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12. Bundeswehr – international in:

Peter Heinze

Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten, page 393 - 418

Ein Journalist erlebte die Armee der Einheit

1. Edition 2019, ISBN print: 978-3-8288-4410-0, ISBN online: 978-3-8288-7411-4, https://doi.org/10.5771/9783828874114-393

Tectum, Baden-Baden
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393 12. Bundeswehr – international Manfred Wörner: Ein denkwürdiger Tag Für das an militärischen Traditionen reiche Potsdam war es der Auftakt zu einer neuen Epoche in seiner Nachkriegsgeschichte, die hier im August 1945 mit der Unterzeichnung des Potsdamer Abkommens durch die Siegermächte begonnen hat: Zum ersten Mal besuchte mit Manfred Wörner ein Nato-Generalsekretär die Stadt. 42 Jahre nach der Gründung der Nordatlantischen Verteidigungsallianz war auch sein erstmaliger Aufenthalt in einem der fünf neuen deutschen Bundesländer für ihn „ein denkwürdiger Tag“ in der Geschichte der westlichen Allianz. „Und ich bekenne gerne, dass ich als Deutscher bewegt bin.“ So der ehemalige Bundesverteidigungsminister, der seit Juli 1988 diese Funktion innehat, auf einer Veranstaltung der Deutschen Atlantischen Gesellschaft. „Dass ich gerade in Potsdam zu ihnen spreche, ist vielleicht nicht ohne tiefere Bedeutung. Potsdam – dieser Name ruft in uns vielfältige und sehr unterschiedliche Erinnerungen wach: Erinnerungen an Höhe- und Tiefpunkte deutscher und europäischer Geschichte. Erinnerungen auch an die Teilung Europas im eisigen Klima des Kalten Krieges.“ Wörner würdigte die Überwindung der Teilung Deutschlands als Teil eines umfassenderen gesamteuropäischen Prozesses, der von der Atlantischen Allianz entschieden mitgestaltet wurde. „Es hat wahrscheinlich nie in der Geschichte Europas eine vergleichbare Chance gegeben, den Teufelskreis von Angst voreinander und Rüstung gegeneinander zu durchbrechen und stattdessen gemeinsam eine stabile und dauerhafte gesamteuropäische Friedensordnung aufzubauen.“ Zeiten des Umbruchs seien aber auch Zeiten erhöhter Risiken. „Wir werden alle unsere Kräfte, unsere ganze Phantasie und nicht zuletzt erhebliche finanzielle Mittel einzusetzen haben, damit überall in Europa politisch freie und wirtschaftlich stabile Staaten entstehen.“ Er sei ganz sicher, so der Generalsekretär, dass dieser Teil Deutschlands in der Wirtschafts- und Technologielandschaft Europas wie in der Vergangenheit einen Platz ganz vorn einnehmen werde. „Und Ihr Erfolg wird in den mittel- und osteuropäischen Staaten, die vor wohl noch schwierigeren Aufgaben stehen als wir Deutschen, als Beweis dafür gesehen, dass es möglich ist, die Lasten der vergangenen Jahrzehnte aufzuarbeiten.“ 394 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten In der ehemaligen DDR sei man ja „mit einem ganz anderen Bild der Nato“ groß geworden. Jahrzehnte hindurch wurde das Bündnis hier „als feindliche, revanchistische, kriegslüsterne Organisation“ dargestellt. „Dieses Bild hat nie gestimmt.“ Für solche Lügen habe sich kürzlich CSFR-Präsident Vaclav Havel bei seinem Besuch im Nato-Hauptquartier in Brüssel entschuldigt. Die Atlantische Allianz sei ein Bündnis ausschließlich zum Schutz der territorialen In tegri tät ihrer Mitgliedsstaaten gegen jede Bedrohung von außen. „Wir haben unsere Waffen nie eingesetzt und werden sie nie einsetzen – außer zur Abwehr eines Angriffs. Wir bedrohen niemand.“ Gemeinsame Werte der Atlantischen Allianz beruhten auf einem gemeinsamen Verständnis von Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit und Menschenwürde. Auf dieser Grundlage hätten die beiden großen Demokratien Nordamerikas und Westeuropas in der Allianz „ihr politisches Schicksal für immer verbunden“. Nie habe sich die Nato nur als ein militärisches Bündnis verstanden, sondern immer auch und vorwiegend als eine politische Allianz. Sie habe immer anerkannt, dass die Erhaltung des Friedens mit militärischen Mitteln flankiert sein muss von dem Bemühen um die Gestaltung des Friedens mit den Mitteln der Politik. Deshalb habe die Nato – anders als der Warschauer Pakt – mit dem Ende der Teilung Europas und der Zeit der Konfrontation zwischen Ost und West auch nicht ihre Existenzberechtigung verloren. „Sie ist vielmehr auch in Zukunft die unverzichtbare Grundlage einer auf Dauer angelegten neuen gesamteuropäischen Sicherheitsstruktur.“ Zu ihren wesentlichen Aufgaben gehöre, den Rahmen dafür zu bilden, dass die großen Demokratien auch weiterhin mit der Sicherheit Europas untrennbar verbunden bleiben. Die Nato garantiere das grundlegende militärische Gleichgewicht mit der Sowjetunion, begrenze damit die Gefahr, dass imperiale Ambitionen erneut aufkommen könnten, und schütze dagegen, dass mögliche interne Unruhen über Grenzen nach außen übergreifen könnten. „Sie sichert uns gegen andere Risiken, von wo auch immer sie kommen mögen“, sagte er und verwies darauf, dass sie den „wichtigsten politischen Handlungsverbund der westlichen Welt“ bilde. Zudem trage das Bündnis dazu bei, „dem KSZE-Prozess und dem Aufbau einer kooperativen Sicherheitsordnung in Europa eine verlässliche Grundlage zu geben“. Obwohl die Bedrohung Westeuropas durch eine raumgreifende Offensive der Streitkräfte des Warschauer Pakts unter Führung der Sowjetunion verschwunden sei, „bleiben einige enge gefährliche Risiken“, sagte er und nannte das ungewisse Schicksal von Glasnost und Perestroika. „Innerhalb der Allianz verschiebt sich das Schwergewicht vom Militärischen zum Politischen hin, von der Konfrontation zur Kooperation, von der Friedenserhaltung mit militärischen Mitteln zur Friedensgestaltung mit den Mitteln der Politik, von der Bedrohungsabwehr zur Risikovorsorge, vom US-geführten Bündnis zu einer gleichwertigen Partnerschaft zwischen Nordamerika und Europa.“ 395 12. Bundeswehr – international Der Generalsekretär erneuerte an Präsident Michail Gorbatschow sowie die Staats- und Regierungschefs der anderen mittel- und osteuropäischen Staaten die Einladung des Bündnisses, die Nato zu besuchen und vor dem Nato-Rat als höchstem Gremium der Allianz zu sprechen. Für ihn sei Sicherheit heute weit mehr als militärische Sicherheit. Sie habe politische, wirtschaftliche und soziale Dimensionen, beinhalte Abrüstung und im wachsenden Maße auch Fragen der Verhinderung der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und Fragen der Terrorismusbekämpfung. Nachdrücklich sprach sich der Redner für eine Einbeziehung der Sowjetunion in das ganze Europa aus, da sie nur so Aussichten habe, den Prozess der Reformen ihrer inneren Strukturen erfolgreich voranzutreiben. Die künftige gesamteuropäische Architektur der Zusammenarbeit und Sicherheit beruhe auf einer europäischen Gemeinschaft, auf dem KSZE-Prozess, dem Europa-Rat und Atlantischer Allianz. Falsch sei zu folgern, dass das kollektive Sicherheitssystem der Allianz überflüssig werden könnte. Denn eine KSZE könne auch längerfristig keine „Versicherung gegen ernste militärische Zukunftsrisiken“ sein. Eine politische Union Europas sei aber auf lange Sicht nicht denkbar ohne die Einbeziehung der Bereiche Sicherheit und Verteidigung. Deutschland bleibe jedenfalls ein Angelpunkt – sowohl Europas als auch des Bündnisses, versicherte Wörner. Ohne die Schutzfunktion der Allianz wäre der Wiederaufbau der politischen Ordnung und Wirtschaftskraft in seinem westlichen Teil, eine wachsende Rolle in Europa und der Welt sowie letztlich die Wiederherstellung der deutschen Einheit nicht möglich gewesen. „Wir schulden dies in ganz besonderer Weise den Vereinigten Staaten von Amerika, deren Großzügigkeit und Verständnis eine geschichtliche Schuld begründet haben, deren wir Deutsche uns bewusst bleiben sollten. Deutschland ist einer der Hauptnutznießer der neuen Verhältnisse“, sagte er. „Wir Deutsche tun gut daran, gegenüber anderen Mitgliedsstaaten unseres Bündnisses heute dieselben Schutz- und Freundschaftsmaßstäbe anzulegen, die uns gegenüber in der welthistorischen Gefährdung seit den 50er Jahren gebraucht worden sind.“ Die Friedenssehnsucht des deutschen Volkes sei verständlich. „Sie darf aber nicht vergessen machen, dass Sicherheit auch in Zukunft ihren Preis hat, dass militärische Mittel zur Wahrung des Friedens und gegenüber gewalttätigen internationalen Rechtsbrechern bereitgehalten und im äußersten Falle auch eingesetzt werden müssen.