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Fazit: Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft! in:

Peter Heinze

Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten, page 457 - 462

Ein Journalist erlebte die Armee der Einheit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4410-0, ISBN online: 978-3-8288-7411-4, https://doi.org/10.5771/9783828874114-457

Tectum, Baden-Baden
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457 Fazit: Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft! Beinahe hätte ich doch vergessen, dass mich das militärische Procedere der Bundeswehr um die NVA und ihre Hinterlassenschaften an die klassische altchinesische Kriegskunst erinnert. Vor allem an die Worte der historischen Persönlichkeit Sun Tzu: „Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft!“ Seine Strategie aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. lief darauf hinaus, einen Gegner zu überwinden, ohne eine Schlacht schlagen zu müssen. Was für eine kühne Militärstrategie aus heutiger Sicht! Und so kam es dann auch nach der deutschen Einheit und dem friedlichen Ende eines Jahrzehnte langen Kalten Krieges zwischen Ost und West: Die Bundeswehr übernahm in kurzer Zeit kampflos Menschen, Waffen und Munition vom einstigen Gegner NVA, was zwischen der Bundesrepublik und der DDR 1990 im Beitrittsvertrag vereinbart worden war. Wie Tzu seiner Zeit meinte, sei ein solches Handeln mit dem entsprechenden „strategischen Instrumentarium“ möglich. So mit dem „klugen Abwägen der wechselnden Lagen“ und mit einem „zuverlässigen Kräftebild“. Für ihn „die Krone der Kriegskunst“! In den nahezu tausend Jahren deutscher Militärgeschichte mit vielen Kriegen zeigte nun erstmalig die Bundeswehr, obwohl keine Pläne in den Panzerschränken lagen, dafür aber mit den Verbündeten eine Politik des Friedens und der Sicherheit in Europa betrieben wurde, welche außergewöhnliche Aktualität die Lehren der alten chinesischen Militärklassiker heute besitzen. Denn noch nie hat deutsches Militär friedlich so viel erreicht, wie bei der Ost-West-Integration. Aus Gegnern wurden Kameraden – in der Armee der Einheit und im Einsatz. Die Wiedervereinigung hat also die Bundeswehr bereichert. „Frauen und Männer aus allen Teilen Deutschlands dienen inzwischen nebeneinander“, stellte General Volker Wieker, von 2010 bis 2018 Generalinspekteur der Bundeswehr, voller Stolz fest. Seit dem Zusammenbruch des ostdeutschen Staates hat die DDR-Forschung in der Bundesrepublik die NVA als bevorzugtes Themenfeld entdeckt. Die Historikerzahl auf diesem Gebiet war anfangs überschaubar. Heute ist sie das nicht mehr. „Überzeugende Monographien“ fand ein Wissenschaftler, der nach seiner Pensionierung „Military Studies“ an der Universität in Potsdam abgeschlossen hatte, nicht. Seine Meinung! Vieles wurde, so meine Meinung, über die Ereignisse in der DDR 1989 und 1990 geschrieben. Dazu ein ehemaliger NVA-General als „Betroffener“: Ernst zu nehmendes wie weniger Seriöses, wissenschaftlich Fundiertes wie nach Sensationen Heischendes. In meinen Augen ist die NVA-Thematik umfassender behandelt worden, als das nach dem Ende des 458 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Zweiten Weltkrieges mit der eigentlich notwendigen Ursachenforschung für die Eroberungsfeldzüge der Wehrmacht geschah. Schon kurz nach 1989/90 erschienen Sammelbände in der Bundesrepublik, die wohl ein breites öffentliches Interesse an der DDR-Armee befriedigten. Oft, ohne in die Tiefe zu gehen, denke ich. Nahezu einheitlich befassten sich solche Betrachtungen mit der „Parteiarmee NVA“, der „SED-Streitmacht“ oder den „Roten Preußen“. Wobei es dann aber um den Stechschritt und den Drill im Osten ging. Und die Erziehung zum Hass auf den westdeutschen Gegner. Ob die meist primitive Feindpropaganda bei den Wehrpflichtigen aus allen Bevölkerungsschichten Gehör fand, kann ich nur verneinen. So meine Erinnerungen. Selbst den Musiktitel „Ein bisschen Frieden“ von Nicole (1982) bezeichnete ein hoher NVA-Kulturoffizier in einem Vortrag als „Verschleierung westlicher Kriegspolitik“. Wissenschaftler und Journalisten haben sich für ihre Analysen gern an Dokumenten der Partei- und Armeeführung, auch geheimen, und Veröffentlichungen in der SED- oder NVA-Presse orientiert. Den Tenor solcher DDR-Publikationen kannte jeder ostdeutsche Zeitungsleser: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer!“ (Honecker) Und für die Militärs galt: „Jeder Aggressor wird auf seinem Territorium vernichtend geschlagen!“ Das waren die Vorgaben an das militärische Personal, also an Offiziere, Fähnriche und Unteroffiziere. Die Unzufriedenheit unter der Bevölkerung, besonders über die Wirtschafts- und Medienpolitik, breitete sich auch unter den Berufssoldaten in der NVA aus. Anfangs sah man darin überwindbare Erscheinungen. Doch nach den Massenfluchten von DDR-Bürgern und der Sprachlosigkeit der SED- , Staats- und militärischen Führung wuchs in der Militärhierarchie das Unbehagen über die Entwicklung in dieser hektischen Zeit. Als die Lage auf den Straßen eskalierte, wurde – wie man nachlesen kann – die Forderung „Keine Gewalt!“ auch Leitmotiv von NVA-Generalen. Man war sich einig: Jeder Schuss hätte verheerende Folgen gehabt, auch international! „Bei aller Anerkennung der Rolle, die die Bürgerbewegung in diesem Prozess spielte, die Waffen waren in unserer Hand. Und die Waffen blieben in den Depots, Waffenkammern und Parks“, erklärte Ex-Generalleutnant Manfred Grätz. Später wurden für den Rückblick auf die NVA immer öfter Gespräche mit ehemaligen Armeeangehörigen aus dem Osten geführt. Dabei erfuhr man schon mehr über diese Personen – ihre Gefühlslage, Empfindungen und Emotionen. Auch, was sie bewegt hat, einst den Militärberuf zu ergreifen. Oft war es der sichere Arbeitsplatz in den Nachkriegsjahren und die Lebensmittelkarte für Schwerarbeiter, die ein Offizier der KVP und späteren NVA für sich und die Familie erhielt. Angesichts der Versorgungslücken auf allen Gebieten – als der Stahlhelm der Wehrmacht zum Kochtopf und der Gasmaskenbehälter zur Milchkanne im Haushalt wurden – ein Anreiz für diesen Rund-um-die-Uhr-Dienst bei relativ guter Bezahlung. Aber für einen solchen Arbeitsplatz galt die Verpflichtung, zehn oder später 20 Jahre die Uniform tragen zu müssen. Oder ein Wehrmachts-Soldat in russischer Kriegsgefangenschaft, wo sich nach 1941 mehr als drei Millionen Deutsche befanden, bekam nach Kriegsende das „Angebot“, die Zwangs- 459 Fazit: Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft! arbeit im Steinkohlenbergbau zu beenden und in die Heimat zurückzukehren. Unter der Bedingung, dass er wieder eine Uniform anzieht und zur „Friedensbewahrung“ als neuem Wehrmotiv der Nationalen-Front-Regierung in Ost-Berlin dient. Mancher Kriegsteilnehmer mit Dienstgrad Unteroffizier oder Offizier wurde als Erfahrungsträger mit der Befähigung zum Führen in allen Waffengattungen für den Militärdienst geworben. Einige von der SED dazu erpresst, wenn sie als Neu-Lehrer mit Abitur aus Kriegszeiten und nach sozialistischer Weiterbildung schon im öffentlichen Dienst tätig waren. Auch Generale der Wehrmacht wie Arno von Lenski und Vincenz Müller zogen nach ihrer russischen Kriegsgefangenschaft und dem dortigen Mitwirken im Nationalkomitee „Freies Deutschland“, das den Nationalsozialismus bekämpfen und ein anderes Deutschland konzipieren wollte, wieder eine Uniform an. Auf ein Netzwerk ehemaliger Kameraden aus der Wehrmacht konnten sie allerdings nicht zurückgreifen. Da wäre auch die sowje ti sche Besatzungsmacht eingeschritten. Mit solchen oder ähnlichen Vorgeschichten habe ich während meiner Journalisten-Tätigkeit zahlreiche Männer kennen gelernt. Meist waren sie, inzwischen über 50 Jahre alt, zum Oberstleutnant oder Oberst in der NVA aufgestiegen. Dabei auch zu treuen Dienern des