskutiert, dass Harrisons Chanten der Worte »Hare Krishna« als Auslöser für die Messerattacke dargestellt wurde. George Harrison hätte Michael Abram nach der von Huntley zitierten Darstellungsweise »normal« ansprechen müssen, um Abram, der sich mit zwei Waffen in Harrisons Wohnraum befand, von dem geplanten Angriff abzuhalten. So unterschiedlich die Bewertungen Huntleys und Tillerys auch ausfallen: In beiden biografischen Narrativausschnitten erscheint das Hare Krishna-Mantra sprachlich dämonisiert. So, wie in Marc Shapiros Darstellung von Harrisons Krebserkrankung »Indian mysticism« unterschwellig als inferior bewertet ist, so wird George Harrison in Gary Tillerys Darstellung der Messerattacke von Michael Abram das Chanten des Hare Krishna-Mantras zum Verhängnis; bei Huntley bleibt die Dämonisierung des Hare Krishna-Mantras unanalyisiert. Dass das Attentat auf George Harrison sich am Vorabend zum Millennium ereignete, fiel zuweilen auf den Nährboden einer Millenniumsangst und einer damit verbundenen Bereitschaft, in fatalistischer Weise einen Konnex zwischen dem Attentat und dem Zeitpunkt des Attentats zu knüpfen. In The Guardian etwa wurde am 1. Januar 2000 in dem Artikel »Fin de siècle« der Mordversuch an dem Ex-Beatle unter der Fragestellung, welche geschichtliche Ereignisse als Zufall und welche als zeittypisch eingestuft werden können, besprochen. Der Kommentar stufte das Attentat als zeittypisch und hinsichtlich der Zielscheibe als passend (»fitting«) ein: »It also seems entirely fitting – although George Harrison cannot be expected to appreciate this neatness – that the 20th century should have ended with an attack (thankfully unsuccessful) on a celebrity ______ 95 Huntley 2006 [2004]: 297. 504 and, furthermore, a member of the era’s single most famous group of entertainers. Fame and its evil twin, obsessive and potentially fatal adoration, were among the most notable inventions of the past 100 years and were thus properly reflected in the final days.«96 Aus der Sicht dieses Feuilletons haben die Beatles freilich mörderisch-aggressive Fans selbst hervorgebracht. Eine extensive Diskussion zum Verhältnis zwischen Fans und Popstars – und damit potenziell verbundenen Entgleisungen im Einzelfall – kann die vorliegende Arbeit nicht leisten.97 Vielmehr sollte am Beispiel der biografischen Narrative von Marc Shapiro, Gary Tillery und Elliot J. Huntley gezeigt werden, inwiefern in die Darstellung der Krebserkrankung und der Messerattacke auf George Harrison Vorstellungen der jeweiligen Autoren zum Verhältnis von »Ost« und »West« eingeflossen sind. Michael Abram wurde am 31. Dezember 1999 des versuchten Mordes an George Harrison angeklagt und zunächst in eine psychiatrische Gefängnisklinik gebracht, in der er behandelt wurde.98 Am 15. November 2000 wurde Abram aufgrund von geistiger Unzurechnungsfähigkeit für nicht schuldig befunden.99 George Harrison konnte sich von dem Attentat trotz seiner Krebserkrankung offenbar zunächst weitestgehend erholen. Dhani Harrison hat in diesem Zusammenhang ein Bild seines Vaters als Yogi gezeichnet: ______ 96 Guardian 2000: 18. 97 Es sei auf drei grundlegende Arbeiten zum Verhältnis Fan/Star verwiesen: Lewis, Lisa A. (Hg.) (1992): The Adoring Audience. Fan Culture and Popular Media; Hills, Matt (2002): Fan Cultures; Sandvoss, Cornel (2005): Fans: The Mirror of Consumption. Als spezielle Arbeit zur Ermordung John Lennons wäre zu nennen: Elliott, Anthony (1999): The Mourning Of John Lennon. Interessant und lesenswert sind die Beziehungs- und Erlebnisdarstellungen zweier Fans von George Harrison: Bedford, Carol (1984): Waiting For The Beatles. An Apple Scruff’s Story; Kristen, Judith (2012): Eine Nacht mit George Harrison. Zur weiteren journalistischen Kommentierung des Attentats auf George Harrison siehe z.B: Wilson, Jamie (2000): »How John Lennon’s murder changed the Beatles’ lives«. 98 Dodd 2000a: 11. 99 Harry 2003: 8/117. 