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3. Stimmen zur NVA und Personal-Integration in:

Peter Heinze

Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten, page 85 - 98

Ein Journalist erlebte die Armee der Einheit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4410-0, ISBN online: 978-3-8288-7411-4, https://doi.org/10.5771/9783828874114-85

Tectum, Baden-Baden
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85 3. Stimmen zur NVA und Personal-Integration Die deutsche Einheit führte in der Geschichte der Bundeswehr zu ihrem tiefsten Einschnitt. Schon vor der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 fanden in der Bundesrepublik und der DDR recht kontroverse Debatten über die Zukunft beider Armeen statt – sowohl einer gesamtdeutschen Bundeswehr als auch der Nationalen Volksarmee. Von der „restlosen Abschaffung der NVA“ und ihrer Soldaten bis zu „zwei Armeen in einem Staat“ reichten die Vorschläge. Der Bundesaußenminister wollte noch im Frühjahr 1990 aus dem DDR-Gebiet künftig eine „entmilitarisierte Zone“ machen. Schließlich setzte sich das Verteidigungsministerium mit „Ein Staat – eine Armee“ durch. Das bedeutete: Eine Bundeswehr mit einem Umfang von 370 000 aktiven Soldaten – wie dann auch international vereinbart – als gesamtdeutsche Streitkräfte auf dem Gebiet des vereinten Deutschlands zu stationieren. Am Ende eine gelungene Operation, auch ohne Plan. Die „neue“ Bundeswehr kannte kaum Ost-West-Konflikte. Franz Josef Strauß, Bundesminister der Verteidigung, am 22. Dezember 1961 – im Jahr des Baus der Berliner Mauer – in einer Rundfunkansprache an die Soldaten der NVA: Bewahren Sie sich in der schweren Prüfung, die Ihnen auferlegt wird, Ihren menschlichen Anstand, Ihr eigenes Urteil, Ihren kritischen Verstand. Handeln Sie so, dass Sie vor Ihrem Gewissen und vor Ihrem eigenen Volk bestehen können … Verlieren Sie aber auch nicht den Glauben, dass Sie eines Tages wieder in einem freien Staat ohne Gewissensnot und ohne Unterdrückung leben werden. Beelitzer Soldatenrat zum Jahreswechsel 1989/90 im 24-Punkte-Forderungskatalog: Aufgrund der tiefgreifenden Umwandlung auf allen Gebieten in der DDR darf die Demokratie auch vor den Kasernentoren nicht haltmachen. Nur wenn die preußisch-militärischen Überbleibsel in unserer Armee beseitigt werden, verdient sie den Namen ‚Nationale Volksarmee’. Nur so wird die NVA vom Volk akzeptiert und unterstützt werden. Klaus-Dieter Ernst, Leiter der DDR-Delegation in Wien, im Buch „DDR-Außenpolitik im Rückspiegel“, LIT, Berlin 2006: Bis weit in die siebziger Jahre hinein schwadronierten Politiker und Militärs der DDR über die haushohe militärische Überlegenheit der sozialistischen Staaten und kündigten an, dass 86 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten im Falle einer militärischen Auseinandersetzung ‚der Gegner auf seinem Territorium vernichtend geschlagen werde‘. Nicht nur auf wissenschaftlichen Beratungen wandten sich vor allem Militär- und Gesellschaftswissenschaftler gegen die These vom militärischen Gleichgewicht. Sie vermuteten dahinter eine Schwächung der Verteidigungsbereitschaft oder eine Missachtung der behaupteten gesellschaftspolitischen Vorzüge des Sozialismus. Deutscher BundeswehrVerband e.V. auf dem ersten deutsch-deutschen Seminar im März 1990: Soldat sein in Deutschland heißt jetzt: Miteinander sprechen, um Vertrauen zu bilden. Es folgten weitere Treffen und Begegnungen mit intensivem Meinungsaustausch. Im April 1991 hatte der Landesverband Ost bereits 12 000 Mitglieder. DBwV: Wir wollten keinen der Betroffenen mit seinen Sorgen allein lassen! Und das Ziel der inneren Einheit war nicht durch Ausgrenzung, sondern nur durch Herausfinden der Gemeinsamkeiten zu erreichen. Admiral Theodor Hoffmann, letzter Chef der NVA, am 7. Januar 1990 in einem Interview mit dem „STERN“: Aber ob wir Angst haben, von der Bundeswehr angegriffen zu werden? Das würde ich verneinen. Ich sehe gegenwärtig keine Gefahr, dass wir durch die Bundesrepublik einverleibt werden würden. Rainer Eppelmann, DDR-Minister für Abrüstung und Verteidigung, auf der NVA-Kommandeurstagung am 2. Mai 1990 in Strausberg: Obwohl keine akute Kriegsgefahr besteht, wird die DDR, solange sie als selbständiger Staat fortbesteht, im Interesse ihrer äußeren Sicherheit ihre Volksarmee in angemessenem Umfang und streng defensiv strukturiert aufrecht erhalten müssen. Es wird auch nach der Vereinigung auf DDR-Territorium eine zweite deutsche Armee geben, die – in kein Militärbündnis integriert – hier eigene, territoriale Sicherheitsfunktionen ausüben wird und dementsprechend strukturiert, ausgerüstet und ausgebildet werden muss. Staatssekretär Werner E. Ablaß führte 1990 für Abrüstungsminister Eppelmann Verhandlungen mit dem Bundesverteidigungsministerium: Ich habe nie das Gefühl gehabt, sowohl bei Stoltenberg als auch bei meinen Bonner Kollegen nicht, dass die mir etwas diktieren wollen, sondern wir haben das erarbeitet. Wir konnten uns nicht immer durchsetzen, aber ich möchte daran erinnern, dass die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes beigetreten ist und nicht die Bundesrepublik der DDR. Und man muss