“ Wie beim Auftritt am Vortag vor der Deutschen Atlantischen Gesellschaft in Berlin und im Axel Springer Verlag, wo Wörner das neue strategische Nato-Konzept erläutert hatte, erhielt ich von seinem Pressesprecher umfangreiche Unterstützung. Also rechtzeitig vorher (gegen Mitternacht im Hotel) die Rede seines Chefs. Und vor seinem Abflug nach Brüssel bedankte er sich „für die gute ADN-Berichterstattung über den erstmaligen Besuch eines Nato-Generalsekretärs in Ostdeutschland“. (1991) 396 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Schon ein paar Jahre später hat das Ende des Kalten Krieges in Europa zu einer paradoxen Situation geführt: Sind Kriege wieder möglich? Diese veränderte Lage charakterisierte Nato-Generalsekretär Wörner mit den Worten: „Weniger Bedrohung, aber auch weniger Frieden“ (less threat but less peace). Jetzt sind die Herausforderungen vielschichtiger als in der Vergangenheit, als sich noch zwei Militärbündnisse gegenüberstanden. Das erfordert nun ein erweitertes Verständnis von Sicherheit, das über primär militärische Dimensionen hinausgeht. In einem konfliktreichen internationalen Umfeld korrespondiert das mit einem erweiterten Verständnis von Verteidigung. Funktionsfähige Streitkräfte, so ein Bundeswehr-Inspekteur, „sind damit notwendige Instrumente einer glaubhaften Sicherheitspolitik“. (1994) Kooperation an der Führungsakademie Die Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, höchste Ausbildungseinrichtung der Streitkräfte, hat seit dem Ende des Ost-West-Konflikts ihren Ruf als Stätte internationaler Begegnung und Kooperation weiter gefestigt. Der Meinungsaustausch bei vielfältigen Treffen reichte von der Konfliktverhütung über die Krisenbewältigung bis zu Wirtschafts- und Sozialproblemen und KSZE-Lösungskonzepten. Die ersten ausländischen Teilnehmer der 1957 gegründeten Bildungsstätte nahmen ab 1958 an den Zwei-Jahres-Lehrgängen für Generalstabsoffiziere teil. Jeweils bis zu 25 Offiziere aus dem Nordatlantischen Bündnis vertieften ihre Kenntnisse beispielsweise in Sicherheitspolitik und Operationsführung. Ab 1962 kamen zusätzlich Vertreter aus Nicht-Nato- Ländern hierher, um sich mit Führungs- und Einsatzgrundsätzen der deutschen Streitkräfte vertraut zu machen. Ihnen wurde ein Generalstabslehrgang mit besonderer Spezialisierung zur Einbindung von Streitkräften in die Demokratie geboten. Etwa 700 Offiziere vom Hauptmann bis zum Oberst aus 69 Nationen absolvierten derartige Kurse. Jetzt wurden dazu erstmalig Vertreter Russlands, Weißrusslands und der Slowakischen Republik begrüßt. Mit den KSZE-Vereinbarungen und der „Partnerschaft für den Frieden“ erhöht sich von Jahr zu Jahr das Interesse unter den Armeen Mittel- und Osteuropas an der Führungsakademie. Diese erhielt einen starken gesamteuropäischen Akzent und wurde von Seiten der Bundeswehr mit Seminaren, Symposien und Tagungen direkt in die Vertrauen und Sicherheit bildenden Maßnahmen einbezogen. In diesem Zeichen stand auch das 2. Symposium für Stabsoffiziere aus den KSZE-Staaten, das auf Einladung von General Klaus Naumann an der Akademie stattfand. Das Thema: „Europäische Sicherheit und die zukünftige Entwicklung von Streitkräften am Beispiel der Bundeswehr“. Dazu Naumann: „Wir wollten damit einen Beitrag zur Vertrauensbildung 397 12. Bundeswehr – international und Transparenz durch militärische Kontakte im Sinne des 1993 vom KSZE-Forum für Sicherheitskooperation verabschiedeten Programms für militärische Kontakte und Zusammenarbeit leisten.“ Dabei sollten Offiziere und Beamte möglichst aller KSZE-Staaten sowie von regionalen Organisationen des Sicherheitsbereiches zu einem „Dialog über aktuelle Fragen und Entwicklungen“ zusammenfinden. Auch die Erfahrungen beim Aufbau der Bundeswehr in Ostdeutschland kamen zur Sprache. Vor allem von Akademie zu Akademie pflegt die Bundeswehr-Einrichtung internationale Kontakte. Sie zielen beim Partner besonders auf Ausbildungsunterstützung. So begann 1990 eine „sehr intensive Entwicklung, die zu einem umfassenden Dialog mit den Staaten im Osten führte“, berichtete Flottillenadmiral Jörk-Eckart Reschke, Stellvertreter des Kommandeurs und Bereichsdirektor Lehre. Dabei wird jetzt mit Bulgarien, Polen, Rumänien, Russland, Tschechien, der Slowakei, der Ukraine und Ungarn zusammengearbeitet. Nun erwartet man den Ausbau der Beziehungen zu Weißrussland und Slowenien. Und weiter erläuterte er: Am Anfang steht meist der Delegationsaustausch auf Kommandeursebene. Bei der gegenseitigen Unterstützung mit Dozenten geht es um Themen wie „Einordnung von Streitkräften in eine Demokratie“, wobei auch Erfahrungen der Inneren Führung vermittelt werden, oder um „Grundzüge und Organisation der Stabsoffiziers- beziehungsweise Generalstabsausbildung“. Groß sei das Interesse an „Kosten und Betrieb von Streitkräften“, worüber deutsche Vertreter an ausländischen Akademien referieren. Ein neues Betätigungsfeld für die Führungsakademie ist die Vorbereitung von Bundeswehr-Offizieren auf internationale Friedenseinsätze im Rahmen der UNO. „Seit mehreren Jahren, so vor UN-Operationen in Kambodscha, im Irak, in Somalia sowie in Ex-Jugoslawien, beteiligen wir uns intensiv an der Vorbereitung. Für uns Anlass, bestimmte Themenkomplexe wie ‚Führung von Menschen unter erschwerten Bedingungen‘ zu vertiefen.“ Nun erwarte er im Rahmen des „ganz normalen Dozentenwechsels Offiziere, die an solchen UN-Aktivitäten beteiligt waren und ihre persönlichen Erfahrungen weitervermitteln können. Denn wir brauchen hier den praktisch erfahrenen Dozenten und nicht den ‚rei- 398 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten nen‘ Theoretiker, um uns noch besser den neuen Aufgaben stellen zu können.“ Aus erster Hand erhielten an der Führungsakademie etwa 20 Vertreter von Arbeitgeberverbänden, Gewerkschaften und Medien ebenfalls Informationen über die Militär- und Sicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland nach dem Ende des Ost-West-Konflikts. Das dreitägige Seminar, bei dem auch Verteidigungs- und Bündnisfragen diskutiert wurden, fand in dieser Zusammensetzung erstmalig statt. Auch mein besonderes Interesse galt hier der Entwicklung der Bundeswehr als eine Armee der Einheit nach der Vereinigung Deutschlands. Nicht nur in den Pausen wurden die Ostdeutschen gebeten, doch etwas mehr über die friedliche Revolution in der DDR zu erzählen, die nach dem Machtzerfall der SED-Diktatur den Weg zur Wiedervereinigung ermöglicht hat. (1994) Bündnis mit Verantwortung für Europa Das Reichstagsgebäude im Herzen Berlins, wo 1945 nach opferreichen Kämpfen der Zweite Weltkrieg beendet und nach Jahrzehnten der Ost-West-Konfrontation am 3. Oktober 1990 mit dem Hissen der Bundesflagge die deutsche Wiedervereinigung vollzogen wurde, hat weiter an internationaler Ausstrahlung gewonnen. Dazu trug die Frühjahrstagung der Nordatlantischen Versammlung (NAV) bei, die hier Ende Mai 1993 zusammenkam. Bei ihrem fünften Treffen auf deutschem Boden – 1972 in Bonn, 1981 in München, 1985 in Stuttgart, 1988 in Hamburg und nun im vereinten Berlin – wurden nach Meinung von Beobachtern wie auf keiner NAV-Versammlung zuvor die Wandlungen in Deutschland, in Europa und in der Welt so sichtbar. Dass die Nato auch in Zukunft eine besondere Rolle als Eckpfeiler der transatlantischen Partnerschaft spielen wird, auf der die Stabilität und Sicherheit Europas beruht, machte eindrucksvoll Bundesverteidigungsminister Volker Rühe vor den Versammelten deutlich. Mit seiner Forderung nach „einem gesamteuropäischen Solidarpakt für die Staaten im Osten Europas“ sowie seinem Plädoyer für die Nato-Aufnahme Ungarns, Polens, der Tschechischen und der Slowakischen Republik gab er dazu wichtige Impulse. Für ihn sei die Erweiterung der Nato „nicht so sehr eine Frage des Ob, sondern des Wie und Wann“. Von dem 1955 gegründeten Nato-Gremium waren in der Vergangenheit mit dem Blick auf die einstigen Gegner im Warschauer Pakt vielfältige Empfehlungen in Richtung Sicherheit und Zusammenarbeit bis hin zur Abrüstung ausgegangen. Wer hatte schon bei den damaligen Tagungen der NAV in Deutschland über Anfänge des Entspannungsprozesses, den Nato-Doppelbeschluss oder die Verbesserung der konventionellen Verteidigung im Kalkül, eines Tages mit den Adressaten dieser Botschaften im geeinten Deutschland am gemeinsamen Tisch zu sitzen und zu verhandeln. Nun hat der Wandel auf dem europäischen 399 12. Bundeswehr – international Kontinent, von der Nato mit weitsichtigen politischen Entscheidungen initiiert, auch das eigene Verteidigungsbündnis beeinflusst. Bei der diesjährigen Frühjahrstagung trafen sich fast 500 Parlamentarier und Beobachter. Sie vertraten 16 Nato-Staaten und 13 assoziierte Länder des einstigen Ostblocks, darunter erstmalig Albanien. Wie Deutschlands Delegationsleiter Klaus Francke zu dieser Zusammensetzung meinte, habe das Nato-Bündnis mit dem Nordatlantischen Kooperationsrat und der Beteiligung assoziierter Delegationen in der NAV nun „auch die institutionellen Konsequenzen aus der gewandelten Situation gezogen“. Davon zeuge ebenso die eigene „Bereitschaft zu Partnerschaft, Kooperation und Dialog“, nach Ansicht der Diskussionsredner für ein Gesamtgleichgewicht in Europa unverzichtbar. In der Tat: Es war schon beeindruckend, unter dem Logo Nato-Stern plus Brandenburger Tor drei Beratungstage lang Vertreter der Völker aus West- , Mittel- und Osteuropa sowie Nordamerika im Argumentenstreit zu erleben. Vorrangig ging es naturgemäß um