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4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet in:

Peter Heinze

Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten, page 99 - 254

Ein Journalist erlebte die Armee der Einheit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4410-0, ISBN online: 978-3-8288-7411-4, https://doi.org/10.5771/9783828874114-99

Tectum, Baden-Baden
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99 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Mit den im Kaukasus getroffenen Vereinbarungen von Bundeskanzler Helmut Kohl und Präsident Michail Gorbatschow vom 16. Juli 1990, dem Abschluss der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen, dem Fortschritt der Wiener Abrüstungsgespräche und schließlich dem Austritt der DDR aus dem Warschauer Pakt waren die wesentlichen sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen und Eckwerte für das vereinte Deutschland und für den Aufbau der Bundeswehr in den neuen Ländern abschließend geklärt. Schon aufgrund der Zustimmung in der frei gewählten Volkskammer zum Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland, die ich dort miterlebt und darüber für ADN berichtet habe, fand auch beim Militär keine feindliche Übernahme statt. Im Gegenteil! All das wurde untrennbar mit der vertraglichen Verpflichtung der Bundesrepublik verknüpft, den Friedensumfang ihrer Streitkräfte bis Ende 1994 auf maximal 370 000 Soldaten zu begrenzen. Diese völkerrechtlich verbindliche Zahl und das Strukturmodell der Streitkräfte bildeten die Grundlage für eine „neue“ Bundeswehr. Sie wurde damit auch zur Richtschnur für die militärische Entwicklung in den neuen Bundesländern und Berlin. Laut Bonner Planung bedeutete das: 310 000 Soldaten in den alten Bundesländern und im Ausland, 60 000 Mann in den neuen Bundesländern. Und grundsätzlich die Zustimmung für die Nato-Mitgliedschaft des vereinten Deutschlands Wobei die Ausdehnung von Bündnisstrukturen auf die neuen Bundesländer und Berlin erst ab 1. Januar 1995 zugestanden wurde. Also nach dem Abzug der russischen Truppen aus Deutschland bis 1994. Bis zu diesem Zeitpunkt sollten das Heer auf 255 000, die Luftwaffe auf 82 000 und die Marine auf 32 000 Soldaten reduziert werden. Für Zivilpersonal waren 89 000 Dienstposten vorgesehen. Vorerst traten von den 90 000 ehemaligen NVA-Soldaten, die am 3. Oktober 1990 laut Soldatengesetz zu den neuen gesamtdeutschen Streitkräften gehörten, 51 000 Zeit- und Berufssoldaten als „Weiterverwender“ den Dienst in den neuen Bundesländern an. Von ihnen bewarben sich etwa 25 000 um die Übernahme in ein Dienstverhältnis als Soldat auf Zeit für zwei Jahre. Langfristig übernahm die Bundeswehr 10 800 als Zeit- und Berufssoldaten, darunter 3 200 Offiziere. Am 2. Oktober 1992 ernannte Verteidigungsminister Rühe in Leipzig die ersten 20 ehemaligen NVA-Soldaten zu Berufssoldaten der Bundeswehr. Acht Jahre später dienten noch 9 300 Soldaten mit einer NVA-Vorzeit in den neuen Streitkräften. Aufgrund von Hinweisen der Gauck-Behörde wurden 1 562 Offiziere und Unteroffiziere nach ihrer Übernahme wegen einer vorherigen Tätigkeit für die Stasi entlassen. 100 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Der Aufbau der endgültigen Struktur erfolgte nach 1994, ebenso die Integration der bis dahin unter nationalem Kommando stehenden Verbände in Nato-Strukturen. Von den im Herbst 1990 übernommenen 2 250 NVA-Liegenschaften wurden im Verlauf von zehn Monaten 1 380 Liegenschaften mit zusammen fast 60 000 Hektar in das Allgemeine Grundvermögen des Bundes freigegeben. Darunter befanden sich über 50 Kasernen. Je nach Bedarf erhielten Gebietskörperschaften, interessierte Unternehmen und gemeinnützige Einrichtungen in den neuen Ländern diese Flächen. Mit Blick auf die Endstationierung der Bundeswehr sowie die Abgabe und Verwertung von NVA-Material sollten bis 1995 weitere Freigaben erfolgen. So die Orientierung des Bundesministers der Verteidigung, Gerhard Stoltenberg. Ihm war entsprechend dem Einigungsvertrag das militärische Erbe der DDR mit Befehls- und Kommandogewalt zugeteilt worden. Mitte August 1990 wurde eine Verbindungsgruppe nach Strausberg entsandt. Unter Generalmajor Ekkehard Richter und Ministerialdirektor Gunnar Simon begannen Soldaten und Beamte damit, die Einrichtung des Bundeswehrkommandos Ost, eine Außenstelle des Bundesministeriums der Verteidigung in Strausberg und die Wehrverwaltung VII vorzubereiten. Ihr Auftreten wurde von DDR-Seite als „verantwortungsvoll, mit sehr großem Taktgefühl, höflich und bescheiden“ wahrgenommen. Zu dieser Zeit übergaben NVA-Offiziere an Vertreter des Generalstabes der UdSSR-Streitkräfte geheime Dokumente über die Einsatzplanung und Kampftechnik der NVA. Die Eröffnungsbilanz beim Material zeigte gewaltige Umfänge an Waffen, Gerät und Munition. Es waren also vielfältige Aufgaben durch das Bundeswehrkommando Ost und die neue Wehrbereichsverwaltung zu bewältigen. Außerdem mussten alte Organisationsformen der NVA aufgelöst werden. Vor allem ging es um die Integration von Soldaten und nicht um die Institution NVA. Alle Soldaten, nun Staatsbürger in Uniform, sollten fair und gerecht behandelt werden. Auch wenn in der westdeutschen Öffentlichkeit allen Ernstes immer wieder von der „notwendigen Umerziehung der übernommenen Soldaten“ die Rede war. Menschenwürde, Recht und Freiheit bildeten das Fundament der Inneren Führung, der Inneren Verfassung der Bundeswehr. Die Wehrpflichtigen aus dem Osten erhielten den gleichen Status wie ihre Kameraden im Westen. Berufs- und Zeitsoldaten wurden wie andere Bürger aus dem öffentlichen Dienst der DDR behandelt. Leider auch finanziell. Aber zehntausende Berufs- und Zeitsoldaten sowie zivile Mitarbeiter mussten ausscheiden. Viele ehemalige NVA-Angehörige wurden übernommen und in die neuen Strukturen der Bundeswehr „eingebaut“: Fast 20 000 zunächst als Soldaten auf Zeit, über 20 000 nach dem Einigungsvertrag sowie 35 000 Grundwehrdienstleistende mit einer besseren Ausbildung als bisher. Weit mehr als 10 000 Soldaten für den Dienst in der Bundeswehr wurden durch Lehrgänge und Seminare in Einrichtungen der Bundeswehr mit den Grundsätzen der demokratischen Verfassung und der Inneren Führung vertraut gemacht. Ehemalige NVA-Einheiten wurden Zug um Zug aufgelöst. Wie für ehemalige Wehrmachtsoffiziere nach dem Krieg bei der Bundeswehr gab es hier einen Personalgutachterausschuss, der im Einzelfall überprüft hat, wer denn zu übernehmen wäre. Keine Verwendung fanden ehemalige NVA-Angehörige mit einer Verpflichtung 101 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet beim Ministerium für Staatssicherheit. Es zeigte sich: Neben der Existenzsicherung war für viele Ostdeutsche das militärische Interesse, das Abitur und der Hochschulabschluss für ihre Militär-Berufswahl in der DDR eher entscheidend als die politische Überzeugung. Das bekamen Personalgutachter oft zu hören. Schon in den 8. Klassen der Polytechnischen Oberschulen mussten sich die Schüler im Alter von 14 Jahren (!) für eine Laufbahn als künftiger Berufssoldat entscheiden, womit dann der Oberschul-Besuch – später mit Berufsausbildung – gesichert war. Und jede Schule hatte eine vom Kreisschulrat vorgegebene Anzahl künftiger Offiziersbewerber zu gewinnen. Auch eine DDR-Realität! Die Eignung ehemaliger Offiziere der NVA für einen Dienst als Berufsoffizier in der Bundeswehr wurde also von einem Unabhängigen Ausschuss über einen Zeitraum von 14 Monaten geprüft. Im Mai 1993 legte das 15-köpfige Gremium unter Vorsitz der ehemaligen Parlamentarischen Staatssekretärin beim Bundesminister der Verteidigung, Agnes Hürland-Büning, den Abschlussbericht auf der Bonner Hardthöhe vor. Dieses Verfahren war im Einigungsvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR festgelegt worden. Und so ging es hier um eine mögliche Übernahme von 2 648 Offizieren vom Leutnant bis zum Oberst aus der DDR-Armee. In 2 006 Fällen konnte der Ausschuss positiv entscheiden. Die anderen Bewerber wurden abgelehnt. Wie Agnes Hürland-Büning berichtete, legten die „Überprüfer“ besonderen Wert auf die charakterlichen Eigenschaften der Bewerber. So standen Glaubwürdigkeit, Aufrichtigkeit, Vertrauenswürdigkeit und die Fähigkeit, demokratisches Verhalten zu erlernen und sich mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen, im Mittelpunkt der Gespräche. Bundesverteidigungsminister Volker Rühe bezeichnete dann diese Arbeit „von historischer Bedeutung für unser vereintes Land und seine Streitkräfte“. Er lobte das „politische Fingerspitzengefühl“ der Mitglieder während der Eignungsüberprüfung. Die Bundeswehr habe nun „die Gewissheit, die richtigen Offiziere in ihre Reihen aufgenommen zu haben“. Laut von Scheven war die Übernahme der NVA-Offiziere ein „Akt der Vertrauensbildung gegenüber der ehemaligen DDR-Bevölkerung und der westdeutschen Bevölkerung. Auch gegenüber den Alliierten. Denn die Nato ist eine große Familie. Und plötzlich kommen Kommunisten in diese große Familie. Da wird natürlich gefragt – wer kommt da? Überhaupt passte zwischen NVA und Bundeswehr nichts zusammen, außer der Berufsbezeichnung Soldat. Wir waren in grundverschiedene Systeme und Strukturen eingebunden. Auch deswegen war die Vereinigung so schwer, dass wir uns fast das Kreuz gebrochen haben.“ Neue militärische Strukturen für den Osten Das Bundesverteidigungsministerium hatte bereits eine Woche nach der Deutschen Einheit die neuen Strukturen und Gliederungen im Bereich des Bundeswehrkommandos Ost offengelegt. Da hier personell und materiell der größte Teil der Abrüstung gemäß KSE- Vertrag vom November 1990 vorgenommen werden sollte, musste im Osten schneller reduziert und mit der langfristig vorgesehenen Strukturreform für die Bundeswehr begon- 102 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten nen werden. Es ging nun beim Aufbau neuer, gesamtdeutscher Streitkräfte um ein Zusammenlegen von territorialen Dienststellen mit denen des Feldheeres, also der Wehrbereichskommandos mit dem Divisionskommando. Wie aus dem Ministerium weiter verlautete, konnte so im großen Stil rationalisiert und Führungspersonal für die unmittelbare Arbeit in der Truppe freigesetzt werden. Daraus wurde „ein tiefgreifender Umbau, der einem Neuaufbau“ gleichkam, sagte Generalinspekteur General Klaus Naumann. Weil nach Auflösung der NVA-Truppenteile die Bundeswehr im Osten die für den Westen vorgesehenen Strukturen einnahm, bekamen die Neuerungen zwischen „Hohe Düne“ bei Rostock und Bad Salzungen in Thüringen so etwas wie Modellcharakter. Beim Heer erleichterte das die Verkleinerung und Straffung mit einer neuen Korpsstruktur aus Korps und Territorialkommando Ost. Als gutes Beispiel für das Neue galt die Logistik, wie ich beim Besuch der Logistikbrigade Ost in Strausberg mit Erstaunen beim Computer-Einblick in alle ostdeutschen Depots und Lager feststellen konnte. Laut Hardthöhe waren von den rund 1 400 zivilen und militärischen Einheiten und Einrichtungen der ehemaligen NVA mit etwa 90 000 Mann Ende August langfristig über 750 Diensteinheiten in teilweise grundlegend veränderter Form eingeplant. In ihnen sollten dann 50 000 Soldaten dienen. Von den bisher etwa 47 000 Zivilbediensteten der NVA waren nur noch 19 000 für solche Aufgaben vorgesehen – insgesamt zehntausende Arbeitsplätze im Beitrittsgebiet, wo unter der Treuhand-Regie ganze Wirtschaftszweige mit hunderttausenden Arbeitsplätzen plattgemacht wurden. Politische Beobachter sahen zudem in dieser Offenlegung – nach den Jahrzehnten geheimer Verschlusssachen bei militärischen Planungen hier ein Novum – einen Beitrag zur Vertrauensbildung im Sinne des KSZE-Prozesses. Das Bundeswehrkommando Ost in Strausberg unter Befehlshaber Generalleutnant Jörg Schönbohm, bisher Leiter des Planungsstabes der Bundeswehr, erfüllte sodann erstmals in der Geschichte der Bundeswehr die Aufgaben einer zentralen Führungsinstanz für alle drei Teilstreitkräfte im Beitrittsgebiet. (Kritiker meinten: Wie ein Generalstab, den es nach 1945 nicht mehr gab. Im Osten ja – mit dem Hauptstab der NVA.) Dann überführte es nach Auflösung bisheriger Strukturen und Gliederungen der vorhandenen Verbände die neuen Einheiten und Dienststellen in Verantwortungsbereiche der Teilstreitkräfte, der zentralen militärischen Dienststellen und des Sanitätswesens der „alten“ Bundeswehr. Mit der Umgliederung der NVA-Landstreitkräfte in eine neue Heeresstruktur übernahm das Heereskommando Ost bei Potsdam zugleich die Führungsaufgaben eines Korps. Leiter des Aufstellungsstabes war der ehemalige Chef der Artillerieschule Idar-Oberstein, Brigadegeneral Heribert Göttelmann. Dem Kommando wurden die Wehrbereichskommandos Neubrandenburg und Leipzig mit Brigadegeneral Ruprecht Haasler, bisher Stabsabteilungsleiter beim Führungsstab des Heeres im Bundesverteidigungsministerium, beziehungsweise Brigadegeneral Ekkehard Richter, vormals Beauftragter für Erziehung und Ausbildung beim Generalinspekteur der Bundeswehr, als Chefs unterstellt. 103 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Beide Wehrbereiche hatten die Führungsverantwortung von Divisionen, denen sechs Brigaden unterstanden: In Erfurt, Potsdam, Dresden, Eggesin, Schwerin und Halle. Diese wurden aus den ehemaligen vier Mot. Schützen- und zwei Panzerdivisionen der NVA gebildet. Entsprechend der neuen Heeresstruktur 5, die nun in diesem Prozess des Neuaufbaus im Osten früher als im Westen eingeführt werden konnte, bestanden die Brigaden im Kern aus zwei Panzergrenadier- und zwei Panzerbataillonen. Hinzu kamen Artillerie- , Pionier- und Kampfunterstützungstruppen, Führungs- und Versorgungskompanien. Hier bewährte sich das geplante „Sparprinzip“ der Bundeswehr mit „Kaderung und raschem Aufwuchs“. Telefonie über die Elbe und andere Überraschungen Für die etwa 1 300 Offiziere und Unteroffiziere aus dem Westen gab es nach Amtsantritt am 3. Oktober 1990 bei der Bundeswehr Ost eine ganze Reihe von Überraschungen. Die wohl größte und angenehmste war die Begrüßung und Aufnahme in den zahlreichen Kasernen und Dienststellen. Die neuen Kommandeure der bisherigen NVA-Truppenteile wurden loyal und kameradschaftlich aufgenommen, hörte ich vielerorts. Es gab nirgends ein besonderes Vorkommnis bei den Übergaben von Truppenteilen und Einrichtungen. Alles fand militärisch exakt statt. Ob trotz der aufgeschlossenen Atmosphäre zu dieser Jahreszeit auch Blumen überreicht wurden, glaube ich nicht. Sicher standen frische Blumen auf den Schreibtischen. Die neuen Unteroffiziere von drüben hatten es da schon schwerer. In den Einheiten herrschte oft noch die Aufbruchsstimmung aus Zeiten der Militärreform, als meist nur am Zahltag die Vollständigkeit beim Zählappell der Soldaten registriert werden konnte. Das änderte sich recht bald. Doch dann überraschte die hierher kommandierten Offiziere und Unteroffiziere aus den westlichen Bundesländern vor allem die umfangreiche Bewaffnung, Ausrüstung und Munition. Da verfügte die „kleine“ NVA tatsächlich mehr Kriegsgerät als die „große“ Bundeswehr. Hier existierten Vorräte für mindestens 40 Kriegstage. Wohl auch zur Sicherstellung von Nachschub für die verbündeten Truppen des Warschauer Vertrages, die in Mitteleuropa zum Einsatz gekommen wären. Und auf technischen Gebieten beeindruckte die neuen Kameraden die an vielen Stellen hochmoderne Ausrüstung, vor allem in den Führungsorganen der NVA. In den Stäben der Teilstreitkräfte standen nicht nur Schreibmaschinen von IBM auf den Tischen. Auf Computern dieses Herstellers verfügten ostdeutsche Stabsoffiziere alle Daten aus den Dienststellen ihrer Verbände – von der Anzahl der Waffen bis zum Personalbestand. Da staunten doch viele Bundeswehr-Offiziere. Das war für sie überhaupt nicht „DDR-typisch“, wo doch hier sonst Mangelwirtschaft im Alltag herrschte. Aber wohl meist im zivilen Sektor. Alle Wirtschaftsaufträge mit dem Vermerk „LV“ (Landesverteidigung) mussten von den Ministerien bis in die Betriebe vorrangig bedient werden. Dominierten sogar vor den 104 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Exporten in die Sowjetunion. Auftraggeber waren in diesen Fällen die dem Nationalen Verteidigungsrat unterstellten Militärbereiche in den zentralen Regierungsstellen. Im Operativen Ausbildungszentrum des Verteidigungsministeriums in Strausberg existierte ein riesiges Relief mit dem möglichen Kriegsschauplatz in beiden Deutschlands. Was einst als „Geheime Kommandosache“ nur ausgewählten Mitgliedern der Partei- und Staatsführung präsentiert wurde, sah nun jeder Besucher mit eigenen Augen: Wie umfassend sich alle NVA-Teilstreitkräfte und ihre Führungskommandos auf eine militärische Auseinandersetzung im Zentrum Europas vorbereitet hatten. Und dabei sogar ungewöhnlich präzise Informa tionen über die Bundeswehr zur Lagebeurteilung nutzen konnten. Diese waren mit modernster Informationstechnik in Sekundenschnelle abrufbereit. Die Angriffspfeile konnte man hier nach der Übernahme der Einrichtung durch die Bundeswehr noch sehen. Alle wichtigen Fernstraßen der DDR und der Bundesrepublik, auch Flugplätze und Kernkraftwerke, hatte man auf diesem Relief – etwa 20 mal 15 Meter groß – im Maßstab 1:50 000 nachgebildet. So konnten schon in Friedenszeiten die für den Ernstfall vorgesehenen Fahrtrou ten, beispielsweise nach Bayern oder durch das Ruhrgebiet, einstudiert werden. Trotz Verbotsliste für strategisch wichtige Exportgüter westlicher Industriestaaten und der Kontrolle der Ostexporte (Cocom) hatten DDR-Außenhändler dieses Hightech für die eigene Landesverteidigung „beschafft“. In mehreren Fällen fanden, wie in Berlin nach der Wiedervereinigung, Anklageerhebungen wegen dieser Wirtschaftsstrafvergehen statt. Das Relief von 500 mit Plaste beschichteten und ausgeschäumten Einzelteilen war seit 1983 vom VEB Kartografie und Geodäsie Halle hergestellt, 1986 zur Nutzung übergeben worden. „Strategisch wichtige Punkte wurden verortet, Leuchtdioden eingebracht, Kabelkanäle in die Unterseiten der Platten ge schnitten und mit Textilklebeband abgedeckt. Schließlich mussten die Segmente zu dem ganzen Relief auf gebaut und arrangiert werden, jeder Plattenstoß wurde mit Kitt geschlossen und die Versätze der Landkarte händisch durch Retusche angepasst“, erläuterte Eva Wendland in ihrer Bachelorarbeit 2017 an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (S. 6 ff.). „Von den Ausbildungsräumen im ersten und zweiten Stock konnte man auf Balkone treten, um das Relief von oben zu betrachten. Es stand unter der größten Geheimhaltungsstufe und lief unter dem Tarnnamen ‚Projekt 80‘.“ Auf einer 20-Personen-Kommandobrücke fuhr man über das Relief, das einen Raum von 625 km Ost-West- und 1 000 km Nord-Süd-Erstreckung abgebil det hat, schrieb die Autorin. „Im Zentrum liegen die Territorien der DDR und BRD. Im Osten reicht das Relief bis Mittelpolen, im Süden bis Mittelösterreich, im Westen bis zu den Benelux-Staaten und Frankreich, im Norden ist Süddäne mark abgebildet.“ Lagedarstellungen wurden manuell durch Hilfsmittel in Form von Zeichen und Symbo len demonstriert. Der Reliefsaal war zusätzlich mit technischen Hilfsmitteln ausgestattet, die es ermögli chten, bis zu 200 Personen gleichzeitig auszubilden. Dabei konnte der Leitende der Übung eine militärische Lage auf dem Relief mit UV-Lichtquellen hervorheben. Außerdem wurde ein 105 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet begrenzter Darstellungsraum von 120 km x 120 km durch einen Scheinwerfer erhellt. Die Videokamera, die über jeden beliebigen Punkt auf der Karte zu positionieren war, übertrug das Zentrum des ausgeleuchteten Bereichs von 36 x 32 km in zehnfacher Vergrößerung über einen Großbildprojek tor an eine Projektionswand. „Auf dem Relief selbst sind etwa 10 000 Leuchtdioden montiert, die als Signallampen zur Darstel lung bestimmter feststehender operativer Elemente dienen. Dazu gehören Eisenbahnstrecken, wichtige Stra- ßenzüge und strategisch wichtige Orte wie Grenzübergänge, Kernkraftwerke, Häfen, Flughäfen etc. Ein komplexes informationstechnisches System ermöglichte die Übertragung der Informationen auch in alle Ausbildungsräume sowie den Lage- und Briefingsaal“, berichtete Eva Wendland. Nach der deutschen Einheit entsprach auch das Operative Ausbildungszentrum nicht mehr dem Zeitgeist. Hier hatten ja seinerzeit DDR-Generale den „Marsch gen Westen“ geprobt. Dann wurde das Relief in Einzelteile zerlegt und im Militärhistorischen Museum Flugplatz Berlin-Gatow eingelagert. Noch größer war die Überraschung für die Offiziere aus der alten Bundeswehr, als sie davon erfuhren, dass die Fernmeldeverbindungen im Bereich der DDR-Landesverteidigung via Richtfunk kompatibel mit dem Bundeswehr-Grundnetz sind. Das hieß: Die Frequenz des NVA-Richtfunkbetriebes stimmte mit dem von der Bundeswehr genutzten Netz für Fernsprech- und Fernschreibverbindungen überein. War also „bundeswehrkompatibel“. Welch ein „Zufall“! Diese Verbindungen zum Bundeswehr-Grundnetz, sogenannte Überleitstellen, waren bereits am 17. September 1990 geräuschlos geschaltet worden. Die Öffentlichkeit hatte zu dieser Zeit noch immer Schwierigkeiten mit Telefonaten nach dem Westen. Dazu wurde bei der NVA ein Anschluss an das militärische „Stabsnetz S1“ genutzt, nachdem man an der Elbe und andernorts die innerdeutsche Grenze mit Richtfunkspiegeln überwunden hatte. Hierbei kamen die mobilen Richtfunkkräfte der Obersten Bundeswehrführung über mehr als zwei Jahre zum Feldeinsatz. Mit der Kennzahl 82 konnte man nach dem 3. Oktober 1990 aus jeder ehemaligen NVA- Kaserne beispielsweise die Garnison Glücksburg und mit der Zahl 32 München anwählen oder mit der Kennzahl 3408 von der Bonner Hardthöhe das Korps und Territorialkommando in Potsdam erreichen. Ohne Handvermittlung! Mit dem Zusammenschalten östlicher Richtfunksysteme mit dem Richtfunknetz der Luftwaffe wurde in Köln-Wahn das Luftwaffenführungsdienstkommando beauftragt. Die erste Übergangsstelle für die taktischen Fernmeldenetze der Luftwaffe richteten beide Seiten in Hitzacker/Elbe ein. Der damalige Oberst und spätere Generalmajor a.D. Günter Lange, bis zur Deutschen Einheit der Luftwaffenvertreter im Verbindungsstab von General Richter und danach stellvertretender Kommandeur des Kommandos Luftstreitkräfte/Luftverteidigung in Eggersdorf, erinnerte sich: „Wir brauchten bloß zwei Richtfunkspiegel links und rechts der Elbe aufeinander zu richten, und schon war das gesamte Telefonnetz NVA-Luftstreitkräfte/Luftverteidigung an das Luftwaffennetz der Bundesrepublik Deutschland angeschlossen. Ich kam 106 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten mit einem blauen Telefonapparat aus dem Westen, habe den angesteckt und war dann über Knopfdruck mit dem Inspekteur der Luftwaffe und mit allen und jedem in der Luftwaffe zu verbinden. Die NVA-Offiziere im Kommando Luftstreitkräfte/Luftverteidigung waren fassungslos, als sie das sahen. Ihre Fernmeldetechnik war ansonsten doch noch recht zurückgeblieben.“ (Ehlert, Hans, Armee ohne Zukunft, Berlin 2002, S. 239) Das abhörsichere S1-Netz bildete in der DDR das militärische Hauptführungsmittel und war mit den Organen der Landesverteidigung wie Grenztruppen, Volkspolizei und Staatssicherheit verbunden. Es sicherte eine komplexe Verbindung zwischen den Führungsstellen und Gefechtsständen mit den Einsatzverbänden, auch mit Partnern in den verbündeten Armeen. Wenn der Verteidigungsminister oder einer seiner sieben Stellvertreter mit dem „Batailloner“ eines Mot. Schützenregiments sprechen wollte, war das schon vor dem Informationszeitalter problemlos möglich – wenn sich dieser in Telefonnähe aufhielt. Überhaupt waren die Fernmelde-Offiziere der Bundesluftwaffe erstaunt über die Kompatibilität der NVA-Geräte. „Ihnen war eine internationale Standardisierung der DDR-Technik nie in den Sinn gekommen“, berichtete später ein NVA-Nachrichtenmann. „Glaubten eher an die Holztrommelmethode der Sowjets. Als sie auch noch stationäre PCM, die analoge in digitale Signale umwandeln, entdeckten, war das für sie eine Überraschung. Und dann waren diese PCM-Ost auch noch besser als die alten ‚Bundeswehrkrücken‘.“ Über die nun zwischen der Bundeswehr Ost und den „alten“ Bundeswehrstandorten ausgezeichnet funktionierende Ost-West-Fernmeldeverbindung, die sogar die Einwahl in alle heimatlichen Dienststellen ermöglichte, wurde der Bundesverteidigungsminister im November 1990 auch während der Besichtigung des ehemaligen DDR-Führungsbunkers informiert. Wie ich mich erinnere, wies der damalige NVA-Kommandant im Arbeitszimmer von Honecker, gut 20 Meter unter Tage, neben mehreren Apparaten auf das graue Telefon mit dem Anschluss für das Sondernetz S1 hin. Es sollte den Vorsitzenden des ostdeutschen Verteidigungsrates und Oberkommandierenden im Kriegsfall sofort mit seinen Truppen auf der „anderen Seite“ verbinden. Mein Eindruck: Allgemeines Staunen unter den anwesenden Bundeswehr-Offizieren und Journalisten über diese Fernmelde-Episode aus dem gerade beendeten Kalten Krieg. Das erinnerte mich an eine Veröffentlichung in der westdeutschen Fachpresse: „Die NVA war neben der sowjetischen die bestausgestattete Streitkraft des Warschauer Paktes. Sie verfügte – um nur wenige Beispiele zu nennen – über ein eigenes, sehr gut ausgebautes Fernmelde- und Gefechtsstandnetz und hatte modernste sowjetische Waffensysteme im Einsatz, beispielsweise die zweistrahligen Jagdflugzeuge MiG-29/FULCRUM oder den modernen Kampfpanzer T-72. Beides leistungsfähigere Systeme als der jetzt noch einmal zur einer Kampfwertsteigerung anstehende Jäger F-4F ‚Phantom II‘ der Bundeswehr oder gar der Kampfpanzer Leopard 1 … Hinzu kommt, dass von der Leistungsfähigkeit einiger Systeme ebenso wie stationärer Einrichtungen zunehmend mit Hochachtung gesprochen wird.“ (SOLDAT UND TECHNIK 11/90, S.781) 107 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Bundeswehrkommando Ost nach Vorkommando Vor der Bildung gesamtdeutscher Streitkräfte mit ehemaligen NVA-Angehörigen als vorläufige Bundeswehr-Soldaten nach dem Soldatengesetz nahm in der DDR am 17. August 1990 eine Verbindungsgruppe des Bundesverteidigungsministeriums in Strausberg ihre Arbeit auf. Das geschah beim Ministerium für Abrüstung und Verteidigung und in Abstimmung mit dem Eppelmann-Ministerium. Geleitet hat sie Brigadegeneral Ekkehard Richter. Das Vorkommando bestand aus etwa 20 militärischen und zivilen Mitarbeitern. Sie bereiteten hier die geplanten neuen militärischen Strukturen für das Beitrittsgebiet vor. Da die NVA zeitgleich mit der Wiederherstellung der deutschen Einheit ihre Existenzberechtigung verlieren sollte, ging es vor allem um eine umfassende Bestandsaufnahme der militärischen Gegebenheiten: Personal, Material, Fernmeldeverbindungen, Strukturen, Haushalt, soziale Angelegenheiten, Sanitätswesen sowie die Arbeit der NVA in der Volkswirtschaft. Zudem konnten Fragen zur Übernahme der Befehls- und Kommandogewalt geklärt, die Aufstellung und Unterbringung der neuen Führungsorganisationen vorbereitet werden. Ostdeutsche Gesprächspartner erinnerten sich, dass alles „betont sachlich und ergebnisorientiert“ verlief. Mit dem historischen 3. Oktober 1990 – das entsprach dem Beschluss der Kohl-Regierung, für alle Bundesministerien in Berlin Außenstellen einzurichten – nahm in Strausberg eine solche Behörde ihre Tätigkeit auf. Ihr Leiter: Werner E. Ablaß. Er arbeitete zuletzt als Staatssekretär beim Minister Eppelmann. Etwa 300 Mitarbeiter, davon 50 aus dem Westen, kümmerten sich um die Abwicklung des bisherigen Verteidigungsministeriums. Außerdem vertraten sie die Interessen der Hardthöhe gegenüber anderen Bundes- und Landesbehörden, speziell in der Hauptstadt Berlin. Später konzentrierte sich die Außenstelle mit weniger Personal auf die Bereiche Unterbringung und Liegenschaften, Umweltschutz und Rüstung. Nach der staatlichen Einheit und der Erweiterung des Hoheitsgebietes der Bundes re publik um fünf neue Bundesländer musste die Verteilung der deutschen Streitkräfte neu festgelegt werden. Ziel war eine einheitliche gesamtdeutsche Bundeswehr. Befehlshaber vom Bundeswehrkommando Ost wurde Jörg Schönbohm. Der Generalleutnant, der ursprünglich zu diesem Zeitpunkt das Koblenzer Korps übernehmen sollte, unterstand dem stellvertretenden Generalinspekteur. Er pflegte im Beitrittsgebiet nun den direkten Draht zum Bundesverteidigungsministerium. Ob es sich um die Führung der Land- , Luft- und Seestreitkräfte in Ostdeutschland oder die Auflösung der Truppenteile und Dienststellen handelte, die nicht für die zukünftige Streitkräftestruktur vorgesehen waren – für all das trug er die Verantwortung. Ebenso traf das auf die Übernahme und Verwahrung des NVA-Materials bis zur weiteren Verwendung oder Vernichtung zu. Später schätzte das Heereskommando Ost in Potsdam ein: „Straffe und konsequente Führung sowie Delegierung von Verantwortung, Einfühlungsvermögen und Fingerspitzenge- 108 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten fühl waren nötig, um die Lage zu meistern.“ Und weiter: „Die ehemaligen Angehörigen der NVA sahen sich – nach dem Entschluss zur Auflösung der NVA – einem immensen psychologischen und sozialen Problemdruck ausgesetzt. Die Uniform des ehemaligen, staatlich propagierten Klassenfeindes anzuziehen, war für viele Soldaten – und die betroffenen Familien – mit äußerst zwiespältigen Gefühlen verbunden.“ Für viele NVA-Angehörige habe es keine Alternative gegeben, „da die zivilberufliche Qualifikation fehlte“. Einen zusätzlichen „Brocken“, das zeigte sich erst in den nächsten Jahren, bildete die bereits erwähnte Unterstützung für die Rückkehr der sowjetischen Truppen. Vor diesem Hintergrund führte Schönbohm vorübergehend das Heereskommando Ost in Potsdam (hier war vorher das Kommando der NVA-Landstreitkräfte), das zum Korps-/Territorialkommando Ost wurde, sowie die Divisions-/Wehrbereichskommandos VII in Leipzig und VIII in Neubrandenburg. An diesen Orten hatten beide NVA-Militärbezirke ihren Sitz. Hinzu kamen der Aufstellungsstab der 5. Luftwaffendivision in Eggersdorf bei Berlin in den Kasernen des ehemaligen Kommandos der NVA-Luftstreitkräfte/Luftverteidigung und der Aufstellungsstab für das Marinekommando in Rostock in bisherigen Dienstgebäuden der Volksmarine. Nachdem das Verbindungskommando zur Westgruppe der sowjetischen (dann russischen) Truppen in Deutschland WGT ursprünglich in Strausberg etabliert war, fand es später in Ost-Berlin eine geräumigere Bleibe – im vorherigen Hauptquartier der NVA-Militäraufklärung. Von der Oberspreestraße in Berlin-Schöneweide aus konnte nun der Abzugsbeauftragte, Generalmajor Hartmut Foertsch, das Oberkommando in Wünsdorf (Teltow-Fläming) schnell erreichen. Und da dieser Gesamtabzugsplan nach der Ost-West-Konfrontation nicht nur in Deutschland, sondern auch im Rahmen der internationalen Abrüstung höchste politische Brisanz besaß, mussten von deutscher Seite aus immer wieder einvernehmliche Lösungen in persönlichen Gesprächen gesucht werden. Vor allem bei den oft abweichenden Zahlen der Russen über Personal, Waffen und Gerät für den Rücktransport war das der Fall. Zu DDR-Zeiten wurden nie Einzelheiten über diese Verbände und Truppenteile sowie deren Bewaffnung veröffentlicht. Alles galt als „Streng geheim“. Und wie ich heute weiß, kannte sich auch in der DDR-Führung niemand so genau in der Materie „Sowjetarmee“ aus – weder im SED-Politbüro in Berlin noch im Verteidigungsministerium in Strausberg. Auch das hieß nach außen hin: „Klassenbrüder – Waffenbrüder, vereint unbesiegbar“. Ein Klischee! In ihrer neuen Umgebung erfuhren Foertsch und seine Mitarbeiter so ganz nebenbei, wie die einst etwa 1 000 militärischen Aufklärer der NVA, darunter auch Militärattachés, gearbeitet hatten. Neben der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) der Staatssicherheit mit zirka 4 300 hauptamtlichen Leuten wirkte hier ein eigenständiger Zweig der DDR-Auslandsspionage. In diesem speziellen Dienst der NVA befasste man sich mit der Bundeswehr, weiteren Nato-Standorten in Deutschland und den Benelux-Staaten. Das Lage zentrum in einem Hochbunker hatte, wie ich am Rande meiner Gespräche bei der Bundes- 109 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet wehr feststellen konnte, ebenso wie die vielen Büros hier den typischen „Charme“ von NVA-Einrichtungen. Ich würde sagen: Mehr schlicht, als einfach. Festakt zur Geburtsstunde neuer Streitkräfte Der Tag der Deutschen Einheit wurde nach all meinen Erfahrungen aus DDR-Zeiten sowie ersten Kontakten zur Bundeswehr für mich zu einem besonderen Ereignis: In Strausberg erlebte ich als ADN-Redakteur vor Ort die Geburtsstunde der Bundeswehr im Osten, also auch der gesamtdeutschen Bundeswehr. Als Zeitzeuge kann ich heute in Anlehnung an die historischen Worte Goethes nach der Schlacht von Valmy (1792) sagen: Und ich bin dabei gewesen! Auch wenn „von hier und heute“ keine „neue Epoche der Weltgeschichte“ ausging, wie vom Begleiter des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar drei- ßig Jahre später im autobiografischen Bericht „Kampagne in Frankreich“ niedergeschrieben. Wohl aber ein neues, bedeutendes Kapitel der deutschen Militärgeschichte aufgeschlagen wurde. Schon allein vor diesem historischen Hintergrund bleibt mir die Feierstunde unvergessen. Hier präsentierten sich am ehemaligen Verteidigungsministerium der DDR neue Angehörige der Bundeswehr in ihrer jetzigen Mission. Tags zuvor hatten sie noch in der NVA- Uniform die Truppenfahne für das Armeemuseum in Dresden eingerollt. Nun waren die neuen Kameraden voller Erwartungen über den Staat, den sie von jetzt an zu verteidigen hatten. Aber mit der Zuversicht, dass es sich künftig um bessere menschliche Verhältnisse, auch in den Streitkräften, als bisher handeln würde. Das entgegneten mir schon an der Wache Soldaten auf meine Frage: „Wie ist denn Ihr Befinden unter den neuen Chefs?“ Spätestens seit dem Mauerfall am 9. November 1989 wussten wohl alle Soldaten in den ostdeutschen Garnisonen, wie demokratisch und kameradschaftlich es beim Bund zugeht. Eben in einer Parlamentsarmee! Das sprach sich schnell herum. Und welche Verantwortung dort selbst ein Gefreiter trägt. Das konnte ich immer wieder staunend in allen drei Teilstreitkräften feststellen. Die Geburtsstunde gesamtdeutscher Streitkräfte fand im Tagungszentrum des ehemaligen Verteidigungsministeriums an der Prötzeler Chaussee einen symbolischen Rahmen. Erst 1984 hatte man diese Einrichtung speziell für Tagungen von Militärausschüssen des Warschauer Vertrages errichtet. Sie lag gewissermaßen im „Schatten“ von Ost-Berlin, wo die NVA mit Blick auf den Vier-Mächte-Status nur wenig Präsenz zeigen durfte. Hinzu kam 110 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten hier eine aus ostdeutscher Sicht gepflegte Hotelanlage. Für einen Gast aus der alten Bundesrepublik war das sicher ein bescheidenes Niveau von Hotellerie. Das Gebäude aus Klinkersteinen galt schon damals für die Strausberger als ein „Protzbau“. Hier wurde auch in den Zeiten hoher Verschuldung der DDR nicht gekleckert, sondern geklotzt. Ganz sicher wollte Honeckers Generalität ihren Verbündeten aus dem Ostblock oder den armen Kampfgefährten aus den Befreiungsbewegungen in aller Welt zeigen, wie prächtig der Sozialismus in den Farben der DDR gedeiht. Und so von der hohen internationalen Verschuldung ablenken. Das erinnerte mich irgendwie auch an einen internen Ausspruch des Volkskammer-Präsidenten und einstigen Chefredakteurs der Hallenser Bezirkszeitung, Horst Sindermann: „Dort, wo wir die meisten Schulden haben, grüßt man uns am freundlichsten!“ Einlass fanden hier vorher nur hohe Dienstgrade der bewaffneten Organe zu dienstlichen Veranstaltungen. Für Zivilisten aus der Kreisstadt war diese Einrichtung tabu. Obwohl doch gerade im großen Tagungssaal bis zur Amtsübernahme Eppelmanns im Frühjahr 1990 hier an der Frontseite übergroße Porträts der Parteiführer von Leonid Breshnew über Nicolae Ceaușescu bis zu Erich Honecker der einst sieben Bündnispartner die „unverbrüchliche Freundschaft über Ländergrenzen“ und das „enge Zusammenwirken der verbündeten Armeen“ symbolisieren sollten. Im Tagungszentrum führte Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg am Nachmittag des historischen 3. Oktober 1990 den Befehlshaber der Bundeswehr Ost in sein neues Amt ein. Generalleutnant Jörg Schönbohm diente zuletzt in der Planung auf der Bonner Hardthöhe. Später wurde er, inzwischen Minister in der Landesregierung, in Kleinmachnow bei Potsdam wieder ein Brandenburger. Bei vielen Aktivitäten und Gesprächen in der Truppe habe ich ihn während der folgenden Monate und Jahre erlebt. Ob es nun um die weitere Beschäftigung von Ex-NVA-Offizieren, eine wohnlichere Unterbringung der Soldaten (Aktion: Stühle statt Schemel) oder selbst um warmes Wasser zum Duschen nach der Ausbildung ging – der neue Chef traf meistens noch vor Ort klare Entscheidungen. Und das im Sinne der Betroffenen. Da vor allem die Hygiene in Speisesälen und Großküchen gerade in entlegenen Standorten völlig vernachlässigt worden war, wies er umgehend Veränderungen an. Die Truppe reagierte darauf sehr positiv. Auch seine Art, sich mit Rekruten zu unterhalten, kam an. Bislang kannte ich bei hohen Dienstgraden der NVA meist Fragen wie: „Woher kommst Du?“, „Welchen Beruf hast Du?“ oder „Bist Du schon verheiratet?“ Scheinbar waren wir in der DDR alle gleich, daher das kumpelhafte „Du“, nur unsere damaligen Herrschaften waren gleicher. Wie sehr war der neue Befehlshaber im ehemaligen Motorisierten Schützenregiment (MSR 9) in Drögeheide bei Eggesin empört, als er hörte, für das Beheizen der Hallen mit kampfbereiter Einsatztechnik (Panzer, Schützenpanzer) seien genügend Kohlen vorhan- 111 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet den, für die sanitären Einrichtungen nicht. Hier lernte der Bundeswehr-General einen ostdeutschen Armee-Begriffe kennen, der ihm fremd war: „Abschüsseln!“ In der Praxis bedeutete das: Nur einmal in der Woche stand „Duschen“ auf dem Dienstplan, obwohl doch fast täglich Gefechtsausbildung auf dem riesigen Standortübungsplatz stattfand. Mangels warmer Duschgelegenheiten füllten die Soldaten nach Dienstschluss in den Waschräumen verbeulte Aluminiumschüsseln mit Warmwasser und spülten so ihren eingeseiften Körper ab. Das war nicht die Ausnahme, das war hier die Regel. Diese Praxis kannte ich bisher auch nicht, obwohl ich doch oft in dieser Gegend war. Irgendwie fand ich das schon komisch: Erst neue Vorgesetzte mussten hierher kommen, um dafür zu sorgen, dass man sich in der Truppe nach der Ausbildung regelmäßig duschen kann. Die eigentlichen Verantwortlichen für diese schlimmen Zustände saßen zuvor in der Armeeführung der DDR. Sie wollten oder mussten Kohlen sparen, hieß es, und zwar in der ganzen NVA. Auch aufgrund ihrer hohen Dienstgrade und vielleicht auch wegen ihrer zu engen Bande zur Sowjetarmee wurden sie noch während ihres Dienstes kurz vor dem Ende der NVA entlassen. Zurück zur Festveranstaltung. Am großen Presseaufgebot spürte man: Hier und heute wird Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal in der 35-jährigen Historie der Bundeswehr wurde die deutsche Nationalhymne von einem gesamtdeutschen Militärmusikkorps intoniert. In seinen Reihen musizierten je 30 Angehörige aus der alten Bundeswehr und der ehemaligen NVA. Die Militärmusiker brachten dann auch eindrucksvoll Beethovens „Ode an die Freude“ und Händels „Feuerwerksmusik“ zu Gehör. Dabei spielte sich das gesamtdeutsche Musikkorps bei dieser Premiere und zu diesem historischen Anlass engagiert in die Herzen der Versammelten. Denn auch das spürte der aufmerksame Beobachter: Selbst für die Militärmusiker aus dem Beitrittsgebiet begann heute eine neue Zeitrechnung. Sie dienten jetzt in einer ganz anderen Armee, wurden von den Vorgesetzten und den neuen Musikerkameraden bereits geachtet und geschätzt. Das hatten schon die ersten gemeinsamen Proben am Vormittag gezeigt, erläuterte man mir nach der Veranstaltung. 112 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Auf ihre Vergangenheit angesprochen, entgegneten Militärmusiker aus dem Osten, dass sie sich nur ungern an die Sprechblasen aus der Politischen Hauptverwaltung der NVA erinnern. Diese hatte dereinst auf der gegenüberliegenden Straßenseite ihren Sitz. Die aus meiner Erfahrung meist engstirnigen Polit-Generale und -Oberste wachten streng darüber, dass auch mit der Kultur und besonders mit dem Liedgut ideologischer Klassenkampf betrieben wurde. Entsprechend simpel waren viele Texte und Kompositionen in der NVA zum Marschieren und Mitsingen. Solche hölzernen Titel hat kein Soldat in seiner Freizeit nachgesungen. Zwei weitere Beispiele: Erst 1987 hatten sich die NVA-Führungsleute vor einem öffentlichen Historischen Militärkonzert zur 750-Jahr-Feier Berlins auf dem Gendarmenmarkt dazu entschlossen, mit dem berühmten Alten Dessauer einen der schönsten deutschen Trompetenmärsche von einem Armee-Orchester aufführen zu lassen. Herausragend: Ein Solist vom Gewandhausorchester Leipzig, der kurzfristig zum Militär einberufen wurde. Vorher war der Titel wie auch anderes bekanntes deutsches Klanggut mit Militärcharakter in der Armee der Arbeiter und Bauern unerwünscht. Bei einer ähnlichen Großveranstaltung der Volksarmee, damals im Schauspielhaus, klatschten die Zuhörer erst zum Schluss rhythmisch mit, als das Zentrale Orchester der NVA den schmissigen Radetzky-Marsch von Johann Strauss spielte. Die anderen Klänge des Konzerts fand ich irgendwie langweilig. Sie haben keinen Zuhörer vom Stuhl gerissen. Wie das Wachpersonal und alle anderen Neuen der Bundeswehr trugen auch die ostdeutschen Musiker an diesem denkwürdigen Tag den für sie ungewöhnlichen Feldanzug, der im Soldaten-Jargon „Nato-oliv“ heißt. Mit dem Tragen der gleichen Uniform sollte schon ab der Geburtsstunde der nunmehr gesamtdeutschen Bundeswehr Identität zwischen West und Ost geschaffen werden. Was anfangs von vielen Außenstehenden in der alten Bundesrepublik an dieser einfachen Bekleidung für die Neuen mit dem Hinweis kritisiert wurde, die Bundeswehr müsse doch in ihren Vorratskammern für zehntausende Soldaten immer eine neue Uniform parat haben, sahen die Chefs vom Korps und Territorialkommando Ost in einer Bilanz vier Jahre später ganz anders: „Die pünktliche Zuführung von über 100 000 dieser Uniformen muss als die erste der vielen logistischen Glanzleistungen angesehen werden.“ Vielleicht spielten an dieser Art der Bekleidung, die hier natürlich auch die Westdeutschen trugen, noch andere Gründe eine Rolle, um beispielsweise die Besonderheit der ostdeutschen Truppen der Bundeswehr gut sichtbar zu machen. Ich fand die Bekleidung ansprechend. In diesem Felddienst-Anzug präsentierten sich einheitlich alle Dienstgrade – vom Soldaten bis zum General. Sehr beeindruckt war ich am folgenden Tag bei der Bundeswehr Ost ebenso vom offiziellen Aufstellungsappell des Kommandos. Er fand mit etwa 600 Soldaten und Zivilbeschäftigten vor dem Sitz des neuen Befehlshabers in Strausberg statt. Wo seit dem 3. Oktober nicht mehr die DDR-Dienstflagge zu sehen war, wehte nun die Bundesdienstflagge. Hier hatten in der DDR seit 1956 die Chefs der Nationalen Volksarmee Willi Stoph, Heinz Hoff- 113 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet mann, Heinz Kessler und Theodor Hoffmann in dieser Reihenfolge ihre Befehlsgewalt ausgeübt. Die meisten der Gebäude aus viel Beton stammten noch von der Wehrmacht. Im Haus 3 tagte alle Vierteljahre der Nationale Verteidigungsrat unter Ulbricht und später unter Honecker. Den Ministersitz, der vom Mitbegründer des Demokratischen Aufbruchs und Abrüstungsminister Rainer Eppelmann ebenso übernommen worden war wie so mancher NVA-Oberst aus dieser Dienststelle, hatte man zu DDR-Zeiten mit vielen Fenstern extrem „dünnhäutig“ gebaut. Hier saß gleich neben dem Politchef der Armee die Presseabteilung des Verteidigungsministeriums. In dieses Haus, wo der jeweilige DDR-Verteidigungsminister seine Befehle zum „Schutz der sozialistischen Errungenschaften und des Friedens“ unterzeichnet hat, zog nun die Bundeswehr ein. Noch vor gar nicht langer Zeit gab es in diesem Areal Symbole mit Aufschriften wie „Für den Schutz der Arbeiter-und-Bauern-Macht“ zu sehen. Nach den ersten freien Wahlen 1990 wurden sie entfernt. Erstmalig gedachte am 20. Juli 1990 die NVA hier der Hitler-Gegner um Graf Stauffenberg. Diese Ehrung, die nach den Militärreformen auch einen bedeutenden Wandel in der Haltung der Volksarmee zu diesen Traditionen einleitete, fand in der damaligen Bundesrepublik ein geteiltes Echo. Nun stand vor den Beschäftigten des bisherigen Verteidigungsministeriums ein General aus dem Westen als Dienstvorgesetzter. Besonders seine Worte „Wir kommen nicht als Sieger zu Besiegten. Wir kommen als Deutsche zu Deutschen“ hinterließen bei den am Appellplatz Angetretenen einen tiefen Eindruck. So eine klare, verbindliche Sprache hatten sie wohl kaum erwartet. Das traf ebenso auf seine Versicherung zu: „Wir dienen der gemeinsamen Sache – der Zukunft Deutschlands“ und werden „die Einheit auch in der Bundeswehr gestalten“. Das war der Aufhänger meiner ADN-Meldung, danach vieler Nachrichtensendungen im Rundfunk. Dieser Gedanke fand am Tag darauf seine Würdigung in den Zeitungen. Was nach dem 3. Oktober in Strausberg, Neubrandenburg, Leipzig und an anderen ostdeutschen Standorten begann, bekam eine historische Dimension. Zunächst übernahm die Bundeswehr von der NVA etwa 90 000 Soldaten. Das waren meist Wehrpflichtige. Auch viele Unteroffiziere und Offiziere wurden integriert. Entwicklung bemerkenswert reibungslos Die Entwicklung der Bundeswehr im Osten verlief in den ersten Wochen „bemerkenswert reibungslos. Sie hat die getroffenen Organisationsentscheidungen – Bundeswehrkommando Ost, Außenstelle des Bundesministeriums und Bundeswehrverwaltung – grundsätzlich bestätigt.“ Das schätzte Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg schon Ende Oktober vor dem Wehrpolitischen Kongress der CSU in München ein. Das waren gut drei Wochen nach der Wiedervereinigung und der Aufstellung der Bundeswehr Ost im Beitrittsgebiet. „Aber die großen Aufgaben liegen noch vor uns.“ 114 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Nach seiner Meinung stellte die Gestaltung gesamtdeutscher Streitkräfte „die deutsche Verteidigungspolitik vor die größten Herausforderungen seit Gründung der Bundesrepublik“. Das betreffe insbesondere die erforderliche Personalreduzierung. Immerhin standen noch Anfang 1989 rund 490 000 Soldaten in der Bundeswehr und etwa 175 000 in der NVA unter Waffen. „Anfang Oktober 1990 hatten wir 435 000 Soldaten der Bundeswehr. Hinzu kamen mit dem Tag der Einheit noch fast 90 000 Soldaten der ehemaligen NVA“, betonte der CDU-Politiker. Nun komme es darauf an, den Umfang um weitere 155 000 Mann zu verringern. Dieser Vorgang müsse „strukturiert und – vor allem – sozialverträglich abgewickelt werden“. In den neuen Bundesländern sollten 1995 noch rund 50 000 Soldaten dienen, je zur Hälfte Berufs- beziehungsweise Zeitsoldaten und Wehrpflichtige. Und so habe er sich „nach sorgfältiger Prüfung entschieden, den erforderlichen Personalabbau im Bereich der Bundeswehr Ost schrittweise vorzunehmen. Dies ermöglicht es, die Ausbildung der Grundwehrdienstleistenden dort nach unseren anspruchsvollen Grundsätzen der Inneren Führung durchzuführen und die erforderlichen Bewachungsaufgaben für die gewaltigen Bestände am Gerät, Waffensystemen und Munition zu gewährleisten.“ Was Waffen und Gerät der ehemaligen NVA betrifft, so sei „eine erste Bestandsaufnahme“ abgeschlossen. Die Truppenteile im beigetretenen Teil Deutschlands würden nun schrittweise auf Bundeswehrmaterial mit dem Ziel einer langfristigen einheitlichen Materialausstattung der deutschen Streitkräfte umgerüstet. „Leistungsfähiges und versorgbares Material der ehemaligen NVA, für dessen Nutzung Bedarf besteht, wird nach Prüfung im Einzelfall weiter genutzt, besonders für Ausbildungsaufgaben.“ Für die Umgliederung und Umschulung der Bundeswehr Ost müsse Führungs- und Ausbildungspersonal aus der Bundeswehr West abgestellt werden – jetzt etwa 1 000 Offiziere und Unteroffiziere und 300 zivile Mitarbeiter. „Sie leisten nicht nur in der Zentrale in Strausberg bei Berlin, sondern zu einem sehr großen Teil auch in entlegenen Standorten unter schwierigen Bedingungen ihren Dienst. Deshalb verdienen sie unsere besondere Anerkennung und Unterstützung.“ Schon bald seien wichtige Standortentscheidungen zu treffen, die Zahlenrelationen von Heer, Luftwaffe und Marine neu zu bestimmen. „Wenn wir jetzt für eine kleinere Bundeswehr planen, müssen wir zugleich auch für eine moderne und in unserem Volk fest verankerte Bundeswehr eintreten.“ So seien in den neuen Bundesländern beträchtliche Investitionen in die dauerhaft zu nutzenden Standorte und Kasernen erforderlich, „deren Zustand nach unseren westlichen Maßstäben für die Soldaten und zivilen Mitarbeiter in der Regel unzumutbar ist“. Zugleich könnten jedoch „in sehr großem Umfang Liegenschaften und Objekte der früheren NVA den Kommunen, ansiedlungswilligen Betrieben und Stiftungen für Natur- und Umweltschutz“ zur Verfügung gestellt werden. 115 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Stoltenberg abschließend: „Am wichtigsten bleibt es, dass unsere Soldaten auch in Zukunft von dem Verständnis und der Sympathie einer großen Mehrheit unserer Mitbürger getragen werden.“ Auch wenn sich die Bundeswehr wie jede Institution der Kritik zu stellen habe, bedürfen die deutschen Streitkräfte „gerade heute und morgen bewährter Freunde, denn sie stehen vor den größten Aufgaben seit der Gründungsphase“. (1990) Guter Übergang von der NVA zur Bundeswehr Einen bemerkenswert guten Übergang von der NVA zur Bundeswehr hat der Befehlshaber des Bundeswehrkommandos Ost, Jörg Schönbohm, Anfang Dezember 1990 konstatiert. Insgesamt seien die Angehörigen der Streitkräfte aus Ost und West stolz darauf, schwierige Aufgaben des Zusammenwachsens bisher gut gemeistert zu haben, sagte der Generalleutnant vor der Presse. Man sei sich mit großer Offenheit gegenübergetreten. Es gebe auch eine große Bereitschaft, Schwierigkeiten gemeinsam zu überwinden. Der General hob in einer ersten Zwischenbilanz kurz nach der Wiedervereinigung besonders das große Pflichtbewusstsein von Offizieren der ehemaligen NVA hervor, die Ende des Monats aus der Bundeswehr ausscheiden. Im Zuge der Reduzierung der Streitkräfte würden bis Ende März nächsten Jahres die ersten 130 Truppenteile aufgelöst. Dies sei auch eine schwierige Aufgabe im menschlichen Bereich. Mehr als 10 000 Bewerber zur Übernahme als SaZ 2 bis zum 12. Dezember 1992 hätten bereits ihre Unterlagen eingereicht. In den vergangenen drei Monaten habe es schon erhebliche Schnitte gegeben. Der Bestand der Bundeswehr in den neuen Ländern sei von 109 000 Angehörigen, davon 32 000 Offiziere, im September auf jetzt 82 000 Angehörige, davon 22 000 Offiziere, reduziert worden. Er gehe davon aus, dass im Rahmen der befristeten Versorgung bis zum 31. Dezember dieses Jahres alle ehemaligen Offiziere der NVA über 50 Jahre sowie ein Teil der Offiziere zwischen 40 und 50 Jahren freiwillig aus dem Dienst ausscheiden. Hunderte NVA-Offiziere haben sich inzwischen an 17 Bildungsstätten der Bundeswehr erste Kenntnisse in der Inneren Führung angeeignet. Entsprechend dieser Konzeption zur Verwirklichung der Werteordnung des Grundgesetzes in den Streitkräften lernten sie dabei die Stellung der Bundeswehr in Staat und Gesellschaft sowie des einzelnen Soldaten innerhalb der Streitkräfte näher kennen. Schwerpunkt in Lehrgängen und Seminaren war das Wehr- und Disziplinarrecht. Im Zentrum Innere Führung in Koblenz erwarben 40 Offiziere und acht Feldwebel von der anderen deutschen Armee seit Juni 1990 neues Wissen vor allem für die Menschenführung. Wie Kommandeur Flottillenadmiral Ulrich A. Hundt erklärte, sei die Innere Führung ein Markenzeichen der Bundeswehr. Diese bekomme immer dann „Hochkonjunktur“, wenn Streitkräftestrukturen und das politische Umfeld sich ändern. Hundt: „Wir haben am Zentrum nahezu täglich mit NVA-Soldaten Kontakt. Wir lernen uns näher kennen, denn wenn wir solch eine Operation starten, übrigens die Anspruchs- 116 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten vollste in meinen 33 Dienstjahren, dann besteht sie darin, nachzuholen, was unsere Streitkräfte seit ihrer Existenz nicht haben machen können – miteinander zu reden.“ Es bedurfte schon einige Überwindungen, mit dem „potentiellen Gegner“ von einst ins Gespräch zu kommen, betonte er. Einen wichtigen Platz nehme dabei das Selbstverständnis von Streitkräften in einer pluralistischen demokratischen Gesellschaft ein. (1990) Eine weitere positive Einschätzung traf der Befehlshaber Monate später während eines Besuchs in der 9. Panzerdivision, einer künftigen Panzerbrigade, in Eggesin (Landkreis Ueckermünde). Die Bundeswehr habe in den neuen Ländern vom ersten Tag an „eine große Zustimmung gefunden“. Von der Haltung und Einsatzbereitschaft der Soldaten der Bundeswehr Ost sei er beeindruckt, sagte er und zeigte sich zufrieden mit dem, was in den vergangenen viereinhalb Monaten erreicht wurde. Hier besuchte der General Einheiten und Einrichtungen der ehemaligen NVA, um sich über die Fortschritte beim Aufbau der neuen Bundeswehrstrukturen ins Bild zu setzen. Die Mehrzahl der Soldaten sei gewillt, „mit uns eine gemeinsame Identität zu entwickeln“, konstatierte der General. „Eine Nachwirkung des ideologisch begründeten Feindbildes, was bei uns im Westen in der Diskussion einmal eine große Rolle gespielt hat, habe ich in meinen vielen Gesprächen und Diskussionen nicht mehr festgestellt.“ Jetzt sei das Individuum und nicht mehr das Kollektiv „das bestimmende Element“, so Schönbohm weiter. Von den Soldaten seien Selbstverantwortung und Eigeninitiative gefordert. Besonders im sozialen Bereich gebe es allerdings noch viel zu tun. Für ihn sei wichtig, dass die Wehrpflichtigen aus Ost und West wissen, „sie dienen demselben Staat“. Schon jetzt erhielten alle Wehrpflichtigen den gleichen Urlaub. Probleme gebe es beim Aufbau eines Unteroffizierskorps, zu dem kurzfristig junge Männer aus der Altbundesrepublik hinzugezogen werden mussten. Während sich das ehemalige NVA-Personal um etwa die Hälfte verringert habe, seien noch immer die Waffen und Munition in vollem Bestand vorhanden. Von den bisher 300 000 Tonnen Munition würden „mit Sicherheit“ 250 000 bis 270 000 Tonnen nicht mehr benötigt und müssten „entsorgt werden“. Von den bisher 900 Truppenteilen und Dienststellen würden 200 bis Ende März aufgelöst. Wie der General weiter informierte, seien von den 600 vom Bundesverteidigungsminister bisher freigegebenen Liegenschaften nur 260 „frei geräumt“. Mit der weiteren Arbeit will das Bundeswehrkommando Ost dazu beitragen, dass ab 1.  April Brigaden und Bataillone entsprechend der Bundeswehrstruktur aufgestellt werden. Bis Ende dieses Jahres werde man über einsatzbereite Kompanien verfügen. Ende 1992 sollen dann die neuen Bundeswehrbrigaden im Osten Deutschlands einsatzbereit sein. Nach Auffassung von Schönbohm habe sich die Zusammenarbeit mit der Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte „gut angelassen“. So sei in Strausberg mit den Militärs aus Wünsdorf ein Abkommen über die Nutzung des Luftraumes durch sowjetische Fliegerkräfte mit „bundesdeutschem Recht“ unterzeichnet worden. (1991) 117 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Bekannte Kommandeure in alter Heimat Generalleutnant Jörg Schönbohm Wohl kaum ein anderer Militär hat sich nach der Deutschen Einheit innerhalb und außerhalb der Kasernen auf dem Gebiet der Ex- DDR, nun Beitrittsgebiet zur Bundes re pu blik, eine solche Popularität erworben wie der Chef vom Bundeswehrkommando Ost. Zwischen Puttgarten und Plauen war der 53-jährige Generalleutnant Jörg Schönbohm (damals kein Parteisoldat, dann CDU-Mitglied) ständig in einer Kaserne zu finden, stellte sich dort auch unbequemen Fragen der Soldaten. Davon gab es nach der deutschen Wiedervereinigung, gerade in dieser Branche, mehr als genug. Obwohl doch hier unter den Uniformträgern nach den Jahrzehnten in den hochgerüsteten Streitkräften des Warschauer Pakts sehr harte Auseinandersetzungen unter dem Personal erwartet wurden. In diesem „Minenfeld“, wie ein westdeutscher Experte diese Aufgabe noch vor seinem Amtsantritt prognostizierte, fand er sich gut zurecht. Schönbohm beeindruckte die ostdeutschen Soldaten mit seiner „Politik der Offenheit“. Er sprach mit Offizieren über ihre berufliche und persönliche Zukunft, ließ kurzfristig wegen der Gefahren für Mensch und Umwelt die in den Kasernen wie in einem Pulverfass gelagerte Munition tonnenweise abtransportieren, setzte sich von Anfang an für bessere soziale Bedingungen der Wehrpflichtigen ein, so beim Essen und beim Sold. Auch sorgte er mit der Aktion „Stühle statt Schemel in den Soldatenstuben“ und mit der täglichen Möglichkeit zum Duschen für ein erträgliches Umfeld. Das Duschen stand in der Vorgängerarmee aus Sparsamkeitsgründen nur einmal in der Woche auf dem Dienstplan. All das geschah nach Sachgesprächen vor Ort im kameradschaftlichen Ton mit den Vorgesetzten der Rekruten. Ein solches respektvolles Auftreten eines Generals mit dieser Machtbefugnis hatten die Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten zuvor noch nicht erlebt. Ich auch nicht! Trotz „Armee des Volkes“ war das ganze Befehls- und Unterstellungssystem, auch nach schikanösen russischen Methoden aufgebaut, sehr oft eine Entwürdigung der betroffenen Personen. Sie waren hier zu allen Tages- und Nachtzeiten dem militärischen Zwang, was aber in einer Armee eigentlich normal ist, sowie den Launen ihrer Vorgesetzten ausgesetzt. Und da war der Spielraum für manchen dieser machtbewussten NVA-Militärs unendlich. Beispiel: „Kommen Sie noch mal zurück!“ Das war die Lieblingsvokabel eines Vorgesetzten bei Verweigerung des militärischen Grußes in und außerhalb der Kaserne. Als der gebürtige Mark-Brandenburger einen Tag nach der Wiedervereinigung in Strausberg zum ersten Mal vor seine Unterstellten trat, offenbarte er sein Credo für diese keines- 118 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten falls einfache Mission: „Wir kommen nicht als Sieger zu Besiegten. Wir kommen als Deutsche zu Deutschen.