auch Kompromisse machen. Bundeskanzler Helmut Kohl am 8. Juni 1990 in Washington gegenüber Präsident Bush: Eines der unangenehmsten Probleme, die sich im Zusammenhang mit der Wiederherstellung der deutschen Einheit stellen, ist die Zukunft der Nationalen Volksarmee. Die NVA ist 87 3. Stimmen zur NVA und Personal-Integration praktisch eine Parteiarmee, deren Offiziere, aber auch andere Berufssoldaten, auf die kommunistische Ideologie gedrillt sind. Von diesen Leuten könne man allenfalls 20 Prozent verwenden. Im Prinzip sei daher nicht vorstellbar, dass die Offiziere der NVA in die Bundeswehr eingegliedert werden. Günther Gillessen am 25. Juli 1990 in der F.A.Z. unter „Auflösen – ohne Rest“: Wer jetzt zusammenspannen will, was nicht zusammengehört, gefährdet in der Bundeswehr das Beste, ihre Moral als Armee eines anderen Deutschland, für das die Verschwörer des 20. Juli ihr Leben gaben …Was aber dann mit der NVA anfangen? Es gibt nur eine Lösung. Mit der DDR ist auch die Institution NVA aufzulösen, ohne jeden Rest. Davon sind 30 000 Offiziere betroff en. Man sollte nicht prüfen, was sie getan oder unterlassen haben …Wer in der DDR Berufs- oder Zeitsoldat werden wollte, tat es freiwillig und wusste, wem er diente. Es ist keine unmenschliche Zumutung, DDR-Offizieren (und auch Polizeiführern sowie DDR- Diplomaten) zu empfehlen, sich einen neuen Beruf zu suchen. Oberst i.G. Dietrich Oetjen, Referatsleiter im Heeres-Führungsstab, in „Truppenpraxis“ 4/1990: Können Männer, die jahrzehntelang den Hass auf den imperialistischen Feind gepredigt haben, nun plötzlich Führer, Ausbilder und Erzieher von Soldaten dieses imperialistischen Feindes sein? Können Sie selbst glaubhaft als Waffenträger für die Demokratie eingesetzt werden? … Auf dem Gebiet der DDR darf kein militärisches Vakuum entstehen. Rein territoriale Kräfte aber gibt es nicht genug, und sonstige Einrichtungen, wie etwa Schulen, dorthin zu verlegen, dürfte auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen. Schließlich sollten sich die Streitkräfte wenigstens mit Masse aus ‚Landeskindern‘ rekrutieren. Eine einfache Übernahme der NVA kommt wegen ihrer Geschichte und Zweckbestimmung nicht in Frage. Major Lothar W. Brenne-Wegener, Kompaniechef in einem Panzergrenadierbataillon, in „Truppenpraxis“ 5/1990 unter „Kameraden oder Bösewichte?“: Obwohl in den zuständigen Kreisen mittlerweile unstrittig ist, dass es in einem vereinten Deutschland nicht zwei Armeen geben wird, bereiten die damit einhergehenden Fragen den Verantwortlichen zunehmend Kopfzerbrechen … Wenn sich die NVA-Offiziere schuldig gemacht haben, weil sie ein Unrechtssystem durch ihre Untätigkeit zu stabilisieren halfen, haben sich dann nicht auch all jene Politiker unseres Landes, quer durch alle Parteien, schuldig gemacht, die sich reihenweise in Ost-Berlin die Türklinken in die Hand gaben? Martin S. Lambeck am 5. Juli 1990 in „Hamburger Abendblatt“ unter „Bonn fordert: Volksarmee abschaffen! Streit unter Bundeswehr-Generalen“: In der Generalität der Bundeswehr wächst die Gruppe der Offiziere und Generale, die keinesfalls zusammen mit früheren NVA-Offizieren in einem geeinten Deutschland dienen wollen. Dagegen üben einige ältere Generale Solidarität mit Honeckers Offizieren. Sie sehen in 88 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten der NVA-Führung in erster Linie ‚deutsche Kameraden’. Über diese Frage wird in der Bundeswehr heftig gestritten. Brigadegeneral Klaus-Peter Schötensack, Kommandeur im Ausbildungszentrum Infanterie in Hammelburg, vor den ersten NVA-Berufsoffizieren im September 1990 als Lehrgangsteilnehmer bei einem „Anpassungskurs der Bundeswehr“: Wichtig ist, dass wir zunächst einmal gemeinsam die innere Mauer abbauen, die uns noch trennt, obwohl die Mauer in Berlin gefallen ist. Admiral Dieter Wellershoff im Generalinspekteursbrief vom September 1990: Unser Menschenbild und unsere Werte verpflichten uns gerade in diesen Tagen in besonderer Weise zu Toleranz, Geduld und Verständnis. Siegergefühle und Überheblichkeit sind fehl am Platze. Oberst i.G. Horst Prayon, Kommandeur der Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation in Waldbröl, später in Strausberg: Bemerkenswert hoch war die Zahl der Freiwilligen aus der Bundeswehr, die sich zur Kommandierung ‚nach drüben‘ gemeldet hatten. Die Herausforderung der Aufgabe, die Neugier auf das unbekannte Land jenseits der Demarkationslinie, die Jahrzehnte lang eher eine Front als eine Grenze gewesen war, und das Interesse an den ‚anderen deutschen Soldaten‘ hatten sie motiviert. Die Bundeswehr konnte Erfahrungen und Verhaltensweisen vermitteln: Bewusstes Gewähren vielfältiger Freiräume, Toleranz gegenüber Andersdenkenden, Leistung im Team, helfende Dienstaufsicht, Achtung der Würde jedes Soldaten. Minister Eppelmann, am 1. September 1990 gegenüber der Militärzeitschrift „trend“: Ich sage hier eine konkrete Zahl: Von den 300 Generalen, die es in der NVA gegeben hat, wird es am 3. Oktober noch 30 geben. Egon Bahr, SPD-Politiker und Berater des letzten DDR-Verteidigungsministers: Die Einheit kam zur rechten Zeit, um der Bundeswehr und der Wirtschaft Abrüstung zu ersparen – das