SED-Regimes und des Staates geworden. Aber durch ihre Familien und deren Arbeit au- ßerhalb des Kasernenbereichs mit dem DDR-Alltag verbunden. Da bildete das bescheidene Angebot der Militärhandelsorganisation im Kasernenbereich – wie ich oft gesehen habe – kein Privileg für einen Berufssoldaten. Immerhin waren das etwa 40 Prozent des NVA- Personals. Und auf einen neuen PKW musste ein Offizier wie jeder DDR-Bürger mindestens zwölf Jahre warten. West-Produkte mit KADEWE-Niveau und aus dem Neckermann-Katalog wurden den SED-Politbüro-Mitgliedern und ihren Familien (insgesamt 260 Personen) als Kunden in der von der Stasi abgeschirmten Waldsiedlung Wandlitz bei Bernau gegen Ost-Mark beim Kurs von 1:1 angeboten. Solche Klassenunterschiede zwischen landesweit mehr als zwei Millionen SED-Genossen und diesen SED-Obergenossen in einem goldenen Käfig, wo laut Aussagen von Verkäuferinnen nach der Wende die sonst überall gefragten DDR-Delikat- und Exquisitprodukte „nur Ladenhüter“ waren, gab es eben im Staat der Arbeiter und Bauern! Bei den jüngeren Offizieren war das eintönige Soldatenleben nicht anders. Wenn verheiratet, begann das „Erlebnis NVA“ für die junge Familie mit einer Wartezeit von etwa drei Jahren auf eine Wohnung am Dienstort. In der Regel in einem Plattenbau gleich neben der Kaserne, mit Fernheizung und Alarmanlage im Hausflur. In Eggesin, darauf war der Kommandeur des Panzerregiments 23 besonders stolz, wie er Besuchern aus einem sozialistischen Nachbarland berichtete, betrug ein solches Warten „nur ein Jahr“. Hinzu kamen hier die Vorzüge im „Land der drei Meere“: Sandmeer, Kiefernmeer, gar nichts mehr. Wegen unregelmäßiger Dienstzeiten und ständig hoher Einsatzbereitschaft der Truppenoffiziere gingen in den ersten Ehejahren oft junge Familien auseinander. Wie ich weiß, war die hohe Scheidungsrate – auch andernorts in der NVA – wiederholt Beratungsthema im Kommando Landstreitkräfte. 460 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Beim Rückblick sollte aber nie vergessen werden: Die DDR und ihre Streitkräfte waren von Anfang an ein „Kind“ (im Westen hieß das ehedem „Marionette“) der Sowjetunion als Siegermacht. Sie hat bis zu den ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990 vom SED-Politbüro über die Strausberger Militärführung bis zum Mielke-Spitzelapparat alle wichtigen Stellen im Hintergrund direkt und mit Zuträgern aus diesen Bereichen überwacht. Dennoch bleibt mir ein Positivum in Erinnerung: In Moskau bestanden nach Kriegsende die Marschälle mit den großen Mützen darauf, dass in der Sowjetischen Besatzungszone die KVP, später NVA, „mit einer deutschen Uniform“ und „mit einem deutschen Stahlhelm“ ausgestattet wurden. Trotz Wehrmachts-Vergangenheit dieser deutschen Symbole – mit dem weltbekannten Einheitsgrau der Uniform, aber ohne Reichsadler. Und einem Helm als letzter Kriegskreation – 1942/43 in Thale/Harz entwickelt und in geringer Stückzahl produziert. Aber eben nicht mit einer Uniform à la Sowjetarmee. Das wollten ursprünglich besonders linientreue Kommunisten in der SED-Führung. Noch zu KVP-Zeiten ähnelten die Uniformen denen der Sowjetarmee. Auch hieß erst die Anrede unter ostdeutschen Militärs „Kamerad“ und nicht, wie später, „Genosse“. Im KVP-Taschenkalender 1956 lautete die Hauptparole: „Wir dienen dem deutschen Volke“. Und so verzichtete die NVA auch nicht auf traditionelle Elemente deutscher Militärmusik, „die sich von der kaiserlichen Armee über Reichswehr bis zur Wehrmacht fast unverändert erhalten hatten“. Diese Erinnerungen schilderte Musikdirektor Werner Kunath, Oberstleutnant der NVA, in der Zeitschrift „Mit klingendem Spiel“ der Deutschen Gesellschaft für Militärmusik. Bei der Übernahme in die 1956 gegründete DDR-Armee hatten erfahrene Militärdirigenten aus der Wehrmacht „wesentlichen Einfluss“ auf die neu zu schaffende Dienstordnung der Militärmusik. Kunath: „Zu den traditionellen Überlieferungen gehörte vor allem die Gestaltung des militärmusikalischen Zeremoniells: Die exakte Zeichengebung (Instrumentenhaltung, Instru men te hoch und ansetzen, Abreißen des Marsches, Instrumente absetzen und runter) und das Dirigieren mit dem langen Taktstock für Marschmusik (60–65 cm lang, schwarz mit weißer Spitze). Das Aus- und Nachschwenken bei Vorbeimärschen/Paraden in breiter Front oder in Gruppen wurde in allen Einzelheiten unverändert übernommen, einschließlich Paradeschritt.