“ Das kam an! Bereits in den ersten Wochen und Monaten beeindruckten ihn Umdenkungsprozesse im Offizierskorps, das damals mit einem klaren Feindbild ausgerüstet war, mehr als die flinke Beflissenheit von Wendehälsen. Jedem, der es wollte, reichte er die Hand – zeigte, dass die Bundeswehr in ihrer Legitimation, mit verfassungsmäßigen Grundlagen und in ihrer inneren Ordnung eine „radikal andere Armee ist als die NVA“. Das hat er oft so gesagt. Der Weg des Artilleristen, so konnte man seinen Personalien entnehmen, führte vom Feuerleitoffizier über mehrere Kommandeursfunktionen auf den Ebenen Bataillon, Brigade und Division bis zum Planungschef des Bundesverteidigungsministers und Adjutant von Minister Manfred Wörner. Er galt als Kandidat für die Stellung eines Generalinspekteurs. Wie oft musste er an die Worte seines Vaters denken, als es nach dem Abitur 1957 in Kassel um die Frage ging: „Offizierslaufbahn – ja oder nein?“ und dieser ihm sagte: „Junge, lerne einen anständigen Beruf. Du weißt, was aus Offizieren geworden ist.“ Nach Auflösung der Bundeswehr Ost wurde Schönbohm Inspekteur des Heeres. Später sogar Staatssekretär auf der Hardthöhe sowie Senator in Berlin und Minister in Potsdam. Und trotzdem blieb er ostdeutschen Bundeswehreinheiten eng verbunden. Bis zum Tod 2019. In Strausberg, dem einstigen Sitz des DDR-Verteidigungsministeriums, wirkte Schönbohm ganz vorne mit an der Pilot-Aufgabe der gesamtdeutschen Bundeswehr. Er hat sie gut erfüllt. Man wird den Generalleutnant in den neuen Bundesländern, das sagte mir ein Unteroffizier in einer mit Leopard-Panzern ausgerüsteten Schweriner Einheit, in guter Erinnerung behalten – als „Soldat unseres Vertrauens“. General Werner von Scheven General Werner von Scheven, 1937 geboren und in Berlin und Gießen aufgewachsen, war auch nach 37-jähriger Dienstzeit bei der Bundeswehr an diesem September-Tag 1994 wie bei ähnlichen Situationen in seiner abwechslungsreichen Laufbahn sichtlich bewegt: Als Kommandierender General und Befehlshaber des Korps und Territorialkommandos Ost verabschiedete er sich in Potsdam bei einem Kommandowechsel von seinen Unterstellten. „Ich werde versuchen, jedem von Ihnen noch einmal in die Augen zu sehen“, sagte er vor dem Abschreiten der Front, was nicht nur den Angetretenen während dieses militärischen Appells nahe ging. „Dabei empfinde ich eine tiefe kameradschaftliche Verbundenheit mit Ihnen.“ Solche persönlichen Worte der Achtung und Anerkennung gehörten auch in diesem Lebensabschnitt zu seiner bevorzugten Sprache. Nachdem von Scheven im April 1991 auf diesem Platz vom damaligen Heeresinspekteur in das Kommando eingesetzt worden war, galt es, eine aktive Truppe mit zwei Divisionen und zwei Wehrbereichskommandos in der Hee- 119 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet resstruktur 5 aufzubauen und auszubilden. Zudem wurden nicht nur drei Viertel aller Liegenschaften im geräumten Zustand für andere Bestimmungen abgegeben und der militärische Nachlass der DDR, zunächst an 100 Plätzen sicher verwahrt, aufgelöst. Wenn die übernommenen Berufssoldaten der NVA „fachlich voll qualifiziert“ sind und „an den regelmäßigen Personal- und Ausbildungsmaßnahmen der Bundeswehr gleichberechtigt teilnehmen“, so seine Einschätzung, dann hat er wohl keinen geringen Anteil daran. Mehr noch: Er hat die neue Armee an entscheidender Stelle mitgeprägt. Auch für die etwa 100 000 jungen Männer aus den östlichen Bundesländern, die „bei uns ihren Grundwehrdienst geleistet“ haben, galt: „Die Grundsätze der Inneren Führung sind unser Maßstab.“ Schon im Juni 1990 sagte der Kommandeur der Führungsakademie einer NVA-Delegation: „Wir gehen auch bei Ihnen von einer Berufswahl aus, bei der Dienst am Frieden in einem Deutschland, von dem nie wieder Krieg ausgehen darf, ein leitendes Motiv war und bleibt. Das zumindest könnte uns alle verbinden.“ Immerhin gehörten zu seinem Verantwortungsbereich mehr als 40 000 Soldaten des Heeres, 340 der Luftwaffe und Marine sowie knapp 7 000 zivile Mitarbeiter in den östlichen Bundesländern, einschließlich Berlin. Sie hatten seit vier Jahren ungewöhnliche Aufgaben zu bewältigen, packten diese unter einmaligen Umständen an. „Es gab dafür oft kein Lehrbuch und keine Dienstvorschrift. Nicht einmal Erfahrungen anderer konnten genutzt werden.“ Dennoch dienten die Beteiligten, die zu einem Teil aus der alten Bundeswehr und zu einem anderen Teil aus der NVA stammten, „mit Idealismus. Sie arbeiten hart in dem Bewusstsein, dass die Zusammengehörigkeit der Truppe die Zusammengehörigkeit der Deutschen fördert.“ Man habe „gemeinsam all das Neue gelernt, weil für alle nichts mehr so ist, wie es vor 1990 einmal war“. So hätten die mehr als 6 000 Ex-NVA-Berufssoldaten in seinem Kommandobereich „sich beruflich und menschlich bewährt. Sie sind integriert, sie haben die faire Chance ergriffen, die ihnen der Bundesminister der Verteidigung im Jahre 1990 anbot.“ „Alles in allem stelle ich fest, dass sich die Bundesrepublik Deutschland und die Nordatlantische Allianz auf ihre Truppe hier in den östlichen Bundesländern voll und ganz verlassen kann. Es gibt hier ein großes Potential an Pflichtbewusstsein“, sagte er und sprach allen seine „besondere Anerkennung“ aus. Am Ende seines Berufslebens erlebe er diesen Abschnitt „heiter und zufrieden“. Das kann Werner von Scheven in seiner einstigen märkischen Heimat durchaus sein. Die Erinnerung mit seiner Frau in Hamburg an den Mauerfall: „Am liebsten wären wir mit dem Auto nach Berlin gefahren, der Heimat meiner Kindheit, dann der Mutter und meiner Geschwister. Aber der Reiseerlass des Bundesministers der Verteidigung hatte schon Jahrzehnte lang die DDR für Leute wie mich – Geheimnisträger – zum Sperrgebiet gemacht.“ 120 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Er hat mitverantwortlich teilgenommen, als das militärische Erbe der DDR der Befehls- und Kommandogewalt des Bundesministers der Verteidigung zugeteilt wurde. Dann gingen bekanntlich die Teilstreitkräfte der Bundeswehr hier zunächst gemeinsam, in mancher Hinsicht auch verschieden bei der Auflösung der NVA und der Aufstellung der neuen Komponenten vor. Als Bundeskanzler Helmut Kohl im Juli 1993 bei Potsdam den ersten Besuch bei der Bundeswehr im Osten machte, meldete Generalleutnant von Scheven: „Herr Bundeskanzler, wir finden hier soviel guten Mut und Fröhlichkeit bei der Arbeit, dass wir auf diese Truppe setzen können. Es ist eine Freude, diese Truppe zu führen.“ Wiederholt trat der General der seiner Meinung nach „falschen Vorstellung entgegen, am 3. Oktober 1990 seien zwei deutsche Armeen zu einer zusammengeführt worden. So etwas hatte niemand beabsichtigt, außer vielleicht Minister Eppelmann in einer kurzen Phase seiner ohnehin kurzen Zeit als Minister. So ist es nicht vor sich gegangen und so hätte es auch nicht funktionieren können.“ „Meine Antwort ist, weil die Streitkräfte in den beiden deutschen Staaten von Grund auf und in beinahe jeder Hinsicht verschieden, ja gegensätzlich waren: Man kann durchaus sagen, dass sich auf dem Boden zweier deutscher Staaten zwei völlig verschiedene militärische Kulturen entwickelt und nebeneinander existiert haben.“ So zielte der Sozialismus „auf Überwindung des westlichen Gesellschaftssystems“. Die DDR habe sich selbst „aus der Abgrenzung und scharfen Ablehnung des anderen deutschen Staates“ definiert. Und die NVA habe „in ihrer 40-jährigen Existenz mit erstaunlich gro- ßer Beflissenheit versucht, das sowjetische Vorbild bis in alle Einzelheiten nachzuahmen“. Das gelte ebenso für das Freund-Feind-Denken, für das Sicherheitsdenken und die extreme Geheimniskrämerei, schließlich auch für die Verstrickung von Armeeangehörigen in den Staatssicherheitsdienst. Das treffe auf die Struktur von Dienstgraden und Dienststellungen, „besonders die für uns fremde straffe Abgrenzung der Dienstgradgruppen“, zu. Zu seinen Erfahrungen gehöre die Probezeit für alle Bewerber, ob Offizier oder Unteroffizier, aus dem Osten mit einer fairen Chance und wachsender militärischer Verantwortung. „Insgesamt scheint der Integrationsprozess der Bundeswehr weiter vorangekommen zu sein, als wir uns das am Anfang vorgestellt haben. Das deutsch-deutsche Fremdsein im Ost- West-Verhältnis ist in der Truppe schneller überwunden worden, als im Zivilleben.“ Allerdings bleibe „das geistige Zusammenwachsen bei allen Fortschritten eine Generationsaufgabe“. (1994) Generalleutnant Jürgen Höche Die Herstellung der deutschen Einheit darf trotz aller damit in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens verbundenen Schwierigkeiten und Probleme als ein außergewöhnlicher Glücksfall in der Geschichte des deutschen Volkes angesehen werden. So Generalleutnant a.D. Jürgen Höche, von 1993 bis 1995 Kommandeur der 5./3. Luftwaffendivision und Pilot mit mehr als 3 000 Flugstunden. Wie der gebürtige Berliner betonte, „neigen wir Deut- 121 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet schen dazu, die Schwierigkeiten im Einigungsprozess über Gebühr zu betonen, während von den ungeheuren Leistungen, die im Rahmen dieses Prozesses erbracht worden sind, im Ausland mit großer Anerkennung und Achtung gesprochen wird“. Als Höche im Frühjahr 1993 in Eggersdorf/Strausberg in der Nähe seiner Heimatstadt die 5. Luftwaffendivision als Divisionskommandeur übernahm, begegnete ihm zumindest in seinem Stab schon ein aus Ost und West gemischter Personalbestand. Nur noch beim genauen Hinsehen oder vielmehr beim Hinhören konnte man am Dialekt oder an bestimmten Sprachgewohnheiten die Herkunft der einzelnen Personen erschließen. Die Aufgaben der Division mit allen noch nicht aufgelösten Truppenteilen der NVA-Luftstreitkräfte bedeutete: Abbau nicht mehr benötigter Truppenteile, Umbau von Verbänden nach den Kriterien der Bundeswehr, Aufbau von neuen Truppenteilen im Beitrittsgebiet durch Verlegungen von West nach Ost sowie erstmalige oder neuerliche Nato-Einsatzbefähigung. „All das wurde von allen Angehörigen der Division mit Engagement, großer Sorgfalt, Kreativität und gegenseitiger Achtung durchgeführt.“ „Ich hatte die Genugtuung, diese gelungene Integration nicht nur in meinem Stab, sondern auch hautnah immer wieder an der Basis im Geschwader in Preschen und später in Laage zu erleben. 1993 schulte mich ein in den NVA-Luftstreitkräften ausgebildeter Fluglehrer auf die MiG-29 um, die ich das Vergnügen hatte, bis zum Jahr 2002 zu fliegen. In der MiG- 29-Staffel arbeiteten ehemalige NVA-Flugzeugführer und Flugzeugführer der alten Bundeswehr, die auf dieses Muster umgeschult hatten, Hand in Hand.“ An diesen Leistungen um die deutsche Einheit haben die Bürger der ehemaligen DDR einen Anteil, der nicht hoch genug bewertet werden kann, betonte er. „Sind sie doch nicht nur diejenigen, die durch ihre friedliche Revolution im Jahre 1989 diese Einigung erst möglich gemacht haben. Sie sind auch diejenigen, die sich – bedingt durch den Beitritt der DDR beziehungsweise der fünf neuen Bundesländer und Ostberlins zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland – in fast allen Belangen des öffentlichen Lebens auf neue Bedingungen und Verfahren umstellen mussten, während die Bürger im westlichen Teil unseres Vaterlandes kaum Veränderungen in ihrer Lebensweise erfahren haben.“ Dieser Anpassungsprozess an das System der Bundesrepublik war überall dort besonders erfolgreich, wo Kräfte aus Ost und West gemeinsam ohne Vorurteile und in gegenseitiger Achtung vor der Leistung des jeweils anderen an dieser Aufgabe gearbeitet haben. Zum Erstaunen vieler Mitbürger seien diese Anpassung und die Eingliederung von Personal in eine bestehende Institution der Bundesrepublik am schnellsten und am effektivsten auch nach der Überzeugung vieler Beobachter in der Bundeswehr gelungen. Sobald die neue DDR-Führung im späten Frühjahr 1990 bekundete, der Bundesrepublik Deutschland beitreten zu wollen, konnten die ohnehin unrealistischen Vorstellungen von zweierlei Streitkräften im wiedervereinigten Deutschland zu den Akten gelegt werden. Es konnte mit diesem Beitritt nur eine gesamtdeutsche Bundeswehr nach der Wehrverfassung der Bundesrepublik geben. Damit war auch klar, dass die Verschmelzung nur mit der 122 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Auflösung der NVA und der teilweisen Integration von Personal und Material der NVA in diese neue gesamtdeutsche Bundeswehr erfolgen wird. Es war mehr als zweckmäßig, diese Umwandlung in den neuen Bundesländern von in der alten Bundeswehr geschulten militärischen Führern steuern und leiten zu lassen. Aber diese Führer kamen nicht als Sieger – denn gesiegt hatten die Bürger der DDR und das westliche Wertesystem - , sondern als Vorgesetzte mit dem Bewusstsein, Verantwortung für Kameraden zu tragen. Kameraden, die sich mit den Gepflogenheiten, Rechten und Pflichten sowie den militärischen Anforderungen einer Armee in der Nato vertraut machen und sie verinnerlichen müssen, um ein gleichwertiges Glied dieser für sie neuen Gemeinschaft werden zu können. Mit der Umwandlung der 5. Luftwaffendivision in eine normale Luftwaffendivision (Nummer 3) Mitte 1995 und der Verteilung der in den neuen Ländern stationierten Truppenteile auf vier verbleibende Luftwaffendivisionen – nach funktionalen und nicht mehr nach regionalen (NVA-Gebiet) Gesichtspunkten – wurde ein wesentlicher Meilenstein bei der Schaffung einer einheitlichen Luftwaffe erreicht. Vom Dezember 1999 bis zum Ausscheiden aus dem aktiven Dienst nach 42 Dienstjahren im September 2003 war Generalleutnant Höche Stellvertreter des Befehlshabers der Alliierten Luftstreitkräfte Nord mit dem Hauptquartier (HQ AIRNORD) auf dem Flugplatz Ramstein. Zuvor diente er als Befehlshaber des Luftwaffenunterstützungskommandos in Köln. General Hans Peter von Kirchbach Hans Peter von Kirchbach wurde 1941 in Weimar in einer Offiziersfamilie geboren und nach dem Abitur 1960 Soldat. Seine Karriere als Panzerartillerist verlief normal: Bataillonskommandeur, Referent im Führungsstab der Streitkräfte, Chef eines Divisionsstabes, Leiter des Planungsstabes im Ministerium, Kommandeur einer Panzerbrigade. Trotzdem vollbrachte er hier Wunder, gerade bei der Integration und seinem Engagement für Ost und West. Nach der Wiedervereinigung war er Divisionskommandeur und Befehlshaber im Wehrbereich VIII. Die Ostler hier in der nun auch wirtschaftlich arg gebeutelten Gegend von Mecklenburg- Vorpommern sahen in ihm ein „Idol“, vor allem, weil er sich mit Zuneigung auf die Menschen einstellen und junge Leute begeistern konnte. Daher auch sein Spitzname „Oberpfadfinder“. Keine Überraschung war 1997 sein Wirken als „Held an der Oder“, wo er den Bundeswehr-Einsatz von 30 000 Soldaten führte. Sie halfen bei der Evakuierung der Gebiete, erhöhten die aufgeweichten Dämme, dichteten diese ab und verstärkten sie. Von Kirchbach: „Die Soldaten werden keinen Meter aufgeben und alles Menschenmögliche tun, um den Damm zu halten.“ Er war rund um die Uhr im Krisengebiet unterwegs, berichtete sein Adjutant. „Es war ihm Herzenssache, den Menschen zu helfen.“ 123 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Das fand nicht nur große Aufmerksamkeit im Bundesland Brandenburg, sondern auch beim Kanzler und beim Minister. Dann wurde von Kirchbach nach seinem Engagement in der Kommission zur Bekämpfung des Rechtsradikalismus in der Bundeswehr zum Kommandierenden General des IV. Korps in Potsdam berufen. Als er 1998 Generalinspekteur wurde, kommentierte die F.A.Z.: „Nicht nur das bis bisher erworbene Ansehen und seine Verdienste um die ‚Armee der Einheit‘, sondern auch der Mangel an Geltungsbedürfnis und seine ruhige Entschlossenheit, die ihm nachgesagt werden, prädestinierten Kirchbach für das Amt. Eine kluge Entscheidung des Verteidigungsministers.“ Jahre später resümierte von Kirchbach: „Mein Leben hat wie bei vielen anderen durch die deutsche Vereinigung einen völlig anderen Verlauf genommen, als das zuvor absehbar gewesen wäre. Die Erlebnisse der Jahre 1989, 1990 und 1991 waren ein Kulminationspunkt meines dienstlichen und privaten Lebens. Wir mussten in der Grauzone handeln, uns wurde professionell und menschlich alles abverlangt, was wir zu leisten imstande waren. In solchen Lagen kommt es entscheidend auf den Kompass an, von dem das Handeln geleitet wird. Mit den Worten: ‚Wir kommen nicht als Sieger zu Besiegten, sondern als Deutsche zu Deutschen‘ hatte uns der damalige Befehlshaber einen solchen Kompass gegeben. Seine Anwendung erwies sich als Schlüssel zum Erfolg.“ (Was war und was bleibt, Potsdam 2008, S. 46) Wehrbeauftragter fordert soziale Angleichung Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Alfred Biehle, hat sich 1991 nachdrücklich für eine „schnellstmögliche Angleichung der sozialen Leistungen für die Soldaten in den alten und den neuen Bundesländern“ ausgesprochen. In bislang über 380 Eingaben hätten sich Soldaten aus dem Gebiet der ehemaligen DDR über das „Zwei-Klassen-System“ in der Bundeswehr beschwert. Sie fühlten sich „im Vergleich zu ihren westlichen Kameraden schlechter gestellt“. Das Gefühl der Benachteiligung jedoch müsse so schnell wie möglich abgebaut werden, „denn schließlich geloben die Wehrpflichtigen in Ost und West, ein und demselben Staat treu zu dienen“. Diese Proteste halte er für berechtigt. Die Wehrpflichtigen aus den neuen Bundesländern leisteten ihren Grundwehrdienst genauso ab wie ihre Kameraden im Westen. Die Bundesregierung müsse daher die Unterschiede beim Weihnachts- und Entlassungsgeld beseitigen. Sonst drohten soziale Konflikte. Bereits jetzt überlegten Wehrpflichtige aus den neuen Ländern, wegen der höheren Vergütung ihren Wohnsitz in den Westen zu verlegen. Die jüngste Entscheidung des Bundeskabinetts, das Weihnachts- und Entlassungsgeld für die Soldaten in den fünf neuen Bundesländern auf 250 und 500 Mark zu erhöhen, nannte der Wehrbeauftragte nicht ausreichend. Das könne nur eine „Übergangslösung“ sein. In Westdeutschland erhalten Wehrpflichtige derzeit 390 Mark Weihnachtsgeld und 2 500 Mark Entlassungsgeld. 124 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Der Wehrbeauftragte forderte auch eine Verbesserung der sanitären und hygienischen Verhältnisse in den NVA-Kasernen. Diese seien in einem teilweise „katastrophalen Zustand“. Das betreffe vor allem die Küchen und Toiletten. In den Küchen seien die hygienischen Verhältnisse zum Teil derart desolat, dass sie „im Westen sofort geschlossen“ würden. Zur inneren Verfassung der Truppe in den neuen Ländern äußerte sich Biehle recht optimistisch. Die Soldaten und Offiziere brachten eine „gute Motivation“ zum Wehrdienst mit und verrichteten mit „gesundem Selbstbewusstsein“ ihren Dienst. Viele von ihnen hätten zwar noch unklare Vorstellungen über das im Westen geprägte Bild vom Soldaten als „Staatsbürger in Uniform“. Er sei aber sehr zuversichtlich, dass sich das schnell ändern werde. Übrigens zeigte die Ausfallquote der einberufenen ostdeutschen Wehrpflichtigen im Januar 1991, die der Einberufung zum Wehrdienst nicht folgten, dass diese sehr viel geringer ist als die im Westen, wo diese Zahl über zehn Prozent beträgt. Auch die Leistungsbereitschaft war vom ersten Tag an vorhanden. Und viele Wehrpflichtige aus den neuen Ländern, die Arbeit hatten, sind dennoch bei der Bundeswehr geblieben. Auch weil sie hier eine vielseitige Ausbildung bekommen können. Es sei überhaupt „einmalig in der Geschichte, dass zwei Streitkräfte zusammengeführt werden – nicht um größer zu werden, sondern um sie dann zu reduzieren“, führte der CSU- Politiker aus. Der Bundesverteidigungsminister begrüßte den Bericht. Noch bestehende Unterschiede im finanziellen Bereich der Grundwehrdienstleistenden bei der sozialen Absicherung, aber auch bei der Infrastruktur „sollten bald abgebaut werden“. Biehle hatte bei der Eröffnung eines Freizeittreffs der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Soldatenbetreuung (KAS) in der Storkower Küchensee-Kaserne der Pionierbrigade 80, der allen jungen Leuten aus der Umgebung offensteht, ein besonderes Erlebnis. Es hat ihn wohl noch mehr beeindruckt, als die neue Stätte kultureller Betreuung, wo ein Drittel der Kinobesucher Zivilisten waren. Wie Kommandeur Ernst-Georg Krohm berichtete, wurde als eine seiner ersten Amtshandlungen die Mauer um die Kaserne „wie die Berliner Mauer niedergerissen“ und durch einen Maschendrahtzaun ersetzt. So habe man die Bundeswehr-Einrichtung zu einer „gläsernen Kaserne“ gemacht. Dass die Storkower in der Vergangenheit im Zusammenleben mit der NVA ganz andere Erfahrungen hatten, betonte Bürgermeisterin Gabriele Baum: „Was wir heute erleben, gefällt uns doch sehr viel besser.“ In seinem letzten Bericht 1995 nach fünfjähriger Amtszeit warnte Biehle vor einer zweigeteilten Armee. Die Aufteilung der Bundeswehr in Krisenreaktions- und Hauptverteidigungskräfte würde von vielen Soldaten „skeptisch beurteilt“. Es bestehe die Befürchtung, dass Auslandseinsätze zur Hauptaufgabe der Bundeswehr würden, während die Landesverteidigung in den Hintergrund trete. 125 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Erstes öffentliches Gelöbnis in neuen Ländern Nur zwei Wochen nach der deutschen Wiedervereinigung und der Bildung gesamtdeutscher Streitkräfte fand am 19. Oktober 1990 in Bad Salzungen (Thüringen) das erste öffentliche Gelöbnis der Bundeswehr in den neuen Ländern statt. Auf dem historischen Marktplatz der Kurstadt gelobten 250 junge Wehrpflichtige der ehemaligen Nationalen Volksarmee, nun im Waffenrock der Bundeswehr, „der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und Recht und Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen“. Anwesend waren viele Angehörige der Rekruten und Einwohner. Die Garnisonsstadt eines NVA-Mot. Schützenregiments war nicht zufällig für das Gelöbnis auserwählt worden: Hier an der Nahtstelle zwischen Ost und West wäre zuerst der Kalte Krieg zwischen den Militärblöcken in einen heißen umgeschlagen. Verteidigungsminister Gerhard Stoltenberg betonte in einer Ansprache die enge Verbindung der Soldaten mit dem Volk. „Die Armee unseres Staates hat keinen Grund, sich in den Kasernen zu verstecken. Vielmehr gehört die Bundeswehr unter die Bürger, aus denen sie besteht. Denn unsere Soldaten sind Söhne, Brüder, Ehemänner, Freunde derjenigen, die heute hier stehen und für die sie ihren Dienst leisten. Nicht nur die Soldaten bekennen sich zur Bundeswehr, sondern auch die Besucher. Sie bringen damit bei diesem ersten feierlichen Gelöbnis in den fünf beigetretenen Ländern nach der Vereinigung Deutschlands nicht nur ihr Interesse, sondern – wie ich hoffe und wünsche – auch die Verbundenheit zwischen den zivilen Bürgern Deutschlands und unseren Streitkräften und den Soldaten zum Ausdruck. Bad Salzungen hat ja – wie andere Städte und Gemeinden unseres Landes – in seiner langen Geschichte viele Begegnungen mit Soldaten gehabt, angesichts seiner wandelvollen Geschichte nicht immer gute. Das Verhältnis der Bürger zum Staat und zu den Soldaten veränderte sich mit dem Verständnis der Soldaten von ihrer Aufgabe im Staat und mit der Aufgabe, die der Staat seinen Soldaten zuweist. Heute regieren in Bund, Ländern, Städten und Gemeinden frei gewählte Parlamente, die den Willen der Bürger repräsentieren und unserer freiheitlichen Verfassung, dem Grundgesetz, verpflichtet sind. Die Soldaten in Bad Salzungen sind weder Besatzungstruppen noch der verlängerte Arm einer Diktatur. Ihre Aufgabe ist es, ihre Mitbürger, unser Land, unsere Verfassung gegen Gewalt oder Androhung von Gewalt zu schützen. Unsere Soldaten sollen Krieg verhindern und Frieden sichern, dafür dienen sie nach dem Willen unserer Verfassung. Am 3. Oktober hat sich der Auftrag unserer Verfassung, in freier Selbstbestimmung die Einheit und Freiheit Deutschlands zu vollenden, erfüllt. Nach mehr als vier Jahrzehnten aufgezwungener Teilung leben wir Deutschen wieder zusammen in einem Staat. Triebfe- 126 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten der des atemberaubend schnell verlaufenden Einigungsprozesses war der starke Wille zur Freiheit und Einheit bei der großen Mehrheit unserer Landsleute hier in Ostdeutschland und das Festhalten an der Idee der Einheit durch die Mehrheit der Bürger in Westdeutschland. Aber vergessen wir zu dieser Stunde nicht, die Unterstützung unserer Freunde sowie das Verständnis und die Beiträge unserer Nachbarn zu würdigen, ohne die sich die deutsche Einheit wohl kaum so rasch vollzogen hätte. Wir können den schwierigen Übergang zu gesamtdeutschen Streitkräften nur gemeinsam schaffen. Die guten Erfahrungen der ersten beiden Wochen haben mich in meinem Bestreben, um die positive Mitarbeit aller zu werben, bestärkt. Auf diesem Weg, der allein zukunftsweisend ist, gilt es fortzufahren. Voraussetzung dafür ist, dass jeder weiß und spürt: Wir dienen demselben Vaterland, derselben Rechtsordnung, wir lassen uns von denselben demokratischen Idealen leiten. Wohl nie zuvor in der Geschichte hat es für deutsche Streitkräfte und deutsche Verteidigungspolitik ein lohnenderes Ziel gegeben. Lassen Sie uns dafür alle gemeinsam arbeiten. Sie, die jungen Soldaten der Bundeswehr, leisten ihren Dienst für unsere Gemeinschaft, für die Freiheit unseres Landes, für die Sicherheit und den Frieden unserer Mitbürger. Die Bundeswehr muss fest in unserem Volk verankert sein. Unsere Soldaten sind Bürger unter Bürgern. Sie sollen am Leben der Städte und Gemeinden teilnehmen, in den  kommunalen Einrichtungen, in den Vereinen, in Kultur und Gesellschaft – auch bei der Pflege heimatlichen Brauchtums. Und Sie helfen mit, wo Not am Mann ist, bei Katastrophen, in Unglücks- und Notfällen. Unser vereintes Deutschland bedarf der verteidigungspolitischen Absicherung nach außen. Besonders bei den Wandlungen dieser Monate und der kommenden Jahre bleiben wir auf Verteidigungsfähigkeit angewiesen, um Selbstbestimmung, die Unversehrtheit unseres Landes und unsere politische Handlungsfreiheit zu gewährleisten. Unsere Streitkräfte sind unsere Versicherung gegen Risiken und Gefahren, die wir auch in Zukunft nicht ausschließen können. Die Teilung unseres Landes ist überwunden. Nun gilt es, das trennende im Denken und Empfinden zu beseitigen. Die Soldaten stehen dabei vor einer besonderen Herausforderung, sie müssen und werden zum Miteinander finden. Ihnen, den jungen Wehrpflichtigen, die Sie heute ihr feierliches Gelöbnis ablegen, sage ich: Unser Land, unsere Heimat braucht Ihren Beitrag in der Bundeswehr. Worte und Wünsche allein können den Frieden nicht dauerhaft sichern. Wehrlosigkeit war nie und ist auch in Zukunft kein Garant des Friedens, sondern fordert Gewalt geradezu heraus. Unsere Sicherheit gemeinsam mit den Verbündeten und im Rahmen eines sich bildenden gesamteuropäischen Systems auch mit unseren Nachbarn im Osten glaubhaft gewährleisten zu können: Das ist der friedenssichernde Auftrag unserer Bundeswehr. Denken Sie bitte während ihrer gesamten Wehrdienstzeit daran: Sie leisten einen Dienst für die Gemeinschaft freier Menschen, in der wir alle leben dürfen und leben wollen, und Sie erleben heute, wie diese Gemeinschaft freier Menschen sich erweitert und vergrößert.“ 127 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Mit einem Marsch, intoniert vom Heeresmusikkorps, ging das Zeremoniell zu Ende. Am Rande hielten Anhänger der Friedensbewegung einzelne Transparente mit Aufschriften wie „Schwerter zu Pflugscharen“ aus DDR-Zeiten in die Höhe. Forschungsamt: Kalter Krieg und Deutsche Einheit Unmittelbar nach dem 3. Oktober 1990 forderte der Generalinspekteur vom Führungsstab der Streitkräfte, man solle doch prüfen, welche der rund 50 zentralen militärischen Dienststellen, die dem Stellvertreter des Generalinspekteurs allein in der alten Bundesrepublik unterstehen, an Standorte in den neuen Ländern verlegt werden können. Genannt wurden Einrichtungen wie das Amt für militärisches Geowesen, Materialdepots, Universitäten, Sprachschule, Zentrum Innere Führung, Amt für Militärkunde, Militärgeschichtliches Forschungsamt. Mit anderen Worten: Die Verantwortlichen auf der Bonner Hardthöhe sollten dort nicht nur Kasernen, Fliegerhorste und Marinestützpunkte für die neuen Truppen einrichten. Auch ein geistiges Zentrum sollte im Osten entstehen. Der Westen wollte also etwas von den bewährten Einrichtungen wie Offiziers- und Unteroffiziersschulen „abgeben“. Die Antwort lautete: Keine – ausgenommen die Hundeschule (Schule für Diensthundewesen der Bundeswehr). Dazu veröffentlichte die F.A.Z. vom 4. April 1991 einen Artikel von Militärredakteur Karl Feldmeyer unter der Überschrift: „En canaille – oder wie die Bundeswehr auf den Hund kam – Die Hardthöhe denkt an Deutschland – und schläft ruhig weiter“. Der Autor schlussfolgerte: „Sozialverträglichkeit“ und „Akzeptanz“ haben eben im Westen „Vorrang vor Solidarität mit den Deutschen im Osten“. Hätte auch heißen können: Sozialverträglichkeit und Heimatnähe als Komfort für die Truppe. In den gehobenen Einrichtungen dieser Art der Bundeswehr signalisierten Militärangehörige und zivile Kräfte bei der Überlegung ihres obersten Dienstherrn, künftig im Beitrittsgebiet Dienst zu leisten, zum Teil heftigen Widerstand. Vordergründig wurden dienstliche Einschränkungen genannt, die dann entstehen und die Arbeit beeinträchtigen würden. Aber oft ging es, für den Außenstehenden zum Teil verständlich, um private Dinge wie den Umzug der Familie in das Gebiet der Ex-DDR. Für manchen Westdeutschen, auch in der Bundeswehr, eine Zumutung. Heftigen Widerstand gab es im Sozialwissenschaftlichen Institut der Bundeswehr vor seinem Umzug aus München nach Strausberg. Etwa drei Viertel der 21 beamteten Mitarbeiter versuchten beim Bayerischen Verwaltungsgericht, dieses Vorhaben mit juristischen Mitteln zu stoppen. Man verklagte die Regierung. Für einen ostdeutschen Bürger war dieses Gerangel zu jener Zeit, als Hunderttausende Bürger – auch ohne SED-Parteibuch und Stasi-Belastung – ihren Arbeitsplatz regelrecht über Nacht verloren hatten, völlig unverständlich. Im Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA) in Freiburg, so die Überlieferung, soll damals ebenfalls gegen ein solches Vorhaben der Bundeswehrführung debattiert worden 128 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten sein. Zumal Potsdam, als neuer Arbeitsort für die Militärhistoriker im Gespräch, mit seiner militärischen Vergangenheit doch nicht der rechte historische Ort für eine fruchtbringende, wissenschaftliche Forschung sein könnte, lautete ein Argument der Umzugsgegner. Stoltenbergs Nachfolger Rühe, der von Anfang an das „Teilung durch Teilen überwinden“ trotz knapper Kassen zu seinem Leitbild gemacht hatte und mit der von ihm bekannten Leidenschaft vertrat, hielten diese Argumente im Dezember 1992 nicht von seinem Entschluss ab, den Umzug von Freiburg im Breisgau in Brandenburgs Landeshauptstadt anzuweisen. Als neue Wirkungsstätte erwartete die westdeutschen Militärhistoriker die Hohenzollern-Villa Ingenheim. Zuvor war hier der Sitz des Militärgeschichtlichen Instituts der DDR. Ich war bei der offiziellen Begrüßung der Militärhistoriker um Brigadegeneral Günter Roth an ihrer neuen Wirkungsstätte zugegen. Nach aufwendigen Renovierungsarbeiten erstrahlte die Villa in altem Glanz. Sie wurde wieder zu einer Sehenswürdigkeit in der Vorstadt von Potsdam. Den „Startschuss“ für die Aufnahme der Arbeit gab Rühe im September 1994 während einer für mich sehr beeindruckenden Feierstunde im Schlosstheater des Neuen Palais. „Dies ist ein weiterer Meilenstein beim Aufbau der Bundeswehr im Osten Deutschlands, ein Baustein für die Armee der Einheit“, betonte er. Allein in dieser Stadt begegne man „auf Schritt und Tritt der deutschen Geschichte – mit ihren Glanzpunkten und ihren Schattenseiten“. Der Minister kündigte weitere Verlegungen von Verbänden und Dienststellen der Streitkräfte an. Die einstige Residenz und Soldatenstadt mit ihren Erinnerungen an die totale Niederlage 1945 (Potsdamer Abkommen) war vorher ebenso der Wehrmachts-Standort für das Infanterieregiment 9 mit führenden Köpfen des militärischen Widerstandes gegen Hitler. Hier haben auch der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sowie General a.D. Wolf Graf von Baudissin, der geistige Vater der Inneren Führung der Bundeswehr, gedient. Als ein unverzichtbares Fundament dessen Leitbildes gilt seither geschichtliches Bewusstsein. Daher ist auch für die Bundeswehr die historische Bildung so wichtig. Vor diesem Hintergrund würdigte der Minister den „hervorragenden Ruf “, den das MGFA schon zu jener Zeit in Deutschland und im Ausland genoss. „Hier gedeiht moderne Militärgeschichtsschreibung nach den Prinzipien der Freiheit von Forschung und Lehre. Sie begreift die Streitkräfte als integralen Teil des politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens. Eine isolierte Militärhistorie oder amtlich verordnete, zweckgebundene Geschichtsschreibung gibt es nicht.“ Das MGFA war 1957 als Militärgeschichtliche Forschungsstelle in Langenau bei Ulm gegründet worden. Einer der ersten Anknüpfungspunkte galt der preußischen Heeresreform mit General Gerhard von Scharnhorst: An dessen 200. Geburtstag, am 12. November 1955, erhielten die ersten freiwilligen Soldaten der Bundeswehr die Ernennungsurkunde. Das Amt zählt heute zu den ältesten Forschungseinrichtungen im Bereich des Bundesministeriums der Verteidigung. Man erforschte und deutete nach eigenen Angaben die Vergangenheit mit der vergleichenden, kritisch-reflektiven Methode und einem interdisziplinären Ansatz. 129 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Erarbeitet werden aus den Quellen wissenschaftliche Grundlagenwerte, Beiträge für die historische und politische Bildung sowie Studien. Zu speziellen Themen aus den Forschungsbereichen finden Tagungen und Weiterbildung statt. Somit werden im Amt entscheidende Grundlagen für die historische Bildung in den Streitkräften geschaffen. Das wiederum bedeutet ein wichtiges Fundament für das Traditionsverständnis der Soldaten und deren Umgang mit Geschichte. Allerdings blieb das Bundesarchiv/Militärarchiv in Freiburg. Von der fachlichen Kompetenz, der wissenschaftlichen Verantwortung und dem moralischen Engagement der Militärhistoriker zeugte die Ausstellung „Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933–1945“. Sie wurde 1984 konzipiert, später völlig überarbeitet an zahlreichen Standorten der Bundesrepublik gezeigt. Darunter im Berliner Bendlerblock, dem Zentrum der Ereignisse vom 20. Juli 1944. Die Potsdamer Einrichtung bot den MGFA-Mitarbeitern völlig neue Perspektiven. Sie hatten nun die Chance, verankert im Umfeld der Wissenschaftslandschaft von Berlin und Potsdam sowie deren bedeutenden Bibliotheken und Archiven, einen wichtigen Part gegenseitiger geistiger Befruchtung zu übernehmen. Außerdem konnte die kritische Aufarbeitung der Weltkriegsgeschichte von hier aus noch intensiver erfolgen. Ob es sich weiterhin um die Militärgeschichte der Bundesrepublik im Nato-Bündnis oder der DDR im Warschauer Pakt handelt – inzwischen wurden zahlreiche Publikationen des Forschungsamtes über die Zeit der militärischen Konfrontation in Deutschland zur Standardlektüre für in- und ausländische Historiker und Interessenten. Forschungsschwerpunkte waren schon zu jener Zeit die bewaffnete Macht in Staat und Gesellschaft, Führung und Einsatz von Land- , Luft- und Seestreitkräften sowie Wehrrecht und Wehrverwaltung, Wehrtechnik und Wehrwirtschaft. Laut Amtschef Oberst Dr. Hans Ehlert trägt das Forschungsamt, zugehörig der Streitkräftebasis, „zur Verortung der Bundeswehr in Staat und Gesellschaft bei“. Es bringt sich „verstärkt in die Ausbildung der Soldaten“ ein. Während sich die Bundeswehr in einem Transformationsprozess befinde, der die Streitkräfte den veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen und neuen Aufträgen anpassen wird, „gewinnen die vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt wahrgenommenen neuen Aufgaben zusätzliche Bedeutung“. Unmittelbar nach dem Umzug waren mehrere Wissenschaftler und sonstige Angehörige des Militärgeschichtlichen Instituts der DDR vom MGFA in einzelne Projekte einbezogen worden. Dabei ging es besonders um Forschungsarbeiten zum Zweiten Weltkrieg sowie zur Geschichte der NVA und des Warschauer Pakts. Mit großem Interesse habe ich die von den ostdeutschen Professoren Paul Heider und Wilfried Hanisch auf Honorarbasis erarbeitete Studie zur Rolle der NVA in der Wende gelesen. Sie wurde im Dezember 1993 nach einjähriger Bearbeitungszeit vorgelegt. Für den damaligen Amtschef Brigadegeneral Dr. Günter Roth war das „nur ein erster Mosaikstein zur Erforschung dieser NVA-Geschichte“. 130 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten „Eine der in der interessierten Öffentlichkeit schon damals und bis heute am meisten diskutierten Fragen richtet sich doch auf die Gründe dafür, dass die DDR-Führung anders als in vergleichbaren osteuropäischen Krisensituationen (1953, 1956, 1968) nicht zur gewaltsamen Wiederherstellung der Lage schritt“, schrieb er im Vorwort. „Hat die NVA-Führung tatsächlich aus eigener Einsicht Zurückhaltung gewahrt oder nicht vielmehr lediglich entsprechende Entscheidungen der politischen Führung abgewartet? Oder anders gefragt: Wie hätte sie sich bei einer Forderung der politischen Führung nach einer ‚chinesischen Lösung‘ verhalten? Und: Welchen Einfluss darauf hatte zudem die frühzeitig erkennbare Neutralität der Sowjettruppen in den inneren Auseinandersetzungen in der DDR?“ Im Jahr 2007 beging das MGFA sein 50. Gründungsjubiläum. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung fragte in seiner Festrede: „Ist Militärgeschichte heute noch zeitgemäß? Brauchen wir überhaupt noch Militärgeschichte? Die Antwort lautet: mehr denn je. Denn die historische Bildung gerade unserer jüngeren Soldaten hat abgenommen. Das Bewusstsein für Geschichte zu wecken, wird deshalb am besten mit einer zeitgemäßen Militärgeschichte gelingen.“ Und in dieser wunderschönen Einrichtung der Bundeswehr in der Potsdamer Zeppelinstraße, heute auch äußerlich ein Aushängeschild der gesamtdeutschen Streitkräfte, ist man dabei auf gutem Wege. Schon das erste Werk der Militärhistoriker aus Potsdam „Vom Kalten Krieg zur deutschen Einheit“ fand starke Beachtung in der Öffentlichkeit. Es war dem 40. Jubiläum der Bundeswehr gewidmet. Gewissermaßen ein gewichtiges Geburtstagsgeschenk mit seinen 743 Seiten. Beteiligt waren auch ehemalige Mitarbeiter des DDR-Vorgänger-Instituts. Die Hauptaussage der meist westdeutschen Autoren mit ihren Zeitzeugenberichten: Die Geschichte der Bundeswehr ist vor allem eine Geschichte erfolgreicher Kriegsverhinderung in schwieriger Zeit. In vielen europäischen Krisen der Nachkriegszeit boten die Streitkräfte der Bundesrepublik sicherheitspolitischen Rückhalt. Und die Bundeswehr hat in vorbildlicher Weise dazu beigetragen, die Voraussetzungen zu schaffen, dass Deutschland vereinigt und die Teilung Europas aufgehoben ist. Truppe hat Umbruch und Umbau gut überstanden Die Truppe hat die schweren Jahre des Umbruchs und des Umbaus gut überstanden. Das war angesichts der großen Aufgaben, die es zu bewältigen galt, keineswegs selbstverständlich. Diese Einschätzung traf 1994 der Stellvertreter des Generalinspekteurs, Generalleutnant Jürgen Schnell, auf der 11. Informationstagung in Strausberg für die mehr als 180 Zentralen Militärischen Bundeswehrdienststellen. Kommandeure und Leiter der Ämter, Schulen, Stäbe, Akademien und Universitäten, die nicht den Teilstreitkräften unterstellt sind, erörterten während der dreitägigen Beratung die neuen Anforderungen an die Bundeswehr. Unter Hinweis auf die Reduzierung und Reorganisation der Streitkräfte, den Aufbau der Bundeswehr in den neuen Bundesländern sowie die Vorbereitung auf das erweiterte Auf- 131 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet gabenspektrum sei man „weit vorangekommen“ und habe einiges „im Wesentlichen abgeschlossen“. Auch wenn „große Leistungen“ erbracht wurden, so habe doch der Wandel „Spuren und sicher auch Enttäuschungen“ hinterlassen. „Viele Verbände mit gewachsener und stolzer Tradition wurden aufgelöst, mehr als 100 Standorte aufgegeben und allein in den letzten Jahren etwa 100 000 Berufs- und Zeitsoldaten versetzt“, betonte er bei dem Treffen im neuen Dienstsitz der Akademie für Information und Kommunikation. In der Truppe wurde dies mit großer Disziplin und Opferbereitschaft bewältigt. „Dabei ist stets zu beachten, dass unsere Streitkräfte Teil unserer Gesellschaft sind – einer Gesellschaft, in deren Werteskala Opferbereitschaft, Dienst am Gemeinwesen und Pflichterfüllung nicht gerade Werte sind, die einen vorrangigen Platz einnehmen.“ Auch wenn die „raschen Veränderungen und das oft unvermeidbare Nachsteuern in der Planung zur Verunsicherung“ geführt habe, sei „meistens eingesehen und verstanden worden, dass der Verteidigungshaushalt aus übergeordneten Gründen zu kürzen war“. So mancher Kamerad stelle sich dennoch die Frage, „wie oft sich dies noch wiederholen wird“. Der General verwies darauf, dass die Bundeswehr heute vor allem für den investiven Anteil „unterfinanziert“ sei. Durch eine umfassende Rationalisierung und Aufwandbegrenzung im Betrieb sollen bei einer entsprechenden Ressourcenstrategie Mittel aus dem Betrieb in die Investitionen umgeschichtet werden. „Damit können wir die Fähigkeiten aufbauen, die wir zukünftig gebrauchen.“ Bei einer gegenwärtigen Gesamtstärke von 355 000 Soldaten sei die Personallage – einschließlich der Nachwuchsgewinnung – „insgesamt positiv. Wir sind in Bereichen wie Professionalität, höhere Führerdichte und günstigere Laufbahnerwartungen vorangekommen. Die innere Lage ist alles in allem stabil. Die Innere Führung hat sich auch bei den vielfältigen neuen Herausforderungen überzeugend bewährt.“ Schwerpunkte der Weiterentwicklung im personellen Bereich sehe er unter anderem in der Neuorientierung der Ausbildung auf der Grundlage der von Bundesverteidigungsminister vorgegebenen Konzeptionellen Leitlinie. Das bedeute beispielsweise die Einbeziehung vieler und nicht nur ergänzender Elemente, die von historischer Bildung über Intensivierung der Sport- und Sprachenausbildung bis hin zu Computer gestützten Ausbildungsmethoden reichen. Außerdem sollten die Anstrengungen fortgesetzt werden, „unsere Soldaten in ihrem Selbstverständnis, in ihrer Wertorientierung – also in ihrer Haltung und ihrem Können auf die neuen Dimensionen unseres Auftrages auszurichten“. Das Motto laute: „Fähig zu kämpfen und bereit zu helfen“. General Schnell ging noch auf ein weiteres Thema ein: Auch wenn „Vorkommnisse mit rechtsradikalem und ausländerfeindlichem Hintergrund in den Streitkräften in keiner Weise eine besorgniserregende Größenordnung haben – so ist doch jeder Vorfall dieser Art ein Vorkommnis zu viel“. Er appellierte an die Kommandeure und Dienststellenleiter, mit allen ihnen verfügbaren Mitteln derartigen Tendenzen schon im Ansatz entgegenzuwirken. „Für Ausländerfeindlichkeit, Rechtsradikalismus und demokratiefeindliche Strömungen darf es in unseren Streitkräften keinen Platz geben!“ 132 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Wie der Stellvertreter des Generalinspekteurs mir gegenüber einschätzte, „waren Treffen und gemeinsames Informieren über die aktuelle Lage sehr erfolgreich. Die Informationstagung in den neuen Bundesländern hat uns nicht nur neue Einsichten und Eindrücke verschafft, sondern auch unsere besondere Verpflichtung gegenüber den Menschen hier bekräftigt und sollte auch unsere enge Zusammengehörigkeit zum Ausdruck bringen.“ Militärisches „Gegengewicht“ zu WGT-Truppen Vom ersten Tag seit der Wiedervereinigung musste mitten in Deutschland mit der Existenz einer hochgerüsteten Westgruppe der russischen Streitkräfte gerechnet werden. Auch wenn sich deren Kommandeure aus dem deutschen Einigungsprozess heraushielten. Einzelne Offiziere nutzten die Gelegenheit, um die Seite zu wechseln. Jedenfalls waren diese Truppen präsent und auf jeden Befehl aus Moskau eingestellt. Schließlich sollte der Abzug etappenweise aus den neuen Bundesländern vor sich gehen. Und für diese Zeit des Übergangs behielt die Sowjetunion, später Russland, mit diesen Truppen noch einen Hebel in der Hand, gegebenenfalls Druck auf die Bundesregierung auszuüben, urteilte ein deutscher Militärexperte. Sicher spielten die vereinbarten Milliarden-DM-Abzugshilfen Deutschlands auch für das Einhalten dieser Fristen eine Rolle. Ich kann mich in diesem Zusammenhang noch gut an die Worte eines hohen Offiziers der Bundeswehr erinnern, der mir damals, vielleicht auch vertraulich, sagte: „Die Bundeswehr ist heute schon überall dort, wo sich russische Truppen aufhalten.“ Das hätte auch heißen können: Es gibt zwar im Beitrittsgebiet bis zum vollständigen Abzug noch immer kampfstarke russische Verbände, aber wir haben nun ein adäquates militärisches Gleichgewicht durch unsere ostdeutschen Truppenteile erreicht. In deren Reihen standen Ost- und Westdeutsche, Seite an Seite. Im März 1993, etwa zur „Halbzeit“ des WGT-Abzugs, schätzte man in Deutschland ein, dass von der Westgruppe „keine operative Bedrohung“ für Westeuropa mehr ausgeht. Das erklärte der für den Abzug zuständige Bundeswehr-General Hartmut Foertsch vor Berliner Journalisten. Diese Aussage war wohl eindeutig nicht nur an die Adresse der eigenen Bevölkerung gerichtet. Für solche Gefahren wie zu Zeiten der Berliner Blockkonfrontation mangele es den anwesenden russischen Truppen nun „an Struktur und Logistik“. Ich denke, das Feindbild in der Westgruppe hatte sich auch unter Gorbatschow kaum ge- ändert. Dessen „Verzicht“ auf Ostdeutschland war gerade von den Militärs in Moskau immer scharf kritisiert worden. Sie vergaßen wohl auch nie die umgehende Ablösung ihres Verteidigungsministers Sergej Sokolow und der Führung der Luftverteidigung durch den Präsidenten, nachdem der 19-jährige deutsche Privatpilot Mathias Rust am 28. Mai 1987, dem Tag der Grenztruppen, unweit vom Roten Platz in Moskau mit seiner Cessna 172 P auf der Großen Moskwa-Brücke gelandet war. Für ihn der Abschluss eines unbemerkten Fluges über das Riesenreich. Im Westen eine „militärische Sensation“, noch dazu von einem „Zivilisten“ begangen. Im Sowjetland mit seinen „ruhmreichen Streitkräften“ eine „Schande“. 133 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Laut ehemaligem sowjetischen Außenminister Eduard Schewardnadse bestand nach dem Mauerfall 1989 noch Anfang 1990 in der DDR die Gefahr, dass die Sowjetarmee gegen den Willen ihrer Führung aus den Kasernen ausrückt. Das erklärte der frühere Vize-Kanzleramtschef Horst Teltschik in der ARD („Hart aber Fair“, 5.11.2009). Er berief sich dabei auf ein Gespräch mit Schewardnadse. Nach den Auflösungserscheinungen in der NVA mit der Wende 1989 und mehreren Reformen 1990 existierte nun in den neuen Bundesländern eine ernst zu nehmende deutsche militärische Komponente. Jetzt aber unter dem Kommando der Bundeswehr. Im Westen Deutschlands waren die nunmehr gesamtdeutschen Streitkräfte fest im Nordatlantischen Verteidigungsbündnis integriert. Im Osten noch nicht. Mit dieser neuen Situation mussten sich die Generale im Wünsdorfer Oberkommando und ihre Kommandeure im Beitrittsgebiet zur Bundesrepublik abfinden. Das war schon eine gravierende Veränderung für sie. Denn seit 1945 hatte die Sowjetarmee uneingeschränkt die Kontrolle über alles Militärische in diesem Teil Deutschlands und besaß alle nur erdenklichen Bewegungsfreiheiten. Spätestens am Kasernentor einer russischen Garnison endeten in jedem Fall die Ermittlungen der Volkspolizei, wenn es zu kriminellen Handlungen von Angehörigen der GSSD gegenüber DDR-Bürgern gekommen war. Und das waren über 1 000 Delikte pro Jahr – vom Diebstahl über die Vergewaltigung bis zum Mord, berichtete der Fernsehsender Phoenix unter dem Titel „Verschlusssache ‚Waffenbrüder‘“ (23.1.2010). Wie sehr sich die DDR-Behörden an diesen Zustand gewöhnt hatten, offenbarte uns im ADN der Chefredakteur: Bei der Berichterstattung aus Regimentern oder von Übungsplätzen der Sowjetarmee sollte sich der Reporter dort „äußerst diplomatisch bewegen, weil es sich um exterritoriales Gebiet inmitten der DDR handelt“. Als DDR-Bürger fühlte man sich damals eben noch immer wie ein Gast auf deutschem Boden, den 1945 sowjetische Truppen besetzt hatten. Schließlich nutzten die Sowjets seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen Elbe und Oder 2 430 Quadratkilometer Fläche für ihre militärischen Interessen. Das entsprach etwa der Größe des Saarlandes. Nach General Foertsch verfügte diese im Jahr der deutschen Wiedervereinigung noch über ein fast unübersehbares Waffenarsenal. Dazu zählten über 4 209 Panzer, 3 682 Artilleriesysteme, 8 208 gepanzerte Fahrzeuge, 691 Flugzeuge, 683 Hubschrauber sowie 106 194 Kraftfahrzeuge und sonstiges Gerät. An materiell-technischen Mitteln standen der WGT 2,7 Millionen Tonnen zur Verfügung. Auch 677 032 Tonnen Munition befanden sich in den Lagern und auf Fahrzeugen. Mit der wachsenden Einsatz- und Kampfbereitschaft der Bundeswehr im Osten Deutschlands wurde den sowjetischen und dann russischen Truppen die noch aus DDR-Zeiten stammende Aufsichts- und Kontrollfunktion endgültig aus den Händen genommen. Bis zur Ära Gorbatschow grassierte unter deren politischen Führern und militärischen Befehlshabern tatsächlich mehr Angst vor einer deutsch-deutschen Annäherung als vor einem offenen Militärkonflikt mit dem Westen. Eine solche Verbrüderung hätte in der Kon- 134 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten sequenz ihre Anwesenheit schon viel früher überflüssig gemacht. Die auch heute noch in Russland äußerst kritisch beäugte Nato wäre dann vielleicht näher an ihren Einflussbereich herangerückt. Personifiziert haben diese antideutschen Bestrebungen besonders Außenminister Andrej Gromyko und Ost-Berlins langjähriger („Regierender“) Botschafter Pjotr Abrassimow. Letzterer pflegte bei Protokollveranstaltungen wie zur Kranzniederlegung am Ehrenmal für die im Kampf um Berlin gefallenen 80 000 Sowjetsoldaten in Treptow demonstrativ nach dem Staatsratsvorsitzenden der DDR im VIP-Bereich einzutreffen. Diese wiederholte Brüskierung der ostdeutschen Führung sollte vor den anwesenden Diplomaten aus mehr als 100 Ländern zum Ausdruck bringen, wer in der DDR tatsächlich Koch und wer Kellner war. Die neuen Kameraden aus dem Osten hatten gemeinsam mit Offizieren, Unteroffizieren und Rekruten aus dem Westen der Bundesrepublik großen Anteil daran, dass hier jegliches militärische und ganz sicher politische Vakuum verhindert wurde. Das war meines Erachtens auch die richtige „Begleitmusik“ für einen vertragsgemäßen Abzug der Westgruppe. Den neuen Kommandeuren aus dem Westen blieben dann auch die „brüderlichen Beziehungen“, also das „Du“, zu den Kommandeuren der WGT erspart – für mich nur ein kleines Beispiel dafür, dass nun auch in den Gesprächen mit den deutschen Militärs ein frischer Wind wehte. Dieser Abzug wäre sonst wohl nie so reibungslos aus den insgesamt mehr als 2 000 WGT- Standorten und -Militäranlagen verlaufen. Die Probleme begannen schon mit der persönlichen Abneigung des Oberkommandierenden der WGT gegenüber dem Verantwortlichen der Bundesregierung, weil dieser der Sohn eines ehemaligen Generals der Wehrmacht und des späteren Generalinspekteurs der Bundeswehr Friedrich Foertsch war. Wenn der alte Foertsch die menschlichen Qualitäten wie Foertsch-Junior hatte, mit dem ich bei vielen Gelegenheiten ins Gespräch gekommen bin, dann muss ich im Nachhinein meine angelesene Meinung über einen der Gründungsväter der Bundeswehr ändern. Alles in allem handelte sich hierbei tatsächlich um eine logistische Riesenleistung beider Staaten. Im Mittelpunkt stand auch während der vierjährigen Abzugsperiode aus dem wiedervereinigten Deutschland die ständige Gefechtsausbildung der russischen Truppen. Damit die vielen jungen Wehrpflichtigen nicht auf dumme Gedanken kommen sollten, was die neuen Freiheiten und die veränderte Kultur in der Ex-DDR betraf, wurde weiter hart und gefechtsnah ausgebildet. Täglich, obwohl die Abreise beschlossene Sache war! Man ging dabei bis an die Grenze der Erschöpfung der Soldaten. Das war allgemein bekannt. Nur so konnten die Sergeanten sicher sein, dass ihre „Schäfchen“ abends todmüde im riesigen Kompanie-Schlafsaal in die Feldbetten fielen. Aus den Kasernen und Wohnhäusern nahmen die Familien, die hier auf engstem Raum gelebt hatten, noch so manches Brauchbare mit in die Heimat. Was schon 1945 bei den offiziellen Reparationen im großen Stil mit der Demontage von Gleisanlagen und etwa 3 000 135 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet kompletten Fabriken in Ostdeutschland begonnen hatte, fand im Kleinen seinen Abschluss: Fenster, Türen, Wasserhähne und vieles andere ging verpackt auf die Reise in die Heimat. Im großen Land des einstigen Siegers mussten selbst Offiziersfamilien unter primitiven Bedingungen leben. Obwohl doch die Armee, besonders die Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges, unter Gorbatschows Vorgängern eine hohe Wertschätzung genossen hat. Jetzt half den Heimkehrern die vereinbarte Hilfe Deutschlands. Ganz sicher war die permanent schlechte wirtschaftliche und soziale Lage im Riesenreich Sowjetunion stets ein Grund oder der Grund überhaupt, einen Großteil der eigenen Truppen über Jahrzehnte nicht nach Hause zu holen, sondern sie in „befreundeten“ Ostblockländern zu kasernieren. Hier waren sie Fremde in fremden Ländern. Das weiß ich nicht erst seit dem Ende des Kalten Krieges. Jetzt erst war im Osten Deutschlands der Zweite Weltkrieg tatsächlich zu Ende. Nicht nur ehemalige Wehrmachtskasernen wurden frei geräumt. Auch Tausende von Villen und Häuser. Diese waren 1945 meist wahllos in guten Wohngebieten beschlagnahmt worden. Ihre Bewohner hatten manchmal kaum eine Stunde Zeit, persönliche Sachen mitzunehmen. In Berlin-Karlshorst gehörten dann ganze Straßenzüge den langjährigen sowjetischen Besatzern. Oft fiel bei den deutschen Nachbarn der Begriff „Klein-Moskau“ für diese Wohngegend. Es gab dort Geschäfte der Russen für alle Dinge des täglichen Bedarfs, darunter Konfekt und Butter aus dem Heimatland, oder manchmal die sehr begehrten Teppiche sowie Porzellan und Kristallwaren aus der DDR-Produktion. Sicher zu Recht war bei der offiziellen Verabschiedung in Berlin auf deutscher Seite von „russischen Partnern und Freunden“ die Rede. Vermisst haben aber nur wenige Ostdeutsche die einstigen Sieger aus der Sowjetunion. Es handelte sich dabei vor allem um Personen und Familien, die unter den Nazis gelitten hatten. Bei aller Wertschätzung für die Befreiungstat von 1945, die unvergessen bleibt, gab es, wenn überhaupt, nur wenige Tränen. Vielmehr herrschte in diesen Stunden ein tiefes Mitgefühl mit den russischen Soldaten und Familien hinsichtlich ihrer ungewissen Zukunft in der Heimat. Allgemein dominierte Freude, dass dieses Kapitel endgültig Geschichte war. Ob Stalin, Chruschtschow, Breshnew oder Tschernenko – die Kreml-Herren vor Gorbatschow hatten auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone und der ehemaligen DDR auf ihre Weise meist finstere Spuren hinterlassen: Viele tausende Menschen wurden nach dem Krieg ohne rechtskräftige Urteile eingesperrt oder in die Sowjetunion verschleppt. Hier wurden Unschuldige getötet oder sind verhungert. Das waren nicht nur hohe NS- DAP-Funktionäre und SS-Leute. Manch alter Sozialdemokrat wie der Vater eines Journalistenkollegen aus dem ADN kam für seine Kontakte zum Ost-Büro in West-Berlin und Spionagevorwürfen ins Zuchthaus Bautzen. Auch das war militär-strategisch: Ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt wurde vom Unternehmen Wismut AG über 40 Jahre Uranerzbergbau in Sachsen und Thüringen für sowje ti sche Nuklearwaffen betrieben. Insgesamt sind hier 231 000 Tonnen Uranerz zwischen 136 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten 1946 und 1989 gefördert und in die Sowjetunion geliefert worden. Zum Vergleich: 2006 betrug die Weltproduktion 39 603 t. Diese körperliche Schwerstarbeit leisteten in all den Jahren etwa eine halbe Million Beschäftigte. Meist geschah das sogar unter hoher Strahlenbelastung. Die Wismut AG bildete in der DDR in jeder Weise einen Staat im Staate. Dieser wurde aber von sowjetischen Direktoren geleitet. Vor diesem historischen Hintergrund hat die gesamtdeutsche Bundeswehr einen unvergessenen Beitrag für Ruhe und Sicherheit im eigenen Land, letztlich für den Frieden im Herzen Europas geleistet. Gesamtdeutsche Putz- und Flickstunde Wie man sah, hatte sich auch die Sprache der Militärs in Ost und West nach dem Krieg recht unterschiedlich entwickelt. Die Zeiten von „Essen fassen“, „Revier reinigen“ oder „Wache schieben“ waren jetzt wohl vorbei. Der Begriff „Putz- und Flickstunde“ blieb gesamtdeutsch. Ein Fallschirmjäger der Bundeswehr berichtete mir ganz stolz über die reiche Speiseauswahl in seiner Einheit schon allein beim Frühstück. Er nannte mir als Beispiel das beliebte „Drei-Minuten-Ei“. Für ihn „ein kleiner Leckerbissen“. Mit der Bundeswehr aus dem Westen kam auch deren traditioneller militärischer Wortschatz mit einigen Neuschöpfungen in die ostdeutschen Bundesländer. Vor allem gehörten die militärischen Begriffe und Bezeichnungen dazu, wie sie im Heer, bei der Luftwaffe und in der Marine üblich sind – von Aufwuchsfähigkeit über Biwak und Portepee bis zum Verwendungsstau. Die neuen Kommandeure haben diese meist mündlich überliefert. All das konnte man auch in zahlreichen Vorschriften nachlesen, typisch für die Bürokratie. Selbst an „verfügbare Infrastrukturmittel“ musste sich der neue Bundesbürger erst gewöhnen. Es war meist so wie in jeder anderen Branche mit ihren fachlichen Termini. Die Altgedienten aus dem Westen sprachen oft voller Humor vom Fachchinesisch, wenn sie einem Journalisten aus dem Osten den eigentlichen Sinn einer bestimmten Sache nahebrachten. So ging es mir auch ab und zu in der Berichterstattung. Wenn ich solche „Unklarheiten“ hatte, rief ich beim Pressesprecher des Befehlshabers in Strausberg an, fragte nach der Bedeutung des neuen Begriffs oder ließ mir diesen per Fax erklären. Bei „Menschenführung“, „Personalentwicklung“ oder „Schlüsselpersonal“ war die Sache für die neuen Soldaten recht eindeutig. Aber für die „Laufbahnkonzeption für Unteroffiziere“ sollten im Rahmen der Modernisierung der Verwaltung „das Dienstrecht und das Laufbahnrecht, das Besoldungs- und das Tarifrecht, das Beurteilungswesen, die Verwendungsplanung und die Personalführung sowie die Einstiegsvoraussetzungen“ geändert werden. Die „Ausplanung von Personalstrukturen“, hieß es weiter, bedeute mehr, als die „Dienstpostenstrukturen“ den Wünschen der Haushälter anzupassen. Jedenfalls musste das „stark gegliederte Laufbahnsystem“ mit den „faktischen Laufbahnstellen“ so strukturiert werden, damit dies auch den „Werdegangserwartungen“ der Soldaten entsprach. Besonders betrof- 137 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet fen davon war das „militärische Mittelmanagement“. Alles im Zusammenhang mit der „Laufbahngestaltung“ und der „Laufbahnordnung“, natürlich im Sinne der „Karriereplanung“. Ein jeder Unteroffizier und Offizier, der die NVA-Uniform getragen hatte, wusste schon bald, was gemeint war. Grundlagen bildeten das Konzept der „Inneren Führung“ und das Leitbild vom „Staatsbürger in Uniform“. Entsprechend den militärischen Erfordernissen und mit zum Teil zivil-wirtschaftlichen Managementmethoden wird so das Führungsverhalten von Vorgesetzten geprägt. Das hat sich in der Demokratie der alten Bundes re publik seit Gründung der Bundeswehr bewährt, sagte man mir. Es fand in den Streitkräften und der Gesellschaft hohe Anerkennung. Als ich im Juli 1992 in der Hamburger Führungsakademie an der Verabschiedung von Offizieren aus 31 Ländern nach zehnmonatiger Generalstabsausbildung teilnahm, um eine Reportage zu schreiben, bestätigten mir Absolventen diese Vorzüge. Aus Fairness muss ich anfügen: In der NVA gab es zwar keine Anglizismen, aber bekannte Redewendungen. Aus Menschen wurden „Kader“ und die dafür zuständige „Kaderabteilung“ oder die „Verwaltung Kader“ im Verteidigungsministerium. Dennoch lautete eine der Hauptlosungen aller SED-Parteitage: „Im Mittelpunkt steht der Mensch“. Aber bei der NVA stand der Wehrpflichtige nicht immer im Blickpunkt des Interesses seiner Vorgesetzten. Es sei denn, es ging um militärische Normen für die Gefechtsbereitschaft oder um persönliche Bestleistungen auf der Sturmbahn und beim Schießen (Aktion „Treffen mit dem ersten Schuss“). Der Mensch als solcher wurde in der Praxis strikt befehligt. Daher nahezu einhellig diese Reaktion unter den NVA-Soldaten: „Der Anschiss lauert überall!