Material der NVA leistete im Wesentlichen die Abrüstung für Deutschland, zu der wir im Rahmen der Wiener Verhandlungen verpflichtet wurden. Die alte Bundeswehr schränkte sich um zehn Prozent ihrer Soldaten ein, bei der NVA blieben zehn Prozent übrig, darunter nicht ein General. Generalleutnant Henning von Ondarza, Inspekteur des Heeres, verabschiedete kurz vor der Wiedervereinigung 850 Heeresangehörige in Hannover in die neuen Bundesländer: Fahren Sie morgen früh los an ihre Bestimmungsorte. Sehen Sie, wer dort ist. Stellen Sie fest, was dort ist. Geben Sie Vertrauensvorschuss an die Führungsverantwortlichen der NVA. Unterlassen Sie jede Selbstgerechtigkeit und gewinnen Sie deren Loyalität. Bedenken Sie die 89 3. Stimmen zur NVA und Personal-Integration schwierige Situation, in der diese Soldaten stehen. Sie kennen jetzt meine Absicht und die des Bundesministers. Handeln Sie selbständig danach. Sie haben gelernt, eine Lage zu beurteilen, auch wenn diese ungewöhnlich ist und viele Ungewissheiten einschließt. Generalleutnant Jörg Schönbohm (1937–2019), Befehlshaber Bundeswehr Ost, beim Amtsantritt am 4. Oktober 1990 in Strausberg: Unser Volk lebt jetzt vereint in einem freiheitlichen, demokratischen, sozialen Rechtsstaat. Wir alle tragen Verantwortung dafür, dass auch in diesem Teil Deutschlands die Demokratie mit Leben gefüllt wird. Das Bundeswehr-Kommando Ost hat den Auftrag, die Truppenteile der bisherigen NVA in die Streitkräfte des demokratischen Deutschlands zu überführen – das geht nur miteinander, nicht gegeneinander. Schönbohm am 10. Oktober 1990 auf der Kommandeurtagung in Strausberg: Die NVA hat durch ihr Verhalten vor und nach dem 9. November 1989 gezeigt, dass sie, obwohl Armee des SED-Staates, auf der Seite des Volkes stand und nicht zu den Waffen griff. Heute können wir feststellen, dass für unseren Bereich der Übergang trotz aller Schwierigkeiten insgesamt bemerkenswert gut gelungen ist. Wir haben die Lage konsolidiert und während der gesamten Zeit die Führungs- und Funktionsfähigkeit sichergestellt und die Bewachung gewährleistet. Oberst a.D. Karl-Heinz Marschner, Kommandeur der 9. NVA-Panzerdivision in Eggesin, übergab am 3. Oktober 1990 die Verantwortung an die Bundeswehr: Für mich und für die Mehrzahl der Angehörigen der NVA war das ein Tag des Aufatmens. Freud und Leid lagen in diesen Tagen für mich wie für viele andere dicht beieinander. Trotz der großen Ungewissheit, die eigene Perspektive betreffend, überwog auch bei mir die Freude darüber, nun im vereinten Deutschland zu leben, mit all den damit verbundenen und uns bis dahin vorenthaltenen neuen, vielfach besseren Seiten des menschlichen Daseins. Generalmajor Axel B. Kleppin, Kommandeur der 5. Luftwaffendivision, am 21. April 1991 beim Kommandowechsel: Was kann es für uns Schöneres geben, als mitzuerleben, dass der scheinbar ‚unmögliche Traum‘ der friedlichen Wiedervereinigung doch Realität geworden ist. Was kann für einen Offizier, der so von der unnatürlich empfundenen Trennung geprägt war, erstrebenswerter sein als an der Überwindung ihrer Konsequenzen, am Prozess des Zusammenwachsens zwischen Ost und West beteiligt zu sein? Ich habe sie als die schönste Aufgabe angesehen. Manfred Wörner, Bundesverteidigungsminister 1982–1988 und Nato-Generalsekretär 1988–1994, am 22. April 1991 vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Potsdam: Dass heute, 42 Jahre nach der Gründung der Nordatlantischen Verteidigungsallianz, der Generalsekretär der Nato zum ersten Mal in einem der fünf neuen Bundesländer spricht, macht diesen Tag zu einem denkwürdigen in der Geschichte der westlichen Allianz. Und ich beken- 90 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten ne gerne, dass ich als Deutscher bewegt bin. Dass ich gerade in Potsdam zu Ihnen spreche, ist vielleicht nicht ohne tiefere Bedeutung. Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 29. April 1991 beim Besuch des Bundeswehr-Kommandos in Potsdam: Der von der Bundeswehr geleistete Beitrag für das Zusammenwachsen des geeinten Deutschlands verdient unser aller Respekt und Anerkennung. An dem dynamischen Prozess des gesellschaftlichen Wandels, dessen Verlauf noch von niemandem völlig zu übersehen ist, nehmen Sie mit besonders hoher Verantwortung teil. Dafür danke ich Ihnen. In kaum einen anderen Bereich werden das Ende des Kalten Krieges und die Öffnung nach Osten deutlicher sichtbar als bei den Streitkräften. Ich möchte Sie aber auch nachdrücklich ermutigen, in Ihren Anstrengungen nicht nachzulassen … Die Einheit der Truppe fördert die Einheit der Deutschen. Bundesverteidigungsminister Gerhard Stoltenberg am 1. Juli 1991 in Strausberg zur Au- ßerdienststellung des Bundeswehrkommandos Ost: Ich kann heute feststellen, dass die ersten gemeinsamen Schritte der letzten neun Monate aber nicht möglich gewesen wären ohne die Leistung und den Beitrag vieler Soldaten der ehemaligen NVA. Ihr Wille und persönlicher Einsatz, geordnete Truppenteile zu übergeben, hat den Übergang wesentlich erleichtert. Ihre Bereitschaft und Aufgeschlossenheit, sich in den Prozess des Wandels und Neuaufbaus einzubringen, umzulernen und mitzuarbeiten, war eine