505 »He was very, very badly attacked and by the time he died he didn’t even have a single scar on him. I mean, he was like a … he was like a yogi. He moved on from that physically and mentally and didn’t let it affect him. But it definitely took years of his life, you know, if you’re trying to fight cancer and then you’re trying to stay alive after something like that, you know, it’s gotta … gotta take it out of you, you know.«100 Gleichläufig zum Heilungsprozess von den Stichwunden gab Harrison in seinen letzten Lebensjahren einer – man möchte sagen – »Übung des Loslassens« von der materiellen Welt weiten Raum in seinem Leben. Das Attentat auf ihn galt ihm als Beweggrund, mit der inneren Loslösung von der materiellen Welt Ernst zu machen: »I was lying there. I can’t believe it, […]. After all I’ve been through – I’m being murdered in my own house. And because of that I’d better start letting go of this life so that I can do what I’ve been practising to do my whole life.«101 Welcher Art diese »Übung« konkret war – ob es sich um vorbereitende(s) Studium/Übung aus dem buddhistischen Bardo Thödröl, dem Tibetischen Totenbuch handelte, das er 1970 unter dem Titel The Art Of Dying in einem Song thematisiert hatte102, oder ob es sich um hinduistische Übungen etwa aus der Gaudiya Vaishnava-Tradition handelte –, wissen wir nicht. Eher profan und weltlich bezüglich der Loslösung von der Welt wirkt ein Gedankengang Harrisons, der in Scorseses Film Living In The Material World dokumentiert ist: »Now, if I was dying now, what would I think? What would I miss? Would I … if I had to leave my body, you know, in an hour’s time, what is it that I would miss? […] I got a son who needs a father, so I have to stick around for him as long as I can, but uhm, other than that I can’t think of much reason to be here.«103 Alles andere war ihm unwesentlich: ______ 100 Living In The Material World 2011 (DVD 2). TC: 01:44:31–01:44:55. 101 Harrison 2011a: 12; deutsch: Harrison 2011b: 13. 102 Leng 2003: 70/71. 103 Living In The Material World 2011 (DVD 2). TC: 01:45:50–01:46:17. 506 »I’ve just let go of all of that, I don’t care, I don’t care about records, about films, about being on television or all that stuff because in my eyes that’s for people who don’t know where they’re going. And you know what they say? If you don’t know where you’re going, any road will take you there.«104 Damit brachte Harrison eine Haltung zum Ausdruck, die Ravi Shankar an ihm auch schon während der Beatlesjahre beobachtet haben will. Shankar bezeichnet diese Haltung mit dem Begriff »tyagi« (bei Bhaktivedanta auch »tyāga« genannt105), der das Nicht-Anhaften des handelnden Menschen an materielle Dinge oder Werte beschreibt: »I always felt that in spite of all the fame, all the hullabaloo around that time and all the time for years following, George had something which we call in our language tyagi, which means the feeling of unattachment. He had everything – all the wealth, all the fame, whatever he wanted. But he was not attached to it.«106 Diese Haltung wirft auch ein Licht auf Harrisons Auffassung von Reinkarnation. Häufig anzutreffen ist eine grobe Unterscheidung zwischen einer »westlichen« und einer »östlichen« Auffassung von Reinkarnation. Die »westliche« verbindet mit der Vorstellung von Wiedergeburt eine positive Sicht auf das Leben in der »Welt als Ort der Bewährung und aneignenden Gestaltung mit dem Ziel individuell selbst zu verantwortender Vervollkommnung des Individuums«.107 Demgegenüber steht eine »östliche« Reinkarnationsauffassung, die in der Loslösung von irdischen Freuden und Wünschen den Weg erblickt, dem »reincarnational wheel« zu entkommen.108 Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung könnte George Harrisons Lebenshaltung mit der »östlichen« und – gleichsam in Umkehrung der Vorzeichen – die Lebenshaltung von Ravi Shankar mit der »westlichen« Auffassung von Reinkarnation in Ver- ______ 104 Harrison 2011a: 385; deutsch: Harrison 2011b: 385. 105 »Tyāga – renunciation of activities performed with material consciousness.