verteidigungs- und sicherheitspolitische Fragen. Wiederholt wurden die gemeinsame Verteidigung und auch die Abschreckung als wichtige Elemente der Nato-Strategie bezeichnet, da nach den Worten von NAV-Präsident Loic Bouvard (Frankreich) „trotz erfreulicher Entwicklungen neue Gefahren und Bedrohungen des Friedens“ entstanden sind. Angesichts nationaler Krisenherde mit vorwiegend ethnischen und sozialen Konflikten vertrat RUSI-Direktor Jonathan Eyal aus London die These: „Keine Sicherheit für den Westen ohne Sicherheit im Osten“. Ein kanadischer Repräsentant definierte wie auch andere Gesprächspartner die Rolle der Nato so: Garant der militärischen Sicherheit aller Mitgliedsstaaten, Instrument für neue Verbindungen zu den jungen Demokratien, militärische Einrichtung für das Krisenmanagement und Forum für Kommunikation über Ländergrenzen. Im Politischen Ausschuss kündigte der stellvertretende Nato-Generalsekretär Botschafter Gebhardt von Moltke an, Deutschland sei dabei, international „mehr Verantwortung zu übernehmen“. Denn „einen nationalen Sonderweg“ könne es für die Sicherheit des vereinten Deutschlands nicht geben. Aber auch in den Ausschüssen Zivile Angelegenheiten, Wirtschaft sowie Wissenschaft und Technik gab es interessante Diskussionen, so zur parlamentarischen Demokratie, zu Wirtschaftsreformen und zum Umweltschutz. Gesprächspartner waren hier Treuhand-Präsidentin Birgit Breuel und Brandenburgs Innenminister Alwin Ziel mit aktuellen Einschätzungen zum Aufbau der neuen Bundesländer. Die Bundeswehr – nach den Worten des Verteidigungsausschuss-Vorsitzenden Karsten D. Voigt (SPD) „nie eine Armee der Parteien, sondern des Volkes und in allen Teilen der Gesellschaft verankert“ – bot Parlamentariern aus Ost und West auf einer Exkursion nach Sachsen Einblick in ihre Verifikationsaktivitäten entsprechend dem KSE-Abkommen. Die Plenarsitzung zum Thema „Die Nato und das neue Europa: die Herausforderung auf dem Balkan“ beendete das Treffen. Es gab, wie bei Frühjahrstagungen üblich, keine Beschlüsse. Zum tragischen Konflikt im ehemaligen Jugoslawien reichten die Meinungen der 400 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten rund 40 Redner von der Unterstützung einer militärischen Intervention durch das Nordatlantische Bündnis bis zu deren strikten Ablehnung, wie sie ein Grieche mit seiner Warnung vor einer Nato-Rolle als „Weltgendarm“ begründete. Russlands Vertreter, der die Nordatlantische Versammlung zu einem Seminar zu parlamentarischen Fragen und zur Rolle der Streitkräfte nach Moskau einlud, appellierte an eine „unvoreingenommene Haltung“ aller in diesem Konflikt, schloss aber militärische Optionen unter der UNO nicht aus. Zu künftigen militärischen Aufgaben der Verbündeten, darunter der Schutz von UNO- Truppen, hatte sich zuvor der Oberkommandierende der Nato-Streitkräfte Europa, General John Shalikashvili (USA), vor den Versammelten geäußert. Die neuen Einsätze seien nicht mit den Blauhelm-Aktionen von früher zu vergleichen und erforderten deshalb „gut ausgebildete Allzweckstreitkräfte“. Obwohl nach seinen Worten das ehemalige Jugoslawien „nicht zur Feuerprobe für die Allianz“ werden dürfe, gebe es „Pläne für den Notfall“, bei dem etwa 70 000 Soldaten erforderlich seien. Man sollte auch die nationalen Streitkräfte für einen „Partisanenkrieg“ ausbilden, entgegnete er auf eine entsprechende Frage des italienischen Vertreters. Die Einrichtung eines „gemeinsamen Streitkräfte-Ausbildungszentrums“, von Polen vorgeschlagen, hielt General Shalikashvili für „durchaus möglich“. Die Delegationen waren sehr angetan von den Erlebnissen und Eindrücken in einem Berlin ohne Mauer. Das Reichstagsgebäude, fast 100 Jahre alt und bald Sitz des Deutschen Bundestages, habe ihnen „gute Arbeitsmöglichkeiten“ geboten, versicherten nicht wenige Teilnehmer. Mein Gesamteindruck: Feindbilder wurden ohne Mauer in Europa und ohne bösen Chef im Kreml zur Mangelwarte. Also ist die Nato auf der Suche nach einem neuen Profil. Auch deshalb will sich das Bündnis seit Ende des Kalten Krieges reformieren. In diesem Geist fand im Oktober 1997 in Berlin auf Einladung des Inspekteurs des deutschen Heeres, Generalleutnant Helmut Willmann, eine internationale Konferenz über Einsatzgrundsätze von Landstreitkräften statt. Im Mittelpunkt der Beratungen der 2. International Doctrine Conference in der Julius-Leber-Kaserne stand der Meinungsaustausch über künftige Herausforderungen der Landstreitkräfte und die Weiterentwicklung insbesondere der operativen Führungsgrundsätze. Das Themenspektrum erstreckte sich von den Einsatzgrundsätzen im Verteidigungsfall bis zur militärischen Unterstützung von Friedensmissionen. An der Konferenz nahmen Delegationen von rund 40 Nationen aus Europa teil, darunter Nato- und Partnerschaftsstaaten für Frieden, aus Nord- und Südamerika sowie aus Asien und dem pazifischen Raum. Die erste Beratung dieser Art – diesmal unter Leitung des deutschen und des britischen Führungsstabes des Heeres – gab es 1995 in den Vereinigten Staaten. 401 12. Bundeswehr – international Beratung über „Partnerschaft für den Frieden“ Das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in Strausberg (Land Brandenburg) stand nach seinem Umzug aus München vor einer Premiere – erstmalig war es im neuen Dienstort Gastgeber eines internationalen Treffens. Gemeinsam mit dem Chicagoer Streitkräfte-Seminar IUS nahmen Wissenschaftler aus 13 mittel- und osteuropäischen Staaten am Workshop über das Verhältnis von Militär und Gesellschaft teil. Die mehrtägige Beratung diente dem Nato-Programm „Partnerschaft für den Frieden“ mit umfassender Zusammenarbeit auf militärischem und sicherheitspolitischem Feld. Mit Vertretern von Albanien, Ungarn und Polen bis zu den Baltischen Staaten und Russland – auch auf anderen Gebieten seit dem Ende der Ost-West-Konfrontation mit vielfältigen Kontakten zur Bundeswehr – stellten sich namhafte Persönlichkeiten junger Demokratien diesem interessanten Thema. So Präsidenten- und Sicherheitsberater, Verteidigungsexperten sowie Fakultäts- und Institutsdirektoren. Sie berichteten offen über erste Erfahrungen bei der Anwendung demokratischer Prinzipien in diesem Bereich, der bisher selbst gegenüber der eigenen Bevölkerung von sozialistischer Geheimniskrämerei gekennzeichnet war. Dabei reichte die Palette der Gespräche von den Methoden der Einberufung zum Wehrdienst über die militärische Ausbildung bis zur sozialen Absicherung der Freiwilligen und länger dienenden Offiziere. Von großem Interesse waren weiterhin verfassungsrechtliche Grundsätze zum Verhältnis der zivilen Führung gegenüber den Streitkräften. Es ging ebenso um die Offenlegung der Verteidigungsplanungen und deren parlamentarische Kontrolle, die zivilen Rechte und den Schutz der Bürger in Uniform sowie die Streitkräfte-Reform für die neuen nationalen und internationalen Aufgaben. „Mit ihrer Unterschrift unter das Rahmendokument haben sich die Nato-Partnerstaaten zur Information verpflichtet, wie die geforderte demokratische Kontrolle ihrer Streitkräfte konkret vor sich geht.“ So Institutsdirektor Professor Bernhard Fleckenstein, der mit dem IUS-Vorsitzenden Professor Dr. Charles Moskos die Beratung leitete. „Wichtigster Aspekt war für uns dabei die Gewährleistung des Primats der Politik. Denn es gibt immer noch Staaten, in denen das Militär einem parlamentarisch nicht verantwortlichen ‚Generalissimus‘ oder einem über dem Parlament thronenden Staatsoberhaupt verpflichtet ist.“ Auch ganz praktische Fragen wurden erörtert: „Wie werden die Kriegsdienstverweigerer behandelt?“ – laut Europäischem Rat ein Menschenrecht – und „Wie arbeiten mögliche zivile Dienste?“ Ebenso „Welche Befugnisse hat Militärgerichtsbarkeit im Frieden bei welcher Kontrolle?“ und „Ist das Recht des Soldaten auf freie Religionsausübung garantiert?“ hat man hier hinterfragt. Am Rande der Tagung konnten sich die Teilnehmer mit der Arbeit des Instituts vertraut machen. Seine 18 Forschungsprojekte und zahlreichen Publikationen waren vielseitig. Sie reichten von Untersuchungen des soldatischen Selbstverständnisses in der Bundeswehr unter den Bedingungen des erweiterten Auftrages über europäische Kooperation, beispiels- 402 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten weise im Deutsch-Niederländischen Korps, bis zur Umsetzung der neuen Reservistenkonzeption und zum Thema Frauen und Militär. (1994) US-Delegation in neuen Bundesländern Mit der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung in den neuen Bundesländern hat sich 1993 eine hochrangige US-Delegation von Offizieren und Beamten auf einer Informationsreise vertraut gemacht. Unter dem Motto „Meet United Germany“ besichtigten die Gäste in Potsdam, Berlin, Weimar und Erfurt vielfältige Einrichtungen und Sehenswürdigkeiten und führten Gespräche. Im Korps und Territorialkommando Ost mit Sitz in der brandenburgischen Landeshauptstadt erfuhren sie Einzelheiten von der Auflösung der Nationalen Volksarmee und vom Aufbau gesamtdeutscher Streitkräfte, in die 11 000 Unteroffiziere und Offiziere aus der DDR übernommen wurden. Zur Abordnung, die einer Einladung des Generalinspekteurs der Bundeswehr, General Klaus Naumann, gefolgt war, gehörten Staatssekretär Edward L. Warner III., der Vier-Sterne-General Walter E. Boomer, stellvertretender Kommandeur des US-Marine-Korps, und Generalleutnant Robert B. Johnston, der das US-Kontingent in Somalia kommandiert hatte. „Wir wollten deutlich machen, wo wir im Prozess der Vereinigung stehen“, erklärte mir General Naumann zum Anliegen der Begegnungen. Dabei sei es nicht nur um militärische Fragen gegangen. Auch der Prozess der Umwandlung im Osten in eine soziale Marktwirtschaft fand besonderes Interesse. „Damit unsere Gäste auch den Stand des Zusammenwachsens beider Teile Deutschlands kennen lernen, trafen sie mit Menschen aus den neuen Bundesländern zusammen. So erfuhren sie aus erster Hand, was diese drei Jahre nach der Vereinigung Deutschlands empfinden.