wesentliche Voraussetzung, dass der Neubeginn gemeinsam angegangen werden konnte. Dieser gemeinsame Beginn ist ein bemerkenswertes Beispiel für das Zusammenwachsen der deutschen Nation. Schönbohm am 1. Juli 1991 bei der Außerdienststellung des Bundeswehrkommandos Ost: Ich sage heute unmissverständlich: Auch Soldaten der ehemaligen NVA begreifen die prinzipiellen und anerkennen die grundlegenden Unterschiede und sind bereit, unserem vereinten Deutschland zu dienen – sie haben seit dem 3. Oktober hierzu den Anfang gemacht und sie werden es in der Zukunft beweisen. Generalmajor Ekkehard Richter, Leiter des Vorkommandos der Bundeswehr bei der NVA, später Kommandeur der 13. Panzergrenadierdivision und des Wehrbereichskommandos VII: Unser festes Ziel war es, der NVA die volle Verantwortung bis zum Beitritt zu belassen, nicht das Gefühl eines ‚Sieges der Bundeswehr über die NVA‘ aufkommen zu lassen und den verantwortlichen Führern im Ministerium für Abrüstung und Verteidigung und in der Truppe nicht ihre ‚Würde‘ zu nehmen … Ich glaube, dass die Bundeswehr wohl der einzige Bereich des Öffentlichen Dienstes und der Gesellschaft war, der in Gesprächen, Ausbildung, zahlreichen längeren Lehrgängen und durch baldige Kommandierung ehemaliger NVA-Offiziere in 91 3. Stimmen zur NVA und Personal-Integration den Westen die Unterschiede im Wertesystem deutlich gemacht und intensiv aufgearbeitet hat. Generalleutnant Jörg Kuebart, Inspekteur der Luftwaffe, im September 1991 in der Zeitschrift „Europäische Sicherheit“: In den nächsten Jahren werden einige Luftwaffenverbände im Westen aufgelöst und im Osten neu aufgestellt. Dabei stellt die Integration des von uns übernommenen ehemaligen NVA- Personals eine besondere Herausforderung dar. Die ersten Erfahrungen sind durchaus positiv, und es sollte gelingen, bei der Herstellung auch der inneren Einheit eine Vorreiterrolle zu spielen. Christoph Bertram in DIE ZEIT (28.08.1992, Nr. 36) unter „Eine Eroberung im Frieden“: Viele NVA-Soldaten begrüßten die ‚Eroberer‘ aus dem Westen nicht etwa mit Sabotage; im Gegenteil, sie setzten oft ihren Ehrgeiz darein, ihre Einheiten in geordnetem Zustand zu übergeben. Geradezu erleichtert waren viele, dass mit dem Einzug der Bundeswehr das Chaos unter dem ersten und letzten demokratisch gewählten DDR-Verteidigungsminister Eppelmann sein Ende nahm. ‚Im Oktober 1990‘, erinnert sich ein ehemaliger NVA-Offizier, der heute die Uniform der Bundeswehr trägt, ‚war die NVA eine Räuberbande‘. Bärbel Kleedehn (CDU), Finanzministerin von Mecklenburg-Vorpommern, am 2. Juli 1993 zur Begrüßung der aus Niedersachsen nach Sanitz verlegten Flugabwehrraketengruppe 31: In gewissem Sinne betreten Sie ja Neuland. Schließlich ist eine außergewöhnliche Situation, wenn eine ganze Einheit aus einem Bundesland in ein anderes verlegt wird, in ein Bundesland, dessen Lebensverhältnisse sich von den Ihnen bisher bekannten mehr oder weniger stark unterscheiden. Doch das Miteinander von Offizieren und Soldaten aus den alten und den neuen Bundesländern hat sich problemloser als in anderen Bereichen erwiesen. Die Bundeswehr bietet ein gutes Beispiel dafür, wie die innere Einheit erreicht werden kann. Ich kann auch mit Fug und Recht sagen, dass die Bundeswehr den wirtschaftlichen Aufschwung in dieser Region beflügeln wird. Bundeskanzler Helmut Kohl am 21. Juli 1993 beim Korps und Territorialkommando Ost: Die Bundeswehr hat gezeigt, was erreichbar ist, wenn Deutsche aus Ost und West aufeinander zugehen und nicht jammern, sondern gemeinsam anpacken und sich mit Tatkraft einer gemeinsamen Aufgabe stellen. Wie so oft bei guten Taten ist in der Öffentlichkeit viel zu wenig davon die Rede, welch eine großartige Leistung es gewesen ist, die Bundeswehr im Osten Deutschlands in kurzer Zeit erfolgreich aufzubauen und dabei so viele Soldaten der ehemaligen NVA in die Streitkräfte unserer Bundesrepublik Deutschland zu integrieren. Auch dieser Vorgang ist ohne jedes Beispiel in der modernen Geschichte: Gegner von einst wurden zu Kameraden, und ihr gemeinsamer Auftrag ist, das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen. 92 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Bundesverteidigungsminister Volker Rühe am 11. Oktober 1993 vor der Berliner CDU: Für ihre Einsatzfähigkeit und ihre Leistungsfähigkeit, aber auch für ihren Mut und die Disziplin, mit denen sich die deutschen Streitkräfte den aktuellen Herausforderungen stellen, verdienen sie großen Respekt. Dabei ist die Bundeswehr Schrittmacher der deutschen Einheit. Die Soldaten und die zivilen Mitarbeiter reden nicht nur darüber, sie praktizieren sie täglich. Wir machen ernst damit, die Teilung durch Teilen zu überwinden. Soldaten, die einmal Gegner waren, dienen heute als Bürger und Kameraden demselben Ziel. Generalleutnant Werner von Scheven, Stellvertreter des Befehlshabers Ost, dann Kommandierender General und Befehlshaber des Korps und Territorialkommandos Ost, 1993 vor der Gesellschaft für Wehrtechnik in Bad Godesberg: An der erfolgreichen Durchführung dieser komplexen Aufgaben unter sehr schwierigen Bedingungen waren zu mehr als 90 Prozent ehemalige NVA-Soldaten und wehrpflichtige