“ Anders war das nun mit den Begriffen „Vorverwendung“, „Sonderdienstverhältnis“ und „Weiterverwender“ bei der Bundeswehr. Auf den ersten Blick klang das unpersönlich, wenn ein Oberleutnant aus dem Osten, der vorher als Hauptmann der NVA eine Kompanie geführt hatte und bei der Bundeswehr um einen Dienstgrad zurückgestuft worden war, irgendwann über seine „Vorverwendung“ Auskunft geben musste. Damit war eigentlich gemeint, dass so mancher Offizier seine neuen Aufgaben ohne jede vorherige Verwendung (Kenntnis) auf diesem speziellen militärischen Gebiet oder an einem bestimmten Waffensystem erfüllen musste. Wenn ein NVA-Militärstreifenführer (Dienstgrad Fähnrich) als Feldjäger weitergedient hat, besuchte er, inzwischen Oberfeldwebel, einen „Umsetzerlehrgang“ an der Schule für Feldjäger in Sonthofen. War wohl auch kein schönes Wort. Als „Weiterverwender“ hat die Bürokratie all die ehemaligen, länger dienenden NVA-Leute bezeichnet, die – ohne vereidigt worden zu sein – bis zum Ausscheiden auf eigenem Wunsch oder bis zu dem Zeitpunkt, wenn für sie keine direkte Aufgabe mehr vorhanden war, zur Bundeswehr gehörten. Mancher aus dem Osten hatte sogar ein „Sonderdienstverhältnis“. Jedes Mal ging es um die Dauer der Dienstzeit. Diese betrug anfangs in der Regel zwei Jahre für alle Offiziere, die sich nach 1990 als Soldat auf Zeit (SAZ 2) bei der Bundeswehr beworben hatten. Für die Berufung in dieses Dienstverhältnis galten dann grundsätzlich die gleichen Einstellungsbestimmungen, wie sie bisher in der Bundeswehr angewendet wurden. 138 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Eine positive Wirkung beim Zusammenwachsen von Ost und West ging von den „Coleurverbänden“, auch Partnerverbände genannt, aus. Dabei erhielt der jeweilige neue ostdeutsche Truppenteil bei aktuellen Problemen personelle und materielle Hilfe von einem Verband aus dem Westen. Dieser Begriff hat insofern Tradition im Heer, wenn es um die Bataillone mit Reservisten geht, die als Verstärkungs- und Personalreserve in einem „Coleurverhältnis“ in die aktiven Strukturen eingebunden sind. Nur so kann heute die Einsatzbereitschaft aktiver Truppen beim Auslandseinsatz eines Teils der Kameraden aufrechterhalten werden. Und dann noch ein Wort zur „Busch-Zulage“. Wer aus dem nicht mehr „Wilden Westen“ in den immer noch „Wilden Osten“ kam, erhielt im Monat eine Ost-Zulage von mindestens 500 DM zu seinem Gehalt. Böse Zungen machten das immer wieder in der Öffentlichkeit zum Politikum. Aus meiner Sicht war der Zuschlag in den meisten Fällen berechtigt. Hier ging es nicht nur, wie viele dachten, um einen Ausgleich für ungewohnte ostdeutsche Dienst- und Lebensverhältnisse. Die Westdeutschen behielten nämlich ihre Dienststellung in der Heimat. Und so mancher West-Offizier hat dann am Wochenende, während die Frau die Wäsche für die nächste Reise in das Beitrittsgebiet vorbereitete, in seiner Heimatgarnison viele Dinge aufarbeiten müssen, wurde mir berichtet. Im Zusammenhang mit der Arbeit unter den damaligen Bedingungen möchte ich noch aus einer 1994 herausgegebenen Broschüre vom Stab des Korps und Territorialkommandos Ost/IV. Korps, der in der Henning-von-Tresckow-Kaserne in Potsdam untergebracht war, zitieren: „Ein Problem war, dass ‚Personalführung‘ wie zu Beginn in der Bundeswehr wieder mit Bleistift und Radiergummi gemacht werden musste, da die entsprechenden DV-Verfahren im Osten noch nicht griffen und im übrigen die Daten der Soldaten aus der ehemaligen NVA überhaupt erst einmal aufgenommen und eingegeben werden mussten. Eine Sisyphusarbeit!“ Von der Wehrverwaltung stammte der Begriff „Langzeitprovisorien“. Es war schon eigentümlich, dass etwas Provisorisches gar für lange Zeit gelten sollte. Aber bei den Baumaßnahmen an den meisten Kasernen der ehemaligen NVA musste eben in vielen Fällen eine solche Zwischenlösung gefunden werden. Später folgte daraus ein saniertes Gebäude oder das „Langzeitprovisorium“ wurde durch einen Neubau ersetzt. Weitere Begriffe, die bislang im Beitrittsgebiet nicht verwendet worden waren, lauteten „Materialschub“ und „Planungsvertrauen“. Den Plan und die Planung gab es in der DDR zur Genüge, nur vertrauen konnte man beim besten Willen diesen Zahlen nicht. Irgendwo hörte ich auch in den neuen Streitkräften etwas vom „Dienstzeitausgleich“ – offizielle Abkürzung DZA. Für ostdeutsche Soldaten war das wie ein Fremdwort. Dabei konnte der Rekrut bestimmte zeitliche Ansprüche in Tagen abgelten, so mit einem „Quartalsausgleichstag“, abgekürzt QUAT. Ein komplizierter Ausdruck für eine gute Sache! Selbst das Neuwort „gaucken“, was im öffentlichen Dienst schon im Einstellungsgespräch eine Rolle spielte, wurde bei der Bundeswehr modifiziert: „weggaucken“. Das war dann der Fall, wenn die Behörde von Joachim Gauck einem Offizier aus dem Osten seine Stasi-Kon- 139 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet takte nachgewiesen hatte und dieser nun seinen Platz für einen anderen Mitbewerber räumen musste. Auch das kam in der Praxis der neuen gesamtdeutschen Streitkräfte vor. Bei den Logistikern der Bundeswehr pflegte man ebenfalls eine „eigene“ Sprache. Hier im Osten wurden von ihnen die materiellen militärischen Hinterlassenschaften aus der DDR „gesammelt“, dann „registriert“ und schließlich zur Verwertung – Verkauf oder Vernichtung – „abgesteuert“. Der Begriff „Absteuerung“ war bislang in diesem Teil Deutschlands neu. Will sagen, die „Verdichtung“ und sichere „Verwahrung“ von Bekleidung, Waffen oder Munition in den fast 50 Lagern im Beitrittsgebiet kannten die mehr als 4 000 Beschäftigten der sogenannten Verwahrorganisation sehr wohl. Aber wohin die rund 140 000 Großgeräte wie Panzer und Selbstfahrlafetten „absteuern“? Hier half am Ende meist nur die sachgerechte „Verschrottung“. Bundeswehr Ost beendete historische Mission Laut Bundesverteidigungsministerium wurde in den neuen Ländern die Phase der zen tralen militärischen Führung schrittweise bis April 1991 erreicht. Nun ging die Verantwortung des Befehlshabers vom Bundeswehrkommando Ost für die Truppenteile und Dienststellen auf die Inspekteure der Teilstreitkräfte, den Generalinspekteur und den Inspekteur des Sanitäts- und Gesundheitswesens der Bundeswehr über. Damit war die Streitkräftestruktur in den neuen Ländern an diejenige in der übrigen Bundesrepublik angepasst. Neun Monate nach der staatlichen Vereinigung hat das Bundeswehrkommando Ost am 1. Juli 1991 seine Tätigkeit beendet. Seine wichtigsten Aufgaben waren die Auflösung der Verbände und Einheiten der NVA, die Entlassung ihrer Soldaten und die Auswahl derjenigen, die in die gesamtdeutsche Bundeswehr als Zeit- oder Berufssoldaten übernommen werden sollten. Zudem hatte die Bundeswehr im Osten die Waffenausrüstungen und die Munition der DDR-Armee sowie ihre Liegenschaften unter ihre Kontrolle zu stellen und über ihre Verwendung zu verfügen. Während eines feierlichen militärischen Zeremoniells am Strausberger Sitz – es war ein schöner, sonniger Montag – erklärte der Befehlshaber: Die Streitkräfte als sichtbarer Ausdruck der Souveränität des Staates seien auch zum „Symbol der Einheit Deutschlands“ geworden. „Wir haben gemeinsam etwas geschafft, was von vielen vorher als unwahrscheinlich betrachtet wurde.“ Die Bundeswehr nahm Unmengen von Waffen und Munition in ihren sicheren Gewahrsam, löste 350 Truppenteile auf und schuf 250 neue. Ebenso stellte er fest: „Disziplin und Leistungsbereitschaft wachsen.“ Das klang doch sehr optimistisch nach dieser kurzen Zeit, fand ich. Parallel zum Aufbau der militärischen Führungsstruktur vollzog sich der Truppenaufbau. Im Heer und bei den Zentralen Stellen des Sanitätsdienstes wurde dieses Vorhaben nach drei Jahren nahezu vollständig erreicht. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Luftwaffe, die Marine und der Zentrale Militärische Bereich bei den Verlegungen aus westdeutschen Garnisonen hierher noch alle Hände voll zu tun. Das betraf sowohl Verbände und Dienststellen als auch Schulen und Ämter. 140 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Der Weg zur Verwirklichung der inneren Einheit verlangte damals von den betroffenen Bundeswehrangehörigen, von denen sich am Anfang viele freiwillig für einen Dienst in ostdeutschen Garnisonen gemeldet und damit nicht nur privat auf manche Bequemlichkeit verzichtet hatten, sowie ihren Familien erhebliche Belastungen ab. Es waren auch hohe zusätzliche Investitionen nötig, „um den Weg zur Verwirklichung der inneren Einheit zu vollenden“, schätzte die Hardthöhe später ein. Keine Vorschrift war einfach von West nach Ost anzuwenden. Ausnahmen oder Notlösungen wurden zur Regel, auch unbürokratische Entscheidungen mussten getroffen werden. Im Dienst wurde eine straffe Führung verlangt. Ende 1994 dienten schon etwa 58 000 Bundeswehr-Soldaten im Beitrittsgebiet. Zu diesem Zeitpunkt existierten an 167 Standorten, darunter 118 vom Heer, Truppenteile und Dienststellen der neuen Streitkräfte. Nach den Planungen sollten von den ursprünglich 80 Truppenübungsplätzen der NVA und WGT nur neun von der Bundeswehr für die militärische Ausbildung verwendet werden. „Der Erfolg im Aufbau der Streitkräfte wäre nicht möglich gewesen ohne die loyale und zuverlässige Mitarbeit von 25 000 Zeit- und Berufssoldaten der ehemaligen NVA, die den Wechsel zur Bundeswehr freiwillig vollzogen hatten“, ließ das Ministerium verlauten. „Sie haben trotz der Ungewissheit über ihre persönliche Zukunft einen bedeutenden Teil zum Aufbau der Streitkräfte der Einheit beigetragen.“ Die Eingliederung der ehemaligen NVA-Berufs- und Zeitsoldaten stand aber „nur indirekt im Zusammenhang mit der Neuaufstellung der Streitkräfte“. All das verlief nicht im Selbstlauf. Jeder übernommene Soldat, der nun Vorgesetzter in der Bundeswehr war, musste sich dazu qualifizieren. Das begann mit der Ergänzungsausbildung. Sie diente mit Blick auf die West-Kollegen ebenso der künftigen Chancengleichheit unter den militärischen Führern. Auch die kontinuierliche Weiterbildung verbesserte die im Tagesdienst erforderliche Handlungssicherheit gegenüber den jungen Unterstellten aus Ost und West. Wichtig für die Integration der Neuen waren die sozialpolitischen Regelungen. Von der geringeren Bezahlung im Beitrittsgebiet als im Westen einmal abgesehen, fanden sie im Renten-Überleitungsgesetz und in der Soldatenversorgungs-Übergangsverordnung ihren Niederschlag. Danach wurden die NVA-Zeiten grundsätzlich bei der Rente angerechnet, der Dienst in der Bundeswehr führte zur Versorgung nach dem Soldatenversorgungsgesetz. Schließlich verlief schon zu dieser Zeit die Truppenausbildung planmäßig. Es gab vielfältige Unterstützung durch Truppenteile aus dem Westen. Dazu wurden Patenschaften geschlossen. Der Ausbildungsstand „Ost“ näherte sich dem Standard „West“ kontinuierlich an. Heute ist das überhaupt keine Frage mehr. Die gesamtdeutsche Bundeswehr hat ein gleich hohes Niveau. Tagtäglich beweisen das vor allem die im Ausland eingesetzten Kräfte mit großer Einsatzbereitschaft und militärischem Können – ob das nun in Afghanistan ist, im Kosovo oder in Mali. Das brachte Deutschland hohes Ansehen bei den militärischen Partnern in der Nato, auch unter der Bevölkerung in den dortigen Regionen. Dass nun Deutschland „am Hindukusch“ verteidigt werden muss, wie das Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) proklamierte, steht auf einem anderen Blatt. 141 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Besonders bewährt hat sich in den ersten Jahren der gesamtdeutschen Bundeswehr das Prinzip der „Durchmischung“ unter den Wehrpflichtigen. So kamen ab Februar 1991 mit der Einberufung 6 800 ostdeutsche Rekruten zum Bund, ein Teil davon erstmals in westliche Standorte. Wer „Wohngemeinschaften“ dieser Art in der Truppe erlebt hat, konnte nur staunen, in welcher Eintracht hier Bayern und Preußen lebten und nicht nur beim Sport Fan-Gemeinschaften bildeten. Nach militärischen Handlungen auf dem Truppen- übungsplatz Lehnin (Land Brandenburg) erkannte Bundesverteidigungsminister Volker Rühe nur noch am „Sächsisch“ die Herkunft eines dieser einsatzbereiten, vorbildlichen Rekruten aus dem Osten. War das nicht schon ein Riesenschritt zur Armee der Einheit? Man spürte es jedenfalls in dieser offenen Atmosphäre. Der neue Geist der Truppe überraschte ebenso die Elternhäuser ostdeutscher Wehrpflichtiger angenehm. Viele Väter dieser jungen Leute sammelten in der NVA ganz andere Erfahrungen und hatten so nicht immer die besten Erinnerungen an das Truppenleben. Nun war der einfache Infanterist ein „Staatsbürger in Uniform“. Wie das klang! Er konnte sich jederzeit mit seinen Problemen direkt an den Wehrbeauftragten des Bundestages wenden. Das hörte sich nicht nur gut an, das bedeutete in der Praxis eine ganz andere rechtliche Stellung als im Armeegefüge der „Roten Preußen“. Bei denen war jede Beschwerde aus der Truppe stets über den eigenen direkten Vorgesetzten einzureichen und so die Retourkutsche meist vorprogrammiert. Die Offenheit der Bundeswehr, besonders deren Achtung vor gewählten Volksvertretern und ihren Organen, „färbte“ auf die zivil-militärische Zusammenarbeit in den Bundesländern und Landkreisen ab. Was in der alten Bundesrepublik schon seit Jahrzehnten ein geflügeltes Wort war, wie mir berichtet wurde, nämlich von „unseren Soldaten“ zu sprechen, übernahmen nun auch Bürgermeister oder Handwerker in ostdeutschen Garnisonen. Selbst einzelne Pfarrer, die mit der NVA rein gar nichts am Hut hatten und „Schwerter zu Pflugscharen“ propagierten, suchten den Kontakt zu den Soldaten. Wie ich es erlebt habe, war das zwar von Ort zu Ort verschieden, aber jeder Soldat fand jetzt ausreichend Gelegenheit zu kirchlichem Beistand. Auch beim späteren Auslandseinsatz. Ein anderes Beispiel betraf die örtliche Wirtschaft. Hier lernte man nun mit den Damen und Herren von der territorialen Wehrverwaltung ganz andere Ansprechpartner als zuvor kennen. Bei der NVA gab es keine Trennung zwischen Streitkräften und Wehrverwaltung. Die damaligen Verwalter aus den Büros und Lagern, meist uniformiert, pflegten den üblichen rauen Befehlston, drinnen wie draußen. Ansonsten standen die „Sockenzähler“, so wurde mancher Offizier der Rückwärtigen Dienste vom schlecht gelaunten Regimentskommandeur auch schon mal angeraunzt, in der militärischen Hierarchie der NVA ziemlich weit unten. Man spricht heute kaum noch darüber, aber alles in allem schuf der Bereich Wehrverwaltung VII in Strausberg unter Präsident Karl Johanny in den neuen Bundesländern insgesamt über 20 000 Arbeitsplätze. Eine solche Zahl gibt es auf dem Arbeitsmarkt nur, wenn ein Konzern wieder einmal massenhafte Entlassungen ankündigt. Hier erfüllten nun fast ausschließlich Mitarbeiter aus der NVA, die sich über Grund- und Aufbaulehrgänge qua- 142 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten lifiziert hatten, ihre Aufgaben: Im Personalwesen ebenso wie bei der unmittelbaren Deckung des Sachbedarfs der Streitkräfte. Nicht wenige von ihnen schlugen später die Beamtenlaufbahn ein. Ich kenne inzwischen schon ein Beispiel aus Strausberg, wo bei der Wehrverwaltung eine Tochter einmal der Mutter nacheifern möchte und deshalb hier ihre Ausbildung begonnen hat. Mein Eindruck: Auch hier konnten sich viele ehemalige Volksarmisten und Zivilbeschäftigte zu den Gewinnern der Wiedervereinigung zählen. Wenn ich richtig informiert bin, hat an dieser erfreulichen Bilanz im Personalwesen auch Generalleutnant Schönbohm gro- ßen persönlichen Anteil. Er musste sich gegenüber der Bonner Hardthöhe immer wieder bei der Korrektur von Personalzahlen nach oben mit seinen Argumenten stark machen. Mit einem Dankschreiben aus der Strausberger Presseabteilung endete für mich die Zusammenarbeit mit dem Bundeswehrkommando Ost. 4.1. Heer Gelungene Ost-West-Integration im Heer Zur Erinnerung: Vor der deutschen Einheit bestand die Bundeswehr aus modernen und kampfstark ausgerüsteten Einheiten und Verbänden. Das Heer bildeten zwölf Divisionen mit 36 Brigaden, zu denen die gekaderten Verbände des Territorialheeres für Sicherungsaufgaben gehörten. Ein Truppenversuch „Kaderung und rascher Aufwuchs“ seit Anfang 1988 sollte Erkenntnisse darüber bringen, wie eine künftige zweckmäßige Struktur bei begrenzten Mitteln und veränderter sicherheitspolitischer Lage aussehen könnte. Personalreduzierung und der Aufbau der Krisenreaktionsfähigkeit wurden wesentliche Bestimmungsgrößen für die neue Struktur des Heeres. Die Divisionen des Feldheeres waren in Ausrüstung und Ausbildungsstand meist gleich. Im Ernstfall sollten alle zwölf Divisionen innerhalb von 48 Stunden verteidigungsbereit sein. Reservisten galten als gleichwertige Partner der aktiven Soldaten. Das Heer umfasste damals mit 231 000 Mann etwa 70 Prozent des Personalbestandes der Bundeswehr. Mit dem Ende der äußeren Bedrohung verwandelte sich die Bundeswehr von einer allein auf die Verteidigung beschränkten Streitmacht zu einer vollwertigen Bündnisarmee der Nato, auch mit „bestimmten Verbänden“ für internationale Einsätze, wenn die politischen Voraussetzungen dafür geschaffen wurden. Dazu benötigte Deutschland nur noch sieben Heeresdivisionen. Kern der Heeresreform war die organisatorische Zusammenfassung von Feld- und Territorialheer in Friedenszeiten mit dem Ziel einer deutlichen Verringerung 143 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet der Kommandobehörden und Stäbe. Gleichzeitig wurde der Übergang von einer Präsenzarmee zu einer Ausbildungsarmee vollzogen, hieß es im Verteidigungsministerium. Eine Aufgabe bei der Neuordnung des Heeres blieb der Aufbau neuer Streitkräfte in Ostdeutschland. Das „Heer für neue Aufgaben“ – also ein leichtes Heer mit einer Schlüsselrolle in der Bündnisverteidigung – teilte sich in Krisenreaktions- und Hauptverteidigungskräfte. Die Krisenreaktionskräfte (KRK) hatten eine höhere Bereitschaft sicherzustellen, um in kurzer Zeit eingesetzt werden zu können. Die Hauptverteidigungskräfte (HVK) sollten erst bei einem größeren Konflikt für die Landes- und Bündnisverteidigung auf volle Stärke und Qualität aufwachsen. Nun kamen aber mit der veränderten Situation neue Aufgaben hinzu – Verbände, die innerhalb der Nato oder außerhalb der Bündnispflichten eingesetzt werden können. In diesem Fall standen nach der Umstrukturierung etwa 37 000 Mann als Krisenreaktionskräfte zur Verfügung. Der größere Teil zählte zu den Hauptverteidigungskräften. Diese Truppen wurden für ihre neuen Aufgaben – Landesverteidigung, Bündnisverteidigung und internationale Krisenbewältigung – umfassend modernisiert. Das betraf große Stückzahlen der insgesamt 1 800 Leopard-2-Panzer und der 685 Panzerhaubitzen. Dazu zählte auch die Beschaffung von 80 Unterstützungs- und Kampfhubschraubern „Tiger“ beim Heeres-Gesamtbedarf von 212 Hubschraubern. Also künftig mehr Luftbeweglichkeit der Landstreitkräfte mit Hubschraubern als „fliegende Kavallerie“ unter den neuen Bedingungen der Sicherheitspolitik. Die Helikopter dienen zur Aufklärung aus der Luft, zum Transport der Truppen und ihrer Ausrüstung sowie von Verbrauchsgütern bis zur Munition. Kampfhubschrauber sind mit Maschinenkanonen und Panzerabwehr-Lenkraketen bestückt oder gegen Radarstellungen einsetzbar. „Das Ziel ist Kriegsverhinderung, nicht -einsatz“, erklärte General Klaus Naumann 1999 als Vorsitzender des Nato-Militärausschusses. Die alte Maxime der Bundeswehr vor der neuen Wirklichkeit hieß noch: „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen!“ Nun ging es im neuen Aufgabenspektrum besonders um Schützen, Retten und Helfen. Das Heer der Bundeswehr hat im Osten seine neuen militärischen Organisationsstrukturen abgeschlossen. Zum Korps und Territorialkommando Ost gehören in Leipzig und Neubrandenburg zwei Divisionen/Wehrbereichskommandos mit je drei mechanisierten Heimatschutzbrigaden, vier Heimatschutzregimentern, Führungs- , Kampfunterstützungs- , Logistik- und Sanitätstruppen, 15 Verteidigungsbezirkskommandos, einschließlich der Stadtkommandantur Berlin. In diesen Verbänden und Einheiten dienen 42 000 Berufs- und Zeitsoldaten sowie Grundwehrdienstleistende. 144 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten So befand sich seit der Wiedervereinigung mit knapp 75 000 Quadratkilometern der größte Wehrbereich Deutschlands in der nördlichen Hälfte des Beitrittsgebietes. Dieser umfasste Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Mit dem Abzug der letzten alliierten Truppen Ende 1994 wurde auch Berlin einbezogen. Die Verantwortung für diesen Bereich trägt der Stab Division und Wehrbereichskommando VIII in Neubrandenburg. Ihm unterstehen neben Truppenteilen in Stärke und Organisation einer deutschen Heeresdivision auch acht Verteidigungsbezirkskommandos als Träger zivil-militärischer Zusammenarbeit. Dazu kommen Übungsplätze im Wehrbereich nach der Übernahme von russischen Truppen. Kerntruppe und damit Kampfverbände der Division sind die drei Heimatschutzbrigaden. Sie wurden entsprechend der vorgefundenen Strukturen disloziert: Im Dreieck Schwerin, Hagenow und Dabel ist die Heimatschutzbrigade 40 „Mecklenburg“ stationiert, im Raum Eggesin die Heimatschutzbrigade 41 „Vorpommern“ und westlich von Berlin mit Zentrum Potsdam die Heimatschutzbrigade 42 „Brandenburg“. Nur jede dritte NVA-Liegenschaft wurde von der Bundeswehr übernommen, die restlichen gingen in das Bundesvermögen über. Gegliedert und ausgerüstet sind diese Verbände mit der Reduzierung des aktiven Heeres im Frieden nach der Heeresstruktur 5, die ursprünglich auf der Basis des Ost-West-Gegensatzes geplant war. Durch den Wegfall der Territorialkommandos nach der internationalen Entspannungspolitik ermöglichte sie beim Aufbau der Bundeswehr Ost im Vergleich zur alten Bundeswehrstruktur erhebliche personelle Einsparungen bei Stäben und Truppen, auch einen geringeren Bedarf an Reservisten. Das war für die Reduzierung der deutschen Streitkräfte auf 370 000 Mann von großer Bedeutung. In den alten Bundesländern wurde dieser Schritt nachvollzogen. Ab 1995 übernahmen Brigadestäbe in Schwerin und Potsdam die Aufgaben zivil-militärischer Zusammenarbeit; aufgelöst wurden die Verteidigungsbezirkskommandos. Als Standortvorteil erwies sich bei Heimatschutzbrigaden, dass ihre Truppenübungsplätze „vor der Haustür“ lagen. Das ermöglichte einen wirtschaftlichen Ausbildungs- , Schiess- und Übungsbetrieb bei strengen Umweltschutzkriterien. Für größere Vorhaben musste man allerdings in die alten Bundesländer, zum Beispiel nach Bergen in Niedersachsen, oder ins Ausland nach Großbritannien und Kanada ausweichen. In Neubrandenburg wurde 1994 ein Führungsunterstützungsregiment aus den dort bereits vorhandenen Truppenteilen aufgestellt. Hier befanden sich je ein Fernmelde- und Feldjägerbataillon, ein Heeresmusikkorps und ein Topographiezug. Das Heer hat auf militärischem Gebiet einen guten Ausbildungsstand erreicht, sagte mir damals Divisionskommandeur und Befehlshaber Generalmajor Ruprecht Haasler. Er war angetan von der gelungenen Ost-West-Integration in der Truppe sowie vom Einsatz der von der NVA übernommenen Offiziere und Unteroffiziere. Ein ehemaliger Stabschef der Schweriner Mot. Schützendivision sei erster Generalstabsoffizier der Bundeswehr Ost ge- 145 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet worden. Zwei Drittel aller Kompaniechefs stammten ebenfalls aus den neuen Bundesländern. Voraussetzung war die Ergänzungsausbildung. „Wir wurden hier überall mit offenen Armen aufgenommen. Die Menschen haben gemerkt, dass wir nicht NVA sind.“ So der langjährige Panzerkommandeur zum Verhältnis zur Bevölkerung. Doch die Bundeswehr sorgt nicht nur für militärische Sicherheit, betonte der General. Sondern in einer der strukturschwächsten Regionen der Republik für „wichtige wirtschaftliche Impulse“. Allein 660 Millionen Mark gebe die Bundeswehr hier jährlich für Betriebskosten aus, das sind Bauunterhalt, Verpflegung, Wartung von Fahrzeugen und technischen Anlagen. Allein für Baumaßnahmen seien 1,6 Milliarden Mark bis 1999 vorgesehen, versicherte Haasler. Gerade für das Handwerk, aber auch für mittelständische Unternehmen eine bedeutende Größe im Wettbewerb der sozialen Marktwirtschaft. Für den Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern, Berndt Seite (CDU), hat die Bundeswehr nicht nur einen sicherheits-politischen und wirtschaftlichen Stellenwert. Er schätzte ebenso, „dass die Offiziere und Unteroffiziere sich in ihren Standorten aktiv in das gesellschaftliche Leben einbringen. Sie sind nicht nur Soldaten in ihrem Standort, sondern sie sind Menschen, die bei uns leben und auch im kommunalen Bereich beim Aufbau mithelfen.“ Mit Struktur 5 modern und schlank Mit der Heeresstruktur 5 erhielten auch in den neuen Bundesländern die Kommandos und Verbände neue Konturen, ein Aufbau mit Pilotfunktion. Nun waren nationale territoriale Aufgaben und Einsatzaufgaben beim Heeresführungskommando in Koblenz zusammengefasst. Es plante alle Einsätze des Heeres. Für die neuen Länder wurde den Koblenzern bei den nationalen territorialen Aufgaben das Wehrbereichskommando VII/13. Panzergrenadierdivision in Leipzig unterstellt, auch das Neubrandenburger Wehrbereichskommando VIII/14. Panzergrenadierdivision. Eng wirkten sie mit den Landesregierungen von Sachsen und Thüringen (Wehrbereich VII) sowie von Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Berlin (Wehrbereich VIII) zusammen. Beiden Wehrbereichskommandos/Divisionen unterstanden in den Landeshauptstädten Verteidigungsbezirkskommandos. Als Träger der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit nahmen sie die territorialen Aufgaben zur Landesverteidigung wahr. Für Einsatzaufgaben wurden die 13. und 14. Division vom IV. Korps in Potsdam befehligt. Beide Großverbände bleiben im Frieden organisatorisch mit den Wehrbereichskommandos fusioniert. Im Verteidigungsfall erfolgt eine Defusionierung. Die Großverbände der Bundeswehr im Beitrittsgebiet wurden meist nach der vorgefundenen NVA-Struktur aufgestellt. So ging aus der 4. Motorisierten Schützendivision nach 34-jähriger Geschichte die Heimatschutzbrigade „Thüringen“ hervor. Übrigens, die erste 146 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Brigade im Osten. Neben Erfurt mit dem Stab wurde Bad Salzungen zum wichtigsten Standort. „Tausende Soldaten, die künftig hier dienen, werden den Namen ‚Thüringen‘ mit Leben erfüllen und den Sinn der Bundeswehr, den Bürgern Heimatschutz zu sein, vorleben“, erklärte der Minister für besondere Aufgaben der Landesregierung, Jochen Lengemann (CDU), während des feierlichen Appells in der Erfurter Löberfeld-Kaserne. Die Einnahme der neuen Heeresstruktur bedingte zum Beispiel für die Neubrandenburger Division, dass aus den Heimatschutzbrigaden 40 „Mecklenburg“ in Schwerin und 41 „Vorpommern“ in Eggesin die Panzergrenadierbrigade 40/Verteidigungsbezirkskommando 86 und die Panzergrenadierbrigade 41 wurden. Aus der Potsdamer Heimatschutzbrigade 42 „Brandenburg“ ging die Panzerbrigade 42/Verteidigungsbezirkskommando 84 hervor. Die Brigaden wurden für Ausbildung und Einsatz von Führungs- , Kampfunterstützungs- , Logistik- und Sanitätstruppen unterstützt. So vom Artillerieregiment 14 in Karpin. Über „Wehrbereichstruppen“ für territoriale Aufgaben verfügte das Wehrbereichskommando VII/14. Panzergrenadierdivision. Dazu gehörten das Lazarettregiment 81 in Stern- Buchholz bei Schwerin und die Pionierbrigade 80 in Storkow. Insgesamt waren die Truppenteile und Dienststellen des Neubrandenburger Kommandos in rund 100 Standorten angesiedelt. Dort dienten 19 200, später 23 000 Soldaten. Beschäftigt wurden 2 700 Zivilbedienstete. Ausgerüstet waren die neuen Verbände mit modernem Großgerät – so mit dem Panzer Leopard 2 und 1A, dem Schützenpanzer Marder und der Panzerhaubitze M 109. „Wir haben nicht nur die Strukturumstellung erfolgreich abgeschlossen. Wir bilden genauso aus wie die Bundeswehr im Westen“, berichtete mir der Divisionskommandeur und Befehlshaber im Wehrbereich VIII, Brigadegeneral Hans Peter von Kirchbach. „In etwa gibt es auch den gleichen Leistungsstand, vielleicht hier und da noch ein paar kleine Unterschiede.“ Dieser „hohe Ausbildungsstand“ sei kürzlich der Potsdamer Brigade nach einer Lehrvorführung auf dem Truppenübungsplatz Klietz vom Generalinspekteur der Bundeswehr, General Klaus Naumann, bestätigt worden. Der Kommandeur verwies ferner darauf, dass in der neuen Panzergrenadierdivision mehr als 50 Prozent aller Angehörigen Wehrpflichtige sind. „Kampfkraft und Funktion können 147 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet wir nur mit unseren – in der Masse – hervorragenden Wehrpflichtigen sicherstellen. Für deren Leistungen sprechen ganz fachliche und speziell militärische Gründe. Aus diesem Reservoir junger Leute, auf das wir insgesamt zurückgreifen können, gehen rund zwei Drittel unserer Unteroffiziere und jeder zweite Offizier hervor.“ Er selbst habe sich erst als Wehrpflichtiger entschieden, „diesen schönen Beruf zu ergreifen“. Meine Anmerkung: Ich konnte mich nicht erinnern, je einen Offizier in der NVA getroffen zu haben, der vorher als Rekrut seine 18 Monate abgedient hatte und bei der Fahne geblieben war. Wohl auch deshalb, weil ein Berufssoldat immer Ärger von oben und unten ertragen musste. In diesem Zusammenhang würdigte der General, unter dessen Leitung die 9. NVA-Panzerdivision im Raum Eggesin aufgelöst wurde, den „wichtigen Beitrag der Bundeswehr für die erfolgreiche Ost-West-Integration“. Bei der Einführung der neuen Struktur sei die Bundeswehr Ost gewissermaßen „Vorreiter“ gewesen, „da beim Aufbau der neuen Verbände und Truppenteile sowie ihrer Kommandos die künftige Rolle und Aufgabe des deutschen Heeres im Zentrum Europas in einer gewandelten Sicherheitslage berücksichtigt wurden“. Hier sollte noch folgendes erwähnt werden: 1993 wurden alle Offiziere und Unteroffiziere durch ihre Vorgesetzten beurteilt. Der nächst höhere und der übernächste Vorgesetzte nahmen dann Stellung zu diesen Papieren. Es kam mit 8 282 Beurteilungen zu einer in der Bundeswehr einmaligen Häufung eines solchen demokratischen Vorgangs. Zuvor hatte Generalinspekteur Naumann die „Herausforderungen an den Offizier“ formuliert: „Die Aufgabe des Offiziers ist unverändert: Führer, Ausbilder, Erzieher der ihm anvertrauten Menschen zu sein und sie zu einer Truppe zu formen, die im Frieden ebenso wie in Krise und Krieg zuverlässig, einsatzbereit und leistungswillig kämpfen kann und, wenn sie es muss, auch kämpfen will.“ (1994) Jahrhundert-Hochwasser ohne Katastrophe Im oberen Einzugsgebiet der Oder führten im Sommer 1967 extreme Niederschläge zu einer Jahrhundertflut in Polen, Tschechien und im Osten Deutschlands. Die Schäden im Land Brandenburg blieben durch die tatkräftige Unterstützung tausender Helfer und die Anwendung modernster technischer Hilfsmittel vergleichsweise gering, schätzte dort das Landesumweltamt ein. „Eine bis dahin einzigartige militärisch-zivile Katastrophenabwehr war erforderlich, um das Hochwasser zu bändigen. Die Überflutung des Oderbruchs konnte verhindert werden. Die wirtschaftliche Existenz, Haus und Hof von etwa 20 000 Menschen blieben von der Katastrophe verschont.“ Dennoch verloren manche Einwohner zum zweiten Mal Hab und Gut – im Krieg und nun im Hochwasser. Der Wasserdruck betrug sechs Tonnen je Quadratmeter. Der Pegelstand erreichte Rekordhöhen. Insgesamt 30 000 Soldaten standen mit mehr als 3 000 Fahrzeugen und Spezialmaschinen im Hochwassereinsatz. Etwa 50 Hubschrauber beförderten in mehr als 2 700 Flugstunden etwa 2 000 Personen sowie über 3 500 Tonnen Material. Zusammen mit Technischem Hilfswerk, Polizei, Bundesgrenzschutz, Feuerwehren, Hilfsorganisationen und der Bevölkerung 148 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten wurden über acht Millionen Sandsäcke mit etwa 177 000 Tonnen Sand und Kies gefüllt. Ohne Bundeswehr – darin waren sich später alle Beteiligten einig – wäre es zu einer Jahrhundert-Katastrophe gekommen. An der Spitze der vielen Helfer in Felddienst-Uniform stand Generalmajor Hans Peter von Kirchbach, Kommandeur der 14. Panzergrenadierdivision in Neubrandenburg. Er wurde der „Held der Oder“. Ihm zur Seite – „Deichgraf “ Matthias Platzeck (SPD), Landesumweltminister Brandenburgs, der – wie ich mich gut erinnern kann – schon 1989/90 in Berlin am Zentralen Runden Tisch für Demokratie mit klugen Ideen hervorgetreten war. Für viele Ostdeutsche in dieser Gegend wurde angesichts der großen Hilfe in diesen schweren Stunden die Bundeswehr zu einem Freund. Das war oft zu hören. Mancher ihrer Taucher riskierte beim Deichbau sein Leben, so groß war die Gefahr. Im Minutentakt wurden Sandsäcke und Betonplatten abgelegt, um so den Deich zu befestigen. „Am Ende sind wir nicht mehr den Ereignissen nachgelaufen, sondern haben vorbeugend stabilisiert. Und damit haben wir es geschafft“, berichtete 20 Jahre später der General a.D. gegenüber der Antenne Brandenburg. Die Bilanz, auch bei der Bundeswehr: Die große Hilfswelle schweißte Ost und West zusammen. Auch das ist traditionswürdig. „Heer der Einheit“ mit neuen Konzeptionen Vor der größten Herausforderung beim Aufbau einer einheitlichen Bundeswehr stand das deutsche Heer. Immerhin hatte sich im vereinten Deutschland der zu schützende Raum um 40 Prozent vergrößert. Und der vertraglich vereinbarte Truppenabbau musste auch in dieser Zeit bewältigt werden. Das bedeutete mit der Forderung „Frieden schaffen mit immer weniger Waffen“ zugleich einen großen Rationalisierungsdruck. Schließlich wollte man mit neuen Konzeptionen mehr Führungspersonal für die Arbeit in der Truppe freibekommen. So war militärisch die „Lage“: Das Heer musste bis Ende 1994 im Westen nach Standort- und Strukturentscheidungen von 288 000 auf 211 000 Mann verringert werden – also eine im Frieden kleinere, aber dennoch modern ausgerüstete und bewaffnete Teilstreitkraft. Sie sollte sowohl zur Verteidigung als auch zur Krisenreaktion fähig sein. Aus dem bisher „schweren“ Heer, so konnte man die Verantwortlichen interpretieren, werde nun ein „leichtes“ Heer gebildet, das eng mit der Luftwaffe und der Marine zusammenwirken könne. In den fünf neuen Bundesländern baute man zeitgleich neue Heeres-Truppenteile mit 40 000 Soldaten auf. Hier trug die Reform Modellcharakter, weil eben schneller reduziert 149 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet werden musste. Übernommen worden waren 1990 etwa 60 000 Landstreitkräfte-Soldaten der NVA. Leitmotiv der Verantwortlichen für diesen Neuanfang war, übernommene NVA-Soldaten in der alten Bundesrepublik an Schulen und in Verbänden auszubilden sowie mehr als 1 300 Offiziere und Unteroffiziere der Bundeswehr in ostdeutsche Truppenteile abzukommandieren. Zu dieser Zeit galt der Osten Deutschlands als große Herausforderung für das Heer. Etwa bis 1994 mussten im Westen 72 Bataillone der Kampftruppen unter dem Gesichtspunkt von Kaderung und schnellem Aufwuchs mit besser als bisher ausgebildeten Reservisten umgegliedert sowie weitere 76 Kampftruppen-Bataillone aufgelöst werden. Das bedeutete eine riesige personelle und logistische Herausforderung. Wie mir der stellvertretende Generalinspekteur Vizeadmiral Hans Frank erklärte, hätten die ausgeschiedenen NVA-Soldaten in der Bundeswehr keinen Reservistenstatus. Ich machte ihn darauf aufmerksam, dass damit die Bundeswehr auf eine große militärische Kapazität, auch auf eine politische Chance verzichtet, „Ehemalige von drüben“ mit den neuen demokratischen Strukturen und Zielen vertraut zu machen. Denn für die NVA-Angehörigen waren in der DDR nach ihrem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst gewöhnlich ein für alle Mal die Kasernentore verschlossen. Ich denke schon, dass sich so mancher Reservist gern selbst ein Bild gemacht hätte, wie das deutsche Militärwesen unter „kapitalistischen Bedingungen“ funktioniert. Die andere historische Epoche mit dem sozialistischem Soldatenalltag sowie seinen Ecken und Kanten und Erniedrigungen von Wehrpflichtigen kannte er zur Genüge. 150 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Ansonsten begann im Beitrittsgebiet alles beim Heer im ehemaligen Kommando der NVA- Landstreitkräfte in Potsdam mit dem Aufstellungsstab Heereskommando Ost unter Brigadegeneral Heribert Göttelmann. Er hatte zuvor drei Jahre die Artillerieschule in Idar- Oberstein (Rheinland-Pfalz) geleitet. Aus den vier aktiven Mot. Schützen- und zwei Panzerdivisionen der DDR gingen nun sechs Heeresbrigaden der Bundeswehr hervor. Die ersten Erfahrungen mit den Neuen beim gemeinsamen Anfang und Aufbau eines gesamtdeutschen Heeres waren durchaus positiv. Das wurde mir wiederholt in Gesprächen mit Verantwortlichen des Heeres versichert. Generalinspekteur Admiral Dieter Wellershoff freute sich bei seinem ersten Besuch der Bundeswehr Ost über die recht aufgeschlossenen neuen Kameraden. Während einer Mitfahrt im offenen „Trabi“-Kübel, der nun in der Tarnfarbe und mit dem Y-Kennzeichen der Bundeswehr zum Fuhrpark gehörte, strahlte er über das ganze Gesicht und lobte dann diesen geländegängigen Flitzer mit dem Zweitaktmotor. Die NVA hatte in ihrem Bestand ein paar Tausend der einst mehr als drei Millionen PKW aus den Zwickauer Produktionsstätten. Trotz allgemein ungünstiger Rahmenbedingungen wuchsen ab April 1991 im Korps- und Territorialkommando Ost die Verbände rasch in die Regelausbildung der Bundeswehr. Erschwerend wirkten sich Lücken beim Führungs- und Fachpersonal in den Verbänden sowie fehlende Ausbildungsanlagen aus. Dennoch waren vielerorts gute Fortschritte zu verzeichnen. Die aus der NVA übernommenen Offiziere und Unteroffiziere des Truppendienstes hatten ihre Ergänzungsausbildung bei der Bundeswehr im Großen und Ganzen 1993 abgeschlossen. Im militärfachlichen Dienst – darunter sechswöchige Truppenpraktika im Westen – konnte man das Ziel erst 1994 erreichen. Von den Soldaten des Korps und Territorialkommandos Ost stammten acht Prozent aus den alten Ländern. 151 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Und so wurde die erfolgreiche Heeresentwicklung in Ostdeutschland am 1. Januar 1995 mit der Umgliederung des Korps- und Territorialkommandos als oberste Kommandobehörde des Heeres und oberste territoriale Dienststelle in den neuen Ländern zum IV. Korps fortgesetzt. Zu den jetzt dem IV. Korps unterstellten Truppenteilen zählten – das war mir damals eine Schlagzeile wert – erstmalig westdeutsche Einheiten: Beispielsweise das Fernmeldebataillon Elektronische Kampfführung 320 aus Frankenberg/Eder, die Fernspähkompanie 300 aus Fritzlar (alle Nordhessen) und die Frontnachrichtenlehrkompanie 300 in Diez/Lahn (Rheinland-Pfalz). Einen bedeutenden Zuwachs an Kampfkraft erfuhren die „Potsdamer“ vom Heeresfliegerregiment 36 in Fritzlar mit Hubschraubern vom Typ BO- 105 für Aufklärungs- und Verbindungsflüge sowie zur Panzerabwehr der Kampftruppen. Logistikbrigade „blickt“ in alle Bundeswehrlager Mit der Logistikbrigade Ost hatte die Bundeswehr in den neuen Ländern ein wichtiges militärisches Instrument für die künftige Heeresstruktur in ganz Deutschland geschaffen. Als Truppenteil des Korps-/Territorialkommandos Ost, in dem Feld- und Territorialheer zusammengeführt wurden, verkörperte die neue Nachschub- und Instandsetzungstruppe mit Stab in Strausberg das Bild der deutschen Streitkräfte von morgen: Begrenzte militärische Personalumfänge, veränderter Auftrag bei Friedens- und Freiheitssicherung. Überlegungen aus der Heeresstruktur 5, auf dieser Ebene die logistischen Aufgaben zusammenzufassen und dafür neue Organisationselemente zu schaffen, wurden bei der Aufstellung der Brigade ab Januar 1991 voll berücksichtigt. So technokratisch das klingt, so bedeutungsvoll waren diese Schritte nach Auflösung der Nationalen Volksarmee insbesondere für die materielle Einsatzbereitschaft des Heeres in den neuen Bundesländern. Da geht es einmal darum, den Nachschub von Versorgungsgütern – Betriebsstoffe, Munition und Ersatzteile – straff zu organisieren. Die Devise: Lagern, Bereitstellen, Umschlagen und Transportieren so effektiv wie möglich. Andererseits unterstützt die Brigade mit Instandsetzungsleistungen die Heeresverbände. Den Logistiktruppen stehen dazu mobile und stationäre Einrichtungen zwischen Güstrow und Demmin in Mecklenburg-Vorpommern, Rothenstein (Thüringen) und Lohmen (Sachsen) zur Verfügung. Reichen militärische Kräfte und Mittel nicht aus, nutzt die Brigade Unterstützungsleistungen aus Industrie und gewerblicher Wirtschaft. Die etwa 2 300 Soldaten und 1 500 zivilen Mitarbeiter, viele von ihnen zuvor bei den Rückwärtigen Diensten der NVA beschäftigt, packten in der Tat beim Aufbau der Logistikbrigade Ost kräftig an, um schon bald eine mobile und raumdeckende Versorgung zu sichern. Dabei wuchsen die Soldaten aus Ost und West „ein gutes Stück zusammen“, sagte mir Kommandeur Oberst Bernd Vohland voller Stolz. „Die Integration ist schon sehr weit fortgeschritten, Kameradschaft und Zusammengehörigkeit haben sich weiter ausgeprägt.“ Wovon manches Wirtschaftsunternehmen im Osten Deutschlands noch träumen muss, ist in der Bundeswehr Realität: Per Knopfdruck können Logistiker der „Operationszentrale“ 152 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten in Strausberg jederzeit in alle Heereslager zwischen Ostsee und Alpen, diesseits und jenseits der Elbe „einsehen“. Als an einem Vormittag das Nachschubbataillon 701 im thüringischen Sondershausen 30 spezielle Schrauben anfordert, diese aber in keinem ostdeutschen Lager zu finden sind, „durchsucht“ Disponentin Helga Rudolf am Bildschirm in ihrem papierlosen Büro westdeutsche Depots. Minuten später ergeht elektronisch der Lieferauftrag an das Versorgungskommando 800 in Lingen (Niedersachsen). Zwei Tage später sind die Schrauben auf dem Weg zum Zielort. Was ehemalige DDR-Bürger, mit Engpässen jeder Art aufgewachsen, wie bei diesem schnellen Zugriff auf dringend benötigte Ersatzteile noch immer zum Staunen bringt, hat das Materialamt des Heeres 1987 als Verfahren eingeführt. In der Transportzentrale – auch in unmittelbarer Nähe vom Kommandeurzimmer – ein ähnliches Bild: Über die elektronische Datenverarbeitung werden Waggons der Deutschen Bahn geordert beziehungsweise Ferntransporter auf Reisen geschickt. Burg in Sachsen- Anhalt ist dabei einer der insgesamt acht zentralen Umschlagpunkte der Bundeswehr in ganz Deutschland. Um beispielsweise bei der Betriebsstoffversorgung der Truppen weitere Kosten zu sparen, wird zurzeit die Zuführung durch Eisenbahnkesselwagen und Stra- ßentransport in festgelegten Routen neu geordnet. Dringliche Transporte, so nach einer Bitte aus Russland um 2 000 Wolldecken für ein Gefängnis in Sankt Petersburg, gehören ebenso zum Programm der Logistiker. Oft übernehmen zivile Transportfirmen Aufträge der Bundeswehr. Zur Entlastung der neuen Heerestruppenteile von Material wurden im Osten etwa 50 Verwahrlager eingerichtet, von denen diese Brigade acht verwaltet. Tausende Elektroaggregate, Wassertransportanhänger und Feldküchen sowie 800 Tonnen Werkzeug wurden ostdeutschen Kommunen kostenlos überlassen. Karitative Vereinigungen in Äthiopien, Angola, Marokko, Estland, Litauen, Tadschikistan, Uruguay und vielen anderen Staaten erhielten humanitäre Hilfe. Von den einst 270 000 Tonnen Munition der NVA-Landstreitkräfte können monatlich 2 000 Tonnen in der Bundesrepublik entsorgt werden; darüber hinaus erfolgten Abgaben an andere Staaten. Auch wenn Logistiktruppen nicht so wie andere Einheiten mit Panzern, Flugzeugen und Schiffen im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen, sind sie ebenso auf der Höhe der Zeit. Im Fall der Strausberger Brigade vielleicht sogar „militärische Vorreiter“, meint Kommandeur Vohland. Nach deren Struktur und Erfahrungen wurde 1993 die Logistikbrigade Süd in Germersheim bei Ludwigshafen aufgebaut, der 1994 die Logistikbrigade Nord in Lingen folgte. Thüringer Brückenschlag in Richtung Westen Die altehrwürdige Landesmetropole Erfurt im Grünen Herzen Deutschlands ist schon fast 350 Jahre Garnisonsstadt. Das begann hier während der Mainzer Herrschaft zwischen 1664 und 1802 auf dem Petersberg. Als einzige weitgehend erhaltene barocke Stadtbefestigung 153 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Mitteleuropas erinnert noch heute die Zitadelle an die Festungsbaukunst vergangener Jahrhunderte und an alte Militärtechnik. Nach der Aufgabe der Festung beherbergte die Garnison Erfurt größere Kontingente der Preußischen Armee, der Kaiserlich-Wilhelminischen Armee, der Wehrmacht und der Nationalen Volksarmee. Nach der Wiedervereinigung 1990 gab es die Bundeswehr in den Kasernen „Buchenberg“, „Löberfeld“, „Steiger“ und „Henne“. An die jüngere Militärgeschichte denken die Blumenstädter ungern zurück. Nach dem Zweiten Weltkrieg, bei dem viele Thüringer besonders während des Russland-Feldzuges ihr Leben lassen mussten, wurde die Stadt 1945 zuerst von amerikanischen Truppen erobert, dann von der Sowjetarmee besetzt. Unter ihrer Kontrolle entstanden in einstigen Wehrmachts-Kasernen schon bald erste Einheiten der Kasernierten Volkspolizei – noch vor der offiziellen NVA-Gründung 1956. Die hier ansässige 4. NVA-Mot. Schützendivision übte mit der 8. Panzerarmee der GSSD aus dem benachbarten Weimar für den „Kriegsschauplatz Westeuropa“. Außerdem hatte die Erfurter NVA-Division den „Kampfauftrag“, wie nach der Wiedervereinigung bekannt wurde, mit den Truppen vom Grenzkommando Süd (ebenfalls Erfurt) entsprechend den Grundsätzen des Warschauer Vertrages und seiner Führungsorgane „im Krieg“ zu handeln. Das hieß laut DDR-Verteidigungsministerium von 1989: „Vernichtung von Erstrangobjekten des Gegners in unmittelbarer Nähe der Staatsgrenze“ – also in Bayern, Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Bei den Erfurter Panzerartilleristen mit vielen ehemaligen Soldaten aus Thüringer NVA- Artillerieeinheiten klappte die Integration der Kameraden aus Ost und West an der Feldhaubitze 105 mm und der Panzerhaubitze 155 mm M109 sehr gut. „Anfänglich gab es auch Missverständnisse“, erzählte mir Hauptmann Ralf Schröder, „die aber meist aus unterschiedlicher Begriffsauslegung resultierten. Wir haben uns oft zusammengesetzt und fanden nach etwa drei Monaten eine gemeinsame Sprache. Dabei ist Vertrauen und gegenseitige Achtung gewachsen.“ Von den Ex-NVA-Bewerbern für den weiteren Bundeswehrdienst waren hier 17 Offiziere und 106 Unteroffiziere übernommen worden. „Alles verlief ohne nennenswerte Probleme in der Zusammenarbeit“, schätzte der 45-jährige Oberstleutnant Horst Adams ein. Er war Stellvertreter von Kommandeur Oberstleutnant Günter Kunz. Während je die Hälfte der Offiziere aus den alten und den neuen Bundesländern stammte, kam von den Wehrpflichtigen jeder Fünfte aus dem Westen. In der Stabs- und Versorgungsbatterie sowie in den zwei „schießenden“ Einheiten dienten nun junge Leute aus Thüringen und Hessen, Sachsen und Bayern, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg. Ihnen standen erfahrene Vor- 154 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten gesetzte wie Oberfeldwebel Jörg Biehl zur Seite, der zuvor zehn Jahre bei der Bundeswehr in Hessisch Lichtenau gedient hatte. „Ich habe durchaus positive Eindrücke, auch wenn der Anfang schwierig war. Wie der Tagesablauf ist auch vieles andere nun ‚bundeswehrtypisch‘.“ Die kameradschaftliche Atmosphäre, die Akzeptanz als Staatsbürger in Uniform waren für eine ganze Reihe von Wehrpflichtigen Anlass, sich als Unteroffiziersanwärter mit einer vierjährigen Dienstzeit zu bewerben. Kein leichter Job, denn trotz moderner Technik hatten die Panzerartilleristen einen harten Dienst. Personaloffizier Leutnant Frank-Uwe Reinhardt war „sehr stolz, dass nun fast alle Bewerber für eine solche Tätigkeit aus den eigenen Reihen kommen. Wir wissen, ob sie sich dafür eignen, sie wissen, was auf sie zukommt.“ Wo also noch vor wenigen Jahren mit dem Blick auf die innerdeutsche Grenze streng geheime Einsatzdokumente über „Anlegen von Sperren und Durchführung von Zerstörung“ in Erfurter Panzerschränken lagerten, gibt es heute Überlegungen ganz anderer Art. Eine heißt: „Brückenschlag in Richtung Westen unseres Vaterlandes“. So interpretierte der Kommandeur der Panzerbrigade 39 „Thüringen“, Oberst Wolfgang Schneiderhan, die jüngste Strukturveränderung für seinen Verantwortungsbereich. Das bedeutet den Umzug des Panzerartilleriebataillons 395 vom Erfurter Steiger ins hessische Sontra und die Zusammenlegung mit dem Panzeraufklärungsbataillon 5. Der weiteren Ost-West-Integration dient ebenso die Unterstellung eines Bataillons in Rothenburg an der Fulda unter den Befehl des (Neu-)Thüringer Panzerkommandeurs, der zuvor im Nato-Hauptquartier in Brüssel und an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg tätig war. Überhaupt: Die Bundeswehr brachte in den vergangenen Jahren nicht nur einen neuen, demokratischen Geist in die Erfurter Kasernen, sie kann auch eine überaus erfolgreiche Bilanz ziehen. Dazu trugen ganz maßgeblich die Offiziere und Unteroffiziere aus den alten Bundesländern bei. Nach Auflösung der NVA-Truppenteile und -Verbände schufen sie mit ostdeutschen Zeitsoldaten, von denen zahlreiche nach Ergänzungsausbildung und Akademie-Besuch für ständig übernommen wurden, einsatzbereite Einheiten und Verbände. So das Panzerartilleriebataillon 395, dessen Panzerhaubitzen M 109 unter anderem aus Lahnstein stammten. Auf den Truppenübungsplätzen Baumholder (Rheinland-Pfalz) und „Shilo“ in Kanada konnten die Erfurter ihr Können nachweisen. In Thüringen reduzierte die Bundeswehr ihre Truppenstärke um zirka sechs Prozent. Schneiderhan: „Wir haben keinen Grund zur Klage.“ Dennoch stehen diese Truppen seit ihrer Assignierung im Bündnis vor einer großen militärischen und politischen Herausforderung, kündigte er an. Wichtig sei ihm das „Prinzip der Vermaschung zwischen Komponenten der Krisenreaktion und Hauptverteidigung“, womit gerade in den Ergänzungsbrigaden im „Verbund Innere Führung, Ausbildung und Personalaustausch hergestellt und eine ‚Zwei- Klassen-Armee‘ vermieden wird“. Mit der neuen Struktur und Organisation der Bundeswehr werde nunmehr „die alte innerdeutsche Grenze überwunden“. Diesem Anliegen habe bereits der Ost-West-Austausch von Rekruten gedient, was der Nachwuchsgewinnung unter den Wehrpflichtigen – so in heimatfernen Standorten – Grenzen setzte. 155 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Mit ihren beiden großen Standorten in Bad Salzungen (Thüringen) und Sontra (Hessen) kann nun die Panzerbrigade 39 eine sicherheitspolitische Idee des Bundesverteidigungsministers verwirklichen – die Bundeswehr „angemessen und strukturell ausgewogen in allen Landesteilen zu repräsentieren, dabei auch die einst trennende Grenze zwischen Ost und West vergessen machend“. Für den Bundeswehrstandort Erfurt mit einem Brigade- , Regiments- und Bataillonsstab und den jeweiligen Stabskompanien, zwei Bataillonen, mehreren Kompanien, einem Heeresmusikkorps, einem Standortsanitätszentrum sowie Dienststellen der Bundeswehrverwaltung begann also ein neues, zukunftsträchtiges Kapitel in seiner wechselvollen Garnisonsgeschichte. Heute ist in der Erfurter Löberfeld-Kaserne das Logistikkommando der Bundeswehr zu Hause. Es hat die Führung über sämtliche logistische Kräfte der Streitkräftebasis – etwa 15 000 Personen – und stellt für die Einsatzaufgaben der gesamten Streitkräfte ausgebildete Logistiktruppen bereit. Ein Partnerschaftsabkommen verbindet seit 2015 das Kommando mit dem US-amerikanischen 21st Theater Sustainment Command in Kaiserslautern, zu dem auch das Miesau Army Depot in Rheinland-Pfalz als größtes Munitionsdepot außerhalb der Vereinigten Staaten gehört. Vorbildliche Familienbetreuung in Erfurt Das Erfurter Familienbetreuungszentrum in der Henne-Kaserne ist an sieben Tagen rund um die Uhr besetzt. Neben den ständigen telefonischen Auskünften über das deutsche Kontingent für die internationale Bosnien-Friedenstruppe GECONIFOR (L), dessen Transportverband vom hiesigen Bataillon gestellt wird, nutzen viele Eltern, Ehepartner und Freundinnen die Möglichkeit zu einem persönlichen Gespräch während der allgemeinen Dienstzeit. Dennoch kamen weit über 200 Interessierte an diesem Sonntagnachmittag im März 1996, um sich mit dem neuesten Stand beim Einsatz der Soldaten in Ex-Jugoslawien vertraut zu machen. Zum dritten Treffen dieser Art im Transportbataillon 133 hatten die Gastgeber wieder ein vielfältiges, informatives Programm vorbereitet. Ein Videofilm veranschaulichte den harten Dienst bei mehrtägigen Kontrollfahrten durch nahezu unbekanntes Gelände, das mit Minen und Heckenschützen noch immer voller Gefahren ist. Dann eine Einschätzung der „Aktuellen Lage“. Diese beurteilte der stellvertretende Bataillonskommandeur Major Reinhard Witthuhn an diesem Tag als „unverändert stabil und ruhig. Allen Angehörigen unseres Verbandes geht es gut.“ Das wurde in dieser Runde mit Freude aufgenommen. In weiteren Gesprächen an den mit Kaffee und Kuchen gedeckten Tischen erfuhren die Gäste Einzelheiten über den Soldatenalltag im Ausland. Zu den Hauptaufträgen des Unterstützungsverbandes aus Deutschland gehörte zu jener Zeit der Ausbau der Standorte Primosten, Bencovac, Solaris, Sibenic, Zadar und Trogir. Zudem wurden Transportaufträge bewältigt und die Pioniere beim Straßen- und Brückenbau unterstützt. Daran sind der Erfurter Verband mit 540 Soldaten, aber auch 150 Mann von der Betriebsstoff- und Schwerlast-Transportkompanie aus Günzburg und Ellwangen sowie 90 Angehörige der Trans- 156 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten portaufklärungskompanie aus Freyung und Bad Reichenhall beteiligt. Insgesamt waren 2 500 deutsche Heeressoldaten im Hauptkontingent bei GECONIFOR eingesetzt. Wie schon bei den ersten „Einweisungen“ zog es an diesem Tag die aus mehreren Bundesländern Angereisten wieder in die FBZ-Zentrale im Zimmer 208. Hier standen nicht nur zahlreiche Telefone auch mit einer Direktverbindung via Satellit ins Einsatzgebiet. An den Wänden mehrere Karten für Deutschland und den Balkan, wo die ehrenamtlichen Helfer mit einem Blick den Standort der Gesprächspartner ausmachen konnten. Einige Wandtafeln verwiesen auf Telefonnummern und Anschriften von Partnern der Familienangehörigen, darunter die Militärseelsorge, die Verwaltung und der Sozialdienst der Bundeswehr. Was die eigentlichen „Kleinarbeit“ in Sachen Familienbetreuung ausmacht, erläuterte Hauptmann Rainer Steuer. „Wir stehen für alle Probleme zur Verfügung – von der Hilfe beim Umgang mit Ämtern und Behörden bis zu Versorgungsangelegenheiten. Alle persönlichen Dinge werden vertraulich behandelt.“ Wer einen Gruß oder einen Musikwunsch an den Lieben übermitteln wollte, konnte für Radio Andernach – „Soldaten senden für Soldaten“ – aufs Band sprechen. Auch den Kindern der Soldaten galt die ganze Aufmerksamkeit. Für sie wurde an diesem Tag in der Kompanie ein Spielzimmer eingerichtet. Höhepunkt des Familientreffens war für die Jungen und Mädchen der Besuch im Erfurter Aquarium. Natürlich geht im Transportbataillon der Tagesdienst weiter. Konvoi- und Schießausbildung stehen ebenso auf dem Programm wie Erste Hilfe bei einem Verkehrsunfall. Jedoch fehlen Offiziere und Unteroffiziere. Das muss durch Disponibilität der Anwesenden ausgeglichen werden, meinte Hauptfeldwebel Bernd Pippert. „Auch wenn die April-Einberufung wieder neue Aufgaben mit sich bringt – wie unsere Kameraden in der multinationalen Truppe leisten wir in der Heimat einen angemessenen Beitrag für den Frieden.“ Lautloses Üben beim „Schwarzen Adler 96“ Da findet im Osten Deutschlands eine Übung mit Großverbänden der Bundeswehr statt. Und kein Außenstehender bemerkt etwas davon. Wann hat es so etwas in diesem Gebiet schon einmal gegeben? Einst bewegten sich hier auf den Straßen die Truppen der Nationalen Volksarmee und der Westgruppe der russischen Streitkräfte regelrecht nach Belieben. Sie beeinträchtigten den öffentlichen Straßenverkehr am Tag wie in der Nacht und zogen noch die Umwelt in Leidenschaft. Die Spuren und Hinterlassenschaften der sozialistischen Armeen sind sechs Jahre nach der Wiedervereinigung und zwei Jahre nach dem Abzug der Russen vielerorts noch nicht restlos beseitigt. Mit den gesamtdeutschen Streitkräften, der Armee der Einheit, wurde das anders. Davon zeugt jetzt im frühen Herbst, wenn die Felder abgeerntet sind und für die Entfaltung militärischer Kräfte eigentlich genügend Platz vorhanden ist, die Korpsrahmenübung „Schwar- 157 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet zer Adler 96“. Sie findet in einem Raum innerhalb von Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen statt und ist in diesem Jahr die anspruchsvollste Übung der Bundeswehr in den neuen Ländern. Fünf Tage lang steht das Zusammenwirken von Großverbänden bei der Landesverteidigung im Mittelpunkt. Beteiligt sind die Führungsstäbe der 13. Panzerdivision (Leipzig), der 14. Panzergrenadierdivision (Neubrandenburg) und der 6. Panzergrenadierdivision (Kiel). Mit von der Partie – ein französisches Kontingent von 80 Angehörigen des III. Korps aus Lille sowie Soldaten aus Dänemark, den Niederlanden, Großbritannien und den USA. Das Besondere: Für die Bevölkerung verläuft die Rahmenübung „weitgehend lautlos“. Das sagte mir Pressesprecher Oberstleutnant Hans-Dieter Overweg vom IV. Korps in Potsdam. Sein „Hauptquartier“ ist in der Hans-Joachim-von-Zieten-Kaserne in Beelitz. Denn der überwiegende Teil des Übungsgeschehens verläuft nicht wie üblich unter freiem Himmel, sondern im „Saal“ – auf 110 Gefechtsfeld-Bildschirmen. „Der Kampf wird elektronisch simuliert, findet praktisch per Computer statt.