“ Ostdeutsche Truppen in Nato eingegliedert Ein weiterer Höhepunkt in der Entwicklung der ostdeutschen Streitkräfte war deren Nato-Assignierung 1995. Dazu fand am 3. Februar ein feierliches militärisches Zeremoniell in Potsdam statt. Nun war das IV. Korps ganz offiziell dem Bündnis unterstellt. Ab jetzt spielten die Soldaten aus den neuen Bundesländern in der „internationalen Liga“, wenn ein Vergleich mit dem Fußball gestattet ist, nahmen nunmehr an den erweiterten Aufträgen der Bundeswehr bei der Verteidigung Deutschlands und seiner Verbündeten teil. Das betraf in Einklang mit der UN-Charta den Weltfrieden und die internationale Sicherheit. Zugleich entfielen für das IV. Korps die ehemals nationalen und territorialen Aufgaben. Für Außenstehende noch kein Thema, aber im Gefüge der Heerestruppen im Beitrittsgebiet hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon ganz Wesentliches verändert: Jetzt diente der Kommandierende General des Potsdamer Korps zwei „Herren“ – einmal dem Commander-in-Chief Landforces Central Europe (LANDCENT) mit Sitz in Heidelberg. Zum ande- 403 12. Bundeswehr – international ren dem Befehlshaber des Heeresführungskommandos in Koblenz. Während der Commander für Einsatzoptionen und damit zusammenhängende Übungen zuständig war, „bündelte“ der andere Chef in der 1994 geschaffenen Dienststelle auch die Aufgaben des vormaligen Territorialkommandos. Wie mir damals verantwortliche Generale und Offiziere aus dem Heer erläuterten, machte sich bei der nunmehr insgesamt gestrafften Führungsorganisation schon positiv bemerkbar, was mit der bisher in den neuen Bundesländern geschaffenen „Übergangsstruktur Ost“ vor der schon lange geplanten „Heeresstruktur 5“ ins Auge gefasst worden war. Dennoch mussten hier einige wenige Umgliederungen vorgenommen werden. Nach Naumanns Worten „ein Umbau, der einem Neuaufbau gleicht“. All das sparte dem Bund viel Geld. Trotz neuer Unterstellung waren die Potsdamer Offiziere in der Kaserne Wildpark-West für den Truppendienst, die Taktik und die operative Führung ihrer Heerestruppenteile zuständig. Ihnen unterstanden ab jetzt auch Truppenteile in Hessen, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Außerdem waren sie für die Wehrbereichskommandos VII und VIII sowie die 13. und 14. Panzergrenadierdivision zuständig – in Friedenszeiten immerhin 45 000 Soldaten und etwa 6 500 zivile Mitarbeiter. Für die eigenen Truppen bedeutete diese Beförderung zugleich die Überwindung der letzten Hindernisse seit der Deutschen Einheit auf dem Weg zur Nato. Auf diese nationale Beschränkung des heutigen Großverbandes bestanden damals die sowjetisch/russischen Verhandlungspartner von Bundeskanzler Kohl. Nun war die Beteiligung des IV. Korps an Übungen unter Nato-Kommando möglich. Wenn man so will, begann im Osten Deutschlands die später in Ost- und Mitteleuropa fortgesetzte Erweiterung des atlantischen Bündnisses. Doch nicht nur die ostdeutschen Landstreitkräfte waren jetzt assigniert. Hinzu kamen ein Jagdgeschwader, ein Flugabwehrraketengeschwader, zwei Radarführungsabteilungen der Luftwaffe sowie ein Schnellbootgeschwader der Marine aus den neuen Bundesländern. Nicht weniger Bedeutung hatte die Tatsache, dass die Nato-Luftverteidigung – einst wichtiger Schutzschild während der Ost-West-Konfrontation – nun auf die gesamte Bundesrepublik erweitert werden konnte. (1995) In Friedensmission mit AWACS über Europa Angesichts der Geräuschkulisse eines Zweitakters beim „Trabi“-Fahren tröstete ich mich mit dem Motto: „Nur Fliegen ist schöner“. Dieses Logo hatten viele Besitzer des Kleinwagens gut sichtbar am Heckfenster aufgeklebt und wollten wohl so ihre Zufriedenheit bei der Fortbewegung auf Erden dokumentieren. Und als ich im Juni 1991 mit anderen Kollegen die Gelegenheit hatte, als erste Ostdeutsche in Friedensmission halb Europa in einer AWACS-Aufklärungsmaschine zu überqueren, fand ich das bestätigt. 404 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Es war einfach toll. Was eigentlich als militärisches „Heiligtum“ im Westen gehegt und gepflegt wird, führte man uns neuen Bundesbürgern in Aktion vor – ohne Vergatterung oder Sicherheitsbelehrung, wie das dereinst bei uns üblich war. Wir durften an Bord fotografieren, was wir wollten. Und reden, mit wem wir wollten. Oberstleutnant Wulff Bickenbach, Sprecher der Luftwaffe aus Köln, stand uns während des Fluges ab Geilenkirchen Rede und Antwort. Neben technischen Details der unbewaffneten Maschine erläuterte er uns den Auftrag der gemischten internationalen Besatzung und den Alltag an Bord. Mein Eindruck: Während viele Menschen ihren kostbaren Schmuck in einem Schrank verstecken, im Safe deponieren oder im Garten vergraben, schickt ihn das weltgrößte Verteidigungsbündnis regelrecht in die Luft. In seiner Flughöhe von meist neun Kilometern wird es vor Neugierigen stets gut behütet, vor fremden Händen geschützt. Denn AWACS besitzt eine außerordentliche strategische Bedeutung. Es ist das fliegende Frühwarn- und Führungssystem der Nato. Seine Schatulle – eine Boeing 707 mit einer riesigen pilzförmigen Radaranlage im Huckepack – misst immerhin 46 Meter in der Länge und 44 Meter in der Breite. 405 12. Bundeswehr – international Bei der 17-köpfigen Crew befindet sich die „Nato E-3A“, so der offizielle Code, in guten und sicheren Händen. Hier wirken im einzigen multinationalen fliegenden Verband des Bündnisses Amerikaner und Kanadier, Dänen und Niederländer, Griechen und Türken mit Luftwaffenangehörigen aus dem Gastland zusammen. Ein Drittel Besatzungsmitglieder sind Soldaten der Bundeswehr. Ihre „Rollen“ oder Aufgaben – sonst auch noch mit Belgiern, Italienern, Norwegern und Portugiesen besetzt – reichen vom Flugzeugführer und Navigator bis zum Jägerleitoffizier, Radarflugmelder und Funker. In der Regel überfliegen sie zehn Stunden lang mit dem 70-Millionen-Dollar-„Collier“ Mitteleuropa. Sie erfassen in einem Umkreis von etwa 500 Kilometern alle Flug- oder Schiffsbewegungen. Dazu drehen sich ständig im markanten Rotodom (Durchmesser über neun Meter) Radarantennen und sorgen dann auf dem Bildschirm für kleine grüne Erkennungspunkte. Diese Information über alle erfassbaren Flugbewegungen werden wie aus einer Relaisstation in großer Höhe per Datenverbindung weitergeleitet und mit Hilfe modernster Computer in Bruchteilen von Sekunden ausgewertet. Die hier tätigen Spezialisten sind die ersten Militärs, die aufmerksam alles beobachten, was sich in diesem Umkreis bewegt. Dann befasst man sich in den Hauptquartieren des Bündnisses damit. Aus luftigen Positionen heraus kann AWACS auch Radarstellungen erkennen und anpeilen, mit elektronischen Gegenmaßnahmen blenden und den militärischen Funkverkehr stören. Einfach gesagt: Ein militärischer Führungspunkt, der sich in der Luft fortbewegt, viel sieht und ständig auf dem neuesten Stand ist. Also ein eigenes, luftgestütztes Frühwarn-System der Nato. Nur die Kommandeure sitzen bei Brüssel. Wie der 37-jährige Hauptfeldwebel Eugen Tölle von der Bundesluftwaffe zu seiner mehr als neunjährigen Tätigkeit im Frühwarnsystem meinte, habe dieses „rein defensiven Charakter“. In der multinationalen Mannschaft gebe es „ein ausgezeichnetes Verhältnis untereinander“, manchmal sogar Freundschaften. Auch ein Blick zur konzentrierten Tätigkeit seiner deutschen und ausländischen Kameraden bestätigt, dass das mit Hightech ausgerüstete und in aller Welt – wie nach den Golf-Kriegen und inzwischen auch in Afghanistan – von Fachleuten sehr geschätzte System verantwortungsvoll bedient wird. Entspannung bietet demgegenüber die kleine Küche an Bord, wo sich jeder selbst Essen und Trinken zubereiten kann. Mit ihren langjährigen Erfahrungen wissen die Besatzungsmitglieder alle Bewegungen zu Land und in der Luft zu deuten und einzuschätzen. Sie finden sogar Zeit, die „derzeitige Lage“ des Luft- 406 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten raumes in Mitteleuropa dem Besucher zu erläutern. Unser Glück: Der Kalte Krieg ist vorbei. Im Herzen Europas herrscht nach der deutschen Wiedervereinigung und der Auflösung des Warschauer Pakts der lang ersehnte Frieden. Gefahr droht aber noch immer, wenn man vor allem an die Konflikte im arabischen Raum denkt. Inzwischen änderten sich auch die Aufgaben: AWACS sorgt bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften für Sicherheit. Die Idee für dieses Nato-Heiligtum stammt aus den 1970er Jahren, als in einer Zeit harter Konfrontation zwischen Nato und Warschauer Pakt erste Studien dazu entstanden. Eine Regierungsvereinbarung gab dann 1978 grünes Licht für das international größte gemeinsam finanzierte Beschaffungsprogramm. Es sollte vor allem die Luftverteidigung gegen- über den Luftarmeen des Warschauer Vertrages verbessern. Damals waren in Europa 18 Maschinen der Frühwarnflotte stationiert, in den USA 34. Als Haupteinsatzflugplatz der europäischen E-3A-Staffeln gilt der Nato-Flughafen in Geilenkirchen bei Aachen, ein abgeschirmtes Areal im deutsch-niederländischen Grenzgebiet. Vorgeschobene Start- und Landemöglichkeiten bestehen in Trapani (Italien), Preveza (Griechenland), Konya (Türkei) und Oerland (Norwegen). Wenn nun der erste multinationale Nato-Verband weiterhin wie an diesem sommerlichen Tag seine großen Kreise über Europa zieht, dann gehört zu seinen Aufgaben nach Auflösung des Ostblocks nicht mehr vordergründig die Vorwarnung. Neu könnte in naher Zukunft sein, erläutert man uns, zur Verifikation im Sinne des KSZE-Vertrages beizutragen. Denn die vereinbarten Zahlen von Kampfflugzeugen und Angriffshubschraubern sollen erhöhte Sicherheit und Stabilität auf dem Kontinent bringen. Und hierbei könnte AWACS mit der Nato-Windrose seinen Ruf als ein wertvolles Stück festigen, nicht nur wegen der etwa 50 Tonnen Elektronik an Bord, sondern auch als eine unbestechliche und weitblickende Einrichtung zur Friedensüberwachung mit jetzt schon internationalem Charakter. Als wir nach etlichen Stunden in der Luft hier wieder sicher landeten, wusste ich, was dem Fahrer eines Trabant 601 mit seinen 26 PS gefehlt hatte – der Blick auf Straßen und Landschaften aus einer ganz sicheren Perspektive. Fliegen war tatsächlich schöner, als im Zwickauer „Plastekoffer“ durch Städte und Dörfer zu knattern. Mut der Soldaten zu Entscheidungen fördern Der Jahresbericht 1999, der Probleme, Missstände und Unzulänglichkeiten schildert, soll „kein umfassender Zustandsbericht über die Bundeswehr“ sein. Nach fünfjähriger Amtszeit enthält er zugleich eine persönliche Bilanz. Und die ist – „bei allem Schatten, der diese Aufgabe mit sich bringt – uneingeschränkt positiv“. Das erklärte die Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Claire Marienfeld, vor der internationalen Presse in Berlin. Unmittelbar zuvor hatte sie, nach eigenen Worten „Kontrollorgan und Petitionsinstanz für die Soldaten“, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die Drucksache 14/2900 überreicht. Ihr fünfter und letzter Bericht stellt die ersten bewaffneten Kampfeinsätze der Bundeswehr im Rahmen der internationalen Friedenssicherung im ehemaligen Jugoslawien an die Spit- 407 12. Bundeswehr – international ze. „Unsere Soldaten verdienen für ihren Einsatz wirklich viel Lob. Sie sind gut ausgebildet und hochmotiviert. Dies zu sagen ist für mich keine Pflichtübung. Ich weiß, was die Soldaten leisten. Und ich bin mir insbesondere der physischen und psychischen Belastungen bewusst, die ein Lagerleben unter insgesamt dürftigen Rahmenbedingungen bedeutet.“ Die Verlängerung der Einsatzdauer von vier auf sechs Monate stoße bei Soldaten und ihren Angehörigen „überwiegend auf Ablehnung“. Es wäre ein Gebot Innerer Führung gewesen, den Einsatz dieser Art frühzeitig und rechtlich klar zu begründen. Zumal die Rahmenbedingungen besondere Anforderungen an Führungsverhalten und Ausbildung mit sich bringen, der Soldat sein Verhalten an den Menschenrechten auszurichten hat. Bei Kampfeinsätzen, Sicherungsaufgaben und der Flüchtlingshilfe waren etwa 8 000 Soldaten ständig im Auslandseinsatz. Die dauerhaft hohe Beanspruchung von Personal und Material brachte Truppe und militärische Führung neue Herausforderungen, die Bundeswehr an die Grenzen personeller und materieller Belastbarkeit. Nunmehr müsse zügig ein „ausreichendes Reservoir an Spezialisten aller Truppengattungen“ herangebildet werden. Wie unter Friedensbedingungen muss laut Marienfeld auch im militärischen Einsatz Zivilcourage ihren Platz und Wert haben. Nicht jeder Vorgesetzte habe verstanden, dass konstruktive Kritik der Soldaten kein Angriff auf die Gehorsamspflicht ist. Fehler der Menschenführung finden sich bei Vorgesetzten aller Dienstgrade – vom schroffen Umgangston bis zur körperlichen Misshandlung. Jeder Fall sei „ein Fall zuviel“. Die CDU-Politikerin forderte höhere Vorgesetzte auf, der Mentalität einer „Null-Fehler-Armee“ entgegenzuwirken und „den Mut der ihnen unterstellten Soldaten zu eigenständigen Entscheidungen zu fördern“. Ein weiterer Themenschwerpunkt im Bericht war die Zukunft der Bundeswehr, ohne direkt auf Strukturen einzugehen. Viele junge Offiziere und Unteroffiziere seien skeptisch, nicht wenige frustriert. Von 15 054 geplanten Bewerbern konnte man nur 12 250 Zeitsoldaten gewinnen. Daher sei dringend geboten, den Menschen in der Bundeswehr sehr schnell Planungssicherheit zu geben, ihnen eine dauerhaft tragfähige Lösung anzubieten. Die Wehrpflicht besitze eine „positive Bedeutung“, auch weil die jungen kritischen Männer aus allen Bevölkerungsbereichen „heilsame Unruhe“ in die Streitkräfte bringen. Die jetzt 4 700 Frauen in der Bundeswehr gehören mittlerweile zum Alltagsbild in den Kasernen und im Einsatz. Allerdings hätten sich weibliche Soldaten zu Recht über das Fehlverhalten männlicher Kameraden im Umgang mit ihnen beklagt. Marienfeld: „Im Regelfall gibt es keine Probleme.“ Zu viele Frauen hätten jedoch eine falsche Vorstellung vom Soldatenberuf mit häufiger Abwesenheit durch Übungen und Auslandseinsätze. Auch im Berichtsjahr gab es rechtsextremistische Gewalttaten und fremdenfeindliche Handlungen in der Bundeswehr. Die Zahl rechtsextremistischer Vorgänge ging gegenüber 1998 von knapp 200 akuten Verdachtsfällen auf 92 zurück. Bei mehr als 320 000 Soldaten handele es sich dabei um Einzelfälle. „Der Rückgang ist ein Indiz dafür, dass die Maßnah- 408 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten men vor allem auf dem Gebiet der politischen Bildung zu greifen beginnen – ein Signal für eine Entwarnung sehe ich allerdings noch nicht.“ Auf Fragen erläuterte die Wehrbeauftragte weitere Probleme wie Materialmängel, „die jedoch zu keiner Zeit die Sicherheit der Soldaten gefährdeten“, das Tragen von Schmuck bei weiblichen Soldaten oder fleischloses Essen in der Truppe besonders für Menschen aus anderen Kulturen, mit denen nach deren Einbürgerung verstärkt zu rechnen sei. Marienfeld, die sich bei ihrer Einschätzung auch auf knapp 50 fast ausnahmslos unangemeldete Truppenbesuche stützt, abschließend: „Die Menschen sind das größte Kapital der Bundeswehr. Ihnen muss deshalb planerische und soziale Sicherheit gewährt werden.“ Mit etwa 5 800 Eingaben hatte das Amt der Wehrbeauftragten rund 300 weniger als im Vorjahr zu verzeichnen. Jede zweite Eingabe beanstandete die Personal- und Menschenführung. Der Bericht ging der Truppe bis zur Bataillonsebene als Vorausexemplar zu. Soldaten im Einsatz mögen „Feldpost” Heute ist die Bundeswehr weltweit im Einsatz. Und jeder Soldat und jede Soldatin möchte trotz Telefon, Mobilfunk oder Internet doch mit den Lieben zu Hause in einem ganz persönlichen Kontakt bleiben. Da greift man schon mal zur „Feder“ und schickt wie in den Zeiten der Postkutsche den Brief oder die Karte per Feldpost aus dem Einsatzland in die Heimat. In der Feldpostleitstelle Darmstadt werden die Briefe oder Pakete gesammelt, um dann umgehend mit der Deutschen Post in die Bestimmungsorte verschickt zu werden. Bereits seit 1982 steht der Bundeswehr die Feldpost zur Verfügung. Das Darmstädter Briefzentrum ist auch „umgekehrt“ der zentrale Punkt mit der Post an die Bundeswehr-Angehörigen vom In- ins Ausland. Zu Weihnachts-Zeiten erhält von hier die Feldpostleitstelle täglich so viel Postsendungen wie für eine Stadt mit 60 000 Einwohnern. In Plastikbehältern oder Kisten gehen diese per Lkw oder im Flugzeug auf Reisen. So war die Feldpost aus Somalia nach dem humanitären Einsatz der Bundeswehr in Afrika im Rahmen der Vereinten Nationen auch bei Philatelisten heiß begehrt. Wer während des Aufenthalts der 1 700 Soldaten in Belet Huen seit August 1993 keinen Briefkontakt nach dort mit der Bitte fand, ihm ganz persönlich eine der mehr als 100 000 vorgedruckten Karten zu schicken, versuchte es auf dem „freien Sammlermarkt“, beim Fachhandel oder mit Tausch. Denn die Feldpost vom Horn von Afrika war für die deutschen „Blauhelme“ so etwas wie der „Ernstfall“, weil kein gelber Briefkasten der Bundespost für Ziviles zur Verfügung stand. 