« Bhaktivedanta 1972b: 878; Bhaktivedanta 1987a: 820. 106 Harrison 2011a: 244; deutsch: Harrison 2011b: 244. 107 Weber/Stoodt 1993: 75. 108 Yogananda 2015 [1946]: 345. 507 bindung gebracht werden. So schreibt Ravi Shankar als 77jähriger im Vorwort zu seiner Autobiografie Raga Mala: »[…] sitting here in Encinitas, California, in this lovely house with such beauty all around, I do feel that I would like to stay on this planet longer in order to accomplish as much as possible.«109 Hier kommt eine ausgesprochen lebenszugewandte Haltung Shankars zum Ausdruck, der die Welt offenbar noch im Alter von 77 Jahren als »Ort der Bewährung und aneignenden Gestaltung« auffasst. Demgegenüber sind Äußerungen von Harrison manchmal von einer lebensüberdrüssigen Haltung gekennzeichnet, die durchblicken lässt, dass es ihm am Ende seines Lebens nicht mehr darum ging, noch möglichst viel zu schaffen, sondern darum, dem »reincarnational wheel« für immer zu entkommen.110 Olivia Harrison hat die Haltung George Harrisons wie folgt beschrieben: »You know, if someone said to you ›OK, you can go through your life and you can have everything in five lifetimes or you can have a really intense one and have it in one and then you can go and be liberated‹ he [George Harrison] would have said ›Give me the one, I’m not coming back here.‹«111 Die grob polarisierende Zuordnung einer »westlichen« und einer »östlichen« Auffassung von Reinkarnation zu einer »lebenszugewandten« und einer »lebensabgewandten« Haltung erfährt also eine Umkehrung der Vorzeichen, wenn man sie vor dem Hintergrund bestimmter Lebenshaltungen der beiden Persönlichkeiten George Harrison und Ravi Shankar überprüft: Die zitierte Äußerung Shankars mutet »westlich« an, die von Olivia Harrison beschriebene Haltung George Harrisons »östlich«.112 ______ 109 Shankar 1999 [1997]: 8. 110 Living In The Material World 2011 (DVD 2). TC: 01:45:50–01:46:17. 111 Ebda. TC: 00:59:24–00:59:39. 112 Auch Yoko Ono und John Lennon haben, wie aus Yoko Onos Liner Notes zum Album Milk and Honey (1984) hervorgeht, an Reinkarnation geglaubt (was von Dale C. Allison in Frage gestellt worden ist; Allison 2006: 54). In den Liner Notes zu Milk and Honey schreibt Ono, dass die Idee, den Songs Let Me Count The Ways und Grow Old With Me Gedichtzeilen von Elizabeth Barrett Browning (1806–1861) 508 George Harrisons spirituelle Position am Ende seines Lebens zeigt sich auch an seinem letzten Song Horse To The Water, den er gemeinsam mit seinem Sohn Dhani für die Jools Holland Big Band geschrieben hatte. In dem Songtext heißt es: You can take a horse to the water You can’t make it drink Oh no, oh no, oh no. […] A friend of mine in so much misery Some people sail through life, he has struck a reef I said ›Hey man let’s go out and get some wisdom.‹ First he turned on me, then turned off his nervous system. […] Preacher out there warning me about Satan Could be that he knows him He acts like he’s possessed I said ›Hey man, let’s hear about God realization for a change.‹113 Über die Bedeutung dieses Songtextes ist viel spekuliert worden.114 Evident ist jedoch einmal mehr der Konnex des Song- ______ und Robert Browning (1812–1889) zugrunde zu legen, auf die Spekulation zurückging, dass sie und Lennon »maybe the reincarnation of Robert and Liz« seien: »One early morning in the summer of 1980, I woke up with ›Let Me Count The Ways‹ ringing in my head. I called John who was then in Bermuda and played it over the phone. ›How d’you like it?‹ ›I really like it. It’s beautiful‹. ›How about you writing one with a Robert Browning line and we’ll have portraits of us as Elizabeth and Robert on the cover?‹ (This needs a little explaining. John and I always thought, among many others things, that we were maybe the reincarnation of Robert and Liz. So he immediately knew what I was talking about).