“ An der steingrauen Uniform erhielten die Militärmusiker auch wieder die traditionellen Schwalbennester. Die Orientierung an der Sowjetarmee während der Zeit der Kasernierten Volkspolizei wurde 1956 zum großen Teil durch die Einführung deutscher militärmusikalischer Traditionen abgelöst. Gab es dann im NVA-Alltag irgendwelche größeren Probleme, und das war oft und überall der Fall, wurde stets auf das sowjetische „Regiment nebenan“ mit Kriegstraditionen verwiesen, wo knochenharte Ausbildung, Soldatenunterkünfte im Mannschaftssaal mit 60 bis 80 Feldbetten oder Welten zwischen den Dienstgraden zur Normalität gehörten. Und immer eine 100-prozentige Anwesenheit aller Soldaten für die sofortige Gefechtsbereitschaft mit aufmunitionierten Fahrzeugen vorhanden war. Deshalb galt auch für die NVA der 461 Fazit: Wahrhaft siegt, wer nicht kämpft! SED-Spruch: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“ Und so war sie auch wie die Sowjetarmee besonders „offizierslastig“. Bei meinen Erinnerungen denke ich besonders an die Erlebnisse seit der deutschen Einheit 1990 zurück. In einem Briefwechsel anlässlich des 20. Jahrestages des Mauerfalls mit dem damaligen Generalinspekteur der Bundeswehr, General Wolfgang Schneiderhan, teilte er mir mit: „Die Bundeswehr hat in den nachfolgenden Jahren durch die Armee der Einheit einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, auch die innere Einheit des wiedervereinten Deutschlands herzustellen. Ich stimme Ihnen zu, dass dieser Prozess eine besondere Würdigung verdient.“ Er sah in der „Beschreibung dieses Vereinigungsprozesses aus journalistischer und persönlicher Perspektive“ eine reizvolle Ergänzung zur wissenschaftlichen Arbeit des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Diese Meinung eines Bundeswehr-Generals, den ich als Oberst und Kommandeur in Erfurt interviewt hatte, bestärkte mich, meine Erinnerungen zu publizieren. Diese können der politischen Bildung im vereinten Deutschland dienen und künftige Generationen an die einmaligen Ereignisse erinnern. In Geschichtsbüchern wird man die zeitlichen Eckpunkte um die Armee der Einheit mit goldenen Lettern prägen, denke ich. Wer weiß denn heute noch, erst drei Jahrzehnte danach, dass dieser Prozess manchmal ganz schön aufregend verlief – sowohl für die Akteure aus Ost und West mit dem spürbaren Willen, gemeinsam etwas Großes für ihr Vaterland zu leisten. Als auch für einen Beobachter wie mich, der über die ersten Schritte der Gemeinsamkeit in den Garnisonen immer wieder staunte. Es war eine unvergessene Aufbruchstimmung in einer Parlamentsarmee, an der gemeinsam mit den ehemaligen NVA-Angehörigen die Offiziere, Unteroffiziere und zivilen Berater aus dem Westen großen Anteil hatten. Und die Übernahme der ostdeutschen Offiziere erwies sich – das war im Vorfeld von westdeutschen Militärs prophezeit worden – „als ein ungemein mühseliger Prozess“. Dafür gab es in der Geschichte eben kein Beispiel. Natürlich war auch die Wende vom überzeugten Soldaten der NVA zum überzeugenden Soldaten der Bundeswehr gar nicht so einfach. Sicher fühlten sich viele bisherige Offiziere der NVA am Anfang ihrer neuen Tätigkeit bei der Bundeswehr verunsichert. Auch sie wussten doch gar nicht, was auf sie zukommt. Es gab ja Berührungsängste auf beiden Seiten. Doch die West-Kameraden halfen hier, bemühten sich darum, anfängliche Verständigungsschwierigkeiten bei Begriffen und an der Technik abzubauen. „Über die