“ Dafür steht den Militärs das neue Computer-Simulationsprogramm GUPPIS zur Verfügung. Das ist eine deutsche EDV-Entwicklung und wurde speziell auf die Kommandostruktur der Bundeswehr zugeschnitten. Auf diese Weise würden „große Truppenbewegungen“ und „umfangreiche Manövergefechte“ mit ihren Auswirkungen realitätsnah auf einer Gesamtfläche von 350 mal 400 Kilometer von der Nordsee bis zur Oder simuliert. „Ob Kampfpanzer, Artilleriegeschütze, Luftlandeverbände oder Pioniere – fast alle Truppenteile des Heeres finden mit ihren Besonderheiten ihre Entsprechung auf dem ‚Gefechtsfeld Bildschirm’“, betonte er. „Die unterschiedlichen Gefechtsarten, die Besonderheiten des jeweiligen Geländes und die Witterungsbedingen werden einbezogen.“ Auch ohne Feindbild aus Zeiten des Kalten Krieges wehrt sich hier Blauland gegen Rotland. Bei aller Elektronik ist die Übung recht gefechtsnah. Alle 24 Stunden verlegen die Führungsstäbe unter Feldbedingungen. So auch in Führungspanzer mit ihren verengten Räumlichkeiten. Alles in allem kostet diese Übung 1,7 Millionen Mark plus 600 000 Mark Gebühren für GUPPIS. Dazu Overweg: „Wenn wir mit Soldaten und Gerät, also unter echten Bedingungen, in ein solches Manöver ziehen, würde das den zehnfachen Betrag kosten.“ Dennoch sind hier 3 600 Soldaten mit 1 530 Radfahrzeugen, 170 Panzern und 16 Hubschraubern in die Handlungen einbezogen. Auch wenn das Manöver der Volltruppe auf den Truppenübungsplätzen künftig nicht durch die Computer gestützte Übung ersetzt werden kann – die hier verwendete Software ist schon nahezu perfekt. Sie stammt aus Schulungsprogrammen für die Offiziersausbildung an den Schulen und Akademien der Bundeswehr. Inzwischen ist GUPPIS so entwickelt, dass es anderen vergleichbaren Systemen an Genauigkeit und Detailtreue überlegen ist, versicherten die Beteiligten. Dennoch sollen die Ergebnisse der Stabsrahmenübung in den neuen Bundesländern dieses Programm für die weitere Nato-Nutzung optimieren. (1996) 158 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten B-Stelle „Briefkasten“ nicht für Post geeignet Der riesige Bundeswehr-Truppenübungsplatz Klietz bei Rathenow, dessen 9 200 Hektar teils zu Brandenburg und teils zu Sachsen-Anhalt gehören, hat wie viele militärische Stätten dieser Art im Osten Deutschlands eine wechselvolle Geschichte. Sie begann mit der Wehrmacht, die ganz in der Nähe Munition herstellen und auf dem unwegsamen Gelände erproben ließ. Nach dem Zweiten Weltkrieg übte hier die 3. Stoßarmee der russischen Westgruppe, meist in Divisionsstärke und zuletzt für den Westlichen Kriegsschauplatz mit der „Operationsrichtung Ruhrgebiet“. Eine solche Aufgabe hatte der Warschauer Pakt auch für die NVA-Landstreitkräfte vorgesehen, deren 1. Motorisierte Schützendivision ständig in Klietz präsent war. An diese Zeiten, als hier tatsächlich Tag und Nacht – auch an Wochenenden – geübt und geschossen wurde, erinnert seit der Übernahme 1990 durch die Bundeswehr fast nichts mehr. „Die Natur hat wieder das Sagen“, meinte ein ziviler Angestellter. Nur noch die Namen der erhöhten Kommando- und Beobachtungsstellen auf dem Gelände mit einer 18 Kilometer langen Ost-West-Ausdehnung stammen aus DDR-Zeiten. So gibt es wie einst einen „Weißen Berg“ und den „Mylberg“ mit 65 Meter über normal als höchste Erhebung. Mit öffentlicher oder Feldpost hat die B-Stelle „Briefkasten“ nichts zu tun. Damit Kommandeure und Soldaten den Weg zu dieser Anhöhe einigermaßen problemlos finden, markiert seit Jahren ein kleiner Briefkasten, der aber nie benutzt wurde, die Zufahrt von der Haupttrasse des Übungsplatzes. Nun ist auf dem Truppenübungsplatz Klietz ein neues Kapitel aufgeschlagen worden. Die Bundeswehr hat hier für Berlin und alle neuen Länder im Beitrittsgebiet mit einem symbolischen Akt deren Einbindung in das Nordatlantische Verteidigungsbündnis offiziell besiegelt. Die hiesigen Heerestruppen können wie die von Luftwaffe und Marine bei bestimmten Alarmstufen im Verteidigungsfall dem Nato-Oberbefehl unterstellt werden, sofern auf nationaler Ebene „grünes Licht“ gegeben wird. Für Nato-Generalsekretär Willy Claes ein „historisches Ereignis“. Bundesverteidigungsminister Volker Rühe betonte die „langfristige politische Bedeutung für uns, für Europa und für die europäisch-atlantische Gemeinschaft“. Nachdem ein Ehrenmusikkorps und eine Fahnengruppe die vielen Politiker und Militärs aus Nato-Staaten auf die Verstärkung der Allianz eingestimmt hatten, zeigten etwa 1 200 Soldaten der Panzerbrigade 42 „Brandenburg“ ihr Können. Zuerst bei einer dynamischen Waffenschau im scharfen Schuss mit modernsten Kampf- , Schützen- und Raketenjagdpanzern sowie anderem schweren Gerät. Dann beim Gefechtsschießen eines Panzerbataillons, bei dem die Heeresflugabwehr die vorn eingesetzte Kampftruppe schützte. Beeindruckend die hohe Treffgenauigkeit, nachdem ein in die Tiefe des Verteidigungsraumes vorgedrungener „Feind“ unter Einsatz aller Kräfte sowie bei geschickter Ausnutzung des Geländes und der Sperrmöglichkeiten zum Stehen gebracht wurde. „Das war eine sehr professionelle und gute Übung. Sie kennzeichnet den bereits sehr hohen Ausbildungsstand unserer Truppen im Beitrittsgebiet“, schätzte der Kommandieren- 159 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet de General des IV. Korps, Generalleutnant Joachim Spiering, ein. „Ganz bemerkenswert“ sei das Zusammenwirken mit der Luftwaffe gewesen, die sich nach der Aufklärung und dem Jagdschutz ebenso beim Luft-Boden-Einsatz bewährte. „Das entspricht dem modernen Gefecht. Deshalb unsere Absicht, dies hier darzustellen.“ Beteiligt waren Tornados, darunter ECR-Maschinen mit der Antiradar-Lenkwaffe HARM zur Bekämpfung strahlender Ziele, F-4F Phantom II und MiG-29. Wie im Soldatenalltag präsentierte sich die Bundeswehr auch bei der Lehrübung in Klietz als „Armee der Einheit“. Ob beim Personal oder bei den Waffen – die neuen Verbände im Osten haben wie die Streitkräfte in ganz Deutschland nun ebenfalls einen hohen Leistungsstand erreicht. In diese Truppen wurden 11 000 Offiziere und Unteroffiziere der Ex-NVA übernommen und ergänzend ausgebildet. Auch die 180 000 jungen Wehrpflichtigen aus Mecklenburg, Sachsen oder anderen neuen Bundesländern leisteten seit 1991 einen ganz persönlichen Beitrag zur Ost-West-Integration. Dafür dankte ihnen Minister Rühe. Künftig müssten die Kameraden aus dem Osten die gleichen „Aufgaben und Risiken im internationalen Krisenmanagement“ wie die aus dem Westen übernehmen. Übrigens galten der B-Punkt „Briefkasten“, von dessen Tribüne an diesem Tag die Prominenz und eine große Journalistenschar den 2. Teil der Lehrvorführung bestens verfolgen konnten, und der gesamte Truppenübungsplatz Klietz vor der Wende als „Geheime Verschlusssache“. Als hier die DDR-Führung im Sommer 1978 unter Ausschluss der Öffentlichkeit jüngste Millionen-Einkäufe an Kampftechnik und Ausrüstung für die NVA-Landstreitkräfte inspizierte, gab es am Tag darauf „in der Presse zwar große Reden und viele Fotos, aber keine Ortsbezeichnung“, erinnerte sich ein Bewohner aus Klietz „noch ganz genau“. „Man wolle ‚keinesfalls mit dem Säbel rasseln‘, erklärte damals Honecker vor seinen Getreuen. Stattdessen drohte er ‚den aggressiven Nato-Kräften‘ mit neuesten russischen Raketen. Wie sich glücklicherweise die Zeiten geändert haben – nun garantiert uns die Nato Schutz und Sicherheit.“ (1995) Märkische Kaserne mit Artilleristen Zu den wenigen Bundeswehr-Verbänden mit Waffen für den militärischen Einsatz und für eine Friedensmission zählt das Panzerartilleriebataillon 425 in brandenburgischen Ort Lehnitz bei Berlin. Es verfügt als Hauptkomponente über 24 Panzerhaubitzen M-109 A3G mit einer Reichweite von 24 km für Ziele vor den eigenen Truppen und in die Tiefe des Gefechtsfeldes. Aber auch mit den acht Feldhaubitzen 105 mm als Ausbildungsgeräte für die Beobachter und – das wird künftig den Soldaten in der „Märkischen Kaserne“ zu Popularität in aller Welt verhelfen – zum Salutauftrag bei der Begrüßung ausländischer Staatsgäste in der deutschen Hauptstadt verstehen die Artilleristen schon heute gut umzugehen. Obwohl erst ab 1. April 1991 als Teil der Heimatschutzbrigade 42 „Brandenburg“ aufgestellt, hat der Verband nach Abschluss all der Formierungsarbeiten im Sommer 1992 bereits ein beachtliches Ausbildungsniveau erzielt. Davon legte dieser Tage die 2. Batterie des Bataillons beim scharfen Schuss auf dem Truppenübungsplatz Munster (Niedersachsen) bered- 160 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten tes Zeugnis ab. Geschützbedienungen, Feuerleitstellen, Vermesser und Beobachter erfüllten voll die ihnen zugewiesenen Aufgaben. „Alle Beteiligten waren sehr gut motiviert, daran konnten weder kühle Temperaturen noch Windstärke 11 etwas ändern“, berichtete Oberleutnant Karsten Kollat. Der aus München stammende „Neu-Oranienburger“ verwies darauf, dass neben dem Abschluss der Spezialgrundausbildung auch Bahntransport und Landmarsch „sehr gut gelaufen sind“. Der bisherige Weg des neuen Bundeswehrverbandes verlief jedoch keinesfalls so problemlos, wie sich heute Ausbildung und Zusammenarbeit zwischen den Kameraden aus Ost und West darbieten. Da gab es zuerst das „Erbe“ der Nationalen Volksarmee. In die 1974 fertig gestellte und nach DDR-Lesart „sehr moderne Kaserne“ mussten bisher 14 Millionen DM investiert werden, um erst einmal drei der sechs Unterkunftsgebäude zu sanieren. Nun können tatsächlich alle Soldaten nach den Ausbildungsanstrengungen täglich warm duschen, was dereinst nur einmal je Woche gestattet wurde. Der weitere Ausbau der Kasernenanlage mit Stabs- , Lehrsaal- und Wirtschaftsgebäuden, Technischem Bereich und Sportstätten sowie einem angrenzenden Standortübungsplatz mit fünf Schießbahnen für Handwaffen und einem Artillerie-Kleinschießplatz wird in den nächsten Jahren weitere Millionen Mark kosten. Ein Fakt, der nicht zuletzt dem örtlichen Gewerbe zugute kommt. Ganz andere Probleme waren mit dem ehemaligen Personal der NVA im Standortbereich Oranienburg zu lösen. Hier mussten ein Artillerie- und ein Motorisiertes Schützenregiment, zwei Artillerieabteilungen und ein Bataillon Chemische Abwehr aufgelöst werden. Von den einst 300 Offizieren und 500 Unteroffizieren wurden 28 beziehungsweise 75 in die Bundeswehr übernommen. Heute leisten noch 12 Offiziere und 52 Unteroffiziere aus NVA- Zeiten Dienst im Verband. Das brandenburgische Panzerartilleriebataillon hat im Frieden eine Gesamtstärke von 449 Soldaten und sechs Zivilangestellten. Für die volle Einsatzbereitschaft im Rahmen einer Mobilmachung müssten 262 Soldaten der Reserve herangezogen werden. Ab 1. Januar 1994 wird im Verband eine dritte schießende Panzerhaubitzbatterie aufgestellt. Derzeit gehören eine Stabs- und Versorgungsbatterie, zwei schießende Einheiten und eine vollgekaderte Feldersatzbatterie zum Bataillon. Auch weiteres Großgerät, so 16 Beobachtungs-Kraftfahrzeuge, drei Radareinrichtungen zur Bodenüberwachung und drei Bergepanzer, dient nicht nur der Zielbekämpfung, sondern auch dem Zusammenwirken mit anderen Artillerieverbänden der Division. Mit den Worten „Keine Probleme“ reagierte Oberstleutnant Uwe Jäker (39), der Bataillonskommandeur, auf die Frage nach der Zusammenarbeit zwischen Ost- und Westdeutschen. „Sicher gehörten zu viele Befehle und übertriebene Handlungsanweisungen zum Wesen der NVA“, erläuterte er und vertrat die Auffassung, dass eben „ein Artillerist im Warschauer Pakt nicht gleichzustellen war mit einem Artilleristen der Nato. Vom Kommandeur bis zum Wehrpflichtigen verlangen heute die Einsatzgrundsätze Mitdenken und selbständiges Handeln. Von Kenntnissen des Rechts und der Wehrgeschichte einmal ganz abgese- 161 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet hen.“ Alles in allem sei er nach 20 Jahren Dienst in der Bundeswehr „sehr stolz, mit meiner Arbeit zum weiteren Zusammenwachsen unseres Volkes beitragen zu können“. Einberufung als April-Scherz? Die Einberufung zum Bund am 1. April ein Scherz? Für Wehrpflichtige in der alten Bundesrepublik schon Tradition, an diesem Tag voller Ulk und Überraschungen das vertraute Elternhaus mit dem ungewohnten Kasernenleben zu vertauschen. Zwischen Elbe und Oder aber noch immer ein Datum, an dem vor Reiseantritt der jungen Rekruten Eltern, Freunde und Bekannte x-Mal fragten: „Musst Du heute wirklich zur Fahne oder soll das nur Spaß sein?“ Denn am Tag der April-Scherze rückten zu DDR-Zeiten Wehrpflichtige gewöhnlich nicht zur Arbeiter-und-Bauern-Armee ein. Das hätte ja deren befohlene Autorität untergraben können. Am 1. April 1993, einem Donnerstag mit strahlendem Sonnenschein, erwartete das Panzer aufk lärungsbataillon 80 in Beelitz bei Potsdam fast 90 junge Männer aus sechs Bundesländern. Die meisten sollten aus Niedersachsen (22) und Sachsen-Anhalt (20) kommen, ein paar weniger aus Brandenburg und Berlin, zehn aus Sachsen und zwei aus dem Thüringischen. Und sie trafen nahezu mit militärischer Pünktlichkeit ein, trotz der in den nächsten zwölf Monaten zu erwartenden ungewohnten Pflichten und Aufgaben, Einschränkungen für jedermann im nun beginnenden neuen Alltag. Ob künftiger Richtschütze oder Kraftfahrer, Stabsdienst- oder Fernmeldesoldat – per Zug oder mit PKW kamen sie zur Hans-Joachim-von-Zieten-Kaserne. Ein jeder von ihnen hatte einen persönlichen Brief vom Kompaniechef mit Informationen über den neuen Lebensabschnitt und guten Wünschen „für unsere gemeinsame Zeit“ erhalten. Eigentlich bot der erste Tag bei der Bundeswehr auch in einer bisher mit mehreren Millionen DM modernisierten ehemaligen NVA-Kaserne, wo es für den Umweltschutz noch viel zu tun gibt, den Beteiligten keine sonderlichen militärischen Höhepunkte. Es begann mit der „Personalbearbeitung“ und mit dem Empfang von Bettwäsche und Sportsachen. Dann ein Kasernenrundgang. Zum Tagesabschluss ein erstes gemeinsames Abendessen. Dennoch machte schon bald bei Rekruten und Vorgesetzten die „Nachricht des Tages“ die Runde: In der 3. Kompanie gibt es zwei Torsten Meyer. Der Größere ist der jüngere, der Kleinere ist eben älter. Während der 19-jährige Landmaschinenmechaniker aus Soltau in der Lüneburger Heide noch unverheiratet ist und „nicht zum ersten Mal von Muttern entfernt wohnt“, dennoch „viel Neues“ an diesem Tag registriert, trifft es seinen Namensvetter aus dem Ost-Berliner Randbezirk Köpenick härter. Der 25-jährige Maler, ein Mann von kräftiger Statur, ist verheiratet. In diesem Jahr hatte er Baupläne, und dann kam der Einberufungsbefehl. Kein Wunder, dass ihre Stimmungen an diesem 1. April ganz unterschiedlich waren. Übrigens, da einer der beiden Meyers raucht, mussten beide getrennt Quartier beziehen. Und auch hierbei gab es zwischen beiden noch eine Gemeinsamkeit, bekannt unter dem Soldatenmotto: Wer zuerst kommt, darf sich Bett und Spind aussuchen. 162 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Dass unter den Panzeraufklärern kein Geist von „Ossis“ und „Wessis“ herrscht, wie Verteidigungsminister Volker Rühe kürzlich bei seinem Besuch in Beelitz erfreut feststellte und dazu vor dem Bundestag meinte: „Wir können ein bisschen davon lernen“, dafür sorgt nicht nur die Kameradschaft in den Soldatenstuben. Mit den Offizieren um Kommandeur Oberstleutnant Volker Fries wirken auch die Unteroffiziere in diesem Sinne. Nach all der intensiven Vorbereitung auf dieses Ereignis hatten die Kompaniefeldwebel heute scheinbar einen ruhigen Tag. Als „Mutter der Kompanie“ ließen sie aber jeden Neuankömmling spüren, „hier bleibt keiner außen vor“. Dieses Credo, so Hauptfeldwebel Joachim Lohse aus Niedersachsen, seit 18 Jahren Soldat, „heißt für uns, zuzuhören und unseren Kameraden Achtung entgegenzubringen“. Aber, ergänzt mit dem gleichen Dienstgrad Uwe Körner, der von der Nationalen Volksarmee übernommen wurde, „die Freiheit des einen ist aber auch mit dessen Rücksicht auf andere verbunden“. Wesentlichen Einfluss auf das gute Klima zwischen Ost- und Westdeutschen in der Kaserne hat nach den Worten des Kommandeurs auch das gute Verhältnis zur Bevölkerung im Standort. „Die Menschen hier in Beelitz haben mittlerweile ihren eigenen Weg im Umgang mit der Bundeswehr gefunden. Es macht wirklich Spaß, diese Reaktionen zu erleben, die Ehrlichkeit, mit der hier auch das eine oder andere persönliche Problem mit dem Thema Militär auf den Tisch kommt“, schätzte er ein. Es sei ein beruhigendes Gefühl zu erleben, dass Vorbehalte abgebaut wurden. Nach der vollständigen Einkleidung und weiteren organisatorischen Dingen begann noch vor Ostern für die Rekruten der Soldatenalltag. Zwischen Wecken (5.30 Uhr) und Zapfenstreich (22 Uhr) ist es im ersten Vierteljahr die allgemeine Grundausbildung. Deren Ziel: Der Wehrpflichtige kann sich selbst verteidigen. Dann folgt in den nächsten drei Monaten die Spezialgrundausbildung, beispielsweise auf dem Spähpanzer Luchs. Im letzten Halbjahr des Wehrdienstes werden in der Einsatzausbildung die Besatzungen der Spähtrupps auf Kompanieebene zusammengefasst. Wenn dann die leichten oder schweren Trupps, auch mit dem Kampfpanzer Leo 2 ausgerüstet, in der Beelitzer Heide üben, handeln sie nach der alten soldatischen Tugend, die gerade in dieser Truppengattung bedeutsam ist: Viel sehen und nicht gesehen werden. Vielleicht erinnert sich dann außerdem noch der eine oder andere junge Bundeswehrsoldat an die „rühmlichst gezeigte Vigilanz und Tapferkeit“ vom Namenspatron der Kaserne, General der Kavallerie von Zieten, mit der sich dieser vor gut 250 Jahren schon als Kompaniechef bei seinen damals ungewöhnlichen, aber erfolgreichen Reiterattacken in dieser Gegend auszeichnete. Der Verband, dessen Offiziere und Unteroffiziere mit den Einberufenen im Jahr zuvor mehr als einmal Probleme in Sachen Einstellung zum militärischen Dienst zu klären hatte, musste sich diesmal eigentlich nur mit Kuriositäten auseinandersetzen. Zum Beispiel im dritten Zug der dritten Kompanie: Da hießen tatsächlich vier Soldaten Schmidt beziehungsweise Schmid. Hier halfen aber noch die verschiedenen Vornamen: Marco, Christian, Ingo und Sascha. 163 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Schwerer hatten es die Vorgesetzten mit den beiden erwähnten Torsten Meyer in dieser Kompanie. Da gab es schon am Tag der Einberufung, ich stand zufällig neben dem Hauptfeldwebel, passend zum 1. April Verwechslungen: „Ihr Name?“ – „Meyer“. „Ihr Vorname? – „Torsten“. So weit, so gut. Als sich das kurz darauf wiederholte, verzog der Spieß das Gesicht. Erst als er auf seine Anwesenheitsliste schaute, merkte er an den Geburtsdaten, dass doch alles mit rechten Dingen zuging. Auch in der ersten Woche beim Bund wiederholte sich das, wenn im selben Flur der Zieten-Kaserne nach „Soldat Meyer“ gerufen wurde. Am Anfang zeigten sich dann beide jungen Männer – der Raucher aus dem einen, der Nichtraucher aus dem anderen Zimmer. Das konnte also kein Dauerzustand werden. Doch wie war das zu ändern? Die korrekte Anrede von Vorgesetzten musste bleiben. In der Truppe hieß es schon bald „Meyer-Ost“ und „Meyer-West“. Als der damals 25-jährige Köpenicker von seiner Ehefrau Antje am Einberufungstag in Bee litz vor dem Tor der ehemaligen NVA-Kaserne mit Tränen in den Augen „abgegeben“ wurde, wäre er am liebsten gleich wieder mit nach Hause gefahren. Eigentlich verständlich! Außer der Liebe gab es da noch etwas: Der gelernte Maler wollte zu diesem Zeitpunkt gern ein „Häuslebauer“ werden. Das war doch nach der Wiedervereinigung in Deutschland eine tolle Perspektive für junge Leute, erst recht, wenn sie handwerkliches Geschick hatten. Dazu kam noch, dass ihm seine beiden älteren Brüder mit ihren schlechten Erinnerungen an die NVA den Wehrdienst „schon vorher total vermiest hatten“, sagte er mir. Der jüngere Torsten Meyer aus Soltau kannte schon das Kasernengelände. Von außen jedenfalls, wie er später berichtete. Er hatte bereits am Wochenende zuvor „dieses Stück unbekanntes Land“ erkundet. Für einen künftigen Panzeraufklärer der Bundeswehr eine ganz typische Handlungsweise, würde ich sagen. Und so war der Niedersachse über das triste Äußere der ehemaligen NVA-Kaserne, wie er meinte, „regelrecht erschrocken“. Der angehende Rekrut wiederholte innerlich, was er schon nach Erhalt des Einberufungsbefehls im zuständigen Kreiswehrersatzamt wissen ließ: „So weit entfernt. Soll das etwa ein April- Scherz sein?“ Er wollte vielmehr „gleich um die Ecke in Munster dienen und nicht etwa im Osten“. 164 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Ganz gewiss haben auch viele andere Wehrpflichtige in Westdeutschland so gedacht, als es für sie hieß: Der Bund schickt euch nach Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern. Sicher hat man dann noch in Erwägung gezogen, was in vielen Zeitungen stand: Dort sind die Kasernen noch DDR-typische Plattenbauten. Hier drohte also schon von der Bausubstanz her Gefahr für Leib und Leben, musste man schlussfolgern. Und dann noch unter Ex-Volksarmisten dienen. Das war auch nicht ohne. Nach dem Vierteljahr Grundausbildung wurden beide Meyer noch einmal umbenannt: „Panzer-Meyer“ und „Tonner-Meyer“. Denn jetzt begann die Spezialgrundausbildung – für den Älteren auf dem Panzer Leopard 2, der Jüngere bestieg einen Zweitonner von Mercedes. Beide Kameraden, die sich immer humorvoll mit „Guten Tag, Herr Meyer“ grüßten, was unter Mannschaften völlig unüblich ist, wurden Fahrer und blieben es bis zur Entlassung. In all diesen Monaten leisteten sie „vorbildlich und gut ihren Dienst“. So die Einschätzung von Kommandeur Oberstleutnant Volker Fries. Auch diese beiden von insgesamt 650 Soldaten trugen dazu bei, dass das Bataillon mit seinen 30 Spähpanzern Luchs, 27 Kampfpanzern Leopard 2 sowie 96 sonstigen Fahrzeugen „alle militärischen Aufgaben erfüllen konnte“. Später haben die Panzeraufklärer im kanadischen Shilo ihr soldatisches Können nachgewiesen. Ansporn dazu gab es auch aus den Traditionen des eigenen Standortes – hier war 1731 die erste Husarenformation des preußischen Heeres beheimatet. Ein Jahr später: „Ich bin genauso ein Mensch in der Kaserne gewesen wie draußen“, resümierte Gefreiter Torsten Meyer aus Berlin nach seinem Wehrdienst. Seine Ruhe, seine menschliche Reife und seine fahrerischen Leistungen prädestinierten ihn zum Vertrauensmann der Kompanie. Dazu wählten ihn dann seine Kameraden. Als „Leo“-Panzerfahrer war es für den Malergesellen am Anfang „mit der Technik ein bisschen kompliziert, das Fahren selbst das Einfachste und machte viel Spaß“. Sein westdeutscher Namensvetter wäre tatsächlich um ein Haar noch ein paar Jahre in Beelitz geblieben. Der Grund für die Weiterverpflichtung war nicht etwa eine große Liebe in Brandenburg. Ihm gefiel ganz einfach das angenehme Umfeld unter „Landsmann“ Hauptfeldwebel Lohse. Anstatt zu Hause in die Arbeitslosigkeit zu gehen, wo sein Zeitvertrag abgelaufen war, so „Meyer-West“, hatte er sich noch ein paar Wochen vor der Entlassung „dazu entschlossen, weiter zu dienen“. Der Soltauer fand dann doch noch in seiner Heimat einen Job und konnte in der Freizeit wieder „an alten Landmaschinen basteln“. Sein Hobby liebte er über alles. Auf meine Frage, ob in diesem Jahr der Gemeinsamkeit unter einem Dach auch das Ost- West-Verhältnis in ihren Beziehungen irgendwie eine Rolle gespielt habe und sie sich auch persönlich näher kennen gelernt hätten, meinte als erster der Köpenicker: „Man hält eben zusammen. Stimmt’s, Herr Meyer?“ Dieser entgegnete: „Man muss ja!“ Beide nahmen aus ihrem Dienst viel Wissen und so manche Erfahrung mit, betrachteten ihre Monate beim Bund jedenfalls nicht als vergeudete Zeit. Das hörte man doch gern. Als sie nach der all- 165 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet gemeinen Verabschiedung und einem Dankeschön an die Offiziere und Unteroffiziere wegtraten, nannten sich beide „gute Kumpels“. An dieses Erlebnis im Heer denke ich besonders gern zurück. Es war verbunden mit den Worten: „Diesen Jahrgang lassen wir ungern gehen.“ Am Entlassungstag im Beelitzer Panzeraufklärungsbataillon hörte ich das oft – von den Zugführern über den Kompaniechef bis hin zum Bataillonskommandeur. Man war voll des Lobes über die Wehrpflichtigen. Zwischen 1. April 1993 und 29. März 1994 hatten diese wiederholt solide militärische Leistungen gezeigt. Das sowohl auf den Truppenübungsplätzen in Nochten als auch in Castlemartin/Wales. Panzergrenadier Renner ist montags immer krank Der junge Unteroffizier eines Heeresverbandes in den neuen Bundesländern steht schon bald nach Antritt seiner Dienststellung vor einem Problem: „Panzergrenadier Renner ist montags immer krank.“ So die einhellige Antwort der Soldaten, als der neue Vorgesetzte, Gruppenführer und Kamerad den Fehlenden sucht. Was tun, „Melden oder nicht?“, überlegt er und entscheidet sich vorerst für ein Gespräch mit Renner. Diese Episode könnte zweifellos aus dem Soldatenalltag stammen und der junge Vorgesetzte müsste – wie täglich seine 11 000 Unteroffizierskollegen allein in den ostdeutschen Einheiten – darauf reagieren. Ob richtig oder falsch, das weiß er dann meist erst hinterher. Doch damit nicht alle „Chefs“ der unteren Befehlsstufe solche und ähnliche Erfahrungen der Menschenführung erst „vor Ort“ sammeln müssen, hat die Heeresunteroffiziersschule IV in Delitzsch seit mehr als einem Jahr „soldatennahe“ Computerprogramme in ihrer Ausbildung. Dabei lernt der angehende Gruppenführer schon frühzeitig vor seinem Truppendienst auch auf Themen wie „Katzer hat Angst!“ oder „Immer ich!“ zu reagieren. Das Gruppenklima erkennen und beurteilen sowie situations- und adressatengerecht handeln – das übten hier schon 2 000 der mehr als 3 000 Lehrgangsteilnehmer. Was sonst im Heer erfolgreich zur Simulation für Fahr- und Schießausbildung genutzt wird, dient nun an 36 Computerplätzen der Schule der Didaktik und Methodik der Erwachsenenausbildung. „Und ist sehr erfolgreich“, schätzte Kommandeur Oberstleutnant Hartmut Müller ein. „Obwohl sich im Durchschnitt 15 bis 20 Prozent der Lehrgangsteilnehmer letztlich als ungeeignet für die künftige verantwortungsvolle Tätigkeit erweisen, brachten unsere zweimonatigen Aufbaulehrgänge den ausschließlich aus den neuen Bundesländern kommenden jungen Leuten sehr gute Grundlagen für zeitgemäßes Führen.“ Damit der Unteroffizier, der die Bezugsperson für den Grundwehrdienstleistenden ist, seine Aufgaben als Vorgesetzter und Ausbilder sicher wahrnehmen kann, wird ihm in Delitzsch ein vielfältiges Weiterbildungsprogramm von der politischen Bildung über Rechtswissen und Lebenskunde bis zum Ausbildertraining geboten. Auch hier strengen sich die Teilnehmer nach Einschätzung des Kommandeurs „sehr an, streben doch viele von ihnen nach einem längeren Dienst in der Bundeswehr als Soldat auf Zeit oder als Berufssoldat“. 166 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Interessant sind die Beweggründe: Etwa die Hälfte diene „aus staatsbürgerlicher Pflicht, für den anderen Teil gibt es angesichts des Mangels an Ausbildungsplätzen soziale Gründe“. Als es um die Frage ging, im Rahmen der UNO an Katastrophenhilfe oder Krisenmanagement teilzunehmen, bekundete jeder zehnte Befragte sofort seine Bereitschaft zur Teilnahme an der damaligen Somalia-Mission. Wo einst Nachwuchs der NVA-Landstreitkräfte ausgebildet wurde, präsentiert sich nun eine moderne Lehr- und Ausbildungsstätte des Heeres. Für 8,5 Millionen Mark erhielten die bis dahin teilweise primitiven Kaserneneinrichtungen ein neues Antlitz und moderne Räumlichkeiten, die schon heute dem angestrebten „Wohnen 2 000“ beim Bund entsprechen. Der Standortübungsplatz wurde von 3 600 Hektar aus DDR-Zeiten auf 550 Hektar für Gefechtsdienst und Schießausbildung reduziert. „Der wesentliche Unterschied zu ‚früher‘ besteht darin, dass der Unteroffizier mehr in Menschenführung ausgebildet und zu größerer Verantwortung herangezogen wird“, sagte Hauptmann Thomas Lathan, dem in der DDR-Armee zuletzt ein Panzerbataillon unterstand. „Er kann sich tatsächlich freier bewegen, da er einst durch die NVA-Befehlstaktik stark in ein Schema eingeschränkt war. Und jetzt gelten die Methoden moderner Erwachsenenbildung.“ Für die jungen Leute von hier bringt der Aufenthalt an der Heeresunteroffiziersschule, wo auch ein Fahrschulausbildungszentrum eröffnet wurde, nicht nur die Begegnung mit Offizieren aus den alten und neuen Bundesländern. Mit Feldwebel Erich Boldt, dessen Name die Einrichtung trägt, lernen sie auch einen jungen Westdeutschen als Vorbild treuer Pflichterfüllung kennen. Dieser erfahrene Ausbilder hatte am 16. November 1961 bei einem Gewöhnungssprengen auf dem Truppenübungsplatz Putlos das Leben zweier Soldaten gerettet, als eine gezündete Ladung in den Deckungsgraben zurückgerollt war und er sich geistesgegenwärtig auf diese stürzte. Er erlitt tödliche Verletzungen. Auch unter den Bewohnern der sächsischen Garnisonsstadt ist der Name Feldwebel Boldt als ein herausragendes Beispiel vorbildlicher Pflichterfüllung heute ein Begriff. Am 26. November 1992 erhielt die Truppenunterkunft der Heeresunteroffiziersschule den Namen „Feldwebel-Boldt-Kaserne“. West-Traditionen im Standort Weißenfels Die Heimatschutzbrigade 38 „Sachsen-Anhalt“ in Weißenfels besaß im Gegensatz zu den anderen militärischen Formationen im Osten schon kurz nach ihrer Aufstellung Traditionen aus der alten Bundeswehr. Sie reichten sogar bis in deren Anfänge zurück. Das war nach dem friedlichen Ende der NVA völlig ungewöhnlich – ein ehemaliges DDR-Regiment mit West-Vergangenheit? Nicht vergessen sollte man, dass Weißenfels bereits 1763 Garnisonsstadt war und die Anlage der heutigen Sachsen-Anhalt-Kaserne 1907 fertig gestellt wurde. 167 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Damals trug die Kaserne noch den Namen „Thomas Müntzer“. Sie beherbergte ein Motorisiertes Schützenregiment der 1990 aufgelösten Nationalen Volksarmee. Und war damals der erste Truppenteil der DDR-Streitkräfte, in dem mit ausdrücklicher Billigung des Verteidigungsministers in einem Bierkeller nach Dienstschluss Alkohol ausgeschenkt werden durfte. Nach der Aufstellung der Heimatschutzbrigade mit personellen und materiellen Teilen der aufgelösten 11. Mot. Schützendivision der NVA erinnerten plötzlich Urkunden und Fotos, Fahnenbänder und viele andere Sachzeugen an die Geschichte der bundesdeutschen Streitkräfte seit 1955. Wie kam das? Diese Erinnerungen an die alte Bundeswehr hatten im Stabsgebäude und im Offiziersheim einen würdigen Platz gefunden und wurden ganz stolz jedem Besucher gezeigt. Sie waren nicht einfach „von drüben“ in die Saale-Stadt mitgebracht worden, als Offiziere und Unteroffiziere aus dem Westen der Republik hier ihren Dienst antraten. Vielmehr handelte es sich um ganz offizielle Dokumente. Auch wertvolle Erinnerungsstücke waren darunter. Diese befassten sich mit der Geschichte der am 30. September 1993 aufgelösten Panzergrenadierbrigade 4. All das hatte die Garnisonsstadt Göttingen als Zeichen der Verbundenheit den Weißenfelser Soldaten „zu treuen Händen“ übergeben. Traditionsbewusstsein zu wecken galt auch im Osten von Anfang an als „eine wichtige Aufgabe der Vorgesetzten“. So hieß es in einer der Bundeswehr-Richtlinien zur Traditionspflege. In der neuen Bundeswehrdienststelle der Schuhmacherstadt, wo einst die Wehrmacht einquartiert war, hatte dies eine weitaus vielfältigere Bedeutung. Da erfuhren nun junge Wehrpflichtige aus Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen in der Bundeswehr Ost Einzelheiten vom Aufbau der Bundeswehr als „Armee in der Demokratie“. Ihr Interesse fanden der „Aufstellungsbefehl Nr. 145 Heer“ ebenso wie Schriftstücke als „Dank für den geleisteten Dienst zum Schutz von Frieden und Freiheit“ oder die 14-bändige Chronik aus der Göttinger Zieten-Kaserne. Genauso aufmerksam betrachteten damals die Panzerjäger, Artilleristen und Pioniere die Technik von einst – so den Schützenpanzer Hotchkiss im Kasernenhof. Fotos erinnerten an die Gefechtsübung „Rollende Kette“ 1976. Das war auch alles für einen ostdeutschen Journalisten recht interessant. Andererseits sollten diese Erinnerungsstücke mehr sein als eine Botschaft aus der alten Bundesrepublik. Denn die Göttinger fühlten sich mit ihren Panzergrenadieren eng verbunden. Nun wollten sie, hörte ich im Stab, dass in Sachsen-Anhalt die Tradition ihrer einstigen Bundeswehr-Brigade weitergeführt wird. Vertreter der Stadt Göttingen und des Landkreises weilten damals in Weißenfels, um die engen Bande zu vertiefen. Oberkreisdirektor Alexander Engelhard überreichte den neuen Truppen ein Fahnenband, Bilder über die Stadt an der Leine und aus der deutschen Militärgeschichte. Sie waren ebenfalls im Offiziersheim zu sehen. Ebenso stammte hier das rustikale Mobiliar von der Panzergrenadierbrigade aus dem Westen. Dass eine solche Traditionspflege Sinngebung und Motivation für hohe Einsatzbereitschaft sein konnte, machte mir Kommandeur Oberst Rolf Schneider deutlich. „Von der Traditi- 168 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten on ins echte Leben ist es gar nicht so weit“, meinte er. „Während im Westen eine erhebliche Anzahl von Verbänden aufzulösen war, mussten im Osten sechs Brigaden aufgebaut werden. So ergab sich – auch mit der anfänglichen Hilfe von Kameraden aus Göttingen – hier eine gute, enge Zusammenarbeit beim Neuaufbau der Bundeswehr. Diese schuf die Voraussetzungen, dass unsere Verbände in relativ kurzer Zeit nun zum Leistungsniveau der alten Länder aufschließen konnten.“ Auch internationale Experten, so Japans Oberbefehlshaber der Landstreitkräfte, General Hikaru Tomizawe, und Norwegens Heeresinspekteur Generalmajor Sved, überzeugten sich in jenen Jahren davon, was die „Nachfolger“ der Göttinger Bundeswehr-Einheiten zu leisten vermochten. Die Gäste waren auf dem riesigen Truppenübungsplatz Nochten (16 100 Hektar) in der Oberlausitz vom hohen Ausbildungsstand angetan. Dies konnte der ostdeutsche Truppenteil auch in Shilo (Kanada) und Castlemartin (Großbritannien) im Vergleich mit Nato-Truppen nachweisen. „Bewährt hat sich bei uns, und das haben mir auch meine Vorgänger bestätigt, dass von Anfang an die Soldaten von Ost und West aufeinander zugegangen sind, sodass es mittlerweile im militärischen Alltag keine Unterschiede Ost – West mehr gibt“, sagte der Kommandeur. Das war bei meinem Besuch 1994. Später wandelte sich die Heimatschutzbrigade in eine Panzergrenadierbrigade. Im Jahr 2002 wurde auch dieser Verband, zu dem Truppenteile in Bad Frankenhausen und Gotha gehörten, außer Dienst gestellt. Heute ist in der Weißenfelser Kaserne das Sanitätskommando III zu Hause. Hier handelt es sich um den bundesweit größten Standort des Sanitätsdienstes. Dieser ist verantwortlich für die medizinische Versorgung der etwa 35 000 Soldaten im Wehrbereich III mit Berlin, Brandenburg, Thüringen, Sachsen und Sachsen- Anhalt. Strausberger Nachschubtruppe mit gutem Ruf Die Bundeswehr gehört im Nordatlantischen Verteidigungsbündnis zu den bestausgerüsteten Streitkräften. Um auch im Frieden über die für die Landesverteidigung notwendige Mobilität und Flexibilität zu verfügen, wie sie ebenso – siehe Somalia – bei UNO-Einsätzen im Ausland erforderlich ist, müssen sich die Heeres- , Luftwaffen- und Marineverbände voll auf die Nachschubtruppe verlassen können. Im Bundeswehr-„Nordbereich“ der neuen Länder, wo die 14. Panzergrenadierdivision zwischen Ostsee und sächsischer beziehungsweise Thüringer Landesgrenze ihre Standorte hat, sorgt das Strausberger Nachschubregiment für einen reibungslosen Ausbildungsbetrieb. Mancher sagt „Lagerhaus auf Rädern“, meint aber die mobile Versorgung der etwa 60 Standorte des Heeres in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin und Sachsen-Anhalt. So die Antworten in der „Struzberg-Kaserne“ auf die Frage nach dem eigentlichen militärischen Auftrag des Verbandes. Die 1 536 Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere sowie 100 zivilen Angestellten in den Bataillonen Karow, Drögeheide und Eggersdorf halten diese „Drehscheibe der Logistik“ ständig in Bewegung. Sie befördern Munition, Betriebsstoff und 169 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Ersatzteile. Dafür gibt es festgelegte und abgestimmte Materialpläne, auf deren Grundlage die neu aufgestellten Bundeswehr-Truppenteile beliefert werden. Hervorragendes leisteten die Kraftfahrer in Uniform aus dem 14. Nachschubregiment nicht nur bei der Auflösung der NVA. Hierbei musste ein Großteil der Hinterlassenschaften in die zentralen Material-Depots transportiert werden. Aber auch bei der Realisierung der Heeresstruktur 5 gab es im Zusammenhang mit den Umstrukturierungen ganz erhebliche Materialbewegungen. Dabei erwiesen sich die insgesamt 480 Kraftfahrzeuge – vom MAN- 10-Tonner über den 18 000 Liter fassenden Straßentankwagen bis zum Schwerlasttransporter – „als absolut zuverlässig“, war im Regimentsstab zu erfahren. Gerade das bei der Umgliederung freigewordene „West-Material“ wie Kettenfahrzeuge, Waffensysteme sowie Ausrüstungen wurde in die ostdeutschen Standorte nahezu reibungslos befördert. Zum Alltag gehört, erläuterte mir Kommandeur Oberst Ekkehard Ramcke, „die notwendige Menge im geforderten Zustand rechtzeitig am befohlenen Ort bereitzustellen“. Bei einer Depotorganisation des gesamten deutschen Heeres von mehr als 1,5 Millionen Quadrat me ter Lagerfläche verfüge sein Zuständigkeitsbereich über „anteilige Kapazitäten mit der Größe vieler Fußballfelder“. Darin werden rund 25 000 unterschiedliche Versorgungsgüter vom Reifen bis zum Führerhaus gelagert. 1994 hatten Nachschubkompanien und Materialausgabestellen alles in allem 290 000 Anforderungen aus den Verbänden „zu erledigen“, was – wie im Fall eines Ersatzmotors für einen Leopard 1A der Panzergrenadierbrigade 40 „Mecklenburg“ in Schwerin – weniger als drei Tage dauerte. In der Regimentsbilanz des vergangenen Jahres stehen etwa eine Million Fahrkilometer zu Buche. Rund 50 000 davon waren Schwerlasttransporte. Ebenso zuverlässig bewältigt wurden in diesem Zeitraum 2 300 Tonnen Munition. Dabei seien die wehrpflichtigen Soldaten „sehr gut gefahren. Mit ihren geistigen Potenzen und technischen Fertigkeiten sind diese jungen Leute eine wichtige Stütze für unseren logistischen Auftrag. Ich könnte mir nur schwer vorstellen, auf diese Zusammenarbeit verzichten zu müssen, auch wenn die zehnmonatige Dienstzeit ab 1996 eine qualifizierte Wehrpflichtigen-Ausbildung bedeutet.“ Die 72 Militärfahrlehrer des Regiments, stets auf eine solide Ausbildung bis zum Gefahrguttransport bedacht, würden sich „voll dieser neuen Herausforderung stellen“. Die Bundeswehr-Logistik ist nach Expertensicht – und das wird dem Besucher bestätigt – zunehmend komplexer geworden. Moderne Technologien, spezialisierte Betriebsabläufe und Verfahren sowie mehr Vorschriften, Erlasse und Regelungen verlangen von den Soldaten ein bislang nicht gekanntes Maß an Wissen und Können. Gerade bei der Verlegung und logistischen Unterstützung von Auslandseinsätzen bedeutet das eine große Herausforderung. Als eine echte Hilfe erweist sich auch hier „Kamerad Computer“. Gemeint ist die jetzt schon im Alltag genutzte Datenübermittlung via Satellit: Der Mechanikermeister in der Instandsetzungswerkstatt betätigt am PC einen Knopfdruck, gibt eine zwölfstellige Nummer ein und schon kann der Verantwortliche im Ersatzteillager den Auftrag auslösen. Egal, woher, und egal, wohin! Die Bundeswehr kann sich voll auf sie verlassen. Auf einen kämpfenden 170 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Soldaten kommen heute acht Nachschubsoldaten. Im Einsatz kann ein logistisches Unterstützungsbataillon 1 200 Tonnen Material und 120 000 Liter Treibstoff gleichzeitig bewegen. Wie mir vor Ort ein Feldwebel erläuterte, hat sich der Bedarf an Nachschub seit dem Ersten Weltkrieg vervielfacht. Benötigt wurden damals je Kämpfer täglich zehn Kilogramm an Gütern wie Bekleidung, Verpflegung, Munition, Sanitätsmaterial und Gerät. In der Wehrmacht erhöhte sich der Nachschubbedarf eines Soldaten in dieser Zeit auf 16 Kilogramm. Und für einen Panzergrenadier der Bundeswehr müssen heute je Tag weit mehr als 50 Kilogramm an Material von der Nachschubtruppe sichergestellt werden. (1995) 4.2. Luftwaffe Seit dem 3. Oktober 1990 ist das vereinte Deutschland souverän. Die bis dahin existierenden Vorbehalte der Alliierten beziehungsweise der Sowjetunion entfielen. Damit war Deutschland auch allein für die Wahrnehmung dieser Souveränität im eigenen Luftraum und für die Durchführung lufthoheitlicher Aufgaben verantwortlich. Im Bereich der alten Bundesländer nutzte man dazu die eingespielten Nato-Strukturen. Für solche Aufgaben in den neuen Bundesländern und Berlin wurde ein nationaler Gefechtsstand in einer Bunkeranlage südlich von Fürstenwalde/Spree eingerichtet. Außerdem hat man dafür unter nationaler Führung verbleibende Kräfte eingesetzt. Das galt bis Ende 1994. Den Land- und Luftstreitkräften der WGT wurden bis zum vollständigen Abzug aus Deutschland im Jahr 1994 die notwendigen Übungsmöglichkeiten für ihre Truppen zugebilligt. Wegen der Inkompatibilität in der Art und Weise des Flugbetriebs und der Nutzung des Luftraums durch militärische Luftfahrzeuge der sowjetischen/russischen Luftstreitkräfte war eine Trennung des Luftverkehrs beider Seiten und eine enge Koordination des gesamten Flugverkehrs in den neuen Bundesländern unumgänglich. Diese Aufgabe nahm die Luftraumkoordinierungsstelle in Wünsdorf wahr. Sie wurde die einzige Dienststelle im vereinten Deutschland, in der deutsche und sowjetische/russische Soldaten mit Bediensteten der Bundesanstalt für Flugsicherung/Deutsche Flugsicherung GmbH tagtäglich gemeinsam Verantwortung trugen. Unter dem allgemeinen Zwang in der Bundeswehr, mit verringerten Kräften, aber erweitertem Territorium und Aufgabenspektrum in erheblichem Umfang Haushaltsmittel einzusparen und die Betriebskosten der Luftwaffe deutlich zu senken, fiel die Entscheidung, die Typenvielfalt der Waffensysteme und die Anzahl der genutzten Liegenschaften in der Luftwaffe insgesamt zu reduzieren. Und die Gesamtzahl der Luftwaffensoldaten von 110 000 auf 83 200 bis Ende 1994 zu senken. Deshalb musste auf eine zusätzliche Übernahme des NVA-Gerätes verzichtet werden. Unter diesen Rahmenbedingungen wurde nun eine Luftwaffe in den fünf neuen Ländern ab- beziehungsweise umgebaut, gleichzeitig ein Teil der Luftwaffe, der hier für die künftige Stationierung vorgesehen war, nach westlichem Muster aufgebaut. So sollten innerhalb Deutschlands keine Zonen ungleicher Sicherheit zugelassen werden. 171 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik trug somit die Luftwaffe die Verantwortung für Personal, Material und Liegenschaften der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung der ehemaligen NVA. Ein kleiner Stab von Offizieren und Unteroffizieren der Bundesluftwaffe übernahm daraufhin unter Generalmajor Bernhard Mende am Sitz des LSK/LV-Kommandos in Eggersdorf zusammen mit Angehörigen dieser Teilstreitkraft die Aufgabe, diesen Auf- , Um- und Abbauprozess zu steuern. Das hieß – die vorhandenen Streitkräftestrukturen in die Zielstruktur zu überführen sowie an den Übernahmeverfahren für das Personal mitzuwirken, es zu integrieren und auszubilden. Zudem musste der Luftraum überwacht, die Souveränität gewahrt und die staatliche Lufthoheit ausgeübt werden. Weiterhin galt es, fliegende und bodengestützte Verteidigungskräfte auszubilden und einzusetzen, Lufttransportaufgaben für die gesamte Bundeswehr durchzuführen und den Such- und Rettungsdienst (SAR) sicherzustellen. Schließlich mussten überschüssiges Wehrmaterial zusammengeführt und zur Verwertung abgegeben sowie freiwerdende Liegenschaften überführt werden. „Die Luftwaffe war damit die einzige Teilstreitkraft, die neben den Aufgaben des Auf- und Umbaus mit den vorhandenen Kräften und Mitteln zugleich auch Einsatzaufgaben wahrnehmen musste“, veranschaulichte mir Generalmajor Jürgen Höche, Kommandeur der 3. Luftwaffendivision in Berlin-Gatow, die 1964 aus der 5. Luftwaffendivision (Luftwaffe Ost) hervorgegangen war. Er erinnerte daran, dass die ehemalige LSK/LV der NVA in 34 Großverbände und Verbände mit einer Vielzahl von Stäben, Einheiten, Teileinheiten, Depots, Versorgungseinheiten und Werkstätten gegliedert war. Sie existierte an rund 130 Standorten und nutzte über 300 Liegenschaften. All diese Organisationselemente wurden von der Bundeswehr bis zur Indienststellung der 5. Luftwaffendivision am 1. April 1991 weitergeführt. Die Truppenteile und Dienststellen, die entweder zur Auftragserfüllung befristet weiter bestehen sollten oder generell als Element der Zielstruktur vorgesehen waren, hat man dann der neuen Luftwaffen-Gliederung angepasst und umbenannt. Alle aufzulösenden Dienststellen hingegen wurden den Abwicklungsstäben Süd und Nord am Sitz der 1. Luftverteidigungsdivision in Cottbus und der 3. Luftverteidigungsdivision in Neubrandenburg unterstellt oder in Nachkommandos umgebildet. Sodann erfüllte die Abwicklungsorganisation ihre Aufgabe und wurde ebenfalls aufgelöst. Seit dem 1. April 1991 unterstanden der 5. Luftwaffendivision der Bundeswehr alle Truppenteile dieser Teilstreitkraft in den neuen Bundesländern und in Berlin. Somit war diese Division eine kleine Luftwaffe an sich. Sie führte fliegende Verbände und Flugabwehreinheiten ebenso wie Verbände des Radarführungsdienstes und der Logistik. Auch Sektoren des Fernmeldedienstes, ein Ausbildungsbataillon und ein Luftwaffenmusikkorps gehörten zur Division. Sie wich damit in ihrer Gesamtstruktur von den vier übrigen Einsatzdivisionen der Luftwaffe ab. 172 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Diese Übergangsstruktur im Osten wurde mit der Einnahme der neuen Kommandostruktur der Luftwaffe am 1. April 1994 wiederum aufgebrochen und eine in der gesamten Bundesrepublik nach den gleichen Organisationskriterien gegliederte Luftwaffenstruktur in Kraft gesetzt: Aus den fünf deutschen Luftwaffendivisionen wurden vier gebildet. Sie führten ausschließlich Einsatzverbände – fliegende Kampfverbände, Flugabwehrraketengeschwader und Verbände des Radarführungsdienstes. Die Komponenten der Einsatzunterstützung wurden nun Fachkommandos unterstellt. Generalmajor Höche: „Die aus der 5. Luftwaffendivision hervorgegangene neue 3. Luftwaffendivision führt nun nicht mehr ausschließlich ostdeutsche Luftwaffenverbände. Sie umfasst jetzt Verbände in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg.“ Was für eine eindrucksvolle deutsch-deutsche Erfolgsgeschichte nach dem Ende des Kalten Krieges! Interessant ist auch die Personalentwicklung mit der Integration von ehemaligen NVA- Angehörigen. Die Übernahme und Integration der freiwillig dienenden Berufs- und Zeitsoldaten der Ex-NVA in die Bundeswehr vollzog sich in drei Schritten. Zunächst wurden alle „Ehemaligen“, von einigen wenigen abgesehen, die in den Wartestand versetzt worden waren, weiterverwendet. Dabei behielten sie im Wesentlichen ihren bisherigen Status bei. Ihnen wurden vorläufige Bundeswehrdienstgrade zugeordnet, die sich an den zeitlichen Mindestvoraussetzungen der Bundeswehr orientierten. Der nächste Schritt beinhaltete die Übernahme als Soldat auf Zeit für die Dauer von zwei Jahren. Die Bewerbung für dieses Dienstverhältnis war sowohl aus dem Wartestand als auch aus dem Status der Weiterverwender möglich. Für die Berufung in dieses Dienstverhältnis galten die gleichen Einstellungsbestimmungen wie bisher in der Bundeswehr. Der Bedarf orientierte sich an der Struktur der in den neuen Bundesländern und Berlin aufzustellenden Truppenteile und Dienststellen. Die letzte Phase der Integration bedeutete die Übernahme in ein Dienstverhältnis als Berufssoldat beziehungsweise eine Verlängerung der Dienstzeit als Soldat auf Zeit. Ab Mitte 1991 konnten sich Interessenten – im Dienstverhältnis SaZ 2 (Probe) stehende Soldaten der ehemaligen NVA – dafür bewerben. Zur Feststellung der Bewährung als SaZ 2 und als Prognose für die Eignung als Offizier und Unteroffizier mit Portepee waren den Personal- Dienststellen bis zum 1. April 1992 je eine Sonder- und Laufbahnbeurteilung vorzulegen. Aufgrund der Haushalts- und Strukturdaten wurden Obergrenzen für die Anzahl der weiterführenden Dienstverhältnisse ehemaliger NVA-Soldaten festgelegt. In der Luftwaffe sollten aufgrund dieser Vorgaben etwa 1 000 Soldaten als Offiziere und etwa 2 000 als Unteroffizier übernommen werden. Diese Zahlen wurden aber wegen verschiedener Umstände – Stichwort „Stasi-Überprüfung“ – nicht ganz erreicht. Nach Abschluss der Übernahme waren etwa 2 800 Soldaten in die Luftwaffe übernommen worden. Ihre Verwendung erfolgte entsprechend ihrer Eignung und Leistung. Eine regio- 173 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet nale Begrenzung gab es nicht mehr. Genau 40 Prozent der übernommenen Offiziere und 19 Prozent der Unteroffiziere leisteten bereits ihren Dienst in den alten Bundesländern. Das übernommene Personal war sowohl allgemeinmilitärisch als auch militärfachlich aus- und weiterzubilden. Der Schwerpunkt allgemeinmilitärischer Ausbildung lag zwangsläufig auf der Vermittlung der Grundkenntnisse auf den Gebieten der Wehrgesetzgebung, des Leitbildes als Staatsbürger in Uniform und der Leitsätze Innerer Führung. Diese „Grundausbildung“ wurde 1994 abgeschlossen. Die militärfachliche Ausbildung bezog sich auf die für die jeweilige Verwendung notwendigen Kenntnisse und Fertigkeiten. Hier war eine umfangreiche Umschulung notwendig. Das betraf besonders das Flugsicherungs- , Flugabwehrraketen- und fliegende Personal. Die an sich gute fachliche Ausbildung der Soldaten in Verfahren und an Systemen der NVA konnte dabei aufgrund der sehr unterschiedlichen Verfahren der Luftwaffe und des neuen Geräts inklusive der Umstellung auf die englische Sprache in vielen operativen Bereichen nicht immer zeitverkürzt in Ansatz gebracht werden. „Die äußere, formale Integration des übernommenen Personals der ehemaligen LSK/LV ist gelungen. Auch die innere Integration ist ein gutes Stück vorangekommen“, betonte Höche. „Die persönliche Auseinandersetzung der ehemaligen NVA-Angehörigen mit den geistigen Grundlagen einer Armee in der Demokratie, mit dem, was wir mit den Begriffen ‚Staatsbürger in Uniform‘ und ‚Innere Führung‘ umschreiben, wird sicherlich noch andauern. Wir können aber, so glaube ich, feststellen, dass wir uns gegenseitig angenommen haben und schon seit geraumer Zeit an unseren Aufgaben gemeinsam arbeiten. Ich möchte noch einmal festhalten: Ohne die uneingeschränkte Bereitschaft der Angehörigen der ehemaligen NVA, auch von denen, die nicht übernommen werden konnten, wäre die Aufgabenerfüllung der 5. Luftwaffendivision nicht möglich gewesen.“ Hier noch weitere Einzelheiten von der Luftwaffe. Der Zwang, den Streitkräfteumfang zu reduzieren und die Betriebskosten zu senken, führte zu einer deutlichen Verringerung der Anzahl der Luftwaffenstandorte und der genutzten Liegenschaften. In den neuen Bundesländern war sie nur noch an 17 Standorten präsent. In Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen gar nicht oder nur noch mit einer Dienststelle. Bei den noch geplanten Verlegungen werden Truppenteile von West nach Ost sowie innerhalb der fünf neuen Länder bewegt. Die Flugabwehrraketengruppe 31 (HAWK) verlegt von Niedersachsen nach Mecklenburg-Vorpommern, das Jagdgeschwader 73 aus Preschen, Cottbus und Pferdsfeld (Pfalz) wird in Laage zusammengeführt. Ab 1997 kommt die Flugabwehrraketengruppe 24 (PATRIOT) nach Ladeburg bei Bernau. Nach Holzdorf verlegt das Lufttransportgeschwader 62 aus Wunstorf (Niedersachsen). „Trotz der nahezu vier Milliarden DM, die durch die Bundeswehr in den letzten vier Jahren an Infrastrukturmitteln ausgegeben wurden, bleibt die Herstellung der operationell und sozial notwendigen Infrastruktur ein Hauptproblem für die Einhaltung der Verlegephase“, meinte Höche. „Die fünf neuen Länder werden weiterhin höchste Priorität bei Mit- 174 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten telvergaben im Bereich der Bundeswehr-Baumaßnahmen erhalten. Und wir arbeiten mit Nachdruck daran, die Verlegung zeitgerecht durchzuführen.“ Von den ehemals rund 40 von der NVA und der WGT militärisch genutzten Flugplätzen werden künftig lediglich drei weitergenutzt. Es sind die Fliegerhorste Laage bei Rostock mit dem Jagdgeschwader 73, Neubrandenburg/Trollenhagen als Ausweichflugplatz für dieses Jagdgeschwader und Holzdorf bei Herzberg für das Lufttransportgeschwader 62. Für Laage und Neubrandenburg wird neben der militärischen Nutzung eine zivile Mitnutzung realisiert. Was das vorgefundene Material betrifft, so ist aus Kostengründen auf die langfristige Weiternutzung verzichtet worden. Ausnahmen bilden lediglich die Waffensysteme und Geräte sowie Anlagen, die für die übertragenen Einsatzaufgaben zeitlich begrenzt weitergenutzt werden mussten oder die aus politischen Gründen für eine Weiterverwendung vorgesehen sind. Dazu zählen Geräte und Anlagen für die Luftraumüberwachung und die Aus- übung lufthoheitlicher Aufgaben. Weiterhin Lufttransportmittel und einige Kraftfahrzeuge. Langfristig ist die Nutzung des Jagdflugzeuges MiG-29 und von zwei Transportflugzeugen vom Typ TU-154 für Transporte der Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung und nach Umrüstung zu Open Sky Operationen im Auftrag der Signatarstaaten vorgesehen. Darüber hinaus werden in der 3. Staffel der Flugbereitschaft BMVg in Diepensee einige Hubschrauber des Typs Mi-8 S und des Transportflugzeuges vom Typ LET L-410 für Transporte im Auftrag des politisch-parlamentarischen Bereichs eingesetzt. Alles übrige Material von einst wurde nicht in die Nutzung übernommen, sondern zur Verwertung vorgesehen und dazu an Konzentrierungspunkten zusammengefasst. Die Verwertung umfasste Verschrotten, Vernichten (Munition und Explosivstoffe), Verkaufen – auch an Museen – und die Abgabe an Kommunen und gemeinnützige Organisationen. Viele Kraftfahrzeuge konnten im Rahmen von Hilfslieferungen an GUS-Staaten abgegeben werden. Höche abschließend: „Mit der Einnahme der Luftwaffenstruktur 4 zum 1. April 1994 haben wir nun eine in ganz Deutschland nach einheitlichen Kriterien gegliederte Luftwaffe. Die Luftwaffe-Ost existiert nicht mehr. Damit haben wir unseren Beitrag zur Vollendung auch der inneren Einheit Deutschlands weitgehend erfüllt. Mit den weiteren Verlegungen werden wir das Unsere dazu beitragen, die Einheit auch zu vollenden.“ Luftwaffen-Jubiläum im „Fliegerhorst der Einheit“ Bis zum Ende des Kalten Krieges 1990 standen sich über Jahrzehnte in einem frostigen, bedrohlichen sicherheitspolitischen Klima zwischen den Machtblöcken zwei deutsche Luftwaffen als mögliche Gegner gegenüber. Ihre Zusammenführung im Zuge der deutschen Wiedervereinigung war eine große Leistung. Dabei wurden die Luftstreitkräfte der NVA 175 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet eingebracht, aufgelöst oder in Teilen – wie die MiG-29 – von der Bundeswehr übernommen. Die nunmehr gesamtdeutsche Luftwaffe begann ihre größte Umstrukturierung und leistete damit einen wichtigen Beitrag zur Einheit Deutschlands. So Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung im August 2005 auf einer Festveranstaltung in Laage zum 50-jährigen Jubiläum der Bundesluftwaffe. Nie sei es Streitkräften gelungen, allein durch Abschreckung und Verteidigungsbereitschaft einen Konflikt zu beenden. „Und kaum vorstellbar war es für die meisten von uns, dass das deutsche Volk ohne Blutvergießen, in freier Selbstbestimmung seine Einheit wiedererlangen würde“, sagte er. „So kann sich Deutschland, von Freunden umgeben, auf Stabilitätstransfer und Krisenbewältigung in entfernten Regionen konzentrieren. Alle Generationen, die daran mitgewirkt haben – von der Aufbaugeneration bis zu den Aktiven der heutigen Luftwaffe im Einsatz – können mit Recht stolz auf ihren Beitrag zum Erreichten sein.“ Er freue sich deshalb, „dass wir diesen Erfolg heute hier feiern können. Der Standort in Laage symbolisiert für mich den Dreiklang aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Luftwaffe. Denn zunächst ist diese Region eng mit der Geschichte der Luftwaffe sowie der Luft- und Raumfahrt verbunden. Ganz nah liegt die 1918 gegründete Fliegerversuchs- und Lehranstalt in Rechlin.“ Laage stehe auch für die große Leistung des Zusammenwachsens und der inneren Einheit. Mit der Verlegung des Jagdbombergeschwaders 35 aus Bad Sobernheim 1997 und der Zusammenlegung mit dem Erprobungsgeschwader MiG-29 seien hier West und Ost zusammengekommen. Dieser Fliegerhorst wurde 2004 auch als erster der Luftwaffe mit dem Eurofighter ausgerüstet. Und die Live-Schaltung zu Oberst Thomas Reiter in die Raumstation ISS zeige, wie Angehörige der Luftwaffe an der Gestaltung der Zukunft beteiligt sind. „Der Erfolg unserer Luftwaffe ruht auf zwei Säulen. Da waren zum einen die Soldaten der alten Luftwaffe, die von 1956 an die neue Bundesluftwaffe aufbauten. Dabei haben ihre Inspekteure, wie in der gesamten Bundeswehr, große Sorgfalt darauf verwandt, die richtigen Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen. Zum anderen fand der Neuanfang 1956 mit gro- ßer Unterstützung vor allem der US Air Force und der Royal Air Force statt. So wurde die neue deutsche Luftwaffe durch Pilotenausbildung, moderne Jets, Flugabwehrsysteme und technische Hilfe massiv unterstützt und in kürzester Zeit zur Einsatzbereitschaft gebracht. Keine Teilstreitkraft ist deshalb so transatlantisch geprägt wie diese.“ Die Bundesluftwaffe sei von vornherein als eine Luftwaffe im Bündnis konzipiert worden. Schnell wurden ehemalige Kriegsgegner zu geachteten Partnern, auch früh schon in hohen Bündnispositionen. Keiner verkörpert dies besser als der Namensgeber des Jagdgeschwaders 73, General Johannes Steinhoff. Als Jagdflieger im Krieg schwer verwundet, wurde er von den Verbündeten zum Vorsitzenden des Militärausschusses und damit zum ranghöchsten Soldaten des Bündnisses gewählt. 