« Liner Notes zu Milk and Honey (1984). – Vergleichbar konkrete Äußerungen spekulativer Reinkarnationsgedanken in Bezug auf historische Individuen lassen sich bei George Harrison nicht nachweisen. Zwar kann Äußerungen von Harrison entnommen werden, dass er einem hinduistischen Konzept folgte, welches von einer Reinkarnation der Seele ausgeht, bei der die Seele als individuelles Selbst (»Jiva«) vorgestellt wird (Harrison 2004 [1980]: 19/20). Doch ist er, falls er konkrete Vorstellungen bezüglich der Reinkarnation von namentlich bekannten historischen Individuen hatte, offenbar zurückhaltend mit der öffentlichen Bekundung derselben geblieben. 113 Jools Holland and his Rhythm and Blues Orchestra 2001: Track 2. 114 Leng 2003: 222/223; Harry 2003: 229; Rohde 2013: 278/279. 509 textes mit Gedanken von Yogananda. Bereits die Wortwahl »God realization« verweist auf die Lehre Yoganandas.115 Dar- über hinaus kann jedoch ein direkter Bezug zu einem Aphorismus von Yogananda geltend gemacht werden: »To coax God to give Himself takes steady, unceasing zeal. Nobody can teach you that zeal. You have to develop that yourself. ›You can take a horse to water but you cannot make him drink.‹ Yet when the horse is thirsty it seeks out water with zeal. So, when you have an immense thirst for the Divine, when you will not give undue importance to anything else – the tests of the world or the tests of the body – then He will come.«116 Der Song handelte also, ein wenig pessimistisch anmutend, von Menschen (»friend of mine«, »preacher«), denen trotz der Möglichkeit, das »Göttliche« zu erfahren, der nötige »Durst« fehle, auch vom »Göttlichen« zu »trinken«. – Harrisons Gesang zu dem von Jools Holland in England vorproduzierten Song wurde am 2. Oktober 2001 in der Schweiz aufgenommen, wo er sich (mittlerweile schwer krank) in einer Spezialklinik behandeln ließ.117 Jools Holland erinnert sich, dass George Harrison die Session als etwas ansah, was seiner Gesundheit zuträglich war: »When George sent me a cassette of his song I became very excited – it was brilliant. However, by the time it came to recording it, he’d become quite ill. I spoke to him on the phone and told him not to worry about the music, as he clearly wasn’t in a good state of health. But he was determined and said that playing music made him feel better. He wasn’t feeling strong enough to put the guitar on, but said, ›Get your Mark Flanagan to do it, I trust him more than anyone to make a good job of it, because he’s a nice boy from Bootle.‹«118 [Bootle: Stadt nördlich von Liverpool, Merseyside] Mit Horse To The Water klingt George Harrisons Karriere als Musiker aus. Der Gesang zu diesem Song war die letzte ______ 115 Yogananda 2001a [1995]; Yogananda 2001b [1995]. 116 Yogananda 1994 [1988]: 173/174. 117 Guardian 2001a: 5; vgl. auch: Harry 2003: 119. 118 Holland 2007: 350. 510 Klangaufnahme, die Harrison vor seinem Tod am 29. November 2001 fertigstellte.119 In Bezug auf die Todesumstände und den Todesort Harrisons könnten die in der bestehenden Biografik und im Internet kursierenden »Informationen« nicht uneinheitlicher sein. Kann man aus einer Fülle von Medieninformationen Inhaltskomponenten herausfiltern, die als belastbare Quellen Grundlage für die Rekonstruktion einer Geschichte bilden können? Oder zöge eine Einsicht, dass Pressemeldungen konstruiert oder gar erfunden sind, die kapitulierende Schlussfolgerung nach sich, dass man nicht wirklich etwas wissen kann? In der bestehenden Harrison-Biografik sind die Beschreibungen des Todes von George Harrison von beispielloser Willkür gekennzeichnet, wobei auffällig ist, dass in Darstellungen seines Todes mehr oder weniger unspezifisch Elemente »östlicher« Sterbe- bzw. Bestattungsrituale Erwähnung finden, obwohl so gut wie nichts darüber bekannt ist, für welches Sterbe- und Bestattungsritual Harrison sich entschieden hatte. Immerhin erscheint die Vermutung nachvollziehbar, dass George Harrison seinen Tod mit einem hinduistischen oder buddhistischen Sterberitual zelebriert hat. Hatte er doch in einem Song wie The Art Of Dying zum Ausdruck gebracht, wie sehr ihn gedanklich der Prozess des Sterbens beschäftigt hat: Der Song bezog sich auf das Tibetan Book Of The Dead, einer buddhistischen Schrift aus dem 8. Jahrhundert, in der dargestellt wird, wie im Prozess des Sterbens durch den Mitvollzug von Mantren der Kreislauf von Tod und Wiedergeburt durchbrochen werden kann.120 Im tibetanischen Buddhismus wird zu diesem Zweck Sterbenden aus dem Tibetanischen Totenbuch vorgelesen.121 – Im Folgenden wird im Hinblick auf den Tod von George Harrison nicht die Frage »Wie ist es eigentlich in Wirklichkeit passiert?