409 12. Bundeswehr – international Hier aber das erste Feldpost-Amt in der Bundeswehr-Geschichte. Wöchentlich mussten acht Tonnen Post für die Soldaten nach Belet Huen befördert werden. Der „Run“ auf die philatelistische Rarität mit dem Stempel „URURADA KAALMADA SOOMAALIYA – UNOSOM II – JARMALKA“ begann deshalb in ganz Deutschland nach der Rückkehr der Truppen erst richtig. Die Serie der elf Motivkarten reizte besonders die Sammler von Sach- und Fachgebieten. So sollte die eigene Kollektion mit einem dieser Exemplare bereichert werden. Begehrt waren für die Philatelisten aber auch die „ganz normalen“ und „echt gelaufenen“ Briefe aus dem Unterstützungsverband. Vor allem interessierte dies Militaria-Philatelisten. Und das sind im Land nicht wenige. Sie sammeln Postalisches mit militärischen Motiven, wobei schon allein der Aufdruck „Feldpost“ – einst bei allen großen Manövern eine Erinnerung an das Geschehen – im Zeitalter der Entspannung und Abrüstung nach dem Kalten Krieg etwas ganz Seltenes geworden ist. Man denke nur an die Übung „Leuchtendes Morgenrot“ 1982 der Gebirgsjäger, die Heeresübung 1984 „Flinker Igel“, die Nato-Übung 1988 „Crested Eagle“ oder die Transport- übung 1990 „Schneller Start“. All die von diesen Sammlern erworbenen Briefmarken, Ganzsachen oder postalischen Belege werden Themen wie Armeen, Uniformen, Militärhistorie und Waffen zugeordnet. Obwohl auf keinem der deutschen Drucke aus Somalia Waffen und irgendwelches Kriegsgerät zu sehen sind, laut Bundesverteidigungsministerium war es ja ein Einsatz mit der „Investition in die Humanität“, wird die auf drei Karten abgebildete Bundeswehr-Uniform gewiss ihren Platz in vielen Sammlungen finden. Das Besondere an der Bekleidung – der 410 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Hut im Afrika-Look und das blaue Barett, Symbol des UNO-Auftrages – sind gut zu erkennen. Und wenn diese und jene Karte neben den Stempeln „5200A“ oder „5200B“ noch dazu die drei Worte „Mit Hubschrauber befördert“ aufweist, bedeutet dies zusätzlichen Seltenheits- und Sammlerwert: In einem halben Jahrhundert vielleicht vergleichbar mit der Beförderung durch die erste eigene Kraftpostlinie der Kaiserlichen Reichspost 1906 zwischen Friedberg und Ranstadt/Wetterau oder als erste größere Luftpostsendung 1912 mit dem Zeppelin „Schwaben“ im Rhein-Main-Gebiet. Grundvoraussetzung für ein „gutes Stück“ bleibt ein sauberer Stempel. Und dafür sorgten fachgerecht vor Ort drei wehrübende Postler. Sie hatten täglich zwischen 1 000 und 1 500 Karten und Briefe, viele Päckchen und Pakete zu bearbeiten. „Chef “ des Feldpostamtes in Belet Huen war Hauptfeldwebel Johann Zollner, ein Posthauptsekretär aus München. Viel Freude an den schönen, vom Obergefreiten der Reserve Gerhard Unterberg gestalteten Feldpost-Karten finden ebenso die Philatelisten anderer Sammelgebiete. Zum Beispiel der Themen „Afrika“ und „Somalia“, „Menschen in aller Welt“ und „Tiere“, die auf einigen dieser Karten zu finden sind. Deutschland- und Berlin-Sammler werden sicher bemüht sein, die Karte mit der Aufschrift „Tag der Deutschen Einheit 3. Oktober 1993“ und der Abbildung des Brandenburger Tores auf der oberen Seite einer Weltkugel zu erwerben. Eine weiße Taube beim Abflug mit einem Brief aus Afrika hat der Kartenschöpfer mehrfach gezeichnet. „Sie war tatsächlich ein Symbol der Verbundenheit zur Heimat“, berichtete der Pressesprecher von UNOSOM II, Oberstleutnant Rolf Bardet, nach der Rückkehr in Berlin. „Regelmäßige Post von Zuhause war für uns lebenswichtig, fast so wie Wasser und Verpflegung.“ Er sei zwar kein Philatelist und Sammler, aber alle Motive der ersten Feldpostkartenaktion der Bundeswehr für einen Auslands-Einsatz sollen ihn später neben vielen schönen Fotos und persönlichen Erlebnissen an Somalia erinnern. Wie ich bei dieser Gelegenheit weiter erfuhr, bildete der Einsatz einer Sanitätseinheit im Rahmen einer UNO-Mission in Kambodscha 1992 den Auftakt für eine solche Brücke in die Heimat. Gut zehn Jahre später präsentierte ebenfalls in Berlin die Bundeswehr, was nun diese Verbindungen in mehrere Einsatzgebiete zu leisten vermag: 2005 waren das über 1,1 Millionen Briefsendungen privater Art und etwa 270 000 Päckchen und Pakete, fast aus aller Welt, die von der deutschen Feldpost bewältigt wurden. Und immer stellten das Reservisten sicher, die sonst als Postler ihrer Arbeit nachgehen. Sie wissen nur zu gut, wie sehr sich die Empfänger über die Grüße aus der Heimat freuen. Die Kameraden von der Bundeswehr-Feldpost haben inzwischen ihre Zelte in vielen Ländern aufgeschlagen. So in Mazedonien, Bosnien, im Kosovo, in Usbekistan, Georgien, im Kongo und in Afghanistan, wo die Sendungen nach Kabul, Masar-i Scharif, Kundus oder Faisabad transportiert wurden. Zudem hat man auch die Feldpostversorgung im Bereich der Marine gesichert. Hier gelangen die Briefe über die Flottillen an die einzelnen Einheiten im Operationsgebiet. Umgekehrt reist die Post mit Kurier zu den Flottillen und dann 411 12. Bundeswehr – international nach Deutschland. Auch hier beeindruckend: Die jeweiligen Stempel der Schiffe auf den Briefen. Ob Ganzsachen oder Sonderstempel – all das sind nicht nur persönliche Erinnerungen für die Soldaten der Bundeswehr in Kriegs- und Krisengebieten, sondern auch gefragte Belege für einen Sammler, der sich für die Armee im Einsatz interessiert. Denn auch im Zeitalter von E-Mails und SMS vertrauen junge Soldaten ihre Gedanken und Empfindungen für Verwandte, Freunde und Kameraden zu Hause gern der alten, zuverlässigen Briefpost an. Einen Zeitzeugen wie mich interessierten nach 1990 natürlich auch Motive von der Bundeswehr mit Erinnerungen an die wachsende Armee der Einheit und im Einsatz. Freundschaft und Zusammenarbeit mit Frankreich Unter dem Titel „Wege zur Freundschaft – 30 Jahre deutsch-französische Zusammenarbeit für Verteidigung und Sicherheit“ fand eine Sonderschau im Dresdner Militärhistorischen Museum starkes Interesse in der Öffentlichkeit. Jung und Alt aus dem Freistaat Sachsen, viele Besucher aus anderen Bundesländern sowie Touristen aus aller Welt machten sich mit der wechselvollen Geschichte der Beziehungen zwischen beiden Staaten vertraut. Anlass für die Jubiläums-Veranstaltung war der 30. Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrages am 22. Januar 1963, dessen deutsches Original gewissermaßen den „Hingucker“ unter allen 600 Exponaten bildete. Die Idee zu dieser Ausstellung stammte von Bundeskanzler Helmut Kohl und Staatspräsident François Mitterrand. Sie zeigte, dass nach den konfliktreichen Beziehungen seit den Befreiungs- und Weltkriegen eine historische Versöhnung unter beiden Völkern herangewachsen ist. Der symbolische Händedruck bei der Vertragsunterzeichnung in Paris zwischen Konrad Adenauer und Charles de Gaulle führte, so belegten es Wort- und Bilddokumente, zum solidarischen Miteinander. Eine Chronik verdeutlichte die Umsetzung des Vertrages auf dem Gebiet der Verteidigung und der Sicherheit. Dabei standen gemeinsame Rüstungsprojekte wie das Transportflugzeug TRANSALL, der Jagdbomber ALPHA JET und die Panzerabwehrlenkraketensysteme MILAN, HOT und ROLAND im Mittelpunkt. Auch der deutsch-französische Soldatenalltag, beispielsweise bei Übungen und Manövern wie „Kecker Spatz“ und „Colibri“ oder in der gleichnamigen Brigade, die nun in das EUROKORPS eingefügt ist, gaben den ostdeutschen Besuchern erstmalig Einblick in das erfolgreiche gemeinsame militärische Bündnis. Getreu ihrem Wahlspruch „Devoir d’excellence – Dem Besten verpflichtet“ ist die Brigade ein wichtiges Element der Reaktionsfähigkeit von EU und Nato. Uniformen, Waffen, Grafiken und Gemälde waren hier eben- 412 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten so Anziehungspunkte für aufmerksame Betrachter wie Auszeichnungen, Medaillen, Karten, Modelle und Fotos über die bilaterale Zusammenarbeit mit der Version eines vereinten Europas. Die durchgängig zweisprachige Ausstellung, nahezu identisch mit der gleichnamigen Exposition im Pariser Armeemuseum, war von den Verteidigungsministern beider Länder eröffnet worden. Bundesminister Volker Rühe bezeichnete dabei die Deutsch-Französische Zusammenarbeit als „Kern und Motor der europäischen Einigung. Inzwischen ist sie zu einer Erfolgsgeschichte geworden, ohne die Fortschritte für die Zukunft Europas kaum denkbar wären.