gemeinsame Professionalität haben wir auch persönlich zu einan der gefunden“, resümierte von Kirchbach. Oft hörte ich die Worte vom „Superkameraden“, die den Übergang von der NVA in die Bundeswehr erleichterten. Nach ihrem gemeinsamen Waffendienst behielten nicht wenige Offiziere – ob aus dem Rheinland oder der Prignitz – diese persönlichen Kontakte, nun mit Familie, aufrecht. Mehr als 11 000 NVA-Soldaten, die als Zeit- oder Berufssoldaten in der Bundeswehr blieben, wurden mit Führungsgrundsätzen vertraut gemacht und auch innerlich gewonnen. „Sie sind mit ihren Erfahrungen und ihrem Können für die Bundeswehr zu einer Bereicherung geworden“, sagte Bundespräsident Horst Köhler 2005 in Bonn auf einer Komman- 462 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten deurtagung. Er hatte als junger Mann 18 Monate Wehrdienst geleistet und sechs Monate als Zeitsoldat gedient. „Es war vorbildlich, wie viele Führungs- und Ausbildungseinrichtungen von West- nach Ostdeutschland verlegt wurden. So ist die Bundeswehr in kürzester Frist zur Armee aller Deutschen geworden.“ Die Bundeswehr meisterte auch nach meiner Einschätzung den größten Wandel ihrer Geschichte in einer einmaligen Gemeinschaftsleistung mit militärischem Pflichtbewusstsein und hoher Einsatzbereitschaft der Soldaten: Trotz der Reduzierung des Personals fast um die Hälfte, trotz Neuverteilung der Standorte auf ganz Deutschland, trotz Umbau zu „schlanken“ Teilstreitkräften wie mit der Heeresstruktur 5 für das erweiterte Aufgabenspektrum. Und vor allem wegen der angestrebten Multinationalität beim Einsatz in der Völkergemeinschaft. Möglich wurde das durch die grundlegend zum Positiven veränderten sicherheitspolitischen Bedingungen nach der Wiedervereinigung. Aber: „Die Verteidigung bleibt die Hauptaufgabe der Bundeswehr, auch wenn derzeit andere Aufgaben für die Öffentlichkeit ins Auge stechen“, entgegnete im März 1997 Verteidigungsminister Rühe auf die Frage nach Umfang, Qualität und Daseinszweck der künftigen Bundeswehr. Am Jahrestag des 20. Juli 1944 bekräftigte das Bundeskanzlerin Angela Merkel 2019 vor Rekrutinnen und Rekruten beim Feierlichen Gelöbnis im Berliner Bendlerblock: „Wir müssen stets unter Beweis stellen, dass wir bereit und fähig sind, unsere Streitkräfte zum Einsatz zu bringen und uns zu verteidigen.“ Auch angesichts der Politik des Friedens und der Sicherheit hat wohl die Jahrhunderte alte Parole: „Wer den Frieden will, muss sich auf den Krieg vorbreiten“ unter den Militärs nach wie vor ihre Berechtigung, meine ich. Das war – wie sich die ältere Generation erinnert – der Kern der Abschreckungstheorie von Nato und Bundeswehr. Damit wurde seit 1955 die westdeutsche Sicherheitspolitik angesichts der Bedrohung aus dem Osten gerechtfertigt. Nachdem eine große Auseinandersetzung mit dem Ende des Kalten Krieges in Mitteleuropa unwahrscheinlich geworden ist, gibt es an den „Rändern“ und „out of area“ immer wieder Kampfhandlungen. Auch darauf sollte die Bundeswehr vorbereitet sein. Denn: „Wer selbst dauerhaften Frieden will, muss aktiv dazu beitragen, dass andere in Frieden leben können.“ Ein nationaler Sonderweg verbietet sich schon aus Deutschlands historischen Erfahrungen. Auch nach dreißig Jahren Deutsche Einheit, so denke ich, werden wohl diese und viele andere Geschichten über die „Armee der Einheit“ weiter die Gemüter bewegen. Sicher mehr positiv als negativ! War doch die Bundeswehr von Anfang an ein Vorreiter beim deutschdeutschen Brückenschlag, beim inneren Zusammenwachsen von Ost und West. Und hier gibt es auf vielen Gebieten (wirtschaftlich, politisch, menschlich) noch Nachholbedarf. Die Erinnerungen eines Journalisten-Zeitzeugen an dieses „Wunder“ deutscher Militärgeschichte, weil alles friedlich verlief, könnten ein Diskussionsbeitrag in diesem Denkprozess sein. Vor allem für die Generation, die in dieser spannenden Zeit des wieder vereinigten Deutschland aufgewachsen ist.