« aufgeworfen, sondern der Frage »Wie ist es bislang erzählt worden?« nachgegangen.122 ______ 119 Holland 2007: 350; Leng 2003: 222. 120 Leng 2003: 70/71. 121 Leary/Metzner/Alpert 1969; Evans-Wentz 1935. 122 Mit der Setzung dieses Frageschwerpunktes ist ein Teilaspekt der »Anforderungen an eine gegenwärtige musikwissenschaftliche Bio- 511 Im Hinblick auf Todesort und -umstände von George Harrison sind der Presse und der bestehenden Biografik keine belastbaren Informationen zu entnehmen. Allgemein akzeptiert scheint der Todestag zu sein: 29. November 2001. Der Harrison-Biograf Elliot J. Huntley hat zwar eingeräumt, den Todesort nicht zu kennen; Harrison sei »at a venue unknown« gestorben.123 Dennoch beschreibt er (ohne Quellenangabe) Einzelheiten aus dem Sterbezimmer von Harrison mit einer Erzählperspektive so, als ob er dabei gewesen wäre: »George had passed away the previous day on a bedroom chaise longue covered in a yellow silk blanket strewn with rose petals, with Olivia and Dhani at his side.«124 Die gelbe Seidendecke und die Rosenblütenblätter liefern der Assoziation mögliche Anknüpfungspunkte, sich Harrisons Tod im Kontext eines Sterberituals vorzustellen. Handfester noch weiß Gary Tillery (ebenfalls ohne Quellenangabe) über Augenblicke und Umgebung zu berichten: »[…] Olivia and Dhani were at George’s bedside in Beverly Hills in the company of Ravi Shankar and his wife, Sukanya, and daughter Anoushka. Also tending him were Harrison’s two oldest friends from the Krishna Consciousness movement, Syamasundara Das [sic] and Mukunda Goswami. While chanting verses from the Bhagavad Gita, the two devotees sprinkled George’s head with drops of water from the Ganges River and placed a garland of tulsi leaves around his neck. At 1:20 p.m. November 29, 2001, to the soft chanting of the mahamantra, George Harrison passed peacefully away. Late that evening his body was cremated, and with the ashes in their possession Olivia and Dhani immediately left the area by Learjet – bound for the heart of India, it was said, where the ashes would be scattered in the eternal, slow-moving water of the holy Ganges. […] He dies while listening to the Hare Krishna mantra and is cremated on the same day, with his ashes to be taken and strewn into the Ganges River.«125 ______ graphik« aufgegriffen, wie er von Melanie Unseld im Anschluss an Jan Assmanns Fragestellung zur Gedächtnisgeschichte entwickelt worden ist (siehe Unseld 2014: 441). 123 Huntley 2006 [2004]: 325. 124 Ebda.: 316. 125 Tillery 2011: 148/168. 512 Die Behauptung, dass George Harrison im Todesaugenblick das Mahāmantra hörte, verknüpft Harrisons Tod einerseits mit der Hare Krishna-Bewegung, bezieht aber andererseits als Fragment einer Ritualbeschreibung ihren Inhalt aus dem bereits erwähnten Bardo Thödröl – der Lehre, dass durch das Hören eines heiligen Mantras im Prozess des Sterbens der Kreislauf von Tod und Wiedergeburt durchbrochen werden könne. Die Rezitation von Versen aus der Bhagavad-gītā, das Besprenkeln des Kopfes mit Wasser aus dem heiligen Fluss Ganges sowie das Umhängen des Halses mit einem Blumenkranz aus den Blättern des heiligen indischen Tulsi- Basilikums deuten ein spezifisches Ritual der Hare Krishna- Bewegung an, das von den angeblich anwesenden Mukunda (Michael Grant) und Shyamasundar (Sam Speerstra) durchgeführt worden sein soll. Eine ähnliche Emphase auf hinduistische Bräuche im Zusammenhang mit dem Tod von George Harrison legte der Harrison-Biograf Marc Shapiro: »[…] George’s