junge Männer aus den östlichen Bundesländern beteiligt. Ohne ihre Loyalität, ohne ihren gro- ßen persönlichen Einsatz, ihren Willen, die gewaltige Herausforderung zu bestehen und zugleich die totale Neuorientierung im privaten und familiären Bereich zu bewältigen, wäre es nicht gegangen. Sie haben das Angebot der fairen Chance angenommen und sie haben die Bundeswehr nicht enttäuscht. Sogar die Offiziere und Unteroffiziere, denen klar war, dass sie keine Chance in der Bundeswehr hatten, haben überwiegend bis zum letzten Tag voll mitgearbeitet. General Klaus Naumann, Generalinspekteur der Bundeswehr, zum Jahresende 1993: Beim Aufbau der Bundeswehr zwischen Ostsee und Erzgebirge können wir zum Jahresende mit großer Zufriedenheit sagen, wir sind einen erheblichen Schritt nach vorn gekommen. Die Truppenteile im Osten sind dabei, ihr operationelle Einsatzfähigkeit zu gewinnen, so dass wir im kommenden Jahr den Aufbau der Bundeswehr Ost planmäßig abschließen können. Und mit gutem Erfolg ist auch der Prozess der Integration von Soldaten der früheren Nationalen Volksarmee in die Bundeswehr bewältigt worden. Natürlich kann niemand beurteilen, wie es in den Köpfen und Herzen des einzelnen aussieht. Wir haben aber wahr gemacht, was wir versprochen haben: Dass jeder eine faire Chance bekommt und dass wir sie wirklich als Deutsche unter Deutschen behandeln würden.“ Schriftsteller Peter Schneider unter „Die neuen Kameraden“ in „DER SPIEGEL“ (24/1994): Ohne dass ein Schuss gefallen wäre, ging die Befehlsgewalt an den ehemaligen Gegner, an die Bundeswehr, über. Die Übergabe von Menschen, Munition und Überzeugungen vollzog sich nahezu geräuschlos. Menschliche Tragödien blieben aus oder wurden nicht bemerkt. Keiner der rund 200 NVA-Generale hat sich selbst entleibt, man hat auch nicht gehört, dass irgendeiner von ihnen im Irrenhaus gelandet wäre. Klaus Kinkel (FDP, 1936–2019), Bundesminister des Auswärtigen, am 23. Mai 1995 in Charlottenhof bei Görlitz zum Abschluss der deutschen KSE-Reduzierungsverpflichtungen: 93 3. Stimmen zur NVA und Personal-Integration Vor knapp drei Jahren haben wir in Rockensußra mit einem Trennschnitt in Panzerstahl einen Abrüstungsprozess eingeleitet, der in der Geschichte ohne Beispiel ist. Mit dem heutigen Tag erfüllt Deutschland seine Reduzierungsverpflichtungen aus dem KSE-Vertrag. Sechs Monate vor Ablauf der gesetzten Frist können wir eine beeindruckende Bilanz ziehen: Über 8 600 zerstörte Kampfpanzer, gepanzerte Kampffahrzeuge Artilleriewaffen und Kampfflugzeuge. Bis zum 16. November dieses Jahres werden die 30 Vertragsstaaten insgesamt über 49 000 schwere Waffensysteme zerstört haben. Eine Erblast des Kalten Krieges ist damit beseitigt. Hanna-Renate Laurien, Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses, zur Verabschiedung von Brigadegeneral von Uslar-Gleichen am 29. September 1995: Wer zusammen in einer Einheit dient, erfährt das, was im Berliner Parlament, darin von allen anderen deutschen Parlamenten unterschieden, auch zum Alltag gehört: das Miteinander von Köpenick und Zehlendorf, von Wedding und Marzahn. Wir wollen nicht langweilige monotone Einheit, sondern unverändert die Neugier auf das Anderssein des anderen aufrechterhalten. Generalleutnant Hartmut Bagger, Inspekteur des Heeres, in der Fachzeitschrift WEHR- TECHNIK (12/95): Die Armee der Einheit steht. Das Heer hat einen erheblichen Beitrag dazu geleistet. Die militärische und organisatorische, gesellschaftspolitische und die menschliche Leistung der Bundeswehrangehörigen aus Ost und West hat Geschichte gemacht. Die Integration der ehemaligen Soldaten der NVA ist abgeschlossen; wir ernten heute die Früchte unserer Investitionen. Die gemeinsame Ausbildung von jungen Wehrpflichtigen aus den alten und den neuen Bundesländern hat die Einheit gestärkt. Das Erleben in einer Armee der Demokratie besitzt den Charakter einer Vorreiterrolle für das Zusammenwachsen in anderen Bereichen des täglichen Lebens. Bundespräsident Roman Herzog beim Gelöbnis der Panzerbrigade 42 „Brandenburg“ am 31. Mai 1996 vor dem Schloss Charlottenburg in Berlin: Die Bundeswehr ist auch ein Ort der Begegnung junger Menschen aus Ost und West, die gemeinsam demselben Ziel verpflichtet sind und die für dieselben Werte eintreten. Die Armee der Einheit ist eine einmalige organisatorische und menschliche Gemeinschaftsleistung. Mehr als 9 000 ehemalige NVA-Soldaten dienen heute als Staatsbürger in Uniform im Osten und Westen unseres Landes. Dafür hat die Bundeswehr im In- und Ausland zu Recht viel Anerkennung gefunden. Manfred Stolpe, SPD-Ministerpräsident von Brandenburg, am 3. August 1997 vor dem Bundestag zum Einsatz von 30 000 Soldaten unter Generalmajor Hans Peter von Kirchbach beim Hochwasser an der Oder: An den Deichen der Oder hat die deutsche Nation im Jahr sieben der Einheit ihre Bewährungsprobe bestanden. 