176 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Zur wirksamen Abschreckung hatten die boden- und luftgestützten Teile der Luftwaffe eine hohe Einsatzbereitschaft und sofortige Reaktionsfähigkeit aufrecht zu erhalten – rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Diese Luftwaffe hat in den ersten Jahrzehnten einen hohen Preis für die Aufrechterhaltung einer glaubwürdigen Abschreckung zahlen müssen. In der Starfighter-Krise verloren über 100 Flugzeugführer ihr Leben. Und 1975 kamen bei einem tragischen Flugzeugabsturz in Kreta eine gesamte Flugabwehrraketen-Crew sowie die Besatzung der Transportmaschine ums Leben. In den 90er Jahren hat sich die Luftwaffe den dramatisch veränderten Rahmenbedingungen angepasst. Diese Stationen führten von den ersten Einsätzen zur Bündnisverteidigung in der Türkei am Rande des ersten Golfkriegs zu den Luftoperationen auf dem Balkan zur Durchsetzung der Friedensvereinbarungen von Dayton. „Hier zeigte sich der erfolgreiche Wandel zur Luftwaffe im Einsatz, welche die neuen Herausforderungen souverän bewältigte.“ In der Kosovo Air Campaign leisteten – erstmals unter Kampfbedingungen – auch deutsche fliegende Einsatzverbände ihren Beitrag und stellten ihre hohe Leistungsfähigkeit unter Beweis. Seither trägt die Luftwaffe in vielfältiger Weise zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr bei. Der Stil der Menschenführung in der Luftwaffe ist ein ganz besonderer, sagte der Minister. In vielen Dingen geht es hier lockerer zu als anderswo; Technik und Kerosingeruch haben auf junge, begeisterungsfähige Menschen eine faszinierende Wirkung. Und Teamwork ohne Ansehen des Dienstgrades ist ein höchst erfolgreiches Führungskonzept. Die Luftwaffe hat deshalb im harten internationalen Vergleich bei Überprüfungen und im Einsatz stets ihre herausragende Einsatzbereitschaft bewiesen. Mit dem Leitprinzip des „Team Luftwaffe“ habe es die Teilstreitkraft in der Vergangenheit stets verstanden, sich als ein komplexes System zu entwickeln, in dem jeder Dienstbereich, bis hinauf in hohe Führungspositionen, seinen Teil zum Erfolg des Ganzen beiträgt – vom einsatznahen fliegerischen, Flugabwehrraketen- und Radarführungsdienst über unterstützende Technik und Logistik bis zu den Sicherungskräften und Ausbildungsverbänden. Dieses Denken im Team sollte bewahrt werden. Bei der Transformation der Bundeswehr komme es darauf an, den daraus erwachsenden Verbund aus Fähigkeiten noch mehr auf der Ebene der Gesamtstreitkräfte herzustellen und weiterzuentwickeln. Luftstreitkräfte wachsen zusammen Die deutschen Luftstreitkräfte wachsen immer enger zusammen. Bei der Luftwaffe Ost sind entsprechend der künftigen Struktur der Bundeswehr bereits erste Verbände und Einheiten aus der Verantwortung der 5. Luftwaffendivision entlassen und den jeweiligen Fachkommandos angegliedert worden. Umgekehrt wurden dem Großverband mit derzeitigem Kommandositz in Strausberg nunmehr die ersten Verbände aus den alten Bundesländern unterstellt. Deren Verlegung ist nach Ladeburg (bei Berlin), Sanitz und Laage (bei Rostock) vorgesehen. 177 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Sie sollen zum künftigen Kern der Division gehören. Aus der heutigen 5. Luftwaffendivision wird nach Abschluss der Strukturveränderungen mit Blick auf die Erfordernisse der Zukunft die 3. Luftwaffendivision gebildet. Ihre Verbände sind dann in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein beheimatet. Der Stab wird in Berlin-Gatow tätig sein. Das kündigte der Kommandierende General Luftflotte, Generalleutnant Gerhard John, bei einem militärischen Appell vor Angehörigen und zivilen Mitarbeitern des Großverbandes an. Anlass war die Übergabe des Kommandos der 5. Luftwaffendivision von Generalmajor Axel B. Kleppin, künftig auf der Bonner Hardthöhe Chef des Stabes im Führungsstab der Luftwaffe, an Brigadegeneral Jürgen Höche. Dieser ist ein aktiver Pilot mit mehr als 3 000 Flugstunden und war zuletzt Kommandeur des Luftverteidigungssektors 2. Von den einst 21 000 Mann der ehemaligen NVA-Luftstreitkräfte/Luftverteidigung (darunter 6 200 Offiziere) wurden etwa 1 000 Offiziere und 2 500 Unteroffiziere übernommen. Sie dienen nun als Soldaten auf Zeit mit mehr als zwei Jahren Verpflichtung oder als Berufssoldaten. Nach einjähriger Umschulung beim Jagdbombergeschwader 49 in Fürstenfeldbruck erwarben inzwischen 14 Piloten der Ex-DDR-Luftwaffe ihre Berechtigung zum Fliegen von Bundeswehrmaschinen. Im westfälischen Hopsten (Rheine) erhalten sie beim Jagdgeschwader 72 die Ausbildung auf der Phantom F-4 F, einem zweistrahligen Kampfflugzeug, das einst den Starfighter abgelöst hat. General John machte deutlich, dass Verfahren und Struktur der Luftwaffe „zu greifen beginnen und Gestalt gewinnen“. Zu den Aktivitäten des Um- und Aufbaus kamen zusätzliche Einsatzaufgaben. Verbände, Einheiten und Dienststellen der 5. Luftwaffendivision hatten dabei den Luftraum über dem beigetretenen Teil Deutschlands zu überwachen. Zudem wurden als Ausdruck der mit der staatlichen Einheit erlangten Souveränität luftpolizeiliche Aufgaben bewältigt sowie der nach internationalen Luftfahrtabkommen vorgeschriebene Such- und Rettungsdienst aufgebaut und durchgeführt. Es ging weiterhin darum, die Führungstätigkeit der Luftwaffe in den neuen Bundesländern und Berlin von Anbeginn an unterbrechungsfrei sicherzustellen sowie an den weltweiten Lufttransportaufgaben der Luftwaffe teilzunehmen. (1992) Russisches Jagdflugzeug MiG-29 mit Balkenkreuz In den lebhaften Debatten um die Anschaffung eines neuen Jagdflugzeuges für die deutsche Luftwaffe hatte sich das wohl niemand träumen lassen: Der einst so gefürchtete gegnerische Wundervogel dieser Klasse – die russische MiG-29 – flog eines schönen Tages ins 178 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten eigene bundesdeutsche Nest. Noch dazu in Geschwader-Stärke. Das geschah im brandenburgischen Preschen in unmittelbarer Nähe zur polnischen Grenze. Für die Öffentlichkeit, besonders in der alten Bundesrepublik, eine Riesenüberraschung. Die Fachwelt wertete diesen Vorgang als Sensation. Ähnlich, wie die vom 1. Juli 1986, als auf dem finnischen Flugplatz Kuopio Rissala sechs sowjetische Jagdflugzeuge dieses Typs zu Besuch kamen. Sie waren bis dahin noch nie öffentlich gesehen worden. Nur US-Satelliten hatten dieses Flugzeug 1979 über dem Erprobungsgelände ausgemacht. Es wurde als RAM-I bezeichnet. Was dem Nato-Bündnispartner Deutschland so einfach in der Nacht zum 3. Oktober 1990 von der gegnerischen Seite zugeflogen war, verkörperte internationales Spitzenniveau. Hauptsächlich die bemerkenswerten Parameter dieses Typs hatten bis zur Wiedervereinigung allen Befürwortern für das Milliarden-Projekt Jäger 90 als Argument gedient. „Seit den Jahren der ersten Diskussion um den Jäger 90 geisterte die MiG-29 durch die Papiere der Hardthöhe und die Beratungen des Parlaments“, erinnerte sich der Parlamentarische Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Willy Wimmer. Das veröffentlichte er in seinem Buch „Lass uns Dir zum Guten dienen – Der Weg der NVA in die Bundeswehr“ (Neusser Zeitungsverlag GmbH, S. 101). Und so habe die MiG-29 und der mögliche Einsatzbereich bei einer Konfliktlage als „eine logische Begründung für den Einstieg in die Entwicklung des Jägers 90“ gegolten. Nach einem fortdauernden Für und Wider um die „Rote Rita“ – in der Öffentlichkeit von einzelnen Militärs mit Äußerungen von Unkenntnis und antisowjetischen Vorbehalten begleitet – entschied das Verteidigungsministerium: Von sechs Jagdfliegergeschwadern der NVA bleibt nur der Luftwaffenstützpunkt bei Forst erhalten. Hier waren 24 der von der Nato als FULCRUM bezeichneten Maschinen stationiert, vier davon als Doppelsitzer-Jäger. Allesamt hatte sie die DDR noch im Mai 1989 für das Jagdfliegergeschwader 3 angeschafft. Nun prüfte man die Maschinen auf ihr Leistungsvermögen und ihren Betriebsaufwand. Ein Kritiker aus der alten Bundesrepublik war so in seinem alten Denken behaftet, dass er in dem Jagdflugzeug, das auch mit zwei Tonnen Waffen an Bord (Raketen und Bomben) als Jagdbomber eingesetzt werden konnte, bei der Avionik eine „Technologie der fünfziger Jahre“ vermutete. Andere Offiziere warnten davor, die deutsche Luftwaffe dürfe sich nicht von sowjetischem Nachschub abhängig machen. 179 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Nun ging es hier im Geschwader mit der Erprobung der leichten und recht manövrierfähigen MiG-29 weiter. Der Originalanstrich der DDR-Luftstreitkräfte wich dem Grau der deutschen Luftwaffe mit dem Balkenkreuz unterhalb der Flügel. Experten erkannten bald, dass es sich bei Aerodynamik, Kurvenkampffähigkeit und seinem Triebwerk um ein leistungsfähiges Flugzeug der dritten Generation handelt – mit 2,3 Mach (2 400 km/h) Höchstgeschwindigkeit und einer Dienstgipfelhöhe von 18 Kilometern. Ein ideales Gerät mit ihren beiden 30 000-PS-Triebwerken und beeindruckender Wendigkeit zur Luftraum kontrol le in Friedenszeiten. Es passte sehr gut in das defensiv orientierte Konzept der Sicherheit und Verteidigung der Bundesrepublik. Doch vorher war eine sogenannte Germanisierung der Maschinen notwendig. Dabei musste der Standard der Internationalen Zivilluftfahrt-Organisation (ICAO) zur Flugsicherheit umgesetzt werden. Eingebaut wurden eine TACAN-Navigationsanlage, Fahrt- und Höhenanzeiger in Knoten und Fuß, ein Flugsicherungsabfragegerät SIF/IFF und ein UHF- Notfunkgerät, um den Flugbetrieb nach westlichem Standard zu ermöglichen. Noch vor der zehntägigen Umschulung von Flugzeugführern aus dem Westen, die bisher die F-4 Phantom geflogen sind, wurde ein Flugsimulator für das neue Waffensystem in Betrieb genommen. Die Installierungsphase war dank guter Zusammenarbeit der Firma CAE Elektronik GmbH aus Stolberg (Rheinland) mit russischen Partnern nach nur einem halben Jahr abgeschlossen worden. Der Simulator sei zwar eine hervorragende Ausbildungshilfe, meinte Kommodore Oberst Manfred Menge, der 1968 in den USA seine Ausbildung zum Starfighter-Piloten erhielt, ersetze aber keine echte Flugstunde. So können aber die Piloten System- und Verfahrenstraining absolvieren und lernen, das Flugzeug auch in kritischen Situationen zu beherrschen. Er sei auf „seine Jungs“ sehr stolz und von ihrem Einsatz – beispielsweise im „Taktischen Ausbildungskommando der Luftwaffe Italien“ innerhalb der „Air Weapon Training Installation (AWTI)“ in Decimomannu – „begeistert“. Hauptmann Udo Sadzulewski, ein ehemaliger NVA-Jagdpilot, hatte es bisher beim „freien Luftkampf “ nur mit sowjetischen, tschechoslowakischen, ungarischen, polnischen, bulgarischen und rumänischen „Kolle- 180 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten gen“ zu tun. Seine Luftkampf-Partner im freundschaftlichen Wettstreit waren nun erstmalig damalige „Gegner“ wie Italiener, Spanier und Engländer. „Es ist auf jeden Fall besser, dass wir in der Ausbildung im Training aufeinander treffen, als wenn wir uns im ‚Ernstfall‘ hätten bekämpfen müssen“, sagte er dem langjährigen Ost-Berliner Militärjournalisten Detlef Franke. Der Kommandierende General Luftflotte, Generalleutnant Walter Schmitz, setzte sich ebenfalls an den Steuerknüppel der ehemals gegnerischen Maschine vom Flugzeughersteller Mikojan-Gurewitsch MiG. Dort wurden seit 1941 vor allem Jagdflugzeuge entwickelt und produziert. Danach lobte der Bundeswehr-General „die hervorragenden Eigenschaften, beispielsweise im Langsam- und Hochgeschwindigkeitsflug“. Allerdings hat man beim offiziellen Check mehrere Schwachpunkte ausgemacht. Vor allem das Radargerät, die Betriebsdauer von Zelle (2 500 Flugstunden) und Triebwerk (nur 1 500 Triebwerkslaufstunden) sowie die hohen Betriebskosten eines typischen „Spritfressers“ führten die Kritiker weiter ins Feld. Auch die komplizierte Beschaffung der Ersatzteile sowie die oftmalige Grundinstandsetzung der Triebwerke im Ausland seien nennenswerte Defizite für einen kontinuierlichen Flugbetrieb in Deutschland, hieß es in ersten Reaktionen. Und noch etwas fiel den Wehrtechnikern aus der alten Bundesrepublik auf: Eine unebene Beplankung mit hervorstehenden Nietköpfen auf der Titanoberfläche. Das galt beim ersten flüchtigen Betrachten „als die Arbeit von Grobschmieden“, erläuterte Kommodore Menge, als ich die MiG-29 vor Ort bestaunte. Doch bald habe man bemerkt, „dass diese ungewöhnliche Rauheit der Oberfläche für größeren Auftrieb sorgt“. Inzwischen war diese MiG beim Kampf in der Nähe den führenden Jagdflugzeugen der USA, F-15 und F-18, auch der französischen Mirage 2000, „ebenbürtig“. Zur Feuerleitanlage für Raketen kürzerer und mittlerer Reichweite gehörte beim Piloten ein Helmvisier. Diese technische Errungenschaft war in westlichen Luftwaffen bisher unbekannt. Sie ersparte dem Piloten, sein Flugzeug so auf den Gegner auszurichten, dass der ins Fadenkreuz seines Feuerleitradars kommt. Dieses Fadenkreuz wirkt wie ein Zielfernrohr. Es ist sogar mit der Waffenanlage gekoppelt, so dass es genügt, wenn der Pilot das Ziel im Auge hat. Die Ausrichtung der Raketen auf das Ziel folgt dem Blick und den Kopfbewegungen des Piloten, der dabei seine Maschine dem Ziel nicht zuwenden muss. Unter dem Titel „Ein Flugzeug namens Rita“ erschien im amerikanischen Nachrichtenmagazin TIME am 25.11.1991 ein Artikel von James O. Jackson. Darin hieß es: „Zum ersten Mal hatten westliche Fachleute nun die Möglichkeit, alle Einzelheiten des exotischsten russischen Jagdflugzeuges unter die Lupe zu nehmen. Ihre Schlussfolgerung: die MiG-29 könnte, rein als fliegende Maschine betrachtet, das pilotenfreundlichste Düsenjagdflugzeug sein, das je gebaut wurde … In einer strengen sechsmonatigen Prüfung stellten deutsche Testpiloten fest, dass das Flugzeug enge Kurven fliegen, ungeheuren Belastungen standhalten und mit der Geschwindigkeit eines Pistolenhelden aus Hollywood schießen könne. Es kann so langsam fliegen wie eine mit Gewebe bespannte Piper Cup (einmoto- 181 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet riges US-Leichtflugzeug – d.A.), nämlich mit 160 km/h, oder aber mit 2,5 Mach, womit es dem besten Flugzeug des Westens gewachsen ist.“ Stolz tragen die 26 ehemaligen NVA-MiG-29-Piloten, die von der Luftwaffe übernommen wurden, Schulterabzeichen, „die die Staffel als die ‚Fighting Fulcrums‘ identifizieren, wobei der Deckname der Nato für die MiG-29 gebraucht wird“. Der Autor verweist in seinem Bericht aus Preschen darauf, dass sich „das 24. Flugzeug leihweise in den USA befindet, wo es in der Abteilung von General Dynamics in Forth Worth, Texas, getestet wird“. Heute gibt es die MiG-35 (SUPER-FULCRUM) mit Triebwerken der Schubvektorsteuerung, neuen Waffensystemen und einer größeren Reichweite als beim Vorgänger. Jedenfalls sollte die MiG-29 keine Alternative zum Jäger 90 sein, der später zum Eurofighter 2000 modifiziert und als Mehrzweckkampfflugzeug der 4. Generation in die deutsche Luftwaffe eingeführt wurde. Und immer wieder hinterfragten Politiker mit Blick auf die damaligen Summen zwischen zehn und 50 Milliarden Euro für das Jäger-90-Projekt mit Entwicklung und Bewaffnung, ob denn diese Ausgaben nach dem Ende des Kalten Krieges und der in Rom beschlossenen neuen Nato-Strategie überhaupt noch notwendig seien. Eine ernst zu nehmende Frage. Sie wurde nicht nur von Fachleuten gestellt. In diesem Zusammenhang bot ein Artikel von Karl Feldmeyer in der F.A.Z. (16.4.1992) über einen vertraulichen Bericht des Bundesrechnungshofes in der Auseinandersetzung um ein neues Jagdflugzeug für die Bundeswehr neuen Diskussionsstoff. Darin zitierte der bekannte Journalist aus der zusammenfassenden Bewertung der Behörde: „Die MiG-29 ist nach Ansicht der Bundeswehr einem westlichen Flugzeug der dritten Generation vergleichbares, sehr zuverlässiges und wartungsfreundliches Flugzeug. Nach Auffassung der US-Luftwaffe ist es zur Zeit eines der modernsten und leistungsfähigsten Jagdflugzeuge der Welt.“ Der Weiterbetrieb werde „bei geeigneter Lösung der Ersatzteilfrage und Herstellerunterstützung zur wirksamen Entlastung der Luftverteidigungsverbände führen“. Feldmeyer: „Das macht die Befürchtungen des früheren Generalinspekteurs (Wellershof – d.A.), die ‚äußerst positive Bewertung der MiG-29‘ werde zu heftigen Diskussionen über den Jäger 90 beitragen, nur zu verständlich. Im Kern geht es aber nicht nur um die Kosten, sondern darum, ob die Bundesregierung bereit ist, in Deutschland eine Flugzeugindustrie zu erhalten, die zur Entwicklung und zum Bau moderner Jagdflugzeuge fähig ist. Dann nämlich müsste sie sich für den Jäger 90 entscheiden.“ Was dann auch geschah! So konnte die Bundeswehr seit Juni 1993 beim Schutz der eigenen Lufthoheit, wie beim Air Policing, der Friedensaufgabe der Luftverteidigung, als einzige Nato-Armee modernste Jagdflugzeuge aus West und Ost einsetzen. Bevor aber das Geschwader ab 1994 ins mecklenburgische Laage verlegte, um hier mit dem F-4 F-Phantom-Geschwader aus Pferdsfeld (Rheinland-Pfalz) einen neuen Verband zu bilden, wurde Preschen mit seinen Wundervögeln zur „Attraktion“ der gesamtdeutschen Luftwaffe im Osten. Weit über 10 000 Besucher passierten an der Wache das Schild „Welcome to Preschen Air Base“. Ihre Aufwartung 182 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten machten der MiG-29 viele Politiker, Abgeordnete, Kommunal- und Firmenvertreter, Schulkassen, Journalisten. Zu ihnen gehörte ich natürlich auch recht oft. Ein besonders herzlich begrüßter Gast unter den Militärs und Experten von weither war schon bald die damals 55-jährige US-Luftwaffen-Ministerin, Dr. Sheila E. Widnall. Sie galt als eine international angesehene Luft- und Raumfahrtexpertin. Ihre wissenschaftliche Arbeit hatte sich auf Flugzeuge für den Über- und Unterschall konzentriert. Die vor dem Besuch geäußerte Bitte zum Mitflug im Zweisitzer erhielt das „O.K.“ vom Bundesverteidigungsminister. Deshalb standen an der Start- und Landebahn hochkarätige Fachleute wie der Inspekteur der Bundesluftwaffe, Generalleutnant Jörg Kuebart, und Divisionskommandeur Generalmajor Jürgen Höche. Als die Ministerin im Cockpit hinter Oberstleutnant Frank Klümper zum einstündigen Rundflug über Ostdeutschland und einige alte Bundesländer abhob, war sie voller Neugier, die 16 Tonnen schwere, aber optisch elegante Maschine nun selbst beim Flugverhalten kennen zu lernen. Nach der Landung lautete ihr kurzer Kommentar: „Alles wunderbar!“ Im Anschluss ließ sie sich von den Offizieren berichten, wie in der Armee der Einheit aus dem NVA-Truppenteil ein „Top-Geschwader“ der Bundeswehr wurde. Hier war die Integration von Soldaten aus dem Osten und Westen schon so weit vorangeschritten, dass dieses Thema im Alltag keine besondere Rolle mehr spielt, erfuhr sie aus erster Hand. Für die ehemaligen NVA-Angehörigen bedeutete diese Begegnung mit der charmanten Frau, Mutter von zwei Kindern, eine „Sprachkundigen Prüfung“ in Englisch. Denn bis zum Ende der NVA 1990 war Russisch für die ostdeutschen Flugzeugführer die Fliegersprache. Seit ihrem Eintritt in die westdeutsche Luftwaffe hatten diese Kameraden sowie die anderen insgesamt 100 Piloten, die von der Bundeswehr übernommen worden waren, recht intensiv die neuen Aufgaben in Theorie und Praxis gemeistert. Auch das Grundgesetz wurde studiert. So war für die Fachfrau die angeregte Frage-und-Antwort-Runde wie ein tägliches „Wetterbriefing“. Die US-Ministerin trug in ihrer Funktion die Verantwortung für die aktuelle und künftige Bereitschaft der Air Force, um ihre Mission zu erfüllen. Dazu gehörte die Rekrutierung, Ausbildung und Ausrüstung der 380 000 Männer und Frauen, 251 000 Mitglieder der Air National Guard und der Air Reserve sowie der 184 000 Zivilisten der Total Force. Außerdem beaufsichtige sie die Planung der Dienste. Das Jahresbudget der Ministerin umfasste etwa 62 Milliarden US-Dollar. Als Professorin für Luft- und Raumfahrt wurde Frau Widnall mit ihren Arbeiten über Flugdynamik, speziell in Bereichen Turbulenzen und spiralförmige Luftströme des Flugzeugs, international bekannt. Seit 1996 zählt sie zu den Frauen in der Luftfahrt Pioneer Hall of Fame. 183 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Bei der Abreise der US-Ministerin fasste Pressesprecher Oberstleutnant Paul F. Vosseler zusammen, was in diesen Stunden der Begegnung mit einer langjährigen Beraterin der amerikanischen Luftwaffe und Autorin von rund 70 Fachartikeln die Anwesenden so beeindruckt hatte: „Eine Frau voller Kompetenz. Einfach toll, sie in Aktion zu erleben. Für uns war das ein großer Tag.“ Und so blieb nicht nur ihr Mitflug in der „Roten Rita“ den Angehörigen des Jagdgeschwaders in guter Erinnerung. Ein paar Wochen später besuchte der Oberbefehlshaber der US-Luftwaffe, General Merrill A. McPeak, mit Erfahrungen aus dem Vietnamkrieg das Jagdgeschwader 73 auf dem Fliegerhorst Preschen. An der Seite von Generalleutnant Kuebart informierte sich der Gast über den Auftrag des Verbandes und das russische Waffensystem. Von seinem Mitflug in der MiG-29 war er ebenfalls „tief beeindruckt“. Interesse am Kampfflugzeug sowjetischer Produktion zeigten auch 70 Teilnehmer eines Lehrgangs der Führungsakademie der italienischen Streitkräfte bei einer „Visite“ vor Ort. Nach einer Flugschau in Ohio urteilte später ein US-Oberst über die von Deutschland ausgeliehene MiG-29: „Phantastisch. Es ist, als fährt man einen Volkswagen ‚Käfer‘ mit einem Cadillac-Motor.“ Das war sein Kommentar nach einem Kunstflug mit Loopings, Doppel- S, Kurven und Nachbrennersturzflügen in geringer Höhe. Die deutsche Einheit machte also Unmögliches möglich: Mit dem 1. Juni 1991 wurde der ehemalige NVA-Truppenteil Preschen als Jagdgeschwader 73 in Dienst gestellt. Nach einer monatelangen Phase gründlicher technischer Untersuchung, Erprobung unter allen Flugbedingungen und Vervollkommnung auf westlichen Sicherheitsstandard flogen die „Wundervögel“ 1994 erstmals Air Policing im Rahmen der vollen Souveränität Deutschlands. Weil die Alarmrotten für diese Polizei-Gewalt im westdeutschen Luftraum den Nato-Command Forces unterstanden, durften solche Flüge laut Zwei-plus-Vier-Vertrag bis zum völligen Abzug der russischen Truppen nur von rein nationalen Kräften über Ostdeutschland durchgeführt werden. Über Geschichte, Struktur und Aufgaben des Geschwaders, das zu DDR-Zeiten den Namen des sowjetischen Kosmonauten Wladimir Komarow trug, berichtete Oberst Menge ausführlich beim Briefing. Voller Stolz schilderte er, der von seinen rund 3 200 Flugstunden fast zehn Prozent auf der einst feindlichen FULCRUM flog, wie in der Armee der Einheit aus dem NVA-Truppenteil ein hochklassiges Geschwader der Bundeswehr wurde. Der Oberst machte aus seiner Freude keinen Hehl. „Wir haben Vertrauen aufgebaut, ohne Unterschied zwischen Ost und West. Und das zahlt sich immer aus.“ Der in Thüringen geborene Kommodore wusste, wovon er sprach: Seit seinem Eintritt in die Bundeswehr 1960 und seiner Ausbildung zum Starfighter- und späteren Phantom-Piloten war das sein Credo, ob als Kommandeur einer Fliegenden Gruppe, als Stabsoffizier oder als Chef des Jagdbombergeschwaders 36 „Westfalen“ in Rheine. Für ihn ungewöhnlich „offen und herzlich“ war auch das Verhältnis zum benachbarten Aufklärungsgeschwader der russischen Westgruppe in Welzow, das dem Bundeswehr-Truppenteil einen Ausweichflugplatz ermöglicht hatte. 184 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Und einer seiner Offiziere aus der ehemaligen DDR-Armee sah das so: „Der heutige Ausbildungsstand ist für uns ein großer Erfolg. Wir freuen uns darüber, auch weil wir nun eine neue Zukunft haben“, erklärte Major Michael Weserich. Neu waren Tagesablauf und Luftverkehrsregeln. Mit Hochachtung sprach er von der „menschlichen Ausstrahlung“ des Kommodore aus den alten Bundesländern. Die MiG-29 wurden 2004 an Polen verkauft. Auf der ILA 2008 in Berlin konnte ich mich unter der Obhut von Offizieren im Cockpitsimulator Eurofighter Typhoon von den Fähigkeiten dieses neuen Flugzeuges der Luftwaffe überzeugen. Besonders beeindruckt hat mich, dass ich das hochleistungsfähige Kampfflugzeug nicht nur per Steuerknüppel und Schubhebel „fliegen“ konnte. Das System war auch in der Lage, via Direct Voice Input auf meine gesprochenen Befehle zu reagieren. Obwohl mit den Fähigkeiten zur „vernetzten Operationsführung“ und zu „G 9-Manövern auch im Überschallbereich“ ausgestattet, bin ich ohne waghalsige Flugmanöver doch lieber gleich am Boden geblieben. Eine Urkunde mit Foto erinnert mich an diese einzigartige Begegnung mit der supermodernen Technik. Etwa 25 Jahr später korrespondierte ich mit der bekannten Wissenschaftlerin Widnall, langjähriges Fakultätsmitglied des Massachusetts Institute of Technology, per Mail und bat sie um ein Foto für eine Veröffentlichung. Sie antwortete mir, dass sie sich sehr gern an ihren Aufenthalt in der Preschen Air Base und die herzlichen Gespräche mit deutschen Flugzeugführern erinnert. Frau Professor Widnall: „Ich hatte eine tolle Zeit in der MiG-29“, schrieb sie. Luftwaffenstruktur 4 in neuen Bundesländern Die 3. Luftwaffendivision der Bundeswehr, nach der Wiedervereinigung als „Luftwaffe Ost“ bezeichnet, erhielt Zuwachs aus den alten Ländern: Mit einem feierlichen Zeremoniell wurde das Flugabwehrraketengeschwader 1 „Schleswig-Holstein“ in Husum dem Kommando in Berlin-Gatow unterstellt. Damit war die 1994 in der Bundesluftwaffe eingeführte Luftwaffenstruktur 4 nunmehr auch im Osten Deutschlands voll wirksam. Die Voraussetzung bildete Anfang 1995 die Assignierung der deutschen Streitkräfte zwischen Rügen und Erzgebirge in das Verteidigungsbündnis. Das norddeutsche Geschwader – eine Nato-Stütze während der Ost-West-Konfrontation – hat seit seiner Formierung 1959 als Flugabwehrregiment 3 in Bocholt (Nordrhein-Westfalen) wie andere Verbände in den vergangenen Jahrzehnten mehrere Unterstellungen erlebt. Nach der Umrüstung auf das Flugabwehrraketensystem HAWK Anfang der 60er Jahre verlegte es in den Norden der Bundesrepublik. Der Stab in Heide führte drei Flugabwehrraketenbataillone in Schleswig-Holstein und im Elbe-Weser-Dreieck. Es folgte 1989 die Umgliederung zum Flugabwehrraketenkommando 1. Das Flugabwehrraketengeschwader 1 mit Raketengruppen 26 in Husum und 39 in Stadum/Leck entstand 1993. Der Stab des Geschwaders, mit PATRIOT- und HAWK-Raketen ausgerüstet, wechselte 1994 nach Husum. 185 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Mit der Nato-Assignierung und der Ausdehnung deren Strukturen auf die neuen Bundesländer „sind wir der sicherheitspolitischen Normalität in Gesamtdeutschland und damit auch der Verwirklichung der Einheit einen wichtigen Schritt näher gekommen“, sagte der Kommandeur der 3. Luftwaffendivision, Generalmajor Jürgen Höche. „Dabei erfolgte auch die Übertragung der Verantwortung der Luftverteidigung und der Durchführung der Aufgabe Air Policing in diesem Bereich an den Obersten Alliierten Befehlshaber in Europa, SACEUR, und den Luftverteidigungsbefehlshaber Zentraleuropa, COMAIRCENT.“ Zugleich habe „ein Stabilitätstransfer in den östlichen Teil der Bundesrepublik“ stattgefunden. „Das kommt der demokratischen Entwicklung unserer Nachbarn im Osten zu Gute.“ Diese Entwicklung wurde mit Patenschaftsbeziehungen zum 4. Polnischen Luftverteidigungskorps in Posen gefestigt. Zur 3. Luftwaffendivision gehörten jedoch weitere Verbände aus dem norddeutschen Raum: So das neu geschaffene Aufklärungsgeschwader 51 „Immelmann“ in Jagel (Schleswig-Holstein), mit 40 Tornados vom Marinefliegergeschwader 1 für die Krisenreaktionskräfte vorgesehen, und das Jagdgeschwader 72 „Westfalen“. Einst mit F-84 F Thunderstreak und später mit F-104G Starfighter ausgerüstet, fliegt es heute die F-4F Phantom II. Zur Landesverteidigung im integrierten Führungs- und Luftraumüberwachungssystem der Nato leistet ebenso das Flugabwehrraketengeschwader 2 einen wichtigen Beitrag, dessen Stab von Bremervörde nach Ladeburg im Norden Berlins umzog. Ihm unterstehen in Sanitz an der Ostsee und in Oldenburg HAWK- und PATRIOT-Raketengruppen. Von den über 100 Standorten der NVA-Luftstreitkräfte und -Luftverteidigung blieben in der 3. Luftwaffendivision der Bundeswehr mit gesamtdeutschem Personal etwa 25 übrig. Mit neuer Luftwaffenstruktur schieden andere Verbände aus. Das Luftwaffenversorgungsregiment 5 in Neubrandenburg untersteht nun dem Luftwaffenunterstützungskommando in Köln, der Fliegerhorst Holzdorf zwischen Sachsen und Sachsen-Anhalt dem Lufttransportkommando in Münster. Mit den integrierten Anteilen der ehemaligen NVA-Luftstreitkräfte richtet sich die Luftwaffe auf einen neuen Auftrag innerhalb der europäischen Sicherheitsstrukturen und mit den Veränderungen und dem Wandel in der Strategie in der Nordatlantischen Allianz aus. So wird sie innerhalb der Luftwaffenstruktur 4 ihren Personalbestand vom 3. Oktober 1990 bis Ende 1994 um etwa 30 Prozent auf 82 000 Soldaten verringern, die Anzahl der Kampfflugzeuge von 1 000 (mit NVA-Flugzeugen) auf weniger als 500 abbauen. Grundstein für bodengestützte Luftverteidigung Für die Angehörigen der Flugabwehrraketengruppe 31 aus dem niedersächsischen Westertimke gehört Mobilität zum Soldatenberuf. Das ist in der Arbeit mit dem transportablen FlaRak-System HAWK neben der meisterhaften Beherrschung der Raketenwerfer und Radaranlagen das A und O sicherer bodengestützter Luftverteidigung. 186 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Hohe Beweglichkeit bewiesen die Angehörigen des Verbandes seit der Aufstellung der ersten HAWK-Einheit vor 30 Jahren in Fort Bliss, Texas, so beim traditionellen Schießen auf Kreta und während des Golfkrieges 1991 beim Schutz des Nato-Flugplatzes Diyarbakır (Türkei). Ganz besonders in all den Jahren des Ost-West-Konflikts als ein wirkungsvoller Schild der Bundesrepublik mit amerikanischen, französischen, britischen und anderen Truppen. Nun bekam die Mobilität des leistungsstarken Luftverteidigungsverbandes eine neue Dimension – nicht nur Soldaten und Waffentechnik sollten wieder auf Reisen gehen. Diesmal schloss der Befehl alles ein, was zur Führung und Versorgung gehört. Auch die Familien waren betroffen. Das Ziel: Sanitz bei Rostock. Der Grund: Stationierungsveränderungen in Deutschland und der Aufbau einer wirkungsvollen bodengestützten Luftverteidigung in den neuen Bundesländern. Die Zeit: Drei Verlegungsabschnitte zwischen 1993 und 1995. Am 2. Juli war der erste Teil des Umzuges – des ersten Verbandes der Luftwaffe, der aus einem der alten Bundesländer in ein neues Bundesland verlegt wurde – geschafft. In Reih und Glied stellte sich der Verband auf dem Sportplatz der fast 750-jährigen Gemeinde den Sanitzern vor. Für Verteidigungsminister Volker Rühe nach der Parlamentsabstimmung am selben Tag in Berlin über den Somalia-Einsatz der Bundeswehr Grund genug, bei diesem historischen Ereignis dabei zu sein. „In kurzer Zeit ist die Bundeswehr zur Armee der Einheit geworden. Sie hat Menschen zusammengeführt, die einmal Gegner waren“, sagte er in einer kurzen Ansprache. In der Raketenstellung und im Gefechtsstand würden Soldaten aus Ost und West schnell zu einem Team. „Sie unterscheiden nicht nach Ossis und Wessis. Auch in Sanitz hat sich aus Erfahrung die Erkenntnis durchgesetzt: Wir sind alle Deutsche. Wir sind ein Volk.“ In anschließenden Gesprächen mit Zuschauern des feierlichen Appells, mit Vertretern der Landesregierung und der Gemeinde, aber ebenso mit Soldaten erfuhr der Minister, dass die „Neuen“ aus der Elbe-Weser-Region in Mecklenburg-Vorpommern sehr herzlich aufgenommen worden sind. Bürgermeister Joachim Hünecke brachte die Freude der Gemeindebewohner über die ersten „konstruktiven Begebenheiten“ mit der Bundeswehr und ihren Soldaten zum Ausdruck. Von der Stationierung erwarte man „erhebliche Impulse für die Entwicklung der Region und einen Schub für uns als Gemeinde“. „Unseren neuen Mitbürgern in Uniform und besonders deren Familien bieten wir unseren Willen zu einem gedeihlichen Zusammenleben an.“ 187 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Der neue Luftwaffenverband wird der Rostocker Region wertvolle Impulse beim Aufbau Ost vermitteln. So die einhellige Meinung der Gesprächspartner, unter ihnen Finanzministerin Bärbel Kleedehn (CDU). Für ein Infrastrukturprogramm mit Modernisierung von Kasernen und Ausbildungseinrichtungen sind bis 1999 mehr als 160 Millionen DM vorgesehen. Mit Bundesmitteln werden in Sanitz 180 Wohnungen gebaut. Ab 1996 kann im Standortbereich mit einer zusätzlichen Kaufkraft von rund zehn Millionen DM jährlich gerechnet werden, wenn dann die Verlegung beendet ist und die Raketengruppe über etwa 1 000 Angehörige verfügt. Jeder zweite Soldat und Zivilbedienstete kommt aus den alten Bundesländern. Der Abschied von Niedersachsen fiel nicht leicht, sagte mir Gruppenkommandeur Oberstleutnant Hans Joachim Schubert. In den vergangenen drei Jahrzehnten habe man „nicht nur zum integrierten Luftverteidigungsschutz der Nato beigetragen, sondern auch ein enges und vielfältiges Band der Zusammengehörigkeit mit der Elbe-Weser-Region und ihren Menschen entwickelt“. Davon zeugten „zahlreiche langjährige und lebendige Patenschaften zwischen den Gemeinden und unseren Einheiten“. Auch im neuen Standort wolle man sich „als wirklich guter und verlässlicher Nachbar erweisen“ und „durch Teilen einen Beitrag zur Überwindung der Teilung leisten“. Mit der Verlegung in den Osten übernehme sein Verband eine Vorreiterrolle, der durchaus eine besondere Signalwirkung für das fortschreitende Zusammenwachsen mit den fünf neuen Bundesländern zukomme. Frank Markau, 30-jähriger Feldwebel aus Delmenhorst, zeigte sich nach den ersten Wochen seines Aufenthalts in Mecklenburg „sehr angenehm überrascht, da vieles besser war, als erwartet“. Ob „im Dienst oder bei Spaziergängen in und um Rostock“ – stets fand er „guten Kontakt zu den Kameraden hier und zur Bevölkerung“. Der Verband der Luftwaffe, dessen Vorhut schon bald vier weitere Staffeln folgen werden, hat mit der offiziellen Dienstaufnahme in Sanitz zwar nicht an die „Traditionen“ der ehemals hier stationierten NVA-Raketenbrigade angeknüpft. Konnte aber deren Grundstein nutzen. Auch wenn es vor Ort noch viel zu tun gibt, denn die Flugabwehrraketengruppe 31 ist nach Expertenmeinung ein entscheidender Baustein im deutschen Luftverteidigungssystem. 188 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Klar ist heute schon, dass 1995 Verband und Luftverteidigung über den neuen Bundesländern voll in die Nato-Struktur integriert werden. Dieses System hat sich nach Meinung Rühes „gut bewährt“ und ist „ein sichtbares Zeichen der Bündnissolidarität“. Mit dem Einsatzauftrag für das Jagdgeschwader 73 in Preschen und der Neuaufstellung der FlaRak- Gruppe 31 in Sanitz wurden „erste wichtige Schritte auf diesem Weg zurückgelegt“, schätzte er ein. Auch bei den Funktechnikern war zu dieser Zeit alles in Bewegung. Beispielsweise auf der Insel Usedom die rotierenden Antennen der Radarstationen. Es ging um neue Unterstellungen und Umstrukturierung bei laufendem Betrieb. Denn die Luftwaffe musste sofort nach der Deutschen Einheit die Lufthoheit der Bundesrepublik garantieren. Notwendig wurden Organisationsformen, die eine Luftraumüberwachung und den eventuellen Einsatz von Luftverteidigungsmitteln ermöglichten. Bei diesen Arbeiten wurden Funkmessmittel sowjetischer Bauart aus NVA-Beständen wie die Zentimeterwellen-Radarstation vom Typ P-37 (Nato: BAR LOCK) mit dem Sekundärradar von Siemens für die Luftraumaufklärung und Jägerleitung gekoppelt. Die Reichweite: 450 Kilometer. „Und das ist uns gelungen“, erklärte der Kommandeur des Funktechnischen Bataillons 33, Oberstleutnant Jürgen Maaß. Er werde auch den „Prozess des Umlernens und Umdenkens“ unter ehemaligen NVA-Offizieren weiter fördern. Neben dem Einsatzauftrag muss nun ein Kompaniechef mit dem westlichen Modell sein Personal führen lernen. „Er muss seine Unterstellten nicht nur kommandieren, sondern sie auch motivieren, sie als Staatsbürger in Uniform achten“, berichtete er gegenüber Journalisten. Schon bald ermöglichten Hochleistungsantennen in Cölpin, Boltenhagen und auf Rügen eine lückenlose Überwachung über Mecklenburg-Vorpommern. Die neuen Radartürme mit einer Höhe von 65 Metern und einem Durchmesser von 16 Metern ersetzten zahlreiche ältere Geräte aus Beständen der NVA. Von hier aus können nun alle empfangenen Zieldaten aus dem Luftraum direkt in den Gefechtsstand übertragen werden. Bei den Weitbereichs-Rundsuchgeräten mit automatischer Höhenmessung handelt es sich um phasengesteuerte, feststehende Antennen. Rund 300 Leistungsmodule und eine digitale Signalverarbeitung sind hervorragende Merkmale dieser Geräte aus amerikanischer Produktion. Kommandoführung bis nach Nordrhein-Westfalen Ein weiterer Höhepunkt in dieser Entwicklung zur Armee der Einheit war der Umzug des Kommandos der 3. Luftwaffendivision nach Berlin-Gatow. Während eines militärischen Zeremoniells wurde die Bundesdienstflagge auf dem ehemaligen deutschen Fliegerhorst gehisst. Dieser hatte 49 Jahre lang der Royal Air Force als Militärstützpunkt gedient. In einem Grußwort wertete Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen die Bundeswehr als einen „Grundpfeiler und Garant unserer Freiheit“. Auch diese Übernahme eines bisher von den befreundeten Alliierten genutzten Areals, wo während der Luftbrücke 189 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet zwischen Westdeutschland und West-Berlin täglich bis zu 1 000 Tonnen lebensnotwendige Güter befördert wurden, verkörperte sehr symbolisch die wachsende Souveränität des gesamtdeutschen Staates und seiner Hauptstadt. Nachdem sich die Briten mit der Schlüsselübergabe und dem Einholen der Truppenfahne aus Gatow verabschiedet hatten, versicherte Verbandskommandeur Generalmajor Jürgen Höche den Spandauern eine „von gegenseitiger Achtung und Hilfsbereitschaft getragene Partnerschaft“. Damit wollten die hier stationierten Bundeswehr-Soldaten „in das gute Verhältnis unserer britischen Freunde zur Bevölkerung eintreten und fortsetzen. Wir alle sind stolz und dankbar zugleich, in der Hauptstadt zu sein, wo man sich wohlfühlen kann“, betonte der gebürtige Berliner. „Wir werden natürlich auch unsere Soldaten mit der Geschichte Berlins vertraut machen.“ Was dann auch regelmäßig geschah. Mit dem Umzug der Kommandoführung in den Süden Berlins nahm die Division ihre endgültige Struktur ein. Ihr geographischer Bereich erstreckte sich nun von Nordrhein- Westfalen über Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern bis nach Brandenburg und Berlin. Dazu gehörten Jagdgeschwader in Rheine/Hopsten und Laage, das Aufklärungsgeschwader „Immelmann“ in Jagel/Kropp, die Flugabwehrraketengeschwader in Husum und Ladeburg, Flugabwehrraketengruppen in Husum, Stadum/Leck, Oldenburg und Sanitz. Diese Verbände verfügten über Flugzeuge der Typen F-4F Phantom II, Tornado und MiG-29 sowie die Waffensysteme PATRIOT und HAWK. In Gatow fand nun zur Freude der Anwohner keine Flugtätigkeit mehr statt. Auch hier diente nur noch „ruhiges Militär“. Das riesige Gelände wurde um ein Drittel der Fläche verkleinert. Es beheimatete ein Fernmeldebataillon, das Luftwaffenmusikkorps 4, das Luftwaffenmuseum, eine Fachschule der Streitkräfte und weitere Dienststellen. Ein großer Teil der Wohngebiete, der Schießplatz, der Golfplatz und einige Sportplätze gehörten nicht mehr zum Fliegerhorst. Nächstes größeres Ereignis war die offizielle Einweihung der Dienststelle am 6. Oktober 1994. Dabei erhielt die Einrichtung den Namen „General-Steinhoff-Kaserne“. Die Bundeswehr ehrte einen ihrer ehemaligen Luftwaffeninspekteure, der hier einst seine Pilotenkarriere begonnen hatte und später auch wichtige Nato-Posten einnahm. Wie eng der neue Bundeswehr-Standort mit der Bevölkerung verbunden war, zeigte sich schon bei einem Fußballspiel zwischen Angehörigen des Divisionsstabes und Mitarbeitern des Bezirksamtes. Gatow konnte zu jener Zeit auf eine wechselvolle militärische Vergangenheit zurückblicken. Hier war einst die Luftwaffenakademie der deutschen Vorkriegs-Streitkräfte errichtet worden. Nach der Nutzung während des Zweiten Weltkrieges als Schulungszentrum und Flugfeld für vielfältige Flugzeugtypen wurde der Horst am 26. April 1945 von russischen Truppen besetzt. Am 2. Juli übernahmen die Briten die Kontrolle. Zwischen 22. Juni 1948 und 12. Mai 1949, als die Russen über Berlin die totale Blockade der Land- und Wasserwege verhängt hatten, gehörte die Militärbasis im britischen Sektor zu einem der drei 190 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Stützpunkte der Luftbrücke der Alliierten bei der Versorgung der 2,2 Millionen Einwohner im Westteil der Stadt. Nach diesem erfolgreichen Auf- beziehungsweise Umbau der Luftwaffe stellte deren Führung fest: Der Auftrag wird auch in Zukunft sein, den Schutz und die Sicherheit unseres Landes und unserer Bevölkerung gegen Angriffe aus der Luft zu gewährleisten. Neben der Luftverteidigung als Kernaufgabe ging es ebenso um Mittel, „die – falls notwendig – in der Lage sind, den Kampf auch in die Tiefe zu tragen“. Was die damit zusammenhängende Beeinträchtigung der Bevölkerung vom Übungsbetrieb betraf, so war diese in den letzten Jahren schon „enorm zurückgegangen“, sagte der stellvertretende Luftwaffeninspekteur Generalleutnant Bernhard Mende. „Sie wird im Vergleich zur ‚alten‘ Bundesrepublik noch weiter reduziert.“ Konkret sah das so aus: Trotz veränderter sicherheitspolitischer Rahmenbedingungen und des damit einhergehenden Abbaus und Abzugs von Streitkräften waren beispielsweise 1995 im niedrigen Höhenbereich 8 000 Flugstunden notwendig. Etwa 2 500 Flugstunden entfielen auf die neuen Länder, wo zu DDR-Zeiten russische und NVA-MiG alljährlich bis zu 40 000 Flugstunden absolviert hatten. Darüber informierte das Luftwaffenamt rechtzeitig die Vertreter von Städten und Gemeinden der neuen Bundesländer in Potsdam. Auch diese Geste gegenüber der Öffentlichkeit war ein Novum im Osten Deutschlands. Jedenfalls wurde der Umfang des taktischen Ausbildungsflugbetriebes wesentlich von der Anzahl der in Deutschland stationierten Kampfflugzeuge bestimmt, die sich im Rahmen der internationalen Abrüstung deutlich verringerten. Aufgelöst wurden die Geschwader in Husum, Oldenburg, Leck und Bremgarten. Das Fürstenfeldbruck-Geschwader traf dieses Schicksal 1997. Bei den Alliierten waren von den Reduzierungen Zweibrücken, Sembach, Hahn und Bitburg mit amerikanischen, Gütersloh und Wildenrath mit britischen sowie Söllingen und Lahr mit französischen Kampfjets betroffen. Somit existierten mit den ebenfalls aufgelösten WGT-Flugplätzen ab 1. Januar 1995 in Deutschland insgesamt 39 Flugplätze nicht mehr. Jetzt gab es nur noch 13 deutsche Fliegerhorste: Hopsten, Schleswig/Jagel, Wittmundhafen, Pferdsfeld, Neuburg, Nörvenich, Lechfeld, Büchel, Memmingen, Jever, Fürstenfeldbruck, Eggebek/Tarp und Laage. Von den amerikanischen und britischen Flugplätzen verblieben Ramstein und Spangdahlem beziehungsweise Brüggen und Laarbruch. Mit der Auflösung von Geschwadern, dem Teilabzug alliierter Verbände sowie dem Abzug der WGT-Luftstreitkräfte zwischen 1990 und 1994 verringerte sich die Gesamtzahl der Kampfflugzeuge in Deutschland um etwa zwei Drittel auf 751. Obwohl nach den Rüstungs- 191 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet kontroll-Vereinbarungen der Bundesluftwaffe sogar eine Höchstzahl von 900 Kampfflugzeugen zustand, wollte sie ab 1995 nur noch mit 464 Maschinen dieser Kategorien fliegen und so dem Abrüstungsprozess in Europa neue Impulse verleihen. Für die Luft-Boden-Ausbildung mit taktischen Tiefflugübungen verfügten die Bundeswehr und ihre alliierten Partner die Schießplätze Nordhorn und Siegenburg sowie begrenzt Truppenübungsplätze des Heeres. Außerdem flogen die Deutschen zusätzlich Luft-Boden-Schießplätze in Belgien, den Niederlanden und Frankreich an. Mit der Sicherstellung der territorialen Integrität und der Überwachung des eigenen Luftraumes durch nationale Luftverteidigungskräfte wurden Luftkampf- und Abfangeinsätze sowie international übliche Verfahren für Jagdgeschwader Bestandteile dieser Aufgaben, allerdings nicht unter 1 800 Meter. Eine spektakuläre Tiefflugvermessungsanlage namens „Skyguard“ (Himmelswächter) aus dem Luftwaffenamt – auf der ILA 94 vorgestellt – überwachte die Piloten, ob sie unberechtigt zu tief fliegen oder von ihren vorgegebenen Tiefflugstrecken abweichen. Ihre Luftkampfausbildung verringerte die Luftwaffe von 6 030 (1987) auf 1 260 Flugstunden (1995). Die Alliierten reduzierten ihre Aktivitäten von 25 340 auf 8 900 Flugstunden. Tiefstflüge fanden zu dieser Zeit nur in der kanadischen Basis Goose Bay statt. Auch in Italien und den USA übten ständig deutsche Flugzeugführer. Das Luftwaffenamt betonte bei der Präsentation all dieser Zahlen und Fakten, dass im niedrigen Höhenband (300 Meter) nur zehn Prozent des gesamten militärischen Flugbetriebes über Deutschland stattfinden. Nach wie vor mussten sich taktische Luftstreitkräfte auf unterschiedliche Szenarien mit hochmodernen Flugabwehrsystemen einstellen, hieß es. Standortbestimmung für Krisenreaktionskräfte Zu einer Standortbestimmung trafen sich in Strausberg (Brandenburg) 40 Kommandeure der Luftwaffe. Die Chefs von Ausbildungsverbänden, technischen Schulen und Dienststellen erörterten, wie im künftig breiteren Aufgabenspektrum die vom Bundesverteidigungsminister erlassenen Verteidigungspolitischen Richtlinien weiter wirksam umgesetzt werden können. Als „reaktionsschnelle, flexible Instrumente der Sicherheitspolitik“ sollen sich die beteiligten Verbände vor allem durch „großräumige Beweglichkeit und operative Präzision“ auszeichnen. Das gelte „bei humanitären und Friedensmissionen wie in Krise und Verteidigung“, betonte der Amtschef des Luftwaffenamtes, Generalmajor Botho Engelien. Die für die Krisenreaktionskräfte des Bündnisses vorgesehenen Staffeln und Kräfte zur Einsatzunterstützung sollten im kommenden Jahr bereitgestellt werden. 192 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Das Luftwaffenamt, bisher für die allgemeinmilitärische und nun auch für die militärfachliche Ausbildung verantwortlich, habe bereits damit begonnen, diese am neuen Auftrag auszurichten. Da das auf jeden Rekruten, aber auch auf Unteroffiziere und Offiziere der Teilstreitkraft zutrifft, würden hier Voraussetzungen für die Krisenreaktionsfähigkeit geschaffen. Von diesem „Einsatzbedarf der Zukunft“ sei besonders die Technik-Ausbildung von Flugabwehrraketen-Soldaten, Flugzeugführern und Navigatoren geprägt. Der Vorteil: Die Ausbildung liege nun in einer Hand, Doppelausbildung und unnötige Wiederholungen werden vermieden. Auf eine mögliche Entwicklung zur „Zwei-Klassen-Armee in der Luftwaffe“ angesprochen, verneinte Engelien die spezielle Vorbereitung in den Verbänden der Krisenreaktionskräfte mit den Kampfflugzeugen TORNADO und PHANTOM sowie HAWK- , PATRIOT- und ROLAND-Einheiten. „Das können wir uns auch gar nicht erlauben“, sagte er und verwies auf die insgesamt 106 Kampfstaffeln der Luftwaffe. Davon bilden in Zukunft 34 Staffeln mit Führung und Logistik, Lufttransport und -betankung die Krisenreaktionskräfte. Der neue Auftrag sei aber von „der gesamten Luftwaffe zu tragen. Wenn wir nur einen Bereich zuungunsten eines anderen übermäßig ausstatten, hätten wir sofort eine Schräglage.“ Dann sei die Luftwaffe nur sehr schwer in ihrer Ganzheit einsatz- und verteidigungsfähig zu halten. Jede Möglichkeit „der Demotivation“ wolle man vermeiden. Nur so sei zu gewährleisten, dass bei einem möglichen „Einsatz über eine längere Zeit die Staffeln ohne Qualitätsverlust ausgetauscht werden könnten“. Davon zeugten die Erfahrungen der Alliierten während des Golf-Krieges, wo man stets nur einzelne Einsatzelemente ausgetauscht hat. Beim Lufttransport habe Deutschland „wie alle unserer Partner Bedarf “. Deshalb müsse man auch auf andere Möglichkeiten zurückgreifen. Wichtig sei, dass der Lufttransport „die rasche Erstbefähigung vor Ort sicherstellt, was nicht zwangsläufig gleich Waffeneinsatz bedeutet“. Die „großen Pakete, die dann die Kampffähigkeit oder Auftragswahrnehmung über längere Zeiträume sicherstellen“, müssten „mit anderen Transportmitteln erfolgen“. Das könnten Schiffs- und Eisenbahntransporte sein, „um den Massenbedarf zu gewährleisten“. Während des Treffens berichteten Kommandeure aus allen Bereichen des Luftwaffenamtes über bisherige Erfahrungen bei der Ausbildung entsprechend dem geänderten Auftrag. Für den Chef der deutschen Luftwaffen-Raketenschule in El Paso (Texas), Oberst Bernhard F. Müller, sind die „fachlichen und bewusstseinsmäßigen Anforderungen an die Soldaten auch im Hinblick auf die Krisenreaktionskräfte beträchtlich größer geworden“. Durch Überzeugung, politische Bildung und Erziehungsarbeit sollen die Unteroffiziere und jungen Offiziere an die neue Auftragslage herangeführt werden. Mehr fachliches Hintergrundwissen und mehr Fertigkeiten würden bei der Bedienung komplizierter Geräte mit modernster Mikroelektronik verlangt. Nur so seien die drei Typen von Flugabwehrraketen „im Daten- und Führungsverbund“ zu meistern. Durch die sanitätsdienstliche Auftragserfüllung soll den bei den Krisenreaktionskräften eingesetzten Soldaten eine medizinische Versorgung „wie zu Hause zuteilwerden“, mach- 193 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet te Dr. Verena von Weymarn, Generalarzt der Luftwaffe, deutlich. Dies für den Fall einer Erkrankung, eines Unfalls oder einer Verwundung. Es gehe nun darum, „zur richtigen Zeit die richten Leute parat zu haben. Wir wollen keine ‚handverlesene‘ Personen, sondern Teams einsetzen, die sich schon vor Auslandseinsätzen kennen und miteinander vertraut sind.“ Vorgesehen seien mobile Rettungsstationen für die erste allgemeinmedizinische Versorgung und notfallmedizinische Hilfe. (1994) Einsatzorientierung trotz reduzierter Luftwaffe Wiedervereinigung und Entspannung im Ost-West-Verhältnis stellten die deutsche Luftwaffe vor ungewöhnliche Herausforderungen. Bisher bestand ihre vorsätzliche Aufgabe darin, die Lufthoheit der alten Bundesrepublik vor unberechtigtem Eindringen von Luftfahrzeugen mit eigenen Mitteln und, wenn notwendig, mit Kräften der Alliierten vor Übergriffen zu schützen. Das änderte sich für das Beitrittsgebiet: Hier musste ab 3. Oktober 1990 der Schutz der Souveränität ausschließlich mit nationalen Mitteln und defensiven Einsatzwaffensystemen erfolgen. Damit verbunden waren neue Überlegungen bei der Aufklärung und beim Gegenangriff. Zudem mussten die Luftstreitkräfte die Summe ihrer fliegenden Verbände reduzieren, weil eine Kaderung ausgeschlossen worden war. Und mit der Neuausrichtung auf eine kleinere Bundeswehr kam für die Luftwaffe die Einsatzorientierung hinzu. Für das Gebiet der Ex-DDR wurden in diesem Zusammenhang neue Voraussetzungen geschaffen. Zwischen Rügen und Erzgebirge existierte bis zu diesem Zeitpunkt ein „Diensthabendes System“. Es setzte sich aus einer Vielzahl von Radarsensoren (Rundsuch- und Höhenmessgeräte), Waffensystemen und Führungsgefechtsständen zusammen, die jeweils im Wechsel von NVA und WGT ständig in Bereitschaft gehalten wurden. Nach Einschätzung der Bundeswehr konnte das Einsatzgerät der NVA-Luftstreitkräfte/ Luftverteidigung die Forderungen nach einem umfassenden und vollständigen Luftlagebild, das nahezu ohne Zeitverlust an die übergeordneten Entscheidungsträger gesendet wird, nicht erfüllen. Gefordert wurde ein ständiger Austausch an Informationen zwischen Sensoren, Gefechtsständen und Waffensystemen. Das alles sollte nach standardisierten Verfahren stattfinden. Außerdem sei dieses Gerät „äußerst kostenintensiv, bedingt einen hohen Personalaufwand und wird mittelfristig logistisch nicht mehr versorgbar sein“, hieß es. Dass die großen russischen Radargeräte in der NVA noch mit Röhren ausgestattet waren, löste bei den neuen Chefs doch eine gewisse Verwunderung aus. Manche sprachen von „altmodischer Technik“. Oder – meine Meinung – hatten sowjetische Konstrukteure dabei schon an die Wirkung von Atomschlägen gedacht? Die Befehle zum Start von Jagdflugzeugen zur Sicht identi fi zierung über den neuen Bundesländern kamen vom Nationalen Operationszentrum in Erndtebrück (Nordrhein-Westfalen). Befehle zum Abdrängen erteilte nur der befugte Nationale Befehlshaber, ein vom Bundesminister der Verteidigung ernannter Offizier im Generalsrang. 194 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Das bedeutete in der Praxis: Die Sicherung der Lufthoheit durch Air Policing mit Jägereinsatz und Air Surveillance mit Radarführungsdienst als alleiniger Auftrag für die deutschen Kräfte. Entsprechend dem Zwei-plus-Vier-Vertrag durfte in Ostdeutschland kein alliierter Verband stationiert werden. Interessant war auch, dass man entlang der damaligen innerdeutschen Grenze eine Entflechtungszone eingerichtet hatte. Diese war für militärische Luftfahrzeuge der Nato und der Sowjetunion/Russland verboten. Ihre Überwachung oblag den Luftverteidigungskräften im Westen und Osten Deutschlands. Eine Identifizierungszone existierte auch entlang der deutschen Grenzen zu Polen und zur damaligen CSFR. In das Gesamtsystem Ost wurden „Freund-Feind-Kenngeräte“, die für eine sichere Identifizierung von Luftfahrzeugen unverzichtbar sind, als erster Schritt eingebaut. Für die flächendeckende Luftraumüberwachung, Luftlageerstellung und Jägerleitung hat man ausgewählte Einrichtungen der funktechnischen Truppen der Ex-NVA wie in Pragsdorf, Wusterwitz, Meißen und Sprötau sowie ein Flugsicherungsgerät in Berlin-Tempelhof genutzt. Ursprünglich standen als Jagdkräfte F-4F-Phantom II der Luftwaffe zur Verfügung, die von den Flugplätzen Fassberg, Hopsten und Pferdfeld aus gestartet sind. Später übernahmen diese Aufgaben nationale F-4F-Verbände von Flugplätzen der neuen Bundesländer. Im Zentralen Gefechtsstand der NVA-Luftstreitkräfte/Luftverteidigung in den Rauener Bergen bei Fürstenwalde (Land Brandenburg) war der Sektorgefechtsstand Ost eingerichtet worden. Dieses militärische Objekt trug die Tarnbezeichnung „Fuchsbau“ und unterlag einer hohen Geheimhaltungsstufe. Und wie konnte es jetzt anders sein: Die Bundeswehr stellte es in allen Einzelheiten deutschen Journalisten vor. Als mich zu dieser Pressekonferenz etwa 50 Kilometer östlich von Berlin zwischen Fürstenwalde und Bad Saarow ein ehemaliger NVA-Oberstleutnant, der als ziviler Mitarbeiter auf Zeit übernommen worden war, telefonisch einlud, sagte er wörtlich: „Wir treffen uns am ‚Fuchsbau’. Du weißt doch, wo das ist.“ Ich musste ihm entgegnen, dass ich eben nicht weiß, wo sich dieser „Fuchsbau“ befindet. Woher sollte ich das auch wissen? Um die Worte des Pressesprechers der Luftwaffe Ost, Oberstleutnant Hans Agatha, wiederzugeben, „wussten noch nicht einmal die Ehefrauen der dort Beschäftigten, wo ihre Männer den ganzen Tag über oder in der Nacht dienstlich waren“. Um auch vor der westlichen Luftaufklärung sicher zu sein, fuhren nachts mehrere NVA-Fahrzeuge mit Personal und Versorgungsmitteln oft über eine Stunde durch ein dichtes Waldgebiet, bevor eines davon schnell im unterirdischen Gefechtsstand verschwand. Hier fand damals die zentrale militärische Flugüberwachung der DDR im Bestand des Warschauer Vertrages statt. Von hier aus wären im Ernstfall die Befehle für Flugabwehrraketen und Abfangjäger erteilt worden. Nach dem Sechstagekrieg im Nahen Osten 1967 hatte die DDR daraus Schlussfolgerungen zum Schutz von Luftwaffe und Luftverteidigung gezogen. Immerhin ergaben sich für die Angehörigen der Luftwaffe Ost, die nach der Einheit Deutschlands mit einem Teil der Soldaten und Bewaffnung der ehemaligen NVA-Luftstreitkräfte/Luftverteidigung unter Füh- 195 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet rung erfahrener Bundeswehrangehöriger aufgebaut wurde, mit dieser neuen Überwachungsfunktion sehr sensible Aufgaben. Allein bis zu 1 700 Flugbewegungen der sowjetischen Truppen sowie auch viele Verbindungsflüge fanden Tag für Tag statt. Man musste sie koordinieren, planen und überwachen. Es war ein riesiges Puzzle. Hier ging es wirklich um Leben und Tod. Das Erfreuliche: Es gab keinen Konflikt im Luftraum, obwohl die Starts, Flüge und Landungen von Jägern und Hubschraubern in vielen Gebieten der neuen Bundesländer stattfanden. Alles in allem handelte es sich laut Oberstleutnant Peter Pflug vom Gefechtsstand Fürstenwalde „um einen zwar sehr belebten, aber gut kontrollierten Flugverkehr“. Ab Frühjahr 1994 existierte die Luftwaffe Ost nicht mehr. Zuvor hatten sich Piloten der DDR-Luftwaffe nach der Umschulung im Jagdbombergeschwader 49 in Fürstenfeldbruck ihre Berechtigung zum Fliegen von Bundeswehrmaschinen erworben. Im westfälischen Hopsten (Rheine) erhielten sie im Jagdgeschwader 72 die Ausbildung auf der F-4F Phantom. Hier schon begannen laut Kommandierendem General Luftflotte, Generalleutnant Gerhard John, „Verfahren und Struktur der Luftwaffe zu greifen und Gestalt anzunehmen“. Gewissermaßen als Übergang zur neuen Zielstruktur der Luftwaffe wurde in Ladeburg nach Auflösung der NVA das Flugabwehrraketengeschwader 52 geschaffen. Zu seiner Bewaffnung gehörte die russische SA-5 GAMMON. 1985 in Dienst gestellt, sollte sie vor allem gegen wichtige Nato-Luftziele eingesetzt werden. Das waren Aufklärungs- und Leitflugzeuge, Störträger, Träger von Luft-Boden-Raketen sowie hoch und schnell fliegende Ziele. Die Wiedervereinigung besiegelte auch das Schicksal dieses Waffensystems. Danach wurden die Anlagen abgebaut und die Raketen zur Vernichtung in Spezialbetriebe transportiert. Ziel des Führungsstabes der Luftwaffe war von Anbeginn eine einheitliche, nach den operativen Einsatzgrundsätzen der Allianz nutzbare Bewaffnung und Ausrüstung. „Stellen Sie sich vor, ich war Staffelchef eines russischen Raketensystems“, sagte mir der neue Kommodore des Geschwaders, Oberstleutnant Horst Reitinger. „Das hätte ich mir nie träumen lassen.“ Doch richtig stolz war er auf seine neuen Kameraden aus dem Osten. „Wir hatten bisher einen ganz normalen Dienstbetrieb mit Ausbildung und Übungen und sind dabei ein tolles Team geworden.“ Auch das gute Verhältnis der Bevölkerung in den umliegenden Orten zur Bundeswehr habe einen tiefen Eindruck auf ihn hinterlassen. Ihm pflichtete Hauptmann Rudolf Graßhoff bei. Seine Heimat war das Ruhrgebiet. „Auch wenn es anfangs bei einigen Wehrpflichtigen noch keine richtigen Vorstellungen über die demokratischen Rechte bei der Bundeswehr gab, es hat sich seither alles zum Guten entwickelt. Die Leistungen können sich sehen lassen.