remains were cremated within hours of his death at the Hollywood Forever Memorial Park. Olivia and Dhani returned to London with George’s ashes where formal Hindu rites were performed by two members of the Hari [sic] Krishna religious community. And finally, in conjunction with Hindu teachings, Olivia and Dhani travelled to India where, in a pre-dwan ceremony on the banks of the Ganges River, George’s ashes were immersed in the water. According to Hindu religion, this final act would allow for the final separation of George Harrison’s soul from his body and would allow his spirit to avoid the cycle of reincarnation and to travel straight to heaven. As his ashes dissolved in the sacred waters of India, the world-wide call went out. George Harrison had gone to his home … And was finally at rest.«126 In Marc Shapiros Darstellung liegt der Schwerpunkt darauf, dass »formal Hindu rites« nach dem Tod von George Harrison durchgeführt wurden. Wie bei Gary Tillery taucht wiederum das Motivfragment auf, dass durch eine rituelle Handlung der Kreislauf von Tod und Wiedergeburt durchbrochen werden soll. In Shapiros Darstellung wird dies durch die Verstreuung der Asche im Ganges erreicht, während bei Tillery das Chanten des Mahāmantras im Todesaugenblick diesen ______ 126 Shapiro 2002: 196/197. 513 Zweck erfüllt. Ansonsten bleibt auch bei Shapiro der Ritus unspezifiziert im Allgemeinen (»formal Hindu rites«; »conjunction with Hindu teachings«). Auch in Bezug auf die Frage, welche Personen sich zum Zeitpunkt des Todes von George Harrison bei ihm befunden haben, ist man sich in der einschlägigen biografischen Literatur, in welcher der Tod von Harrison gewissermaßen eine fiktive Ausschmückung erhalten hat, nicht einig. Bei Elliot J. Huntley etwa ist keine Rede von einer Anwesenheit anderer Personen außer Frau und Sohn; ebenso wenig bei Dale C. Allison.127 Bei Gary Tillery findet sich zum Nachweis der Anwesenheit von Mukunda und Shyamasundar beim Tod von George Harrison ein Verweis auf die sogenannte Bhaktivedanta Memorial Library – eine Website, welche Texte sammelt, die in Zusammenhang mit der Hare Krishna-Bewegung stehen.128 Unter der sensationalistischen Überschrift »The Last Minutes of George Harrison« kann dort ein von anonymer Hand verfasster Text abgerufen werden, der sich auf wiederum unnachgewiesene Informationen aus der News of the World bezog.129 Ob Harrison in einem »house of a friend in Los Angeles«130 gestorben ist oder womöglich ganz woanders, kann daher nicht rekonstruiert werden – eine Tatsache, aufgrund derer Olivia und Dhani Harrison Irreführung der Öffentlichkeit unterstellt worden ist.131 Dass auch die Frage, was nach einer mutmaßlichen Kremation im Hollywood Forever Memo- ______ 127 Allison 2006: 93. 128 http://bvml.org/ [abgerufen am 9. Oktober 2019]. 129 http://bvml.org/contemporary/tlmogh.html [abgerufen am 9. Oktober 2019]. 130 Allison 2006: 93; vgl. hierzu auch Andreas Rohde, der von einem »privaten Appartement in Los Angeles« spricht (Rohde 2013: 414) oder Berndt Rieger, der von »einer Villa in den Hollywood Hills, die seine Frau gemietet hat und in der Paul McCartney auch schon einmal gewohnt hat« spricht (Rieger 2013: 354). 131 Spiegel Online 2002. http://www.spiegel.de/panorama/des-raetsels-loesung-georgeharrison-starb-in-den-huegeln-von-hollywood-a-182081.html [abgerufen am 9. Oktober 2019]. 514 rial Park mit der Asche geschah, unklar ist, hat Elliot J. Huntley als »Harrison’s final joke« gedeutet: »Olivia and Dhani announced that George’s ashes would be scattered in India, near Allahabad where the Ganges and Yamuna Rivers converge. This, however, turned out to be Harrison’s final joke, a red herring to misdirect the hundreds of gawkers who George correctly predicted would camp out for days on these river banks to witness the ceremony. Instead, his remains were scattered in the beautiful home he’d purchased in Switzerland near to the San Giovanni Oncology Institute in Bellinzona where he had undergone radiotherapy.