94 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Bundeskanzler Helmut Kohl bei seiner Verabschiedung am 17. Oktober 1998 in Speyer mit einem Großen Zapfenstreich: Die Männer und Frauen unserer Bundeswehr haben in den Jahren seit 1990 im Prozess der Deutschen Einheit Beispielhaftes geleistet. Innerhalb weniger Jahre sind Streitkräfte, die eben noch miteinander verfeindeten Bündnissen angehörten, erfolgreich zu einer Armee verschmolzen worden. Das ist ein historisch einzigartiger Vorgang. Heute dienen Rekruten aus Brandenburg und Rheinland-Pfalz, aus Hamburg und Sachsen gemeinsam unserem wiedervereinigten Vaterland. Stolpe auf dem Festakt „10 Jahre Armee der Einheit“ im Jahr 2000 in Potsdam: Die Zusammenführung von NVA und Bundeswehr war ein wichtiger Beitrag zum Zusammenwachsen des vereinten Deutschlands. Tausende NVA-Soldaten waren bereit, umzulernen und den Eid auf die demokratische Verfassung abzulegen. Die neue Bundeswehr wurde zu einer ‚Schule der Einheit‘. Werner Krätschell, Bevollmächtigter für die Evangelische Seelsorge der Bundeswehr in den neuen Bundesländern: Auch ich hätte mir damals nicht im Traum vorstellen können, dass ich ab 1997 als einstiger Wehrdienstverweigerer in der DDR an höherer Stelle in der inzwischen gesamtdeutschen Bundeswehr die wichtige Aufgabe übernehmen würde, eine evangelische Seelsorge in der Bundeswehr im Osten aufzubauen. Diese war aus ideologischen Gründen in der DDR undenkbar gewesen. Die noch größere Schwierigkeit bestand darin, innerkirchliche, aus der Geschichte verständliche Vorbehalte zu überwinden. Die Soldaten aber, gerade in den damals für die Bundeswehr für unmöglich gehaltenen Auslandseinsätzen, sind dankbar für die Begleitung durch evangelische und katholische Pfarrer. Reinhard Kubik, ehemals Oberstleutnant im NVA-Mot. Schützenregiment Bad Salzungen, 2005 gegenüber dem Deutschlandfunk: Ein Weltbild brach damals zusammen. Alles, was ich gelernt hatte, alles, was mir anerzogen wurde, alles, wofür ich zum damaligen Zeitpunkt gelebt habe, mit Überzeugung gelebt habe, hatte keinen Wert mehr, hatte keine Gültigkeit mehr. Und da kann man sich doch durchaus vorstellen, dass das eine chaotische Situation war. Wenn ich heute daran zurückdenke und mich erinnere, welche Emotionen das waren, dann waren das vor allen Dingen Ängste. Es war Unsicherheit. Norbert Lammert, Präsident des Deutschen Bundestages, beim Empfang zum 50. Jahrestag der Bundeswehr am 26. Oktober 2005 in Berlin: Die Aufgabe, Menschen zusammenzuführen, die über Jahrzehnte in gegnerischen Bündnissen bis an die Zähne bewaffnet gegeneinander aufgestellt waren, war von eigener Art und hat sich so an keiner anderen Stelle unserer Gesellschaft in genau der gleichen oder einer sehr 95 3. Stimmen zur NVA und Personal-Integration ähnlichen Weise gestellt. Wenn der Prozess der Herstellung nicht nur der äußeren, sondern auch der inneren Einheit Deutschlands an jeder Stelle so offensichtlich gut gelungen ist, dann würden die Festreden zum Tag der Deutschen Einheit anders ausfallen, als das häufig der Fall ist. Karl Johanny, Präsident der Wehrbereichsverwaltung VII, 1995 mit einer Bilanz über fünf Jahre: Nur ganz wenige Angehörige unserer Verwaltung stammen aus den alten Bundesländern, 98 Prozent hingegen aus der früheren NVA. Diese haben sich engagiert eingebracht, sich fortgebildet, sie haben das Neue aufgenommen und setzen es mit Erfolg um. Unsere Verwaltung ist ein Exempel dafür, wie die deutsche Einheit gelingen kann. Bundesverteidigungsminister Peter Struck (SPD) beim Festakt „15 Jahre Armee der Einheit“ am 4. Oktober 2005 in Erfurt: Die Bundeswehr hat gezeigt, was erreichbar ist, wenn Deutsche aus Ost und West aufeinander zugehen und sich mit Tatkraft einer gemeinsamen Aufgabe stellen. Sie ist damit bei der Verwirklichung der inneren Einheit Deutschlands von Anfang an ein Vorbild und Vorreiter gewesen. Die Auflösung der Nationalen Volksarmee der DDR und die Schaffung einer gesamtdeutschen Armee sind beeindruckend reibungslos verlaufen und zugleich eine bemerkenswerte menschliche Leistung gewesen. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) bei „50 Jahre Luftwaffe im Einsatz“ am 19. August 2006 in Laage (Mecklenburg-Vorpommern): In der Nachkriegszeit standen sich über fast vier Jahrzehnte zwei deutsche Luftwaffen als mögliche Gegner gegenüber. Ihre Zusammenführung im Zuge der deutschen Wiedervereinigung war eine große Leistung. Dabei wurden die Luftstreitkräfte der NVA eingebracht, aufgelöst und in Teilen, wie die MiG-29 hier in Laage, in die Luftwaffe übernommen. Die nunmehr gesamtdeutsche Luftwaffe begann ihre größte Umstrukturierung und leistete einen wichtigen Beitrag zur deutschen Einheit. Matthias Platzeck, Brandenburgs SPD-Ministerpräsident, 2007 zum Dienstantritt von Innenminister Jörg Schönbohm, ehemaliger Befehlshaber der Bundeswehr Ost, vor 50 Jahren in den Streitkräften: Die Soldaten der NVA waren bereit, umzulernen und den Eid auf die demokratische Verfassung abzulegen. Das war von beiden Seiten ein Vertrauensvorschuss und ein Lernprozess. Diese neue Bundeswehr wurde dabei so etwas wie eine Schule der Einheit, in der sie sich jeden Tag zu bewähren hat. Die verunsicherten NVA-Angehörigen erlebten den ehemaligen Gegner in der Person Schönbohms anders, als sie es erwartet hatten: Als einen Menschen, der feinfühlig erfasste, was in den Leuten vorging. 