“ Der Geist dieser Truppe – das waren Kameradschaft, Zusammenhalt und keine Ost-West- Differenzen im militärischen Alltag. So auch das Urteil von Bundeswehrangehörigen aus den neuen Ländern. Ihr Dank galt daher dem scheidenden Kommodore, Oberstleutnant 196 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Wolfgang Hoppe, als dieser nach Bonn versetzt wurde. Es folgte ein nicht alltäglicher Abschied unter Männern: Blumen, Umarmung und manche Träne. Gekommen waren mehr als 100 Gäste aus dem kommunalen und zivilmilitärischen Umfeld sowie zahlreiche ehemalige Offiziere und Unteroffiziere. Sie hatten ihren Bundeswehrdienst wegen der Verkleinerung des Geschwaders quittieren müssen. Sicher wäre so mancher von ihnen gern mit zur PATRIOT-Ausbildung nach El Paso in die USA geflogen, da doch die einstigen Auslandsreisen der DDR-Raketen-Soldaten nur zum Schießen in die Sowjetunion geführt hatten. Ab 1. Januar 1995 konnte man keinen Unterschied zwischen Luftwaffe Ost und Luftwaffe West mehr feststellen. Die im Vorjahr in der Bundesluftwaffe eingeführte Luftwaffenstruktur 4 wurde nun auch im Osten voll wirksam. Voraussetzung war die erwähnte Assignierung zwischen Rügen und Erzgebirge in das Nato-Verteidigungsbündnis mit der integrierten Luftverteidigung. Ende 1995 gab es weitere Strukturveränderungen beim Bund, denen auch der Ladeburger Standort zum Opfer fiel. Der Weg der Bundesluftwaffe im Beitrittsgebiet wurde von drei wesentlichen Entwicklungsetappen gekennzeichnet: Übernahme und Abwicklung einstiger NVA-Truppenteile, Aufstellung der neuen Bundeswehrverbände sowie Gewährleistung ihrer Einsatzfähigkeit. Allein die Auflösung dieser Teilstreitkraft im beigetretenen Teil Deutschlands schätzten die beteiligten Verantwortlichen nahezu einhellig als ein „gigantisches Werk“ ein. Getreu der Devise „Altes Gerät und neue Strukturen“ musste in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung bis zur Aufstellung des „gemischten“ ostdeutschen Großverbandes, vom Luftflottenkommando in Köln-Wahn geführt, viel verändert werden. Truppenteile und Dienststellen verringerten sich von rund 270 auf 23. Der Personalbestand: 3 000 Wehrpflichtige, 3 730 Unteroffiziere und 650 Offiziere. Um die Betriebskosten der Luftwaffe zu senken, wurde die Vielfalt der Waffensysteme reduziert. Nachdem man Fernmeldeverbindungsdienst und Luftraumüberwachung direkt übernommen hatte, passten sich boden- und luftgestützte Verteidigung, Lufttransport, Flugsicherung, Einsatzunterstützung und Ausbildung immer mehr dem Verteidigungsauftrag der Bundesluftwaffe an. Jeweils zwei Geschwader und Flugabwehr-Dislozierungsräume bildeten den Kern der neuen „ostdeutschen Luftwaffe“. Sie verfügte vor allem über die bereits erwähnten Jagdflugzeuge MiG-29 im Preschener Fliegerhorst und später in Laage bei Rostock sowie die hierher verlegte ehemalige 2. Staffel des Jagdbombergeschwaders 35 aus Sobernheim mit deren 32 F-4F Phantom II. Nun beherbergte das Land Mecklenburg-Vorpommern das kampfstärkste Jagdgeschwader der deutschen Luftwaffe. Wer hätte das gedacht! Mecklenburg war doch eher der Inbegriff für Rückständigkeit, denn dort geschah laut Otto von Bismarck „alles 50 Jahre später“. Die Flugabwehr in den neuen Ländern stützte sich anfangs besonders auf das sowjetische System SA-5 GAMMON. Das zehn Meter lange Fluggerät erreichte seine Ziele bis zu einer Entfernung von 300 Kilometern und galt damit als die am weitesten reichende Rake- 197 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet te aus der traditionellen SA-Serie. Die SA-5 wurde mit den vorrangig gegen Tiefflieger und Ziele in mittlerer Höhe einsetzbaren HAWK- sowie PATRIOT-Raketen ergänzt, mit denen mehrere Ziele in jeder Flughöhe gleichzeitig bekämpft werden konnten. Und später von diesen ersetzt. Auch Fahrzeuge konnten die NVA-Hubschrauber des Typs Mi-8 HIP mit einer Ladepforte im Heck und eingebauten Rampen an Bord nehmen. In Friedenszeiten nutzte sie beispielsweise der Such- und Rettungsdienst der Bundeswehr oder die Berlin-Basis der Flugbereitschaft in der Salonversion. Obwohl damit nur 250 km/h erreicht wurden, wiesen die wendigen Fluggeräte seit 1992, Beginn des Einsatzes bei der Bundeswehr, ihre Zuverlässigkeit beim VIP-Personentransport nach. Vor allem bei Flügen des Bundespräsidenten und des Bundeskanzlers oder mit Staatsgästen von Ort zu Ort in den alten und neuen Bundesländern. Eine Verstärkung für die Transportkapazitäten der Bundesluftwaffe, die im wiedervereinigten Deutschland erheblich vergrößerte Distanzen nicht nur für militärische Zwecke, sondern auch im Personentransport zu bewältigen hatte, bildeten ehemaligen NVA-Maschinen der sowjetischen Typen Tu-154 M CARLESS und An-26 CURL Generell galt auch für die Luftwaffe, den Prozess der Sparsamkeit so gut wie möglich zu gestalten. Vordergründig ging es darum, mit weniger Kräften auf dem gewachsenen Territorium die hohe Flexibilität und Reaktionsfähigkeit weiter auszubauen. Bei einer Reduzierung um zirka 30 Prozent des Personalbestandes mussten auch die Kampfgeschwader von einst 14 in den alten Bundesländern auf nunmehr zehn in Gesamtdeutschland verringert werden. Im Hinblick auf die künftige Struktur sollte die Luftwaffe an Luftverteidigungsund Luftangriffsfähigkeiten festhalten. Die Konzentration von Kräften und Mitteln, so war vom Kommando der Luftwaffe zu hören, brachte eine „höhere Effizienz“. Ganz im Sinne der damals jüngsten Nato-Überlegungen wurden sowohl die Aufklärungs- und Führungsfähigkeiten verbessert als auch die Lufttransportfähigkeiten vergrößert. Diesem Ziel diente zudem die Verwirklichung des Führungssystems Air Command and Control System (ACCS) und die Weiterführung des Nato-Identifizierungssystems. Jäger 90 nach Turbulenzen wieder im Steigflug Mit der Bewilligung weiterer 830 Millionen DM für den Jäger 90 im Bundestag war das umstrittene Jagdflugzeug nach vielen Turbulenzen erst einmal wieder im Aufwind. Das Votum von 225 Bundestagsabgeordneten für eine Streichung der Mittel und zwölf Stimmenenthaltungen kündigte jedoch an, dass die Supermaschine möglicherweise doch noch an der Testpiste vorbeirollen kann. Immer wieder wurde in der Öffentlichkeit auf den entscheidenden Fehler an dem ansonsten hochmodernen JF-90-Modell hingewiesen – in einer Zeit der Entspannung und Abrüstung das größte Rüstungsprojekt der Bundeswehr zu sein. Selbst auf die Gefahr hin, dass ein Ausstieg aus dem europäischen Kooperationsvorhaben mit Großbritannien, Italien und Spanien dann Deutschland mehr als vier Milliarden DM kosten würde, so Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg, hofften Vertreter von 198 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Parteien und Organisationen auf das Aus für den Jäger. Für Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann (FDP) war er schon vor der Bundestagsdebatte über den Verteidigungsetat 1992 „zu teuer und passt nicht mehr in die veränderte weltpolitische Landschaft“. SPD-Verteidigungsexperte Manfred Opel wollte stattdessen der Sowjetunion 200 gebrauchte MiG-29 abkaufen, von denen die Bundeswehr bereits 24 aus NVA-Beständen übernommen hatte. Diese MiG sollten insgesamt vier Milliarden DM kosten. Für 150 Jäger 90 kalkuliere die Hardthöhe dagegen mit 15 Milliarden DM. Auch in anderen Meinungsäußerungen herrschte der Tenor vor: Ist das auf Summen zwischen 23 und 100 Milliarden Mark geschätzte Jäger-90-Projekt mit Entwicklung und Bewaffnung nach dem Ende des Kalten Krieges überhaupt noch notwendig? Die Mittel sollten viel besser für den Aufschwung in den neuen Bundesländern genutzt werden. Die Befürworter – Militärs, Politiker und Wirtschaftsexperten – sahen im JF 90 vor allem das Kernstück der Luftverteidigung weit über die Jahrtausendwende hinaus. Selbst eine Flugabwehr mit Raketen könnte diese Sicherungsfunktion nicht kompensieren. Der Kauf vergleichbarer Maschinen käme auch deshalb nicht in Betracht, weil die MiG-29 etwa 1980, die amerikanischen F-15 schon 1972 und F-18 ab 1978 ihre Erstflüge absolvierten. „Wegen der zu erwartenden sehr hohen Kosten“, so ein Fachmann, komme die als Luftüberlegenheitsjäger konzipierte F-22, für deren Bau sich die US-Regierung im April 1991 entschied, „als Alternative zum JF 90 nicht in Frage“. Sollte dennoch ein „Kauf von der Stange“ im Ausland notwendig werden, schrieb eine namhafte Zeitung, bedeute dies „auf lange Zeit die völlige Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten“. Unter dem Motto „Ohne Jäger 90 kein Airbus“ beharrten Industrieunternehmen auf dem Konzept und erwarteten im Bereich der Hochwerteteile weitere Technologiegewinne und Patente. Dabei ging es besonders um Kohlefaserverbundwerkstoffe, superplastisches Verformen, hochwärmefeste Legierungen und gerichtete Kristalle zur Gewichtsverringerung. Schon bei der Endmontage des ersten Entwicklungsflugzeuges in Ottobrunn bei München müsste sich europäische Kooperation bewähren: Das Rumpfvorderteil kam aus dem britischen Warton, das Rumpfheck aus Turin, die Flügel wurden aus Madrid angeliefert. Zur Zufriedenheit der Konstrukteure sollen auch die Lebensdaueruntersuchungen der Triebwerke, Umweltverträglichkeitstests und Belastungsmessungen der Bauteile verlaufen sein. Nach Abschluss der Entwicklungsphase fiel 1992 das entscheidende Urteil über den Jäger 90. Eine Parlamentarier-Arbeitsgruppe der deutschen Regierungsparteien legte dazu einen Bericht vor, in dem sie auf die veränderte Lage im Osten, weitere Kosteneinsparungen und den Kauf alternativer Typen Antwort gab. Doch bis dahin lieferte die „Hochleistungsmaschine für den Überschallbereich“ noch so manche Schlagzeile. Und das in einem Land, in dem vor mehr als 100 Jahren dem deutschen Flugpionier Otto Lilienthal (1848– 1896) mit einem seiner selbst gebauten Apparate der erste Menschheitsflug gelang. (1992) 199 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Flugmanöver mit Humanzentrifuge Wie ernsthaft und intensiv sich die Luftwaffe um die Flugsicherheit und Gesundheitsvorsorge bei der realitätsnahen Ausbildung ihrer Luftfahrzeugbesatzungen kümmert, erlebte ich im sächsischen Königsbrück. Im Flugphysiologischen Trainingszentrum des Zentrums für Luft- und Raumfahrtmedizin der Luftwaffe, damals Flugmedizinisches Institut, kam an diesem Tag eine achtköpfige Gruppe von Pilotenschülern der Bundeswehr zu einem dienstlichen „Abstecher“ hierher. Das war unmittelbar vor ihrer Ausbildung zu Jet-Piloten in den USA. Hier bei Dresden erwartete die jungen Männer eine der leistungsfähigsten Humanzentrifugen Europas, heute weltweit. Ebenso eine hochmoderne Höhen-Klima-Simulationskammer. In beiden Anlagen machen sich die Piloten der Bundeswehr wirklichkeitsnah mit physikalischen Wirkungen der Atmosphäre vertraut, stellen sich den extremen Anforderungen, um Gefahren wie Sauerstoffmangel und hohe Beschleunigungskräfte zu erkennen und Situationen kritischer Flugzustände schon in der Simulation zu trainieren. Dabei ertragen sie das Neunfache des eigenen Körpergewichts – also bis zum Limit. Die Nutzung dieses Gerätes galt dann als Einstieg in die Ära des Eurofighter. Diese Großgeräte und vor allem das qualifizierte Personal von mehr als 200 Personen, darunter 55 Ärzte und wissenschaftliche Mitarbeiter, gehörten einst zum Institut für Luftfahrtmedizin der NVA. Ursprünglich trainierten hier deren MiG-21-Piloten. Später die für den gemeinsamen Raumflug der UdSSR und DDR nach flugmedizinischer Begutachtung auserwählten ostdeutschen Kandidaten wie Sigmund Jähn und Ersatzmann Eberhard Köllner. Ab 1987 haben sich hier die ostdeutschen Einsatzpiloten für die 24 russischen MiG- 29 vorbereitet. 200 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Die Humanzentrifuge wurde einst mit westlichen Spitzenerzeugnissen an technischen Gütern und Know-how während des Kalten Krieges ausgerüstet. Alles „Streng Geheim“. Kein ziviler DDR-Journalist durfte sich je in dieser Einrichtung umsehen und vielleicht auch noch fotografieren. Daher mein besonderes Interesse an dieser supermodernen Einrichtung. Die Bundeswehr hat den „Hochtechnologiebereich des ehemaligen sehr renommierten und leistungsfähigen Instituts für Luftfahrtmedizin übernommen, da Gleichwertiges bei uns nicht vorhanden war“. Das meinte der Generalarzt der Luftwaffe, Dr. Hartmut Zacher. Eine Verlagerung der Ausbildung für Besatzungen in Druckkabinen sei damals „als sinnvoll erachtet worden, um ihnen eine optimale, heutigen Erfordernissen angepasste Flugphysiologie anzubieten“. Dieses „Schatzkästchen“ Made in GDR war für die Generalität der Luftwaffe der Bundeswehr 1990 eine Riesenüberraschung. Ziel der Ausbildung auf dem Gebiet der Beschleunigungsphysiologie ist es, den Jagdflugzeugführer sicher an die Grenzen seiner individuellen physischen Leistungsfähigkeit heranzuführen, weil er dann den lang andauernden großen Beschleunigungskräften ausgesetzt ist. Unter ärztlicher Aufsicht sind hier einige der Umstände erlebbar, die in einem Hochleistungskampfflugzeug neuester Generation bewältigt werden müssen. Ein erster „Flug“ im Cockpit am damals 10 Meter langen Arm der Humanzentrifuge diente der Gewöhnung. Der zweite „Lauf “ konfrontierte die jungen Leutnante über Sekunden mit verstärkten Beschleunigungskräften. Flugeindrücke wurden im Kabinendisplay zur Realität. Steuerknüppel, Schubhebel und Druckluftversorgung machten die Simulation bis an die psycho-physiologischen Belastbarkeitsgrenzen, vor allem während der rasanten Kurvenmanöver in einer Höhe bis zu 25 Kilometer, perfekt. In dieser angespannten Situation kann beim Piloten sogar eine Handlungsunfähigkeit über mehrere Sekunden entstehen. Mit der Humanzentrifuge werden deshalb solche vorausschaubaren Zustände risikoarm erzeugt, die aktive Flugsicherheit erhöht. Geübt wurden heute noch keine Loopings und Kurven, auch keine Auf- und Abschwünge. Das konnte mit dem Drehen, Rollen und Nicken der Kabine bei Umlaufgeschwindigkeiten bis zu 150 Kilometer/Stunde problemlos nachgestaltet werden. Dennoch kontrollierte ein Expertenteam ständig an Monitoren und Messgeräten die Akteure. Es ging wirklichkeitsnah um die Herzfunktion, die Durchblutungssituation im Kopfbereich, die Atemfähigkeit sowie die Reaktionsfähigkeit auf Lichtsignale – all das, um die gefürchtete, kurzzeitige Bewusstlosigkeit (hier Blackout) unter Flugbedingungen zu verhindern. Daher auch die verschiedenen Messsonden und Fühler am Probanden. Das waren nur einige der bei den künftigen Jet-Piloten ermittelten Daten. Aber für die Flugmediziner haben sie große Bedeutung. So kann man die Flugzeugführer in dieser Grenzsituation gut überwachen, was in erster Linie der Sicherheit dient. Weitere Messgrö- ßen wie Blutdruck, Blutfluss und zusätzliche Atemparameter standen bei Bedarf zur Verfügung. 201 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Nun wurde selbst dem Laien verständlich, welche hohe Verantwortung Wehrmediziner bei der Vorbereitung des Flugpersonals auf Einsätze tragen: Hochleistungskampfflugzeuge legen allein bei einer Geschwindigkeit von 1.0 Mach etwa 340 Meter pro Sekunde zurück. Das sind rund zehn Kilometer in einer halben Minute. Und auf den menschlichen Körper wirken hohe Erdanziehungskräfte, auch G-Belastung als Beschleunigungszuwachs pro Sekunde genannt. Obwohl es sich in Königsbrück für sie vorwiegend um passives Training handelte, waren die jungen Bundeswehrangehörigen voll bei der Sache. Die eng sitzende Anti-G-Hose, die in Abhängigkeit von der Überlastung mit Druckluft ein „Versacken“ des Blutes in die unteren Körperpartien verhindern soll, aber auch die Anspannung der Muskulatur und die koordinierte Atemtechnik dienten der Erhöhung der eigenen G-Toleranz und wirkten dem mehrfachen Körpergewicht beim Flug entgegen. Der Proband nahm mittels Steuerknüppel oder Schubhebel unmittelbar Einfluss auf den Belastungsverlauf. Dabei wurde auf dem Kabinendisplay die Sollkurve des Belastungsverlaufs in Form eines zu verfolgenden Zieles und seine momentane „Fluglage“ durch einen vereinfachten künstlichen Horizont dargestellt. Hier lassen sich Höhenbedingungen bis zu 25 000 Meter (etwa 82 000 Fuß) nachbilden. Mit den besten Werten „glänzte“ an diesem Morgen der 22 Jahre alte Berthold Eibisch aus Bayern. Er verriet mir sein „Geheimnis“: Ein persönliches Fitnessprogramm mit regelmä- ßig Laufen und Schwimmen. „Es ist schon beeindruckend, wenn man die eigenen Leistungsgrenzen spüren kann.“ Die Simulation von Höhen und Klima ist in diesen Anlagen nach wie vor fester Bestandteil von Untersuchung und Ausbildung, auch von Forschung und Entwicklung. Alle notwendigen Höhenbedingungen, die sich durch geringen Luftdruck und Temperaturabfall auf minus 40 Grad Celsius darstellen lassen, können in kurzer Zeit erreicht werden. Zur Verfügung steht seit 1995 eine große Überdruckkammer, wo sich auch der behandelnde Arzt aufhalten kann. Hier geht es, so die Flugmediziner, um eine auf den Einsatz orientierte flugphysiologische Ausbildung. Sie erreicht man durch die erlebbare Vermittlung der Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit bei zunehmendem Sauerstoffmangel. Aber auch die Baro-Funktion bei schnellen beziehungsweise schlagartigen Druckänderungen wird ermittelt. So ist die Verträglichkeit von Druckausgleichsvorgängen im Organismus exakt zu beurteilen. Man übt unter Aufsicht Gegenmaßnahmen wie Anti-G-Manöver, um sie dann in der Praxis effektiv einsetzen zu können. Bei dieser ganzheitlichen Flugmedizin sind immer Mediziner sowie Flugpsychologen und Diplom-Sportlehrer zugegen. Sie überwachen nicht nur. Sie geben den Beteiligten Ratschläge für künftige Flüge in den modernen Maschinen. Hier lernt der Pilot, also der Luftfahrzeugführer von Hochleistungskampfflugzeugen, wie das offiziell heißt, seine Leistungsfähigkeit zu steigern und schon an der Zentrifuge alle drei Freiheitsgrade wie Drehen, Rollen und Nicken unabhängig voneinander zu üben. Das sind dann annähernd die Bedin- 202 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten gungen von Luftkampfsituationen. Aufgrund dieses Trainings haben die Piloten ihre eigenen aktiven Schutzmaßnahmen wie Muskelanspannung im richtigen Augenblick oder geeignete Atemtechnik verbessert. Alles Garanten für die eigene Sicherheit. In der Fliegertrainingshalle können die Bundeswehrangehörigen spezielle Muskelgruppen und das Gleichgewichtsorgan belasten. Für den damaligen Leiter der Einrichtung, Oberstarzt Dr. med. Dipl.-Ing. Heiko Welsch, „hat die Flugmedizin einen ganz wesentlichen Anteil an der Flugsicherheit“. Mit neuen Konzepten werden in Königsbrück nicht nur die Anforderungen an eine realitätsnahe Ausbildung der Luftfahrzeugbesatzungen erfüllt. Damals wie heute steht hier eine moderne Technologie mit Wachstumspotential zur Verfügung. Dazu kommt ein optimal ausgebildetes Fachpersonal, das den Probanden ein Höchstmaß an wehrmedizinischer Sicherheit bietet. Mit der Namensgebung „Hubertus-Strughold-Simulationszentrum“ 1991, das einem aus Westfalen stammenden Pionier der Raumfahrtmedizin (1898–1986) gewidmet ist, wurde die Luftwaffeneinrichtung über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt. Mehrere Staaten nutzten schon die hervorragenden flugmedizinischen Bedingungen in Königsbrück für ihr Personal. Wer also mit einem der superschnellen Düsenjets der deutschen Luftwaffe seinen Dienst hierzulande oder im Ausland versieht, lernt in seiner recht anspruchsvollen und teuren Ausbildung auch eine ganz andere Seite der einstigen kaiserlichen Garnisonsstadt kennen. Damals galt noch das Exerzieren als Hauptfach. Im Zeitalter der Luft- und Raumfahrt ist das nun anders: Hier kann er nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen und Methoden trainieren, um dann fernab von der Erde mit Muskelanspannung und Pressatmung die auf seinen Körper wirkenden Anziehungskräfte sicher zu beherrschen. In Königsbrück, heute die einzige Luftwaffendienststelle in Sachsen, wo auch Fliegerärzte in Flugphysiologie ihre Ausbildung erhalten, holen sich die Piloten der Bundeswehr in dieser Hinsicht das nötige Rüstzeug. Sie kommen aus Heer, Luftwaffe und Marine und alle vier Jahre hierher. Ebenso findet auch für Piloten anderer europäischer und internationaler Nationen die flugphysiologische Ausbildung statt. Schließlich hat das Bundeswehr-Zentrum mit seiner umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit auf der Grundlage diagnostischer und wehrtechnischer Untersuchungen zur flugmedizinischen Begutachtung unter besonderer Berücksichtigung der Beschleuni gungs- , Höhen- und Klimaphysiolo gie die internationale Luftfahrtmedizin bereichert. Davon zeugt eine Vielzahl von Pub likationen sowie Diplomarbeiten und Disserta tionen. Nach der Wiedervereinigung galt die MiG-29 als modernstes Hochleistungskampfflugzeug der Bundeswehr. Heute ist es der Eurofighter. Weil die Zentrifuge damals für die Parameter der Flugzeuge konzipiert war, musste ihr Beschleunigungsvermögen inzwischen erhöht werden. Nun ist eine Radialbeschleunigung von 15 g möglich. Angehende Eurofighter-Piloten müssen hier die neunfache Erdschwere für 15 Sekunden meistern. Ihr Körper wiegt dabei eine halbe Tonne. Vor 20 Jahren reichten noch 12 g. Zum Vergleich: Ein Formel-1-Fahrzeug kommt in Kurvenfahrten auf 4 bis 5 g. 203 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Zum Umbau wurde der Zentrifugenarm demontiert und nach Österreich transportiert, um das Gerät von der Nachfolgefirma AMST der Austria Metall AG, die das alte Modell gebaut hat, mit neuen Parametern zu versehen. Beim Rücktransport 2012 mit 25 Meter Länge und 6,5 Meter Breite galt für eine freie Durchfahrt Parkverbot in mehreren Straßen der Stadt. Doch die eigentlich sensationelle Veränderung der Königsbrücker Anlage besteht nicht nur in der Modernisierung der Technik für die Themenbereiche Höhenphysiologie, Höhen-Klima-Simulation, Beschleunigungsphysiologie, Desorientierungstraining und Stress Management. Was einst die Öffentlichkeit „gescheut“ hat, kann nun jeder technisch Interessierte nicht nur im Fernsehen betrachten, sondern auch, wie die mehr als 10 000 Besucher bei der Dresdner Nacht der Wissenschaften 2010, vor Ort in Augenschein nehmen. „Unser Team freut sich auf Ihren Besuch“, lautete eine Veröffentlichung des weltbekannten Bundeswehr-Trainingszentrums in der Lokalpresse. Möglich seien Führungen an den Simulationsanlagen für Besuchergruppen ab zehn Personen. Eine solche Offenheit beim Militär und noch dazu auf einem sensiblen wissenschaftlichen Gebiet wie der Flugmedizin – wann hat es das schon mal gegeben? Hier möchte ich noch einen „Nachtrag“ anfügen. Der damalige Pilot in der Ausbildung Berthold Eibisch, der während meines Aufenthalts an der Humanzentrifuge die besten Werte schaffte, war später Oberstleutnant im Jagdgeschwader 74 in Neuburg an der Donau. Auf der ILA 2008 in Berlin stellte er sich bei „Meet the Pilots“ vor und berichtete, dass er schon knapp 2 000 Flugstunden auf der F-4F Phantom hinter sich hat. Nach halbjähriger Umschulung flog er den 85 Millionen Euro teuren „Eurofighter“. Das einsitzige Mehrzweckkampfflugzeug erreicht durch seine zwei Triebwerke eine Spitzengeschwindigkeit bis zu 2 500 Stundenkilometern. „Ihn zu fliegen ist einfach ein Traum“, sagte er und meinte dabei auch die vier Hauptrechner und 80 Computer an Bord bei einer Bewaffnung für elf gleichzeitig zu bekämpfende Ziele. Nach seinem aktiven Dienst ist er im Gebäude der Flugsimulatoranlage ASTA als ziviler Mitarbeiter für die Ausbildung im Simulator zuständig. Dort erhalten Flugzeugführer eine wirklichkeitsgetreue Ausbildung. Wie nach 30 Jahren gesamtdeutscher Streitkräfte zu erfahren war, absolvieren jährlich bis zu 2 000 Lehrgangsteilnehmer aus dem In- und Ausland die luft- und raumfahrtphysiologische Vorbereitung und Ausbildung in Königsbrück. Auf höchstem wissenschaftlichen und technologischen Standard werden Themen und Kurse angeboten, die standardisiert für erstmalig auszubildende Besatzungsmitglieder sowie angepasst für Wiederholer vorgesehen sind. Und den Erfordernissen des zivilen und militärischen Flugbetriebes, abhängig von nationaler Besonderheit, entsprechen. Dresdner Wappen auf Europas Flughäfen Wie man in einer Antonow An-26 CURL reist, erlebte ich mit einer ostdeutschen Journalistengruppe auf dem Flug nach Brüssel zum Nato-Hauptquartier. Schon vor dem Abflug 204 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten bei Berlin war uns am Heck dieses Mittelstreckentransporters das Staffelabzeichen mit dem Dresdner Wappen und der Aufschrift TS-24 aufgefallen. Auch auf dem Brüsseler Militärflughafen gab es dafür Interesse: Während wir ausstiegen, wechselte ein belgischer Feldwebel ein paar freundschaftliche Worte mit der vierköpfigen Besatzung aus Sachsen. Er wollte wissen, wie der Flug und das Wetter waren. Zudem wollte er etwas über die Leistungen der Militärmaschine sowjetischer Bauart erfahren, die hier noch immer so etwas wie Seltenheitswert besaß. Flüge in Nato-Staaten galten zu NVA-Zeiten für die Angehörigen der Transportfliegerstaffel 24 in Dresden-Klotzsche nach dem Willen der Staats- und Armeeführung als „falsche Träume“. Wer darüber sprach, dem erteilte die allgegenwärtig Stasi-Abwehr das fliegerische Aus. Stattdessen mussten die ostdeutschen Flugzeugführer immer wieder in sozialistischen Ländern Starts und Landung trainieren, ihr Können oft unter Feldbedingungen beweisen. Nur ganz selten waren zivile Passagiere an Bord. Die Gefahr einer Entführung der Maschine in den Westen war zu groß. Seit der Wiedervereinigung gehörten Personal- und Materialtransporte in das gesamte Bundesgebiet ebenso zum Alltag der Staffel wie Flüge nach Suda auf Kreta, Beja in Portugal und Decimomannu auf Sardinien. Täglich waren vier bis fünf Maschinen des Typs An- 26 im Einsatz. Bis zu 500 Flugstunden standen monatlich zu Buche. Vor der Wiedervereinigung kam man auf 200 bis 250. Für die 15 Kommandanten, 12 zweiten Piloten, 20 Steuerleute und 13 Bordtechniker der Staffel unter Kommandeur Major Detlef Gröschel bedeutete diese Umstellung auf ein völlig neues Reglement auch eine große fliegerische Herausforderung. In den zwölf Maschinen samt Personal sah die Bundesluftwaffe, so deren Einschätzung, „eine willkommene Verstärkung aus Dresden“. Deren Vorteil gegenüber dem zuverlässigen Truppentransporter „Transall“, der 16 Tonnen oder 91 Passagiere laden kann: Mit einer Nutzlast von 5 500 Kilogramm oder Sitzplätzen für 30 bis 39 Personen galt diese Maschine als ein „Fliegengewicht“. Zudem benötigte sie keine großen Start- und Landbahnen. Der Schulterdecker konnte mit einem bordeigenen Kran beladen und unter allen meteorologischen Bedingungen eingesetzt werden. Das Rüstzeug für die neuen Bundeswehr-Aufgaben erwarben sich alle Flugzeugführer aus der sächsischen Einheit im Lufttransportkommando Münster. In der Elbestadt koordinierte Major Jürgen Trapp, ein Flugsicherungsstabsoffizier vom Lufttransportgeschwader 63 in Hohn, alle dienstlichen Belange. Sein Partner war Oberleutnant Frank Zinnow. Er musste sich in diese Funktion erst einarbeiteten. Zwischen all diesen Flügen sorgte die Reparaturgruppe der Staffel in Dresden dafür, dass die Sendboten aus der sächsischen Landeshauptstadt ihre Ziele auf Europas Flughäfen sicher erreichen und heil zurückkehren konnten. In der NVA waren sie zwischen 1980 und 1985 in Dienst gestellt worden. Die Antonows, deren Prototyp schon 1967 seinen Erstflug in der Sowjetunion absolviert hatte, verstärkten die Lufttransportkapazität der gesamtdeutschen Streitkräfte. Aber selbst bei der Frachtausführung mit klappbaren Metallsitzen an 205 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet den Seiten, so mein Eindruck vom Flug nach Brüssel und zurück, ließ es sich ganz gut reisen. Die Dresdner Maschinen, Anfang Februar 1991 dem Transportgeschwader 44 in Neuhardenberg unterstellt, hatten trotz der bis dahin kurzen Zugehörigkeit zur Bundeswehr ein verantwortungsvolles Erbe angetreten: Sie erhielten die Kennungen der ehemaligen Luftwaffentransporter „Noratlas“. Von diesem Ganzmetallschulterdecker mit zwei Doppelleitwerksträgern verfügte die Bundeswehr einst 186 Exemplare. Sollte einmal ein deutscher Tourist auf einem Flugplatz im Ausland das Staffelabzeichen am Zweimotorer aus der Ex-NVA nicht gleich erkennen können, sagte man uns auf der Heimreise, so brauchte er sich nur die taktischen Nummern 52-01 bis 52-12 merken. So einfach ist das mit dem Flugwesen, bei dem vor rund 100 Jahren deutsche Flugpioniere wie Hermann Dorner und Hans Grade mit den ersten Motorflügen in selbstgebauten Kisten manchmal nur 65 Kilometer in der Stunde erreichten. Von der anderen deutschen Luftwaffe übernahm die Bundeswehr auch die zweimotorigen Schulterdecker LET L-410 S. Diese wurden in der Tschechoslowakei in der einmaligen Größenordnung von mehr als 1 000 Stück gebaut und benötigten nur eine Landebahn von einem Kilometer Länge. Jetzt standen vier Maschinen mit dem Balkenkreuz bereit. Die Volksarmee setzte ursprünglich zwölf als Passagier- , Kurier- oder Schulflugzeuge ein. Ihre eigentliche Attraktion waren die idealen Arbeitsmöglichkeiten in gut 3 000 Meter Höhe an geräumigen Tischen, selbst bei kleinen Konferenzen. „Mit einem Treibstoffvorrat für eine Reichweite um 1 000 Kilometer ergänzen die Maschinen sehr gut unseren Flugpark“, erläuterte mir Staffelkapitän Oberstleutnant Harald Stern. Auf dem Flughafen in Berlin-Tegel wurden Militärflugzeuge und Hubschrauber von damals 185 Mann betreut. Zu 95 Prozent hatten diese Männer aus Brandenburg (Havel), Neuhardenberg und Strausberg (alle Land Brandenburg) in der NVA gedient. Wehrpflichtige aus der Hauptstadt gehörten auch zum Personal. Nun kamen immer öfter Maschinen mit einer Weltkugel an den Bordtüren hierher – dem Wappen der Flugbereitschaft Köln-Wahn. Friedensauftrag „Suchen und Retten“ Seit 35 Jahren nutzt die Bundeswehr ihr Potenzial schon in Friedenszeiten sinnvoll zum Wohl der Allgemeinheit. Mit dem militärischen Such- und Rettungsdienst SAR (Search And Rescue) stehen Tag und Nacht Hubschrauber samt Piloten bereit, um in Notfällen Hilfe zu leisten und Menschenleben zu retten. Jährlich sind das fast 10 000 Einsätze. Nach der Wiedervereinigung verfügte die Luftwaffe neben den SAR-Leitstellen Glücksburg, die für Schleswig-Holstein und Hamburg sowie Seegebiete in Nord- und Ostsee zuständig ist, und Goch am Niederrhein (für die übrigen Altbundesländer) mit dem brandenburgischen Fürstenwalde über eine dritte Einrichtung dieser Art. Deren Hubschrauberpiloten leisteten seit Oktober 1990 über 1 000 Mal Hilfe aus der Luft in den neuen Län- 206 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten dern. Es waren vor allem Einsätze mit zivilem Charakter. Die Hubschrauber für diese Aufgaben im Beitrittsgebiet hoben selbst bei schwierigen meteorologischen Bedingungen ab. Schließlich galt es, schnell bei Unfällen mit dem Arzt zur Stelle zu sein, dringende Krankentransporte zu leisten oder Blutkonserven zu befördern sowie an Sucheinsätzen teilzunehmen. Die neue SAR-Zentrale im Osten unterhielt enge Kontakte zu vier Kommandos – auf den Flugplätzen Laage, Brandenburg, Holzdorf und Erfurt. Hier standen die Hubschrauber Mi-8 aus NVA-Beständen in einer 15-Minuten- und nachts in der 60-Minuten-Bereitschaft. Außerdem setzte die Bundeswehr über ihre Leitstelle kurzfristig Mi-2-Hubschrauber mit einem Notarzt an Bord von den Rettungszentren in Bad Saarow, Dresden, Greifswald, Magdeburg und Schwerin ein. Zudem starteten für Flüge über Land und See in Parow bei Stralsund Hubschrauber der Typen Mi-14 und Sea King. Übrigens war SAR ursprünglich nur eine dringende Hilfe für in Not befindliche Luftfahrzeuge. Mit dem Beitritt Deutschlands 1956 zur internationalen zivilen Luftfahrtorganisation (ICAO) gab es die Verpflichtung, einen solchen nationalen Dienst aufzubauen. Damit sollten überfällige, vermisste oder abgestürzte Luftfahrzeuge, unabhängig von ihrer Nationalität, gesucht, Besatzungen und Passagiere gerettet und für Verletzte und deren Transport Erste Hilfe geleistet werden. Außerdem konnte diese Nothilfe bei Naturka ta strophen oder schweren Unglücksfällen eingesetzt werden. Da etwa 90 Prozent aller Einsätze zivilen Charakter hatten und nur sieben Prozent rein militärischer Art waren, flog der SAR-Dienst in diesem Jahr seinen 150 000. Einsatz in der Bundesrepublik. Pro Jahr sind die Rettungshubschrauber etwa 10 000 Stunden in der Luft. Die Verantwortung für diesen Auftrag hat die Bundesregierung dem Bundesminister für Verkehr (sichert Alarmdienst) und dem Bundesminister der Verteidigung (stellt SAR-Mittel und Leitstellen) übertragen. (1991) 4.3. Marine Trotz „Schlankheitskur“ wachsende Aufgaben Die Bundesmarine ist mit etwa 35 000 Mann zwar die kleinste, aber dennoch eine schlagkräftige Teilstreitkraft. Sie steht vor einem Jubiläum: Vor 35 Jahren, im Mai 1956, wurden die ersten drei schwimmenden Einheiten in Dienst gestellt. Bereits 1959 verfügte die Bundesmarine über mehr als 100 solcher Einheiten. Heute zählt sie rund 180 Kampf- und 75 Unterstützungseinheiten sowie 180 Marineflugzeuge. Waren anfangs nur Ostsee, Ostseezugänge, Nordsee und angrenzende Gewässer die wichtigsten Operationsgebiete, so gehen jetzt die Anforderungen an die moderne und bündnisgerechte Flotte in Richtung eines „unbegrenzten Horizonts“ mit Kriseneinsätzen als wahrscheinlichstes Aufgabenspektrum. Denn an die im Welthandel führende Nation Deutschland stellen Nato, die Staaten Europas und die UNO hohe Erwartungen, besonders was die ma- 207 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet ritime Komponente des weit über 80-Millionen-Volkes betrifft. Dazu kommt, dass seit der Wiedervereinigung die Gesamtküste um rund 900 Kilometer länger geworden ist. Die internationale Staatengemeinschaft erhofft sich von Deutschland einen verstärkten Beitrag zur Erhaltung des Weltfriedens und zur Sicherheit der Völkergemeinschaft. Die Marine muss sich also darauf einstellen, in einem größeren Radius zu operieren und ihre logistische Reichweite zu verlängern. All das zielt bei der traditionsreichen Seenation im Herzen Europa auf ganz konkrete Erwartungen. So sorgte die Bundesmarine mit dem Einsatz eines Minenabwehrverbandes im Persischen Golf vor Kuwait gemeinsam mit amerikanischen, britischen, französischen, belgischen, niederländischen und saudischen Einheiten für die Wiederherstellung der Sicherheit der Seeverbindungswege, die dort immer noch von rund 900 irakischen Minen gefährdet ist. Künftig, und das haben die Verantwortlichen im Flottenkommando in Glücksburg bei ihren Planungen im Kalkül, sind für mögliche Entwicklungen im Nord-Süd-Konflikt und jederzeit auftretende Krisen beispielsweise Landstreckenaufklärungsflugzeuge über See und Fregatten, mit Hubschraubern „bestückt“, feste Größen der Seestreitkräfte Deutschlands. Der Befehlshaber der Flotte, Vizeadmiral Dieter Braun, hofft dabei auf vier Kampfschiffversorger, die durch die Auseinandersetzungen am Golf als „große logistische Unterstützungseinheiten“ ihre Berechtigung bestätigt fanden. Vor allem auch beim Einsatz in außereinheimischen Gewässern könnten sie Hubschrauber „tragen und warten“, wie er sagte, und bei etwa 20 000 bis 30 000 Bruttoregistertonnen Kühllasten, Trinkwasser und Ersatzteile befördern. Trotz ihres Blicks auf die Weltmeere wird die deutsche Marine – erstmals in der Geschichte an der Seite verbündeter Seemächte – energisch abrüsten. Schon Ende 1994 dienen in ihren Reihen nur noch 32 000 Angehörige. Im Jahr 2005 sollen es 26 200 sein. Das bedeutet, dass etwa jedes zweite Schiff oder Boot ausgemustert wird. Nach der Deutschen Einheit trifft das nun ganz besonders die Ostsee-Armada der NVA-Volksmarine. Sie verfügte einst über 69 Kampfeinheiten – vom Küstenschutzboot über Minenleger/Minensucher und U-Boot-Jäger bis zum Raketenschiff. Für einige westdeutsche „Experten“ war deren technischer Stand bei der Ortung eines anderen Schiffs und beim Waffeneinsatz „Jahrzehnte gegenüber vergleichbaren westlichen Klassen“ zurück. Laut diesen „Fachurteilen“ nach Ende des Kalten Krieges stellten wohl die DDR-Seestreitkräfte mit ihren Torpedoschnellbooten und Flugkörperkorvetten, die im Kriegsfall 6,7 Meter lange und 2,5 Tonnen schwere Raketen mit optisch-elektronischen Zielsuchköpfen bis zu 80 Kilometer weit abgeschossen hätten, keine Bedrohung für den Westen im Ostseeraum dar? Auch als „Landratte“ würde ich das stark bezweifeln, zumal die Volksmarine immer mit der Baltischen Rotbannerflotte gehandelt hätte. So hart das klingt, meinte der Kommandeur des Marinekommandos Rostock, Flottenadmiral Otto Ciliax, aber kein ostdeutsches Kampfschiff wird je in einer Werft repariert oder modernisiert. Vielmehr könnten sich Käufer, so aus Malta, Griechenland und Uruguay, nach ihren Besuchen in Rostock-Warnemünde Hoffnungen auf den Kauf eines der einst 208 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten als „schlagkräftig“ gepriesenen DDR-Volksmarineschiffe und -boote machen. Jedoch nicht zu einem Schleuderpreis von 50 000 Dollar, mit dem beispielsweise Guinea-Bissau nach Mitteilung der Bundesmarine noch in den letzten DDR-Tagen weit unter dem Schrottwert ein demilitarisiertes Minensuch- und Räumboot (Kondor-Klasse) kaufte. Auch in den alten Bundesländern wird bei der Marine, der internationalen Entwicklung zur Abrüstung und Vertrauensbildung folgend, merklich „abgespeckt“. Am Ende sollen dann nur noch 90 bis 100 Einheiten bei der Bundesmarine übrig bleiben. Aber mit Qualitätsgewinn durch moderne Technologien bei besseren Flugkörpern und elektronischen Unterstützungs- und Abwehrmöglichkeiten. (1991) Seetüchtigere Komponenten für künftige Flotte Die Flotte als wesentlicher Teil der Marine befindet sich wie die gesamte Bundeswehr in einem Prozess der Umorganisation. So Vizeadmiral Hans-Rudolf Boehmer. Wie mir der Befehlshaber in einem Gespräch erklärte, bedeute das vor allem eine Verringerung, aber auch Umstationierung. Insgesamt gehören der Flotte 16 000 Marinesoldaten und 2 000 Zivilangehörige an sowie 140 Schiffe und Boote, auch rund 180 Marineflugzeuge. Eine schwierige Frage sei der Umgang mit dem „Fuhrpark der Volksmarine in einer kleiner werdenden Marine gewesen, da wir unmöglich zwei logistische Systeme mit Großgeräten oder Schnellbooten und U-Jägern hätten haben können. Das waren Dinge, die wir für unsere künftigen Aufgaben nicht nutzen konnten.“ Nun habe die ehemalige Marine- Ost einen Prozess durchlaufen, um sie weitgehend aufzulösen. „Wir werden in Zukunft ‚geringe Elemente‘ wie Depot- , Fernmelde- und Stützpunkt-Einrichtungen nutzen. Etwa ein Drittel unserer Marine wird nach Osten verlagert. Wir haben also die Absicht, aus der Flottille die Schnellbootflottille mit zwei Geschwadern aus Flensburg sowie etwa 1 000 Mann nach Warnemünde zu verlegen.“ Der neue Hafen entstehe hier mit einem Investitionsvolumen von 400 Millionen Mark. Ebenso verlege eine der höheren Kommandobehörden und das Marineamt nach Rostock. „Und wir werden die Schullandschaft zusammenfassen, eine neue, große Marinetechnikschule in Stralsund bauen. Durch sie kann gemeinsam mit der Marineoperativschule in Bremerhaven die Ausbildung der Seeleute konzentriert und damit effektiver gestaltet werden. Etwa zehn andere Einrichtungen fallen dann weg.“ Umorientierung liege hauptsächlich in der Abkehr vom Marine-Szenario des Abwehrkampfes in den Ostseeausgängen und der Heranführung von Verstärkung über den Atlantik begründet, das zu Zeiten des Kalten Krieges konzipiert war. Nach dem positiven Wan- 209 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet del im Ost-West-Verhältnis, dem Abschluss der Wiener Rüstungskontroll- und Abrüstungsverhandlungen, den politischen Veränderungen in Mittel- und Osteuropa sowie der Deutschen Einheit „muss sich nun die Marine für nicht festgelegte, völlig neutrale maritime Aufgabenstellungen wandeln“. Der Grundgedanke: Die Einbindung Deutschlands in ein sicherheitspolitisches Konzept. „Denn Sicherheit finden wir nur im Bündnis. Und maritime Kräfte sind ein Beitrag zum Bündnis.“ Die Frage, wo im oder außerhalb vom Bündnis „der Horizont für die Marine“ zu sehen ist, sei beim Minenräumen im Golf 1991 exemplarisch geklärt worden. „Was im weitesten Sinne ein UNO-Auftrag war und als humanitäre Aktion deklariert wurde, bedeutete für die Marinesoldaten einen Einsatz.“ Seitdem werde die Marine eigentlich „ununterbrochen gefordert“. Beispielsweise bei der Embargokontrolle gegenüber Rest-Jugoslawien mit zwei Fregatten und drei Aufklärungsflugzeugen. Schon an diesem Beispiel und mit Blick auf die finanziellen Möglichkeiten Deutschlands lasse sich erkennen, dass die Marine „wohl kleiner werden würde. Aber im Kern über Einheiten verfügen muss, die hochseefähig sind.“ Dies sei aber nicht so schnell zu erreichen mit einer einstmals maßgeschneiderten westdeutschen Ostsee-Flotte. In ihren „besten Zeiten“ besaß sie 40 Schnellboote, über 60 Minensucher und 24 U-Boote. Auch wenn die Zerstörerflottille auf 12 Schiffe „geschrumpft“ sei, gebe es Pläne, diese auf 16 zu erhöhen. Diesen Wandlungsprozess kann man natürlich nicht über Nacht vollziehen.“ Das bedeute aber auch die Hoffnung, bei allen Einsparungen im Verteidigungshaushalt die letzten drei mit Dampf getriebenen Zerstörer der Lütjens-Klasse, vornehmlich für Flugabwehr ausgelegt und mit 340 Soldaten Besatzung, durch Fregatten der Klasse 124 (Sachsen-Klasse) zu ersetzen. Das seien Mehrzweckfregatten mit Bordhubschrauber für Geleitschutz und Gebietssicherung, auch zur Abwehr von Flugzeugen und Flugkörpern. Eine „ausgewogene Marine“ heißt heute auch, dass sie sich an möglichst vielen Gangarten bei Krisenoperationen beteiligen kann. Unter und über Wasser sowie aus der Luft, meinte der Vizeadmiral. Das mache ihren „politischen Wert“ aus. Dies sei für das Innenleben einer Marine ganz wichtig, „weil sie dann die einzelnen taktischen Einsatzverfahren und Kampfarten wie U-Boot-Abwehr mit eigenen Mitteln üben kann“. Für Aufgaben wie Präsenz, Geleitschutz und Aufklärung – überhaupt als Kriseninstrument – sei unverändert eine starke Komponente von Fregatten geeignet. Angesichts der Tatsache, dass sich heute die Anzahl der Länder mit U-Booten gegenüber 1960 mit 50 nahezu verdoppelte, haben die Luftaufklärung, das Räumen von Minen sowie der Einsatz von Korvetten an Bedeutung gewonnen. All das mache eine „runde Flotte“ aus. Einen ersten Höhepunkt unter den neuen Bedingungen bildete im April 1997 ein Atlantik-Törn für U 17 und U 26 vom 3. U-Boot-Geschwader sowie für den Versorger „Meersburg“. Mit Kurs auf Nordamerikas Ostküste handelte es sich um die weiteste Ausbildungsreise der Bundesmarine und die erste Fahrt von Einheiten der auf den Werften HDW Kiel oder Rheinmetall Emden gebauten Klasse 206 A. Zu den militärischen Aspekten dieser 210 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Fahrt gehörten multinationale Manöver und Schießübungen der deutschen Seeleute gemeinsam mit westlichen Verbündeten. Dabei wurden besonders die Einsatzfähigkeit und Operationsweise dieser U-Boote demonstriert. Mit diesem neuen Strecken-Rekord für die bundesdeutsche U-Boot-Flottille in einer Zeit von vier Monaten kamen die Matrosen recht nahe an die bislang längste Reisedauer von U 24 mit acht Monaten bei einer Mittelmeer-Fahrt 1996, aber mit zweimaligem Besatzungswechsel. Zwischen den Übungsabschnitten blieben für die 44 U-Boot-Männer und die 99-köpfige Besatzung des Versorgers auch Landgänge wie in New York mit der Teilnahme an den Feiern zum amerikanischen Unabhängigkeitstag am 4. Juli. Deutsch-Französischer Flottenverband in Warnemünde Neben Heer und Luftwaffe zeigt auch die Marine in den neuen Bundesländern verstärkt Flagge. Warnemünde, einst Stützpunkt der 4. Flottille der DDR-Volksmarine mit etwa 4 000 Mann und U-Boot-Jagd-Korvetten der Parchim-Klasse, heute neuer Heimathafen für das 2. Schnellbootgeschwader, wurde zu einem ungewöhnlichen „Geburtsort“: Zum ersten Mal formierte sich hier ein Deutsch-Französischer Marineverband. Auch wenn nicht permanent, so doch als eine zeitweilige Militärformation zur gemeinsamen Ausbildung. Mit an Bord waren polnische Offiziere zur „Hospitation“ – ein weiteres Kapitel der Nato- Partnerschaft für den Frieden. Was hier in Ostdeutschland Bundeswehr-Premiere hatte, ist für Verbände und Einheiten aus dem Westen schon seit 1963 militärischer Alltag. Damals begann mit dem Élysèe-Vertrag vom 22. Januar ein dichtes Netz bilateraler Verbindungen. So auch zwischen den Streitkräften. Seit 1988 leisteten Soldaten beider Staaten in der Deutsch-Französischen Brigade gemeinsam ihren Dienst. Daraus ging dann 1993 das Deutsch-Französische Eurokorps hervor. In all den Jahren folgten gemeinsamen Aktivitäten der Luftwaffen bei Ausbildung und Übungen, auch Fahrten beider Seestreitkräfte. Seit 1992 gibt es die zeitweilige Aufstellung eines Übungsverbandes. Erstmalig wurde damals in Kiel ein Deutsch-Französischer Marineverband unter Beteiligung des 7. Schnellbootgeschwaders für eine Mittelmeerreise gebildet. Ein Jahr später: Übungen dieser Formation im nordeuropäischen Raum, diesmal unter deutscher Führung mit vier Zerstörern/Fregatten und einem Versorger. 1994 gingen deutsche Schnellboote der Albatros-Klasse und der Tender Donau auf die bisher längste und umfangreichste Ausbildungsreise nach Großbritannien, Spanien, Portugal und Frankreich. Operiert wurde mit der französischen Mittelmeerflotte zwischen Korsika und den Balearen. Für die Olpenitzer Matrosen gab es nach der Zehn-Wochen-Fahrt die letzte Heimkehr vor dem Umzug nach Warnemünde. Diesmal gehören dem Verband die deutschen Fregatten „Köln“, das Flaggschiff, und „Emden“ an. An ihrer Seite drei französische Schiffe: der Zerstörer „De Grasse“, die Fregatte „Lavallee“ und der Versorger „Durance“. Mit der Führung des Verbandes beauftragt wur- 211 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet de der 42-jährige Kapitän zur See Axel Schimpf, Kommandeur des 2. Fregattengeschwaders in Wilhelmshaven. Für ihn ist das „eine ganz große Herausforderung, militärisch und menschlich“. Denn immerhin stehen bis zum Einlaufen in Brest und der feierlichen Deaktivierung des Verbandes am 22. Mai 1995 durch den deutschen Flottenbefehlshaber, Vizeadmiral Dirk Horten, im Beisein seines französischen Kollegen 1 100 deutsche und französische Seeleute unter seinem Befehl. Die Ausbildungs- und Übungsabschnitte in Nordsee, Ostsee und im Englischen Kanal haben es in sich: Nachgewiesen werden soll die Leistungsfähigkeit in den klassischen Marine-Szenarien, aber auch bei weiteren seemännischen Manövern sowie bei einer „Unfall- übung See“. Beteiligt sind Schnellboote des deutschen Ständigen Einsatzausbildungsverbandes der Flotte, U-Boote, deutsche Marinejagdbomber, Jagdbomber der dänischen Luftwaffe und weitere Nato-Partner. Höhepunkt ist die Teilnahme am französischen Großmanöver „Suroit“, bei dem auch Konvoi-Operationen vorgesehen sind. Für Bundesverteidigungsminister Volker Rühe war das nach der persönlichen Begrüßung des von West- nach Ostdeutschland verlegten Schiffsverbandes im vergangenen Herbst Grund genug, erneut nach Mecklenburg zum immer schmucker werdenden Marinestützpunkt „Hohe Düne“ als Typ-Stützpunkt für die Schnellboote zu kommen – dem künftig modernsten Marinehafen der Flotte. Auch die Landunterkünfte der Schnellbootfahrer sind sehenswert und entsprechen allerneuestem Standard. „Die Zusammenstellung des deutschfranzösischen Verbandes in einem der neuen Bundesländer ist ein Symbol für die sicherheitspolitische Normalität in ganz Deutschland“, betonte er. Zugleich stehe dies „in einer langen Reihe von deutsch-französischen Aktivitäten, die alle dem gemeinsamen Denken und Handeln der Europäer dienen“. Er würdigte die bewährte Nato-Zusammenarbeit und sagte: „Multinationalität der Streitkräfte heißt der Schlüsselbegriff. Wir verklammern unsere Verbände und unterstreichen damit unseren Willen, gemeinsam zu handeln. Wir wollen das gleiche Risiko tragen und die Lasten teilen.“ (1995) Marineabschnittskommando folgt Bundesmarine Ost An Mecklenburgs Ostseeküste nehmen die künftigen Strukturen der Bundesmarine immer mehr Gestalt an. Nachdem mit Peenemünde auf einen weiteren einstigen Stützpunkt der DDR-Volksmarine aus Kostengründen verzichtet wurde, stehen nun mit Warnemünde, zweimal Rostock und Parow/Stralsund die Standorte der Marine im Beitrittsgebiet fest. Alles in allem werden hier einmal etwa 2 500 Soldaten Dienst tun und 600 zivile Mitarbeiter tätig sein. Für Mecklenburg-Vorpommern, wo das Heer mit der Heimatschutzbrigade 41 in Eggesin sowie die Luftwaffe mit der Flugabwehrraketengruppe 31 in Sanitz und auf dem Fliegerhorst Laage mit einem Einsatzverband vertreten sind, wird die Bundeswehr zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor – mit Aufträgen für die örtlichen Betriebe und Arbeitsplätzen. 212 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Den offiziellen Start für die vielfältigen Marineaktivitäten im neuen Bundesland gab der Verteidigungsminister. Mit dem symbolischen Hammerschlag bei der Grundsteinlegung der Marinetechnikschule in Parow am Strelasund begannen die Arbeiten an einem 600-Millionen-DM-Projekt mit einer Gesamtanlage in einer für Norddeutschland typischen Bauweise. Bei den Unterkunftsgebäuden orientiert man sich am Modell der „Kaserne 2000“ mit verbesserten Wohnbedingungen. Überhaupt werden hier militärfachliche Ausbildungsgänge für Technik und Elektronik zusammengefasst, so dass mittel- bis langfristig mehrere Schulen und andere Ausbildungsstätten in den alten Bundesländern aufgelöst werden können. Im Rahmen der staatlich anerkannten Berufsausbildung bereiten sich Zeitsoldaten auf den IHK-Abschluss als Radio- , Fernseh- und Kommunikationstechniker vor. In Warnemünde nimmt ab Herbst 1994 das Marineabschnittskommando Ost im Stützpunkt „Hohe Düne“ unter Kommandeur Kapitän zur See Dieter Leder seine Tätigkeit auf. Neben Wilhelmshaven und Kiel ist dann Rostock-Warnemünde eines der drei großen Zentren der Marine entlang der deutschen Küste. Es löst das Marinekommando Rostock ab, das zur Auflösung der damaligen DDR-Seestreitkräfte und zum Aufbau der Bundesmarine Ost geschaffen wurde. Weiterhin wird der Stützpunkt Warnemünde zum Heimathafen für Schnellboote und Versorgungseinheiten, die aus Schleswig-Holstein stammen. In Rostock selbst arbeitet künftig das für Ausbildung und Schulen zuständige Marineamt (gegenwärtig noch im Wilhelmshaven ansässig). Außerdem bezog ein Marinesicherungsbataillon in der Stadt seinen Standort. Gemessen an den Marinekapazitäten der DDR, sind die Bundeswehrkräfte in diesem Raum eher bescheiden vertreten. „Wir dachten damals, was wir so tun, machen andere auch so“, meinte Korvettenkapitän Wolfgang Müller. „Es war aber auf nahezu allen Gebieten anders: Vom Befehl – hier Gehorsam bis in Detail, dort Auftrag mit breitem Spielraum – bis zur Struktur und Ausbildung.“ Als Fachmann für Seemannschaft hatte er sich wie 790 andere Volksmarine-Offiziere beim Bund beworben. 120 kamen an. „Jeder hatte eine faire Chance“, erinnerte er sich und sprach „von etwas Glück“. Dem 44-Jährigen, der für seine Tätigkeit im Marinekommando viel lernen musste, macht die Arbeit in dieser Marine Freude. Das Verhalten der allgemein als ruhig und zurückhaltend bekannten Mecklenburger zu den Soldaten der Bundeswehr ist knapp drei Jahre nach der Einheit Deutschlands von vertrauensvollem Miteinander geprägt. Davon berichteten Bürger in Uniform ebenso wie Bürger in Zivil. Stellvertretend für die Regierung schätzte dieser Tage Finanzministerin Bärbel Kleedehn ein, „dass Mecklenburg-Vorpommern ein Land ist, in dem man auch als Soldat leben, sich in die gewachsenen Strukturen einbringen und Kontakt zur einheimischen Bevölkerung aufbauen kann“. Und das noch zur maritimen Geschichte: Der erste eiserne Schraubendampfer Deutschlands kam aus Rostock. Er wurde im November 1851 in Dienst gestellt und auf der Route Rostock – St. Petersburg eingesetzt, berichtete der Rostocker Journalist Lothar Lentz in seinem „Grußwort“ an die neuen Matrosen. (1994) 213 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Ein paar Jahre später: Das Rostocker Schnellbootgeschwader wird kontinuierlich reduziert. Bis zum Jahr 2010 sollen die Marinesoldaten von den Schnellbooten auf 15 neue Korvetten mit jeweils 60 Mann Besatzung umsteigen. Der Marinestandort bleibt aber erhalten, kündigte Konteradmiral Hans Lüssow, Chef des Marineamtes, an. In der nach dem Ende der DDR wirtschaftlich arg gebeutelten Hanse-Stadt hält die Freude unter den Einwohnern und Händlern über die Blauen Bundeswehr-Jungs unvermindert an. Vor allem der Wirtschaftsfaktor der Deutschen Marine beeindruckt: Die Rostocker Matrosen haben einen Jahreslohn von 240 Millionen Mark. Sie kaufen aber nicht nur Lebensmittel und Kleidung. Immer mehr lassen sich auch privat hier nieder. Und für rund drei Millionen Mark bestellt der Marine-Stützpunkt jährlich von regionalen Erzeugern Nahrungsmittel. Zu dieser Zeit hofften aber die Rostocker Stadtväter und Werftarbeiter noch „auf ein ordentliches Stück Arbeit“ von der Marine. (1998) Rotstein-Bauten statt NVA-Look Seit der Wiedervereinigung verfügt die Flotte über eine um 30 Prozent längere Küstenlinie. Trotzdem werden die künftigen Seestreitkräfte im Umfang kleiner. Östlichster Standort der Marine wurde nun der Stralsunder Ortsteil Parow. Der Zufall wollte es, dass am Strelasund einst die Wiege Preußischer Seestreitkräfte stand. Vorläufer der Strelasund-Kaserne war zwischen 1935 und 1945 ein Seefliegerhorst der deutschen Luftwaffe. Dennoch rückte Mecklenburg-Vorpommern nicht nur wegen seiner Garnisonsgeschichte, die 1628 begann, sondern aus politischen und wirtschaftlichen Gründen zu einem gleichwertigen Marine-Bundesland auf. Die beiden anderen Küstenländer, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, waren in diesem Fall die Gebenden. Denn aus acht Marinetechnikschulen im Westen sollte eine neue im Osten hervorgehen. Wo noch vor fünf Jahren Maate der DDR-Volksmarine ihr politisches und militärisches Rüstzeug für den „Kampfauftrag See“ erhielten, nahm seit 1992 das größte Bauprojekt im Nordosten Deutschlands immer mehr Formen an. Heute zeigt sich die Marinetechnikschule, und nicht nur das attraktive Stabsgebäude, in voller Schönheit. Ein Kenner: Mit seiner Lage gegenüber Rügen einer der schönsten Dienstposten der Bundeswehr. 214 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Mitten im „Objekt“, wie Parower einst sagten, ging das Bau- und Modernisierungsgeschehen ebenfalls zügig voran. Landestypisch mit Rotstein und Ziegeldach wurden die ersten Unterkunftsgebäude teils neu errichtet oder umgebaut. Untergebracht waren darin neben Mitarbeitern des Aufstellungsstabes der Schule Teilnehmer ziviler Aus- und Weiterbildung. Nur das Stabsgebäude und technische Einrichtungen erinnerten bei meinem ersten Besuch nach der Wiedervereinigung noch an die Bauten aus den 1930er Jahren und den grauen „NVA-Look“ der einstigen Nutzer. „Der Neuaufbau der Marinetechnikschule erfüllt beispielhaft Forderungen und Vorgaben aus wirtschaftlicher, strukturpolitischer und militärischer Sicht bei einem sparsamen Umgang mit den verfügbaren Ressourcen“, berichtete Kapitänleutnant Dieter Schmidt. Die Neugestaltung begann mit einer umfassenden Bestandsaufnahme: topographische Vermessung, Gebäudeanalyse, Schadstoffkataster, Baugrundgutachten und Baumbewertung. Pro Jahr wurde mit etwa 5 400 Lehrgangsteilnehmern gerechnet. Dem Schulstamm gehörten etwa 400 militärische und zivile Mitarbeiter an. Auf 95 Hektar Gesamtfläche verfügt die Marinetechnikschule 180 000 Quadratmeter Gebäudenutzfläche. Darunter sind Hörsaal- und Laborräume mit moderner Technik für die Computer gestützte Ausbildung. In Hallen wurden schiffs- und waffentechnische Großanlagen aus den alten Schulen aufgestellt. Die Lehrgruppe Schiffssicherung, organisatorisch mit Parow verbunden, verblieb mit ihrem 32 Meter hohen Tauchturm und der Schwimmhalle in Neustadt/Holstein. Die Konzentration technischer Ausbildungsinhalte an der neuen Schule – parallel zum Aufbau der Marineoperationsschule in Bremerhaven – bedeutete für viele Orte im westlichen Teil der Küste beträchtliche finanzielle Verluste. Dessen war man sich hier bewusst. Die Bundeswehr erwartete jedoch jährliche Einsparungen an Personal- und Betriebskosten von nahezu 100 Millionen Mark. Dazu kam noch, dass die neue Schule kaum Belastungen für die Umwelt mit sich brachte. Außerdem leisteten die Streitkräfte in einem Raum besonders hoher Arbeitslosigkeit äu- ßerst wirksam strukturpolitische Hilfe. Denn am erstmals 1260 als Siedlung erwähnten „to Parowe“ lief in den vergangenen Jahrhunderten der technische Fortschritt vorbei. Bis 1978, las ich in der Ortschronik, gab es „Wasser aus der Pumpe, wie zu Omas Zeiten“. Das Armeeobjekt und die LPG-Ställe hatten da schon eine Wasserleitung, „nur bis ins Dorf hat es nicht gereicht“. Rostock bietet Marine zum Anfassen Mancher Ostseeurlauber aus den neuen Ländern war im wiedervereinigten Deutschland ganz überrascht, als er in Rostock-Warnemünde im Stadtführer unter „M“ zwischen Literatur und Museum ein völlig neues Ausflugsziel entdeckte – das Marineabschnittskommando Ost, Kaserne „Hohe Düne“. Und erst recht über die freundliche Einladung: „In den Sommermonaten mittwochs nachmittags Tag der offenen Tür“. Also: Marine zum Anfassen. 