“ Ziel sei eine gemeinsame europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik „unter Einschluss aller unserer europäischen Nachbarn und in vertrauensvoller Partnerschaft mit Nordamerika“. Amtskollege François Léotard würdigte besonders die Tatsache, dass das Vertragsjubiläum erstmalig im vereinten Deutschland begangen werden konnte, einem Land „mit großen geschichtlichen und kulturellen Traditionen“. Die Ausstellung bildete den Abschluss einer Reihe gemeinsamer deutsch-französischer Veranstaltungen im Jahr 1993. Dazu gehörten ein gemeinsamer Tagesbefehl beider Minister, gemeinsame Truppenbesuche bei der Deutsch- Französischen Brigade und beim Aufstellungsstab des Europäischen Korps, dessen Indienststellung in Strasburg sowie ein gemeinsames Militärmusikfest in Bremen. Genau zwei Wochen, nachdem Rühe seinen zweiten Amtssitz im Berliner Bendlerblock am 2. September 1993 eröffnet hatte, erlebte dieser Ort – in besonderem Maße Symbol von Licht und Schatten der deutschen Geschichte – einen weiteren Höhepunkt: Der Verteidigungsminister aus Frankreich wurde hier als erster ausländischer Gast empfangen. Auch für mich ein großes Erlebnis. 413 12. Bundeswehr – international Schon dieser Besuch an sich in der deutschen Hauptstadt war ein Ereignis von großer Bedeutung: Frankreich, das mit seiner Präsenz unter den Alliierten besonders während der Luftbrücke 1948–1949 für die Freiheit und Versorgung der Berliner gesorgt hatte und stets eng mit der Stadt verbunden war, ist ein treuer Verbündeter. Und so wurde diese Visite im Regierungssitz des vereinten Deutschlands zum Bekenntnis für weitere gute Zusammenarbeit. In diesem Sinne berieten beide Minister über neue gemeinsame Vorhaben. Sie erörterten die europäische Sicherheitspolitik und die aktuelle Lage in den Krisengebieten. Im Anschluss ehrte Léotard an der Seite von Rühe mit einem Kranz und stillem Gedenken im Innenhof des Bendlerblocks den deutschen militärischen Widerstand gegen das NS-Regime. Hier ist der Ort, wo Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, General der Infanterie Friedrich Olbricht, Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim und Oberleutnant Werner von Haeften nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler ermordet wurden. Bei diesem Zeremoniell zu später Stunde präsentierten Soldaten der Bundeswehr das Gewehr. Nach der Ehrung erklärte mir der Gast: „Ich fühle mich von einer großen Emotion ergriffen. Denn das ist ein wichtiger Ort der deutschen Geschichte. Er erinnert uns Franzosen daran, dass die ersten Opfer der Nazis eigentlich die Deutschen selbst gewesen sind. Die Franzosen müssen sich daran erinnern.“ Und so sei er froh, mit dem deutschen Verteidigungsminister an dieser Stelle zu sein, „um zu zeigen, dass wir den Willen haben, gemeinsam die Zukunft zu bilden und zu gestalten, und dass wir zusammen mit derselben Entschiedenheit eine Vergangenheit zurückweisen, die ganz Europa entehrt hat“. Er sei auch „sehr froh, in Berlin zu sein, in einer der ganz großen europäischen Städte“. Und es sei für Deutschland eine „gute Sache, dass sich hier seine Kultur zurückfindet und ein Teil seines Gedächtnisses“, meinte Léotard. Dazu Minister Rühe: „Also, ein Berlin-Fan, wie wir uns so manchen in Bonn wünschen.“ Internationale Luftwaffenchefs auf der ILA Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) wurde nach 64 Jahren Abwesenheit und ihrem „Umzug“ nach Berlin auch von Militärs aus Ost und West sowie aus neu- 414 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten tralen Ländern zum Meinungsaustausch über Fragen der Zusammenarbeit genutzt. Davon zeugte am Rande der ältesten Luftfahrtmesse der Welt, die 1909 in Frankfurt am Main ihre Premiere hatte, das Treffen der Luftwaffenchefs europäischer Streitkräfte. Diesmal folgten 13 Länder der Einladung von Generalleutnant Jörg Kuebart, Inspekteur der Bundesluftwaffe, in die deutsche Hauptstadt. Sie leisteten nach seinen Worten einen „wirksamen Beitrag zur Verständigung“. Vertreten waren Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Italien, Niederlande, Österreich, Schweden, Schweiz, Spanien, Tschechien, Russland und Ungarn. Wie schon bei der Zusammenkunft 1992 in Berlin hatten die Generale und Kommandeure wieder ein zweigeteiltes Programm: Einmal den theoretischen Teil mit einem Vortrag über die deutsche Luft- und Raumfahrtindustrie und Ausführungen der Gastgeber zum Ausrüstungsstand der eigenen Luftwaffe. Dabei nutzten die Militärs, so die finnischen und tschechischen Generalmajore Heikki Nikunen und Pavel Strubl, die Gelegenheit zu bilateralen Gesprächen. Daran schloss sich die „Praxis“ an: Ein Rundgang über die rund 23 000 Quadratmeter gro- ße Ausstellungsfläche, wo über 200 Flugzeuge und Hubschrauber aller Größen und Kategorien zu sehen waren. Das besondere Interesse galt der Ausstellung der Bundeswehr in Halle B und dem militärischen Fluggerät aus aller Welt. Für die Piloten, die hier jedermann Rede und Antwort standen, eine „Sternstunde“ – keiner hatte zuvor so vielen Luftwaffen- Generalen „seinen“ Jet erläutern dürfen. Das traf auf die russischen Piloten des Abfangjägers Su-27 ebenso zu wie auf die Besatzungen des modernsten US-Kampfhubschraubers Apache oder des spanischen Mehrzwecktransporters CASA CN-252, bestens für humanitäre Zwecke geeignet. Über dessen Leistungen ließ sich der österreichische Divisionär Othmar Pabisch ausführlich informieren. Und als dann Militärflieger ihren Manöverkunstflug vollendet darboten, ließen die „Chefs“ zahlloser Fliegerverbände kein Auge vom Geschehen. Sie zollten allen Piloten, die an diesem Tag an den Verführungen beteiligt waren, ihre Hochachtung – für eine eindrucksvolle Show mit Figuren wie Loopings, Turns und Trudeln sowie andere atemberaubende Flugmanöver. Als dieser inoffizielle „Tag der Luftwaffe“ vorüber war, zog General Kuebart in einem Gespräch mit mir eine erfolgreiche Bilanz des Treffens, das man unter heutigen Bedingungen „nicht hoch genug bewerten kann“. So ging es auch „um Kooperation im Rüstungsbereich“, um mit Russen, Tschechen und Ungarn Wartungsarbeiten für die MiG-29 zu konzentrieren. „Die Gespräche sind bisher recht viel versprechend, zumal es wenig Sinn macht, wenn jedes Land mit Maschinen eine eigene Wartungskapazität dafür aufbaut.“ So könnten Wartungsarbeiten im Bereich der Elbe-Flugzeugwerke in Dresden konzentriert werden. Er nannte die Tatsache, dass Luftwaffengenerale aus den einst gegnerischen Lagern heute fast selbstverständlich in Maschinen der neuen Partner einsteigen und fliegen, „die ersten Schritte zur Vertrauensbildung. Ob es darüber hinaus Möglichkeiten gemeinsamer Aus- 415 12. Bundeswehr – international bildung der Luftwaffen gibt, das wird sich zeigen.“ In diese Annäherung füge sich auch ein, dass jetzt bei der Verabschiedung eines normalen Offizierslehrgangs in Fürstenfeldbruck zum ersten Mal zwei ungarische Absolventen sind. Ein Tscheche und ein Pole würden nun ihr Studium an den Bundeswehr-Universitäten aufnehmen. Eine „gemeinsame Fliegerschule“ sei aber derzeit „noch Zukunftsmusik“. Auf die Entwicklung der Bundesluftwaffe in den neuen Ländern angesprochen, entgegnete mir der Inspekteur, dass es heute – fast vier Jahre seit der deutschen Einheit – „keinen Unterschied“ in den Verbänden und Einheiten zwischen Ost- und Westdeutschen im Dienst mehr gibt. Mit den ehemaligen Angehörigen der Nationalen Volksarmee in der Luftwaffe, von denen einige auf der ILA anwesend waren, „haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir können uns überhaupt nicht beklagen. Die Entscheidung war richtig.“ Sanitäter mit Gefechtshelm im Auslandseinsatz Beim Aufbau der Bundeswehr als eine „Armee der Einheit“ nach der „Armee im Kalten Krieg“ veränderten sich wesentlich die Aufgaben des Sanitätsdienstes. Stand seit Gründung der westdeutschen Streitkräfte 1955 eine Realversorgung der Soldaten aller Truppengattungen und Organisationsbereiche im Vordergrund, so ging es dabei in den Standorten bei einer Erkrankung, einem Unfall oder einer Verwundung um die medizinische Versorgung. Diese entsprach dem fachlichen deutschen Standard. Im Sanitätsdienst sind Ärzte, Apotheker, Tierärzte sowie Sanitäter und Krankenpfleger tätig. Mit den Einsatzszenarien in den Anfangsjahren des internationalen Engagements der Bundeswehr wurde auch der Sanitätsdienst immer mehr gefordert. Zuerst war er in humanitäre Hilfsaktionen eingebunden und nahm gegenüber anderen „Waffengattungen“ eine Vorreiterrolle ein. Das begann mit der Erdbebenhilfe 1960 in Agadir (Marokko) und setzte sich mit Erdbebenhilfen 1976 in der Türkei, 1980/81 in Süditalien und 1990 im Iran fort. Es folgte 1991 die „Operation Kurdenhilfe“ nach dem irakisch-iranischen Krieg. Nach der Wiedervereinigung und der vollen staatlichen Souveränität definierte Deutschland seine Rolle in der internationalen Staatengemeinschaft neu. Besonders in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik. So erwarteten die Nato-Verbündeten und die Vereinten Nationen von der Bundesrepublik mehr internationale Verantwortung und Verpflichtungen. Während des Ost-West-Konflikts standen die Bündnis- und Landesverteidigung im Mittelpunkt, auch der Schutz der territorialen Integrität der Bundesrepublik. Nun mussten die Erfordernisse internationaler Konfliktverhütung und Krisenbewältigung ins Kalkül der deutschen Sicherheitsinteressen gezogen werden. Sowohl bei den Bündnisverpflichtungen als auch bei der internationalen Friedenssicherung bildete der Sanitätsdienst einen „Aktivposten“ der Bundeswehr an internationalen Einsätzen. Verbindlich für das Handeln waren die „Maxime der sanitätsdienstlichen Auftragserfüllung“, seit 1995 gültig. Sie garantierten erkrankten, verunfallten oder verletzten Soldaten eine medizinische Behandlung, „die im Ergebnis dem Standard in Deutschland entspricht“. 