96 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Kommandeurtagung am 22. November 2010 in Dresden: 11 000 ausgewählte ehemalige Soldaten der NVA wurden Teil der Bundeswehr. Das war nicht nur ein verwaltungstechnischer Akt. Plötzlich kamen Menschen zusammen, die sich noch vor kurzem als Feinde gegenübergestanden hatten. Ich habe mir erzählen lassen, dass es nicht immer nur auf Freude stieß, wenn Bundeswehrsoldaten aus dem Westen plötzlich in ein Zimmer mit Bundeswehrsoldaten aus dem Osten kamen. Das Ganze hat sich dann aber zu einer unglaublichen Erfolgsgeschichte entwickelt. Das heißt also, die Bundeswehr hat die innere Einheit schnell und überzeugend vollzogen. Sie hat die innere Einheit Deutschlands maßgeblich mitgestaltet. Darauf dürfen all jene stolz sein, die hieran mitgewirkt haben. Generalstabsarzt Dr. Erika Franke, Kommandeurin der Sanitätsakademie, die 1990 als Oberfeldarzt im Berliner Bundeswehr-Krankenhaus begann und als erste Frau als Zwei- Sterne-Generalin 2016 in den Ruhestand trat, 2010 in „Wehrmedizin und Wehrpharmazie“: Die Art, wie es die Bundeswehr verstand, das Zusammenwachsen von Ost und West zu fördern, muss retrospektiv als vorbildlich betrachtet werden. Damit hat die Armee der Einheit eine wichtige Funktion als Vorreiter für andere gesellschaftliche Institutionen übernommen. Ich bin stolz darauf, was ich in den vergangenen Jahren bei der Bundeswehr erreicht habe. Und ich bin mir bewusst, dass das keine Selbstverständlichkeit war. Bundespräsident Joachim Gauck am 12. Juni 2012 bei der Bundeswehr in Hamburg: Ich denke daran, wie in den Jahren nach 1990 die Bundeswehr eine Armee der Einheit wurde und wie Soldaten, die einst vielleicht aufeinander hätten schießen müssen, Kameraden wurden. Sie schützen und verteidigen das, was uns am wichtigsten ist, auch über die Grenzen unseres Landes hinaus: Freiheit und Sicherheit, Menschenwürde und das Recht jedes Einzelnen auf Unversehrtheit. Sie handeln dabei im Auftrag einer freiheitlichen Demokratie. Sie sind als „Staatsbürger in Uniform“ Teil dieser Gesellschaft. General Wolfgang Schneiderhan, Generalinspekteur der Bundeswehr, 2005 in Erfurt: In der Bundeswehr war die Idee der deutschen Einheit immer Bestandteil des staatsbürgerlichen Denkens und Erziehens. Mehr als andere Berufsgruppen zwang uns unsere Profession immer in die Auseinandersetzung mit dem Problem der deutschen Teilung. Umso verständlicher mag es sein, dass wir Soldaten erleichtert waren, dass uns diese Belastung endlich abgenommen wurde. Diese Grundeinstellung, verbunden mit dem staatsbürgerlichen Recht für die Würde des Menschen, hat den Weg letztlich gebaut. Manfred Grätz, Generalleutnant und 1990 Chef des Hauptstabes der NVA, 15 Jahre nach der Wiedervereinigung in Gesprächen ehemals führender Militärs aus Ost und West (Werner Krätschell, Was war und was bleibt, Potsdam 2008): 97 3. Stimmen zur NVA und Personal-Integration Meine Biographie ist ausradiert, de jure. Immerhin hat mich der Gesetzgeber seit kurzem von dem beleidigenden Attribut ‚Gedient in fremden Streitkräften‘ befreit. Ich habe nunmehr ‚Wehrdienst außerhalb der Bundeswehr‘ geleistet. Das ist unstrittig. Aber noch immer darf ich meinen Dienstgrad mit dem Zusatz ‚a.D.‘ nicht führen, obwohl er mir niemals und durch niemand aberkannt wurde. Noch immer scheut man sich, die Nationale Volksarmee der DDR, deren Existenz nicht zu leugnen ist, als eine deutsche Armee anzuerkennen. Generalleutnant Werner von Scheven 2005 in einem Brief an die Enkel: Ich hatte pessimistische Vorstellungen bei der Frage, was jahrzehntelange Indoktrination im Freund-Feind-Schema des Kalten Krieges in den Menschen bewirkt haben würde. Hier erwartete ich die größten Schwierigkeiten bei der gemeinsamen Umformung des militärischen DDR-Erbes in einen Teil der Bundeswehr. Weit gefehlt, die Schwierigkeiten lagen ganz woanders. Indoktrination im Sinne von Hassgefühlen war nicht weit „unter die Haut“ gegangen. Praktischer Sinn, Verantwortungsgefühl, gesunder Menschenverstand, Bereitschaft zur Kameradschaft wogen schwerer, setzten sich durch. Wir lernten, dass selbst den Angehörigen der NVA der Einblick in die verborgene Realität der DDR erst im Nachhinein im vollen Umfang möglich war. Oberst Dr. Hans-Hubertus Mark zur Internationalen Tagung „Auf dem Weg zur Wiedervereinigung: Die beiden deutschen Staaten in ihren Bündnissen 1970–1990“ im September 2010 in Potsdam: Dabei wurde deutlich, wie ausschlaggebend die Rolle der Menschen im Osten Deutschlands war. Sie wirkten als Motor für die stürmische Entwicklung zwischen der Mitte des Jahres 1989 bis zur Vereinigung beider deutscher Staaten im Oktober 1990. Ralf Wieland, Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, am 25. Januar 2017 bei der Übergabe der Dienstgeschäfte an den General Standortaufgaben in der Julius-Leber-Kaserne: Den wohl größten Einschnitt stellte für Berlin die Deutsche Einheit vor über 26 Jahren dar. Dasselbe gilt für die Bundeswehr. Es war ein außergewöhnlicher Kraftakt, den die Bundeswehr als gesamtdeutsche Armee auf dem Weg zur ‚Armee der Einheit‘ stemmen musste. Dafür gab es naturgemäß kein Drehbuch. Dass es aber gelungen ist, eine komplette, hochgerüstete Armee der DDR beinahe geräuschlos aufzulösen und Teile in die Bundeswehr zu in tegrie ren – und dies bei Anwesenheit von zigtausenden Soldaten der Besatzungsarmeen – das ist in der Geschichte beispiellos. Dietmar Woidke, Brandenburgs SPD-Ministerpräsident, beim Neujahrsempfang im Januar 2019 von Einsatzführungskommando und Landeskommando: Bei der Bundeswehr geht es schon lange nicht mehr um Ost oder West. Die Bundeswehr ist ein gesellschaftliches Vorbild für das Gelingen der deutschen Einheit. Ich wünschte, die deutsche Einheit wäre in der ganzen Republik so weit wie innerhalb der Bundeswehr. Dann gäbe 98 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten es in Ost und West gleiche Löhne und gleiche Renten, und es gäbe in Ostdeutschland mehr Bundeseinrichtungen und Unternehmenszentralen. Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Feierlichen Gelöbnis am 20. Juli 2019 im Berliner Bendlerblock zum 75. Jahrestag des Stauffenberg-Attentats: Die Bundeswehr leistet Friedensarbeit – und das stets gemeinsam mit unseren Verbündeten, niemals allein. Auch das ist eine Lehre aus unserer Geschichte. Die Bundeswehr ist eingebettet in eine multilaterale Ordnung, die dem Frieden und den Menschenrechten verpflichtet ist. Deutsche Soldatinnen und Soldaten nehmen an UN- und EU-geführten Einsätzen teil, wie etwa in Mali – von der hohen Einsatzbereitschaft dort konnte ich mich in diesem Jahr auch wieder persönlich überzeugen - , am Horn von Afrika oder vor dem Libanon. Sie sind auf dem Balkan stationiert. Sie arbeiten im Auftrag der Nato in Afghanistan und in Litauen. Selbst außerhalb der Einsätze arbeiten unsere Streitkräfte eng zusammen – zum Beispiel in der Deutsch-Französischen Brigade. Dies haben wir eindrucksvoll am letzten Sonntag in Paris gesehen. Abschließend noch die Stimme eines 48 Jahre alten Oberst der NVA aus dem Militärbezirk Leipzig. Er gehörte im März 1990 zur ersten Delegation des Verbandes der NVA-Berufssoldaten bei Treffen mit dem Deutschen BundeswehrVerband in Bonn. Ihm kamen mit „30 Jahren Dienst für ein sozialistisches System“ bei den herzlichen Begegnungen „mit genauso normalen Menschen, wie Du und ich, so ein bisschen individuelle Schuldgefühle auf … Und ich habe es als sehr wohltuend empfunden, wie die Herren der Bundeswehr an unsere Probleme herangegangen sind. Ein so etwas komisches Gefühl beschlich mich eben auch, als mir der Gedanke durch den Kopf ging: Was wäre, wenn die Geschichte umgedreht verlaufen wäre? Ob soviel Verständnis wir ihnen entgegengebracht hätten, das möchte ich bezweifeln.“ (Frithjof H. Knabe, Unter der Flagge des Gegners, Opladen, S.125)

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Abstract

With the end of the GDR and Germany's unification three decades ago the National People's Army also stopped being a force. A part of their soldiers now served under the banner of their former opponent. On the "Retreat" from the Cold War between East and West mastered the Bundeswehr this human and military mission: the army of unity became

to the army of all Germans. Never before has the military peacefully achieved so much!

The accession area became a pilot for the new army structure. A smaller air force secured the airspace. For the German Seenation went the course change towards "unlimited horizon". In the Bundeswehr were Scharnhorst visions, whose tomb on the Invalidenfriedhof in Berlin again shines in the old glory, reality – army as alive part of a state, soldier service an honor service. The new armed forces took Europe's commitment to peace and democracy, too international

responsibility for peacekeeping operations. and conflict resolution.

Zusammenfassung

Mit dem Ende der DDR und Deutschlands Wiedervereinigung vor drei Jahrzehnten hörte auch die Nationale Volksarmee auf, eine Streitmacht zu sein. Ein Teil ihrer Soldaten diente nun unter der Fahne des einstigen Gegners. Auf dem „Rückzug“ vom Kalten Krieg zwischen Ost und West meisterte die Bundeswehr diese menschliche und militärische Mission mit Bravour: Die Armee der Einheit wurde zur Armee aller Deutschen. Nie zuvor hat Militär friedlich so viel erreicht. Das Beitrittsgebiet bekam Pilotcharakter für die neue Heeresstruktur. Eine kleinere Luftwaffe sicherte den Luftraum mit Air Policing und Flugabwehr. Trotz Schlankheitskur ging der Kurswechsel für die deutsche Seenation mit dem Welthandel in Richtung „unbegrenzter Horizont“. In der Bundeswehr wurden Scharnhorst-Visionen, dessen Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof wieder in altem Glanz erstrahlt, Realität: Armee als lebendiger Teil eines Staates, Soldatendienst ein Ehrendienst. Peter Heinze widmete sich seit dem Tag der Deutschen Einheit besonders der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Mit dem Ende des Kalten Krieges verfolgte der ostdeutsche Journalist den Abzug russischer Truppen als größte Militärbewegung im Nachkriegseuropa und die internationale Abrüstung unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“. Der vorliegende Band versammelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten 30 Jahre und bietet so einen ebenso fundierten wie persönlichen Überblick über die Wiedervereinigung in der nun gesamtdeutschen Armee.