215 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Daneben war das Foto eines Marine-Schnellbootes der Klasse 148 zu sehen. Es gehörte als Flugkörperschnellboot zur Tiger-Klasse, war mit Metallrümpfen (sonst bei Schnellbooten nicht üblich) 47 Meter lang, sieben Meter breit und mit Seezielflugkörpern MM 38 EXOCET ausgerüstet. Auch die Telefon-Nummer für Rückfragen konnte man sich hier notieren. Wie sich die Zeiten gewandelt haben, dachte sicher manche ostdeutsche „Landratte“. Ich auch. Noch vor Jahren galt ein solcher Ferien-Kontakt mit Kasernen und Schiffen der Volksmarine als undenkbar. Wenn überhaupt eine Schiffsbesichtigung, dann durfte der DDR-Bürger an der Warnow das ausgediente Pionierschiff „Vorwärts“ näher in Augenschein nehmen. Ab 1950 war es das erste Handelsschiff dieses Landes. Bei der Volksmarine öffneten sich später die Tore für Besucher meist nur zur „Gratulationscour“ am Tag der NVA, also am 1. März, oder zu einem Flottenbesuch von „Waffenbrüdern“ und anderen Ostsee-Anliegern. Von diesem Angebot, hinter die Kasernenmauern der neuen Marine in Mecklenburg-Vorpommern zu schauen, machten Alt und Jung regen Gebrauch. Wer eine solche Führung miterlebt hat, spürte sehr schnell die Offenheit bei Offizieren und Matrosen, auch ihre Verbundenheit mit denen da draußen, die sonst aus den Medien über das oft harte Leben der Matrosen auf den internationalen Meeren erfuhren. Hier wurde keine Marine aus alten Zeiten präsentiert, sondern schon Zukunftsstruktur: Das Marineabschnittskommando Ost als Nachfolger des ursprünglichen Marinekommandos Rostock und des Warnemünder Marinestützpunktkommandos, seit 1995 Unterstützungsbereich mit endgültiger Organisation. Während die Abschnittskommandos West in Wilhelmshaven und Nord in Kiel ihre Bereiche koordinierten, ging es jetzt hier um die Aufgaben der Marine an der Küste des neuen Bundeslandes, etwa von Lübeck bis zur Grenze Polens. Weiterhin kamen zum Stützpunkt Warnemünde, dem neuen Heimathafen (und „neuem Heim“) der gesamten deutschen Schnellbootflotte, der Stab der Schnellbootflottille und das 2. Schnellbootgeschwader aus Olpenitz als erster Großverband. Später folgte auf Dauer das 7. Geschwader aus Kiel. Da beeindruckten auf der Hohen Düne neue und modernisierte Unterkunftsgebäude. Sie gehörten zum „Kaserne 2000“-Projekt der Bundeswehr, das dann aber aus Kostengründen nur noch vereinzelt realisiert wurde. Hier konnten sich Besatzungen nach den Ausbildungsfahrten und damit verbundenen Strapazen gut erholen. Ein weiterer Blickfang war das künftig zweistöckige Stabsgebäude der Flottille. Es wurde in einer S-Form errichtet. Dazwischen moderne Kultur- und Sportstätten. Nur noch einzelne Gebäude und Wege erinnerten in ihrem schlechten Zustand an die Nutzer in vergangener Zeit. Die Hafenanlagen wurden auch erneuert. Nun bot sich ein prächtiger Blick – hier lagen die „Greif “, die „Geier“ und andere Schnellboote. Die Pontons beider großer Schwimmbrücken stammten aus geschlossenen oder verkleinerten Marine-Stützpunkten in Flensburg und Borkum. An der Kieler Förde-Brücke legte später das 7. Geschwader an. Jeder vierte Geschwaderangehörige konnte heimatnah seinen Dienst versehen. Für andere wurden im Raum Rostock mit Bundeswehr-Unterstützung Wohnungen geschaffen. 216 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Allein für die Infrastruktur des Stützpunktes tätigte man anfangs über 350 Millionen Mark an Investitionen. Auch andernorts in Mecklenburg-Vorpommern wurde die Bundeswehr ein wichtiger Arbeitgeber. Die regionale Wirtschaft erhielt bei den Ausschreibungen vorrangig Aufträge. Doch nicht nur der Heimathafen der deutschen Schnellbootflotte prägte das Bild. Schon an der Bezeichnung Marineabschnittskommando Ost war zu erkennen, „dass hier Marinenormalität eingezogen ist“. So der Kommandeur, Kapitän zur See Dieter Leder, heute Admiral a.D. „Die neue Organisation entspricht der in den alten Bundesländern.“ Damit wurden an der Nord- und Ostseeküste die deutschen Seestreitkräfte nach einheitlicher Struktur geführt. Stützpunktverwaltung sowie Führung der unterstellten Dienststellen, so Material- und Munitionsdepots oder Sicherungs- und Transportbataillone, hat man nun von hier aus wahrgenommen. Auf die allwöchentliche Öffnung der Kaserne angesprochen, antwortete mir Leder: „Wir zeigen das, was wir tun. Das sind ja auch die Steuergelder der Bürger.“ Es sei nicht überraschend, wenn deshalb die Kontakte zur Bevölkerung und die Zusammenarbeit mit öffentlichen Stellen „ausgesprochen gut sind. Bei aller Normalität mit dem Einzug des Marinealltags gilt es dennoch, Pioniergeist und Entdeckerengagement zu bewahren.“ Mein abschließender Eindruck: Ohne „Blaue Jungs“ läuft hier gar nichts. Wie das der Strom von Besuchern bei den Hanseatischen Hafentagen mit Open Ship, beim Anlegen von Booten im Stadthafen oder beim Platzkonzert erleben konnte. Natürlich auch spektakulär die Sprünge der Waffentaucher am Fallschirm aus den Hubschrauber oder Flachwassersprünge aus 15 Meter in das Hafenbecken. Schnellbootjahr 1994 ohne „Auffälligkeiten“ Das Schnellbootjahr 1994 zeigte dem Betrachter bei ausschließlicher Sicht auf die Seefahrtsaktivitäten keine besonderen „Auffälligkeiten“. Kennzeichnend war bewährte Ausbildungsroutine im Einzelboots- und Geschwaderrahmen sowie bei der Teilnahme an Manövern. Allenfalls der wiederholte Manövereinsatz eines Schnellbootgeschwaders im Mittelmeer sowie eine deutsch-russische Flottenübung deuteten auf eine mögliche Erweiterung des Operationsgebietes für Schnellboote hin. Doch bei genauerem Hinsehen ließ sich in Teilverbänden der Flottille hinter „normaler Hektik“ eine bisher unbekannte Betriebsamkeit beobachten – Umzugs- und Verlegeaktivitäten im großen Stil. Flottillenstab und das 2. Schnellbootgeschwader erlebten jedoch am 16. November einen weiteren Höhepunkt in ihrer Geschichte seit 1957, als der Aufbau der Schnellbootwaffe in der Bundesmarine begann. Erster Kommandeur wurde der spätere Konteradmiral a.D. Friedrich Kemnade. Nach seinen Erfahrungen als Kommandant im Zweiten Weltkrieg war er seit Juli 1956 als Vertreter der Marine in der deutschen Delegation beim Militärausschuss der Nato tätig. 217 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet „Und meine Kenntnisse und ersten Erfahrungen über militärische Zusammenarbeit mit unseren Verbündeten in der Nato waren taufrisch, zumal gerade die neue Strategie der Nato, die sogenannte flexible response (abgestufte Abschreckung), in Washington aus der Taufe gehoben war, welche ihr Ziel – die Verhinderung eines Krieges durch glaubwürdige Abschreckung – schließlich erreicht hat, als die den Westen und die Welt bedrohende Sowjet uni on unter Gorbatschow im Jahre 1990 ihr Ziel der Weltbeherrschung aufgab.“ Nach der Verabschiedung in Flensburg-Mürwik fand in Warnemünde ein eindrucksvolles Begrüßungszeremoniell für den Verband statt. „Heute ist ein besonderer Tag“, sagte Bundesverteidigungsminister Volker Rühe vor Soldaten und zivilen Mitarbeitern, nachdem er herzlich Ministerpräsident Berndt Seite begrüßt hatte. „Sie werden als erster Großverband der Marine in ein neues Bundesland verlegt. Sie sind Vorhut. 1995 werden rund 1 500 Soldaten und zivile Mitarbeiter in ihrem neuen Heimatstützpunkt ‚Hohe Düne‘ dienen. Sie und Ihre Familien leisten einen ganz persönlichen Beitrag zur inneren Einheit unseres Vaterlandes.“ Die Bundeswehr habe Menschen zusammengeführt, die einmal Gegner waren. „Die Integration von ehemaligen Soldaten der NVA in die Bundeswehr und der Aufbau der Armee der Einheit ist eine große Leistung, die nicht hoch genug gewürdigt werden kann. Seit 1991 haben schon rund 155 000 junge Männer aus den neuen Ländern in der Bundeswehr gedient und erlebt, was Streitkräfte in der Demokratie ausmacht. Heute dienen rund 18 000 Soldaten und Zivilbedienstete hier in Mecklenburg-Vorpommern.“ Neben diesem Höhepunkt war das Jahr 1994 insgesamt geprägt von konsequenter Weiterführung eingeleiteter Prozesse zur Anpassung an die neuen Erfordernisse. So wurde nicht nur die geographische Neuorientierung vollzogen. Auch die Stufe I der neuen Zielstruktur Marine 2005 hat man nun hier umgesetzt. Die nächste folgte 1996. Und noch einen Rückblick gab es, wie sich Korvettenkapitän Lothar Rötzsch in seinem Tagebuch erinnerte: „In all den Jahren des bisherigen Bestehens waren die Stützpunkte Flensburg, Wilhelmshaven, Olpenitz, Neustadt/Holstein und Kiel liebgewordene Heimat geworden. Hierher kehrten die Boote nach ihren Törns zurück, hier wohnte die Mehrzahl der Familienangehörigen und war voll in das gesellschaftliche Leben integriert. Doch der schnelle Wechsel ist dem Schnellbootfahrer nicht fremd. Mit der Wiedervereinigung und der Entspannung des Ost-West-Konfliktes änderte sich die Lage grundlegend. Sowohl die Umgliederung der Bundeswehr, das neue Stationierungskonzept, als auch die innere Herstellung der Einheit forderten ihre Konsequenzen.“ „Botschafter in Blau“ auf Berlin-Kurs Die Marinesoldaten der Bundeswehr, jährlich als „Botschafter in Blau“ in rund 130 ausländischen Häfen vor Anker, nehmen jetzt regelmäßig Kurs auf Berlin. Nach dem Heer, das mit einem Jägerbataillon in der Hauptstadt vertreten ist, und der Luftwaffe, die 1994 ihr 218 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Strausberger Divisions-Kommando ebenfalls nach Gatow in den Berliner Süden verlegt, kommt die Marine als kleine Teilstreitkraft zu Staatsbürgerlichen Seminaren an die Spree. Dabei handelt es sich um eine ständige Einrichtung, meinte Flotten-Befehlshaber Vizeadmiral Hans-Rudolf Boehmer. Der Chef über 16 000 Marinesoldaten und 2 000 Zivilangehörige, 140 Schiffe und 180 Marineflugzeuge will damit „den Geist der Wiedervereinigung wachhalten“. Daher seine Idee vom Ständigen Staatsbürgerlichen Seminar der Flotte in der deutschen Hauptstadt. Denn wer in aller Welt Häfen anläuft und besucht, müsse doch wenigstens seine Landesmetropole aus eigenem Erleben kennen, erklärte der Vizeadmiral. Übrigens hat er langjährige maritime Erfahrungen vom Ausbildungsoffizier auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ bis zum Kommandeur der Zerstörerflottille. Inzwischen hatte mit diesem Reiseziel die „Saarburg“ als zweites Schiff der Bundesmarine diese Woche in Warnemünde angelegt. Wie unmittelbar nach dem Tag der Deutschen Einheit und nun fast allwöchentlich unternahmen die Seminarteilnehmer die Busfahrt durch Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg nach Berlin. Hier erwartete die Angehörigen des Minensuchgeschwaders aus Meustadt/Holstein ein interessantes dreitägiges Besuchs- und Gesprächsprogramm: Im Reichstagsgebäude, im ehemaligen Sitz des Preu- ßischen Landtags, wohin die Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Hanna-Renate Lau rien, eingeladen hatte, sowie in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand im Bendlerblock, dem zweiten Dienstsitz des Bundesverteidigungsministers. Aber auch weitere politische Einrichtungen und historische Stätten wurden besucht. Der Dom und das Brandenburger Tor standen ebenso auf dem Programm wie neue Bauten in der einst geteilten Stadt. Mit einem Abstecher in das 1000-jährige Potsdam endet das Seminar, das mit vielen politischen Gesprächen verbunden war. Unterstützt wird die Bundesmarine bei ihrer Berlin-Präsenz von einer gleichnamigen Interessengemeinschaft in der Hauptstadt und vom Verteidigungsbezirkskommando 100 der Bundeswehr, ebenso von Sponsoren aus Politik und Wirtschaft. Sie alle sind zugleich Partner aus erster Hand bei den Informationsrunden über die Geschichte Berlins und seine Zukunft als Parlaments- und Regierungssitz. (1994) 4.4. Berlin – neue Garnisonsstadt der Bundeswehr Mit der Wiedervereinigung hat Deutschlands Hauptstadt eine weitere Funktion übernommen: Berlin ist nun auch Garnisonsstadt der Bundeswehr. Vor wenigen Jahren hätte das kaum jemand zu hoffen gewagt. Nun sind Soldaten der Bundeswehr Berliner Bürger. Hier befanden sich anfangs 16 zentrale und Standortdienststellen mit insgesamt 1 200 Soldaten. Nach 1995 hat sich die Zahl der Bundeswehr-Angehörigen auf 2 800 Mann, später auf 8 000 erhöht. Mit der Ausgestaltung der Regierungsfunktion wurden auch das Wachbataillon und das Stabsmusikkorps hier stationiert. Das Verteidigungsministerium ist mit einer „Kopfstel- 219 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet le“, dem Leitungsbereich, repräsentativ in der Hauptstadt vertreten. Von den ehemals 61 Liegenschaften der Nationalen Volksarmee im Ostteil der Stadt behielten die neuen Streitkräfte nur 13. Dazu kamen noch drei Liegenschaften der Alliierten im Westen Berlins. Wie die jüngste Geschichte zeigt, können die Berliner auf eine recht wechselvolle Rolle der Militärs in ihrer Stadt zurückblicken. Daran erinnern nicht nur die riesigen Aufmärsche der Wehrmacht durch das Brandenburger Tor. Auch die letzte Parade der DDR-Armee zum 40. Jahrestag des Staates am 7. Oktober 1989 sollte der Öffentlichkeit eine Waffenschau mit hochgerüsteten und einsatzbereiten Truppen demonstrieren. Anders war das bei den West-Alliierten: Mit Amerikanern, Briten und Franzosen lernten die Menschen im geteilten Nachkriegs-Berlin und nach dem Mauerbau am 13. August 1961 weniger kämpfende Truppen, sondern eher befreundete und unterstützende Schutzmächte kennen. Die etwa 12 000 Soldaten boten mit ihren Waffen den Einwohnern allzeit Sicherheit. Erst nach der Wiedervereinigung wurden den Berlinern in Ost und West die Soldaten der einstigen Roten Armee vertrauter. Deren Väter hatten 1945 unter großen Opfern den Reichstag gestürmt. Den planmäßigen Abzug der gesamten russischen Westgruppe bis 1994 sicherte in Berlin im Auftrag der Bundesregierung ein deutsches Verbindungskommando. Das gute Einvernehmen der Berliner zu den Bundeswehr-Soldaten ist überall zu spüren. Auf dem Kurfürstendamm, in der Schönhauser Allee und anderswo sind Feldjäger, Sanitätsschüler und Fernmeldeleute keine „Exoten“ mehr wie noch im Oktober 1990. Gab es damals nach Meinung von Berlins Bundeswehr-Sprecher Oberst Konrad Freytag im Westteil Worte wie „Herr Offizier, welchen Dienstgrad haben Sie?“ oder „Jetzt haben wir endlich unsere eigenen Soldaten hier!“, so war dies im Osten bald ebenso der Fall. Ihren guten Ruf verdanken die neuen Streitkräfte in Berlin auch einer breiten Öffentlichkeitsarbeit: Allein 1992 gab es 150 Vorträge von Offizieren vor Parteien, Verbänden und anderen gesellschaftlichen Gruppen, 30 Podiumsdiskussionen und fünf größere Militärkonzerte, bei denen auch das hauptstädtische Luftwaffenmusikkorps sein Können darbot. Jugendoffiziere sind regelmäßig Gesprächspartner junger Leute über Grundzüge der Sicherheitspolitik, die Wehrpflicht oder die Kriegsdienstverweigerung. Um eine fruchtbare zivil-militärische Zusammenarbeit mit der Landesregierung sorgt sich das Verteidigungsbezirkskommando 100/Standortkommandantur Berlin. Von zentraler Bedeutung für die neuen Bundesländer sind in Berlin ebenso die Freiwilligenannahmestelle in Grünau und das Bundeswehrkrankenhaus in Mitte. Schon bald verlegte eine Luftwaffendivision mit Verbänden und Waffensystemen von der Ostsee bis zum Erzgebirge ihr Kommando von Strausberg (Land Brandenburg) in den Süden Spandaus. Mit dieser neuen Dienststelle in Gatow wurde das Freizeitangebot in Berlin um eine Attraktion reicher: Das Luftwaffenmuseum der Bundeswehr zog von Uetersen bei Hamburg mit zahlreichen flugtechnischen Raritäten hierher. Nun sind diese in den Hangars und auf bisherigen Rollbahnen von jedermann zu besichtigen. 220 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Doch die Bundeswehr kam ohne „Stechschritt“ nach Berlin. Wo noch am 2. Oktober 1990, am Vorabend der Deutschen Einheit, die letzte Ehrenwache vom NVA-Regiment „Friedrich Engels“ am Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus Unter den Linden aufzog, knallte seither kein einziger Soldat der gesamtdeutschen Streitkräfte seine Stiefeln mehr auf das Pflaster. Vor der vom preußischen Baumeister Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) geschaffenen „Neuen Wache“, von der Wehrmacht zur Darstellung ihrer Traditionen missbraucht, fand allwöchentlich der Große Wachaufzug der DDR-Armee statt. Dem Klingenden Spiel der NVA-Militärmusiker – vom Berliner Rundfunk original übertragen – wohnten an jedem Mittwochnachmittag meist hunderte bis tausende Schaulustige bei. Nicht zu übersehen waren die schicken Uniformen von West-Alliierten. Heute ist die Neue Wache, die einst als Wachgebäude für das Königliche Palais und Denkmal für die Befreiungskriege errichtet wurde, die Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Über die historischen Veränderungen seit der deutschen Einheit informieren sich auch regelmäßig Soldaten aus den neuen Bundesländern auf Exkursionen in die Hauptstadt. So folgten hierher 50 Soldaten des Jägerregiments aus Schneeberg einer Einladung ihres sächsischen Wahlkreisabgeordneten im Deutschen Bundestag, Wolfgang Dehnel. Dabei erhielten die Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere umfassende Einblicke in wichtige Aspekte des tagespolitischen und zeitgeschichtlichen Geschehens in der Bundeshauptstadt. Sie waren sehr beeindruckt. Die Informationsreise, so Regimentskommandeur Oberst Hans-Jörg Möhnle, „bot während der unvergesslichen Tage in der Hauptstadt dazu viele Gelegenheiten“. Nach dem Besuch einer Gruppe von Soldaten aus dem Panzerregiment in Torgelow/Spechtberg im Berliner Reichstag mit dem Gang durch die Ausstellung „Fragen an die deutsche Geschichte“ meinte Leutnant Torsten Zierke von der Stabskompanie: „Ich staune, dass nicht versucht wird, nur feste Anschauungen zu diktieren, sondern dass ich die Möglichkeit habe, mir eine eigene Meinung zu bilden. Die deutsche Geschichte werde ich für mich neu aufarbeiten müssen, weil ich jetzt die Sicht aus der anderen Richtung kenne.“ Bundesverteidigungsminister zeigt Flagge Das „Flagge zeigen“ gehört in der Bundeswehr zum militärischen Zeremoniell. In den alten Bundesländern schon eine bewährte Tradition, seit die westdeutschen Streitkräfte formiert wurden. In Berlin und den neuen Bundesländern ist das nach der Wiedervereinigung noch immer ein ungewöhnliches Ereignis. Besonders spektakulär, wenn das Symbol des Bundesverteidigungsministers in der Hauptstadt, dem künftigen Regierungssitz Deutschlands, präsentiert wird. Minister Volker Rühe setzte in Berlin ein weithin sichtbares Zeichen, als er am 2. September 1993 den zweiten Dienstsitz des Bundesministeriums der Verteidigung im Bendlerblock bezog. Als eines der ersten Ressorts der Bundesregierung mit Ministerpräsenz stell- 221 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet te die Leitung des Ministeriums hier ihre Arbeitsbereitschaft her. Vor Gratulanten machte er deutlich, „dass wir den Beschluss des Deutschen Bundestages vom 20. Juni 1991 für Berlin als Regierungssitz zielstrebig und konsequent umsetzen. Der Umzug der Regierung nach Berlin ist ein wichtiges Zeichen der Hinwendung zu den neuen Bundesländern.“ Trotz gebotener Sparsamkeit landauf, landab darf der Umzug nach Berlin aber nicht allein eine Frage des Geldes sein, war bei dieser Gelegenheit zu hören. „Es geht doch darum, so schnell wie möglich die innere Einheit unseres Vaterlandes zu verwirklichen und sie äu- ßerlich sichtbar zu machen. Es geht um die Zukunft Deutschlands“, betonte der Minister. „Nirgendwo wurde die Teilung Europas deutlicher sichtbar und schmerzlicher erlebt als in Berlin. Deshalb ist die Entscheidung für diese Stadt auch eine Entscheidung für die Einigung Europas.“ Von eigenen Mitarbeitern hergerichtet, kosteten die zehn Räume samt Mobilar einige Hunderttausend Mark. Und nicht wenige Stimmen meinten nach einem ersten Rundgang, dass es hier – auch mit Blick auf die Umgebung im Bezirk Tiergarten – eigentlich schöner sei als auf der Hardthöhe. Mit der Entscheidung für den Bendlerblock, der im besonderen Maße Licht und Schatten deutscher Geschichte symbolisiert, will die Bundeswehr sichtbar machen, dass sie sich als Armee des demokratischen und vereinigten Deutschlands der ganzen deutschen Geschichte stellt. „Und wir haben die richtigen Lehren aus ihr gezogen“, meinte Rühe. Denn nur mit der Last der ganzen Wahrheit der Vergangenheit könne die Zukunft gestaltet werden. Zur Erinnerung: Im Gebäude an Landwehrkanal und Stauffenbergstraße, zwischen 1911 und 1914 errichtet, war der Sitz des kaiserlichen Marineamtes, der Weimarer Reichswehrleitung und von Heeresdienststellen der Wehrmacht. Hier wurde die kaiserliche Flottenrüstung geplant. Die Reichswehr suchte während der Weimarer Zeit an dieser Stätte ihre Rolle im demokratischen Staat. Am 3. Februar 1933 eröffnete Adolf Hitler in diesem Block der Generalität seine verbrecherischen Ziele („Ausrottung des Marxismus“ und Eroberung von „Lebensraum im Osten“). Das Interesse der Bundesregierung liegt jedoch auf einer anderen Seite der deutschen Geschichte. Hier in den Räumen des ehemaligen Oberkommandos des Heeres war die Kommandozentrale des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 mit Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg und einer Reihe seiner Mitverschwörer. Mehrere von ihnen wurden nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler in der Wolfsschanze und dem erzwungenen Selbstmord von General Ludwig Beck auf dem heutigen Ehrenhof des Gebäudes erschossen. Seit langem ist in diesem Block die Gedenkstätte „Deutscher Widerstand“ untergebracht. 222 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Eigentlich ein Ereignis von nationaler Bedeutung, möchte man meinen, wenn Regierungsinstanzen umziehen oder zweite Dienstsitze einrichten. Doch für Rühe bedeutsam genug, auch auf die internationalen Verflechtungen und Verpflichtungen Deutschlands hinzuweisen. Als demokratische und wohlhabende Nation und als Mitglied im Bündnis mit demokratischen Staaten gebe es die Pflicht zur Solidarität, „so wie wir selbst jahrzehntelang die Solidarität anderer genossen haben“. Rühe: Große Herausforderungen vor uns Die Bundeswehr steht heute vor der größten Herausforderung ihrer Geschichte. Sie wird um fast die Hälfte reduziert, auf dem gesamten Territorium des vereinten Deutschlands neu verteilt, völlig umstrukturiert und auf die neuen Aufgaben in der Völkergemeinschaft vorbereitet. Das betonte Bundesverteidigungsminister Volker Rühe auf einer Veranstaltung der Berliner CDU. „Das alles gleichzeitig, in kurzer Zeit und unter Sparzwang.“ Für ihre Einsatzfähigkeit und ihre Leistungsfähigkeit, aber auch für den Mut und die Disziplin, mit denen sich die deutschen Streitkräfte diesen Herausforderungen stellen, verdienen sie großen Respekt, erklärte er. Zudem sei die Bundeswehr „Schrittmacher der inneren Einheit. Die Soldaten und die zivilen Mitarbeiter reden nicht nur darüber, sie praktizieren das täglich.“ Bei seinen Besuchen in Ostdeutschland sehe er die Fortschritte regelrecht wachsen. „Die große, herzliche Anteilnahme der Bevölkerung an den Gelöbnissen ist für mich immer wieder eine Erfahrung, die Mut und Zuversicht gibt. In den Garnisonen herrscht Aufbruchstimmung. Der Wille, gemeinsam eine große Aufgabe zu meistern, ist deutlich spürbar.“ Rühe: „Wir machen ernst damit, die Teilung durch Teilen zu überwinden.“ Obwohl man eisern sparen müsse, werde viel Geld eingesetzt, um die Lebensumstände der Soldaten und ihrer Familien in den neuen Bundesländern zu verbessern. „Wir schließen Kasernen, Flugplätze und zentrale Einrichtungen im Westen und gehen in den Osten. Wir schließen die Heeresoffiziersschule in Hannover und gehen nach Dresden. Jeder junge Offiziersanwärter wird dann dort einige Monate dienen und leben.“ Dieses Vorgehen der Bundeswehr sollte Modellcharakter haben: „Nur so lernen alle das ganze Deutschland kennen; nur so kann die Einheit in den Köpfen und Herzen weiter wachsen.“ Deutschland müsse aber auch Mitverantwortung für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt übernehmen. Es werde nicht abseits stehen, „wenn Bündnispartner oder die Völkergemeinschaft unsere Hilfe und Unterstützung brauchen“. In Berlin als deutscher Hauptstadt habe die Bundeswehr im Bendlerblock ein Zeichen gesetzt. Auf Dauer werde dieses traditionsreiche Gebäude die politische Leitung und die oberste militärische Führung aufnehmen. Für ihn sei das mehr als ein Symbol. 223 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Berlin sei stolz auf die Soldaten der Bundeswehr, entgegnete der CDU-Landesvorsitzende und Regierende Bürgermeister, Eberhard Diepgen. Er verwies darauf, dass die Verteidigungspolitik der Bundesrepublik nach den politischen Umwandlungen in Europa und der Wiedervereinigung Deutschlands „neue Inhalte“ erhielt. Dabei habe sich die Bundeswehr „neuen Aufgaben zu stellen, die eng mit der neuen Rolle Deutschlands in der internationalen Politik im Zusammenhang stehen“. (1993) Kommandierende Generale in Berlin Nun haben auch die Kommandierenden Generale der Bundeswehr in Berlin Flagge gezeigt. Erstmals kamen die höchsten militärischen Verantwortlichen zu einer Arbeitsberatung in die deutsche Hauptstadt, um Auswirkungen und Konsequenzen aus dem neuen Auftrag der Bundeswehr nach dem Ende des Ost-West-Konflikts sowie mit den internationalen Verpflichtungen zu erörtern. Im Bendlerblock, dem Berliner Dienstsitz des Bundesverteidigungsministers, ehrten sie die Helden des 20. Juli 1944. In einer Zeit wichtiger politischer Entscheidungen befassten sich die Generale und Admirale mit der Umorientierung bei Heer, Luftwaffe und Marine. In jenem historischen Gebäude ging es um Einzelheiten des tiefgreifenden Umbaus der Bundeswehr, der nach Auffassung von Generalinspekteur Klaus Naumann „einem Neuaufbau gleicht“. Bei diesem wichtigen Treffen, resümierte Naumann nach der Zusammenkunft in seiner bekannten Sachlichkeit, standen die „allgemeine Situation, die Weiterentwicklung der Allianz und der Westeuropäischen Union sowie der aktuelle Sachstand der Weiterentwicklung der Bundeswehr“ im Mittelpunkt. Es habe sich „um eine Sachstandsunterrichtung über Dinge gehandelt, die im laufenden politischen Prozess sind“. Denn die Kommandierenden Generale müssten wissen, „wo wir im Diskussionsprozess gegenwärtig stehen, damit sie die Entscheidungen auch richtig einordnen können; damit sie auch wissen, wie es weitergeht“. Auf das breite Aufgabenspektrum der Bundeswehr angesprochen, nannte er als Beispiel der konzeptionellen Überlegungen die Krisenreaktionskräfte. Diese sollen so gestaltet werden, „dass die ersten Kräfte zwischen zwei und sieben Tagen nach einer politischen Entscheidung verlegebereit sind und die Masse der Soldaten zwischen 15 und 30 Tagen. Das ist eine völlig neue Dimension für die Streitkräfte.“ Dies bedeute nicht nur „eine neue Logistik, sondern auch eine neue Ausbildung in der Bundeswehr“. Dieses Treffen sollte aber auch zeigen, „dass wir im Verteidigungsministerium die Funktion der Hauptstadt Berlin ernst nehmen und in die Tat umsetzen. Denn bisher sind all diese Besprechungen in Bonn gewesen.“ Auch wenn die Berliner Zusammenkunft mit einem nicht unerheblichen Aufwand verbunden war, so müsste doch klar sein: „Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands“. 224 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Der Abschluss der Beratung im Bendlerblock war ergreifend: Im Ehrenhof würdigten die hohen Bundeswehr-Soldaten Oberst von Stauffenberg und seine Weggefährten, die nach dem gescheiterten Attentatsversuch hier erschossen worden waren. „Wir gedenken der Kameraden, die hier vor fast 50 Jahren für Deutschland gestorben sind“, sagte Naumann. Die Bronzefigur eines jungen Mannes mit gebundenen Händen sowie Inschriften im Ehrenhof erinnern an jenen militärischen Widerstand, dem sich die Bundeswehr als Armee des demokratischen und vereinigten Deutschlands zutiefst verpflichtet fühlt. (1994) Truppenbesuch des Regierenden Bürgermeisters Fast drei Jahre nach der Wiederherstellung der Einheit Deutschlands hatten die meisten zentralen und örtlichen Dienststellen der Bundeswehr in Berlin ihre endgültigen Standorte bezogen. Die Normalität in der wiedervereinigten Stadt machte nun auch um die Bundeswehr keinen Bogen. Was in anderen Bundesländern schon lange üblich und selbstverständlich ist, praktizierte nun auch Eberhard Diepgen: Als erster Regierender Bürgermeister stattete er dem damals einzigen Kampftruppenverband der Hauptstadt, dem Jägerbataillon 581, einen offiziellen Truppenbesuch ab. Hier dienten Wehrpflichtige aus Sachsen und Berlin mit Mitstreitern aus Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. Ursprünglich ging der Truppenteil aus NVA-Wachregimentern hervor und kam aus Berlin-Treptow hierher. Es war in der Tat ein historischer Augenblick, als ein Ehrenzug von Infanteristen den Landeschef auf Berliner Territorium mit militärischem Zeremoniell begrüßte. Die Soldaten zeigten sich im Großen Dienstanzug. Ein Trommler wirbelte den „Generalsmarsch“. Ob Diepgen in dieser Minute daran zurückdachte, dass einst Offiziere der Bundeswehr, natürlich in zivil und gewissermaßen inoffiziell, in der geteilten Stadt an mancher Veranstaltung im Reichstags-Gebäude teilgenommen hatten? Oder an die Zeit, als viele wehrpflichtige junge Bundesbürger nach West-Berlin mit seinem besonderen Militärstatus gezogen sind, um nicht zum Bund einberufen zu werden? Dennoch unvergessen: Jahrzehntelang haben die Berliner Bürger im Vorposten der westlichen Welt ausgehalten. Berlin hat derzeit „schon mehr Truppen, als allgemein bekannt“. So begann der Divisionskommandeur und Befehlshaber im Wehrbereich, Generalmajor Ruprecht Haasler, seine Erläuterungen zur „Lage“. Alles in allem sind es bereits 2 150 Soldaten, erfuhr der Gast. Die 800 Berliner Infanteristen gehörten zur 3 000 Mann starken Heimatschutzbrigade 42 „Brandenburg“ im benachbarten Potsdam. Diepgen wurde dann insbesondere über den Dienst und das Leben „seiner“ Soldaten informiert. Sie waren in der Blücher-Kaserne stationiert, die seit 1993 den Namen des Generalfeldmarschalls trägt. In den ehemals Montgomery Barracks hatten vorher britische Alliierte ihr Quartier. Vier der fünf Kompaniechefs im einzigen Kampfverband der Stadt dienten einst in einem der beiden Wachregimenter der NVA. Der Umzug aus Ost-Berlin hierher mit eigenen Kräften und Mitteln verlief problemlos. Die Einheiten übten in einem Areal der fünf Kilometer entfernten Döberitzer Heide (Bundesland Brandenburg), einem 225 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet ehemals russischen Ausbildungsgelände, das heute ein Naturschutzgebiet ist. Mit Rücksicht auf die Anwohner wurde auf das Schießen verzichtet. Was die Berliner Truppen alles so können, erlebte der „Regierende“ dann an der Hindernisbahn mit Nahkampfausbildung. Kräftige sportliche junge Männer samt Ausbilder zeigten, dass sie den militärischen Dienst sehr ernst nehmen und die keinesfalls leichten Übungselemente sicher beherrschen. In der „schweren Kompanie“ des Bataillons bestimmten Mörser, Feldkanonen und Panzerabwehrwaffen das Erscheinungsbild. Die drei leichten Feldjägerkompanien verfügen jeweils über den Waffen-Mix mit Maschinengewehr, Gewehr G3, Granatpistole und Panzerfaust. Auf die Motive ihres Handelns angesprochen, entgegnete ein 21-jähriger Obergefreiter aus Marzahn: „Verteidigung muss sein, zumal die Sicherheitslage trotz Abrüstung und internationaler Entspannung eher komplizierter geworden ist.“ Als sich Diepgen bei den jungen Leuten auch nach „Sorgen und Nöten“ erkundigte, kam nahezu einhellig die Antwort: „Keine Probleme“. Auch einen persönlichen Tipp wolle er gern mitnehmen, meinte der Gast, zumal er aufgrund der besonderen Lage Berlins „zwar für die Polizeireserve ausgebildet war, in der Vergangenheit aber mit Militär nichts zu tun hatte“. Als die Antwort: „Jetzt drei Monate Grundausbildung!“ aus dem Mund eines Wehrpflichtigen kam, lachte auch der Regierende Bürgermeister. Er ist wie ich „Jahrgang 1941“. Ein Kriegskind also und als solches nun nicht mehr für den Wehrdienst geeignet. Der CDU-Politiker führte weitere Gespräche, besichtigte Unterkünfte sowie auch einen Kindergarten im Kasernengelände. Dieser wurde aus öffentlichen Mitteln, Spenden und Mitgliedsbeiträgen finanziert. Die Einrichtung in einem ehemaligen Gebäude der Briten brachte die Familien von Bundeswehrangehörigen und zivilen Anwohnern näher zu ei nander. Dazu trugen auch regelmäßige gemeinsame Sportveranstaltungen bei. Da die neuen Militärs ihren Dienst ohne Kettenfahrzeuge versehen und in den engen Stra- ßen im Südwestzipfel Berlins auch wegen der Lärmbelästigung nur mit Tempo 30 fahren, gibt es hier „ein gutes Einvernehmen“, berichtete Kommandeur Oberstleutnant Franz Josef Paulus. „Berlin und Bundeswehr gehören zusammen“, sagte mir Diepgen zum Abschluss. Diese Normalität müsse von uns allen „jetzt richtig demonstriert werden“. Gerade sein erster Truppenbesuch bei der Bundeswehr zeige, „welche gravierenden, auch faszinierenden und bedeutenden Veränderungen es in der letzten Zeit in der Stadt gegeben hat“. Nachtrag: Im Zuge des Strukturwandels in der Bundeswehr wurde das Berliner Jägerbataillon 2002 aufgelöst. 226 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Berliner Bundeswehrkrankenhaus mit Tradition Das Bundeswehrkrankenhaus Berlin, eine moderne Klinik im Zentrum der deutschen Hauptstadt, kann auf eine lange Tradition zurückblicken. Am 23. August 1853 war das Hospital, auf Befehl des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV. als Garnisonslazarett erbaut, seiner Bestimmung übergeben worden. In seiner wechselvollen Geschichte diente die Einrichtung bis Ende des Ersten Weltkrieges als Militärkrankenhaus. Zwischen 1920 und 1990 war hier ein Polizeikrankenhaus, das einst dem preußischen und ab 1949 dem DDR-Innenminister unterstand. Kurz vor der Wiedervereinigung kam es in die Hände des ostdeutschen Verteidigungsministeriums. Am 3. Oktober 1990 übernahm die Bundeswehr dieses traditionsreiche Krankenhaus. Seither ist das Haus in der Scharnhorststraße wieder eine Stätte der medizinischen Behandlung und Begutachtung von Soldaten. Obwohl es sich hier um eine der insgesamt 14 bundeswehreigenen Krankenanstalten handelt, auch mit einer Ausbildungseinrichtung vom Sanitätsdienst und der Versorgungseinrichtung für Sanitätsmaterial, steht sie in erheblichem Umfang den Berlinern offen. Allein 170 der 370 Betten wurden vom Land Berlin als sogenannte Zivil-Betten ausgewiesen. Damit können auch zivile Kassen- und Privatpatienten das Leistungsangebot des Militärkrankenhauses von der Computertomographie bis zur „Knopfloch“-Chirurgie nutzen. Vielfältige Verbindungen bestehen als akademisches Lehrkrankenhaus zur benachbarten Charité. Das fördert vor allem den wissenschaftlichen Austausch zwischen den Ärzten beider Häuser. Vorbild in deren Arbeit sind solche berühmten Ärzte aus der Charité-Geschichte wie Rudolf Virchow, Robert Koch oder Ferdinand Sauerbruch. Und so ist es nicht verwunderlich, wenn die Partner einer „kameradschaftlichen Zusammenarbeit“ vom Senat über die Bezirksämter bis zu benachbarten medizinischen Einrichtungen reichen. Das meint Oberstarzt Dr. Peter-Klaus Witkowski, der hier seit 1993 die Führungsverantwortung trägt. „Wir sind in Berlin-Mitte zu Hause und passen mit unserem Fachangebot, allerdings ohne Frauen- und Kinderheilkunde, gut in die ‚Landschaft‘.“ Noch kommen derzeit mehr Patienten aus dem Osten Berlins, doch sicher werde sich mit der wachsenden Bekanntheit des Bundeswehrkrankenhauses Berlin auch die Nachfrage im Westteil erhöhen. 227 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Naturgemäß hat in dieser zentralen Sanitätseinrichtung die Betreuung der Soldaten einen vorrangigen Platz. Und mit dem Ende der Ost-West-Konfrontation sowie den Planungen für die Krisenintervention im Rahmen der Nato, aber auch für Missionen anderer internationaler Organisationen, bedarf es eines Sanitätsdienstes, der auch im Ausland die moderne Rettungs- und Hochleistungsmedizin sichert, „wie sie unsere Kameraden in der Bundesrepublik gewohnt sind“, erläutert der Chefarzt. „Das Sanitätspersonal für solche Missionen muss dort ausgebildet und in Übung gehalten werden, wo schon im Friedensbetrieb vergleichbare Anforderungen zu stellen sind.“ Dieser Idee, nach künftiger Bundeswehrstruktur und neuen Sanitätsdienstaufgaben den modernen medizinischen Leistungsstandard „jederzeit und an jedem Ort“ sicherzustellen, kann die Berliner Einrichtung in wachsendem Maße entsprechen. Die etwa 700 Mitarbeiter, darunter fast 100 Militärärzte aus Ost und West, garantieren eine interdisziplinäre Patientenversorgung. „Sie kenne ich aus dem Fernsehen.“ Mit diesen Worten empfing eine 82-jährige Dame aus Reinickendorf im Zimmer 19 eine ihr vom Bild her vertraute Persönlichkeit. Auf dessen Namen kam sie aber nicht so schnell. Der Mann an der Seite von Dr. Witkowski stellte sich vor: „Volker Rühe, Verteidigungsminister.“ Und prompt fiel es ihr wieder ein. Ähnlich erging es ihrer 72 Jahre alten Zimmernachbarin aus Lichtenberg, als sich der „oberste Chef “ auch dieser militärischen Einrichtung nach ihrem Wohlbefinden erkundigte. Beiden Patientinnen, denen Bundeswehrärzte ein neues Hüftgelenk eingesetzt hatten, ging es gut, meinten sie übereinstimmend und lobten nicht nur die Medizinerkunst, sondern ebenso die „angenehme Atmosphäre“ in diesem Haus in der Scharnhorststraße. Der Minister sprach natürlich auch mit Soldaten, die hier oft nach Sportunfällen behandelt werden. Die jungen Männer erkannten ihn natürlich sofort und diskutierten mit ihm über Dienst und Freizeit. „Der Patient ist der Mittelpunkt unserer Tätigkeit.“ Dieses Credo vom Chefarzt hörte der Minister wiederholt während seines Rundgangs und vor allem bei einem Treffen mit Ärzten, Schwestern und Pflegepersonal. In vielen Räumen hielt nach den bis 1994 verbauten 35 Millionen DM zwar der westliche Standard schon Einzug. Aber noch „atmete“ das Haus an manchen Stellen „DDR-Flair“. Das bedeutete, dass sanierungsbedürftige Bedingungen die Arbeit und die Genesung erschwerten. Deshalb war ein zügiger weiterer Ausbau des Krankenhauses, was die Infrastruktur und die Funktionsbereiche anbelangte, das nächste Ziel. Bis zum Beginn des Regierungsumzuges sollte es „in wesentlichen Teilen modernes westliches Niveau“ verkörpern, meinte Oberstarzt Witkowski, „damit wir als konkurrenzfähige Anbieter mit den medizinischen Leistungen in Berlin bestehen können“. Auch galt es, den Bereich der Notfallmedizin vom Notarztwagen über eine moderne Notfallaufnahme bis zur interdisziplinären Betreuung einzurichten. 228 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Doch der Blick der Verantwortlichen dieser Einrichtung ging zu diesem Zeitpunkt schon über die Landesgrenzen hinaus. So wurde eine Anbindung an die medizinische Versorgung von Krisenreaktionskräften im Rahmen der Nato oder supranationalen Organisationen wie der UNO angestrebt. Ständiger fachlicher Austausch sollte durch das Sich-in- Übung-Halten des dort eingesetzten Fachpersonals ergänzt werden, um aus dem Frieden heraus im Einsatzland die moderne Rettungs- und Hochleistungsmedizin zu repräsentieren, wie sie die Soldaten in der Heimat gewohnt sind. Abschließend äußerte sich Rühe sehr zufrieden über „die großartige Aufbauarbeit, die zum Teil unter schwierigen Bedingungen geleistet wird“. Auch den Patienten brachte dieser Besuch ein nicht alltägliches Erlebnis – alle „Dienstgrade“, vom Oberarzt bis zum Pfleger, trugen während des Ministerbesuchs ihre Uniform und meldeten streng militärisch. Und so waren nicht nur die beiden älteren Damen von den Bundeswehrangehörigen „entzückt, die uns so liebevoll betreuen und die wir sonst nur im weißen Kittel sehen“. Der Sanitätsdienst der Bundeswehr, der vom Medizinischen Dienst der NVA Sanitätsmaterial im Wert von zirka 1,2 Milliarden Mark übernahm und dieses vorwiegend für humanitäre Zwecke bereit stellte, bemühte sich zu dieser Zeit nicht nur um solche medizinische „Leuchttürme“ wie die Bundeswehrkrankenhäuser in Berlin und Leipzig oder um die Fachzentren in Ueckermünde, Neustadt-Glewe und Gotha. (1994) Abgeordnete besuchen Truppe in Berlin Berlin ist auch bei der Bundeswehr zu einer „ersten Adresse“ geworden, wenn man sich über den Soldatenalltag informieren will. Für Abgeordnete des Deutschen Bundestages aus den neuen Ländern Anlass, sich vor Ort über die Truppen im Osten allgemein und speziell über Berlins Einheiten und Dienststellen ein Bild zu machen. Obwohl 40 Jahre Bundeswehr und fünf Jahre gesamtdeutsche Streitkräfte anstehen, nutzten Vertreter von CDU, SPD und FDP die Möglichkeit, ihre Kenntnisse über die Streitkräfte zu vertiefen. Rede und Antwort, auch zur Umstrukturierung, standen die Kommandeure Generalleutnant Spiering (IV. Korps), Generalmajor Höche (3. Luftwaffendivision) und Kapitän zur See Leder (Marine-Abschnittskommando Ost) sowie der Präsident der Wehrbereichsverwaltung VII, Johanny. Das Interesse an sicherheitspolitischer Information war groß. So erfuhren die Volksvertreter, dass künftig beim Heer diesseits und jenseits der Elbe Truppenteile unter einem Kommando stehen und auch in Ostdeutschland Fallschirmjäger und Gebirgsjäger dienen werden. Mit den Stationierungsschwerpunkten Rostock und Stralsund zieht im Abschnittskommando Ost immer mehr „Marinenormalität“ ein. Trotz aller Anstrengungen und hoher Motivation der am Aufbau Ost Beteiligten konnte die Neuausrichtung der Luftwaffe in den fünf neuen Ländern jedoch noch nicht abgeschlossen werden. Was allerdings das NVA-Erbe betrifft, so wurden bisher für 40 000 Tonnen Altlastentsorgung etwa 170 Millionen Mark eingesetzt. 229 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Nachdem Berlins Jägertruppe unter Oberstleutnant Josef Blotz Elemente gefechtsnaher Ausbildung vorgeführt und sich die Gäste mit den Soldaten zu Gesprächen beim Biwak getroffen hatten, äußerten Mitglieder des Bundestages ihre Eindrücke. So Christine Kurzhals (SPD) aus Sachsen: „Es war heute ein sehr konstruktives Gespräch. Auf all die Fragen, die wir als Abgeordnete hatten, ist in einer guten Atmosphäre geantwortet worden. Ich war angenehm überrascht. Ich hoffe, dass die Kontakte weiter bestehen bleiben, auch wenn ich nicht dem Verteidigungsausschuss angehöre. Ich kannte bisher nur die NVA, weil mein Sohn dort gezogen worden war, und möchte sagen – ein himmelweiter Unterschied.“ Für den Berliner Klaus Röhl (FDP) „gehört die Bundeswehr zu den Institutionen im neuen, gemeinsamen Deutschland, die für den Einigungsprozess am meisten geleistet haben. Es ist wirklich erstaunens- und bewundernswert, wie es gelang, zwei doch so unterschiedliche Truppen zusammenzuführen. Es gab ja nicht nur technische, logistische und militärische Probleme, sondern auch menschliche. Vor allem bei ehemaligen NVA-Offizieren. Sie hatten sich von einer vollkommen anderen Grundauffassung vom Staat und von seiner Ideologie zu einer demokratischen Wehrpflichtarmee umzuorientieren – mit einem Rechtssystem und allem, was damit zusammenhängt.“ Beeindruckend ebenso, „was von der Bundeswehr für die Territorien geleistet wurde“. Staatssekretär Bernd Wilz (CDU) vom Bundesverteidigungsministerium, der die vorgesehenen Reduzierungen erläutert hatte, sagte: „Gerade die Parlamentarier haben ein Anrecht darauf zu sehen, wie sich die Bundeswehr entwickelt hat. Deshalb ist es bedeutsam zu erleben, wo wir heute stehen. Die Menschen in den neuen Bundesländern, wo etwa 50 000 Soldaten stationiert sind, wohin jährlich rund vier Milliarden Mark an Löhnen, Gehältern und Sachleistungen fließen, können volles Vertrauen in die Bundeswehr haben. Jeder kann erkennen, dass diese Armee etwas völlig anderes ist als die Nationale Volksarmee oder gar die russischen Streitkräfte. Die Bundeswehr ist die Armee der Einheit, sie schützt und hilft.“ Es war – das bestätigten auch andere Bundestagsabgeordnete – ein „erlebnisreicher Tag“ in der Julius-Leber-Kaserne. Noch vor einem halben Jahr war hier das „Quartier Napoleon“. „Und so wie einst Amerikaner, Briten und Franzosen pflegen auch unsere Soldaten heute einen engen, offenen und sehr freundlichen Kontakt zur Bevölkerung und zu Institutionen in der wiedervereinigten Stadt“, konnte Berlins Bundeswehrsprecher, Oberst Konrad Freytag, den Parlamentariern berichten. (1995) Bundesakademie für Sicherheitspolitik Ihr Standort, die etwa 400 Jahre alte Pankower Schlossanlage Niederschönhausen, hat eine wechselvolle Geschichte. Einst ein Lustschloss mit Rokoko-Garten, wo zwischen Eichen und Platanen auch seltene Bäume angepflanzt wurden, diente es nach dem Zweiten Weltkrieg im sowjetischen Sektor Berlins der DDR-Regierung und ihrem Präsidenten Wilhelm Pieck als Domizil. Danach bezogen hier im Gästehaus der Regierung die Parteichefs aller sozialistischen Staaten wie Michail Gorbatschow, Fidel Castro und Ho Chi Minh sowie Staatschefs anderer Länder, darunter Indira Gandhi, ihr Quartier. 230 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Auch hochrangige Militärdelegationen verhandelten in der Schlossanlage mit der NVA- Führung. Ein solches Ereignis war 1987 die Tagung des Komitees der Verteidigungsminister des Warschauer Vertrages unter sowjetischem Oberkommando, bei der erstmals die Abwehr eines feindlichen Angriffs in den Mittelpunkt der Überlegungen und militärischen Planungen gestellt wurde. Zum Ende der DDR berieten im Festsaal des Konferenzgebäudes die Teilnehmer vom Zentralen Runden Tisch im Rahmen der friedlichen Revolution als wesentliche demokratische Einrichtung bis zu den ersten freien Volkskammerwahlen 1990. Wie ich mich erinnere, konnten beide Beratungen nicht gegensätzlicher sein – 1987 eine geschlossene Gesellschaft unter der Regie sowjetischer Generale, die auch hier das Sagen hatten und jede Öffentlichkeit vermieden. Und ab 1990 in dieser Räumlichkeit eine Schule der Demokratie mit Bürgern und Bürgerbewegungen aus allen Lebensbereichen, deren Reden per Fernsehen in alle DDR-Haushalte übertragen wurden. Mit der Deutschen Einheit wurde das Schloss umfassend saniert und ist nun auch erstmals in seiner Geschichte öffentlich zugänglich. Heute ist hier der Sitz der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, selbständige Dienststelle im Geschäftsbereich des Bundesministeriums der Verteidigung. Ihren Auftrag erhält sie vom Bundessicherheitsrat als Kuratorium mit dem Vorsitz des Bundeskanzlers beziehungsweise der Bundeskanzlerin. Die Gründung der zentralen und höchsten Einrichtung des Bundes zur gemeinsamen und Ressort übergreifenden sicherheitspolitischen Fortbildung von Führungskräften war 1990 vom Bundeskabinett beschlossen worden. Die Teilnehmer dieser Weiterbildungsstätte kommen aus Bundes- und Länderressorts sowie dem sicherheitspolitisch interessierten Umfeld. 2013 stammten sie aus sieben Nationen. Ideelle und materielle Unterstützung der Bildungsarbeit erhält die Akademie von einem Freundeskreis e.V. Etwa 70 vielfältige Veranstaltungen, so Konferenzen und Foren, mit hohen Gesprächspartnern aus dem In- und Ausland bieten Informationen und den Dialog über den umfassenden Sicherheitsbegriff. Also von außen- und entwicklungspolitischen Aspekten über Fragen des Staats- und Völkerrechts bis zu finanz- und wirtschaftspolitischen Überlegungen unter diesem Gesichtspunkt. Großes Interesse finden Veranstaltungsformate wie Seminare über „Gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge“ oder das Medienforum für Chefredakteure. Der Schwerpunkt der Weiterbildung liegt auf dem alljährlichen Seminar für Sicherheitspolitik mit etwa 30 ausgewählten Vertretern von Führungsebenen, auch aus Wirtschaft, Wissenschaft und weiteren relevanten Institutionen. Auf dem sechsmonatigen Fortbildungsprogramm stehen sowohl Gespräche mit Ministern und Staatssekretären als auch namhaften Experten aus der Praxis. Studienreisen führen zu wichtigen politischen und militärischen Entscheidungszentren nach Brüssel (Nato), New York (UNO), Washington und Moskau. Die Einladung zu diesem Seminar erfolgt durch den Chef des Bundeskanzleramtes oder den Akademiepräsidenten. 231 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Seit 2005 erarbeiten die Teilnehmer eine Abhandlung als „Seminarübergreifende Aufgabe“ zu einer spezifischen sicherheitspolitischen Fragestellung. Themen waren beispielsweise „Europäische Sicherheit und Russland – Optionen aus deutscher Sicht“ und „Impulse zur Entwicklung einer nationalen Sicherheitsstrategie“. Doch nicht nur die wunderschönen historischen Anlagen aus dem „Nydderen Schonhusen“, 1375 erstmalig urkundlich erwähnt, und der handlungsorientierte Gedankenaustausch bleiben den Absolventen in bester Erinnerung. Auch ein Gruppenbild mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Mitte gehörte für die Seminarteilnehmer 2008 zu den unvergessenen Erlebnissen, als sie anlässlich der Vorstellung der Seminarübergreifenden Aufgabe „Energiesicherheit 2050 – Eine ressortübergreifende Herausforderung“ ihre Gäste waren. Feldjäger-Chef – ein Junge von der Spree So manchen Alt-Bundesbürger zog es einst nach West-Berlin, um dem Wehrdienst und dem Bund überhaupt zu entgehen. Hier, in der geteilten Stadt, hatten nämlich die Alliierten Mächte das Sagen. Aber es gab auch nicht wenige West-Berliner, die verlegten ihren Wohnsitz wegen der Bundeswehr in umgekehrte Richtung – in die Bundesrepublik. Einer von ihnen war Andreas Schummert aus Steglitz. Mit der Bundeswehr kehrte er nach der Wiedervereinigung in seine Heimatstadt zurück. Er war inzwischen Hauptmann und Diplom-Pädagoge, zudem glücklich verheiratet und Vater eines Kindes. Der 31-Jährige hat es in seinen 13 Jahren seit Studienbeginn an der Bundeswehr-Universität und abschließend als Offizier in Hamburg, Heide/Holstein, Munster, Potsdam und Berlin jetzt zum Chef gebracht: Zum Jahreswechsel übernahm Schummert in der Kaserne Rummelsburg, wo vorher ein Regiment der DDR-Grenztruppen untergebracht war, die Feldjägerkompanie. Seine Einheit, 1991 aufgestellt und als Militärpolizei der Bundeswehr für das gesamte Stadtgebiet zuständig, untersteht jetzt direkt dem Feldjägerbataillon 900 in Bonn. Damit wird sie verstärkt Aufgaben übernehmen, die sich aus dem häufigen protokollarischen Einsatz der Bundeswehr in der Hauptstadt ergeben. So bei Eskortefahrten mit Verteidigungsministern oder hohen Militärs aus dem Ausland. Viel öfter sind die Bundeswehrangehörigen mit dem weißen Koppelzeug, der Armbinde und dem roten Barett im „Alltag“ der Hauptstadt zu erleben. Eine der wichtigsten Aufgaben der 120 Feldjäger unter Hauptmann Schummert ist der militärische Verkehrs- und Ordnungsdienst. Dessen Angehörige kontrollieren Fahrzeuge der Streitkräfte, begleiten Märsche von Einheiten oder sind als Streifendienst unterwegs. Die Berliner Feldjäger haben großen Anteil daran, dass bisher der Abzug der russischen Truppen aus dem östlichen Teil der Stadt, wo sie seit Ende des Zweiten Weltkrieges vor allem in Karlshorst in Kasernen und damals konfiszierten Villen deutscher Bürger untergebracht waren, samt der Kampftechnik ohne jegliche Verkehrsprobleme vor sich ging. 232 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Keinen leichten Aufgabenbereich sehen die Feldjäger im Schutz der Bundeswehrangehörigen vor Angriffen, aber auch bei der Suche nach flüchtigen Soldaten und Neueinberufenen. Zurzeit stehen auf der Fahndungsliste dieser Einheit etwa 60 junge Leute, die sich eigenmächtig von der Truppe entfernt haben oder ihrer Einberufung nicht nachgekommen sind. Meist in Zivil wird dann am Aufenthaltsort der Gesuchten ermittelt. Sind diese gefunden, werden sie in die Kaserne gebracht und von Angehörigen der zuständigen Einheit zur Klärung der Umstände abgeholt. Bei all diesen Nachforschungen gab es bisher noch keine Inhaftierung. Die Feldjäger verfügen nicht nur über eine gute sportliche und militärische Ausbildung. Sie mussten sich in der Spezialschule der Bundeswehr in Sonthofen fundierte Rechtskenntnisse erwerben. Obwohl dem Heer zugehörig, sind sie generell für alle Teilstreitkräfte in einer Art „Vorgesetztenfunktion“. „Unsere Waffengattung hat eine 250-jährige Tradition und geht auf das Königlich Preußische Reitende Feldjägerkorps zurück“, meint Schummert. „Aber heute sind nicht nur ‚treue Leute von gutem Verstande‘ gefragt, wie das einst hieß.“ Sicher gebe es wie damals hohe Anforderungen an körperliche Ausdauer, Findigkeit und Charakterfestigkeit. Doch bei einer Armee in der Demokratie und Freiheit gehe es in erster Linie um den Bürger in Uniform. Allein das bestimme die Rechtsstellung und die Befugnisse der Feldjäger. Seine bisherigen Berufserfahrungen zeigten, dass eine enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit allen Einheiten im Einsatzraum, mit den Polizeidienststellen und nicht zuletzt mit den Familienangehörigen der Soldaten „ein gutes Unterpfand für unsere Tätigkeit im Sinne des Soldatengesetzes und der Wehrdisziplinarordnung ist“. (1994) Symbolvolle Ehrung für Julius Leber Die Bundeswehr hat im Berlin erneut ein bewusstes Zeichen ihrer Tradition gesetzt: Nachdem der Bundesverteidigungsminister seinen zweiten Dienstsitz im Bendlerblock bezog, wo Männer des 20. Juli 1944 um Oberst Graf von Stauffenberg ermordet worden waren, gibt es mit dem verpflichtenden Namen Julius-Leber-Kaserne eine weitere dauerhafte, symbolvolle Ehrung der deutschen Streitkräfte für eine führende Persönlichkeit des Widerstands gegen Hitler. Im „Quartier Napoleon“, bis vor wenigen Monaten noch Hauptquartier der französischen Alliierten im Norden der Stadt, ehrten sie den sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten am 50. Jahrestag seiner Hinrichtung. Der Soldat, Demokrat und Widerstandskämpfer hinterließ Deutschland ein großes Vermächtnis. Das erklärte Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt (SPD) auf dem Festakt des Bundesverteidigungsministeriums. Mit Recht könne der Leutnant der Reserve aus dem Ersten Weltkrieg und SPD-Wehrexperte, der sich leidenschaftlich für das Prinzip des Staatsbürgers in Uniform eingesetzt hatte, als einer der „geistigen Väter der Inneren Führung“ der heutigen Streitkräfte angesehen werden. 233 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet In „sehr bewusster Nachfolge“ Lebers hätte er sich mit anderen Sozialdemokraten zur jungen Bundeswehr bekannt, um „Gesellschaft, Staat und Streitkräfte ineinander zu integrieren“. Schmidt, auch Ex-Verteidigungsminister, machte den Bundeswehr-Angehörigen von heute ein Kompliment: Mit „Genugtuung und Respekt“ habe er „beobachtet, wie Sie die Vereinigung zwischen Soldaten der NVA und Soldaten der Bundeswehr bewältigten“. Für Verteidigungsminister Rühe stellt sich die Bundeswehr „der ganzen deutschen Geschichte und nimmt sie mit ihren Höhen und Tiefen an. Aber wir haben die Pflicht, uns mit der Vergangenheit kritisch auseinanderzusetzen und die richtigen Lehren zu ziehen.“ Im Sinne Lebers sei der Soldat der Bundeswehr bereit, „sein Vaterland zu schützen und den Frieden zu sichern; er steht ein für unsere Verfassung; und er übernimmt Mitverantwortung für die Freiheit und Würde anderer.“ Das Ethos des deutschen Widerstands präge das Selbstverständnis der Bundeswehr. „Es verbindet sich mit den vielen Beispielen menschlicher Größe und soldatischer Bewährung in allen Epochen der deutschen Militärgeschichte, die ehrenhaft und tapfer waren. So hätte es auch Julius Leber gesehen.“ An den Führer der Sozialdemokratie, der von den Nazis am 5. Januar 1945 in Plötzensee hingerichtet wurde, erinnert künftig nicht nur der Kasernenname. Ein Gedenkstein mit metallener Tafel gibt die Lebensdaten des 1891 Geborenen und das Credo des wehrhaften Demokraten aus seiner Reichstagsrede vom 17. Juni 1929 wieder: „Wir wollen aus dem Soldaten einen Staatsbürger machen, der bereit ist, für seinen Staat, den er kennt und liebt, seine Pflicht zu tun, eventuell sein Leben hinzugeben.“ Minister Rühe, Altbundeskanzler Schmidt und Tochter Katharina Christiansen-Leber ehrten Julius Leber mit einer Kranzniederlegung. Ein Ehrenbataillon präsentierte das Gewehr. Weitere persönliche Gegenstände, wie der Schreibtisch Lebers, und eine Totenmaske Napoleons, den der Elsässer immer verehrt hat, werden den Soldaten der Kaserne neben einer Wort-Bild-Dokumentation bei dem Vertraut machen mit ihrem „Namenspatron“ sehr dienlich sein. Besonders interessant – sein Wirken als Verschwörer an der Seite Stauffenbergs und bis zum Prozess 1944 vor dem Volksgerichtshof. Stets war er ein standhafter Patriot. Nach Meinung älterer Politiker, die an den Bundeswehr-Ehrungen teilnahmen, fehlte Leber beim Aufbau der deutschen Demokratie. Die weiträumige Kasernenanlage ist seit 1828 Militärgelände. Einst war hier ein Artillerieschießplatz, 1896 wurde die erste Kaserne errichtet. Nach Polizeieinheiten bezog eine Wehrmachts-Elitetruppe die Einrichtung. Am Ende des Zweiten Weltkrieges quartierte sich 1945 die Sowjetarmee ein, dann folgten Briten und schließlich Franzosen. 1994 zog die Bundeswehr mit dem Verteidigungsbezirkskommando 100, der Standortkommandantur, der Feldjägerkompanie, dem Standortsanitätszentrum und Truppenverwaltungen ein. Das Wachbataillon und das Stabsmusikkorps der Bundeswehr sowie weitere Truppenteile werden hier – direkt am Flughafen Tegel – ebenfalls stationiert. Nach Abschluss aller Verlegungen sind es etwa 8 000 Soldaten und Zivilbedienstete. 