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Abstract

With the end of the GDR and Germany's unification three decades ago the National People's Army also stopped being a force. A part of their soldiers now served under the banner of their former opponent. On the "Retreat" from the Cold War between East and West mastered the Bundeswehr this human and military mission: the army of unity became

to the army of all Germans. Never before has the military peacefully achieved so much!

The accession area became a pilot for the new army structure. A smaller air force secured the airspace. For the German Seenation went the course change towards "unlimited horizon". In the Bundeswehr were Scharnhorst visions, whose tomb on the Invalidenfriedhof in Berlin again shines in the old glory, reality – army as alive part of a state, soldier service an honor service. The new armed forces took Europe's commitment to peace and democracy, too international

responsibility for peacekeeping operations. and conflict resolution.

Zusammenfassung

Mit dem Ende der DDR und Deutschlands Wiedervereinigung vor drei Jahrzehnten hörte auch die Nationale Volksarmee auf, eine Streitmacht zu sein. Ein Teil ihrer Soldaten diente nun unter der Fahne des einstigen Gegners. Auf dem „Rückzug“ vom Kalten Krieg zwischen Ost und West meisterte die Bundeswehr diese menschliche und militärische Mission mit Bravour: Die Armee der Einheit wurde zur Armee aller Deutschen. Nie zuvor hat Militär friedlich so viel erreicht. Das Beitrittsgebiet bekam Pilotcharakter für die neue Heeresstruktur. Eine kleinere Luftwaffe sicherte den Luftraum mit Air Policing und Flugabwehr. Trotz Schlankheitskur ging der Kurswechsel für die deutsche Seenation mit dem Welthandel in Richtung „unbegrenzter Horizont“. In der Bundeswehr wurden Scharnhorst-Visionen, dessen Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof wieder in altem Glanz erstrahlt, Realität: Armee als lebendiger Teil eines Staates, Soldatendienst ein Ehrendienst. Peter Heinze widmete sich seit dem Tag der Deutschen Einheit besonders der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Mit dem Ende des Kalten Krieges verfolgte der ostdeutsche Journalist den Abzug russischer Truppen als größte Militärbewegung im Nachkriegseuropa und die internationale Abrüstung unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“. Der vorliegende Band versammelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten 30 Jahre und bietet so einen ebenso fundierten wie persönlichen Überblick über die Wiedervereinigung in der nun gesamtdeutschen Armee.