416 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Generaloberstabsarzt Dr. Jürgen Blätzinger, Befehlshaber des Sanitätsführungskommandos, kennzeichnete in der Fachzeitschrift „Wehrmedizin und Wehrpharmazie“ die Entwicklung vom ersten Blauhelmeinsatz „UNTAC“ in Kambodscha 1992/93 bis zum ISAF- Einsatz mit den Worten: „Vom UN-Blauhelm zum Gefechtshelm Flecktarn“. Der Aufbau und Betrieb eines Feldlazaretts mit 60 Betten in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh leitete nach Unterstützung internationaler Militärmissionen wie 1990/91 bei der Minenabwehraktion „Operation Südflanke“ den ersten sanitätsdienstlichen Kontingenteinsatz der Bundeswehr im Rahmen einer UN-Friedensmission ein, der über die humanitäre Hilfe hinausging. Hier dominierten – so im Rückblick – humanitäre Ideale und das ärztliche Berufsethos unter dem Sanitätspersonal des Feldlazaretts. Der militärische Auftrag war am Anfang angesichts der ärztlichen Hilfe für die Bevölkerung in den Hintergrund getreten. Die Bilanz: Über 350 000 stationäre und mehr als 111 000 ambulante Behandlungen. Mit dem Einsatz in Afghanistan und der dortigen Bedrohungslage änderte sich das Verständnis. Das Sanitätspersonal wurde immer mehr in allgemeine militärische Aufgaben eingebunden. Nach Diskussionen über die Rolle des Sanitätsdienstes setzte der zuständige Inspekteur 2015 einen Erlass zum beruflichen Selbstverständnis mit dem Untertitel „Der Menschlichkeit verpflichtet!“ in Kraft. Seither hat sich der Sanitätsdienst der Bundeswehr beispielhaft entwickelt. Aufgrund seines qualifizierten Personals und seiner modernen materiellen Ausstattung war er gut für Auslandseinsätze „gerüstet“ – wie auf dem Balkan, in Afghanistan, Georgien, Kuwait. Auch mit modern ausgestatteten Feldlazaretten. So sind die Containereinrichtungen mit Zelten 417 12. Bundeswehr – international bestens geeignet, unter den klimatischen und hygienischen Bedingungen die Bundeswehr- Soldaten zu versorgen. „Die medikamentöse Versorgung ist exzellent, und das Material insgesamt, bis hin zum Transportpanzer Fuchs, ermöglicht uns überall auf der Welt, auch eine optimale qualifizierte Erstversorgung in beweglichen Ärztetrupps, zu denen in der Rettungsmedizin qualifizierte Sanitätsoffiziere gehören.“ Generaloberstabsarzt Dr. Wolfgang Bick, 2001 bis 2007 Befehlshaber Sanitätsführungskommando, gegenüber dem Deutschlandfunk. „Dass wir innerhalb der Nato Spitzenreiter sind, kann man mit Fug und Recht so feststellen.“ Im Juni 2000 entschied der Bundesverteidigungsminister, dass die sanitätsdienstlichen Mittel und Kräfte, die bisher auf Heer, Luftwaffe, Marine, Zentrale Militärische Dienststellen und Zentrale Sanitätsdienststellen der Bundeswehr verteilt waren, im Zentralen Sanitätsdienst der Bundeswehr mit 3 500 Soldaten zusammengeführt werden. Damit wurde mit dieser umfassenden Strukturreform der Sanitätsdienst als effektiver, leistungsfähiger und verlässlicher Dienstleister gleichberechtigt neben den Teilstreitkräften und Unterstützungsbereichen etabliert. Als Schwerpunkt dieser Maßnahme galt die Ausrichtung des Sanitätsdienstes auf seine Kernaufgabe – die hochwertige sanitätsdienstliche Versorgung im Einsatz. Damit liegt das Grundprinzip der neuen Sanitätsstruktur sowohl in der Zusammenfassung der Sanitätskräfte in einem Behandlungs- und Ausbildungsverbund unter einheitlicher Truppen- und fachdienstlicher Führung des Inspekteurs des Sanitätsdienstes als auch in der weitgehenden Integration des Bundeswehr-Sanitätsdienstes in das deutsche Gesundheitsversorgungssystem. So wird der Zentrale Sanitätsdienst die medizinische Betreuung der Soldaten im In- und Ausland umfassend gewährleisten, hieß es. Für die klinische Versorgung im Einsatzland stehen zwei verlegbare Lazarette zur Verfügung. Diese sind den Bundeswehrkrankenhäusern Ulm und Koblenz zugeordnet. Um die Angehörigen des Sanitätsdienstes auf das Dienen in einer modernen Einsatzarmee vorzubereiten, werden sie in ihrer Ausbildung auch mit dessen historischen Wurzeln, berufsständigen Entwicklungslinien und Erfahrungen aus der Geschichte vertraut gemacht. Dazu gehört die Identifikation stiftende Kraft von Traditionen als Beitrag zur politischhistorischen Bildung. So wurde in der Sanitätsakademie das Auditorium Maximum nach dem mit seiner Schwester Sophie vom „Volksgerichtshof “ zum Tod verurteilten Widerstandskämpfer Hans Scholl (1918–1943) benannt. Der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ gegen das NS-Regime gehörten überwiegend Münchner Medizinstudenten an, die als Sanitätssoldaten in der Wehrmacht dienten. Sie setzten auf der Basis ihres christlich und humanistisch geprägten Gewissens ihr Leben im offenen Widerspruch gegen das Gewaltregime aufs Spiel. Die Bundesrepublik war 1994 erstmals Gastgeber des Internationalen Kongresses für Wehrmedizin. In Augsburg berieten etwa 1 000 Teilnehmer aus mehr als 90 Mitgliedsstaaten des Comit International de Medicin Militaire (CIMM) auch über den Sanitätsdienst bei 418 Heinze: Bundeswehr beeindruckt Deutschlands Osten Blauhelmeinsätzen. Die Kongressleitung hatte Generaloberstabsarzt Dr. Gunter Desch, Inspekteur des Sanitäts- und Gesundheitswesens. „Im Vordergrund stand der Austausch wissenschaftlicher Informationen und Erfahrungen in verschiedenen Teilgebieten der Medizin, insbesondere natürlich der Wehrmedizin. Aber auch rechtliche Aspekte wurden behandelt.“ Wie er weiter mitteilte, sollen „die medizinische Hilfe für die Opfer von Kriegshandlungen verbessert und die Möglichkeiten einer engeren bi- und multinationalen Kooperation der Sanitätsdienste untereinander ausgelotet werden“. Dies alles könne nur auf der Grundlage einer internationalen, stabilen Vertrauensbasis zwischen den Sanitätschefs der Mitgliedsstaaten geschehen. Eine solche Basis sei derzeit in hohem Maße gegeben. Zentraler Auftrag ist es, die Gesundheit der Soldatinnen und Soldaten zu schützen.

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References

Abstract

With the end of the GDR and Germany's unification three decades ago the National People's Army also stopped being a force. A part of their soldiers now served under the banner of their former opponent. On the "Retreat" from the Cold War between East and West mastered the Bundeswehr this human and military mission: the army of unity became

to the army of all Germans. Never before has the military peacefully achieved so much!

The accession area became a pilot for the new army structure. A smaller air force secured the airspace. For the German Seenation went the course change towards "unlimited horizon". In the Bundeswehr were Scharnhorst visions, whose tomb on the Invalidenfriedhof in Berlin again shines in the old glory, reality – army as alive part of a state, soldier service an honor service. The new armed forces took Europe's commitment to peace and democracy, too international

responsibility for peacekeeping operations. and conflict resolution.

Zusammenfassung

Mit dem Ende der DDR und Deutschlands Wiedervereinigung vor drei Jahrzehnten hörte auch die Nationale Volksarmee auf, eine Streitmacht zu sein. Ein Teil ihrer Soldaten diente nun unter der Fahne des einstigen Gegners. Auf dem „Rückzug“ vom Kalten Krieg zwischen Ost und West meisterte die Bundeswehr diese menschliche und militärische Mission mit Bravour: Die Armee der Einheit wurde zur Armee aller Deutschen. Nie zuvor hat Militär friedlich so viel erreicht. Das Beitrittsgebiet bekam Pilotcharakter für die neue Heeresstruktur. Eine kleinere Luftwaffe sicherte den Luftraum mit Air Policing und Flugabwehr. Trotz Schlankheitskur ging der Kurswechsel für die deutsche Seenation mit dem Welthandel in Richtung „unbegrenzter Horizont“. In der Bundeswehr wurden Scharnhorst-Visionen, dessen Grabmal auf dem Berliner Invalidenfriedhof wieder in altem Glanz erstrahlt, Realität: Armee als lebendiger Teil eines Staates, Soldatendienst ein Ehrendienst. Peter Heinze widmete sich seit dem Tag der Deutschen Einheit besonders der Bundeswehr im Beitrittsgebiet. Mit dem Ende des Kalten Krieges verfolgte der ostdeutsche Journalist den Abzug russischer Truppen als größte Militärbewegung im Nachkriegseuropa und die internationale Abrüstung unter der Devise „Vertrauen gegen Vertrauen“. Der vorliegende Band versammelt seine Erfahrungen und Erkenntnisse der letzten 30 Jahre und bietet so einen ebenso fundierten wie persönlichen Überblick über die Wiedervereinigung in der nun gesamtdeutschen Armee.