234 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Andrang beim „Tag der offenen Tür“ Was die befreundeten Alliierten in West-Berlin über Jahrzehnte mit ihren engen freundschaftlichen Kontakten zur Berliner Bevölkerung pflegten, setzten die Bundeswehr und das Bundesverteidigungsministerium nahezu nahtlos fort. Ob die Berliner nun aus dem Westen oder dem Osten der Hauptstadt stammten, spielte bei solchen Treffen keine Rolle. Man war bei den vielen offiziellen und inoffiziellen Gelegenheiten wie Gelöbnisse oder Großer Zapfenstreich, so mein Eindruck, in herzlichen Gesprächen verbunden. Ein Berliner würde sagen: Einfach auf Du und Du. Zu solch einer Gelegenheit lädt alljährlich das Verteidigungsministerium ein. Am Tag der offenen Tür der Bundesregierung, als „Einladung zum Staatsbesuch“ bundesweit proklamiert, kommen dann Besucher aus Nah und Fern. Oft verbinden Familien ihren geplanten Wochenend-Trip nach Berlin nicht nur mit einer Visite im Kanzleramt, sondern auch mit einem Abstecher in die Stauffenbergstraße. Und dort erleben sie jedes Mal, wie ebenfalls angekündigt, „Politik zum Anfassen“ und eine „abwechslungsreiches Programm aus Information und Unterhaltung“. Hier präsentieren sich dann an beiden Tagen die deutschen Streitkräfte und ihre Führung „en miniature“ der Öffentlichkeit. Auffällig, aber von den Gästen in der langen Warteschlange humorvoll zur Kenntnis genommen, sind die scharfen Eingangskontrollen. Etwa wie beim Einchecken auf dem Flughafen wachen hier Unteroffiziere darüber, dass Handys, Fotoapparate und andere Gegenstände mit den Besitzern nur unter ihren wachsamen Augen auf das Ministeriumsgelände gelangen. Wenn ich so an die vergangenen Jahre zurückdenke, hat sich diese Art von Kontrolle, bei der man nur den Personalausweis und noch nicht einmal meinen Presseausweis akzeptierte, auch der internationalen Gefahrenlage angepasst. Obwohl doch viele Besucher Soldaten in Zivil oder Reservisten waren, wie ich beim Plausch mit den ebenfalls wartenden Nachbarn entnehmen konnte. Gemeinsam mit Frau und Kindern wollten sie einmal eine andere Waffengattung als die aus ihrer Dienstzeit kennen lernen, wurde mir erklärt. Auch wenn das vielleicht nicht so beabsichtigt ist: Als „Hauptdarsteller“ dieser Veranstaltung agiert alljährlich der Bundesminister der Verteidigung. Bei seinem Rundgang drückt er nicht nur vielen Soldaten, Beschäftigten und Gästen die Hand. Minister Thomas de Maizière (CDU) im hellen Sommeranzug war an diesem schönen Augusttag 2011 auch ein gefragter Gesprächspartner. Am Stand des Reservistenverbandes ließ er sich vom Präsidenten Gerd Höfer und Vizepräsidenten Jörg Furch über das Wirken der 117 000 Mitglieder informieren, die sich in ihrer Freizeit für die Streitkräfte und Sicherheitspolitik engagieren und sich mit den Angeboten des Verbandes militärisch, körperlich und geistig fit halten. Wofür ihnen der Minister „hohe Anerkennung“ zollte. Dass dann ein Reporter von der Reservisten-Zeitschrift „loyal“ die Gelegenheit zu einem kurzen Interview über aktuelle Entwicklungen in der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie vor allem über die neue Bundeswehrreform nutzte, zeigte doch, wie 235 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet sehr die aktuelle Meinung des Chefs über alle Teilstreitkräfte und die Wehrverwaltung gefragt ist. Selbstverständlich macht die Bundeswehr aus diesem Anlass die Gäste mit Teilen ihrer neuesten Technik vertraut. Dieses Mal waren es wieder ausgewählte militärische Fahrzeuge wie das geschützte Konvoi- und Patrouillenfahrzeug „Dingo“ und der Spähpanzer „Fennek“ als Hauptwaffensystem der Aufklärungstruppe des Heeres. Soldaten schilderten ihre Erfahrungen aus Afghanistan oder vom Balkan. Sie berichteten, dass sie sich trotz der überall lauernden Gefahren auf ihre Gefechtsfahrzeuge verlassen konnten. Eine ebensolche Aufmerksamkeit fand ein kleiner Roboter mit Kettenlaufwerk als ein winziges ferngesteuertes Kriegsgerät. Er dient dem Aufspüren von Sprengstoffen und anderen militärischen Routineaufgaben, um so das Leben der Soldaten zu schützen. Nach den Drohnen, den unbemannten Fluggeräten, die zur Aufklärung oder mit Waffen an Bord in internationalen Kampffeinsätzen verstärkt Verwendung finden, werden jetzt im Heer immer mehr Roboter wie mit flexiblem Greifarm und schwenkbaren Kameraaugen eingesetzt, konnte man hier erfahren. Keine Frage: Natürlich ist es besser, einem solchen maschinellen Helfer irgendeiner Gefahr auszusetzen als auch nur einen Bundeswehr-Soldaten. Diesen Tag der offenen Tür, bei dem man auch das Dienstzimmer des Ministers sowie das Ehrenmal der Bundeswehr besichtigen konnte, nutzten viele junge Leute, um mit dem „Arbeitgeber Bundeswehr“ einen ersten Kontakt aufzunehmen. Dazu standen ihnen für die Streitkräfte Wehrdienstberater und zivile Karriereberater für die Wehrverwaltung zur Ver- 236 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten fügung. Es ging dabei nicht nur um die Verdienstmöglichkeiten beim Bund, konnte man beim Zuhören erfahren. Auch der Familiennachwuchs kam hier auf seine Kosten. Der 11-jährige Nikolas Burkhardt zum Beispiel, dessen Eltern mit ihm aus Nürnberg extra zu dieser Veranstaltung angereist waren, strahlte über das ganze Gesicht, als er eines der zur Schau gestellten schweren Motorräder der Eskortenfahrer besteigen durfte. Umstehende klatschen Beifall oder zückten den Fotoapparat. „Das war toll“, berichtete er danach Mutti und Vati, die sich ebenso über die Gastfreundschaft der sonst so gestrengen Feldjäger freuten. Andere und etwas ältere Fans von solch blitzenden und PS-starken BMW-Maschinen mit Einmann-Sitzbank, Blaulicht und Einsatzhorn, die hohen Gästen der Bundesrepublik als Eskorte dienen, erkundigten sich schon mal bei dieser günstigen Gelegenheit, unter welchen Voraussetzungen man bei den Männern mit den „weißen Helmen“ in der Bundeswehr dienen kann. Nach vielen Ausbildungsstunden mit einer Fahrleistung von tausenden Kilometern vor dem Ehrengeleit besteht dann die Chance, zum Eskortenzug des Feldjägerbataillons zu gehören. Als Voraussetzung für Perfektion und Präzision in der kleinen militärischen Formation gelten jedoch Konzentrationsvermögen und Sicherheitsbewusstsein. Dennoch ist man aber ein Feldjäger. An anderer Stelle gab das Wachbataillon, das ebenfalls in der Julius-Leber-Kaserne untergebracht ist, einen Einblick in seine Ausbildung. Dazu hatte man das Drillteam in den Bendlerblock abkommandiert. Auch wenn die vorgeführten Waffengriffe wie das Jonglieren mit dem Gewehr und die Würfe der Waffe in die Luft für den Dienstalltag bedeutungslos sind, eigentlich nur einen Showeffekt haben, beeindruckte die Einheit mit ihren verschiedenen Exerzierformen. Beim abschließenden Vorbeimarsch klatschten die begeisterten Zuschauer Beifall. Und das Stabsmusikkorps setzte mit schmissigen Rhythmen die Unterhaltung der vielen Gäste fort. Beim Nachhausegehen sagte mir ein Gast aus Potsdam, dass ihm diese Präsentation „sehr gut gefallen“ und einen „prima Überblick über unsere Bundeswehr“ gegeben hat. Ganz nebenbei erwähnte er, „bei den Vorgängern hier im Osten“ gedient zu haben. Er meinte die NVA. Großer Zapfenstreich Zur Verabschiedung der Schutzmächte USA, Großbritannien und Frankreich fand am 8. September 1994 in der neuen Bundeshauptstadt vor dem Brandenburger Tor ein Gro- 237 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet ßer Zapfenstreich statt. Diese Würdigung vor dem hell erleuchteten monumentalen Bauwerk mit einer 200-jährigen Geschichte war mit dem Dank des souveränen Deutschlands für die Hilfe und Unterstützung der Verbündeten für Berlin in all den Jahrzehnten zuvor verbunden. Mit den Vereinbarungen des Zwei-plus-Vier-Vertrages vom 12. September 1990 hatte man auch den Abzug aller ausländischen Streitkräfte aus Berlin geregelt. Ohne ein solches Zeremoniell verabschiedete der Oberkommandierende der Westgruppe der russischen Truppen, Generaloberst Matwej Burlakow, seine Streitkräfte am 31. August 1994 mit einer Meldung an seinen Präsidenten Boris Jelzin. Zugegen war Bundeskanzler Helmut Kohl. Damit wurde auch der letzte „Schlussstrich“ unter den Zweiten Weltkrieg gezogen. Mit einem Großen Zapfenstreich galt eine weitere eindrucksvolle öffentliche Veranstaltung im Jahr darauf dem 50. Geburtstag der Bundeswehr. Das Jubiläum wurde am 26. Oktober 2005 zum ersten Mal vor dem Reichstag, dem Sitz des Deutschen Bundestages, begangen. Dieses Zeremoniell sollte an deren Geburtsstunde am 12. November 1955 erinnern. Damals erhielten die ersten 101 Freiwilligen anlässlich des 200. Geburtstages von Scharnhorst ihre Ernennungsurkunde ausgehändigt. Seit dem 1. April 1956 werden die westdeutschen Streitkräfte offiziell als „Bundeswehr“ bezeichnet. Schon drei Monate später wurde aus der Freiwilligen- eine Wehrpflichtarmee. In ihren Teilstreitkräften Heer, Luftwaffe und Marine leisteten sodann mehrere Millionen Männer ihren Beitrag zur Landesverteidigung und im Nato-Bündnis zur Erhaltung des Friedens in Europa. Soldatinnen kamen ab 1975 hinzu, zuerst im Sanitätsdienst und heute in allen militärischen Bereichen. Vor dem Parlamentsgebäude wollte die Bundeswehr mit der feierlichen Abendmusik deutlich machen, dass sie eine Parlamentsarmee ist und von den Abgeordneten des Deutschen Bundestages kontrolliert wird – also eine demokratisch verfasste und kontrollierte Streitmacht in einer freiheitlichen Gesellschaft. An der Spitze der zahlreichen Ehrengäste zu diesem Zeremoniell standen Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder. Unter den Klängen des Yorckschen Marsches eröffneten das Wachbataillon, das Musikkorps und das Stabsmusikkorps der Bundeswehr die Feierlichkeit. Zum Großen Dienstanzug trugen die Soldaten den Gefechtshelm. Schon zuvor hatte eine Begleitformation aus Fackelträgern, die sogenannte Perlenkette, auf der Westtreppe des Reichstages Aufstellung genommen und bildete im Hintergrund die Umrahmung des Großen Zapfenstreiches. Sodann begannen das Stabsmusikkorps aus Berlin und das Musikkorps aus Siegburg unter Leitung von Oberst Michael Schramm das Spiel. Jedes Mal wird die Musik der Serenade neu ausgesucht. Üblicherweise sind das drei Musikstücke, erfuhren die Gäste. Dann folgten Musik von Ludwig van Beethoven und mit der „Berliner Luft“ Klänge von Paul Linke. Intoniert wurde der „Marsch der Bundeswehr“ – ein Geburtstagsgeschenk des Komponisten Christoph Reichelt zu diesem Jubiläum. 238 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Danach erklang die Retraite. Ursprünglich waren das Trompetensignale der Kavallerie. Sie besteht aus vier Teilen, von Posaunen gestaltet. Dazwischen jedes Mal Pausen, bei denen völlige Ruhe herrscht. „Diese Stille ist ein wichtiger Bestandteil der Retraite“, berichtete ein Militärmusiker den Journalisten am Rande der Veranstaltung. Auf ein entsprechendes Kommando von Oberstleutnant Michael Matz stellten sich die Soldaten zum Gebet auf und nahmen dabei ihren Helm ab. Nach dem Kommando „Achtung, präsentiert das Gewehr!“ erklang die Nationalhymne. Es folgten die Abmeldung des Großen Zapfenstreichs und der Ausmarsch der Formationen unter weiteren militärischen Klängen. Ein eher schlichtes und doch sehr beeindruckendes Zeremoniell mit etwa 450 Soldaten ging nach etwa einer halben Stunde zu Ende. Ihm folgten seither weitere Große Zapfenstreiche in Berlin aus Anlass der Verabschiedung von Bundespräsidenten, Bundeskanzlern und Bundesverteidigungsministern. Mit der Übertragung im Fernsehen wurden zugleich Millionen Zuschauer mit den beiden großen Traditionslinien deutscher Militärmusik vertraut gemacht – dem Trommeln und Pfeifen, wie einst bei Landsknechten üblich, von denen der Zapfenstreich als Abendsignal stammt, und den Trompeten und Pauken aus Zeiten der Reiterei. Die jetzt übliche Zapfenstreich-Zeremonie geht auf die Befreiungskriege (1813–1815) zurück. Aus den Bestandteilen Locken, Zapfenstreich und Gebet besteht der Große Zapfenstreich noch heute. Wie ich von Militärhistorikern weiter erfuhr, erfolgte seine erste Aufführung im Mai 1838 in Berlin zu Ehren des russischen Zaren Nikolaus I. Seit der Zeit der Weimarer Republik findet der Große Zapfenstreich in der Nationalhymne seinen feierlichen Abschluss. Traditionell sind an der Zeremonie neben Spielmannszug und Musikkorps zwei Züge Soldaten unter Gewehr sowie Fackelträger beteiligt. Jedoch gleicht nicht ein Großer Zapfenstreich der Bundeswehr – musikalisch gesehen – dem anderen. Der zu Ehrende darf sich beim höchsten militärischen Ritual für die Serenade bis zu drei Musiktitel aussuchen. Sie sollen dieser Veranstaltung eine persönliche Note geben. So wünschte sich Bundeskanzler a.D. Gerhard Schröder bei seiner Verabschiedung aus dem Amt in seiner Heimatstadt Hannover zum Beispiel „My Way“ von Frank Sinatra. Für den Bundesverteidigungsminister a.D. Karl-Theodor zu Guttenberg wurde im März 2011 das Lied „Smoke on the Water“ der britischen Band Deep Purple gespielt. Salutschiessen wie im 14. Jahrhundert Mit der Bundeswehr kehrte eine weitere alte militärische Tradition nach Berlin zurück – das Salutschiessen für hohe ausländische Staatsgäste. Was in den Jahren der geteilten Stadt nur in historischen Büchern nachzulesen war, weil die Alliierten als Besatzungsmächte hier ein solches Brauchtum weder im Osten noch im Westen duldeten, wurde nun von den gesamtdeutschen Streitkräften wieder zu neuem Leben erweckt. Denn in der deutschen Hauptstadt, wo Bundespräsident, Bundestag und Bundesregierung residieren, betraten nun regelmäßig Staatsoberhäupter und andere höchste Repräsentanten von Staaten 239 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet erstmalig deutschen Boden. Ihnen galt nach ihrer Ankunft aus allen Erdteilen zu diesem Anlass diese besondere Form militärischer Ehrenbezeigung. Allein für diese Aufgabe ist der Salutzug des Wachbataillons der Bundeswehr zuständig. Die Beteiligten tragen aus diesem festlichen Anlass natürlich nicht wie in der Ausbildung den Felddienstanzug Nato-oliv. Sie zeigen sich in einer Uniform aus „feinem Zwirn“ mit weißen Handschuhen und weißem Koppelzeug. Alle Soldaten sind, dem hohen Besuch angemessen, festlich gekleidet, obwohl sie doch keine direkte Berührung mit dem Gast haben. Die Bedienung der über viele Jahre im aktiven Truppendienst eingesetzten Feldhaubitze FH 105 mm besteht aus einer dreiköpfigen Besatzung: dem Geschützführer, dem Lade- und dem Entladekanonier. Dieses Team ist in diesen Augenblicken höchster Konzentration in Blickweite des Zugführers postiert. Der sorgt auf einem Pult wie ein Dirigent im Konzert – auch ohne Stab, aber mit lauten Befehlen – für die erforderliche Harmonie seines „Orchesters“. Hier mit lauten Böllerschüssen. An seiner Seite handeln auf sein Kommando hin der Zeitnehmer, der Zähler und der Zeiger des Salutzuges. An diesem ebenfalls eingespielten Trio orientieren sich nun die Besatzungen. Mit einer Stoppuhr könnte der Außenstehende die Präzision ihrer Handlungen messen. Für die richtige Optik am Flugfeld und den lauten Donnerhall sorgt dann die Feldhaubitze. Entwickelt wurde sie während des Zweiten Weltkrieges in den Vereinigten Staaten von Amerika. So stammen die zehn Haubitzen, über die das Wachbataillon verfügt, aus den Jahren 1942/43. Sie sind also Kriegsveteranen. Trotzdem dienten die leichten Haubitzen mit dem einheitlichen 105-mm-Kaliber seit Nato-Gründung in deren Armeen. In der Bundeswehr bis 1966 zur Einführung der Panzerhaubitze M109 als Hauptwaffensystem vieler Bataillone. Zwischen 1997 und 2003 wurden sie nur noch zur Ausbildung der Artilleriebeobachter genutzt. Für das scharfe Schießen ist diese Haubitze mittlerweile dauerhaft gesperrt. Heute verkörpert das einstige Aushängeschild des Heeres nur noch symbolisch eine Waffe, denn von ihr geht im vereinten Deutschland keinerlei Gefahr mehr aus. Bei einem Kaliber von 105 mm hat das einstige Kriegsgerät eine Länge von 3 800 mm. Die Anfangsgeschwindigkeit ihrer Geschosse (Vo) betrug 630 m/s. So konnte eine maximale Schussentfernung von 14 100 m erreicht werden. Die Feuergeschwindigkeit lag bei sechs Schuss je Minute. Und mit 2 500 kg galt sie für Wehrexperten als „sehr leicht“, wurde von einem 7-Tonnen-LKW durch das Gelände bewegt und war auch als Luftlast verladbar. Als Munition dienten seinerzeit Spreng- , Nebel- und Leuchtgeschosse. 240 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Heute sind Treibladungsbeutel in den Geschosshülsen für die Salutgeschütze enthalten. Die sogenannten Kartuschen mit einem Zünder werden komplett in den Verschluss des Geschützes eingeführt. Im Gefecht bestand seine Besatzung aus sieben Soldaten. Wenn man also dieses einstige Kriegsgerät der Bundeswehr, das nach den internationalen KSE-Abrüstungsbeschlüssen von 1990 und der Vernichtung von etwa 11 000 militärischen Großgeräten allein in Deutschland nicht dem Schweißbrenner zum Opfer gefallen ist, nach all den Jahren des Kalten Krieges nun die Friedenszeiten in Aktion erlebt, werden einem einmal mehr die gewaltigen Umwälzungen im Herzen Europas bewusst: Mit der Deutschen Einheit wurde Gesamt-Berlin wieder friedlicher Treffpunkt nationaler und internationaler Politiker. Und die Bundeswehr präsentiert sich als zuverlässiges Instrument in Demokratie und Freiheit, auch zur Begrüßung von Präsidenten und Staatsoberhäuptern. Dabei hat doch Salutschiessen eine bis ins 14. Jahrhundert zurückreichende Tradition. In den Zeiten der Seefahrt bestand die Bewaffnung eines Schiffes meistens aus 20 Kanonen: Acht auf rechter, acht auf linker Seite, zwei am Heck und zwei am Bug des Schiffes. Um dem Hafen zu signalisieren, dass sich ein Schiff in friedlicher Absicht nähert, wurden Schüsse aus den stets geladenen Kanonen an Bord vor dem Einlaufen abgefeuert. Man hörte also auf dem Festland 20 Schuss. Hier erwiderte die Hafenwacht mit einem Kanonenschuss die Ankündigung. Auch das sollte signalisieren, dass die Waffen auf dem Festland entladen sind und das fremde Schiff willkommen ist. Aus diesem Procedere entwickelte sich das Salutschiessen, mit dem heute die hohen Gäste bei ihren offiziellen Staatsbesuchen mit 21 Schüssen in Berlin begrüßt werden. Lilienthals Gleitflieger im Luftwaffen-Museum Zum 40-jährigen Jubiläum der Bundeswehr öffnete das Luftwaffenmuseum Berlin-Gatow seine Pforten. Es präsentierte nach dem Umzug von der Marseille-Kaserne in Appen bei Hamburg in die Kaserne „General Steinhoff “ im Westen der Hauptstadt eine einzigartige Sammlung zur Geschichte des Flugwesens in Deutschland. Vom Gleitflieger Otto Li li enthals über die Rumpler-Taube von 1913 und den Transporter Ju-52 oder das Strahlflugzeug Me-163 für die Wehrmacht bis zum ersten Schulungsflugzeug der Bundeswehr „T 6“ und zu den MiG-Maschinen aus NVA-Beständen reicht dieser Bereich der Luftfahrtgeschichte. Die Ausstellung auf dem ehemaligen Flugplatz der britischen Royal Air Force, wo ein Bomber aus jener Zeit an die Hilfe der Alliierten während der russischen Landblockade erinnert, bereichert die Museumslandschaft Berlins mit weit über 100 Sammlungen. Sie bieten der Öffentlichkeit im Dauergebäude nach vollständigem Abschluss der Ausstellungsgestaltung weit über 100, zum Teil nur noch selten auf der Welt erhaltene Luftfahrzeuge. Gerade diese Sehenswürdigkeiten werden das besondere Interesse bei Luftfahrt-Fans aus dem In- und Ausland finden. 241 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet In sechs Hangars und entlang der ehemaligen Rollbahn präsentiert sich künftig Luftwaffen-Kampftechnik der Nato und des Warschauer Pakts, die während der Ost-West-Konfrontation diesseits und jenseits der Elbe im Einsatz war. Darunter der Aufklärer Republic RF-84F „Thunderflash“ aus dem Jahr 1955, später vom Luftwaffenversorgungsregiment 1 in Erding restauriert, die Lockheed F-104 G „Starfighter“, die Aufklärungsvariante der RF-4 E „Phantom“, eine Piaggio P 149 und eine Do 27. Während die Bundesluftwaffe ihre Geschwader vor vier Jahrzehnten Schritt für Schritt in Dienst stellte, erfährt der Besucher, dass diese „drüben“ ab 1956 bereits einsatzfähig waren. Die geheimen Planungen für eine DDR-Luftwaffe hatten 1950 in Pirna (Sachsen) auf Weisung der Sowjetischen Militäradministration begonnen. Aus dem umfangreichen NVA-Erbe stammen weitere „Museumsstücke“ – beispielsweise strahlgetriebene Jagdflugzeuge russischer Produktion wie die MiG-17 (FRESCO) und die MiG-23 (FLOGGER). Auch der Kampfhubschrauber Mi-24 (HIND) und das Transportflugzeug An-26, für die Vermessung von Navigations- und Landesystemen genutzt, sind museale Sachzeugen der ostdeutschen Luftwaffe. Sie gehörten zum Drohpotential des Arbeiter-und-Bauern-Staates mit seinen 394 Kampf- und Übungskampfflugzeugen, 54 Schul- und Verbindungs- sowie 21 Transportflugzeugen und 42 Transporthubschraubern. Von den Kampfflugzeugen übernahm die Bundeswehr nach der Wiedervereinigung die 24 MiG-29 (FULCRUM). Diese waren aber noch nicht „museumsreif “. Antriebstechnik und Sicherheitsausrüstung von gestern und heute wird das Luftwaffenmuseum auch präsentieren. Wer den Clerget-Blin-Umlaufmotor oder das BMW-003-Düsentriebwerk aus nächster Nähe studieren möchte beziehungsweise Fallschirme und Schleudersitze vom US-Unternehmen Lockheed oder aus russischer Produktion, so beim Mehrzweckjagdflugzeug MiG-21 (FISHBED), kann dies hier tun. Bordkanonen, Flugbomben 242 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten und Flugabwehrraketen werden ebenso ausgestellt. Wie all diese technischen Entwicklungen zeugen Uniformen, Orden und Auszeichnungen vom Luftwaffenalltag aus Vergangenheit und Gegenwart in Deutschland. Neben „entschärften“ Raketensystemen aus West und Ost, die aus Appen mit Lastkraftwagen nach Berlin transportiert werden mussten, bietet die Bundeswehr unmittelbar vor Abschluss des KSE-Abrüstungsprogramms im November 1995 ein ungewöhnliches Anschauungsstück: Teile vom Operativen Ausbildungszentrum der NVA. Mit der Neueröffnung in Berlin kann das Luftwaffenmuseum gemäß einer Weisung aus dem Bundesverteidigungsministerium „eine kritische, aber dennoch Erfolg versprechende Selbstdarstellung vornehmen. Es wird mit Geschichte und Militärgeschichte die politische Bildung bereichern.“ Das erklärte Oberstleutnant Dr. Dieter Rogge, Leiter des dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam unterstellten Fachmuseums. Auch wenn es sich um „viele technische, meist militärtechnische Details handelt, so wird schon mit Auswahl und Präsentation der Exponate zur kritischen Tatsachenbeschreibung, Analyse und Bewertung der Ereignisse in 100 Jahren Fliegerei in Deutschland beigetragen. Wie die Militärgeschichte kann auch die Luftwaffengeschichte Deutschlands nicht isoliert betrachtet werden. Sie ist ein Teil unserer Geschichte und somit in vielfacher Weise mit der Europas verknüpft.“ Bundeswehr-Kampfjets auf der ILA 2012 Mit der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung in Berlin-Schönefeld machte die deutsche Hauptstadt nach der Wiedervereinigung einen weiteren wichtigen Schritt in Richtung europäische Metropole. Den hatte sie ja schon aufgrund ihrer günstigen verkehrsgeographischen Lage und als wichtiger Kreuzungspunkt des Personenverkehrs inne. Heute ist diese Präsentation laut Bundeskanzlerin Angela Merkel „eine der besten Adressen für Innovationen“ in dieser Branche, wenn es um leichte Werkstoffe oder alternative Kraftstoffe geht. So ihre Worte bei der Eröffnung der ILA 2012. Neben der großen Farnborough International Airshow bei London und dem bedeutenden Aerosalon auf dem Flughafen LeBourget bei Paris zählt die ILA seit ihrer Erstveranstaltung 1909 in Frankfurt/Main als Internationale Luftschifffahrt-Ausstellung, wo auch Flugzeuge und Ballone gezeigt wurden, zu den ältesten Luftfahrtmessen der Welt. An diese Traditionen knüpft das Drehkreuz zwischen Ost und West seit 1992 alle zwei Jahre vor den Toren Berlins an, gilt als eine besonders in den ost- und mitteleuropäischen Staaten stark beachtete internationale Fach- , Konferenz- und Publikumsmesse. Das zeigen sowohl die Zahlen der Aussteller und Besucher als auch die hier vorgeführten Fluggeräte aller Grö- ßen, Kategorien und Entwicklungsepochen. Besonderes Interesse finden nicht nur die weltgrößten und modernsten Zivilflugzeuge. Beispielsweise die Superjumbos Airbus A-380 mit zwei durchgängigen Passagierdecks und die Boeing 747-8 für 380 Personen oder das zweimotorige russische Regionalflugzeug IL- 243 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet 114, das auch von Graspisten abheben kann. Ebensolche „Hingucker“ sind immer wieder die Objekte aus dem Bereich Verteidigung und Sicherheit. Neu nach der Deutschen Einheit mit dem Ende des Kalten Krieges war nun die Tatsache, dass die Militärjets aus den einst feindlichen Bündnissen Nato und Warschauer Vertrag hier als friedliebende Nachbarn gezeigt werden. Fachkundige Besucher können nun nicht nur wie bisher auf dem Papier die Werksangaben miteinander vergleichen. Man sieht jetzt diese Flieger bei den Vorführungen mit Höhen- und Sturzflügen, Loopings und anderen Elementen der Ausbildung. So nutzten die Konstruktionsbüros von MiG und Suchoi diese internationale Bühne, um ihre Kampfflugzeuge MiG-29SMT und MiG-31 beziehungsweise Su-30MK und SU-37 am Boden und in der Luft vorzustellen. Um die Gunst von Käufern wetteiferten ebenfalls die Vertreter der einst anderen militärischen Seite – darunter mit der Lockheed F-16 und der F-117A Nighthawk der US-Luftwaffe, der Neutralen (JAS 39 Gripen) oder mit dem deutschfranzösischen Transportflugzeug Transall C-160, dem Kampfhubschrauber Eurocopter Tiger und dem Transporthubschrauber NH-90. Neu waren die unbemannten Flugzeuge in allen Größenkategorien. Die Besucher interessierten sich natürlich besonders für die Exponate der deutschen Streitkräfte, da gerade in den neuen Bundesländern die meisten Maschinentypen mit dem Balkenkreuz noch unbekannt waren. Ein „Renner“ wurde dabei der Eurofighter. Auf das zweistrahlige Mehrzweckkampfflugzeug der dritten Generation machte hier die Bundeswehr, 2010 mit 40 Flugzeugen größter ILA-Einzelaussteller, erstmalig in den Mai-Tagen 1996 vor insgesamt 216 500 Besuchern aufmerksam. Seither beeindruckten Piloten der Bundesluftwaffe – im traditionellen Showprogramm mit Partnern in der französischen Mirage 2000, der Patrouille Suisse, der türkischen Nationalkunstflugstaffel Turkish Stars und vielen anderen – sowohl mit dem Tornado-Schwenkflügler, dem Eurofighter Typhoon und dem Seeüberwachungsflugzeug BR 1150 Atlantic als auch mit dem Militärtransporter Airbus A-400M, dessen vier Turboprop-Triebwerke eine hohe Nutzlast über eine große Reichweite bewältigen, und dem ersten Tankflugzeug Airbus A 310 MRTT. Nachdem ich auf einer ILA bereits als „Flugzeugführer FIAT G91“ dank der Förderer des Luftwaffenmuseums Berlin-Gatow e.V. mit einer kleinen Spende für einen guten sozialen Zweck die „Juniors Pilot Licence“ erworben hatte, konnte ich mich 2008 unter der Obhut 244 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten von Luftwaffen-Offizieren im Cockpitsimulator des Eurofighter Typhoon am Steuerknüppel und Schubhebel von den hervorragenden Parametern des „Wundervogels“ überzeugen. Natürlich nur am Boden, ohne G9-Manöver im Überschallbereich und ohne Luftkampf. Solche waghalsigen Flüge mit „Fähigkeiten zur vernetzten Operationsführung“ und via „Direct Voice Input“ für 200 vorprogrammierte gesprochene Befehle hätte ich wohl sonst nur im flüssigkeitsgefüllten Anti-g-Anzug und per Schleudersitz mit Null-Null-Fähigkeit heil überstanden. Trotzdem: Auch ohne den etwa 2 kg schweren und rund eine halbe Million Euro teuren Helm mit Mikrofon und Sauerstoffmaske war das für mich an diesem Morgen am Bundeswehrstand ein einzigartiges Erlebnis. Zur Bestätigung für meinen „Mut“ und meine fliegerische „Leistung“ erhielt ich danach ein Foto, was mich im Cockpit zeigt. Eine Begegnung mit einer guten alten Bekannten aus dem Jahr 1991 hatte ich dann gleich nebenan: Hier bot eine AWACS-Aufklärungsmaschine, sonst auf dem Nato-Stützpunkt bei Geilenkirchen stationiert, täglich tausenden Messebesuchern den Blick in ihr Innerstes. Was ich damals schon ohne Sicherheitsbelehrung durch Angehörige der Bundeswehr mit anderen ostdeutschen Journalisten erstmalig bei einem mehrstündigen Rundflug in Friedensmission über Europa erleben und fotografieren durfte, offenbarte sich nun jedem Bürger und jeder Bürgerin, die dieses Riesenpaket von Elektronik ebenfalls sehen wollten. Allerdings nicht, wie sonst mit der Sicht aus 9 000 m Höhe auf Flug- oder Schiffsbewegungen in einem Umkreis von etwa 500 Kilometern. Zuvor musste man sich hier in eine lange Schlange einreihen, um dann in die Boeing 707 hochzusteigen. Nicht die Waffensysteme interessierten so sehr, berichteten mir auf der ILA Besatzungen der Bundeswehr, sondern vielmehr die Einsatzmöglichkeiten der Flugzeuge bei Aufklärung, Luftraumüberwachung und Luftverteidigung. Dabei ging es um Spannweiten und Gewichte, Flughöhen und Geschwindigkeiten, Radaranlagen und Bordcomputer. Und immer wieder um das „Probe sitzen“ in einem Cockpit. Die Flugzeugfans kamen hier voll auf ihre Kosten. So mancher junge Mann oder manche junge Dame aus dem Osten dachten wohl während des Rundgangs auch darüber nach, ob denn nicht bei dieser Konzentration von Hightech für sie eine militärische Ausbildung und der Dienst in der militärischen Luftfahrt eine geeignete berufliche Perspektive wären. Die Bundeswehr zeigte zudem auf der ILA, dass sie einen Teil ihrer Militärtechnik für „Brücken der Menschlichkeit“ nutzt. Das begann 1960 mit Hilfeleistungen für die durch ein Erdbeben zerstörte marokkanische Stadt Agadier, setzte sich später mit humanitären Hilfsaktionen nach Flutkatastrophen in Tunesien, Pakistan und Brasilien sowie in die Dürregebiete Äthiopiens fort. 245 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet In Berlin erfuhren viele Besucher, dass seit Juli 1992 in dieser Mission Transall C-160 nach Sarajevo und seit März 1993 über Ost-Bosnien geflogen sind, um Hilfsgüter, Lebensmittel und Medikamente zu transportieren. In einer dieser Maschinen vom Lufttransportgeschwader 62 aus Wunstorf, der „50 – 38“ mit dem blauen Symbol von UNHCR, erläuterte Lademeister Hauptfeldwebel Wolfram Lachmann dem meist dicht gedrängten Besucherstrom seinen Auftrag und demonstrierte dies an einer Palette mit 1 800 Speiserationen. Anfang 1994 konnte Deutschland, das seit August 1991 in Afrika, auf dem Balkan und im Mittleren Osten mit seinen Luftwaffenmaschinen die Vereinten Nationen unterstützt, schon 2 000 humanitäre Einsätze mit rund 14 000 Tonnen Fracht und 19 000 Passagieren bilanzieren. Über humanitäre Flüge berichteten auch Hubschrauber-Besatzungen. So Major Dr. Petra Ruhr vom Großraumrettungshubschrauber CH-53G, einer „fliegenden Intensivstation“ für 12 Verletzte. Sie war auch in Somalia im Einsatz und half, wie andere Bundeswehrärzte, vielen Einheimischen. Hauptmann Uwe Motzkus, einst in der Nationalen Volksarmee und nun mit seiner Mi-8 im SAR-Dienst, erinnerte in einem seiner Gespräche mit den Besuchern an die Hilfe während der Hochwasserkatastrophe im April in Thüringen, als die Bundeswehr mehrere Menschen vor dem Ertrinken rettete. Oberstleutnant Axel Großmann aus Köln äußerte, was auch andere Kameraden bestätigten: „Es gibt großes Interesse bei Jung und Alt an unserem Dienst.“ Auch von offizieller Seite konnten die ILA-Gäste mehr über die Dimensionen des neuen Auftrages der Bundeswehr erfahren. Im Pavillon der Bundesregierung sprach dazu Staatssekretär Jörg Schönbohm von der Hardthöhe. Die Streitkräfte sehen in der Landesverteidigung weiterhin ihren Hauptzweck, auch wenn dieser durch erneute Sparmaßnahmen „auf Dauer“ gefährdet werde, sagte er. Denn die Beschaffungsmittel seien zwischen 1989 und heute fast schon halbiert worden. Die Bundeswehr fördere die militärische Stabilität und Integration Europas, diene dem Weltfrieden im Einklang mit der UNO-Charta und unterstütze humanitäre Aktionen, nannte er als weitere Aufgaben. Als sich der langjährige Bundeswehr-General an diesem Tag unter die Truppe mischte, berichteten ihm Luftwaffen- , Heeres- und Marinesoldaten von der Wertschätzung beim Publikum und auch bei der Ausstellungsleitung. Ihnen dankte der Staatssekretär „für ihren persönlichen Einsatz“, der – wie im Ausland – „oft selbstlos ist“. Und am Rande der Ausstellung traf der gebürtige Brandenburger und ehemalige Befehlshaber der Bundeswehr Ost viele Bekannte aus Kommunen und Betrieben der neuen Länder, mit denen er bei der NVA-Auflösung und bei der Aufstellung der neuen Streitkräfte eng zusammengearbeitet hatte. Er gehe davon aus, dass die ILA „ein Tor zum Osten“ sei und so eine gute Zukunft habe. Die Bundeswehr werde auch künftig hier präsent sein, „da sie es mit der Übertragung von Aufgaben aus West nach Ost ernst meint“. 246 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Journalisten-Treff am Alex Für meine Arbeit waren die „Jour fixe“-Gesprächsrunden mit Hauptstadt-Journalisten, jeweils am zweiten Dienstag im Monat, besonders anregend. Diesen Tag konnten sich die Kollegen, denen irgendwie in ihrer Arbeit das Wohl und Wehe der Bundeswehr am Herzen lag, langfristig im Kalender vormerken. Meist so am Abend, etwa 18.30 Uhr, traf man sich dann mit Offizieren. Zuletzt war das im Restaurant „Spreegarten“, direkt am Alexanderplatz und so nicht nur mit dem Auto, sondern auch mit U- und S-Bahn bequem zu erreichen. Man konnte also unbeschwert zum abendlichen Imbiss sein geliebtes Radeberger Pils oder Kölsch bestellen. Schon zum Auftakt gab es ein freundliches Willkommen vom Leiter der Informations- und Pressestelle der Bundeswehr in Berlin, Oberst Konrad Freytag. Anwesend waren in der Regel weitere Presseoffiziere aus Berlin, Potsdam oder anderen Standorten. Er stellte dann auch dem Gast und Gesprächspartner die einzelnen Medienvertreter vor. So, wie man eben an der eigens für diese Runde gebildeten Tafel aus mehreren Tischen saß. Also nicht nach „Größe“ der Zeitung oder Agentur, die hier vertreten wurde. Das war schon mal für einen Freien Journalisten ganz prima. Dazu erhielt man noch vom Oberst und seinen Mitstreitern hin und wieder ein Wort der Anerkennung für einen Beitrag, der seit der letzten Zusammenkunft erschienen war. Gerade der Einzelkämpfer, der für eine Redaktion im entfernten Bonn gearbeitet hat, empfand das als wohltuend. Man wurde eben auch in Berlin aufmerksam gelesen. Doch bevor man zur Sache kam, erläuterte Konrad Freytag noch einmal die „Spielregeln“: „Jeder kann alles sagen.“ Die Palette der Themen konnte breiter nicht sein. Ob nun ein Gespräch mit Erzbischof Johannes Dyba, Katholischer Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr, der sich gerade in Berlin über das Anliegen von Soldaten informierte, oder ein Gedankenaustausch mit dem Standortkommandanten Brigadegeneral Hans Helmut Speidel, Kommandeur im Verteidigungsbezirk 100 – die Partner waren immer kompetent. Und man konnte nachfragen, was einen besonders interessierte. Darüber zu schreiben war möglich, wenn in den Ausführungen nicht ausdrücklich auf Vertraulichkeit hingewiesen wurde. Beispiel Oberst Fritz Peter Hoppe. Er war seit Dezember 1990 in Berlin tätig und übernahm ab September 1994 für das Verteidigungsbezirkskommando 100/Standortkommandantur Berlin als Kommandant die Julius-Leber-Kaserne, vorher das Quartier Napoleon in Berlin-Wedding. Der Oberst schilderte seine Laufbahn vom Panzeroffizier bis zur Verwendung als Kommandeur an der Kampftruppenschule Munster. Freiwillig hatte er sich für einen Einsatz in den neuen Bundesländern gemeldet. Vor allem seine Kontakte zu den Alliierten und den Russen waren eine große Herausforderung. Der Kommandanten-Job sei für ihn noch einmal „ein echter Höhepunkt in seiner Laufbahn“ vor seinem Ausscheiden aus der Armee gewesen. 247 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Zwischendurch gab es eine Pause für die Raucher. Wer nicht dieses Bedürfnis hatte, nutzte gleich die Möglichkeit, mit dem Tischnachbarn oder Gegenüber ein paar Worte zu wechseln. War dieser neu in der Runde, tauschte man Visitenkarten aus und verabredete sich für ein anderes Mal. Und über all die Jahre hinweg, in denen man das etablierte Gesprächsforum in Berlin besuchte, wurde der für die journalistische Arbeit so wichtige Bekanntenkreis mit Uniformierten und Nicht-Uniformierten immer größer. Es lohnte sich also, hierher zu kommen. Die 90-Minuten-Kasette im eigenen Diktiergerät war meist „voll“. Der Berliner Pressesprecher hatte auf der Einladung wirklich nicht übertrieben: „Kommunikation ist alles, ohne Kommunikation ist alles nicht. Kommunizieren Sie mit uns.“ Und am Schluss des Treffens erfuhr man noch einzelne Termine, beispielsweise über Ministeraktivitäten in der Hauptstadt oder Vorhaben der Bundeswehr. Für den gelernten ostdeutschen Journalisten war noch etwas neu bei den Zusammenkünften und so zu DDR-Zeiten völlig unvorstellbar: Wir saßen also nicht in einem Hinterzimmer, um über militärpolitische Tagesfragen zu sprechen. Neben uns entspannten sich meist Gäste aus allen Teilen der Bundesrepublik von ihrer Berlin-Visite, hörten manchen Gesprächsfetzen und bekamen da vielleicht auch ein paar angenehme Eindrücke über die Offenheit in der Bundeswehr. Denn die Offiziere waren immer uniformiert, trugen sichtbar ihr Namensschild. Erinnern möchte ich in diesem Zusammenhang an eine einjährige Inhaltsanalyse der auflagenstärksten ostdeutschen Zeitungen, über die 1993 das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in München informiert hat. Ihr Titel: „Bundeswehr im Presseaufwind – Neue Sachlichkeit statt Jubeljournalismus in der ostdeutschen Presse nach der Wende“. Dieses Forschungsprojekt wurde ergänzt und vervollständigt durch Interviews mit Journalisten und Redakteuren. „Das Ergebnis: Sicherheitspolitik und Bundeswehr sind Randthemen.“ Militärmusiker mit Herz und Seele Es gibt wohl heute kaum einen Berliner Musikfreund, der nicht schon von den Klängen des Luftwaffenmusikkorps 4 aus seiner weltoffenen Heimatstadt begeistert wurde. Entweder bei einer feierlichen Veranstaltung am Brandenburger Tor oder im Sony-Center, beim Protokolleinsatz im Bundeskanzleramt oder im Verteidigungsministerium, im alltäglichen Geschäft innerhalb der Truppe oder in den Matinee-Konzerten „Mit Pauken und Trompeten“ im Haus des Rundfunks beim RBB. Stets bewiesen die Militärmusiker in den blauen Uniformen, dass sie schwungvoll und mitreißend ihr künstlerisches Handwerk verstehen. Zu Hause in der guten Stube konnten die Liebhaber der Militärmusik entweder direkt aus dem Radio oder auf einer von sechs CD, darunter „Berliner Luft“ und „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“, ein vielfältiges Repertoire der traditionellen und modernen Blasmusik erleben. Ob nun bekannte Berliner Melodien oder der Dessauer, der Sächsische 248 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Zapfenstreich oder der Schützen-Defiliermarsch, Can-Can oder die Blumenpolka – mit einer einzigartigen musikalischen Bandbreite wurde die Formation zu einem Aushängeschild der Bundeswehr in Berlin. Als kultureller Botschafter Deutschlands und seiner Streitkräfte gastierte sie in der Schweiz, den USA, Italien, Kanada, Polen, Tschechien, Ungarn, Frankreich und Schweden. Was heute aber nur wenige Fans der Berliner Militärmusik noch wissen, ist die Tatsache, dass es sich hier um einen der jüngsten Klangkörper der bundesdeutschen Streitkräfte handelt. Er war „ein Produkt der Wende“ und rekrutierte sich anfangs als Luftwaffenmusikkorps 5 ausschließlich aus Militärmusikern der ehemaligen NVA. Auch für diese Musiker begann am Tag der Deutschen Einheit ein neuer Lebensabschnitt: Gemeinsam mit „Musiker-Kameraden“ aus der alten Bundeswehr gestalteten sie – wie erwähnt – die historische „Geburtsstunde“ der gesamtdeutschen Bundeswehr auf der Festveranstaltung in Strausberg. Und das wurde zu einem unvergesslichen Erlebnis für alle Teilnehmer. Aus den 19 Musikkorps der NVA waren 1991 vier Musikkorps der Bundeswehr in den neuen Ländern aufgestellt worden. Das neue Orchester aus Berlin erfreute seine Zuhörer stets mit der hohen Qualität seiner sinfonischen Bläsermusik und den kunstvoll dargebotenen Märschen. Kein Wunder, denn alle 65 Militärmusiker besitzen in der Regel einen Hoch- oder Fachschulabschluss auf ihrem Fachgebiet. Was 1990 in den ehemaligen Proberäumen der Volksarmee in Berlin-Biesdorf seinen Anfang nahm, setzte das Orchester ab 1994 in der General-Steinhoff-Kaserne in Berlin-Gatow fort. Sowohl als Luftwaffenmusikkorps oder mit Spezialbesetzungen Klassisches Bläserquintett und Kleine Blasbesetzung machten sich die Berliner Musiker einen Namen im In- und Ausland. Bei der ersten offiziellen Inspektion im Mai 1991 nannte der Leiter des Militärmusikdienstes der Bundeswehr, Oberst Andreas Lukacsy, das neue Luftwaffenmusikkorps „in jeder Hinsicht einen Sonderfall. Es setzt sich aus professionell hervorragenden Portepeeunteroffizieren zusammen. Dadurch ist die fachliche Qualität hervorragend.“ Allerdings mussten „bei der Vorführung des militärmusikalischen Truppenzeremoniells einige Kleinigkeiten geklärt und korrigiert werden; dies war auch nicht anders zu erwarten.“ Jedenfalls waren die ostdeutschen Soldaten „mit Herz und Seele bei der Sache“. Wichtig sei nun, dass dem Musikkorps „so bald wie möglich ein Bundeswehr-Schellenbaum zugeführt wird“, hieß es im Inspektionsbericht. Hauptsächlich waren die Angehörigen des Luftwaffenmusikkorps bei ihren Auftritten auf Appellplätzen und Bühnen in nahezu allen Bundesländern anzutreffen. Sie gestalteten mit ihrer Musik feierliche Gelöbnisse, Kommandoübergaben und andere Zeremonielle. Erste Erfolge gab es mit der Teilnahme am Internationalen Musikfestival in Verona/Italien, beim 249 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet „The Last Tattoo“ der britischen Streitkräfte in Berlin in Anwesenheit Ihrer Majestät, der britischen Königin, sowie beim gemeinsamen „Großkonzert der Bundeswehr“ mit dem Marinemusikkorps Nordsee in Wilhelmshaven. Auch bei Radiokonzerten, Benefiz- und Festveranstaltungen zu politischen und kulturellen Höhepunkten sowie Festen auf Berliner Straßen und Plätzen konnten wiederholt die Herzen des Publikums erobert werden. Darunter beim internationalen Konzert unter dem Motto „Militär spielt für den Frieden“ in Berlin. In vielen Orten Ostdeutschlands präsentierte das Luftwaffenmusikkorps erstmals eine Einheit der Bundeswehr. Mit Märschen und sinfonischer Blasmusik, aber auch beschwingt mit Musicals und Walzermelodien bewiesen die Orchestermitglieder ihre hohe Spielkultur und militärische Geschlossenheit. „Es ging uns dabei nicht um das Tschingderassabum auf Straßen und Plätzen. Sondern um eine wirklich kulturelle Präsentation der Bundeswehr.“ Das berichtete mir 1993 der Chef der Truppe, der damalige Major und heutige Oberstleutnant Bernd Zivny. Das fachliche Rüstzeug für seine Dirigententätigkeit hatte er an den Musikhochschulen Weimar und Berlin erworben. Auf den ersten beiden CD, 1991 und 1992 unter seiner musikalischen Leitung produziert, konnten nun Titel aus dem Repertoire des Orchesters wie der „Königsgrätzer“ und „Des Großen Kurfürsten Reitermarsch“ von jedermann erworben werden. Das Besondere daran: Diese und andere Musik aus dem reichen überlieferten Kulturgut des deutschen Militär- und Konzertmarsches wurden zu DDR-Zeiten in der Nationalen Volksarmee wegen „ihres negativen Einflusses auf die Truppe“ nicht gespielt. Bei allen Problemen, die die Übernahme in die Bundeswehr für jeden einzelnen Soldaten mit sich brachte, konstatierte schon damals der Chef des Musikkorps eine überaus erfreuliche Bilanz des Hineinwachsens in die neuen Aufgaben und Strukturen: „Wir sind sehr sachlich, freundlich und kameradschaftlich aufgenommen worden. Das war schon beim gemeinsamen Auftritt mit dem Stabsmusikkorps der Bundeswehr am 3. Oktober 1990 so, das ist auch heute nicht anders, wenn ich beispielsweise an die Beratungen der Militärmusik-Chefs denke.“ Von Anbeginn war das für ihn und seine Unterstellten eine Verpflichtung, „da uns der Dienst, künstlerisch und militärisch, Freude macht“. Dabei denke er nicht nur an erfolgreiche Konzerte auf Helgoland oder im AWACS-Stützpunkt der Nato in Geilenkirchen zurück. Auch an den ersten Auftritt des Klangkörpers zu Advent in der Schweriner Nikolai- Kirche und im Großen Saal der Berliner Philharmonie zu Weihnachten. Christliche Choräle waren eine der neuen musikalischen Ausdrucksweisen bei den Militärmusikern aus dem Osten. Denn um Kirchen mussten sowohl die Soldaten als auch die Musiker der Arbeiter-und-Bauern-Armee stets einen großen Bogen machen. Für mich und meine Frau gehörte das Adventskonzert 1995 mit dem Luftwaffenmusikkorps 4 unter seiner Leitung in der Luisenkirche in Berlin-Charlottenburg zu den schönsten Erlebnissen dieser Art. Georg Friedrich Händel, Friedrich Mendelssohn-Bartholdy 250 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten und Johann Sebastian Bach waren hier in guten Händen. Mit diesem klassischen Programm, so Brigadegeneral Hans Helmut Speidel als Kommandeur des Verteidigungsbezirkskommandos 100 Berlin, wollte man „den vielen Freunden der Bundeswehr in unserer Stadt Dank abstatten für Verbundenheit, Unterstützung und gute Zusammenarbeit“. Und an ein weiteres Erlebnis mit den Militärmusikern kann ich mich noch gut erinnern. Schon einige Zeit nach ihrer Einkleidung bei der Bundeswehr 1990 beherrschten sie nicht nur die neuen Noten perfekt. In der beim Militärdienst notwendigen Zweitverwendung als Sanitäter waren diese Herren ebenfalls recht „taktvoll“. Das bestätigten mir Ärzte, Schwestern und Patienten vom Bundeswehrkrankenhaus im Zentrum der Hauptstadt. Hier mussten die Militärmusiker ein Vierteljahr lang Trompeten, Klarinetten und Hörner mit Spritzen, Verbandsmaterial und anderen medizinischen Utensilien vertauschen. In der Charité standen die Militärmusiker ebenfalls in der „sanitätsdienstlichen Ausbildung“ ihren Mann. Gut 15 Jahre nach unserem letzten Gespräch traf ich Bernd Zivny am Tag der Offenen Tür im Bundesministerium der Verteidigung im Berliner Bendlerblock wieder. Er war, im Gegensatz zu mir, dienstlich hier als Dezernatsleiter Militärmusik im Streitkräfteamt der Bundeswehr. Es ist zur Unterstützung und an der Seite des Leiters Militärmusik der Bundeswehr die fachlich vorgesetzte Stelle aller Soldaten des Militärmusikdienstes, ebenso für das Material und die Ausbildung des Personals im Militärmusikdienst zuständig. Zudem werden Grundlagen der Weiterentwicklung in der Militärmusik erarbeitet, die ja nicht nur Traditionen pflegt, sondern nach vorne schauen und sich den modernen Anforderungen stellen muss. Musikschau zum Bundeswehr-Jubiläum Zum 40-jährigen Bundeswehr-Jubiläum erlebte Berlin musikalisch eine Attraktion: Zehn Militärmusikkorps aus sieben Nationen präsentierten in der Deutschlandhalle 1995 eine große Musikschau. Aufgeführt wurden Marsch- und Volksmusik, Klassisches und Neuzeitliches, Pop, Rock und Musical-Melodien. Die Veranstaltung mit mehr als 500 Mitwirkenden, das 1. Berliner Militärmusikfest, stand unter der Schirmherrschaft des Generalinspekteurs der Bundeswehr, General Klaus Naumann. Dieses Fest der Militärmusik vereinte namhafte Klangkörper von Armeen aus Ost und West, die sich noch vor wenigen Jahren feindlich gegenüberstanden. Das waren einmal als Nato-Vertreter die Band of the Hussars and Light Dragoons (Großbritannien), die US Army Europe Band, die Koninklijke Militaire Kapel aus den Niederlanden und Norwegens Forsvarets Distriktmusikkorps Vestlandet. Dazu kamen vom Gastgeber das aus einem NVA-Orchester hervorgegangene Luftwaffenmusikkorps 4, das Heeresmusikkorps 400 (beide Berlin), das Gebirgsmusikkorps 8 (Garmisch-Partenkirchen) und das Marinemusikkorps Ostsee aus Kiel. 251 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet Polen schickte das Repräsentationsorchester des Militärbezirks Schlesien. Die Ukraine war mit dem Orchester ihrer Nationalgarde vertreten. Damit die mehrstündige Veranstaltung auch einen würdigen militärischen Rahmen erhielt, marschierten Soldaten von heute und damals auf – eine Ehrenformation des Berliner Wachbataillons beim Bundesverteidigungsministerium und die Potsdamer Riesengarde „Lange Kerls“, die jüngst bei einem Zeremoniell in den USA viel Beifall erhielt. Die Veranstaltung sollte „auch an die Tradition der britischen Tattoos (Zapfenstreich) anknüpfen, ohne diese allerdings kopieren zu wollen“. So der Leiter des Militärmusikdienstes der Bundeswehr, Oberst Georg Czerner, der für das Programm verantwortlich zeichnete. Zugleich wollten die Bundeswehrmusiker mit diesem Wohltätigkeitskonzert an eine ihrer bewährten Traditionen anknüpfen. Denn von Anfang an gehören Platzkonzerte, Serenaden und große Saalkonzerte „zu den vorrangigen Aufgaben der Militärmusik der Bundeswehr“. Der oberste Fachvorgesetzte von 23 Musikformationen der Bundeswehr mit insgesamt 1 500 Soldatinnen und Soldaten erinnerte an die erfolgreiche Entwicklung dieser „Teilstreitkraft“. Am 1. Januar 1956 war als erste vollständige Einheit der Bundeswehr das Musikkorps des Heeres in Andernach formiert worden. Als drei Wochen später die ersten 1 500 freiwilligen Soldaten zum historischen Appell mit Bundeskanzler Konrad Adenauer antraten, bildete das Andernacher Musikkorps den „rechten militärischen Flügel“. Schon am 5. Januar 1956 hatte die erste Militärmusiker-Formation im Nachkriegsdeutschland mit einem Ständchen zum 80. Geburtstag des Kanzlers im Palais Schaumburg ihren ersten Auftritt in der Öffentlichkeit. Adenauer damals zur Militärmusik: „Dat is en janz wichtijet Kapitel, die Leute hören dat nämlich furchtbar jern!“ In diesem Sinne konnten seither zwischen Flensburg und Sonthofen und jetzt zwischen Görlitz und Bad Salzungen Millionen Zuhörer die Musiker in der Bundeswehruniform bei ihren Auftritten erleben. Allein 1994 waren es 3 306 Auftritte, davon 2 935 mit der und für die Truppe. Vor allem Truppenzeremonielle wurden begleitet. Darunter Gelöbnisse, Kommandoübergaben, der Große Zapfenstreich, Flaggenparaden und protokollarische Einsätze. Neben dem Stabsmusikkorps sorgen die Musikkorps des Heeres (14), der Luftwaffe (4) und der Marine (2) für Signale und Rhythmen. Das Ausbildungsmusikkorps und die Big Band trugen ebenso zum „guten Ton“ in der Truppe bei. Und ganz nebenbei: Frauen stehen alle Verwendungen im Militärmusikdienst offen – vom Musiker im Orchester bis zum Dirigenten und Chef eines Musikkorps. Oberst Czerner betonte weiter: Die Bundeswehr knüpft auf dem Gebiet der Militärmusik – in alten Zeiten als „zweckgebundene Kriegsmusik“ dienend – an vielfältige Traditionen an und führt diese erfolgreich weiter. So werde das Erbe schöner Spielstücke der Trommler und Pfeifer durch Anreicherung des Instrumentariums in der Infanteriemusik gepflegt. Die Spielleute seien traditionell erhalten geblieben und bildeten eine eigene Musikgattung. „Aus reiner Signalmusik wurde immer mehr Musik zur Unterhaltung.“ 252 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Auch heute entwickle sich die Militärmusik weiter, „so wie die Musik es erfordert“. Wie auch in Kunst- und Unterhaltungsmusik gebe es eine instrumentale Weiterentwicklung mit Schwerpunkt bei der Zunahme der Einflüsse elektronischer Musikinstrumente. Beliebt sei die Musikschau „mit Musik in Bewegung und einer interessanten Choreographie. Vorrangiges Anliegen unserer Musikkorps ist es aber, die Tradition der deutschen Militärmärsche weiter zu tragen und ihr künstlerisches Niveau, auch das anderer Konzertliteratur, zu halten. Wir spielen ebenso moderne zeitgenössische Blasmusik und fördern Werke junger Komponisten.“ Die Musikkorps als „Sympathieträger für die Bundeswehr“, so war abschließend zu erfahren, haben vor dem Streitkräfte-Jubiläum erstmals eine eigene CD produziert. Sie bringt moderne Werke zeitgenössischer Art, Unterhaltungsmusik und Märsche zu Gehör. Czerner: „Die Reaktionen zeigen – eine gelungene Nachwuchswerbung, auch für die Wehrpflichtarmee.“ Reservisten nun offiziell in Berlin Das höchste Gremium des Reservisten-Verbandes der Deutschen Bundeswehr e.V., die Bundesdelegiertenkonferenz, tagte 1993 erstmals in seiner über 30-jährigen Geschichte in Berlin. Im Mittelpunkt der Veranstaltung stand eine Rede des Bundesverteidigungsministers. Weiterhin sprachen Vertreter der Fraktionen des Deutschen Bundestages und des Berliner Senats zu den Delegierten der mehr als 120 000 Verbandsmitglieder. Für Verbandspräsident Peter Kurt Würzbach, ehemaliger Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium, ist ein solches Treffen in der Hauptstadt nun eine Selbstverständlichkeit. „Berlin hatte für unseren Verband bereits seit Beginn seines Bestehens insofern eine gewisse Bedeutung, als es – wenn auch damals durch den Vier-Mächte-Status nicht gedeckt – Reservistenkameradschaften hier gab“, erklärte er. „Sie führten zwangsläufig ein Schattendasein und beschränkten sich auf Kameradschaftspflege und gelegentliche Truppenbesuche bei der Bundeswehr.“ Unter Hinweis auf die weitere West-Ost-Integration bei den Reservisten der Bundeswehr, meinte Würzbach, dass dazu die Anstrengungen der Verbandsführung und der Kameraden in den neuen Ländern stetig verstärkt werden. Obwohl es dort „noch nicht genügend ‚selbst produzierte‘ junge Bundeswehr-Reservisten“ gebe, hätten sich in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen nun Landesgruppen gebildet. Auch in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin würden „Zug um Zug Reservistenkameradschaften gegründet. Dabei unterstützt uns die Bundeswehr in kameradschaftlicher Weise.“ Der Verband war 1960 gegründet worden, als die ersten Reservisten aus der damals noch jungen Bundeswehr ausschieden. Anfang der 1970er Jahre wurde dem Verband von Parlament und Bundesregierung als spezieller Auftrag die Allgemeine Reservistenarbeit au- ßerhalb der Bundeswehr übertragen. „Das heißt: Militärische Förderung der Reservisten 253 4. Schwierige Aufgaben im Beitrittsgebiet unter hoheitlicher Aufsicht der Bundeswehr, verteidigungspolitische Öffentlichkeitsarbeit sowie Information und Betreuung der Reservisten.“ In den jährlich 40 000 Veranstaltungen erreichen die Verbandsgliederungen mehr als eine Million Bürger und Reservisten. Die Mitglieder der 2 500 Reservistenkameradschaften seien als besonders wichtige Bindeglieder zwischen der zivilen Öffentlichkeit und den Streitkräften anzusehen. Dies vor allem, wenn die Bundeswehr reduziert und Standorte aufgelöst werden sowie die territoriale Organisation erheblich ausdünnt. „Mit ihrer freiwilligen Dienstleistung für unseren Staat geben unsere Reservisten aus allen Bereichen und Qualifikationen ziviler Berufe für andere ein nachahmenswertes Beispiel“, sagte der Verbandspräsident. (1993) Berlins Reservisten konnten mit Unterstützung der Stadt und der Bundeswehr bei der Auslegung der Vorschriften in den vergangenen Jahrzehnten aktiv bleiben. Die ehemaligen Zeit- oder Berufssoldaten sowie Wehrpflichtigen gehörten anfangs als Einzelmitglieder unter der Nummer „Bn“ zur Landesgruppe Niedersachsen, Geschäftsstelle Helmstedt. Später bildeten sie als „RK Berlin“ auch formell eine ordentliche Verbandsgliederung. Dieser Kurzname für Reservistenkameradschaft wurde gewählt, um keiner Person in Berlin oder im Bundesgebiet eine Angriffsfläche im Hinblick auf den Befehl Nr. 504 der Alliierten Kommandantur zum entmilitarisierten Status zu bieten. Zu Übungen, verteidigungspolitischen Veranstaltungen und Truppenbesuchen reiste man in die alten Bundesländer. Seit dieser Zeit gibt es enge Kontakte zu Rotenburg, Lüneburg, Kroge, Norderney, Göttingen und Fulda. Wie die Sektion Berlin der Gesellschaft für Wehrkunde waren auch die Reservisten dem Bundesvorstand in Bonn unmittelbar unterstellt und erhielten vielfältige Unterstützung. Bei allen offiziellen Veranstaltungen des Verbandes wurde die Berlin- Flagge mit dem Bären stets neben den Flaggen der anderen Bundesländer gehisst. Nach dem Vier-Mächte-Abkommen von 1972 mit der anerkannten Präsenz des Bundes in Berlin wiesen deren Reservisten bei Wettkämpfen im Bundesgebiet grundsätzlich mit einer oder zwei Mannschaften ihre Existenz nach. Nach der Wiedervereinigung wurde die Landesgruppe Berlin gegründet. Ihren sechs Kameradschaften gehören 800 Mitglieder an. Darunter sind 350 ehemalige Soldaten der Französischen Streitkräfte, die mit ihren Familien hier wohnen. Berliner Reservisten beteiligten sich 1993 am Helmstedt-Marsch über die ehemalige innerdeutsche Grenze nach Haldensleben in Sachsen-Anhalt. Man sollte heute auch daran erinnern, dass die Alliierten Stationierungsstreitkräfte inoffiziell hin und wieder die Betreuung übernahmen. Daran änderten auch die vielen Proteste aus dem Osten gegen angebliche Bundeswehr-Aktivitäten in West-Berlin nichts. Diese 254 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Vorwürfe wurden aus propagandistischen Gründen von der SED-Führung mächtig aufgebauscht. All das erfuhr ich am 7. Oktober 1994 auf einer Festveranstaltung im Berliner Reichstag. Sie stand unter dem Motto „30 Jahre Reservisten der Bundeswehr in Berlin“. Den Festvortrag zum Thema „Gedanken zur neuen Sicherheitspolitik“ im Sitzungssaal der CDU/CSU-Fraktion hielt der damalige Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik und vormalige Generalinspekteur der Bundeswehr, Admiral a.D. Dieter Wellershof. Er würdigte unter dem Beifall der Versammelten die gesamtdeutschen Streitkräfte „als eine großartige Tat, die geräuschlos, ohne Komplikationen, in kurzer Zeit geleistet wurde“. Wie mir ein Teilnehmer berichtete, habe auch so mancher Bundeswehr-Offizier hier in diesen Räumen „heimlich, still und leise“, also zivil, an Sitzungen und Beratungen von Bundestagsabgeordneten teilgenommen. Berlins Regierender Bürgermeister, Eberhard Diepgen, seit 1963 Mitglied der Freiwilligen Polizeireserve in der damaligen „Frontstadt“, bezeichnete die Bundeswehr als einen „integralen Bestandteil unserer Gesellschaft. Berlin ist ein Standort, wo sich die Bundeswehr als ein akzeptierter Partner heimisch fühlt.“ Die Aktivitäten der Reservistenkameradschaft RK01 „Alt-Berlin von 1964“ in den vergangenen drei Jahrzehnten nannte er ein „Stück Geschichte der Stadt“. Der Präsident des Reservistenverbandes, Peter Kurt Würzbach, erinnerte an das Wirken der Berliner Mitglieder „unter den schwierigen Bedingungen der einst geteilten und entmilitarisierten Stadt. Reservist in der alten Bundesrepublik gewesen zu sein, sich zu engagieren und sich immer wieder freiwillig zu melden, um dabei zu sein und zu zeigen, dass er an der Seite der Bundeswehr für Demokratie steht, gehörte zum Alltag bei uns in Deutschland. Es war jedoch ungewöhnlich und mutig, hier als Reservist Flagge zu zeigen. Nun ist die Uniform der Bundeswehr in Berlin etwas völlig Normales.“ (1994)

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References

Abstract

With the end of the GDR and Germany's unification three decades ago the National People's Army also stopped being a force. A part of their soldiers now served under the banner of their former opponent. On the "Retreat" from the Cold War between East and West mastered the Bundeswehr this human and military mission: the army of unity became

to the army of all Germans. Never before has the military peacefully achieved so much!

The accession area became a pilot for the new army structure. A smaller air force secured the airspace. For the German Seenation went the course change towards "unlimited horizon". In the Bundeswehr were Scharnhorst visions, whose tomb on the Invalidenfriedhof in Berlin again shines in the old glory, reality – army as alive part of a state, soldier service an honor service. The new armed forces took Europe's commitment to peace and democracy, too international

responsibility for peacekeeping operations. and conflict resolution.

Zusammenfassung

Mit dem Ende der DDR und Deutschlands Wiedervereinigung vor drei Jahrzehnten hörte auch die Nationale Volksarmee auf, eine Streitmacht zu sein. Ein Teil ihrer Soldaten diente nun unter der Fahne des einstigen Gegners. Auf dem „Rückzug“ vom Kalten Krieg zwischen Ost und West meisterte die Bundeswehr diese menschliche und militärische Mission mit Bravour: Die Armee der Einheit wurde zur Armee aller Deutschen. Nie zuvor hat Militär friedlich so viel erreicht. Das Beitrittsgebiet bekam Pilotcharakter für die neue Heeresstruktur. Eine kleinere Luftwaffe sicherte den Luftraum mit Air Policing und Flugabwehr. Trotz Schlankheitskur ging der Kurswechsel für die deutsche Seenation mit dem Welthandel in Richtung „unbegrenzter Horizont“. In der Bundeswehr wurden Scharnhorst-Visionen, dessen Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof wieder in altem Glanz erstrahlt, Realität: Armee als lebendiger Teil eines Staates, Soldatendienst ein Ehrendienst. Peter Heinze widmete sich seit dem Tag der Deutschen Einheit besonders der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Mit dem Ende des Kalten Krieges verfolgte der ostdeutsche Journalist den Abzug russischer Truppen als größte Militärbewegung im Nachkriegseuropa und die internationale Abrüstung unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“. Der vorliegende Band versammelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten 30 Jahre und bietet so einen ebenso fundierten wie persönlichen Überblick über die Wiedervereinigung in der nun gesamtdeutschen Armee.