«132 Woher Huntley jedoch die Information nimmt, dass George Harrisons Asche auf seinem Anwesen in der Schweiz verstreut wurde, bleibt offen, womit der Biograf freilich selbst eine passive Figur in »Harrison’s final joke« wurde. Die englische Wikipedia liefert zu dieser Thematik zwar Teilaspekte, die jedoch zu keiner belastbaren Quelle verlinkt sind. In Bezug auf den Todesort ist die englische Wikipedia zu einer Website verlinkt, die den zweifelhaften Namen »the smoking gun« trägt. Dort findet sich der Scan einer auf den 4. Dezember 2001 datierten Todesurkunde, auf der als Todesort die Adresse »1971 Coldwater Canyon« in Beverly Hills angegeben erscheint – eine Adresse, die nicht verifiziert werden kann.133 Im Hinblick auf die Frage nach der Bestattung von Harrison kommt in der englischen Wikipedia eine weitere Variante ins Spiel: Harrison sei in der Windmill Chapel am Lake Shrine der Self-Realization Fellowship in Los Angeles bestattet worden. Diese Variante nimmt Bezug auf den Artikel »Inner-peace movement. Many in L.A. turn to Eastern spiritualism to be ›interior designers‹ of their minds. It’s a tonic for frenzied lives« von Anne-Marie O’Connor, der am 25. März 2004 in der Los Angeles Times erschien. Die Bestattungszeremonie habe ein gewisser »Brother Mitrananda«, ein Mönch aus der Self-Realization Fellowship, abgehalten.134 Des Weite- ______ 132 Huntley 2006 [2004]: 317/322. 133 the smoking gun 2001. http://www.thesmokinggun.com/documents/celebrity/georgeharrisons-death-certificate [abgerufen am 9. Oktober 2019]. 134 O’Connor 2004. 515 ren ist der englischen Wikipedia zufolge genau das, was Elliot J. Huntley als Finte der Harrisons bezeichnet hat, geschehen: An jener Stelle, wo Ganges und Yamuna zusammenlaufen, sei die Asche George Harrisons dem Wasser übergeben worden, und zwar »according to Hindu tradition«. Das Ritual allerdings bleibt auch hier unspezifiziert.135 Die deutsche Wikipedia bezieht sich bei der Angabe des Todesortes auf einen Artikel im Spiegel Online vom 13. Februar 2002.136 Demzufolge sei George Harrison in Beverly Hills in einem zeitweise von Paul McCartney angemieteten Haus verstorben. Aus Medienberichten und bestehender Biografik lässt sich mithin kein belastbares Narrativ in Bezug auf Todesort und Todesumstände George Harrisons rekonstruieren. Ein Antrag auf eine »Certified Informational Copy of Death Record« beim California Department of Public Health ist zum Zeitpunkt der Abgabe der vorliegenden Arbeit noch unbeantwortet. So unbefriedigend diese Informationslage sein mag, so sehr zeigt sich das Cherubsschwert, mit dem die Harrisons den privatesten Augenblick in der Biografie George Harrisons zu schützen verstanden haben: den Todesaugenblick. ______ 135 https://en.wikipedia.org/wiki/George_Harrison [abgerufen am 9. Oktober 2019]. 136 https://de.wikipedia.org/wiki/George_Harrison; Spiegel Online 2002. http://www.spiegel.de/panorama/des-raetsels-loesung-georgeharrison-starb-in-den-huegeln-von-hollywood-a-182081.html [abgerufen am 9. Oktober 2019].

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References

Zusammenfassung

Dieser Band widmet sich der Frage, auf welche Weise indische Kultur mit der Musik und der Biografie George Harrisons verbunden ist. Handelt es sich bei der Einbeziehung von Elementen indischer Musik in seine Songs um bloßes orientalistisches Kolorit? Oder geht es um den Ausdruck eines tiefer greifenden transkulturellen Interesses?

Im Rahmen einer biografischen Darstellung werden künstlerische Handlungen und Lebensstationen George Harrisons im Hinblick auf eine mögliche Komplementarität von »Ost« und »West« analysiert und interpretiert. Harrisons Filmproduktionen finden ebenso Berücksichtigung wie seine Songs und seine Beschäftigung mit hinduistischen Religionsströmungen. Die Biografie des Beatle wird hier erstmals aus musikwissenschaftlicher Sicht unter die Lupe genommen.

Das Buch richtet sich an Musiker, Musikwissenschaftler, Schüler, Studenten, Fans und Beatles-Nerds.